Sie wur­den aus­ge­schickt von der Er­de, da­zu ver­ur­teilt, auf ei­nem Pla­ne­ten der We­ga zu le­ben – und zu ster­ben …

 

Robert Silverberg
Die Saat der Erde

 

1

 

Der Tag war warm, strah­lend, der Him­mel blau; das Ther­mo­me­ter stand na­he an die zwan­zig Grad Cel­si­us: ein per­fek­ter Ok­to­ber­tag in New York, der kei­ne Ver­än­de­rung durch das Wet­ter­kon­troll­bü­ro nö­tig hat­te: Bei der Wet­t­er­sta­ti­on in Scars­da­le klet­ter­ten Ex­per­ten mit mür­ri­schen Ge­sich­tern in ih­re Flug­zeu­ge und star­te­ten nach Wis­con­sin, wo sich kal­te Luft­mas­sen von Ka­na­da her­ein­ge­scho­ben hat­ten.

Aus ei­ner Hö­he von zwan­zig­tau­send Mei­len über Fond du Lac strahl­te der krei­sen­de Wet­ter­kon­troll-Sa­tel­lit Be­rich­te her­un­ter. In Aus­tra­li­en be­rei­te­ten Tech­ni­ker den Start ei­nes Raum­schif­fes vor, das mit ei­ner La­dung von hun­dert un­frei­wil­li­gen Ko­lo­nis­ten in ei­ne fer­ne Welt flie­gen soll­te. In Chi­ca­go, wo die Mor­gen­post ge­ra­de an­ge­kom­men war, starr­te ein wohl­ha­ben­der Play­boy mit weit auf­ge­ris­se­nen, er­schro­cke­nen Au­gen auf ein blau­es Blatt Pa­pier. In Lon­don, wo die Post ei­ni­ge Stun­den frü­her aus­ge­tra­gen wur­de, er­bleich­te ei­ne Ver­käu­fe­rin vor Angst; auch sie hat­te ei­ne Be­nach­rich­ti­gung des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros er­hal­ten.

Es war ein ganz nor­ma­ler Tag, der neun­te Ok­to­ber 2116. Nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches pas­sier­te. Nichts als die üb­li­chen Ge­bur­ten, To­des­fäl­le … Und die Zie­hun­gen.

Und in New York, an die­sem wun­der­vol­len Ok­to­ber­tag, kam Da­vid Mul­hol­land, der Prä­si­dent des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros, um Punkt neun Uhr in sein Bü­ro: wenn auch nicht son­der­lich be­gie­rig, so war er doch be­reit, sei­ne Rou­ti­ne-An­ge­le­gen­hei­ten zu er­le­di­gen.

Bis zum En­de der Ar­beits­zeit um vier­zehn Uhr wür­de er das Ent­wur­zeln von hun­dert Le­ben ver­an­laßt ha­ben, das wuß­te er. Er ver­such­te, es nicht von der Sei­te zu be­trach­ten. Er rich­te­te sei­ne Ge­dan­ken auf den Slo­gan, der, auf blau-gel­be Fähn­chen ge­malt, über­all zu se­hen war: der Slo­gan des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros.

Tu das Dei­ne zum Schick­sal der Mensch­heit.

Aber das Übel war, wie Mul­hol­land nie ver­ges­sen konn­te, daß die große Men­schen­mas­se nur sehr ge­rin­ges In­ter­es­se am Schick­sal der Mensch­heit zeig­te.

Er be­trat das Bü­ro und wur­de mit war­men Lä­cheln von Ge­hil­fen und Ste­no­ty­pis­tin­nen und Se­kre­tä­rin­nen be­grüßt, als er an ih­ren Ab­tei­lun­gen vor­über­ging. Prä­si­dent Mul­hol­land wur­de von je­der­mann im Bü­ro mit über­trie­be­ner Auf­merk­sam­keit be­han­delt. Die meis­ten der An­ge­stell­ten wa­ren so naiv zu glau­ben, Prä­si­dent Mul­hol­land könn­te ih­re Frei­stel­lung von der weltum­fas­sen­den Lot­te­rie ver­an­las­sen, wenn er nur woll­te.

 

Sie irr­ten sich na­tür­lich. Nie­mand war be­freit, der den An­for­de­run­gen ent­sprach. War ein Mensch im Al­ter zwi­schen neun­zehn und vier­zig Jah­ren, der Ge­sund­heits­grad min­des­tens plus fünf oder bes­ser und der Feld­man-Frucht­bar­keits­test po­si­tiv, muß­te er dort­hin ge­hen, wo­hin man ihn ab­be­ru­fen hat­te, im Na­men des Schick­sals der Mensch­heit. Es gab kei­ne Mög­lich­keit zu ent­kom­men, war man ein­mal er­faßt. Au­ßer, na­tür­lich, man konn­te be­wei­sen, daß der Kom­pu­ter et­was über­se­hen hat­te, wo­durch man dis­qua­li­fi­ziert war.

Das letz­te Kind ei­ner Fa­mi­lie, die vier oder mehr Kin­der durch die Aus­wahl ver­lo­ren hat­te, war be­freit. Müt­ter von Kin­dern un­ter zwei Jah­ren wa­ren be­freit. So­gar Müt­ter von Kin­dern un­ter zehn Jah­ren wur­den ver­schont, wa­ren ih­re Ehe­gat­ten er­faßt wor­den und hat­ten sie nicht wie­der ge­hei­ra­tet. Ein Mann, des­sen Frau ein Kind er­war­te­te, war be­rech­tigt, sei­ne Ab­rei­se um zehn Mo­na­te zu­rück­stel­len zu las­sen. Es gab noch ein hal­b­es Dut­zend mehr sol­cher Aus­nah­men. Aber, wie im­mer auch die Si­tua­ti­on aus­se­hen moch­te, sech­zig Schif­fe mit sechs­tau­send Men­schen ins­ge­samt ver­lie­ßen täg­lich die Er­de. Et­wa zwei Mil­lio­nen Erd­be­woh­ner flo­gen je­des Jahr ab zu den Ster­nen.

Zwei Mil­lio­nen von sie­ben Mil­li­ar­den. Schrumpf­te die Zahl der Ge­eig­ne­ten auch auf nur drei­ein­halb Mil­li­ar­den zu­sam­men, so war die Mög­lich­keit, daß der un­barm­her­zi­ge Fin­ger auf dei­ne Schul­ter tip­pen wür­de, noch im­mer sehr ge­ring: eins zu ein­tau­sen­dacht­hun­dert.

Tu das Dei­ne zum Schick­sal der Mensch­heit stand auf der blau­gel­ben Ta­fel, die hin­ter Prä­si­dent Mul­hol­lands Schreib­tisch hing. Er schau­te hin, oh­ne sie zu se­hen, und setz­te sich nie­der. Pa­pie­re hat­ten sich be­reits an­ge­häuft. Ein wei­te­rer Tag war zu be­wäl­ti­gen.

Sei­ne über­eif­ri­ge Se­kre­tä­rin hat­te be­reits den Ka­len­der ge­rich­tet, den Schreib­tisch ab­ge­staubt, die Pa­pie­re ge­ord­net. Miß Thor­ne ver­such­te of­fen­sicht­lich, sich dem Prä­si­den­ten un­ent­behr­lich zu ma­chen, um einen Schutz­wall zu schaf­fen ge­gen den stän­dig dro­hen­den Tag, an dem der Kom­pu­ter ih­re Num­mer wäh­len könn­te. Manch­mal war er ver­sucht ge­we­sen, ihr zu sa­gen, daß kein Sterb­li­cher, auch nicht ein Prä­si­dent, Ein­fluß auf das Schick­sal hät­te. Die­ses lag ein­zig und al­lein in den Hän­den von Klo­tho, La­che­sis und Atro­pos.

Klo­tho er­faß­te die Num­mern im Kom­pu­ter. La­che­sis hol­te die Kar­ten. Atro­pos wähl­te un­be­stech­lich. Das Schick­sal konn­te nicht be­ein­flußt wer­den.

Mul­hol­land hob das obers­te Blatt vom Sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch. Es war das täg­li­che An­for­de­rungs-For­mu­lar. Fünf von sech­zig Raum­schif­fen, die je­den Tag die Er­de ver­lie­ßen, wur­den mit Ame­ri­ka­nern be­mannt; und die Per­so­nen für ei­nes die­ser fünf ame­ri­ka­ni­schen Schif­fe wur­den in Mul­hol­lands Bü­ro ge­zo­gen. Auf­merk­sam las er die nächs­te An­wei­sung durch.

 

Be­tr. 11 ab 762 – 31, Lis­te sie­ben.

10. Ok­to­ber 2116, Be­nach­rich­ti­gun­gen aus­schi­cken.

Für: Raum­schiff GE­GEN­SCHEIN,

Ab­schuß 17. Ok­to­ber 2116

Ban­gor Ram­pe.

Be­nö­tigt wer­den: Fünf­zig Paa­re,

aus­ge­wählt von Ab­tei­lung eins.

 

Das For­mu­lar un­ter­schied sich nur in Ein­zel­hei­ten von je­nen Hun­der­ten For­mu­la­ren, die Mul­hol­land an Hun­der­ten ver­gan­ge­ner Ta­ge auf sei­nem Schreib­tisch ge­fun­den hat­te. Er ver­such­te, nicht an die Ver­gan­gen­heit zu den­ken. Seit drei Jah­ren war er nun Prä­si­dent. Es war Vor­aus­set­zung, daß hoch­ran­gi­ge Mit­glie­der ei­ner Aus­wahl­be­hör­de selbst un­taug­lich für ei­ne Zie­hung sein muß­ten. Mul­hol­land hat­te sei­nen ge­gen­wär­ti­gen Pos­ten ei­ni­ge Wo­chen nach Vollen­dung sei­nes vier­zigs­ten Le­bens­jah­res er­hal­ten, wo­mit sein Na­me auf der Lis­te der Qua­li­fi­zier­ten ge­löscht war.

 

Er war von der Par­tei in die­ses Bü­ro ge­setzt wor­den. Ei­ner Stim­men­zäh­lung zu­fol­ge wür­de die­se je­doch bei den kom­men­den Wahlen den Kon­ser­va­ti­ven un­ter­lie­gen. Mul­hol­land sah die­sem Zu­sam­men­bruch sei­ner Par­tei mit be­mer­kens­wert we­nig Be­sorg­nis ent­ge­gen. Kom­men­den Ja­nu­ar, dach­te er, wür­de Prä­si­dent Daw­son wie­der Rich­ter in St. Louis sein, und ei­ni­ge tau­send loya­le An­hän­ger der Li­be­ra­len im Land wür­den ih­re Pos­ten ver­lie­ren, ab­ge­löst wer­den von ei­ni­gen tau­send loya­len Kon­ser­va­ti­ven.

Was be­deu­te­te, dach­te Mul­hol­land, daß im Ja­nu­ar ir­gend je­mand auf der an­de­ren Sei­te in die­sem Stuhl sit­zen und Zie­hungs­be­feh­le er­tei­len wür­de, wäh­rend Da­vid Mul­hol­land zu­rück­schlüp­fen könn­te in sein un­auf­fäl­li­ges aka­de­mi­sches Le­ben, um sei­nem Ge­wis­sen die wohl­ver­dien­te Er­ho­lung zu ge­ben. Nur noch sieb­zig Ta­ge wa­ren es bis zum En­de der Prä­si­dent­schaft Daw­sons. Mul­hol­land schloß mü­de die Au­gen. Ei­ne po­li­ti­sche Mei­nungs­än­de­rung bis zu den Wahlen aus­ge­nom­men, wür­de er nur noch sie­ben­tau­send wei­te­re Men­schen ver­ur­tei­len müs­sen.

 

Er klin­gel­te nach sei­ner Se­kre­tä­rin. Sie kam im Ga­lopp: ei­ne kno­chi­ge, drei­ßig­jäh­ri­ge Frau mit ei­nem Pfer­de­ge­sicht, die das Bü­ro mit be­trächt­li­cher Ener­gie führ­te, und die nie mü­de wur­de, Be­su­chern den Slo­gan des Bü­ros zu de­kla­mie­ren. Wahr­schein­lich glaub­te sie er­ge­ben an das Evan­ge­li­um des Schick­sals der Mensch­heit, dach­te Mul­hol­land. Was ihr aber auch kein Trost war, wenn sie an die zehn Jah­re dach­te, die noch zwi­schen ihr und der Be­frei­ung von ei­ner mög­li­chen Aus­wahl la­gen.

»Gu­ten Mor­gen, Mr. Mul­hol­land.«

»Mor­gen, Jes­sie. Tip­pen Sie ei­ne Er­mäch­ti­gung.«

»So­fort, Mr. Mul­hol­land.«

Ih­re flin­ken Fin­ger klap­per­ten über die Tas­ten. Nach we­ni­gen Se­kun­den leg­te sie das Do­ku­ment auf den Schreib­tisch. Es war strik­te For­ma­li­tät für ihn, die­ses Pa­pier zu ver­lan­gen und für sie, es zu schrei­ben. Mul­hol­land über­prüf­te es me­cha­nisch. Denn es kam in den Kom­pu­ter, und je­der Tipp­feh­ler wür­de lau­te me­cha­ni­sche Pro­tes­te ver­ur­sa­chen.

Als Prä­si­dent der Aus­wahl-Ab­tei­lung eins des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros ord­ne ich hier­mit die Aus­wahl von ein­hun­dert­und­zehn Na­men an, von der Lis­te der Taug­li­chen, an die­sem neun­ten Tag im Ok­to­ber 2116, um ein Kon­tin­gent von hun­dert Per­so­nen auf­zu­brin­gen für das Raum­schiff GE­GEN­SCHEIN, Ab­schuß 17. Ok­to­ber 2116. Da­vid Mul­hol­land, Prä­si­dent der Ab­tei­lung eins.

Mul­hol­land nick­te. In Ord­nung. Er si­gnier­te es im be­zeich­ne­ten Feld und drück­te dann zur Kon­trol­le sei­nen Dau­men auf die licht­emp­find­li­che Stel­le in der rech­ten un­te­ren Ecke. Die Voll­macht war gül­tig.

Er reich­te das For­mu­lar Jes­sie Thor­ne, die es ge­schickt roll­te und in ei­ne Hül­se steck­te. Mul­hol­land nahm die­se, ver­sie­gel­te sie und steck­te sie in die of­fe­ne Rohr­post­lei­tung un­ter sei­nem Schreib­tisch. Das klei­ne mor­gend­li­che Ri­tu­al war be­en­det.

Er klin­gel­te wie­der nach Miß Tho­me. »Die Kar­ten sind da, Jes­sie. Ha­ben wir ir­gend­wel­che Frei­wil­li­gen, heu­te?«

»Einen.« Sie gab ihm die Kar­te. Noo­nan, Cy­ril F. Al­ter drei­ßig, le­dig. Mul­hol­land las die rest­li­che Be­schrei­bung, nick­te, warf Noo­n­ans Kar­te in einen Korb zur rech­ten Sei­te des Schreib­ti­sches und zog einen di­cken senk­rech­ten Strich auf ei­nem lee­ren Blatt Pa­pier vor sich. Nur noch neun­und­vier­zig Män­ner muß­ten für die Rei­se mit dem GE­GEN­SCHEIN her­aus­ge­grif­fen wer­den. Frei­wil­li­ge wa­ren sel­ten, aber von Zeit zu Zeit tauch­ten doch ei­ni­ge auf.

 

Mul­hol­land ging zu­erst die Män­ner durch. Er fand die be­nö­tig­ten neun­und­vier­zig oh­ne Schwie­rig­kei­ten und warf die sechs über­geblie­be­nen Kar­ten in sei­nen Re­ser­ve­korb. Die­se sechs Na­men wür­de er be­reit­hal­ten, bis sich end­gül­tig her­aus­ge­stellt hat­te, ob al­le an­de­ren neun­und­vier­zig noch taug­lich wa­ren. Konn­te Mul­hol­land sein Kon­tin­gent stel­len, oh­ne den Re­ser­ve­korb an­tas­ten zu müs­sen, wür­den die­se sechs Män­ner au­to­ma­tisch an ers­ter Stel­le auf die Lis­te des fol­gen­den Ta­ges kom­men. Mul­hol­land hat­te kei­nen Vor­rat vom Tag zu­vor; bei der An­for­de­rung für den neun­ten Ok­to­ber hat­te es Un­stim­mig­kei­ten ge­ge­ben, und er hat­te al­le sei­ne Re­ser­ven ges­tern auf­ge­braucht. Mit den Män­nern zu­min­dest vor­läu­fig fer­tig, nahm er die fünf­zig weib­li­chen Na­men zur Hand. Hier un­ter­lief dem Kom­pu­ter ge­le­gent­lich ein Feh­ler. Mul­hol­land ent­deck­te so­fort einen: Mrs. Ma­ry Jen­sen, ein­und­drei­ßig, Mut­ter von vier Kin­dern im Al­ter von ei­nem Jahr bis zu neun Jah­ren. Sie hat­te ge­nau­so­we­nig et­was auf der Lis­te zu su­chen wie des Prä­si­den­ten Groß­mut­ter. Mul­hol­land mach­te einen Ver­merk auf die Kar­te und klin­gel­te wie­der nach Miß Tho­me.

»Ver­an­las­sen Sie, daß ihr Na­me von der Lis­te ver­schwin­det«, ord­ne­te er schroff an. »Sie hat ein Kind, ge­bo­ren 2115.«

Das Schick­sal war gü­tig ge­we­sen zu Mrs. Jen­sen.

 

Mul­hol­land stell­te die Lis­te fer­tig. Fünf­zig Män­ner, fünf­zig Frau­en, mit ei­ner Re­ser­ve von sechs Män­nern und vier Frau­en. Am Nach­mit­tag wür­den die Be­nach­rich­ti­gun­gen hin­aus­ge­hen, mor­gen früh die Emp­fän­ger er­rei­chen, und am Abend, das wuß­te er, wür­den die nutz­lo­sen Ge­su­che her­ein­ge­strömt kom­men. Kei­nes er­reich­te Mul­hol­lands Schreib­tisch. Sie wur­den von An­ge­stell­ten be­ar­bei­tet, die be­reits trai­niert wa­ren in der Kunst ab­schlä­gi­ger Ant­wor­ten. Mul­hol­land selbst hat­te vor sei­ner Be­för­de­rung einen sol­chen Job ge­habt.

Er schau­te sich die Lis­te an: Ein Stu­dent aus Cin­cin­na­ti, ein Bü­ro­die­ner aus San Fran­zis­ko, ein Rechts­an­walt aus Los An­ge­les. Ein Mäd­chen aus New York, das im »Show-Ge­schäft« ge­ar­bei­tet hat­te.

Es war ein Quer­schnitt. Mul­hol­land ver­trat die per­sön­li­che An­sicht, daß hier ein Feh­ler im Sys­tem war, denn oft wur­de ei­ne Grup­pe oh­ne Me­di­zi­ner, oh­ne re­li­gi­ösen Bei­stand, oh­ne In­ge­nieur oder Wis­sen­schaft­ler weg­ge­schickt. Aber da war nicht zu hel­fen. Schließ­lich wä­re es der Ärz­te­schaft ge­gen­über auch höchst un­fair, woll­te der Kom­pu­ter für je­de Grup­pe, be­ste­hend aus hun­dert Per­so­nen, einen Arzt wäh­len.

Im Grun­de ge­nom­men war das Gan­ze ei­ne un­zu­läng­li­che Sa­che. Mil­lio­nen über Mil­lio­nen Ster­ne war­te­ten im All. Die Be­völ­ke­rung der Ster­ne war ein Pro­jekt auf lan­ge Sicht – und, wie die meis­ten sol­cher Vor­ha­ben, grau­sam. Aber in kom­men­den Jahr­hun­der­ten wür­de ei­ne weit­ver­streu­te Ster­nen­schar im Glanz von Men­schen­wel­ten er­strah­len. Es war die ein­zi­ge Mög­lich­keit. Exis­tier­ten auch Raum­schif­fe, um Men­schen zu den Ster­nen zu brin­gen, so könn­ten sich doch nur ei­ne Hand­voll Leu­te ent­schlie­ßen, sich los­zu­lö­sen und hin­aus­zu­fah­ren in die Dun­kel­heit des Alls. Wä­re die Ko­lo­ni­sa­ti­on auf frei­wil­li­ger Ba­sis be­las­sen wor­den, gä­be es heu­te kaum ein Dut­zend be­völ­ker­ter Wel­ten, an­statt der vie­len, die be­reits mensch­li­che Prä­gung auf­wie­sen. Es wa­ren klei­ne Ko­lo­ni­en, si­cher­lich. Aber sie wuch­sen. Nur we­ni­gen war es nicht ge­lun­gen, Fuß zu fas­sen. Und, dach­te Mul­hol­land, mor­gen in ei­ner Wo­che wird das Raum­schiff Ge­gen­schein neun­und­vier­zig Ge­zwun­ge­ne und einen ein­zi­gen Frei­wil­li­gen zu den Ster­nen brin­gen. Er schau­te die Kar­ten durch. Her­rick, Ca­rol. Dawes, Mi­cha­el. Haas, Phi­lip. Matt­hews, Da­vid. Und acht Dut­zend an­de­re. Heu­te nacht lach­ten, spiel­ten, san­gen, lieb­ten sie. Mor­gen wür­den sie nicht mehr zur Er­de ge­hö­ren. Das un­barm­her­zi­ge Ko­lo­ni­sa­ti­ons­sys­tem hat­te sie er­faßt.

Mul­hol­land zuck­te die Ach­seln. Er war auf sei­nen al­ten Feh­ler ver­fal­len, die Aus­ge­wähl­ten als Men­schen zu se­hen und nicht als Na­men auf grü­nen Kar­ten. Er durf­te nicht ver­ges­sen, daß er nur sei­ne Pflicht er­füll­te, und tä­te er es nicht, dann eben ir­gend­ein an­de­rer. Und es war ja zum Woh­le der Mensch­heit.

Aber er hat­te ge­nug da­von, das Amt zu lei­ten. In we­ni­ger als ei­nem Mo­nat war Wahl­tag, und er be­te­te in­stän­dig, sei­ne Par­tei mö­ge ver­lie­ren. Son­der­ba­re Wün­sche für einen treu­en Par­tei­gän­ger! Aber Mul­hol­land be­küm­mer­te das nicht. Wür­de er sein Amt nie­der­le­gen, wä­re das ein Ein­ge­ständ­nis von Schwä­che. Ei­ne Wahl­nie­der­la­ge hin­ge­gen könn­te das Pro­blem we­sent­lich scho­nen­der lö­sen.

 

2

 

Wäh­rend der Nacht hat­te es in Ohio ge­reg­net. Die Wet­ter­kon­troll-Leu­te steu­er­ten das Wet­ter sehr sorg­fäl­tig den Som­mer über, wenn durs­ti­ge Fel­der nach Re­gen lechz­ten, und im Win­ter, wenn zu­viel Schnee die Zi­vi­li­sa­ti­on ge­fähr­den könn­te. Aber im Ok­to­ber la­gen die Fel­der brach. Künst­li­cher Re­gen war un­nö­tig.

Je­ner Re­gen, der über Ohio fiel, war von Gott ge­schickt, und nicht von Men­schen, ver­ur­sacht durch die Schlecht­wet­ter­zo­ne, die vom süd­li­chen Ka­na­da vor­ge­drun­gen war.

In sei­nem mö­blier­ten Zim­mer gleich um die Ecke der elf­ten Ave­nue, nicht sehr weit von der Uni­ver­si­tät ent­fernt, zog Mi­ke Dawes die De­cken über den Kopf. Sym­bo­lisch woll­te er sich in den Mut­ter­leib zu­rück­ver­set­zen, wo er Wär­me und Ge­bor­gen­heit zu fin­den hoff­te. Aber es half nichts. Er war halb wach. Wach ge­nug, um zu er­ken­nen, daß er wach war, aber noch zu schläf­rig, um auf­ste­hen zu kön­nen. Er hör­te das Plät­schern des Re­gens. Es war ein trüber Mor­gen.

Auf dem Leucht­zif­fer­blatt sei­ner Uhr sah er, daß es acht Uhr war. Er wuß­te, daß es an der Zeit wä­re auf­zu­ste­hen. Heu­te war Mitt­woch, der an­stren­gends­te Tag der Schul­wo­che. Um neun Uhr stand ei­ne Zoo­lo­gie-Vor­le­sung des al­ten Shep­perd auf dem Pro­gramm, und Deutsch um zehn Uhr. Und ich ha­be voll­kom­men ver­ges­sen, mir die­se Ver­ben noch­mals an­zu­se­hen, dach­te Mi­ke Dawes schlaf­trun­ken. Wenn Klaus mich dran­nimmt, ste­he ich schön da!

Ei­ni­ge Mi­nu­ten lang über­leg­te er, ob er auf­ste­hen soll­te; letz­ten En­des ge­stat­te­te er sich noch sech­zig Se­kun­den Wär­me. Er zähl­te: ein­tau­send­eins, ein­tau­send­zwei und sprang bei ein­tau­send­sech­zig ge­wis­sen­haft aus dem Bett und zit­ter­te in der trü­ben Käl­te.

Rou­ti­ne er­faß­te ihn. Er streif­te sei­nen Py­ja­ma ab und warf ihn aufs Bett; er such­te nach Hand­tuch und Wä­sche, fand bei­des und mach­te sich auf den Weg zur Brau­se. Drei Mi­nu­ten lang blieb er un­ter dem kal­ten Strahl. Als er in sein Zim­mer zu­rück­kam, war es acht Uhr drei­zehn. Dawes lä­chel­te. Ge­nau nach Plan. Hät­te er nur nicht die­se Ver­ben ver­ges­sen! Aber jetzt war es zu spät, sich dar­über zu grä­men. Er wür­de sich eben auf sein Glück ver­las­sen müs­sen.

Sieht aus, als wür­de die­ses Se­mes­ter ei­ne ein­zi­ge, lan­ge Schin­de­rei wer­den, dach­te er, wäh­rend er die Klei­der vom wa­cke­li­gen, al­ten Schrank nahm und hin­ein­schlüpf­te. Er war zwan­zig Jah­re alt; und das drit­te Jahr im Staa­te Ohio. Wenn al­les gut ging, wür­de er im kom­men­den Jahr pro­mo­vie­ren und die nächs­ten vier Jah­re die me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät be­su­chen.

Wenn al­les gut ging.

Um acht Uhr ein­und­zwan­zig war er fer­tig: die Zäh­ne ge­putzt, das Haar ge­kämmt, das Hemd zu­ge­knöpft, die Schuh­bän­der ver­schnürt. Die Bü­cher für die Vor­mit­tags­stun­den la­gen am Rand des Schranks. Er wür­de noch Zeit ha­ben, in der Men­sa et­was Oran­gen­saft, Toast und Kaf­fee ein­zu­neh­men. Die Wahr­schein­lich­keit ei­ner über­ra­schen­den Prü­fung in Zoo­lo­gie war zu groß, um das Früh­stück über­sprin­gen zu kön­nen; er be­nö­tig­te je­de nur auf­zu­brin­gen­de Ener­gie. Ers­tens war er ma­ger: sieb­zig Ki­lo­gramm ver­teil­ten sich auf ei­ne Län­ge von ei­nem Me­ter fünf­un­dacht­zig, und zwei­tens früh­stück­te er gern.

Dawes ging hin­un­ter. Es reg­ne­te noch im­mer, aber nur leicht und stör­te da­her nicht son­der­lich. Au­ßer­dem be­fand sich die Men­sa ganz in der Nä­he.

Vor­erst kam aber die all­mor­gend­li­che Be­schäf­ti­gung. Er blieb un­ten im Haus­flur bei den Brief­käs­ten ste­hen.

Sei­ne Hand zit­ter­te ein we­nig, als er den Dau­men auf die Öff­ner-Tas­te drück­te. Ein Me­cha­nis­mus über­prüf­te sei­nen Fin­ger­ab­druck und öff­ne­te dann ge­hor­sam den Brief­kas­ten. Er nahm den Brief her­aus.

 

Es war ein blau­es Ku­vert, län­ger als all­ge­mein üb­lich, mit dem amt­li­chen Auf­druck »Nur für dienst­li­che Zwe­cke« an der Stel­le, an der nor­ma­ler­wei­se die Mar­ke kleb­te. Er über­flog den Ab­sen­der. Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ro, Ab­tei­lung eins, New York.

Er hat­te ein son­der­ba­res Ge­fühl im Ma­gen, wäh­rend er das Ku­vert has­tig auf­riß.

Er war wirk­lich an ihn adres­siert. Der Brief, fe­in­säu­ber­lich in Dun­kel­rot auf blau­em Pa­pier ge­tippt, kam schnell zur Sa­che.

Sie sind ge­zo­gen wor­den, an der Ko­lo­ni­sa­ti­ons­rei­se teil­zu­neh­men, die am 17. Ok­to­ber von Ban­gor, Mai­ne an Bord des Raum­schif­fes GE­GEN­SCHEIN star­tet. Sie ha­ben sich so­fort bei der nächst­ge­le­ge­nen Re­gis­trie­rungs­stel­le des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros zu mel­den. Sie un­ter­lie­gen nun den Be­stim­mun­gen des in­ter­stel­la­ren Ko­lo­ni­sa­ti­ons­ge­set­zes aus dem Jahr 2099, und jed­we­de Ver­let­zung die­ser Be­stim­mun­gen wird schwers­tens be­straft.

Im Auf­trag von D. L. Mul­hol­land, Prä­si­dent.

Mi­ke Dawes las den In­halt der Be­nach­rich­ti­gung vier­mal hin­ter­ein­an­der. Er konn­te es ein­fach nicht fas­sen, tat­säch­lich auf­ge­ru­fen wor­den zu sein. Schließ­lich, dach­te er, stan­den die Chan­cen eins zu x-tau­send. In sei­nem gan­zen Le­ben hat­te er nur zwei oder drei Per­so­nen ge­kannt, die man weg­ge­holt hat­te. Da war ein­mal Mr. Cut­ley, der In­ha­ber des Le­bens­mit­tel­ge­schäf­tes, und Ted­dy Na­than, der im Ne­ben­haus wohn­te. Und auch Ju­dy Wel­ling­ton, dach­te Dawes.

Und jetzt ich.

»Ver­dammt, das ist nicht fair!« stam­mel­te er.

»Was ist nicht fair?« frag­te ei­ne läs­si­ge Stim­me hin­ter ihm.

Dawes dreh­te sich um. Das war Lon Ry­beck, ein Se­ni­or vom ers­ten Stock. Ry­beck trug noch den Mor­gen­rock; er hat­te kei­ne Vor­le­sun­gen am frü­hen Vor­mit­tag, stand aber den­noch auf, um nach der Post zu se­hen.

Stumm hielt Dawes den blau­en Brief hoch. Ry­becks Au­gen ver­eng­ten sich, und er fuhr mit der Zun­gen­spit­ze rasch über die Lip­pen. »Ha­ben sie dich ge­schnappt?« frag­te er hei­ser. Dawes nick­te. »Kam so­eben an. Muß mich so­fort bei der nächs­ten Re­gis­trie­rungs­stel­le mel­den.«

»Ein lau­si­ger Ab­tritt, Dawes!«

»Ver­dammt, ja! Warum muß­ten sie auch ge­ra­de mich wäh­len? Ich bin erst zwan­zig! Und nicht ein­mal mit dem Col­le­ge fer­tig! Ich …«

Er gab auf, weil er die Sinn­lo­sig­keit sei­nes Ge­stam­mels ein­sah. Ry­beck ver­such­te mit­füh­lend aus­zu­se­hen, aber hin­ter dem be­küm­mer­ten Aus­druck ver­barg sich Er­göt­zung – und Er­leich­te­rung. Denn al­ler Wahr­schein­lich­keit nach wür­de die un­sicht­ba­re Hand kein zwei­tes­mal in die­ses Haus grei­fen; Dawes Er­fas­sung be­deu­te­te, daß er, Ry­beck, frei­er at­men konn­te. »Es ist hart«, sag­te Ry­beck sanft. »Die Mor­gen­post kommt, und al­le Plä­ne zer­plat­zen wie Sei­fen­bla­sen. Wo­hin wer­den sie dich schi­cken, weißt du das?«

Dawes schüt­tel­te den Kopf. »Be­sagt nur, daß ich nächs­ten Mitt­woch von der Ram­pe in Ban­gor star­ten wer­de. Gibt den Be­stim­mungs­ort nicht an.«

 

Vor zwan­zig Jah­ren hat­te man ent­deckt, daß die Zu­kunft der Mensch­heit bei den Ster­nen lä­ge. Mi­ke Dawes war ein Ba­by ge­we­sen, als man den Be­schluß ge­faßt hat­te, der ihn jetzt, zwan­zig Jah­re da­nach, der Er­de ent­rei­ßen soll­te. Wan­dert aus, zu den Ster­nen, das war der Ruf, der über die ver­ei­nig­te Er­de er­scholl. Grün­det neue Wel­ten. Sät Men­schen aus im Uni­ver­sum.

Ein ed­les Ziel war an­ge­strebt wor­den, dach­te Dawes. Nur daß kaum je­mand be­geis­tert da­von war. Laß die an­dern ge­hen. Ich, ich blei­be lie­ber hier und le­se dar­über.

Und so wur­de Zwang dar­aus. Und nun, dach­te Dawes, hat es mich er­wi­scht.

Mel­den Sie sich so­fort bei der nächs­ten Re­gis­trie­rungs­stel­le des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros …

Sie schrie­ben so­fort und mein­ten das auch wört­lich, das wuß­te Dawes. Sie mein­ten, mel­de dich spä­tes­tens in ei­ner Stun­de. Und we­he wenn sie ent­deck­ten, daß je­mand et­was un­ter­nom­men hat­te, um sich un­taug­lich zu ma­chen. Es hat Fäl­le ge­ge­ben, wo Frau­en mit Strick­na­deln ih­re Ei­er­stö­cke ver­nich­te­ten, um sich zu dis­qua­li­fi­zie­ren. Man konn­te na­tür­lich nur frucht­ba­re Aus­wan­de­rer ge­brau­chen. Aber die Stra­fe für ab­sicht­li­che Selbst-Ste­ri­li­sa­ti­on war le­bens­läng­li­che Schwerst­ar­beit. Und das war es nicht wert.

Zwei­mal griff er zum Te­le­fon, um sei­ne El­tern in Cin­cin­na­ti an­zu­ru­fen und ih­nen Be­scheid zu sa­gen. Zwei­mal zog er die Hand zu­rück. Frü­her oder spä­ter wür­den sie es er­fah­ren müs­sen. Aber un­be­dingt von ihm? Dann hielt er sich vor Au­gen, wie es sein wür­de, wenn er schwieg und das Bü­ro die amt­li­che Be­nach­rich­ti­gung aus­sen­den lie­ße. Er nahm den Hö­rer noch­mals auf.

Sein Va­ter mel­de­te sich. Mi­ke spür­te plötz­lich einen ste­chen­den Schmerz, als er die Stim­me des Va­ters hör­te, der einen Zei­tungs­stand be­saß und Jahr um Jahr je­den Cent zu­sam­men­ge­kratzt hat­te, um sei­nem Lieb­lings­sohn ein Me­di­zin­stu­di­um zu er­mög­li­chen.

»Ja? Wer spricht?«

»Dad, hier ist Mi­ke.«

»Ist al­les in Ord­nung?« frag­te er mit so­fort miß­traui­scher Stim­me. »Hast du un­se­ren Brief be­kom­men? Du hast doch wohl noch Geld, oder?«

»Ja, Dad. Ich … Sie ha­ben …«

»Sprich lau­ter, Mi­ke. Die Ver­bin­dung muß schlecht sein. Ich kann dich kaum hö­ren.«

»Ich bin ge­zo­gen wor­den, Dad!«

Ei­ne Pau­se ent­stand. Dawes hör­te einen schwe­ren Seuf­zer und dann ge­dämpf­tes Mur­meln; zwei­fel­los hielt Va­ter sei­ne Hand über die Sprech­mu­schel und er­zähl­te es Mut­ter. Zum ers­ten­mal war Dawes dank­bar, daß er es sich bis­her nicht leis­ten hat­te kön­nen, einen Bild­schirm zum Te­le­fon an­zu­schaf­fen. In die­sem Au­gen­blick woll­te er ih­re Ge­sich­ter nicht se­hen.

»Wann be­kamst du die Nach­richt, Jun­ge?«

»Ge­ra­de jetzt. Ich muß mich so­fort mel­den. Ich star­te kom­men­den Mitt­woch.«

»Kom­men­den Mitt­woch«, wie­der­hol­te sein Va­ter grü­belnd.

Dawes hör­te das Schluch­zen sei­ner Mut­ter im Hin­ter­grund. Plötz­lich schrie sie auf: »Wir las­sen ihn uns nicht neh­men! Nein! Wir las­sen das nicht zu!«

»Da hilft nichts, Ethel«, sag­te Va­ter ru­hig. »Jun­ge, hörst du mich?«

»Ja, Dad.«

»Mel­de dich, wie vor­ge­schrie­ben. Und mach kei­nen Un­sinn, ver­stehst du mich?«

»Kei­ne Sor­ge, Dad.«

»Wer­den wir dich noch­mals se­hen?«

»Ich … ich glau­be schon. Sie müs­sen doch ge­stat­ten, daß wir ein­an­der Leb­wohl sa­gen.«

»Und – es gibt kei­ne Mög­lich­keit, das ab­zu­wen­den? Ich mei­ne, kannst du kein Ge­such ein­rei­chen?«

»Nein, Dad. Nie­mand kann das.«

»Ach, so ist das.«

Dann folg­te wie­der ei­ne lan­ge Pau­se. Dawes schwieg, weil er nicht wuß­te, was er sa­gen soll­te. Er fühl­te sich so son­der­bar, als wä­re er schuld, sei­nen El­tern die­se Sor­ge auf­ge­bür­det zu ha­ben.

Sein Va­ter sag­te schließ­lich: »Auf Wie­der­se­hen, Jun­ge. Paß gut auf dich auf. Und ru­fe uns an, so­bald du Nä­he­res weißt.«

»Na­tür­lich, Dad. Bit­te Ma, sich nicht zu krän­ken. Auf Wie­der­se­hen.«

Er leg­te den Hö­rer auf. Dann ging er zum Fens­ter. Der Re­gen hat­te auf­ge­hört; es war bei­na­he neun Uhr, und die Nach­züg­ler eil­ten, um nicht zu spät zum Un­ter­richt zu kom­men. Drau­ßen am Hof ging es wie üb­lich zu. Der Fuß­ball-Trai­ner er­teil­te im Schwei­ße sei­nes An­ge­sichts Ratschlä­ge für das Match am Sams­tag. Shep­perd ging zur Klas­se, um sei­ne Zoo­lo­gie-Vor­le­sung ab­zu­hal­ten. Klaus be­ar­bei­te­te un­glück­li­che Neu­lin­ge mit un­re­gel­mä­ßi­gen deut­schen Ver­ben.

Das Le­ben ging wei­ter. Die Welt dreh­te sich ge­mäch­lich um die Son­ne. Aber, heu­te in ei­ner Wo­che, wür­de Mi­ke Dawes nicht mehr zu ihr ge­hö­ren.

Stum­mer, bro­deln­der Zorn über die­se Un­ge­rech­tig­keit er­füll­te ihn. Er hat­te nie­man­den ge­be­ten, am Schick­sal der Mensch­heit teil­ha­ben zu dür­fen. Er hat­te kein Ver­lan­gen, an­de­re Wel­ten zu er­obern. Er woll­te ein­zig und al­lein auf der Er­de blei­ben, ir­gend­ein leid­lich hüb­sches Ohio-Girl hei­ra­ten und nor­ma­le Kin­der ha­ben.

 

Nun gut, die­ser Traum war aus­ge­träumt. Da blieb ihm nichts an­de­res üb­rig, als zur Re­gis­trie­rungs­stel­le zu wan­dern und sich zu stel­len wie ein ge­such­ter Ver­bre­cher.

Er ver­sperr­te sein Zim­mer und über­leg­te, ob er je­mals hier­her zu­rück­kom­men wür­de, um sei­ne Hab­se­lig­kei­ten zu ho­len, und ging hin­un­ter und hin­aus auf die Stra­ße. Ihm schi­en, je­der dre­he sich um, als stün­de knall­rot auf sei­ner Stirn ge­schrie­ben: MI­KE DAWES IST GE­ZO­GEN WOR­DEN.

Die Re­gis­trie­rungs­stel­le war in Man­sar­den­zim­mern über je­nem Ki­no un­ter­ge­bracht, in das er erst vor vier Ta­gen ein Mäd­chen aus­ge­führt hat­te. In zärt­li­cher Um­ar­mung wa­ren sie in der Lo­ge ge­ses­sen, gar nicht auf den Film ach­tend. Er hat­te ih­ren Kör­per an sei­nem ge­spürt und über je­ne Sei­ten des Le­bens nach­ge­dacht, die ihm noch rät­sel­haft wa­ren.

