Es schien, als sei die halbe Galaxis an der Erde interessiert. Die einen suchten sie zu plündern, die anderen wollten sie in einen Glutball verwandeln!
Jack Williamson
Richtspruch über Terra
Junger Mann gesucht, um sechzig Lichtjahre weit zu reisen und über Aufstieg oder Untergang von einem Dutzend Welten zu entscheiden. Voraussetzung hundertjährige Praxis im Quarantänekorps und psionische Klassifikation fünf oder mehr. Bezahlung – nun, ein unternehmungslustiger Vizewächter, dem das Schicksal ganzer Planeten oblag, konnte seinen eigenen Preis nennen.
Die Anzeige vom Distriktbüro war nicht gerade so kurz und bündig, doch genügte diese Zusammenfassung, zumindest, was Wain Scarlets ureigenste Interessen betraf. Er hatte ein langwieriges Jahrhundert im regionalen Hauptquartier auf Denebola IV zugebracht und nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Jetzt packte er sie beim Schopf.
Aber so einfach war das auch wieder nicht.
Sein Gesicht stellte das erste große Hindernis dar. Er war ein magerer, sommersprossiger Bursche, und dies in einer Welt, wo solch unnötige Häßlichkeit geradezu schockierte. Seine nur teilweise konditionierten Eltern hatten sich geweigert, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Noch ehe er dann alt genug war, um für seine eigene Schönheitsoperation Sorge zu tragen, hatte er eine sadistische Befriedigung darin gefunden, all den schönen, perfekten Wesen ringsum durch seinen Anblick Qualen zu bereiten – was ihm nicht schwerfiel bei seiner niederen, zurücktretenden Stirn, seinen windschiefen Nagezähnen und dem trotzigen Ausdruck seiner gelben Augen.
Die anderen Hindernisse hatte er sich innerlich gezüchtet, mit diesem einen Makel als Grundlage. Zu ihnen gehörten: beständiges Mißtrauen, ungerechtfertigte Aggressivität und sinnlose Flucht vor der Wirklichkeit. Obwohl er sich der zeitkontrahierenden neutronischen Schiffe bedient hatte, um solcherart ein Dutzend verschiedene Welten für immer hinter sich zu lassen, war er seinem bohrenden Drang, zuzuschlagen und wieder das Weite zu suchen, nicht entronnen.
Diesmal würde er härter zuschlagen – und das Weite in viel, viel größerer Entfernung suchen.
Sein Ziel war die galaktische Front, jene sich rasch ausdehnende Blase neu eroberter Planetensysteme. Dort draußen, tausend oder gar zehntausend Lichtjahre vom nächsten Stützpunkt entfernt, waren sie alle nur Menschen. Vielleicht würde es ihm gelingen, auf Kosten anderer Planeten ein endgültiges Schlupfloch vor seinen Ängsten zu finden.
Schienen seine Pläne auch etwas weitgespannt für einen ganz gewöhnlichen Beamten des regionalen Personals, so hatten sie doch ein volles Jahrhundert Zeit gehabt heranzureifen, in dem er geduldig all die Unterweisungen in die glorreichen Traditionen und erhabenen Aufgaben des Korps hinnahm und sorgfältig seinen Unwillen über all die gutaussehenden Männer ringsum verbarg.
Als sich ihm die Chance bot, war er bereit.
Werkzeug seines Glücks war Wächter Thornwall, ein dunkelhäutiger Jüngling, den er insgeheim ob seiner sonnigen Schönheit, aufrechten Freundschaft und wohlkonditionierten Intelligenz verabscheute.
»Wain, da ist ein Fall, der Sie interessieren dürfte.« Der Wächter warf ein kleines Aktenbündel in den Einlaufkorb. »Ein unterentwickelter Planet jenseits von Nirgendwo, kurz vor einer Kontakt-Krise. Die Eingeborenen spielen mit Raketen und Atomphysik herum. Unsere Beobachter melden, daß sie uns bald entdecken werden. Das bedeutet das Ende unserer Rechte und Pflichten nach den Satzungen des Nicht-Kontakts. Wenn die Eingeborenen sich wirklich qualifizieren, werden wir sie in die Zivilisation einführen müssen.«
»Oh, nicht der Aufregung wert.« Scarlet unternahm einen mühseligen Versuch, Thornwalls offenherziges Lächeln zu erwidern. »Es wäre nicht das erste Mal, daß wir eine Kontakt-Krise beobachten. Die neuen Rassen brauchen für gewöhnlich einige Generationen lang psionisches Training unter unserer Aufsicht, bis wir ihnen einen menschlichen Status bescheinigen können.«
»Sol III wird darin keine Ausnahme bilden.« Der Jüngling nickte, sich Scarlets verschleierter Aversion nicht bewußt. »Sie finden all die üblichen Argumente für eine Verlängerung wie auch für eine sofortige Aufhebung der Quarantäne – vorgebracht von alten Zoowärtern, von Piraten, die einen freien Planeten wollen, den sie ausbeuten können, und von Missionaren, die eine neue Welt brauchen, die sie retten möchten. Aber dieser Fall stellt uns vor eine noch nie dagewesene Schwierigkeit.«
Scarlet blickte hastig auf die Akte nieder, bemüht, das kurze Flackern unzulässiger Hoffnung in seinen gelbbraunen Augen zu verbergen. Schlau genug, seine eigenen geistigen Handikaps zu kennen, tat er sein Möglichstes, sie vor der übrigen Welt geheimzuhalten.
»Sie werden auch eine Notiz vom Signal-Dienst finden«, fuhr der Wächter in seinen Erläuterungen fort. »Die Ingenieure wollen Sol als erste Station ihres neuen intergalaktischen Blinkersystems verwenden. Sie möchten, daß wir alle menschlichen Wesen aus der näheren Umgebung evakuieren, damit sie anfangen können.«
»Brauchen sie Sol denn unbedingt?« Scarlet spähte empor zu Thornwall, während er im Geiste überlegte, wie sich aus dem Abbruch eines Sonnensystems Kapital schlagen ließe. »Gibt es nicht genug andere nutzlose Sonnen?«
»Sol ist eine nutzlose Sonne.« Der schöne Mann lächelte still in sich hinein. »Selbst nach fünftausend Jahren unter unserer Obhut waren die dort einheimischen Anthropoiden nicht imstande, sich für die galaktische Bürgerschaft zu qualifizieren. Ihre Leistungsberichte lassen ernstlich Zweifel darüber aufkommen, ob sie es jemals schaffen werden.«
»Aber sie sind doch lebende Wesen.«
»Jeder x-beliebige Stern, den Sie mir nennen, besitzt ein halbes Dutzend Planeten, die irgendeine Art Leben tragen. Die Sonnen-Ingenieure haben eine wissenschaftliche Untersuchung angestellt, um herauszufinden, welche Sterne sich für ihr Projekt eignen. Sie brauchen insgesamt achttausend Sonnen von der richtigen Spektralklasse, die alle im Zentrum gelegen sind. Sol steht auf ihrer Liste an erster Stelle.«
»Da wird es einige Proteste geben.« Scarlet blinzelte andeutungsvoll. »Auch von solchen, die schon länger im Korps sind.«
»Ich wußte ja, der Fall würde Sie interessieren.« Thornwall glühte förmlich vor Zuversicht. »Sehen Sie sich einmal die Anzeige vom Distriktbüro an! Ich muß natürlich noch beim Archiv rückfragen, aber ich denke, Sie sind jetzt an der Reihe, diesen Auftrag zu bekommen – sofern Sie wollen.«
Scarlet murmelte höflichkeitshalber ein paar lobende Worte über seine Rivalen im Büro, wußte aber ganz genau, wie die Antwort des Archivs ausfallen würde. Einmal, vor sechzig Jahren, war ein anderer junger Wächter sonnentauchen gegangen und hatte Scarlet das Archiv mit den Personalakten anvertraut. Seither besagten seine eigenen Dokumente nur das, was er für wünschenswert fand. Rasch überflog er die einzelnen Papiere, die Thornwall ihm gegeben hatte. Sorgfältig achtete er darauf, sich nichts von seinem insgeheimen Frohlocken anmerken zu lassen.
»Es werden Ihnen drei mögliche Entschlüsse offenstehen«, fuhr Thornwall fort. »Sie können entscheiden, daß der bewohnte Planet noch einige weitere Jahrhunderte braucht, um unter unserer Obhut heranzureifen. In diesem Fall haben Sie Handlungsfreiheit, soweit die Satzungen es erlauben. Sie können den Kontakt hinauszögern und die Quarantäne verlängern.«
Scarlet nickte ohne sonderliches Interesse. Ein solcher Entscheid mochte die zimperlichen alten Herren im Korps zufriedenstellen, für ihn aber versprach er keinerlei Profit. »Andererseits wieder könnten Sie zur Überzeugung gelangen, daß die Eingeborenen für eine Aufnahme in die Zivilisation reif sind«, sagte der Wächter. »In diesem Fall stünde es Ihnen frei, dem Planeten die Sterne zu erschließen, unter welcher Aufsicht Sie auch immer für angebracht halten.«
Scarlets Gesicht erhellte sich; hier roch er Geld. Jede Kontakt-Krise ließ Fremde von allen nahen Welten herbeiströmen, aus den verschiedensten Motiven, um die neue Rasse mit den gefährlichen Freiheiten der galaktischen Zivilisation vertraut zu machen. Irgendeiner würde sich bestimmt darunter finden, der bereit war, die gewünschte Summe zu zahlen!
»Und schließlich, Sie könnten entscheiden, daß die Anthropoiden nie die erforderlichen Qualifikationen aufbringen würden«, schloß Thornwall. »In diesem Fall könnten Sie die Einwände gegen das Blinker-Projekt zurückweisen und die Evakuierung eines jeden galaktischen Bürgers im Umkreis von einem Lichtjahr anordnen.«
Scarlet runzelte die Stirn, als er diese Möglichkeit erwog. Der Signal-Dienst würde kaum versuchen, ihn zu bestechen. Aber es führten viele Wege ans Ziel, die sich ein schlauer Kerl zunutze machen konnte. Wer weiß, das erste Aufblitzen des intergalaktischen Signalfeuers mochte der Startschuß sein für ein Vermögen! Wieder leuchteten seine gelbbraunen Augen.
»Ich dachte mir, daß Sie das interessieren würde«, sagte der Wächter. »Ich spreche einmal mit dem Direktor.«
Doch selbst nach dieser Versicherung schienen die tatsächlichen Befehle noch lange auf sich warten zu lassen. Scarlet harrte drei volle Tage aus und gab vor zu arbeiten, während er gegen die eisige Befürchtung ankämpfte, daß man seine Manipulationen mit dem Archiv entdeckt habe. Als dann schließlich Thornwall daherkam und ihm auf die Schulter klopfte, war er vor Schreck wie gelähmt.
»Hu …« Er schöpfte schnell Atem und fing sich wieder. »Ja, Sir?«
»Der Direktor erwartet Sie.« Ein strahlendes Lächeln wischte alle seine Ängste beiseite. »Sie bekommen jetzt die Chance, von der ich sprach. Wird auch Zeit!«
Trotzdem zitterten ihm die Knie, als er die Tür öffnete, um dem Direktor gegenüberzutreten. Er wollte sich setzen, doch der Direktor ließ ihn eine halbe Minute lang stehen, während er ihn mit scharfen, abschätzenden Augen musterte, in denen leidenschaftslose Autorität funkelte – eine Autorität, wie sie eben nur eine perfekte psionische Konditionierung zu erzielen vermochte. Er konnte nicht anders, er duckte sich unter diesem Blick.
»Nervös, Scarlet?«
Er nickte und zwang sich zu einem starren Grinsen.
»Nicht, daß ich es Ihnen verüble.« Mit einem kühlen, stählernem Lächeln gestattete er ihm, Platz zu nehmen. »Nach all den Jahren, die Sie auf diesem unbeschwerten Posten zubrachten, müssen Sie ja fürchten, plötzlich herausgerissen zu werden.«
Seine bei weitem größere Befürchtung war, daß er zu begierig erscheinen mochte.
»Ich fühlte mich hier sehr glücklich, Sir«, pflichtete er ihm bei, mit einer Stimme, die absichtlich etwas bedauernd klang. »Ich trenne mich nur höchst ungern von meiner Ehe-Gemeinschaft, und außerdem habe ich eine Anzahl Hobbies, die ich jetzt leider unterbrechen muß.«
Der Direktor nickte verständnisvoll.
»Sonnentauchen, zum Beispiel.« In Wirklichkeit verabscheute er diesen Sport, denn was das psionische Tauchgerät betraf, so stellte er sich auf Grund seiner mangelhaften Integration derart ungeschickt an, daß es bereits gefährlich war. Doch ein plötzlicher Drang ließ ihn fortfahren: »Ich kaufte mir gerade eine Ausrüstung von einem Freund, der versetzt wurde. Er pflegte in die Sonnenflecken zu tauchen, auf der Suche nach den berühmten ›Lebenden Lichtern‹. Er hatte so eine Theorie, sie seien intelligent …«
»Vielleicht sind sie das auch.« Der Direktor wiegte nachdenklich den Kopf, und Scarlets entschuldigendes Grinsen erstarrte. »Ich wüßte zwar nicht, wie irgendeine Zusammensetzung aus Ionen und elektromagnetischer Energie Intelligenz tragen könnte, aber ich habe von meinen eigenen Tauchversuchen mehrere sonderbare psiographische Aufzeichnungen mitgebracht.«
»Nun, auf jeden Fall werde ich mein Gerät verkaufen.« Beunruhigt machte Scarlet diesen hastigen Rückzieher.
