Es schi­en, als sei die hal­be Ga­la­xis an der Er­de in­ter­es­siert. Die einen such­ten sie zu plün­dern, die an­de­ren woll­ten sie in einen Glut­ball ver­wan­deln!

 

Jack Williamson
Richtspruch über Terra

 

Jun­ger Mann ge­sucht, um sech­zig Licht­jah­re weit zu rei­sen und über Auf­stieg oder Un­ter­gang von ei­nem Dut­zend Wel­ten zu ent­schei­den. Vor­aus­set­zung hun­dert­jäh­ri­ge Pra­xis im Qua­ran­tä­ne­korps und psio­ni­sche Klas­si­fi­ka­ti­on fünf oder mehr. Be­zah­lung – nun, ein un­ter­neh­mungs­lus­ti­ger Vi­ze­wäch­ter, dem das Schick­sal gan­zer Pla­ne­ten ob­lag, konn­te sei­nen ei­ge­nen Preis nen­nen.

 

Die An­zei­ge vom Dis­trikt­bü­ro war nicht ge­ra­de so kurz und bün­dig, doch ge­nüg­te die­se Zu­sam­men­fas­sung, zu­min­dest, was Wain Scar­lets ur­ei­gens­te In­ter­es­sen be­traf. Er hat­te ein lang­wie­ri­ges Jahr­hun­dert im re­gio­na­len Haupt­quar­tier auf De­ne­bo­la IV zu­ge­bracht und nur auf ei­ne sol­che Ge­le­gen­heit ge­war­tet. Jetzt pack­te er sie beim Schopf.

Aber so ein­fach war das auch wie­der nicht.

Sein Ge­sicht stell­te das ers­te große Hin­der­nis dar. Er war ein ma­ge­rer, som­mer­spros­si­ger Bur­sche, und dies in ei­ner Welt, wo solch un­nö­ti­ge Häß­lich­keit ge­ra­de­zu scho­ckier­te. Sei­ne nur teil­wei­se kon­di­tio­nier­ten El­tern hat­ten sich ge­wei­gert, der Na­tur ins Hand­werk zu pfu­schen. Noch ehe er dann alt ge­nug war, um für sei­ne ei­ge­ne Schön­heits­ope­ra­ti­on Sor­ge zu tra­gen, hat­te er ei­ne sa­dis­ti­sche Be­frie­di­gung dar­in ge­fun­den, all den schö­nen, per­fek­ten We­sen rings­um durch sei­nen An­blick Qua­len zu be­rei­ten – was ihm nicht schwer­fiel bei sei­ner nie­de­ren, zu­rück­tre­ten­den Stirn, sei­nen wind­schie­fen Na­ge­zäh­nen und dem trot­zi­gen Aus­druck sei­ner gel­ben Au­gen.

Die an­de­ren Hin­der­nis­se hat­te er sich in­ner­lich ge­züch­tet, mit die­sem einen Ma­kel als Grund­la­ge. Zu ih­nen ge­hör­ten: be­stän­di­ges Miß­trau­en, un­ge­recht­fer­tig­te Ag­gres­si­vi­tät und sinn­lo­se Flucht vor der Wirk­lich­keit. Ob­wohl er sich der zeit­kon­tra­hie­ren­den neu­tro­ni­schen Schif­fe be­dient hat­te, um sol­cher­art ein Dut­zend ver­schie­de­ne Wel­ten für im­mer hin­ter sich zu las­sen, war er sei­nem boh­ren­den Drang, zu­zu­schla­gen und wie­der das Wei­te zu su­chen, nicht ent­ron­nen.

Dies­mal wür­de er här­ter zu­schla­gen – und das Wei­te in viel, viel grö­ße­rer Ent­fer­nung su­chen.

Sein Ziel war die ga­lak­ti­sche Front, je­ne sich rasch aus­deh­nen­de Bla­se neu er­ober­ter Pla­ne­ten­sys­te­me. Dort drau­ßen, tau­send oder gar zehn­tau­send Licht­jah­re vom nächs­ten Stütz­punkt ent­fernt, wa­ren sie al­le nur Men­schen. Viel­leicht wür­de es ihm ge­lin­gen, auf Kos­ten an­de­rer Pla­ne­ten ein end­gül­ti­ges Schlupf­loch vor sei­nen Ängs­ten zu fin­den.

Schie­nen sei­ne Plä­ne auch et­was weit­ge­spannt für einen ganz ge­wöhn­li­chen Be­am­ten des re­gio­na­len Per­so­nals, so hat­ten sie doch ein vol­les Jahr­hun­dert Zeit ge­habt her­an­zu­rei­fen, in dem er ge­dul­dig all die Un­ter­wei­sun­gen in die glor­rei­chen Tra­di­tio­nen und er­ha­be­nen Auf­ga­ben des Korps hin­nahm und sorg­fäl­tig sei­nen Un­wil­len über all die gut­aus­se­hen­den Män­ner rings­um ver­barg.

Als sich ihm die Chan­ce bot, war er be­reit.

Werk­zeug sei­nes Glücks war Wäch­ter Thorn­wall, ein dun­kel­häu­ti­ger Jüng­ling, den er ins­ge­heim ob sei­ner son­ni­gen Schön­heit, auf­rech­ten Freund­schaft und wohl­kon­di­tio­nier­ten In­tel­li­genz ver­ab­scheu­te.

»Wain, da ist ein Fall, der Sie in­ter­es­sie­ren dürf­te.« Der Wäch­ter warf ein klei­nes Ak­ten­bün­del in den Ein­lauf­korb. »Ein un­ter­ent­wi­ckel­ter Pla­net jen­seits von Nir­gend­wo, kurz vor ei­ner Kon­takt-Kri­se. Die Ein­ge­bo­re­nen spie­len mit Ra­ke­ten und Atom­phy­sik her­um. Un­se­re Be­ob­ach­ter mel­den, daß sie uns bald ent­de­cken wer­den. Das be­deu­tet das En­de un­se­rer Rech­te und Pflich­ten nach den Sat­zun­gen des Nicht-Kon­takts. Wenn die Ein­ge­bo­re­nen sich wirk­lich qua­li­fi­zie­ren, wer­den wir sie in die Zi­vi­li­sa­ti­on ein­füh­ren müs­sen.«

»Oh, nicht der Auf­re­gung wert.« Scar­let un­ter­nahm einen müh­se­li­gen Ver­such, Thorn­walls of­fen­her­zi­ges Lä­cheln zu er­wi­dern. »Es wä­re nicht das ers­te Mal, daß wir ei­ne Kon­takt-Kri­se be­ob­ach­ten. Die neu­en Ras­sen brau­chen für ge­wöhn­lich ei­ni­ge Ge­ne­ra­tio­nen lang psio­ni­sches Trai­ning un­ter un­se­rer Auf­sicht, bis wir ih­nen einen mensch­li­chen Sta­tus be­schei­ni­gen kön­nen.«

»Sol III wird dar­in kei­ne Aus­nah­me bil­den.« Der Jüng­ling nick­te, sich Scar­lets ver­schlei­er­ter Aver­si­on nicht be­wußt. »Sie fin­den all die üb­li­chen Ar­gu­men­te für ei­ne Ver­län­ge­rung wie auch für ei­ne so­for­ti­ge Auf­he­bung der Qua­ran­tä­ne – vor­ge­bracht von al­ten Zoowär­tern, von Pi­ra­ten, die einen frei­en Pla­ne­ten wol­len, den sie aus­beu­ten kön­nen, und von Missio­na­ren, die ei­ne neue Welt brau­chen, die sie ret­ten möch­ten. Aber die­ser Fall stellt uns vor ei­ne noch nie da­ge­we­se­ne Schwie­rig­keit.«

Scar­let blick­te has­tig auf die Ak­te nie­der, be­müht, das kur­ze Fla­ckern un­zu­läs­si­ger Hoff­nung in sei­nen gelb­brau­nen Au­gen zu ver­ber­gen. Schlau ge­nug, sei­ne ei­ge­nen geis­ti­gen Han­di­kaps zu ken­nen, tat er sein Mög­lichs­tes, sie vor der üb­ri­gen Welt ge­heim­zu­hal­ten.

»Sie wer­den auch ei­ne No­tiz vom Si­gnal-Dienst fin­den«, fuhr der Wäch­ter in sei­nen Er­läu­te­run­gen fort. »Die In­ge­nieu­re wol­len Sol als ers­te Sta­ti­on ih­res neu­en in­ter­ga­lak­ti­schen Blin­ker­sys­tems ver­wen­den. Sie möch­ten, daß wir al­le mensch­li­chen We­sen aus der nä­he­ren Um­ge­bung eva­ku­ie­ren, da­mit sie an­fan­gen kön­nen.«

»Brau­chen sie Sol denn un­be­dingt?« Scar­let späh­te em­por zu Thorn­wall, wäh­rend er im Geis­te über­leg­te, wie sich aus dem Ab­bruch ei­nes Son­nen­sys­tems Ka­pi­tal schla­gen lie­ße. »Gibt es nicht ge­nug an­de­re nutz­lo­se Son­nen?«

»Sol ist ei­ne nutz­lo­se Son­ne.« Der schö­ne Mann lä­chel­te still in sich hin­ein. »Selbst nach fünf­tau­send Jah­ren un­ter un­se­rer Ob­hut wa­ren die dort ein­hei­mi­schen An­thro­poi­den nicht im­stan­de, sich für die ga­lak­ti­sche Bür­ger­schaft zu qua­li­fi­zie­ren. Ih­re Leis­tungs­be­rich­te las­sen ernst­lich Zwei­fel dar­über auf­kom­men, ob sie es je­mals schaf­fen wer­den.«

»Aber sie sind doch le­ben­de We­sen.«

»Je­der x-be­lie­bi­ge Stern, den Sie mir nen­nen, be­sitzt ein hal­b­es Dut­zend Pla­ne­ten, die ir­gend­ei­ne Art Le­ben tra­gen. Die Son­nen-In­ge­nieu­re ha­ben ei­ne wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chung an­ge­stellt, um her­aus­zu­fin­den, wel­che Ster­ne sich für ihr Pro­jekt eig­nen. Sie brau­chen ins­ge­samt acht­tau­send Son­nen von der rich­ti­gen Spek­tral­klas­se, die al­le im Zen­trum ge­le­gen sind. Sol steht auf ih­rer Lis­te an ers­ter Stel­le.«

»Da wird es ei­ni­ge Pro­tes­te ge­ben.« Scar­let blin­zel­te an­deu­tungs­voll. »Auch von sol­chen, die schon län­ger im Korps sind.«

»Ich wuß­te ja, der Fall wür­de Sie in­ter­es­sie­ren.« Thorn­wall glüh­te förm­lich vor Zu­ver­sicht. »Se­hen Sie sich ein­mal die An­zei­ge vom Dis­trikt­bü­ro an! Ich muß na­tür­lich noch beim Ar­chiv rück­fra­gen, aber ich den­ke, Sie sind jetzt an der Rei­he, die­sen Auf­trag zu be­kom­men – so­fern Sie wol­len.«

Scar­let mur­mel­te höf­lich­keits­hal­ber ein paar lo­ben­de Wor­te über sei­ne Ri­va­len im Bü­ro, wuß­te aber ganz ge­nau, wie die Ant­wort des Ar­chivs aus­fal­len wür­de. Ein­mal, vor sech­zig Jah­ren, war ein an­de­rer jun­ger Wäch­ter son­nen­tau­chen ge­gan­gen und hat­te Scar­let das Ar­chiv mit den Per­so­nal­ak­ten an­ver­traut. Seit­her be­sag­ten sei­ne ei­ge­nen Do­ku­men­te nur das, was er für wün­schens­wert fand. Rasch über­flog er die ein­zel­nen Pa­pie­re, die Thorn­wall ihm ge­ge­ben hat­te. Sorg­fäl­tig ach­te­te er dar­auf, sich nichts von sei­nem ins­ge­hei­men Frohlo­cken an­mer­ken zu las­sen.

»Es wer­den Ih­nen drei mög­li­che Ent­schlüs­se of­fen­ste­hen«, fuhr Thorn­wall fort. »Sie kön­nen ent­schei­den, daß der be­wohn­te Pla­net noch ei­ni­ge wei­te­re Jahr­hun­der­te braucht, um un­ter un­se­rer Ob­hut her­an­zu­rei­fen. In die­sem Fall ha­ben Sie Hand­lungs­frei­heit, so­weit die Sat­zun­gen es er­lau­ben. Sie kön­nen den Kon­takt hin­aus­zö­gern und die Qua­ran­tä­ne ver­län­gern.«

Scar­let nick­te oh­ne son­der­li­ches In­ter­es­se. Ein sol­cher Ent­scheid moch­te die zim­per­li­chen al­ten Her­ren im Korps zu­frie­den­stel­len, für ihn aber ver­sprach er kei­ner­lei Pro­fit. »An­de­rer­seits wie­der könn­ten Sie zur Über­zeu­gung ge­lan­gen, daß die Ein­ge­bo­re­nen für ei­ne Auf­nah­me in die Zi­vi­li­sa­ti­on reif sind«, sag­te der Wäch­ter. »In die­sem Fall stün­de es Ih­nen frei, dem Pla­ne­ten die Ster­ne zu er­schlie­ßen, un­ter wel­cher Auf­sicht Sie auch im­mer für an­ge­bracht hal­ten.«

Scar­lets Ge­sicht er­hell­te sich; hier roch er Geld. Je­de Kon­takt-Kri­se ließ Frem­de von al­len na­hen Wel­ten her­bei­strö­men, aus den ver­schie­dens­ten Mo­ti­ven, um die neue Ras­se mit den ge­fähr­li­chen Frei­hei­ten der ga­lak­ti­schen Zi­vi­li­sa­ti­on ver­traut zu ma­chen. Ir­gend­ei­ner wür­de sich be­stimmt dar­un­ter fin­den, der be­reit war, die ge­wünsch­te Sum­me zu zah­len!

»Und schließ­lich, Sie könn­ten ent­schei­den, daß die An­thro­poi­den nie die er­for­der­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen auf­brin­gen wür­den«, schloß Thorn­wall. »In die­sem Fall könn­ten Sie die Ein­wän­de ge­gen das Blin­ker-Pro­jekt zu­rück­wei­sen und die Eva­ku­ie­rung ei­nes je­den ga­lak­ti­schen Bür­gers im Um­kreis von ei­nem Licht­jahr an­ord­nen.«

Scar­let run­zel­te die Stirn, als er die­se Mög­lich­keit er­wog. Der Si­gnal-Dienst wür­de kaum ver­su­chen, ihn zu be­ste­chen. Aber es führ­ten vie­le We­ge ans Ziel, die sich ein schlau­er Kerl zu­nut­ze ma­chen konn­te. Wer weiß, das ers­te Auf­blit­zen des in­ter­ga­lak­ti­schen Si­gnal­feu­ers moch­te der Start­schuß sein für ein Ver­mö­gen! Wie­der leuch­te­ten sei­ne gelb­brau­nen Au­gen.

»Ich dach­te mir, daß Sie das in­ter­es­sie­ren wür­de«, sag­te der Wäch­ter. »Ich spre­che ein­mal mit dem Di­rek­tor.«

Doch selbst nach die­ser Ver­si­che­rung schie­nen die tat­säch­li­chen Be­feh­le noch lan­ge auf sich war­ten zu las­sen. Scar­let harr­te drei vol­le Ta­ge aus und gab vor zu ar­bei­ten, wäh­rend er ge­gen die ei­si­ge Be­fürch­tung an­kämpf­te, daß man sei­ne Ma­ni­pu­la­tio­nen mit dem Ar­chiv ent­deckt ha­be. Als dann schließ­lich Thorn­wall da­her­kam und ihm auf die Schul­ter klopf­te, war er vor Schreck wie ge­lähmt.

»Hu …« Er schöpf­te schnell Atem und fing sich wie­der. »Ja, Sir?«

»Der Di­rek­tor er­war­tet Sie.« Ein strah­len­des Lä­cheln wisch­te al­le sei­ne Ängs­te bei­sei­te. »Sie be­kom­men jetzt die Chan­ce, von der ich sprach. Wird auch Zeit!«

 

Trotz­dem zit­ter­ten ihm die Knie, als er die Tür öff­ne­te, um dem Di­rek­tor ge­gen­über­zu­tre­ten. Er woll­te sich set­zen, doch der Di­rek­tor ließ ihn ei­ne hal­be Mi­nu­te lang ste­hen, wäh­rend er ihn mit schar­fen, ab­schät­zen­den Au­gen mus­ter­te, in de­nen lei­den­schafts­lo­se Au­to­ri­tät fun­kel­te – ei­ne Au­to­ri­tät, wie sie eben nur ei­ne per­fek­te psio­ni­sche Kon­di­tio­nie­rung zu er­zie­len ver­moch­te. Er konn­te nicht an­ders, er duck­te sich un­ter die­sem Blick.

»Ner­vös, Scar­let?«

Er nick­te und zwang sich zu ei­nem star­ren Grin­sen.

»Nicht, daß ich es Ih­nen ver­ü­b­le.« Mit ei­nem küh­len, stäh­ler­nem Lä­cheln ge­stat­te­te er ihm, Platz zu neh­men. »Nach all den Jah­ren, die Sie auf die­sem un­be­schwer­ten Pos­ten zu­brach­ten, müs­sen Sie ja fürch­ten, plötz­lich her­aus­ge­ris­sen zu wer­den.«

 

Sei­ne bei wei­tem grö­ße­re Be­fürch­tung war, daß er zu be­gie­rig er­schei­nen moch­te.

»Ich fühl­te mich hier sehr glück­lich, Sir«, pflich­te­te er ihm bei, mit ei­ner Stim­me, die ab­sicht­lich et­was be­dau­ernd klang. »Ich tren­ne mich nur höchst un­gern von mei­ner Ehe-Ge­mein­schaft, und au­ßer­dem ha­be ich ei­ne An­zahl Hob­bies, die ich jetzt lei­der un­ter­bre­chen muß.«

Der Di­rek­tor nick­te ver­ständ­nis­voll.

»Son­nen­tau­chen, zum Bei­spiel.« In Wirk­lich­keit ver­ab­scheu­te er die­sen Sport, denn was das psio­ni­sche Tauch­ge­rät be­traf, so stell­te er sich auf Grund sei­ner man­gel­haf­ten In­te­gra­ti­on der­art un­ge­schickt an, daß es be­reits ge­fähr­lich war. Doch ein plötz­li­cher Drang ließ ihn fort­fah­ren: »Ich kauf­te mir ge­ra­de ei­ne Aus­rüs­tung von ei­nem Freund, der ver­setzt wur­de. Er pfleg­te in die Son­nen­fle­cken zu tau­chen, auf der Su­che nach den be­rühm­ten ›Le­ben­den Lich­tern‹. Er hat­te so ei­ne Theo­rie, sie sei­en in­tel­li­gent …«

»Viel­leicht sind sie das auch.« Der Di­rek­tor wieg­te nach­denk­lich den Kopf, und Scar­lets ent­schul­di­gen­des Grin­sen er­starr­te. »Ich wüß­te zwar nicht, wie ir­gend­ei­ne Zu­sam­men­set­zung aus Io­nen und elek­tro­ma­gne­ti­scher Ener­gie In­tel­li­genz tra­gen könn­te, aber ich ha­be von mei­nen ei­ge­nen Tauch­ver­su­chen meh­re­re son­der­ba­re psio­gra­phi­sche Auf­zeich­nun­gen mit­ge­bracht.«

»Nun, auf je­den Fall wer­de ich mein Ge­rät ver­kau­fen.« Be­un­ru­higt mach­te Scar­let die­sen has­ti­gen Rück­zie­her.

