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Die Seniorenresidenz verdiente diese Bezeichnung. Auf einer weitläufigen, parkähnlichen Anlage gruppierten sich in lockerer Anordnung neben einem imposanten Hauptgebäude kleinere Häuserzeilen, in denen vier bis sechs eigenständige Wohnungen untergebracht waren. Pavillons verteilten sich auf einer Wiese um einen Teich. Spaziergänger waren in Gruppen oder paarweise unterwegs. Gediegenes Ambiente für den Ruhestand – für die ganz dicken Geldbörsen.

Beerwald hatte das Gelände erst betreten dürfen, nachdem er sich ausgewiesen und sein Anliegen vorgebracht hatte. Die Leiterin der Einrichtung, eine Frau Ruth Frankental, wie an ihrem Revers zu lesen war, hatte ihm mit strenger Miene und in bestimmtem Ton erklärt, dass das Ehepaar Richardt erst am vergangenen Abend zurückgekehrt und dann über den Tod des Sohnes informiert worden sei.

»Bitte nehmen Sie Rücksicht. Die Herrschaften sind bereits achtzig Jahre alt und vertragen Aufregung nicht mehr so gut.«

»Ich werde mir Mühe geben«, erwiderte Beerwald höflich. »Aber die Polizei ermittelt im Zusammenhang mit einigen ausgesprochen üblen Verbrechen. Die Rücksprache mit den Eltern von Kai Richardt ist unbedingt erforderlich, sonst wäre ich nicht hier. Ich bitte Sie, darauf Rücksicht zu nehmen.«

Ruth Frankental spitzte pikiert die Lippen. Widerworte schien sie nicht zu mögen, und für einen Moment sah es so aus, als wollte sie eine Bemerkung machen, um sich dann zu entscheiden, den Hinweis unkommentiert stehen zu lassen.

»Bitte folgen Sie mir«, sagte sie mit einer gewissen Arroganz in der Stimme. »Die Richardts warten im kleinen Salon, wo sie gerade ein Gespräch mit einem Seelsorger hatten. Dort können Sie nun auch in Ruhe miteinander reden.«

Beerwald folgte ihr durch einen langen Flur, an dessen Wänden Porträts scheußlichster Machart hingen. Kein Porträtierter war jünger als siebzig, jeder hatte irgendeinen fundamental wichtigen Beitrag zum Gedeihen der Einrichtung geleistet, wie auf Hinweistafeln vermerkt war, alle glotzten hochmütig aus dem Goldrahmen auf den Betrachter herunter, und die hellste und freundlichste Farbe war ein ockerartiges Hellbraun.

An einer zweiflügeligen Tür blieb Ruth Frankental stehen, klopfte, drückte die Klinke herunter und ließ dem Kommissar den Vortritt.

»Ich lasse Sie nun allein.«

Zu gütig, dachte Beerwald und trat ein.

Martin Richardt saß in einem roten Ohrensessel am Fenster, doch Beerwald hätte ihn übersehen, wenn er nicht leise gehustet hätte. Der Mann verschwand in seinem Sessel – aber nicht, weil er klein und schmächtig war, sondern weil seine Frau danebenstand und sofort seine Aufmerksamkeit fesselte.

Der Lübecker Kommissar hatte Mühe, in die eisblauen Augen der hageren alten Dame mit den dünnen Lippen zu blicken.

»Frau Richardt, Herr Richardt, ich bin Kommissar bei der Lübecker Kripo«, stellte er sich schließlich vor. »Zunächst einmal möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen und …«

Sie machte eine rasche, wegwerfende Handbewegung, als scheuchte sie ein Insekt davon. »Was wollen Sie?« Die scharfe Stimme passte perfekt zu den Augen.

»Die Polizei hat im Zusammenhang mit dem Tod Ihres Sohnes die Ermittlungen aufgenommen«, erklärte Beerwald.

»Das wissen wir bereits.«

»Kai ist keines natürlichen Todes gestorben, wie zweifelsfrei feststeht. Wissen Sie das auch schon?«

»Ja, aber nicht im Einzelnen. Was ist passiert?«

Beerwald wandte den Blick von Anna Richardt ab und musterte ihren Gatten. Der gab den Blick nur müde zurück und hüstelte erneut.