»Ich war auf eine solche Mission eigentlich nicht recht vorbereitet. Aber die Arbeit kommt natürlich zuerst.«
»Wir leben für die Welten, die wir überwachen.« Der Direktor zitierte diesen alten Slogan mit einer derartigen Ernsthaftigkeit, daß Scarlet ein unangenehmes Prickeln im Nacken verspürte. »Wir haben unsere eigenen Welten ein für allemal zurückgelassen, als wir den Korpseid leisteten.«
»Ich hänge nicht der Vergangenheit nach, Sir.« Seine Handflächen waren schweißnaß, zumal ihn die plötzliche Befürchtung überkam, er könnte in seinem Auftreten zu großen Widerwillen gezeigt haben; aber er sah nur noch die neuen Welten, greifbar nahe, und das ließ ihn fortfahren: »Ich glaube allerdings, daß ich mich hier schon ein wenig zu lange aufgehalten habe. Ich hatte beinahe vergessen, was für ein Gefühl das ist, wenn man ein neutronisches Schiff besteigt, um durch ein Dutzend oder gar hundert Jahre hinabzugleiten, im vollen Bewußtsein, daß es kein Zurück gibt.«
»Dies ist unser Los.« Der Direktor hielt inne, um die Papiere zu studieren, die Scarlet gefälscht hatte, und zwar mit einer Genauigkeit, daß Scarlet zitterte. »Eine schlimme Situation, dort draußen auf Sol III. Um ehrlich zu sein, Scarlet, ich zögerte lange, einen Mann von Ihrer mangelhaften Konditionierung zu entsenden. Noch dazu einen ohne Praxis. Aber wir haben zu viele Planeten zu überwachen – und zu wenig geeignete Leute.«
Scarlet schluckte und beschloß, sich lieber nicht auf seine Stimmbänder zu verlassen. Schwitzend saß er da und versuchte, nicht an seine Rivalen im Büro zu denken, die eigentlich über ihm hätten rangieren sollen.
»Es überrascht mich ein wenig, daß wir Sie so lange hierbehalten haben.« Der Direktor schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln. »Aber diese Situation ist geeignet, Ihnen alles das abzuverlangen, was Sie in den hundert Jahren hier gelernt haben.«
Scarlet sah den kleinen Stoß psionischer Berichte durch, den der Direktor ihm über den Tisch zuschob, bemüht, sie so rasch in sich aufzunehmen, als sei seine Klassifikation tatsächlich fünf.
»Diese letzte Meldung von Sol III ist bereits fünfzig Jahre alt.« Seine Besorgnis wurde echt. »So lange brauche ich mindestens, um auf den regulären Routen hinzugelangen. Was mag mich dort erwarten?«
»Das ist Ihr Problem, Wächter.« Der Direktor war bereits im Begriff, nach einem weiteren Stapel von Berichten zu greifen. »Die begrenzte Geschwindigkeit unserer Kommunikation macht erst Ihre Mission so notwendig. In einer Kontakt-Krise müssen Wir einen verantwortungsbewußten Mann an Ort und Stelle haben.«
»Sie können auf mich bauen, Sir«., sagte Scarlet mit ergebener Dankbarkeit dafür, daß jede Art von Signal, selbst das Feuer des intergalaktischen Blinkers, einer fixen Geschwindigkeitsbegrenzung unterworfen war. Bis irgendeine Nachricht über seine Entscheidung hier eintreffen könnte, hätte er Sol schon so weit hinter sich gelassen, daß niemand mehr imstande wäre, ihn einzuholen. »Ich werde auf der Hut sein.«
»Das will ich hoffen«, ermahnte ihn der Direktor. »Eine Kontakt-Krise lockt immer alle möglichen Leute an. Manche so lauter wie ein Quell. Manche aber wilder als die Wilden, über die wir wachen.« Tags darauf ging er an Bord des Frachtschiffes, das Nachschub für Station Sol geladen hatte. Den Großteil seiner materiellen Güter trug er in einer kleinen Tasche bei sich. Zu mehr hatte es nicht gereicht … Die wahren Belohnungen des Korps seien die Freuden desselben, hieß es.
In der Tat, er war froh, diese ganze lausige Zivilisation hinter sich zu lassen – auch wenn er überzeugendes Bedauern zur Schau stellte.
Das Schiff tauchte ein in die neutronischen Ströme, jene mächtigen Winde unsichtbarer Neutrinos, die von den Novae losbrachen und mit beinahe Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxien fegten. Die Zeit zog sich zusammen. Ein langes Vierteljahrhundert auf den Planeten vor und hinter ihm bedeutete für Scarlet nur ein paar Wochen.
Sein Rausch über die weitere triumphale Flucht von all der gehaßten Perfektion hatte sich noch nicht gelegt, als das Schiff auf Station Prokyon landete.
In der Raumhafenbar traf er einen Kurier aus der Regulus-Gegend, der dem Korps angehörte. Er lud ihn auf einen Drink ein und fragte ihn nach Neuigkeiten von der Erde.
»Das Licht ist so verdammt langsam«, brummte er, als Tarnung für den unerwarteten Stolz über seine Mission. »Da tritt eine Welt wie die Erde in eine Kontakt-Krise, und schon ist sie außer Kontrolle, noch ehe man hinkommen kann, um etwas dagegen zu unternehmen. Wie steht es mit der Erde?«
Der Kurier blickte verständnislos drein.
»Sol III«, sagte Scarlet.
»Oh, wir waren dort.« Der Kurier grinste hämisch. »Da nehmen Sie sich lieber eine dauerhafte Frau und eine gute Bibliothek mit, wenn Sie darauf warten, daß diese zanksüchtigen Affen zivilisiert werden.«
»Hu?« Scarlet leerte unbehaglich sein Glas. »Stehen Sie denn nicht kurz vor einem Kontakt?«
»Nicht, daß ich wüßte.«
»Vor hundert Jahren bauten sie bereits strategische Raketen«, protestierte er hoffnungsvoll. »Ins Weltall kommen sie bestimmt.«
»Aber nicht mit irgendwelchen friedlichen Absichten. Als wir diese Berichte verfaßten, arbeiteten sie gerade an Wasserstoffbomben. Es dauert nicht mehr lange, und sie jagen ihren miesen kleinen Planeten auseinander.
Selbst wenn sie über unseren Stützpunkt stolpern, heißt das nicht, daß sie sich für eine zivilisierte Gesellschaft eignen …« Der Kurier kippte seinen Drink herunter. »Lust auf noch einen?«
Scarlet blickte auf seinen Zeitring. »Danke, mein Schiff geht gleich ab.« Er eilte zurück an Bord – mit einem finsteren Stirnrunzeln.
Nach einigen sorgenreichen Wochen Schiffszeit schwamm Sirius ins Blickfeld, strahlend wie eine natürliche Nova. Die Neuigkeiten über Sol III waren um zwanzig Jahre jünger, aber immer noch bedrückend:
»Größere Stämme fechten heftigere Kriege mit besseren Waffen aus.« Der Stationskommandant grinste sardonisch. »Wenn sie Kontakt machen, werden sie uns mit Wasserstoffbomben angreifen. Wir sind es, die Schutz brauchen!«
»Sie mögen etwas schwierig sein …« Sich langsam anspannende Muskeln unterstrichen die Häßlichkeit von Scarlets Gesicht, so daß der besser integrierte Mann unbehaglich zur Seite sah. »Aber ich werde sie zivilisieren«, murmelte er. »Wenn sie überhaupt etwas mit Menschen gemein haben!«
Vielleicht hatten sie nichts mit ihnen gemein, sann Scarlet. Vielleicht müßte er schließlich doch das Blinker-Projekt befürworten. Aber ehe er die Entscheidung fällte, daß Sol in eine Supernova verwandelt werden sollte, hätten ihm andere Leute eine Stange Geld zu geben. Seine Sorge galt in erster Linie der Quelle dieser Bezahlung.
Er lauerte auf den Geruch nach Geld, als das Schiff in Station Proxima eintraf. Er ging von Bord, um danach zu schnuppern, aber alles, was er witterte, waren Schwierigkeiten. Die ratlosen Anthropoiden hatten Raketen ins All gejagt, doch waren ihre Bemühungen, den Trabanten zu erreichen, durch die Strahlungszonen gedämpft worden.
Als er unglücklich zurück zum Schiff wanderte, traf er bei der Luke ein Mädchen an. Vor ihr stand ein Deckoffizier, so daß sie den Weg versperrt fand. Sie machte ihrer Ungehaltenheit Luft in einer flüssigen, melodischen Sprache, die er nie zuvor gehört hatte, und er sah sich veranlaßt, seinen psionischen Übertrager einzuschalten.
»… unkonditionierte Haltung!« schimpfte sie gerade. »Sie sehen doch, daß meine Passage von Ihrem eigenen Büro arrangiert wurde!«
»Sie können ja mitkommen.« Der Offizier nickte widerwillig. »Aber nicht Ihr ganzer Plunder.«
Scarlet hörte, wie sie entrüstet nach Luft schnappte, als der Offizier auf einen Berg von Gepäckstücken wies. Scarlet blickte ebenfalls hin, und die Folge war, daß die leeren Etiketten mit Buchstaben aufleuchteten, die zusammenhängende Wörter ergaben. Scarlet konnte sie lesen, als wären sie in seiner eigenen Sprache abgefaßt:
INHALT: PSIONISCHE KONDITIONSAUSRÜSTUNG
ABSENDER:
MISSION BRIARSTONE
VERWALTER: CORAL FELL
BESTIMMUNGSORT: SOL III
Die Schilder verblaßten, als sein Blick zurück zu Coral Fell glitt.
»Erstens ist das kein Plunder, und zweitens gehört es nicht mir«, klärte sie den Offizier hitzig auf. »Es ist für die Leute von Sol III. Sie stehen kurz vor einer Kontakt-Krise. Sobald die Quarantäne aufgehoben ist, werden sie Hilfe benötigen. Ich ziehe dorthin, um ein psionisches Trainingszentrum zu eröffnen, das ihnen den Sprung in die Zivilisation leichter machen soll. Was Sie hier sehen, sind nur die absolut wichtigsten Geräte für unsere erste Klinik …«
»Und wären es ›Lebende Lichter‹, das hier ist kein gewöhnlicher Transporter«, schnappte der Offizier. »Unsere ohnedies begrenzte Ladefläche ist voll ausgenützt mit Vorräten für Station Sol. Warten Sie auf einen Frachter.«
»Aber es werden doch keine Frachter kommen!« Sie schluchzte. »Nicht, ehe die Quarantäne aufgehoben ist.«
»Tut mir leid.« Er zuckte unbeteiligt die Achseln. »Aber wir fliegen jetzt ab.«
»Warten Sie!« Ihre verzweifelte Stimme wurde leiser, doch der Übertrager fing trotzdem ihre Worte auf. »Ich habe eigene Fonds. Vielleicht könnten wir uns privat einigen.«
»Wenn Sie jemanden bestechen wollen, dann haben Sie den Falschen erwischt!« Der Offizier war empört. »Ich kann veranlassen, daß Sie in Station Sol von Bord keines Schiffes gehen dürfen!«
Sie drehte sich um, und Scarlet zuckte unter ihrem Liebreiz zusammen. Ihr langes Haar funkelte, und ihre feingeschwungenen Lippen zitterten. Blindlings kam sie auf ihn zu, heiße Tränen in den Augen.
»Wächter Scarlet!« Der Deckoffizier trat ihm mit unerwarteter Herzlichkeit entgegen. »So haben Sie sich auf Proxima schon umgesehen …?«
»Sie sind ein Beamter des Korps?« Plötzlich sah sie ihn – irgendwie aber nicht seine Häßlichkeit. Ihr Lächeln berauschte ihn. »Könnten Sie mir helfen?«
»Vielleicht.« Er wandte sich an den Offizier. »Wenn die Quarantäne aufgehoben wird, haben die Eingeborenen alle Hilfe nötig, die sie nur bekommen können. Wir nehmen Coral Fell mit, sie und ihr ganzes Gepäck. Ich denke, das läßt sich einrichten …«
»Jawohl, Sir.« Der Offizier war etwas rot angelaufen, nickte aber steif. »Ich kümmere mich darum.«
»Vielen Dank, Wächter!« Ihr Kuß raubte ihm den Atem, noch ehe er die Überlegung anstellen konnte, daß sie von einer Welt stammen mußte, auf der freizügigere Sitten herrschten als auf seiner. »Wie kann ich Ihnen das jemals vergelten?«
»Nicht doch! Ich will keine Bezahlung.« Er sagte es, aber nur mit großem Unbehagen. In seiner richterlichen Position konnte er es sich kaum leisten, offen heraus nach dem zu verlangen, was der Deckoffizier abgelehnt hatte. Es würde ein anderes Vorgehen notwendig sein, um mit ihr ins Geschäft zu kommen. »Aber – äh – wie wär’s, treffen wir uns später zum Dinner?«
»Sie also haben über die Zukunft dieses Planeten zu entscheiden?« meinte sie bewundernd, nachdem sie zur Verabredung gekommen war, strahlend schön in ihrem Umhang aus psionischen Fasern, die alle ihre Gedanken und Regungen durch wechselnde Farbmuster wiedergaben und jede seiner Reaktionen auf ihre Anmut hin heftiger werden ließen. »Ist das nicht schrecklich viel für einen einzelnen Mann?«
Er holte tief Luft, um ihr zu versichern, daß er lange auf dieses Amt vorbereitet und daß seine Eignung sorgfältig geprüft worden sei. Als er sich aber erinnerte, wie er seine Wahl sichergestellt hatte, durchflutete ihn eine Woge der Scham.