»Ich war auf ei­ne sol­che Missi­on ei­gent­lich nicht recht vor­be­rei­tet. Aber die Ar­beit kommt na­tür­lich zu­erst.«

»Wir le­ben für die Wel­ten, die wir über­wa­chen.« Der Di­rek­tor zi­tier­te die­sen al­ten Slo­gan mit ei­ner der­ar­ti­gen Ernst­haf­tig­keit, daß Scar­let ein un­an­ge­neh­mes Pri­ckeln im Nacken ver­spür­te. »Wir ha­ben un­se­re ei­ge­nen Wel­ten ein für al­le­mal zu­rück­ge­las­sen, als wir den Korps­eid leis­te­ten.«

»Ich hän­ge nicht der Ver­gan­gen­heit nach, Sir.« Sei­ne Hand­flä­chen wa­ren schweiß­naß, zu­mal ihn die plötz­li­che Be­fürch­tung über­kam, er könn­te in sei­nem Auf­tre­ten zu großen Wi­der­wil­len ge­zeigt ha­ben; aber er sah nur noch die neu­en Wel­ten, greif­bar na­he, und das ließ ihn fort­fah­ren: »Ich glau­be al­ler­dings, daß ich mich hier schon ein we­nig zu lan­ge auf­ge­hal­ten ha­be. Ich hat­te bei­na­he ver­ges­sen, was für ein Ge­fühl das ist, wenn man ein neu­tro­ni­sches Schiff be­steigt, um durch ein Dut­zend oder gar hun­dert Jah­re hin­ab­zuglei­ten, im vol­len Be­wußt­sein, daß es kein Zu­rück gibt.«

»Dies ist un­ser Los.« Der Di­rek­tor hielt in­ne, um die Pa­pie­re zu stu­die­ren, die Scar­let ge­fälscht hat­te, und zwar mit ei­ner Ge­nau­ig­keit, daß Scar­let zit­ter­te. »Ei­ne schlim­me Si­tua­ti­on, dort drau­ßen auf Sol III. Um ehr­lich zu sein, Scar­let, ich zö­ger­te lan­ge, einen Mann von Ih­rer man­gel­haf­ten Kon­di­tio­nie­rung zu ent­sen­den. Noch da­zu einen oh­ne Pra­xis. Aber wir ha­ben zu vie­le Pla­ne­ten zu über­wa­chen – und zu we­nig ge­eig­ne­te Leu­te.«

Scar­let schluck­te und be­schloß, sich lie­ber nicht auf sei­ne Stimm­bän­der zu ver­las­sen. Schwit­zend saß er da und ver­such­te, nicht an sei­ne Ri­va­len im Bü­ro zu den­ken, die ei­gent­lich über ihm hät­ten ran­gie­ren sol­len.

»Es über­rascht mich ein we­nig, daß wir Sie so lan­ge hier­be­hal­ten ha­ben.« Der Di­rek­tor schenk­te ihm ein flüch­ti­ges Lä­cheln. »Aber die­se Si­tua­ti­on ist ge­eig­net, Ih­nen al­les das ab­zu­ver­lan­gen, was Sie in den hun­dert Jah­ren hier ge­lernt ha­ben.«

Scar­let sah den klei­nen Stoß psio­ni­scher Be­rich­te durch, den der Di­rek­tor ihm über den Tisch zu­schob, be­müht, sie so rasch in sich auf­zu­neh­men, als sei sei­ne Klas­si­fi­ka­ti­on tat­säch­lich fünf.

»Die­se letz­te Mel­dung von Sol III ist be­reits fünf­zig Jah­re alt.« Sei­ne Be­sorg­nis wur­de echt. »So lan­ge brau­che ich min­des­tens, um auf den re­gu­lä­ren Rou­ten hin­zu­ge­lan­gen. Was mag mich dort er­war­ten?«

»Das ist Ihr Pro­blem, Wäch­ter.« Der Di­rek­tor war be­reits im Be­griff, nach ei­nem wei­te­ren Sta­pel von Be­rich­ten zu grei­fen. »Die be­grenz­te Ge­schwin­dig­keit un­se­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on macht erst Ih­re Missi­on so not­wen­dig. In ei­ner Kon­takt-Kri­se müs­sen Wir einen ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Mann an Ort und Stel­le ha­ben.«

»Sie kön­nen auf mich bau­en, Sir«., sag­te Scar­let mit er­ge­be­ner Dank­bar­keit da­für, daß je­de Art von Si­gnal, selbst das Feu­er des in­ter­ga­lak­ti­schen Blin­kers, ei­ner fi­xen Ge­schwin­dig­keits­be­gren­zung un­ter­wor­fen war. Bis ir­gend­ei­ne Nach­richt über sei­ne Ent­schei­dung hier ein­tref­fen könn­te, hät­te er Sol schon so weit hin­ter sich ge­las­sen, daß nie­mand mehr im­stan­de wä­re, ihn ein­zu­ho­len. »Ich wer­de auf der Hut sein.«

»Das will ich hof­fen«, er­mahn­te ihn der Di­rek­tor. »Ei­ne Kon­takt-Kri­se lockt im­mer al­le mög­li­chen Leu­te an. Man­che so lau­ter wie ein Quell. Man­che aber wil­der als die Wil­den, über die wir wa­chen.« Tags dar­auf ging er an Bord des Fracht­schif­fes, das Nach­schub für Sta­ti­on Sol ge­la­den hat­te. Den Groß­teil sei­ner ma­te­ri­el­len Gü­ter trug er in ei­ner klei­nen Ta­sche bei sich. Zu mehr hat­te es nicht ge­reicht … Die wah­ren Be­loh­nun­gen des Korps sei­en die Freu­den des­sel­ben, hieß es.

 

In der Tat, er war froh, die­se gan­ze lau­si­ge Zi­vi­li­sa­ti­on hin­ter sich zu las­sen – auch wenn er über­zeu­gen­des Be­dau­ern zur Schau stell­te.

Das Schiff tauch­te ein in die neu­tro­ni­schen Strö­me, je­ne mäch­ti­gen Win­de un­sicht­ba­rer Neu­tri­nos, die von den No­vae los­bra­chen und mit bei­na­he Licht­ge­schwin­dig­keit durch die Ga­la­xi­en feg­ten. Die Zeit zog sich zu­sam­men. Ein lan­ges Vier­tel­jahr­hun­dert auf den Pla­ne­ten vor und hin­ter ihm be­deu­te­te für Scar­let nur ein paar Wo­chen.

Sein Rausch über die wei­te­re tri­um­pha­le Flucht von all der ge­haß­ten Per­fek­ti­on hat­te sich noch nicht ge­legt, als das Schiff auf Sta­ti­on Pro­ky­on lan­de­te.

In der Raum­ha­fen­bar traf er einen Ku­ri­er aus der Re­gu­lus-Ge­gend, der dem Korps an­ge­hör­te. Er lud ihn auf einen Drink ein und frag­te ihn nach Neu­ig­kei­ten von der Er­de.

»Das Licht ist so ver­dammt lang­sam«, brumm­te er, als Tar­nung für den un­er­war­te­ten Stolz über sei­ne Missi­on. »Da tritt ei­ne Welt wie die Er­de in ei­ne Kon­takt-Kri­se, und schon ist sie au­ßer Kon­trol­le, noch ehe man hin­kom­men kann, um et­was da­ge­gen zu un­ter­neh­men. Wie steht es mit der Er­de?«

Der Ku­ri­er blick­te ver­ständ­nis­los drein.

»Sol III«, sag­te Scar­let.

»Oh, wir wa­ren dort.« Der Ku­ri­er grins­te hä­misch. »Da neh­men Sie sich lie­ber ei­ne dau­er­haf­te Frau und ei­ne gu­te Bi­blio­thek mit, wenn Sie dar­auf war­ten, daß die­se zank­süch­ti­gen Af­fen zi­vi­li­siert wer­den.«

»Hu?« Scar­let leer­te un­be­hag­lich sein Glas. »Ste­hen Sie denn nicht kurz vor ei­nem Kon­takt?«

»Nicht, daß ich wüß­te.«

»Vor hun­dert Jah­ren bau­ten sie be­reits stra­te­gi­sche Ra­ke­ten«, pro­tes­tier­te er hoff­nungs­voll. »Ins Weltall kom­men sie be­stimmt.«

»Aber nicht mit ir­gend­wel­chen fried­li­chen Ab­sich­ten. Als wir die­se Be­rich­te ver­faß­ten, ar­bei­te­ten sie ge­ra­de an Was­ser­stoff­bom­ben. Es dau­ert nicht mehr lan­ge, und sie ja­gen ih­ren mie­sen klei­nen Pla­ne­ten aus­ein­an­der.

Selbst wenn sie über un­se­ren Stütz­punkt stol­pern, heißt das nicht, daß sie sich für ei­ne zi­vi­li­sier­te Ge­sell­schaft eig­nen …« Der Ku­ri­er kipp­te sei­nen Drink her­un­ter. »Lust auf noch einen?«

Scar­let blick­te auf sei­nen Zei­tring. »Dan­ke, mein Schiff geht gleich ab.« Er eil­te zu­rück an Bord – mit ei­nem fins­te­ren Stirn­run­zeln.

Nach ei­ni­gen sor­gen­rei­chen Wo­chen Schiffs­zeit schwamm Si­ri­us ins Blick­feld, strah­lend wie ei­ne na­tür­li­che No­va. Die Neu­ig­kei­ten über Sol III wa­ren um zwan­zig Jah­re jün­ger, aber im­mer noch be­drückend:

»Grö­ße­re Stäm­me fech­ten hef­ti­ge­re Krie­ge mit bes­se­ren Waf­fen aus.« Der Sta­ti­ons­kom­man­dant grins­te sar­do­nisch. »Wenn sie Kon­takt ma­chen, wer­den sie uns mit Was­ser­stoff­bom­ben an­grei­fen. Wir sind es, die Schutz brau­chen!«

»Sie mö­gen et­was schwie­rig sein …« Sich lang­sam an­span­nen­de Mus­keln un­ter­stri­chen die Häß­lich­keit von Scar­lets Ge­sicht, so daß der bes­ser in­te­grier­te Mann un­be­hag­lich zur Sei­te sah. »Aber ich wer­de sie zi­vi­li­sie­ren«, mur­mel­te er. »Wenn sie über­haupt et­was mit Men­schen ge­mein ha­ben!«

Viel­leicht hat­ten sie nichts mit ih­nen ge­mein, sann Scar­let. Viel­leicht müß­te er schließ­lich doch das Blin­ker-Pro­jekt be­für­wor­ten. Aber ehe er die Ent­schei­dung fäll­te, daß Sol in ei­ne Su­per­no­va ver­wan­delt wer­den soll­te, hät­ten ihm an­de­re Leu­te ei­ne Stan­ge Geld zu ge­ben. Sei­ne Sor­ge galt in ers­ter Li­nie der Quel­le die­ser Be­zah­lung.

Er lau­er­te auf den Ge­ruch nach Geld, als das Schiff in Sta­ti­on Pro­xi­ma ein­traf. Er ging von Bord, um da­nach zu schnup­pern, aber al­les, was er wit­ter­te, wa­ren Schwie­rig­kei­ten. Die rat­lo­sen An­thro­poi­den hat­ten Ra­ke­ten ins All ge­jagt, doch wa­ren ih­re Be­mü­hun­gen, den Tra­ban­ten zu er­rei­chen, durch die Strah­lungs­zo­nen ge­dämpft wor­den.

Als er un­glück­lich zu­rück zum Schiff wan­der­te, traf er bei der Lu­ke ein Mäd­chen an. Vor ihr stand ein Deck­of­fi­zier, so daß sie den Weg ver­sperrt fand. Sie mach­te ih­rer Un­ge­hal­ten­heit Luft in ei­ner flüs­si­gen, me­lo­di­schen Spra­che, die er nie zu­vor ge­hört hat­te, und er sah sich ver­an­laßt, sei­nen psio­ni­schen Über­tra­ger ein­zu­schal­ten.

»… un­kon­di­tio­nier­te Hal­tung!« schimpf­te sie ge­ra­de. »Sie se­hen doch, daß mei­ne Pas­sa­ge von Ih­rem ei­ge­nen Bü­ro ar­ran­giert wur­de!«

»Sie kön­nen ja mit­kom­men.« Der Of­fi­zier nick­te wi­der­wil­lig. »Aber nicht Ihr gan­zer Plun­der.«

Scar­let hör­te, wie sie ent­rüs­tet nach Luft schnapp­te, als der Of­fi­zier auf einen Berg von Ge­päck­stücken wies. Scar­let blick­te eben­falls hin, und die Fol­ge war, daß die lee­ren Eti­ket­ten mit Buch­sta­ben auf­leuch­te­ten, die zu­sam­men­hän­gen­de Wör­ter er­ga­ben. Scar­let konn­te sie le­sen, als wä­ren sie in sei­ner ei­ge­nen Spra­che ab­ge­faßt:

 

IN­HALT: PSIO­NI­SCHE KON­DI­TI­ONS­AUS­RÜS­TUNG

AB­SEN­DER:

MISSI­ON BRI­AR­STO­NE

VER­WAL­TER: CORAL FELL

BE­STIM­MUNGS­ORT: SOL III

 

Die Schil­der ver­blaß­ten, als sein Blick zu­rück zu Coral Fell glitt.

»Ers­tens ist das kein Plun­der, und zwei­tens ge­hört es nicht mir«, klär­te sie den Of­fi­zier hit­zig auf. »Es ist für die Leu­te von Sol III. Sie ste­hen kurz vor ei­ner Kon­takt-Kri­se. So­bald die Qua­ran­tä­ne auf­ge­ho­ben ist, wer­den sie Hil­fe be­nö­ti­gen. Ich zie­he dort­hin, um ein psio­ni­sches Trai­nings­zen­trum zu er­öff­nen, das ih­nen den Sprung in die Zi­vi­li­sa­ti­on leich­ter ma­chen soll. Was Sie hier se­hen, sind nur die ab­so­lut wich­tigs­ten Ge­rä­te für un­se­re ers­te Kli­nik …«

»Und wä­ren es ›Le­ben­de Lich­ter‹, das hier ist kein ge­wöhn­li­cher Trans­por­ter«, schnapp­te der Of­fi­zier. »Un­se­re oh­ne­dies be­grenz­te La­de­flä­che ist voll aus­genützt mit Vor­rä­ten für Sta­ti­on Sol. War­ten Sie auf einen Frach­ter.«

»Aber es wer­den doch kei­ne Frach­ter kom­men!« Sie schluchz­te. »Nicht, ehe die Qua­ran­tä­ne auf­ge­ho­ben ist.«

»Tut mir leid.« Er zuck­te un­be­tei­ligt die Ach­seln. »Aber wir flie­gen jetzt ab.«

»War­ten Sie!« Ih­re ver­zwei­fel­te Stim­me wur­de lei­ser, doch der Über­tra­ger fing trotz­dem ih­re Wor­te auf. »Ich ha­be ei­ge­ne Fonds. Viel­leicht könn­ten wir uns pri­vat ei­ni­gen.«

»Wenn Sie je­man­den be­ste­chen wol­len, dann ha­ben Sie den Falschen er­wi­scht!« Der Of­fi­zier war em­pört. »Ich kann ver­an­las­sen, daß Sie in Sta­ti­on Sol von Bord kei­nes Schif­fes ge­hen dür­fen!«

Sie dreh­te sich um, und Scar­let zuck­te un­ter ih­rem Lieb­reiz zu­sam­men. Ihr lan­ges Haar fun­kel­te, und ih­re fein­ge­schwun­ge­nen Lip­pen zit­ter­ten. Blind­lings kam sie auf ihn zu, hei­ße Trä­nen in den Au­gen.

»Wäch­ter Scar­let!« Der Deck­of­fi­zier trat ihm mit un­er­war­te­ter Herz­lich­keit ent­ge­gen. »So ha­ben Sie sich auf Pro­xi­ma schon um­ge­se­hen …?«

»Sie sind ein Be­am­ter des Korps?« Plötz­lich sah sie ihn – ir­gend­wie aber nicht sei­ne Häß­lich­keit. Ihr Lä­cheln be­rausch­te ihn. »Könn­ten Sie mir hel­fen?«

»Viel­leicht.« Er wand­te sich an den Of­fi­zier. »Wenn die Qua­ran­tä­ne auf­ge­ho­ben wird, ha­ben die Ein­ge­bo­re­nen al­le Hil­fe nö­tig, die sie nur be­kom­men kön­nen. Wir neh­men Coral Fell mit, sie und ihr gan­zes Ge­päck. Ich den­ke, das läßt sich ein­rich­ten …«

»Ja­wohl, Sir.« Der Of­fi­zier war et­was rot an­ge­lau­fen, nick­te aber steif. »Ich küm­me­re mich dar­um.«

»Vie­len Dank, Wäch­ter!« Ihr Kuß raub­te ihm den Atem, noch ehe er die Über­le­gung an­stel­len konn­te, daß sie von ei­ner Welt stam­men muß­te, auf der frei­zü­gi­ge­re Sit­ten herrsch­ten als auf sei­ner. »Wie kann ich Ih­nen das je­mals ver­gel­ten?«

»Nicht doch! Ich will kei­ne Be­zah­lung.« Er sag­te es, aber nur mit großem Un­be­ha­gen. In sei­ner rich­ter­li­chen Po­si­ti­on konn­te er es sich kaum leis­ten, of­fen her­aus nach dem zu ver­lan­gen, was der Deck­of­fi­zier ab­ge­lehnt hat­te. Es wür­de ein an­de­res Vor­ge­hen not­wen­dig sein, um mit ihr ins Ge­schäft zu kom­men. »Aber – äh – wie wär’s, tref­fen wir uns spä­ter zum Din­ner?«

»Sie al­so ha­ben über die Zu­kunft die­ses Pla­ne­ten zu ent­schei­den?« mein­te sie be­wun­dernd, nach­dem sie zur Ver­ab­re­dung ge­kom­men war, strah­lend schön in ih­rem Um­hang aus psio­ni­schen Fa­sern, die al­le ih­re Ge­dan­ken und Re­gun­gen durch wech­seln­de Farb­mus­ter wie­der­ga­ben und je­de sei­ner Re­ak­tio­nen auf ih­re An­mut hin hef­ti­ger wer­den lie­ßen. »Ist das nicht schreck­lich viel für einen ein­zel­nen Mann?«

Er hol­te tief Luft, um ihr zu ver­si­chern, daß er lan­ge auf die­ses Amt vor­be­rei­tet und daß sei­ne Eig­nung sorg­fäl­tig ge­prüft wor­den sei. Als er sich aber er­in­ner­te, wie er sei­ne Wahl si­cher­ge­stellt hat­te, durch­flu­te­te ihn ei­ne Wo­ge der Scham.