»Er ist entführt und erschlagen worden.«

Sie zwinkerte, und ihre Unterlippe begann zu zittern. »Er hätte nicht nach drüben gehen sollen. Das habe ich immer wieder gesagt. Hier war doch alles für ihn bereit: Das Hotel hätte ihm ganz allein gehört, aber er wollte nicht und hat sogar noch unseren Geschäftsführer Hinz Posall mitgenommen.«

»Sie hatten ein sehr schönes Hotel in der Innenstadt.«

»Es war ein Schmuckstück.«

»Habe ich richtig recherchiert, dass Kai einen älteren Bruder hatte, der nicht mehr lebt?«, schob Beerwald beiläufig nach.

Martins Kopf ruckte herum, während Annas Gesichtszüge einfroren. »Was tut das hierbei zur Sache?«

»Das Kind ist unter tragischen Umständen ums Leben gekommen.«

Wenn Blicke töten könnten, dachte Beerwald, als Annas Augen sich zu schmalen Schlitzen zusammenzogen.

»Was tut das hierbei zur Sache?«, wiederholte sie.

»Vielleicht sehr viel, Frau Richardt. Kai hat sie all die Jahre immer wieder angerufen, nicht wahr?«

Die Frage verblüffte sie. Sie senkte kurz den Kopf, nickte schließlich. »Ja. Es erstaunt mich, dass Sie davon Kenntnis haben … Er hat mir die Schuld gegeben. All die Jahre. Dabei habe ich …« Sie schüttelte den Kopf.

»Ja?«

»Ich wüsste nicht, was Sie das anginge.«

»Der schreckliche Tod des Kindes hat Kai niemals losgelassen«, bemerkte Beerwald ruhig. »Was genau ist damals passiert?«

»Was soll denn passiert sein!«, ereiferte sich Anna Richardt plötzlich in messerscharfem Ton, so dass ihr Mann zusammenzuckte. »Mark hatte Bauchweh – wie so oft. Ich habe ihm Tee gekocht und ihn …«

»Gebadet?«

»Ja, genau«, sie nickte zufrieden und warf Beerwald einen anerkennenden Blick zu. »Sauberkeit und Hygiene sind wichtig, elementar wichtig: für Körper, Geist und Seele. Ein Bad ist viel mehr als eine Säuberung. Es geht um innere und äußere Reinigung, verstehen Sie?«

»Ich gebe mir Mühe.«

»Meine Söhne sind täglich gewaschen und gebadet worden.«

»Aber das hat in dem Fall nicht geholfen?«

»Nein. Es wurde schlimmer«, sagte sie. »Nach fünf Tagen sind wir ins Krankenhaus gefahren. Aber da war es zu spät.«

Sie starrte ihn an. »Die Polizei war damals hier und hat mich, hat uns dazu befragt.« Einen Moment lang hing sie ihren Erinnerungen nach. »Und was genau wollen Sie jetzt mit der alten Geschichte, noch dazu an einem so schrecklichen Tag?«

Fünf Tage hat das Kind gelitten, dachte Beerwald erschüttert. Er erinnerte sich an seine Blinddarmentzündung. Seine Eltern hatten ihn nach wenigen Stunden ins Krankenhaus gebracht. Er sah zur Seite und blickte Martin Richardt an, in dessen Augen der Schmerz immer deutlicher hervortrat.

Ist es wirklich meine Aufgabe, alte Geschichten hervorzuzerren, auf einen Zusammenhang zu verweisen, der nicht mal eindeutig, geschweige denn bewiesen war, und den alten Leuten ihren Seelenfrieden zu rauben?, fuhr es Beerwald durch den Kopf. Hätte der Sohn einen anderen Lebensweg eingeschlagen und wäre nicht zum Vergewaltiger und Mörder geworden, wenn seine Mutter liebevoller, weicher, aufmerksamer gewesen wäre? Und was hat Anna Richardt dazu getrieben, so zu werden, wie sie geworden war: zwanghaft, rücksichtslos und hart?

