12

»Herr Beier hat ein umfassendes Geständnis abgelegt«, sagte Romy lapidar. »Ich empfehle Ihnen das Gleiche.«

Steffen Brandt grinste. »Na klar.«

»Ich meine es ernst. Er hat uns sehr genau beschrieben, warum und wie die Geschichte ins Rollen gekommen ist und Sie sich gemeinsam in Sassnitz ausgetobt haben.«

Brandt verschränkte die Arme vor der Brust. Romy blickte auf seine Handgelenke. Es sah aus, als ob das Schlangen-Tattoo zum Leben erwacht wäre.

»Der Trick ist wahrscheinlich so alt wie die Kriminalgeschichte«, meinte er lässig. »Glauben Sie allen Ernstes, dass ich darauf hereinfalle?«

»Nö. Glaube ich nicht, deswegen können Sie davon ausgehen, dass ich es ernst meine. Ich hab nur keine Lust, alles zu wiederholen, und die Aufnahme der Vernehmung mit Tim ist schon in der weiteren Bearbeitung«, sagte Romy und gähnte unterdrückt. Sie war erschöpft und der üppige Imbiss lag ihr schwer im Magen. »Außerdem möchte ich Ihnen Gelegenheit geben, uns entgegenzukommen – Sie wissen schon: Einsicht und Offenheit wirken sich strafmildernd aus. Ein alter Hut, auf den ich aber immer wieder gern zurückkomme.«

»Ich hätte Sie für einfallsreicher gehalten.«

Romy beugte sich mit einer plötzlichen Bewegung über den Tisch zu Brandt vor und war zufrieden, dass der wenigstens zusammenzuckte.

»Sie haben ihn fertiggemacht, Brandt«, erklärte sie scharf und laut. »In einer gemeinsamen Prügelaktion, nachdem Sie Tim am Samstagmorgen mit der Nachricht aus dem Bett geklingelt hatten, dass Richardt hinter der Fischfabrik in einem Gebäude verschwunden ist. Sie haben ihn gemeinsam so lange verdroschen, bis er ausgepackt und Mirjams Entführung zugegeben hatte – samt einiger unerfreulicher Details, die Tim an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht haben dürften.«

Brandt biss sich auf die Unterlippe und ließ die Arme sinken.

»Anschließend haben Sie ihn gefesselt und geknebelt zurückgelassen. Am Sonntagabend haben Sie dann auf Tims Geheiß hin die Polizei angerufen. Noch mehr Einzelheiten?«

Er hob das Kinn. »Na schön, wenn Sie schon alles wissen, kann ich wieder gehen, oder? Fürs Verprügeln kommt man …«

»Durchaus in den Knast«, fiel Romy ihm energisch ins Wort. »Außerdem geht es für Sie um mehr, um deutlich mehr.«

»Ja?«

»Ich gehe davon aus, dass Sie am Sonntagmorgen – sehr früh am Sonntagmorgen, damit Ihr Alibi noch greift – erneut nach Sassnitz gefahren sind, um kurzen Prozess mit Richardt zu machen.«

Steffen Brandt schüttelte empört den Kopf. »Habe ich nicht. Warum sollte ich das tun? Der hatte sein Fett weg, davon dürfen Sie ausgehen, und Tim wollte, dass die Polizei ihn in die Mangel nimmt, damit er endlich zur Verantwortung gezogen wird.«

»Den Teil der Geschichte kennen wir auch schon. Sie haben es für Tim getan«, entgegnete Romy ruhig. »Richardt hat der damaligen Freundin Ihres besten Freundes, die übrigens ein Opfer unter mehreren war, Scheußlichkeiten angetan, die sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen wird, genauso wenig wie Tim, und damit auch die Beziehung der beiden zerstört – das dürfte Ihnen klargeworden sein.«

»Darauf können Sie wetten. Trotzdem …«

»Kaum etwas wünschte Tim sich mehr, als dass der Mann endgültig von der Bildfläche verschwinden würde und nie wieder jemandem gefährlich werden konnte«, fiel die Kommissarin ihm ins Wort. »Er hat es aber nicht fertiggekriegt, den letzten Schritt zu machen und selbst Hand anzulegen. Das haben Sie ihm abgenommen – als Freundschaftsdienst sozusagen. Ich halte das für eine sehr plausible Annahme.«

»Die Sie nicht beweisen können«, sagte Brandt. »Weil sie nicht stimmt. Ich bin kein Mörder …«

Er senkte den Kopf und blickte auf seine Hände. Plötzlich hob er ihn wieder und sah Romy direkt in die Augen. »Haben Sie eigentlich Vorurteile gegen Leute wie mich?«

»Wie bitte?«

»Ich bin nicht der gewissenlose Mörder, für den Sie mich halten, auch wenn meine Akte nicht ganz sauber ist und ich meinen Körper durchaus einzusetzen verstehe«, sagte er ruhig. »Ich bin noch nicht mal ein gewissenloser Schläger, wenn Sie es ganz genau wissen wollen.«

»Nein? Der Mann hat aber mächtig was abgekriegt – auch ohne den tödlichen Schlag. Das wird Ihnen der Rechtsmediziner gerne bestätigen.«

»Wir haben ihn zum Reden gebracht, und das war gar nicht so einfach, so oder so nicht … Aber, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Mann zu töten, ist etwas ganz anderes und nicht mein Ding – selbst wenn der das mit Sicherheit verdient hatte«, erklärte Brandt mit fester Stimme.

