Sie wurden ausgeschickt von der Erde, dazu verurteilt, auf einem Planeten der Wega zu leben – und zu sterben …
Robert Silverberg
Die Saat der Erde
1
Der Tag war warm, strahlend, der Himmel blau; das Thermometer stand nahe an die zwanzig Grad Celsius: ein perfekter Oktobertag in New York, der keine Veränderung durch das Wetterkontrollbüro nötig hatte: Bei der Wetterstation in Scarsdale kletterten Experten mit mürrischen Gesichtern in ihre Flugzeuge und starteten nach Wisconsin, wo sich kalte Luftmassen von Kanada hereingeschoben hatten.
Aus einer Höhe von zwanzigtausend Meilen über Fond du Lac strahlte der kreisende Wetterkontroll-Satellit Berichte herunter. In Australien bereiteten Techniker den Start eines Raumschiffes vor, das mit einer Ladung von hundert unfreiwilligen Kolonisten in eine ferne Welt fliegen sollte. In Chicago, wo die Morgenpost gerade angekommen war, starrte ein wohlhabender Playboy mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen auf ein blaues Blatt Papier. In London, wo die Post einige Stunden früher ausgetragen wurde, erbleichte eine Verkäuferin vor Angst; auch sie hatte eine Benachrichtigung des Kolonisationsbüros erhalten.
Es war ein ganz normaler Tag, der neunte Oktober 2116. Nichts Außergewöhnliches passierte. Nichts als die üblichen Geburten, Todesfälle … Und die Ziehungen.
Und in New York, an diesem wundervollen Oktobertag, kam David Mulholland, der Präsident des Kolonisationsbüros, um Punkt neun Uhr in sein Büro: wenn auch nicht sonderlich begierig, so war er doch bereit, seine Routine-Angelegenheiten zu erledigen.
Bis zum Ende der Arbeitszeit um vierzehn Uhr würde er das Entwurzeln von hundert Leben veranlaßt haben, das wußte er. Er versuchte, es nicht von der Seite zu betrachten. Er richtete seine Gedanken auf den Slogan, der, auf blau-gelbe Fähnchen gemalt, überall zu sehen war: der Slogan des Kolonisationsbüros.
Tu das Deine zum Schicksal der Menschheit.
Aber das Übel war, wie Mulholland nie vergessen konnte, daß die große Menschenmasse nur sehr geringes Interesse am Schicksal der Menschheit zeigte.
Er betrat das Büro und wurde mit warmen Lächeln von Gehilfen und Stenotypistinnen und Sekretärinnen begrüßt, als er an ihren Abteilungen vorüberging. Präsident Mulholland wurde von jedermann im Büro mit übertriebener Aufmerksamkeit behandelt. Die meisten der Angestellten waren so naiv zu glauben, Präsident Mulholland könnte ihre Freistellung von der weltumfassenden Lotterie veranlassen, wenn er nur wollte.
Sie irrten sich natürlich. Niemand war befreit, der den Anforderungen entsprach. War ein Mensch im Alter zwischen neunzehn und vierzig Jahren, der Gesundheitsgrad mindestens plus fünf oder besser und der Feldman-Fruchtbarkeitstest positiv, mußte er dorthin gehen, wohin man ihn abberufen hatte, im Namen des Schicksals der Menschheit. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen, war man einmal erfaßt. Außer, natürlich, man konnte beweisen, daß der Komputer etwas übersehen hatte, wodurch man disqualifiziert war.
Das letzte Kind einer Familie, die vier oder mehr Kinder durch die Auswahl verloren hatte, war befreit. Mütter von Kindern unter zwei Jahren waren befreit. Sogar Mütter von Kindern unter zehn Jahren wurden verschont, waren ihre Ehegatten erfaßt worden und hatten sie nicht wieder geheiratet. Ein Mann, dessen Frau ein Kind erwartete, war berechtigt, seine Abreise um zehn Monate zurückstellen zu lassen. Es gab noch ein halbes Dutzend mehr solcher Ausnahmen. Aber, wie immer auch die Situation aussehen mochte, sechzig Schiffe mit sechstausend Menschen insgesamt verließen täglich die Erde. Etwa zwei Millionen Erdbewohner flogen jedes Jahr ab zu den Sternen.
Zwei Millionen von sieben Milliarden. Schrumpfte die Zahl der Geeigneten auch auf nur dreieinhalb Milliarden zusammen, so war die Möglichkeit, daß der unbarmherzige Finger auf deine Schulter tippen würde, noch immer sehr gering: eins zu eintausendachthundert.
Tu das Deine zum Schicksal der Menschheit stand auf der blaugelben Tafel, die hinter Präsident Mulhollands Schreibtisch hing. Er schaute hin, ohne sie zu sehen, und setzte sich nieder. Papiere hatten sich bereits angehäuft. Ein weiterer Tag war zu bewältigen.
Seine übereifrige Sekretärin hatte bereits den Kalender gerichtet, den Schreibtisch abgestaubt, die Papiere geordnet. Miß Thorne versuchte offensichtlich, sich dem Präsidenten unentbehrlich zu machen, um einen Schutzwall zu schaffen gegen den ständig drohenden Tag, an dem der Komputer ihre Nummer wählen könnte. Manchmal war er versucht gewesen, ihr zu sagen, daß kein Sterblicher, auch nicht ein Präsident, Einfluß auf das Schicksal hätte. Dieses lag einzig und allein in den Händen von Klotho, Lachesis und Atropos.
Klotho erfaßte die Nummern im Komputer. Lachesis holte die Karten. Atropos wählte unbestechlich. Das Schicksal konnte nicht beeinflußt werden.
Mulholland hob das oberste Blatt vom Stapel auf seinem Schreibtisch. Es war das tägliche Anforderungs-Formular. Fünf von sechzig Raumschiffen, die jeden Tag die Erde verließen, wurden mit Amerikanern bemannt; und die Personen für eines dieser fünf amerikanischen Schiffe wurden in Mulhollands Büro gezogen. Aufmerksam las er die nächste Anweisung durch.
Betr. 11 ab 762 – 31, Liste sieben.
10. Oktober 2116, Benachrichtigungen ausschicken.
Für: Raumschiff GEGENSCHEIN,
Abschuß 17. Oktober 2116
Bangor Rampe.
Benötigt werden: Fünfzig Paare,
ausgewählt von Abteilung eins.
Das Formular unterschied sich nur in Einzelheiten von jenen Hunderten Formularen, die Mulholland an Hunderten vergangener Tage auf seinem Schreibtisch gefunden hatte. Er versuchte, nicht an die Vergangenheit zu denken. Seit drei Jahren war er nun Präsident. Es war Voraussetzung, daß hochrangige Mitglieder einer Auswahlbehörde selbst untauglich für eine Ziehung sein mußten. Mulholland hatte seinen gegenwärtigen Posten einige Wochen nach Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres erhalten, womit sein Name auf der Liste der Qualifizierten gelöscht war.
Er war von der Partei in dieses Büro gesetzt worden. Einer Stimmenzählung zufolge würde diese jedoch bei den kommenden Wahlen den Konservativen unterliegen. Mulholland sah diesem Zusammenbruch seiner Partei mit bemerkenswert wenig Besorgnis entgegen. Kommenden Januar, dachte er, würde Präsident Dawson wieder Richter in St. Louis sein, und einige tausend loyale Anhänger der Liberalen im Land würden ihre Posten verlieren, abgelöst werden von einigen tausend loyalen Konservativen.
Was bedeutete, dachte Mulholland, daß im Januar irgend jemand auf der anderen Seite in diesem Stuhl sitzen und Ziehungsbefehle erteilen würde, während David Mulholland zurückschlüpfen könnte in sein unauffälliges akademisches Leben, um seinem Gewissen die wohlverdiente Erholung zu geben. Nur noch siebzig Tage waren es bis zum Ende der Präsidentschaft Dawsons. Mulholland schloß müde die Augen. Eine politische Meinungsänderung bis zu den Wahlen ausgenommen, würde er nur noch siebentausend weitere Menschen verurteilen müssen.
Er klingelte nach seiner Sekretärin. Sie kam im Galopp: eine knochige, dreißigjährige Frau mit einem Pferdegesicht, die das Büro mit beträchtlicher Energie führte, und die nie müde wurde, Besuchern den Slogan des Büros zu deklamieren. Wahrscheinlich glaubte sie ergeben an das Evangelium des Schicksals der Menschheit, dachte Mulholland. Was ihr aber auch kein Trost war, wenn sie an die zehn Jahre dachte, die noch zwischen ihr und der Befreiung von einer möglichen Auswahl lagen.
»Guten Morgen, Mr. Mulholland.«
»Morgen, Jessie. Tippen Sie eine Ermächtigung.«
»Sofort, Mr. Mulholland.«
Ihre flinken Finger klapperten über die Tasten. Nach wenigen Sekunden legte sie das Dokument auf den Schreibtisch. Es war strikte Formalität für ihn, dieses Papier zu verlangen und für sie, es zu schreiben. Mulholland überprüfte es mechanisch. Denn es kam in den Komputer, und jeder Tippfehler würde laute mechanische Proteste verursachen.
Als Präsident der Auswahl-Abteilung eins des Kolonisationsbüros ordne ich hiermit die Auswahl von einhundertundzehn Namen an, von der Liste der Tauglichen, an diesem neunten Tag im Oktober 2116, um ein Kontingent von hundert Personen aufzubringen für das Raumschiff GEGENSCHEIN, Abschuß 17. Oktober 2116. David Mulholland, Präsident der Abteilung eins.
Mulholland nickte. In Ordnung. Er signierte es im bezeichneten Feld und drückte dann zur Kontrolle seinen Daumen auf die lichtempfindliche Stelle in der rechten unteren Ecke. Die Vollmacht war gültig.
Er reichte das Formular Jessie Thorne, die es geschickt rollte und in eine Hülse steckte. Mulholland nahm diese, versiegelte sie und steckte sie in die offene Rohrpostleitung unter seinem Schreibtisch. Das kleine morgendliche Ritual war beendet.
Er klingelte wieder nach Miß Thome. »Die Karten sind da, Jessie. Haben wir irgendwelche Freiwilligen, heute?«
»Einen.« Sie gab ihm die Karte. Noonan, Cyril F. Alter dreißig, ledig. Mulholland las die restliche Beschreibung, nickte, warf Noonans Karte in einen Korb zur rechten Seite des Schreibtisches und zog einen dicken senkrechten Strich auf einem leeren Blatt Papier vor sich. Nur noch neunundvierzig Männer mußten für die Reise mit dem GEGENSCHEIN herausgegriffen werden. Freiwillige waren selten, aber von Zeit zu Zeit tauchten doch einige auf.
Mulholland ging zuerst die Männer durch. Er fand die benötigten neunundvierzig ohne Schwierigkeiten und warf die sechs übergebliebenen Karten in seinen Reservekorb. Diese sechs Namen würde er bereithalten, bis sich endgültig herausgestellt hatte, ob alle anderen neunundvierzig noch tauglich waren. Konnte Mulholland sein Kontingent stellen, ohne den Reservekorb antasten zu müssen, würden diese sechs Männer automatisch an erster Stelle auf die Liste des folgenden Tages kommen. Mulholland hatte keinen Vorrat vom Tag zuvor; bei der Anforderung für den neunten Oktober hatte es Unstimmigkeiten gegeben, und er hatte alle seine Reserven gestern aufgebraucht. Mit den Männern zumindest vorläufig fertig, nahm er die fünfzig weiblichen Namen zur Hand. Hier unterlief dem Komputer gelegentlich ein Fehler. Mulholland entdeckte sofort einen: Mrs. Mary Jensen, einunddreißig, Mutter von vier Kindern im Alter von einem Jahr bis zu neun Jahren. Sie hatte genausowenig etwas auf der Liste zu suchen wie des Präsidenten Großmutter. Mulholland machte einen Vermerk auf die Karte und klingelte wieder nach Miß Thome.
»Veranlassen Sie, daß ihr Name von der Liste verschwindet«, ordnete er schroff an. »Sie hat ein Kind, geboren 2115.«
Das Schicksal war gütig gewesen zu Mrs. Jensen.
Mulholland stellte die Liste fertig. Fünfzig Männer, fünfzig Frauen, mit einer Reserve von sechs Männern und vier Frauen. Am Nachmittag würden die Benachrichtigungen hinausgehen, morgen früh die Empfänger erreichen, und am Abend, das wußte er, würden die nutzlosen Gesuche hereingeströmt kommen. Keines erreichte Mulhollands Schreibtisch. Sie wurden von Angestellten bearbeitet, die bereits trainiert waren in der Kunst abschlägiger Antworten. Mulholland selbst hatte vor seiner Beförderung einen solchen Job gehabt.
Er schaute sich die Liste an: Ein Student aus Cincinnati, ein Bürodiener aus San Franzisko, ein Rechtsanwalt aus Los Angeles. Ein Mädchen aus New York, das im »Show-Geschäft« gearbeitet hatte.
Es war ein Querschnitt. Mulholland vertrat die persönliche Ansicht, daß hier ein Fehler im System war, denn oft wurde eine Gruppe ohne Mediziner, ohne religiösen Beistand, ohne Ingenieur oder Wissenschaftler weggeschickt. Aber da war nicht zu helfen. Schließlich wäre es der Ärzteschaft gegenüber auch höchst unfair, wollte der Komputer für jede Gruppe, bestehend aus hundert Personen, einen Arzt wählen.
Im Grunde genommen war das Ganze eine unzulängliche Sache. Millionen über Millionen Sterne warteten im All. Die Bevölkerung der Sterne war ein Projekt auf lange Sicht – und, wie die meisten solcher Vorhaben, grausam. Aber in kommenden Jahrhunderten würde eine weitverstreute Sternenschar im Glanz von Menschenwelten erstrahlen. Es war die einzige Möglichkeit. Existierten auch Raumschiffe, um Menschen zu den Sternen zu bringen, so könnten sich doch nur eine Handvoll Leute entschließen, sich loszulösen und hinauszufahren in die Dunkelheit des Alls. Wäre die Kolonisation auf freiwilliger Basis belassen worden, gäbe es heute kaum ein Dutzend bevölkerter Welten, anstatt der vielen, die bereits menschliche Prägung aufwiesen. Es waren kleine Kolonien, sicherlich. Aber sie wuchsen. Nur wenigen war es nicht gelungen, Fuß zu fassen. Und, dachte Mulholland, morgen in einer Woche wird das Raumschiff Gegenschein neunundvierzig Gezwungene und einen einzigen Freiwilligen zu den Sternen bringen. Er schaute die Karten durch. Herrick, Carol. Dawes, Michael. Haas, Philip. Matthews, David. Und acht Dutzend andere. Heute nacht lachten, spielten, sangen, liebten sie. Morgen würden sie nicht mehr zur Erde gehören. Das unbarmherzige Kolonisationssystem hatte sie erfaßt.
Mulholland zuckte die Achseln. Er war auf seinen alten Fehler verfallen, die Ausgewählten als Menschen zu sehen und nicht als Namen auf grünen Karten. Er durfte nicht vergessen, daß er nur seine Pflicht erfüllte, und täte er es nicht, dann eben irgendein anderer. Und es war ja zum Wohle der Menschheit.
Aber er hatte genug davon, das Amt zu leiten. In weniger als einem Monat war Wahltag, und er betete inständig, seine Partei möge verlieren. Sonderbare Wünsche für einen treuen Parteigänger! Aber Mulholland bekümmerte das nicht. Würde er sein Amt niederlegen, wäre das ein Eingeständnis von Schwäche. Eine Wahlniederlage hingegen könnte das Problem wesentlich schonender lösen.
2
Während der Nacht hatte es in Ohio geregnet. Die Wetterkontroll-Leute steuerten das Wetter sehr sorgfältig den Sommer über, wenn durstige Felder nach Regen lechzten, und im Winter, wenn zuviel Schnee die Zivilisation gefährden könnte. Aber im Oktober lagen die Felder brach. Künstlicher Regen war unnötig.
Jener Regen, der über Ohio fiel, war von Gott geschickt, und nicht von Menschen, verursacht durch die Schlechtwetterzone, die vom südlichen Kanada vorgedrungen war.
In seinem möblierten Zimmer gleich um die Ecke der elften Avenue, nicht sehr weit von der Universität entfernt, zog Mike Dawes die Decken über den Kopf. Symbolisch wollte er sich in den Mutterleib zurückversetzen, wo er Wärme und Geborgenheit zu finden hoffte. Aber es half nichts. Er war halb wach. Wach genug, um zu erkennen, daß er wach war, aber noch zu schläfrig, um aufstehen zu können. Er hörte das Plätschern des Regens. Es war ein trüber Morgen.
Auf dem Leuchtzifferblatt seiner Uhr sah er, daß es acht Uhr war. Er wußte, daß es an der Zeit wäre aufzustehen. Heute war Mittwoch, der anstrengendste Tag der Schulwoche. Um neun Uhr stand eine Zoologie-Vorlesung des alten Shepperd auf dem Programm, und Deutsch um zehn Uhr. Und ich habe vollkommen vergessen, mir diese Verben nochmals anzusehen, dachte Mike Dawes schlaftrunken. Wenn Klaus mich drannimmt, stehe ich schön da!
Einige Minuten lang überlegte er, ob er aufstehen sollte; letzten Endes gestattete er sich noch sechzig Sekunden Wärme. Er zählte: eintausendeins, eintausendzwei und sprang bei eintausendsechzig gewissenhaft aus dem Bett und zitterte in der trüben Kälte.
Routine erfaßte ihn. Er streifte seinen Pyjama ab und warf ihn aufs Bett; er suchte nach Handtuch und Wäsche, fand beides und machte sich auf den Weg zur Brause. Drei Minuten lang blieb er unter dem kalten Strahl. Als er in sein Zimmer zurückkam, war es acht Uhr dreizehn. Dawes lächelte. Genau nach Plan. Hätte er nur nicht diese Verben vergessen! Aber jetzt war es zu spät, sich darüber zu grämen. Er würde sich eben auf sein Glück verlassen müssen.
Sieht aus, als würde dieses Semester eine einzige, lange Schinderei werden, dachte er, während er die Kleider vom wackeligen, alten Schrank nahm und hineinschlüpfte. Er war zwanzig Jahre alt; und das dritte Jahr im Staate Ohio. Wenn alles gut ging, würde er im kommenden Jahr promovieren und die nächsten vier Jahre die medizinische Fakultät besuchen.
Wenn alles gut ging.
Um acht Uhr einundzwanzig war er fertig: die Zähne geputzt, das Haar gekämmt, das Hemd zugeknöpft, die Schuhbänder verschnürt. Die Bücher für die Vormittagsstunden lagen am Rand des Schranks. Er würde noch Zeit haben, in der Mensa etwas Orangensaft, Toast und Kaffee einzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit einer überraschenden Prüfung in Zoologie war zu groß, um das Frühstück überspringen zu können; er benötigte jede nur aufzubringende Energie. Erstens war er mager: siebzig Kilogramm verteilten sich auf eine Länge von einem Meter fünfundachtzig, und zweitens frühstückte er gern.
Dawes ging hinunter. Es regnete noch immer, aber nur leicht und störte daher nicht sonderlich. Außerdem befand sich die Mensa ganz in der Nähe.
Vorerst kam aber die allmorgendliche Beschäftigung. Er blieb unten im Hausflur bei den Briefkästen stehen.
Seine Hand zitterte ein wenig, als er den Daumen auf die Öffner-Taste drückte. Ein Mechanismus überprüfte seinen Fingerabdruck und öffnete dann gehorsam den Briefkasten. Er nahm den Brief heraus.
Es war ein blaues Kuvert, länger als allgemein üblich, mit dem amtlichen Aufdruck »Nur für dienstliche Zwecke« an der Stelle, an der normalerweise die Marke klebte. Er überflog den Absender. Kolonisationsbüro, Abteilung eins, New York.
Er hatte ein sonderbares Gefühl im Magen, während er das Kuvert hastig aufriß.
Er war wirklich an ihn adressiert. Der Brief, feinsäuberlich in Dunkelrot auf blauem Papier getippt, kam schnell zur Sache.
Sie sind gezogen worden, an der Kolonisationsreise teilzunehmen, die am 17. Oktober von Bangor, Maine an Bord des Raumschiffes GEGENSCHEIN startet. Sie haben sich sofort bei der nächstgelegenen Registrierungsstelle des Kolonisationsbüros zu melden. Sie unterliegen nun den Bestimmungen des interstellaren Kolonisationsgesetzes aus dem Jahr 2099, und jedwede Verletzung dieser Bestimmungen wird schwerstens bestraft.
Im Auftrag von D. L. Mulholland, Präsident.
Mike Dawes las den Inhalt der Benachrichtigung viermal hintereinander. Er konnte es einfach nicht fassen, tatsächlich aufgerufen worden zu sein. Schließlich, dachte er, standen die Chancen eins zu x-tausend. In seinem ganzen Leben hatte er nur zwei oder drei Personen gekannt, die man weggeholt hatte. Da war einmal Mr. Cutley, der Inhaber des Lebensmittelgeschäftes, und Teddy Nathan, der im Nebenhaus wohnte. Und auch Judy Wellington, dachte Dawes.
Und jetzt ich.
»Verdammt, das ist nicht fair!« stammelte er.
»Was ist nicht fair?« fragte eine lässige Stimme hinter ihm.
Dawes drehte sich um. Das war Lon Rybeck, ein Senior vom ersten Stock. Rybeck trug noch den Morgenrock; er hatte keine Vorlesungen am frühen Vormittag, stand aber dennoch auf, um nach der Post zu sehen.
Stumm hielt Dawes den blauen Brief hoch. Rybecks Augen verengten sich, und er fuhr mit der Zungenspitze rasch über die Lippen. »Haben sie dich geschnappt?« fragte er heiser. Dawes nickte. »Kam soeben an. Muß mich sofort bei der nächsten Registrierungsstelle melden.«
»Ein lausiger Abtritt, Dawes!«
»Verdammt, ja! Warum mußten sie auch gerade mich wählen? Ich bin erst zwanzig! Und nicht einmal mit dem College fertig! Ich …«
Er gab auf, weil er die Sinnlosigkeit seines Gestammels einsah. Rybeck versuchte mitfühlend auszusehen, aber hinter dem bekümmerten Ausdruck verbarg sich Ergötzung – und Erleichterung. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach würde die unsichtbare Hand kein zweitesmal in dieses Haus greifen; Dawes Erfassung bedeutete, daß er, Rybeck, freier atmen konnte. »Es ist hart«, sagte Rybeck sanft. »Die Morgenpost kommt, und alle Pläne zerplatzen wie Seifenblasen. Wohin werden sie dich schicken, weißt du das?«
Dawes schüttelte den Kopf. »Besagt nur, daß ich nächsten Mittwoch von der Rampe in Bangor starten werde. Gibt den Bestimmungsort nicht an.«
Vor zwanzig Jahren hatte man entdeckt, daß die Zukunft der Menschheit bei den Sternen läge. Mike Dawes war ein Baby gewesen, als man den Beschluß gefaßt hatte, der ihn jetzt, zwanzig Jahre danach, der Erde entreißen sollte. Wandert aus, zu den Sternen, das war der Ruf, der über die vereinigte Erde erscholl. Gründet neue Welten. Sät Menschen aus im Universum.
