Die erste Laika flog ins All und starb. Die zweite Laika war bereits tot, als sie einem Mann im All das Leben rettete!
Arthur C. Clarke
Mondhund
Als ich Laikas wildes Bellen hörte, war meine erste Reaktion ein dumpfes Gefühl des Ärgers. Ich drehte mich im Bett herum und brummte schläfrig: »Still, du Mistvieh!« Dieses träumerische Zwischenspiel währte jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann kehrte das Bewußtsein zurück – und mit diesem Angst. Angst vor der Einsamkeit, Angst vor dem Wahnsinn.
Einen Moment lang wagte ich nicht, die Augen zu öffnen. Ich fürchtete mich vor dem, was ich zu sehen bekommen mochte. Die Vernunft sagte mir, daß Laika durch eine Viertel Million Meilen räumlich von mir getrennt war – und zeitlich ganze fünf Jahre.
»Du hast geträumt«, sagte ich mir verärgert. »Sei kein Narr – mach’ doch die Augen auf! Was wirst du schon sehen? Deine vier Wände, nichts weiter!«
Das stimmte natürlich. Die winzige Kabine war leer, die Tür fest geschlossen. Ich war allein mit meinen Erinnerungen, übermannt von der transzendenten Schwermut, die sich nur allzu oft einstellt, wenn irgendein schöner Traum zu fahler Wirklichkeit verblaßt. Das Gefühl des Verlustes war so mächtig, daß ich mir nichts sehnlicher wünschte, als wieder einzuschlafen.
Zu meinem Glück wurde ich enttäuscht, denn in diesem Augenblick wäre Schlaf gleichbedeutend mit Tod gewesen. Für weitere fünf Sekunden aber wußte ich dies nicht, und während jener Zeitspanne war ich wieder daheim auf der Erde und suchte Trost in der Vergangenheit …
Nie wurde geklärt, woher Laika eigentlich stammte, obwohl die Belegschaft des Observatoriums einige Nachforschungen anstellte und ich mehrere Anzeigen in den Zeitungen von Pasadena aufgab. Ich fand sie, ein verlorenes und einsames Wollknäuel, zusammengekauert am Straßenrand, als ich an einem schönen Sommerabend nach Palomar hinausfuhr. Obzwar ich Hunde nie sonderlich leiden konnte, ja, überhaupt Tiere im allgemeinen, sah ich mich außerstande, dieses hilflose kleine Geschöpf den vorbeikommenden Wagen auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert zu lassen. So hob ich das Hündchen auf und verfrachtete es im Gepäckraum. Ich wollte die Polsterbezüge meines neuen 92er Modells nicht riskieren, und ich fand, viel Schaden konnte es dort hinten kaum anrichten. In diesem Punkt allerdings sollte ich nicht so ganz recht behalten …
Als ich den Wagen beim »Kloster« abgestellt hatte – dem Wohnsitz der Astronomen, wo ich für die kommende Woche mein Quartier aufschlagen würde –, inspizierte ich meinen Fund ohne sonderlichen Enthusiasmus. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, das Hündchen dem Gebäudeverwalter zu übergeben; aber da winselte es ganz kläglich und öffnete die Augen. Und in ihnen lag ein solcher Ausdruck von hilflosem Vertrauen, daß … Nun, ich behielt es.
Manchmal bereute ich meinen Entschluß. Aber nie für längere Zeit.
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wieviel Kummer ein aufwachsender Hund seinem Herrn bereiten kann. Meine Ausgaben für Reinigungen und Reparaturen schnellten spontan in die Höhe. Nie wußte ich mit Sicherheit, ob ich nun ein noch-nicht-zerfetztes Paar Socken oder eine noch-nicht-zerkaute Ausgabe des Astrophysikalischen Journals vorfinden würde. Schließlich aber hatte sich Laika sowohl an das Haus als auch an das Observatorium gewöhnt; sie mußte der einzige Hund gewesen sein, dem je der Aufenthalt in einer 200-Inch-Kuppel gestattet worden war. Stundenlang pflegte sie dort still im Schatten zu liegen, während ich droben Einstellungen vornahm, schon zufrieden und glücklich, wenn sie nur hin und wieder meine Stimme hören konnte. Die anderen Astronomen schlossen sie gleichermaßen ins Herz (der alte Dr. Anderson war es, der ihren Namen vorschlug), doch von allem Anfang an war sie mein Hund. Niemandem anderm würde sie gehorchen. Nicht, daß sie mir immer gehorchte!