Wenn man aus­er­wählt wird, dach­te er, be­kommt man auch ei­ne Frau. Sie schi­cken fünf­zig Män­ner und fünf­zig Frau­en hin­aus. Ist man be­reits ver­hei­ra­tet, hat aber kei­ne Kin­der, dann kann man den Ehe­part­ner als Frei­wil­li­ger be­glei­ten. Ist man ver­hei­ra­tet und hat Kin­der und wird ein El­tern­teil ge­zo­gen, so muß der an­de­re bei den Kin­dern zu­rück­blei­ben. Wan­dert man al­so oh­ne Ehe­part­ner aus, wird man ei­nem an­de­ren Ko­lo­nis­ten an­ge­traut, und jed­we­de Ver­bin­dung auf Er­den war da­mit ge­löst. Auch er wür­de bald ver­hei­ra­tet sein – mit ir­gend je­man­dem.

Auf sei­nem Weg die Trep­pe hin­auf zur Re­gis­trie­rungs­stel­le nahm er im­mer gleich zwei Stu­fen auf ein­mal. Ei­ni­ge Bur­schen sa­ßen war­tend auf ei­ner Bank; sie schau­ten ihn neu­gie­rig an, als er ein­trat. Sie hat­ten vor kur­z­em ihr neun­zehn­tes Le­bens­jahr vollen­det und muß­ten sich ein­tra­gen las­sen.

Dawes hat­te das vor ge­nau ei­nem Jahr be­sorgt. Je­der muß­te sich mit neun­zehn Jah­ren re­gis­trie­ren las­sen, wid­ri­gen­falls man au­to­ma­tisch ge­zo­gen wur­de. Des­halb war er ge­kom­men, hat­te die For­mu­la­re aus­ge­füllt und war von Ma­schi­nen dia­gno­s­ti­ziert wor­den. Er muß­te sich auch dem un­an­ge­neh­men Frucht­bar­keits­test un­ter­zie­hen. We­ni­ge Wo­chen da­nach hat­te er ei­ne Kar­te mit dem Hin­weis er­hal­ten, daß er taug­lich war. Er hat­te die Ach­seln ge­zuckt, die Kar­te in sei­ne Ak­ten­ta­sche ge­steckt und ge­dacht, die Zie­hung wä­re et­was, was nur an­de­ren Leu­ten pas­sier­te.

Aber ihm war es wi­der­fah­ren. Jetzt. Er leg­te den blau­en Brief auf den Tisch im Emp­fangs­zim­mer. Die An­ge­stell­te schau­te ni­ckend hin. Hin­ter sich hör­te Dawes die war­ten­den Bur­schen mur­meln. Als Aus­er­wähl­ter hat­te er ei­ne be­son­de­re No­te be­kom­men.

»Kom­men Sie bit­te mit«, sag­te sie fei­er­lich und be­dach­te ihn mit ei­nem Blick, der aus­drück­te: »Sie tun das Ih­re zum Schick­sal der Mensch­heit.« Sie führ­te ihn in ein Bü­ro, in dem ein großer Mann mit schüt­terem Haar­wuchs, En­de der Vier­zig, ei­ni­ge Do­ku­men­te un­ter­schrieb.

»Mr. Bre­wer, das ist Mi­cha­el Dawes. Er wur­de von der New Yor­ker Ab­tei­lung ge­zo­gen.«

Bre­wer er­hob sich und streck­te ihm die Hand ent­ge­gen. »Gra­tu­lie­re, Dawes. Viel­leicht kön­nen Sie es jetzt noch nicht be­ur­tei­len, aber Sie wer­den in Kür­ze am größ­ten Aben­teu­er der Mensch­heit teil­neh­men. Dan­ke, Miß Do­nald­son.«

 

Miß Do­nald­son zog sich zu­rück. Bre­wer setz­te sich wie­der hin und bot Dawes einen be­que­men luft­ge­fe­der­ten Stuhl an.

»Nun?« frag­te Bre­wer. »Sie sind de­pri­miert, wie?«

»Er­war­tet man viel­leicht, daß ich glück­lich sei?«

Bre­wer zuck­te die Ach­seln. »Woll­ten Sie zu den Ster­nen, so hät­ten Sie sich frei­wil­lig ge­mel­det. Es ist hart, Jun­ge. Wie alt sind Sie?«

»Zwan­zig.«

»Jung ge­nug, um sich um­zu­stel­len. Manch­mal ha­be ich Män­ner in den Drei­ßi­gern hier, Män­ner mit Fa­mi­lie. Sie wür­den stau­nen, wie vie­le von de­nen mich am liebs­ten in die Luft spreng­ten. Sie sind nicht ver­hei­ra­tet, oder?«

»Nein, Sir.«

»El­tern?«

»Le­ben in Cin­cin­na­ti. Ha­be be­reits mit ih­nen te­le­fo­niert.«

»Sie glau­ben al­so, kei­nen Grund für ei­ne Dis­qua­li­fi­ka­ti­on zu ha­ben?«

Dawes schüt­tel­te den Kopf und sag­te lei­se: »Es gibt kei­nen Aus­weg. Ich ha­be mich da­mit ab­ge­fun­den. Aber des­we­gen ge­he ich noch lan­ge nicht gern!«

»Das ist an­zu­neh­men«, sag­te Bre­wer. »Wir neh­men aber auch an, daß Sie nicht stän­dig bo­cken wer­den, wäh­rend Sie ak­tiv sein soll­ten. Wol­len Sie in ei­ner frem­den Welt am Le­ben blei­ben, kön­nen Sie das auch gar nicht.« Er schüt­tel­te den Kopf. »Wenn Sie glau­ben, Pech ge­habt zu ha­ben, den­ken Sie an den Mann, den wir erst neu­lich hier hat­ten. Va­ter von drei Kin­dern. Al­ter: neun­und­drei­ßig Jah­re, elf Mo­na­te, drei Wo­chen. In ei­ner Wo­che wä­re er au­ßer Ge­fahr ge­we­sen, aber der Kom­pu­ter er­faß­te ihn. Er tob­te, das Gan­ze wä­re In­tri­ge, aber er ging.«

»Soll mich das fröh­li­cher stim­men?« frag­te Dawes.

»Ich weiß nicht«, mein­te Bre­wer seuf­zend. »Man sagt, ge­teil­tes Leid sei hal­b­es Leid. Sie ha­ben wahr­schein­lich schreck­lich Mit­leid mit sich selbst, und ich neh­me Ih­nen das auch gar nicht übel.«

»Wer­de ich mei­ne El­tern noch ein­mal se­hen dür­fen?«

»Wenn Sie wol­len, kön­nen Sie heu­te nach­mit­tag nach Cin­cy flie­gen. Nächs­te Wo­che wer­den Sie von ei­nem Be­am­ten des Bü­ros be­glei­tet wer­den. Si­cher­heits­maß­nah­me, ver­ste­hen Sie. Na­tür­lich wird er Ih­nen je­de nur mög­li­che Frei­heit las­sen – für den Fall, daß Sie ei­ner jun­gen Da­me einen Ab­schieds­be­such ab­stat­ten wol­len, oder …«

»Nur mei­nen El­tern«, un­ter­brach Dawes.

»Gut. Wie auch im­mer. Sie ha­ben noch sie­ben Ta­ge. Nüt­zen Sie die­se gut. Im Ne­ben­zim­mer wird man Sie jetzt noch­mals gründ­lichst un­ter­su­chen. Viel­leicht sind Sie gar nicht mehr taug­lich.«

»Ziem­lich un­wahr­schein­lich!«

»Im­mer­hin ei­ne Hoff­nung, wie, Mi­ke?«

»Warum re­den Sie so? Was küm­mert es Sie, ob ich ge­he oder nicht? Wis­sen Sie, was es be­deu­tet, ent­wur­zelt und hin­aus­ge­schleu­dert zu wer­den in den Wel­ten­raum? Sie sind übers Al­ter hin­aus; Sie sind si­cher.«

Bre­wer’ lä­chel­te trau­rig. »Ich ha­be ein schwa­ches Herz und bin des­halb nie taug­lich ge­we­sen. Aber das heißt nicht, daß ich mir nicht vor­stel­len kann, was Sie jetzt durch­ma­chen. Vor zehn Jah­ren hat man mir mei­ne Frau ge­nom­men. Kom­men Sie, Mi­ke. Der Arzt wird Sie jetzt un­ter­su­chen.«

 

3

 

Cher­ry Tho­mas wach­te auf. Au­to­ma­tisch griff sie nach links, aber der Platz ne­ben ihr war leer, noch ein we­nig warm; Char­lie war weg. Ein Zehn­dol­lar­schein steck­te in ei­ner Ecke des Spie­gels.

Im Auf­ste­hen nahm sie ihn her­aus und leg­te ihn in die Schub­la­de. Die Woh­nung be­fand sich in ei­nem ver­hee­ren­den Zu­stand. Zwei lee­re Fla­schen stan­den am Bo­den ne­ben dem Bett; über­all lag Zi­ga­ret­ten­asche. Char­lie hat­te die Abend­zei­tung mit­ge­bracht. Wahr­schein­lich um die letz­ten Neu­ig­kei­ten im Rennsport zu stu­die­ren, und nun la­gen die lo­sen Blät­ter übers gan­ze Zim­mer ver­streut.

Sie schlepp­te den Al­les­rei­ni­ger aus der Be­sen­kam­mer her­aus, steck­te ihn an und ließ ihn die ver­streu­te Asche auf­sau­gen, wäh­rend sie sich dusch­te. Der rei­ni­gen­de, sanft sprü­hen­de Was­ser­strahl tat so gut. Nach zehn Mi­nu­ten kam sie her­vor, reck­te und streck­te sich, gähn­te und mach­te Gym­nas­tik. Nur nicht zu dick wer­den um die Tail­le, mei­ne Lie­be. In­ter­essant bist du nur, so­lan­ge dein Kör­per schön ist.

Nach die­sen Mor­gen­pflich­ten schal­te­te Cher­ry den Ra­dio­ap­pa­rat ein; Mu­sik ström­te in die Woh­nung. Sie drück­te auf den Fens­ter­ver­dun­ke­lungs­knopf. Durch die Gleich­stel­lung der Po­la­ri­tät der Glä­ser drang die Mor­gen­son­ne her­ein. Es sah da­nach aus, als wer­de es in New York einen wei­te­ren wun­der­schö­nen Tag ge­ben. Die Wand­uhr zeig­te den zehn­ten Ok­to­ber 2116, elf Uhr drei­und­zwan­zig an.

Es war schon sehr spät. Be­reits um drei­zehn Uhr muß­te sie sich in der Stadt vor­stel­len; ei­nes der großen Eta­blis­se­ments such­te Emp­fangs­da­men. Bil­li­ge Ar­beit für ein Mäd­chen, das Strip­tease-Star der no­bels­ten Lo­ka­le drei­er Kon­ti­nen­te ge­we­sen war. Aber die Zeit blieb nicht ste­hen. Sie war drei­und­drei­ßig Jah­re alt und dem ro­si­gen Hauch der Ju­gend längst ent­wach­sen. Heut­zu­ta­ge schie­nen Strip-Ma­na­ger ei­nem Wie­gen-Fe­ti­schis­mus ver­fal­len zu sein: je jün­ger, de­sto bes­ser. Nächs­tes Jahr, dach­te Cher­ry bit­ter, wür­de ir­gend je­mand den neues­ten Schrei auf die­sem Ge­biet her­aus­brin­gen – die zehn­jäh­ri­ge Strip­tease-Tän­ze­rin.

Sie steck­te die Loch­kar­te des ge­wünsch­ten Früh­stücks in den Ro­bo­ter-Koch. Cher­rys Woh­nung war in bei­na­he je­der Hin­sicht voll­au­to­ma­ti­siert. Im­mer schon war es ihr Traum ge­we­sen, von den neues­ten Au­to­ma­ten um­ge­ben zu sein. Zu ei­ner Zeit, da sie buch­stäb­lich in Geld schwamm, kauf­te sie sich al­le auf dem Markt be­find­li­chen Ge­rä­te: einen au­to­ma­ti­schen Rücken­krat­zer; einen Ro­bo­ter-Koch; Po­la­ri­täts-Fens­ter­schei­ben; ei­ne Vor­rich­tung, die au­to­ma­tisch das Licht dämpf­te; einen Al­les­rei­ni­ger. Ih­re Woh­nung war ei­ne Stät­te elek­tro­ni­scher Zau­ber­küns­te al­ler Art.

Jetzt ging sie auf die Stra­ße, um ihr schma­les Ein­kom­men auf­zu­bes­sern. Oft hör­te sie stau­nen­de Be­mer­kun­gen über den Reich­tum in ih­rer Woh­nung. Ja, nach ei­ner ge­wis­sen Zeit war­te­te sie schon di­rekt dar­auf. Cher­ry aß oh­ne Ap­pe­tit. Ein Früh­stück war für sie et­was, was man es­sen muß­te, was kei­ne Freu­de mach­te.

Sie war auch ner­vös we­gen die­ses Vor­stel­lens um drei­zehn Uhr. Ei­ne Emp­fangs­da­me hat­te zwi­schen den Ti­schen ein­her­zutän­zeln, mit nicht mehr als ei­nem hüft­lan­gen durch­schei­nen­den Fähn­chen be­klei­det. Sie glaub­te, noch die Fi­gur für die­sen Job zu ha­ben, aber ihr Ver­trau­en war nicht sehr groß. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te sie an Ge­wicht zu­ge­nom­men, lang­sam, un­er­bitt­lich, un­ab­wend­bar.

Al­les war an­ders, als Dan noch hier war, dach­te sie.

Dan war ih­re Welt ge­we­sen: Ma­na­ger, Trai­ner, Beicht­va­ter, Agent. Dan hat­te sie in Phil­adel­phia von der Stra­ße auf­ge­le­sen und in­ner­halb kür­zes­ter Zeit zum Ge­spräch von Las Ve­gas, Pa­ris und Bu­ka­rest ge­macht. Dan hat­te ihr Gra­zie bei­ge­bracht, sie ge­zwun­gen, ge­gen die Ver­su­chun­gen von Spei­sen und Sex an­zu­kämp­fen, und ihr die bes­ten An­stel­lun­gen ver­schafft.

Aber Dan war nicht mehr da. Sie hat­ten ihn ge­zo­gen, vor vier Jah­ren. Und seit­her war nichts mehr das­sel­be.

Das Schlimms­te aber war, dach­te Cher­ry und riß da­mit die al­te Wun­de zum mil­li­ons­ten­mal auf, daß sie mit ihm hät­te ge­hen kön­nen. »Du kannst dich noch im­mer frei­wil­lig mel­den«, hat­te Dan ge­sagt, als sie an je­nem Mor­gen hys­te­risch wein­te. »Du kannst mit mir kom­men, wo­hin im­mer ich auch ge­he, wenn dir so­viel dar­an liegt.« Und er hat­te sei­ne Hän­de im dich­ten dunklen Haar ver­gra­ben und auf Ant­wort ge­war­tet, und sie hat­te sich ge­wei­gert, auch nur et­was zu sa­gen.

Nun, was hät­test DU an mei­ner Stel­le ge­tan? frag­te sie hef­tig ei­ne ima­gi­näre Per­son. Sie war neun­und­zwan­zig Jah­re alt ge­we­sen, hat­te Geld im Über­fluß ge­habt, war im Mit­tel­punkt der ver­gnü­gungs­süch­ti­gen Welt ge­stan­den. Er war zehn Jah­re äl­ter als sie. Si­cher­lich, sie hat­te ge­glaubt, ihn zu lie­ben, aber kann ir­gend je­mand sich des­sen voll­kom­men si­cher sein? Es war ihr zu schwer­ge­fal­len, ih­re Li­mou­si­ne auf­zu­ge­ben und ih­re Woh­nung und ih­ren Lieb­ling, die Ti­ger­kat­ze, und ihr be­hag­li­ches, lu­xu­ri­öses, ver­wöhn­tes Le­ben, um ihm zu fol­gen, hin­aus zu den Ster­nen.

So hat­te sie ge­sagt, sie wür­de hier­blei­ben, und Dan hat­te die Ach­seln ge­zuckt und ge­meint, es wä­re oh­ne­dies bes­ser so. Wahr­schein­lich wä­re sie gar nicht ge­eig­net für das har­te, rau­he Le­ben dort. Und er war ge­gan­gen und hat­te sie zu­rück­ge­las­sen. Dann trat der Ernst des Le­bens an sie her­an.

Sie hat­te den teu­ren Wa­gen ver­kauft und die Ti­ger­kat­ze weg­ge­ge­ben; die Woh­nung ge­hör­te noch ihr, aber sonst nur noch sehr we­nig. Sie hat­te ihr be­que­mes, lu­xu­ri­öses Le­ben ver­lo­ren – und Dan. Ein Jahr, nach­dem Dan für im­mer fort­ging, war sie ei­ne über­stürz­te Hei­rat ein­ge­gan­gen, ei­ne Ehe, die nur we­ni­ge Mo­na­te hielt. Und da­nach folg­te das lang­sa­me Ab­wärts­glei­ten. Und noch war sie nicht am En­de die­ser Bahn. Je­den Mor­gen fühl­te sie das deut­li­cher.

 

Cher­ry schüt­tel­te trau­rig den Kopf, stell­te die Kaf­fee­tas­se in den Ab­wasch­au­to­ma­ten und nahm ei­ne Pil­le aus dem Me­di­ka­men­ten­schrank. Die­se wirk­te prak­tisch so­fort; ein wun­der­ba­res, je­doch künst­lich her­vor­ge­ru­fe­nes Ge­fühl von Op­ti­mis­mus und Fröh­lich­keit lös­te die schwer­mü­ti­ge Stim­mung ab. Sie drück­te noch drei­mal auf den Knopf, und wei­te­re drei klei­ne gel­be Ta­blet­ten fie­len her­aus. Al­le vier Stun­den ei­ne, und sie wür­de den Tag oh­ne De­pres­si­ons­zu­stän­de durch­hal­ten; war die gu­te Lau­ne auch nicht echt, so doch bes­ser, als den gan­zen Tag über Dan zu brü­ten.

Ein letz­ter Blick in den Spie­gel: das Ma­keup war in Ord­nung, die Fri­sur wirk­te ele­gant. Dank der Pil­le schau­te sie glück­lich, be­geis­tert, vi­tal aus. Hin­ter die­ser Mas­ke wür­den die Eta­blis­se­ment-Leu­te wohl nicht die Trüb­sal er­ken­nen.

»Gu­ten Mor­gen, Miß Tho­mas«, er­tön­te ei­ne Stim­me, als sie den Fahr­stuhl be­stieg. An des­sen De­cke war ein Ro­bo­ter an­ge­bracht, der die Auf­ga­be hat­te, die Be­woh­ner des Hau­ses zu be­grü­ßen.

»Gu­ten Mor­gen«, er­wi­der­te sie. »Schö­ner Tag heu­te.« Kei­ne Ant­wort. Das Elek­tro­nen­ge­hirn war nur für einen Satz pro­gram­miert. Aber sie gab den Gruß den­noch im­mer zu­rück.

Der Fahr­stuhl entließ sie in ei­ner vor Chrom und grü­nem Glas blit­zen­den Hal­le. Sie war eben da­bei, die Licht­schran­ke zu durch­bre­chen, wel­che die Haus­tür steu­er­te, als ihr plötz­lich ein­fiel, nach der Post zu se­hen.

Und so fand sie die Be­nach­rich­ti­gung des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros.

Ih­re glän­zen­den Fin­ger­nä­gel ris­sen das blaue Ku­vert auf. Sie las die Zei­len auf­merk­sam, lang­sam; Le­sen war nie ih­re Stär­ke ge­we­sen. Als sie die kurz ge­faß­te Nach­richt das ers­te­mal durch­ge­gan­gen war, be­gann sie wie­der von vorn.

Sie sind ge­zo­gen wor­den, an der Ko­lo­ni­sa­ti­ons­rei­se teil­zu­neh­men, die am 17. Ok­to­ber von Ban­gor, Mai­ne an Bord des Raum­schif­fes GE­GEN­SCHEIN star­tet. Sie ha­ben sich so­fort bei der nächst­ge­le­ge­nen Re­gis­trie­rungs­stel­le des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros zu mel­den. Sie un­ter­lie­gen nun den Be­stim­mun­gen des in­ter­stel­la­ren Ko­lo­ni­sa­ti­ons­ge­set­zes aus dem Jahr 209g, und jed­we­de Ver­let­zung die­ser Be­stim­mun­gen wird schwers­tens be­straft.

Im Auf­trag von D. L. Mul­hol­land, Prä­si­dent.

Fürs ers­te war sie wü­tend: Wer zum Teu­fel sind die, die da schlicht und ein­fach über Cher­ry Tho­mas ver­fü­gen und be­stim­men, sie müs­se ge­hen, hin­aus zu den Ster­nen? Mit mir kön­nen sie das nicht ma­chen!

 

Die­sen ers­ten lo­dern­den Flam­men des Trot­zes folg­te ein ru­hi­ge­rer, be­son­ne­ne­rer Ge­dan­ke: Viel­leicht ist das gar nicht so schlimm. Ich könn­te ei­ne Luft­ver­än­de­rung ver­tra­gen. Hier auf Er­den kom­me ich nir­gends hin.

Warum al­so nicht dort­hin ge­hen, wo sie mich ha­ben wol­len?

Und dann der blitz­ar­ti­ge Ein­fall: Viel­leicht kann ich mir den Pla­ne­ten aus­su­chen! Viel­leicht kann ich Dan fin­den!

Sie eil­te hin­auf. Der Auf­for­de­rung ent­spre­chend, hat­te sie sich so­fort bei der nächs­ten Re­gis­trie­rungs­stel­le zu mel­den. Über die Te­le­fonaus­kunft er­fuhr sie, daß sich ei­ne sol­che Stel­le zehn Häu­ser­blö­cke ent­fernt be­fand.

Zum Hen­ker mit die­sem Eta­blis­se­ment! Zum ers­ten­mal seit Jah­ren fühl­te sie sich rich­tig en­thu­sias­tisch.

Sie nahm ein Ta­xi – Spa­ren hat­te ja jetzt kei­nen Sinn mehr, und flog bei­na­he die Trep­pe hin­auf und in das große Bü­ro. Ein Emp­fangs­chef blick­te auf, und Cher­ry hol­te den blau­en Brief her­vor.

»Hier. Das ha­be ich eben er­hal­ten. Ich wur­de ge­zo­gen. Wo­hin soll es ge­hen?«

»Ich wer­de Sie zum Di­rek­tor brin­gen.«

Der Di­rek­tor, ein Mann in den Fünf­zi­gern mit ei­nem aus­drucks­lo­sen Ge­sicht, setz­te ein Lä­cheln auf, als Cher­ry ein­trat. Sie sag­te so­fort: »Ich hei­ße Cher­ry Tho­mas und wur­de ge­zo­gen.«

»Wol­len Sie nicht Platz neh­men? Ich bin Mr. Ste­wart. Ich weiß, die­ser Tag ist ein un­glück­se­li­ger für Sie, aber darf ich Ih­nen ver­si­chern …«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Schau­en Sie, Mr. Ste­wart. Wol­len Sie mir bit­te einen Ge­fal­len tun. Es macht mir gar nichts aus, daß ich er­faßt wur­de; ich glau­be es we­nigs­tens. Aber ich möch­te, daß Sie mich zum sel­ben Pla­ne­ten schi­cken wie Dan Ci­ril­lo im Jahr 2112. Ich ken­ne den Na­men des Pla­ne­ten nicht, aber Sie wer­den si­cher ei­ne Mög­lich­keit ha­ben, das für mich her­aus­zu­fin­den, und …«

Mr. Ste­warts Mond­ge­sicht ver­düs­ter­te sich. »Sie schei­nen nicht zu ver­ste­hen, Miß Tho­mas. Sie wer­den nicht auf einen Pla­ne­ten ge­schickt, der be­reits be­völ­kert ist. Sie wer­den auf ei­ne voll­kom­men un­zi­vi­li­sier­te Welt kom­men, auf einen un­be­rühr­ten Pla­ne­ten.«

»Aber ich will zu Dan! Hö­ren Sie, er war mein Al­les. Wir woll­ten hei­ra­ten, und dann seid ihr ge­kom­men und habt ihn mir ent­ris­sen. Nun bin ich an der Rei­he, und ich will zu ihm! Se­hen Sie nicht ein, wie wich­tig das ist? Ver­dammt, ha­ben Sie über­haupt kein Herz?«

Mr. Ste­wart zuck­te be­dau­ernd die Ach­seln. »Tut mir leid, aber es ist voll­kom­men un­mög­lich, daß Sie ihm jetzt fol­gen. Ers­tens ein­mal ist er seit vier Jah­ren ver­hei­ra­tet …«

»Dan – Ver­hei­ra­tet?« Cher­ry wieg­te den Kopf. Wie dumm von mir, dar­an nicht ge­dacht zu ha­ben! Na­tür­lich, wenn man da hin­aus­fährt be­kommt man einen Part­ner! All­mäh­lich be­ru­hig­ten sich ih­re flat­tern­den Ner­ven. »Ich … Das ha­be ich nicht be­dacht«, sag­te sie lei­se. »Na­tür­lich. Er ist ja ver­hei­ra­tet.« Ein Klum­pen schi­en in ih­rer Keh­le zu ste­cken.

Mr. Ste­wart beug­te sich vor und lä­chel­te wie­der. »Sie se­hen, wir könn­ten Sie gar nicht zu ihm schi­cken. Jetzt nicht mehr.«

»Aber vor vier Jah­ren wä­re es ge­gan­gen. Ich hät­te nur her­kom­men und ein Wort zu sa­gen brau­chen, und Sie hät­ten mich mit­ge­schickt! Und ich wä­re jetzt bei ihm! Sei­ne Frau!« Ih­re Stim­me über­schlug sich bei­na­he. Sie brach in Trä­nen aus und ver­barg den Kopf zwi­schen den Hän­den.

Die­ser Hö­he­punkt ih­rer Er­re­gung dau­er­te nur we­ni­ge Au­gen­bli­cke an. Als sie auf­schau­te, be­geg­ne­te sie Mr. Ste­warts ru­hig be­ob­ach­ten­dem Blick. Wahr­schein­lich er­leb­te er täg­lich Sze­nen die­ser Art.

»Ich wer­de al­so auf einen an­de­ren Pla­ne­ten kom­men?« frag­te sie be­herrscht. »Auf wel­chen?«

»Nur die hö­he­ren Stel­len wis­sen das, Miß Tho­mas. Ist es von so großer Be­deu­tung?«

»Nein – nein, ei­gent­lich nicht.«

Er fin­ger­te ner­vös mit den Pa­pie­ren am Schreib­tisch. »Ich ha­be Ih­ren Akt an­ge­for­dert, aber es wird ei­ne Wei­le dau­ern. Sie wur­den nicht hier re­gis­triert.«

»Nein«, ant­wor­te­te sie, »in Phil­adel­phia. Vor vier­zehn Jah­ren.« Es schi­en ei­ne Ewig­keit her zu sein. Und jetzt, so plötz­lich, war ih­re Num­mer ge­kom­men. In Ge­dan­ken sah sie je­ne Cher­ry Tho­mas von 2104, wie sie schüch­tern das For­mu­lar aus­füll­te. Ein ver­stör­tes neun­zehn­jäh­ri­ges Kind war sie da­mals ge­we­sen. Die­se vier­zehn Jah­re hat­ten viel mit sich ge­bracht.

Mr. Ste­wart frag­te: »Wenn ich rich­tig ver­stan­den ha­be, sind Sie nicht ver­hei­ra­tet, Miß Tho­mas?«

»Nein. Ich war ver­hei­ra­tet, vor drei Jah­ren. Jetzt nicht.«

»Gibt es je­man­den, der Sie viel­leicht frei­wil­lig be­glei­ten wür­de?«

Cher­ry ging in Ge­dan­ken ei­ne An­zahl von Män­nern durch, die sie kann­te. Nein, kei­ner hat­te das Zeug zu ei­nem Frei­wil­li­gen in sich. Sie schüt­tel­te stumm den Kopf.

»Darf ich Ih­ren Be­ruf er­fah­ren?« frag­te Mr. Ste­wart.

»Ich – le­be von Män­nern.«

Mr. Ste­wart fuhr mit der Zun­ge über die dün­nen blas­sen Lip­pen. »Ha­ben Sie vor, ein Ge­such ein­zu­rei­chen?«

»Wo­zu wä­re das gut?«

»Mit Ih­rem psy­cho­lo­gi­schen Hin­ter­grund hät­ten Sie viel­leicht die Chan­ce da­von­zu­kom­men.«

»Was heißt das?«

»Wenn Sie, sa­gen wir, Nym­pho­ma­nie nach­wei­sen kön­nen.« Mr. Ste­wart er­rö­te­te ver­le­gen. »Es ist nicht all­ge­mein be­kannt, aber ein ver­wor­re­nes Se­xual­le­ben kann Sie dis­qua­li­fi­zie­ren. Ei­ne un­kon­trol­lier­te Frau rich­tet mög­li­cher­wei­se größ­ten Scha­den an in ei­ner klei­nen Ge­mein­schaft, die ei­ne in­ter­stel­la­re Ko­lo­nie zu Be­ginn ja ist.«

Cher­ry starr­te ihn ernst an. »Sie mei­nen, ich könn­te ab­ge­wie­sen wer­den, weil ich …«

»Es wä­re ei­ne Mög­lich­keit, sag­te ich. »Die idea­le Frau ist ei­ne sol­che, die sich in ei­ne Ehe ein­fü­gen kann, die den Mann nimmt, der sie wählt, die mit ihm glück­lich ist und so vie­le Kin­der ge­biert, als ih­re Kon­sti­tu­ti­on zu­läßt. Glau­ben Sie, für die­se Art von Le­ben ge­eig­net zu sein?«

Cher­ry run­zel­te un­si­cher die Stirn. Ein­mal, er­in­ner­te sie sich, war sie wie an­de­re Mäd­chen ge­we­sen, hat­te sich nach ei­nem Heim ge­sehnt, nach ei­nem Mann, nach Kin­dern. Aber ir­gend­wo auf ih­rem Le­bens­weg wa­ren die­se Wün­sche dann ver­lo­ren­ge­gan­gen.

Sie lä­chel­te. Seit Dan weg war, hat­te sie je­den Tag da­mit be­gon­nen, die­se Lot­te­rie und die da­für Ver­ant­wort­li­chen zu ver­flu­chen. Aber jetzt, da sie selbst im Netz hing, er­kann­te sie, daß sie eben dar­auf ge­war­tet hat­te, oh­ne es zu wis­sen. Die­ser Auf­ruf bot Flucht – Flucht vor der rau­hen, flit­ter­haf­ten Welt, in der sie leb­te, Flucht vor den spöt­ti­schen Män­nern, die jetzt noch ih­ren Preis be­zahl­ten und die in ein paar Jah­ren knau­sern und mit ihr feil­schen wür­den, Flucht vor dem sich bil­den­den Wall von Ein­sam­keit und Furcht.

Ei­ne neue Welt; einen Ehe­part­ner; Kin­der.

Sie be­gann zu wei­nen. »Hö­ren Sie«, sag­te sie. »Ich wer­de kei­nen An­trag stel­len. Und sor­gen Sie da­für, daß ich nicht ab­ge­wie­sen wer­de, bit­te!«

 

4

 

Meist trat al­les zur Sei­te, wenn Ky Noo­nan die Stra­ße ent­lang kam. Dar­an war nicht al­lein sei­ne Grö­ße schuld; es gibt Män­ner, de­ren Grö­ße nur da­zu dient, ih­re Harm­lo­sig­keit zu un­ter­strei­chen. Aber Noo­nan strahl­te un­an­tast­ba­re Au­to­ri­tät aus, ru­hi­ges Selbst­ver­trau­en, und das schi­en die an­de­ren stumm zu war­nen: Ach­tung, Bahn frei, Ky Noo­nan kommt!

Mit Drei­ßig be­fand er sich jetzt in den bes­ten Jah­ren. Er war von im­po­san­ter Ge­stalt, einen Me­ter fünf­und­neun­zig groß, ein ker­ni­ger Zwei­hun­dert­pfün­der. Sein dich­tes, nach hin­ten ge­kämm­tes tief­schwar­zes Haar, wi­der­spens­tig, aber den­noch ir­gend­wie ge­pflegt aus­se­hend, mach­te ihn noch um ei­ni­ges grö­ßer. Die Stim­me ent­sprach ganz sei­nem Kör­per­bau: ein tie­fes, dump­fes Grol­len, das man weit­hin hör­te. Er hat­te brei­te Schul­tern, lan­ge, kräf­ti­ge Bei­ne und ei­ne son­nen­ge­bräun­te Haut.

Heu­te hat­te er einen wich­ti­gen Ent­schluß ge­faßt. Jah­re­lang war er in ihm ge­reift. Jah­re, die er in Ja­mai­ka beim Schlep­pen von Las­ten ver­bracht hat­te und zu­letzt als Po­li­zist an der un­ru­hi­gen Gren­ze Süd­afri­kas. Die ver­ein­bar­te Zeit war vor mehr als ei­nem Mo­nat ab­ge­lau­fen, und er hat­te kein Ge­such um Ver­län­ge­rung ein­ge­reicht. Er war ru­he­los auf Er­den. Im Al­ter von 14 Jah­ren hat­te er das trost­lo­se Va­ter­haus ver­las­sen und war seit­her et­wa hun­dert Be­schäf­ti­gun­gen in zwan­zig Län­dern nach­ge­gan­gen.

Die Er­de be­eng­te ihn. Der blaue Him­mel, der Ge­fäng­nis­mau­ern gleich­kam, ver­droß ihn. Er woll­te hin­aus.

Im Jah­re 2111 reis­te er dienst­lich zur Ve­nus. Aber auch das hat­te ihn nicht be­frie­digt. Kein Platz die­ses Son­nen­sys­tems sag­te ihm zu. Denn man leb­te ent­we­der auf der Er­de oder un­ter ei­ner Kup­pel. Ve­nus, Mars, Ga­ny­med, Cal­li­sto, Ti­tan, Plu­to – sechs Nie­der­las­sun­gen von Men­schen, da­zu ei­ne auf dem Mond. Aber auch dort war man ein­ge­schlos­sen, ein­ge­schlos­sen von ei­ner schim­mern­den Du­ro­plast-Kup­pel.

Sein Jahr auf der Ve­nus ver­brach­te er mit wi­der­wil­lig aus­ge­führ­ten Rou­ti­ne-Tä­tig­kei­ten, wäh­rend er un­ver­hoh­len är­ger­lich in die ro­te und grü­ne und blaue und vio­let­te Welt drau­ßen starr­te, ei­ne Welt, voll von Formal­de­hyd und gif­ti­gen Ga­sen und un­heim­li­chen wäch­ser­nen Pflan­zen, ei­ne Welt, in die sich nie­mand oh­ne Sau­er­stoff­ap­pa­rat und Raum­an­zug hin­aus­wag­te.

Auch oh­ne die an­de­ren Ko­lo­ni­en im Son­nen­sys­tem ge­se­hen zu ha­ben, wuß­te er, daß über­all der­sel­be Zu­stand herrsch­te. Auf Mars schau­te man hin­aus in ei­ne to­te, ro­te Wüs­te; auf Ga­ny­med blin­zel­te man über glei­ßen­de, wei­ße Schnee­fel­der bis zur gi­gan­ti­schen, un­ver­gleich­li­chen Herr­lich­keit Ju­pi­ters. Wel­chen Sinn hat­te es, da Sau­er­stoff und Was­ser nun ein­mal le­bens­not­wen­dig wa­ren, die Er­de zu ver­las­sen, nur um un­ter ei­ne Plas­tik­kup­pel ge­stopft zu wer­den?

Nein. Die ein­zi­ge Welt des Son­nen­sys­tems, auf der ein Mensch sich frei be­we­gen und oh­ne Ap­pa­ra­te le­ben konn­te, war die Er­de, und die­se hat­te für Ky Noo­nan je­den Reiz ver­lo­ren. Ihn zog es zu den Ster­nen.

 

Wie je­der an­de­re hat­te er sich mit neun­zehn Jah­ren re­gis­trie­ren las­sen und da­mals laut­stark den er­schro­cke­nen Tech­ni­kern ge­ra­ten, ihn nur ja zu dis­qua­li­fi­zie­ren. Aber sie hat­ten sei­ne Dro­hun­gen igno­riert und ihn für taug­lich und frucht­bar er­klärt, und einen Tag lang oder zwei hat­te er ge­gen die­sen un­trag­ba­ren Ein­griff in die Men­schen­rech­te ge­wet­tert und ge­tobt.

Und nun stand er an ei­nem mil­den Ok­to­ber­nach­mit­tag auf ei­ner schmut­zi­gen, ver­wahr­los­ten Stra­ße in Old Bal­ti­mo­re vor ei­nem Bü­ro, auf des­sen Tür in gol­de­nen Let­tern prang­te: KO­LO­NI­SA­TI­ONS­BÜ­RO, DIS­TRIKT EINS, RE­GIS­TRIE­RUNGS­STEL­LE NR. 212. We­ni­ge sim­ple Wor­te, und er wür­de sein Pri­vat­le­ben für im­mer auf­ge­ben.

Im ent­schei­den­den Au­gen­blick zö­ger­te er, was ab­so­lut nicht sei­nem Cha­rak­ter ent­sprach. Aber er zö­ger­te nur Se­kun­den. Er hat­te sich ent­schlos­sen und wuß­te, daß es kein Zu­rück mehr gab.

Die Tür war noch alt­mo­disch und mit der Hand zu öff­nen. Er er­faß­te die Klin­ke und drück­te sie nie­der. Er trat ein.

Ein Dut­zend Tee­na­ger, Bur­schen und Mäd­chen, stan­den an ei­nem Tisch links von der Tür, em­sig über Fra­ge­bo­gen ge­beugt. Zur Rech­ten stan­den wei­te­re Schlan­gen und war­te­ten, zur kör­per­li­chen Un­ter­su­chung in die Or­di­na­ti­on ge­ru­fen zu wer­den. Al­le schau­ten ver­ängs­tigt drein. Noo­nan lä­chel­te in­ner­lich. Durch sei­ne frei­wil­li­ge Mel­dung wür­de ein an­de­rer Mann vier­und­zwan­zig Stun­den län­ger auf der Er­de blei­ben dür­fen.

Er streb­te der Re­zep­ti­on zu und sag­te laut und deut­lich, so daß je­der im Raum es hö­ren konn­te: »Ich hei­ße Noo­nan. Ich bie­te mich frei­wil­lig zur Aus­wahl an – je frü­her, de­sto bes­ser.«

Ein Dut­zend Köp­fe fuh­ren her­um und starr­ten ihn an. Es war plötz­lich ganz still im Zim­mer. Der An­ge­stell­te mur­mel­te ir­gend et­was und führ­te ihn wei­ter zu ei­nem Bü­ro, auf des­sen Tür ein Schild mit dem Na­men Mr. Har­ness an­ge­bracht war.

Mr. Har­ness war ein schüch­tern und bü­ro­kra­tisch aus­se­hen­der, ver­hut­zel­ter klei­ner Mann mit über­trie­ben fei­er­li­chen Ma­nie­ren. Er bot Noo­nan einen Stuhl an und frag­te: »Ver­ste­he ich rich­tig, daß Sie sich frei­wil­lig mel­den?«

»Sie ver­ste­hen rich­tig.«

Sin­nend leg­te Mr. Har­ness die ge­spreiz­ten Fin­ger aus­ein­an­der. »Frei­wil­li­ge sind sel­ten, wie Sie sich vor­stel­len kön­nen. Sie sind der ers­te seit über ei­nem Mo­nat.«

Noo­nan zuck­te die Ach­seln. »Wer­de ich ei­ne Me­dail­le be­kom­men?«

Mr. Har­ness wur­de ver­le­gen. »Das nun wie­der nicht. Aber Sie er­hal­ten Pri­vi­le­gi­en. Das wis­sen Sie doch, nicht wahr?«

»Ich weiß, daß Frei­wil­li­ge sich ih­re Ehe­part­ner zu­erst wäh­len kön­nen«, sag­te Noo­nan frei her­aus. »Viel­leicht be­kom­men sie auch bes­se­res Es­sen im Raum­schiff wäh­rend der Fahrt. Aber ich bin nur an dem Ehe­part­ner-Pri­vi­leg in­ter­es­siert.«

»Ah – ja. Na­tür­lich, Mis­ter …«

»Noo­nan. Ky Noo­nan.«

Mr. Har­ness griff nach ei­nem lee­ren For­mu­lar und ei­ner Fe­der. »Das kön­nen wir gleich fest­hal­ten, Mr. Noo­nan. Wol­len Sie mir bit­te den Vor­na­men buch­sta­bie­ren?«

Noo­n­ans Mund zuck­te är­ger­lich. »Cy­ril. C-Y-R-I-L. Cy­ril, Fran­klin Noo­nan. Ich selbst nen­ne mich Ky.« Der ab­ge­dro­sche­ne Vor­na­me war sei­ner Mut­ter Idee ge­we­sen; er ver­ab­scheu­te ihn, aber al­le Do­ku­men­te tru­gen die­sen Na­men, und er war zu stolz, ei­ne le­ga­le Na­mens­än­de­rung zu be­an­tra­gen. Er nann­te sich Ky und beließ es da­bei.