Glück­li­cher­wei­se wur­den in die­sem Au­gen­blick die Spei­sen ser­viert, und so hat­te er Zeit, sich von sei­ner plötz­li­chen Ver­le­gen­heit zu er­ho­len.

»Das Korps ist ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich aus Frei­wil­li­gen zu­sam­men­setzt«, er­klär­te er ein we­nig spä­ter, »ob­wohl wir na­tür­lich of­fi­zi­el­len Sta­tus ge­nie­ßen … Un­se­re große Schwie­rig­keit liegt dar­in, daß sich so we­nig Leu­te be­reit­fin­den, ih­re ei­ge­nen Zei­ten und Wel­ten zu ver­las­sen, um durch selt­sa­me, un­be­kann­te Re­gio­nen und Epo­chen zu zie­hen, und die ihr Le­ben da­für her­ge­ben, ir­gend­wel­che ein­fäl­ti­ge Wil­de zu be­wa­chen. Wir ha­ben nie ge­nug Leu­te. Aber wir tun un­ser Mög­lichs­tes.«

»Wir selbst sind auch Frei­wil­li­ge.« Sie nick­te teil­nahms­voll. »Ich ging we­gen mei­nes Va­ters zur Missi­on. Einen ga­lak­ti­schen Frei­beu­ter pfleg­te Mut­ter ihn zu nen­nen. Er be­saß ei­ne große Flot­te neu­tro­ni­scher Schif­fe. Er ope­rier­te im­mer an der Front – beu­te­te neue Wel­ten aus und ver­wen­de­te sein Ka­pi­tal da­zu, wei­te­re Schif­fe zu bau­en und wei­te­re Wel­ten aus­zu­beu­ten. Al­les höchst le­gal, aber Mut­ter lehr­te mich, sei­ne Me­tho­den zu ver­ach­ten. Als ich sei­nen un­ge­heu­ren Reich­tum erb­te, brach ich auf zu die­sen Wel­ten, die längst ver­ges­sen ir­gend­wo im Zen­trum la­gen, um das zu­rück­zu­ge­ben, was er ih­nen weg­ge­nom­men hat­te.«

In­ner­lich er­freut über al­les das, was sie zu ver­schen­ken hat­te, be­gann Scar­let, vor­sich­tig durch­bli­cken zu las­sen, daß er da­für emp­fäng­lich sein wür­de. Er ge­stand ihr ein, längst die jun­gen­haf­ten Il­lu­sio­nen ver­lo­ren zu ha­ben, die zu sei­ner Frei­wil­li­gen­mel­dung ge­führt hat­ten.

»Ich weiß noch, wie es mich ganz krib­be­lig ma­chen konn­te«, er­zähl­te er ihr. »Die Jahr­hun­der­te hin­un­ter­zuglei­ten, all die zu­rück­ge­blie­be­nen Wel­ten zu über­wa­chen, wäh­rend sie sich aus dem Dschun­gel em­por­ar­bei­te­ten … Das Pech ist nur, sie brau­chen zu lan­ge. Sie strau­cheln viel zu oft und fal­len viel zu weit zu­rück. Die Er­de be­wa­chen wir schon seit fünf­tau­send Jah­ren.«

Es krib­bel­te ihn jetzt wie­der – ob ih­rer strah­len­den Be­wun­de­rung.

»Ehr­lich, Coral, ich bin fest ent­schlos­sen, aus dem Korps aus­zu­tre­ten, so­bald ich es mir leis­ten kann. Ich ha­be den Drill satt, die Mo­no­to­nie, all die Op­fer. Ich möch­te ein an­stän­di­ges Le­ben … im Krei­se ei­ner Fa­mi­lie.«

Als sie lä­chel­te, glüh­ten die psio­ni­schen Fa­sern ih­res Ge­wan­des vor Ent­zücken. Er glaub­te, er hat­te sei­nen Stand­punkt klar­ge­legt.

»Auf Ih­re neue Zu­kunft!« Sie stieß mit ihm an. »Ich fin­de es sehr klug von Ih­nen, wenn Sie Ih­ren Ab­schied neh­men, denn ich war nie mit der Qua­ran­tä­ne-Phi­lo­so­phie ein­ver­stan­den. Es er­scheint mir bei­na­he kri­mi­nell, ei­ne Welt wie die Er­de fünf­tau­send Jah­re lang im dun­keln tap­pen zu las­sen, wenn psio­ni­sches Trai­ning sie in­ner­halb von ein oder zwei Ge­ne­ra­tio­nen zi­vi­li­siert ma­chen könn­te.«

»Auf Ih­re Missi­on!« Er leer­te sein Glas und ver­such­te, nicht an all die jun­gen Kul­tu­ren zu den­ken, die durch früh­zei­ti­gen Kon­takt zer­stört wor­den wa­ren. »Wenn ich die Qua­ran­tä­ne auf­he­ben kann …«

Of­fe­ner wag­te er nicht zu sein, aber sie be­griff noch im­mer nicht.

»Auf un­se­re Er­de!« hauch­te sie. »So wol­len wir es hal­ten, all die lan­gen Jah­re hin­durch, bis der Pla­net reif ist. Sie und ich, ge­mein­sam wer­den wir …«

Pa­nik er­faß­te ihn.

»War­ten Sie mei­ne Ent­schei­dung ab!« stieß er her­vor. »Sie ver­ges­sen, daß Sol III sich noch nicht qua­li­fi­ziert hat. Fin­de ich kei­ne Grün­de, das ga­lak­ti­sche Bür­ger­recht zu be­wil­li­gen, wird der Pla­net ein­ge­äschert.«

Ihr glü­hen­des Ge­wand wur­de ganz fahl vor Schreck, als er ihr vom Blin­ker-Pro­jekt be­rich­te­te.

»Wain, wie kön­nen Sie so et­was in Er­wä­gung zie­hen!« Ih­re ge­wei­te­ten Au­gen wa­ren schwarz und kalt. »Den Mord an ei­ner Welt? Drei­mil­li­ar­den­fa­chen Mord!«

»Die Aus­lö­schung der hie­si­gen Kul­tur mag be­dau­er­lich er­schei­nen«, ent­geg­ne­te er. »Aber von Mord kann gar kei­ne Re­de sein. Au­ßer, den Ein­ge­bo­re­nen wird mensch­li­cher Sta­tus zu­ge­spro­chen.«

»Aber es sind Men­schen, Wain!« Ihr Ge­sicht glüh­te wie­der vor Ein­dring­lich­keit. »Ein So­zi­al­für­sor­ger un­se­rer Missi­on ver­brach­te meh­re­re Mo­na­te dort, ein­ge­schnürt in ih­re schreck­li­chen Woll­klei­der, ge­tarnt als Me­di­zin­stu­dent. Er un­ter­such­te Hun­der­te von ih­nen. Phy­sisch ge­se­hen sind sie ge­nau­so mensch­lich wie wir!«

»Mensch­li­cher Sta­tus hängt al­lein von den geis­ti­gen Ge­ge­ben­hei­ten ab«, er­in­ner­te er sie. »Oder, um prä­zi­ser zu sein, in die­sem spe­zi­el­len Fall von mei­ner ei­ge­nen Ur­teils­kraft.«

Aber nicht ein­mal dann be­griff sie. Für ih­re wohl­kon­di­tio­nier­te Un­schuld war ein Vi­ze­wäch­ter weit über je­de Kor­rup­ti­on er­ha­ben. Selbst ge­gen die of­fens­ten An­spie­lun­gen zeig­te sie sich im­mun.

 

Die Be­ste­chungs­s­um­me, die er sich wünsch­te, moch­te sie nie zah­len – aber al­le ih­re Un­schuld hielt sie nicht da­von ab, sich der Küns­te der Psio­nik zu be­die­nen, um ihm ei­ne an­de­re Art von Be­ste­chung auf­zu­zwin­gen, in der sie selbst ein­be­zo­gen war. We­der sei­ne wind­schie­fen Na­ge­zäh­ne, noch sei­ne schie­len­den gel­ben Au­gen oder die küm­mer­lich zu­recht­ge­flick­te Kon­di­tio­nie­rung sei­ner Per­son schie­nen ihr et­was aus­zu­ma­chen. Am En­de ih­rer Rei­se sa­ßen sie zu­sam­men im Sicht­dom und be­ob­ach­te­ten, wie der luft­lo­se Tra­bant den strah­len­den Schein von Sol ver­fins­ter­te. Die Er­de je­doch glüh­te noch im­mer in der Düs­ter­nis vor­aus: ei­ne schma­le, grün­ge­äder­te Si­chel, auf der einen Spit­ze ein fun­keln­der Eis­kris­tall. Coral war ganz hin­ge­ris­sen.

»So wun­der­schön!« hauch­te sie »So wun­der­schön und un­be­rührt! Die Er­fül­lung al­ler mei­ner Wün­sche!« Scar­let nick­te, wand­te aber kaum den Blick von ihr.

»Sag, daß du bleibst, Wain!« Sie er­griff sei­ne Hand. »In ein paar Jahr­hun­der­ten ha­ben wir hier ei­ne blü­hen­de Zi­vi­li­sa­ti­on!«

»Aber ich bin nicht – äh – voll­kom­men kon­di­tio­niert«, er­wi­der­te er un­be­hag­lich. »Bis da­hin wä­re ich – äh – ein äl­te­res Se­mes­ter.« Er sah, wie die psio­ni­schen Lich­ter ih­res Haa­res ver­blaß­ten, und mur­mel­te freud­los: »Ich ver­schwin­de dort­hin, wo es le­bens­wert ist, so­bald mei­ne Pflicht hier ge­tan ist.«

»Aber, Wain!« Der psio­ni­sche Staub, der sie ein­hüll­te, wur­de kalt und blau, als er sein Elend re­flek­tier­te. »Ich kann die Missi­on doch nicht ein­fach im Stich las­sen. Und du weißt, daß un­se­re Ar­beit hier gu­te zwei oder drei Jahr­hun­der­te in An­spruch neh­men wird.«

»Dei­ne Ar­beit«, sag­te er un­glück­lich. Dar­an konn­te auch all der ver­füh­re­ri­sche Zau­ber, den sie auf­bot, nichts mehr än­dern. Und so be­ob­ach­te­te er schwei­gend, wie die Erd­si­chel hin­ter dem schwar­zen, za­cki­gen Rand des Mon­des un­ter­ging. Er hat­te schon ge­nug Zeit sei­nes kur­z­en Le­bens im Korps ver­geu­det; warum soll­te er jetzt sei­ne Ju­gend für sie her­ge­ben? Si­cher fand sich je­mand an­de­rer, der ihm das Ge­wünsch­te zahl­te. Und war er ein­mal reich, wür­den mehr als ge­nug lieb­li­che Frau­en be­reit sein, all die Män­gel an ihm zu über­se­hen …

»Ich bin ein Vi­ze­wäch­ter«, er­klär­te er ab­sicht­lich schroff. »Ich bin hier­her­ge­kom­men, um über das Schick­sal ei­nes Pla­ne­ten zu ent­schei­den. Die Ge­set­ze und Tra­di­tio­nen des Korps ge­stat­ten es mir nicht, mit je­man­dem in en­ge­re Be­zie­hung zu tre­ten, der ein spe­zi­el­les In­ter­es­se an mei­ner Ent­schei­dung hat.«

»Ist das al­les?« Sie lach­te halb atem­los. »Du Dum­mer­chen! Du weißt ja gar nicht, wie viel Re-Kon­di­tio­nie­rung du brauchst. Aber na­tür­lich re­spek­tie­re ich dei­ne Prin­zi­pi­en. Ich wer­de dich nicht mehr be­läs­ti­gen, bis die Er­de in die Zi­vi­li­sa­ti­on auf­ge­nom­men ist.«

Das Schiff er­zit­ter­te und setz­te auf. Ge­mein­sam wand­ten sie den Kopf, um nach der Sta­ti­on Aus­schau zu hal­ten. Hier war es Nacht. Als sich sei­ne Au­gen an das kal­te Ster­nen­licht ge­wöhnt hat­ten, er­faß­te ihn jä­he Be­sorg­nis.

 

Auf der kah­len, leb­lo­sen Ebe­ne vor ih­nen la­gen ei­ni­ge Hü­gel nack­ten Ge­steins um ei­ne fins­ter ra­gen­de Berg­spit­ze ver­streut. Ge­gen den Hin­ter­grund zu er­hob sich ein Wall aus zer­klüf­te­tem Fels.

Et­was an­de­res sah er nicht.

»Groß­ar­tig!« flüs­ter­te sie, ehe ihr an­fäng­li­ches Ent­zücken von Be­stür­zung über­schat­tet wur­de. »Aber wo ist die Sta­ti­on?«

»Noch im­mer ge­tarnt!« Er streck­te den Arm aus. »Die­se Hü­gel dort sind an­ge­stri­che­ne Mem­bra­nen, auf­ge­pumpt, um die neu­tro­ni­schen Schif­fe zu ver­ber­gen. Die Hauptin­stal­la­tio­nen be­fin­den sich in die­ser Berg­spit­ze, und dar­un­ter.« Er nick­te. »Wir müs­sen war­ten, bis man einen sol­chen Schirm über uns er­rich­tet hat, dann kön­nen wir von Bord ge­hen.«

Sie sag­te, sie wol­le noch schnell in ih­re Ka­bi­ne, um fer­tig zu pa­cken, blieb dann aber am Ein­gang ste­hen, wo­bei sie ihn der­art scharf be­ob­ach­te­te, daß er förm­lich er­starr­te. Ob­wohl er wuß­te, daß fort­ge­schrit­te­ne Kon­di­tio­nie­rung ein Ta­bu ge­gen un­er­wünsch­tes Ein­drin­gen in die Ge­dan­ken an­de­rer bein­hal­te­te, konn­te er nicht um­hin, ih­re psio­ni­sche Über­le­gen­heit mit ei­ni­gem Un­wil­len zu be­trach­ten.

»Geh schon vor­aus«, schnapp­te er. »Wir tref­fen uns drun­ten bei der Schleu­se.«

»Du bist be­un­ru­higt, Wain.« Ih­re herz­li­che An­teil­nah­me ver­si­cher­te ihm, daß sie kei­nes sei­ner Ge­heim­nis­se auf­ge­grif­fen hat­te. »Warum?«

»Die­se Tar­nung …« Er wies auf die Hü­gel­grup­pe. »Sie ist zu gut. Die Sta­ti­on wird noch im­mer ver­bor­gen ge­hal­ten. Ich se­he auch kei­ne Ein­ge­bo­re­nen­ra­ke­ten. Ich fürch­te, wir sind zu früh ge­kom­men.«

Als er we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter von Bord ging, er­war­te­te ihn be­reits der Sta­ti­ons­kom­man­dant, um ihn mit dem ge­büh­ren­den Ze­re­mo­ni­ell zu emp­fan­gen.

Kom­man­dant Ne­w­bolt war ein schlan­ker blon­der Rie­se, der sei­ne Männ­lich­keit durch frei­zü­gi­ge An­wen­dung psio­ni­scher Kos­me­ti­ka her­vor­hob. Scar­let hör­te, wie Coral scharf ein­at­me­te, als sie zum ers­ten­mal den strah­len­den Man­tel in­ten­si­vier­ter Männ­lich­keit sah, der Ne­w­bolts mus­ku­lä­re Schön­heit erst rich­tig zur Gel­tung brach­te, und haß­te ihn au­gen­blick­lich.

Hat­te die Er­de Kon­takt ge­macht?

Die­se Fra­ge brann­te Scar­let auf der Zun­ge, doch ge­dul­dig war­te­te er, bis Ne­w­bolt sei­ne Be­grü­ßungs­ze­re­mo­nie be­en­det hat­te.

»Ih­re Räu­me ste­hen be­reit, Sir. Drun­ten in Tun­nel Sie­ben. Ich hof­fe, sie ge­nü­gen Ih­ren An­sprü­chen, denn ich glau­be, Sie wer­den ei­ni­ge Zeit hier ver­brin­gen.«

»Die Kri­se?« Er konn­te jetzt die Fra­ge nicht mehr un­ter­drücken. »Sind die Ein­ge­bo­re­nen schon da?«

»Noch nicht, Sir.«

»Warum nicht?« Er ver­such­te, sei­ne Pa­nik nie­der­zu­kämp­fen. »Vor hun­dert Jah­ren wur­de ge­mel­det, daß sie auf ei­ne Kon­takt-Kri­se zu­steu­er­ten. Ich hat­te er­war­tet, hier ih­re Ra­ke­ten vor­zu­fin­den.«

Ekel über sei­ne Häß­lich­keit und Ge­ring­schät­zung für sein Ur­teils­ver­mö­gen wa­ren deut­lich hin­ter dem selbst­ge­fäl­li­gen Lä­cheln von Ne­w­bolts schmal­lip­pi­gem Mund zu er­ken­nen.

»Ich fürch­te, Sie wer­den fest­stel­len, Sir, daß mei­nem Vor­gän­ger ein gro­ber Feh­ler un­ter­lief, als er für ei­ne solch frü­he Kri­se Vor­be­rei­tun­gen traf. Ich dräng­te ihn da­mals, nicht nach Ih­nen zu schi­cken.«

Scar­let starr­te em­por zu dem Kom­man­dan­ten, wäh­rend sich al­les in ihm an­spann­te. Schon jetzt konn­te er se­hen, daß Ne­w­bolt dumm ge­nug war, ei­ne sehr ge­fähr­li­che Ein­stel­lung ge­gen­über jeg­li­cher Art von Kor­rup­ti­on zu ver­tre­ten.

»Was soll das hei­ßen?« knurr­te er. »Wa­ren die Ein­ge­bo­re­nen nicht da­bei, die­sen Mond hier zu er­rei­chen?«

»Das schon, Sir. Aber vor­erst be­gnüg­ten sie sich, die Ober­flä­che mit ih­ren plum­pen klei­nen Ra­ke­ten zu be­pflas­tern.« Ne­w­bolt nick­te ver­ächt­lich. »Selbst wenn sie uns je­mals ent­de­cken soll­ten, für die Zi­vi­li­sa­ti­on sind sie nie reif. Ih­re Kul­tur lei­det an krank­haf­tem Mi­li­ta­ris­mus.«

»Ich wer­de Ih­rer Mei­nung ent­spre­chen­des Ge­wicht bei­mes­sen«, er­wi­der­te Scar­let ät­zend, »so­bald ich es für not­wen­dig hal­te.«

Ne­w­bolt blieb un­ge­rührt.