Sie war ein wunderschönes Tier, zu rund 90% ein Elsässer, zu 5% ein deutscher Schäferhund. Diesen fünf Prozent, stelle ich mir vor, war es zuzuschreiben, daß man sie auf die Straße gesetzt hatte. Mit Ausnahme zweier dunkler Flecken über den Augen glänzte ihr Körper in einem rauchigen Grau. Ihr Fell war weich wie Seide. Spitzte sie die Ohren, sah sie unglaublich intelligent und wachsam aus. Manchmal, wenn ich mit meinen Kollegen über Spektralklassen oder Entstehungsgeschichte diskutierte, fiel es mir schwer zu glauben, daß sie uns nicht verstand.
Selbst jetzt noch ist es mir unbegreiflich, weshalb sie solche Zuneigung zu mir faßte, denn meine Freunde unter den Menschen waren nur allzu spärlich gesät. Kehrte ich jedoch nach Abwesenheit zurück zum Observatorium, kannte ihre Freude keine Grenzen; da wurde sie ganz ungestüm, hüpfte wie toll auf den Hinterbeinen und legte mir die Pfoten auf die Schulter – was ihr keinerlei Schwierigkeiten bereitete –, und die ganze Zeit über stieß sie spitze kleine Freudenschreie aus, die bei einem so großen Hund höchst fehl am Platze schienen. Nur ungern ließ ich sie länger als ein paar Tage allein. Auf Überseereisen konnte ich sie nicht mitnehmen, sonst aber begleitete sie mich meistens.
Sie war auch bei mir, als ich nach Norden mußte, um an jenem schicksalsschweren Seminar in Berkeley teilzunehmen …
Ihre Gesellschaft erleichterte mir ungemein die lange Fahrt.
Wir wohnten mit Kollegen von der Universität am Telegraph Hill; sie hatten sich sehr taktvoll gezeigt, aber ganz offensichtlich nicht erwartet, ein Monster im Haus zu haben. Indes, ich versicherte ihnen, Laika mache nie auch nur die geringsten Schwierigkeiten. Etwas widerwillig gaben sie ihr Einverständnis, sie dürfe im Wohnzimmer schlafen.
»Heute nacht brauchen Sie jedenfalls keine Angst vor Einbrechern zu haben«, meinte ich.
»Hier in Berkeley gibt es keine«, war die etwas kühle Antwort.
Mitten in der Nacht dann hatte es den Anschein, als irrten sie.
Ein hysterisches, spitzes Bellen Laikas weckte mich, wie ich es zuvor nur ein einziges Mal von ihr gehört hatte – als sie erstmals einer Kuh begegnet war, und sie nicht wußte, was in aller Welt sie davon halten sollte … Fluchend warf ich die Bettdecke zurück und stolperte hinaus in das Dunkel des mir fremden Hauses. Mein erster Gedanke war, Laika zum Schweigen zu bringen, ehe sie meine Gastgeber aus dem Schlaf riß – in der Annahme, daß es dafür nicht längst zu spät sei. Handelte es sich wirklich um einen Eindringling, so hätte er zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon die Flucht ergriffen … Um ehrlich zu sein, ich hoffte, er hatte es.
Einen Moment lang stand ich auf dem Treppenabsatz beim Schalter und schwankte, ob ich ihn betätigen sollte oder nicht. Dann knurrte ich: »Still, Laika!« und schaltete die Beleuchtung ein.
Sie scharrte wild an der Tür; hielt nur von Zeit zu Zeit inne, um jenes hysterische Jaulen von sich zu geben. »Wenn du ’raus willst«, sagte ich mißmutig, »brauchst du nicht gleich so ein Theater zu machen.« Ich ging hinunter und schob den Riegel zurück. Sie schoß davon in die Dunkelheit, blitzartig wie eine Rakete.
Ich trat aus der Tür. Über mir sah ich den abnehmenden Mond, der mit dem San Franziskoer Nebel rang. Ich stand da, von schimmerndem Dunst umhüllt, und starrte übers Wasser hinaus auf die Lichter der Stadt in der Erwartung, daß Laika zurückkehre, um die ihr gebührende Rüge zu empfangen. Ich wartete noch immer, als – zum zweitenmal im 20. Jahrhundert – der San Andreas-Graben aufbrach.
Seltsam, ich hatte keine Angst – zu Beginn.