Ein edles Ziel war angestrebt worden, dachte Dawes. Nur daß kaum jemand begeistert davon war. Laß die andern gehen. Ich, ich bleibe lieber hier und lese darüber.
Und so wurde Zwang daraus. Und nun, dachte Dawes, hat es mich erwischt.
… Melden Sie sich sofort bei der nächsten Registrierungsstelle des Kolonisationsbüros …
Sie schrieben sofort und meinten das auch wörtlich, das wußte Dawes. Sie meinten, melde dich spätestens in einer Stunde. Und wehe wenn sie entdeckten, daß jemand etwas unternommen hatte, um sich untauglich zu machen. Es hat Fälle gegeben, wo Frauen mit Stricknadeln ihre Eierstöcke vernichteten, um sich zu disqualifizieren. Man konnte natürlich nur fruchtbare Auswanderer gebrauchen. Aber die Strafe für absichtliche Selbst-Sterilisation war lebenslängliche Schwerstarbeit. Und das war es nicht wert.
Zweimal griff er zum Telefon, um seine Eltern in Cincinnati anzurufen und ihnen Bescheid zu sagen. Zweimal zog er die Hand zurück. Früher oder später würden sie es erfahren müssen. Aber unbedingt von ihm? Dann hielt er sich vor Augen, wie es sein würde, wenn er schwieg und das Büro die amtliche Benachrichtigung aussenden ließe. Er nahm den Hörer nochmals auf.
Sein Vater meldete sich. Mike spürte plötzlich einen stechenden Schmerz, als er die Stimme des Vaters hörte, der einen Zeitungsstand besaß und Jahr um Jahr jeden Cent zusammengekratzt hatte, um seinem Lieblingssohn ein Medizinstudium zu ermöglichen.
»Ja? Wer spricht?«
»Dad, hier ist Mike.«
»Ist alles in Ordnung?« fragte er mit sofort mißtrauischer Stimme. »Hast du unseren Brief bekommen? Du hast doch wohl noch Geld, oder?«
»Ja, Dad. Ich … Sie haben …«
»Sprich lauter, Mike. Die Verbindung muß schlecht sein. Ich kann dich kaum hören.«
»Ich bin gezogen worden, Dad!«
Eine Pause entstand. Dawes hörte einen schweren Seufzer und dann gedämpftes Murmeln; zweifellos hielt Vater seine Hand über die Sprechmuschel und erzählte es Mutter. Zum erstenmal war Dawes dankbar, daß er es sich bisher nicht leisten hatte können, einen Bildschirm zum Telefon anzuschaffen. In diesem Augenblick wollte er ihre Gesichter nicht sehen.
»Wann bekamst du die Nachricht, Junge?«
»Gerade jetzt. Ich muß mich sofort melden. Ich starte kommenden Mittwoch.«
»Kommenden Mittwoch«, wiederholte sein Vater grübelnd.
Dawes hörte das Schluchzen seiner Mutter im Hintergrund. Plötzlich schrie sie auf: »Wir lassen ihn uns nicht nehmen! Nein! Wir lassen das nicht zu!«
»Da hilft nichts, Ethel«, sagte Vater ruhig. »Junge, hörst du mich?«
»Ja, Dad.«
»Melde dich, wie vorgeschrieben. Und mach keinen Unsinn, verstehst du mich?«
»Keine Sorge, Dad.«
»Werden wir dich nochmals sehen?«
»Ich … ich glaube schon. Sie müssen doch gestatten, daß wir einander Lebwohl sagen.«
»Und – es gibt keine Möglichkeit, das abzuwenden? Ich meine, kannst du kein Gesuch einreichen?«
»Nein, Dad. Niemand kann das.«
»Ach, so ist das.«
Dann folgte wieder eine lange Pause. Dawes schwieg, weil er nicht wußte, was er sagen sollte. Er fühlte sich so sonderbar, als wäre er schuld, seinen Eltern diese Sorge aufgebürdet zu haben.
Sein Vater sagte schließlich: »Auf Wiedersehen, Junge. Paß gut auf dich auf. Und rufe uns an, sobald du Näheres weißt.«
»Natürlich, Dad. Bitte Ma, sich nicht zu kränken. Auf Wiedersehen.«
Er legte den Hörer auf. Dann ging er zum Fenster. Der Regen hatte aufgehört; es war beinahe neun Uhr, und die Nachzügler eilten, um nicht zu spät zum Unterricht zu kommen. Draußen am Hof ging es wie üblich zu. Der Fußball-Trainer erteilte im Schweiße seines Angesichts Ratschläge für das Match am Samstag. Shepperd ging zur Klasse, um seine Zoologie-Vorlesung abzuhalten. Klaus bearbeitete unglückliche Neulinge mit unregelmäßigen deutschen Verben.
Das Leben ging weiter. Die Welt drehte sich gemächlich um die Sonne. Aber, heute in einer Woche, würde Mike Dawes nicht mehr zu ihr gehören.
Stummer, brodelnder Zorn über diese Ungerechtigkeit erfüllte ihn. Er hatte niemanden gebeten, am Schicksal der Menschheit teilhaben zu dürfen. Er hatte kein Verlangen, andere Welten zu erobern. Er wollte einzig und allein auf der Erde bleiben, irgendein leidlich hübsches Ohio-Girl heiraten und normale Kinder haben.
Nun gut, dieser Traum war ausgeträumt. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Registrierungsstelle zu wandern und sich zu stellen wie ein gesuchter Verbrecher.
Er versperrte sein Zimmer und überlegte, ob er jemals hierher zurückkommen würde, um seine Habseligkeiten zu holen, und ging hinunter und hinaus auf die Straße. Ihm schien, jeder drehe sich um, als stünde knallrot auf seiner Stirn geschrieben: MIKE DAWES IST GEZOGEN WORDEN.
Die Registrierungsstelle war in Mansardenzimmern über jenem Kino untergebracht, in das er erst vor vier Tagen ein Mädchen ausgeführt hatte. In zärtlicher Umarmung waren sie in der Loge gesessen, gar nicht auf den Film achtend. Er hatte ihren Körper an seinem gespürt und über jene Seiten des Lebens nachgedacht, die ihm noch rätselhaft waren.
Wenn man auserwählt wird, dachte er, bekommt man auch eine Frau. Sie schicken fünfzig Männer und fünfzig Frauen hinaus. Ist man bereits verheiratet, hat aber keine Kinder, dann kann man den Ehepartner als Freiwilliger begleiten. Ist man verheiratet und hat Kinder und wird ein Elternteil gezogen, so muß der andere bei den Kindern zurückbleiben. Wandert man also ohne Ehepartner aus, wird man einem anderen Kolonisten angetraut, und jedwede Verbindung auf Erden war damit gelöst. Auch er würde bald verheiratet sein – mit irgend jemandem.
Auf seinem Weg die Treppe hinauf zur Registrierungsstelle nahm er immer gleich zwei Stufen auf einmal. Einige Burschen saßen wartend auf einer Bank; sie schauten ihn neugierig an, als er eintrat. Sie hatten vor kurzem ihr neunzehntes Lebensjahr vollendet und mußten sich eintragen lassen.
Dawes hatte das vor genau einem Jahr besorgt. Jeder mußte sich mit neunzehn Jahren registrieren lassen, widrigenfalls man automatisch gezogen wurde. Deshalb war er gekommen, hatte die Formulare ausgefüllt und war von Maschinen diagnostiziert worden. Er mußte sich auch dem unangenehmen Fruchtbarkeitstest unterziehen. Wenige Wochen danach hatte er eine Karte mit dem Hinweis erhalten, daß er tauglich war. Er hatte die Achseln gezuckt, die Karte in seine Aktentasche gesteckt und gedacht, die Ziehung wäre etwas, was nur anderen Leuten passierte.
Aber ihm war es widerfahren. Jetzt. Er legte den blauen Brief auf den Tisch im Empfangszimmer. Die Angestellte schaute nickend hin. Hinter sich hörte Dawes die wartenden Burschen murmeln. Als Auserwählter hatte er eine besondere Note bekommen.
»Kommen Sie bitte mit«, sagte sie feierlich und bedachte ihn mit einem Blick, der ausdrückte: »Sie tun das Ihre zum Schicksal der Menschheit.« Sie führte ihn in ein Büro, in dem ein großer Mann mit schütterem Haarwuchs, Ende der Vierzig, einige Dokumente unterschrieb.
»Mr. Brewer, das ist Michael Dawes. Er wurde von der New Yorker Abteilung gezogen.«
Brewer erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. »Gratuliere, Dawes. Vielleicht können Sie es jetzt noch nicht beurteilen, aber Sie werden in Kürze am größten Abenteuer der Menschheit teilnehmen. Danke, Miß Donaldson.«
Miß Donaldson zog sich zurück. Brewer setzte sich wieder hin und bot Dawes einen bequemen luftgefederten Stuhl an.
»Nun?« fragte Brewer. »Sie sind deprimiert, wie?«
»Erwartet man vielleicht, daß ich glücklich sei?«
Brewer zuckte die Achseln. »Wollten Sie zu den Sternen, so hätten Sie sich freiwillig gemeldet. Es ist hart, Junge. Wie alt sind Sie?«
»Zwanzig.«
»Jung genug, um sich umzustellen. Manchmal habe ich Männer in den Dreißigern hier, Männer mit Familie. Sie würden staunen, wie viele von denen mich am liebsten in die Luft sprengten. Sie sind nicht verheiratet, oder?«
»Nein, Sir.«
»Eltern?«
»Leben in Cincinnati. Habe bereits mit ihnen telefoniert.«
»Sie glauben also, keinen Grund für eine Disqualifikation zu haben?«
Dawes schüttelte den Kopf und sagte leise: »Es gibt keinen Ausweg. Ich habe mich damit abgefunden. Aber deswegen gehe ich noch lange nicht gern!«
»Das ist anzunehmen«, sagte Brewer. »Wir nehmen aber auch an, daß Sie nicht ständig bocken werden, während Sie aktiv sein sollten. Wollen Sie in einer fremden Welt am Leben bleiben, können Sie das auch gar nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn Sie glauben, Pech gehabt zu haben, denken Sie an den Mann, den wir erst neulich hier hatten. Vater von drei Kindern. Alter: neununddreißig Jahre, elf Monate, drei Wochen. In einer Woche wäre er außer Gefahr gewesen, aber der Komputer erfaßte ihn. Er tobte, das Ganze wäre Intrige, aber er ging.«
»Soll mich das fröhlicher stimmen?« fragte Dawes.
»Ich weiß nicht«, meinte Brewer seufzend. »Man sagt, geteiltes Leid sei halbes Leid. Sie haben wahrscheinlich schrecklich Mitleid mit sich selbst, und ich nehme Ihnen das auch gar nicht übel.«
»Werde ich meine Eltern noch einmal sehen dürfen?«
»Wenn Sie wollen, können Sie heute nachmittag nach Cincy fliegen. Nächste Woche werden Sie von einem Beamten des Büros begleitet werden. Sicherheitsmaßnahme, verstehen Sie. Natürlich wird er Ihnen jede nur mögliche Freiheit lassen – für den Fall, daß Sie einer jungen Dame einen Abschiedsbesuch abstatten wollen, oder …«
»Nur meinen Eltern«, unterbrach Dawes.
»Gut. Wie auch immer. Sie haben noch sieben Tage. Nützen Sie diese gut. Im Nebenzimmer wird man Sie jetzt nochmals gründlichst untersuchen. Vielleicht sind Sie gar nicht mehr tauglich.«
»Ziemlich unwahrscheinlich!«
»Immerhin eine Hoffnung, wie, Mike?«
»Warum reden Sie so? Was kümmert es Sie, ob ich gehe oder nicht? Wissen Sie, was es bedeutet, entwurzelt und hinausgeschleudert zu werden in den Weltenraum? Sie sind übers Alter hinaus; Sie sind sicher.«
Brewer’ lächelte traurig. »Ich habe ein schwaches Herz und bin deshalb nie tauglich gewesen. Aber das heißt nicht, daß ich mir nicht vorstellen kann, was Sie jetzt durchmachen. Vor zehn Jahren hat man mir meine Frau genommen. Kommen Sie, Mike. Der Arzt wird Sie jetzt untersuchen.«
3
Cherry Thomas wachte auf. Automatisch griff sie nach links, aber der Platz neben ihr war leer, noch ein wenig warm; Charlie war weg. Ein Zehndollarschein steckte in einer Ecke des Spiegels.
Im Aufstehen nahm sie ihn heraus und legte ihn in die Schublade. Die Wohnung befand sich in einem verheerenden Zustand. Zwei leere Flaschen standen am Boden neben dem Bett; überall lag Zigarettenasche. Charlie hatte die Abendzeitung mitgebracht. Wahrscheinlich um die letzten Neuigkeiten im Rennsport zu studieren, und nun lagen die losen Blätter übers ganze Zimmer verstreut.
Sie schleppte den Allesreiniger aus der Besenkammer heraus, steckte ihn an und ließ ihn die verstreute Asche aufsaugen, während sie sich duschte. Der reinigende, sanft sprühende Wasserstrahl tat so gut. Nach zehn Minuten kam sie hervor, reckte und streckte sich, gähnte und machte Gymnastik. Nur nicht zu dick werden um die Taille, meine Liebe. Interessant bist du nur, solange dein Körper schön ist.
Nach diesen Morgenpflichten schaltete Cherry den Radioapparat ein; Musik strömte in die Wohnung. Sie drückte auf den Fensterverdunkelungsknopf. Durch die Gleichstellung der Polarität der Gläser drang die Morgensonne herein. Es sah danach aus, als werde es in New York einen weiteren wunderschönen Tag geben. Die Wanduhr zeigte den zehnten Oktober 2116, elf Uhr dreiundzwanzig an.
Es war schon sehr spät. Bereits um dreizehn Uhr mußte sie sich in der Stadt vorstellen; eines der großen Etablissements suchte Empfangsdamen. Billige Arbeit für ein Mädchen, das Striptease-Star der nobelsten Lokale dreier Kontinente gewesen war. Aber die Zeit blieb nicht stehen. Sie war dreiunddreißig Jahre alt und dem rosigen Hauch der Jugend längst entwachsen. Heutzutage schienen Strip-Manager einem Wiegen-Fetischismus verfallen zu sein: je jünger, desto besser. Nächstes Jahr, dachte Cherry bitter, würde irgend jemand den neuesten Schrei auf diesem Gebiet herausbringen – die zehnjährige Striptease-Tänzerin.
Sie steckte die Lochkarte des gewünschten Frühstücks in den Roboter-Koch. Cherrys Wohnung war in beinahe jeder Hinsicht vollautomatisiert. Immer schon war es ihr Traum gewesen, von den neuesten Automaten umgeben zu sein. Zu einer Zeit, da sie buchstäblich in Geld schwamm, kaufte sie sich alle auf dem Markt befindlichen Geräte: einen automatischen Rückenkratzer; einen Roboter-Koch; Polaritäts-Fensterscheiben; eine Vorrichtung, die automatisch das Licht dämpfte; einen Allesreiniger. Ihre Wohnung war eine Stätte elektronischer Zauberkünste aller Art.
Jetzt ging sie auf die Straße, um ihr schmales Einkommen aufzubessern. Oft hörte sie staunende Bemerkungen über den Reichtum in ihrer Wohnung. Ja, nach einer gewissen Zeit wartete sie schon direkt darauf. Cherry aß ohne Appetit. Ein Frühstück war für sie etwas, was man essen mußte, was keine Freude machte.
Sie war auch nervös wegen dieses Vorstellens um dreizehn Uhr. Eine Empfangsdame hatte zwischen den Tischen einherzutänzeln, mit nicht mehr als einem hüftlangen durchscheinenden Fähnchen bekleidet. Sie glaubte, noch die Figur für diesen Job zu haben, aber ihr Vertrauen war nicht sehr groß. Im vergangenen Jahr hatte sie an Gewicht zugenommen, langsam, unerbittlich, unabwendbar.
Alles war anders, als Dan noch hier war, dachte sie.
Dan war ihre Welt gewesen: Manager, Trainer, Beichtvater, Agent. Dan hatte sie in Philadelphia von der Straße aufgelesen und innerhalb kürzester Zeit zum Gespräch von Las Vegas, Paris und Bukarest gemacht. Dan hatte ihr Grazie beigebracht, sie gezwungen, gegen die Versuchungen von Speisen und Sex anzukämpfen, und ihr die besten Anstellungen verschafft.
Aber Dan war nicht mehr da. Sie hatten ihn gezogen, vor vier Jahren. Und seither war nichts mehr dasselbe.
Das Schlimmste aber war, dachte Cherry und riß damit die alte Wunde zum millionstenmal auf, daß sie mit ihm hätte gehen können. »Du kannst dich noch immer freiwillig melden«, hatte Dan gesagt, als sie an jenem Morgen hysterisch weinte. »Du kannst mit mir kommen, wohin immer ich auch gehe, wenn dir soviel daran liegt.« Und er hatte seine Hände im dichten dunklen Haar vergraben und auf Antwort gewartet, und sie hatte sich geweigert, auch nur etwas zu sagen.
Nun, was hättest DU an meiner Stelle getan? fragte sie heftig eine imaginäre Person. Sie war neunundzwanzig Jahre alt gewesen, hatte Geld im Überfluß gehabt, war im Mittelpunkt der vergnügungssüchtigen Welt gestanden. Er war zehn Jahre älter als sie. Sicherlich, sie hatte geglaubt, ihn zu lieben, aber kann irgend jemand sich dessen vollkommen sicher sein? Es war ihr zu schwergefallen, ihre Limousine aufzugeben und ihre Wohnung und ihren Liebling, die Tigerkatze, und ihr behagliches, luxuriöses, verwöhntes Leben, um ihm zu folgen, hinaus zu den Sternen.
So hatte sie gesagt, sie würde hierbleiben, und Dan hatte die Achseln gezuckt und gemeint, es wäre ohnedies besser so. Wahrscheinlich wäre sie gar nicht geeignet für das harte, rauhe Leben dort. Und er war gegangen und hatte sie zurückgelassen. Dann trat der Ernst des Lebens an sie heran.
Sie hatte den teuren Wagen verkauft und die Tigerkatze weggegeben; die Wohnung gehörte noch ihr, aber sonst nur noch sehr wenig. Sie hatte ihr bequemes, luxuriöses Leben verloren – und Dan. Ein Jahr, nachdem Dan für immer fortging, war sie eine überstürzte Heirat eingegangen, eine Ehe, die nur wenige Monate hielt. Und danach folgte das langsame Abwärtsgleiten. Und noch war sie nicht am Ende dieser Bahn. Jeden Morgen fühlte sie das deutlicher.
Cherry schüttelte traurig den Kopf, stellte die Kaffeetasse in den Abwaschautomaten und nahm eine Pille aus dem Medikamentenschrank. Diese wirkte praktisch sofort; ein wunderbares, jedoch künstlich hervorgerufenes Gefühl von Optimismus und Fröhlichkeit löste die schwermütige Stimmung ab. Sie drückte noch dreimal auf den Knopf, und weitere drei kleine gelbe Tabletten fielen heraus. Alle vier Stunden eine, und sie würde den Tag ohne Depressionszustände durchhalten; war die gute Laune auch nicht echt, so doch besser, als den ganzen Tag über Dan zu brüten.
Ein letzter Blick in den Spiegel: das Makeup war in Ordnung, die Frisur wirkte elegant. Dank der Pille schaute sie glücklich, begeistert, vital aus. Hinter dieser Maske würden die Etablissement-Leute wohl nicht die Trübsal erkennen.
»Guten Morgen, Miß Thomas«, ertönte eine Stimme, als sie den Fahrstuhl bestieg. An dessen Decke war ein Roboter angebracht, der die Aufgabe hatte, die Bewohner des Hauses zu begrüßen.
»Guten Morgen«, erwiderte sie. »Schöner Tag heute.« Keine Antwort. Das Elektronengehirn war nur für einen Satz programmiert. Aber sie gab den Gruß dennoch immer zurück.
Der Fahrstuhl entließ sie in einer vor Chrom und grünem Glas blitzenden Halle. Sie war eben dabei, die Lichtschranke zu durchbrechen, welche die Haustür steuerte, als ihr plötzlich einfiel, nach der Post zu sehen.
Und so fand sie die Benachrichtigung des Kolonisationsbüros.
Ihre glänzenden Fingernägel rissen das blaue Kuvert auf. Sie las die Zeilen aufmerksam, langsam; Lesen war nie ihre Stärke gewesen. Als sie die kurz gefaßte Nachricht das erstemal durchgegangen war, begann sie wieder von vorn.
Sie sind gezogen worden, an der Kolonisationsreise teilzunehmen, die am 17. Oktober von Bangor, Maine an Bord des Raumschiffes GEGENSCHEIN startet. Sie haben sich sofort bei der nächstgelegenen Registrierungsstelle des Kolonisationsbüros zu melden. Sie unterliegen nun den Bestimmungen des interstellaren Kolonisationsgesetzes aus dem Jahr 209g, und jedwede Verletzung dieser Bestimmungen wird schwerstens bestraft.
Im Auftrag von D. L. Mulholland, Präsident.
Fürs erste war sie wütend: Wer zum Teufel sind die, die da schlicht und einfach über Cherry Thomas verfügen und bestimmen, sie müsse gehen, hinaus zu den Sternen? Mit mir können sie das nicht machen!
Diesen ersten lodernden Flammen des Trotzes folgte ein ruhigerer, besonnenerer Gedanke: Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Ich könnte eine Luftveränderung vertragen. Hier auf Erden komme ich nirgends hin.