»Wir ha­ben Be­weis­ma­te­ri­al zur Ein­sicht­nah­me durch Eu­er Eh­ren ge­sam­melt«, fuhr er fort. »Als Ihr Schiff ge­mel­det wur­de, gab ich An­wei­sung, daß sich al­le mensch­li­chen We­sen im So­lar­sys­tem zu ei­ner Vor­un­ter­su­chung hier ein­fin­den mö­gen.«

»Dan­ke.«

»Ich per­sön­lich möch­te Ih­nen ra­ten, das Blin­ker-Pro­jekt zu be­für­wor­ten«, füg­te Ne­w­bolt hin­zu. »Ich bin über­zeugt, daß dies al­les nur ei­ne Zeit­ver­schwen­dung war. Die Ein­ge­bo­re­nen sind zwar zahl­rei­cher ge­wor­den, kaum aber mensch­li­cher.«

»Ich fra­ge Sie um Ih­ren Rat, wenn der Au­gen­blick da­für ge­kom­men ist«, ent­geg­ne­te Scar­let. »Bit­te ver­an­las­sen Sie, daß mein Ge­päck ins Quar­tier ge­bracht wird. Und ar­ran­gie­ren Sie al­les für ei­ne so­for­ti­ge Ein­ver­nah­me.«

»Ja­wohl, Eu­er Eh­ren.«

»Wain!« Coral Fell kam da­her­ge­schwebt, ein ein­zi­ges ro­sa Glü­hen der Be­wun­de­rung, die Au­gen weit und groß und starr auf Ne­w­bolt ge­rich­tet. »Ich möch­te den Kom­man­dan­ten ken­nen­ler­nen.«

»Ich glau­be nicht, daß du sehr be­geis­tert sein wirst«, warn­te Scar­let sie. »Er rät mir, daß Blin­ker-Pro­jekt zu be­für­wor­ten.«

»So? Na, trotz­dem.«

Un­glück­lich mach­te Scar­let sie mit­ein­an­der be­kannt. Ihr psio­ni­scher Pu­der glit­zer­te wie Ster­nen­staub, re­flek­tier­te bei­des, ihr Ent­zücken und Ne­w­bolts Man­nes­s­tolz. Als sie ihn bat, der Un­ter­su­chung bei­woh­nen zu dür­fen, stimm­te Ne­w­bolt zu, oh­ne Scar­lets Er­laub­nis ab­zu­war­ten.

Dann, ei­ne Mei­le un­ter der Ober­flä­che, führ­te Ne­w­bolt sie rasch durch ei­ne lan­ge Hal­le, die als Mu­se­um für den be­wach­ten Pla­ne­ten diente. Kris­tal­le­ne Schau­käs­ten wa­ren zu se­hen, ge­füllt mit Steinäx­ten, rost­zer­fres­se­nen Klin­gen und pri­mi­ti­ven Fern­lenk­ge­schos­sen.

»Un­ser neues­tes Aus­stel­lungs­stück.« Ne­w­bolt blieb vor ei­ner Ni­sche ste­hen, in der ei­ne glat­te, schim­mern­de Ra­ke­te hing, un­ter sich die pracht­vol­le Si­chel des Pla­ne­ten, im Hin­ter­grund ei­ne ster­nen­über­sä­te Lee­re. »Das ers­te be­mann­te Raum­schiff von der Er­de.«

»Wie ha­ben Sie es hier­her­ge­schafft?«

»Wir folg­ten ihm auf sei­nem Kurs. Die Ein­ge­bo­re­nen woll­ten da­mit den Mond er­rei­chen, aber sie ge­rie­ten in einen so­la­ren Strah­len­schau­er, der die Ab­schir­mung durch­schlug. Als sie tot wa­ren, bar­gen wir ihr Schiff.« Er lach­te gluck­send. »Wenn die ge­wußt hät­ten, daß wir sie aus nächs­ter Nä­he be­ob­ach­te­ten …«

»Sie ha­ben sie ster­ben las­sen?« un­ter­brach Scar­let. »Hier drau­ßen im lee­ren Raum?«

»Sie ken­nen ja die Sat­zun­gen …« Ne­w­bolt zuck­te die Ach­seln, nicht ge­ra­de sehr re­spekt­voll. »Kon­takt war ih­nen kei­ner ge­lun­gen. Folg­lich konn­ten wir uns nicht ein­mi­schen.«

 

Sie­ben­un­dacht­zig ga­lak­ti­sche Bür­ger hat­ten sich auf sein Ver­lan­gen hin ein­ge­fun­den. Die meis­ten von ih­nen wa­ren Mit­glie­der des Qua­ran­tä­ne­korps, aber es gab noch an­de­re, die es in die Wild­nis die­ses Sys­tems ge­trie­ben hat­te, aus In­ter­es­sen so man­nig­fal­tig wie ih­re ei­ge­ne selt­sa­me Kul­tur … Ei­ne drei Mann große Grup­pe von Pro­spek­to­ren hat­te den As­te­roi­den­gür­tel ver­las­sen; ein ver­rück­ter Künst­ler, der an ei­nem Epos über ein Wrack schrieb, war von ei­nem Sa­turn­mond auf­ge­bro­chen; ein Mys­ti­ker auf Plu­to hat­te ein Jahr­hun­dert ein­sied­le­ri­scher Be­trach­tun­gen un­ter­bro­chen, wie auch ein Ar­chäo­lo­ge sei­ne Aus­gra­bun­gen auf dem Mars, nur um der Sit­zung bei­zu­woh­nen; und ein hal­b­es Dut­zend frei­er Agen­ten hat­te sei­ne Mas­ken als Er­den­bür­ger ei­ligst fal­len­las­sen.

Wäh­rend sie dort un­ter der al­ten Stein­kup­pel des klei­nen Au­di­to­ri­ums war­te­ten, hat­ten sich die­se ga­lak­ti­schen Bür­ger in drei Grup­pen ge­spal­ten.

»Raub­tie­re!« Ne­w­bolt knurr­te es ver­ächt­lich, als sie an ei­ner der Grup­pen vor­bei­gin­gen. »Ge­rüch­te über die Kri­se sind schon seit ei­nem Jahr­hun­dert im Um­lauf; nicht der kleins­te Hin­ter­welt­ler­pla­net wur­de ver­schont. Und was ist die Fol­ge? Die­se Wöl­fe sind her­bei­ge­strömt und ha­ben ge­heult, wir soll­ten ab­zie­hen, da­mit sie den Pla­ne­ten aus­beu­ten kön­nen.« Er lach­te. »Aber da macht ih­nen das Blin­ker-Pro­jekt einen schö­nen Strich durch die Rech­nung!«

Scar­let er­wi­der­te nichts. Ein­gehüllt in sei­ne Au­ra amt­li­chen blau­en Lich­tes, stieg er lang­sam zum Richter­stuhl em­por und war­te­te dar­auf, daß Ne­w­bolt die Ver­sam­mel­ten zur Ord­nung ru­fe. Aus wil­den, kri­tisch zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Au­gen mus­ter­te er die drei feind­li­chen Par­tei­en.

Ne­w­bolt mar­schier­te zur voll­zäh­lig ver­sam­mel­ten Be­leg­schaft der Qua­ran­tä­ne-Sta­ti­on, an sei­ner Sei­te Coral, ge­klei­det in gol­de­nen Staub und ei­ne Kas­ka­de psio­ni­schen Feu­ers, die sich von ih­rer Tail­le ab­wärts er­goß. Scar­lets Ba­cken­mus­keln spann­ten sich, und er wand­te schmerz­lich den Blick, um ih­rer ver­stärk­ten Lo­ckung zu ent­ge­hen.

Der Ein­sied­ler, sein los­ge­lös­ter Kopf blind und lei­chen­haft in dem kris­tal­le­nen Wür­fel, war her­um­ge­schwenkt und durch den Saal ge­rollt, um sich den drei schlan­ken jun­gen Män­nern mit ih­ren schmu­cken Uni­for­men des Si­gnal-Diens­tes an­zu­schlie­ßen. Scar­let run­zel­te miß­bil­li­gend die Stirn über die Schlicht­heit, der sie sich be­flei­ßig­ten, und wand­te sei­ne Auf­merk­sam­keit den »Raub­tie­ren« zu.

Die bunt durch­ein­an­der ge­wür­fel­te Grup­pe zu sei­ner Lin­ken be­stand aus dem bär­ti­gen Künst­ler und den raum­mü­den Pro­spek­to­ren – und noch ei­nem hal­b­en Dut­zend mehr. Sie al­le sa­hen aus wie er­schöpf­te, hung­ri­ge wil­de Tie­re. Von dem Reich­tum, nach dem er such­te, kei­ne Spur.

Auf sei­nem Richter­stuhl sit­zend, lei­er­te er die vor­schrifts­mä­ßi­gen Phra­sen her­un­ter, die an die al­te Ge­rech­tig­keit des Men­schen ap­pel­lier­ten. Sei­ne Stim­me war ge­nau­so ab­sto­ßend wie sein Äu­ße­res.

»Ei­ne Rou­ti­ne­an­ge­le­gen­heit«, krächz­te er und hielt aber­mals in­ne, um sich an den Qua­len all der schö­nen Män­ner zu wei­den. »Wir ver­zich­ten auf die wei­te­ren For­ma­li­tä­ten, um zum Kern der Sa­che zu kom­men. Es folgt ein kur­z­er Ab­riß … Die Ein­ge­bo­re­nen von Sol III be­fin­den sich laut Mel­dung in ei­ner Kon­takt-Kri­se. So­zi­al­für­sor­ger war­ten dar­auf, sich ih­rer an­zu­neh­men und sie in die Zi­vi­li­sa­ti­on ein­zu­füh­ren. Ih­re Qua­li­fi­ka­tio­nen für mensch­li­chen Sta­tus wur­den je­doch aufs hef­tigs­te in Fra­ge ge­stellt, und der Si­gnal-Dienst hat die Ab­sicht aus­ge­spro­chen, Sol als in­ter­ga­lak­ti­schen Blin­ker zu be­nut­zen.« Sich ver­dros­sen nach Coral um­se­hend, ent­deck­te er sie jetzt hin­ten im Saal, wo sie einen schmäch­ti­gen klei­nen Frem­den um­glüh­te. »Ei­ni­ge Leu­te wie­der se­hen sich ge­nö­tigt, da­ge­gen Ein­spruch zu er­he­ben …«

»Und ob wir Ein­spruch er­he­ben!« Sie kam auf das Po­di­um zu, in ih­rem Schlepp­tau den Frem­den. »Weil Sol kei­ne nutz­lo­se Son­ne ist … Die Er­de hat drei Mil­li­ar­den Ein­woh­ner, de­ren Men­schen­rech­te ge­schützt wer­den müs­sen!«

»Men­schen­rech­te?« Er ließ sei­ne Stim­me un­an­ge­nehm kräch­zen. »So­viel ich weiß, wur­den al­le mensch­li­chen We­sen in die­sem be­droh­ten Sys­tem auf­ge­for­dert, sich hier zu ver­sam­meln. Ich zäh­le kei­ne drei Mil­li­ar­den.«

»Wie sol­len sie auch psio­ni­sche An­wei­sun­gen be­fol­gen kön­nen? Sie ha­ben ja noch nicht ein­mal von der Psio­nik ge­hört! Aber ich weiß jetzt, daß sie Men­schen sind.« Sie schob den Frem­den nach vor­ne. »Das ist Mark Whi­ther­ly, der An­thro­po­lo­ge. Er hat auf dem Mars …«

»Ich bit­te Sie, Miß Fell!« un­ter­brach Ne­w­bolt. »Sie sind als Gast hier. Sie kön­nen doch nicht die Amts­hand­lung stö­ren.«

»Las­sen Sie nur, Kom­man­dant.« Scar­let lä­chel­te. »Ich hal­te nichts von Pa­ra­gra­phen­rei­te­rei. Ich bin ent­schlos­sen, je­de Be­weis­quel­le un­ter die Lu­pe zu neh­men.«

Ne­w­bolt setz­te sich brum­mend.

Scar­let war­te­te, um Corals Ent­de­ckung zu mus­tern. Der An­thro­po­lo­ge, mit sei­nem schlep­pen­den Gang, den zit­tern­den Hän­den und der per­ga­ment­ar­ti­gen Haut, sah gut fünf­hun­dert Jah­re über­reif aus für die Eutha­na­sie.

»Hö­re, Wain!« stieß sie her­vor. »Mark hat Be­wei­se ge­fun­den, die du nicht igno­rie­ren kannst! Du wirst die Qua­ran­tä­ne so­fort auf­he­ben müs­sen. Und das Blin­ker-Pro­jekt ab­leh­nen.«

»Ich hö­re.« Scar­let run­zel­te zwei­felnd die Stirn. »So­fern es sich um wirk­li­ches Be­weis­ma­te­ri­al han­delt.«

»Das ist der Fall.« Der al­te Ge­lehr­te sprach lang­sam, aber deut­lich. »Eu­er Eh­ren, ich ha­be die­sen Pla­ne­ten zwei­tau­send Jah­re lang be­ob­ach­tet, in Ab­stän­den. Es ist dies mein großes Ex­pe­ri­ment.«

»Was für ein Ex­pe­ri­ment?«

»Ei­ne Stu­die über den Zu­sam­men­stoß von Kul­tu­ren. Man hört ei­ne Men­ge Theo­ri­en – was pas­siert, wenn un­se­re ga­lak­ti­sche Zi­vi­li­sa­ti­on auf pri­mi­ti­ve Ge­sell­schafts­ord­nun­gen trifft. Es heißt, die Un­ter­ent­wi­ckel­ten wür­den für ge­wöhn­lich da­von pro­fi­tie­ren, und es heißt eben­so, daß es die Zer­stö­rung ih­rer Kul­tur zur Fol­ge hät­te. Ich ha­be nun auf die­se Kri­se ge­war­tet und al­les vor­be­rei­tet, um je­ne Fra­ge wis­sen­schaft­lich zu klä­ren. Nun, da der Au­gen­blick ge­kom­men ist …«

»Ist er das?«

»Al­ler­dings!« Der al­te Ge­lehr­te warf den Kopf zu­rück. »Ich ha­be mit­an­ge­se­hen, wie die Ein­ge­bo­re­nen im­mer nä­her an einen Kon­takt her­an­ge­rückt sind. Sie be­ob­ach­te­ten un­se­re psio­ni­schen Mo­ni­to­ren – die sie ›Flie­gen­de Un­ter­tas­sen‹ nen­nen. Sie schrie­ben gan­ze Bü­cher über uns. Ih­re Ra­ke­ten er­reich­ten die­sen Mond hier. Al­les, was noch fehlt, ist die of­fi­zi­el­le An­er­ken­nung ih­res mensch­li­chen Sta­tus.«

»Eu­er Eh­ren, ich er­he­be Ein­spruch!« Der Si­gna­l­of­fi­zier war jäh­lings auf den Bei­nen, son­nen­ge­bräunt und gut­aus­se­hend, bei­na­he un­ver­schämt gut­aus­se­hend, zu­mal er kei­ne Kos­me­ti­ka ver­wand­te. »Ich muß mit al­lem Nach­druck be­to­nen, daß un­ser Dienst die Son­nen für das in­ter­ga­lak­ti­sche Blink­feu­er nicht ein­fach aufs Ge­ra­te­wohl aus­ge­sucht hat. Wir gin­gen die frü­he­ren Aus­wan­de­rungs­be­rich­te durch und wähl­ten einen Sek­tor, den man of­fen­sicht­lich nicht in das Ko­lo­ni­sa­ti­ons­pro­gramm ein­be­zo­gen hat­te. Wenn Whi­ther­ly ein wirk­li­cher Ex­per­te ist, so soll er Ih­nen auch nur den kleins­ten Be­weis da­für lie­fern, daß mensch­li­che Sied­ler je­mals ir­gend­wo auf der Er­de lan­de­ten.«

Scar­let sah den ver­härm­ten al­ten Mann fra­gend an.

»Das kann ich nicht«, sag­te Whi­ther­ly.

»Wie wol­len Sie dann für die­se lau­si­gen An­thro­poi­den einen mensch­li­chen Sta­tus be­an­spru­chen?« Mit selbst­zu­frie­de­nem Lä­cheln wand­te sich der Son­nen-In­ge­nieur an Scar­let. »Eu­er Eh­ren, nach­dem Whi­ther­ly frei­mü­tig zu­gibt, kei­ner­lei An­zei­chen für ein bio­lo­gi­sches Band zwi­schen un­se­ren Ras­sen ent­deckt zu ha­ben, was schließ­lich ers­te Vor­aus­set­zung ist für mensch­li­chen Sta­tus, be­an­tra­ge ich, daß die­se Sit­zung mit ei­ner of­fi­zi­el­len Be­für­wor­tung un­se­res Blin­ker-Pro­jek­tes ge­schlos­sen wird.«

»Wain, war­te!« Corals Stim­me klang alar­mie­rend. »Du hast noch nichts von Marks großer Ent­de­ckung ge­hört!« Scar­let blick­te un­ge­dul­dig zu­rück auf den schmäch­ti­gen al­ten Mann und stell­te miß­mu­tig fest, daß er zu arm aus­sah, um auch nur für den kleins­ten Mond die­ser Wel­ten zu be­zah­len, die zu ret­ten es ihn dräng­te.

»Pen­w­right hat einen vor­ei­li­gen Schluß ge­zo­gen.« Whi­ther­ly nick­te schwach, mit ei­nem Sei­ten­blick auf den Son­nen-In­ge­nieur. »Ich ha­be Be­wei­se da­für, daß die Ein­ge­bo­re­nen von der Er­de un­se­rem mensch­li­chen Ge­schlecht an­ge­hö­ren. Wenn hier kei­ne Ko­lo­nis­ten lan­de­ten, so ein­fach des­halb, weil die Ten­denz in die an­de­re Rich­tung zeig­te.«

Ein über­rasch­tes Mur­meln durch­eil­te den Saal.

»Die ers­ten zi­vi­li­sier­ten Be­ob­ach­ter hier stie­ßen auf die merk­wür­di­ge Tat­sa­che, daß al­les Le­ben auf der Er­de einen ge­mein­sa­men Ur­sprung zu ha­ben schi­en«, fuhr Whi­ther­ly mit mat­ter Stim­me fort. »Jetzt weiß ich, warum. Mein ge­sam­tes Be­weis­ma­te­ri­al un­ter­mau­ert die au­gen­schein­li­che Er­klä­rung, daß die­se Welt hier es ist, wo sich das mensch­li­che Le­ben ent­wi­ckel­te.«

Schwan­kend hielt er in­ne, um Atem zu schöp­fen.

