ZWEI BRIEFE
FÜR VIOLA
Am nächsten Morgen läutet um halb sieben das Telefon. Ein völlig aufgelöster Flo ist dran.
»Das geht nicht, das mit dem Brief«, stößt er hervor. »Du musst mir helfen. Der Brief darf nicht bei ihr ankommen. Wir müssen den Brief wieder zurückbekommen und dann einen anderen Weg finden.«
Die Sätze kommen bei mir genauso hektisch an, wie Flo sie ausspricht.
»Du musst mir helfen, bitte.«
»Aber wie?«, frage ich.
»Sieben Uhr Peters Busch«, sagt Flo. Das ist die Straße, wo wir uns immer treffen.
»Okay«, sage ich, schaue auf die Uhr, lege den Hörer auf, renne in mein Zimmer und ziehe mich an.
»Warum hast du’s so eilig?«, fragt Mama.
»Streng geheim«, sage ich, »eine Hilfsaktion.«
Das ist unser Stichwort. Mamas und meins. Mama nervt nämlich oft mit ihrer Fragerei bis in die dunkelsten Ecken des Innern. Sagt Toto auch immer. »Seelenmassage« nennt Toto das. Ich hab Mama gesagt, dass ich diese Seelenmassage und diese elende Fragerei nicht mag. »Hilfsaktion« ist das Stichwort, bei dem sie aufhört zu fragen.
Mama schweigt also. Ich springe in die Hosen, angel Hefte und Bücher aus meinem Bücherregal, knöpfe das Hemd mit der einen Hand zu, kämme mich mit der anderen, schlürfe einen halben Becher Kakao in mich hinein, klappe ein Brot zusammen, nehme die Tasche, zieh meine Jacke vom Haken und grüße zum Abschied. Nur Mama ist da, die andern sind noch in ihren Zimmern. An meinen Füßen sind meine allerhässlichsten Turnschuhe. Die hab ich nur angezogen, damit Mama nicht fragt, warum ich sie nicht anhabe.
»Wie viele Stunden hast du heute?«, fragt Mama.
»Sechs«, sage ich. Ansonsten schweigt Mama wie verabredet und ich verschwinde und renne zu unserem Treffpunkt. Genau sieben Uhr.
Flo und ich stoßen fast zusammen. Er kommt von rechts, ich von links.
»Wir müssen den Brief wiederbekommen«, sagt er. »Schnell, wir müssen zur Post, ihn abfangen.« Flo hat rote Flecken im Gesicht, er prustet, ist außer Atem, rollt mit den Augen und wiederholt: »Wir müssen den Brief zurückbekommen. «
»Aber warum denn?«, frag ich Flo.
»Das bin nicht ich«, sagt Flo, »dieser Brief ist nicht von mir. Da kommt meine Persönlichkeit nicht heraus.«
Ich stehe da am frühen Morgen vor Flo auf der Straße. Ich bin fast noch nüchtern, mit drei Schluck Kakao im Magen steh ich da für eine Hilfsaktion, kneife mir in den Arm, ob das alles wirklich wahr ist. Aber es tut weh, also ist es wahr. Und Flo erzählt mir etwas von Persönlichkeit, die nicht genug rauskommt, und davon, dass das nicht sein Flo-Ich ist.
»Woher haste das?«, frag ich nur. Und mir schwant schon wieder Böses. Der hat bestimmt wieder tiefsinnige Gespräche seiner Eltern aufgeschnappt.
»Von mir, du Depp«, sagt er und fasst sich an die Stirn. »Wenn ich ihr schreibe: >Du, ich würde mit dir mal gerne ein Eis essen...<, kommt doch nichts von mir rüber, die weiß doch überhaupt nicht, wer ich bin.«
»Wie meinste das denn?«, frag ich. » Schließlich kennt sie dich doch schon seit zwei Jahren. Willste vielleicht ’nen Lebenslauf mitschicken oder den Stammbaum der Familie?«
Heute ist Flo mal nicht beleidigt. »Also, wenn schon«, sagt er, »dann hab ich mich entschlossen, ihr wirklich von mir zu schreiben und von meinen Gefühlen. Wenn ich mich verliebe, muss ich auch zu meiner Liebe stehen.«
Das ist wieder typisch Flo. Ehrlich. Blutsbruder auf immer und ewig.