Warum also nicht dorthin gehen, wo sie mich haben wollen?
Und dann der blitzartige Einfall: Vielleicht kann ich mir den Planeten aussuchen! Vielleicht kann ich Dan finden!
Sie eilte hinauf. Der Aufforderung entsprechend, hatte sie sich sofort bei der nächsten Registrierungsstelle zu melden. Über die Telefonauskunft erfuhr sie, daß sich eine solche Stelle zehn Häuserblöcke entfernt befand.
Zum Henker mit diesem Etablissement! Zum erstenmal seit Jahren fühlte sie sich richtig enthusiastisch.
Sie nahm ein Taxi – Sparen hatte ja jetzt keinen Sinn mehr, und flog beinahe die Treppe hinauf und in das große Büro. Ein Empfangschef blickte auf, und Cherry holte den blauen Brief hervor.
»Hier. Das habe ich eben erhalten. Ich wurde gezogen. Wohin soll es gehen?«
»Ich werde Sie zum Direktor bringen.«
Der Direktor, ein Mann in den Fünfzigern mit einem ausdruckslosen Gesicht, setzte ein Lächeln auf, als Cherry eintrat. Sie sagte sofort: »Ich heiße Cherry Thomas und wurde gezogen.«
»Wollen Sie nicht Platz nehmen? Ich bin Mr. Stewart. Ich weiß, dieser Tag ist ein unglückseliger für Sie, aber darf ich Ihnen versichern …«
Sie schnitt ihm das Wort ab. »Schauen Sie, Mr. Stewart. Wollen Sie mir bitte einen Gefallen tun. Es macht mir gar nichts aus, daß ich erfaßt wurde; ich glaube es wenigstens. Aber ich möchte, daß Sie mich zum selben Planeten schicken wie Dan Cirillo im Jahr 2112. Ich kenne den Namen des Planeten nicht, aber Sie werden sicher eine Möglichkeit haben, das für mich herauszufinden, und …«
Mr. Stewarts Mondgesicht verdüsterte sich. »Sie scheinen nicht zu verstehen, Miß Thomas. Sie werden nicht auf einen Planeten geschickt, der bereits bevölkert ist. Sie werden auf eine vollkommen unzivilisierte Welt kommen, auf einen unberührten Planeten.«
»Aber ich will zu Dan! Hören Sie, er war mein Alles. Wir wollten heiraten, und dann seid ihr gekommen und habt ihn mir entrissen. Nun bin ich an der Reihe, und ich will zu ihm! Sehen Sie nicht ein, wie wichtig das ist? Verdammt, haben Sie überhaupt kein Herz?«
Mr. Stewart zuckte bedauernd die Achseln. »Tut mir leid, aber es ist vollkommen unmöglich, daß Sie ihm jetzt folgen. Erstens einmal ist er seit vier Jahren verheiratet …«
»Dan – Verheiratet?« Cherry wiegte den Kopf. Wie dumm von mir, daran nicht gedacht zu haben! Natürlich, wenn man da hinausfährt bekommt man einen Partner! Allmählich beruhigten sich ihre flatternden Nerven. »Ich … Das habe ich nicht bedacht«, sagte sie leise. »Natürlich. Er ist ja verheiratet.« Ein Klumpen schien in ihrer Kehle zu stecken.
Mr. Stewart beugte sich vor und lächelte wieder. »Sie sehen, wir könnten Sie gar nicht zu ihm schicken. Jetzt nicht mehr.«
»Aber vor vier Jahren wäre es gegangen. Ich hätte nur herkommen und ein Wort zu sagen brauchen, und Sie hätten mich mitgeschickt! Und ich wäre jetzt bei ihm! Seine Frau!« Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Sie brach in Tränen aus und verbarg den Kopf zwischen den Händen.
Dieser Höhepunkt ihrer Erregung dauerte nur wenige Augenblicke an. Als sie aufschaute, begegnete sie Mr. Stewarts ruhig beobachtendem Blick. Wahrscheinlich erlebte er täglich Szenen dieser Art.
»Ich werde also auf einen anderen Planeten kommen?« fragte sie beherrscht. »Auf welchen?«
»Nur die höheren Stellen wissen das, Miß Thomas. Ist es von so großer Bedeutung?«
»Nein – nein, eigentlich nicht.«
Er fingerte nervös mit den Papieren am Schreibtisch. »Ich habe Ihren Akt angefordert, aber es wird eine Weile dauern. Sie wurden nicht hier registriert.«
»Nein«, antwortete sie, »in Philadelphia. Vor vierzehn Jahren.« Es schien eine Ewigkeit her zu sein. Und jetzt, so plötzlich, war ihre Nummer gekommen. In Gedanken sah sie jene Cherry Thomas von 2104, wie sie schüchtern das Formular ausfüllte. Ein verstörtes neunzehnjähriges Kind war sie damals gewesen. Diese vierzehn Jahre hatten viel mit sich gebracht.
Mr. Stewart fragte: »Wenn ich richtig verstanden habe, sind Sie nicht verheiratet, Miß Thomas?«
»Nein. Ich war verheiratet, vor drei Jahren. Jetzt nicht.«
»Gibt es jemanden, der Sie vielleicht freiwillig begleiten würde?«
Cherry ging in Gedanken eine Anzahl von Männern durch, die sie kannte. Nein, keiner hatte das Zeug zu einem Freiwilligen in sich. Sie schüttelte stumm den Kopf.
»Darf ich Ihren Beruf erfahren?« fragte Mr. Stewart.
»Ich – lebe von Männern.«
Mr. Stewart fuhr mit der Zunge über die dünnen blassen Lippen. »Haben Sie vor, ein Gesuch einzureichen?«
»Wozu wäre das gut?«
»Mit Ihrem psychologischen Hintergrund hätten Sie vielleicht die Chance davonzukommen.«
»Was heißt das?«
»Wenn Sie, sagen wir, Nymphomanie nachweisen können.« Mr. Stewart errötete verlegen. »Es ist nicht allgemein bekannt, aber ein verworrenes Sexualleben kann Sie disqualifizieren. Eine unkontrollierte Frau richtet möglicherweise größten Schaden an in einer kleinen Gemeinschaft, die eine interstellare Kolonie zu Beginn ja ist.«
Cherry starrte ihn ernst an. »Sie meinen, ich könnte abgewiesen werden, weil ich …«
»Es wäre eine Möglichkeit, sagte ich. »Die ideale Frau ist eine solche, die sich in eine Ehe einfügen kann, die den Mann nimmt, der sie wählt, die mit ihm glücklich ist und so viele Kinder gebiert, als ihre Konstitution zuläßt. Glauben Sie, für diese Art von Leben geeignet zu sein?«
Cherry runzelte unsicher die Stirn. Einmal, erinnerte sie sich, war sie wie andere Mädchen gewesen, hatte sich nach einem Heim gesehnt, nach einem Mann, nach Kindern. Aber irgendwo auf ihrem Lebensweg waren diese Wünsche dann verlorengegangen.
Sie lächelte. Seit Dan weg war, hatte sie jeden Tag damit begonnen, diese Lotterie und die dafür Verantwortlichen zu verfluchen. Aber jetzt, da sie selbst im Netz hing, erkannte sie, daß sie eben darauf gewartet hatte, ohne es zu wissen. Dieser Aufruf bot Flucht – Flucht vor der rauhen, flitterhaften Welt, in der sie lebte, Flucht vor den spöttischen Männern, die jetzt noch ihren Preis bezahlten und die in ein paar Jahren knausern und mit ihr feilschen würden, Flucht vor dem sich bildenden Wall von Einsamkeit und Furcht.
Eine neue Welt; einen Ehepartner; Kinder.
Sie begann zu weinen. »Hören Sie«, sagte sie. »Ich werde keinen Antrag stellen. Und sorgen Sie dafür, daß ich nicht abgewiesen werde, bitte!«
4
Meist trat alles zur Seite, wenn Ky Noonan die Straße entlang kam. Daran war nicht allein seine Größe schuld; es gibt Männer, deren Größe nur dazu dient, ihre Harmlosigkeit zu unterstreichen. Aber Noonan strahlte unantastbare Autorität aus, ruhiges Selbstvertrauen, und das schien die anderen stumm zu warnen: Achtung, Bahn frei, Ky Noonan kommt!
Mit Dreißig befand er sich jetzt in den besten Jahren. Er war von imposanter Gestalt, einen Meter fünfundneunzig groß, ein kerniger Zweihundertpfünder. Sein dichtes, nach hinten gekämmtes tiefschwarzes Haar, widerspenstig, aber dennoch irgendwie gepflegt aussehend, machte ihn noch um einiges größer. Die Stimme entsprach ganz seinem Körperbau: ein tiefes, dumpfes Grollen, das man weithin hörte. Er hatte breite Schultern, lange, kräftige Beine und eine sonnengebräunte Haut.
Heute hatte er einen wichtigen Entschluß gefaßt. Jahrelang war er in ihm gereift. Jahre, die er in Jamaika beim Schleppen von Lasten verbracht hatte und zuletzt als Polizist an der unruhigen Grenze Südafrikas. Die vereinbarte Zeit war vor mehr als einem Monat abgelaufen, und er hatte kein Gesuch um Verlängerung eingereicht. Er war ruhelos auf Erden. Im Alter von 14 Jahren hatte er das trostlose Vaterhaus verlassen und war seither etwa hundert Beschäftigungen in zwanzig Ländern nachgegangen.
Die Erde beengte ihn. Der blaue Himmel, der Gefängnismauern gleichkam, verdroß ihn. Er wollte hinaus.
Im Jahre 2111 reiste er dienstlich zur Venus. Aber auch das hatte ihn nicht befriedigt. Kein Platz dieses Sonnensystems sagte ihm zu. Denn man lebte entweder auf der Erde oder unter einer Kuppel. Venus, Mars, Ganymed, Callisto, Titan, Pluto – sechs Niederlassungen von Menschen, dazu eine auf dem Mond. Aber auch dort war man eingeschlossen, eingeschlossen von einer schimmernden Duroplast-Kuppel.
Sein Jahr auf der Venus verbrachte er mit widerwillig ausgeführten Routine-Tätigkeiten, während er unverhohlen ärgerlich in die rote und grüne und blaue und violette Welt draußen starrte, eine Welt, voll von Formaldehyd und giftigen Gasen und unheimlichen wächsernen Pflanzen, eine Welt, in die sich niemand ohne Sauerstoffapparat und Raumanzug hinauswagte.
Auch ohne die anderen Kolonien im Sonnensystem gesehen zu haben, wußte er, daß überall derselbe Zustand herrschte. Auf Mars schaute man hinaus in eine tote, rote Wüste; auf Ganymed blinzelte man über gleißende, weiße Schneefelder bis zur gigantischen, unvergleichlichen Herrlichkeit Jupiters. Welchen Sinn hatte es, da Sauerstoff und Wasser nun einmal lebensnotwendig waren, die Erde zu verlassen, nur um unter eine Plastikkuppel gestopft zu werden?
Nein. Die einzige Welt des Sonnensystems, auf der ein Mensch sich frei bewegen und ohne Apparate leben konnte, war die Erde, und diese hatte für Ky Noonan jeden Reiz verloren. Ihn zog es zu den Sternen.
Wie jeder andere hatte er sich mit neunzehn Jahren registrieren lassen und damals lautstark den erschrockenen Technikern geraten, ihn nur ja zu disqualifizieren. Aber sie hatten seine Drohungen ignoriert und ihn für tauglich und fruchtbar erklärt, und einen Tag lang oder zwei hatte er gegen diesen untragbaren Eingriff in die Menschenrechte gewettert und getobt.
Und nun stand er an einem milden Oktobernachmittag auf einer schmutzigen, verwahrlosten Straße in Old Baltimore vor einem Büro, auf dessen Tür in goldenen Lettern prangte: KOLONISATIONSBÜRO, DISTRIKT EINS, REGISTRIERUNGSSTELLE NR. 212. Wenige simple Worte, und er würde sein Privatleben für immer aufgeben.
Im entscheidenden Augenblick zögerte er, was absolut nicht seinem Charakter entsprach. Aber er zögerte nur Sekunden. Er hatte sich entschlossen und wußte, daß es kein Zurück mehr gab.
Die Tür war noch altmodisch und mit der Hand zu öffnen. Er erfaßte die Klinke und drückte sie nieder. Er trat ein.
Ein Dutzend Teenager, Burschen und Mädchen, standen an einem Tisch links von der Tür, emsig über Fragebogen gebeugt. Zur Rechten standen weitere Schlangen und warteten, zur körperlichen Untersuchung in die Ordination gerufen zu werden. Alle schauten verängstigt drein. Noonan lächelte innerlich. Durch seine freiwillige Meldung würde ein anderer Mann vierundzwanzig Stunden länger auf der Erde bleiben dürfen.
Er strebte der Rezeption zu und sagte laut und deutlich, so daß jeder im Raum es hören konnte: »Ich heiße Noonan. Ich biete mich freiwillig zur Auswahl an – je früher, desto besser.«
Ein Dutzend Köpfe fuhren herum und starrten ihn an. Es war plötzlich ganz still im Zimmer. Der Angestellte murmelte irgend etwas und führte ihn weiter zu einem Büro, auf dessen Tür ein Schild mit dem Namen Mr. Harness angebracht war.
Mr. Harness war ein schüchtern und bürokratisch aussehender, verhutzelter kleiner Mann mit übertrieben feierlichen Manieren. Er bot Noonan einen Stuhl an und fragte: »Verstehe ich richtig, daß Sie sich freiwillig melden?«
»Sie verstehen richtig.«
Sinnend legte Mr. Harness die gespreizten Finger auseinander. »Freiwillige sind selten, wie Sie sich vorstellen können. Sie sind der erste seit über einem Monat.«
Noonan zuckte die Achseln. »Werde ich eine Medaille bekommen?«
Mr. Harness wurde verlegen. »Das nun wieder nicht. Aber Sie erhalten Privilegien. Das wissen Sie doch, nicht wahr?«
»Ich weiß, daß Freiwillige sich ihre Ehepartner zuerst wählen können«, sagte Noonan frei heraus. »Vielleicht bekommen sie auch besseres Essen im Raumschiff während der Fahrt. Aber ich bin nur an dem Ehepartner-Privileg interessiert.«
»Ah – ja. Natürlich, Mister …«
»Noonan. Ky Noonan.«
Mr. Harness griff nach einem leeren Formular und einer Feder. »Das können wir gleich festhalten, Mr. Noonan. Wollen Sie mir bitte den Vornamen buchstabieren?«
Noonans Mund zuckte ärgerlich. »Cyril. C-Y-R-I-L. Cyril, Franklin Noonan. Ich selbst nenne mich Ky.« Der abgedroschene Vorname war seiner Mutter Idee gewesen; er verabscheute ihn, aber alle Dokumente trugen diesen Namen, und er war zu stolz, eine legale Namensänderung zu beantragen. Er nannte sich Ky und beließ es dabei.
»Geburtsdatum?«
»4. Januar 2086.«
»So sind Sie also – äh – dreißig Jahre alt. Ihre Beschäftigung, bitte?«
»Zuletzt war ich Polizist. Eine Menge Dinge vorher.«
»Irgendeine Spezialausbildung? Medizin, Jura, Naturwissenschaften, Technik?«
»Ich weiß, was ich damit anfangen soll.« Noonan streckte seine großen Hände vor. »Und ich weiß, wozu das gut ist.« Er tippte sich an die Stirn. »Aber keine Ausbildung, nein.«
Harness blickte auf. »Darf ich Sie fragen, warum Sie sich freiwillig melden, Mr. Noonan? Sie müssen natürlich nicht antworten, aber interessieren würde es mich schon …« Noonan lächelte. Einem Freiwilligen wurden bestimmte Privilegien eingeräumt. Und die Verweigerung einer Antwort auf diese letzte Frage war eines davon. War er psychologisch und physiologisch für eine Kolonisation geeignet; war er nicht disqualifiziert durch die Existenz kleiner Kinder, die ansonsten verwaisen würden; hatte er kein schweres Verbrechen begangen, so konnte er schweigen. Aber Männer wie Harness wollten auf die Art alter Jungfrauen jeden Tratsch hören, dachte Noonan.
Er antwortete laut: »Zur Befriedigung Ihrer Neugierde will ich Ihnen sagen, daß ich das Leben hier satt habe und daß ich es anderswo versuchen will. Ich habe keine Schulden, und ich habe in letzter Zeit keine unschuldigen Mädchen verführt, und ich will keiner dominierenden Mutter entkommen. Ich melde mich einzig und allein, weil ich sehen möchte, was da draußen vor sich geht.«
Über diesen dröhnenden Ausbruch erschreckt, wich Harness zurück und sagte: »Ja, ja, natürlich, Mr. Noonan. Ich wollte Ihnen nichts unterstellen … Nun, wenn Sie die restlichen Fragen auf dem Formular ausfüllen wollen …«
Noonan füllte sie aus. Als er zur Spalte kam: Wieviel Zeit werden Sie brauchen, um Ihre Angelegenheiten hier zu ordnen? malte er in eindrucksvollen Großbuchstaben hinein: KEINE. Er unterschrieb und gab Harness das Formular zurück, der es durchlas und erstaunt die Brauen hob, als er zur letzten Eintragung kam.
»Sie wollen unverzüglich starten, Mr. Noonan?«
»Warum nicht? Meine Angelegenheiten sind geregelt. Ich besitze keine Reichtümer, und ich habe nicht viel Geld, und ich habe niemanden, dem ich es schenken könnte. So werde ich einfach alles der Caritas übergeben.
Geld werde ich wohl jetzt keines mehr brauchen.«
»Sehr gut«, meinte Harness. »Heute haben wir den achten Oktober. Wollen Sie sich in drei Tagen wieder hier melden?«
»Drei Tage? Wozu?«
»Dem Gesetz nach steht Ihnen eine Frist von drei Tagen zu, um Ihre Entscheidung zu überdenken. Haben Sie bis Ende der Woche Ihren Entschluß nicht geändert, dann kommen Sie wieder her, und wir werden Ihren Akt abschließen.«
Noonan schüttelte den Kopf. »Habe nichts zu überdenken. Das tat ich, bevor ich herkam.«
5
»Muß ich wirklich nächste Woche weg?« fragte Carol Herrick. Starr und gespannt saß sie da, mit steifem Rücken und zusammengepreßten Knien und blickte über den breiten, aufgeräumten Schreibtisch auf einen ältlichen Mann, der, wie es schien, ihre Schicksalsfäden in der Hand hatte. »Ich meine, gibt es keine Möglichkeit, daß ich hierbleiben kann?«
Der Angestellte des Kolonisationsbüros schüttelte ernst den Kopf.
»Gar keine?« fragte Carol.
»Wenn Sie geeignet sind, müssen Sie gehen. So will es das Gesetz, und das kann man auf keine Weise umgehen.«
Waren sie auch mild ausgesprochen, sie blieben doch hart, diese Worte. Carol kämpfte verzweifelt gegen die aufsteigenden Tränen an. Am liebsten hätte sie sich diesem Mann vor die Füße geworfen und seine Knie mit Tränen benetzt. Wie konnte man sie nur auf eine andere Welt schicken? Das war nicht gerecht, dachte sie. Sie gehörte hierher nach San Franzisko mit seinem Nebel und den Brücken, den Spaziergängen im Golden Gate Park an Sonntagnachmittagen; und nicht auf irgendeinen unheimlichen, fremden Planeten.
Leise und verwirrt stammelte sie: »Aber – warum gerade ich? Ich weiß nichts über den Weltraum, nichts über die Sterne. Ich kann nicht einmal gut kochen. Ich bin nicht von der Sorte, die man da oben braucht.«
»Auch Menschen wie Sie sind willkommen, Kind. Sie werden lernen, wie man kocht, näht, wilde Tiere abhäutet. Der Weltraum wird Sie in eine richtige Pionier-Frau verwandeln.«
Röte überzog ihre Wangen. »Das ist wieder so etwas. Sie wollen, daß ich heirate, nicht wahr? Alle Kolonisten müssen heiraten.«
»Natürlich. Und Kinder gebären. Jede Welt beginnt mit fünfzig Paaren, die sich vermehren müssen, damit die Kolonie bestehen bleibt. Wollen Sie nicht heiraten, Carol? Und Kinder haben?«
»Ja, sicherlich, aber …«
»Aber?«
»Ich wartete, wartete immer auf den Richtigen. Schlug Angebote aus und wartete, wie wohl der nächste aussehen würde. Und jetzt ist es zu spät, wie? Ich könnte verheiratet sein, vielleicht auch schon ein Baby haben, und dann müßte ich jetzt nicht gehen – da hinaus.«
»Tut mir leid. Eigentlich sollte ich Ihnen die übliche Ansprache über das Schicksal der Menschheit halten, Miß Carol, aber vermutlich würde diese Sie wenig interessieren. Ich kann nur sagen, daß es mir leid tut, aber Sie werden Ihren Teil beitragen müssen.«
Versunken starrte sie an dem Mann hinter dem Schreibtisch vorbei, vorbei an dem Banner mit dem bedeutungslosen Slogan. Wie zu sich selbst sprach sie vor sich hin: »So lange wartete ich – und jetzt muß ich den ersten nehmen, der mir über den Weg läuft. Nicht wahr?«
»Eine gewisse Freiheit gibt es schon, Carol. Sie müssen nicht akzeptieren, wenn Ihnen der Mann nicht zusagt, der Sie wählt. Sie können ›nein‹ sagen.«
»Aber einen muß ich heiraten. Ich kann nicht alle abweisen.«
»Ja. Einen müssen Sie nehmen.«
Stumm ließ Carol die Untersuchung über sich ergehen, widerstandslos, erfüllt von vagem Bedauern und schwachem Groll.
Carol Herrick hatte nie ernsthaft über dieses große Problem der Menschheit nachgedacht. Vor drei Jahren, an ihrem neunzehnten Geburtstag, war sie in die Stadt zur Registrierungsstelle gegangen, weil das Gesetz es verlangte. Sie hatte ihren Namen genannt, die Ärzte hatten sie untersucht, und einige Wochen darauf war ein Kärtchen gekommen, daß sie tauglich war, daß ihr Name auf der Liste im großen Komputer stand und daß sie an der Menschen-Lotterie teilnehmen würde bis zum Alter von vierzig Jahren.