»Sa­gen Sie es ih­nen!« Coral pack­te sei­nen Arm, um­wogt von pur­pur­ner Ein­dring­lich­keit. »Sa­gen Sie ih­nen, was Sie auf dem Mars ge­fun­den ha­ben!«

»In den letz­ten paar Jahr­hun­der­ten«, fuhr er müh­se­lig fort, »dehn­te ich mei­ne Su­che auf die öden Pla­ne­ten aus. Ich fand auf dem Mars ei­ne Rui­nen­stadt, die mehr als zwan­zig­tau­send Jah­re alt ist. Mei­ne Aus­gra­bun­gen ent­hüll­ten, daß dort pri­mi­ti­ve neu­tro­ni­sche Schif­fe ge­lan­det wa­ren. Man­che ließ man ein­fach ste­hen. Man­che aber flo­gen wie­der ab, nach­dem man sie über­holt hat­te, da­mit sie in­ter­stel­la­re Ent­fer­nun­gen zu­rück­le­gen konn­ten …

Die ers­ten neu­tro­ni­schen Schif­fe!« flüs­ter­te er schwach. »Sie hat­ten pri­mi­ti­ve Men­schen von der Er­de zum Mars ge­bracht. Sie tru­gen un­se­re Vor­fah­ren ins All hin­aus, auf daß sie die Milch­stra­ße er­ober­ten!« Er blin­zel­te Pen­w­right trot­zig an. »Nie darf man zu­las­sen, daß Sie und Ih­res­glei­chen un­se­re Mut­ter­welt mor­den!«

»Wirk­lich ein­drucks­voll!« Pen­w­right lä­chel­te nach­sich­tig. »Eu­er Eh­ren, ich darf Sie dar­an er­in­nern, daß be­reits je­der Pla­net im Um­kreis von zwei­hun­dert Licht­jah­ren als die Wie­ge der Mensch­heit hin­ge­stellt wur­de. Un­glück­li­cher­wei­se ha­ben auf kei­nem ir­gend­wel­che stich­hal­ti­gen Be­wei­se über­dau­ert. Die Aus­wan­de­rungs­wel­le ließ die­se Wel­ten viel zu weit hin­ter sich. Die we­ni­gen, die je ko­lo­ni­siert wur­den, gab man schon vor zwan­zig­tau­send Jah­ren wie­der auf.«

»Ich bin mit der ga­lak­ti­schen Ge­schich­te wohl­ver­traut«, er­in­ner­te ihn Scar­let fros­tig. »Ich be­sit­ze Kom­pe­tenz ge­nug, mir über den Wert die­ses Be­weis­ma­te­ri­als ein Ur­teil zu bil­den.«

»Sie wer­den es so­fort er­le­di­gen?« Der al­te Whi­ther­ly blick­te ängst­lich zu ihm auf. »Sie se­hen, mei­ne Zeit läuft ab. Wenn es ei­ne län­ge­re Ver­zö­ge­rung gibt, ist mei­ne Chan­ce da­hin, den Aus­gang der Kri­se zu be­ob­ach­ten.«

»Ihr per­sön­li­ches Miß­ge­schick tut nichts zur Sa­che.«

»Aber, Wain! Warum war­ten?« be­dräng­te ihn Coral. »Das al­les müß­te doch ge­nü­gen, um die Qua­ran­tä­ne auf­zu­he­ben, oder?«

Scar­let schüt­tel­te miß­mu­tig den Kopf. Whi­ther­lys so­zio­lo­gi­sche For­schungs­ar­beit, so­wie Corals er­zie­he­ri­sches Pro­gramm und Pen­w­rights Blin­ker-Pro­jekt schie­nen un­ver­ein­bar mit ir­gend­ei­ner Be­ste­chung. Die no­blen Ar­gu­men­te der ers­te­ren bei­den moch­ten ihm als Rücken­de­ckung die­nen, wenn es zu ei­nem Ur­teilss­pruch kam, aber das müß­te war­ten, bis er einen Käu­fer für die Er­de ge­fun­den hat­te.

»Nein.« Er sah Coral düs­ter an. »Noch nicht.«

»Nicht in tau­send Jah­ren, mei­ne Lie­be.« Ne­w­bolts Lä­cheln war strah­lend vor männ­li­chem Selbst­ver­trau­en. »Über­haupt nie, mei­ner Mei­nung nach. Wenn das Blin­ker-Pro­jekt nicht be­für­wor­tet wird, kön­nen wir uns hier die nächs­ten Jahr­hun­der­te um die Oh­ren schla­gen …«

»Irr­tum, Ne­w­bolt!« Die­ser Zwi­schen­ruf tön­te aus dem Hin­ter­grund des Saa­l­es, und Scar­let schwang her­um; er sah einen mäch­ti­gen Frem­den, der den Gang ent­lang­schritt. »Ich kom­me ge­ra­de von der Er­de, mit Neu­ig­kei­ten über die Kri­se.« Er blieb ste­hen und blick­te un­be­küm­mert hin­auf zu Scar­let. »Eu­er Eh­ren, ich möch­te Sie da­von un­ter­rich­ten, daß die Ein­ge­bo­re­nen auf dem bes­ten Weg sind, einen nicht über­seh­ba­ren Kon­takt zu ma­chen. Sie wer­den in ge­nau zwan­zig Stun­den hier sein!«

Scar­let lä­chel­te her­ab auf den Frem­den, der ei­ne Häß­lich­keit an den Tag leg­te, die so­gar noch grö­ßer war als sei­ne ei­ge­ne. Mit dem her­vor­tre­ten­den Kinn und der ge­bro­che­nen Na­se sah er schon ab­sto­ßend ge­nug aus, aber über­dies war er kahl wie ein Stein, wet­ter­ge­gerbt wie al­tes Le­der und von leuch­ten­den Nar­ben durch­zo­gen, die ei­ne be­red­te Spra­che führ­ten. Na­he­zu nackt, be­nö­tig­te er kei­ner­lei psio­ni­sche Kos­me­ti­ka, um sei­ne un­ge­heu­re ani­ma­li­sche Vi­ta­li­tät her­aus­zu­strei­chen.

Ne­w­bolt zu sich win­kend, frag­te Scar­let: »Wer ist das?«

»Nie­mand, für den wir un­se­re Zeit ver­schwen­den soll­ten.« Der Kom­man­dant be­dach­te den Frem­den mit ei­nem ge­ring­schät­zi­gen Blick. »Eins mehr von die­sen Raub­tie­ren, das auf das En­de der Qua­ran­tä­ne war­tet – und jetzt be­un­ru­higt ist, weil das Blin­ker-Pro­jekt ihm die Sup­pe zu ver­sal­zen droht.«

Scar­let nick­te stumm, fas­zi­niert vom Glit­zern der un­be­zahl­ba­ren na­tür­li­chen Edel­stei­ne, die um den Hals und an den rie­si­gen Hän­den des Frem­den hin­gen.

»Ein in­ter­stel­la­rer Frei­beu­ter, der sich Händ­ler nennt.« Ob­wohl der Mann nä­her­kam, fiel es Ne­w­bolt nicht ein, sei­ne ver­ach­tungs­vol­le Stim­me zu sen­ken. »Dirk Flint­led­ge. Ein groß­mäu­li­ges Übel, aber ich wer­de mich sei­ner schnells­tens ent­le­di­gen!«

»War­ten Sie! Wenn er Neu­ig­kei­ten hat über die Kri­se …«

»Er lügt!« Der Kom­man­dant warf einen är­ger­li­chen Blick hin­über zu Flint­led­ge, der von Coral Fell auf hal­b­em We­ge ab­ge­fan­gen wor­den war, die jetzt be­wun­dernd glüh­te. »Mei­ne Agen­ten sind in die Raum­for­schungs­zen­tren der Pri­mi­ti­ven ein­ge­drun­gen. Seit dem Ver­lust der Ra­ke­te, die wir bar­gen, ha­ben sie kei­ne neu­en Start­ver­su­che ge­mel­det.«

»Aber die­ser Mann war auf Sol III?«

»Lei­der ja.« Ent­rüs­tet kehr­te er Coral und dem Händ­ler den Rücken. »Al­ler­dings nicht aus mei­nem Ver­schul­den. Er traf hier ein, ehe ich Kom­man­dant Ri­vers ab­lös­te, und hat­te die Er­laub­nis, ei­ne ge­hei­me Un­ter­su­chung über die Wirt­schaft des Pla­ne­ten an­zu­stel­len. Ei­ne un­glaub­li­che In­dis­kre­ti­on, fin­de ich. Von sol­chen Leu­ten darf man nicht er­war­ten, daß sie die Sat­zun­gen ein­hal­ten.«

»Ich will ihn spre­chen, ja?«

»Wain, das sind wun­der­ba­re Neu­ig­kei­ten!« Strah­lend vor Ent­zücken, führ­te Coral den Händ­ler zum Po­di­um. »Dirk sagt, daß ei­ne Ein­ge­bo­re­nen­ra­ke­te ge­nau hier­her kom­men wird!«

»Ne­w­bolt stellt die­se In­for­ma­ti­on sehr in Fra­ge.«

»Sei­ne ei­ge­nen In­for­ma­tio­nen sind un­zu­läng­lich.« Flint­led­ge zeig­te dem ver­wirr­ten Kom­man­dan­ten ein häß­li­ches Grin­sen. »Die­se neue Ra­ke­te wur­de in ei­nem ge­hei­men mi­li­tä­ri­schen Stütz­punkt ge­baut, den sei­ne Qua­ran­tä­ne-Agen­ten wohl über­sa­hen. Sie star­te­te, noch ehe ich den Pla­ne­ten ver­ließ. Mitt­ler­wei­le be­fin­det sie sich auf hal­b­em Weg hier­her. Ih­re An­kunft wird Ih­nen ei­ne aus­ge­wach­se­ne Kon­takt­kri­se prä­sen­tie­ren.« Flint­led­ge be­feuch­te­te sei­ne Lip­pen.

»Sie müs­sen wis­sen, ei­ni­ge Stäm­me der Wil­den füh­ren einen so­ge­nann­ten ›kal­ten Krieg‹, der die Ent­wick­lung von Raum­waf­fen vor­an­treibt. Ein­hei­mi­sche Spio­ne ha­ben je­der Groß­macht be­un­ru­hi­gen­de Nach­rich­ten über die Fort­schrit­te der an­de­ren ge­lie­fert. Ei­nem Stamm wur­de mit­ge­teilt, daß sei­ne Si­cher­heit durch einen feind­li­chen Stütz­punkt auf dem Mond be­droht sei.« Sein Grin­sen war er­schre­ckend. »Sehr zum Pech für Ne­w­bolts Me­tho­den stimmt der ge­plan­te Zeit­punkt mit dem Stand­ort die­ser Sta­ti­on über­ein.«

»Er lügt!« Ne­w­bolt wur­de blaß an­ge­sichts der durch­trie­be­nen Häß­lich­keit des Händ­lers. »Er ver­sucht, Eu­er Eh­ren zu be­ein­flus­sen!«

»Wir wer­den ja se­hen.« Der nar­bi­ge Mann blieb un­be­küm­mert. »Aber ich muß Sie da­von un­ter­rich­ten, daß die Ein­ge­bo­re­nen ihr Raum­schiff mit ei­ner Fünf­zig-Me­ga­ton­nen-Was­ser­stoff­bom­be be­waff­net ha­ben.«

Ne­w­bolts Selbst­si­cher­heit ver­blaß­te et­was.

»Einen Mo­ment, Eu­er Eh­ren.« Er hob sein Sprech­ge­rät. »Ich möch­te kurz die Mo­ni­to­ren über­prü­fen.«

Scar­let war­te­te, den Blick auf Flint­led­ge ge­rich­tet, ihn und sei­nen Reich­tum ab­schät­zend, bis Ne­w­bolt mit är­ger­li­cher Stim­me zu spre­chen be­gann. »Un­se­re Mo­ni­to­ren ha­ben ein Ob­jekt ge­or­tet, das sich stän­dig von Sol III ent­fernt. Die Aus­strah­lun­gen die­ses Ob­jek­tes wei­sen so­wohl auf nu­klea­re Be­stän­de als auch auf le­ben­de Kör­per hin. Wenn es sei­nen Kurs bei­be­hält, wird es di­rekt hier­her­kom­men.«

»Und Kon­takt ma­chen!« Coral sprüh­te vor Ei­fer. »Das ist die Kri­se.«

»Einen un­gül­ti­gen Kon­takt!« Ne­w­bolt starr­te den Händ­ler wü­tend an. »Die­se Ein­ge­bo­re­nen ha­ben es nicht von al­lein ge­schafft, den Weg durch die Strah­lungs­zo­nen zu fin­den. Sie müs­sen il­le­ga­le In­for­ma­tio­nen er­hal­ten ha­ben – ein­schließ­lich un­se­rer Po­si­ti­on hier.« Der blaue Staub, der ihn um­hüll­te, fun­kel­te kalt. »Eu­er Eh­ren, ich kla­ge Dirk Flint­led­ge des Ver­sto­ßes ge­gen die Sat­zun­gen an.«

»Aber, Sir …« Flint­led­ge blieb un­er­schüt­tert. »Warum soll­ten Sie aus­ge­rech­net mich ver­däch­ti­gen?«

»Weil Sie ei­ne Kri­se er­zwin­gen wol­len«, schnaub­te Ne­w­bolt. »Weil Sie drun­ten auf dem Pla­ne­ten wa­ren – mit­ten un­ter den Er­bau­ern die­ser Ra­ke­te. Weil ich Mel­dun­gen er­hielt über Ih­re ge­set­zes­wid­ri­gen Me­tho­den bei frü­he­ren Zu­sam­men­stö­ßen mit dem Qua­ran­tä­ne­dienst.«

»Das sind noch lan­ge kei­ne Be­wei­se.«

»Die be­schaf­fe ich mir aber.« Ne­w­bolts Au­gen blitz­ten un­heil­voll. »Eu­er Eh­ren, ich ha­be die Ab­sicht, die­sen Ver­bre­cher ein­zu­sper­ren und zu be­stra­fen.«

»Viel Zeit bleibt ihm nicht, um sei­ne Be­wei­se auf­zu­trei­ben.« Flint­led­ge grins­te Scar­let un­ver­schämt an. »Die Ein­ge­bo­re­nen wer­den in zwan­zig Stun­den hier sein, mit Ge­schos­sen, die nie­mand igno­rie­ren kann. Wenn er das Raum­schiff im Weltall ab­fängt, wird die­ser Akt selbst der Kon­takt sein.«

»Ich be­stim­me hier, was Kon­takt ist und was nicht.« Scar­let ver­such­te, die wil­de Häß­lich­keit des an­de­ren durch sei­ne na­sa­le und spit­ze Stim­me wettz­u­ma­chen. »Und ich be­ur­tei­le, ob die­ser Mann ge­gen die Sat­zun­gen ver­sto­ßen hat. Ist das klar, Kom­man­dant?«

»Aber, Eu­er Eh­ren …«

Scar­let ließ Ne­w­bolt mit ei­ner ener­gi­schen Hand­be­we­gung ver­stum­men. Er saß da, die Stirn ge­furcht, und über­leg­te, wie er es am bes­ten an­stel­len soll­te, um mit Flint­led­ge zu ver­han­deln, oh­ne ar­ges Miß­trau­en zu er­re­gen.

Die At­mo­sphä­re un­ter der Kup­pel war ge­spannt. Plötz­lich be­un­ru­higt, woll­te Coral wis­sen, auf wel­che Wei­se die Sta­ti­on vor dem An­griff der Wil­den ge­schützt wer­den kön­ne – so­fern er, Scar­let, den Kon­takt nicht an­er­kann­te.

Ab­rupt un­ter­brach er die Sit­zung und ver­kün­de­te, daß er et­was Zeit be­nö­ti­ge, um sich ein Ur­teil über die neue Si­tua­ti­on zu bil­den. Er wies Ne­w­bolt an, die Ein­ge­bo­re­nen­ra­ke­te wei­ter ver­fol­gen zu las­sen, sonst aber nichts da­ge­gen zu un­ter­neh­men.

Oh­ne das er­reg­te Ge­mur­mel im Saal zu be­ach­ten, frag­te er dann Ne­w­bolt nach der Ver­gan­gen­heit des Händ­lers.

»Er ist un­kon­di­tio­niert.« Ne­w­bolt senk­te den Blick vor Scar­lets ei­ge­ner un­kon­di­tio­nier­ter Häß­lich­keit und fuhr schnell fort: »Un­kon­di­tio­niert und ver­zwei­felt. Sie müs­sen wis­sen, er hat auf ein frü­hes En­de der Qua­ran­tä­ne spe­ku­liert, un­klu­ger­wei­se. Jetzt steht er na­he vor dem Ruin.«

»Ist Flint­led­ge reich?«

»Ich neh­me an, er war es.« Ne­w­bolt zuck­te miß­bil­li­gend die Ach­seln. »Er er­gau­ner­te sich wahr­schein­lich ein Ver­mö­gen bei den Wil­den – und ver­lor das meis­te wie­der, als die­se ge­nug Psio­nik auf­ge­schnappt hat­ten, um sei­ne Tricks zu durch­schau­en. Als er her­aus­fand, daß Sol III lang­sam und si­cher reif für die Kri­se wur­de, ver­pfän­de­te er sein Schiff, mit der Ab­sicht, die Frucht zu pflücken. Ich er­fuhr das von dem tüch­ti­gen jun­gen Mann, der ihm nach­flog, um zu kas­sie­ren. Ein we­ga­ni­scher Ban­kier, wis­sen Sie. Nun, wenn Sie das Blin­ker-Pro­jekt be­für­wor­ten, wird er kei­ne Ge­le­gen­heit mehr ha­ben, sich nach ei­nem an­de­ren Dum­men um­zu­se­hen. Da ist er schon ein­ge­locht.«

»Ver­ste­he.« Scar­let run­zel­te die Stirn, um sei­ne Freu­de zu tar­nen. »Zei­gen Sie mir jetzt bit­te mein Quar­tier.«

Auf dem Weg hin­aus frag­te er Coral, ob sie mit ihm zu­sam­men es­sen wol­le, aber sie hat­te be­reits ei­ne Ein­la­dung von Pen­w­right an­ge­nom­men. Und als er sich hoff­nungs­voll nach Flint­led­ge um­sah, muß­te er fest­stel­len, daß der Händ­ler be­reits ge­gan­gen war.

In sei­nem Quar­tier an­ge­langt, brü­te­te er miß­mu­tig vor sich hin. Dann hat­te er sich ent­schie­den:

Von ihm aus konn­ten die Son­nen-In­ge­nieu­re den Pla­ne­ten ko­chen – au­ßer, Flint­led­ge fän­de sich be­reit, für des­sen Ret­tung zu be­zah­len.

Zu vor­sich­tig, um den Er­öff­nungs­zug in die­sem ris­kan­ten Spiel zu ma­chen, ver­trieb er sich die Zeit und hoff­te, daß Flint­led­ge sich mel­den wür­de. Aber das tat er nicht, zu sei­nem großen Leid­we­sen.

 

Erst ei­ne Stun­de spä­ter – er hat­te sich al­lein zum Es­sen be­ge­ben –, als er es kaum noch aus­hal­ten konn­te und schon ganz ver­zwei­felt an der schwar­zen Schei­be sei­nes Arm­band­sprech­ge­räts her­um­fum­mel­te, kam der er­sehn­te An­ruf. Er zuck­te zu­sam­men, so plötz­lich flamm­te der Kris­tall mit dem Ab­bild des Händ­lers auf.