»Ge­burts­da­tum?«

»4. Ja­nu­ar 2086.«

»So sind Sie al­so – äh – drei­ßig Jah­re alt. Ih­re Be­schäf­ti­gung, bit­te?«

»Zu­letzt war ich Po­li­zist. Ei­ne Men­ge Din­ge vor­her.«

»Ir­gend­ei­ne Spe­zi­al­aus­bil­dung? Me­di­zin, Ju­ra, Na­tur­wis­sen­schaf­ten, Tech­nik?«

»Ich weiß, was ich da­mit an­fan­gen soll.« Noo­nan streck­te sei­ne großen Hän­de vor. »Und ich weiß, wo­zu das gut ist.« Er tipp­te sich an die Stirn. »Aber kei­ne Aus­bil­dung, nein.«

Har­ness blick­te auf. »Darf ich Sie fra­gen, warum Sie sich frei­wil­lig mel­den, Mr. Noo­nan? Sie müs­sen na­tür­lich nicht ant­wor­ten, aber in­ter­es­sie­ren wür­de es mich schon …« Noo­nan lä­chel­te. Ei­nem Frei­wil­li­gen wur­den be­stimm­te Pri­vi­le­gi­en ein­ge­räumt. Und die Ver­wei­ge­rung ei­ner Ant­wort auf die­se letz­te Fra­ge war ei­nes da­von. War er psy­cho­lo­gisch und phy­sio­lo­gisch für ei­ne Ko­lo­ni­sa­ti­on ge­eig­net; war er nicht dis­qua­li­fi­ziert durch die Exis­tenz klei­ner Kin­der, die an­sons­ten ver­wai­sen wür­den; hat­te er kein schwe­res Ver­bre­chen be­gan­gen, so konn­te er schwei­gen. Aber Män­ner wie Har­ness woll­ten auf die Art al­ter Jung­frau­en je­den Tratsch hö­ren, dach­te Noo­nan.

Er ant­wor­te­te laut: »Zur Be­frie­di­gung Ih­rer Neu­gier­de will ich Ih­nen sa­gen, daß ich das Le­ben hier satt ha­be und daß ich es an­ders­wo ver­su­chen will. Ich ha­be kei­ne Schul­den, und ich ha­be in letz­ter Zeit kei­ne un­schul­di­gen Mäd­chen ver­führt, und ich will kei­ner do­mi­nie­ren­den Mut­ter ent­kom­men. Ich mel­de mich ein­zig und al­lein, weil ich se­hen möch­te, was da drau­ßen vor sich geht.«

Über die­sen dröh­nen­den Aus­bruch er­schreckt, wich Har­ness zu­rück und sag­te: »Ja, ja, na­tür­lich, Mr. Noo­nan. Ich woll­te Ih­nen nichts un­ter­stel­len … Nun, wenn Sie die rest­li­chen Fra­gen auf dem For­mu­lar aus­fül­len wol­len …«

Noo­nan füll­te sie aus. Als er zur Spal­te kam: Wie­viel Zeit wer­den Sie brau­chen, um Ih­re An­ge­le­gen­hei­ten hier zu ord­nen? mal­te er in ein­drucks­vol­len Groß­buch­sta­ben hin­ein: KEI­NE. Er un­ter­schrieb und gab Har­ness das For­mu­lar zu­rück, der es durch­las und er­staunt die Brau­en hob, als er zur letz­ten Ein­tra­gung kam.

»Sie wol­len un­ver­züg­lich star­ten, Mr. Noo­nan?«

»Warum nicht? Mei­ne An­ge­le­gen­hei­ten sind ge­re­gelt. Ich be­sit­ze kei­ne Reich­tü­mer, und ich ha­be nicht viel Geld, und ich ha­be nie­man­den, dem ich es schen­ken könn­te. So wer­de ich ein­fach al­les der Ca­ri­tas über­ge­ben.

Geld wer­de ich wohl jetzt kei­nes mehr brau­chen.«

»Sehr gut«, mein­te Har­ness. »Heu­te ha­ben wir den ach­ten Ok­to­ber. Wol­len Sie sich in drei Ta­gen wie­der hier mel­den?«

»Drei Ta­ge? Wo­zu?«

»Dem Ge­setz nach steht Ih­nen ei­ne Frist von drei Ta­gen zu, um Ih­re Ent­schei­dung zu über­den­ken. Ha­ben Sie bis En­de der Wo­che Ih­ren Ent­schluß nicht ge­än­dert, dann kom­men Sie wie­der her, und wir wer­den Ih­ren Akt ab­schlie­ßen.«

Noo­nan schüt­tel­te den Kopf. »Ha­be nichts zu über­den­ken. Das tat ich, be­vor ich her­kam.«

 

5

 

»Muß ich wirk­lich nächs­te Wo­che weg?« frag­te Ca­rol Her­rick. Starr und ge­spannt saß sie da, mit stei­fem Rücken und zu­sam­men­ge­preß­ten Kni­en und blick­te über den brei­ten, auf­ge­räum­ten Schreib­tisch auf einen ält­li­chen Mann, der, wie es schi­en, ih­re Schick­sals­fä­den in der Hand hat­te. »Ich mei­ne, gibt es kei­ne Mög­lich­keit, daß ich hier­blei­ben kann?«

Der An­ge­stell­te des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros schüt­tel­te ernst den Kopf.

»Gar kei­ne?« frag­te Ca­rol.

»Wenn Sie ge­eig­net sind, müs­sen Sie ge­hen. So will es das Ge­setz, und das kann man auf kei­ne Wei­se um­ge­hen.«

Wa­ren sie auch mild aus­ge­spro­chen, sie blie­ben doch hart, die­se Wor­te. Ca­rol kämpf­te ver­zwei­felt ge­gen die auf­stei­gen­den Trä­nen an. Am liebs­ten hät­te sie sich die­sem Mann vor die Fü­ße ge­wor­fen und sei­ne Knie mit Trä­nen be­netzt. Wie konn­te man sie nur auf ei­ne an­de­re Welt schi­cken? Das war nicht ge­recht, dach­te sie. Sie ge­hör­te hier­her nach San Fran­zis­ko mit sei­nem Ne­bel und den Brücken, den Spa­zier­gän­gen im Gol­den Ga­te Park an Sonn­tagnach­mit­tagen; und nicht auf ir­gend­ei­nen un­heim­li­chen, frem­den Pla­ne­ten.

Lei­se und ver­wirrt stam­mel­te sie: »Aber – warum ge­ra­de ich? Ich weiß nichts über den Welt­raum, nichts über die Ster­ne. Ich kann nicht ein­mal gut ko­chen. Ich bin nicht von der Sor­te, die man da oben braucht.«

»Auch Men­schen wie Sie sind will­kom­men, Kind. Sie wer­den ler­nen, wie man kocht, näht, wil­de Tie­re ab­häu­tet. Der Welt­raum wird Sie in ei­ne rich­ti­ge Pio­nier-Frau ver­wan­deln.«

Rö­te über­zog ih­re Wan­gen. »Das ist wie­der so et­was. Sie wol­len, daß ich hei­ra­te, nicht wahr? Al­le Ko­lo­nis­ten müs­sen hei­ra­ten.«

»Na­tür­lich. Und Kin­der ge­bä­ren. Je­de Welt be­ginnt mit fünf­zig Paa­ren, die sich ver­meh­ren müs­sen, da­mit die Ko­lo­nie be­ste­hen bleibt. Wol­len Sie nicht hei­ra­ten, Ca­rol? Und Kin­der ha­ben?«

»Ja, si­cher­lich, aber …«

»Aber?«

»Ich war­te­te, war­te­te im­mer auf den Rich­ti­gen. Schlug An­ge­bo­te aus und war­te­te, wie wohl der nächs­te aus­se­hen wür­de. Und jetzt ist es zu spät, wie? Ich könn­te ver­hei­ra­tet sein, viel­leicht auch schon ein Ba­by ha­ben, und dann müß­te ich jetzt nicht ge­hen – da hin­aus.«

»Tut mir leid. Ei­gent­lich soll­te ich Ih­nen die üb­li­che An­spra­che über das Schick­sal der Mensch­heit hal­ten, Miß Ca­rol, aber ver­mut­lich wür­de die­se Sie we­nig in­ter­es­sie­ren. Ich kann nur sa­gen, daß es mir leid tut, aber Sie wer­den Ih­ren Teil bei­tra­gen müs­sen.«

Ver­sun­ken starr­te sie an dem Mann hin­ter dem Schreib­tisch vor­bei, vor­bei an dem Ban­ner mit dem be­deu­tungs­lo­sen Slo­gan. Wie zu sich selbst sprach sie vor sich hin: »So lan­ge war­te­te ich – und jetzt muß ich den ers­ten neh­men, der mir über den Weg läuft. Nicht wahr?«

»Ei­ne ge­wis­se Frei­heit gibt es schon, Ca­rol. Sie müs­sen nicht ak­zep­tie­ren, wenn Ih­nen der Mann nicht zu­sagt, der Sie wählt. Sie kön­nen ›nein‹ sa­gen.«

»Aber einen muß ich hei­ra­ten. Ich kann nicht al­le ab­wei­sen.«

»Ja. Einen müs­sen Sie neh­men.«

 

Stumm ließ Ca­rol die Un­ter­su­chung über sich er­ge­hen, wi­der­stands­los, er­füllt von va­gem Be­dau­ern und schwa­chem Groll.

Ca­rol Her­rick hat­te nie ernst­haft über die­ses große Pro­blem der Mensch­heit nach­ge­dacht. Vor drei Jah­ren, an ih­rem neun­zehn­ten Ge­burts­tag, war sie in die Stadt zur Re­gis­trie­rungs­stel­le ge­gan­gen, weil das Ge­setz es ver­lang­te. Sie hat­te ih­ren Na­men ge­nannt, die Ärz­te hat­ten sie un­ter­sucht, und ei­ni­ge Wo­chen dar­auf war ein Kärt­chen ge­kom­men, daß sie taug­lich war, daß ihr Na­me auf der Lis­te im großen Kom­pu­ter stand und daß sie an der Men­schen-Lot­te­rie teil­neh­men wür­de bis zum Al­ter von vier­zig Jah­ren.

Auf ei­nem Zet­tel hat­te sie sich aus­ge­rech­net, daß sie erst im Jahr 2034 vier­zig Jah­re alt wä­re. Das schi­en ihr in so fer­ner Zu­kunft zu lie­gen, daß sie sich die Jah­re da­zwi­schen kaum vor­stel­len konn­te. Da al­so ihr Ver­stand we­der mit dem Lot­te­rie-Ge­dan­ken, noch mit dem In­ter­vall von zwan­zig Jah­ren fer­tig wer­den konn­te, ver­gaß sie ein­fach die gan­ze An­ge­le­gen­heit. Daß ih­re Num­mer an der Lot­te­rie teil­nahm, das wuß­te sie. Nun gut, was liegt schon dar­an?

Der blaue Zet­tel im Brief­kas­ten hat­te es sie ge­lehrt.

 

6

 

Nach Fer­tig­stel­lung der Lis­te mit den hun­dert Na­men für den sieb­zehn­ten Ok­to­ber, dem Start der Ge­gen­schein, wand­te sich Prä­si­dent Mul­hol­land dem nächs­ten Punkt sei­ner Ta­ges­ord­nung zu: Fi­na­le der Lis­te des Vor­tags, wie er im »Fahr­plan« grau­sam ge­nannt wur­de.

Das Raum­schiff für den sech­zehn­ten Ok­to­ber hieß Sky­ro­ver und wür­de von Kap Ken­ne­dy star­ten. Mul­hol­land hat­te die üb­li­che Quo­te an Na­men vor­be­rei­tet; in den frü­hen Mor­gen­stun­den, wäh­rend er die Ge­gen­schein-Lis­te zu­sam­men­stell­te, wa­ren Mel­dun­gen zu den Zie­hun­gen des Vor­tags von den Orts­stel­len ein­ge­gan­gen. Mul­hol­land über­prüf­te die lan­gen gel­ben For­mu­la­re. Die Sky­ro­ver-Lis­te wür­de kei­ne Schwie­rig­kei­ten be­rei­ten, wie er sah. Er hat­te ein­und­fünf­zig brauch­ba­re Män­ner, zwei­und­fünf­zig brauch­ba­re Frau­en.

Er strich die über­zäh­li­gen drei Na­men, trug sie in das da­für vor­ge­se­he­ne For­mu­lar ein und übergab die­ses Miß Thor­ne. Im Lau­fe des Ta­ges wür­den ir­gend­wo in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten drei Men­schen er­fah­ren, daß sie ei­ne Gna­den­frist hat­ten: statt am sech­zehn­ten Ok­to­ber zu star­ten, wür­de man sie für den sieb­zehn­ten vor­mer­ken. Wa­ren auf der Ge­gen­schein-Lis­te kei­ne Lücken aus­zu­fül­len, wür­den sie auf al­le Fäl­le am acht­zehn­ten Ok­to­ber ab­rei­sen müs­sen.

Sei­ne Auf­ga­be, über­leg­te Mul­hol­land, glich ei­nem Mo­sa­ik­spiel: nur daß er Men­schen da­zu ver­wen­de­te, hun­dert auf ein­mal auf­schüt­te­te, je­ne ent­fern­te, die un­eben wa­ren, oder zer­bro­chen, oder die für das Mus­ter nicht ge­eig­net wa­ren, und den Rest zu­sam­men­füg­te. An je­dem Tag muß­te ein neu­es Bild ge­legt wer­den. Manch­mal wa­ren zu­viel Stücke da, die er dann für einen an­de­ren Tag auf­hob. Er stell­te die Sky­ro­ver-Lis­te end­gül­tig fer­tig und schick­te sie per Rohr­post zu Bre­voort, zwan­zig Stock tiefer. Bre­voort wür­de mit Kap Ken­ne­dy te­le­fo­nie­ren, den Ab­schluß der Lis­te münd­lich be­kannt­ge­ben, und die­se gleich­zei­tig per Bild­funk nach Flo­ri­da ab­sen­den. Da­mit war Mul­hol­lands Ta­ges­pro­gramm er­füllt. Es war vier­zehn Uhr. In die­sem Au­gen­blick star­te­te die En­ter­pri­se Three von der Ban­gor-Ram­pe mit hun­dert Ko­lo­nis­ten an Bord, Leu­ten, die vor ei­ner Wo­che er­faßt wor­den wa­ren.

Das ging un­un­ter­bro­chen, Tag und Nacht: Men­schen wur­den re­gis­triert, Men­schen wur­den ge­zo­gen, Men­schen mel­de­ten sich, Raum­schif­fe ver­lie­ßen die Er­de. Fünf pro Tag al­lein von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, sech­zig ins­ge­samt, al­so vier­hun­dertzwan­zig Schif­fe pro Wo­che. Und so un­er­meß­lich war das Weltall, daß es un­zäh­li­ge Jahr­hun­der­te dau­ern wür­de, bis der letz­te be­wohn­ba­re Pla­net von Erd­men­schen be­völ­kert war.

Vier­zehn Uhr. Wie­der­um ein Ar­beits­tag zu En­de. Mul­hol­land brach­te sei­nen Schreib­tisch in Ord­nung, ver­ab­schie­de­te sich – die meis­ten An­ge­stell­ten ar­bei­te­ten zwei Stun­den län­ger – und ver­ließ das Bü­ro. Drau­ßen, im fri­schen Ok­to­ber­wind, ver­such­te er, des Ta­ges Mü­hen ab­zu­wer­fen wie ei­ne Ot­ter, die an Land kommt und sich tro­cken­schüt­telt. War es ein­mal vier­zehn Uhr, hör­te er auf, Prä­si­dent Mul­hol­land zu sein, wur­de er zum ein­fa­chen Da­ve Mul­hol­land von Whi­te Plains, ei­nem klei­nen, be­leib­ten, rot­haa­ri­gen Mann von drei­und­vier­zig Jah­ren. Vor zwölf Jah­ren hat­te er sei­nen Pos­ten als Hilfspro­fes­sor für Staats­wis­sen­schaf­ten an der C.C.N.Y. auf­ge­ge­ben, um für die Par­tei der Li­be­ra­len zu ar­bei­ten. Als Be­loh­nung für treue Diens­te war er dann be­rech­tigt wor­den, täg­lich hun­dert Leu­te zu ver­dam­men, so­lan­ge sei­ne Par­tei an der Macht blieb.

 

Am nächs­ten Mor­gen um neun Uhr war Mul­hol­land wie­der in sei­nem Bü­ro. Das An­for­de­rungs-For­mu­lar war­te­te auf ihn, wie im­mer: fünf­zig Paa­re wur­den für das Raum­schiff Aaron Burr be­nö­tigt, das Kap Ken­ne­dy am acht­zehn­ten Ok­to­ber ver­ließ. Wie üb­lich er­teil­te er sei­ne An­ord­nun­gen für die Aus­wahl von ein­hun­dert­und­zehn Na­men für die Aaron Burr.

Zwei Stun­den spä­ter ka­men die ers­ten Ant­wor­ten be­tref­fend Ge­gen­schein-Rei­sen­de von den Orts­stel­len her­ein. Mul­hol­land leg­te je­de Aus­kunft in den »Evi­denz-Korb« und schal­te­te sie bis auf wei­te­res aus sei­nem Ge­dächt­nis. Die Sky­ro­ver hat­te er be­reits ver­ges­sen: nun, da die Lis­te kom­plett war, ver­schwand er hin­ter ei­nem Schlei­er zu all den vie­len an­de­ren ver­ges­se­nen Raum­schif­fen, für de­ren Pas­sa­gie­re Mul­hol­land ver­ant­wort­lich zeich­ne­te.

Nach dem Lunch, das ihm an Ar­beits­ta­gen nie recht mun­de­te, wid­me­te er sei­ne Auf­merk­sam­keit der Ge­gen­schein. Ei­ne Spal­te war be­reits aus­ge­füllt: mit Noo­nan, dem Frei­wil­li­gen von der Bal­ti­mo­re-Stel­le Nr. 212. Mul­hol­land be­nö­tig­te al­so noch neun­und­vier­zig Män­ner und fünf­zig Frau­en.

Die meis­ten Be­rich­te von der Ost­küs­te und aus dem Mit­tel­wes­ten wa­ren schon an­ge­langt. Der Wes­ten brauch­te na­tür­lich län­ger. In den meis­ten Fäl­len wür­de die Post erst jetzt aus­ge­lie­fert wer­den, drau­ßen an der Küs­te. Aber es wa­ren ge­nug an­de­re Be­rich­te da. Mul­hol­land be­gann al­so, die­se zu sor­tie­ren, mit der Lis­te ab­zu­stim­men.

Co­lum­bus, Ohio, Nr. 156: Wir ha­ben den Re­gis­trier­ten Mi­cha­el Dawes un­ter­sucht und ihn für ak­zep­ta­bel be­fun­den …

New York, Nr. 11: Wir ha­ben die Re­gis­trier­te Cher­ry Tho­mas un­ter­sucht und sie für ak­zep­ta­bel be­fun­den …

Phil­adel­phia, Nr. 72: Wir ha­ben den Re­gis­trier­ten La­wrence T. Fow­ler un­ter­sucht und ihn für ak­zep­ta­bel be­fun­den …

Und, un­ter den rest­li­chen, ein ro­tes For­mu­lar, ei­ne Ab­wei­sung:

 

At­lan­ta Nr. 243: Wir ha­ben die Re­gis­trier­te Lou­et­ta John­son un­ter­sucht und sie für un­ge­eig­net be­fun­den, aus um­ste­hend de­tail­lier­ten Grün­den …

Mul­hol­land dreh­te das Blatt um und las: Bei der Un­ter­su­chung hat­te man fest­ge­stellt, daß Lou­et­ta John­son in der zwölf­ten Wo­che schwan­ger war. Miß John­son hat­te das nicht ge­wußt und da­her die zu­stän­di­ge Stel­le auch nicht in­for­mie­ren kön­nen. Mul­hol­land lä­chel­te schwach. Ein Fehl­tritt hat­te Lou­et­ta John­son vor ei­ner Aus­wan­de­rung be­wahrt. Wel­che Fol­gen das für sie hier auf Er­den ha­ben wür­de, war ei­ne an­de­re Fra­ge.

Er leg­te das Blatt bei­sei­te und strich ih­ren Na­men von der Lis­te. In der dar­auf­fol­gen­den Stun­de ver­lor er wei­te­re zwei: Zweig­stel­le Nr. 93, Troy, New York, mel­de­te, daß El­gin Mac­Na­ma­ra ge­nau am Tag sei­ner Zie­hung ei­nem ver­häng­nis­vol­len Un­fall zum Op­fer ge­fal­len war; Zweig­stel­le Nr. 114, Eli­z­abethtown, Ken­tucky, be­rich­te­te dem Prä­si­den­ten mit Be­dau­ern, daß der Re­gis­trier­te Tho­mas Buck­ley ver­haf­tet wor­den war un­ter dem drin­gen­den Ver­dacht, sei­ne Frau und einen Mann er­schos­sen zu ha­ben. Als Ko­lo­nist käme er da­her nicht in Fra­ge.

Trotz die­ser ge­ring­fü­gi­gen Ein­bu­ßen füll­te sich die Lis­te all­mäh­lich. Um drei­zehn Uhr zwan­zig wies Mul­hol­lands Bo­gen für das Raum­schiff Ge­gen­schein drei­und­vier­zig Män­ner und neun­und­drei­ßig Frau­en auf. Fünf der ur­sprüng­li­chen ein­hun­dert­und­zehn wa­ren un­taug­lich, von drei­und­zwan­zig fehl­ten noch die Be­rich­te. Bald da­nach ant­wor­te­te der Fer­ne Wes­ten: San Fran­zis­ko, Nr. 326: Wir ha­ben die Re­gis­trier­te Ca­rol Her­rick un­ter­sucht und sie für ak­zep­ta­bel be­fun­den. .

Los An­ge­les, Nr. 406: Wir ha­ben den Re­gis­trier­ten Phi­lip Haas un­ter­sucht und ihn für ak­zep­ta­bel be­fun­den …

Ein ro­tes Blatt von Se­att­le, Nr. 360: Die Re­gis­trier­te Ethel Pi­nes er­klär­te sich für un­taug­lich aus Ge­sund­heits­grün­den; die Re­gis­trier­te Pi­nes hat Krebs.

Mul­hol­land ent­fern­te den Na­men Ethel Pi­nes von der Lis­te.

Um drei­zehn Uhr vier­zig nä­her­te er sich dem Ab­schluß. Ei­ne ra­sche Bi­lanz er­gab achtund­vier­zig Män­ner, sechs­und­vier­zig Frau­en. Zehn der ur­sprüng­li­chen ein­hun­dert­und­zehn wa­ren durch­ge­stri­chen, un­taug­lich. Ein Frei­wil­li­ger. Sie­ben Be­rich­te wa­ren noch aus­stän­dig.

Zehn Mi­nu­ten spä­ter wa­ren auch die­se da: Fünf ak­zep­ta­bel, zwei ab­ge­wie­sen. Mul­hol­land zog einen Strich un­ter der Ko­lon­ne männ­li­cher Na­men und ad­dier­te: Fünf­zig, an der Spit­ze Cy­ril Noo­nan, Frei­wil­li­ger. Fehl­te ihm al­so nur ei­ne Frau.

Er griff nach dem Re­ser­ve-Korb und nahm die drei Kar­ten her­aus, die ihm vom Sky­ro­ver-Quan­tum über­geblie­ben wa­ren. Ein Mann, zwei Frau­en. Mul­hol­land leg­te die Kar­te des Man­nes zu­rück und warf die bei­den an­de­ren in die Luft. Ei­ne lan­de­te mit der be­schrie­be­nen Sei­te nach oben; er nahm sie, die Kar­te von Ma­r­ya Bran­nick.

Die kom­plet­tier­te Ge­gen­schein-Lis­te be­hut­sam weg­le­gend, nahm Mul­hol­land die mor­gi­ge Aaron Burr-Lis­te aus dem Fach und ver­merk­te die Na­men Ir­win Hal­sey und Ma­ri­beth Jan­sen in der ers­ten Spal­te der bei­den Ko­lon­nen.

Er klin­gel­te nach Miß Thor­ne.

»Jes­sie, ich ha­be die drei Über­zäh­li­gen der Sky­ro­ver-Lis­te ver­wen­det. Bran­nick geht mit der Ge­gen­schein, Hal­sey und Jan­sen ste­hen auf der Aaron Burr-Lis­te.«

Miß Thor­ne nick­te eif­rig. »Ich wer­de ver­an­las­sen, daß die ent­spre­chen­den In­for­ma­tio­nen an die Orts­stel­len ge­hen. Sonst noch et­was, Mr. Mul­hol­land?«

»Glau­be nicht. Ist al­les in Ord­nung.« Sie schenk­te ihm ein sü­ßes Lä­cheln und eil­te zu­rück in ihr Zim­mer ne­ben­an. Seuf­zend schau­te Mul­hol­land nach der Zeit. Es war drei­zehn Uhr achtund­fünf­zig. Er­staun­lich, wie prä­zi­se der Lot­te­rie-Me­cha­nis­mus ar­bei­tet, dach­te er. Die Lis­te füllt sich ganz au­to­ma­tisch.

Und es war Au­to­ma­ten-Ar­beit ge­we­sen, denn er tat nichts, was nicht auch ein Ro­bo­ter er­le­di­gen hät­te kön­nen. Er über­leg­te, wie wohl ein Film von ihm aus­se­hen wür­de, an ei­nem ty­pi­schen Ar­beits­tag ge­dreht und mit er­höh­ter Ge­schwin­dig­keit ab­ge­spult. Lä­cher­li­cher noch als die al­ten Schnell­ka­me­ra-Fil­me, zwei­fel­los. Wie ein al­ber­ner, di­cker, klei­ner Bü­ro­krat wür­de er auf der Lein­wand er­schei­nen, ge­schäf­tig Lis­ten in Fä­cher schie­bend, Lis­ten aus Fä­chern zie­hend, Na­men ein­tra­gend, wich­tig­tue­risch nach sei­ner Se­kre­tä­rin klin­gelnd …

Für­wahr, ein nicht sehr schmei­chel­haf­ter An­blick. Mul­hol­land ver­such­te, das Bild aus­zu­lö­schen, aber es woll­te und woll­te nicht aus sei­nen Ge­dan­ken ver­schwin­den. Gott sei Dank, daß der Tag bald um war, dach­te er.

Er ging die fer­tig­ge­stell­te Ge­gen­schein-Lis­te noch ein­mal durch. Schi­en ganz in Ord­nung zu sein: Hun­dert Na­men, fünf­zig in je­der Ko­lon­ne, je­der in der rich­ti­gen Spal­te. Zu­nächst über­flog er die Ko­lon­ne männ­li­cher Na­men: Noo­nan, Cy­ril; Dawes, Mi­cha­el; Fow­ler, La­wrence; Matt­hews, Da­vid. Bis hin­un­ter zu No­lan, Sid­ney; San­der­son, Ed­ward.

Und dann die Ko­lon­ne weib­li­cher Na­men. Tho­mas, Cherry; Mar­ti­no, Loui­se; Gold­stein, Er­na. Bis hin­un­ter zum letz­ten Na­men, bei dem die Tin­te noch nicht tro­cken war: Bran­nick, Ma­r­ya.

Mul­hol­land nick­te. Fünf­zig hier, fünf­zig dort. Die Lis­te war okay. Er krit­zel­te sei­ne Un­ter­schrift an der rich­ti­gen Stel­le. Wie­der­um ein Tag, wie­der ein Raum­schiff be­mannt, dach­te er. Wie­der ei­ne Last mehr auf sei­nem Ge­wis­sen.

Die vie­len Na­men ver­schwam­men; er schloß sei­ne mü­den Au­gen. Das war ein Feh­ler ge­we­sen. Denn nun schal­te­te sich sei­ne Vor­stel­lungs­kraft ein, ver­wan­del­te Na­men in Men­schen; Ge­sich­ter schweb­ten an­schul­di­gend im Raum. Ed­ward San­der­son, dach­te er – und sah vor sich, rein der Ein­bil­dung ent­sprun­gen, einen klei­nen, schlan­ken, schmal­schult­ri­gen Mann mit brau­nem Haar. Er­na Gold­stein – das könn­te ein dun­kel­haa­ri­ges Mäd­chen mit großen Au­gen sein, der das Dra­ma­ti­sche lag und die hoff­te, ir­gend­wann ein­mal selbst ein Schau­spiel zu schrei­ben. Sid­ney No­lan …

Mul­hol­land schüt­tel­te den Kopf, um sie los­zu­wer­den. Den gan­zen Tag über hat­te er es ab­wen­den kön­nen, daß die­se Na­men zu Fleisch und Blut wur­den. So­lan­ge er sie nur als Na­men sah, als an­ein­an­der­ge­reih­te Sil­ben, war al­les gut. Be­gan­nen sie je­doch, mensch­li­che Zü­ge an­zu­neh­men, brach er un­ter dem An­blick zu­sam­men.

Has­tig preß­te er den Dau­men auf die licht­emp­find­li­che Stel­le, roll­te das Blatt ein, steck­te es in ei­ne klei­ne Hül­se und schick­te es per Rohr­post hin­un­ter zum war­ten­den Bre­voort. Das Raum­schiff Ge­gen­schein hat­te sei­ne La­dung. Aus­ge­nom­men wa­ren nur mehr Un­fäl­le und even­tu­el­le Selbst­mor­de in der Zeit bis zum sieb­zehn­ten des Mo­nats.

Es war vier­zehn Uhr, der Tag zu En­de. Mul­hol­land er­hob sich, schweiß­ge­ba­det, mit schmer­zen­den Au­gen, be­täub­tem Sinn. Er konn­te nach Hau­se ge­hen.

Ihr wer­det we­nigs­tens nur ein­mal ge­zo­gen, dach­te er. Ich muß das hier je­den Tag mit­ma­chen.

 

7

 

Die Ram­pe in Ban­gor, im nörd­li­chen Mai­ne, von der wö­chent­lich drei Ko­lo­nis­ten-Raum­schif­fe ab­gin­gen, um­faß­te ei­ne Flä­che von et­wa vier­zig Qua­drat­ki­lo­me­tern. Wo einst dich­ter Wald stand, reck­ten sich kei­ne er­ha­be­nen Tan­nen mehr em­por. Das Ge­biet war ge­ro­det, ge­eb­net und ein­ge­zäunt wor­den. In Ab­stän­den von drei­hun­dert Me­tern hin­gen Warn­schil­der: UN­BE­FUG­TEN IST DER ZU­TRITT VER­BO­TEN. Das Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ro. Drin­nen be­fan­den sich er­staun­lich we­nig Ge­bäu­de. Da die Ram­pe nur für Re­gie­rungs­zwe­cke vor­ge­se­hen war und nicht für kom­mer­zi­el­le, war kei­ne Ver­an­las­sung vor­han­den für das sonst üb­li­che Auf­ge­bot an Pas­sa­gier­ge­bäu­den, War­teräu­men und sons­ti­gem Kom­fort, wie es in Hül­le und Fül­le auf je­dem kom­mer­zi­el­len Raum­ha­fen an­zu­tref­fen war. Hier in Ban­gor gab es nur ei­ne mä­ßig kom­for­ta­ble Ka­ser­ne für das stän­di­ge Per­so­nal, ei­ne Un­ter­kunft für Durch­rei­sen­de, ei­ni­ge Ver­gnü­gungs­stät­ten für das Per­so­nal und ein klei­nes Ver­wal­tungs­ge­bäu­de. All das dräng­te sich im Zen­trum der ge­ro­de­ten Flä­che zu ei­ner kom­pak­ten Grup­pe zu­sam­men. Von dort, in drei Rich­tun­gen aus­schwin­gend, er­streck­ten sich die Start- und Lan­de­plät­ze, weit von­ein­an­der ent­fernt.

Am Mor­gen des sieb­zehn­ten Ok­to­ber 2116 wa­ren zwei der drei Ab­schuß­ram­pen be­legt. Auf Feld eins stand die An­drew John­son fei­er­lich al­lein da, um­ge­ben von ei­ner Mei­le brau­ner, ver­brann­ter Er­de: ei­ne rie­si­ge stahl­blaue Na­del, auf­recht em­por­ra­gend auf ih­ren Stand­säu­len und ein­zieh­ba­ren at­mo­sphä­ri­schen Steu­er­flos­sen. Der Start der An­drew John­son war für den zwan­zigs­ten des Mo­nats ge­plant; mor­gen wür­de tech­nisch ge­schul­tes Per­so­nal aus­schwär­men, um auf Feld eins mit dem drei­tä­gi­gen Count­down zu be­gin­nen, das je­den Start ei­nes Raum­schif­fes ein­lei­te­te.

Ge­gen­wär­tig lie­fen die letz­ten Über­prü­fun­gen der Ge­gen­schein auf Hoch­tou­ren. Das Schiff stand in der Mit­te von Feld drei, schlank und ker­zen­ge­ra­de, gol­den glit­zernd in der Mor­gen­son­ne. Der Start der Ge­gen­schein war für sech­zehn Uhr an­ge­setzt. In die­ser letz­ten Pha­se vor dem Ab­schuß krab­bel­ten die Tech­ni­ker wie em­si­ge Amei­sen durch das Raum­schiff; ver­ge­wis­ser­ten sich, daß al­les in bes­ter Ord­nung war. Nur ein­mal, vor zwölf Jah­ren, war ein schwe­rer Un­fall pas­siert, aber man hoff­te, es wür­de nie wie­der einen sol­chen ge­ben.

Feld zwei blieb leer. Ein zu­rück­keh­ren­des Raum­schiff, die Wan­de­rer, war am spä­ten Abend fäl­lig, und Feld zwei wur­de da­für be­reit­ge­hal­ten. Ei­ne klei­ne Ser­vice-Mann­schaft ver­sah ih­ren Dienst im Kon­troll­kom­plex auf Feld zwei, wo sie das Steue­rungs­sys­tem letz­ten Kon­trol­len un­ter­zo­gen, das dann das Raum­schiff ge­gen Abend in sei­ne Lan­de­bahn brin­gen wür­de.

Um neun Uhr fünf­und­vier­zig war Mi­cha­el Dawes nach ei­nem Flug von New York in Ban­gor an­ge­kom­men. Aus dem Fens­ter ei­nes klei­nen, ihm zu­ge­wie­se­nen Zim­mers im ers­ten Stock­werk späh­te er hin­aus, vor­bei an dem plum­pen Ge­bäu­de aus gel­ben Zie­gel­stei­nen, in wel­chem das stän­di­ge Per­so­nal un­ter­ge­bracht war, hin­über zur blau an­ge­stri­che­nen An­drew John­son im Wes­ten, und dann, in öst­li­cher Rich­tung, zur nä­her­ge­le­ge­nen Ge­gen­schein.

»Mit wel­chem wer­de ich flie­gen?« frag­te er.

»Mit dem gol­de­nen«, ant­wor­te­te der An­ge­stell­te des Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ros, der ihn auf sein Zim­mer ge­führt hat­te. »Es steht dort drü­ben, auf Feld drei.«

Dawes nick­te. »Ja, ich se­he es.«

»Sie ha­ben jetzt un­ge­fähr ei­ne Stun­de Zeit, wäh­rend der Sie sich hier aus­ru­hen und ent­span­nen kön­nen. Um elf Uhr wer­den Sie ein­lei­ten­de In­for­ma­tio­nen er­hal­ten, und zwar un­ten, in der Ge­mein­schafts­hal­le. Das ist, wenn Sie aus dem Fahr­stuhl stei­gen, lin­ker Hand. Sie kön­nen den Weg nicht ver­feh­len. Der Vor­trag dau­ert et­wa ei­ne Stun­de. An­schlie­ßend wird man den Lunch ser­vie­ren.«

»Ich wer­de si­cher nicht sehr hung­rig sein«, mein­te Dawes.

Der Mann lä­chel­te. »Die meis­ten ha­ben kei­nen Ap­pe­tit. Aber das Es­sen ist im­mer sehr gut.«

Um elf Uhr ging Dawes den fla­ckern­den Ne­on-Weg­wei­sern nach bis zum Fahr­stuhl und von dort zu Zim­mer 101. 101 war ein rie­si­ges Au­di­to­ri­um; ei­ni­ge Män­ner in blau-gel­ben Uni­for­men tum­mel­ten sich auf ei­ner Estra­de, ein Mi­kro­phon auf­stel­lend, wäh­rend blei­che Men­schen mit an­ge­spann­ten Ge­sich­tern her­ein­ka­men und ih­re Plät­ze so wähl­ten, daß sie mög­lichst weit weg von den an­dern sa­ßen.

Dawes schlüpf­te in ei­ne lee­re Rei­he, ziem­lich weit hin­ten, und schau­te sich sei­ne Lei­dens­ge­nos­sen zum ers­ten­mal an. Hun­dert Men­schen hat­ten sich dünn über einen Raum ver­streut, der das Zehn­fa­che ih­rer An­zahl faß­te. Ein iro­ni­sches Lä­cheln um­spiel­te sei­ne Mund­win­kel, als er fest­stell­te, daß es je­dem ein­zel­nen ge­lun­gen war, sich auf ein klei­nes Ei­land zu flüch­ten, fünf oder sechs lee­re Stüh­le zwi­schen sich und den nächs­ten Nach­barn zu brin­gen; an­schei­nend be­sorgt, in die­sen letz­ten Stun­den nur ja in kei­ne Pri­vat­sphä­re ein­zu­grei­fen.

Es schie­nen ganz nor­ma­le Leu­te zu sein. Dawes be­merk­te, daß die meis­ten En­de der Zwan­zig oder An­fang der Drei­ßig, und ei­ni­ge we­ni­ge noch äl­ter wa­ren. Er über­leg­te, ob die Ko­lo­nis­ten ein­fach aufs Ge­ra­te­wohl zu­sam­men­ge­wür­felt wur­den, oder ob man bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad einen ex­ter­nen Ein­fluß aus­üb­te. Es wä­re doch durch­aus mög­lich, daß der Kom­pu­ter fünf­zig zwan­zig­jäh­ri­ge Män­ner und fünf­zig vier­zig­jäh­ri­ge Frau­en wähl­te. Ei­ne sol­che Grup­pe wür­de wohl kaum hin­aus­ge­schickt wer­den.

Hin­ter ihm wur­den die Saal­tü­ren ge­schlos­sen. Ein Of­fi­zier mit ei­ner statt­li­chen An­zahl von Bän­dern und Ab­zei­chen auf sei­ner Uni­form schritt hin­auf aufs Po­di­um, blick­te stirn­run­zelnd auf das Mi­kro­phon, stell­te es ei­ni­ge Mil­li­me­ter hö­her und sag­te: »Will­kom­men in Ban­gor. Ich bin Com­man­der Les­wick und ver­ant­wort­lich für Ihr Wohl­be­fin­den bis zum Start um sech­zehn Uhr. Ich weiß, daß die ver­gan­ge­ne Wo­che kri­tisch für Sie war, viel­leicht so­gar tra­gisch für ei­ni­ge. Ich be­ab­sich­ti­ge nicht, je­ne Phra­sen und Slo­gans zu wie­der­ho­len, die Sie in den letz­ten Ta­gen zur Ge­nü­ge ge­hört ha­ben.

Sie sind aus­er­wählt wor­den; Sie wer­den die Er­de ver­las­sen und nie wie­der zu­rück­keh­ren. Ich spre­che des­halb so of­fen und hart, weil es jetzt zu spät ist für Il­lu­sio­nen und Selbst­täu­schung und Trost. Sie sind er­faßt wor­den, um ei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren, die für die Mensch­heit von größ­ter Wich­tig­keit ist. Ich will nicht heu­cheln und sa­gen, daß Sie es leicht ha­ben wer­den; ganz im Ge­gen­teil. Sie wer­den dem un­ge­heu­ren Pro­blem ge­gen­über­ge­stellt, auf ei­ner frem­den Welt, Bil­lio­nen Mei­len von hier ent­fernt, ei­ne Ko­lo­nie grün­den zu müs­sen. Ich weiß, jetzt füh­len Sie sich ängst­lich und ein­sam und nie­der­ge­schla­gen. Aber ver­ges­sen Sie ei­nes nicht: Je­der von Ih­nen ist ein Er­den­mensch. Sie sind ein Ver­tre­ter der höchs­ten be­kann­ten Le­bens­form. Sie ha­ben einen Ruf, dem Sie ge­recht wer­den müs­sen, dort drau­ßen. Und Sie wer­den ei­ne Welt auf­bau­en. Für zu­künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen die­ser Welt wer­den Sie die Ge­or­ge Wa­shing­tons und Tho­mas Jef­fer­sons und John Han­cocks sein.

Ihr Pla­net ist der neun­te von sech­zehn Pla­ne­ten, die sich um den Stern We­ga dre­hen. Die We­ga ist ei­ner der hells­ten Ster­ne des Weltalls und auch ei­ner der nächs­ten zur Er­de – drei­und­zwan­zig Licht­jah­re von hier ent­fernt. In ge­wis­ser Hin­sicht kön­nen Sie sich glück­lich schät­zen: im We­ga-Sys­tem gibt es zwei be­wohn­ba­re Pla­ne­ten. Ih­re Welt und der ach­te Pla­net, der noch nicht be­völ­kert ist. Das heißt, Sie wer­den im Lau­fe der Zeit einen Pla­ne­ten-Nach­barn ha­ben. Die meis­ten an­de­ren Ko­lo­ni­en le­ben auf der ein­zi­gen be­wohn­ba­ren Welt ih­res Sys­tems. Üb­ri­gens, Ihr Pla­net heißt Osi­ris, der ägyp­ti­schen My­tho­lo­gie ent­nom­men, aber Sie kön­nen ihn auch an­ders be­nen­nen, wenn Sie ein­mal dort sind.