»Wie können Sie sicher sein, dass er keinen Blödsinn erzählte?«, ergriff Kasper unvermutet das Wort. »Wer so geprügelt wird, gibt irgendwann alles zu und erfindet möglicherweise sogar wilde Geschichten, nur damit die Quälerei aufhört.«

Brandt schüttelte sofort den Kopf. »Ich bin sicher, dass er die Wahrheit gesagt hat, nachdem ihm klargeworden war, dass wir es verdammt ernst meinten. Und was er gebeichtet hat, war wirklich übel. Jeden Tag hat er die Frau vergewaltigt und geschlagen und anschließend gewaschen …«

»Er hat sie gewaschen?«, fragte Romy verblüfft.

»Ja. Der Typ war völlig durchgeknallt. Als er kaum noch stehen konnte, schrie er plötzlich nach seinem Bruder und schwor, dass seine Mutter in der Hölle schmoren würde für das, was sie dem Kleinen angetan hatte. Vergesst nicht, sie anzurufen, sagte er noch, bevor er umfiel. Das war ein echter Psycho.«

Romy atmete tief ein. Brandt nickte ihr zu, als würde er ihre Reaktion gut nachvollziehen können.

»Hat er Ihnen bezüglich Mirjam noch weitere Einzelheiten verraten?«

Er schüttelte rasch den Kopf. »Das war nicht nötig. Tim ist auch so schon ausgerastet. Ich war froh, als es … vorbei war.« Er räusperte sich und wirkte einen Moment merkwürdigerweise verlegen.

»Ich war nicht scharf darauf, noch mal in den Keller hinabzusteigen«, ergänzte Brandt. »Und so schnell werde ich den ganzen Scheiß nicht vergessen, das können Sie mir glauben.«

Ja, dachte Romy, das glaube ich dir, und mir geht es ganz ähnlich.

»Hat er Ihnen den Keller gezeigt, in dem er seine Opfer gefangen hielt?«, fragte die Kommissarin schließlich und gab Schneider ein Zeichen, worauf der erneut das Video abspielte.

»Nein.« Brandt bestätigte Beiers Worte, während er sich die Bilder ansah. »Wir waren nur in dem vorderen Keller.«

Romy sah ihn lange grübelnd an, er gab den Blick unaufgeregt zurück. Der Mann war überzeugend, aber im Moment ihr Hauptverdächtiger.

»Ich kann Sie nicht gehen lassen«, erklärte sie ruhig. »Zurzeit ist Ihr Alibi ein echter Wackelkandidat, während Tim nachweislich in Berlin gewesen ist. Möchten Sie einen Anwalt hinzuziehen?«

Brandt schüttelte den Kopf. »Ich war es nicht.«

 

Mirjam hatte die Unterbrechung genutzt, um ihren Mann anzurufen, der umgehend nach Bergen aufgebrochen war und nun neben seiner Frau auf der Wache saß. Als Romy um die Ecke bog, stand er sofort auf, während Mirjam nach einem flüchtigen Blickkontakt wortlos sitzen blieb.

»Frau Kommissarin, ist das denn wirklich nötig?«, fragte er, und in seiner Stimme schwang Anspannung und Sorge.

»Herr Lupak, ich versichere Ihnen, dass es sogar immens wichtig ist, mit Ihrer Frau zu sprechen und dass wir die Befragung so rücksichtsvoll wie nur irgend möglich gestalten.«

Ben Lupak war groß und blond, er trug einen gutsitzenden Anzug und hatte ein sympathisches, offenes Gesicht. Ein Mann, den Romy sich sowohl als Bankangestellten wie Versicherungsvertreter oder Dozenten vorstellen konnte. Nicht ihr Typ, aber das musste gar nichts heißen.

Er blickte Mirjam an. »Schatz, du hast es gehört. Ich denke, die Kommissarin weiß, was sie tut.«

»Das hoffe ich«, erwiderte Mirjam, ohne den Sarkasmus in ihrer Stimme zu vertuschen. Sie stand langsam auf.

Ihr Mann strich ihr über die Schulter. »Ich warte hier auf dich.«

Wenig später saßen sie sich erneut im Vernehmungsraum gegenüber. Kasper trat nach ihnen ein und verteilte Kaffee. Mirjam rührte ihre Tasse nicht an. Romy trank einige Schlucke und fasste dann die Vernehmungen mit Brandt und Beier sowie dessen Geständnis in seinen Kernpunkten zusammen.

Mirjam reagierte erstaunlich gelassen. Ich sage ihr nichts Neues, stellte Romy fest oder es überrascht sie nicht sonderlich, wie aktiv Tim geworden ist. Wahrscheinlich befürchtet sie seit Montagmorgen, dass er Richardts Mörder ist oder zumindest etwas mit seinem Tod zu tun hat, und fragt sich, wie groß ihr Anteil an der Verantwortung ist, wenn man ihn schnappt. Wenn es ihre Art ist zu beten, dann bittet sie Gott jeden Tag, dass man ihm nichts nachweisen kann.