Glücklicherweise wurden in diesem Augenblick die Speisen serviert, und so hatte er Zeit, sich von seiner plötzlichen Verlegenheit zu erholen.
»Das Korps ist eine Organisation, die sich aus Freiwilligen zusammensetzt«, erklärte er ein wenig später, »obwohl wir natürlich offiziellen Status genießen … Unsere große Schwierigkeit liegt darin, daß sich so wenig Leute bereitfinden, ihre eigenen Zeiten und Welten zu verlassen, um durch seltsame, unbekannte Regionen und Epochen zu ziehen, und die ihr Leben dafür hergeben, irgendwelche einfältige Wilde zu bewachen. Wir haben nie genug Leute. Aber wir tun unser Möglichstes.«
»Wir selbst sind auch Freiwillige.« Sie nickte teilnahmsvoll. »Ich ging wegen meines Vaters zur Mission. Einen galaktischen Freibeuter pflegte Mutter ihn zu nennen. Er besaß eine große Flotte neutronischer Schiffe. Er operierte immer an der Front – beutete neue Welten aus und verwendete sein Kapital dazu, weitere Schiffe zu bauen und weitere Welten auszubeuten. Alles höchst legal, aber Mutter lehrte mich, seine Methoden zu verachten. Als ich seinen ungeheuren Reichtum erbte, brach ich auf zu diesen Welten, die längst vergessen irgendwo im Zentrum lagen, um das zurückzugeben, was er ihnen weggenommen hatte.«
Innerlich erfreut über alles das, was sie zu verschenken hatte, begann Scarlet, vorsichtig durchblicken zu lassen, daß er dafür empfänglich sein würde. Er gestand ihr ein, längst die jungenhaften Illusionen verloren zu haben, die zu seiner Freiwilligenmeldung geführt hatten.
»Ich weiß noch, wie es mich ganz kribbelig machen konnte«, erzählte er ihr. »Die Jahrhunderte hinunterzugleiten, all die zurückgebliebenen Welten zu überwachen, während sie sich aus dem Dschungel emporarbeiteten … Das Pech ist nur, sie brauchen zu lange. Sie straucheln viel zu oft und fallen viel zu weit zurück. Die Erde bewachen wir schon seit fünftausend Jahren.«
Es kribbelte ihn jetzt wieder – ob ihrer strahlenden Bewunderung.
»Ehrlich, Coral, ich bin fest entschlossen, aus dem Korps auszutreten, sobald ich es mir leisten kann. Ich habe den Drill satt, die Monotonie, all die Opfer. Ich möchte ein anständiges Leben … im Kreise einer Familie.«
Als sie lächelte, glühten die psionischen Fasern ihres Gewandes vor Entzücken. Er glaubte, er hatte seinen Standpunkt klargelegt.
»Auf Ihre neue Zukunft!« Sie stieß mit ihm an. »Ich finde es sehr klug von Ihnen, wenn Sie Ihren Abschied nehmen, denn ich war nie mit der Quarantäne-Philosophie einverstanden. Es erscheint mir beinahe kriminell, eine Welt wie die Erde fünftausend Jahre lang im dunkeln tappen zu lassen, wenn psionisches Training sie innerhalb von ein oder zwei Generationen zivilisiert machen könnte.«
»Auf Ihre Mission!« Er leerte sein Glas und versuchte, nicht an all die jungen Kulturen zu denken, die durch frühzeitigen Kontakt zerstört worden waren. »Wenn ich die Quarantäne aufheben kann …«
Offener wagte er nicht zu sein, aber sie begriff noch immer nicht.
»Auf unsere Erde!« hauchte sie. »So wollen wir es halten, all die langen Jahre hindurch, bis der Planet reif ist. Sie und ich, gemeinsam werden wir …«
Panik erfaßte ihn.
»Warten Sie meine Entscheidung ab!« stieß er hervor. »Sie vergessen, daß Sol III sich noch nicht qualifiziert hat. Finde ich keine Gründe, das galaktische Bürgerrecht zu bewilligen, wird der Planet eingeäschert.«
Ihr glühendes Gewand wurde ganz fahl vor Schreck, als er ihr vom Blinker-Projekt berichtete.
»Wain, wie können Sie so etwas in Erwägung ziehen!« Ihre geweiteten Augen waren schwarz und kalt. »Den Mord an einer Welt? Dreimilliardenfachen Mord!«
»Die Auslöschung der hiesigen Kultur mag bedauerlich erscheinen«, entgegnete er. »Aber von Mord kann gar keine Rede sein. Außer, den Eingeborenen wird menschlicher Status zugesprochen.«
»Aber es sind Menschen, Wain!« Ihr Gesicht glühte wieder vor Eindringlichkeit. »Ein Sozialfürsorger unserer Mission verbrachte mehrere Monate dort, eingeschnürt in ihre schrecklichen Wollkleider, getarnt als Medizinstudent. Er untersuchte Hunderte von ihnen. Physisch gesehen sind sie genauso menschlich wie wir!«
»Menschlicher Status hängt allein von den geistigen Gegebenheiten ab«, erinnerte er sie. »Oder, um präziser zu sein, in diesem speziellen Fall von meiner eigenen Urteilskraft.«
Aber nicht einmal dann begriff sie. Für ihre wohlkonditionierte Unschuld war ein Vizewächter weit über jede Korruption erhaben. Selbst gegen die offensten Anspielungen zeigte sie sich immun.
Die Bestechungssumme, die er sich wünschte, mochte sie nie zahlen – aber alle ihre Unschuld hielt sie nicht davon ab, sich der Künste der Psionik zu bedienen, um ihm eine andere Art von Bestechung aufzuzwingen, in der sie selbst einbezogen war. Weder seine windschiefen Nagezähne, noch seine schielenden gelben Augen oder die kümmerlich zurechtgeflickte Konditionierung seiner Person schienen ihr etwas auszumachen. Am Ende ihrer Reise saßen sie zusammen im Sichtdom und beobachteten, wie der luftlose Trabant den strahlenden Schein von Sol verfinsterte. Die Erde jedoch glühte noch immer in der Düsternis voraus: eine schmale, grüngeäderte Sichel, auf der einen Spitze ein funkelnder Eiskristall. Coral war ganz hingerissen.
»So wunderschön!« hauchte sie »So wunderschön und unberührt! Die Erfüllung aller meiner Wünsche!« Scarlet nickte, wandte aber kaum den Blick von ihr.
»Sag, daß du bleibst, Wain!« Sie ergriff seine Hand. »In ein paar Jahrhunderten haben wir hier eine blühende Zivilisation!«
»Aber ich bin nicht – äh – vollkommen konditioniert«, erwiderte er unbehaglich. »Bis dahin wäre ich – äh – ein älteres Semester.« Er sah, wie die psionischen Lichter ihres Haares verblaßten, und murmelte freudlos: »Ich verschwinde dorthin, wo es lebenswert ist, sobald meine Pflicht hier getan ist.«
»Aber, Wain!« Der psionische Staub, der sie einhüllte, wurde kalt und blau, als er sein Elend reflektierte. »Ich kann die Mission doch nicht einfach im Stich lassen. Und du weißt, daß unsere Arbeit hier gute zwei oder drei Jahrhunderte in Anspruch nehmen wird.«
»Deine Arbeit«, sagte er unglücklich. Daran konnte auch all der verführerische Zauber, den sie aufbot, nichts mehr ändern. Und so beobachtete er schweigend, wie die Erdsichel hinter dem schwarzen, zackigen Rand des Mondes unterging. Er hatte schon genug Zeit seines kurzen Lebens im Korps vergeudet; warum sollte er jetzt seine Jugend für sie hergeben? Sicher fand sich jemand anderer, der ihm das Gewünschte zahlte. Und war er einmal reich, würden mehr als genug liebliche Frauen bereit sein, all die Mängel an ihm zu übersehen …
»Ich bin ein Vizewächter«, erklärte er absichtlich schroff. »Ich bin hierhergekommen, um über das Schicksal eines Planeten zu entscheiden. Die Gesetze und Traditionen des Korps gestatten es mir nicht, mit jemandem in engere Beziehung zu treten, der ein spezielles Interesse an meiner Entscheidung hat.«
»Ist das alles?« Sie lachte halb atemlos. »Du Dummerchen! Du weißt ja gar nicht, wie viel Re-Konditionierung du brauchst. Aber natürlich respektiere ich deine Prinzipien. Ich werde dich nicht mehr belästigen, bis die Erde in die Zivilisation aufgenommen ist.«
Das Schiff erzitterte und setzte auf. Gemeinsam wandten sie den Kopf, um nach der Station Ausschau zu halten. Hier war es Nacht. Als sich seine Augen an das kalte Sternenlicht gewöhnt hatten, erfaßte ihn jähe Besorgnis.
Auf der kahlen, leblosen Ebene vor ihnen lagen einige Hügel nackten Gesteins um eine finster ragende Bergspitze verstreut. Gegen den Hintergrund zu erhob sich ein Wall aus zerklüftetem Fels.
Etwas anderes sah er nicht.
»Großartig!« flüsterte sie, ehe ihr anfängliches Entzücken von Bestürzung überschattet wurde. »Aber wo ist die Station?«
»Noch immer getarnt!« Er streckte den Arm aus. »Diese Hügel dort sind angestrichene Membranen, aufgepumpt, um die neutronischen Schiffe zu verbergen. Die Hauptinstallationen befinden sich in dieser Bergspitze, und darunter.« Er nickte. »Wir müssen warten, bis man einen solchen Schirm über uns errichtet hat, dann können wir von Bord gehen.«
Sie sagte, sie wolle noch schnell in ihre Kabine, um fertig zu packen, blieb dann aber am Eingang stehen, wobei sie ihn derart scharf beobachtete, daß er förmlich erstarrte. Obwohl er wußte, daß fortgeschrittene Konditionierung ein Tabu gegen unerwünschtes Eindringen in die Gedanken anderer beinhaltete, konnte er nicht umhin, ihre psionische Überlegenheit mit einigem Unwillen zu betrachten.
»Geh schon voraus«, schnappte er. »Wir treffen uns drunten bei der Schleuse.«
»Du bist beunruhigt, Wain.« Ihre herzliche Anteilnahme versicherte ihm, daß sie keines seiner Geheimnisse aufgegriffen hatte. »Warum?«
»Diese Tarnung …« Er wies auf die Hügelgruppe. »Sie ist zu gut. Die Station wird noch immer verborgen gehalten. Ich sehe auch keine Eingeborenenraketen. Ich fürchte, wir sind zu früh gekommen.«
Als er wenige Minuten später von Bord ging, erwartete ihn bereits der Stationskommandant, um ihn mit dem gebührenden Zeremoniell zu empfangen.
Kommandant Newbolt war ein schlanker blonder Riese, der seine Männlichkeit durch freizügige Anwendung psionischer Kosmetika hervorhob. Scarlet hörte, wie Coral scharf einatmete, als sie zum erstenmal den strahlenden Mantel intensivierter Männlichkeit sah, der Newbolts muskuläre Schönheit erst richtig zur Geltung brachte, und haßte ihn augenblicklich.
Hatte die Erde Kontakt gemacht?
Diese Frage brannte Scarlet auf der Zunge, doch geduldig wartete er, bis Newbolt seine Begrüßungszeremonie beendet hatte.
»Ihre Räume stehen bereit, Sir. Drunten in Tunnel Sieben. Ich hoffe, sie genügen Ihren Ansprüchen, denn ich glaube, Sie werden einige Zeit hier verbringen.«
»Die Krise?« Er konnte jetzt die Frage nicht mehr unterdrücken. »Sind die Eingeborenen schon da?«
»Noch nicht, Sir.«
»Warum nicht?« Er versuchte, seine Panik niederzukämpfen. »Vor hundert Jahren wurde gemeldet, daß sie auf eine Kontakt-Krise zusteuerten. Ich hatte erwartet, hier ihre Raketen vorzufinden.«
Ekel über seine Häßlichkeit und Geringschätzung für sein Urteilsvermögen waren deutlich hinter dem selbstgefälligen Lächeln von Newbolts schmallippigem Mund zu erkennen.
»Ich fürchte, Sie werden feststellen, Sir, daß meinem Vorgänger ein grober Fehler unterlief, als er für eine solch frühe Krise Vorbereitungen traf. Ich drängte ihn damals, nicht nach Ihnen zu schicken.«
Scarlet starrte empor zu dem Kommandanten, während sich alles in ihm anspannte. Schon jetzt konnte er sehen, daß Newbolt dumm genug war, eine sehr gefährliche Einstellung gegenüber jeglicher Art von Korruption zu vertreten.
»Was soll das heißen?« knurrte er. »Waren die Eingeborenen nicht dabei, diesen Mond hier zu erreichen?«
»Das schon, Sir. Aber vorerst begnügten sie sich, die Oberfläche mit ihren plumpen kleinen Raketen zu bepflastern.« Newbolt nickte verächtlich. »Selbst wenn sie uns jemals entdecken sollten, für die Zivilisation sind sie nie reif. Ihre Kultur leidet an krankhaftem Militarismus.«
»Ich werde Ihrer Meinung entsprechendes Gewicht beimessen«, erwiderte Scarlet ätzend, »sobald ich es für notwendig halte.«
Newbolt blieb ungerührt.