»Ich muss ihr doch wenigstens sagen, was ich an ihr mag und was ich will.« Und er zieht einen Brief aus der Tasche und liest ihn mir vor: »Liebe Viola, ich glaube, ich hab dich gemocht, seitdem ich dich zum ersten Mal in der Klassentür gesehen habe. Aber ich war nicht ganz sicher. Doch jetzt bin ich es. Ich kann dir das sogar beschreiben und erklären. Ich bin ganz aufgeregt. Wenn du Nein sagen würdest, wäre das schlimm für mich. Bitte antworte mir bald! Ich warte! Flo.«
»Der Brief ist gut«, murmel ich.
»Der ist ehrlich, der riskiert was, das bin ich«, sagt Flo.
»Hört sich ziemlich klug an«, sage ich.
»Stimmt aber total. - Mensch, wir müssen los!«
»Und wohin?«
»Zur Post«, sagt Flo, »die Briefe austauschen.«
»Dann mal viel Glück«, murmel ich.
»Du gehst doch mit?«
»Klar - aber was ist mit der Schule?«
»Der Brief ist wichtiger. Ich sag Frau Sorge, was los war.«
»Einverstanden, aber wie willst du überhaupt an den Brief rankommen?«
Da zieht Flo wieder einen Zettel aus der Tasche mit der Adresse unseres Hauptpostamtes und dem Namen des Briefträgers, der in Violas Straße die Briefe austrägt. Den kannte seine Tante, die auch bei der Post arbeitet.
»Mensch, saugut, hast gute Arbeit geleistet, Kumpel«, sag ich. »Hast du heute Nacht überhaupt geschlafen?«
»So ’n bisschen«, grinst Flo. »Als ich alles erledigt hatte, konnte ich nicht einschlafen, musste immer an sie denken.« Flos Unterlippe zittert bedenklich.

Ich leg meinen Arm um Flos Schulter. »Verlass dich auf mich. Ich bin doch schließlich dein Blutsbruder.«
Flo hat auch schon die Buslinie herausgesucht, mit der wir direkt vorm Hauptpostamt landen.
Ich erinnere noch einmal an die Schule. Aber Flo, dieser Wahnsinnsknabe, ist auf dem Schulohr taub.
Schicksal, nimm deinen Lauf! Ich folge meinem Freund. Durch dick und dünn. Das ist so bei echten Kumpels.
Von weitem sehen wir Ole und Bosse zur Schule schlendern.
Wir grüßen bewusst cool und lässig. Denn die ganze Sache soll ja völlig geheim bleiben. Wenn die wüssten!
Der Bus rattert durch die von Menschen und Fahrzeugen gefüllten Rushhourstraßen. »Rushhour« ist echt englisch und heißt so viel wie »Hetz-Stunde«. So ähnlich komme ich mir auch vor: auf Hetzjagd hinter einem Brief her.
»Wie willst du das denn gleich machen?«
Flo gibt keine Antwort, hat gläserne Augen und kneift die Lippen zusammen. Ob er gerade an Viola denkt? So muss es sein. Flo im Rausch des Verliebten. Verdammt schwer, mit so einem umzugehen. Ich stoße ihm in die Rippen. Er schaut mich eine Sekunde an, dann schweift sein Blick wieder ab. Er springt hoch vom Sitz, wie gestochen. Ich hinterher. Wir springen aus dem Bus. Treten zwei älteren Damen auf die Füße, weil sie uns im Weg stehen. »’tschuldigung«, murmel ich, weil ich das wirklich nicht wollte.
Flo, dieser Wahnsinnsknabe, steuert zielstrebig auf den Hintereingang des Postamtes zu, vorbei an einem Schild, das Unbefugten das Betreten verbietet. Unbefugte sind die, die nicht zur Post gehören. »Wir sind jetzt Befugte«, flüstert Flo.
Wir schauen in einen großen Raum, in dem an die hundert Briefträger sitzen und Post sortieren.
Ich kratz mich am Kopf. »Und wie willste den richtigen finden?«
Flo fragt den erstbesten nach dem Namen auf seinem Zettel. Der zeigt hinten in eine Ecke, in der sich ein dicker Postbote gerade seine prall gefüllte Briefträgertasche über die Schulter wirft.
»Wir laufen hinterher«, ist alles, was Flo von sich gibt.
Der Dicke nimmt sich ein Rad. Und dann geht es los. Wir rasen. Wir rennen. Ich schimpfe. Schließlich haben wir beide unseren schweren Ranzen auf dem Rücken. Gott sei Dank ist der Verkehr hier nicht so dicht und so verlieren wir den Briefträger nicht aus den Augen. Der radelt immer schneller auf einer immer leerer werdenden Straße. Als ich gerade völlig außer Atem japsen will: »Ich kann nicht mehr«, stoppt der Briefträger, lehnt sein Fahrrad auf den Ständer und nimmt das erste Briefbündel. Violas Haus ist ganz am Anfang seiner Tour. Und schon ist Flos Brief in Violas Briefkasten und der Briefträger um die nächste Ecke verschwunden.