Schuld und Verantwortung. Solange man auf jemanden trifft, der Antworten geben könnte, sollte man auch Fragen stellen. Wer das Rad anhalten kann, muss es auch tun, und sei es nur für einen Augenblick. Beerwald, du wirst ganz schön melancholisch, dachte er verblüfft. So kannte er sich gar nicht.

»Erinnern Sie sich an Lilly Arnold?«, hob er plötzlich an.

»Noch so eine alte Geschichte«, kommentierte Anna Richardt empört. »Was wird das hier?«

»Lilly Arnold ist damals in Ihrem Hotel verschwunden«, fuhr Beerwald fort, ohne den Einwand zu beachten. »Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass Kai etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hatte.«

»Was erzählen Sie denn da für einen Unsinn?«

»Auf Rügen sind noch drei weitere Frauen seine Opfer geworden«, erklärte er in unverändert ruhigem Tonfall. »Die Ermittler gehen davon aus, dass Ihr Sohn im Zusammenhang mit diesen Gewaltverbrechen sein Leben verlor. Ich bin der Meinung, dass Sie das erfahren sollten.«

Einen Moment herrschte tiefstes Schweigen.

»Warum denken Sie das?«, fragte Anna dann mit klirrender Stimme.

»Weil nun niemand mehr an Marks Todestag anrufen wird.«

Die Antwort entbehrte der Logik, dachte er, aber als sie heraus war, hätte er sie auch nicht mehr zurücknehmen wollen. Sie gehörte hierher. Er ließ sie nachklingen, drehte sich um und verließ den Raum.

Als er das Gelände der Seniorenresidenz hinter sich gelassen hatte, spürte er, dass seine Hände zitterten. Gut, dass ich nicht mehr rauche, dachte er. Sonst würde ich mir jetzt zwei Zigaretten auf einmal anzünden.

Er fuhr zur Dienststelle, schrieb eine lange Mail an die Kommissarin mit der schönen Stimme und dem klangvollen Namen und spielte anschließend zwei Stunden Solitär.

 

»Wir waren zu Beginn unserer Ehe glücklich«, sagte Vera. »Sehr glücklich sogar.«

Romy, die das Verhör allein begonnen hatte, da Kasper noch unterwegs war, hatte den Eindruck, dass die Witwe ihr zum ersten Mal offen und gerade ins Gesicht sah.

»Kai war sehr charmant, hatte immer einen Scherz auf den Lippen, tausend Ideen und Energie für drei. Ich wollte diese Ehe, ich wollte Kinder, ich träumte von einem erfüllten Leben …«

»Aber so blieb es nicht?«

»Nein, so blieb es nicht«, stimmte Vera zu. »Er veränderte sich – mal ganz abrupt, von einem Tag zum anderen, dann wieder hatte ich das Gefühl eines schleichenden Prozesses. Und auf einmal war wieder alles ganz normal, über einen so langen Zeitraum, dass ich davon ausging, alles würde gut werden und ich hätte manches nur falsch bewertet … Er hatte Phasen, in denen seine Stimmungen an einem einzigen Tag auf und ab schaukelten, er wurde zunehmend unberechenbarer … und gewalttätig«, erzählte sie freimütig. »Er trieb Machtspiele mit mir, und ich hatte immer größere Angst vor ihm, ohne dass ich in der Lage gewesen wäre, die Konsequenzen zu ziehen.«

Das werde ich nie verstehen, dachte Romy. Mich würde ein Kerl nur ein einziges Mal schlagen, und er würde das schon zwei Sekunden später bereuen … Falsch, berichtigte sie sich. Ich würde mich immer wehren, und diese Nicht-Opfer-Haltung überträgt sich. Allein deswegen würde ich wahrscheinlich gar nicht in eine solche Situation geraten.

»Und die Kinder? Hat er ihnen je etwas getan?«

Vera schüttelte den Kopf. »Nein. Soweit ich das mitbekommen habe, hat er sie mal angeschrien, aber nie geschlagen. Er liebte die Kinder sehr.« Sie räusperte sich. »Wissen Sie, manchmal dachte ich sogar, ich würde spinnen: Nach außen hin war alles perfekt. Niemand konnte sich vorstellen, wie es manchmal bei uns zuging. Wahrscheinlich hätte mir ohnehin niemand geglaubt. Alle dachten, ich hätte den großen Glücksgriff getan und wir wären die perfekte Familie …«

»Und von Mirjam Lupaks Entführung 2005 haben Sie tatsächlich nichts bemerkt?«, fragte Romy.