Auf einem Zettel hatte sie sich ausgerechnet, daß sie erst im Jahr 2034 vierzig Jahre alt wäre. Das schien ihr in so ferner Zukunft zu liegen, daß sie sich die Jahre dazwischen kaum vorstellen konnte. Da also ihr Verstand weder mit dem Lotterie-Gedanken, noch mit dem Intervall von zwanzig Jahren fertig werden konnte, vergaß sie einfach die ganze Angelegenheit. Daß ihre Nummer an der Lotterie teilnahm, das wußte sie. Nun gut, was liegt schon daran?
Der blaue Zettel im Briefkasten hatte es sie gelehrt.
6
Nach Fertigstellung der Liste mit den hundert Namen für den siebzehnten Oktober, dem Start der Gegenschein, wandte sich Präsident Mulholland dem nächsten Punkt seiner Tagesordnung zu: Finale der Liste des Vortags, wie er im »Fahrplan« grausam genannt wurde.
Das Raumschiff für den sechzehnten Oktober hieß Skyrover und würde von Kap Kennedy starten. Mulholland hatte die übliche Quote an Namen vorbereitet; in den frühen Morgenstunden, während er die Gegenschein-Liste zusammenstellte, waren Meldungen zu den Ziehungen des Vortags von den Ortsstellen eingegangen. Mulholland überprüfte die langen gelben Formulare. Die Skyrover-Liste würde keine Schwierigkeiten bereiten, wie er sah. Er hatte einundfünfzig brauchbare Männer, zweiundfünfzig brauchbare Frauen.
Er strich die überzähligen drei Namen, trug sie in das dafür vorgesehene Formular ein und übergab dieses Miß Thorne. Im Laufe des Tages würden irgendwo in den Vereinigten Staaten drei Menschen erfahren, daß sie eine Gnadenfrist hatten: statt am sechzehnten Oktober zu starten, würde man sie für den siebzehnten vormerken. Waren auf der Gegenschein-Liste keine Lücken auszufüllen, würden sie auf alle Fälle am achtzehnten Oktober abreisen müssen.
Seine Aufgabe, überlegte Mulholland, glich einem Mosaikspiel: nur daß er Menschen dazu verwendete, hundert auf einmal aufschüttete, jene entfernte, die uneben waren, oder zerbrochen, oder die für das Muster nicht geeignet waren, und den Rest zusammenfügte. An jedem Tag mußte ein neues Bild gelegt werden. Manchmal waren zuviel Stücke da, die er dann für einen anderen Tag aufhob. Er stellte die Skyrover-Liste endgültig fertig und schickte sie per Rohrpost zu Brevoort, zwanzig Stock tiefer. Brevoort würde mit Kap Kennedy telefonieren, den Abschluß der Liste mündlich bekanntgeben, und diese gleichzeitig per Bildfunk nach Florida absenden. Damit war Mulhollands Tagesprogramm erfüllt. Es war vierzehn Uhr. In diesem Augenblick startete die Enterprise Three von der Bangor-Rampe mit hundert Kolonisten an Bord, Leuten, die vor einer Woche erfaßt worden waren.
Das ging ununterbrochen, Tag und Nacht: Menschen wurden registriert, Menschen wurden gezogen, Menschen meldeten sich, Raumschiffe verließen die Erde. Fünf pro Tag allein von den Vereinigten Staaten, sechzig insgesamt, also vierhundertzwanzig Schiffe pro Woche. Und so unermeßlich war das Weltall, daß es unzählige Jahrhunderte dauern würde, bis der letzte bewohnbare Planet von Erdmenschen bevölkert war.
Vierzehn Uhr. Wiederum ein Arbeitstag zu Ende. Mulholland brachte seinen Schreibtisch in Ordnung, verabschiedete sich – die meisten Angestellten arbeiteten zwei Stunden länger – und verließ das Büro. Draußen, im frischen Oktoberwind, versuchte er, des Tages Mühen abzuwerfen wie eine Otter, die an Land kommt und sich trockenschüttelt. War es einmal vierzehn Uhr, hörte er auf, Präsident Mulholland zu sein, wurde er zum einfachen Dave Mulholland von White Plains, einem kleinen, beleibten, rothaarigen Mann von dreiundvierzig Jahren. Vor zwölf Jahren hatte er seinen Posten als Hilfsprofessor für Staatswissenschaften an der C.C.N.Y. aufgegeben, um für die Partei der Liberalen zu arbeiten. Als Belohnung für treue Dienste war er dann berechtigt worden, täglich hundert Leute zu verdammen, solange seine Partei an der Macht blieb.
Am nächsten Morgen um neun Uhr war Mulholland wieder in seinem Büro. Das Anforderungs-Formular wartete auf ihn, wie immer: fünfzig Paare wurden für das Raumschiff Aaron Burr benötigt, das Kap Kennedy am achtzehnten Oktober verließ. Wie üblich erteilte er seine Anordnungen für die Auswahl von einhundertundzehn Namen für die Aaron Burr.
Zwei Stunden später kamen die ersten Antworten betreffend Gegenschein-Reisende von den Ortsstellen herein. Mulholland legte jede Auskunft in den »Evidenz-Korb« und schaltete sie bis auf weiteres aus seinem Gedächtnis. Die Skyrover hatte er bereits vergessen: nun, da die Liste komplett war, verschwand er hinter einem Schleier zu all den vielen anderen vergessenen Raumschiffen, für deren Passagiere Mulholland verantwortlich zeichnete.
Nach dem Lunch, das ihm an Arbeitstagen nie recht mundete, widmete er seine Aufmerksamkeit der Gegenschein. Eine Spalte war bereits ausgefüllt: mit Noonan, dem Freiwilligen von der Baltimore-Stelle Nr. 212. Mulholland benötigte also noch neunundvierzig Männer und fünfzig Frauen.
Die meisten Berichte von der Ostküste und aus dem Mittelwesten waren schon angelangt. Der Westen brauchte natürlich länger. In den meisten Fällen würde die Post erst jetzt ausgeliefert werden, draußen an der Küste. Aber es waren genug andere Berichte da. Mulholland begann also, diese zu sortieren, mit der Liste abzustimmen.
Columbus, Ohio, Nr. 156: Wir haben den Registrierten Michael Dawes untersucht und ihn für akzeptabel befunden …
New York, Nr. 11: Wir haben die Registrierte Cherry Thomas untersucht und sie für akzeptabel befunden …
Philadelphia, Nr. 72: Wir haben den Registrierten Lawrence T. Fowler untersucht und ihn für akzeptabel befunden …
Und, unter den restlichen, ein rotes Formular, eine Abweisung:
Atlanta Nr. 243: Wir haben die Registrierte Louetta Johnson untersucht und sie für ungeeignet befunden, aus umstehend detaillierten Gründen …
Mulholland drehte das Blatt um und las: Bei der Untersuchung hatte man festgestellt, daß Louetta Johnson in der zwölften Woche schwanger war. Miß Johnson hatte das nicht gewußt und daher die zuständige Stelle auch nicht informieren können. Mulholland lächelte schwach. Ein Fehltritt hatte Louetta Johnson vor einer Auswanderung bewahrt. Welche Folgen das für sie hier auf Erden haben würde, war eine andere Frage.
Er legte das Blatt beiseite und strich ihren Namen von der Liste. In der darauffolgenden Stunde verlor er weitere zwei: Zweigstelle Nr. 93, Troy, New York, meldete, daß Elgin MacNamara genau am Tag seiner Ziehung einem verhängnisvollen Unfall zum Opfer gefallen war; Zweigstelle Nr. 114, Elizabethtown, Kentucky, berichtete dem Präsidenten mit Bedauern, daß der Registrierte Thomas Buckley verhaftet worden war unter dem dringenden Verdacht, seine Frau und einen Mann erschossen zu haben. Als Kolonist käme er daher nicht in Frage.
Trotz dieser geringfügigen Einbußen füllte sich die Liste allmählich. Um dreizehn Uhr zwanzig wies Mulhollands Bogen für das Raumschiff Gegenschein dreiundvierzig Männer und neununddreißig Frauen auf. Fünf der ursprünglichen einhundertundzehn waren untauglich, von dreiundzwanzig fehlten noch die Berichte. Bald danach antwortete der Ferne Westen: San Franzisko, Nr. 326: Wir haben die Registrierte Carol Herrick untersucht und sie für akzeptabel befunden. .
Los Angeles, Nr. 406: Wir haben den Registrierten Philip Haas untersucht und ihn für akzeptabel befunden …
Ein rotes Blatt von Seattle, Nr. 360: Die Registrierte Ethel Pines erklärte sich für untauglich aus Gesundheitsgründen; die Registrierte Pines hat Krebs.
Mulholland entfernte den Namen Ethel Pines von der Liste.
Um dreizehn Uhr vierzig näherte er sich dem Abschluß. Eine rasche Bilanz ergab achtundvierzig Männer, sechsundvierzig Frauen. Zehn der ursprünglichen einhundertundzehn waren durchgestrichen, untauglich. Ein Freiwilliger. Sieben Berichte waren noch ausständig.
Zehn Minuten später waren auch diese da: Fünf akzeptabel, zwei abgewiesen. Mulholland zog einen Strich unter der Kolonne männlicher Namen und addierte: Fünfzig, an der Spitze Cyril Noonan, Freiwilliger. Fehlte ihm also nur eine Frau.
Er griff nach dem Reserve-Korb und nahm die drei Karten heraus, die ihm vom Skyrover-Quantum übergeblieben waren. Ein Mann, zwei Frauen. Mulholland legte die Karte des Mannes zurück und warf die beiden anderen in die Luft. Eine landete mit der beschriebenen Seite nach oben; er nahm sie, die Karte von Marya Brannick.
Die komplettierte Gegenschein-Liste behutsam weglegend, nahm Mulholland die morgige Aaron Burr-Liste aus dem Fach und vermerkte die Namen Irwin Halsey und Maribeth Jansen in der ersten Spalte der beiden Kolonnen.
Er klingelte nach Miß Thorne.
»Jessie, ich habe die drei Überzähligen der Skyrover-Liste verwendet. Brannick geht mit der Gegenschein, Halsey und Jansen stehen auf der Aaron Burr-Liste.«
Miß Thorne nickte eifrig. »Ich werde veranlassen, daß die entsprechenden Informationen an die Ortsstellen gehen. Sonst noch etwas, Mr. Mulholland?«
»Glaube nicht. Ist alles in Ordnung.« Sie schenkte ihm ein süßes Lächeln und eilte zurück in ihr Zimmer nebenan. Seufzend schaute Mulholland nach der Zeit. Es war dreizehn Uhr achtundfünfzig. Erstaunlich, wie präzise der Lotterie-Mechanismus arbeitet, dachte er. Die Liste füllt sich ganz automatisch.
Und es war Automaten-Arbeit gewesen, denn er tat nichts, was nicht auch ein Roboter erledigen hätte können. Er überlegte, wie wohl ein Film von ihm aussehen würde, an einem typischen Arbeitstag gedreht und mit erhöhter Geschwindigkeit abgespult. Lächerlicher noch als die alten Schnellkamera-Filme, zweifellos. Wie ein alberner, dicker, kleiner Bürokrat würde er auf der Leinwand erscheinen, geschäftig Listen in Fächer schiebend, Listen aus Fächern ziehend, Namen eintragend, wichtigtuerisch nach seiner Sekretärin klingelnd …
Fürwahr, ein nicht sehr schmeichelhafter Anblick. Mulholland versuchte, das Bild auszulöschen, aber es wollte und wollte nicht aus seinen Gedanken verschwinden. Gott sei Dank, daß der Tag bald um war, dachte er.
Er ging die fertiggestellte Gegenschein-Liste noch einmal durch. Schien ganz in Ordnung zu sein: Hundert Namen, fünfzig in jeder Kolonne, jeder in der richtigen Spalte. Zunächst überflog er die Kolonne männlicher Namen: Noonan, Cyril; Dawes, Michael; Fowler, Lawrence; Matthews, David. Bis hinunter zu Nolan, Sidney; Sanderson, Edward.
Und dann die Kolonne weiblicher Namen. Thomas, Cherry; Martino, Louise; Goldstein, Erna. Bis hinunter zum letzten Namen, bei dem die Tinte noch nicht trocken war: Brannick, Marya.
Mulholland nickte. Fünfzig hier, fünfzig dort. Die Liste war okay. Er kritzelte seine Unterschrift an der richtigen Stelle. Wiederum ein Tag, wieder ein Raumschiff bemannt, dachte er. Wieder eine Last mehr auf seinem Gewissen.
Die vielen Namen verschwammen; er schloß seine müden Augen. Das war ein Fehler gewesen. Denn nun schaltete sich seine Vorstellungskraft ein, verwandelte Namen in Menschen; Gesichter schwebten anschuldigend im Raum. Edward Sanderson, dachte er – und sah vor sich, rein der Einbildung entsprungen, einen kleinen, schlanken, schmalschultrigen Mann mit braunem Haar. Erna Goldstein – das könnte ein dunkelhaariges Mädchen mit großen Augen sein, der das Dramatische lag und die hoffte, irgendwann einmal selbst ein Schauspiel zu schreiben. Sidney Nolan …
Mulholland schüttelte den Kopf, um sie loszuwerden. Den ganzen Tag über hatte er es abwenden können, daß diese Namen zu Fleisch und Blut wurden. Solange er sie nur als Namen sah, als aneinandergereihte Silben, war alles gut. Begannen sie jedoch, menschliche Züge anzunehmen, brach er unter dem Anblick zusammen.
Hastig preßte er den Daumen auf die lichtempfindliche Stelle, rollte das Blatt ein, steckte es in eine kleine Hülse und schickte es per Rohrpost hinunter zum wartenden Brevoort. Das Raumschiff Gegenschein hatte seine Ladung. Ausgenommen waren nur mehr Unfälle und eventuelle Selbstmorde in der Zeit bis zum siebzehnten des Monats.
Es war vierzehn Uhr, der Tag zu Ende. Mulholland erhob sich, schweißgebadet, mit schmerzenden Augen, betäubtem Sinn. Er konnte nach Hause gehen.
Ihr werdet wenigstens nur einmal gezogen, dachte er. Ich muß das hier jeden Tag mitmachen.
7
Die Rampe in Bangor, im nördlichen Maine, von der wöchentlich drei Kolonisten-Raumschiffe abgingen, umfaßte eine Fläche von etwa vierzig Quadratkilometern. Wo einst dichter Wald stand, reckten sich keine erhabenen Tannen mehr empor. Das Gebiet war gerodet, geebnet und eingezäunt worden. In Abständen von dreihundert Metern hingen Warnschilder: UNBEFUGTEN IST DER ZUTRITT VERBOTEN. Das Kolonisationsbüro. Drinnen befanden sich erstaunlich wenig Gebäude. Da die Rampe nur für Regierungszwecke vorgesehen war und nicht für kommerzielle, war keine Veranlassung vorhanden für das sonst übliche Aufgebot an Passagiergebäuden, Warteräumen und sonstigem Komfort, wie es in Hülle und Fülle auf jedem kommerziellen Raumhafen anzutreffen war. Hier in Bangor gab es nur eine mäßig komfortable Kaserne für das ständige Personal, eine Unterkunft für Durchreisende, einige Vergnügungsstätten für das Personal und ein kleines Verwaltungsgebäude. All das drängte sich im Zentrum der gerodeten Fläche zu einer kompakten Gruppe zusammen. Von dort, in drei Richtungen ausschwingend, erstreckten sich die Start- und Landeplätze, weit voneinander entfernt.
Am Morgen des siebzehnten Oktober 2116 waren zwei der drei Abschußrampen belegt. Auf Feld eins stand die Andrew Johnson feierlich allein da, umgeben von einer Meile brauner, verbrannter Erde: eine riesige stahlblaue Nadel, aufrecht emporragend auf ihren Standsäulen und einziehbaren atmosphärischen Steuerflossen. Der Start der Andrew Johnson war für den zwanzigsten des Monats geplant; morgen würde technisch geschultes Personal ausschwärmen, um auf Feld eins mit dem dreitägigen Countdown zu beginnen, das jeden Start eines Raumschiffes einleitete.
Gegenwärtig liefen die letzten Überprüfungen der Gegenschein auf Hochtouren. Das Schiff stand in der Mitte von Feld drei, schlank und kerzengerade, golden glitzernd in der Morgensonne. Der Start der Gegenschein war für sechzehn Uhr angesetzt. In dieser letzten Phase vor dem Abschuß krabbelten die Techniker wie emsige Ameisen durch das Raumschiff; vergewisserten sich, daß alles in bester Ordnung war. Nur einmal, vor zwölf Jahren, war ein schwerer Unfall passiert, aber man hoffte, es würde nie wieder einen solchen geben.
Feld zwei blieb leer. Ein zurückkehrendes Raumschiff, die Wanderer, war am späten Abend fällig, und Feld zwei wurde dafür bereitgehalten. Eine kleine Service-Mannschaft versah ihren Dienst im Kontrollkomplex auf Feld zwei, wo sie das Steuerungssystem letzten Kontrollen unterzogen, das dann das Raumschiff gegen Abend in seine Landebahn bringen würde.
Um neun Uhr fünfundvierzig war Michael Dawes nach einem Flug von New York in Bangor angekommen. Aus dem Fenster eines kleinen, ihm zugewiesenen Zimmers im ersten Stockwerk spähte er hinaus, vorbei an dem plumpen Gebäude aus gelben Ziegelsteinen, in welchem das ständige Personal untergebracht war, hinüber zur blau angestrichenen Andrew Johnson im Westen, und dann, in östlicher Richtung, zur nähergelegenen Gegenschein.
»Mit welchem werde ich fliegen?« fragte er.
»Mit dem goldenen«, antwortete der Angestellte des Kolonisationsbüros, der ihn auf sein Zimmer geführt hatte. »Es steht dort drüben, auf Feld drei.«
Dawes nickte. »Ja, ich sehe es.«
»Sie haben jetzt ungefähr eine Stunde Zeit, während der Sie sich hier ausruhen und entspannen können. Um elf Uhr werden Sie einleitende Informationen erhalten, und zwar unten, in der Gemeinschaftshalle. Das ist, wenn Sie aus dem Fahrstuhl steigen, linker Hand. Sie können den Weg nicht verfehlen. Der Vortrag dauert etwa eine Stunde. Anschließend wird man den Lunch servieren.«
»Ich werde sicher nicht sehr hungrig sein«, meinte Dawes.
Der Mann lächelte. »Die meisten haben keinen Appetit. Aber das Essen ist immer sehr gut.«
Um elf Uhr ging Dawes den flackernden Neon-Wegweisern nach bis zum Fahrstuhl und von dort zu Zimmer 101. 101 war ein riesiges Auditorium; einige Männer in blau-gelben Uniformen tummelten sich auf einer Estrade, ein Mikrophon aufstellend, während bleiche Menschen mit angespannten Gesichtern hereinkamen und ihre Plätze so wählten, daß sie möglichst weit weg von den andern saßen.
Dawes schlüpfte in eine leere Reihe, ziemlich weit hinten, und schaute sich seine Leidensgenossen zum erstenmal an. Hundert Menschen hatten sich dünn über einen Raum verstreut, der das Zehnfache ihrer Anzahl faßte. Ein ironisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er feststellte, daß es jedem einzelnen gelungen war, sich auf ein kleines Eiland zu flüchten, fünf oder sechs leere Stühle zwischen sich und den nächsten Nachbarn zu bringen; anscheinend besorgt, in diesen letzten Stunden nur ja in keine Privatsphäre einzugreifen.
Es schienen ganz normale Leute zu sein. Dawes bemerkte, daß die meisten Ende der Zwanzig oder Anfang der Dreißig, und einige wenige noch älter waren. Er überlegte, ob die Kolonisten einfach aufs Geratewohl zusammengewürfelt wurden, oder ob man bis zu einem gewissen Grad einen externen Einfluß ausübte. Es wäre doch durchaus möglich, daß der Komputer fünfzig zwanzigjährige Männer und fünfzig vierzigjährige Frauen wählte. Eine solche Gruppe würde wohl kaum hinausgeschickt werden.
Hinter ihm wurden die Saaltüren geschlossen. Ein Offizier mit einer stattlichen Anzahl von Bändern und Abzeichen auf seiner Uniform schritt hinauf aufs Podium, blickte stirnrunzelnd auf das Mikrophon, stellte es einige Millimeter höher und sagte: »Willkommen in Bangor. Ich bin Commander Leswick und verantwortlich für Ihr Wohlbefinden bis zum Start um sechzehn Uhr. Ich weiß, daß die vergangene Woche kritisch für Sie war, vielleicht sogar tragisch für einige. Ich beabsichtige nicht, jene Phrasen und Slogans zu wiederholen, die Sie in den letzten Tagen zur Genüge gehört haben.
Sie sind auserwählt worden; Sie werden die Erde verlassen und nie wieder zurückkehren. Ich spreche deshalb so offen und hart, weil es jetzt zu spät ist für Illusionen und Selbsttäuschung und Trost. Sie sind erfaßt worden, um eine Aufgabe auszuführen, die für die Menschheit von größter Wichtigkeit ist. Ich will nicht heucheln und sagen, daß Sie es leicht haben werden; ganz im Gegenteil. Sie werden dem ungeheuren Problem gegenübergestellt, auf einer fremden Welt, Billionen Meilen von hier entfernt, eine Kolonie gründen zu müssen. Ich weiß, jetzt fühlen Sie sich ängstlich und einsam und niedergeschlagen. Aber vergessen Sie eines nicht: Jeder von Ihnen ist ein Erdenmensch. Sie sind ein Vertreter der höchsten bekannten Lebensform. Sie haben einen Ruf, dem Sie gerecht werden müssen, dort draußen. Und Sie werden eine Welt aufbauen. Für zukünftige Generationen dieser Welt werden Sie die George Washingtons und Thomas Jeffersons und John Hancocks sein.
Ihr Planet ist der neunte von sechzehn Planeten, die sich um den Stern Wega drehen. Die Wega ist einer der hellsten Sterne des Weltalls und auch einer der nächsten zur Erde – dreiundzwanzig Lichtjahre von hier entfernt. In gewisser Hinsicht können Sie sich glücklich schätzen: im Wega-System gibt es zwei bewohnbare Planeten. Ihre Welt und der achte Planet, der noch nicht bevölkert ist. Das heißt, Sie werden im Laufe der Zeit einen Planeten-Nachbarn haben. Die meisten anderen Kolonien leben auf der einzigen bewohnbaren Welt ihres Systems. Übrigens, Ihr Planet heißt Osiris, der ägyptischen Mythologie entnommen, aber Sie können ihn auch anders benennen, wenn Sie einmal dort sind.