»Wir haben Beweismaterial zur Einsichtnahme durch Euer Ehren gesammelt«, fuhr er fort. »Als Ihr Schiff gemeldet wurde, gab ich Anweisung, daß sich alle menschlichen Wesen im Solarsystem zu einer Voruntersuchung hier einfinden mögen.«
»Danke.«
»Ich persönlich möchte Ihnen raten, das Blinker-Projekt zu befürworten«, fügte Newbolt hinzu. »Ich bin überzeugt, daß dies alles nur eine Zeitverschwendung war. Die Eingeborenen sind zwar zahlreicher geworden, kaum aber menschlicher.«
»Ich frage Sie um Ihren Rat, wenn der Augenblick dafür gekommen ist«, entgegnete Scarlet. »Bitte veranlassen Sie, daß mein Gepäck ins Quartier gebracht wird. Und arrangieren Sie alles für eine sofortige Einvernahme.«
»Jawohl, Euer Ehren.«
»Wain!« Coral Fell kam dahergeschwebt, ein einziges rosa Glühen der Bewunderung, die Augen weit und groß und starr auf Newbolt gerichtet. »Ich möchte den Kommandanten kennenlernen.«
»Ich glaube nicht, daß du sehr begeistert sein wirst«, warnte Scarlet sie. »Er rät mir, daß Blinker-Projekt zu befürworten.«
»So? Na, trotzdem.«
Unglücklich machte Scarlet sie miteinander bekannt. Ihr psionischer Puder glitzerte wie Sternenstaub, reflektierte beides, ihr Entzücken und Newbolts Mannesstolz. Als sie ihn bat, der Untersuchung beiwohnen zu dürfen, stimmte Newbolt zu, ohne Scarlets Erlaubnis abzuwarten.
Dann, eine Meile unter der Oberfläche, führte Newbolt sie rasch durch eine lange Halle, die als Museum für den bewachten Planeten diente. Kristallene Schaukästen waren zu sehen, gefüllt mit Steinäxten, rostzerfressenen Klingen und primitiven Fernlenkgeschossen.
»Unser neuestes Ausstellungsstück.« Newbolt blieb vor einer Nische stehen, in der eine glatte, schimmernde Rakete hing, unter sich die prachtvolle Sichel des Planeten, im Hintergrund eine sternenübersäte Leere. »Das erste bemannte Raumschiff von der Erde.«
»Wie haben Sie es hierhergeschafft?«
»Wir folgten ihm auf seinem Kurs. Die Eingeborenen wollten damit den Mond erreichen, aber sie gerieten in einen solaren Strahlenschauer, der die Abschirmung durchschlug. Als sie tot waren, bargen wir ihr Schiff.« Er lachte glucksend. »Wenn die gewußt hätten, daß wir sie aus nächster Nähe beobachteten …«
»Sie haben sie sterben lassen?« unterbrach Scarlet. »Hier draußen im leeren Raum?«
»Sie kennen ja die Satzungen …« Newbolt zuckte die Achseln, nicht gerade sehr respektvoll. »Kontakt war ihnen keiner gelungen. Folglich konnten wir uns nicht einmischen.«
Siebenundachtzig galaktische Bürger hatten sich auf sein Verlangen hin eingefunden. Die meisten von ihnen waren Mitglieder des Quarantänekorps, aber es gab noch andere, die es in die Wildnis dieses Systems getrieben hatte, aus Interessen so mannigfaltig wie ihre eigene seltsame Kultur … Eine drei Mann große Gruppe von Prospektoren hatte den Asteroidengürtel verlassen; ein verrückter Künstler, der an einem Epos über ein Wrack schrieb, war von einem Saturnmond aufgebrochen; ein Mystiker auf Pluto hatte ein Jahrhundert einsiedlerischer Betrachtungen unterbrochen, wie auch ein Archäologe seine Ausgrabungen auf dem Mars, nur um der Sitzung beizuwohnen; und ein halbes Dutzend freier Agenten hatte seine Masken als Erdenbürger eiligst fallenlassen.
Während sie dort unter der alten Steinkuppel des kleinen Auditoriums warteten, hatten sich diese galaktischen Bürger in drei Gruppen gespalten.
»Raubtiere!« Newbolt knurrte es verächtlich, als sie an einer der Gruppen vorbeigingen. »Gerüchte über die Krise sind schon seit einem Jahrhundert im Umlauf; nicht der kleinste Hinterweltlerplanet wurde verschont. Und was ist die Folge? Diese Wölfe sind herbeigeströmt und haben geheult, wir sollten abziehen, damit sie den Planeten ausbeuten können.« Er lachte. »Aber da macht ihnen das Blinker-Projekt einen schönen Strich durch die Rechnung!«
Scarlet erwiderte nichts. Eingehüllt in seine Aura amtlichen blauen Lichtes, stieg er langsam zum Richterstuhl empor und wartete darauf, daß Newbolt die Versammelten zur Ordnung rufe. Aus wilden, kritisch zusammengekniffenen Augen musterte er die drei feindlichen Parteien.
Newbolt marschierte zur vollzählig versammelten Belegschaft der Quarantäne-Station, an seiner Seite Coral, gekleidet in goldenen Staub und eine Kaskade psionischen Feuers, die sich von ihrer Taille abwärts ergoß. Scarlets Backenmuskeln spannten sich, und er wandte schmerzlich den Blick, um ihrer verstärkten Lockung zu entgehen.
Der Einsiedler, sein losgelöster Kopf blind und leichenhaft in dem kristallenen Würfel, war herumgeschwenkt und durch den Saal gerollt, um sich den drei schlanken jungen Männern mit ihren schmucken Uniformen des Signal-Dienstes anzuschließen. Scarlet runzelte mißbilligend die Stirn über die Schlichtheit, der sie sich befleißigten, und wandte seine Aufmerksamkeit den »Raubtieren« zu.
Die bunt durcheinander gewürfelte Gruppe zu seiner Linken bestand aus dem bärtigen Künstler und den raummüden Prospektoren – und noch einem halben Dutzend mehr. Sie alle sahen aus wie erschöpfte, hungrige wilde Tiere. Von dem Reichtum, nach dem er suchte, keine Spur.
Auf seinem Richterstuhl sitzend, leierte er die vorschriftsmäßigen Phrasen herunter, die an die alte Gerechtigkeit des Menschen appellierten. Seine Stimme war genauso abstoßend wie sein Äußeres.
»Eine Routineangelegenheit«, krächzte er und hielt abermals inne, um sich an den Qualen all der schönen Männer zu weiden. »Wir verzichten auf die weiteren Formalitäten, um zum Kern der Sache zu kommen. Es folgt ein kurzer Abriß … Die Eingeborenen von Sol III befinden sich laut Meldung in einer Kontakt-Krise. Sozialfürsorger warten darauf, sich ihrer anzunehmen und sie in die Zivilisation einzuführen. Ihre Qualifikationen für menschlichen Status wurden jedoch aufs heftigste in Frage gestellt, und der Signal-Dienst hat die Absicht ausgesprochen, Sol als intergalaktischen Blinker zu benutzen.« Sich verdrossen nach Coral umsehend, entdeckte er sie jetzt hinten im Saal, wo sie einen schmächtigen kleinen Fremden umglühte. »Einige Leute wieder sehen sich genötigt, dagegen Einspruch zu erheben …«
»Und ob wir Einspruch erheben!« Sie kam auf das Podium zu, in ihrem Schlepptau den Fremden. »Weil Sol keine nutzlose Sonne ist … Die Erde hat drei Milliarden Einwohner, deren Menschenrechte geschützt werden müssen!«
»Menschenrechte?« Er ließ seine Stimme unangenehm krächzen. »Soviel ich weiß, wurden alle menschlichen Wesen in diesem bedrohten System aufgefordert, sich hier zu versammeln. Ich zähle keine drei Milliarden.«
»Wie sollen sie auch psionische Anweisungen befolgen können? Sie haben ja noch nicht einmal von der Psionik gehört! Aber ich weiß jetzt, daß sie Menschen sind.« Sie schob den Fremden nach vorne. »Das ist Mark Whitherly, der Anthropologe. Er hat auf dem Mars …«
»Ich bitte Sie, Miß Fell!« unterbrach Newbolt. »Sie sind als Gast hier. Sie können doch nicht die Amtshandlung stören.«
»Lassen Sie nur, Kommandant.« Scarlet lächelte. »Ich halte nichts von Paragraphenreiterei. Ich bin entschlossen, jede Beweisquelle unter die Lupe zu nehmen.«
Newbolt setzte sich brummend.
Scarlet wartete, um Corals Entdeckung zu mustern. Der Anthropologe, mit seinem schleppenden Gang, den zitternden Händen und der pergamentartigen Haut, sah gut fünfhundert Jahre überreif aus für die Euthanasie.
»Höre, Wain!« stieß sie hervor. »Mark hat Beweise gefunden, die du nicht ignorieren kannst! Du wirst die Quarantäne sofort aufheben müssen. Und das Blinker-Projekt ablehnen.«
»Ich höre.« Scarlet runzelte zweifelnd die Stirn. »Sofern es sich um wirkliches Beweismaterial handelt.«
»Das ist der Fall.« Der alte Gelehrte sprach langsam, aber deutlich. »Euer Ehren, ich habe diesen Planeten zweitausend Jahre lang beobachtet, in Abständen. Es ist dies mein großes Experiment.«
»Was für ein Experiment?«
»Eine Studie über den Zusammenstoß von Kulturen. Man hört eine Menge Theorien – was passiert, wenn unsere galaktische Zivilisation auf primitive Gesellschaftsordnungen trifft. Es heißt, die Unterentwickelten würden für gewöhnlich davon profitieren, und es heißt ebenso, daß es die Zerstörung ihrer Kultur zur Folge hätte. Ich habe nun auf diese Krise gewartet und alles vorbereitet, um jene Frage wissenschaftlich zu klären. Nun, da der Augenblick gekommen ist …«
»Ist er das?«
»Allerdings!« Der alte Gelehrte warf den Kopf zurück. »Ich habe mitangesehen, wie die Eingeborenen immer näher an einen Kontakt herangerückt sind. Sie beobachteten unsere psionischen Monitoren – die sie ›Fliegende Untertassen‹ nennen. Sie schrieben ganze Bücher über uns. Ihre Raketen erreichten diesen Mond hier. Alles, was noch fehlt, ist die offizielle Anerkennung ihres menschlichen Status.«
»Euer Ehren, ich erhebe Einspruch!« Der Signaloffizier war jählings auf den Beinen, sonnengebräunt und gutaussehend, beinahe unverschämt gutaussehend, zumal er keine Kosmetika verwandte. »Ich muß mit allem Nachdruck betonen, daß unser Dienst die Sonnen für das intergalaktische Blinkfeuer nicht einfach aufs Geratewohl ausgesucht hat. Wir gingen die früheren Auswanderungsberichte durch und wählten einen Sektor, den man offensichtlich nicht in das Kolonisationsprogramm einbezogen hatte. Wenn Whitherly ein wirklicher Experte ist, so soll er Ihnen auch nur den kleinsten Beweis dafür liefern, daß menschliche Siedler jemals irgendwo auf der Erde landeten.«
Scarlet sah den verhärmten alten Mann fragend an.
»Das kann ich nicht«, sagte Whitherly.
»Wie wollen Sie dann für diese lausigen Anthropoiden einen menschlichen Status beanspruchen?« Mit selbstzufriedenem Lächeln wandte sich der Sonnen-Ingenieur an Scarlet. »Euer Ehren, nachdem Whitherly freimütig zugibt, keinerlei Anzeichen für ein biologisches Band zwischen unseren Rassen entdeckt zu haben, was schließlich erste Voraussetzung ist für menschlichen Status, beantrage ich, daß diese Sitzung mit einer offiziellen Befürwortung unseres Blinker-Projektes geschlossen wird.«
»Wain, warte!« Corals Stimme klang alarmierend. »Du hast noch nichts von Marks großer Entdeckung gehört!« Scarlet blickte ungeduldig zurück auf den schmächtigen alten Mann und stellte mißmutig fest, daß er zu arm aussah, um auch nur für den kleinsten Mond dieser Welten zu bezahlen, die zu retten es ihn drängte.
»Penwright hat einen voreiligen Schluß gezogen.« Whitherly nickte schwach, mit einem Seitenblick auf den Sonnen-Ingenieur. »Ich habe Beweise dafür, daß die Eingeborenen von der Erde unserem menschlichen Geschlecht angehören. Wenn hier keine Kolonisten landeten, so einfach deshalb, weil die Tendenz in die andere Richtung zeigte.«
Ein überraschtes Murmeln durcheilte den Saal.
»Die ersten zivilisierten Beobachter hier stießen auf die merkwürdige Tatsache, daß alles Leben auf der Erde einen gemeinsamen Ursprung zu haben schien«, fuhr Whitherly mit matter Stimme fort. »Jetzt weiß ich, warum. Mein gesamtes Beweismaterial untermauert die augenscheinliche Erklärung, daß diese Welt hier es ist, wo sich das menschliche Leben entwickelte.«
Schwankend hielt er inne, um Atem zu schöpfen.