»Wir wissen im Moment noch nicht, wer Richardt getötet hat, aber unsere These, dass seine Verbrechen hinter dem Mord an ihm stecken, hat sich bestätigt. Oder besser gesagt: die Annahme, dass er diese Verbrechen begangen hat, war das Motiv zum Mord an Kai Richardt.«

Mirjam nickte unmerklich.

»Wir können die Aufklärung der Verbrechen an Ihnen und anderen Frauen entscheidende Schritte voranbringen, wenn Sie offen und vertrauensvoll mit uns sprechen«, ergänzte Romy. »Sie sind absolut davon überzeugt, dass er es war?«

»Ja.«

»Er war maskiert, und er hat Sie am späten Abend hinter Ihrem Auto überfallen. Sie konnten ihn nicht sehen, wie ich dem alten Protokoll in der Akte entnehme. Er hat Sie betäubt, und als Sie aufwachten …«

»Seine Stimme«, fiel Mirjam ihr leise ins Wort und schloss kurz die Augen. »Wenn man über mehrere Tage nur mit einem Menschen zu tun hat, dessen Gesicht man nicht erkennen kann, konzentriert man sich ganz und gar auf seine Stimme. Sie hat an jenem Abend in Vaschwitz einen Nerv in mir getroffen, wie ihn nur diese Stimme treffen konnte. Dafür lege ich beide Hände ins Feuer.«

Romy bemerkte, dass Mirjam zitterte. »Wissen Sie noch, was Sie am Tag der Entführung für Kleidung trugen?«

Verblüffung spiegelte sich in ihrem Gesicht. »Warum ist das wichtig?«

»Versuchen Sie sich zu erinnern – bitte.«

»Ich kam vom Sport, es war ein ziemlich kühler Abend. Jeans und Anorak, feste Halbschuhe, Sweatshirt …«

»Socken? Erinnern Sie sich vielleicht an Ihre Socken?« Romy befürchtete, dass Mirjam ihr einen Vogel zeigen würde, aber zu ihrer großen Überraschung nickte sie sofort. »Ja.«

»Ach?«

»Ich hatte mir in der Mittagspause neue Socken besorgt, weil mir ein Hund in der Praxis auf die Füße gekotzt hatte«, erwiderte sie. »Es gibt Dinge, die vergisst man einfach nicht, auch wenn sie noch so absurd sind.« Sie schüttelte verdutzt den Kopf.

»Sie werden es nicht glauben, aber als ich an dem Morgen nackt an der Autobahnraststätte aufgewacht bin, hatte ich den irrwitzigen Gedanken, dass dieses Schwein nicht nur alles in mir abgetötet, sondern sogar meine neuen Socken geklaut hatte. Völlig verrückt, oder? Ich mochte sie: blaue Kringelsocken mit einem Herz auf der Ferse.«

Romy griff in die Tüte, die Kasper ihr wortlos gereicht hatte. Die Farben waren verblasst, die Wolle löchrig, aber als sie Mirjam die Socke mit der Ferse nach oben reichte, wurde ein winziges Herz sichtbar.

»Wo haben Sie die gefunden?«, fragte Mirjam Lupak mit zarter, kindlicher Stimme, die Romy ins Herz schnitt. Sie barg die Socke in den Händen.

»In demselben Gebäude hinter der Fischfabrik im Hafen, in dem man Richardt fand und das Skelett einer Frauenleiche. Im Keller.«

Mirjam starrte sie an.

»Er hatte sich oben eine Werkstatt und unten einen gut versteckten Kellerraum eingerichtet.«

»Ich werde dort nicht hingehen«, sagte Mirjam.

»Nein«, entgegnete Romy sofort. »Mein Kollege hat den Raum gefilmt. Sie bräuchten keine Minute, um ihn zu identifizieren. Ich weiß, dass ich viel verlange …«

Mirjam legte eine Hand über ihren Mund, mit der anderen hielt sie die Socke fest. Kasper drehte den Monitor herum und ließ das Video vorspulen. Als die Kamera den geräumigen Keller erfasste und abzutasten begann, zuckte sie zusammen, und ihr Gesicht versteinerte.

»Zählen Sie von eins bis zehn und wieder rückwärts«, befahl Romy. »Und atmen Sie im Rhythmus der Zahlen.«

Mirjam starrte sie verdutzt an. »Kennen Sie dieses Abzählspiel auch, wenn die Angst einen zu überwältigen droht?«

»Ich brauche es manchmal, damit die Trauer mich aus der Umklammerung lässt. Man kann auch bis zwanzig zählen oder bis hundert. Am besten funktioniert es, wenn man am Meer steht und die Wellen zählt.« Wie sie mit leisem Schmatzen unermüdlich über den Sand gleiten. Es gibt Dinge, die sich nie ändern, dazu gehört auch der Rhythmus des Meeres. Romy lächelte traurig und spürte Kaspers besorgten Seitenblick.