Die Reise wird etwa vier Wochen dauern. Das wird Ihnen genügend Zeit geben, einander kennenzulernen. Captain McKenzie und seine Mannschaft haben einige Dutzend erfolgreicher Interstellar-Flüge hinter sich, und ich kann Ihnen versichern, daß Sie sich in besten Händen befinden werden.
Ihr Raumschiff heißt Gegenschein, wie Sie wissen. Die Namen unserer Raumschiffe entnehmen wir drei Quellen: Astronomischen Begriffen, historischen Gestalten und traditionellen Schiffsnamen.
Gegenschein ist ein astronomischer Begriff und bezieht sich auf das matte Leuchten, das entlang der Ekliptik zu beobachten ist, und zwar diametral entgegengesetzt zur Sonne. Es ist dies das Sonnenlicht, reflektiert von einer immensen Wolke geballter Meteore.
Ich glaube, das wären die wichtigsten Punkte gewesen, die Sie für den Anfang wissen müssen. Wir werden uns jetzt zum Speisesaal begeben, wo Sie die letzte Mahlzeit auf dem Planeten Erde einnehmen werden, und gleichzeitig die erste miteinander. Ich hoffe, es wird Ihnen munden, denn es ist ja ein besonderes Mahl.
Ehe wir gehen, werde ich Sie noch aufrufen. Wenn Sie Ihren Namen hören, stehen Sie bitte auf und drehen Sie sich einmal ganze dreihundertsechzig Grad, damit jeder Sie gut sehen kann. Das ist nämlich eine günstige Gelegenheit, einander ein wenig kennenzulernen.«
Er nahm die Liste zur Hand. »Cyril Noonan.«
Ein großer, mächtig aussehender Mann in einer vorderen Reihe erhob sich und sagte mit dröhnender Stimme, die überall im Auditorium zu hören war: »Ich nenne mich Ky Noonan.«
Commander Leswick lächelte. »Ky Noonan, also. Übrigens, Ky Noonan ist ein Freiwilliger.«
Noonan setzte sich. Commander Leswick fuhr fort: »Michael Dawes.«
Dawes stand auf, errötete ganz grundlos und ließ sich verlegen begutachten. Da er sich hinten befand, brauchte er keine Drehung auszuführen. Neunundneunzig Köpfe fuhren herum, um ihn anzuschauen, und dann saß er wieder.
»Lawrence Fowler.«
Ein klotziger Mann in der Mitte des Saales sprang auf die Beine, drehte sich, lächelte nervös. Leswick rief den nächsten auf und den nächsten, bis alle fünfzig Männer durch waren.
Dann las er die Frauen vor. Dawes beobachtete aufmerksam. Die meisten waren acht bis zehn Jahre älter als er, wie er sah. Aber da war ein Mädchen, namens Herrick, das ihn interessierte. Sie war jung und schaute attraktiv aus. Carol Herrick, dachte er, und überlegte, wie sie wohl sein mochte.
8
Wahrscheinlich war das Essen ausgezeichnet, aber Dawes bemerkte es nicht. Er aß gleichgültig, stocherte herum und konnte sich gar nicht erfreuen am zarten Truthahn und dessen Garnierung. Wiewohl er die anfängliche Bitterkeit überwunden hatte, war doch eine nervöse Spannung zurückgeblieben. Er hatte keinen Appetit. Das war eine Begleiterscheinung, die bei den meisten auftrat.
Sie waren auf zehn Tische aufgeteilt worden. Dawes entdeckte bestürzt, daß er sich auf keinen einzigen Namen seiner neun Tischgenossen besinnen konnte. Aber seiner Verlegenheit wurde bald abgeholfen. Ein Mann mit beginnender Glatze und rundem Gesicht zu seiner Linken sagte: »Ich muß gestehen, zu viele Namen behielt ich nicht, nach dieser Massenvorstellung. Vielleicht sollten wir einander noch einmal bekannt machen. Ich bin Ed Sanderson aus Milwaukee, ehemals Rechnungsführer.«
Es ging um den Tisch. »Mary Elliot, St. Louis«, meldete sich eine plumpe Frau mit graudurchzogenem Haar. »Ich war Hausfrau, bevor meine Nummer kam.«
»Phil Haas, aus Los Angeles«, sagte ein schmalgesichtiger Mann Ende der Dreißig. »Ich war Rechtsanwalt.«
»Louise Martino, Brooklyn«, stammelte ein dunkelhaariges, etwa fünfundzwanzig- oder sechsundzwanzigjähriges Mädchen mit bebender, heiserer Stimme. »Ich war Verkäuferin bei Macy.«
»Mike Dawes, Cincinnati, zuletzt Medizinstudent.«
»Rina Morris, aus Denver«, stellte sich eine gut aussehende Rothaarige vor. »Verkäuferin.«
»Howard Stoker, Kansas City«, brummte ein kräftiger Mann mit stoppeligem Kinn und dicken, schmutzigen Fingern. »Bauarbeiter.«
»Claire Lubetkin, Pittsfield, Massachusetts.« Das war eine Blondine mit sanftem Gesichtsausdruck und einem nervösen Tick unter dem linken Auge. »Angestellte in einem Radio- und Fernsehgeschäft.«
»Sid Nolan, Tulsa. Elektroingenieur.« Er war ein schlanker, dunkelhaariger, zerfahrener Mann, der ständig mit dem Silberbesteck spielte.
»Helen Chambers, Detroit«, sagte eine müde aussehende Frau in den Dreißigern, mit dunklen Ringen unter den Augen. »Hausfrau.«
Ed Sanderson kicherte befangen. »Nun, jetzt kennen wir uns, hoffe ich. Hausfrauen, Ingenieur, Student, Rechtsanwalt …«
»Wie kommt es, daß keine Reichen gezogen werden?« fragte Howard Stoker plötzlich. »Sie nehmen nur Leute wie uns. Die Reichen kaufen sich frei.«
»Das stimmt nicht«, entgegnete Phil Haas. »Meist ist es so, daß Geschäftsleute und Industrielle erst richtig wohlhabend werden, wenn sie über das begrenzte Alter hinaus sind. Aber erinnern Sie sich nicht, als vor einigen Monaten jener Ölmagnat aus Texas gezogen wurde …«
»Natürlich«, unterbrach Sid Nolan. »Dick Morrison. Und seines Vaters Millionen konnten ihn nicht retten.« Stoker murmelte etwas Unverständliches und verstummte. Die Konversation schien zu erlahmen. Dawes schaute hinunter auf seinen Teller, auf dem das Essen noch immer zum größten Teil unangetastet war. Diesen Leuten hatte er nichts zu sagen, mit denen er durch die Automaten-Hand des Komputers zusammengebracht worden war. Sie waren einfach Leute für ihn. Fremde. Einige waren fünfzehn Jahre älter als er. Erst vor wenigen Jahren war er dem Knabenalter entwachsen, und jetzt erwartete man von ihm, als ein Gleichgestellter, als ein Erwachsener unter ihnen zu leben. So schnell wollte ich nicht erwachsen werden, dachte er. Aber jetzt bleibt mir vermutlich nichts anderes übrig.
Der Lunch schleppte sich dahin bis dreizehn Uhr dreißig. Commander Leswick erschien, um eine Ruhepause von neunzig Minuten anzukündigen. Um fünfzehn Uhr würde man mit dem Besteigen des Raumschiffs beginnen, also eine Stunde vor dem Start.
Hintereinander marschierten sie aus dem Speisesaal – hundert zusammengewürfelte Menschen, jeder mit seiner Bürde an Furcht und Bedauern und Groll. Dawes ging schweigend neben Phil Haas einher, dem Rechtsanwalt aus Los Angeles. Bei der Tür lächelte Haas und fragte: »Ließen Sie eine Freundin zurück, Mike?«
Diese plötzliche Ansprache riß Dawes aus seiner Träumerei. »Oh – äh – nein, ich glaube nicht. Ich dachte, mir eine festere Bindung nicht leisten zu können. Nicht mit noch acht Semestern Medizinstudium vor mir.«
»Ich kann Sie gut verstehen. Ich heiratete während meines Senior-Jahres am U.C.L.A. Es war eine schwierige Zeit für uns, während ich Jura studierte.«
»Sie – waren verheiratet?«
Haas nickte. Sie traten hinaus ins Freie. Es gab keinen Rasen, nur kahle, braune Erde bis zur Umzäunung. »Ich habe – hatte zwei Kinder«, sagte er. »Der Junge wird sieben, das Mädchen fünf Jahre alt.«
»Wenigstens ist Ihre Frau jetzt von der Lotterie ausgeschlossen«, meinte Dawes.
»Nur, wenn sie nicht wieder heiratet. Und ich bat sie, wieder eine Ehe einzugehen. Sie gehört nicht zu den Frauen, die ohne Mann das Leben meistern können.«
Haas’ knochiges Gesicht verdüsterte sich. »Zwei Jahre noch, und ich wäre in Sicherheit gewesen. Aber, das ist eben Schicksal. Nehmen Sie es nicht zu schwer, Mike. Um fünfzehn Uhr werden wir uns ja wiedersehen.« Haas klopfte Dawes freundlich auf die Schulter und schlenderte von dannen.
Um fünfzehn Uhr ertönte wieder der Gong in der Halle. Die klare Stimme des Sprechers sagte: »Achtung! Achtung! Wir bitten alle Kolonisten, sich vor der Kaserne zu versammeln.« In der Halle traf Dawes Mary Elliot; die ältere Frau lächelte ihm zu und er erwiderte das Lächeln krampfhaft. Verschiedene Personen, die Dawes nicht kannte, gesellten sich beim Fahrstuhl zu ihnen, und gemeinsam fuhren sie hinunter.
»Nun, es ist soweit«, meinte Mary Elliot. »Lebwohl, Erde. Ich dachte, diese Woche würde nie enden!«
»So erging es auch mir!« rief eine gertenschlanke Brünette hinter Dawes aus. Sie mochte um die dreißig Jahre alt sein. »Aber nun ist sie doch vergangen. Also – ade, Erde.«
Drei Busse warteten vor der Kaserne. Männer in blau-gelben Uniformen wiesen Kolonisten in den ersten Bus ein, bis er vollbesetzt war und dirigierten die nächsten zum zweiten Bus. Dawes bestieg den dritten; zu der Zeit hatte der erste Bus bereits die Hälfte des Weges über das riesige Feld zurückgelegt.
Die Uniformierten versahen ihren Dienst so ruhig und unpersönlich, daß es Dawes schon ein wenig unmenschlich vorkam. Aber, überlegte er dann, sie sahen das ja dreimal pro Woche. In der ganzen Welt würden jetzt Menschen in Raumschiffe verladen werden. Bei Einbruch der Nacht würden sechstausend Erdbewohner auf ihrem Weg in eine unbekannte Zukunft sein.
Von der Nähe gesehen schien das Raumschiff Gegenschein ungeheuerlich. Aufrecht auf seinen Flossen stehend, ragte es etwa sechzig Meter vom kahlen, braunen Erdreich empor. Der Rumpf war mit einer molekülstarken Goldschicht ornamentartig überzogen; jedes der Raumschiffe hatte eine eigene, kennzeichnende Farbe. Die Luke befand sich in zwanzig Meter Höhe. Um dorthin zu gelangen, mußte man einen Aufzug benützen, der fünf Mann faßte. Eine eiserne Leiter stand jenen zur Verfügung, die klettern wollten.
Dawes hatte es nicht eilig. Er wartete geduldig, bis er an der Reihe war. wandte den Kopf, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen.
Die Luft in dieser einsamen Gegend war frisch und klar, vermischt mit einem intensiven Geruch; es duftete nach fernen Kiefern und Tannen. Die Sonne stand tief am Oktoberhimmel, und eine kühle Brise strich vom Norden herein.
Jetzt, im Augenblick des An-Bord-Gehens begann Dawes an alle Dinge zu denken, die er nie wieder sehen würde. Niemals mehr einen Sonnenuntergang auf der Erde, nie wieder den Mond voll und bleich am Himmel, nie wieder die vertrauten Konstellationen. Nie wieder die Pracht herbstlich gefärbter Ahornblätter, nie wieder über ein Feld stürmende Fußballspieler, nie wieder »hot dogs«, oder Buletten, oder Vanilleeis. Das waren Kleinigkeiten; aber Kleinigkeiten vollendeten eine Welt, und es war eine Welt, die er für immer zurückließ.
»Die nächsten fünf«, rief der Uniformierte.
Dawes ging schleppenden Schrittes vor und auf die metallene Plattform. Mit einem Ächzen der Seile hob sich der Aufzug. Jetzt, da er dem Raumschiff nahe war, konnte er die winzigen Male und Kerben sehen, die von früherem Einsatz Zeugnis ablegten. Von einiger Entfernung aus betrachtet, schaute es funkelnagelneu aus; von der Nähe jedoch ganz anders.
Der Aufzug hielt am Rand der Einstiegluke. Arme zogen sie ins Innere, und hinter Dawes senkte sich der Lift bereits wieder, um die nächste Ladung zu holen. Drinnen warfen schillernde Lampen ihre kalten Lichtkegel auf einen kreisrunden Raum, von dem sowohl nach oben als auch nach unten eine spiralförmige Treppe weiterführte.
»Männer gehen hinauf, Frauen hinunter«, rief ein weltraumgebräunter junger Mann in Raumfahreruniform. »Männer in die oberen Kajüten, Frauen in die unteren.«
Dawes kletterte die Treppe hinauf. Er konnte sich vorstellen, daß während des Flugs Kreiselstabilisatoren das Raumschiff immer aufrecht hielten. Schwieriger zu erfassen war jedoch die Art, wie die Kajüten orientiert würden.
Oben angelangt, wartete ein weiteres Mannschaftsmitglied. »Der Schlafsaal für Männer liegt geradeaus«, wurde er aufgeklärt.
Dawes fand sich in einem Raum, der groß genug für fünfundzwanzig Personen war. Nichts Luxuriöses war vorhanden: kein Geld war ausgegeben worden für dicke Teppiche, Mosaikwände oder andere Verschönerungen, wie sie in kommerziellen Raumfahrzeugen üblich waren. Die Wände bestanden aus nacktem Metall, ungestrichen, unverziert.
Dawes erkannte Sid Nolan, den Ingenieur aus Tulsa, der sich bereits in einer der Andruckliegen ausgestreckt hatte. Dawes nickte grüßend und fragte: »Nun, was sollen wir jetzt eigentlich tun?«
»Suchen Sie sich nur eine Liege aus. Wenn alle an Bord sind, wird man weitersehen.«
»Stört es Sie, wenn ich diese nehme?« fragte Dawes und zeigte auf die Liege neben der Nolans.
»Warum sollte es midi stören? Machen Sie es sich bequem.«
Dawes setzte sich nieder. Rechts und links von der Liege baumelten Sicherheitsgurte, mit denen man sich vor dem Start festschnallen mußte.
Die Kammer füllte sich rasch. Dawes entdeckte Ky Noonan, den strammen Freiwilligen, der eintrat, eine Liege wählte und sich sofort mit fachkundiger Hand anschnallte. Ed Sanderson, der Rechnungsführer aus Milwaukee befand sich auf der dritten Liege links von Dawes.
Um fünfzehn Uhr zwanzig war die Kajüte vollbesetzt. Ein Lautsprecher an der Decke trat krachend in Aktion.
»Siedler des Planeten Osiris, willkommen an Bord des Raumschiffs Gegenschein«, ertönte eine tiefe, vollklingende Stimme. »Hier spricht Captain McKenzie. Die kommenden vier Wochen werde ich Ihr Raumschiff befehligen. Die Kajüten, in denen Sie sich augenblicklich befinden, werden Ihre Wohnstätten für die Dauer der Reise sein. Aber Sie werden nicht so abgeschlossen sein, wie es jetzt den Anschein hat. Im Raumschiff gibt es noch zwei Gesellschaftsräume, einer oben und einer unten, und eine Kombüse, wo Sie Ihre Mahlzeiten einnehmen werden.
Das Raumschiff Gegenschein hat neun Besatzungsmitglieder, die Sie alle sehr bald zu Gesicht bekommen werden. Ich muß aber auch darauf hinweisen, daß dieses hier kein Luxusfahrzeug ist. Meine Besatzung ist zum Großteil beschäftigt mit dem Steuern des Raumschiffs, dem Kontrollieren des Treibstoffzuflusses, dem Warten des Raumschiffs während des Flugs. Für den ordentlichen Zustand Ihrer eigenen Kabinen werden Sie selbst verantwortlich sein. Und jeden Tag werden zehn Personen der Mannschaft helfen, die Mahlzeiten zuzubereiten und das Raumschiff zu säubern.
Der Start wird, wie Sie wissen, um sechzehn Uhr erfolgen. Dreiundachtzig Minuten lang werden wir mit Raketenantrieb aufsteigen. Um siebzehn Uhr dreiundzwanzig wird sich dieser abschalten, und um siebzehn Uhr dreißig werden wir in den Überraum eintauchen. Um achtzehn Uhr wird das Abendessen in der Kombüse serviert werden.
Die nächsten vier Wochen werden wir mit Einstein-Antrieb fliegen. Sollte jemand unter Ihnen beabsichtigen, beim Start einen letzten Blick auf die Erde zu werfen, so möchte ich Sie diesbezüglich informieren, daß es an diesem Raumschiff weder Ausguck-Öffnungen noch irgendwelche andere geeignete Möglichkeiten gibt, außer in der Kontrollkabine. Der Grund ist einfach zu erklären: Jede Art Luke ist eine schwache Stelle am Rumpf. Nachdem wir uns die meiste Zeit im Überraum befinden werden, wo es ohnehin nichts zu sehen gibt, haben die Konstrukteure die Ausgucköffnungen weggelassen.
Darf ich Sie nun bitten, sich einfach zu entspannen, sich hinzulegen und Kontakt mit Ihren Nachbarn aufzunehmen. In fünfunddreißig Minuten werden wir starten. Danke.«
Mit einem Klick verstummte der Lautsprecher.
Die Minuten flossen dahin. Dawes versuchte, den Vollmond am nächtlichen Himmel, den Großen Bären, den Orion in seinem Gedächtnis zu verankern. Weniger als zehn Minuten blieben noch.
Er versuchte, sich die Anordnung des Raumschiffs auszumalen. Ganz oben, unter der abgerundeten Spitze waren wahrscheinlich die Kontrollkabine und das Mannschaftsquartier untergebracht. Dann, dachte er, darunter, müßten sich die beiden Schlafsäle der Männer befinden, einer auf jeder Seite des Raumschiffs. Dann der zentrale Gesellschaftsraum und darunter die beiden Schlafsäle der Frauen. Ganz unten der zweite Gesellschaftsraum und die Kombüse.
Und dahinter die Raketenverbrennungskammern und der mysteriöse Raum mit dem Einstein-Triebwerk.
Er wußte sehr wenig über den Einstein-Antrieb. Nur, daß im Mittelpunkt ein thermonuklearer Generator stand, der durch das Herstellen eines Über-Sonnenintensität-Feldes ein Spannungsmuster in der Raumstruktur schuf. Und daß das Raumschiff durch dieses Spannungsmuster in einen Bereich hineinglitt, genannt Überraum, wie ein Seehund durch eine Spalte im arktischen Eis.
Und dann? Irgendwie schneller rasend als mit Lichtgeschwindigkeit, welche die Höchstgeschwindigkeit des Universums darstellt, würde das Raumschiff die unergründlichen Weiten von Lichtjahren bewältigen; in der Nähe des Wega-Systems wieder auftauchen aus dem Überraum, um mittels herkömmlichen Raketenantriebs auf dem Planeten Osiris zu landen.
Tief unter sich spürte Dawes das Brummen der gigantischen Raketentriebwerke. Ein donnerndes Brausen, eine schwere Faust schien auf seinen Brustkorb herunterzufahren, das Raumschiff hob sich. Sein Herz pochte stürmisch unter dem Beschleunigungsdruck. Er schloß die Augen.
Der plötzliche Schmerz der Loslösung durchzuckte ihn. Sein letztes Band zur Erde, das Band der Schwerkraft, war zerrissen worden.
9
Dawes hätte nie gedacht, daß vier Wochen derart langsam dahinschleichen könnten. Die Aufregung, im Weltraum zu sein, legte sich bald wieder. Im Überraum war keine Bewegung zu spüren, keine Raketenvibration, kein Beschleunigungsgefühl. Das Schiff schien bewegungslos im Nichts zu hängen. Und die hundert Passagiere, erbarmungslos in ihr Fahrzeug hineingestopft, kamen sich wie Gefangene in einer großen Zelle vor.
Während ein Tag sich schleppend hinzog zum nächsten, von Woche zu Woche, wurde Dawes immer apathischer durch diese Eintönigkeit und das ständige Unbehagen. Er zählte die Tage, dann die Stunden bis zur Landung. Er schlief, soviel er konnte – manchmal fünfzehn und sechzehn Stunden pro Tag, bis er einfach keinen Schlaf mehr finden konnte.
Kleine Cliquen bildeten sich an Bord des Raumschiffs, während die Tage vorbeiglitten, Gruppen zu sechs oder acht: Landsleute, oder Menschen ungefähr gleichen Alters, oder gleichen Intelligenzgrades, die sich etwas zu sagen hatten in diesem gemeinsamen Mißgeschick. Dawes gehörte keiner dieser Gruppen an. Mit seinen zwanzig Jahren war er der jüngste Kolonist – durch irgendeine Laune des Komputers war keiner der anderen Männer unter fünfundzwanzig, die meisten sogar Anfang der Dreißig – und stand abseits, da er sich in der Gegenwart der älteren Leute nicht wohlfühlte.
Viele hatten ihre Ehefrauen verloren, Familien, Heime, die mit großer Liebe und vielen Unkosten gebaut und eingerichtet worden waren; Berufe, deren Erlangung sie Energie und Mühen gekostet hatte. Irgendwie fühlte er sich schuldig, nichts Problematischeres verloren zu haben als seine Ausbildung. Sich dessen bewußt, daß die anderen erwachsen waren und er noch nicht ganz, wenn auch kein Kind mehr, errichtete Dawes eine Trennwand zwischen sich und jenen und gewann wenig Freunde.
In der dritten Woche wurde gewählt, und Phil Haas, der als einziger kandidierte, zum Kolonie-Direktor ernannt. Er kündigte an, für ein Jahr anzunehmen und dann Neuwahlen abzuhalten. Aufgrund dieser Wahl erteilten ihm die versammelten Kolonisten die Vollmacht, gesetzeskräftige Anordnungen zu treffen, bis eine Verfassung vorhanden und eine Art Kolonie-Senat gegründet wäre.