 

Die Rei­se wird et­wa vier Wo­chen dau­ern. Das wird Ih­nen ge­nü­gend Zeit ge­ben, ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen. Cap­tain McKen­zie und sei­ne Mann­schaft ha­ben ei­ni­ge Dut­zend er­folg­rei­cher In­ter­stel­lar-Flü­ge hin­ter sich, und ich kann Ih­nen ver­si­chern, daß Sie sich in bes­ten Hän­den be­fin­den wer­den.

Ihr Raum­schiff heißt Ge­gen­schein, wie Sie wis­sen. Die Na­men un­se­rer Raum­schif­fe ent­neh­men wir drei Quel­len: Astro­no­mi­schen Be­grif­fen, his­to­ri­schen Ge­stal­ten und tra­di­tio­nel­len Schiffs­na­men.

Ge­gen­schein ist ein astro­no­mi­scher Be­griff und be­zieht sich auf das mat­te Leuch­ten, das ent­lang der Ek­lip­tik zu be­ob­ach­ten ist, und zwar dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt zur Son­ne. Es ist dies das Son­nen­licht, re­flek­tiert von ei­ner im­men­sen Wol­ke ge­ball­ter Me­teo­re.

Ich glau­be, das wä­ren die wich­tigs­ten Punk­te ge­we­sen, die Sie für den An­fang wis­sen müs­sen. Wir wer­den uns jetzt zum Spei­se­saal be­ge­ben, wo Sie die letz­te Mahl­zeit auf dem Pla­ne­ten Er­de ein­neh­men wer­den, und gleich­zei­tig die ers­te mit­ein­an­der. Ich hof­fe, es wird Ih­nen mun­den, denn es ist ja ein be­son­de­res Mahl.

Ehe wir ge­hen, wer­de ich Sie noch auf­ru­fen. Wenn Sie Ih­ren Na­men hö­ren, ste­hen Sie bit­te auf und dre­hen Sie sich ein­mal gan­ze drei­hun­dert­sech­zig Grad, da­mit je­der Sie gut se­hen kann. Das ist näm­lich ei­ne güns­ti­ge Ge­le­gen­heit, ein­an­der ein we­nig ken­nen­zu­ler­nen.«

Er nahm die Lis­te zur Hand. »Cy­ril Noo­nan.«

Ein großer, mäch­tig aus­se­hen­der Mann in ei­ner vor­de­ren Rei­he er­hob sich und sag­te mit dröh­nen­der Stim­me, die über­all im Au­di­to­ri­um zu hö­ren war: »Ich nen­ne mich Ky Noo­nan.«

Com­man­der Les­wick lä­chel­te. »Ky Noo­nan, al­so. Üb­ri­gens, Ky Noo­nan ist ein Frei­wil­li­ger.«

Noo­nan setz­te sich. Com­man­der Les­wick fuhr fort: »Mi­cha­el Dawes.«

Dawes stand auf, er­rö­te­te ganz grund­los und ließ sich ver­le­gen be­gut­ach­ten. Da er sich hin­ten be­fand, brauch­te er kei­ne Dre­hung aus­zu­füh­ren. Neun­und­neun­zig Köp­fe fuh­ren her­um, um ihn an­zu­schau­en, und dann saß er wie­der.

»La­wrence Fow­ler.«

Ein klot­zi­ger Mann in der Mit­te des Saa­l­es sprang auf die Bei­ne, dreh­te sich, lä­chel­te ner­vös. Les­wick rief den nächs­ten auf und den nächs­ten, bis al­le fünf­zig Män­ner durch wa­ren.

Dann las er die Frau­en vor. Dawes be­ob­ach­te­te auf­merk­sam. Die meis­ten wa­ren acht bis zehn Jah­re äl­ter als er, wie er sah. Aber da war ein Mäd­chen, na­mens Her­rick, das ihn in­ter­es­sier­te. Sie war jung und schau­te at­trak­tiv aus. Ca­rol Her­rick, dach­te er, und über­leg­te, wie sie wohl sein moch­te.

 

8

 

Wahr­schein­lich war das Es­sen aus­ge­zeich­net, aber Dawes be­merk­te es nicht. Er aß gleich­gül­tig, sto­cher­te her­um und konn­te sich gar nicht er­freu­en am zar­ten Trut­hahn und des­sen Gar­nie­rung. Wie­wohl er die an­fäng­li­che Bit­ter­keit über­wun­den hat­te, war doch ei­ne ner­vö­se Span­nung zu­rück­ge­blie­ben. Er hat­te kei­nen Ap­pe­tit. Das war ei­ne Be­gleiter­schei­nung, die bei den meis­ten auf­trat.

Sie wa­ren auf zehn Ti­sche auf­ge­teilt wor­den. Dawes ent­deck­te be­stürzt, daß er sich auf kei­nen ein­zi­gen Na­men sei­ner neun Tisch­ge­nos­sen be­sin­nen konn­te. Aber sei­ner Ver­le­gen­heit wur­de bald ab­ge­hol­fen. Ein Mann mit be­gin­nen­der Glat­ze und run­dem Ge­sicht zu sei­ner Lin­ken sag­te: »Ich muß ge­ste­hen, zu vie­le Na­men be­hielt ich nicht, nach die­ser Mas­sen­vor­stel­lung. Viel­leicht soll­ten wir ein­an­der noch ein­mal be­kannt ma­chen. Ich bin Ed San­der­son aus Mil­wau­kee, ehe­mals Rech­nungs­füh­rer.«

Es ging um den Tisch. »Ma­ry El­li­ot, St. Louis«, mel­de­te sich ei­ne plum­pe Frau mit grau­durch­zo­ge­nem Haar. »Ich war Haus­frau, be­vor mei­ne Num­mer kam.«

»Phil Haas, aus Los An­ge­les«, sag­te ein schmal­ge­sich­ti­ger Mann En­de der Drei­ßig. »Ich war Rechts­an­walt.«

»Loui­se Mar­ti­no, Broo­klyn«, stam­mel­te ein dun­kel­haa­ri­ges, et­wa fünf­und­zwan­zig- oder sechs­und­zwan­zig­jäh­ri­ges Mäd­chen mit be­ben­der, hei­se­rer Stim­me. »Ich war Ver­käu­fe­rin bei Ma­cy.«

»Mi­ke Dawes, Cin­cin­na­ti, zu­letzt Me­di­zin­stu­dent.«

»Ri­na Mor­ris, aus Den­ver«, stell­te sich ei­ne gut aus­se­hen­de Rot­haa­ri­ge vor. »Ver­käu­fe­rin.«

»Ho­ward Sto­ker, Kan­sas Ci­ty«, brumm­te ein kräf­ti­ger Mann mit stop­pe­li­gem Kinn und di­cken, schmut­zi­gen Fin­gern. »Bau­ar­bei­ter.«

»Claire Lu­bet­kin, Pitts­field, Massa­chu­setts.« Das war ei­ne Blon­di­ne mit sanf­tem Ge­sichts­aus­druck und ei­nem ner­vö­sen Tick un­ter dem lin­ken Au­ge. »An­ge­stell­te in ei­nem Ra­dio- und Fern­seh­ge­schäft.«

»Sid No­lan, Tul­sa. Elek­tro­in­ge­nieur.« Er war ein schlan­ker, dun­kel­haa­ri­ger, zer­fah­re­ner Mann, der stän­dig mit dem Sil­ber­be­steck spiel­te.

»He­len Cham­bers, De­troit«, sag­te ei­ne mü­de aus­se­hen­de Frau in den Drei­ßi­gern, mit dunklen Rin­gen un­ter den Au­gen. »Haus­frau.«

Ed San­der­son ki­cher­te be­fan­gen. »Nun, jetzt ken­nen wir uns, hof­fe ich. Haus­frau­en, In­ge­nieur, Stu­dent, Rechts­an­walt …«

»Wie kommt es, daß kei­ne Rei­chen ge­zo­gen wer­den?« frag­te Ho­ward Sto­ker plötz­lich. »Sie neh­men nur Leu­te wie uns. Die Rei­chen kau­fen sich frei.«

»Das stimmt nicht«, ent­geg­ne­te Phil Haas. »Meist ist es so, daß Ge­schäfts­leu­te und In­dus­tri­el­le erst rich­tig wohl­ha­bend wer­den, wenn sie über das be­grenz­te Al­ter hin­aus sind. Aber er­in­nern Sie sich nicht, als vor ei­ni­gen Mo­na­ten je­ner Öl­ma­gnat aus Te­xas ge­zo­gen wur­de …«

»Na­tür­lich«, un­ter­brach Sid No­lan. »Dick Mor­ri­son. Und sei­nes Va­ters Mil­lio­nen konn­ten ihn nicht ret­ten.« Sto­ker mur­mel­te et­was Un­ver­ständ­li­ches und ver­stumm­te. Die Kon­ver­sa­ti­on schi­en zu er­lah­men. Dawes schau­te hin­un­ter auf sei­nen Tel­ler, auf dem das Es­sen noch im­mer zum größ­ten Teil un­an­ge­tas­tet war. Die­sen Leu­ten hat­te er nichts zu sa­gen, mit de­nen er durch die Au­to­ma­ten-Hand des Kom­pu­ters zu­sam­men­ge­bracht wor­den war. Sie wa­ren ein­fach Leu­te für ihn. Frem­de. Ei­ni­ge wa­ren fünf­zehn Jah­re äl­ter als er. Erst vor we­ni­gen Jah­ren war er dem Kna­ben­al­ter ent­wach­sen, und jetzt er­war­te­te man von ihm, als ein Gleich­ge­stell­ter, als ein Er­wach­se­ner un­ter ih­nen zu le­ben. So schnell woll­te ich nicht er­wach­sen wer­den, dach­te er. Aber jetzt bleibt mir ver­mut­lich nichts an­de­res üb­rig.

 

Der Lunch schlepp­te sich da­hin bis drei­zehn Uhr drei­ßig. Com­man­der Les­wick er­schi­en, um ei­ne Ru­he­pau­se von neun­zig Mi­nu­ten an­zu­kün­di­gen. Um fünf­zehn Uhr wür­de man mit dem Be­stei­gen des Raum­schiffs be­gin­nen, al­so ei­ne Stun­de vor dem Start.

Hin­ter­ein­an­der mar­schier­ten sie aus dem Spei­se­saal – hun­dert zu­sam­men­ge­wür­fel­te Men­schen, je­der mit sei­ner Bür­de an Furcht und Be­dau­ern und Groll. Dawes ging schwei­gend ne­ben Phil Haas ein­her, dem Rechts­an­walt aus Los An­ge­les. Bei der Tür lä­chel­te Haas und frag­te: »Lie­ßen Sie ei­ne Freun­din zu­rück, Mi­ke?«

Die­se plötz­li­che An­spra­che riß Dawes aus sei­ner Träu­me­rei. »Oh – äh – nein, ich glau­be nicht. Ich dach­te, mir ei­ne fes­te­re Bin­dung nicht leis­ten zu kön­nen. Nicht mit noch acht Se­mes­tern Me­di­zin­stu­di­um vor mir.«

»Ich kann Sie gut ver­ste­hen. Ich hei­ra­te­te wäh­rend mei­nes Se­ni­or-Jah­res am U.C.L.A. Es war ei­ne schwie­ri­ge Zeit für uns, wäh­rend ich Ju­ra stu­dier­te.«

»Sie – wa­ren ver­hei­ra­tet?«

Haas nick­te. Sie tra­ten hin­aus ins Freie. Es gab kei­nen Ra­sen, nur kah­le, brau­ne Er­de bis zur Um­zäu­nung. »Ich ha­be – hat­te zwei Kin­der«, sag­te er. »Der Jun­ge wird sie­ben, das Mäd­chen fünf Jah­re alt.«

»We­nigs­tens ist Ih­re Frau jetzt von der Lot­te­rie aus­ge­schlos­sen«, mein­te Dawes.

»Nur, wenn sie nicht wie­der hei­ra­tet. Und ich bat sie, wie­der ei­ne Ehe ein­zu­ge­hen. Sie ge­hört nicht zu den Frau­en, die oh­ne Mann das Le­ben meis­tern kön­nen.«

Haas’ kno­chi­ges Ge­sicht ver­düs­ter­te sich. »Zwei Jah­re noch, und ich wä­re in Si­cher­heit ge­we­sen. Aber, das ist eben Schick­sal. Neh­men Sie es nicht zu schwer, Mi­ke. Um fünf­zehn Uhr wer­den wir uns ja wie­der­se­hen.« Haas klopf­te Dawes freund­lich auf die Schul­ter und schlen­der­te von dan­nen.

Um fünf­zehn Uhr er­tön­te wie­der der Gong in der Hal­le. Die kla­re Stim­me des Spre­chers sag­te: »Ach­tung! Ach­tung! Wir bit­ten al­le Ko­lo­nis­ten, sich vor der Ka­ser­ne zu ver­sam­meln.« In der Hal­le traf Dawes Ma­ry El­li­ot; die äl­te­re Frau lä­chel­te ihm zu und er er­wi­der­te das Lä­cheln krampf­haft. Ver­schie­de­ne Per­so­nen, die Dawes nicht kann­te, ge­sell­ten sich beim Fahr­stuhl zu ih­nen, und ge­mein­sam fuh­ren sie hin­un­ter.

»Nun, es ist so­weit«, mein­te Ma­ry El­li­ot. »Leb­wohl, Er­de. Ich dach­te, die­se Wo­che wür­de nie en­den!«

»So er­ging es auch mir!« rief ei­ne ger­ten­schlan­ke Brü­net­te hin­ter Dawes aus. Sie moch­te um die drei­ßig Jah­re alt sein. »Aber nun ist sie doch ver­gan­gen. Al­so – ade, Er­de.«

Drei Bus­se war­te­ten vor der Ka­ser­ne. Män­ner in blau-gel­ben Uni­for­men wie­sen Ko­lo­nis­ten in den ers­ten Bus ein, bis er voll­be­setzt war und di­ri­gier­ten die nächs­ten zum zwei­ten Bus. Dawes be­stieg den drit­ten; zu der Zeit hat­te der ers­te Bus be­reits die Hälf­te des Weges über das rie­si­ge Feld zu­rück­ge­legt.

Die Uni­for­mier­ten ver­sa­hen ih­ren Dienst so ru­hig und un­per­sön­lich, daß es Dawes schon ein we­nig un­mensch­lich vor­kam. Aber, über­leg­te er dann, sie sa­hen das ja drei­mal pro Wo­che. In der gan­zen Welt wür­den jetzt Men­schen in Raum­schif­fe ver­la­den wer­den. Bei Ein­bruch der Nacht wür­den sechs­tau­send Erd­be­woh­ner auf ih­rem Weg in ei­ne un­be­kann­te Zu­kunft sein.

Von der Nä­he ge­se­hen schi­en das Raum­schiff Ge­gen­schein un­ge­heu­er­lich. Auf­recht auf sei­nen Flos­sen ste­hend, rag­te es et­wa sech­zig Me­ter vom kah­len, brau­nen Erd­reich em­por. Der Rumpf war mit ei­ner mo­le­kül­star­ken Gold­schicht or­na­ment­ar­tig über­zo­gen; je­des der Raum­schif­fe hat­te ei­ne ei­ge­ne, kenn­zeich­nen­de Far­be. Die Lu­ke be­fand sich in zwan­zig Me­ter Hö­he. Um dort­hin zu ge­lan­gen, muß­te man einen Auf­zug be­nüt­zen, der fünf Mann faß­te. Ei­ne ei­ser­ne Lei­ter stand je­nen zur Ver­fü­gung, die klet­tern woll­ten.

Dawes hat­te es nicht ei­lig. Er war­te­te ge­dul­dig, bis er an der Rei­he war. wand­te den Kopf, um einen letz­ten Blick auf die Er­de zu wer­fen.

Die Luft in die­ser ein­sa­men Ge­gend war frisch und klar, ver­mischt mit ei­nem in­ten­si­ven Ge­ruch; es duf­te­te nach fer­nen Kie­fern und Tan­nen. Die Son­ne stand tief am Ok­tober­him­mel, und ei­ne küh­le Bri­se strich vom Nor­den her­ein.

Jetzt, im Au­gen­blick des An-Bord-Ge­hens be­gann Dawes an al­le Din­ge zu den­ken, die er nie wie­der se­hen wür­de. Nie­mals mehr einen Son­nen­un­ter­gang auf der Er­de, nie wie­der den Mond voll und bleich am Him­mel, nie wie­der die ver­trau­ten Kon­stel­la­tio­nen. Nie wie­der die Pracht herbst­lich ge­färb­ter Ahorn­blät­ter, nie wie­der über ein Feld stür­men­de Fuß­ball­spie­ler, nie wie­der »hot dogs«, oder Bu­let­ten, oder Va­nil­le­eis. Das wa­ren Klei­nig­kei­ten; aber Klei­nig­kei­ten vollen­de­ten ei­ne Welt, und es war ei­ne Welt, die er für im­mer zu­rück­ließ.

»Die nächs­ten fünf«, rief der Uni­for­mier­te.

Dawes ging schlep­pen­den Schrit­tes vor und auf die me­tal­le­ne Platt­form. Mit ei­nem Äch­zen der Sei­le hob sich der Auf­zug. Jetzt, da er dem Raum­schiff na­he war, konn­te er die win­zi­gen Ma­le und Ker­ben se­hen, die von frü­he­rem Ein­satz Zeug­nis ab­leg­ten. Von ei­ni­ger Ent­fer­nung aus be­trach­tet, schau­te es fun­kel­na­gel­neu aus; von der Nä­he je­doch ganz an­ders.

Der Auf­zug hielt am Rand der Ein­stieg­lu­ke. Ar­me zo­gen sie ins In­ne­re, und hin­ter Dawes senk­te sich der Lift be­reits wie­der, um die nächs­te La­dung zu ho­len. Drin­nen war­fen schil­lern­de Lam­pen ih­re kal­ten Licht­ke­gel auf einen kreis­run­den Raum, von dem so­wohl nach oben als auch nach un­ten ei­ne spi­ral­för­mi­ge Trep­pe wei­ter­führ­te.

»Män­ner ge­hen hin­auf, Frau­en hin­un­ter«, rief ein welt­raum­ge­bräun­ter jun­ger Mann in Raum­fah­re­r­uni­form. »Män­ner in die obe­ren Ka­jü­ten, Frau­en in die un­te­ren.«

 

Dawes klet­ter­te die Trep­pe hin­auf. Er konn­te sich vor­stel­len, daß wäh­rend des Flugs Krei­sel­sta­bi­li­sa­to­ren das Raum­schiff im­mer auf­recht hiel­ten. Schwie­ri­ger zu er­fas­sen war je­doch die Art, wie die Ka­jü­ten ori­en­tiert wür­den.

Oben an­ge­langt, war­te­te ein wei­te­res Mann­schafts­mit­glied. »Der Schlaf­saal für Män­ner liegt ge­ra­de­aus«, wur­de er auf­ge­klärt.

Dawes fand sich in ei­nem Raum, der groß ge­nug für fünf­und­zwan­zig Per­so­nen war. Nichts Lu­xu­ri­öses war vor­han­den: kein Geld war aus­ge­ge­ben wor­den für di­cke Tep­pi­che, Mo­sa­ik­wän­de oder an­de­re Ver­schö­ne­run­gen, wie sie in kom­mer­zi­el­len Raum­fahr­zeu­gen üb­lich wa­ren. Die Wän­de be­stan­den aus nack­tem Me­tall, un­ge­stri­chen, un­ver­ziert.

Dawes er­kann­te Sid No­lan, den In­ge­nieur aus Tul­sa, der sich be­reits in ei­ner der An­druck­lie­gen aus­ge­streckt hat­te. Dawes nick­te grü­ßend und frag­te: »Nun, was sol­len wir jetzt ei­gent­lich tun?«

»Su­chen Sie sich nur ei­ne Lie­ge aus. Wenn al­le an Bord sind, wird man wei­ter­se­hen.«

»Stört es Sie, wenn ich die­se neh­me?« frag­te Dawes und zeig­te auf die Lie­ge ne­ben der No­lans.

»Warum soll­te es mi­di stö­ren? Ma­chen Sie es sich be­quem.«

Dawes setz­te sich nie­der. Rechts und links von der Lie­ge bau­mel­ten Si­cher­heits­gur­te, mit de­nen man sich vor dem Start fest­schnal­len muß­te.

Die Kam­mer füll­te sich rasch. Dawes ent­deck­te Ky Noo­nan, den stram­men Frei­wil­li­gen, der ein­trat, ei­ne Lie­ge wähl­te und sich so­fort mit fach­kun­di­ger Hand an­schnall­te. Ed San­der­son, der Rech­nungs­füh­rer aus Mil­wau­kee be­fand sich auf der drit­ten Lie­ge links von Dawes.

Um fünf­zehn Uhr zwan­zig war die Ka­jü­te voll­be­setzt. Ein Laut­spre­cher an der De­cke trat kra­chend in Ak­ti­on.

»Sied­ler des Pla­ne­ten Osi­ris, will­kom­men an Bord des Raum­schiffs Ge­gen­schein«, er­tön­te ei­ne tie­fe, voll­klin­gen­de Stim­me. »Hier spricht Cap­tain McKen­zie. Die kom­men­den vier Wo­chen wer­de ich Ihr Raum­schiff be­feh­li­gen. Die Ka­jü­ten, in de­nen Sie sich au­gen­blick­lich be­fin­den, wer­den Ih­re Wohn­stät­ten für die Dau­er der Rei­se sein. Aber Sie wer­den nicht so ab­ge­schlos­sen sein, wie es jetzt den An­schein hat. Im Raum­schiff gibt es noch zwei Ge­sell­schafts­räu­me, ei­ner oben und ei­ner un­ten, und ei­ne Kom­bü­se, wo Sie Ih­re Mahl­zei­ten ein­neh­men wer­den.

Das Raum­schiff Ge­gen­schein hat neun Be­sat­zungs­mit­glie­der, die Sie al­le sehr bald zu Ge­sicht be­kom­men wer­den. Ich muß aber auch dar­auf hin­wei­sen, daß die­ses hier kein Lu­xus­fahr­zeug ist. Mei­ne Be­sat­zung ist zum Groß­teil be­schäf­tigt mit dem Steu­ern des Raum­schiffs, dem Kon­trol­lie­ren des Treib­stoff­zu­flus­ses, dem War­ten des Raum­schiffs wäh­rend des Flugs. Für den or­dent­li­chen Zu­stand Ih­rer ei­ge­nen Ka­bi­nen wer­den Sie selbst ver­ant­wort­lich sein. Und je­den Tag wer­den zehn Per­so­nen der Mann­schaft hel­fen, die Mahl­zei­ten zu­zu­be­rei­ten und das Raum­schiff zu säu­bern.

Der Start wird, wie Sie wis­sen, um sech­zehn Uhr er­fol­gen. Drei­un­dacht­zig Mi­nu­ten lang wer­den wir mit Ra­ke­ten­an­trieb auf­stei­gen. Um sieb­zehn Uhr drei­und­zwan­zig wird sich die­ser ab­schal­ten, und um sieb­zehn Uhr drei­ßig wer­den wir in den Über­raum ein­tau­chen. Um acht­zehn Uhr wird das Abendes­sen in der Kom­bü­se ser­viert wer­den.

Die nächs­ten vier Wo­chen wer­den wir mit Ein­stein-An­trieb flie­gen. Soll­te je­mand un­ter Ih­nen be­ab­sich­ti­gen, beim Start einen letz­ten Blick auf die Er­de zu wer­fen, so möch­te ich Sie dies­be­züg­lich in­for­mie­ren, daß es an die­sem Raum­schiff we­der Aus­guck-Öff­nun­gen noch ir­gend­wel­che an­de­re ge­eig­ne­te Mög­lich­kei­ten gibt, au­ßer in der Kon­troll­ka­bi­ne. Der Grund ist ein­fach zu er­klä­ren: Je­de Art Lu­ke ist ei­ne schwa­che Stel­le am Rumpf. Nach­dem wir uns die meis­te Zeit im Über­raum be­fin­den wer­den, wo es oh­ne­hin nichts zu se­hen gibt, ha­ben die Kon­struk­teu­re die Aus­guck­öff­nun­gen weg­ge­las­sen.

Darf ich Sie nun bit­ten, sich ein­fach zu ent­span­nen, sich hin­zu­le­gen und Kon­takt mit Ih­ren Nach­barn auf­zu­neh­men. In fünf­und­drei­ßig Mi­nu­ten wer­den wir star­ten. Dan­ke.«

Mit ei­nem Klick ver­stumm­te der Laut­spre­cher.

Die Mi­nu­ten flos­sen da­hin. Dawes ver­such­te, den Voll­mond am nächt­li­chen Him­mel, den Großen Bä­ren, den Ori­on in sei­nem Ge­dächt­nis zu ver­an­kern. We­ni­ger als zehn Mi­nu­ten blie­ben noch.

Er ver­such­te, sich die An­ord­nung des Raum­schiffs aus­zu­ma­len. Ganz oben, un­ter der ab­ge­run­de­ten Spit­ze wa­ren wahr­schein­lich die Kon­troll­ka­bi­ne und das Mann­schafts­quar­tier un­ter­ge­bracht. Dann, dach­te er, dar­un­ter, müß­ten sich die bei­den Schlaf­sä­le der Män­ner be­fin­den, ei­ner auf je­der Sei­te des Raum­schiffs. Dann der zen­tra­le Ge­sell­schafts­raum und dar­un­ter die bei­den Schlaf­sä­le der Frau­en. Ganz un­ten der zwei­te Ge­sell­schafts­raum und die Kom­bü­se.

Und da­hin­ter die Ra­ke­ten­ver­bren­nungs­kam­mern und der mys­te­ri­öse Raum mit dem Ein­stein-Trieb­werk.

Er wuß­te sehr we­nig über den Ein­stein-An­trieb. Nur, daß im Mit­tel­punkt ein ther­mo­nu­klea­rer Ge­ne­ra­tor stand, der durch das Her­stel­len ei­nes Über-Son­nen­in­ten­si­tät-Fel­des ein Span­nungs­mus­ter in der Raum­struk­tur schuf. Und daß das Raum­schiff durch die­ses Span­nungs­mus­ter in einen Be­reich hin­ein­g­litt, ge­nannt Über­raum, wie ein See­hund durch ei­ne Spal­te im ark­ti­schen Eis.

Und dann? Ir­gend­wie schnel­ler ra­send als mit Licht­ge­schwin­dig­keit, wel­che die Höchst­ge­schwin­dig­keit des Uni­ver­sums dar­stellt, wür­de das Raum­schiff die un­er­gründ­li­chen Wei­ten von Licht­jah­ren be­wäl­ti­gen; in der Nä­he des We­ga-Sys­tems wie­der auf­tau­chen aus dem Über­raum, um mit­tels her­kömm­li­chen Ra­ke­ten­an­triebs auf dem Pla­ne­ten Osi­ris zu lan­den.

 

Tief un­ter sich spür­te Dawes das Brum­men der gi­gan­ti­schen Ra­ke­ten­trieb­wer­ke. Ein don­nern­des Brau­sen, ei­ne schwe­re Faust schi­en auf sei­nen Brust­korb her­un­ter­zu­fah­ren, das Raum­schiff hob sich. Sein Herz poch­te stür­misch un­ter dem Be­schleu­ni­gungs­druck. Er schloß die Au­gen.

Der plötz­li­che Schmerz der Los­lö­sung durch­zuck­te ihn. Sein letz­tes Band zur Er­de, das Band der Schwer­kraft, war zer­ris­sen wor­den.

 

9

 

Dawes hät­te nie ge­dacht, daß vier Wo­chen der­art lang­sam da­hin­schlei­chen könn­ten. Die Auf­re­gung, im Welt­raum zu sein, leg­te sich bald wie­der. Im Über­raum war kei­ne Be­we­gung zu spü­ren, kei­ne Ra­ke­ten­vi­bra­ti­on, kein Be­schleu­ni­gungs­ge­fühl. Das Schiff schi­en be­we­gungs­los im Nichts zu hän­gen. Und die hun­dert Pas­sa­gie­re, er­bar­mungs­los in ihr Fahr­zeug hin­ein­ge­stopft, ka­men sich wie Ge­fan­ge­ne in ei­ner großen Zel­le vor.

Wäh­rend ein Tag sich schlep­pend hin­zog zum nächs­ten, von Wo­che zu Wo­che, wur­de Dawes im­mer apa­thi­scher durch die­se Ein­tö­nig­keit und das stän­di­ge Un­be­ha­gen. Er zähl­te die Ta­ge, dann die Stun­den bis zur Lan­dung. Er schlief, so­viel er konn­te – manch­mal fünf­zehn und sech­zehn Stun­den pro Tag, bis er ein­fach kei­nen Schlaf mehr fin­den konn­te.

Klei­ne Cli­quen bil­de­ten sich an Bord des Raum­schiffs, wäh­rend die Ta­ge vor­beig­lit­ten, Grup­pen zu sechs oder acht: Lands­leu­te, oder Men­schen un­ge­fähr glei­chen Al­ters, oder glei­chen In­tel­li­genz­gra­des, die sich et­was zu sa­gen hat­ten in die­sem ge­mein­sa­men Miß­ge­schick. Dawes ge­hör­te kei­ner die­ser Grup­pen an. Mit sei­nen zwan­zig Jah­ren war er der jüngs­te Ko­lo­nist – durch ir­gend­ei­ne Lau­ne des Kom­pu­ters war kei­ner der an­de­ren Män­ner un­ter fünf­und­zwan­zig, die meis­ten so­gar An­fang der Drei­ßig – und stand ab­seits, da er sich in der Ge­gen­wart der äl­te­ren Leu­te nicht wohl­fühl­te.

Vie­le hat­ten ih­re Ehe­frau­en ver­lo­ren, Fa­mi­li­en, Hei­me, die mit großer Lie­be und vie­len Un­kos­ten ge­baut und ein­ge­rich­tet wor­den wa­ren; Be­ru­fe, de­ren Er­lan­gung sie Ener­gie und Mü­hen ge­kos­tet hat­te. Ir­gend­wie fühl­te er sich schul­dig, nichts Pro­ble­ma­ti­sche­res ver­lo­ren zu ha­ben als sei­ne Aus­bil­dung. Sich des­sen be­wußt, daß die an­de­ren er­wach­sen wa­ren und er noch nicht ganz, wenn auch kein Kind mehr, er­rich­te­te Dawes ei­ne Trenn­wand zwi­schen sich und je­nen und ge­wann we­nig Freun­de.

In der drit­ten Wo­che wur­de ge­wählt, und Phil Haas, der als ein­zi­ger kan­di­dier­te, zum Ko­lo­nie-Di­rek­tor er­nannt. Er kün­dig­te an, für ein Jahr an­zu­neh­men und dann Neu­wah­len ab­zu­hal­ten. Auf­grund die­ser Wahl er­teil­ten ihm die ver­sam­mel­ten Ko­lo­nis­ten die Voll­macht, ge­set­zes­kräf­ti­ge An­ord­nun­gen zu tref­fen, bis ei­ne Ver­fas­sung vor­han­den und ei­ne Art Ko­lo­nie-Se­nat ge­grün­det wä­re.

Dawes wun­der­te sich über die Ein­stim­mig­keit bei der Wahl. Si­cher­lich gab es noch an­de­re Macht­hung­ri­ge un­ter den fünf­zig Män­nern. Warum wa­ren sie po­li­tisch un­tä­tig ge­blie­ben? Män­ner wie Da­ve Matt­hews, Lee Do­nald­son: star­ke Män­ner, fä­hi­ge Män­ner, frei­mü­ti­ge Män­ner. Viel­leicht war­te­ten sie nur ih­re Zeit ab, dach­te Dawes. Über­lie­ßen Haas die schwie­ri­ge Auf­ga­be, die Ko­lo­nie in Schwung zu brin­gen, und wür­den dann in das Ge­sche­hen ein­grei­fen.

Dawes zuck­te die Ach­seln. Er hat­te kei­ne Lust, sich mit Po­li­tik zu be­schäf­ti­gen. Er wür­de sich zu­rück­zie­hen und so gut wie mög­lich je­ne Ar­bei­ten er­le­di­gen, die ihm als Ko­lo­nis­ten zu­stan­den, oh­ne Un­ru­hen her­auf­zu­be­schwö­ren. Laß die an­de­ren um Ver­ant­wor­tun­gen kämp­fen! Er war es zu­frie­den, pas­siv da­hin­zu­trei­ben. Schließ­lich, dach­te er, hat­te er nicht dar­um ge­be­ten, hier­her­ge­schickt zu wer­den. Und so wür­de er auch kei­ne grö­ße­re Ver­ant­wor­tung auf sich neh­men.

 

Am En­de der vier­ten Wo­che eil­ten die Osi­ris-Sied­ler zu­rück auf ih­re schüt­zen­den Lie­gen, als näm­lich ei­ne An­kün­di­gung durchs Raum­schiff hall­te.

»Es ist jetzt vier­zehn Uhr drei­und­vier­zig Orts­zeit. In ge­nau zwölf Mi­nu­ten, al­so um vier­zehn Uhr fünf­und­fünf­zig, wer­den wir einen Aus­tritt aus dem Über­raum schaf­fen und zum Ra­ke­ten­an­trieb über­ge­hen. Um sech­zehn Uhr wer­den wir in die At­mo­sphä­re des Pla­ne­ten Osi­ris ein­tau­chen und uns drei Stun­den auf der Lan­de-Um­lauf­bahn be­fin­den. Um neun­zehn Uhr wer­den wir auf der Tag­sei­te von Osi­ris nie­der­ge­hen, wo es ge­nau Mit­tag sein wird. Bit­te schnal­len Sie sich jetzt an.«

Dawes’ Fin­ger zit­ter­ten ner­vös, wäh­rend er die Gur­te be­fes­tig­te. Nun war es so­weit! Lan­dung in nicht ein­mal fünf Stun­den!

Er stell­te Be­trach­tun­gen über Osi­ris an. Das Ko­lo­ni­sa­ti­ons­bü­ro hat­te ver­viel­fäl­tig­te Be­schrei­bun­gen des Pla­ne­ten an die Ko­lo­nis­ten ver­teilt, aber die In­for­ma­ti­on dar­auf war sehr spär­lich. Er wuß­te, daß der Pla­net un­ge­fähr so groß wie die Er­de war – et­wa drei­zehn­tau­send Ki­lo­me­ter im Durch­mes­ser – und der Bo­den be­stell­bar; daß die Luft der der Er­de äh­nel­te, nur ein biß­chen we­ni­ger Sau­er­stoff ent­hielt und ein klein we­nig mehr Stick­stoff, was aber wei­ter nichts aus­mach­te; daß sich auf dem Pla­ne­ten sie­ben Kon­ti­nen­te er­streck­ten, von de­nen zwei po­lar und so­mit un­be­wohn­bar wa­ren. Be­rich­te der Auf­klä­rungs-Teams wa­ren aber nie be­son­ders ver­läß­lich. Denn die­se has­te­ten nur da­hin, er­le­dig­ten ein gan­zes Son­nen­sys­tem in ei­nem Tag oder zwei. Ent­deck­ten sie ein­mal ei­ne halb­wegs pas­sen­de Welt, so mach­ten sie sich kaum die Mü­he, Nach­tei­le auf­zu­spü­ren.

Dem Be­richt des Er­kun­dungs-Teams nach gab es auf Osi­ris kein in­tel­li­gen­tes Le­ben, we­nigs­tens nicht auf dem nörd­li­chen Kon­ti­nent, der für die Ko­lo­nis­ten aus­ge­wählt wor­den war. Und das fest­zu­stel­len war nicht schwie­rig ge­we­sen; denn bis­her hat­te man nir­gends im Uni­ver­sum in­tel­li­gen­te Le­be­we­sen vor­ge­fun­den. Auf vie­len Pla­ne­ten leb­ten Gat­tun­gen, die in der Ent­wick­lung nicht all­zu weit zu­rück­la­gen, aber nur auf der Er­de gab es ei­ne Kul­tur, ei­ne Zi­vi­li­sa­ti­on, Spra­chen.

Um vier­zehn Uhr fünf­und­fünf­zig kam der Über­gangs­stoß. Mit höchs­ter Fel­din­ten­si­tät schlug der Ein­stein-Ge­ne­ra­tor ei­ne Öff­nung in die Struk­tur des Über­raums und die Ge­gen­schein schlüpf­te durch die­sen Riß, und zu­rück ins Uni­ver­sum rea­ler Din­ge.

Au­gen­blick­lich spran­gen die Ra­ke­ten­trieb­wer­ke an und brach­ten das Schiff in sei­ne Bahn um den Pla­ne­ten. Mit im­mer en­ger wer­den­den Spi­ra­len wür­de die Ge­gen­schein hin­un­ter­glei­ten, ih­re Ge­schwin­dig­keit mit der des Osi­ris ab­stim­mend, bis die Bahn an der Ober­flä­che des Pla­ne­ten en­den und das Raum­schiff lan­den wür­de.

An sei­ne An­druck­lie­ge ge­fes­selt, biß Dawes die Zäh­ne zu­sam­men, um das Stamp­fen der Ra­ke­ten aus­hal­ten zu kön­nen. Das Raum­schiff war nicht sehr gut iso­liert ge­gen Mo­to­ren­vi­bra­tio­nen; es war ein rein zweck­be­ding­tes Fahr­zeug, ge­baut, um Men­schen von ei­ner Welt zu ei­ner an­de­ren zu be­för­dern.

Er be­dau­er­te das Feh­len von Bullau­gen. Es wä­re si­cher­lich er­he­bend ge­we­sen, den Pla­ne­ten Osi­ris zu se­hen, stän­dig an Grö­ße zu­neh­mend, wäh­rend das Raum­schiff tiefer sank. Er­he­ben­der je­den­falls, als in der schlecht be­lüf­te­ten Ka­jü­te auf dem Rücken zu lie­gen, im Halb­dun­kel. Ir­gend­wo vorn in der Nacht war Osi­ris, We­ga IX, vier Mil­li­ar­den Mei­len ent­fernt vom viert­hells­ten Stern am Erd­him­mel. Wür­de Sol sicht­bar sein am Nacht­him­mel des Osi­ris? Wahr­schein­lich – als ein un­be­deu­ten­der, ne­ben­säch­li­cher wei­ßer Punkt.

 

Nie­mand sprach, wäh­rend das Raum­schiff pla­ne­ten­wärts vors­tieß. Je­der war al­lein mit sei­nen Träu­men und Er­in­ne­run­gen. Mi­nu­ten schli­chen da­hin; um sech­zehn Uhr gab Cap­tain McKen­zie durch, daß das Raum­schiff in die At­mo­sphä­re Osi­ris’ ein­ge­tre­ten war. Drei Stun­den wür­de es noch bis zur Lan­dung dau­ern. Das Raum­schiff wür­de den Pla­ne­ten um­krei­sen, sei­ner Ober­flä­che nä­her und nä­her kom­mend …

Neun­zehn Uhr. Auf sei­ner Lie­ge kämpf­te Mi­ke Dawes ge­gen die Übel­keit an. Die ver­gan­ge­ne Stun­de war ei­ne holp­ri­ge, rüt­teln­de Fahrt ge­we­sen, hin­un­ter durch die sich ver­dich­ten­den Schich­ten der At­mo­sphä­re. At­mo­sphä­ri­sche Stru­del wir­bel­ten das gol­de­ne Schiff her­um. In der Tro­po­sphä­re stieß ein Sturm es hin und her. Aber die Rei­se nä­her­te sich ih­rem En­de. Das Raum­schiff Ge­gen­schein hing knapp über Osi­ris’ nörd­li­chem ge­mä­ßig­ten Kon­ti­nent, sin­kend, sin­kend …

Lan­dung!

Der Auf­prall ließ das Schiff er­be­ben. Es schwank­te einen Au­gen­blick, be­vor sich die Stand­säu­len in den Grund bohr­ten.

Cap­tain McKen­zie mel­de­te sich: »Wir sind ge­lan­det. Will­kom­men auf Osi­ris, mei­ne Da­men und Her­ren.«

Wir sind da, dach­te Dawes.

Er sehn­te sich da­nach, den Schiffs­rumpf zu durch­boh­ren, um den neu­en Pla­ne­ten se­hen zu kön­nen. Aber ei­ne Stun­de oder mehr ver­ging, ehe die Ko­lo­nis­ten das Raum­schiff ver­las­sen durf­ten. Da wa­ren ein­mal Rou­ti­ne-At­mo­sphä­ren­tests durch­zu­füh­ren (»als wür­den sie uns wie­der heim­brin­gen, wenn sie ent­deck­ten, daß die Luft pu­res He­li­um wä­re«, kom­men­tier­te Sid No­lan), dann das Ab­küh­len, das fünf­zehn Mi­nu­ten lang dau­er­te, wo­bei Dü­sen un­ter dem Schiffs­rumpf ent­gif­ten­de Flüs­sig­kei­ten auf die Lan­de­flä­che sprüh­ten, um die Aus­strah­lungs­pro­duk­te und gif­ti­gen Ra­ke­ten-Ab­gase un­schäd­lich zu ma­chen.