Mirjam atmete mehrmals gleichmäßig durch und sah wieder auf den Monitor. »Das ist der Keller. Aber das Regal stand auf der anderen Seite. Am Bett war ich meist gefesselt«, erklärte sie monoton und sehr schnell, fast hektisch. »Es passierte immer das Gleiche. Ich musste mit ihm spielen, als wäre ich ein kleines Kind. Das war fürchterlich, aber wenigstens machte er für die Zeit die Fesseln und die Augenbinde ab. Dann schlug und vergewaltigte er mich. Später wusch er mich … überall. Ich wusste, dass er irgendwie verrückt war, aber das Wissen machte es eher noch schlimmer. Ich war noch hilfloser. Er senkte seine Stimme immer ab – sie war scharf und unangenehm. Ich hatte das Gefühl, dass er ständig da war – viel häufiger, als es tatsächlich der Fall war. Dann bekam ich mit, dass er mich beobachtete. Mit einer Kamera …«

»Was?« Romy stockte der Atem. Das Stromkabel, schoss es ihr durch den Kopf.

»Auf dem Regal befand sich eine kleine Kamera – ich entdeckte sie nur, weil er sie am vorletzten Tag neu ausrichtete und meine Augenbinde sich verschoben hatte. Ich konnte einen flüchtigen Blick auf ihn erhaschen und bekam mit, was er machte, ohne dass er es bemerkte.«

»Davon stand nichts in der Akte«, bemerkte Romy.

»Natürlich nicht. Ich konnte kaum über die Geschehnisse sprechen. Und über die Kamera am allerwenigsten.«

»Sagen Sie mir, warum nicht?«

»Sie ist im Nachhinein der größte Alptraum gewesen: dass es Aufnahmen von mir gibt, ganze Filme, die er sich jeden Tag ansieht! Als würde der Schrecken ständig weitergehen, ohne dass ich irgendeinen Einfluss darauf nehmen konnte … Wissen Sie, er hat geschworen, dass er immer bei mir sein würde. So gesehen, stimmte das ja sogar. Erst jetzt hat alles ein Ende gefunden …« Sie brach ab und sah Romy an. »Finden Sie die Aufnahmen und zerstören Sie sie!«

Romy nickte langsam.

»Kann ich jetzt gehen?«

»Natürlich. Ich lasse Sie zu Ihrem Mann bringen …«

»Nicht nötig – so weit ist der Weg nicht.«

»Frau Lupak?«

»Ja?«

»Danke.«

Mirjam wusste offensichtlich nicht, was sie darauf sagen sollte, und ging schließlich wortlos aus dem Raum.

Kasper sah ihr eine Weile nach und packte dann den Laptop zur Seite. »Habe ich schon gesagt, dass das ein beschissener Fall ist?«

»Das kann man gar nicht oft genug betonen«, stimmte Romy ihm zu. »Mit dem Hinweis auf die Kamera kriegen wir einen Durchsuchungsbeschluss für das schicke Haus und sein Büro«, fügte sie hinzu und rieb sich die Stirn. »Fragt sich nur, ob uns der noch was nützt.«

»Denkst du, dass er eine Webcam installiert hatte?«

»Na klar oder eine hochwertige IP-Kamera – der Laptop war formatiert. Sag nicht, dass du darin keinen Zusammenhang siehst!«

»Nun …«

»Was?«

»Die Festplatte ist professionell gelöscht worden, und das traue ich Vera Richardt einfach nicht zu.«

»Vielleicht traust du ihr viel zu wenig zu.« Romy sah auf die Uhr. »Heute macht sich kein Richter mehr für uns lang, aber morgen früh stehen wir dort auf der Matte.«

 

Es war spät. Romy hatte Kasper und Fine nach Hause geschickt, nachdem der Antrag für den Durchsuchungsbeschluss nach Stralsund unterwegs war, und sich zu Max gesetzt. Sie war geschafft, aber so ruhelos, dass es gar keinen Zweck hatte, nach Hause zu fahren. Ihre Gedanken würden ohnehin weiter kreisen und ihr keine Minute Erholung gönnen, sondern stundenlanges Wälzen im Bett bescheren. Das war von Anfang an so gewesen. Mitten in einem Fall, noch dazu an prekären Schnittpunkten angelangt, war sie für nichts anderes zu gebrauchen. Fatal, hatte Moritz immer gesagt.

»Du musst dir Erholung verschaffen, eine geistige Auszeit, sonst fehlt dir nach wenigen Tagen die Frische und Klarheit, die du brauchst, um den Dingen auf den Grund zu gehen.«

Bislang schaffte sie es nicht, seinen Rat zu beherzigen. Vielleicht später, mit fünfzig oder sechzig. Vielleicht gab es dann jemanden, der sie nach Hause schickte und sich um den Rest kümmerte.

»Bist du noch fit?«, fragte sie Breder.

»Logisch.«

»Ich möchte, dass du Vera Richardt durchleuchtest, sobald die Aussagen der letzten Vernehmungen in deine Datenbank eingeflossen sind. Ich will alles von ihr wissen …«

Max blies die Wangen auf.