»Nein. Im Nachhinein fällt einem natürlich dies oder jenes auf, aber damals …« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Sohn war noch klein, gerade ein Jahr alt. Kai war angespannt und sehr aufgeregt, das bemerkte ich schon, ja. Aber ich habe das auf seine Arbeit zurückgeführt. Und unterwegs war er grundsätzlich sehr viel.«

Romy lehnte sich zurück. »Was hat Sie am letzten Samstag bewogen, aktiv zu werden?«

»Ich spürte, dass etwas vorging – seit Wochen schon«, erwiderte Vera. »Vielleicht bin ich hellhöriger geworden seit meiner Beziehung mit Christoph, weil ich Angst hatte, Kai könnte uns doch mal erwischen. Vielleicht war er besonders angespannt. Als er mittags nicht zurück war, wurde ich jedenfalls nervös. Kai hatte sich fest vorgenommen, den neuen Laptop fertig einzurichten – das war ihm wichtig. Ein um mehrere Stunden verlängertes Training, ohne besonderen Anlass … An diesem Wochenende passte das einfach nicht in seine Pläne.« Sie starrte einen Moment ins Leere.

»Das zwanghafte Getue um sein Zimmer ging mir schon seit geraumer Zeit auf die Nerven – besser gesagt: Ich hinterfragte es zunehmend. Kai wollte nicht einfach nur seine Privatsphäre gewahrt wissen – er wirkte wie jemand, der etwas zu verbergen hatte. Ich wollte die Chance nutzen … Als ich den Zweitschlüssel nirgends entdeckte, dafür aber zufällig feststellte, dass die Balkontür einen Spalt geöffnet war, bin ich kurzerhand … Na, Sie wissen schon.«

»Ja, ich weiß, Frau Richardt – was haben Sie vorgefunden?«, fragte Romy und hörte selbst, wie angespannt ihre Stimme klang.

»Der neue Laptop stand auf dem Schreibtisch …«

»Wo war der alte?«

»Den hatte er bereits am Freitag mit ins Geschäft genommen.«

Romy nickte. »Weiter.«

Vera strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Er war eingeschaltet. Ich dachte zunächst, Kai hätte nur vergessen, ihn nach dem Herunterfahren auszustellen, aber so war es nicht …« Sie schluckte. »Sie hatten recht – ich kenne mich ganz gut aus mit Computern, viel besser übrigens, als auch Kai je geahnt hat. Ich habe relativ schnell entdeckt, dass im Hintergrund eine Videoaufzeichnung lief und darüber hinaus verschiedene Videodateien gespeichert waren.«

Romy atmete tief ein. Sie ballte eine Hand zur Faust.

»Kai hatte eine Kamera in Betrieb genommen und Testaufnahmen gemacht«, berichtete Vera weiter.

Romy beugte sich vor. »Haben Sie …?«

»Ja, natürlich habe ich genauer nachgesehen«, unterbrach Vera die Kommissarin. »Er winkte in seinem Radlerdress grinsend in die Kamera und sagte …«

»Ja?«

»Er sagte, dass er sich schon auf Mirjam freue. Sie kenne ja das schnucklige Versteck. Alles sei für sie vorbereitet.«

Romy legte die Handinnenflächen aneinander und stützte ihr Kinn auf die Fingerspitzen. »Wo die Aufnahmen gemacht wurden, konnte Sie nicht erkennen?«

»Nein.«

»Sie hatte nicht mal eine Vermutung?«

»Nein. Ich konnte mit all dem zunächst nicht viel anfangen«, erklärte die Witwe. »Ich vermutete zunächst sogar, er hätte eine Freundin … es klang ja durchaus so. Dann habe ich eine andere Videodatei geöffnet …« Sie brach ab und schloss kurz die Augen.

»Aufnahmen von Mirjam?«, fragte Romy leise.