Ich erinnere mich noch, wie zwei Überlegungen mich durchzuckten, in jenem Augenblick, ehe mir die Gefahr bewußt wurde. Aber gewiß doch, sagte ich mir, hätten die Geophysiker uns irgendeine Warnung zukommen lassen können … Und dann, baß erstaunt, fand ich mich bei dem Gedanken: Ich wußte gar nicht, daß Erdbeben soviel Lärm machen!
Dann etwa dürfte mir klar geworden sein, daß es sich nicht um ein gewöhnliches Beben handeln könne.
Was hierauf geschah, möchte ich lieber vergessen. Das Rote Kreuz schaffte mich erst spät am nächsten Morgen weg, zumal ich mich geweigert hatte, Laika zurückzulassen. Als ich auf das Haus blickte, unter dessen Trümmern die Leichen meiner Freunde lagen, wußte ich, daß ich Laika mein Leben verdankte; aber von den Piloten des Hubschraubers durfte man nicht gut erwarten, dafür Verständnis zu zeigen, und ich kann ihnen auch nicht übelnehmen, daß sie mich für durchgedreht hielten, wie so viele andere, die sie zwischen Trümmern und Flammen aufgelesen hatten. Danach, glaube ich, waren wir nie länger als ein paar Stunden voneinander getrennt. Später erzählte man mir – und ich kann es gut verstehen –, ich hätte mehr und mehr Interesse verloren an menschlicher Gesellschaft, ohne deshalb gleich zum Menschenfeind zu werden.
Was die Zeit zwischen jenen kurzen Stunden der Trennung betrifft, so füllten mich die Sterne und Laika zur Gänze aus. Wir pflegten lange Wanderungen über die nahen Berge zu machen; es war die glücklichste Zeit meines Lebens.
Sie wurde getrübt von nur einem Schatten: Ich wußte – Laika hingegen nicht –, wie bald dies alles ein Ende nehmen würde.
Die Übersiedlung war seit über einer Dekade geplant gewesen. Schon damals in den Sechzigern hatte man erkannt, daß die Erde nicht der geeignete Ort war für eine Sternwarte. Selbst die kleinen Versuchsgeräte auf dem Mond hatten all die Teleskope bei weitem übertroffen, die da den Wolken- und Dunstschleier der irdischen Atmosphäre zu durchdringen suchten. Die Geschichte von Mount Wilson, Palomar, Greenwich und den anderen großen Namen näherte sich dem Ende. Man würde diese Observatorien weiterhin benutzen, für Ausbildungszwecke; aber die Forschungsfront selbst mußte vorangetrieben werden, hinaus ins Weltall.
Und ich mußte mit ihr. Ja, man hatte mir bereits den Posten eines Vizedirektors angeboten, für das Tarside Observatorium. Ich durfte hoffen, in wenigen Monaten Probleme zu lösen, an denen ich seit Jahren gearbeitet hatte. Jenseits der Atmosphäre wäre ich dann wie ein Blinder, der plötzlich das Augenlicht geschenkt bekam.
Es war natürlich völlig unmöglich, Laika mitzunehmen. Die einzigen Tiere auf dem Mond waren solche, die für Experimentalzwecke benötigt wurden. Es mochte noch eine Generation dauern, bis Haustiere erlaubt waren, und selbst dann würde es ein Vermögen kosten, sie hinzubringen und am Leben zu erhalten. Laika mit ihren gewohnten zwei Pfund Fleisch pro Tag zu versorgen, würde ein Vielfaches meines recht annehmbaren Gehaltes verschlingen. Die Wahl, vor der ich stand, war höchst klar und eindeutig. Ich konnte daheim bleiben und auf meine Karriere verzichten. Oder aber zum Mond fliegen und auf Laika verzichten.
Schließlich und endlich war sie nur ein Hund …
In einem Dutzend Jahren würde sie tot sein, während ich auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn angelangt wäre. Niemand mit gesundem Menschenverstand hätte da gezögert. Dennoch aber zögerte ich, und wenn Sie bis jetzt nicht verstehen, warum, kann ich Ihnen durch noch so viele Worte nicht helfen …
Ich wußte mir keinen Rat, also ließ ich die Dinge einfach auf mich zukommen. Bis zur allerletzten Woche, da ich abfliegen sollte, hatte ich für Laika noch immer keine Pläne gemacht. Als Dr. Anderson sich bereit erklärte, sich um sie zu kümmern, nahm ich betäubt an, mit kaum einem Wort des Dankes. Der alte Physiker und seine Frau hatten sie immer schon gut leiden können, und ich fürchte, sie hielten mich für gleichgültig und herzlos. In Wirklichkeit war gerade das Gegenteil der Fall.