»Sagen Sie es ihnen!« Coral packte seinen Arm, umwogt von purpurner Eindringlichkeit. »Sagen Sie ihnen, was Sie auf dem Mars gefunden haben!«
»In den letzten paar Jahrhunderten«, fuhr er mühselig fort, »dehnte ich meine Suche auf die öden Planeten aus. Ich fand auf dem Mars eine Ruinenstadt, die mehr als zwanzigtausend Jahre alt ist. Meine Ausgrabungen enthüllten, daß dort primitive neutronische Schiffe gelandet waren. Manche ließ man einfach stehen. Manche aber flogen wieder ab, nachdem man sie überholt hatte, damit sie interstellare Entfernungen zurücklegen konnten …
Die ersten neutronischen Schiffe!« flüsterte er schwach. »Sie hatten primitive Menschen von der Erde zum Mars gebracht. Sie trugen unsere Vorfahren ins All hinaus, auf daß sie die Milchstraße eroberten!« Er blinzelte Penwright trotzig an. »Nie darf man zulassen, daß Sie und Ihresgleichen unsere Mutterwelt morden!«
»Wirklich eindrucksvoll!« Penwright lächelte nachsichtig. »Euer Ehren, ich darf Sie daran erinnern, daß bereits jeder Planet im Umkreis von zweihundert Lichtjahren als die Wiege der Menschheit hingestellt wurde. Unglücklicherweise haben auf keinem irgendwelche stichhaltigen Beweise überdauert. Die Auswanderungswelle ließ diese Welten viel zu weit hinter sich. Die wenigen, die je kolonisiert wurden, gab man schon vor zwanzigtausend Jahren wieder auf.«
»Ich bin mit der galaktischen Geschichte wohlvertraut«, erinnerte ihn Scarlet frostig. »Ich besitze Kompetenz genug, mir über den Wert dieses Beweismaterials ein Urteil zu bilden.«
»Sie werden es sofort erledigen?« Der alte Whitherly blickte ängstlich zu ihm auf. »Sie sehen, meine Zeit läuft ab. Wenn es eine längere Verzögerung gibt, ist meine Chance dahin, den Ausgang der Krise zu beobachten.«
»Ihr persönliches Mißgeschick tut nichts zur Sache.«
»Aber, Wain! Warum warten?« bedrängte ihn Coral. »Das alles müßte doch genügen, um die Quarantäne aufzuheben, oder?«
Scarlet schüttelte mißmutig den Kopf. Whitherlys soziologische Forschungsarbeit, sowie Corals erzieherisches Programm und Penwrights Blinker-Projekt schienen unvereinbar mit irgendeiner Bestechung. Die noblen Argumente der ersteren beiden mochten ihm als Rückendeckung dienen, wenn es zu einem Urteilsspruch kam, aber das müßte warten, bis er einen Käufer für die Erde gefunden hatte.
»Nein.« Er sah Coral düster an. »Noch nicht.«
»Nicht in tausend Jahren, meine Liebe.« Newbolts Lächeln war strahlend vor männlichem Selbstvertrauen. »Überhaupt nie, meiner Meinung nach. Wenn das Blinker-Projekt nicht befürwortet wird, können wir uns hier die nächsten Jahrhunderte um die Ohren schlagen …«
»Irrtum, Newbolt!« Dieser Zwischenruf tönte aus dem Hintergrund des Saales, und Scarlet schwang herum; er sah einen mächtigen Fremden, der den Gang entlangschritt. »Ich komme gerade von der Erde, mit Neuigkeiten über die Krise.« Er blieb stehen und blickte unbekümmert hinauf zu Scarlet. »Euer Ehren, ich möchte Sie davon unterrichten, daß die Eingeborenen auf dem besten Weg sind, einen nicht übersehbaren Kontakt zu machen. Sie werden in genau zwanzig Stunden hier sein!«
Scarlet lächelte herab auf den Fremden, der eine Häßlichkeit an den Tag legte, die sogar noch größer war als seine eigene. Mit dem hervortretenden Kinn und der gebrochenen Nase sah er schon abstoßend genug aus, aber überdies war er kahl wie ein Stein, wettergegerbt wie altes Leder und von leuchtenden Narben durchzogen, die eine beredte Sprache führten. Nahezu nackt, benötigte er keinerlei psionische Kosmetika, um seine ungeheure animalische Vitalität herauszustreichen.
Newbolt zu sich winkend, fragte Scarlet: »Wer ist das?«
»Niemand, für den wir unsere Zeit verschwenden sollten.« Der Kommandant bedachte den Fremden mit einem geringschätzigen Blick. »Eins mehr von diesen Raubtieren, das auf das Ende der Quarantäne wartet – und jetzt beunruhigt ist, weil das Blinker-Projekt ihm die Suppe zu versalzen droht.«
Scarlet nickte stumm, fasziniert vom Glitzern der unbezahlbaren natürlichen Edelsteine, die um den Hals und an den riesigen Händen des Fremden hingen.
»Ein interstellarer Freibeuter, der sich Händler nennt.« Obwohl der Mann näherkam, fiel es Newbolt nicht ein, seine verachtungsvolle Stimme zu senken. »Dirk Flintledge. Ein großmäuliges Übel, aber ich werde mich seiner schnellstens entledigen!«
»Warten Sie! Wenn er Neuigkeiten hat über die Krise …«
»Er lügt!« Der Kommandant warf einen ärgerlichen Blick hinüber zu Flintledge, der von Coral Fell auf halbem Wege abgefangen worden war, die jetzt bewundernd glühte. »Meine Agenten sind in die Raumforschungszentren der Primitiven eingedrungen. Seit dem Verlust der Rakete, die wir bargen, haben sie keine neuen Startversuche gemeldet.«
»Aber dieser Mann war auf Sol III?«
»Leider ja.« Entrüstet kehrte er Coral und dem Händler den Rücken. »Allerdings nicht aus meinem Verschulden. Er traf hier ein, ehe ich Kommandant Rivers ablöste, und hatte die Erlaubnis, eine geheime Untersuchung über die Wirtschaft des Planeten anzustellen. Eine unglaubliche Indiskretion, finde ich. Von solchen Leuten darf man nicht erwarten, daß sie die Satzungen einhalten.«
»Ich will ihn sprechen, ja?«
»Wain, das sind wunderbare Neuigkeiten!« Strahlend vor Entzücken, führte Coral den Händler zum Podium. »Dirk sagt, daß eine Eingeborenenrakete genau hierher kommen wird!«
»Newbolt stellt diese Information sehr in Frage.«
»Seine eigenen Informationen sind unzulänglich.« Flintledge zeigte dem verwirrten Kommandanten ein häßliches Grinsen. »Diese neue Rakete wurde in einem geheimen militärischen Stützpunkt gebaut, den seine Quarantäne-Agenten wohl übersahen. Sie startete, noch ehe ich den Planeten verließ. Mittlerweile befindet sie sich auf halbem Weg hierher. Ihre Ankunft wird Ihnen eine ausgewachsene Kontaktkrise präsentieren.« Flintledge befeuchtete seine Lippen.
»Sie müssen wissen, einige Stämme der Wilden führen einen sogenannten ›kalten Krieg‹, der die Entwicklung von Raumwaffen vorantreibt. Einheimische Spione haben jeder Großmacht beunruhigende Nachrichten über die Fortschritte der anderen geliefert. Einem Stamm wurde mitgeteilt, daß seine Sicherheit durch einen feindlichen Stützpunkt auf dem Mond bedroht sei.« Sein Grinsen war erschreckend. »Sehr zum Pech für Newbolts Methoden stimmt der geplante Zeitpunkt mit dem Standort dieser Station überein.«
»Er lügt!« Newbolt wurde blaß angesichts der durchtriebenen Häßlichkeit des Händlers. »Er versucht, Euer Ehren zu beeinflussen!«
»Wir werden ja sehen.« Der narbige Mann blieb unbekümmert. »Aber ich muß Sie davon unterrichten, daß die Eingeborenen ihr Raumschiff mit einer Fünfzig-Megatonnen-Wasserstoffbombe bewaffnet haben.«
Newbolts Selbstsicherheit verblaßte etwas.
»Einen Moment, Euer Ehren.« Er hob sein Sprechgerät. »Ich möchte kurz die Monitoren überprüfen.«
Scarlet wartete, den Blick auf Flintledge gerichtet, ihn und seinen Reichtum abschätzend, bis Newbolt mit ärgerlicher Stimme zu sprechen begann. »Unsere Monitoren haben ein Objekt geortet, das sich ständig von Sol III entfernt. Die Ausstrahlungen dieses Objektes weisen sowohl auf nukleare Bestände als auch auf lebende Körper hin. Wenn es seinen Kurs beibehält, wird es direkt hierherkommen.«
»Und Kontakt machen!« Coral sprühte vor Eifer. »Das ist die Krise.«
»Einen ungültigen Kontakt!« Newbolt starrte den Händler wütend an. »Diese Eingeborenen haben es nicht von allein geschafft, den Weg durch die Strahlungszonen zu finden. Sie müssen illegale Informationen erhalten haben – einschließlich unserer Position hier.« Der blaue Staub, der ihn umhüllte, funkelte kalt. »Euer Ehren, ich klage Dirk Flintledge des Verstoßes gegen die Satzungen an.«
»Aber, Sir …« Flintledge blieb unerschüttert. »Warum sollten Sie ausgerechnet mich verdächtigen?«
»Weil Sie eine Krise erzwingen wollen«, schnaubte Newbolt. »Weil Sie drunten auf dem Planeten waren – mitten unter den Erbauern dieser Rakete. Weil ich Meldungen erhielt über Ihre gesetzeswidrigen Methoden bei früheren Zusammenstößen mit dem Quarantänedienst.«
»Das sind noch lange keine Beweise.«
»Die beschaffe ich mir aber.« Newbolts Augen blitzten unheilvoll. »Euer Ehren, ich habe die Absicht, diesen Verbrecher einzusperren und zu bestrafen.«
»Viel Zeit bleibt ihm nicht, um seine Beweise aufzutreiben.« Flintledge grinste Scarlet unverschämt an. »Die Eingeborenen werden in zwanzig Stunden hier sein, mit Geschossen, die niemand ignorieren kann. Wenn er das Raumschiff im Weltall abfängt, wird dieser Akt selbst der Kontakt sein.«
»Ich bestimme hier, was Kontakt ist und was nicht.« Scarlet versuchte, die wilde Häßlichkeit des anderen durch seine nasale und spitze Stimme wettzumachen. »Und ich beurteile, ob dieser Mann gegen die Satzungen verstoßen hat. Ist das klar, Kommandant?«
»Aber, Euer Ehren …«
Scarlet ließ Newbolt mit einer energischen Handbewegung verstummen. Er saß da, die Stirn gefurcht, und überlegte, wie er es am besten anstellen sollte, um mit Flintledge zu verhandeln, ohne arges Mißtrauen zu erregen.
Die Atmosphäre unter der Kuppel war gespannt. Plötzlich beunruhigt, wollte Coral wissen, auf welche Weise die Station vor dem Angriff der Wilden geschützt werden könne – sofern er, Scarlet, den Kontakt nicht anerkannte.
Abrupt unterbrach er die Sitzung und verkündete, daß er etwas Zeit benötige, um sich ein Urteil über die neue Situation zu bilden. Er wies Newbolt an, die Eingeborenenrakete weiter verfolgen zu lassen, sonst aber nichts dagegen zu unternehmen.
Ohne das erregte Gemurmel im Saal zu beachten, fragte er dann Newbolt nach der Vergangenheit des Händlers.
»Er ist unkonditioniert.« Newbolt senkte den Blick vor Scarlets eigener unkonditionierter Häßlichkeit und fuhr schnell fort: »Unkonditioniert und verzweifelt. Sie müssen wissen, er hat auf ein frühes Ende der Quarantäne spekuliert, unklugerweise. Jetzt steht er nahe vor dem Ruin.«
»Ist Flintledge reich?«
»Ich nehme an, er war es.« Newbolt zuckte mißbilligend die Achseln. »Er ergaunerte sich wahrscheinlich ein Vermögen bei den Wilden – und verlor das meiste wieder, als diese genug Psionik aufgeschnappt hatten, um seine Tricks zu durchschauen. Als er herausfand, daß Sol III langsam und sicher reif für die Krise wurde, verpfändete er sein Schiff, mit der Absicht, die Frucht zu pflücken. Ich erfuhr das von dem tüchtigen jungen Mann, der ihm nachflog, um zu kassieren. Ein weganischer Bankier, wissen Sie. Nun, wenn Sie das Blinker-Projekt befürworten, wird er keine Gelegenheit mehr haben, sich nach einem anderen Dummen umzusehen. Da ist er schon eingelocht.«
»Verstehe.« Scarlet runzelte die Stirn, um seine Freude zu tarnen. »Zeigen Sie mir jetzt bitte mein Quartier.«
Auf dem Weg hinaus fragte er Coral, ob sie mit ihm zusammen essen wolle, aber sie hatte bereits eine Einladung von Penwright angenommen. Und als er sich hoffnungsvoll nach Flintledge umsah, mußte er feststellen, daß der Händler bereits gegangen war.
In seinem Quartier angelangt, brütete er mißmutig vor sich hin. Dann hatte er sich entschieden:
Von ihm aus konnten die Sonnen-Ingenieure den Planeten kochen – außer, Flintledge fände sich bereit, für dessen Rettung zu bezahlen.
Zu vorsichtig, um den Eröffnungszug in diesem riskanten Spiel zu machen, vertrieb er sich die Zeit und hoffte, daß Flintledge sich melden würde. Aber das tat er nicht, zu seinem großen Leidwesen.
Erst eine Stunde später – er hatte sich allein zum Essen begeben –, als er es kaum noch aushalten konnte und schon ganz verzweifelt an der schwarzen Scheibe seines Armbandsprechgeräts herumfummelte, kam der ersehnte Anruf. Er zuckte zusammen, so plötzlich flammte der Kristall mit dem Abbild des Händlers auf.