»Ja … Es war kaum zu ertragen.« Ihre Stimme zitterte. »Ich habe mich dann natürlich auch an den Entführungsfall erinnert und war völlig fassungslos. Mein Mann …«

»War noch mehr auf dem Laptop, das Sie sich angesehen haben?«

Vera nickte. »Es gab noch einen weiteren Film in einem anderen Format. Der Film hieß: Beate Lauber, und ich habe nur einzelne Sequenzen ertragen können. Außerdem waren Dateien mit eingescannten Fotos von zwei Frauen gespeichert.«

»Waren dazu auch Namen angegeben?«

»Maria Bernburg und … Lilly …«

»Arnold?«

»Ja, genau, Lilly Arnold.«

Romy musterte Vera Richardt forschend. »Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich habe die Polizei benachrichtigt und Kai als vermisst gemeldet, die Kinder zu meinen Eltern gebracht und mich mit einer Freundin verabredet …«

Die Kommissarin runzelte die Stirn. »Warum all diese Aktivitäten?«

»Ich brauchte Abstand und Zeit zum Nachdenken. Es war so ungeheuerlich … Verstehen Sie das nicht?«

»Doch«, sagte Romy. »Das verstehe ich durchaus.« Vera war längst davon ausgegangen, dass Kai in der Falle saß, und plante in Ruhe die nächsten Schritte.

»Später haben Sie den Laptop neu formatiert und alles gelöscht, was auf die Verbrechen Ihres Mannes hinweisen könnte?«

»Ja.«

»Ohne einen einzigen Moment darüber nachzudenken, dass Sie die Aufklärung fürchterlicher Verbrechen …?«

»Ja.«

»Wann genau war das?«

»Am späten Abend, glaube ich, als ich vom Kinobesuch zurück war.«

»Hm. War das nicht doch ein bisschen voreilig?«, setzte Romy nach. »Was hätten Sie Ihrem Mann eigentlich gesagt, wenn er doch wieder aufgetaucht wäre und sich herausgestellt hätte, dass er sich lediglich einen schönen Tag in Stralsund gemacht und nicht Bescheid gesagt hatte, weil es ihm um ein weiteres seiner reizenden Machtspielchen gegangen war? Und nun musste er feststellen, dass sich jemand an seinem Laptop zu schaffen gemacht hatte … Nach dem, was ich bisher über Kai Richardt in Erfahrung gebracht habe, hätte es ziemlich ungemütlich für Sie werden können. Geradezu erschreckend ungemütlich. Und Sie hätten dann nichts in der Hand gehabt. Gar nichts. Eine ziemlich scheußliche Situation, wenn ich es recht bedenke.«

»Stimmt, das ist ein berechtigter Einwand«, gab Vera zu und schlug ein Bein über das andere. »Aber ich war nach der langen Zeit, die inzwischen ohne Nachricht von ihm verstrichen war, ziemlich sicher, dass etwas passiert war.«

»Ziemlich sicher?« Romy schüttelte den Kopf. »Angesichts der Videos hätte ich an Ihrer Stelle mächtigen Bammel vor ihm gehabt und mir wenigstens eine Sicherheitskopie gemacht«, wandte sie ein. »Um für den Notfall gerüstet zu sein und außerdem beweisen zu können, was er getan hatte, noch zu tun beabsichtigte und, ganz wichtig – ihn damit der Polizei auszuliefern! Das wäre übrigens eine geradezu perfekte Möglichkeit gewesen, ihn auf legale Weise für immer loszuwerden, aber das nur so nebenbei.«

»Na, wissen Sie, so weit habe ich in dem Moment nun wirklich nicht gedacht«, widersprach Vera sofort. »Ich war völlig aufgelöst und wollte diese Scheußlichkeiten einfach nur vernichten und niemals und mit niemandem je darüber reden müssen.«

Das kaufe ich dir nicht ab, dachte Romy sofort. Nach ihrer Überzeugung hatte Vera bisher meistens sehr weit gedacht und noch überlegter gehandelt. Dass ihr Eindringen in Kais Zimmer beobachtet worden war und im Zusammenhang mit entsprechenden polizeilichen Erkenntnissen überzeugende Schlussfolgerungen nach sich gezogen hatte, war ein Schuss vor den Burg gewesen, der sie zunächst aus dem Konzept gebracht hatte. Aber inzwischen war sie bemüht, den Schaden zu begrenzen und ihre Möglichkeiten, halbwegs sauber aus der Sache herauszukommen, erneut abzustecken.