»Ich glau­be, ich soll­te Sie in Ih­ren Über­le­gun­gen lie­ber nicht stö­ren …« Flint­led­ges dunkle klei­ne Pu­pil­len fun­kel­ten zy­nisch. »Wo doch Pen­w­right sich so da­nach sehnt, sei­nen Blin­ker aus­zu­lö­sen, und Coral Fell so ängst­lich dar­auf be­dacht ist, die An­thro­poi­den zu be­glücken, und der al­te Whi­ther­ly halb stirbt vor Ver­lan­gen, sei­ne Kon­takt-Kri­se zu be­ob­ach­ten – da dürf­te Ih­re Ent­schei­dung schon schwie­rig ge­nug sein.«

»Es freut mich trotz­dem, von Ih­nen zu hö­ren«, er­wi­der­te Scar­let vor­sich­tig. »Ich ha­be mir Ge­dan­ken über Ihr ei­ge­nes In­ter­es­se an dem Aus­gang der Kri­se ge­macht.«

»Wenn Sie auf ein Gläs­chen bei mir vor­bei­kom­men wol­len«, mein­te Flint­led­ge, »könn­ten wir uns ge­mein­sam dar­über Ge­dan­ken ma­chen – au­ßer, Sie fürch­ten, ein Kon­takt mit mir sei ge­eig­net, Ih­re Un­par­tei­lich­keit zu trü­ben.«

»Äh – dan­ke.« Scar­let miß­fiel die Ver­trau­lich­keit des Händ­lers, aber es ge­lang ihm, sei­nen Un­wil­len zu un­ter­drücken. »Es wä­re mir ei­ne Freu­de.«

Er schnall­te sich sei­nen Raum­gür­tel um und eil­te hin­aus ins Freie. Er traf Flint­led­ge un­ter der Luft­schleu­se an, wie die­ser mit den Ar­men ru­der­te und den Män­nern Schmä­hun­gen ent­ge­gen­warf, die ge­kom­men wa­ren, um sein Schiff in ei­ne lu­na­re Berg­spit­ze zu ver­wan­deln.

»Die­ser Narr Ne­w­bolt glaubt, wir könn­ten uns hier ver­ste­cken«, knurr­te er. »Aber ich weiß es bes­ser. Mich sol­len die­se Wil­den nicht un­vor­be­rei­tet er­wi­schen – oder sind Eu­er Eh­ren in der La­ge, mich vollauf zu be­ru­hi­gen?«

Scar­let folg­te ihm durch die Schleu­se. Die pom­pö­se Ein­rich­tung des Schif­fes raub­te ihm zu­erst den Atem, aber dann ließ sie in ihm den fes­ten Wil­len rei­fen, noch mehr zu ver­lan­gen, als er bis­her ge­wagt hät­te.

Un­ter all dem über­schweng­li­chen Lu­xus von Flint­led­ges Ka­bi­ne stach ihm ein Fi­gür­chen ins Au­ge, ei­ne Tän­ze­rin. Sie ba­lan­cier­te auf ei­ner mit Edel­stei­nen aus­ge­leg­ten Plat­te, die einen dunklen Qua­der glän­zen­des Hol­zes be­deck­te, und an­fangs war sie bar je­der Zü­ge, je­den Aus­drucks, ein Sym­bol nur al­len weib­li­chen Zau­bers, ge­schlif­fen aus ei­nem kla­ren, ma­kel­lo­sen Kris­tall.

Aber noch wäh­rend er sie be­trach­te­te, er­wach­te sie zum Le­ben, al­le sei­ne Vor­stel­lun­gen von den Rei­zen der Frau re­flek­tie­rend, ver­fei­nert und ge­läu­tert durch die Sicht des Künst­lers, der ih­re psio­ni­sche Ma­trit­ze an­ge­fer­tigt hat­te. Plötz­lich war sie Coral Fell, aber jün­ger und zar­ter als die wirk­li­che Coral, nicht ganz so streng um die Lip­pen, viel­mehr mit ei­nem schwär­me­ri­schen Lä­cheln. Ih­re ein­ma­li­ge Schön­heit gab ihm einen Stich und hin­ter­ließ ein un­bän­di­ges Ver­lan­gen, das ihn schmerz­te.

»Ge­fällt sie Ih­nen?«

Flint­led­ges Fra­ge schreck­te ihn auf. Er riß sei­nen Blick los von dem Fi­gür­chen und er­rö­te­te, ehe er sich ins Ge­dächt­nis ru­fen konn­te, daß sich das Gan­ze nur für ihn al­lein ab­ge­spielt hat­te, völ­lig pri­vat.

»Se­hen Sie sich um.« Des Händ­lers Grin­sen war ei­ne Frat­ze. »Wenn Sie et­was wol­len, sa­gen Sie es nur.«

Ganz be­stimmt woll­te er ei­ne Men­ge mehr als bloß ein psio­ni­sches Fi­gür­chen. Und wäh­rend er sich ab­schät­zend in der pracht­vol­len Ka­bi­ne um­blick­te, ent­deck­te er zwei Bil­der, die ihn ge­fan­gen hiel­ten. Ste­reos – kris­tal­le­ne Zwil­lings­plat­ten – sie wa­ren eben­falls psio­nisch. Sei­ne Ge­dan­ken lie­ßen sie au­gen­blick­lich auf­leuch­ten mit Le­ben und Be­deu­tung.

Zwei Män­ner …

Sie mach­ten ihn er­schau­ern. Der ei­ne war sym­pa­thisch, der an­de­re wi­der­wär­tig. Der ei­ne schlank und jung, auf sei­nem mar­kan­ten brau­nen Ge­sicht ein strah­len­des Lä­cheln. Der an­de­re äl­ter, feist, mit ver­schla­ge­nem, bös­ar­ti­gen Blick, im Nacken die Angst. Und doch wa­ren sie, auf ge­wis­se Wei­se, Zwil­lin­ge …

Bei­de von ih­nen, je­der für sich, Scar­let!

Be­stürzt dreh­te er sich um – und stell­te fest, daß der Händ­ler ihn be­ob­ach­tet hat­te, mit ei­ner un­ver­schäm­ten Be­lus­ti­gung, die ihn är­ger­te.

»Äh – was sind das für Din­ger?«

»Viel­leicht soll­te ich mich bei Ih­nen ent­schul­di­gen …« Das Ki­chern des Händ­lers war nicht da­nach. »Psio­ni­sche Spie­gel, so könn­te man sie nen­nen. Sie sind der­art kon­stru­iert, daß sie das Ich re­flek­tie­ren, das man der Welt zei­gen, und das, was man ihr nicht zei­gen möch­te. Ich be­ob­ach­te gern, wie mei­ne Freun­de dar­auf rea­gie­ren.«

Es kos­te­te Scar­let ei­ni­ge Wil­lens­an­stren­gung, den Händ­ler nicht zu fra­gen, wie er ihn sah.

»Ih­re Re­ak­ti­on, sie – ge­fällt mir.« Flint­led­ge kräh­te vor La­chen. »Aber neh­men Sie doch Platz.« Er rang dar­um, sei­ne Be­lus­ti­gung zu un­ter­drücken. »Ich se­he, Sie kön­nen die­sen Drink jetzt brau­chen.«

Sie lie­ßen sich nie­der, und ein psio­ni­scher Ro­bo­ter kam mit ei­ner selt­sa­men Fla­sche und zwei Glä­sern, die Eis ent­hiel­ten. In stum­mer Ant­wort auf die Wün­sche des Händ­lers goß er ein De­stil­lat über das Eis. Der Ge­ruch war scharf und be­rau­schend. Scar­let lehn­te sich zu­rück, um das Ge­tränk vor­sich­tig zu kos­ten.

Die Fla­sche stamm­te von Sol III. Die Wil­den nann­ten das Zeug Whis­ky, und es gab nir­gend­wo et­was Gleich­ar­ti­ges.

»Wun­der­bar!« Schnau­fend wisch­te sich Flint­led­ge über die Au­gen. »Wun­der­bar wie der gan­ze Pla­net. Ich hat­te das her­aus­ge­fun­den, noch ehe un­se­re Freun­de vom Si­gnal­dienst mit ih­rem Ein­äsche­rer da­her­ka­men. Wun­der­ba­rer Reich­tum, und noch völ­lig un­be­rührt!«

Scar­let nipp­te an der bren­nen­den Flüs­sig­keit und war­te­te ge­dul­dig auf das Fi­nan­zi­el­le.

»Gan­ze Kon­ti­nen­te … reich ge­nug, um sie ab­zu­tra­gen!« Sei­ne rast­lo­sen Au­gen blick­ten Scar­let durch­boh­rend an. »Ozea­ne zum Ex­por­tie­ren! Wir kön­nen den Pla­ne­ten hun­dert Ki­lo­me­ter tief aus­schür­fen!«

»Ich ha­be ei­ni­ge von den al­ten In­spek­ti­ons­be­rich­ten stu­diert.« Scar­let nick­te vor­sich­tig. »Ich bin si­cher, daß die na­tür­li­chen Roh­stoff­quel­len noch un­ge­heu­er viel her­ge­ben. Wir ha­ben ge­nau auf­ge­paßt … Aber ge­hö­ren sie nicht den Ein­ge­bo­re­nen?«

»Ach, die! Ei­ne arm­se­li­ge Ban­de!« Flint­led­ge zuck­te die Ach­seln. »Zu zu­rück­ge­blie­ben, um ir­gend­wel­che Schwie­rig­kei­ten zu ma­chen. Ih­re ato­ma­ren Waf­fen ha­ben wir uns schnell vom Leib ge­schafft. Die Über­le­ben­den mö­gen viel­leicht so­gar ganz nütz­lich sein, wenn wir un­se­re neu­en An­la­gen in Be­trieb neh­men, vor­aus­ge­setzt, Coral hat sie mit ein biß­chen Psio­nik ge­zähmt.«

»Ich bin für sie – äh – ver­ant­wort­lich.« Scar­let run­zel­te die Stirn. »Sie müs­sen mich da­von über­zeu­gen, daß die­ser Kon­takt al­lei­ni­ges Werk der Ein­ge­bo­re­nen ist – Gip­fel­punkt ih­res Auf­stiegs in die Zi­vi­li­sa­ti­on.«

»Dar­auf ha­be ich ge­war­tet.« Flint­led­ge lach­te wie­der, ein­deu­tig zu herz­haft. »Sie wuß­ten, daß ich mich un­ter die­se ei­ne Grup­pe ge­mischt hat­te, und fol­ger­ten ganz rich­tig, auf wen der Kon­takt zu­rück­zu­füh­ren war.«

»Sie ge­ben al­so zu, einen früh­zei­ti­gen Kon­takt aus­ge­löst zu ha­ben, ab­sicht­lich?«

»Ganz im Ge­gen­teil.« Die un­na­tür­li­che Hei­ter­keit des Händ­lers ver­blaß­te, und Flint­led­ge starr­te Scar­let mit küh­len, be­rech­nen­den Au­gen an. »Aber selbst wenn ich es tun soll­te, wä­re mei­ne Aus­sa­ge von kei­ner­lei Be­deu­tung. Wie Eu­er Eh­ren sich zwei­fel­los be­wußt sind, ist die­ser Kon­takt das, wo­für Sie ihn hin­stel­len.«

Scar­let nick­te nur und be­ob­ach­te­te den Händ­ler wei­ter.

Schweiß­per­len wa­ren die­sem auf die Stirn ge­tre­ten, und sei­ne zer­schun­de­nen Hän­de hat­ten sich zu Fäus­ten ge­ballt, die un­merk­lich zit­ter­ten. Plötz­lich griff er nach ei­nem neu­en Glas Whis­ky.

»Hier, Eu­er Eh­ren!« Has­tig spül­te er den Drink her­ab, dann öff­ne­te er ein Käst­chen mit psio­ni­schen Fil­men. »Ich möch­te Ih­nen zei­gen, wie ich mir die Aus­wer­tung des Pla­ne­ten vor­stel­le.«

Un­ge­rührt sah sich Scar­let die ein­zel­nen Ent­wür­fe an. Die pro­jek­tier­ten An­la­gen wa­ren phan­tas­tisch:

Däm­me, um das Über­maß der Ozea­ne in Ex­port­tanks ab­zu­lei­ten; Hüt­ten­wer­ke, um die Kon­ti­nen­te zu ver­schlin­gen; ein neu­tro­ni­sches Tem­pe­ra­tur­netz, um die un­te­re Krus­te des Pla­ne­ten für die Um­wand­ler ab­zu­küh­len; Kom­pres­si­ons­sta­tio­nen, um der At­mo­sphä­re zu ent­zie­hen, was im­mer sie auch wert­voll mach­te; und Hä­fen für die Han­dels­flot­ten, da­mit die­se dann die Beu­te hin­aus ins Weltall schaf­fen konn­ten.

 

»Tüch­tig.« Scar­let nick­te bei­läu­fig. »Das müß­te Ih­nen ei­ne Stan­ge Geld ein­brin­gen.«

»Das er­war­te ich auch.« Sei­ne hei­se­re Stim­me zit­ter­te vor ei­ner Span­nung, die er nicht ganz zu un­ter­drücken ver­moch­te. »Um die Wahr­heit zu sa­gen, es muß klap­pen. Ich ha­be große In­ves­ti­tio­nen – mein Schiff, die Han­dels­wa­re und die tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen.«

»Ver­ste­he.« Scar­let mach­te sich er­freut an ei­ne neue In­spek­ti­on der lu­xu­ri­ösen Ka­bi­ne. »Je­de län­ge­re Ver­zö­ge­rung wür­de für Sie kost­spie­lig sein, wie?«

»Es wä­re mein Ruin!« er­wi­der­te Flint­led­ge wild, doch dann grins­te er. »Ich ha­be mit Coral ge­spro­chen«, füg­te er hin­zu. »Sie sag­te, Sie woll­ten das Korps ver­las­sen.«

»Ein al­ter Traum von ei­nem neu­en Le­ben drau­ßen an der ga­lak­ti­schen Front. Hät­te ich die Mit­tel für einen fri­schen Start, wür­de ich noch heu­te den Dienst quit­tie­ren.«

»Gut.« Der Händ­ler grins­te jetzt übers gan­ze Ge­sicht. »Ich se­he, wir kön­nen mit­ein­an­der ins Ge­schäft kom­men. Bei Ih­ren Er­fah­run­gen sind Sie ge­nau der Mann, den ich brau­che, um die recht­li­che Sei­te mei­ner An­ge­le­gen­heit zu be­sor­gen. Wenn Sie mit mir einen Ver­trag ab­schlie­ßen wol­len auf nur hun­dert Jah­re …«

»Nein«, sag­te Scar­let. »Ich ha­be schon zu vie­le Jahr­hun­der­te für Wil­de ver­schwen­det.«

»Was wol­len Sie denn?«

»Ich – äh …« Scar­let hielt in­ne, um den fremd­ar­ti­gen Lu­xus zu be­trach­ten. Sei­ne Keh­le fühl­te sich tro­cken an. Sei­ne Schlä­fen poch­ten. Einen Mo­ment lang wünsch­te er, er wä­re bes­ser in­te­griert – aber schließ­lich, ge­ra­de die man­gel­haf­te psio­ni­sche Schu­lung war sei­ne ge­hei­me Stär­ke.

»Sie kön­nen ru­hig spre­chen. Wir sind völ­lig un­ter uns. Und au­ßer­dem – wir sit­zen ja im glei­chen Boot.« Er wink­te dem Ro­bo­ter. »Da, neh­men Sie noch einen Schluck – und sa­gen Sie mir, was Sie wol­len.«

Scar­let lehn­te schwach ab, als der Händ­ler ihm das Glas reich­te.

»Ich möch­te das Schiff.« Er hol­te tief Luft, er­staunt über sei­nen ei­ge­nen Mut. »Das Schiff und die Hälf­te der La­dung.«

»Wenn das ein Scherz sein soll …«

»Nur mein Preis.«

Das dunkle Ge­sicht des Händ­lers ver­färb­te sich gelb. Mit ei­nem fürch­ter­li­chen Schnau­fen goß er noch einen Whis­ky her­un­ter. Sei­ne großen, nar­bi­gen Hän­de spreiz­ten sich wie Klau­en, zuck­ten wild nach vor­ne – und san­ken lang­sam zu­rück.

»Sie sind ein un­kon­di­tio­nier­ter Narr!« keuch­te er schließ­lich. »Warum soll­te ich Ih­nen so einen Preis be­zah­len?«

»Wä­re ich bes­ser kon­di­tio­niert, hät­te ich Ih­nen jetzt nichts zu bie­ten«, er­in­ner­te ihn Scar­let. »So wie die Din­ge aber ste­hen, ha­be ich neun Pla­ne­ten zu ver­kau­fen, einen da­von be­völ­kert. Ich bie­te Ih­nen ein Ge­schäft an.«

»Und wenn ich ab­leh­ne …?«

»Wer­de ich das Blin­ker-Pro­jekt be­für­wor­ten.« Scar­let lach­te so un­an­ge­nehm wie mög­lich. »Dann kön­nen Sie sich nach ei­ner an­de­ren Welt um­se­hen – das heißt, wenn Ihr Ban­kier Ih­nen Zeit läßt.«

»Eu­er Eh­ren sind ein har­ter Händ­ler!« Flint­led­ge grins­te, mit schmerz­li­cher Be­wun­de­rung. »Da wir bei­de nicht in die­se Ge­sell­schaft pas­sen und un­se­re psio­ni­schen Wun­den durch Geld zu hei­len trach­ten, soll­ten wir ein ver­nünf­ti­ges Ge­schäft ab­schlie­ßen. Aber Sie wis­sen, daß ich die­ses Schiff nicht her­ge­ben kann.«

»Wenn man gan­ze Pla­ne­ten zu ver­kau­fen hat, dürf­te es kei­ne Schwie­rig­kei­ten be­deu­ten, sich ein bes­se­res zu be­schaf­fen.«

»Sie sind un­in­te­griert!« Die Stim­me des Händ­lers wur­de hef­ti­ger. »Sie er­ken­nen ja nicht, was das al­les heißt – das Aus­tüf­teln, das War­ten, das Ri­si­ko, die Dar­le­hen, das Bet­teln bei den schö­nen Män­nern …«

»Aber ich er­ken­ne es sehr gut.« Scar­let er­hob sich. »Dar­um weiß ich auch, daß Sie sich ei­ne po­si­ti­ve Be­hand­lung des Blin­ker-Pro­jek­tes nicht leis­ten kön­nen.«

»Set­zen Sie sich!« heul­te Flint­led­ge. »Trin­ken wir noch einen auf ein ver­nünf­ti­ges Ab­kom­men!«

»Wir ha­ben ge­ra­de ein ver­nünf­ti­ges Ab­kom­men ge­trof­fen«, sag­te Scar­let. »Ich ge­he jetzt, um die Sit­zung wie­der ein­zu­be­ru­fen. Ich muß mein Ur­teil ver­kün­den, ehe die Ein­ge­bo­re­nen­ra­ke­te da ist.«

»Hö­ren Sie, Eu­er Eh­ren!« Flint­led­ge win­sel­te bei­na­he. »Hö­ren Sie auf die Ver­nunft!«

»Wenn Sie ein güns­ti­ges Ur­teil wol­len«, un­ter­brach Scar­let, »dann schi­cken Sie Ih­ren Ban­kier zur Ver­hand­lung. Er soll ei­ne rechts­gül­ti­ge Ei­gen­tums­über­tra­gungs­er­klä­rung für das Schiff mit­brin­gen – und für die Hälf­te der Han­dels­gü­ter und der tech­ni­schen Aus­rüs­tung. Er kann mir die Do­ku­men­te als ›letz­tes Be­weis­ma­te­ri­al‹ aus­hän­di­gen.«

»Sie ha­ben auch an al­les ge­dacht!«

»Das hof­fe ich!« Ein blas­ses Lä­cheln ent­hüll­te Scar­lets Na­ge­zäh­ne. »Ich den­ke, wir ver­ste­hen uns. Mein Ur­teil zu Ih­ren Guns­ten wird erst dann bin­dend, wenn ich tat­säch­lich im Be­sitz des Schif­fes und mei­nes An­teils der La­dung bin, mit ei­nem klei­nen Spiel­raum, da­mit ich hier ver­schwin­den kann.«

»Wenn Eu­er Eh­ren völ­lig un­kon­di­tio­niert sind …«

»So sieht un­ser Ge­schäft aus.« Scar­let ließ sei­ne Stim­me un­an­ge­nehm kräch­zen. »Schi­cken Sie mir Ih­ren Ban­kier.« Er nick­te knapp in Rich­tung des psio­ni­schen Fi­gür­chens. »Die, üb­ri­gens, be­hal­te ich.«

»Ich las­se auch die an­de­ren Sa­chen hier.« Flint­led­ge sah hä­misch hin­über auf die zwei kris­tal­le­nen Plat­ten. »Sie wer­den sie brau­chen!«

Scar­let dreh­te sich um und ging. Er war trun­ken vor Freu­de. Die Ster­ne dort drau­ßen an der Front, er konn­te sie bei­na­he grei­fen, so na­he schie­nen sie.