»Ich glaube, ich sollte Sie in Ihren Überlegungen lieber nicht stören …« Flintledges dunkle kleine Pupillen funkelten zynisch. »Wo doch Penwright sich so danach sehnt, seinen Blinker auszulösen, und Coral Fell so ängstlich darauf bedacht ist, die Anthropoiden zu beglücken, und der alte Whitherly halb stirbt vor Verlangen, seine Kontakt-Krise zu beobachten – da dürfte Ihre Entscheidung schon schwierig genug sein.«
»Es freut mich trotzdem, von Ihnen zu hören«, erwiderte Scarlet vorsichtig. »Ich habe mir Gedanken über Ihr eigenes Interesse an dem Ausgang der Krise gemacht.«
»Wenn Sie auf ein Gläschen bei mir vorbeikommen wollen«, meinte Flintledge, »könnten wir uns gemeinsam darüber Gedanken machen – außer, Sie fürchten, ein Kontakt mit mir sei geeignet, Ihre Unparteilichkeit zu trüben.«
»Äh – danke.« Scarlet mißfiel die Vertraulichkeit des Händlers, aber es gelang ihm, seinen Unwillen zu unterdrücken. »Es wäre mir eine Freude.«
Er schnallte sich seinen Raumgürtel um und eilte hinaus ins Freie. Er traf Flintledge unter der Luftschleuse an, wie dieser mit den Armen ruderte und den Männern Schmähungen entgegenwarf, die gekommen waren, um sein Schiff in eine lunare Bergspitze zu verwandeln.
»Dieser Narr Newbolt glaubt, wir könnten uns hier verstecken«, knurrte er. »Aber ich weiß es besser. Mich sollen diese Wilden nicht unvorbereitet erwischen – oder sind Euer Ehren in der Lage, mich vollauf zu beruhigen?«
Scarlet folgte ihm durch die Schleuse. Die pompöse Einrichtung des Schiffes raubte ihm zuerst den Atem, aber dann ließ sie in ihm den festen Willen reifen, noch mehr zu verlangen, als er bisher gewagt hätte.
Unter all dem überschwenglichen Luxus von Flintledges Kabine stach ihm ein Figürchen ins Auge, eine Tänzerin. Sie balancierte auf einer mit Edelsteinen ausgelegten Platte, die einen dunklen Quader glänzendes Holzes bedeckte, und anfangs war sie bar jeder Züge, jeden Ausdrucks, ein Symbol nur allen weiblichen Zaubers, geschliffen aus einem klaren, makellosen Kristall.
Aber noch während er sie betrachtete, erwachte sie zum Leben, alle seine Vorstellungen von den Reizen der Frau reflektierend, verfeinert und geläutert durch die Sicht des Künstlers, der ihre psionische Matritze angefertigt hatte. Plötzlich war sie Coral Fell, aber jünger und zarter als die wirkliche Coral, nicht ganz so streng um die Lippen, vielmehr mit einem schwärmerischen Lächeln. Ihre einmalige Schönheit gab ihm einen Stich und hinterließ ein unbändiges Verlangen, das ihn schmerzte.
»Gefällt sie Ihnen?«
Flintledges Frage schreckte ihn auf. Er riß seinen Blick los von dem Figürchen und errötete, ehe er sich ins Gedächtnis rufen konnte, daß sich das Ganze nur für ihn allein abgespielt hatte, völlig privat.
»Sehen Sie sich um.« Des Händlers Grinsen war eine Fratze. »Wenn Sie etwas wollen, sagen Sie es nur.«
Ganz bestimmt wollte er eine Menge mehr als bloß ein psionisches Figürchen. Und während er sich abschätzend in der prachtvollen Kabine umblickte, entdeckte er zwei Bilder, die ihn gefangen hielten. Stereos – kristallene Zwillingsplatten – sie waren ebenfalls psionisch. Seine Gedanken ließen sie augenblicklich aufleuchten mit Leben und Bedeutung.
Zwei Männer …
Sie machten ihn erschauern. Der eine war sympathisch, der andere widerwärtig. Der eine schlank und jung, auf seinem markanten braunen Gesicht ein strahlendes Lächeln. Der andere älter, feist, mit verschlagenem, bösartigen Blick, im Nacken die Angst. Und doch waren sie, auf gewisse Weise, Zwillinge …
Beide von ihnen, jeder für sich, Scarlet!
Bestürzt drehte er sich um – und stellte fest, daß der Händler ihn beobachtet hatte, mit einer unverschämten Belustigung, die ihn ärgerte.
»Äh – was sind das für Dinger?«
»Vielleicht sollte ich mich bei Ihnen entschuldigen …« Das Kichern des Händlers war nicht danach. »Psionische Spiegel, so könnte man sie nennen. Sie sind derart konstruiert, daß sie das Ich reflektieren, das man der Welt zeigen, und das, was man ihr nicht zeigen möchte. Ich beobachte gern, wie meine Freunde darauf reagieren.«
Es kostete Scarlet einige Willensanstrengung, den Händler nicht zu fragen, wie er ihn sah.
»Ihre Reaktion, sie – gefällt mir.« Flintledge krähte vor Lachen. »Aber nehmen Sie doch Platz.« Er rang darum, seine Belustigung zu unterdrücken. »Ich sehe, Sie können diesen Drink jetzt brauchen.«
Sie ließen sich nieder, und ein psionischer Roboter kam mit einer seltsamen Flasche und zwei Gläsern, die Eis enthielten. In stummer Antwort auf die Wünsche des Händlers goß er ein Destillat über das Eis. Der Geruch war scharf und berauschend. Scarlet lehnte sich zurück, um das Getränk vorsichtig zu kosten.
Die Flasche stammte von Sol III. Die Wilden nannten das Zeug Whisky, und es gab nirgendwo etwas Gleichartiges.
»Wunderbar!« Schnaufend wischte sich Flintledge über die Augen. »Wunderbar wie der ganze Planet. Ich hatte das herausgefunden, noch ehe unsere Freunde vom Signaldienst mit ihrem Einäscherer daherkamen. Wunderbarer Reichtum, und noch völlig unberührt!«
Scarlet nippte an der brennenden Flüssigkeit und wartete geduldig auf das Finanzielle.
»Ganze Kontinente … reich genug, um sie abzutragen!« Seine rastlosen Augen blickten Scarlet durchbohrend an. »Ozeane zum Exportieren! Wir können den Planeten hundert Kilometer tief ausschürfen!«
»Ich habe einige von den alten Inspektionsberichten studiert.« Scarlet nickte vorsichtig. »Ich bin sicher, daß die natürlichen Rohstoffquellen noch ungeheuer viel hergeben. Wir haben genau aufgepaßt … Aber gehören sie nicht den Eingeborenen?«
»Ach, die! Eine armselige Bande!« Flintledge zuckte die Achseln. »Zu zurückgeblieben, um irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Ihre atomaren Waffen haben wir uns schnell vom Leib geschafft. Die Überlebenden mögen vielleicht sogar ganz nützlich sein, wenn wir unsere neuen Anlagen in Betrieb nehmen, vorausgesetzt, Coral hat sie mit ein bißchen Psionik gezähmt.«
»Ich bin für sie – äh – verantwortlich.« Scarlet runzelte die Stirn. »Sie müssen mich davon überzeugen, daß dieser Kontakt alleiniges Werk der Eingeborenen ist – Gipfelpunkt ihres Aufstiegs in die Zivilisation.«
»Darauf habe ich gewartet.« Flintledge lachte wieder, eindeutig zu herzhaft. »Sie wußten, daß ich mich unter diese eine Gruppe gemischt hatte, und folgerten ganz richtig, auf wen der Kontakt zurückzuführen war.«
»Sie geben also zu, einen frühzeitigen Kontakt ausgelöst zu haben, absichtlich?«
»Ganz im Gegenteil.« Die unnatürliche Heiterkeit des Händlers verblaßte, und Flintledge starrte Scarlet mit kühlen, berechnenden Augen an. »Aber selbst wenn ich es tun sollte, wäre meine Aussage von keinerlei Bedeutung. Wie Euer Ehren sich zweifellos bewußt sind, ist dieser Kontakt das, wofür Sie ihn hinstellen.«
Scarlet nickte nur und beobachtete den Händler weiter.
Schweißperlen waren diesem auf die Stirn getreten, und seine zerschundenen Hände hatten sich zu Fäusten geballt, die unmerklich zitterten. Plötzlich griff er nach einem neuen Glas Whisky.
»Hier, Euer Ehren!« Hastig spülte er den Drink herab, dann öffnete er ein Kästchen mit psionischen Filmen. »Ich möchte Ihnen zeigen, wie ich mir die Auswertung des Planeten vorstelle.«
Ungerührt sah sich Scarlet die einzelnen Entwürfe an. Die projektierten Anlagen waren phantastisch:
Dämme, um das Übermaß der Ozeane in Exporttanks abzuleiten; Hüttenwerke, um die Kontinente zu verschlingen; ein neutronisches Temperaturnetz, um die untere Kruste des Planeten für die Umwandler abzukühlen; Kompressionsstationen, um der Atmosphäre zu entziehen, was immer sie auch wertvoll machte; und Häfen für die Handelsflotten, damit diese dann die Beute hinaus ins Weltall schaffen konnten.
»Tüchtig.« Scarlet nickte beiläufig. »Das müßte Ihnen eine Stange Geld einbringen.«
»Das erwarte ich auch.« Seine heisere Stimme zitterte vor einer Spannung, die er nicht ganz zu unterdrücken vermochte. »Um die Wahrheit zu sagen, es muß klappen. Ich habe große Investitionen – mein Schiff, die Handelsware und die technischen Einrichtungen.«
»Verstehe.« Scarlet machte sich erfreut an eine neue Inspektion der luxuriösen Kabine. »Jede längere Verzögerung würde für Sie kostspielig sein, wie?«
»Es wäre mein Ruin!« erwiderte Flintledge wild, doch dann grinste er. »Ich habe mit Coral gesprochen«, fügte er hinzu. »Sie sagte, Sie wollten das Korps verlassen.«
»Ein alter Traum von einem neuen Leben draußen an der galaktischen Front. Hätte ich die Mittel für einen frischen Start, würde ich noch heute den Dienst quittieren.«
»Gut.« Der Händler grinste jetzt übers ganze Gesicht. »Ich sehe, wir können miteinander ins Geschäft kommen. Bei Ihren Erfahrungen sind Sie genau der Mann, den ich brauche, um die rechtliche Seite meiner Angelegenheit zu besorgen. Wenn Sie mit mir einen Vertrag abschließen wollen auf nur hundert Jahre …«
»Nein«, sagte Scarlet. »Ich habe schon zu viele Jahrhunderte für Wilde verschwendet.«
»Was wollen Sie denn?«
»Ich – äh …« Scarlet hielt inne, um den fremdartigen Luxus zu betrachten. Seine Kehle fühlte sich trocken an. Seine Schläfen pochten. Einen Moment lang wünschte er, er wäre besser integriert – aber schließlich, gerade die mangelhafte psionische Schulung war seine geheime Stärke.
»Sie können ruhig sprechen. Wir sind völlig unter uns. Und außerdem – wir sitzen ja im gleichen Boot.« Er winkte dem Roboter. »Da, nehmen Sie noch einen Schluck – und sagen Sie mir, was Sie wollen.«
Scarlet lehnte schwach ab, als der Händler ihm das Glas reichte.
»Ich möchte das Schiff.« Er holte tief Luft, erstaunt über seinen eigenen Mut. »Das Schiff und die Hälfte der Ladung.«
»Wenn das ein Scherz sein soll …«
»Nur mein Preis.«
Das dunkle Gesicht des Händlers verfärbte sich gelb. Mit einem fürchterlichen Schnaufen goß er noch einen Whisky herunter. Seine großen, narbigen Hände spreizten sich wie Klauen, zuckten wild nach vorne – und sanken langsam zurück.
»Sie sind ein unkonditionierter Narr!« keuchte er schließlich. »Warum sollte ich Ihnen so einen Preis bezahlen?«
»Wäre ich besser konditioniert, hätte ich Ihnen jetzt nichts zu bieten«, erinnerte ihn Scarlet. »So wie die Dinge aber stehen, habe ich neun Planeten zu verkaufen, einen davon bevölkert. Ich biete Ihnen ein Geschäft an.«
»Und wenn ich ablehne …?«
»Werde ich das Blinker-Projekt befürworten.« Scarlet lachte so unangenehm wie möglich. »Dann können Sie sich nach einer anderen Welt umsehen – das heißt, wenn Ihr Bankier Ihnen Zeit läßt.«
»Euer Ehren sind ein harter Händler!« Flintledge grinste, mit schmerzlicher Bewunderung. »Da wir beide nicht in diese Gesellschaft passen und unsere psionischen Wunden durch Geld zu heilen trachten, sollten wir ein vernünftiges Geschäft abschließen. Aber Sie wissen, daß ich dieses Schiff nicht hergeben kann.«
»Wenn man ganze Planeten zu verkaufen hat, dürfte es keine Schwierigkeiten bedeuten, sich ein besseres zu beschaffen.«
»Sie sind unintegriert!« Die Stimme des Händlers wurde heftiger. »Sie erkennen ja nicht, was das alles heißt – das Austüfteln, das Warten, das Risiko, die Darlehen, das Betteln bei den schönen Männern …«
»Aber ich erkenne es sehr gut.« Scarlet erhob sich. »Darum weiß ich auch, daß Sie sich eine positive Behandlung des Blinker-Projektes nicht leisten können.«
»Setzen Sie sich!« heulte Flintledge. »Trinken wir noch einen auf ein vernünftiges Abkommen!«
»Wir haben gerade ein vernünftiges Abkommen getroffen«, sagte Scarlet. »Ich gehe jetzt, um die Sitzung wieder einzuberufen. Ich muß mein Urteil verkünden, ehe die Eingeborenenrakete da ist.«
»Hören Sie, Euer Ehren!« Flintledge winselte beinahe. »Hören Sie auf die Vernunft!«
»Wenn Sie ein günstiges Urteil wollen«, unterbrach Scarlet, »dann schicken Sie Ihren Bankier zur Verhandlung. Er soll eine rechtsgültige Eigentumsübertragungserklärung für das Schiff mitbringen – und für die Hälfte der Handelsgüter und der technischen Ausrüstung. Er kann mir die Dokumente als ›letztes Beweismaterial‹ aushändigen.«
»Sie haben auch an alles gedacht!«
»Das hoffe ich!« Ein blasses Lächeln enthüllte Scarlets Nagezähne. »Ich denke, wir verstehen uns. Mein Urteil zu Ihren Gunsten wird erst dann bindend, wenn ich tatsächlich im Besitz des Schiffes und meines Anteils der Ladung bin, mit einem kleinen Spielraum, damit ich hier verschwinden kann.«
»Wenn Euer Ehren völlig unkonditioniert sind …«
»So sieht unser Geschäft aus.« Scarlet ließ seine Stimme unangenehm krächzen. »Schicken Sie mir Ihren Bankier.« Er nickte knapp in Richtung des psionischen Figürchens. »Die, übrigens, behalte ich.«
»Ich lasse auch die anderen Sachen hier.« Flintledge sah hämisch hinüber auf die zwei kristallenen Platten. »Sie werden sie brauchen!«
Scarlet drehte sich um und ging. Er war trunken vor Freude. Die Sterne dort draußen an der Front, er konnte sie beinahe greifen, so nahe schienen sie.