Doch so leicht werde ich es dir nicht machen, dachte Romy grimmig. Aus dieser Geschichte kommt kein Beteiligter sauber wieder heraus. Auch du nicht.

»Ich denke, es war anders«, sagte sie schließlich und bemühte sich, ihre unfreundlichen Gefühle beiseitezuschieben. »Sie haben alle Daten und Hinweise erst vernichtet, nachdem völlig klar war, dass Kai nicht zurückkehren würde. Das wiederum bedeutet, dass Sie über seinen Tod Bescheid wussten und sogar über die näheren Umstände, denn Sie rechneten damit, dass die Polizei in einem Verbrechen ermitteln würde, und haben sich sorgfältig auf unseren Besuch vorbereitet.«

Vera lehnte sich zurück und sah Romy abwartend an. Ihr rechtes Augenlid zuckte.

»Sie ahnten, dass Kai etwas passiert war – bis hierher glaube ich Ihrer Darstellung. Aber was Sie brauchten, war Gewissheit, Frau Richardt«, bemerkte Romy eindringlich. »Sie wollten unbedingt wissen, was mit Kai geschehen war, um Ihre weitere Vorgehensweise darauf abzustimmen. Aber statt die Polizei von Ihren Mutmaßungen über seinen Aufenthaltsort in Kenntnis zu setzen, haben Sie sich selbst auf den Weg gemacht.«

Vera sah sie schweigend an.

»Sie wussten, wo sich seine Werkstatt befand – zumindest ungefähr –, und die Hinweise durch die Videoaufnahmen vervollständigten Ihr Bild«, spann die Kommissarin den Faden weiter. »In den frühen Morgenstunden zum Sonntag sind Sie nach Sassnitz gefahren – wahrscheinlich zusammen mit Christoph, das werden wir bald herausfinden – und haben dem ohnehin schon arg malträtierten und gefesselten Kai kurzerhand den Rest gegeben. Die Gelegenheit war einfach zu verlockend, diesen miesen Kerl, der ohnehin schon halbtot war, für immer loszuwerden, seine ganze schreckliche Vergangenheit gleich dazu, um dann frei zu sein für ein neues, unkompliziertes Leben mit Christoph. Anschließend haben Sie den Keller sorgfältig aufgeräumt, die Kamera entfernt und sich dann zu Hause um die Beseitigung sämtlicher Spuren und Videodateien gekümmert, um die schockierte Ehefrau spielen zu können, die über den tragischen Tod ihres Mannes informiert wird.« Romy hob die Hände. »Was sagen Sie dazu?«

»So war es nicht.«

»Wie war es dann?«

Es klopfte leise, und Kasper trat ein. Er legte den Bericht des rechtsmedizinischen Instituts auf den Tisch. Romy sah ihn gespannt an. Der gab den Blick nur kurz zurück und wandte sich dann an die Witwe.

»Frau Richardt, wir wissen jetzt mit großer Sicherheit, dass Sie am Tatort waren«, sagte er und sparte sich einleitende Worte. »Die Spuren, die wir in Gummihandschuhen, die vom Tatort stammen, und am Knebel Ihres Mannes gefunden haben, enthalten Substanzen einer Hautcreme, die Sie benutzen …«

»Wahrscheinlich nicht nur ich«, wandte Vera eilig ein, obwohl sie deutlich blasser geworden war.