Dawes wunderte sich über die Einstimmigkeit bei der Wahl. Sicherlich gab es noch andere Machthungrige unter den fünfzig Männern. Warum waren sie politisch untätig geblieben? Männer wie Dave Matthews, Lee Donaldson: starke Männer, fähige Männer, freimütige Männer. Vielleicht warteten sie nur ihre Zeit ab, dachte Dawes. Überließen Haas die schwierige Aufgabe, die Kolonie in Schwung zu bringen, und würden dann in das Geschehen eingreifen.
Dawes zuckte die Achseln. Er hatte keine Lust, sich mit Politik zu beschäftigen. Er würde sich zurückziehen und so gut wie möglich jene Arbeiten erledigen, die ihm als Kolonisten zustanden, ohne Unruhen heraufzubeschwören. Laß die anderen um Verantwortungen kämpfen! Er war es zufrieden, passiv dahinzutreiben. Schließlich, dachte er, hatte er nicht darum gebeten, hierhergeschickt zu werden. Und so würde er auch keine größere Verantwortung auf sich nehmen.
Am Ende der vierten Woche eilten die Osiris-Siedler zurück auf ihre schützenden Liegen, als nämlich eine Ankündigung durchs Raumschiff hallte.
»Es ist jetzt vierzehn Uhr dreiundvierzig Ortszeit. In genau zwölf Minuten, also um vierzehn Uhr fünfundfünfzig, werden wir einen Austritt aus dem Überraum schaffen und zum Raketenantrieb übergehen. Um sechzehn Uhr werden wir in die Atmosphäre des Planeten Osiris eintauchen und uns drei Stunden auf der Lande-Umlaufbahn befinden. Um neunzehn Uhr werden wir auf der Tagseite von Osiris niedergehen, wo es genau Mittag sein wird. Bitte schnallen Sie sich jetzt an.«
Dawes’ Finger zitterten nervös, während er die Gurte befestigte. Nun war es soweit! Landung in nicht einmal fünf Stunden!
Er stellte Betrachtungen über Osiris an. Das Kolonisationsbüro hatte vervielfältigte Beschreibungen des Planeten an die Kolonisten verteilt, aber die Information darauf war sehr spärlich. Er wußte, daß der Planet ungefähr so groß wie die Erde war – etwa dreizehntausend Kilometer im Durchmesser – und der Boden bestellbar; daß die Luft der der Erde ähnelte, nur ein bißchen weniger Sauerstoff enthielt und ein klein wenig mehr Stickstoff, was aber weiter nichts ausmachte; daß sich auf dem Planeten sieben Kontinente erstreckten, von denen zwei polar und somit unbewohnbar waren. Berichte der Aufklärungs-Teams waren aber nie besonders verläßlich. Denn diese hasteten nur dahin, erledigten ein ganzes Sonnensystem in einem Tag oder zwei. Entdeckten sie einmal eine halbwegs passende Welt, so machten sie sich kaum die Mühe, Nachteile aufzuspüren.
Dem Bericht des Erkundungs-Teams nach gab es auf Osiris kein intelligentes Leben, wenigstens nicht auf dem nördlichen Kontinent, der für die Kolonisten ausgewählt worden war. Und das festzustellen war nicht schwierig gewesen; denn bisher hatte man nirgends im Universum intelligente Lebewesen vorgefunden. Auf vielen Planeten lebten Gattungen, die in der Entwicklung nicht allzu weit zurücklagen, aber nur auf der Erde gab es eine Kultur, eine Zivilisation, Sprachen.
Um vierzehn Uhr fünfundfünfzig kam der Übergangsstoß. Mit höchster Feldintensität schlug der Einstein-Generator eine Öffnung in die Struktur des Überraums und die Gegenschein schlüpfte durch diesen Riß, und zurück ins Universum realer Dinge.
Augenblicklich sprangen die Raketentriebwerke an und brachten das Schiff in seine Bahn um den Planeten. Mit immer enger werdenden Spiralen würde die Gegenschein hinuntergleiten, ihre Geschwindigkeit mit der des Osiris abstimmend, bis die Bahn an der Oberfläche des Planeten enden und das Raumschiff landen würde.
An seine Andruckliege gefesselt, biß Dawes die Zähne zusammen, um das Stampfen der Raketen aushalten zu können. Das Raumschiff war nicht sehr gut isoliert gegen Motorenvibrationen; es war ein rein zweckbedingtes Fahrzeug, gebaut, um Menschen von einer Welt zu einer anderen zu befördern.
Er bedauerte das Fehlen von Bullaugen. Es wäre sicherlich erhebend gewesen, den Planeten Osiris zu sehen, ständig an Größe zunehmend, während das Raumschiff tiefer sank. Erhebender jedenfalls, als in der schlecht belüfteten Kajüte auf dem Rücken zu liegen, im Halbdunkel. Irgendwo vorn in der Nacht war Osiris, Wega IX, vier Milliarden Meilen entfernt vom vierthellsten Stern am Erdhimmel. Würde Sol sichtbar sein am Nachthimmel des Osiris? Wahrscheinlich – als ein unbedeutender, nebensächlicher weißer Punkt.
Niemand sprach, während das Raumschiff planetenwärts vorstieß. Jeder war allein mit seinen Träumen und Erinnerungen. Minuten schlichen dahin; um sechzehn Uhr gab Captain McKenzie durch, daß das Raumschiff in die Atmosphäre Osiris’ eingetreten war. Drei Stunden würde es noch bis zur Landung dauern. Das Raumschiff würde den Planeten umkreisen, seiner Oberfläche näher und näher kommend …
Neunzehn Uhr. Auf seiner Liege kämpfte Mike Dawes gegen die Übelkeit an. Die vergangene Stunde war eine holprige, rüttelnde Fahrt gewesen, hinunter durch die sich verdichtenden Schichten der Atmosphäre. Atmosphärische Strudel wirbelten das goldene Schiff herum. In der Troposphäre stieß ein Sturm es hin und her. Aber die Reise näherte sich ihrem Ende. Das Raumschiff Gegenschein hing knapp über Osiris’ nördlichem gemäßigten Kontinent, sinkend, sinkend …
Landung!
Der Aufprall ließ das Schiff erbeben. Es schwankte einen Augenblick, bevor sich die Standsäulen in den Grund bohrten.
Captain McKenzie meldete sich: »Wir sind gelandet. Willkommen auf Osiris, meine Damen und Herren.«
Wir sind da, dachte Dawes.
Er sehnte sich danach, den Schiffsrumpf zu durchbohren, um den neuen Planeten sehen zu können. Aber eine Stunde oder mehr verging, ehe die Kolonisten das Raumschiff verlassen durften. Da waren einmal Routine-Atmosphärentests durchzuführen (»als würden sie uns wieder heimbringen, wenn sie entdeckten, daß die Luft pures Helium wäre«, kommentierte Sid Nolan), dann das Abkühlen, das fünfzehn Minuten lang dauerte, wobei Düsen unter dem Schiffsrumpf entgiftende Flüssigkeiten auf die Landefläche sprühten, um die Ausstrahlungsprodukte und giftigen Raketen-Abgase unschädlich zu machen.
Danach das öffnen der Luke, das Ausfahren der eisernen Leiter. Kein Aufzug wartete auf sie; für den Abstieg stand nur die Leiter zur Verfügung. Phil Haas und Mary Elliot waren als erste draußen.
Dawes war der zwanzigste. Er steckte den Kopf aus der Luke.
Osiris lag vor ihm. Das Raumschiff war auf einer Lichtung, am Strand eines glitzernd blauen Sees gelandet. Hinter der ausgedehnten rötlichen Sandfläche wurde der Boden fruchtbarer; nicht allzu fern erhob sich ein dunkler, unheilvoll aussehender Wald, und hoch darüber spannten sich bogenförmige schwarze Felsen.
Graue Wolken hingen schwer am tiefblauen Himmel wie Ballen schmieriger Wollflocken. Hoch oben brannte die gigantische Wega herab. Dem Umfang der Scheibe nach schien sie so groß wie die Sonne der Erde zu sein. Man sah sie jedoch aus einer Entfernung von vier Milliarden Meilen. Die Luft roch irgendwie anders – dünn, salzig. Und es war kalt. Die Temperatur lag wohl um zwanzig Grad Celsius, aber ein eisiger Wind fuhr peitschend aus dem Wald, ihm ins Gesicht, als er da hinausstarrte, zwanzig Meter über dem Boden.
Er hatte nicht geglaubt, daß es derart kalt sein würde. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte er sich tropische Hitze erwartet. Aber Osiris, wenigstens dieser Kontinent, zu der Jahreszeit, erschien ihm öde, unfreundlich, ungastlich.
»Mach weiter, Kleiner«, sagte irgend jemand hinter ihm. »Bleibe nicht den ganzen Tag hier stehen. Klettere hinunter.«
Dawes wurde rot und stieg hastig die Leiter hinunter. Der rötliche Sand knirschte unter den Schuhen. Spürte das erstemal eines Menschen Fuß auf sich, dachte Dawes ehrfürchtig und staunend.
Kalte Winde bliesen auf ihn nieder. Frierend stand er da, wartete, daß Haas etwas organisieren, den weiteren Verlauf der Dinge in die Hand nehmen würde. Die anderen Kolonisten gingen am Strand umher, ziellos, planlos, wortlos. Alle bemüht, den Schock zu überwinden, daß sie jetzt allein waren auf einem fremden Planeten und niemals die Erde wiedersehen würden.
Endlich waren alle hundert von Bord gegangen; auch Captain McKenzie und seine Mannschaft.
Haas hatte von irgendwoher eine Pfeife genommen. Er blies hinein.
»Achtung! Achtung! Alles aufgepaßt!«
Die Umherstreifenden kehrten zur Gruppe zurück.
Haas begann: »Captain McKenzie sagte mir, daß er die Absicht habe, so bald wie möglich zur Erde zurückzukehren. Unsere erste Aufgabe hier wird somit das Entladen des Raumschiffs sein. Wir werden eine Kette bilden. Noonan, wählen Sie ein Team von fünf Personen und folgen Sie Captain McKenzie. Ihr werdet das Gepäck aus dem Raumschiff schaffen. Sanderson, Sie nehmen drei Mann und placieren sich in Raumschiff-Nähe, um ihnen die Lasten abzunehmen. Wir werden sie dann weiterreichen, bis dorthin, wo der Strand aufhört, über die Fünfhundert-Meter-Sicherheitszone hinaus, die die Gegenschein zum Start benötigt.« Haas legte eine Pause ein. »Matthews, Sie nehmen vier Kolonisten und kundschaften das Gebiet aus. Achten Sie auf eventuell lauernde Tiere und rufen Sie, wenn Sie etwas sehen. Der Rest bleibt hier; niemand geht weg.« Dawes wurde von allen Team-Leitern übergangen; er zuckte die Achseln, vergrub die Hände in den Hosentaschen und stand abseits. Die Fracht-Luke am Schiffsrumpf wurde geöffnet, und Noonan und sein Team stiegen hinein, während die Gegenschein-Besatzung wieder die Leiter hinaufkletterte, um das Schiff startbereit zu machen. Nach wenigen Minuten schon erschienen die ersten Kisten, schwere, mit Draht verschnürte Holzkisten, die all das von der Erde enthielten, was untergebracht werden konnte.
Andere schleppten die Lasten über die Lichtung, heraus aus dem Abschußbereich. Das nahm beinahe eine Stunde in Anspruch. Haas inventarisierte jedes Gepäckstück, kontrollierte es anhand einer Liste. Als die Hälfte abgeladen war, pfiff er wieder und bestimmte neue Teams. Die Müden konnten sich ausruhen, Leute mit frischen Kräften gingen an die Arbeit. Dawes wurde dem zweiten Team zugeteilt. Er beförderte die Kisten vom Raumschiff weg zum nächsten wartenden Mann. Der Frachtraum war fast leer, als Dave Matthews aus dem Wald gelaufen kam und nach Haas schrie.
Der Kolonie-Direktor drehte sich um: »Was gibt es, Dave?«
Keuchend rannte Matthews heran. Dawes und noch einige andere blieben stehen und lauschten.
Matthews rang nach Atem. »Fremde! Ich sah Fremde!«
Haas runzelte die Stirn. »Was?«
»Am Waldrand umherschleichend. Dunkle, schattenhafte Gestalten. Sie schauten wie Menschen aus, oder wie Affen, oder ähnliches.«
Stechende Angst durchfuhr Dawes. Aber Haas lächelte. »Sind Sie sicher, Dave?«
»Wie könnte ich sicher sein? Sie liefen weg, sobald ich auf sie zuging.«
»Hat noch irgend jemand Ihres Teams sie gesehen?« fragte Haas und schaute auf die vier anderen Mitglieder der Aufklärungs-Patrouille.
»Ich nicht«, antwortete Sid Nolan.
»Auch ich nicht«, pflichtete Paul Wilson bei. »Wir liefen hin, als Matthews schrie, aber sehen konnten wir nichts.«
Haas tat die Angelegenheit mit einem Achselzucken ab. »Das werden wir später überprüfen. Sie können sich getäuscht haben, Dave.«
»Hoffentlich. Aber ich glaube nicht.« Damit war die Sache vorläufig erledigt. Im Augenblick war es wichtiger, das Raumschiff zu entladen. Dawes schwitzte bei der Arbeit und fröstelte um so mehr, wenn ein Windstoß kam. Aber es freute ihn, tätig sein zu können, sich zu bewegen, seine Muskeln zu gebrauchen, nach diesen vier Wochen trostloser Eingeschlossenheit.
Endlich war die Ladung gelöscht. Ein buntes Durcheinander schwerer Kisten und kleinerer Gepäckstücke lag fünfhundert Meter vom Raumschiff entfernt. Die Mannschaft eilte geschäftig umher, erledigte den Countdown in schneller Folge. Wurde das Raumschiff mit Kolonisten und Fracht beladen, so nahmen die Vorbereitungen drei Tage in Anspruch; leer konnte es innerhalb weniger Stunden startbereit gemacht werden.
Während die Mannschaft arbeitete, kletterten die hundert Kolonisten ein letztesmal an Bord, um in der Kombüse ein Essen zuzubereiten. Es war dies die dritte Mahlzeit heute. Auf Osiris jedoch war es erst Mittag, und Haas hatte angeordnet, bis Sonnenuntergang zu arbeiten, also weitere sechs oder sieben Stunden, damit sie sich gleich zu Beginn an die neue Zeiteinteilung gewöhnten. Dawes mußte nach dem Essen Aufräumungsarbeiten erledigen. Als er dann wieder aus dem Schiffsrumpf auftauchte, sah er Haas und Captain McKenzie im Gespräch. Haas zählte seine Leute, vergewisserte sich, daß alle das Schiff verlassen hatten. Immerhin bestand ja die Möglichkeit, daß jemand als blinder Passagier zurückfliegen wollte.
Er pfiff. »Alle herhören! Das Raumschiff wird in Kürze abheben. Alle hinüber zu den Gepäckstücken, sofort! Das Raumschiff startet!«
Die letzten Vorbereitungen dauerten zwanzig Minuten. Mike Dawes, mit den andern Kolonisten außerhalb der Gefahrenzone stehend, spürte einen heftigen Schmerz in seinem Innern, als er auf das Raumschiff starrte, das seine Standsäulen einzog. Das war die letzte Verbindung zur Erde, dieses goldene Raumschiff am Ufer des Sees.
Der warnende Hupenton erstarb, das Schiff sprang plötzlich weg vom Boden, schwebte einen Augenblick lang auf einem lodernden Flammenpolster, gegen Osiris’ Schwerkraft ankämpfend, riß sich los und schoß hinauf in den wolkengetrübten Himmel. Eine halbe Minute vielleicht erschien der Raketenstrahl des Raumschiffs wie ein Feuerball, gleich einer zusätzlichen Sonne am Firmament, warf zweite Schatten über den Boden und verschwand.
Ein Leben, kaum begonnen, war nun zu Ende, dachte Dawes.
10
Phil Haas bestieg eine Kiste am Rand der Lichtung und stieß einen Pfiff aus. Es war an der Zeit, einen Plan aufzustellen. Dawes gesellte sich zur Gruppe.
»Wir sind nun ganz auf uns allein angewiesen«, sprach Haas mit lauter Stimme, um das beharrliche Pfeifen des Windes zu übertönen. »Das Raumschiff ist weg und wird nie wiederkommen. Wir haben sehr viel zu tun. Als erstes werden wir die Umzäunung errichten und die Kuppeln aufblasen müssen.«
Eine Stimme aus dem Hintergrund – Dave Matthews – meldete sich. »Phil, was soll mit den Fremden geschehen, die ich sah? Ich glaube, wir sollten eine Patrouille ausschicken, für den Fall, daß sie zurückkommen.«
Haas’ mageres Gesicht verdüsterte sich. »Wichtig ist jetzt, an der Umzäunung zu arbeiten.«
»Aber die Fremden …«
»Sehr zweifelhaft, ob Sie wirklich Menschen gesehen haben, Dave. Denken Sie daran: Das Erkundungs-Team hat keine derartigen Wesen hier entdeckt.«
»Wie lange suchten sie? Eine halbe Stunde?«
Haas erwiderte mit einem Funken Ungeduld: »Dave, wenn Sie das Thema weiter diskutieren wollen, erledigen wir das später unter vier Augen. Wir können keinen einzigen Mann für eine Patrouille entbehren, solange die Wohnstätten nicht aufgestellt sind. Außerdem: Ihre Fremden, sollten sie wirklich existieren, fürchten sich wahrscheinlich mehr vor uns, als wir uns vor ihnen.« Haas kicherte. »An die Arbeit. Bis Einbruch der Nacht muß noch viel erledigt werden – auch die Partnerwahl.«
Dawes fuhr mit der Zunge über die Lippen. Ja, die Wahl der Partner!
Den Gedanken daran hatte er beiseite geschoben, aber jetzt gab es wohl kein Ausweichen mehr. Er wickelte den Mantel fester um sich. Wie die meisten dünnen Leute konnte er kaltes Wetter nicht vertragen. Der schneidende Wind schien durch den Mantel zu blasen und ihm zwischen die Rippen zu fahren. Der Bericht des Erkundungs-Teams hatte gelautet, Osiris wäre der Erde ähnlich, unbewohnt und ziemlich fruchtbar. Aber den verdammten Nordwind hatten sie nicht erwähnt, der ununterbrochen aus dem Wald herniederbrauste.
Haas sprang von der Kiste herunter und rief Noonan, Stoker, Donaldson und verschiedene der anderen stärkeren Männer der Gruppe zu sich, um gemeinsam mit ihnen Pläne für die Errichtung der Kolonie zu diskutieren. Den Broschüren nach, die kurz vor der Landung verteilt worden waren, gab es ein erprobtes Verfahren, eine neue Kolonie zu gründen – ein Verfahren, das sich bereits auf Hunderten von Welten bestens bewährt hatte.
Der erste Schritt bestand in der Errichtung einer Umzäunung, die dazu dienen sollte, eventuell umherstreunende fremdartige Kreaturen abzuhalten.
Anschließend schossen Seifenblasen-Häuser aus dem Boden, die Wohnstätten der Kolonisten. Nicht länger mehr war es nötig, Baumstämme für Blockhäuser sorgfältig zuzuhauen; die neuen Seifenblasen-Häuser wuchsen einfach und leicht mit Hilfe von Ausstoß-Düsen. Ein etwa vier Liter fassender Behälter der an der Luft polymerisierenden Flüssigkeit reichte aus, um Tausenden von Kolonisten Heime zu schaffen. War sie einmal aufgebraucht, würde die Kunst der Architektur auf der neuen Welt Einzug halten.
Hatten sich die fünfzig Paare erst angesiedelt, war ihre nächste Aufgabe, sich zu vermehren. Da alle Kolonisten auf Fruchtbarkeit untersucht wurden, konnte man ohne weiteres im ersten Jahr mit dreißig oder vierzig Kindern rechnen, mit zwanzig oder dreißig in jedem weiteren Jahr. Nach zehn Jahren würden die älteren Kinder sich schon um ihre jüngsten Geschwister kümmern können. Nach fünfzehn Jahren könnte die Gesamtbevölkerung etwa fünfhundert betragen und die ersten Ehen der zweiten Generation geschlossen werden.
Ohne wirtschaftliche Schwierigkeiten, über unbegrenzten Raum verfügend, würde sich die Fortpflanzung in höchstem Maß über einige Generationen erstrecken können. Mit starker Progression würde die Bevölkerungszahl von Generation zu Generation steigen: achthundert, eintausend, eintausendfünfhundert … Und die Kolonie würde sich ausbreiten in dieser fremden Wildnis, bis aus der ersten primitiven Ansiedlung ein Dorf entstehen würde, eine Kleinstadt, eine Großstadt, eine Großstadt unter andern Großstädten. Eine ganze Anzahl neuer Erden würde auf diese Weise im Weltall entstehen, eine nach der andern, geprägt von murrenden, unfreiwilligen Pionieren.
Haas brauchte einige Zeit, um den Arbeitsplan für diesen ersten Tag zu formulieren. Dawes wartete am Rand der Lichtung. Die müßigen Kolonisten, durchaus nicht in Eile, ihre Aufträge zu erhalten, hatten sich wieder in Cliquen aufgeteilt. Acht oder neun Frauen standen unweit von ihm. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich das Wissen um die Tatsache, wo sie sich befanden und wie dahin ihr bisheriges Leben war. Weiter weg sah Dawes eine Gruppe junger unverheirateter Männer, gezwungen scherzend, einander puffend. Die vier verheirateten Paare – die Wilsons, Zacharies, Frys und Nortons – hatten sich abgesondert, wie um ausdrücklich zu betonen, daß sie nichts verloren hatten bei dieser Massen-Paarung, die bald stattfinden würde.
Dawes blinzelte verstohlen zur kleinen Gruppe von Frauen. Wenigstens die Hälfte von ihnen war viel zu alt für ihn. Hatte er die letzte Wahl, wäre es schon möglich, daß nur eine solche überblieb. Aber er hoffte, daß es nicht so sein würde.
Eine sonderbare Unruhe überkam Dawes, und er schaute weg von der Gruppe. Eine von ihnen würde seine Frau werden, auf dieser bitteren, von Winden gerüttelten Welt. Früh genug würde er wissen, welche. Er wagte nicht zu raten.