Das Auditorium war wieder gedrängt voll, und Spannung hing in der Luft. Selbst der Signaloffizier sah ratlos drein. Coral warf ihm ein unsicheres Lächeln zu. Newbolt erhob sich, um zu melden, daß seine Monitoren immer noch dem Angreifer folgten, der nun schon über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte.
Seine freudige Erregung unterdrückend, nahm Scarlet die Verhandlung wieder auf, mit dem Ansuchen um zusätzliches Beweismaterial.
Newbolt legte ihm eilig ein psionisches Band vor, das die Auswirkungen eines illegalen, zufälligen Kontakts zwischen einem verkleideten Quarantäneoffizier und einem arglosen Eingeborenen namens Lenin festgehalten hatte. Und während er das Band höchst kritisch studierte, merkte er, daß seine schweifenden Gedanken ganz unerwartet aus der lockenden Freiheit der Frontwelten nach hier zurückkehrten. In dem unkonditionierten Eingeborenen sah er irgendwie sich selbst.
»Euer Ehren«, drängte Newbolt, »dieses Band zeigt, daß die Wilden für einen Kontakt mit der Zivilisation nicht reif sind. Ein Eingeborenenjunge spricht kurz mit einem zivilisierten Außerirdischen. Keiner von beiden hat eine böse Absicht. Aber der Eingeborene greift dabei Ideen auf, die gefährlicher sind als die Kernphysik für seine Mitwilden!«
»Ich werde es erwägen.« Scarlet machte eine Pause, um die Stirn zu runzeln. »Noch irgendwelche Beweisstücke?«
»Euer Ehren, bitte!« Coral schritt strahlend zum Podium, in der Hand eine Bandaufzeichnung des alten Whitherly. »Es gab auch andere Begegnungen, mit weniger schädlichen Folgen. Hier ist ein Fall, der beweist, daß die Eingeborenen ebenso zivilisiert sind wie Sie.«
Scarlet widmete sich der Aufzeichnung eines anderen zufälligen Kontakts. Eine königliche Jacht von Altair II hatte im All Schiffbruch erlitten. Einer der Passagiere war irgendwie zur Erde gelangt. Allein unter Wilden, hatte er diese lieben gelernt. Als eine Rettungsexpedition ihn erreichte, lehnte er es ab, seine neu gewonnenen Freunde zu verlassen.
»Eine ergreifende Zurschaustellung von sentimentalem Primitivismus!« spottete Penwright. »Aber das Resultat ist keineswegs überraschend, wenn man den zweifelhaften menschlichen Status der Altair II-Bewohner in Betracht zieht – sie entkamen nur mit Mühe und Not unserem Blinker-Projekt.« Er legte Scarlet eine weitere Aufzeichnung vor. »Hier, Euer Ehren, ist ein Beweis dafür, daß jeglicher Kontakt mit diesen verlausten Tieren voll unvorhersehbarer Gefahren ist – nicht nur für sie, auch für uns!«
Das psionische Band berichtete vom Schicksal eines rotnasigen Hausierers aus der Frontregion, der zur Erde kam, um ein unkonditioniertes Verlangen nach Whisky zu stillen, und dann dort starb – an einer sogenannten Erkältung.
»Die untermenschlichen Welten hier im Zentrum bergen Geheimnisse, größer als die der ›Lebenden Lichter‹, und Feinde, tödlicher als jene auf den Frontplaneten.« Der Sonnen-Ingenieur strahlte kühle, selbstgefällige Schönheit aus. »Euer Ehren müssen in Betracht ziehen, daß der erste Blitz unseres Blinkfeuers all die tückischen mutierten Mikroorganismen vernichten wird, die sich seit dreitausend Jahren hier breitgemacht haben.«
»Ich werde alles in Betracht ziehen.«
Es wurden noch andere Beweisstücke eingereicht, und er studierte sie aufmerksam. Von Flintledge oder dem Bankier noch immer keine Spur … Dafür kam Newbolt mit einem Bericht über die Eingeborenenrakete herein.
»Ihr Urteil ist jetzt fällig.« Die muskulösen Schultern des Kommandanten hoben sich gewichtig, als werfe er seinen letzten Respekt vor Scarlet ab. »Aus Gründen unserer eigenen Sicherheit, Euer Ehren, müssen wir entweder diesen Kontakt anerkennen und unsere Besucher in die intergalaktische Zivilisation aufnehmen – oder aber ihnen den menschlichen Status verweigern und dem Blinker-Projekt freien Lauf lassen.«
»Ich treffe meine Entscheidung«, krächzte Scarlet, »wenn ich das gesamte Beweismaterial genauestens erwogen habe.«
Er hielt nach Flintledge Ausschau – und kam zu dem Schluß, daß der Händler wartete, um in einer weiteren privaten Unterredung eine günstigere Position für sich herauszuholen.
Er wollte schon die Sitzung verschieben und den Saal räumen lassen, als Newbolt plötzlich von seinem Armbandsprechgerät aufsah und zu ihm emporstarrte.
»Euer Ehren, meine Monitoren haben soeben ein elektromagnetisches Signal empfangen, das direkt zu dieser Station gesendet wurde. Die Nachricht bestätigt wieder einmal, wie wild diese Leute sind.«
»Bitte übersetzen Sie.«
»Das werde ich, Euer Ehren.«
Ein Geräusch erfüllte den Saal, verstärkt durch Newbolts Armbandgerät. Für Sekunden mutete es völlig fremdartig an; dann entdeckte Scarlet hinter der metallischen Verzerrung des primitiven Sendesystems eine wilde Stimme. Im nächsten Augenblick hatte sich der psionische Übertrager eingeschaltet, so daß die dröhnenden Laute Bedeutung gewannen.
»Weltraumschiff Vier Eins, US-Raumwaffe, unter dem Kommando von Major Tom Scoggins, ruft unbekannten Stützpunkt auf Mondäquator.«
Scarlet hörte ein Beben in der Stimme und das Geräusch heftigen Atmens; eine lebhafte Vorstellung von dem angsterfüllten, aber entschlossenen Wilden in der Rakete überkam ihn, wie dieser sein primitives Gefährt auf eine ihm unbekannte Welt zusteuerte, verzweifelt über die Auslöser seiner Waffen gebeugt, in der Erwartung, eine Feindseligkeit anzutreffen, so heftig wie seine eigene. Obwohl der Wilde völlig unkonditioniert war, empfand Scarlet einen jähen Schauer von Bewunderung.
»Identifizieren Sie sich!« Die angespannte Stimme tönte abermals durch das Krachen der Störgeräusche. »Geben Sie sofort Ihre friedliche Absicht zu erkennen. Andernfalls sind wir gezwungen, Schritte zu unternehmen, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu gewährleisten!«
»Wain, das ist unser Kontakt!« Coral frohlockte. »Man merkt, Major Tom Scoggins hat ganz schön Angst, aber diese Nachricht beweist, daß er menschlich ist. Wie können wir da noch warten?«
»Das können wir – äh – nicht.« Verwirrt über eine Woge unerwarteter Gefühlsregung in ihm, wandte sich Scarlet an Newbolt. »Ich – äh – ich muß Sie anweisen, folgende Antwort …«
»Euer Ehren!«
Der Ruf ließ ihn zum Eingang sehen. Der junge weganische Bankier kam in den Saal gestürzt; er schwenkte einen Stoß psionischer Dokumente. Ihr Anblick machte Scarlet schwindelig. Hier war die Erfüllung seines langen Traumes. Hier war sein endgültiges Entrinnen von all den Wunden, die ihm die schönen Menschen zugefügt hatten, sein Entrinnen von ihrer falschen Anteilnahme und dem leeren Vorwand, daß er einmal so werden könnte wie sie. Hier war köstliche Rache für seine unkonditionierte Häßlichkeit. Er schloß einen Moment lang die Augen und versuchte, seine Maske richterlicher Strenge wiederzugewinnen.
»Euer Ehren!« Die eindringliche Stimme des Bankiers schien aus weiter Ferne zu kommen. »Captain Flintledge hat mich gebeten, Ihnen diese neuen Beweisstücke vorzulegen. Wir sind überzeugt, daß Sie sich daraufhin veranlaßt sehen werden, diesen Kontakt anzuerkennen, das Blinker-Projekt abzulehnen und die Erde dem galaktischen Handel zu erschließen.«
Mit zitternden Händen nahm Scarlet die Dokumente entgegen. Obwohl sein Blick verschwommen war, erkannte er sogleich, daß es sich um das Gewünschte handelte.
»Was für ein unkonditionierter Wahnsinn kann jetzt schon wieder Ihre Entscheidung verzögern?« erreichte ihn Newbolts wütende Stimme. »Darf ich Euer Ehren daran erinnern, daß unser angreifender Anthropoide bereits seine Atomraketen zum Abschuß vorbereitet?«
»Ich – ich bin mir der Tatsachen bewußt.«
Scarlet erhob sich schwankend. Er rang nach Atem. Die wesentlichen Tatsachen waren die in seiner Hand. Opferte er auch durch seine Entscheidung eine Welt, sie würde es ihm ermöglichen, Hunderte neue zu beanspruchen und zu kolonisieren, wenn er erst einmal die galaktische Front erreichte. Und dann …
Solche Tatsachen waren es, die eine Rolle spielten. Aber andere kreisten dennoch wie verrückt in seinem Hirn. Lauter als Newbolts ärgerlicher Ausruf hallte die Stimme des jungen Wilden namens Lenin. Die Entscheidung des schiffbrüchigen Prinzen flammte heller als Corals Haar. Die atemlose Verzweiflung von Major Tom Scoggins war plötzlich, irgendwie, seine eigene.
Mit einer steifen Handbewegung bat er um Ruhe.
»Ich – äh – ich habe das Beweismaterial erwogen.«
All die Leute, die jetzt gespannt warteten, all diese wunderschönen Leute angrinsend, öffnete er den Mund, damit sie seine windschiefen Nagezähne sehen konnten. Er weitete seine gelben Augen. Er war froh über den krummen kleinen Körper, über die zurücktretende niedrige Stirn und die Sommersprossen im Gesicht. Stolz auf all seine unkonditionierte Häßlichkeit, ließ er sie warten.
»Ich – äh – habe allen Argumenten gebührliche Beachtung gezollt.« Seine Stimme krächzte widerwärtig. »Ich habe die Satzungen des Nicht-Kontakts genauestens studiert, sowie den Gesetzes- und Sittenkodex in bezug auf eine Kontakt-Krise. Ich bin bereit, das – äh – Urteil zu fällen.«
Und wieder ließ er sie warten, mit einem heimtückischen Knurren.
»Ich entscheide, daß kein Kontakt besteht!«
Coral fauchte empört. Whiterly schwankte und fiel zu Boden. Der Bankier brüllte. Newbolt und der Signaloffizier schrien begeistert. Seine eigene Stimme ging unter.
Dann, in der atemlosen Stille, die folgte, ließ er sie von neuem warten. Er kratzte sich an der Nase, ihre Qualen auskostend.
»Das Beweismaterial überzeugt mich, daß die Eingeborenen bei einem Kontakt zugrunde gehen würden.« Ohne die unheilvolle Wut des Bankiers zu beachten, studierte er die selbstgefälligen, freudig erregten Mienen von Newbolt und Penwright – und hielt abermals inne, um sich an dem zu weiden, was er ihnen anzutun gedachte. »Ich bin jedoch in gleichem Maße überzeugt, daß sie Menschen sind.«
Er fuhr mit gedehnter Stimme fort:
»In Anbetracht meiner beeideten Pflicht unter den Satzungen lehne ich daher das Blinker-Projekt ab. Ich weise Kommandant Newbolt und alle seine Nachfolger an, die Quarantäne über die Erde so lange bestehen zu lassen, bis die Eingeborenenkultur reif ist für einen Kontakt.«
Er verstummte wieder, um sich an dem Gesicht des Signaloffiziers zu ergötzen.