 

Das Au­di­to­ri­um war wie­der ge­drängt voll, und Span­nung hing in der Luft. Selbst der Si­gna­l­of­fi­zier sah rat­los drein. Coral warf ihm ein un­si­che­res Lä­cheln zu. Ne­w­bolt er­hob sich, um zu mel­den, daß sei­ne Mo­ni­to­ren im­mer noch dem An­grei­fer folg­ten, der nun schon über die Hälf­te des Weges zu­rück­ge­legt hat­te.

Sei­ne freu­di­ge Er­re­gung un­ter­drückend, nahm Scar­let die Ver­hand­lung wie­der auf, mit dem An­su­chen um zu­sätz­li­ches Be­weis­ma­te­ri­al.

Ne­w­bolt leg­te ihm ei­lig ein psio­ni­sches Band vor, das die Aus­wir­kun­gen ei­nes il­le­ga­len, zu­fäl­li­gen Kon­takts zwi­schen ei­nem ver­klei­de­ten Qua­ran­tä­ne­of­fi­zier und ei­nem arg­lo­sen Ein­ge­bo­re­nen na­mens Le­nin fest­ge­hal­ten hat­te. Und wäh­rend er das Band höchst kri­tisch stu­dier­te, merk­te er, daß sei­ne schwei­fen­den Ge­dan­ken ganz un­er­war­tet aus der lo­cken­den Frei­heit der Front­wel­ten nach hier zu­rück­kehr­ten. In dem un­kon­di­tio­nier­ten Ein­ge­bo­re­nen sah er ir­gend­wie sich selbst.

»Eu­er Eh­ren«, dräng­te Ne­w­bolt, »die­ses Band zeigt, daß die Wil­den für einen Kon­takt mit der Zi­vi­li­sa­ti­on nicht reif sind. Ein Ein­ge­bo­re­nen­jun­ge spricht kurz mit ei­nem zi­vi­li­sier­ten Au­ßer­ir­di­schen. Kei­ner von bei­den hat ei­ne bö­se Ab­sicht. Aber der Ein­ge­bo­re­ne greift da­bei Ide­en auf, die ge­fähr­li­cher sind als die Kern­phy­sik für sei­ne Mit­wil­den!«

»Ich wer­de es er­wä­gen.« Scar­let mach­te ei­ne Pau­se, um die Stirn zu run­zeln. »Noch ir­gend­wel­che Be­weis­stücke?«

»Eu­er Eh­ren, bit­te!« Coral schritt strah­lend zum Po­di­um, in der Hand ei­ne Band­auf­zeich­nung des al­ten Whi­ther­ly. »Es gab auch an­de­re Be­geg­nun­gen, mit we­ni­ger schäd­li­chen Fol­gen. Hier ist ein Fall, der be­weist, daß die Ein­ge­bo­re­nen eben­so zi­vi­li­siert sind wie Sie.«

Scar­let wid­me­te sich der Auf­zeich­nung ei­nes an­de­ren zu­fäl­li­gen Kon­takts. Ei­ne kö­nig­li­che Jacht von Al­ta­ir II hat­te im All Schiff­bruch er­lit­ten. Ei­ner der Pas­sa­gie­re war ir­gend­wie zur Er­de ge­langt. Al­lein un­ter Wil­den, hat­te er die­se lie­ben ge­lernt. Als ei­ne Ret­tungs­ex­pe­di­ti­on ihn er­reich­te, lehn­te er es ab, sei­ne neu ge­won­ne­nen Freun­de zu ver­las­sen.

»Ei­ne er­grei­fen­de Zur­schau­stel­lung von sen­ti­men­ta­lem Pri­mi­ti­vis­mus!« spot­te­te Pen­w­right. »Aber das Re­sul­tat ist kei­nes­wegs über­ra­schend, wenn man den zwei­fel­haf­ten mensch­li­chen Sta­tus der Al­ta­ir II-Be­woh­ner in Be­tracht zieht – sie ent­ka­men nur mit Mü­he und Not un­se­rem Blin­ker-Pro­jekt.« Er leg­te Scar­let ei­ne wei­te­re Auf­zeich­nung vor. »Hier, Eu­er Eh­ren, ist ein Be­weis da­für, daß jeg­li­cher Kon­takt mit die­sen ver­laus­ten Tie­ren voll un­vor­her­seh­ba­rer Ge­fah­ren ist – nicht nur für sie, auch für uns!«

Das psio­ni­sche Band be­rich­te­te vom Schick­sal ei­nes rot­na­si­gen Hau­sie­rers aus der Front­re­gi­on, der zur Er­de kam, um ein un­kon­di­tio­nier­tes Ver­lan­gen nach Whis­ky zu stil­len, und dann dort starb – an ei­ner so­ge­nann­ten Er­käl­tung.

»Die un­ter­mensch­li­chen Wel­ten hier im Zen­trum ber­gen Ge­heim­nis­se, grö­ßer als die der ›Le­ben­den Lich­ter‹, und Fein­de, töd­li­cher als je­ne auf den Front­pla­ne­ten.« Der Son­nen-In­ge­nieur strahl­te küh­le, selbst­ge­fäl­li­ge Schön­heit aus. »Eu­er Eh­ren müs­sen in Be­tracht zie­hen, daß der ers­te Blitz un­se­res Blink­feu­ers all die tücki­schen mu­tier­ten Mi­kro­or­ga­nis­men ver­nich­ten wird, die sich seit drei­tau­send Jah­ren hier breit­ge­macht ha­ben.«

»Ich wer­de al­les in Be­tracht zie­hen.«

Es wur­den noch an­de­re Be­weis­stücke ein­ge­reicht, und er stu­dier­te sie auf­merk­sam. Von Flint­led­ge oder dem Ban­kier noch im­mer kei­ne Spur … Da­für kam Ne­w­bolt mit ei­nem Be­richt über die Ein­ge­bo­re­nen­ra­ke­te her­ein.

»Ihr Ur­teil ist jetzt fäl­lig.« Die mus­ku­lö­sen Schul­tern des Kom­man­dan­ten ho­ben sich ge­wich­tig, als wer­fe er sei­nen letz­ten Re­spekt vor Scar­let ab. »Aus Grün­den un­se­rer ei­ge­nen Si­cher­heit, Eu­er Eh­ren, müs­sen wir ent­we­der die­sen Kon­takt an­er­ken­nen und un­se­re Be­su­cher in die in­ter­ga­lak­ti­sche Zi­vi­li­sa­ti­on auf­neh­men – oder aber ih­nen den mensch­li­chen Sta­tus ver­wei­gern und dem Blin­ker-Pro­jekt frei­en Lauf las­sen.«

»Ich tref­fe mei­ne Ent­schei­dung«, krächz­te Scar­let, »wenn ich das ge­sam­te Be­weis­ma­te­ri­al ge­naues­tens er­wo­gen ha­be.«

Er hielt nach Flint­led­ge Aus­schau – und kam zu dem Schluß, daß der Händ­ler war­te­te, um in ei­ner wei­te­ren pri­va­ten Un­ter­re­dung ei­ne güns­ti­ge­re Po­si­ti­on für sich her­aus­zu­ho­len.

Er woll­te schon die Sit­zung ver­schie­ben und den Saal räu­men las­sen, als Ne­w­bolt plötz­lich von sei­nem Arm­band­sprech­ge­rät auf­sah und zu ihm em­por­starr­te.

»Eu­er Eh­ren, mei­ne Mo­ni­to­ren ha­ben so­eben ein elek­tro­ma­gne­ti­sches Si­gnal emp­fan­gen, das di­rekt zu die­ser Sta­ti­on ge­sen­det wur­de. Die Nach­richt be­stä­tigt wie­der ein­mal, wie wild die­se Leu­te sind.«

»Bit­te über­set­zen Sie.«

»Das wer­de ich, Eu­er Eh­ren.«

 

Ein Ge­räusch er­füll­te den Saal, ver­stärkt durch Ne­w­bolts Arm­band­ge­rät. Für Se­kun­den mu­te­te es völ­lig fremd­ar­tig an; dann ent­deck­te Scar­let hin­ter der me­tal­li­schen Ver­zer­rung des pri­mi­ti­ven Sen­de­sys­tems ei­ne wil­de Stim­me. Im nächs­ten Au­gen­blick hat­te sich der psio­ni­sche Über­tra­ger ein­ge­schal­tet, so daß die dröh­nen­den Lau­te Be­deu­tung ge­wan­nen.

»Welt­raum­schiff Vier Eins, US-Raum­waf­fe, un­ter dem Kom­man­do von Ma­jor Tom Scogg­ins, ruft un­be­kann­ten Stütz­punkt auf Mon­d­äqua­tor.«

Scar­let hör­te ein Be­ben in der Stim­me und das Ge­räusch hef­ti­gen At­mens; ei­ne leb­haf­te Vor­stel­lung von dem angst­er­füll­ten, aber ent­schlos­se­nen Wil­den in der Ra­ke­te über­kam ihn, wie die­ser sein pri­mi­ti­ves Ge­fährt auf ei­ne ihm un­be­kann­te Welt zu­steu­er­te, ver­zwei­felt über die Aus­lö­ser sei­ner Waf­fen ge­beugt, in der Er­war­tung, ei­ne Feind­se­lig­keit an­zu­tref­fen, so hef­tig wie sei­ne ei­ge­ne. Ob­wohl der Wil­de völ­lig un­kon­di­tio­niert war, emp­fand Scar­let einen jä­hen Schau­er von Be­wun­de­rung.

»Iden­ti­fi­zie­ren Sie sich!« Die an­ge­spann­te Stim­me tön­te aber­mals durch das Kra­chen der Stör­ge­räusche. »Ge­ben Sie so­fort Ih­re fried­li­che Ab­sicht zu er­ken­nen. An­dern­falls sind wir ge­zwun­gen, Schrit­te zu un­ter­neh­men, um die Si­cher­heit der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu ge­währ­leis­ten!«

»Wain, das ist un­ser Kon­takt!« Coral frohlock­te. »Man merkt, Ma­jor Tom Scogg­ins hat ganz schön Angst, aber die­se Nach­richt be­weist, daß er mensch­lich ist. Wie kön­nen wir da noch war­ten?«

»Das kön­nen wir – äh – nicht.« Ver­wirrt über ei­ne Wo­ge un­er­war­te­ter Ge­fühls­re­gung in ihm, wand­te sich Scar­let an Ne­w­bolt. »Ich – äh – ich muß Sie an­wei­sen, fol­gen­de Ant­wort …«

»Eu­er Eh­ren!«

Der Ruf ließ ihn zum Ein­gang se­hen. Der jun­ge we­ga­ni­sche Ban­kier kam in den Saal ge­stürzt; er schwenk­te einen Stoß psio­ni­scher Do­ku­men­te. Ihr An­blick mach­te Scar­let schwin­de­lig. Hier war die Er­fül­lung sei­nes lan­gen Trau­mes. Hier war sein end­gül­ti­ges Ent­rin­nen von all den Wun­den, die ihm die schö­nen Men­schen zu­ge­fügt hat­ten, sein Ent­rin­nen von ih­rer falschen An­teil­nah­me und dem lee­ren Vor­wand, daß er ein­mal so wer­den könn­te wie sie. Hier war köst­li­che Ra­che für sei­ne un­kon­di­tio­nier­te Häß­lich­keit. Er schloß einen Mo­ment lang die Au­gen und ver­such­te, sei­ne Mas­ke rich­ter­li­cher Stren­ge wie­der­zu­ge­win­nen.

»Eu­er Eh­ren!« Die ein­dring­li­che Stim­me des Ban­kiers schi­en aus wei­ter Fer­ne zu kom­men. »Cap­tain Flint­led­ge hat mich ge­be­ten, Ih­nen die­se neu­en Be­weis­stücke vor­zu­le­gen. Wir sind über­zeugt, daß Sie sich dar­auf­hin ver­an­laßt se­hen wer­den, die­sen Kon­takt an­zu­er­ken­nen, das Blin­ker-Pro­jekt ab­zu­leh­nen und die Er­de dem ga­lak­ti­schen Han­del zu er­schlie­ßen.«

Mit zit­tern­den Hän­den nahm Scar­let die Do­ku­men­te ent­ge­gen. Ob­wohl sein Blick ver­schwom­men war, er­kann­te er so­gleich, daß es sich um das Ge­wünsch­te han­del­te.

»Was für ein un­kon­di­tio­nier­ter Wahn­sinn kann jetzt schon wie­der Ih­re Ent­schei­dung ver­zö­gern?« er­reich­te ihn Ne­w­bolts wü­ten­de Stim­me. »Darf ich Eu­er Eh­ren dar­an er­in­nern, daß un­ser an­grei­fen­der An­thro­poi­de be­reits sei­ne Atom­ra­ke­ten zum Ab­schuß vor­be­rei­tet?«

»Ich – ich bin mir der Tat­sa­chen be­wußt.«

Scar­let er­hob sich schwan­kend. Er rang nach Atem. Die we­sent­li­chen Tat­sa­chen wa­ren die in sei­ner Hand. Op­fer­te er auch durch sei­ne Ent­schei­dung ei­ne Welt, sie wür­de es ihm er­mög­li­chen, Hun­der­te neue zu be­an­spru­chen und zu ko­lo­ni­sie­ren, wenn er erst ein­mal die ga­lak­ti­sche Front er­reich­te. Und dann …

Sol­che Tat­sa­chen wa­ren es, die ei­ne Rol­le spiel­ten. Aber an­de­re kreis­ten den­noch wie ver­rückt in sei­nem Hirn. Lau­ter als Ne­w­bolts är­ger­li­cher Aus­ruf hall­te die Stim­me des jun­gen Wil­den na­mens Le­nin. Die Ent­schei­dung des schiff­brü­chi­gen Prin­zen flamm­te hel­ler als Corals Haar. Die atem­lo­se Ver­zweif­lung von Ma­jor Tom Scogg­ins war plötz­lich, ir­gend­wie, sei­ne ei­ge­ne.

Mit ei­ner stei­fen Hand­be­we­gung bat er um Ru­he.

»Ich – äh – ich ha­be das Be­weis­ma­te­ri­al er­wo­gen.«

 

All die Leu­te, die jetzt ge­spannt war­te­ten, all die­se wun­der­schö­nen Leu­te an­grin­send, öff­ne­te er den Mund, da­mit sie sei­ne wind­schie­fen Na­ge­zäh­ne se­hen konn­ten. Er wei­te­te sei­ne gel­ben Au­gen. Er war froh über den krum­men klei­nen Kör­per, über die zu­rück­tre­ten­de nied­ri­ge Stirn und die Som­mer­spros­sen im Ge­sicht. Stolz auf all sei­ne un­kon­di­tio­nier­te Häß­lich­keit, ließ er sie war­ten.

»Ich – äh – ha­be al­len Ar­gu­men­ten ge­bühr­li­che Be­ach­tung ge­zollt.« Sei­ne Stim­me krächz­te wi­der­wär­tig. »Ich ha­be die Sat­zun­gen des Nicht-Kon­takts ge­naues­tens stu­diert, so­wie den Ge­set­zes- und Sit­ten­ko­dex in be­zug auf ei­ne Kon­takt-Kri­se. Ich bin be­reit, das – äh – Ur­teil zu fäl­len.«

Und wie­der ließ er sie war­ten, mit ei­nem heim­tücki­schen Knur­ren.

»Ich ent­schei­de, daß kein Kon­takt be­steht!«

Coral fauch­te em­pört. Whi­ter­ly schwank­te und fiel zu Bo­den. Der Ban­kier brüll­te. Ne­w­bolt und der Si­gna­l­of­fi­zier schri­en be­geis­tert. Sei­ne ei­ge­ne Stim­me ging un­ter.

Dann, in der atem­lo­sen Stil­le, die folg­te, ließ er sie von neu­em war­ten. Er kratz­te sich an der Na­se, ih­re Qua­len aus­kos­tend.

»Das Be­weis­ma­te­ri­al über­zeugt mich, daß die Ein­ge­bo­re­nen bei ei­nem Kon­takt zu­grun­de ge­hen wür­den.« Oh­ne die un­heil­vol­le Wut des Ban­kiers zu be­ach­ten, stu­dier­te er die selbst­ge­fäl­li­gen, freu­dig er­reg­ten Mie­nen von Ne­w­bolt und Pen­w­right – und hielt aber­mals in­ne, um sich an dem zu wei­den, was er ih­nen an­zu­tun ge­dach­te. »Ich bin je­doch in glei­chem Ma­ße über­zeugt, daß sie Men­schen sind.«

Er fuhr mit ge­dehn­ter Stim­me fort:

»In An­be­tracht mei­ner be­ei­de­ten Pflicht un­ter den Sat­zun­gen leh­ne ich da­her das Blin­ker-Pro­jekt ab. Ich wei­se Kom­man­dant Ne­w­bolt und al­le sei­ne Nach­fol­ger an, die Qua­ran­tä­ne über die Er­de so lan­ge be­ste­hen zu las­sen, bis die Ein­ge­bo­re­nen­kul­tur reif ist für einen Kon­takt.«

Er ver­stumm­te wie­der, um sich an dem Ge­sicht des Si­gna­l­of­fi­ziers zu er­göt­zen.