Haas hatte anscheinend einen Plan ausgearbeitet. Er pfiff erneut um Aufmerksamkeit.
»Als erstes muß die Umzäunung gemacht werden. Ich habe Sie in sechs Arbeitstrupps eingeteilt. Die Trupps eins, zwei und drei stehen unter der Leitung von Ky Noonan, Howard Stoker und mir. An diese Trupps werden wir Knallzündschnüre verteilen, und sie werden die Aufgabe haben, Baumstämme für das Gerüst der Umzäunung zu fällen. Arbeitstrupp vier unter Sid Nolan wird die Stämme in den Boden rammen. Arbeitstrupp fünf unter Lee Donaldson wird die Baumstämme mit Permospray verbinden. Arbeitstrupp sechs unter Mary Elliot wird die Kisten und den Proviant auspacken.«
Alles war gut organisiert. Die meisten Männer wurden den drei Holzfäller-Trupps zugeteilt. Dawes und sechzehn weitere wurden Nolans Gruppe zugeschlagen. Die Frauen arbeiteten teils in Donaldsons Gruppe, teils unter Mary Elliot.
Dank der Werkzeuge, die sie von der Erde mitgenommen hatten, ging die Arbeit glatt vonstatten. Im Wald standen die Bäume dicht beisammen – rindenlos, etwa sieben Meter hoch und fünfzehn bis zwanzig Zentimeter stark. Die drei Trupps kamen mit ihren Knallzündschnüren rasch vorwärts, säuberten die Stämme von Ästen und duftendem stacheligem Laub und schnitten sie auf eine Einheitslänge von sieben Metern zurecht. Die Bearbeitung eines Baumes dauerte nur wenige Minuten; nach einer halben Stunde lagen einige Dutzend am Waldrand aufgestapelt.
Jetzt trat Nolans Gruppe in Aktion. Sie hatten die Grenzen bereits abgesteckt, und was jetzt noch folgte, war einfach. Mit dem Vakuum-Extraktor gruben sie ein Loch, stießen das zugespitzte Ende des Baumstamms etwa anderthalb Meter tief in den Boden und stampften diesen rundherum fest. Dawes griff mit den andern fest zu und empfand richtiggehend Freude bei dem Gedanken, daß die Kolonie im Entstehen war, daß seine Hände mithalfen, die Mauern aufzustellen.
Während ein Pfahl um den andern in regelmäßigen Abständen von einem Meter eingeschlagen wurde, folgte Donaldson mit einem Gerät, das Plastikschaum ausstieß und damit die Zwischenräume ausfüllte. Innerhalb der gesetzten Grenzen arbeiteten die Frauen, öffneten versiegelte Kisten und packten den Inhalt aus.
Nach beinahe zwei Stunden ununterbrochener Arbeit war die Einpfählung auf drei Seiten fertiggestellt. Nach drei Stunden praktisch rundherum. Haas und seine Männer, die keine Bäume mehr fällen mußten, fertigten das Tor an und den Riegel. Und schon schien der Platz behaglicher zu sein und die Winde schienen weniger grausam zu blasen, fand Dawes. Er war erschöpft von der Arbeit, vom ständigen Heben und Rammen der Stämme. Aber es war ein befriedigender Erschöpfungszustand, dieses warme Gefühl konstruktiver Anstrengung.
Die Nacht brach herein. Die gigantische Wega war hinter dem Horizont verschwunden, und das Funkeln unbekannter Konstellationen erhellte den immer dunkler werdenden Himmel. Kein Mond war aufgegangen. Aber die Arbeit wurde dennoch fortgesetzt, bei Scheinwerferlicht, bis der Wall fix und fertig war, wie durch ein Wunder in wenigen Stunden emporgewachsen. Und die Seifenblasen-Häuser standen ebenfalls einladend bereit: fünfzig an der Zahl, kleine, dunkelblaue Kuppeln, die im Licht der Scheinwerfer matt glänzten. Die einundfünfzigste Kuppel, größer als alle andern, stand in der Mitte des Platzes. Sie war dafür gedacht, Zusammenkünften der Kolonisten zu dienen.
Dawes ließ sich in Hockstellung nieder. Er war müde; morgen früh würde er sich sicher vor Muskelschmerzen nicht rühren können. Aber die Kolonie war gegründet, der Wall errichtet und die Wohnstätten aufgestellt.
»Prima Arbeit habt ihr da geleistet, alle«, gratulierte Haas. »Alles läuft genau nach Plan. Wunderbar, wie jeder einzelne sich einsetzte.«
»Und wie ist das nun mit den Frauen?« fragte Noonan. Seine Stimme widerhallte laut innerhalb der Einzäunung. Ein gespanntes Kichern kam bei den Frauen auf, griff rasch auf die ganze Gruppe über. Haas bat mit erhobener Hand um Ruhe. »Darauf wollte ich eben zu sprechen kommen. Es ist dies der letzte Punkt unserer heutigen Tagesordnung.«
Dawes Körper straffte sich. In seinem Magen schien nicht alles in Ordnung zu sein, und die Hände waren kälter als sonst. Ehefrauen. Der Augenblick war gekommen. In wenigen Stunden würde er zum erstenmal eine Frau in den Armen halten, und er überlegte, ob dieses Gefühl seinen Erwartungen entsprechen würde. Wahrscheinlich nicht. Irgendwie stellte man sich alles anders vor.
Die Frauen und Mädchen waren sichtlich müde und sehr nervös, als Haas sie zu einer Gruppe zusammenstellte.
Dawes studierte ihre Gesichter. Cherry Thomas lächelte erwartungsvoll; sie wollte einen Mann, und es schien ihr nichts auszumachen, wer es sein würde. Einige der Mädchen schauten besorgt, blaß und abgespannt aus, und zwar jene, die vorher noch nie verheiratet gewesen waren, die vor ihrer Auslosung von einer anderen Art Hochzeitsnacht geträumt hatten. Andere wiederum, die ihre Ehegatten auf der Erde zurücklassen mußten, dachten offensichtlich an ihre Geliebten, Lichtjahre entfernt von ihnen.
Haas entfaltete ein Blatt Papier und zog die Stirn kraus. »Also, die Partnerwahl ist jetzt an der Reihe. Diese meine Instruktionen hier empfehlen folgendes Vorgehen: als Freiwilliger hat Ky Noonan das Recht, als erster zu wählen und ich nach ihm, da ich Kolonie-Direktor bin. Die weitere Reihenfolge wird sich nach den Komputer-Registrierungsnummern richten, die im Augenblick nur mir bekannt sind. Ich bin der Meinung, daß dieses System das vernünftigste ist, und wir werden auch danach vorgehen, außer die Mehrheit ist dagegen.«
Niemand sprach. Dawes wünschte sich, irgend jemand würde Einspruch erheben, zugunsten eines individuelleren Systems – man könnte zum Beispiel abwarten, daß sich die Paare im Laufe der Zeit von selbst zusammenfänden. Aber vor solchen Experimenten war gewarnt worden. Viel sicherer war es, die Paare gleich zu Beginn zu verkuppeln. Damit war jeder der kleinen Gemeinschaft sofort gebunden.
»Sehr gut«, meinte Haas, »wir werden uns also an die Liste halten. Jeder Mann wählt eine Frau. Diese aber hat das Recht abzulehnen. Weigert sich eine Erwählte, so muß der betreffende Mann warten, bis alle andern gesprochen haben. Bleibt irgend jemand nach drei Durchgängen unvermählt, werde ich selbst die Zuweisungen vornehmen. In Ordnung. Noonan, Sie als Freiwilliger haben sich das Privileg verdient, als erster zu wählen. Treten Sie vor.«
Noonan kam ruhig lächelnd vor. Er war der größte und aggressivste Mann der Gruppe und erstrahlte förmlich im Schein überlegenen Selbstvertrauens.
Abschätzend wanderten seine Augen die Reihe wartender Frauen ab. Gemischte Gefühle drückten sich auf den fünfzig Gesichtern aus. Einige Frauen schienen sich davor zu furchten, von ihm erwählt zu werden; ein Teil schaute ihn unverhohlen feindselig an, andere wiederum begehrlich. Einen Augenblick lang herrschte Totenstille. Dann sagte Noonan: »Also gut, ich nehme Cherry Thomas.«
Dawes atmete ungeheuer erleichtert auf. Er hatte fest geglaubt, Noonan würde Carol Herrick wählen. Aber aus irgendeinem Grund hatte er die ältere Frau bevorzugt.
Haas fragte: »Miß Thomas, sind Sie mit dieser Wahl einverstanden?«
Cherry Thomas warf Noonan einen vollen Blick zu, ihn offen musternd. Fältchen bildeten sich um ihre Augen, und das aufblitzende Lächeln wirkte unecht. »Ich denke, ja«, antwortete sie. »Wenn Noonan mich will, werde ich mit ihm gehen.«
Haas notierte etwas auf seiner Liste. »So sei es denn. Sie können sich nun irgendeines der Häuser nehmen. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß auf Osiris jede Ehe mit Zustimmung des Senats gelöst werden kann. Das heißt, sobald wir einen Senat haben. Bis dahin wollen Sie bitte trachten, gut miteinander auszukommen.«
Dawes beobachtete, wie Noonan und Cherry wegschlenderten, um sich ihr Haus auszusuchen. Keine Zeremonie? wunderte er sich. Anscheinend nicht. Der simple Akt des Auswählens vollzog die Eheschließung. Mein Gott, dachte Dawes, die Welt hier ist ja nagelneu. Vielleicht ist diese Art sogar besser.
Haas war der nächste, und er wählte Mary Elliot, die einwilligte. Das war vorauszusehen gewesen und überraschte daher niemanden.
Der Kolonie-Direktor schaute wieder auf die Liste und kündigte an, Lee Donaldson sei an der Reihe. Donaldson, ein kräftiger, herrschsüchtig aussehender Mann, machte einige Schritte nach vor und rief laut und vernehmlich: »Claire Lubetkin.«
Claire errötete, trat nervös von einem Bein aufs andere, nagte an der Unterlippe. Haas stellte ihr die übliche Frage. Sie schwankte unschlüssig, warf einen flüchtigen Blick auf die Männer und nickte schließlich. »Ich akzeptiere.«
Nach Donaldson kam Howard Stoker mit seinem plumpen, schwerfälligen Gang, noch immer schmutzig von des Tages Arbeit aus der Gruppe.
Er betrachtete die Frauen, als treffe er erst jetzt, in letzter Minute, seine Entscheidung. »Rina Morris.«
Viele Augenpaare starrten auf Rina Morris. Das rothaarige Mädchen richtete sich steif auf. Sie bedachte den unförmigen, häßlichen Stoker mit einem keineswegs freundlichen Blick. »Tut mir leid. Ich warte noch.«
Stoker erwiderte ihren Blick mit finsterer, ärgerlicher Miene. »Gut. Wenn Sie so sind, zur Hölle mit Ihnen. Ich nehme Carol Herrick.«
Dawes erblaßte bei dem Gedanken, daß Stokers schmutzige Pfoten Carol abtasten sollten. Am liebsten hätte er aufgeschrien, protestiert.
Aber schon sagte Haas: »Tut mir leid, Howard. Ich erklärte bereits, daß Sie nach den Regeln erst ein zweitesmal wählen dürfen, wenn alle andern gesprochen haben.«
»Aber …«
»Ich glaube, Sie haben mich verstanden, Stoker.«
»Verdammt nochmal, ich werde nicht als letzter dastehen, nur weil diese Schlampe zu stolz ist, mich zu nehmen. Ich …«
Haas unterbrach ihn in scharfem Tonfall. »Sie werden genau das tun, was ich Ihnen vorschreibe, Howard. Treten Sie ab und warten Sie, bis Sie an der Reihe sind. Mike Dawes ist der nächste.«
Stoker murmelte irgend etwas, spuckte ostentativ aus und trottete nach hinten.
Dawes stolperte vor, mit glühenden Wangen, noch immer erstaunt über die plötzliche Wendung. Carol war von Stoker aufgefordert worden, und Haas hatte diese Wahl nicht anerkannt, und jetzt war er am Zug … Er sah sich einer Reihe von Gesichtern gegenüber: gütig mütterlichen Gesichtern; ängstlichen Gesichtern; amüsierten Gesichtern. Und ein Gesicht stand über allen andern. Dawes suchte nach Worten.
»Ich w-wähle – ich wähle Carol Herrick«, stotterte er und wagte nicht, sie dabei anzusehen.
Haas lächelte. »Miß Herrick?«
Dawes wartete qualvolle Sekunden lang. Er schaute nicht hin zu Carol, sondern senkte den Blick zu Boden, zu angespannt, um atmen zu können.
Endlich antwortete sie, so leise, daß es kaum hörbar war: »Ja.«
11
Dawes und Carol verließen gemeinsam die Lichtung, schritten rasch weg, ohne zu sprechen, ja ohne einander anzusehen.
Bei den kreisförmig angeordneten Seifenblasen-Häusern angekommen, brach er das Schweigen. »Das beste wäre nun, ein Haus zu belegen.«
»Nimm irgendeins, das dir gefällt – Mike.«
Er schaute sich um. Die Kuppeln waren leer, lediglich schützende Gewölbe gegen hereinbrechende Winde. Schlafen würde man schon können, da drinnen, wenn es einen nicht störte, am Boden liegen zu müssen. Und solche Kleinigkeiten hatten Kolonisten nicht zu stören. Später einmal würde man sicher Zeit haben, Betten zu zimmern.
Er deutete auf das Haus neben Noonans. Wäre vielleicht nicht schlecht, Noonan als Nachbarn zu haben, dachte Dawes. Für den Fall, daß es Schwierigkeiten gibt.
»Nehmen wir das dort«, schlug Dawes vor.
Sie gingen darauf zu. Dawes trug sowohl seinen als auch ihren Koffer, jeder gefüllt mit etwa zehn Kilogramm persönlicher Habseligkeiten. Vor der Eingangstür blieb er stehen und überlegte, ob er, dem alten Brauch entsprechend, seine Frau über die Türschwelle tragen sollte. Er war schon sehr nahe daran, die Koffer abzustellen und sich nach ihr umzudrehen. Dann, seine Meinung wieder ändernd, trat er einfach ein. Sie folgte ihm.
Der Raum umfaßte eine Fläche von etwa achtzehn Quadratmetern. Ausreichend für Betten und vielleicht einen Kleiderkasten, aber für nicht viel mehr. Installationen würden erst viel später angefertigt werden; bis dahin würden sie sich mit dem nahegelegenen See begnügen müssen und von dort das Wasser nehmen, sowohl zum Waschen als auch zum Trinken.
»Nicht sehr eindrucksvoll, wie?« fragte er.
»Nein, nicht sehr.«
»Wir werden das schon ändern. Diese Kuppeln sind ja nur ein Notbehelf, schützende Plätzchen, bis wir richtige Häuser bauen. Eines Tages werden wir ein prima Heim haben, Carol.«
Er lächelte ihr ermutigend zu. Sie aber sank nieder auf ihren Koffer und starrte trübsinnig ins Nichts. Dawes begann, sich um die Schlafgelegenheit Gedanken zu machen. Sie würden einen Teil ihrer Kleider ausbreiten, sich wärmesuchend aneinanderschmiegen und sich mit den restlichen zudecken müssen, dachte er. »Ich hatte nicht erwartet, daß alles so kommen würde«, sagte sie plötzlich mit tonloser Stimme. »Ich meine, mein Leben und was damit zusammenhängt. Ich machte mir nie viel Gedanken darüber, was aus mir werden sollte. Aber ganz bestimmt hatte ich mir nicht vorgestellt, einmal in einer kleinen Seifenblase auf irgendeiner andern Welt zu enden.«
»Auch ich nicht, Carol. Niemand hier.«
»Aber jetzt sind wir da, nicht wahr?«
Er nickte; und fragte dann nach einer Weile: »Was hast du auf der Erde gemacht?«
»Gemacht? Ach so – ich war Stenotypistin. Bei einer Baufirma im Oakland. Ich glaube, ich wartete nur darauf, geheiratet zu werden. Nun, das ist jetzt geschehen – irgendwie.«
Dawes war enttäuscht. Er hatte sie nie vorher gefragt – er hatte es nicht gewagt, im Raumschiff viel mit ihr zu sprechen – aber doch heimlich gehofft, sie würde eine Schauspielerin sein, eine Dichterin, vielleicht eine Sängerin. Irgendwie mit Talent, eine, auf die er stolz sein könnte, eine, die sich von den anderen Frauen abheben würde.
Er beschloß, sich mit ihrer schlanken Schönheit zufriedenzugeben und alle anderen Erwartungen fallenzulassen. Sie war, so schien es, nur ein gewöhnliches Mädchen, unschuldig und scheu.
»Ich besuchte ein College«, erzählte er. »Auch das ist jetzt vorbei. Wir müssen alle von vorn anfangen, hier auf Osiris.«
»Das ist wie im Mittelalter«, bemerkte Carol gefaßt, als kurze Zeit verstrichen war. »Du und ich, auf diese Weise vermählt. Für immer verbunden.«
»Warum sagtest du ›ja‹, als ich dich wählte?«
»Was hätte ich sonst tun sollen? Die andern wollte ich nicht, die älteren Männer. Und du sahst danach aus, als könnte ich mich mit dir aussprechen, mit dir glücklich sein. Auch wenn du ein wenig jünger bist als ich.«
»Ich hoffe, wir werden glücklich sein, Carol.«
»Das hoffe auch ich. Aber – Mike, ich hab’ Angst …«
Tränen standen in ihren Augen. Dawes merkte, daß sie jeden Augenblick in wilde Hysterie verfallen könnte. Nicht gerade die ideale Verfassung für eine Hochzeitsnacht, dachte Dawes. Und er wüßte nicht einmal, was mit ihr anfangen, sollte sie in Tränen ausbrechen.
Er sagte, so bestimmt er nur vermochte: »Carol, wir müssen trachten, aus dieser Lage soviel wie nur möglich herauszuholen. Du weißt, was ich meine. Wir müssen uns mit dieser Situation abfinden: du und ich, zusammen auf Osiris, und es gibt kein Zurück. Niemals.«
Sie nickte. Und dann, nach langem Schweigen, ging er auf sie zu, legte seine Arme um ihre schmalen Schultern, küßte sie. Es war ein zärtlicher, bebender Kuß, ein zögerndes Sichfinden trockener Lippenpaare.
Doch plötzlich gellte ein durchdringender Schrei aus der Richtung, in der Noonans Haus stand. Dawes fuhr hoch. »Hast du das gehört – den Schrei?«
»Es klang, als wäre es Noonan gewesen. Glaubst du, daß er Differenzen mit Cherry hat?«
»Ich weiß nicht, aber …«
Wieder hörten sie Rufe. Und diesmal waren die Worte deutlich zu verstehen. Noonan brüllte: »Hallo! Dawes! Dawes! Hilfe!«
Noonan und Cherry befanden sich außerhalb ihrer Kuppel. Sie standen in der Dunkelheit, umgeben von Schatten, schwarzen Gestalten. Noonan ging mit rudernden Armen gegen sie vor und brüllte.
»Weg von mir!« schrie der große Mann. »Hallo, Dawes! Laufen Sie! Holen Sie Hilfe!«
Dawes erstarrte, wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Er hörte Carols fliegenden Atem. Seine Augen, die sich in der Zwischenzeit an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen die 5zene nun deutlich vor sich.
Sechs oder sieben schwarze Wesen – keinesfalls waren es Menschen – umringten die sich sträubenden Gestalten von Noonan und Cherry Thomas. Dawes sah unförmige, halslose Köpfe, dicke Schultern, sehnige Arme. Er fühlte sich zu elend, um laufen zu können, blieb stehen, wo er sich gerade befand, hörte Noonans Flüche, Cherrys angstvolle Stimme und das gelegentliche heisere Grunzen eines zurückgeschlagenen Angreifers.
Dann spürte er etwas Kaltes und Haariges und hörte Carol aufkreischen.
Andere Kolonisten kamen. Dawes kämpfte, kämpfte das erstemal seit der vergessenen Kindheit. Er wehrte sich mit Armen und Beinen, wirbelte herum und stieß mit den Schultern um sich, teilte Fußtritte aus an klotzige, dichtbehaarte Gestalten, die er nur teilweise sehen konnte. Seine Fingernägel vergruben sich in einem nach Moschus riechenden Pelz. Er krümmte und wand sich, stieß wieder mit den Füßen zu. Und dann konnte er nicht mehr kämpfen. Er wurde festgehalten, von dicken, fremden Armen eisern umklammert.
»Mike«, wimmerte Carol.
Er fühlte einen stechenden Schmerz. »Ich kann nichts tun, Carol. Gar nichts. Sie haben auch mich.«
»Das sind die Fremden«, ertönte Noonans zornige Stimme. »Jene, die Matthews sah. Bösartige Fremde.« Sein dröhnender Schrei breitete sich über die ganze Kolonie aus. »Fremde!«
Dawes spürte, daß man ihn hochhob. Zwei kräftige Hände umfaßten seine Knöchel, zwei packten ihn unter den Armen. Er versuchte noch einmal, sich zu widersetzen. Aber es war genauso hoffnungslos, wie sich aus einem Schraubstock befreien zu wollen.
Er schaukelte hin und her. Er bemerkte, daß man sich in Bewegung gesetzt hatte.
Dunkle Gestalten und noch dunklerer Dschungel. Er wurde in Richtung Wald fortgetragen. Er konnte nichts sehen, weder Carol, noch Noonan, noch Cherry.
Nach einer Weile gab er die Versuche auf, sich loszureißen. Die Fremden behandelten ihn sanft genug. Er konnte sich nur nicht bewegen und wurde in gleichmäßigem Tempo dahingetragen. Zu dumm, daß kein Mond schien, dachte er. Schattenhafte Umrisse von Bäumen, die über ihm ihre Äste spannten, konnte er ausnehmen, aber alles andere verschwamm. Er hörte Nachtvögel krächzen, ihn von den Baumwipfeln aus verspottend. Angst erfüllte ihn. Dahingetragen mit sanfter, fremder Gewalt ergab er sich dem Schicksal, denn er wußte, daß er keine andere Möglichkeit hatte.