»Jetzt«, sagt Flo. Er versucht mit der Hand in den Kasten zu kommen. Er schafft es nicht. Er muss höher stehen. Ich lasse ihn auf meinen Rücken steigen, jetzt kann seine Hand gerade und glatt in den Kasten gleiten. Er steckt seinen neuen Brief hinein und greift nach dem Bündel Briefe, das schon im Kasten ist. Aber Hilfe, die Hand bleibt im Briefkasten stecken! Er bekommt sie nicht heraus. Flo schimpft und kämpft mit seiner Hand in dem schmalen Briefkastenschlitz. Das stört einen echten Verliebten und auch seinen Kumpel. Ich sage schnell einen Zauberspruch: »Zicke, zacke, fein, die Hand geht raus wie rein.«

Der hat gewirkt. Die Hand geht sofort raus. Aber da kommt eine alte Frau die Treppe runtergesaust. Sie peilt die Lage sofort und schimpft los. Flo springt von meinem Rücken, ich springe hoch, wir springen fort - noch gerade rechtzeitig.
Wir fliehen. Wir rennen. Flo hält während der ganzen Zeit den Brief siegessicher in der Hand. Die Alte schimpft und wir verschwinden um die Ecke.
»Zeig mal«, sag ich.
Flo will mir voller Stolz seinen zurückeroberten Brief zeigen, da sehen wir beide gleichzeitig, dass es nicht Flos Brief an Viola Jarusch, sondern ein Brief an Paul Jarusch ist. Von einer Lebensversicherung.
»Mist«, sagt Flo. Das hat er natürlich nicht gesehen. Da hilft auch kein Zauberspruch mehr. Das stört einen echten Verliebten.
Wir trotten zurück, vielleicht schaffen wir es ja noch. Wir lauschen. Totenstille. Aber wenn die Alte jetzt hinter der Tür lauert? Wir schleichen uns an den Briefkasten heran, doch der ist leer. Hat schon einer geleert. Wahrscheinlich Violas Mutter.
Wir werfen den Brief von der Versicherung in den leeren Kasten. Dann trotten wir traurig zur Schule. Alles umsonst. Jetzt bekommt Viola zwei Briefe.
»Und was soll die jetzt von mir denken?«, flüstert Flo.
Wir kommen eine halbe Stunde zu spät in der Schule an.
Frau Sorge, bei der wir in den ersten beiden Stunden Unterricht haben, hat ihren guten Tag. Sie sieht unsere verschwitzten Gesichter, zwinkert uns zu, wir dürfen uns setzen. Schulisch alles okay.
Aber das Hauptproblem ist in keiner Weise gelöst! Zwei Briefe warten zu Hause auf Viola.
Und das ist Flo einfach peinlich. Besonders der erste, weil da seine Persönlichkeit nicht herauskommt.
Das stört einen echten Verliebten. Und auch seinen Kumpel.
Als wir in die Pause gehen, werde ich zwischen Viola und Liz eingequetscht. Das fühlt sich toll an, so, als wollten sie sich anschmiegen. Am liebsten würde ich stehen bleiben, einen Zauberspruch sagen und Flo und ich könnten eine Stunde nah an Viola sein. Aber schon werden wir weitergeschoben.
In der Mathestunde fange ich schon einmal mit meinem Weihnachtswunschzettel an. Es dauert zwar noch, aber »Gut Ding will Weile haben«, sagt meine Oma immer. Also wünsche ich mir:
1. Eine Pickelcreme. Ich meine natürlich eine Gegen-Pickel-Creme. Heute morgen hab ich nämlich den ersten Pickel auf meiner Nase gesichtet.
2. Einen Bettkasten, der doppelt so groß ist wie meiner. Für meine Würmer. Wenn sie sich wirklich so rasend schnell vermehren, wie Flo behauptet, brauchen sie Platz.
3. Eine eigene Zimmerlinde. Mama glaubt nicht mehr an Herbst.
Aber bis Weihnachten, das sind noch mindestens 6485 Stunden. Nur so geschätzt.
Ich muss aufpassen. Mein Mathelehrer nähert sich mit atemberaubender Geschwindigkeit.