»Im An­schluß an die­se Or­der be­feh­le ich Ne­w­bolt, den Wil­den Tom Scog­gings und sei­ne Mann­schaft ab­zu­fan­gen, wo­bei je­der un­nö­ti­ge Scha­den zu ver­mei­den ist.«

»Warum, Wain? Warum nur?« Coral starr­te zu ihm em­por, ih­re blaue Au­ra ganz fahl und kalt und un­s­tet. »Warum hast du das ge­tan?«

Er aber grins­te nur und ent­blö­ßte sei­ne ab­sto­ßen­den Zäh­ne, bis sie wei­nend da­von­lief. Ne­w­bolt und der Ban­kier mar­schier­ten ihr nach. Der Si­gna­l­of­fi­zier wand­te sich eben­falls zum Ge­hen, aber schwang plötz­lich wie­der her­um.

»Eu­er Eh­ren?« Sei­ne Stim­me war un­heil­voll. »Darf ich fra­gen, warum?«

»Da­zu ha­ben Sie kein Recht. Aber bit­te … Sie selbst wa­ren es, der mich in mei­nem Ent­schluß be­stärk­te. Sie zeig­ten die Män­gel die­ser We­sen auf, und das ließ mich er­ken­nen, daß sie ge­nau­so mensch­lich sind wie ich. Sie schie­nen über­rascht, als ich mei­ne Ent­schei­dung ver­kün­de­te. Viel­leicht war ich es selbst … Über­rascht – und zu­frie­den!«

Aber Pen­w­right hör­te nicht mehr zu. Sein Arm­band­schirm hat­te auf­ge­leuch­tet. Als er den Kopf wie­der hob, war sein Ge­sicht ei­ne schö­ne bron­ze­ne Mas­ke.

»Eu­er Eh­ren«, schnurr­te er sanft, »ich ha­be ei­ne wei­te­re Über­ra­schung für Sie. Ich glau­be, Ih­re merk­wür­di­ge Ent­schei­dung wird in Kür­ze von ei­ner hö­he­ren Au­to­ri­tät auf­ge­ho­ben – zu Guns­ten un­se­res Blin­ker-Pro­jek­tes.«

»Ge­ben Sie acht!« krächz­te Scar­let. »Sie wol­len doch nicht den Be­schluß des Ge­rich­tes kri­ti­sie­ren?«

»Doch!« Pen­w­right nick­te hei­ter. »Ich kann es mir leis­ten, denn wir ha­ben so­eben ei­ne Nach­richt von ei­nem Pas­sa­gier er­hal­ten, der mit ei­nem an­de­ren Korps­schiff hier lan­den wird. Es ist ein al­ter Be­kann­ter von Ih­nen, aus dem Qua­ran­tä­ne-Bü­ro auf De­ne­bo­la IV. Er­in­nern Sie sich – Wäch­ter Thorn­wall?«

»Was macht der hier?«

»Da ist et­was mit Ih­rer Ver­gan­gen­heit.« Pen­w­right ki­cher­te. »Ir­gend­wel­che Ma­ni­pu­la­tio­nen … Fäl­schung von amt­li­chen Pa­pie­ren. Je­mand ent­deck­te, daß Sie für Ih­re Missi­on hier man­gel­haft kon­di­tio­niert wa­ren. Der re­gio­na­le Di­rek­tor schick­te Thorn­wall, um Sie ab­zu­lö­sen.«

Scar­let war er­starrt, wie vor den Kopf ge­schla­gen, und al­le sei­ne neu­en Ent­schlüs­se und Plä­ne bra­chen ent­zwei. Die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit hat­te ihn über­holt; sie war ihm zu na­he ge­folgt. Sei­ne hilf­rei­che Ges­te den Er­den­menschen ge­gen­über hat­te ihn al­les ge­kos­tet.

»Thorn­wall ist ein al­ter Schul­ka­me­rad von mir.« Pen­w­right grins­te. »Ich ha­be ihm ein­mal das Le­ben ge­ret­tet, als wir nach den ›Le­ben­den Lich­tern‹ son­nen­tauch­ten und er sich in ei­nem ih­rer ma­gne­ti­schen Net­ze ver­fan­gen hat­te. Ich glau­be, ich darf be­ru­higt an­neh­men, daß er das Blin­ker-Pro­jekt be­für­wor­ten wird.«

»Viel­leicht«, krächz­te Scar­let. »Aber zu­erst muß er hier sein.«

Noch im­mer in sein rich­ter­li­ches Licht ge­klei­det, ver­ließ er das Po­di­um und mach­te sich auf die Su­che nach Coral. Er frag­te, wo sie sei, und be­kam ei­ne spöt­ti­sche Ant­wort: »Sie fin­den sie bei Flint­led­ge. Wenn über­haupt!«

Mit ei­nem­mal fühl­te er sich kalt und ver­las­sen. Er leg­te sich einen Raum­gür­tel um und lief, so schnell er konn­te. Als er ins Freie stürm­te, er­hob sich Sol be­reits über die trost­lo­se Kra­ter­land­schaft.

Aber wie konn­te es Sol sein?

Jä­he Be­stür­zung ließ ihn er­star­ren.

Die­ser grel­le Punkt hei­ßen blau­en Lich­tes war zu klein für Sol, ging zu weit nörd­lich und drei Ta­ge zu früh auf! Viel­leicht ein an­de­rer Stern?

Aber er hat­te jetzt kei­ne Zeit, siel, mit die­sem Rät­sel zu be­schäf­ti­gen. Er muß­te sein neu­tro­ni­sches Schiff su­chen.

Viel­leicht, dach­te er, hat­te Ne­w­bolt den Kopf ver­lo­ren und die Ra­ke­te von der Er­de ge­walt­sam ab­ge­fan­gen. Viel­leicht wa­ren Tom Scogg­ins Atom­ge­schos­se ge­zün­det wor­den. Aber schließ­lich, wenn das der Fall wä­re, müß­te das Feu­er im Weltall doch lang­sam ver­blas­sen!

Statt des­sen wur­de es sicht­lich stär­ker. Er dreh­te das Fil­ter sei­nes Raum­gür­tels auf vol­le Kraft. We­gen der blen­den­den Licht­fül­le konn­te er zwar die Kon­stel­la­tio­nen nicht se­hen, aber er fand, es müs­se in der Rich­tung von De­ne­bo­la sein. Es müs­se. .

… ei­ne künst­li­che No­va sein!

Das ließ ihn er­schau­ern. Seit­dem er Pen­w­right kann­te, war ihm die Ver­nich­tung ei­nes Ster­nes im­mer als ei­ne Wahn­sinns­tat er­schie­nen, als ei­ne him­mel­schrei­en­de Un­ver­schämt­heit.

Aber er riß sich zu­sam­men und eil­te wei­ter.

Wel­cher Stern hät­te als ers­ter in­ter­ga­lak­ti­scher Blin­ker auf­flam­men sol­len?

Er ent­deck­te den we­ga­ni­schen Ban­kier, wie die­ser ge­ra­de un­glück­lich auf einen grau­en Kra­ter starr­te, ge­säumt von ver­brann­tem Tarn­stoff, wo das neu­tro­ni­sche Schiff ge­stan­den hat­te. Er­faßt von ei­nem ei­si­gen Schau­er, frag­te er:

»Coral? Ha­ben Sie sie ge­se­hen?«

»Mit Flint­led­ge ab­ge­flo­gen.« Der Ban­kier wies starr in den flam­men­den Him­mel. »Dort­hin, wo Sie selbst ver­schwin­den woll­ten.«

Scar­let be­grub den letz­ten Rest sei­ner Träu­me.

 

»Aber ich mei­ne, Eu­er Eh­ren ha­ben jetzt drin­gen­de­re Pro­ble­me.« Ein schar­fer An­flug von Ge­häs­sig­keit durch­brach das wohl­kon­di­tio­nier­te Auf­tre­ten des We­ga­ners. »Ich bin zwar nicht in der La­ge, Sie ir­gend­wie an­zu­kla­gen, aber es war mir ei­ne Freu­de zu hö­ren, daß Kom­man­dant Ne­w­bolt Ih­re Ver­haf­tung an­ge­ord­net hat.«

»Ich ha­be Im­mu­ni­tät«, ent­geg­ne­te Scar­let nie­der­ge­schla­gen. »Zu­min­dest, so­lan­ge ich mein amt­li­ches Licht tra­ge.«

»Das wer­den Sie nicht mehr lan­ge«, ver­sprach ihm der Ban­kier. »Wäch­ter Thorn­wall trifft in Kür­ze hier ein … mit all den un­an­ge­neh­men Tat­sa­chen, die Sie auf De­ne­bo­la IV be­gra­ben wähn­ten.«

 

Sich noch im­mer an die fah­le Au­ra sei­ner Be­fehls­ge­walt klam­mernd, war­te­te Scar­let ge­mein­sam mit Ne­w­bolt, Pen­w­right und dem Ban­kier, als das Qua­ran­tä­ne-Schiff aus der wil­den Glut der No­va her­ab­kam. Ne­w­bolt mar­schier­te schnell dar­auf zu, um Thorn­wall bei der Schleu­se zu emp­fan­gen.

»Hier ist Ihr Mann, Sir.« Er nick­te ver­ächt­lich hin­über zu Scar­let. »Ich ver­such­te, ihn zu ar­re­tie­ren. Aber er hat die Stirn, sich auf sei­ne rich­ter­li­che Im­mu­ni­tät zu be­ru­fen.«

»Hal­lo, Wain!« Thorn­wall sah äl­ter aus, sei­ne dunkle Schön­heit schi­en von ei­nem Schat­ten ge­trübt, und den­noch wirk­te sein mü­des Lä­cheln ir­gend­wie freund­lich. Er ging an Ne­w­bolt vor­bei, um Scar­lets Hand zu er­grei­fen.

»Ver­zei­hen Sie, daß ich Ih­re al­ten Sün­den auf­ge­zeigt ha­be.« Selt­sam, er grins­te. »Als ich die Nach­richt sand­te, glaub­te ich, Ne­w­bolts Wor­ten ent­neh­men zu müs­sen, daß Sie ge­ra­de da­bei sei­en, einen grö­be­ren Un­fug an­zu­stel­len. Glück­li­cher­wei­se tra­fen Sie in die­sem Kri­sen­fall ei­ne groß­ar­ti­ge Ent­schei­dung, die al­les wie­der­gut­mach­te.«

»Was soll das Gan­ze?« Ne­w­bolt folg­te ih­nen von der Schleu­se nach, mit fun­keln­dem Blick. »Wäch­ter Thorn­wall, wer­den Sie nicht die Be­schlüs­se die­ses Ver­bre­chers auf­he­ben?«

»Im Ge­gen­teil.« Ein stren­ges Lä­cheln husch­te über Thorn­walls blas­ses Ge­sicht. »Kom­man­dant, ich fürch­te, Sie ha­ben ei­ne der ers­ten Tra­di­tio­nen des Korps ver­ges­sen. Wir ge­stat­ten un­se­ren Leu­ten, aus ih­ren Feh­lern zu ler­nen. Ob­wohl Scar­let sich des­sen nicht be­wußt war, wur­de sein un­kon­di­tio­nier­tes Ver­hal­ten schon da­mals auf De­ne­bo­la IV be­merkt und ge­mel­det. Der re­gio­na­le Di­rek­tor bot mir ei­ne Wet­te an, so si­cher war er, daß Scar­let die rich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen wür­de – und das, ehe wir ihn hier­her­schick­ten.«

Scar­let blin­zel­te.

»Aber wenn – wenn Sie wis­sen, was ich ge­tan ha­be, wer­den Sie mich da nicht zu­grun­de rich­ten?«

»Sei­en Sie kein völ­lig un­kon­di­tio­nier­ter Narr!« Thorn­wall klopf­te ihm freund­schaft­lich auf den Rücken. »Ich sträub­te mich, die­se Wet­te an­zu­neh­men. We­ni­ge von uns sind voll­kom­men. Und die­se we­ni­gen er­rei­chen sel­ten et­was im Korps, weil sie fast nichts ge­mein ha­ben mit den Leu­ten, die wir über­wa­chen. Wain, ich wer­de Sie für ei­ne Be­för­de­rung vor­schla­gen.«

Scar­let schluck­te und ver­such­te, sei­ne be­ben­den Lip­pen zu be­feuch­ten.

»Aber er ge­hör­te hin­aus­ge­wor­fen!« wü­te­te Ne­w­bolt. »Ich kann be­wei­sen, daß er ei­ne Be­ste­chung an­ge­nom­men hat. Sei­ne Ent­schei­dung, die Qua­ran­tä­ne zu ver­län­gern, wi­der­spricht stich­hal­ti­gem Be­weis­ma­te­ri­al, daß die Ein­ge­bo­re­nen kei­ne Men­schen sind. Er hat sich ein­fach dar­über hin­weg­ge­setzt. Ich wer­de dem Si­gnal­dienst ra­ten, da­ge­gen Be­ru­fung ein­zu­le­gen.«

»Ih­ren Rat kön­nen Sie sich spa­ren«, un­ter­brach ihn Thorn­wall sanft. »Sie wur­den Ih­res Am­tes hier ent­ho­ben. Sie sind zu­rück­ver­setzt zum Si­gnal­dienst – der sich jetzt in ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Not­la­ge be­fin­det.«

Ne­w­bolts em­pör­tes Brül­len igno­rie­rend, wand­te sich Thorn­wall wie­der an Scar­let.

»Wain, Sie über­neh­men Ne­w­bolts Pos­ten als Kom­man­dant die­ser Sta­ti­on hier. Für die nächs­ten paar Jahr­hun­der­te wer­den Sie die Leu­te von der Er­de be­treu­en – und sie zu wirk­lich mensch­li­chem Sta­tus hin­di­ri­gie­ren. Ei­ne schwie­ri­ge und ein­sa­me Auf­ga­be, aber …«

Ne­w­bolt war et­was ab­seits ge­tre­ten; er sprach lei­se mit Pen­w­right.

»Das las­sen wir nicht ge­sche­hen!« schrie er plötz­lich. »Das Blin­ker-Pro­jekt muß jetzt be­schleu­nigt wer­den, um die­se na­tür­li­che No­va in un­ser in­ter­ga­lak­ti­sches Feu­er ein­zu­ver­lei­ben. Der Si­gnal­dienst wird bei Ih­rem re­gio­na­len Haupt­quar­tier auf De­ne­bo­la IV Be­ru­fung ein­le­gen!«

Thorn­walls mü­des Lä­cheln ließ ihn ver­stum­men.

»Wir ha­ben kein Haupt­quar­tier mehr auf De­ne­bo­la IV.« Er wies zu je­nem schreck­lich grel­len neu­en Licht über der blau­en Mond­land­schaft. »Denn die­se No­va ist De­ne­bo­la.«

»De­ne­bo­la – ei­ne No­va?«

»Aber kei­ne na­tür­li­che.«

Ne­w­bolt sperr­te den Mund auf und starr­te Pen­w­right an.

 

»Aber sie kann doch nicht …« Der Si­gna­l­of­fi­zier schüt­tel­te wild den Kopf. »Sie kann doch nicht künst­lich sein! Sol war als ers­te ein­ge­plant. Und De­ne­bo­la ist über­haupt kein Teil un­se­res Blin­ker-Pro­jekts.«

»Nicht un­se­res«, sag­te Thorn­wall. »Aber es gibt noch ein an­de­res.«

»Wes­sen?«

 

»Das Si­gnal zu in­ter­pre­tie­ren, wird jetzt Ih­re Auf­ga­be sein.« Thorn­wall lä­chel­te düs­ter. »Ich hat­te mei­ne ers­te lei­se Ver­mu­tung vor Jah­ren, als ich in De­ne­bo­la son­nen­tauch­te und die Strah­lun­gen der Ener­gie­kom­ple­xe un­ter­such­te, die wir die ›Le­ben­den Lich­ter‹ nann­ten. Bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten ent­deck­te ich neu­tro­ni­sche Kom­po­nen­ten in ih­ren Aus­strah­lun­gen.

Seit­her ha­be ich die Be­rich­te an­de­rer Ex­pe­di­tio­nen in an­de­re Ster­ne ge­sam­melt. Meh­re­re Tau­cher stie­ßen auf ge­bün­del­te neu­tro­ni­sche Strah­len, von der­sel­ben Art, die Sie be­nüt­zen woll­ten, um Ih­re neu­en Su­per­no­vae zu ent­fa­chen. Ei­ne Mas­sen­flucht der Lich­ter von der Ober­flä­che De­ne­bo­las, die ich kurz vor mei­nem Ab­flug be­ob­ach­ten konn­te, brach­te mich auf den Ver­dacht, daß un­se­re ga­lak­ti­sche Zi­vi­li­sa­ti­on ge­ra­de ei­ne Kon­takt-Kri­se mit ei­ner an­de­ren Kul­tur er­reich­te, die weit hö­her ent­wi­ckelt ist, als wir es uns vor­stel­len kön­nen.«

Thorn­wall lach­te lei­se über Pen­w­rights be­stürz­tes, blei­ches Ge­sicht.

»Ich neh­me stark an, daß Ihr Blin­ker-Pro­jekt jetzt auf­ge­ge­ben wer­den muß.« Der An­flug von Be­lus­ti­gung schwand aus sei­ner Stim­me. »Denn au­gen­schein­lich ha­ben sich die­se elek­tro­ni­schen We­sen un­se­re ei­ge­nen Son­nen für ihr Blin­ker-Pro­jekt aus­ge­sucht, wo­bei sie uns nicht mehr Be­ach­tung schen­ken als Sie bis­her den An­thro­poi­den auf der Er­de. Ich be­zweifle, daß De­ne­bo­la die letz­te ih­rer künst­li­chen Su­per­no­vae sein wird – au­ßer, Sie kön­nen sie über­re­den, uns einen Sta­tus in ih­rer Kul­tur ein­zuräu­men.«

»Wie – wie soll­ten wir das an­stel­len?«

»Es ist jetzt Ih­re Kri­se.«

 

Scar­let wand­te sich lang­sam ab. Er blick­te em­por in den flam­men­den Him­mel und frag­te sich, wel­che Rich­tung wohl Coral und der Händ­ler ge­nom­men hat­ten.

Dann kehr­ten sei­ne Ge­dan­ken rasch zu­rück zu dem viel wich­ti­ge­ren Pro­blem. Er wür­de Ma­jor Tom Scogg­ins wie­der heim­schi­cken müs­sen, zur Er­de, mit ei­ner War­nung für die Ein­ge­bo­re­nen – daß die Strah­lung der No­va al­le ih­re Plä­ne für die Er­for­schung des Alls lahm­le­gen wür­de.

Dann – dann müß­te er die Leu­te durch die Jah­re der Rei­fe ge­lei­ten, bis die Er­de sich wie­der zu ih­ren stol­zen, ver­lo­re­nen Kin­dern ge­sel­len konn­te!

 

img7.png