»Es ist eine spezielle Creme, die man nicht in jedem Laden kaufen kann, und weitere Spuren werden gerade auf Ihr genetisches Profil hin analysiert«, erklärte Schneider ruhig. »Sie sollten aufhören zu leugnen und ein Geständnis ablegen, damit wir endlich alle Feierabend machen können.«

»Ich war es nicht«, wiederholte Vera. »Aber es stimmt, dass ich dort war …«

Romy schlug mit beiden Händen auf den Tisch. »Verdammt noch mal, die Masche geht mir aber langsam so richtig auf den Zeiger!«, brüllte sie. »Sie geben grundsätzlich nur das zu, was wir Ihnen ohnehin gerade unter die Nase reiben. Für wie blöd halten Sie uns eigentlich?«

Vera war heftig zurückgezuckt. »Es stimmt aber!«, verteidigte sie sich dann. »Ja, Sie haben recht: Ich bin nachts nach Sassnitz gefahren, so gegen dreiundzwanzig Uhr. Ich wusste ungefähr, wo sich die Werkstatt befand. Die Tür war nicht abgeschlossen, und ich habe Kai in dem Keller entdeckt. Ich dachte, er wäre tot und ...«

»Er war aber nicht tot«, wandte Kasper ein. »Er starb erst am frühen Morgen durch einen heftigen Schlag auf den Kopf.«

»Nicht von mir! Ich dachte, er wäre tot – ich habe ihm den Knebel abgemacht, und er atmete nicht mehr. Jedenfalls dachte ich das … Anschließend habe ich mich sofort an die Beseitigung der Spuren gemacht …«

»Der Keller, in dem Kai die Frauen gefangen hielt, war gar nicht so leicht zu finden«, gab Kasper zu bedenken.

»Ich weiß. Ich habe ihn gesucht. Er befand sich auf der anderen Seite der Treppe.«

Romy knirschte mit den Zähnen. »Woher wollen Sie denn gewusst haben, dass Ihr Mann einen anderen Raum nutzte als den, in dem Sie ihn vorfanden?«

»Die Videoaufnahme verschaffte mir zumindest einen ungefähren Eindruck von den Räumlichkeiten, und dort, wo Kai lag, sah es einfach anders aus. Außerdem gab es keine Kamera«, beharrte Vera Richardt. »Ich habe alles beseitigt, was auf Kais Verbrechen hinweisen könnte, und bin dann nach Hause gefahren, um den Laptop zu formatieren. In den frühen Morgenstunden ist Christoph zu mir gekommen …«

»Wunderbare Geschichte«, fiel Romy ihr wütend ins Wort. »Und nun sag ich Ihnen mal, wie das Ganze abgelaufen ist. Sie sind in aller Herrgottsfrühe dort hingefahren – ob nun mit Christoph oder ohne ihn spielt im Moment keine Rolle. Sie haben Kai verletzt, aber lebend vorgefunden, den Knebel entfernt und ihm etwas zu trinken gegeben. Er war dann in der Lage, Ihnen auf Ihre Nachfragen zu erklären, wo der Keller ist – in der Situation, in der er sich befand, blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken. Sie haben alle Spuren beseitigt und Ihrem Mann dann die Flasche auf dem Schädel zertrümmert. Ende der Story.«

»Ich gebe zu, dass es so hätte ablaufen können«, stimmte Vera zu. »Und ich habe bereits zugegeben, dass ich am Tatort war, die Kamera beseitigt und Kais Laptop formatiert habe – das hätte ich auch abstreiten können …«

»Sie haben bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass das Abstreiten eine Ihrer besonderen Stärken ist. Damit hätten Sie sicher auch weitergemacht, wenn Sie zur Abwechslung mal nicht so perplex gewesen wären, dass Ihre Kletteraktion bemerkt worden war und wir inzwischen sogar wussten, dass Kai Aufnahmen von seinen Opfern gemacht hatte. Das hat Sie aus der Balance gebracht – zumindest für kurze Zeit – und veranlasste Sie, bei der einen oder anderen Frage mit uns zu kooperieren.«

Einen Moment blieb es still. Dann warf Kasper Romy einen langen Blick zu. »Ich denke, wir machen eine Pause und reden dann noch einmal.«

Vera nickte sofort. »Ich müsste meine Eltern informieren, dass Sie sich heute um die Kinder kümmern.«

Nicht nur heute, dachte Romy, schluckte aber den bissigen Kommentar hinunter. Sie stand auf. »Das übernehme ich.«

»Ich würde lieber selbst mit Ihnen sprechen«, versicherte Vera eilig.