»Schule, Ausbildung, Jobs, Sozialkontakte – alles, was du ohne Nachfrage bei ihr schon heute findest, erleichtert mir morgen die weitere Arbeit. Nutz dazu bitte auch die üblichen sozialen Netzwerke: facebook, stayfriends und Co. Logg dich da ein und nimm die Spur auf. Und vergiss nicht, ihren Geburtsnamen zu berücksichtigen.«

»Denkst du wirklich, dass sie …?«

»Irgendwas ist da faul – das Gefühl habe ich allerdings schon bei der ersten Begegnung gehabt.«

»Hm. Sie telefoniert ein bisschen viel mit dem neuen Geschäftsführer«, sagte Breder. »Täglich ein- bis zweimal.«

Romy hob eine Braue. »Guter Hinweis. Andere Auffälligkeiten bei den Telefonverbindungen? Hat sie mal mit Lübeck gesprochen?«

Max vertiefte sich einen Moment in seine Datei und schüttelte dann vorsichtig den Kopf – damit die Haare nicht durcheinandergerieten, vermutete Romy.

»Die Schwiegereltern kommen erst heute Abend von ihrer Kreuzfahrt zurück«, informierte er die Kommissarin.

»Gut, dass du das erwähnst. Diese Geschichte mit dem toten Bruder lässt mir keine Ruhe. Wie alt war Kai Richardt, als er Lübeck verließ?«

»1990 war er Mitte zwanzig.«

»Und 1995 war Maria Bernburg sein erstes Opfer …« Sie brach ab.

»Soll ich meine Abfrage auf Lübeck ausweiten?«, fragte Max nach einer langen Pause, in der sie sich unverwandt ansahen.

»Nein«, entschied Romy. »Darum kümmere ich mich selbst. Bleib du bei Vera – die hat jetzt Vorrang –, und ich versuche mal, einen Kollegen in Lübeck zu erreichen. Vielleicht haben die in der Spätschicht gerade nichts zu tun und freuen sich über einen Anruf aus dem wilden Osten.«

 

Kommissar Hannes Beerwald von der Kripo Lübeck war ganz und gar nicht unglücklich über eine Sonderaufgabe. Seit seiner Knie -OP langweilte er sich zu Tode. Außeneinsätze kamen noch nicht infrage, und der alltägliche Bürokram ödete ihn nicht nur an, sondern beschäftigte ihn kaum zwei Stunden am Tag – wenn nichts Besonderes anlag. Und in Lübeck lag selten etwas Besonderes an.

Am schlimmsten waren die Spätdienste, in denen er einen Kaffee nach dem anderen trank und vom vielen Solitär-Spielen rechteckige Augen bekam. Den Vorschlag seines Chefs, er könne sich gerne mit Aufgaben im Bereich der Akten- und Datenpflege beschäftigen, überhörte er geflissentlich. Mit neunundvierzig Jahren fühlte er sich nicht mehr berufen, Praktikantenjobs zu übernehmen.

Der Anruf aus Bergen war ihm gerade recht gekommen, zumal die Schilderungen der leitenden Kommissarin so gar nicht nach einem gewöhnlichen Amtshilfeersuchen klangen.

Beerwald brauchte nicht allzu lange, um den ehemaligen Hotelier Martin Richardt und seine Frau Anna im Archivbestand des Polizeicomputers ausfindig zu machen. Das Ehepaar hatte von 1970 bis 1996 gemeinsam ein nobles Haus in der Altstadt geführt. In der Zeit waren sie zweimal aktenkundig geworden, wie Beerwald recherchierte.

Der erste Fall lag fast vierzig Jahre zurück. Im Mai 1972 hatte Dr. Robert Mathiesen, Kinderarzt im Lübecker Marien-Krankenhaus, Anzeige erstattet, nachdem der neunjährige Mark Richardt an einem Blinddarmdurchbruch gestorben war. Der Mediziner hatte den schweren Vorwurf erhoben, dass die Eltern ihre Aufsichts- und Sorgfaltspflicht grob vernachlässigt und die Beschwerden des Kindes nicht ernst genommen hätten, so dass der Junge keine Chance mehr gehabt hatte, als er endlich ins Krankenhaus gebracht worden war. Die Ermittlungen waren jedoch wieder eingestellt worden, da man den Eltern keine Absicht unterstellen konnte und das Ehepaar zuvor in keiner Weise auffällig geworden war.

Der zweite Fall war gänzlich anders gelagert und ließ Beerwald aufhorchen. Im Frühjahr 1990 hatte die Polizei nach der vermissten Lilly Arnold gefahndet. Die zweiundzwanzigjährige Schiffsstewardess hatte an einer Fortbildung teilgenommen und war während eines mehrtägigen Aufenthaltes in Richardts Hotel von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Bei der Durchsuchung ihres Zimmers konnten Blutspuren sichergestellt werden, doch weitere Hinweise fanden sich nicht im Hotel. Auch die Überprüfung der Gäste, des Personals und der Hotelinhaber sowie der anderen Fortbildungsteilnehmer brachte keinerlei Ergebnisse. Die Ermittlungen verliefen im Sande.

Falls ein Verbrechen stattgefunden hatte, war es dem Täter gelungen, Lilly Arnold in ihrem Zimmer zu überwältigen und unbemerkt aus dem Hotel zu schaffen. Bis heute fehlte jede Spur von der Frau.

Nach dem, was die Kollegin aus Bergen berichtet hatte, musste der Sohn des Hoteliers als möglicher Täter in Betracht gezogen werden, stellte Beerwald fest.