Da­nach das öff­nen der Lu­ke, das Aus­fah­ren der ei­ser­nen Lei­ter. Kein Auf­zug war­te­te auf sie; für den Ab­stieg stand nur die Lei­ter zur Ver­fü­gung. Phil Haas und Ma­ry El­li­ot wa­ren als ers­te drau­ßen.

Dawes war der zwan­zigs­te. Er steck­te den Kopf aus der Lu­ke.

Osi­ris lag vor ihm. Das Raum­schiff war auf ei­ner Lich­tung, am Strand ei­nes glit­zernd blau­en Sees ge­lan­det. Hin­ter der aus­ge­dehn­ten röt­li­chen Sand­flä­che wur­de der Bo­den frucht­ba­rer; nicht all­zu fern er­hob sich ein dunk­ler, un­heil­voll aus­se­hen­der Wald, und hoch dar­über spann­ten sich bo­gen­för­mi­ge schwar­ze Fel­sen.

Graue Wol­ken hin­gen schwer am tief­blau­en Him­mel wie Bal­len schmie­ri­ger Woll­flo­cken. Hoch oben brann­te die gi­gan­ti­sche We­ga her­ab. Dem Um­fang der Schei­be nach schi­en sie so groß wie die Son­ne der Er­de zu sein. Man sah sie je­doch aus ei­ner Ent­fer­nung von vier Mil­li­ar­den Mei­len. Die Luft roch ir­gend­wie an­ders – dünn, sal­zig. Und es war kalt. Die Tem­pe­ra­tur lag wohl um zwan­zig Grad Cel­si­us, aber ein ei­si­ger Wind fuhr peit­schend aus dem Wald, ihm ins Ge­sicht, als er da hin­aus­starr­te, zwan­zig Me­ter über dem Bo­den.

 

Er hat­te nicht ge­glaubt, daß es der­art kalt sein wür­de. Aus ir­gend­ei­nem un­er­klär­li­chen Grund hat­te er sich tro­pi­sche Hit­ze er­war­tet. Aber Osi­ris, we­nigs­tens die­ser Kon­ti­nent, zu der Jah­res­zeit, er­schi­en ihm öde, un­freund­lich, un­gast­lich.

»Mach wei­ter, Klei­ner«, sag­te ir­gend je­mand hin­ter ihm. »Blei­be nicht den gan­zen Tag hier ste­hen. Klet­te­re hin­un­ter.«

Dawes wur­de rot und stieg has­tig die Lei­ter hin­un­ter. Der röt­li­che Sand knirsch­te un­ter den Schu­hen. Spür­te das ers­te­mal ei­nes Men­schen Fuß auf sich, dach­te Dawes ehr­fürch­tig und stau­nend.

Kal­te Win­de blie­sen auf ihn nie­der. Frie­rend stand er da, war­te­te, daß Haas et­was or­ga­ni­sie­ren, den wei­te­ren Ver­lauf der Din­ge in die Hand neh­men wür­de. Die an­de­ren Ko­lo­nis­ten gin­gen am Strand um­her, ziel­los, plan­los, wort­los. Al­le be­müht, den Schock zu über­win­den, daß sie jetzt al­lein wa­ren auf ei­nem frem­den Pla­ne­ten und nie­mals die Er­de wie­der­se­hen wür­den.

End­lich wa­ren al­le hun­dert von Bord ge­gan­gen; auch Cap­tain McKen­zie und sei­ne Mann­schaft.

Haas hat­te von ir­gend­wo­her ei­ne Pfei­fe ge­nom­men. Er blies hin­ein.

»Ach­tung! Ach­tung! Al­les auf­ge­paßt!«

Die Um­her­strei­fen­den kehr­ten zur Grup­pe zu­rück.

Haas be­gann: »Cap­tain McKen­zie sag­te mir, daß er die Ab­sicht ha­be, so bald wie mög­lich zur Er­de zu­rück­zu­keh­ren. Un­se­re ers­te Auf­ga­be hier wird so­mit das Ent­la­den des Raum­schiffs sein. Wir wer­den ei­ne Ket­te bil­den. Noo­nan, wäh­len Sie ein Team von fünf Per­so­nen und fol­gen Sie Cap­tain McKen­zie. Ihr wer­det das Ge­päck aus dem Raum­schiff schaf­fen. San­der­son, Sie neh­men drei Mann und pla­cie­ren sich in Raum­schiff-Nä­he, um ih­nen die Las­ten ab­zu­neh­men. Wir wer­den sie dann wei­ter­rei­chen, bis dort­hin, wo der Strand auf­hört, über die Fünf­hun­dert-Me­ter-Si­cher­heits­zo­ne hin­aus, die die Ge­gen­schein zum Start be­nö­tigt.« Haas leg­te ei­ne Pau­se ein. »Matt­hews, Sie neh­men vier Ko­lo­nis­ten und kund­schaf­ten das Ge­biet aus. Ach­ten Sie auf even­tu­ell lau­ern­de Tie­re und ru­fen Sie, wenn Sie et­was se­hen. Der Rest bleibt hier; nie­mand geht weg.« Dawes wur­de von al­len Team-Lei­tern über­gan­gen; er zuck­te die Ach­seln, ver­grub die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen und stand ab­seits. Die Fracht-Lu­ke am Schiffs­rumpf wur­de ge­öff­net, und Noo­nan und sein Team stie­gen hin­ein, wäh­rend die Ge­gen­schein-Be­sat­zung wie­der die Lei­ter hin­auf­klet­ter­te, um das Schiff start­be­reit zu ma­chen. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten schon er­schie­nen die ers­ten Kis­ten, schwe­re, mit Draht ver­schnür­te Holz­kis­ten, die all das von der Er­de ent­hiel­ten, was un­ter­ge­bracht wer­den konn­te.

 

An­de­re schlepp­ten die Las­ten über die Lich­tung, her­aus aus dem Ab­schuß­be­reich. Das nahm bei­na­he ei­ne Stun­de in An­spruch. Haas in­ven­ta­ri­sier­te je­des Ge­päck­stück, kon­trol­lier­te es an­hand ei­ner Lis­te. Als die Hälf­te ab­ge­la­den war, pfiff er wie­der und be­stimm­te neue Teams. Die Mü­den konn­ten sich aus­ru­hen, Leu­te mit fri­schen Kräf­ten gin­gen an die Ar­beit. Dawes wur­de dem zwei­ten Team zu­ge­teilt. Er be­för­der­te die Kis­ten vom Raum­schiff weg zum nächs­ten war­ten­den Mann. Der Frachtraum war fast leer, als Da­ve Matt­hews aus dem Wald ge­lau­fen kam und nach Haas schrie.

Der Ko­lo­nie-Di­rek­tor dreh­te sich um: »Was gibt es, Da­ve?«

Keu­chend rann­te Matt­hews her­an. Dawes und noch ei­ni­ge an­de­re blie­ben ste­hen und lausch­ten.

Matt­hews rang nach Atem. »Frem­de! Ich sah Frem­de!«

Haas run­zel­te die Stirn. »Was?«

»Am Wald­rand um­her­schlei­chend. Dunkle, schat­ten­haf­te Ge­stal­ten. Sie schau­ten wie Men­schen aus, oder wie Af­fen, oder ähn­li­ches.«

Ste­chen­de Angst durch­fuhr Dawes. Aber Haas lä­chel­te. »Sind Sie si­cher, Da­ve?«

»Wie könn­te ich si­cher sein? Sie lie­fen weg, so­bald ich auf sie zu­ging.«

»Hat noch ir­gend je­mand Ih­res Teams sie ge­se­hen?« frag­te Haas und schau­te auf die vier an­de­ren Mit­glie­der der Auf­klä­rungs-Pa­trouil­le.

»Ich nicht«, ant­wor­te­te Sid No­lan.

»Auch ich nicht«, pflich­te­te Paul Wil­son bei. »Wir lie­fen hin, als Matt­hews schrie, aber se­hen konn­ten wir nichts.«

Haas tat die An­ge­le­gen­heit mit ei­nem Ach­sel­zu­cken ab. »Das wer­den wir spä­ter über­prü­fen. Sie kön­nen sich ge­täuscht ha­ben, Da­ve.«

»Hof­fent­lich. Aber ich glau­be nicht.« Da­mit war die Sa­che vor­läu­fig er­le­digt. Im Au­gen­blick war es wich­ti­ger, das Raum­schiff zu ent­la­den. Dawes schwitz­te bei der Ar­beit und frös­tel­te um so mehr, wenn ein Wind­stoß kam. Aber es freu­te ihn, tä­tig sein zu kön­nen, sich zu be­we­gen, sei­ne Mus­keln zu ge­brau­chen, nach die­sen vier Wo­chen trost­lo­ser Ein­ge­schlos­sen­heit.

End­lich war die La­dung ge­löscht. Ein bun­tes Durch­ein­an­der schwe­rer Kis­ten und klei­ne­rer Ge­päck­stücke lag fünf­hun­dert Me­ter vom Raum­schiff ent­fernt. Die Mann­schaft eil­te ge­schäf­tig um­her, er­le­dig­te den Count­down in schnel­ler Fol­ge. Wur­de das Raum­schiff mit Ko­lo­nis­ten und Fracht be­la­den, so nah­men die Vor­be­rei­tun­gen drei Ta­ge in An­spruch; leer konn­te es in­ner­halb we­ni­ger Stun­den start­be­reit ge­macht wer­den.

Wäh­rend die Mann­schaft ar­bei­te­te, klet­ter­ten die hun­dert Ko­lo­nis­ten ein letz­tes­mal an Bord, um in der Kom­bü­se ein Es­sen zu­zu­be­rei­ten. Es war dies die drit­te Mahl­zeit heu­te. Auf Osi­ris je­doch war es erst Mit­tag, und Haas hat­te an­ge­ord­net, bis Son­nen­un­ter­gang zu ar­bei­ten, al­so wei­te­re sechs oder sie­ben Stun­den, da­mit sie sich gleich zu Be­ginn an die neue Zei­tein­tei­lung ge­wöhn­ten. Dawes muß­te nach dem Es­sen Auf­räu­mungs­ar­bei­ten er­le­di­gen. Als er dann wie­der aus dem Schiffs­rumpf auf­tauch­te, sah er Haas und Cap­tain McKen­zie im Ge­spräch. Haas zähl­te sei­ne Leu­te, ver­ge­wis­ser­te sich, daß al­le das Schiff ver­las­sen hat­ten. Im­mer­hin be­stand ja die Mög­lich­keit, daß je­mand als blin­der Pas­sa­gier zu­rück­flie­gen woll­te.

Er pfiff. »Al­le her­hö­ren! Das Raum­schiff wird in Kür­ze ab­he­ben. Al­le hin­über zu den Ge­päck­stücken, so­fort! Das Raum­schiff star­tet!«

Die letz­ten Vor­be­rei­tun­gen dau­er­ten zwan­zig Mi­nu­ten. Mi­ke Dawes, mit den an­dern Ko­lo­nis­ten au­ßer­halb der Ge­fah­ren­zo­ne ste­hend, spür­te einen hef­ti­gen Schmerz in sei­nem In­nern, als er auf das Raum­schiff starr­te, das sei­ne Stand­säu­len ein­zog. Das war die letz­te Ver­bin­dung zur Er­de, die­ses gol­de­ne Raum­schiff am Ufer des Sees.

Der war­nen­de Hu­penton erstarb, das Schiff sprang plötz­lich weg vom Bo­den, schweb­te einen Au­gen­blick lang auf ei­nem lo­dern­den Flam­men­pols­ter, ge­gen Osi­ris’ Schwer­kraft an­kämp­fend, riß sich los und schoß hin­auf in den wol­ken­ge­trüb­ten Him­mel. Ei­ne hal­be Mi­nu­te viel­leicht er­schi­en der Ra­ke­ten­strahl des Raum­schiffs wie ein Feu­er­ball, gleich ei­ner zu­sätz­li­chen Son­ne am Fir­ma­ment, warf zwei­te Schat­ten über den Bo­den und ver­schwand.

Ein Le­ben, kaum be­gon­nen, war nun zu En­de, dach­te Dawes.

 

10

 

Phil Haas be­stieg ei­ne Kis­te am Rand der Lich­tung und stieß einen Pfiff aus. Es war an der Zeit, einen Plan auf­zu­stel­len. Dawes ge­sell­te sich zur Grup­pe.

»Wir sind nun ganz auf uns al­lein an­ge­wie­sen«, sprach Haas mit lau­ter Stim­me, um das be­harr­li­che Pfei­fen des Win­des zu über­tö­nen. »Das Raum­schiff ist weg und wird nie wie­der­kom­men. Wir ha­ben sehr viel zu tun. Als ers­tes wer­den wir die Um­zäu­nung er­rich­ten und die Kup­peln auf­bla­sen müs­sen.«

Ei­ne Stim­me aus dem Hin­ter­grund – Da­ve Matt­hews – mel­de­te sich. »Phil, was soll mit den Frem­den ge­sche­hen, die ich sah? Ich glau­be, wir soll­ten ei­ne Pa­trouil­le aus­schi­cken, für den Fall, daß sie zu­rück­kom­men.«

Haas’ ma­ge­res Ge­sicht ver­düs­ter­te sich. »Wich­tig ist jetzt, an der Um­zäu­nung zu ar­bei­ten.«

»Aber die Frem­den …«

»Sehr zwei­fel­haft, ob Sie wirk­lich Men­schen ge­se­hen ha­ben, Da­ve. Den­ken Sie dar­an: Das Er­kun­dungs-Team hat kei­ne der­ar­ti­gen We­sen hier ent­deckt.«

»Wie lan­ge such­ten sie? Ei­ne hal­be Stun­de?«

Haas er­wi­der­te mit ei­nem Fun­ken Un­ge­duld: »Da­ve, wenn Sie das The­ma wei­ter dis­ku­tie­ren wol­len, er­le­di­gen wir das spä­ter un­ter vier Au­gen. Wir kön­nen kei­nen ein­zi­gen Mann für ei­ne Pa­trouil­le ent­beh­ren, so­lan­ge die Wohn­stät­ten nicht auf­ge­stellt sind. Au­ßer­dem: Ih­re Frem­den, soll­ten sie wirk­lich exis­tie­ren, fürch­ten sich wahr­schein­lich mehr vor uns, als wir uns vor ih­nen.« Haas ki­cher­te. »An die Ar­beit. Bis Ein­bruch der Nacht muß noch viel er­le­digt wer­den – auch die Part­ner­wahl.«

Dawes fuhr mit der Zun­ge über die Lip­pen. Ja, die Wahl der Part­ner!

Den Ge­dan­ken dar­an hat­te er bei­sei­te ge­scho­ben, aber jetzt gab es wohl kein Aus­wei­chen mehr. Er wi­ckel­te den Man­tel fes­ter um sich. Wie die meis­ten dün­nen Leu­te konn­te er kal­tes Wet­ter nicht ver­tra­gen. Der schnei­den­de Wind schi­en durch den Man­tel zu bla­sen und ihm zwi­schen die Rip­pen zu fah­ren. Der Be­richt des Er­kun­dungs-Teams hat­te ge­lau­tet, Osi­ris wä­re der Er­de ähn­lich, un­be­wohnt und ziem­lich frucht­bar. Aber den ver­damm­ten Nord­wind hat­ten sie nicht er­wähnt, der un­un­ter­bro­chen aus dem Wald her­nie­der­braus­te.

Haas sprang von der Kis­te her­un­ter und rief Noo­nan, Sto­ker, Do­nald­son und ver­schie­de­ne der an­de­ren stär­ke­ren Män­ner der Grup­pe zu sich, um ge­mein­sam mit ih­nen Plä­ne für die Er­rich­tung der Ko­lo­nie zu dis­ku­tie­ren. Den Bro­schü­ren nach, die kurz vor der Lan­dung ver­teilt wor­den wa­ren, gab es ein er­prob­tes Ver­fah­ren, ei­ne neue Ko­lo­nie zu grün­den – ein Ver­fah­ren, das sich be­reits auf Hun­der­ten von Wel­ten bes­tens be­währt hat­te.

Der ers­te Schritt be­stand in der Er­rich­tung ei­ner Um­zäu­nung, die da­zu die­nen soll­te, even­tu­ell um­her­streu­nen­de fremd­ar­ti­ge Krea­tu­ren ab­zu­hal­ten.

An­schlie­ßend schos­sen Sei­fen­bla­sen-Häu­ser aus dem Bo­den, die Wohn­stät­ten der Ko­lo­nis­ten. Nicht län­ger mehr war es nö­tig, Baum­stäm­me für Block­häu­ser sorg­fäl­tig zu­zu­hau­en; die neu­en Sei­fen­bla­sen-Häu­ser wuch­sen ein­fach und leicht mit Hil­fe von Aus­stoß-Dü­sen. Ein et­wa vier Li­ter fas­sen­der Be­häl­ter der an der Luft po­ly­me­ri­sie­ren­den Flüs­sig­keit reich­te aus, um Tau­sen­den von Ko­lo­nis­ten Hei­me zu schaf­fen. War sie ein­mal auf­ge­braucht, wür­de die Kunst der Ar­chi­tek­tur auf der neu­en Welt Ein­zug hal­ten.

 

Hat­ten sich die fünf­zig Paa­re erst an­ge­sie­delt, war ih­re nächs­te Auf­ga­be, sich zu ver­meh­ren. Da al­le Ko­lo­nis­ten auf Frucht­bar­keit un­ter­sucht wur­den, konn­te man oh­ne wei­te­res im ers­ten Jahr mit drei­ßig oder vier­zig Kin­dern rech­nen, mit zwan­zig oder drei­ßig in je­dem wei­te­ren Jahr. Nach zehn Jah­ren wür­den die äl­te­ren Kin­der sich schon um ih­re jüngs­ten Ge­schwis­ter küm­mern kön­nen. Nach fünf­zehn Jah­ren könn­te die Ge­samt­be­völ­ke­rung et­wa fünf­hun­dert be­tra­gen und die ers­ten Ehen der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on ge­schlos­sen wer­den.

Oh­ne wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten, über un­be­grenz­ten Raum ver­fü­gend, wür­de sich die Fort­pflan­zung in höchs­tem Maß über ei­ni­ge Ge­ne­ra­tio­nen er­stre­cken kön­nen. Mit star­ker Pro­gres­si­on wür­de die Be­völ­ke­rungs­zahl von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on stei­gen: acht­hun­dert, ein­tau­send, ein­tau­send­fünf­hun­dert … Und die Ko­lo­nie wür­de sich aus­brei­ten in die­ser frem­den Wild­nis, bis aus der ers­ten pri­mi­ti­ven An­sied­lung ein Dorf ent­ste­hen wür­de, ei­ne Klein­stadt, ei­ne Groß­stadt, ei­ne Groß­stadt un­ter an­dern Groß­städ­ten. Ei­ne gan­ze An­zahl neu­er Er­den wür­de auf die­se Wei­se im Weltall ent­ste­hen, ei­ne nach der an­dern, ge­prägt von mur­ren­den, un­frei­wil­li­gen Pio­nie­ren.

Haas brauch­te ei­ni­ge Zeit, um den Ar­beits­plan für die­sen ers­ten Tag zu for­mu­lie­ren. Dawes war­te­te am Rand der Lich­tung. Die mü­ßi­gen Ko­lo­nis­ten, durch­aus nicht in Ei­le, ih­re Auf­trä­ge zu er­hal­ten, hat­ten sich wie­der in Cli­quen auf­ge­teilt. Acht oder neun Frau­en stan­den un­weit von ihm. Auf ih­ren Ge­sich­tern spie­gel­te sich das Wis­sen um die Tat­sa­che, wo sie sich be­fan­den und wie da­hin ihr bis­he­ri­ges Le­ben war. Wei­ter weg sah Dawes ei­ne Grup­pe jun­ger un­ver­hei­ra­te­ter Män­ner, ge­zwun­gen scher­zend, ein­an­der puf­fend. Die vier ver­hei­ra­te­ten Paa­re – die Wil­sons, Za­cha­ri­es, Frys und Nor­tons – hat­ten sich ab­ge­son­dert, wie um aus­drück­lich zu be­to­nen, daß sie nichts ver­lo­ren hat­ten bei die­ser Mas­sen-Paa­rung, die bald statt­fin­den wür­de.

Dawes blin­zel­te ver­stoh­len zur klei­nen Grup­pe von Frau­en. We­nigs­tens die Hälf­te von ih­nen war viel zu alt für ihn. Hat­te er die letz­te Wahl, wä­re es schon mög­lich, daß nur ei­ne sol­che über­blieb. Aber er hoff­te, daß es nicht so sein wür­de.

Ei­ne son­der­ba­re Un­ru­he über­kam Dawes, und er schau­te weg von der Grup­pe. Ei­ne von ih­nen wür­de sei­ne Frau wer­den, auf die­ser bit­te­ren, von Win­den ge­rüt­tel­ten Welt. Früh ge­nug wür­de er wis­sen, wel­che. Er wag­te nicht zu ra­ten.

Haas hat­te an­schei­nend einen Plan aus­ge­ar­bei­tet. Er pfiff er­neut um Auf­merk­sam­keit.

»Als ers­tes muß die Um­zäu­nung ge­macht wer­den. Ich ha­be Sie in sechs Ar­beit­s­trupps ein­ge­teilt. Die Trupps eins, zwei und drei ste­hen un­ter der Lei­tung von Ky Noo­nan, Ho­ward Sto­ker und mir. An die­se Trupps wer­den wir Knall­zünd­schnü­re ver­tei­len, und sie wer­den die Auf­ga­be ha­ben, Baum­stäm­me für das Ge­rüst der Um­zäu­nung zu fäl­len. Ar­beit­s­trupp vier un­ter Sid No­lan wird die Stäm­me in den Bo­den ram­men. Ar­beit­s­trupp fünf un­ter Lee Do­nald­son wird die Baum­stäm­me mit Per­mo­spray ver­bin­den. Ar­beit­s­trupp sechs un­ter Ma­ry El­li­ot wird die Kis­ten und den Pro­vi­ant aus­pa­cken.«

Al­les war gut or­ga­ni­siert. Die meis­ten Män­ner wur­den den drei Holz­fäl­ler-Trupps zu­ge­teilt. Dawes und sech­zehn wei­te­re wur­den No­lans Grup­pe zu­ge­schla­gen. Die Frau­en ar­bei­te­ten teils in Do­nald­sons Grup­pe, teils un­ter Ma­ry El­li­ot.

Dank der Werk­zeu­ge, die sie von der Er­de mit­ge­nom­men hat­ten, ging die Ar­beit glatt von­stat­ten. Im Wald stan­den die Bäu­me dicht bei­sam­men – rin­den­los, et­wa sie­ben Me­ter hoch und fünf­zehn bis zwan­zig Zen­ti­me­ter stark. Die drei Trupps ka­men mit ih­ren Knall­zünd­schnü­ren rasch vor­wärts, säu­ber­ten die Stäm­me von Äs­ten und duf­ten­dem sta­che­li­gem Laub und schnit­ten sie auf ei­ne Ein­heits­län­ge von sie­ben Me­tern zu­recht. Die Be­ar­bei­tung ei­nes Bau­mes dau­er­te nur we­ni­ge Mi­nu­ten; nach ei­ner hal­b­en Stun­de la­gen ei­ni­ge Dut­zend am Wald­rand auf­ge­sta­pelt.

Jetzt trat No­lans Grup­pe in Ak­ti­on. Sie hat­ten die Gren­zen be­reits ab­ge­steckt, und was jetzt noch folg­te, war ein­fach. Mit dem Va­ku­um-Ex­trak­tor gru­ben sie ein Loch, stie­ßen das zu­ge­spitz­te En­de des Baum­stamms et­wa an­dert­halb Me­ter tief in den Bo­den und stampf­ten die­sen rund­her­um fest. Dawes griff mit den an­dern fest zu und emp­fand rich­tig­ge­hend Freu­de bei dem Ge­dan­ken, daß die Ko­lo­nie im Ent­ste­hen war, daß sei­ne Hän­de mit­hal­fen, die Mau­ern auf­zu­stel­len.

Wäh­rend ein Pfahl um den an­dern in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den von ei­nem Me­ter ein­ge­schla­gen wur­de, folg­te Do­nald­son mit ei­nem Ge­rät, das Plas­tik­schaum aus­stieß und da­mit die Zwi­schen­räu­me aus­füll­te. In­ner­halb der ge­setz­ten Gren­zen ar­bei­te­ten die Frau­en, öff­ne­ten ver­sie­gel­te Kis­ten und pack­ten den In­halt aus.

Nach bei­na­he zwei Stun­den un­un­ter­bro­che­ner Ar­beit war die Ein­pfäh­lung auf drei Sei­ten fer­tig­ge­stellt. Nach drei Stun­den prak­tisch rund­her­um. Haas und sei­ne Män­ner, die kei­ne Bäu­me mehr fäl­len muß­ten, fer­tig­ten das Tor an und den Rie­gel. Und schon schi­en der Platz be­hag­li­cher zu sein und die Win­de schie­nen we­ni­ger grau­sam zu bla­sen, fand Dawes. Er war er­schöpft von der Ar­beit, vom stän­di­gen He­ben und Ram­men der Stäm­me. Aber es war ein be­frie­di­gen­der Er­schöp­fungs­zu­stand, die­ses war­me Ge­fühl kon­struk­ti­ver An­stren­gung.

Die Nacht brach her­ein. Die gi­gan­ti­sche We­ga war hin­ter dem Ho­ri­zont ver­schwun­den, und das Fun­keln un­be­kann­ter Kon­stel­la­tio­nen er­hell­te den im­mer dunk­ler wer­den­den Him­mel. Kein Mond war auf­ge­gan­gen. Aber die Ar­beit wur­de den­noch fort­ge­setzt, bei Schein­wer­fer­licht, bis der Wall fix und fer­tig war, wie durch ein Wun­der in we­ni­gen Stun­den em­por­ge­wach­sen. Und die Sei­fen­bla­sen-Häu­ser stan­den eben­falls ein­la­dend be­reit: fünf­zig an der Zahl, klei­ne, dun­kelblaue Kup­peln, die im Licht der Schein­wer­fer matt glänz­ten. Die ein­und­fünf­zigs­te Kup­pel, grö­ßer als al­le an­dern, stand in der Mit­te des Plat­zes. Sie war da­für ge­dacht, Zu­sam­men­künf­ten der Ko­lo­nis­ten zu die­nen.

Dawes ließ sich in Hock­stel­lung nie­der. Er war mü­de; mor­gen früh wür­de er sich si­cher vor Mus­kel­schmer­zen nicht rüh­ren kön­nen. Aber die Ko­lo­nie war ge­grün­det, der Wall er­rich­tet und die Wohn­stät­ten auf­ge­stellt.

»Pri­ma Ar­beit habt ihr da ge­leis­tet, al­le«, gra­tu­lier­te Haas. »Al­les läuft ge­nau nach Plan. Wun­der­bar, wie je­der ein­zel­ne sich ein­setz­te.«

»Und wie ist das nun mit den Frau­en?« frag­te Noo­nan. Sei­ne Stim­me wi­der­hall­te laut in­ner­halb der Ein­zäu­nung. Ein ge­spann­tes Ki­chern kam bei den Frau­en auf, griff rasch auf die gan­ze Grup­pe über. Haas bat mit er­ho­be­ner Hand um Ru­he. »Dar­auf woll­te ich eben zu spre­chen kom­men. Es ist dies der letz­te Punkt un­se­rer heu­ti­gen Ta­ges­ord­nung.«

 

Dawes Kör­per straff­te sich. In sei­nem Ma­gen schi­en nicht al­les in Ord­nung zu sein, und die Hän­de wa­ren käl­ter als sonst. Ehe­frau­en. Der Au­gen­blick war ge­kom­men. In we­ni­gen Stun­den wür­de er zum ers­ten­mal ei­ne Frau in den Ar­men hal­ten, und er über­leg­te, ob die­ses Ge­fühl sei­nen Er­war­tun­gen ent­spre­chen wür­de. Wahr­schein­lich nicht. Ir­gend­wie stell­te man sich al­les an­ders vor.

Die Frau­en und Mäd­chen wa­ren sicht­lich mü­de und sehr ner­vös, als Haas sie zu ei­ner Grup­pe zu­sam­men­stell­te.

Dawes stu­dier­te ih­re Ge­sich­ter. Cher­ry Tho­mas lä­chel­te er­war­tungs­voll; sie woll­te einen Mann, und es schi­en ihr nichts aus­zu­ma­chen, wer es sein wür­de. Ei­ni­ge der Mäd­chen schau­ten be­sorgt, blaß und ab­ge­spannt aus, und zwar je­ne, die vor­her noch nie ver­hei­ra­tet ge­we­sen wa­ren, die vor ih­rer Aus­lo­sung von ei­ner an­de­ren Art Hoch­zeits­nacht ge­träumt hat­ten. An­de­re wie­der­um, die ih­re Ehe­gat­ten auf der Er­de zu­rück­las­sen muß­ten, dach­ten of­fen­sicht­lich an ih­re Ge­lieb­ten, Licht­jah­re ent­fernt von ih­nen.

Haas ent­fal­te­te ein Blatt Pa­pier und zog die Stirn kraus. »Al­so, die Part­ner­wahl ist jetzt an der Rei­he. Die­se mei­ne In­struk­tio­nen hier emp­feh­len fol­gen­des Vor­ge­hen: als Frei­wil­li­ger hat Ky Noo­nan das Recht, als ers­ter zu wäh­len und ich nach ihm, da ich Ko­lo­nie-Di­rek­tor bin. Die wei­te­re Rei­hen­fol­ge wird sich nach den Kom­pu­ter-Re­gis­trie­rungs­num­mern rich­ten, die im Au­gen­blick nur mir be­kannt sind. Ich bin der Mei­nung, daß die­ses Sys­tem das ver­nünf­tigs­te ist, und wir wer­den auch da­nach vor­ge­hen, au­ßer die Mehr­heit ist da­ge­gen.«

Nie­mand sprach. Dawes wünsch­te sich, ir­gend je­mand wür­de Ein­spruch er­he­ben, zu­guns­ten ei­nes in­di­vi­du­el­le­ren Sys­tems – man könn­te zum Bei­spiel ab­war­ten, daß sich die Paa­re im Lau­fe der Zeit von selbst zu­sam­men­fän­den. Aber vor sol­chen Ex­pe­ri­men­ten war ge­warnt wor­den. Viel si­che­rer war es, die Paa­re gleich zu Be­ginn zu ver­kup­peln. Da­mit war je­der der klei­nen Ge­mein­schaft so­fort ge­bun­den.

»Sehr gut«, mein­te Haas, »wir wer­den uns al­so an die Lis­te hal­ten. Je­der Mann wählt ei­ne Frau. Die­se aber hat das Recht ab­zu­leh­nen. Wei­gert sich ei­ne Er­wähl­te, so muß der be­tref­fen­de Mann war­ten, bis al­le an­dern ge­spro­chen ha­ben. Bleibt ir­gend je­mand nach drei Durch­gän­gen un­ver­mählt, wer­de ich selbst die Zu­wei­sun­gen vor­neh­men. In Ord­nung. Noo­nan, Sie als Frei­wil­li­ger ha­ben sich das Pri­vi­leg ver­dient, als ers­ter zu wäh­len. Tre­ten Sie vor.«

Noo­nan kam ru­hig lä­chelnd vor. Er war der größ­te und ag­gres­sivs­te Mann der Grup­pe und er­strahl­te förm­lich im Schein über­le­ge­nen Selbst­ver­trau­ens.

Ab­schät­zend wan­der­ten sei­ne Au­gen die Rei­he war­ten­der Frau­en ab. Ge­misch­te Ge­füh­le drück­ten sich auf den fünf­zig Ge­sich­tern aus. Ei­ni­ge Frau­en schie­nen sich da­vor zu furchten, von ihm er­wählt zu wer­den; ein Teil schau­te ihn un­ver­hoh­len feind­se­lig an, an­de­re wie­der­um be­gehr­lich. Einen Au­gen­blick lang herrsch­te To­ten­stil­le. Dann sag­te Noo­nan: »Al­so gut, ich neh­me Cher­ry Tho­mas.«

Dawes at­me­te un­ge­heu­er er­leich­tert auf. Er hat­te fest ge­glaubt, Noo­nan wür­de Ca­rol Her­rick wäh­len. Aber aus ir­gend­ei­nem Grund hat­te er die äl­te­re Frau be­vor­zugt.

Haas frag­te: »Miß Tho­mas, sind Sie mit die­ser Wahl ein­ver­stan­den?«

Cher­ry Tho­mas warf Noo­nan einen vol­len Blick zu, ihn of­fen mus­ternd. Fält­chen bil­de­ten sich um ih­re Au­gen, und das auf­blit­zen­de Lä­cheln wirk­te un­echt. »Ich den­ke, ja«, ant­wor­te­te sie. »Wenn Noo­nan mich will, wer­de ich mit ihm ge­hen.«

Haas no­tier­te et­was auf sei­ner Lis­te. »So sei es denn. Sie kön­nen sich nun ir­gend­ei­nes der Häu­ser neh­men. Nicht un­er­wähnt möch­te ich las­sen, daß auf Osi­ris je­de Ehe mit Zu­stim­mung des Se­nats ge­löst wer­den kann. Das heißt, so­bald wir einen Se­nat ha­ben. Bis da­hin wol­len Sie bit­te trach­ten, gut mit­ein­an­der aus­zu­kom­men.«

Dawes be­ob­ach­te­te, wie Noo­nan und Cher­ry weg­schlen­der­ten, um sich ihr Haus aus­zu­su­chen. Kei­ne Ze­re­mo­nie? wun­der­te er sich. An­schei­nend nicht. Der sim­ple Akt des Aus­wäh­lens voll­zog die Ehe­schlie­ßung. Mein Gott, dach­te Dawes, die Welt hier ist ja na­gel­neu. Viel­leicht ist die­se Art so­gar bes­ser.

Haas war der nächs­te, und er wähl­te Ma­ry El­li­ot, die ein­wil­lig­te. Das war vor­aus­zu­se­hen ge­we­sen und über­rasch­te da­her nie­man­den.

Der Ko­lo­nie-Di­rek­tor schau­te wie­der auf die Lis­te und kün­dig­te an, Lee Do­nald­son sei an der Rei­he. Do­nald­son, ein kräf­ti­ger, herrsch­süch­tig aus­se­hen­der Mann, mach­te ei­ni­ge Schrit­te nach vor und rief laut und ver­nehm­lich: »Claire Lu­bet­kin.«

Claire er­rö­te­te, trat ner­vös von ei­nem Bein aufs an­de­re, nag­te an der Un­ter­lip­pe. Haas stell­te ihr die üb­li­che Fra­ge. Sie schwank­te un­schlüs­sig, warf einen flüch­ti­gen Blick auf die Män­ner und nick­te schließ­lich. »Ich ak­zep­tie­re.«

Nach Do­nald­son kam Ho­ward Sto­ker mit sei­nem plum­pen, schwer­fäl­li­gen Gang, noch im­mer schmut­zig von des Ta­ges Ar­beit aus der Grup­pe.

Er be­trach­te­te die Frau­en, als tref­fe er erst jetzt, in letz­ter Mi­nu­te, sei­ne Ent­schei­dung. »Ri­na Mor­ris.«

Vie­le Au­gen­paa­re starr­ten auf Ri­na Mor­ris. Das rot­haa­ri­ge Mäd­chen rich­te­te sich steif auf. Sie be­dach­te den un­för­mi­gen, häß­li­chen Sto­ker mit ei­nem kei­nes­wegs freund­li­chen Blick. »Tut mir leid. Ich war­te noch.«

Sto­ker er­wi­der­te ih­ren Blick mit fins­te­rer, är­ger­li­cher Mie­ne. »Gut. Wenn Sie so sind, zur Höl­le mit Ih­nen. Ich neh­me Ca­rol Her­rick.«

Dawes erblaß­te bei dem Ge­dan­ken, daß Sto­kers schmut­zi­ge Pfo­ten Ca­rol ab­tas­ten soll­ten. Am liebs­ten hät­te er auf­ge­schri­en, pro­tes­tiert.

Aber schon sag­te Haas: »Tut mir leid, Ho­ward. Ich er­klär­te be­reits, daß Sie nach den Re­geln erst ein zwei­tes­mal wäh­len dür­fen, wenn al­le an­dern ge­spro­chen ha­ben.«

»Aber …«

»Ich glau­be, Sie ha­ben mich ver­stan­den, Sto­ker.«

»Ver­dammt noch­mal, ich wer­de nicht als letz­ter da­ste­hen, nur weil die­se Schlam­pe zu stolz ist, mich zu neh­men. Ich …«

Haas un­ter­brach ihn in schar­fem Ton­fall. »Sie wer­den ge­nau das tun, was ich Ih­nen vor­schrei­be, Ho­ward. Tre­ten Sie ab und war­ten Sie, bis Sie an der Rei­he sind. Mi­ke Dawes ist der nächs­te.«

Sto­ker mur­mel­te ir­gend et­was, spuck­te os­ten­ta­tiv aus und trot­te­te nach hin­ten.

Dawes stol­per­te vor, mit glü­hen­den Wan­gen, noch im­mer er­staunt über die plötz­li­che Wen­dung. Ca­rol war von Sto­ker auf­ge­for­dert wor­den, und Haas hat­te die­se Wahl nicht an­er­kannt, und jetzt war er am Zug … Er sah sich ei­ner Rei­he von Ge­sich­tern ge­gen­über: gü­tig müt­ter­li­chen Ge­sich­tern; ängst­li­chen Ge­sich­tern; amü­sier­ten Ge­sich­tern. Und ein Ge­sicht stand über al­len an­dern. Dawes such­te nach Wor­ten.

»Ich w-wäh­le – ich wäh­le Ca­rol Her­rick«, stot­ter­te er und wag­te nicht, sie da­bei an­zu­se­hen.

Haas lä­chel­te. »Miß Her­rick?«

Dawes war­te­te qual­vol­le Se­kun­den lang. Er schau­te nicht hin zu Ca­rol, son­dern senk­te den Blick zu Bo­den, zu an­ge­spannt, um at­men zu kön­nen.

End­lich ant­wor­te­te sie, so lei­se, daß es kaum hör­bar war: »Ja.«

 

11

 

Dawes und Ca­rol ver­lie­ßen ge­mein­sam die Lich­tung, schrit­ten rasch weg, oh­ne zu spre­chen, ja oh­ne ein­an­der an­zu­se­hen.

Bei den kreis­för­mig an­ge­ord­ne­ten Sei­fen­bla­sen-Häu­sern an­ge­kom­men, brach er das Schwei­gen. »Das bes­te wä­re nun, ein Haus zu be­le­gen.«

»Nimm ir­gend­eins, das dir ge­fällt – Mi­ke.«

Er schau­te sich um. Die Kup­peln wa­ren leer, le­dig­lich schüt­zen­de Ge­wöl­be ge­gen her­ein­bre­chen­de Win­de. Schla­fen wür­de man schon kön­nen, da drin­nen, wenn es einen nicht stör­te, am Bo­den lie­gen zu müs­sen. Und sol­che Klei­nig­kei­ten hat­ten Ko­lo­nis­ten nicht zu stö­ren. Spä­ter ein­mal wür­de man si­cher Zeit ha­ben, Bet­ten zu zim­mern.

Er deu­te­te auf das Haus ne­ben Noo­n­ans. Wä­re viel­leicht nicht schlecht, Noo­nan als Nach­barn zu ha­ben, dach­te Dawes. Für den Fall, daß es Schwie­rig­kei­ten gibt.

»Neh­men wir das dort«, schlug Dawes vor.

Sie gin­gen dar­auf zu. Dawes trug so­wohl sei­nen als auch ih­ren Kof­fer, je­der ge­füllt mit et­wa zehn Ki­lo­gramm per­sön­li­cher Hab­se­lig­kei­ten. Vor der Ein­gangs­tür blieb er ste­hen und über­leg­te, ob er, dem al­ten Brauch ent­spre­chend, sei­ne Frau über die Tür­schwel­le tra­gen soll­te. Er war schon sehr na­he dar­an, die Kof­fer ab­zu­stel­len und sich nach ihr um­zu­dre­hen. Dann, sei­ne Mei­nung wie­der än­dernd, trat er ein­fach ein. Sie folg­te ihm.

Der Raum um­faß­te ei­ne Flä­che von et­wa acht­zehn Qua­drat­me­tern. Aus­rei­chend für Bet­ten und viel­leicht einen Klei­der­kas­ten, aber für nicht viel mehr. In­stal­la­tio­nen wür­den erst viel spä­ter an­ge­fer­tigt wer­den; bis da­hin wür­den sie sich mit dem na­he­ge­le­ge­nen See be­gnü­gen müs­sen und von dort das Was­ser neh­men, so­wohl zum Wa­schen als auch zum Trin­ken.

»Nicht sehr ein­drucks­voll, wie?« frag­te er.