Romy wandte den Kopf und sah sie fragend an. Interessant, dachte sie und begann zu lächeln. »Nicht nötig, Frau Richardt. Ruhen Sie sich aus und trinken Sie einen Kaffee. Es macht mir gar nichts aus, mich selbst darum zu kümmern.«

Die Witwe atmete tief ein und schoss einen feindseligen Blick auf Romy ab, als sie aus dem Vernehmungszimmer geführt wurde.

»Was hast du vor?«, fragte Kasper verblüfft-

»Sie will nicht, dass ich mit ihren Eltern spreche. Deswegen werde ich genau das tun.«

 

Das Sanitätshaus Sanddorn befand sich in einem roten Backsteingebäude in der Calandstraße, nordwestlich vom Stadtzentrum. Veras Vater war in ein Kundengespräch vertieft, ihre Mutter trat sogleich auf die Kommissarin zu. Sie war der gleiche zierliche Typ Frau wie ihre Tochter, hatte aber einen helleren Teint und ein offenes, warmes Lächeln, in das sich Sorge und Nachdenklichkeit mischte, als Romy sich vorstellte.

»Schreckliche Geschichte«, sagte Monika Sanddorn kopfschüttelnd und bot Romy einen Sitzplatz im hinteren Bereich des Geschäfts an.

Auf einem Tisch stapelte sich Infomaterial über orthopädische Stützstrümpfe, Einlagen für Laufschuhe und Gehhilfen.

»Ja«, bestätigte Romy. »Das kann man so sagen. Ihre Tochter macht zurzeit eine Aussage im Kommissariat und bittet Sie, später die Kinder abzuholen.«

»Ach … ja, natürlich«, erwiderte Monika Sanddorn. »Kein Problem. Wie weit sind Sie denn inzwischen mit Ihren Ermittlungen?«

Romy lächelte. »Wir kommen ganz gut voran. Zu Einzelheiten darf ich Ihnen aber nichts sagen.«

Veras Mutter legte die Hände in den Schoß. »Meine Tochter ist ziemlich erschüttert. Kann sie denn überhaupt etwas zur Aufklärung beitragen?«

»Und ob. Wie standen Sie eigentlich zu ihrem Schwiegersohn?«, fragte Romy.

»Kai war ein … bemerkenswert erfolgreicher Mann. Bestimmt hatte er viele Neider.« Sie nickte eifrig.

Vera hatte ihren Eltern noch keinen einzigen Schluck reinen Weins eingeschenkt, in der Zeitung waren bislang nur zaghafte Andeutungen zu weiteren Ermittlungen gemacht worden, und die dunklen Schatten, die diese Ehe beherrscht hatten, waren ihr verborgen geblieben.

»Frau Sanddorn – die Dinge liegen anders, als Sie offensichtlich annehmen«, wandte Romy ein. »Ihr verstorbener Schwiegersohn hat sich mehrerer schwerer Verbrechen schuldig gemacht, und in dem Zusammenhang gibt es auch eine ganze Reihe von Fragen an Ihre Tochter.«

Die Frau wurde aschfahl. »Was? Um Gottes willen! Aber … Ich meine, natürlich müssen Sie allem nachgehen, aber … so schlimm kann das doch gar nicht gewesen sein, angesichts dessen, was gerade passiert ist. Ich verstehe nicht …«

»Wie bitte? Wie schlimm kann was nicht gewesen sein?«

Monika Sanddorn schluckte. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – wir wollen keinen Ärger mit den Behörden – das habe ich Vera auch gesagt, aber sie meinte, es ginge nur um alte Steuergeschichten und Geschäftsabschlüsse, die Kai erfasst hat und in denen die Polizei nicht herumwühlen sollte. Das eine hätte doch mit dem anderen gar nichts zu tun. Verstehen Sie? Und ich habe ihr den Gefallen getan, weil ich …«

Romy durchzuckte es plötzlich. »Was haben Sie für Vera versteckt?«

Monika Sanddorn nickte und stand rasch auf. »Ich hole es Ihnen.«

 

Vera Richardt hatte ihre Mutter gebeten, eine externe Festplatte ihres Mannes zu verstecken, deren Daten verschlüsselt gespeichert worden waren, wie einer von Buhls Leuten wenig später feststellte. Er traute sich zu, die Information auf der Festplatte in weniger als einer Stunde zugänglich zu machen.