Er ging die einzelnen Protokolle der Befragungen durch und stellte fest, dass Kai Richardt seinerzeit mit seiner Umsiedelung nach Rügen beschäftigt gewesen war. Für den fraglichen Zeitpunkt konnte er überzeugende Alibis anführen – Geschäftstermine in Schwerin und Bergen. Niemand hatte einen Verdacht geschöpft. Wie es aussah, hatte man seine Angaben nur oberflächlich überprüft. Das war ganz offensichtlich ein Fehler gewesen.

Beerwald griff zum Telefon und berichtete Kommissarin Romy Beccare von seinen Recherchen. Die schwieg eine ganze Weile.

»Hab ich’s mir doch gedacht«, meinte sie schließlich. »Ungefähr alle fünf Jahre ist der Kerl aktiv geworden.«

»Scheußlicher Fall. Und keine einfache Ermittlungsarbeit nach all den Jahren, wenn ich das aus der Ferne richtig einschätze«, bemerkte Beerwald.

»Das schätzen Sie verdammt richtig ein. Gibt es eigentlich noch mehr Einzelheiten zum Tod des Bruders?«

»Wie meinen Sie das?«

»Hat der Arzt sich genauer geäußert?«, präzisierte Beccare ihre Frage.

»Nein – zumindest ist hier nichts vermerkt. Der Junge wurde viel zu spät ins Krankenhaus gebracht, so dass er nicht mehr zu retten war – so lautete seine Diagnose.«

»Wie alt war der behandelnde Arzt damals?«

»Knapp dreißig«, erwiderte Beerwald, nachdem er einen weiteren Blick in die Akte geworfen hatte. »Ich ahne, worauf Sie hinauswollen, Kollegin. Nur: Warum wollen Sie nach der langen Zeit derart ins Detail gehen?«

»Die Geschichte mit dem Tod des Bruders hat Kai Richardt nachhaltig beeinflusst«, erklärte die Kommissarin. »Irgendwas ist in dieser Familie fürchterlich schiefgelaufen. Ich muss in Kürze auch mit den Eltern Kontakt aufnehmen – die sind zurzeit nicht erreichbar –, und ich möchte wissen, was da vorgefallen ist, um die Hintergründe des Falls besser zu verstehen. Im Moment steht Richardt als widerliches Monster da, dessen Tod keinen rührt, der weiß, was er auf dem Kerbholz hat. Aber kaum jemand wird so geboren, so grausam und berechnend – nach meiner festen Überzeugung jedenfalls. Ich weiß, dass es dazu auch andere Meinungen und Forschungsansätze gibt, aber mir will das einfach nicht in den Kopf, verstehen Sie?«

Beerwald seufzte leise. Er schätzte, dass die Kollegin noch ziemlich jung war. »Die Hintergründe des Falls« waren nebensächlich, wenn er aufgeklärt war, zumindest gehörte es nicht zu den Hauptaufgaben der Ermittler, die Lebens- und Leidensgeschichte des Täters in allen Einzelheiten zu rekonstruieren. Dafür blieb ohnehin kaum Zeit, und außerdem war das der Job anderer Spezialisten: Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter …

»Viele Täter waren auch mal Opfer, Kollegin. Wie weit wollen Sie zurückgehen?«

»Solange ich auf jemanden treffe, den ich fragen kann, tue ich das. Vielleicht lerne ich etwas dabei. Und kann es weitergeben.«

Beerwald nickte. Sie war sehr jung. Vielleicht war ich auch mal so, überlegte er. Und vielleicht ist es gut, dass es immer eine nachwachsende Generation gibt, die alles sehr genau wissen will – selbst wenn die Ergebnisse schon auf dem Tisch liegen.

»Okay, Kollegin, ich versuche, diesen Arzt ausfindig zu machen. Wenn es auffällige Besonderheiten gab, wird er sich vielleicht erinnern.«

»Danke. Und was Lilly Arnold angeht: Überprüfen Sie doch mal, ob seinerzeit auch der Keller des Hotels durchsucht wurde – gründlich durchsucht. Der Mann war ausgesprochen findig darin, sein Gefängnis zu tarnen. Man sieht es nicht auf den ersten Blick.«

Beerwald runzelte die Stirn. »Gut. Sie hören von mir.«

»Sie können mich jederzeit anrufen.«

»Das dachte ich mir.«

Beerwald legte auf und erhob sich ächzend. Der Kaffeerest kochte bereits seit Stunden auf der Warmhalteplatte und erinnerte in Farbe, Geruch und Beschaffenheit an Teer. Wahrscheinlich würde er sogar ähnlich schmecken. Er goss sich dennoch eine Tasse ein, rührte drei Stückchen Zucker und viel Dosenmilch unter. Dann gab er Dr. Robert Mathiesen in seinen Computer ein.

Der Arzt praktizierte nicht mehr, lebte aber tatsächlich immer noch in Lübeck. Beerwald sah auf die Uhr: kurz nach zwanzig Uhr. Das war keine übliche Geschäftszeit mehr, aber ein Arzt war sicher an Kummer gewöhnt.

Dr. Mathiesen meldete sich nach dem dritten Klingelton. Seine Stimme klang so jung und schwungvoll, dass Beerwald davon überzeugt war, den Sohn am Apparat zu haben.