»Nein, nicht sehr.«

»Wir wer­den das schon än­dern. Die­se Kup­peln sind ja nur ein Not­be­helf, schüt­zen­de Plätz­chen, bis wir rich­ti­ge Häu­ser bau­en. Ei­nes Ta­ges wer­den wir ein pri­ma Heim ha­ben, Ca­rol.«

Er lä­chel­te ihr er­mu­ti­gend zu. Sie aber sank nie­der auf ih­ren Kof­fer und starr­te trüb­sin­nig ins Nichts. Dawes be­gann, sich um die Schlaf­ge­le­gen­heit Ge­dan­ken zu ma­chen. Sie wür­den einen Teil ih­rer Klei­der aus­brei­ten, sich wär­me­su­chend an­ein­an­der­schmie­gen und sich mit den rest­li­chen zu­de­cken müs­sen, dach­te er. »Ich hat­te nicht er­war­tet, daß al­les so kom­men wür­de«, sag­te sie plötz­lich mit ton­lo­ser Stim­me. »Ich mei­ne, mein Le­ben und was da­mit zu­sam­men­hängt. Ich mach­te mir nie viel Ge­dan­ken dar­über, was aus mir wer­den soll­te. Aber ganz be­stimmt hat­te ich mir nicht vor­ge­stellt, ein­mal in ei­ner klei­nen Sei­fen­bla­se auf ir­gend­ei­ner an­dern Welt zu en­den.«

»Auch ich nicht, Ca­rol. Nie­mand hier.«

»Aber jetzt sind wir da, nicht wahr?«

Er nick­te; und frag­te dann nach ei­ner Wei­le: »Was hast du auf der Er­de ge­macht?«

»Ge­macht? Ach so – ich war Ste­no­ty­pis­tin. Bei ei­ner Bau­fir­ma im Oa­k­land. Ich glau­be, ich war­te­te nur dar­auf, ge­hei­ra­tet zu wer­den. Nun, das ist jetzt ge­sche­hen – ir­gend­wie.«

 

Dawes war ent­täuscht. Er hat­te sie nie vor­her ge­fragt – er hat­te es nicht ge­wagt, im Raum­schiff viel mit ihr zu spre­chen – aber doch heim­lich ge­hofft, sie wür­de ei­ne Schau­spie­le­rin sein, ei­ne Dich­te­rin, viel­leicht ei­ne Sän­ge­rin. Ir­gend­wie mit Ta­lent, ei­ne, auf die er stolz sein könn­te, ei­ne, die sich von den an­de­ren Frau­en ab­he­ben wür­de.

Er be­schloß, sich mit ih­rer schlan­ken Schön­heit zu­frie­den­zu­ge­ben und al­le an­de­ren Er­war­tun­gen fal­len­zu­las­sen. Sie war, so schi­en es, nur ein ge­wöhn­li­ches Mäd­chen, un­schul­dig und scheu.

»Ich be­such­te ein Col­le­ge«, er­zähl­te er. »Auch das ist jetzt vor­bei. Wir müs­sen al­le von vorn an­fan­gen, hier auf Osi­ris.«

»Das ist wie im Mit­tel­al­ter«, be­merk­te Ca­rol ge­faßt, als kur­ze Zeit ver­stri­chen war. »Du und ich, auf die­se Wei­se ver­mählt. Für im­mer ver­bun­den.«

»Warum sag­test du ›ja‹, als ich dich wähl­te?«

»Was hät­te ich sonst tun sol­len? Die an­dern woll­te ich nicht, die äl­te­ren Män­ner. Und du sahst da­nach aus, als könn­te ich mich mit dir aus­spre­chen, mit dir glück­lich sein. Auch wenn du ein we­nig jün­ger bist als ich.«

»Ich hof­fe, wir wer­den glück­lich sein, Ca­rol.«

»Das hof­fe auch ich. Aber – Mi­ke, ich hab’ Angst …«

Trä­nen stan­den in ih­ren Au­gen. Dawes merk­te, daß sie je­den Au­gen­blick in wil­de Hys­te­rie ver­fal­len könn­te. Nicht ge­ra­de die idea­le Ver­fas­sung für ei­ne Hoch­zeits­nacht, dach­te Dawes. Und er wüß­te nicht ein­mal, was mit ihr an­fan­gen, soll­te sie in Trä­nen aus­bre­chen.

Er sag­te, so be­stimmt er nur ver­moch­te: »Ca­rol, wir müs­sen trach­ten, aus die­ser La­ge so­viel wie nur mög­lich her­aus­zu­ho­len. Du weißt, was ich mei­ne. Wir müs­sen uns mit die­ser Si­tua­ti­on ab­fin­den: du und ich, zu­sam­men auf Osi­ris, und es gibt kein Zu­rück. Nie­mals.«

Sie nick­te. Und dann, nach lan­gem Schwei­gen, ging er auf sie zu, leg­te sei­ne Ar­me um ih­re schma­len Schul­tern, küß­te sie. Es war ein zärt­li­cher, be­ben­der Kuß, ein zö­gern­des Sich­fin­den tro­ckener Lip­pen­paa­re.

Doch plötz­lich gell­te ein durch­drin­gen­der Schrei aus der Rich­tung, in der Noo­n­ans Haus stand. Dawes fuhr hoch. »Hast du das ge­hört – den Schrei?«

»Es klang, als wä­re es Noo­nan ge­we­sen. Glaubst du, daß er Dif­fe­ren­zen mit Cher­ry hat?«

»Ich weiß nicht, aber …«

Wie­der hör­ten sie Ru­fe. Und dies­mal wa­ren die Wor­te deut­lich zu ver­ste­hen. Noo­nan brüll­te: »Hal­lo! Dawes! Dawes! Hil­fe!«

 

Noo­nan und Cher­ry be­fan­den sich au­ßer­halb ih­rer Kup­pel. Sie stan­den in der Dun­kel­heit, um­ge­ben von Schat­ten, schwar­zen Ge­stal­ten. Noo­nan ging mit ru­dern­den Ar­men ge­gen sie vor und brüll­te.

»Weg von mir!« schrie der große Mann. »Hal­lo, Dawes! Lau­fen Sie! Ho­len Sie Hil­fe!«

Dawes er­starr­te, wuß­te nicht, wo­hin er sich wen­den soll­te. Er hör­te Ca­rols flie­gen­den Atem. Sei­ne Au­gen, die sich in der Zwi­schen­zeit an die Dun­kel­heit ge­wöhnt hat­ten, sa­hen die 5ze­ne nun deut­lich vor sich.

Sechs oder sie­ben schwar­ze We­sen – kei­nes­falls wa­ren es Men­schen – um­ring­ten die sich sträu­ben­den Ge­stal­ten von Noo­nan und Cher­ry Tho­mas. Dawes sah un­för­mi­ge, hals­lo­se Köp­fe, di­cke Schul­tern, seh­ni­ge Ar­me. Er fühl­te sich zu elend, um lau­fen zu kön­nen, blieb ste­hen, wo er sich ge­ra­de be­fand, hör­te Noo­n­ans Flü­che, Cher­rys angst­vol­le Stim­me und das ge­le­gent­li­che hei­se­re Grun­zen ei­nes zu­rück­ge­schla­ge­nen An­grei­fers.

Dann spür­te er et­was Kal­tes und Haa­ri­ges und hör­te Ca­rol auf­krei­schen.

An­de­re Ko­lo­nis­ten ka­men. Dawes kämpf­te, kämpf­te das ers­te­mal seit der ver­ges­se­nen Kind­heit. Er wehr­te sich mit Ar­men und Bei­nen, wir­bel­te her­um und stieß mit den Schul­tern um sich, teil­te Fuß­trit­te aus an klot­zi­ge, dicht­be­haar­te Ge­stal­ten, die er nur teil­wei­se se­hen konn­te. Sei­ne Fin­ger­nä­gel ver­gru­ben sich in ei­nem nach Mo­schus rie­chen­den Pelz. Er krümm­te und wand sich, stieß wie­der mit den Fü­ßen zu. Und dann konn­te er nicht mehr kämp­fen. Er wur­de fest­ge­hal­ten, von di­cken, frem­den Ar­men ei­sern um­klam­mert.

»Mi­ke«, wim­mer­te Ca­rol.

Er fühl­te einen ste­chen­den Schmerz. »Ich kann nichts tun, Ca­rol. Gar nichts. Sie ha­ben auch mich.«

»Das sind die Frem­den«, er­tön­te Noo­n­ans zor­ni­ge Stim­me. »Je­ne, die Matt­hews sah. Bös­ar­ti­ge Frem­de.« Sein dröh­nen­der Schrei brei­te­te sich über die gan­ze Ko­lo­nie aus. »Frem­de!«

Dawes spür­te, daß man ihn hoch­hob. Zwei kräf­ti­ge Hän­de um­faß­ten sei­ne Knö­chel, zwei pack­ten ihn un­ter den Ar­men. Er ver­such­te noch ein­mal, sich zu wi­der­set­zen. Aber es war ge­nau­so hoff­nungs­los, wie sich aus ei­nem Schraub­stock be­frei­en zu wol­len.

Er schau­kel­te hin und her. Er be­merk­te, daß man sich in Be­we­gung ge­setzt hat­te.

Dunkle Ge­stal­ten und noch dunk­ler­er Dschun­gel. Er wur­de in Rich­tung Wald fort­ge­tra­gen. Er konn­te nichts se­hen, we­der Ca­rol, noch Noo­nan, noch Cher­ry.

Nach ei­ner Wei­le gab er die Ver­su­che auf, sich los­zu­rei­ßen. Die Frem­den be­han­del­ten ihn sanft ge­nug. Er konn­te sich nur nicht be­we­gen und wur­de in gleich­mä­ßi­gem Tem­po da­hin­ge­tra­gen. Zu dumm, daß kein Mond schi­en, dach­te er. Schat­ten­haf­te Um­ris­se von Bäu­men, die über ihm ih­re Äs­te spann­ten, konn­te er aus­neh­men, aber al­les an­de­re ver­schwamm. Er hör­te Nacht­vö­gel kräch­zen, ihn von den Baum­wip­feln aus ver­spot­tend. Angst er­füll­te ihn. Da­hin­ge­tra­gen mit sanf­ter, frem­der Ge­walt er­gab er sich dem Schick­sal, denn er wuß­te, daß er kei­ne an­de­re Mög­lich­keit hat­te.

 

Wie lan­ge die Rei­se dau­er­te, wuß­te Dawes nicht zu sa­gen. Er hat­te jeg­li­ches Zeit­ge­fühl ver­lo­ren. Für die­sen kal­ten Kon­ti­nent war der Wald er­staun­lich dicht und ver­wach­sen; bau­meln­de Ran­ken fuh­ren ihm übers Ge­sicht. Ei­ne da­von hin­ter­ließ ei­ne ekel­haf­te Schleim­spur. Sei­ne Hän­de stan­den un­ter frem­der Kon­trol­le; er konn­te sich nicht ein­mal das Ge­sicht ab­wi­schen. Nach ei­ner Wei­le be­gann der Schleim, der sich auf der lin­ken Ge­sichts­hälf­te von der Braue bis zum Mund­win­kel zog, zu bren­nen. Lag die Ur­sa­che in ei­nem ät­zen­den Ef­fekt oder sonst­wo, er konn­te es nicht sa­gen.

Er ver­dreh­te den Kopf, und so ge­lang es ihm, einen Teil des Schleims auf sein Hemd ab­zu­strei­fen. Aber drei bis fünf Zen­ti­me­ter blie­ben den­noch haf­ten, ge­nau links vom Au­ge, und wa­ren nicht zu er­rei­chen. Er frag­te sich, ob ir­gend­ein Mal zu­rück­blei­ben wür­de, viel­leicht ei­ne wei­ße Nar­be oder ei­ne Schwel­lung der Haut.

End­lich nahm der Treck durch den Wald ein En­de. Die Frem­den bra­chen aus dem Dickicht, und Dawes konn­te die kah­len Wän­de der vor­sprin­gen­den Fel­sen se­hen.

Der Auf­stieg war ein schreck­li­ches Er­leb­nis – das schreck­lichs­te seit dem ei­gent­li­chen Ent­füh­rungs­akt.

Die Frem­den, so er­kann­te er, hat­ten di­cke, bläu­li­che Näp­fe auf ih­ren Hand­flä­chen und auf den Soh­len ih­rer plum­pen Fü­ße. Saugnäp­fe.

Die Frem­den pack­ten ihn si­cher un­ter den Ar­men und an den Bei­nen und be­gan­nen, die nack­ten Klip­pen em­por­zu­klet­tern. Dawes wank­te schwin­de­lig ein­mal vor, ein­mal zu­rück, wäh­rend sie die glat­te Fels­wand hin­auf­stie­gen, als wä­re sie ei­ne Lei­ter. Bei je­dem neu­er­li­chen Ruck kipp­te er vorn­über, war aber so klug, nicht in die gäh­nen­de Tie­fe zu bli­cken.

Als Dawes glaub­te, den Ver­stand zu ver­lie­ren, en­de­te die ge­fähr­li­che Klet­te­rei. Die Frem­den gin­gen ge­ra­de­aus wei­ter, in ir­gend­ei­ne Höh­le hin­ein, die an­schei­nend in den Fel­sen ge­hau­en wor­den war.

Dawes’ blü­hen­de Phan­ta­sie ließ ihn schon ge­heim­nis­vol­le Op­fer-Ri­ten se­hen, in die­ser furcht­ba­ren Höh­le. Oder Vam­pi­re, in der Dun­kel­heit vor ih­nen lau­ernd, dank­bar für das Op­fer, das man ih­nen dar­brach­te.

Aber nichts ge­sch­ah. Kei­nes der gräß­li­chen Din­ge, die er sich vor­ge­gau­kelt hat­te. Die Frem­den lie­ßen ihn ein­fach in der Höh­le zu­rück. Sie setz­ten ihn mit ver­blüf­fen­der Zart­heit ab. Lie­ßen ihn im kal­ten, feuch­ten Sand lie­gen, dreh­ten ihm ih­re Rücken zu und trot­te­ten weg. In der voll­kom­me­nen Dun­kel­heit konn­te er über­haupt nichts se­hen.

Er spür­te, daß sich noch an­de­re Frem­de in der Höh­le auf­hiel­ten. Er glaub­te, das nach dem af­fen­ähn­li­chen schlei­fen­den Gang be­ur­tei­len zu kön­nen. Er frag­te sich, ob die gan­ze Ko­lo­nie fort­ge­schleppt und hier in die­ser Höh­le ab­ge­legt wer­den soll­te. Das Er­kun­dungs-Team be­rich­te­te, der Pla­net wä­re un­be­wohnt, dach­te er vor­wurfs­voll. Aber Da­ve Matt­hews hat­te recht ge­habt.

 

Er saß ru­hig da in der Dun­kel­heit. Schluch­zen wur­de hör­bar, ir­gend­wo zu sei­ner Rech­ten. Im Hin­ter­grund hör­te er das sanf­te Mur­meln flie­ßen­den Was­sers, als plät­sche­re ein Bach durch die Höh­le.

»Wer ist da?« frag­te er. »Wer sind Sie?«

»Ich bin Ca­rol. Bist du das, Mi­ke?«

Ein Teil sei­ner Furcht ver­flog. So war er we­nigs­tens nicht al­lein hier!

»Ja. Wo bist du, Ca­rol?«

»Sit­ze im Sand, ir­gend­wo. Ich kann nichts se­hen. Was ge­schieht nur mit uns?«

»Ich weiß es nicht«, ant­wor­te­te Dawes. »Rühr dich nicht von der Stel­le. Ich wer­de ver­su­chen, dich zu fin­den. Ver­damm­te Fins­ter­nis!«

Er schau­te um sich, ver­such­te, die Rich­tung zu er­ra­ten, aus der Ca­rols Stim­me ge­kom­men war. Aber er wuß­te, daß hier drin­nen kein Vek­tor stim­men wür­de. Die Höh­len­wän­de hat­ten einen ver­zer­ren­den Ef­fekt.

Ei­ne Stim­me, die er als Noo­n­ans iden­ti­fi­zier­te, mel­de­te sich. »Dawes, sind das Sie?« Sie kam von ir­gend­wo­her wei­ter drin­nen in der Höh­le, hin­ter ihm, be­glei­tet von hal­len­den Echos.

»Ja«, schrie Dawes laut zu­rück. »Und Ca­rol ist eben­falls hier. Sonst noch je­mand da?«

»Ich«, ant­wor­te­te Cher­ry Tho­mas.

Ih­re Stim­me wi­der­hall­te von al­len Sei­ten. Sonst rühr­te sich nie­mand mehr. Vor sich hin­star­rend, oh­ne et­was zu se­hen, war­te­te Dawes einen Au­gen­blick lang und sag­te dann matt, als die Echos ver­stumm­ten: »Ich neh­me an, daß al­so nur wir vier hier oben in die­ser Höh­le sind. Was, zum Teu­fel, wol­len sie nur von uns?«

Nie­mand ant­wor­te­te.

Drau­ßen, vor dem Ein­gang, feg­te der Wind um die Ber­ge, pfei­fend und stöh­nend. Dawes zit­ter­te. In die­ser Dun­kel­heit hier konn­te er nicht ein­mal sei­ne Hand vor den Au­gen se­hen. Nie zu­vor hat­te er ei­ne der­ar­tig in­ten­si­ve Fins­ter­nis er­lebt.

Und noch ei­ne Fins­ter­nis kam ihm jetzt deut­li­cher zum Be­wußt­sein – die fins­te­ren Sei­ten ei­nes Le­bens, die einen Men­schen von sei­nem recht­mä­ßi­gen Platz los­ris­sen und auf ei­ne frem­de Welt schleu­der­ten. Und die ihn dann wie­der­um pack­ten und in ei­ne win­dum­braus­te Höh­le war­fen, kaum daß er be­gon­nen hat­te, der frem­den Um­ge­bung et­was Ver­traut­heit ab­zu­ge­win­nen. Er fühl­te sich sehr al­lein, sehr jung, mehr als nur ein we­nig ver­ängs­tigt.

Er be­gann, über den kal­ten, nas­sen Sand zu krie­chen, der den Bo­den der Höh­le be­deck­te. Of­fen­bar floß der Bach, den er hör­te, nicht zu tief un­ter dem Sand da­hin, na­he ge­nug der Ober­flä­che, um Käl­te zu ver­brei­ten, und kam dann plät­schernd tiefer in der Höh­le her­aus.

Nie­mand sprach. Er hör­te stän­dig Schluch­zen, hat­te aber we­nig Hin­wei­se auf ei­ne Rich­tung, ja nicht ein­mal die lei­ses­te Ah­nung, wie groß die Höh­le war.

»Ca­rol! Ca­rol!« rief er laut.

Auf Hän­den und Kni­en tapp­te er in der Dun­kel­heit um­her. Nach Mi­nu­ten un­si­che­ren Su­chens spür­te er ei­ne war­me Hand über sei­ne strei­fen, was ihn ein we­nig er­schreck­te. Die­se Hand fand sein Ge­lenk und um­faß­te es so wohl­tu­end.

»Gott sei Dank«, mur­mel­te er.

Blind­lings tas­te­te er sich wei­ter und be­rühr­te einen nach­gie­bi­gen Kör­per. Ar­me um­schlan­gen ihn. Er war dem Schluch­zen na­he, so dank­bar war er. Als das Mor­gen­licht hell und strah­lend in die Höh­le floß, wach­te Dawes lang­sam auf wie aus ei­nem bi­zar­ren Traum. Er schau­te um sich.

Ent­setzt ent­deck­te er, daß er sei­ne Hoch­zeits­nacht in den Ar­men von Cher­ry Tho­mas ver­bracht hat­te.

 

12

 

Das Ta­ges­licht ent­hüll­te ihm Ca­rols La­ge. Sie lag et­wa drei­ßig Me­ter tiefer drin­nen in der Höh­le, ein klei­nes Bün­del, aus­ge­streckt im Sand. Sie schlief noch, mit an­ge­zo­ge­nen Kni­en und den Hän­den un­ter ei­ner Wan­ge. An sei­ner Sei­te schlief Cher­ry – auf­ge­löst, mit wir­rem, glän­zend blon­dem Haar (dem Haar, das ich ver­gan­ge­ne Nacht lieb­kos­te, dach­te Dawes schuld­be­wußt), die Lip­pen ge­öff­net. Dawes fühl­te sich, als hät­te er sich be­schmutzt. Der Kör­per schmerz­te; die Kno­chen wa­ren steif von Feuch­tig­keit und Käl­te; er war durch und durch matt.

Noo­nan war be­reits wach. Dawes ent­deck­te ihn weit hin­ten in der Höh­le, links von Ca­rol. Er saß auf­recht da, die Ar­me um sei­ne Knie ge­schlun­gen, und be­trach­te­te Dawes amü­siert.

»Mor­gen«, sag­te der große Mann grin­send.

»Gu­ten Mor­gen«, er­wi­der­te Dawes ver­le­gen.

»Es scheint, daß Sie sich ver­gan­ge­ne Nacht ein we­nig ge­irrt ha­ben«, be­merk­te Noo­nan tro­cken. Die Ver­tau­schung schi­en ihn nicht zu be­küm­mern. »Das hier ist Ihr Mäd­chen, wis­sen Sie.«

Dawes wur­de rot. »Ich – es war so fins­ter – ich wuß­te nicht …« Er hielt in­ne. Da war et­was, was er un­be­dingt so­fort wis­sen muß­te; aber es ge­lang ihm nicht, die­se Fra­ge an Noo­nan zu for­mu­lie­ren. Schließ­lich stot­ter­te er: »Sa­gen Sie mir … ha­ben Sie … ha­ben Sie …«

Er ließ die Fra­ge un­aus­ge­spro­chen. Aber Noo­nan grins­te und ant­wor­te­te: »Nein. Ich ha­be Ihr Lieb­chen nicht an­ge­rührt. Konn­te sie nicht fin­den, um die Wahr­heit zu sa­gen. Aber die­se Sa­che mit Ih­nen und Cher­ry ist halb so schlimm. Irr­tü­mer kön­nen pas­sie­ren. Und au­ßer­dem wa­ren Sie nicht der ers­te, und ich wer­de nicht der letz­te sein.«

Mit ei­ner weg­wer­fen­den Ges­te sprang Noo­nan auf die Bei­ne und schlen­der­te auf Dawes zu, der war­tend da­stand, wäh­rend er zur schla­fen­den Cher­ry hin­un­ter­schau­te.

»Die­se Frau­en ver­schla­fen auch al­les«, scherz­te Noo­nan. Sei­ne Au­gen ver­eng­ten sich, als er Dawes von der Nä­he sah. »Him­mel, Sie se­hen fürch­ter­lich aus. Grün im Ge­sicht.«

»Ich – ich bin schreck­lich mü­de.«

»Sie wer­den doch nicht krank wer­den?«

Dawes schüt­tel­te den Kopf. »Ich füh­le mich nur wie zer­schla­gen.«

»Sie schau­en elen­der aus als nur zer­schla­gen.«

»Und ist das ein Wun­der?« frag­te Dawes. »Wo, zum Teu­fel, sind wir? Was ha­ben die­se Frem­den mit uns vor? Zu Mit­tag sind wir viel­leicht schon zu Stew ver­ar­bei­tet, Noo­nan.« Dawes’ Stim­me klang dünn und hoch.

»Das be­zweifle ich«, mein­te Noo­nan läs­sig. »Aber schau­en wir ein­mal nach.«

Ge­mein­sam mar­schier­ten sie vor zum Höh­len­ein­gang.

 

Dawes rang nach Atem.

Sie stan­den we­nigs­tens drei­ßig Me­ter über der brau­nen Ober­flä­che von Osi­ris. Die Höh­le drang in einen bei­na­he ver­ti­kal an­stei­gen­den Fel­sen hin­ein. Dar­über und dar­un­ter er­streck­te sich glat­tes, schwar­zes Fel­sen­ge­stein, das in der Mor­gen­son­ne matt schim­mer­te. Und ganz un­ten, am fer­nen Bo­den, be­weg­ten sich ei­ni­ge Frem­de ziel­los hin und her, als hiel­ten sie Wa­che.

Dawes zeig­te über die brei­te, be­wal­de­te Flä­che hin­aus. »Schau­en Sie, das muß die Ko­lo­nie sein, auf der Lich­tung, dort, ganz weit drau­ßen!« Noo­nan nick­te. »Gu­te zehn Mei­len ent­fernt. Und wir kön­nen sie gut er­ken­nen. Das ist die flachs­te Welt, die ich je sah, aus­ge­nom­men die­se Klip­pen hier.« Er deu­te­te hin­un­ter auf die Frem­den. »Un­ge­müt­li­ches Volk, die da un­ten.«

Die Frem­den wirk­ten auf die­se Ent­fer­nung hin wie gelb-brau­ne Kleck­se auf dem dunk­le­ren Braun des Bo­dens. Sie hat­ten einen di­cken Pelz, wie Dawes sah, kei­nen Hals und einen plum­pen Kör­per. Er glaub­te auch, die bläu­lich pur­pur­nen Saugnäp­fe auf den Flä­chen ih­rer brei­ten Hän­de zu se­hen.

Dawes trat vom Ein­gang zu­rück und sag­te leicht­hin, oh­ne je­doch die Be­deu­tung sei­ner Wor­te zu er­fas­sen: »Ein tiefer Ab­grund!«

Er schau­te zu Noo­nan auf. Die­ser grins­te und be­stä­tig­te: »Da ha­ben Sie ver­dammt recht. Ich glau­be, wir wer­den ei­ne Wei­le hier­blei­ben müs­sen, und es wird uns nichts an­de­res üb­rig­blei­ben, als aus die­ser Si­tua­ti­on eben so­viel wie nur mög­lich her­aus­zu­ho­len.«

Dawes er­beb­te ein we­nig un­ter Noo­n­ans Wor­ten. Denn es wa­ren ge­nau die­sel­ben, die er knapp vor der At­ta­cke trös­tend zu Ca­rol ge­sagt hat­te. Die Er­in­ne­rung an sei­ne ver­un­glück­te Hoch­zeits­nacht quäl­te ihn. Er dreh­te sich um, um das In­ne­re der Höh­le zu in­spi­zie­ren.

Die Höh­le war lang und hoch, hö­her als breit, neig­te sich höh­len­wärts nach un­ten und ver­schwand dann in ei­ner Fels­wand, dort, wo­hin kei­ne Son­nen­strah­len mehr vor­drin­gen konn­ten. Weit hin­ten ström­te ein klei­ner Bach aus dem Fel­sen, floß den Höh­len­bo­den ent­lang und ver­si­cker­te dann wie­der; bil­de­te, mit Sand ver­mischt, ei­ne klei­ne, schma­le Pfüt­ze. Die Mor­gen­luft war kalt und scharf; der Wind fuhr kla­gend vor­über.

Sie be­fan­den sich drei­ßig Me­ter über dem Bo­den, in ei­ner kal­ten Höh­le im stei­len Fel­sen. Sie hat­ten fri­sches Was­ser. Sie wür­den hier un­be­stimm­te Zeit über­le­ben kön­nen, wenn …

Dawes’ Ma­gen knurr­te. Er sag­te zu Noo­nan: »An­ge­nom­men, sie wol­len uns hier ver­hun­gern las­sen! Wenn sie uns kein Es­sen brin­gen, was dann?«

»Dann wer­den wir ein­an­der auf­fres­sen«, ant­wor­te­te Noo­nan. »Frau­en und Kin­der zu­erst.« Er gähn­te und zeig­te da­bei star­ke, schar­fe, wei­ße Zäh­ne, und Dawes glaub­te halb und halb, daß er es ernst ge­meint hat­te. Man konn­te bei Noo­nan nie recht wis­sen, wie man dar­an war.

Den­noch war er froh, daß Noo­nan hier war. Der äl­te­re Mann strahl­te Stär­ke, Au­to­ri­tät und Mut aus; al­les Ei­gen­schaf­ten, von de­nen Dawes wuß­te, daß sie ihm fehl­ten. Noo­nan war ein Aben­teu­rer. Er hat­te sich frei­wil­lig ge­stellt. Das setz­te einen Mut vor­aus, der Dawes un­be­greif­lich war, und aus die­sem Grund re­spek­tier­te er Noo­nan.

»We­cken wir ein­mal die Mäd­chen auf«, schlug Noo­nan vor.

»Ja, das könn­ten wir tun«, stimm­te Dawes zu.

 

Er mach­te sich auf den Weg nach hin­ten, dort­hin wo Ca­rol schlief. Im Zu­rück­bli­cken sah er Noo­nan über Cher­ry ge­beugt, die­se kräf­tig hin- und her­schüt­telnd.

Ca­rol lag noch im­mer in der­sel­ben Po­si­ti­on da. Sie schi­en so fest zu schla­fen, daß es Dawes schwer­fiel, sie zu we­cken. Er knie­te an ih­rer Sei­te, lausch­te einen Au­gen­blick lang dem un­ge­trüb­ten Rhyth­mus ih­res Atems und wun­der­te sich, daß sie an ei­nem Ort wie die­sem so ru­hig schla­fen konn­te.

Er leg­te sei­ne Hand leicht auf ih­re Schul­ter. »Ca­rol. Wach auf, Ca­rol.«

Sie be­weg­te sich, aber ih­re Au­gen blie­ben ge­schlos­sen – als woll­te sie nicht auf­wa­chen, dach­te Dawes. Als zö­ge sie es vor, in der Sorg­lo­sig­keit ih­res Traums zu ver­wei­len. Er schüt­tel­te sie ener­gi­scher, und sie be­gann auf­zu­wa­chen.

»Ca­rol? Bist du wach?«

»Was – oh – Ma­ma, ja – ich muß ver­schla­fen ha­ben …«

Sie öff­ne­te die Au­gen und setz­te sich auf. Einen Au­gen­blick lang starr­te sie auf Dawes, auf die Höh­le, ver­dutzt und ver­ständ­nis­los. Dann ver­blaß­te ihr Traum von zu Hau­se, und die Wirk­lich­keit kehr­te zu­rück.

»Oh – ich träum­te. Ich schlief so fest, die gan­ze Nacht – ich dach­te, du woll­test zu mir kom­men, aber das ta­test du nicht, nicht wahr? Du …«

»Komm«, sag­te er ru­hig. »Ge­hen wir zu den an­dern. Es ist Tag.«

Zu dem Zeit­punkt war auch Cher­ry schon wach; sie streck­te sich, rieb sich die Au­gen, brach­te ih­re Klei­der in Ord­nung. Noo­nan stand mit ver­schränk­ten Ar­men ne­ben ihr. Dawes und Ca­rol nä­her­ten sich ih­nen. Cher­ry nick­te Ca­rol zu und lä­chel­te Dawes iro­nisch an.

Lan­ge Zeit stan­den al­le vier da, je­der für sich, und schau­ten ein­an­der an. Schau­ten sich le­dig­lich an. Und Dawes er­kann­te plötz­lich, daß sich das Le­ben in der Höh­le kom­pli­zie­ren wür­de.

Er wuß­te: Noo­nan und Cher­ry hat­ten die Si­tua­ti­on er­faßt. Im Au­gen­blick aber wuß­te er nicht, ob Ca­rol be­griff, was er die Nacht zu­vor an­ge­stellt hat­te; oder, wenn ja, ob sie die un­glück­li­chen Ver­wick­lun­gen ver­stand. Je­ne Lie­be, in die er sich ver­gan­ge­ne Nacht ge­stürzt hat­te, blind­lings, tas­tend, in pa­ni­schem Be­dürf­nis, ver­band sie al­le vier auf ei­ne Wei­se, die Dawes nur zum Teil ver­stand. In­ner­lich war er sich ein­zig und al­lein si­cher, Ca­rol be­tro­gen zu ha­ben.

Al­le vier schau­ten ein­an­der nur an. Noo­nan mus­ter­te Ca­rols schlan­ke Fi­gur mit un­ver­hoh­le­ner Neu­gier­de. Cher­ry schi­en zu schwan­ken: sie äug­te zu Noo­nan auf ei­ne weib­li­che, her­aus­for­dern­de Art und be­trach­te­te zur sel­ben Zeit Dawes so­wohl müt­ter­lich als auch of­fen be­geh­rend. Es hat­te den An­schein, sie woll­te je­den. Dawes war sich sei­ner Re­gun­gen voll­kom­men un­si­cher. Dem Ko­lo­nie-Ge­setz nach war Ca­rol sei­ne le­gi­ti­me Frau. Aber zwi­schen ih­nen war nichts ge­we­sen als je­ner ei­ne un­ter­bro­che­ne Kuß. Und er hat­te ih­re Hoch­zeits­nacht mit Cher­ry ver­bracht.

»Wir wer­den hier nicht sehr viel Pri­vat­le­ben füh­ren kön­nen«, brach Noo­nan end­lich das an­ge­spann­te Schwei­gen.

»Sag das noch ein­mal«, be­gehr­te Cher­ry auf.

»Das wer­de ich nicht. Aber ei­ni­ge hier wer­den ih­re Auf­fas­sun­gen ein we­nig än­dern müs­sen. Und ich weiß auch nicht, wie lan­ge man uns hier ge­fan­gen­hal­ten wird – denn ver­mut­lich kom­men wir nicht oh­ne frem­de Hil­fe her­aus.«

»Sie glau­ben nicht, daß es ei­ne Mög­lich­keit gibt, uns selbst zu be­frei­en?« frag­te Dawes.

Ach­sel­zu­cken. »Mir fällt nichts Ge­eig­ne­tes ein. Bis hin­un­ter ist es ein lan­ger Weg, das ist al­les.«

»Die­se Frem­den«, misch­te sich Ca­rol zö­gernd ein, »sind un­ten und be­ob­ach­ten uns?«

Noo­nan nick­te. »Ein gan­zes Ru­del hält sich im Tal un­ten auf. Wir sind hier fest­ge­na­gelt, und sie kön­nen uns zu je­der be­lie­bi­gen Zeit ho­len kom­men. Für uns aber gibt es kei­ne Mög­lich­keit zu ent­kom­men.«

»Und die Ko­lo­nis­ten wer­den uns wohl kaum zu Hil­fe kom­men«, mein­te Cher­ry Tho­mas. »Die wer­den uns als ver­schol­len ab­schrei­ben, neh­me ich an. Sie wer­den zu sehr da­mit be­schäf­tigt sein, ih­re Gren­zen zu ver­tei­di­gen.«

»Es gibt kei­ne Gren­zen«, ent­geg­ne­te Ca­rol. »Wenn sie die­se Klip­pen hier er­stei­gen kön­nen, so kön­nen sie auch über ei­ne fünf Me­ter ho­he Mau­er klet­tern, nicht wahr?«

Dawes mein­te: »Die Ko­lo­nis­ten wer­den uns nicht be­frei­en, weil sie nicht kön­nen. Sie wis­sen ja nicht ein­mal, wo wir sind. Vor­aus­ge­setzt, daß ei­ne Ko­lo­nie über­haupt noch exis­tiert.«

Noo­nan nick­te zu­stim­mend. »Das ist die Fra­ge. Die Frem­den könn­ten ja al­le ein­ge­sperrt ha­ben, je vier in ei­ner Höh­le. Oder sie ha­ben nur uns ge­schnappt. Wer kann das sa­gen.«

»Nun, wir ste­cken jetzt hier drin­nen«, sag­te Cher­ry. »Aber wo­her sol­len wir Es­sen be­kom­men?«

Noo­nan zuck­te die Ach­seln. »Viel­leicht sind die Frem­den so nett und brin­gen uns et­was, was wir es­sen kön­nen.«

»An­ge­nom­men, sie brin­gen uns nichts?« frag­te Ca­rol.

 

»Dann gibt es drei Mög­lich­kei­ten: Wir kön­nen hier her­um­sit­zen und auf den Hun­ger­tod war­ten, oder wir kön­nen uns ge­gen­sei­tig auf­fres­sen, oder wir kön­nen ein­fach hin­un­ter­sprin­gen.« Noo­nan lach­te hohl. »Ich wür­de den letz­ten Vor­schlag emp­feh­len. Der bringt einen schnel­le­ren Tod.«

Dawes ging zum Höh­len­ein­gang und späh­te von schwin­deln­der Hö­he hin­un­ter. Er war wie ge­lähmt, als er frem­de Ge­sich­ter sah, die zu ihm em­por­schau­ten. Et­wa zwan­zig der Frem­den be­fan­den sich auf hal­b­em Weg zur Höh­le, mach­ten aber kei­nen Ver­such nä­her­zu­kom­men. Ih­re un­för­mi­gen Köp­fe wa­ren fast zur Gän­ze mit kur­z­em, strup­pi­gem gelb­brau­nen Fell be­deckt, aus dem dun­kelblaue, ste­chen­de Au­gen her­vor­starr­ten.

Dawes dreh­te sich um. Plötz­lich hör­te er einen Bums hin­ter sich.

Über­rascht wir­bel­te er her­um. Ein Bün­del lag vor dem Höh­len­ein­gang. Dawes lief an den Rand und schau­te hin­un­ter. Ein Frem­der hetz­te die Klip­pen hin­un­ter zu sei­nen Ge­fähr­ten.

Dawes kehr­te zum Bün­del zu­rück. Es war un­ge­fähr so groß wie ein Mensch. Die Ver­pa­ckung be­stand aus ei­nem röt­lich-gel­ben Fell, das zot­tig und steif war. Stirn­run­zelnd lös­te Dawes die star­ke Ran­ke, die das Fell zu­sam­men­hielt, und öff­ne­te das Bün­del.

Sei­ne Au­gen wei­te­ten sich. Im Auf­ste­hen form­te er mit den Hän­den einen Trich­ter und rief den an­de­ren zu: »Hal­lo! Es­sen! Kommt al­le her! Die Frem­den brach­ten uns et­was zu es­sen!«

Wäh­rend Noo­nan, Cher­ry und Ca­rol sich um ihn dräng­ten, brei­te­te Dawes den Pro­vi­ant aus. Das größ­te Stück im Bün­del war ein frisch­ge­schlach­te­tes Tier, klein, an­nä­hernd ei­nem Schwein ähn­lich, mit haar­lo­ser, schwar­zer Haut. In der Keh­le des Tie­res klaff­te ein tiefer Spalt, sonst war es ganz, vom Schwanz bis zur ab­ge­flach­ten Schnau­ze und den gla­si­gen, gel­ben Knopfau­gen. Mit ei­ner lan­gen Ran­ke am Tier fest­ge­bun­den war ein kur­z­es, schar­fes Mes­ser, her­ge­stellt aus durch­schei­nend grau­em Ma­te­ri­al, ähn­lich dem Ob­si­di­an.

Au­ßer­dem ent­hielt das Bün­del ei­ni­ge Trau­ben mil­chig-wei­ßer Früch­te, die aus­sa­hen wie große Wein­trau­ben, und ei­ni­ge läng­li­che, blaue, kür­bi­s­ähn­li­che Ge­bil­de mit gro­ber, knor­ri­ger Scha­le. Dawes wur­de der Mund wäß­rig.

»Sieht da­nach aus, als be­ab­sich­tig­ten sie, uns zu füt­tern«, mein­te Noo­nan. »Das kann gut sein, oder viel­leicht auch nicht. Ich hof­fe, sie mä­s­ten uns nicht für ei­ne Op­fer­ga­be.«

»Das wer­den wir früh ge­nug her­aus­fin­den«, über­leg­te Dawes. »Wenn wir ein­mal wis­sen, wie oft wir ge­füt­tert wer­den. Wer­fen sie uns jetzt ei­ne Wo­che lang nichts mehr vor, kön­nen wir an­neh­men, daß die Ver­mu­tung mit dem Mä­s­ten falsch war.«

»Wie kam das Bün­del hier­her?« frag­te Cher­ry.

»Ei­ner klet­ter­te her­auf und warf es vor den Ein­gang«, ant­wor­te­te Dawes. »Dann floh er. Sah aus wie ei­ne große, brau­ne Spin­ne, als er die Fels­wand hin­un­ter­krab­bel­te.«

Mit Hil­fe des Mes­sers tran­chier­te Noo­nan das Tier. Dawes und die Frau­en stan­den be­ob­ach­tend da­ne­ben. Dawes war fas­zi­niert von Noo­n­ans Ge­schick­lich­keit. Das grob be­ar­bei­te­te Stein­mes­ser war ra­sier­mes­ser­scharf, und der mäch­ti­ge Mann ver­stand sei­ne Ar­beit. In Win­desei­le öff­ne­te er das Tier auf der dun­kel­ro­ten Bauch­sei­te, riß die war­men In­ne­rei­en her­aus und warf sie zur Sei­te.

»Das frem­de Blut hat we­nigs­tens die rich­ti­ge Far­be«, sag­te Noo­nan. Schnell schnitt er Fleisch­stücke her­un­ter. »Viel­leicht ist die­ses Fleisch ver­gif­tet, viel­leicht nicht, aber das Blut ist we­nigs­tens in Ord­nung.«

Ca­rol schüt­tel­te sich. »Ro­hes Fleisch hab’ ich noch nie ge­ges­sen! Kön­nen wir nicht ir­gend­wie Feu­er ma­chen?«

Noo­nan hielt in­ne und schau­te auf zu ihr. »Nein«, sag­te er nach­drück­lich. »Ich weiß, du woll­test die­sen Aus­flug nicht ma­chen, klei­nes Mäd­chen. Aber du bist jetzt hier. Be­rei­te dich nur dar­auf vor, ro­hes Fleisch – und noch schlim­me­re Din­ge es­sen zu müs­sen.«

 

13

 

Sie aßen, und es war ein schweig­sa­mes Mahl. Der An­strich von Zi­vi­li­sa­ti­on, der noch an al­len haf­te­te, dämpf­te ih­re Stim­mung, als sie das blu­ti­ge Fleisch aßen.