»Im Anschluß an diese Order befehle ich Newbolt, den Wilden Tom Scoggings und seine Mannschaft abzufangen, wobei jeder unnötige Schaden zu vermeiden ist.«
»Warum, Wain? Warum nur?« Coral starrte zu ihm empor, ihre blaue Aura ganz fahl und kalt und unstet. »Warum hast du das getan?«
Er aber grinste nur und entblößte seine abstoßenden Zähne, bis sie weinend davonlief. Newbolt und der Bankier marschierten ihr nach. Der Signaloffizier wandte sich ebenfalls zum Gehen, aber schwang plötzlich wieder herum.
»Euer Ehren?« Seine Stimme war unheilvoll. »Darf ich fragen, warum?«
»Dazu haben Sie kein Recht. Aber bitte … Sie selbst waren es, der mich in meinem Entschluß bestärkte. Sie zeigten die Mängel dieser Wesen auf, und das ließ mich erkennen, daß sie genauso menschlich sind wie ich. Sie schienen überrascht, als ich meine Entscheidung verkündete. Vielleicht war ich es selbst … Überrascht – und zufrieden!«
Aber Penwright hörte nicht mehr zu. Sein Armbandschirm hatte aufgeleuchtet. Als er den Kopf wieder hob, war sein Gesicht eine schöne bronzene Maske.
»Euer Ehren«, schnurrte er sanft, »ich habe eine weitere Überraschung für Sie. Ich glaube, Ihre merkwürdige Entscheidung wird in Kürze von einer höheren Autorität aufgehoben – zu Gunsten unseres Blinker-Projektes.«
»Geben Sie acht!« krächzte Scarlet. »Sie wollen doch nicht den Beschluß des Gerichtes kritisieren?«
»Doch!« Penwright nickte heiter. »Ich kann es mir leisten, denn wir haben soeben eine Nachricht von einem Passagier erhalten, der mit einem anderen Korpsschiff hier landen wird. Es ist ein alter Bekannter von Ihnen, aus dem Quarantäne-Büro auf Denebola IV. Erinnern Sie sich – Wächter Thornwall?«
»Was macht der hier?«
»Da ist etwas mit Ihrer Vergangenheit.« Penwright kicherte. »Irgendwelche Manipulationen … Fälschung von amtlichen Papieren. Jemand entdeckte, daß Sie für Ihre Mission hier mangelhaft konditioniert waren. Der regionale Direktor schickte Thornwall, um Sie abzulösen.«
Scarlet war erstarrt, wie vor den Kopf geschlagen, und alle seine neuen Entschlüsse und Pläne brachen entzwei. Die eigene Vergangenheit hatte ihn überholt; sie war ihm zu nahe gefolgt. Seine hilfreiche Geste den Erdenmenschen gegenüber hatte ihn alles gekostet.
»Thornwall ist ein alter Schulkamerad von mir.« Penwright grinste. »Ich habe ihm einmal das Leben gerettet, als wir nach den ›Lebenden Lichtern‹ sonnentauchten und er sich in einem ihrer magnetischen Netze verfangen hatte. Ich glaube, ich darf beruhigt annehmen, daß er das Blinker-Projekt befürworten wird.«
»Vielleicht«, krächzte Scarlet. »Aber zuerst muß er hier sein.«
Noch immer in sein richterliches Licht gekleidet, verließ er das Podium und machte sich auf die Suche nach Coral. Er fragte, wo sie sei, und bekam eine spöttische Antwort: »Sie finden sie bei Flintledge. Wenn überhaupt!«
Mit einemmal fühlte er sich kalt und verlassen. Er legte sich einen Raumgürtel um und lief, so schnell er konnte. Als er ins Freie stürmte, erhob sich Sol bereits über die trostlose Kraterlandschaft.
Aber wie konnte es Sol sein?
Jähe Bestürzung ließ ihn erstarren.
Dieser grelle Punkt heißen blauen Lichtes war zu klein für Sol, ging zu weit nördlich und drei Tage zu früh auf! Vielleicht ein anderer Stern?
Aber er hatte jetzt keine Zeit, siel, mit diesem Rätsel zu beschäftigen. Er mußte sein neutronisches Schiff suchen.
Vielleicht, dachte er, hatte Newbolt den Kopf verloren und die Rakete von der Erde gewaltsam abgefangen. Vielleicht waren Tom Scoggins Atomgeschosse gezündet worden. Aber schließlich, wenn das der Fall wäre, müßte das Feuer im Weltall doch langsam verblassen!
Statt dessen wurde es sichtlich stärker. Er drehte das Filter seines Raumgürtels auf volle Kraft. Wegen der blendenden Lichtfülle konnte er zwar die Konstellationen nicht sehen, aber er fand, es müsse in der Richtung von Denebola sein. Es müsse. .
… eine künstliche Nova sein!
Das ließ ihn erschauern. Seitdem er Penwright kannte, war ihm die Vernichtung eines Sternes immer als eine Wahnsinnstat erschienen, als eine himmelschreiende Unverschämtheit.
Aber er riß sich zusammen und eilte weiter.
Welcher Stern hätte als erster intergalaktischer Blinker aufflammen sollen?
Er entdeckte den weganischen Bankier, wie dieser gerade unglücklich auf einen grauen Krater starrte, gesäumt von verbranntem Tarnstoff, wo das neutronische Schiff gestanden hatte. Erfaßt von einem eisigen Schauer, fragte er:
»Coral? Haben Sie sie gesehen?«
»Mit Flintledge abgeflogen.« Der Bankier wies starr in den flammenden Himmel. »Dorthin, wo Sie selbst verschwinden wollten.«
Scarlet begrub den letzten Rest seiner Träume.
»Aber ich meine, Euer Ehren haben jetzt dringendere Probleme.« Ein scharfer Anflug von Gehässigkeit durchbrach das wohlkonditionierte Auftreten des Weganers. »Ich bin zwar nicht in der Lage, Sie irgendwie anzuklagen, aber es war mir eine Freude zu hören, daß Kommandant Newbolt Ihre Verhaftung angeordnet hat.«
»Ich habe Immunität«, entgegnete Scarlet niedergeschlagen. »Zumindest, solange ich mein amtliches Licht trage.«
»Das werden Sie nicht mehr lange«, versprach ihm der Bankier. »Wächter Thornwall trifft in Kürze hier ein … mit all den unangenehmen Tatsachen, die Sie auf Denebola IV begraben wähnten.«
Sich noch immer an die fahle Aura seiner Befehlsgewalt klammernd, wartete Scarlet gemeinsam mit Newbolt, Penwright und dem Bankier, als das Quarantäne-Schiff aus der wilden Glut der Nova herabkam. Newbolt marschierte schnell darauf zu, um Thornwall bei der Schleuse zu empfangen.
»Hier ist Ihr Mann, Sir.« Er nickte verächtlich hinüber zu Scarlet. »Ich versuchte, ihn zu arretieren. Aber er hat die Stirn, sich auf seine richterliche Immunität zu berufen.«
»Hallo, Wain!« Thornwall sah älter aus, seine dunkle Schönheit schien von einem Schatten getrübt, und dennoch wirkte sein müdes Lächeln irgendwie freundlich. Er ging an Newbolt vorbei, um Scarlets Hand zu ergreifen.
»Verzeihen Sie, daß ich Ihre alten Sünden aufgezeigt habe.« Seltsam, er grinste. »Als ich die Nachricht sandte, glaubte ich, Newbolts Worten entnehmen zu müssen, daß Sie gerade dabei seien, einen gröberen Unfug anzustellen. Glücklicherweise trafen Sie in diesem Krisenfall eine großartige Entscheidung, die alles wiedergutmachte.«
»Was soll das Ganze?« Newbolt folgte ihnen von der Schleuse nach, mit funkelndem Blick. »Wächter Thornwall, werden Sie nicht die Beschlüsse dieses Verbrechers aufheben?«
»Im Gegenteil.« Ein strenges Lächeln huschte über Thornwalls blasses Gesicht. »Kommandant, ich fürchte, Sie haben eine der ersten Traditionen des Korps vergessen. Wir gestatten unseren Leuten, aus ihren Fehlern zu lernen. Obwohl Scarlet sich dessen nicht bewußt war, wurde sein unkonditioniertes Verhalten schon damals auf Denebola IV bemerkt und gemeldet. Der regionale Direktor bot mir eine Wette an, so sicher war er, daß Scarlet die richtige Entscheidung treffen würde – und das, ehe wir ihn hierherschickten.«
Scarlet blinzelte.
»Aber wenn – wenn Sie wissen, was ich getan habe, werden Sie mich da nicht zugrunde richten?«
»Seien Sie kein völlig unkonditionierter Narr!« Thornwall klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. »Ich sträubte mich, diese Wette anzunehmen. Wenige von uns sind vollkommen. Und diese wenigen erreichen selten etwas im Korps, weil sie fast nichts gemein haben mit den Leuten, die wir überwachen. Wain, ich werde Sie für eine Beförderung vorschlagen.«
Scarlet schluckte und versuchte, seine bebenden Lippen zu befeuchten.
»Aber er gehörte hinausgeworfen!« wütete Newbolt. »Ich kann beweisen, daß er eine Bestechung angenommen hat. Seine Entscheidung, die Quarantäne zu verlängern, widerspricht stichhaltigem Beweismaterial, daß die Eingeborenen keine Menschen sind. Er hat sich einfach darüber hinweggesetzt. Ich werde dem Signaldienst raten, dagegen Berufung einzulegen.«
»Ihren Rat können Sie sich sparen«, unterbrach ihn Thornwall sanft. »Sie wurden Ihres Amtes hier enthoben. Sie sind zurückversetzt zum Signaldienst – der sich jetzt in einer außerordentlichen Notlage befindet.«
Newbolts empörtes Brüllen ignorierend, wandte sich Thornwall wieder an Scarlet.
»Wain, Sie übernehmen Newbolts Posten als Kommandant dieser Station hier. Für die nächsten paar Jahrhunderte werden Sie die Leute von der Erde betreuen – und sie zu wirklich menschlichem Status hindirigieren. Eine schwierige und einsame Aufgabe, aber …«
Newbolt war etwas abseits getreten; er sprach leise mit Penwright.
»Das lassen wir nicht geschehen!« schrie er plötzlich. »Das Blinker-Projekt muß jetzt beschleunigt werden, um diese natürliche Nova in unser intergalaktisches Feuer einzuverleiben. Der Signaldienst wird bei Ihrem regionalen Hauptquartier auf Denebola IV Berufung einlegen!«
Thornwalls müdes Lächeln ließ ihn verstummen.
»Wir haben kein Hauptquartier mehr auf Denebola IV.« Er wies zu jenem schrecklich grellen neuen Licht über der blauen Mondlandschaft. »Denn diese Nova ist Denebola.«
»Denebola – eine Nova?«
»Aber keine natürliche.«
Newbolt sperrte den Mund auf und starrte Penwright an.
»Aber sie kann doch nicht …« Der Signaloffizier schüttelte wild den Kopf. »Sie kann doch nicht künstlich sein! Sol war als erste eingeplant. Und Denebola ist überhaupt kein Teil unseres Blinker-Projekts.«
»Nicht unseres«, sagte Thornwall. »Aber es gibt noch ein anderes.«
»Wessen?«
»Das Signal zu interpretieren, wird jetzt Ihre Aufgabe sein.« Thornwall lächelte düster. »Ich hatte meine erste leise Vermutung vor Jahren, als ich in Denebola sonnentauchte und die Strahlungen der Energiekomplexe untersuchte, die wir die ›Lebenden Lichter‹ nannten. Bei verschiedenen Gelegenheiten entdeckte ich neutronische Komponenten in ihren Ausstrahlungen.
Seither habe ich die Berichte anderer Expeditionen in andere Sterne gesammelt. Mehrere Taucher stießen auf gebündelte neutronische Strahlen, von derselben Art, die Sie benützen wollten, um Ihre neuen Supernovae zu entfachen. Eine Massenflucht der Lichter von der Oberfläche Denebolas, die ich kurz vor meinem Abflug beobachten konnte, brachte mich auf den Verdacht, daß unsere galaktische Zivilisation gerade eine Kontakt-Krise mit einer anderen Kultur erreichte, die weit höher entwickelt ist, als wir es uns vorstellen können.«
Thornwall lachte leise über Penwrights bestürztes, bleiches Gesicht.
»Ich nehme stark an, daß Ihr Blinker-Projekt jetzt aufgegeben werden muß.« Der Anflug von Belustigung schwand aus seiner Stimme. »Denn augenscheinlich haben sich diese elektronischen Wesen unsere eigenen Sonnen für ihr Blinker-Projekt ausgesucht, wobei sie uns nicht mehr Beachtung schenken als Sie bisher den Anthropoiden auf der Erde. Ich bezweifle, daß Denebola die letzte ihrer künstlichen Supernovae sein wird – außer, Sie können sie überreden, uns einen Status in ihrer Kultur einzuräumen.«
»Wie – wie sollten wir das anstellen?«
»Es ist jetzt Ihre Krise.«
Scarlet wandte sich langsam ab. Er blickte empor in den flammenden Himmel und fragte sich, welche Richtung wohl Coral und der Händler genommen hatten.
Dann kehrten seine Gedanken rasch zurück zu dem viel wichtigeren Problem. Er würde Major Tom Scoggins wieder heimschicken müssen, zur Erde, mit einer Warnung für die Eingeborenen – daß die Strahlung der Nova alle ihre Pläne für die Erforschung des Alls lahmlegen würde.
Dann – dann müßte er die Leute durch die Jahre der Reife geleiten, bis die Erde sich wieder zu ihren stolzen, verlorenen Kindern gesellen konnte!