»Entschuldigen Sie bitte die späte Störung«, sagte er höflich. »Ist es trotzdem möglich, Dr. Robert Mathiesen zu sprechen.«

»Na klar – am Apparat.«

»Sind Sie der Robert Mathiesen, der als Kinderarzt im Marien-Krankenhaus tätig war?«, ergänzte Beerwald dezent erstaunt.

»Genau der bin ich. Mit wem spreche ich eigentlich?«

»Hauptkommissar Hannes Beerwald von der Lübecker Kripo. Es geht um die Aufklärung mehrerer schwerwiegender Verbrechen …«

»Um Gottes willen – was habe ich damit zu tun?« Das klang sehr erschrocken.

Beerwald schmunzelte. »Vielleicht haben Sie einen Hinweis für uns, der in die Ermittlungen einfließen könnte. Allerdings habe ich eine Frage zu einem Fall, der schon beinahe vierzig Jahre zurückliegt.«

»Das ist eine verdammt lange Zeit. Außerdem … Nun, um ehrlich zu sein, am Telefon …«

»Ich verstehe Ihre Vorsicht. Rufen Sie bei der Kripo an und lassen Sie sich zu mir durchstellen, um sicherzugehen.«

»Das Angebot würde ich gern annehmen, Kommissar Beerwald«, erwiderte Mathiesen. »Wir regen uns ständig über Datenklau und unerlaubte Weitergabe persönlicher Informationen auf, aber man darf sich doch nicht wundern, wenn man ohne Rückversicherung am Telefon über persönlichste oder brisante Dinge spricht.«

»Ich stimme Ihnen unbedingt zu und lege jetzt auf, damit Sie zurückrufen können.«

Eine Minute später war Dr. Mathiesen wieder am Apparat und entschuldigte sich noch einmal wortreich für sein Misstrauen, das Beerwald als gesunde Skepsis lobte, worauf beide einander versicherten, dass es schön war, einen Gleichgesinnten kennenzulernen.

»Ein vierzig Jahre zurückliegender Fall beschäftigt Sie also?«, griff Mathiesen den Gesprächsfaden schließlich wieder auf.

»Unter anderem. Vielleicht erinnern Sie sich ja an den Tod des neunjährigen Mark Richardt. Er starb an einem Blinddarmdurchbruch, und Sie haben damals Anzeige erstattet, weil Sie davon überzeugt waren, dass die Eltern …«

»Natürlich – die waren schuld! Der Junge starb bei mir auf dem Tisch«, ereiferte sich Mathiesen. »Das Kind muss mehrere Tage fürchterlich gelitten haben, und die Mutter erklärte mir lapidar, dass viele Kinder hin und wieder unter Bauchweh litten. Das hätte sie nicht so ernst genommen. Meistens hätte es genügt, dem Jungen einen Tee zu kochen und … ja, warten Sie mal: für umfassende Hygiene und Sauberkeit zu sorgen.«

»Merkwürdige Antwort«, meinte Beerwald. »Zumindest in dem Zusammenhang. Konnten Sie sich einen Reim darauf machen?«

»Das Kind war schon halbtot, aber penibel sauber«, antwortete der Arzt. »Wie gerade frisch gebadet … Das schien ihr wichtiger als alles andere zu sein. Wahrscheinlich hatte sie einen Waschzwang …« Er brach ab. »Die Geschichte hat mich damals ganz schön mitgenommen. Sie tut es heute noch, wie ich gerade merke. Ich weiß, dass bei der Überprüfung nichts herausgekommen ist, aber die Mutter war eine … unglaublich überhebliche und herrische Frau, und ich wollte einfach sichergehen, dass da nichts übersehen wird.«

»Ja, ich verstehe«, sagte Beerwald. »Vielen Dank für Ihren Hinweis.«

»Sagen Sie – worum geht es eigentlich?«, fragte Mathiesen. »Es interessiert mich natürlich, warum die Polizei nach fast vierzig Jahren diesen Fall noch einmal aufgreift.«

»Wie es aussieht, hat der jüngere Bruder des verstorbenen Jungen zeit seines Lebens unter dem tragischen Tod seines Bruders gelitten«, antwortete Beerwald diplomatisch.

»Das kann ich mir vorstellen. So was bleibt hängen. Dürfen Sie konkreter werden?«

»Eigentlich nicht, aber … Nun ja, der Mann lebt inzwischen nicht mehr«, entgegnete Beerwald. »Und die Polizei ermittelt zurzeit in mehreren schwerwiegenden Verbrechen an Frauen. Mehr darf ich Ihnen nicht sagen, und auch das müssen Sie unbedingt für sich behalten.«

»Ja, natürlich«, versicherte Dr. Mathiesen. Er klang beeindruckt.

»Danke noch mal. Vielleicht melden wir uns die Tage erneut bei Ihnen, Doktor.«

»Tun Sie das ruhig. Viel Erfolg bei den weiteren Ermittlungen.«

Beerwald legte auf und starrte ein paar Löcher in die Luft. Dann gab er sich einen Ruck und informierte die Kommissarin mit dem schönen südländischen Namen, die sich äußerst charmant für seine Bemühungen bedankte. So charmant, dass Beerwald nicht nur versprach, die Ergebnisse seiner Gespräche sowie die entsprechenden Aktenvermerke umgehend nach Bergen zu mailen, sondern noch ein weiteres Telefonat in Angriff nahm.