Wir unternahmen noch eine letzte Wanderung über die Hügel; dann übergab ich sie schweigend den Andersons – und sah sie nie wieder.
Der Start verzögerte sich beinahe um vierundzwanzig Stunden, bis ein größerer Lichtsturm die Erdbahn passiert hatte. Doch auch dann waren die Van-Allen-Strahlungsgürtel noch immer so aktiv, daß wir unseren Abflug durch die Nordpolarlücke arrangieren mußten.
Es war ein ungemütlicher Flug. Abgesehen von den üblichen Scherereien mit der Schwerelosigkeit fühlten wir uns alle ganz schlapp durch die Anti-Strahlungs-Pillen. Das Schiff befand sich schon über Tarside, ehe ich mich für das Kommende zu interessieren begann, daher versäumte ich den Anblick der Erde, als diese hinter den Horizont tauchte. Nicht, daß ich das wirklich bedauerte! – Ich wollte keine Erinnerungen, und ich beabsichtigte, nur noch an die Zukunft zu denken. Trotzdem konnte ich dieses Schuldgefühl nicht loswerden … Ich hatte jemanden im Stich gelassen, der mich liebte und mir vertraute, und war somit nicht besser als jener, der Laika vor Jahren ausgesetzt hatte … dort neben der staubigen Straße zum Palomar-Observatorium.
Die Nachricht von ihrem Tod erreichte mich einen Monat später.
Niemand konnte es sich erklären; die Andersons hatten ihr Möglichstes getan, und sie waren ganz verstört. Es schien, als habe sie einfach das Interesse am Leben verloren. Eine Zeitlang, glaube ich, war es mit mir nicht anders; aber die Arbeit ist ein wunderbares Anodynum, und mein Programm war soeben im Anlaufen begriffen.
Obwohl ich Laika nie vergaß, hörte nach einer kleinen Weile die Erinnerung an sie zu schmerzen auf.
Warum nur war sie dann zurückgekehrt, um mich zu verfolgen, fünf Jahre später, auf dem fernen Mond? Ich durchforschte gerade meinen Geist nach einem Grund dafür, als das metallene Gebäude ringsum erbebte wie unter der Wucht eines schweren Hiebes.
Ich reagierte instinktiv, ohne zu denken. Ich schloß bereits den Helm meines Not-Raumanzuges, als die Grundmauern nachgaben und die Wandung mit einem Fauchen entweichender Luft barst. Da ich automatisch den Hauptalarm ausgelöst hatte, verloren wir nur zwei Mann, ungeachtet der Tatsache, daß das Beben – das ärgste, welches je auf Farside registriert wurde – alle drei Druckkuppeln des Observatoriums sprengte.
Kaum nötig zu erwähnen, daß ich nicht ans Übernatürliche glaube. Alles, was geschah, hat eine vollkommen logische Erklärung, die jedem offenkundig ist, der auch nur ein geringes Maß an Wissen über die Psychologie besitzt …
Laika war im zweiten San Franziskoer Erdbeben nicht der einzige Hund, der das Unheil nahen fühlte.
Es wurde von vielen solchen Fällen berichtet. Und auf Farside mußten mir meine eigenen Erinnerungen jene erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit verliehen haben, als mein niemals rastendes Unterbewußtsein die ersten schwachen Vibrationen aus dem Innern des Mondes empfing.
Der menschliche Geist beschreitet seltsame Wege. Er kannte das Zeichen, das mir am raschesten das Wissen um die Gefahr vermitteln würde. Mehr steckt nicht dahinter; wenn man auch sagen mag, Laika habe mich im gewissen Sinne beide Male geweckt, so ist nichts Geheimnisvolles daran – keine wundersame Warnung über die Kluft hinweg, die weder Mensch noch Hund jemals wird überbrücken können.
Dessen bin ich mir sicher; vorausgesetzt, ich bin mir überhaupt meiner Sache sicher.
Trotzdem wache ich manchmal auf, in der Stille des Mondes, und wünsche, der Traum hätte noch ein paar Sekunden länger angehalten – damit es mir möglich gewesen wäre, einmal mehr in jene strahlend braunen Augen zu blicken, so überfließend von einer selbstlosen, hingebungsvollen Liebe, wie ich ihr sonst nirgendwo auf dieser Welt begegnet bin.