Dawes hat­te einen Rie­sen­hun­ger, und des­halb fiel es ihm nicht so schwer, sei­ne Ab­nei­gung ge­gen ro­hes Fleisch zu über­win­den, wie er ur­sprüng­lich ge­glaubt hat­te. Den­noch wur­de ihm übel von dem Blut, das ihm an den Fin­gern her­un­ter­lief. Und er konn­te se­hen, daß Ca­rol sich sicht­lich zwin­gen muß­te, das Fleisch hin­un­ter­zu­wür­gen. Noo­nan aß oh­ne Hem­mun­gen; Cher­ry schluck­te ih­ren Teil mit ei­ner ge­wis­sen Ver­ächt­lich­keit hin­un­ter, oh­ne sich aber viel an­mer­ken zu las­sen. Das Fleisch hat­te einen selt­sa­men, schar­fen Ge­schmack und mun­de­te des­halb viel­leicht et­was bes­ser, auch wenn es roh war.

Von den blau­en Kür­bis­sen wa­ren zehn Stück da. Nach dem Fleisch-Gang ver­teil­te Noo­nan je einen Kür­bis an je­den und leg­te die rest­li­chen sechs bei­sei­te. »Für den Fall, daß wir nicht so­bald wie­der et­was zu es­sen be­kom­men«, er­klär­te er. »Die­se Din­ger hal­ten sich, das Fleisch nicht.«

Die Kür­bis­se schmeck­ten sau­er; sie wa­ren un­an­ge­nehm fa­se­rig und er­for­der­ten lan­ges und gründ­li­ches Kau­en. Aber sie wa­ren nahr­haft und füll­ten den Ma­gen. Dawes war rasch fer­tig mit sei­nem Kür­bis und wand­te sei­ne Auf­merk­sam­keit den wei­ßen Wein­trau­ben zu. Sie fühl­ten sich tei­gig an, wa­ren tro­cken und nicht sehr schmack­haft.

 

Als al­le fer­tig wa­ren, sam­mel­te Noo­nan die Über­res­te ih­rer Mahl­zeit ein: die Kno­chen des klei­nen Tie­res und die Scha­len der Kür­bis­se, und schleu­der­te sie aus der Höh­le. Bald dar­auf hör­te man sie un­ten auf­fal­len.

»Wo­zu ist das gut?« frag­te Dawes.

»Um ih­nen zu zei­gen, daß wir die­ses Zeug zu schät­zen wis­sen. Da gibt es kei­ne deut­li­che­re Art, als ih­nen die ab­ge­nag­ten Kno­chen zu zei­gen. Au­ßer­dem kön­nen wir die­sen Plun­der nicht hier drin­nen las­sen.«

Noo­nan deu­te­te in die Rich­tung, wo der klei­ne Strom den Höh­len­bo­den in zwei an­nä­hernd glei­che Hälf­ten teil­te.

»Schau­en Sie, Dawes. Wie wär’s, wenn Sie und Ca­rol in die rech­te obe­re Ecke gin­gen.«

»Und ihr?«

»Cher­ry und ich wer­den die lin­ke Sei­te neh­men, et­was nä­her dem Höh­len­ein­gang. Das ist für die Nacht ge­dacht. Und die bes­te An­ord­nung, die wir tref­fen kön­nen.«

»Wir wer­den wie in ei­nem Gold­fisch-Glas le­ben«, sag­te Cher­ry.

Dawes zuck­te die Ach­seln. »Es wird ge­hen müs­sen.«

Er er­hob sich, ging dem Ein­gang zu und späh­te hin­aus. Sie­ben oder acht Frem­de hock­ten un­ten am Bo­den und schau­ten her­auf.

»Wie tref­fend die­se Be­mer­kung vor­hin war«, sag­te er, sich um­dre­hend. »Sie be­ob­ach­ten uns von da un­ten aus. Be­ob­ach­ten. Als wä­ren wir Fi­sche in ei­nem Be­häl­ter oder Tie­re in ei­nem Kä­fig.«

»Viel­leicht sind wir das auch«, sag­te Noo­nan. Er nahm ei­ne Hand­voll des feuch­ten San­des, preß­te ihn zu ei­nem har­ten Klum­pen und schleu­der­te ihn zor­nig hin­un­ter auf die star­ren­den Frem­den. Er zer­brach je­doch auf hal­b­em Weg und rie­sel­te als harm­lo­ser Sand­re­gen wei­ter. Lei­se flu­chend wand­te Noo­nan sich ab.

 

Der Tag zog sich schreck­lich in die Län­ge. Vier Men­schen in ei­ner aus­bruch­si­che­ren Zel­le, die hun­dert Me­ter lang und viel­leicht zwan­zig Me­ter breit war, oh­ne Feu­er, oh­ne ir­gend et­was au­ßer sich selbst. Und bis­lang hat­ten sie nicht ge­lernt, viel Ge­fal­len an­ein­an­der zu fin­den.

Dawes’ Ner­ven wa­ren an­ge­spannt wie die Sai­ten ei­ner Vio­li­ne. Nichts konn­ten sie tun in die­ser Höh­le, als ein­an­der an­zu­star­ren, zu spre­chen, Wit­ze zu er­zäh­len. Und es gab so we­nig Ge­sprächss­toff. Noo­nan sprach nur, wann er woll­te. Ca­rols Kon­ver­sa­ti­on schi­en sich auf Äu­ße­run­gen zu be­schrän­ken, die Be­fürch­tun­gen be­tra­fen; Cher­ry neig­te zu Wit­zen und zu iro­ni­schen Be­mer­kun­gen über Ver­gan­ge­nes.

Es war Noo­nan, der die all­ge­mei­ne Stil­le un­ter­brach. Oh­ne sich auf die Hän­de zu stüt­zen, sprang er aus ei­nem Tür­ken­sitz auf die Bei­ne. »Ich hab’ ei­ne Idee«, rief er. »Mag sein, daß sie nicht viel wert ist, aber ver­su­chen kann ich’s.«

Er be­gann, sein Hemd ab­zu­strei­fen, wo­bei er gleich­zei­tig die Schu­he ab­schüt­tel­te.

»Was ha­ben Sie vor?« frag­te Dawes.

Noo­nan schlüpf­te aus der Ho­se. »Den un­ter­ir­di­schen Strom da hin­ten zu un­ter­su­chen. Ich wer­de hin­ein­stei­gen und ein we­nig um­her­schwim­men. Viel­leicht kommt der Strom ir­gend­wo raus. Viel­leicht kön­nen wir al­le auf der an­dern Sei­te ent­kom­men.«

Er hob sei­ne Klei­dungs­stücke auf, klemm­te sie un­ter den Arm und mar­schier­te, nur mit der Un­ter­ho­se be­klei­det, auf die Stel­le zu, wo der Strom die Ober­flä­che des Höh­len­bo­dens durch­brach. Zu­rück­bli­ckend rief er: »Kom­men Sie mit, Dawes. Wenn Sie mich ru­fen hö­ren, dann schwim­men Sie mir nach.«

Dawes folg­te ihm. Noo­nan warf sein Klei­der­bün­del auf den Bo­den, zog die Un­ter­ho­se aus und stieg nackt ins Was­ser. Es wir­bel­te knie­tief um sei­ne Bei­ne, und wur­de dann, als er wei­ter­wa­te­te, plötz­lich tiefer.

Als das Was­ser Brust­hö­he er­reicht hat­te, be­merk­te Dawes ängst­lich: »Die­ser Ver­such ist ge­fähr­lich, Noo­nan. Sie könn­ten sich ir­gend­wo da drin­nen ver­fan­gen. Und ich wer­de Sie nicht hö­ren kön­nen, wenn Sie um Hil­fe ru­fen.«

Noo­nan dreh­te sich um und schau­te ihn an. Sei­ne Lip­pen wa­ren blau, und er zit­ter­te vor Käl­te. Den­noch lä­chel­te er. »So? Und was ist schon da­bei? Ver­sucht hab’ ich’s we­nigs­tens.«

Er dreh­te sich wie­der um und wa­te­te auf den Platz zu, an dem der Strom wie­der zu­rück in den Berg floß. Dawes hör­te Noo­nan kräf­tig Luft ho­len, und dann tauch­te Noo­nan un­ter. Auf­ge­regt be­gann Dawes, die Se­kun­den zu zäh­len.

»Wo ist er?« hör­te Dawes Cher­ry fra­gen.

Er dreh­te sich um und sah bei­de Frau­en hin­ter sich ste­hen. Das är­ger­te ihn; er woll­te nicht, daß Ca­rol Noo­nan nackt sah, wenn er wie­der aus dem Was­ser stieg. Er sah ein, daß dies dumm und prü­de war, aber der wah­re Grund lag tief in sei­ner ei­ge­nen Scheu ver­an­kert.

»Er tauch­te«, ant­wor­te­te Dawes.

»Ei­ne hal­be Mi­nu­te ist er schon weg«, er­gänz­te er we­ni­ge Se­kun­den spä­ter. »Müß­te bald wie­der da sein.«

»An­ge­nom­men, er kommt nicht zu­rück?« frag­te Ca­rol.

Dawes ant­wor­te­te nicht. Aber er schlüpf­te aus den Schu­hen. Er wuß­te, daß man von ihm er­war­te­te, Noo­nan nach­zut­au­chen und ihn zu su­chen. Er be­gann ein we­nig zu zit­tern und leg­te die Hand an den Gür­tel.

Wie lan­ge konn­te ein Mensch un­ter Was­ser aus­hal­ten? Auch ei­nem Mann wie Noo­nan wa­ren Gren­zen ge­setzt.

»Man müß­te nach­schau­en«, dräng­te Cher­ry. »Viel­leicht ist er am Er­trin­ken.«

»Ja. Ich weiß.«

Das Zähl­werk in sei­nem Ge­hirn funk­tio­nier­te jetzt au­to­ma­tisch, tick­te die Se­kun­den her­un­ter. Dawes zog sich die Ho­se aus.

Plötz­lich tauch­te Noo­nan auf, Kopf vor­an – sprang hoch über den Was­ser­spie­gel hin­aus, schnapp­te laut nach Luft, tauch­te wie­der un­ter wie ein bla­sen­der Wal.

Wür­gend und keu­chend kam er wie­der zum Vor­schein, kämpf­te einen Au­gen­blick oder zwei ge­gen die star­ke Strö­mung an und zog sich dann an den Rand. Dawes wa­te­te hin­ein, pack­te ihn am Arm und schlepp­te ihn hin­aus auf den Sand.

Noo­nan war über und über blau. Aus­ge­streckt lag er da, mit dem Ge­sicht zum Sand, und rang nach Atem, mit tie­fen, hei­se­ren, schluch­zen­den Seuf­zern. End­lich schau­te er auf.

»Kalt«, sag­te er. »Kalt!«

»Was ge­fun­den?« frag­te Dawes.

Noo­nan schüt­tel­te matt den Kopf. »Nein. Kei­ne Spur. Ich folg­te dem Strom, so­weit ich nur konn­te. Nichts. Schwamm dann zu­rück und konn­te die Öff­nung nicht fin­den. Dach­te – dach­te, ich müs­se er­trin­ken. Dann brach ich durch.«

Er zit­ter­te un­auf­hör­lich. Dawes hat­te noch nie einen Men­schen ge­se­hen, der so un­ter­kühlt und so er­schöpft war. Noo­nan schnapp­te noch im­mer nach Luft.

»Er wird er­frie­ren«, sag­te Ca­rol be­sorgt. »Er ist ja ganz naß, und der Sand klebt an ihm. Wir soll­ten ihn ir­gend­wie auf­wär­men.«

Dawes fühl­te sich durch die­se Sym­pa­thie-Kund­ge­bung ir­ri­tiert. Noo­n­ans wag­hal­si­ges Tau­chen war nichts als ein groß­ar­ti­ges Schau­spiel ge­we­sen; er hat­te sich auf­ge­spielt, um den Frau­en zu im­po­nie­ren, und wei­ter nichts.

»Ihm wird schon von selbst w arm wer­den«, brumm­te Dawes. Cher­ry starr­te ihn an. »Nie­mals! Wenn wir ihn so lie­gen­las­sen, holt er sich ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung. Aber ich wer­de mich schon um ihn küm­mern.«

Dawes schau­te sie er­schro­cken an.

Denn die Blon­di­ne hat­te sich, wäh­rend sie sprach, bis auf we­ni­ges ent­klei­det. Er­rö­tend schau­te er weg, sah aber von der Sei­te ge­ra­de noch, wie sie auch die letz­ten Hül­len her­aus­for­dernd fal­len­ließ.

Nackt leg­te sie sich in den Sand ne­ben den noch im­mer keu­chen­den Noo­nan. Sie um­fing ihn mit ih­ren Ar­men.

»Geht weg, ihr zwei«, sag­te sie, oh­ne auf­zu­bli­cken. »Ich wer­de ihn wär­men.«

An die­sem Tag er­hiel­ten sie kein Es­sen mehr. Die Frem­den plan­ten of­fen­sicht­lich, ih­nen pro Tag nur ei­ne Mahl­zeit zu ge­ben – wenn über­haupt so­viel.

»Wir brau­chen ei­ne Gei­sel«, sag­te Noo­nan, mehr zu sich, als zu ir­gend je­mand an­de­rem. »Das ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, an ir­gend­ein Ziel zu kom­men. Mor­gen wer­den wir uns in der Nä­he des Ein­gangs auf­hal­ten, bis sie uns das Es­sen brin­gen – wenn sie uns über­haupt et­was brin­gen. So­bald ei­ner auf­taucht, pa­cken wir ihn.«

»Und wes­halb?« woll­te Dawes wis­sen.

»Das weiß ich noch nicht«, sag­te Noo­nan. »Aber es ist we­nigs­tens et­was, ver­dammt noch­mal. Ein Zei­chen, daß wir et­was un­ter­neh­men, um hier her­aus­zu­kom­men. Wol­len Sie et­wa ewig hier drin­nen sit­zen­blei­ben?«

»Wahr­schein­lich wer­den wir das«, warf Cher­ry ein. »Wie Vö­gel in ei­nem Kä­fig. Warum konn­ten die­se Af­fen nicht je­mand an­de­ren neh­men. Warum ge­ra­de uns?«

Die Nacht brach her­ein. Un­ten, im Tal, fla­cker­te das ro­te La­ger­feu­er der Frem­den.

»Sie be­ob­ach­ten uns«, stell­te Dawes wie­der fest. »Be­ob­ach­ten uns die gan­ze Zeit. Sie wol­len se­hen, was wir tun. Sie wol­len wis­sen, wie lan­ge es dau­ert, bis wir zu strei­ten an­fan­gen, bis wir uns has­sen, bis wir uns die­se ver­damm­ten Klip­pen hin­un­ter­stür­zen, um er­löst zu sein.«

»Hal­ten Sie den Mund!« schnapp­te Noo­nan.

Dawes igno­rier­te ihn. »Ich sa­ge das im Ernst! Das ist wie ein La­bo­ra­to­ri­ums-Ver­such. Wir mach­ten ähn­li­che Ex­pe­ri­men­te im Col­le­ge, in der Psy­cho-Stun­de. Man nimmt zum Bei­spiel vier Rat­ten und steckt sie in einen Kä­fig. Oder stellt sie auf ei­ne Tret­müh­le, und wirft ih­nen Fut­ter zu, wenn sie am En­de ih­rer Kräf­te zu sein schei­nen. Das ist es, was wir sind: Rat­ten auf ei­ner Tret­müh­le. Der Ex­pe­ri­men­tie­ren­de war­tet und be­ob­ach­tet, macht No­ti­zen, schaut, wie lan­ge es dau­ern wird, bis die Rat­ten über­ein­an­der her­fal­len, bis sie vor Er­schöp­fung um­fal­len.«

»Ich sag­te Ih­nen be­reits, Sie sol­len den Mund hal­ten«, schrie Noo­nan dro­hend. »Wir wer­den durch­kom­men. Es wird nicht mehr lan­ge dau­ern.«

 

14

 

In der Dun­kel­heit je­ner zwei­ten Nacht hielt Dawes Ca­rol in den Ar­men.

Sei­ne Frau. Welch ein Ort für Flit­ter­wo­chen!

Durch das stän­di­ge Plät­schern des Stro­mes drang Noo­n­ans rau­hes Ge­läch­ter und Cher­rys Ki­chern. Noo­nan und Cher­ry hat­ten sich ir­gend­wo wei­ter vorn nie­der­ge­legt. In die­ser Stock­fins­ter­nis war nichts aus­zu­ma­chen.

Ca­rol war warm, schmieg­sam, ner­vös, zu­rück­hal­tend. Ge­rau­me Zeit lang schwie­gen sie, ein­an­der wär­me­su­chend um­schlun­gen. Dann, oh­ne un­mit­tel­ba­ren An­laß, frag­te sie: »Du schliefst mit Cher­ry ver­gan­ge­ne Nacht, nicht wahr?«

Dawes er­rö­te­te in der Fins­ter­nis. »Ist das von so großer Be­deu­tung?«

»Nein – nein, ich glau­be nicht.«

»Ich wuß­te nicht, was ich tat. Die­ser Über­fall und al­les Wei­te­re brach­te mich ganz durch­ein­an­der. Cher­ry täusch­te mich. Sie ließ mich glau­ben, daß du es wärst, ver­gan­ge­ne Nacht.«

»Oh«, mach­te Ca­rol.

Die ge­flüs­ter­te Kon­ver­sa­ti­on erstarb wie­der. Noo­nan und Cher­ry scherz­ten ge­räusch­voll in ih­rem Teil der Höh­le. Dawes lausch­te ei­ni­ge Zeit sei­nem ei­ge­nen Atem. Er wünsch­te sich sehn­lichst, Ca­rol zu be­sit­zen, war­te­te aber auf ir­gend­ei­nen Wink.

Nach ei­ner Wei­le frag­te das Mäd­chen: »Wie lan­ge kann das noch so wei­ter­ge­hen? Daß wir hier zu Viert le­ben. Ich glaub­te heu­te schon, ihr wür­det euch schla­gen, Noo­nan und du.«

»Noo­nan kann mich mit ein paar Schlä­gen tö­ten. Es hät­te kei­nen lan­gen Kampf ge­ge­ben. Aber ich bat ja di­rekt dar­um. Ich for­der­te ihn her­aus.«

Ih­re Lip­pen streif­ten die sei­nen, fuh­ren dann aber zu­rück.

»Das war dein ers­tes Er­leb­nis, ver­gan­ge­ne Nacht, nicht wahr?« frag­te sie.

»Ja«, sag­te er.

»Heu­te nacht ist es mei­nes«, flüs­ter­te sie.

 

Nach drei Ta­gen be­gann Dawes zu glau­ben, die­ses Höh­len­le­ben kön­ne so­gar er­träg­lich wer­den. Men­schen sei­en in der La­ge, sich bei­na­he je­der Si­tua­ti­on an­zu­pas­sen, re­de­te er sich ein. Auch ei­nem Le­ben in ei­ner kal­ten, win­di­gen Höh­le auf ei­nem frem­den Pla­ne­ten.

Pro­vi­ant traf re­gel­mä­ßig ein, täg­lich et­wa um die Mit­tags­zeit – je­des­mal die­sel­be Zu­sam­men­stel­lung: ein frisch­ge­schlach­te­tes Tier, wei­ße Wein­trau­ben, Kür­bis­se. Noo­n­ans Plan, einen Frem­den zu fan­gen und ihn als Gei­sel fest­zu­hal­ten, er­wies sich als eben­so un­durch­führ­bar wie aus der Höh­le her­aus­zu­flie­gen oder den stei­len Fel­sen hin­un­ter­zu­krab­beln. Je­den Tag warf der frem­de Bo­te das Eß­pa­ket in die Höh­le und war ver­schwun­den, noch ehe die War­ten­den einen Schritt ge­macht hat­ten. Zwei Ta­ge hin­durch hiel­ten sie Wa­che. Je­des­mal oh­ne auch nur den ge­rings­ten Er­folg. Die Frem­den er­klet­ter­ten den Fel­sen, schleu­der­ten das Bün­del hin­ein und hetz­ten wie­der fort. Nach zwei Ta­gen ga­ben Noo­nan und Dawes je­de Hoff­nung auf, je­mals einen fan­gen zu kön­nen.

Die ex­plo­si­ons­ar­ti­ge Wen­dung kam am vier­ten Tag, als Dawes und Card ba­de­ten. Ca­rol hat­te ih­re Klei­der ab­ge­legt, kau­er­te nackt am Was­ser­rand, schöpf­te mit den Hän­den Was­ser her­aus und rieb sich da­mit Ge­sicht und Kör­per ab, um nicht un­vor­be­rei­tet ins kal­te Bad zu stei­gen. Ei­ne Art schwei­gen­des Über­ein­kom­men herrsch­te in der Höh­le: wenn ein Paar ba­de­te, be­schäf­tig­ten sich die an­de­ren zwei wo­an­ders. Aber wäh­rend Dawes sich aus­zog, um Ca­rol ins Was­ser zu fol­gen, ent­deck­te er Noo­nan, der un­weit des Ein­gangs an der Wand lehn­te und sie be­ob­ach­te­te. In der ers­ten Über­ra­schung fand Dawes kei­ne Wor­te. Er wuß­te, daß Noo­nan we­nig be­sorgt war we­der um sei­ne ei­ge­ne Pri­vat­sphä­re, noch um die der an­dern. Aber trotz­dem, dach­te Dawes zor­nig, gab es so et­was wie An­stand, auch hier in der Höh­le.

Wäh­rend er Noo­nan schwei­gend an­starr­te, lä­chel­te die­ser und mein­te: »Et­was nicht in Ord­nung?«

»Wo­hin schau­en Sie?« frag­te Dawes. »Soll ich es Ih­nen sa­gen?«

»Schau­en Sie das an, was Ih­nen zu­steht!« Dawes är­ger­te sich über die läs­si­ge Art Noo­n­ans.

»Mi­ke«, flüs­ter­te Ca­rol war­nend. »Fang kei­nen Streit an. Warum kannst du ihn nicht ein­fach igno­rie­ren?«

»Nein«, sag­te er. »Es gibt Din­ge, die man ein­fach nicht tut. Dies­mal kommt er mir nicht da­von.«

Er spür­te Cher­rys spöt­ti­sche Au­gen auf sich ge­rich­tet – und Noo­n­ans. Ca­rol stand am Ufer des Stroms und ver­such­te un­si­cher, ih­ren Kör­per mit den Hän­den vor neu­gie­ri­gen Bli­cken zu schüt­zen. »Steig ins Was­ser!« be­fahl er barsch. »Ich will nicht, daß er dich so an­sieht!«

 

Schwei­gend ge­horch­te sie. Dawes ging dem Höh­len­ein­gang zu, wo Noo­nan war­te­te, noch im­mer ge­gen die Wand ge­lehnt. Der äl­te­re Mann schi­en ihn um einen hal­b­en Me­ter oder mehr zu über­ra­gen.

Dawes re­de­te ihn scharf an: »Ver­su­chen Sie, das Le­ben hier drin­nen un­er­träg­li­cher zu ma­chen? Sie hät­ten sie nicht der­art an­star­ren müs­sen, als sie sich aus­zog.«

»Ich schaue dort­hin, wo­hin im­mer es mich freut, mein Jun­ge. Und Ih­re Vor­nehm­heit geht mir auf die Ner­ven. Das hier ist kein Ho­tel für wohl­ha­ben­de Tou­ris­ten.«

»Ma­chen Sie uns das Le­ben hier nicht schwer«, fuhr Dawes fort. »Ich will nicht, daß Sie Ca­rol be­ob­ach­ten, wenn wir ba­den. Ab jetzt, Noo­nan. Ha­ben Sie mich ver­stan­den? Wir kön­nen we­nigs­tens vor­ge­hen, zi­vi­li­siert zu sein – auch wenn ei­ni­ge hier es nicht sind.«

Noo­nan schlug ihn. Dawes hat­te den Schlag er­war­tet und sich dement­spre­chend vor­be­rei­tet. Er dreh­te sich flink zur Sei­te und ver­setz­te Noo­nan gleich­zei­tig ei­ne schal­len­de Ohr­fei­ge. Der Rie­se nahm sie wie einen Mücken­stich hin, lach­te und box­te Dawes in den Ma­gen. Dawes spür­te sei­ne Knie weich wer­den. Er nahm sich zu­sam­men, hol­te tief Luft.

Er warf sich wü­tend auf Noo­nan, ver­fehl­te ihn um einen hal­b­en Me­ter und schlug wie­der zu. Dies­mal öff­ne­te Noo­nan sei­ne große Hand, pack­te Dawes’ schwin­gen­den Arm und ver­dreh­te ihn.

Brül­lend ver­such­te Dawes, sich zu be­frei­en. Es ge­lang ihm, mit der einen frei­en Hand Noo­n­ans Keh­le zu fas­sen und lenk­te die­sen da­durch ab. Dawes riß sich los. Keu­chend tän­zel­te er ei­ni­ge Schrit­te zu­rück, von Kamp­fes­s­tim­mung er­faßt.

Er schnell­te vor und stieß mit der Faust zu. Noo­nan wehr­te die Hand ab, sprang vor und schlug ihm auf die rech­te Schul­ter. Die­ser Schlag be­täub­te Dawes. Er spür­te die Wo­gen des Schmer­zes vom Arm bis zu den Fin­ger­spit­zen. Ver­zwei­felt ver­such­te er, einen Schlag an­zu­brin­gen, und wie­der pack­te Noo­nan sein Hand­ge­lenk.

Dies­mal gab es kein Ent­kom­men. Noo­nan zwang ihn un­er­bitt­lich zu Bo­den.

»Ich wer­de dort­hin schau­en, wo­hin im­mer es mich freut«, wie­der­hol­te Noo­nan ru­hig. We­der Bos­heit war in sei­ner Stim­me, noch Zorn. Es war le­dig­lich die Be­mer­kung ei­nes Sie­gers. »Hö­ren Sie, Dawes? Sie er­tei­len kei­ne Be­feh­le hier drin­nen. Wenn ich Ihr Mäd­chen an­schau­en will, schau ich es an, und Sie wer­den mir das nicht ver­bie­ten. Ver­stan­den, Dawes?« Er ging fort.

Ca­rol war wäh­rend der gan­zen Kampf­hand­lung beim Fluß ge­blie­ben. Jetzt kam sie zu ihm. Sie war naß und noch im­mer nackt, aber das schi­en ihr jetzt gleich­gül­tig zu sein. Nach die­sem Streit wür­de je­de Vor­täu­schung züch­ti­gen Ver­hal­tens in der Höh­le sinn­los sein.

Sie schau­te auf ihn hin­un­ter, oh­ne zu spre­chen, oh­ne zu lä­cheln, oh­ne ein auf­mun­tern­des Wort. Dawes konn­te nicht un­ter­schei­den, ob der erns­te Blick mit­lei­dig war oder ver­ächt­lich. Nach ei­ner Wei­le ging sie weg, zu­rück zum Strom und be­gann sich an­zu­klei­den.

 

Mit Hil­fe der Ell­bo­gen setz­te er sich auf und mas­sier­te sei­ne Hand­ge­len­ke. Vorn sah er Noo­nan, der sich zu ei­nem Schläf­chen aus­ge­streckt hat­te. Cher­ry zeich­ne­te Fi­gu­ren in den Sand. Es war sehr still in der Höh­le.

Lang­sam ging er zu­rück zum Strom, knie­te sich nie­der und schüt­te­te sich Was­ser übers Ge­sicht; der Schock plötz­li­cher Käl­te lin­der­te ihm die bren­nen­den Schmer­zen, die von Noo­n­ans Schlä­gen her­rühr­ten. Sich schüt­telnd ging er dann wie­der nach vorn, vor­bei an Cher­ry und Noo­nan und schau­te aus der Höh­le. Die Lich­tung un­ten war voll­ge­stopft mit Frem­den.

Er über­leg­te sich, ob ih­nen die Vor­stel­lung ge­fal­len hat­te.

 

15

 

Nach die­sem Vor­fall be­stan­den wie­der die frü­he­ren ge­spann­ten Be­zie­hun­gen zwi­schen den vier Ge­fan­ge­nen in der Höh­le.

Dawes litt am meis­ten. Er hat­te dumm ge­han­delt, über­eilt. Er hat­te Noo­nan ab­sicht­lich her­aus­ge­for­dert, ihn zu ver­hau­en. Und er war in Ca­rols Au­gen ge­sun­ken. Ganz klar. Das ein­zi­ge, was sie an ihm re­spek­tie­ren konn­te, war sei­ne In­tel­li­genz – und er hat­te sich nicht ge­ra­de in­tel­li­gent ge­gen­über Noo­nan be­nom­men. Ca­rol woll­te einen Mann, der für sie sor­gen konn­te, der sie be­schütz­te vor den Span­nun­gen und Här­ten des Exis­tenz­kamp­fes auf die­ser schre­cken­er­re­gen­den Welt – und Dawes hat­te kei­nes­wegs be­wie­sen, die­se Art von Mann zu sein.

Aber Mit­ge­fühl kam von un­er­war­te­ter Sei­te – von Cher­ry, die Noo­nan mit ei­nem bö­sen Blick be­dach­te und be­sänf­ti­gen­de Wor­te für Dawes fand. Noo­nan er­wi­der­te ih­ren Blick eben­so zor­nig. Sei­ne Herrsch­süch­tig­keit be­gann Cher­ry of­fen­sicht­lich zu ir­ri­tie­ren. Dawes über­leg­te, wann es zwi­schen den bei­den wohl zum of­fe­nen Bruch kom­men wür­de.

Der Stru­del sich wi­der­strei­ten­der Ge­müts­be­we­gun­gen ver­stärk­te sich. Bei­de Frau­en lieb­ten und be­mit­lei­de­ten Dawes zu glei­chen Tei­len. Cher­ry fühl­te sich kör­per­lich zu Noo­nan hin­ge­zo­gen, fand aber sein ge­bie­te­ri­sches We­sen ab­sto­ßend; sei­ne Art, sich Rech­te zu er­zwin­gen. Noo­nan be­trach­te­te Cher­ry als sein Ei­gen­tum, war aber un­miß­ver­ständ­lich auch an Ca­rol in­ter­es­siert. Und so ging es wei­ter und wei­ter, wäh­rend die Frem­den sich drau­ßen ver­sam­mel­ten und die Stun­den dem Son­nen­un­ter­gang nä­her­g­lit­ten und Osi­ris’ mond­lo­ser Fins­ter­nis.

Dawes saß ver­bit­tert da und fühl­te, daß er voll­kom­men in Un­gna­de ge­fal­len war. Cher­ry sang mit lei­ser Stim­me ih­re al­ten Night-Club-Songs, Ca­rol tat nichts. Noo­nan ba­de­te, schlief ei­ne Wei­le lang, wach­te auf und ging zum Höh­len­ein­gang. Dort steck­te er den Kopf hin­aus und starr­te lan­ge hin­un­ter, als mes­se er ir­gend­ei­ne Ent­fer­nung aus.

Dann kam er zu­rück und sprach kurz mit Cher­ry. Da­nach ging er wei­ter zu Ca­rol, die still an ei­ne Wand ge­lehnt saß.

Dawes schrak aus sei­nem dump­fen Brü­ten auf. Noo­nan wis­per­te ihr ge­ra­de et­was zu. Er spitz­te die Oh­ren, um ih­re Kon­ver­sa­ti­on auf­zu­fan­gen, aber der Aus­druck in Noo­n­ans Ge­sicht ver­riet ihm oh­ne­hin al­les.

Cher­ry durch­quer­te die Höh­le, ließ sich an Dawes’ Sei­te nie­der und leg­te ih­re Hand auf sei­ne, als er be­gann, die­se zur Faust zu bal­len.

»Be­ach­te sie nicht«, mur­mel­te sie. »Es muß­te wohl so kom­men, frü­her oder spä­ter. Rei­ze ihn nicht, dich noch ein­mal zu schla­gen.«

»Wird sie auf ihn hö­ren?«

Cher­ry zuck­te die Ach­seln. »Das weiß ich nicht. Man kann das nie im vor­aus sa­gen.«

»Ich has­se ihn«, sag­te Dawes düs­ter. »Ich has­se bei­de. Wä­re er nicht dop­pelt so stark wie ich …«

»Aber er ist es«, un­ter­brach ihn Cher­ry. »Du brauchst dich al­so nicht un­nütz auf­zu­re­gen.«

Sie schüt­tel­te ihr lan­ges, blon­des Haar. Der Man­gel an Pfle­ge ließ es sträh­nig wer­den, und es schi­en Dawes, als wä­re der neue Wuchs dunk­ler. Es über­rasch­te ihn nicht sehr, daß Cher­rys Blond künst­lich war.

Er ver­such­te sich zu ent­span­nen, die Tat­sa­che zu igno­rie­ren, daß ihm Noo­nan in ei­nem an­dern Teil der Höh­le Ca­rol weg­lock­te.

Nach lan­gem Schwei­gen sag­te Cher­ry: »Weißt du, Noo­nan glaubt einen Flucht­weg ent­deckt zu ha­ben.«

»Was?«

»Schhh. Er ver­riet es mir ge­ra­de vor­hin. Er sagt, ein schma­ler Sims be­fin­de sich am Fel­sen, ein Stück tiefer. Er glaubt, wir könn­ten ihn mit ei­nem Seil er­rei­chen, das wir aus un­se­ren Klei­dern knüp­fen müß­ten. Aber dir woll­te er nichts da­von sa­gen, denn er will dir nicht hel­fen.«

Dawes setz­te ei­ne fins­te­re Mie­ne auf: »Er hat kein Recht, et­was Der­ar­ti­ges bei sich zu be­hal­ten.«

»Noo­nan scher­te sich noch nie um Rech­te. Au­ßer­dem glaubt er nicht ganz an einen Er­folg. Wir könn­ten viel­leicht gut hin­un­ter­kom­men, aber dann wür­den uns die Frem­den so­fort wie­der hier­her zu­rück­brin­gen.«

Dem muß­te Dawes wohl oder übel beipflich­ten. Der mo­men­ta­ne Hoff­nungs­schim­mer er­losch. Er ließ sich wie­der zu­rück­fal­len. Die war­ten­den Ker­ker­meis­ter da un­ten wür­den sie nie so leicht flüch­ten las­sen, dach­te er.

Die Schat­ten in der Höh­le wur­den im­mer län­ger, je tiefer die Son­ne am Him­mel stand. Vier Ta­ge, dach­te Dawes apa­thisch. Vier Ta­ge mit Noo­nan und Ca­rol und Cher­ry, und kein En­de der Ge­fan­gen­schaft war ab­zu­se­hen.

Die Son­ne war bei­na­he un­ter dem Ho­ri­zont ver­schwun­den. Der Tag be­stand nur noch aus schwa­chem ro­ten Fla­ckern. Der ewi­ge Wind heul­te kla­gend. In der Dun­kel­heit hör­te Dawes Ca­rol la­chen.

 

Mor­gen. Der fünf­te Tag.

Die un­sicht­ba­ren Fä­den des Has­ses schlan­gen sich fes­ter um die vier in der Höh­le.

Ca­rol war un­er­klär­lich mür­risch und hat­te ro­te Au­gen, nach die­ser Nacht mit Noo­nan. Sie ba­de­te al­lein. Dawes be­ob­ach­te­te sie aus der Fer­ne, oh­ne auf­zu­ste­hen. Ca­rol war lieb­lich, schlank, weiß, wun­der­schön. Sie be­saß den vollen­de­ten Kör­per ei­ner Frau, war aber nicht Frau ge­nug da­für; son­dern in vie­len Din­gen wie ein klei­nes Kind: hilf­los, ver­ängs­tigt, egois­tisch.

Als Ca­rol fer­tig war, ba­de­te Noo­nan, und nach ihm spa­zier­te Dawes lang­sam nach hin­ten und stürz­te sich in den klei­nen Strom, ge­noß das schar­fe Pri­ckeln des eis­kal­ten Was­sers.

Zur üb­li­chen Zeit, und zwar zu Mit­tag, wur­de das Eß­pa­ket her­ein­ge­schleu­dert. Sie aßen schwei­gend. Noo­nan ver­teil­te den Pro­vi­ant, wie je­den Tag. Seit Mor­gen­grau­en war in der Höh­le kein Wort ge­fal­len. Dawes schau­te hin­aus und sah Mas­sen von Frem­den un­ten, sie wa­ren in grö­ße­rer An­zahl ver­sam­melt als je zu­vor. Er knie­te sich nie­der und späh­te den Fel­sen hin­un­ter. Er ver­such­te, Noo­n­ans Pfad zu fin­den. Ja, da war er, ein schma­ler, stei­ler Sims, nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter vom glat­ten Fel­sen vor­sprin­gend. Er dreh­te sich um und sag­te zu Noo­nan: »Ich hör­te, Sie wis­sen, wie wir von hier weg­kom­men könn­ten. Warum, zum Teu­fel, re­den Sie nicht of­fen dar­über?«

»Wer hat Ih­nen das ge­sagt? Das ist nicht wahr!«

»Der Sims da un­ten«, ver­tei­dig­te sich Cher­ry. »Ges­tern sag­test du mir doch, daß …«

Noo­nan ohr­feig­te sie zor­nig und starr­te Dawes bö­se an: »Al­so gut. Da un­ten ist ein Sims. Aber mei­ne Idee ist trotz­dem nichts wert. Kämen wir auch bis hin­un­ter, die Frem­den wür­den uns ein­fach wie­der fas­sen und in die Höh­le zu­rück­brin­gen. Oder nicht?«

»Viel­leicht nicht«, mein­te Dawes.

»Viel­leicht nicht! Viel­leicht nicht!« Noo­nan brüll­te vor La­chen. »Sie glau­ben wohl, die da un­ten wer­den still sit­zen­blei­ben und uns vor ih­ren Au­gen vor­bei­de­fi­lie­ren las­sen?«

»Viel­leicht. Ich weiß, mit wel­chen Waf­fen man die Frem­den schla­gen kann«, er­wi­der­te Dawes eben­so laut­stark.

Plötz­lich be­gann Ca­rol zu la­chen – ein ho­hes, schar­fes, wahn­sin­ni­ges Ge­krei­sche von ei­nem La­chen, das nicht en­den woll­te. Es war nicht di­rekt Hys­te­rie, grenz­te aber schon sehr na­he dar­an. Se­kun­den spä­ter ki­cher­te Cher­ry, ver­hal­ten, zy­nisch.

»Seid ru­hig!« schrie Dawes. »Laßt mich er­klä­ren!«

»Wir wol­len kei­nen Un­sinn von Ih­nen hö­ren«, schnauz­te Noo­nan ihn an. »Hal­ten Sie den Mund!«

Dawes grins­te son­der­bar und mach­te zwei fes­te Schrit­te nach vorn. Es gab nur ei­ne Mög­lich­keit, Noo­nan auf­hor­chen zu las­sen. Sorg­fäl­tig ge­zielt box­te er ihn fest in die Rip­pen.

 

Der An­griff über­rasch­te Noo­nan. Zu­erst starr­te er Dawes ver­blüfft an, dann don­ner­te er los. Sei­ne Fäus­te schos­sen vor, bohr­ten sich in Dawes’ Ma­gen. Dawes schlug grim­mig zu­rück. Er lan­de­te einen mas­si­ven Schlag auf Noo­n­ans Lip­pe. Noo­nan knurr­te är­ger­lich und warf ihn mit zwei ra­schen Hie­ben nie­der. Dawes schlug hart auf, Schmerz durch­zuck­te sei­nen Kör­per. Er rang nach Atem. Noo­nan stand über ihm und trat nach ihm. Je­der Tritt be­rei­te­te Dawes neue Qua­len.

End­lich hör­te Noo­nan auf. Dawes lag ver­krümmt am Bo­den, die Hän­de schüt­zend vor dem Ge­sicht. Noo­nan stand über ihm. Ein selt­sa­mer Aus­druck von Schuld­be­wußt­sein er­schi­en in sei­nen Zü­gen. Sei­ne Un­ter­lip­pe schwoll an.

Dawes setz­te sich auf, be­tas­te­te sei­ne Rip­pen. Nichts war ge­bro­chen. Hei­ser sag­te er zu Noo­nan: »Nun gut. Sie hat­ten sich ja da­nach ge­sehnt, mich wie­der zu Bo­den tre­ten zu kön­nen, und nun hab’ ich Ih­nen die­se Freu­de ge­macht. Al­les ver­lief nach Ih­rem Plan. Ich hof­fe es we­nigs­tens.« Noo­nan sah voll­kom­men ab­ge­kämpft aus. Er sprach nicht. Dawes wisch­te einen Bluts­trop­fen vom Mund und fuhr fort.

»Noo­nan, Sie sind ein star­ker Mann und ein ei­ni­ger­ma­ßen klu­ger Mann. Aber Ih­nen fiel nichts ein, wie wir aus die­ser Höh­le ent­kom­men könn­ten. Und Sie hät­ten sich rich­tig­ge­hend ver­dammt ge­fühlt, hät­ten Sie mich re­den las­sen, oh­ne mich vor­her zu ver­prü­geln. In Ord­nung. Ich ließ mich ver­prü­geln.«

»Hö­ren Sie …«, be­gann Noo­nan un­si­cher.