Zehn Minuten später hatte er Peter Roloff am Apparat. Roloff war seinerzeit als Einsatzleiter bei der Hoteldurchsuchung dabei gewesen und inzwischen pensioniert. Beerwald hatte im Dienst nicht häufig mit ihm zu tun gehabt, kannte den Kollegen aber vom Sport. Roloff war immer noch ein hervorragender Keeper – besser als er, und zwar nicht nur wegen der aktuellen Knieprobleme.

Als Beerwald sich meldete, ging Roloff davon aus, dass er als Torhüter einspringen sollte.

»Auf das Angebot kommt die Mannschaft sicher mal zurück«, erwiderte er. »Doch der Grund meines Anrufs ist was Offizielles.«

»Ich bin raus aus dem Job – schon vergessen?«, gab Roloff fröhlich zurück.

Er gehörte zu der Sorte Pensionäre, die im Ruhestand mehr zu tun hatten als vorher, und zwar nicht weil er nun hauptberuflich Enkel hütete oder Kaninchen züchtete. Soweit Beerwald informiert war, unterrichtete der Kollege an der Polizeischule und engagierte sich im Weißen Ring.

»Ganz und gar nicht. Aber wir haben eine Anfrage aus Rügen, zu der du eventuell was sagen könntest«, entgegnete Beerwald. »Geh mal zurück ins Jahr 1992 …«

»Guter Jahrgang. Damals sind mir die Mädels fast so häufig nachgelaufen wie heute.« Er lachte.

Roloff war kein Kostverächter – zeitweise hatte er unter den Kollegen den Spitznamen ›Mr. Teflon‹ verpasst bekommen, weil er nichts anbrennen ließ. Allerdings war Beerwald der Meinung, dass Roloff seine Wirkung auf Frauen maßlos überschätzte. Aber das musste er nicht gerade in diesem Augenblick mit ihm diskutieren.

»Hm, tja, wenn du es sagst … Erinnerst du dich noch an die Hotelsache Richardt? Eine junge Frau namens Lilly Arnold verschwand damals spurlos. In ihrem Hotelzimmer konnten Blutspuren gesichert werden, aber das war auch schon alles. Im Hotel fanden sich keinerlei weitere Hinweise auf die Frau – die übrigens bis heute nicht wieder aufgetaucht ist.«

»Ein altes, sehr schönes Hotel in der Innenstadt? Ja, warte mal, da klingelt was. Chefin war eigentlich die Alte«, erinnerte Roloff sich. »Unangenehme Frau, hatte Haare auf den Zähnen, während ihr Mann wie ein Mäuschen vor ihr gekuscht hat. Und? Was ist damit?«

»Es gibt Hinweise darauf – eigentlich sind es weit mehr als Hinweise –, dass der Sohn der Richardts, Kai, seinerzeit fünfundzwanzig, damit zu tun hatte. Erinnerst du dich an den?«

»Hm … ja, warte mal … Der hat sich doch damals gerade aufgemacht in den Osten. Sympathischer junger Mann … Sag bloß, der hat der Frau was getan? Kann ich mir gar nicht vorstellen«, wandte Roloff ein. »Außerdem standen die Alibis von dem wie eine Eins, das weiß ich jedenfalls noch.«

Beerwald warf einen Blick in die Akte. »Ein Jürgen Dreyer bestätigte, dass er mehrere Tage in Schwerin war, und Hinz Posall, Geschäftsführer im Richardt-Hotel, war mit ihm zusammen auf Rügen unterwegs …«

»Na bitte.«

»Wie dem auch sei. Die leitende Kommissarin aus Bergen ist gerade dabei, Kai Richardt, der übrigens kürzlich ermordet wurde, drei Entführungen nachzuweisen«, berichtete Beerwald. »Wie es aussieht, hat er die Frauen gefangen gehalten, vergewaltigt und nach ein, anderthalb Wochen wieder freigelassen – bis auf eine. Die wurde in der Gefangenschaft erschlagen. Eine zweite Frau hat sich nicht lange nach ihrer Freilassung das Leben genommen.«

»Da bin ich aber platt.«

Das passierte auch nicht allzu oft, überlegte Beerwald. »In dem Zusammenhang fragt die Kollegin an, ob seinerzeit der Keller des Hotels gründlich durchsucht wurde«, fuhr er fort. »Kai Richardt scheint ein Faible für Kellerverstecke gehabt zu haben, und er soll sehr geschickt darin gewesen sein, die Räume so zu tarnen, dass man sie nicht sofort als solche erkennt.«

»Steht denn in der Akte nichts?«

»Sonst würde ich ja nicht fragen.«

»Wir waren im Keller«, grübelte Roloff. »Aber eine gründliche Durchsuchung …? Ich fürchte, nein, und zwar aus dem einfachen Grund, weil nichts darauf hinwies, dass die Frau noch im Hotel gewesen sein könnte. Wir nahmen an, dass der Täter sie aus dem Haus geschafft hatte.«

»Verstehe.«

»Was willst du tun?«

»Gute Frage.«

Beerwald kaute auch nach dem Ende des Telefonats eine ganze Weile auf ihr herum.