Dawes schnitt ihm das Wort ab. Trotz der Schmer­zen fühl­te er sich ir­gend­wie hei­ter. »Jetzt hö­ren Sie mir zu. Wir kön­nen ent­kom­men, wenn wir nur zu­sam­men­hal­ten. Al­le vier.

Ich weiß nicht, wel­cher Art die­se Frem­den hier sind – aber sie sind nicht so pri­mi­tiv, wie sie aus­se­hen. Wir ha­ben sie als ge­fähr­li­che, af­fen­ähn­li­che We­sen ab­ge­tan, aber sie sind viel harm­lo­ser und viel klü­ger. Ich glau­be, sie raub­ten und sperr­ten uns hier oben ein, um un­se­re Ge­fühlss­ka­la be­ob­ach­ten zu kön­nen. Sie nah­men vier. Vier Men­schen, die sich kaum kann­ten. Sie war­fen uns hier her­ein und lie­ßen uns al­lein. Sie wuß­ten ver­dammt gut, was pas­sie­ren wür­de. Sie wuß­ten, wir wür­den ein­an­der zu has­sen und zu be­kämp­fen be­gin­nen. Und ge­nau das woll­ten sie. Sie er­war­te­ten sich ei­ne Art Are­na-Vor­stel­lung, ei­ne dra­ma­ti­sche Ak­ti­on. Ei­ne Art Un­ter­hal­tung. Gut. Sie hat­ten recht. Wir lie­fer­ten ih­nen ei­ne tol­le Show. Und ich wet­te, sie ha­ben al­les vollauf ge­nos­sen: je­des biß­chen Streit und Haß und Kampf, das sich hier seit un­se­rer An­kunft ab­ge­spielt hat.«

Dawes hielt in­ne. Nun, da man ihn ließ, brach­te er sei­ne Mei­nung flie­ßend vor und leg­te nur Pau­sen ein, wenn er sei­ne Ge­dan­ken ein­wir­ken las­sen woll­te.

»Er­zäh­len Sie wei­ter«, sag­te Noo­nan ru­hig. »Spre­chen Sie aus, was Sie uns zu sa­gen ha­ben.«

»Wir müs­sen ein­an­der nicht has­sen, das ist es, was ich aus­drücken möch­te. Si­cher­lich, wir ge­hen uns auf die Ner­ven. So­gar vier Hei­li­ge wür­den sich in ei­nem Kä­fig wie die­sem schla­gen. Aber wir kön­nen dem Haß ei­ne an­de­re Rich­tung ge­ben. Wir kön­nen sie has­sen. Und die bes­te Art, ih­nen un­se­ren Haß zu zei­gen, ist, ein­an­der zu lie­ben. Durch Zank und Streit lie­fern wir uns ih­nen aus. Laßt uns zu­sam­men­hal­ten, laßt uns ver­su­chen, ein­an­der zu ver­ste­hen. Ich ge­be zu, ge­nau­so selbst­süch­tig wie je­der von euch ge­we­sen zu sein. Wir al­le sind schuld. Wenn wir uns aber jetzt än­dern – Him­mel, dann kön­nen sie uns ge­nau­so we­nig brau­chen wie Kampf­häh­ne, die nicht kämp­fen wol­len. Und wir kön­nen die­ses Seil knüp­fen, und sie wer­den uns zie­hen las­sen.«

Nie­mand sprach, als Dawes fer­tig war. Er gab ih­nen Zeit, al­les zu über­den­ken. Schließ­lich sag­te Cher­ry: »Sie sind al­so wie Pa­ra­si­ten. Fin­den Spaß an un­serm Haß?«

»So ist es.« Dawes schau­te zu Noo­nan. »Was mei­nen Sie? Glau­ben Sie, daß mei­ne Theo­rie ir­gend­ei­nen Sinn hat?«

Lang­sam be­gann Noo­nan zu lä­cheln, trotz der ge­schwol­le­nen Lip­pe. »Ja. Mag sein, daß Sie auf der rich­ti­gen Spur sind. Ich glau­be, wir könn­ten es ver­su­chen.«

 

16

 

Das Seil ver­schlang bei­na­he je­des Stück­chen Stoff, das sie am Lei­be hat­ten. Et­was an­de­res be­sa­ßen sie ja nicht.

»Gut«, sag­te Noo­nan end­lich. »Viel­leicht reicht das. Tes­ten wir es ein­mal. Dawes, ge­hen Sie zum an­dern En­de und zie­hen Sie fest an.«

Dawes nahm das Seil, schlang es sich zwei­mal um die Hand und zog an, so fest er nur konn­te, wo­bei er sei­ne Fü­ße in den Sand bohr­te, um den Halt nicht zu ver­lie­ren. Die Lei­ne hielt.

»Wun­der­bar«, brumm­te Noo­nan, »sie ist stark ge­nug.«

Er be­fes­tig­te das ei­ne En­de der Lei­ne an ei­nem vor­sprin­gen­den Fel­sen na­he dem Höh­len­ein­gang, schleu­der­te das freie Er­de hin­un­ter und ließ das Seil bau­meln. Dann beug­te er sich über den Ab­grund, blick­te ab­schät­zend hin­un­ter und sag­te dann: »Ei­ni­ge Me­ter feh­len noch. Da muß die Un­ter­wä­sche her.«

Nie­mand pro­tes­tier­te. Noo­nan hol­te die Lei­ne her­auf und knüpf­te die Wä­sche an. Dawes grins­te und kom­men­tier­te: »Aus die­ser Höh­le kom­men ist gleich­be­deu­tend mit ei­ner Ge­burt! Wir kom­men nackt her­aus.« Er zit­ter­te vor Käl­te, aber das neue Ka­me­rad­schafts­ge­fühl, das sie nun ver­band, wärm­te ihn.

Noo­nan sag­te: »Ich wer­de bis zu je­nem Saum hin­un­ter­klet­tern. Ca­rol und Cher­ry wer­den mir fol­gen. Und dann Sie, Dawes. Al­les klar?«

Noo­nan pack­te die Lei­ne, zog dar­an, um ih­re Fes­tig­keit noch­mals zu prü­fen und schwang sich über den Rand. Be­vor er vollends un­ter­tauch­te, grins­te er, und Dawes grins­te zu­rück.

»Viel Glück, Noo­nan.«

»Dan­ke. Ich wer­de es brau­chen kön­nen.«

Dawes schau­te ge­spannt zu, wie Noo­nan sich hin­un­ter­ließ, Arm­län­ge um Arm­län­ge, schau­kelnd im Wind. Er bau­mel­te schon am äu­ßers­ten En­de der Lei­ne, und noch im­mer wa­ren sei­ne Fü­ße einen Me­ter oder zwei vom Vor­sprung ent­fernt. Er ließ los; mit den Bei­nen zap­pel­te er nach Halt, mit den Ar­men ba­lan­cier­te er hef­tig, und dann stand er si­cher da, schau­te hin­auf und lä­chel­te.

»Al­les in Ord­nung«, rief er. »Ca­rol, du bist die nächs­te. Um­klam­me­re das Seil mit den Fü­ßen und hal­te dich fest an.«

Blaß und furcht­sam über al­le Ma­ßen er­griff Ca­rol das Seil. Sie zö­ger­te.

»Nur wei­ter«, er­mun­ter­te sie Dawes sanft, »es kann nichts pas­sie­ren. Hal­te dich nur fest, laß dich hin­un­ter, Hand um Hand.«

Das Mäd­chen faß­te das Seil, um­schlang es mit den Bei­nen und be­gann hin­un­ter­zu­klet­tern. Dawes hielt den Atem an. Das Seil schi­en un­end­lich lang zu sein. Wür­de sie durch­hal­ten? Oder wür­de sie er­mü­den und ab­stür­zen, zwan­zig Me­ter über dem Bo­den?

Sie schaff­te es. Sie hing in der Luft über Noo­nan; er streck­te, die Ar­me nach ihr aus, dräng­te sie los­zu­las­sen, und end­lich tat sie es. Er fing sie auf und stell­te sie si­cher auf den schma­len Sims.

Cher­ry folg­te. Äu­ßer­lich sah man ihr kei­ne Furcht an, und sie er­le­dig­te den Ab­stieg schnell und ge­schickt. Dawes war­te­te, bis sie ne­ben Ca­rol stand. Dann, einen letz­ten Blick in die Höh­le wer­fend, nahm er selbst das Seil in die Hand.

In der Schu­le war er oft an Sei­len ge­klet­tert, in dem frucht­lo­sen Ver­such, sei­ne schwa­chen Mus­keln aus­zu­bil­den. Aber je­ne Sei­le wa­ren nur fünf oder sechs Me­ter lang ge­we­sen. Die­ses hier hat­te die drei­fa­che Län­ge und kei­ne schüt­zen­de Mat­te dar­un­ter.

Im­mer ei­ne Hand un­ter die an­de­re set­zend, klet­ter­te er hin­un­ter, den schnei­den­den Wind auf sei­ner blo­ßen Haut spü­rend. Er wuß­te, die an­dern war­te­ten auf ihn, be­ob­ach­te­ten ihn. Ein­mal schau­te er hin­un­ter und sah, daß er et­wa in der Mit­te war. Sei­ne Mus­keln zuck­ten, und die Ar­me fühl­ten sich an, als wür­den sie bald aus den Ge­lenk­pfan­nen sprin­gen. Aber er schaff­te es.

Er schweb­te über dem Sims, und Noo­nan fing ihn auf und brach­te ihn in Si­cher­heit. Das Seil schwang hoch in die Luft und klatsch­te zu­rück auf die Fels­wand.

Dawes at­me­te auf und schau­te dann vom Sims hin­un­ter. »Wir sind noch im­mer we­nigs­tens zwölf, drei­zehn Me­ter über dem Bo­den. Was nun?«

»Wer­de ver­su­chen, die Lei­ne los­zu­be­kom­men«, sag­te Noo­nan. »Hal­tet mich al­le fest. Wenn es mir ge­lingt, bin­den wir sie dann hier an und klet­tern hin­un­ter.«

»Und wenn es nicht ge­lingt?« frag­te Dawes.

Einen Au­gen­blick lang mach­te Noo­nan ein fins­te­res Ge­sicht. »Die­se al­te Ge­wohn­heit ha­ben Sie noch im­mer nicht ab­ge­legt. Sie stel­len zu vie­le hei­kle Fra­gen. Los – stützt mich!«

Sie hiel­ten ihn, wäh­rend er an der Lei­ne zerr­te. Mus­kel­strän­ge tra­ten an Noo­n­ans Schul­tern und am Rücken her­vor, und Seh­nen straff­ten sich am Arm. Aber die Lei­ne war oben zu fest an­ge­bun­den wor­den. Sie woll­te nicht ab­ge­hen. Noo­nan zog kräf­ti­ger …

Das Seil riß mit ei­ner Wucht, die sie bei­na­he al­le vier vom Sims ge­wor­fen hät­te. Noo­nan schau­te auf das Stück, das er in der Hand hielt und dann hin­auf zum Seil, das noch vom Fel­sen bau­mel­te. Das Seil war in der Mit­te ge­ris­sen.

Noo­nan fluch­te ent­spre­chend. »Da­mit hat­te ich nicht ge­rech­net. Aber es hät­te auch schlim­mer en­den kön­nen, glau­be ich.«

»Wie lang ist das Seil noch?« frag­te Dawes.

»Schau­en Sie selbst.«

Noo­nan ließ das Seil hin­un­ter­hän­gen. Es en­de­te et­wa sechs Me­ter über dem Bo­den. Und, dach­te Dawes, ein Sechs-Me­ter-Sprung war di­rekt ei­ne Her­aus­for­de­rung für Bein­brü­che oder Är­ge­res – und noch lag ein Marsch von et­wa zehn Mei­len vor ih­nen, zu­rück zur Ko­lo­nie.

Er schau­te fra­gend zu Noo­nan. Die­ser mein­te: »Es geht trotz­dem. Aber nur, wenn wir zu­sam­men­hal­ten. Im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Ich wer­de hin­un­ter­klet­tern. Dawes, Sie fol­gen mir, klet­tern an mir hin­un­ter und hän­gen sich an mei­ne Fuß­knö­chel. Die Mäd­chen wer­den das­sel­be ma­chen und ab­sprin­gen, wenn sie Ih­re Fü­ße er­reicht ha­ben. Von dort weg wird der Sprung nicht mehr als et­wa an­dert­halb Me­ter be­tra­gen.«

 

Ir­gend­wie ge­lang es. Noo­nan klet­ter­te das ver­kürz­te Seil hin­un­ter, so weit er nur konn­te, und blieb dort war­tend hän­gen. Dawes war der nächs­te; ließ sich hin­un­ter, bis er Noo­n­ans Schul­tern be­rühr­te, klet­ter­te dann vor­sich­tig Noo­n­ans Kör­per ent­lang, bis er an sei­nen Fü­ßen bau­mel­te.

»Los, los!« schrie Noo­nan. »Wir kön­nen hier nicht ewig so hän­gen!«

Dawes hielt sich krampf­haft fest. Sei­ne Ze­hen­spit­zen be­fan­den sich et­wa drei Me­ter vom Bo­den ent­fernt. Ca­rol kam her­un­ter; er konn­te je­de ih­rer Be­we­gun­gen spü­ren. Er schau­te hin­auf. Sie klet­ter­te ge­ra­de über Noo­n­ans Schul­tern, er­reich­te dann sei­ne ei­ge­nen. Ihr Ge­sicht war blaß vor An­stren­gung. Kur­ze Zeit klam­mer­te sie sich an Dawes’ Hüf­ten fest, glitt sei­ne Bei­ne hin­un­ter und ließ los. Er schau­te ihr nach; sie war zu ei­nem Häuf­chen zu­sam­men­ge­sun­ken, stand aber schon wie­der auf.

Als nächs­te kam Cher­ry. Dawes’ Ar­me schmerz­ten un­sag­bar. Er fes­tig­te sei­nen Griff an Noo­n­ans Knö­cheln. Aber es half nichts, er konn­te ein­fach nicht mehr. Als Cher­rys Fuß sei­ne Schul­ter streif­te, ließ er los und fiel zu Bo­den. Beim Auf­prall sank er zu­sam­men, konn­te si­di aber mü­he­los wie­der auf­rich­ten. Cher­ry hing noch an Noo­nan.

»Vor­wärts!« rief Dawes ihr zu. »Laß los, ich wer­de dich fan­gen!«

Sie lös­te sich; Dawes fes­tig­te sei­nen Stand und brems­te ih­ren Fall, aber ihr Ge­wicht drück­te ihn wie­der nie­der. Se­kun­den spä­ter lan­de­te Noo­nan oben­auf.

Nach­dem sich die an­fäng­li­che Ver­wir­rung ge­legt hat­te, krab­bel­ten sie auf die Bei­ne und be­gan­nen zu la­chen. Cher­ry war die ers­te, dann stimm­te Noo­nan ein, dann Dawes, dann Ca­rol; und sie lach­ten fast ei­ne gan­ze Mi­nu­te lang über den ko­mi­schen An­blick, den sie ge­bo­ten ha­ben muß­ten, wie sie da an­ein­an­der hin­un­ter­ge­klet­tert und dann in ei­nem ver­wor­re­nen Knäu­el von Ar­men und Bei­nen ge­lan­det wa­ren.

»Al­b­erns­te Art, einen Fel­sen hin­un­ter­zu­kom­men, die ich je sah«, sag­te Noo­nan, noch im­mer la­chend.

»Viel­leicht«, sag­te Dawes. »Aber es ging, nicht wahr? Es ging!«

Am Fuß der Fels­wand dräng­ten sie sich zu­sam­men. Über ih­nen flat­ter­ten zwei Sei­le im Wind.

Cher­ry sag­te: »Und kein Frem­der ist in Sicht. Nir­gends.«

Dawes schau­te sich blitz­schnell um, als er­war­te er, die plum­pen, af­fen­ähn­li­chen We­sen be­ob­ach­tend hin­ter Bäu­men ver­steckt zu se­hen. Viel­leicht stimm­te das auch. Aber bli­cken lie­ßen sie sich je­den­falls nicht.

»Seht ihr?« tri­um­phier­te Dawes. »Sie sind nicht mehr an uns in­ter­es­siert. Wir ha­ben ih­nen nichts mehr zu bie­ten, da wir auf­ge­hört ha­ben, ein­an­der zu be­krie­gen. Jetzt ist es ih­nen gleich­gül­tig, was wir tun.«

»Mir ist kalt«, sag­te Ca­rol plötz­lich. »Uns al­len«, be­merk­te Cher­ry. »Mar­schie­ren wir lie­ber los, zu­rück zur Ko­lo­nie, be­vor sich die Frem­den ent­schlie­ßen, uns viel­leicht doch nicht auf­zu­ge­ben.«

Dawes nick­te. Er deu­te­te auf den Wald. »Die Ko­lo­nie müß­te ge­ra­de­aus dort lie­gen. Was mei­nen Sie, Noo­nan?«

Noo­nan run­zel­te nach­denk­lich die Stirn und sag­te: »Ja, un­ge­fähr. Wir müß­ten den Weg zu­rück durch den Wald oh­ne we­sent­li­che Schwie­rig­kei­ten fin­den, wenn wir jetzt star­ten.«

Sie zo­gen los, im Gän­se­marsch – Noo­nan an der Spit­ze, ge­folgt von Ca­rol, dann Cher­ry und Dawes. Ob­wohl die Son­ne strah­lend am Him­mel stand, war es kalt; die Tem­pe­ra­tur lag kaum über zehn Grad, schätz­te Dawes. Kei­ne Tem­pe­ra­tur je­den­falls für Leu­te, die nackt um­her­wan­der­ten.

Er war dank­bar, daß sie ih­re Schu­he noch hat­ten, wenn auch ih­re Strümp­fe dem Seil zum Op­fer ge­fal­len wa­ren. Der Wald­bo­den war be­deckt mit ste­chen­den Na­deln. Der Wind blies, aber die Bäu­me dienten ih­nen als Schild ge­gen die ärgs­ten Stö­ße.

Et­wa zwei Stun­den hat­te es ge­dau­ert, als sie den Wald das ers­te­mal in den Hän­den der Frem­den durch­quert hat­ten. Nach Dawes’ Be­rech­nun­gen wür­de die Nacht nicht vor drei Stun­den her­ein­bre­chen. Mit ein we­nig Glück, wenn sie den rich­ti­gen Weg ein­schlü­gen, wür­den sie noch vor der Dun­kel­heit zu­rück in der Ko­lo­nie sein. An­dern­falls wür­den sie sich am Bo­den aus­stre­cken und das Mor­gen­grau­en ab­war­ten müs­sen, um dann die Su­che nach der Ko­lo­nie fort­zu­set­zen.

Aber Noo­nan führ­te sie so zu­ver­sicht­lich, daß Dawes sich nicht län­ger sorg­te. Sprin­gen­den Schritts drang der Rie­se vor­an, ver­ge­wis­ser­te sich oft, daß nie­mand zu­rück­ge­blie­ben war und ver­spür­te sicht­lich kein Un­be­ha­gen, trotz der Käl­te und sei­ner Nackt­heit.

Dawes er­kann­te, daß er es sich noch vor we­ni­gen Mo­na­ten un­mög­lich hät­te vor­stel­len kön­nen, ein­mal mit nichts als nur ei­nem Paar arg mit­ge­nom­me­ner Schu­he läs­sig durch den Wald zu wan­dern, noch da­zu in der Ge­sell­schaft von zwei Frau­en und ei­nem Mann. Jetzt mach­te es ihm kaum et­was aus. Ei­ne neue Welt, neue Ein­stel­lun­gen, dach­te er. Nach die­sen Ta­gen in der Höh­le wa­ren Scham­ge­füh­le völ­lig fehl am Platz. Er kann­te die­se drei Kör­per vor sich so gut wie sei­nen ei­ge­nen.

Nach­dem sie ei­ne Stun­de mar­schiert wa­ren, blie­ben sie ste­hen; Ca­rol war er­schöpft. Noo­nan be­trach­te­te den Stand der Son­ne, ver­kniff das Ge­sicht und kün­dig­te an, daß ih­nen we­nigs­tens noch zwei Stun­den und ei­ne hal­be bis Son­nen­un­ter­gang zur Ver­fü­gung stün­den. »Reich­lich Zeit, um hin­zu­kom­men«, füg­te er hin­zu. »Wenn wir kei­ne Um­we­ge ma­chen.«

»Mir ist kalt«, sag­te Ca­rol. »Ich bin hung­rig. Mü­de. Ich hal­te das nicht durch.«

Dawes schau­te sie mit­lei­dig an. Sie wirk­te ab­ge­kämpft und er­schöpft. Sie hat­te an Ge­wicht ver­lo­ren, schi­en nur noch aus Haut und Kno­chen zu be­ste­hen. Die Ta­ge in der Höh­le hat­ten Ca­rol mehr als je­den an­dern mit­ge­nom­men. Daß Noo­nan ei­ne Ge­fan­gen­schaft hin­ter sich hat­te, sah man ihm bei­na­he nicht an; Cher­ry schau­te ver­wahr­lost, aber ge­sund aus und war schlank ge­wor­den. Dawes schmerz­te der gan­ze Kör­per, aber er fühl­te sich wun­der­bar.

»Komm«, sag­te er sanft zu Ca­rol, »wir sind bald da. Nur noch ei­ne Stun­de müs­sen wir ge­hen, das ist al­les.«

Noo­nan hob sie auf und wies ihr die Rich­tung. Sie setz­ten ih­ren Marsch wie­der fort.

 

Sie folg­ten ei­nem gut aus­ge­tre­te­nen Pfad durch das Dickicht. Zu­rück­bli­ckend konn­te Dawes das schwar­ze Mas­siv der Klip­pen se­hen, und so dach­te er, auch die zwei Sei­le, rot und gelb und braun und grün. Je tiefer die Son­ne sank, um so käl­ter wur­de es im Wald. Vö­gel zwit­scher­ten in den Bäu­men; klei­ne Tie­re mit durch­schei­nen­der Haut, die wie Ei­dech­sen aus­sa­hen, spran­gen von Fels­bro­cken auf, pieps­ten der Grup­pe spöt­tisch zu und eil­ten dann in das schüt­zen­de Dickicht.

 

Sie trot­te­ten wei­ter. Dawes be­gann, die Aus­wir­kun­gen sei­nes Hun­gers zu spü­ren – die letz­ten fünf Ta­ge nur ei­ne Mahl­zeit täg­lich, und die nicht sehr nahr­haft. Am liebs­ten wä­re er ste­hen­ge­blie­ben und hät­te ver­sucht, ei­nes der ko­mi­schen klei­nen Wald­tie­re mit ei­nem Stein zu er­schla­gen. Aber dann sag­te er sich, daß sie wahr­schein­lich nicht mehr hoch­kom­men wür­den, lie­ßen sie sich ein­mal nie­der. Er zwang sich, im­mer einen Fuß vor den an­dern zu set­zen. Sei­ne Bei­ne schmerz­ten. Da­durch, daß sei­ne Fü­ße nackt in den Schu­hen steck­ten, rieb er sich die Fer­sen wund. Aber Noo­nan streb­te zü­gig vor­an.

Sie be­fan­den sich auf ih­rem Weg zu­rück zur Ko­lo­nie. Son­der­ba­res und Mys­te­ri­öses war ih­nen wi­der­fah­ren, aber es war über­stan­den, und sie kehr­ten nun zu­rück. Dawes trös­te­te sich mit sol­chen Ge­dan­ken. In Kür­ze wür­den sie wie­der an­de­re Men­schen se­hen. Haas und Da­ve Matt­hews und Ed San­der­son und Sid No­lan und all die an­dern. Ei­gent­lich wa­ren es frem­de Men­schen für ihn, aber in die­sem Au­gen­blick be­trach­te­te Dawes sie als al­te Freun­de, Freun­de, nach de­nen er sich schon lan­ge ge­sehnt hat­te.

We­nig spä­ter blie­ben sie wie­der ste­hen. Wie­der we­gen Ca­rol. Sie warf sich auf den Bo­den, schluchz­te und gab sinn­lo­se Lau­te von sich.

Noo­nan hob sie auf. Dawes stand zu­rück, ob­wohl sie recht­mä­ßig sei­ne Frau war. Sie wür­de ge­tra­gen wer­den müs­sen, und er hat­te ge­ra­de noch Kraft ge­nug, um sich selbst fort­zu­schlep­pen. Al­so wür­de Noo­nan sie tra­gen müs­sen. Das war ganz klar. Dawes pro­tes­tier­te al­so nicht, als Noo­nan sag­te: »Wir sind bei­na­he am Ziel. Ich wer­de sie das letz­te Stück tra­gen. Wie geht es euch bei­den?«

»Ich wer­de es schaf­fen«, sag­te Cher­ry. »Vor­aus­ge­setzt, daß ich nicht vor­her er­frie­re.«

»Dawes?«

»Auch in Ord­nung.«

»Dann al­so los.«

Schritt um Schritt; und je­der Schritt, so sprach Dawes sich ein­dring­lich vor, brach­te ihn nä­her zur Ko­lo­nie, zu Spei­sen, zur Wär­me, zu Klei­dern. Au­ßer, na­tür­lich, Noo­nan hät­te sie die gan­ze Zeit in die falsche Rich­tung ge­führt. Das könn­te sein. Nein, hielt er dann wie­der da­ge­gen, die Klip­pen la­gen noch im­mer hin­ter ih­nen, und so muß­ten sie auf dem rich­ti­gen Weg sein. Sein mü­der Ver­stand er­dach­te schau­ri­ge Phan­tas­te­rei­en: An­ge­nom­men, die Frem­den wä­ren ih­nen stän­dig ge­folgt, bos­haft all ih­re Lei­den ge­nie­ßend, und plan­ten nun, sie ge­nau in dem Au­gen­blick nie­derzu­met­zeln, da die ver­trau­ten Mau­ern vor ih­nen auf­tau­chen wür­den? Oder viel­leicht war der Platz leer, al­le Ko­lo­nis­ten tot oder ge­fan­gen, und nur Dawes und Ca­rol, Noo­nan und Cher­ry al­lein wür­den die Be­völ­ke­rung von Osi­ris bil­den!

Er schüt­tel­te die­se Ge­dan­ken ab und ging und ging. Plötz­lich ka­men sie auf ei­ne Lich­tung.

»Schaut euch das an«, frohlock­te Noo­nan.

Et­wa hun­dert Me­ter vor ih­nen lag die Ko­lo­nie.

 

17

 

Ge­wehr­mün­dun­gen be­grüß­ten sie, als sie vor der Um­zäu­nung auf­tauch­ten: mit wun­den Fü­ßen, schmut­zig, frie­rend. Aus Be­ob­ach­tungs­lö­chern in der Mau­er fuh­ren die Läu­fe her­aus; an­schei­nend wach­ten die Ko­lo­nis­ten jetzt über je­de Be­we­gung, die vom Wald kam.

»Sach­te! Sach­te!« schrie Noo­nan. »Wir sind Freun­de. Men­schen.«

Ei­ne Stim­me hin­ter der Mau­er sag­te deut­lich: »Him­mel! Das sind ja kei­ne Frem­den! Das sind …«

»Sie sind zu­rück­ge­kom­men!« brüll­te je­mand an­de­rer da­zwi­schen.

Die Ge­wehr­läu­fe ver­schwan­den. Knar­rend öff­ne­te sich das Tor, und Men­schen eil­ten her­aus, ver­trau­te Men­schen, Freun­de. Dawes er­kann­te Sid No­lan, Da­ve Matt­hews, Matt Zacha­ry und Lee Do­nald­son. Da wa­ren auch noch ei­ni­ge an­de­re, an de­ren Na­men er sich ab­so­lut nicht er­in­nern konn­te.

Sie zo­gen die vier Heim­keh­rer hin­ein, schlu­gen das Tor zu. Als die Ko­lo­nis­ten sich zur Be­grü­ßung um sie ver­sam­mel­ten, wur­de Dawes sich zum ers­ten­mal un­an­ge­nehm sei­ner Nackt­heit be­wußt. Aber die­ser Zu­stand dau­er­te nicht lan­ge; denn Ma­r­ya Bran­nick er­schi­en mit De­cken und die Wan­de­rer wa­ren schnell ein­ge­klei­det. Neu­gie­ri­ge Au­gen glotz­ten die vier Mü­den an. Fra­gen spru­del­ten her­vor.

»Wo wart ihr?«

»Was ist nur mit euch ge­sche­hen?«

»Wie konn­tet ihr euch be­frei­en?«

Dawes schüt­tel­te al­le Fra­ge­stel­ler ab.

»Wo ist Haas?« woll­te er wis­sen. »Wir soll­ten wohl erst mit ihm spre­chen.«

Da­ve Matt­hews sag­te ernst: »Haas – ist nicht mehr hier.«

»Hol­ten ihn die Frem­den?« frag­te Noo­nan.

»Nein, nicht die Frem­den.«

»Wo ist er dann al­so?« forsch­te Dawes.

Matt­hews zuck­te die Ach­seln: »Wir hat­ten Schwie­rig­kei­ten hier, nach­dem die Frem­den ein­dran­gen und euch raub­ten. Ho­ward Sto­ker und ei­ni­ge sei­ner Freund­chen wa­ren der Mei­nung, Haas tau­ge nicht als Ko­lo­nie-Di­rek­tor. Er wur­de ge­tö­tet.«

»Ge­tö­tet? So ist al­so Sto­ker jetzt am Ru­der?«

Matt­hews lä­chel­te düs­ter. »Nein. Es folg­te ei­ne – hm, ei­ne Ge­gen­re­vo­lu­ti­on, könn­te man es nen­nen. Im Na­men des Ge­set­zes exe­ku­tier­ten wir Sto­ker, Har­ris und Hawes. Lee Do­nald­son ist jetzt Di­rek­tor.«

»Was soll mit den vier über­zäh­li­gen Frau­en ge­sche­hen, nun, da die­se Män­ner tot sind?«

»Das ist ein wei­te­res Pro­blem«, gab Matt­hews zu. »Die Mei­nun­gen über Po­ly­ga­mie ge­hen aus­ein­an­der. Aber wir …«

»… he­ben uns die­se Sor­gen für spä­ter auf«, misch­te sich Lee Do­nald­son schroff ein. »Ich möch­te was von die­sen Leu­ten da hö­ren. Wo wart ihr?«

»Wir wur­den in ei­ne Höh­le ver­schleppt, die sich in ei­nem der Fel­sen hin­ter dem Wald be­fin­det«, ant­wor­te­te Dawes. »Wir wa­ren Ge­fan­ge­ne, aber wir ent­ka­men.« Er grins­te. Nach die­sem Wald­marsch fühl­te er sich sehr mü­de, aber den­noch voll Le­ben. Und er war trau­rig dar­über, daß in­ner­halb der Ko­lo­nie sol­che Un­ei­nig­keit ge­herrscht hat­te.

»Ver­letz­ten sie euch?« frag­te Do­nald­son.

Dawes dach­te ein we­nig dar­über nach. »Nein«, sag­te er schließ­lich. »Nicht – nicht kör­per­lich.«

 

Er schau­te um sich. Seit ih­rer Ab­we­sen­heit war in der Ko­lo­nie nicht viel vor­an­ge­gan­gen. Sie schau­te noch im­mer un­fer­tig aus. Er sah be­trüb­te Ge­sich­ter. Es muß­te bit­te­re Strei­tig­kei­ten ge­ge­ben ha­ben.

»Und die Frem­den«, frag­te er, »grif­fen sie noch ein­mal an?«

»Nein«, sag­te Matt­hews. »Wir sa­hen sie au­ßer­halb der Um­zäu­nung um­her­schlei­chen. Aber sie ver­such­ten nicht, ein­zu­drin­gen. Wir un­ter­hal­ten jetzt ei­ne stän­di­ge Pa­trouil­le.«

»Und hier drin­nen gab es Rei­be­rei­en, nicht wahr?«

»Rei­be­rei­en?«

Dawes nick­te. »Strei­te­rei­en, Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten.«

Lee Do­nald­sons Zü­ge wur­den hart. »Wir hat­ten ei­ni­ge Schwie­rig­kei­ten. Haas war un­ser bes­ter Mann, und der ist tot. Seit­her ist es nicht leicht, die Leu­te zur Zu­sam­men­ar­beit an­zu­hal­ten. Die­ser Ta­ge strei­ten wir mehr, als wir ar­bei­ten.«

Dawes seufz­te. Wie ger­ne hät­te er Matt­hews und Do­nald­son er­zählt, was sie in der Höh­le da­zu­ge­lernt hat­ten: Daß die Frem­den durch Haß und Strei­tig­kei­ten ge­die­hen, daß je­ne schat­ten­haf­ten, hals­lo­sen We­sen erst von den Ko­lo­nis­ten wei­chen wür­den, wenn die­se ge­lernt hät­ten, wie Tei­le ei­nes Prä­zi­si­ons­in­stru­ments zu funk­tio­nie­ren. Was ja not­wen­dig war, woll­te die Ko­lo­nie be­ste­hen.

Aber da­für war auch spä­ter Zeit, dach­te er. Denn man macht Leu­te nicht in ei­ner Mi­nu­te oder in zehn Mi­nu­ten »se­hend«. Das konn­te Ta­ge in An­spruch neh­men – oder ein gan­zes Le­ben.

Auf ei­ne Wei­se, dach­te Dawes, war es gut, daß die Ko­lo­nie et­was wie die­se Frem­den hat­te, die drau­ßen lau­er­ten. 5ie wür­den ihr le­bens­läng­li­ches, sicht­ba­res Ge­wis­sen sein; Haß wür­de in der Ko­lo­nie schon aus Angst vor den Frem­den drau­ßen nicht auf­kom­men.

Er wand­te sich ab. Plötz­lich ver­spür­te er den Wunsch, mit sich al­lein zu sein – mit sei­nem neu­en Ich, das aus der Höh­le ge­kom­men war. Ir­gend et­was war in je­nen fünf Ta­gen her­an­ge­wach­sen, nicht nur der flau­mi­ge Bart, der sei­ne Wan­gen be­deck­te. Ir­gend et­was an­de­res.

Er ver­stand nun, warum die­se Aus­wahl not­wen­dig war, warum die Saat der Er­de von Welt zu Welt ge­tra­gen wer­den muß­te. Und zwar des­halb, weil die Ster­ne exis­tier­ten, und weil es in der Na­tur des Men­schen lag, aus­zu­zie­hen, um über sich hin­aus­zu­wach­sen, sich zu än­dern. Wie auch er sich ge­än­dert hat­te in je­nen we­ni­gen Ta­gen in der Höh­le.

Es wa­ren Ta­ge der Ab­här­tung für ihn ge­we­sen. Nicht län­ger mehr er­füll­te ihn zor­ni­ge Ver­stim­mung; nicht län­ger mehr haß­te er die­se Men­schen-Lot­te­rie und ih­re aus­füh­ren­den Or­ga­ne. Er ver­gab ih­nen. Mehr noch: er be­wun­der­te sie und be­mit­lei­de­te sie, weil sie an die­sem größ­ten al­ler mensch­li­chen Aben­teu­er nicht teil­neh­men konn­ten.

In der Däm­me­rung wan­der­te Dawes weg von der Grup­pe, sei­nem Sei­fen­bla­sen-Heim zu, von dem ihn die Frem­den weg­ge­holt hat­ten. Ca­rols Kof­fer und sei­ner la­gen noch im­mer halb of­fen am Bo­den. Nie­mand war hier ge­we­sen seit je­nem Über­fall.

Er schüt­tel­te die De­cke ab, nahm Wä­sche aus dem Kof­fer und klei­de­te sich lang­sam an. Lan­ge Zeit stand er nach­denk­lich da. Kei­ner von ih­nen war der glei­che ge­blie­ben – nicht Noo­nan, der zum ers­ten­mal in sei­nem Le­ben auf ein Pro­blem ge­sto­ßen war, das er nicht mit den Fäus­ten lö­sen konn­te; oder Ca­rol, die scheu und un­be­rührt in die Höh­le ge­gan­gen und ganz ver­än­dert her­aus­ge­kom­men war; oder Cher­ry, de­ren har­te Scha­le auf­ge­bro­chen war, um ihm Zärt­lich­keit zu schen­ken, die er für Ver­rat ge­hal­ten hat­te.

Aber Dawes wuß­te, daß er sich am meis­ten ver­än­dert hat­te, und doch wie­der nicht. Je­nes Ding, das be­reits in ihm schlum­mer­te, die Neu­gier, der stre­ben­de Geist – jetzt war es er­wacht und ar­bei­te­te zum ers­ten­mal wirk­lich. Wie falsch war es ge­we­sen, von je­ner to­ten Exis­tenz in ei­nem net­ten Ohio-Haus, mit ei­ner net­ten Ohio-Frau und sei­nen net­ten Ohio-Kin­dern zu träu­men! Er wur­de sich be­wußt, daß er noch ein­mal hin­aus­ge­hen woll­te in die Wild­nis, um die Frem­den wie­der­zu­se­hen. Um her­aus­zu­fin­den, warum sie so wa­ren, wie sie wa­ren; was sie sich von den Ge­fan­ge­nen in der Höh­le er­war­tet, wie sie ihr Be­neh­men auf­ge­nom­men hat­ten. Mil­lio­nen Rät­sel gab es auf Osi­ris. Und durch das Wun­der der Lot­te­rie war er hier­her­ge­kom­men, um die­se Rät­sel zu lö­sen.

Ich bin jetzt an­ders.

Dem ge­recht zu wer­den, war nicht leicht. Auf Ca­rols Kof­fer bli­ckend, er­in­ner­te er sich, daß sie noch im­mer sei­ne Frau war. Er moch­te sie nicht mehr. Der Kna­be Mi­ke Dawes war von ih­rer Un­schuld und Schüch­tern­heit be­ein­druckt ge­we­sen, aber die­ser Kna­be exis­tier­te nicht mehr. Er brauch­te je­mand Zu­ver­läs­si­ge­ren, je­man­den, der Freud und Leid mit ihm tei­len wür­de, der nicht stän­dig nur ihm die Ent­schei­dun­gen über­ließ.

Ir­gend je­mand klopf­te.

»Her­ein«, sag­te Dawes.

Es war Cher­ry.

Sie wirk­te auf­ge­regt und ver­wirrt.

»Du gingst weg, oh­ne auch nur ein Wort zu sa­gen«, stot­ter­te sie. »Ist al­les in Ord­nung, Mi­ke?«

»Ich woll­te nur nach­den­ken. Ich muß­te ein we­nig mit mir al­lein sein. Mir fehlt wirk­lich nichts.«

Sie schau­te ihn ernst an, blick­te dann zur Sei­te und sah die bei­den Kof­fer. »Ca­rol ist bei Noo­nan«, sag­te sie.

»Das dach­te ich mir«, sag­te Dawes, oh­ne ei­ne Spur von Zit­tern in der Stim­me.« Aber es be­küm­mert mich nicht. Wirk­lich nicht.«

Son­der­bar, dach­te er, daß schreck­li­che Din­ge sich als die größ­ten ei­nes Le­bens her­aus­stel­len konn­ten. Von der Lot­te­rie er­faßt zu wer­den und an­schlie­ßend von den Frem­den ent­führt; und sein Mäd­chen an einen Mann wie Noo­nan ver­lo­ren zu ha­ben. Und nichts von all dem mach­te et­was aus – je­der Ver­lust war ein Fund, je­des En­de ein An­fang.

Ein Tier brüll­te im Wald, und Dawes lä­chel­te. Ei­ne gan­ze Welt lag of­fen da, au­ßer­halb der Ko­lo­nie, war­te­te nur dar­auf, daß ih­re Ge­heim­nis­se ge­lüf­tet wur­den.

Und er wür­de es tun.

Er sag­te: »Wenn Noo­nan Ca­rol bei sich hat – wo wirst du hin­ge­hen, Cher­ry?«

»Dar­über ha­be ich noch nicht nach­ge­dacht.«

Er lä­chel­te im­mer noch. Ca­rol hat­te ih­ren Kof­fer hier zu­rück­ge­las­sen, aber sonst nichts.

 

Cher­ry mach­te einen un­si­che­ren Schritt nach vorn. Dawes woll­te ihr sa­gen, daß er ihr ver­zieh, und daß er sie lieb­te, und daß er sie brauch­te, und daß er hin­durch­schau­en kön­ne durch ih­re Zä­hig­keit und durch die Nar­ben, die das Le­ben auf ihr zu­rück­ge­las­sen hat­te. Aber er brach­te kein Wort über die Lip­pen, und dar­an sah er, daß er doch noch nicht ganz er­wach­sen war. Aber sie wür­de ihm trotz­dem hel­fen. Und er wür­de ihr hel­fen.

Ei­gen­ar­tig. Von der Lot­te­rie er­faßt zu wer­den, war ihm einst wie ein Welt­un­ter­gang vor­ge­kom­men. Aber er hät­te sich nicht är­ger täu­schen kön­nen.

Er lä­chel­te Cher­ry an. Das Mäd­chen vor ihm war wie ein frem­der Mensch, so­gar nach die­sen Ta­gen in der Höh­le. Al­les an ihr war voll­kom­men neu. Er hob ihr Kinn ein we­nig hoch, küß­te sie und lausch­te dem Wind der frem­den Welt – sei­ner Welt.

»Hal­lo«, sag­te sie zärt­lich.

»Hal­lo«, sag­te er.