Wie lange die Reise dauerte, wußte Dawes nicht zu sagen. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Für diesen kalten Kontinent war der Wald erstaunlich dicht und verwachsen; baumelnde Ranken fuhren ihm übers Gesicht. Eine davon hinterließ eine ekelhafte Schleimspur. Seine Hände standen unter fremder Kontrolle; er konnte sich nicht einmal das Gesicht abwischen. Nach einer Weile begann der Schleim, der sich auf der linken Gesichtshälfte von der Braue bis zum Mundwinkel zog, zu brennen. Lag die Ursache in einem ätzenden Effekt oder sonstwo, er konnte es nicht sagen.
Er verdrehte den Kopf, und so gelang es ihm, einen Teil des Schleims auf sein Hemd abzustreifen. Aber drei bis fünf Zentimeter blieben dennoch haften, genau links vom Auge, und waren nicht zu erreichen. Er fragte sich, ob irgendein Mal zurückbleiben würde, vielleicht eine weiße Narbe oder eine Schwellung der Haut.
Endlich nahm der Treck durch den Wald ein Ende. Die Fremden brachen aus dem Dickicht, und Dawes konnte die kahlen Wände der vorspringenden Felsen sehen.
Der Aufstieg war ein schreckliches Erlebnis – das schrecklichste seit dem eigentlichen Entführungsakt.
Die Fremden, so erkannte er, hatten dicke, bläuliche Näpfe auf ihren Handflächen und auf den Sohlen ihrer plumpen Füße. Saugnäpfe.
Die Fremden packten ihn sicher unter den Armen und an den Beinen und begannen, die nackten Klippen emporzuklettern. Dawes wankte schwindelig einmal vor, einmal zurück, während sie die glatte Felswand hinaufstiegen, als wäre sie eine Leiter. Bei jedem neuerlichen Ruck kippte er vornüber, war aber so klug, nicht in die gähnende Tiefe zu blicken.
Als Dawes glaubte, den Verstand zu verlieren, endete die gefährliche Kletterei. Die Fremden gingen geradeaus weiter, in irgendeine Höhle hinein, die anscheinend in den Felsen gehauen worden war.
Dawes’ blühende Phantasie ließ ihn schon geheimnisvolle Opfer-Riten sehen, in dieser furchtbaren Höhle. Oder Vampire, in der Dunkelheit vor ihnen lauernd, dankbar für das Opfer, das man ihnen darbrachte.
Aber nichts geschah. Keines der gräßlichen Dinge, die er sich vorgegaukelt hatte. Die Fremden ließen ihn einfach in der Höhle zurück. Sie setzten ihn mit verblüffender Zartheit ab. Ließen ihn im kalten, feuchten Sand liegen, drehten ihm ihre Rücken zu und trotteten weg. In der vollkommenen Dunkelheit konnte er überhaupt nichts sehen.
Er spürte, daß sich noch andere Fremde in der Höhle aufhielten. Er glaubte, das nach dem affenähnlichen schleifenden Gang beurteilen zu können. Er fragte sich, ob die ganze Kolonie fortgeschleppt und hier in dieser Höhle abgelegt werden sollte. Das Erkundungs-Team berichtete, der Planet wäre unbewohnt, dachte er vorwurfsvoll. Aber Dave Matthews hatte recht gehabt.
Er saß ruhig da in der Dunkelheit. Schluchzen wurde hörbar, irgendwo zu seiner Rechten. Im Hintergrund hörte er das sanfte Murmeln fließenden Wassers, als plätschere ein Bach durch die Höhle.
»Wer ist da?« fragte er. »Wer sind Sie?«
»Ich bin Carol. Bist du das, Mike?«
Ein Teil seiner Furcht verflog. So war er wenigstens nicht allein hier!
»Ja. Wo bist du, Carol?«
»Sitze im Sand, irgendwo. Ich kann nichts sehen. Was geschieht nur mit uns?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Dawes. »Rühr dich nicht von der Stelle. Ich werde versuchen, dich zu finden. Verdammte Finsternis!«
Er schaute um sich, versuchte, die Richtung zu erraten, aus der Carols Stimme gekommen war. Aber er wußte, daß hier drinnen kein Vektor stimmen würde. Die Höhlenwände hatten einen verzerrenden Effekt.
Eine Stimme, die er als Noonans identifizierte, meldete sich. »Dawes, sind das Sie?« Sie kam von irgendwoher weiter drinnen in der Höhle, hinter ihm, begleitet von hallenden Echos.
»Ja«, schrie Dawes laut zurück. »Und Carol ist ebenfalls hier. Sonst noch jemand da?«
»Ich«, antwortete Cherry Thomas.
Ihre Stimme widerhallte von allen Seiten. Sonst rührte sich niemand mehr. Vor sich hinstarrend, ohne etwas zu sehen, wartete Dawes einen Augenblick lang und sagte dann matt, als die Echos verstummten: »Ich nehme an, daß also nur wir vier hier oben in dieser Höhle sind. Was, zum Teufel, wollen sie nur von uns?«
Niemand antwortete.
Draußen, vor dem Eingang, fegte der Wind um die Berge, pfeifend und stöhnend. Dawes zitterte. In dieser Dunkelheit hier konnte er nicht einmal seine Hand vor den Augen sehen. Nie zuvor hatte er eine derartig intensive Finsternis erlebt.
Und noch eine Finsternis kam ihm jetzt deutlicher zum Bewußtsein – die finsteren Seiten eines Lebens, die einen Menschen von seinem rechtmäßigen Platz losrissen und auf eine fremde Welt schleuderten. Und die ihn dann wiederum packten und in eine windumbrauste Höhle warfen, kaum daß er begonnen hatte, der fremden Umgebung etwas Vertrautheit abzugewinnen. Er fühlte sich sehr allein, sehr jung, mehr als nur ein wenig verängstigt.
Er begann, über den kalten, nassen Sand zu kriechen, der den Boden der Höhle bedeckte. Offenbar floß der Bach, den er hörte, nicht zu tief unter dem Sand dahin, nahe genug der Oberfläche, um Kälte zu verbreiten, und kam dann plätschernd tiefer in der Höhle heraus.
Niemand sprach. Er hörte ständig Schluchzen, hatte aber wenig Hinweise auf eine Richtung, ja nicht einmal die leiseste Ahnung, wie groß die Höhle war.
»Carol! Carol!« rief er laut.
Auf Händen und Knien tappte er in der Dunkelheit umher. Nach Minuten unsicheren Suchens spürte er eine warme Hand über seine streifen, was ihn ein wenig erschreckte. Diese Hand fand sein Gelenk und umfaßte es so wohltuend.
»Gott sei Dank«, murmelte er.
Blindlings tastete er sich weiter und berührte einen nachgiebigen Körper. Arme umschlangen ihn. Er war dem Schluchzen nahe, so dankbar war er. Als das Morgenlicht hell und strahlend in die Höhle floß, wachte Dawes langsam auf wie aus einem bizarren Traum. Er schaute um sich.
Entsetzt entdeckte er, daß er seine Hochzeitsnacht in den Armen von Cherry Thomas verbracht hatte.
12
Das Tageslicht enthüllte ihm Carols Lage. Sie lag etwa dreißig Meter tiefer drinnen in der Höhle, ein kleines Bündel, ausgestreckt im Sand. Sie schlief noch, mit angezogenen Knien und den Händen unter einer Wange. An seiner Seite schlief Cherry – aufgelöst, mit wirrem, glänzend blondem Haar (dem Haar, das ich vergangene Nacht liebkoste, dachte Dawes schuldbewußt), die Lippen geöffnet. Dawes fühlte sich, als hätte er sich beschmutzt. Der Körper schmerzte; die Knochen waren steif von Feuchtigkeit und Kälte; er war durch und durch matt.
Noonan war bereits wach. Dawes entdeckte ihn weit hinten in der Höhle, links von Carol. Er saß aufrecht da, die Arme um seine Knie geschlungen, und betrachtete Dawes amüsiert.
»Morgen«, sagte der große Mann grinsend.
»Guten Morgen«, erwiderte Dawes verlegen.
»Es scheint, daß Sie sich vergangene Nacht ein wenig geirrt haben«, bemerkte Noonan trocken. Die Vertauschung schien ihn nicht zu bekümmern. »Das hier ist Ihr Mädchen, wissen Sie.«
Dawes wurde rot. »Ich – es war so finster – ich wußte nicht …« Er hielt inne. Da war etwas, was er unbedingt sofort wissen mußte; aber es gelang ihm nicht, diese Frage an Noonan zu formulieren. Schließlich stotterte er: »Sagen Sie mir … haben Sie … haben Sie …«
Er ließ die Frage unausgesprochen. Aber Noonan grinste und antwortete: »Nein. Ich habe Ihr Liebchen nicht angerührt. Konnte sie nicht finden, um die Wahrheit zu sagen. Aber diese Sache mit Ihnen und Cherry ist halb so schlimm. Irrtümer können passieren. Und außerdem waren Sie nicht der erste, und ich werde nicht der letzte sein.«
Mit einer wegwerfenden Geste sprang Noonan auf die Beine und schlenderte auf Dawes zu, der wartend dastand, während er zur schlafenden Cherry hinunterschaute.
»Diese Frauen verschlafen auch alles«, scherzte Noonan. Seine Augen verengten sich, als er Dawes von der Nähe sah. »Himmel, Sie sehen fürchterlich aus. Grün im Gesicht.«
»Ich – ich bin schrecklich müde.«
»Sie werden doch nicht krank werden?«
Dawes schüttelte den Kopf. »Ich fühle mich nur wie zerschlagen.«
»Sie schauen elender aus als nur zerschlagen.«
»Und ist das ein Wunder?« fragte Dawes. »Wo, zum Teufel, sind wir? Was haben diese Fremden mit uns vor? Zu Mittag sind wir vielleicht schon zu Stew verarbeitet, Noonan.« Dawes’ Stimme klang dünn und hoch.
»Das bezweifle ich«, meinte Noonan lässig. »Aber schauen wir einmal nach.«
Gemeinsam marschierten sie vor zum Höhleneingang.
Dawes rang nach Atem.
Sie standen wenigstens dreißig Meter über der braunen Oberfläche von Osiris. Die Höhle drang in einen beinahe vertikal ansteigenden Felsen hinein. Darüber und darunter erstreckte sich glattes, schwarzes Felsengestein, das in der Morgensonne matt schimmerte. Und ganz unten, am fernen Boden, bewegten sich einige Fremde ziellos hin und her, als hielten sie Wache.
Dawes zeigte über die breite, bewaldete Fläche hinaus. »Schauen Sie, das muß die Kolonie sein, auf der Lichtung, dort, ganz weit draußen!« Noonan nickte. »Gute zehn Meilen entfernt. Und wir können sie gut erkennen. Das ist die flachste Welt, die ich je sah, ausgenommen diese Klippen hier.« Er deutete hinunter auf die Fremden. »Ungemütliches Volk, die da unten.«
Die Fremden wirkten auf diese Entfernung hin wie gelb-braune Kleckse auf dem dunkleren Braun des Bodens. Sie hatten einen dicken Pelz, wie Dawes sah, keinen Hals und einen plumpen Körper. Er glaubte auch, die bläulich purpurnen Saugnäpfe auf den Flächen ihrer breiten Hände zu sehen.
Dawes trat vom Eingang zurück und sagte leichthin, ohne jedoch die Bedeutung seiner Worte zu erfassen: »Ein tiefer Abgrund!«
Er schaute zu Noonan auf. Dieser grinste und bestätigte: »Da haben Sie verdammt recht. Ich glaube, wir werden eine Weile hierbleiben müssen, und es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als aus dieser Situation eben soviel wie nur möglich herauszuholen.«
Dawes erbebte ein wenig unter Noonans Worten. Denn es waren genau dieselben, die er knapp vor der Attacke tröstend zu Carol gesagt hatte. Die Erinnerung an seine verunglückte Hochzeitsnacht quälte ihn. Er drehte sich um, um das Innere der Höhle zu inspizieren.
Die Höhle war lang und hoch, höher als breit, neigte sich höhlenwärts nach unten und verschwand dann in einer Felswand, dort, wohin keine Sonnenstrahlen mehr vordringen konnten. Weit hinten strömte ein kleiner Bach aus dem Felsen, floß den Höhlenboden entlang und versickerte dann wieder; bildete, mit Sand vermischt, eine kleine, schmale Pfütze. Die Morgenluft war kalt und scharf; der Wind fuhr klagend vorüber.
Sie befanden sich dreißig Meter über dem Boden, in einer kalten Höhle im steilen Felsen. Sie hatten frisches Wasser. Sie würden hier unbestimmte Zeit überleben können, wenn …
Dawes’ Magen knurrte. Er sagte zu Noonan: »Angenommen, sie wollen uns hier verhungern lassen! Wenn sie uns kein Essen bringen, was dann?«
»Dann werden wir einander auffressen«, antwortete Noonan. »Frauen und Kinder zuerst.« Er gähnte und zeigte dabei starke, scharfe, weiße Zähne, und Dawes glaubte halb und halb, daß er es ernst gemeint hatte. Man konnte bei Noonan nie recht wissen, wie man daran war.
Dennoch war er froh, daß Noonan hier war. Der ältere Mann strahlte Stärke, Autorität und Mut aus; alles Eigenschaften, von denen Dawes wußte, daß sie ihm fehlten. Noonan war ein Abenteurer. Er hatte sich freiwillig gestellt. Das setzte einen Mut voraus, der Dawes unbegreiflich war, und aus diesem Grund respektierte er Noonan.
»Wecken wir einmal die Mädchen auf«, schlug Noonan vor.
»Ja, das könnten wir tun«, stimmte Dawes zu.
Er machte sich auf den Weg nach hinten, dorthin wo Carol schlief. Im Zurückblicken sah er Noonan über Cherry gebeugt, diese kräftig hin- und herschüttelnd.
Carol lag noch immer in derselben Position da. Sie schien so fest zu schlafen, daß es Dawes schwerfiel, sie zu wecken. Er kniete an ihrer Seite, lauschte einen Augenblick lang dem ungetrübten Rhythmus ihres Atems und wunderte sich, daß sie an einem Ort wie diesem so ruhig schlafen konnte.
Er legte seine Hand leicht auf ihre Schulter. »Carol. Wach auf, Carol.«
Sie bewegte sich, aber ihre Augen blieben geschlossen – als wollte sie nicht aufwachen, dachte Dawes. Als zöge sie es vor, in der Sorglosigkeit ihres Traums zu verweilen. Er schüttelte sie energischer, und sie begann aufzuwachen.
»Carol? Bist du wach?«
»Was – oh – Mama, ja – ich muß verschlafen haben …«
Sie öffnete die Augen und setzte sich auf. Einen Augenblick lang starrte sie auf Dawes, auf die Höhle, verdutzt und verständnislos. Dann verblaßte ihr Traum von zu Hause, und die Wirklichkeit kehrte zurück.
»Oh – ich träumte. Ich schlief so fest, die ganze Nacht – ich dachte, du wolltest zu mir kommen, aber das tatest du nicht, nicht wahr? Du …«
»Komm«, sagte er ruhig. »Gehen wir zu den andern. Es ist Tag.«
Zu dem Zeitpunkt war auch Cherry schon wach; sie streckte sich, rieb sich die Augen, brachte ihre Kleider in Ordnung. Noonan stand mit verschränkten Armen neben ihr. Dawes und Carol näherten sich ihnen. Cherry nickte Carol zu und lächelte Dawes ironisch an.
Lange Zeit standen alle vier da, jeder für sich, und schauten einander an. Schauten sich lediglich an. Und Dawes erkannte plötzlich, daß sich das Leben in der Höhle komplizieren würde.
Er wußte: Noonan und Cherry hatten die Situation erfaßt. Im Augenblick aber wußte er nicht, ob Carol begriff, was er die Nacht zuvor angestellt hatte; oder, wenn ja, ob sie die unglücklichen Verwicklungen verstand. Jene Liebe, in die er sich vergangene Nacht gestürzt hatte, blindlings, tastend, in panischem Bedürfnis, verband sie alle vier auf eine Weise, die Dawes nur zum Teil verstand. Innerlich war er sich einzig und allein sicher, Carol betrogen zu haben.
Alle vier schauten einander nur an. Noonan musterte Carols schlanke Figur mit unverhohlener Neugierde. Cherry schien zu schwanken: sie äugte zu Noonan auf eine weibliche, herausfordernde Art und betrachtete zur selben Zeit Dawes sowohl mütterlich als auch offen begehrend. Es hatte den Anschein, sie wollte jeden. Dawes war sich seiner Regungen vollkommen unsicher. Dem Kolonie-Gesetz nach war Carol seine legitime Frau. Aber zwischen ihnen war nichts gewesen als jener eine unterbrochene Kuß. Und er hatte ihre Hochzeitsnacht mit Cherry verbracht.
»Wir werden hier nicht sehr viel Privatleben führen können«, brach Noonan endlich das angespannte Schweigen.
»Sag das noch einmal«, begehrte Cherry auf.
»Das werde ich nicht. Aber einige hier werden ihre Auffassungen ein wenig ändern müssen. Und ich weiß auch nicht, wie lange man uns hier gefangenhalten wird – denn vermutlich kommen wir nicht ohne fremde Hilfe heraus.«
»Sie glauben nicht, daß es eine Möglichkeit gibt, uns selbst zu befreien?« fragte Dawes.
Achselzucken. »Mir fällt nichts Geeignetes ein. Bis hinunter ist es ein langer Weg, das ist alles.«
»Diese Fremden«, mischte sich Carol zögernd ein, »sind unten und beobachten uns?«
Noonan nickte. »Ein ganzes Rudel hält sich im Tal unten auf. Wir sind hier festgenagelt, und sie können uns zu jeder beliebigen Zeit holen kommen. Für uns aber gibt es keine Möglichkeit zu entkommen.«
»Und die Kolonisten werden uns wohl kaum zu Hilfe kommen«, meinte Cherry Thomas. »Die werden uns als verschollen abschreiben, nehme ich an. Sie werden zu sehr damit beschäftigt sein, ihre Grenzen zu verteidigen.«
»Es gibt keine Grenzen«, entgegnete Carol. »Wenn sie diese Klippen hier ersteigen können, so können sie auch über eine fünf Meter hohe Mauer klettern, nicht wahr?«
Dawes meinte: »Die Kolonisten werden uns nicht befreien, weil sie nicht können. Sie wissen ja nicht einmal, wo wir sind. Vorausgesetzt, daß eine Kolonie überhaupt noch existiert.«
Noonan nickte zustimmend. »Das ist die Frage. Die Fremden könnten ja alle eingesperrt haben, je vier in einer Höhle. Oder sie haben nur uns geschnappt. Wer kann das sagen.«
»Nun, wir stecken jetzt hier drinnen«, sagte Cherry. »Aber woher sollen wir Essen bekommen?«
Noonan zuckte die Achseln. »Vielleicht sind die Fremden so nett und bringen uns etwas, was wir essen können.«
»Angenommen, sie bringen uns nichts?« fragte Carol.
»Dann gibt es drei Möglichkeiten: Wir können hier herumsitzen und auf den Hungertod warten, oder wir können uns gegenseitig auffressen, oder wir können einfach hinunterspringen.« Noonan lachte hohl. »Ich würde den letzten Vorschlag empfehlen. Der bringt einen schnelleren Tod.«
Dawes ging zum Höhleneingang und spähte von schwindelnder Höhe hinunter. Er war wie gelähmt, als er fremde Gesichter sah, die zu ihm emporschauten. Etwa zwanzig der Fremden befanden sich auf halbem Weg zur Höhle, machten aber keinen Versuch näherzukommen. Ihre unförmigen Köpfe waren fast zur Gänze mit kurzem, struppigem gelbbraunen Fell bedeckt, aus dem dunkelblaue, stechende Augen hervorstarrten.
Dawes drehte sich um. Plötzlich hörte er einen Bums hinter sich.
Überrascht wirbelte er herum. Ein Bündel lag vor dem Höhleneingang. Dawes lief an den Rand und schaute hinunter. Ein Fremder hetzte die Klippen hinunter zu seinen Gefährten.
Dawes kehrte zum Bündel zurück. Es war ungefähr so groß wie ein Mensch. Die Verpackung bestand aus einem rötlich-gelben Fell, das zottig und steif war. Stirnrunzelnd löste Dawes die starke Ranke, die das Fell zusammenhielt, und öffnete das Bündel.
Seine Augen weiteten sich. Im Aufstehen formte er mit den Händen einen Trichter und rief den anderen zu: »Hallo! Essen! Kommt alle her! Die Fremden brachten uns etwas zu essen!«
Während Noonan, Cherry und Carol sich um ihn drängten, breitete Dawes den Proviant aus. Das größte Stück im Bündel war ein frischgeschlachtetes Tier, klein, annähernd einem Schwein ähnlich, mit haarloser, schwarzer Haut. In der Kehle des Tieres klaffte ein tiefer Spalt, sonst war es ganz, vom Schwanz bis zur abgeflachten Schnauze und den glasigen, gelben Knopfaugen. Mit einer langen Ranke am Tier festgebunden war ein kurzes, scharfes Messer, hergestellt aus durchscheinend grauem Material, ähnlich dem Obsidian.
Außerdem enthielt das Bündel einige Trauben milchig-weißer Früchte, die aussahen wie große Weintrauben, und einige längliche, blaue, kürbisähnliche Gebilde mit grober, knorriger Schale. Dawes wurde der Mund wäßrig.
»Sieht danach aus, als beabsichtigten sie, uns zu füttern«, meinte Noonan. »Das kann gut sein, oder vielleicht auch nicht. Ich hoffe, sie mästen uns nicht für eine Opfergabe.«
»Das werden wir früh genug herausfinden«, überlegte Dawes. »Wenn wir einmal wissen, wie oft wir gefüttert werden. Werfen sie uns jetzt eine Woche lang nichts mehr vor, können wir annehmen, daß die Vermutung mit dem Mästen falsch war.«
»Wie kam das Bündel hierher?« fragte Cherry.
»Einer kletterte herauf und warf es vor den Eingang«, antwortete Dawes. »Dann floh er. Sah aus wie eine große, braune Spinne, als er die Felswand hinunterkrabbelte.«
Mit Hilfe des Messers tranchierte Noonan das Tier. Dawes und die Frauen standen beobachtend daneben. Dawes war fasziniert von Noonans Geschicklichkeit. Das grob bearbeitete Steinmesser war rasiermesserscharf, und der mächtige Mann verstand seine Arbeit. In Windeseile öffnete er das Tier auf der dunkelroten Bauchseite, riß die warmen Innereien heraus und warf sie zur Seite.
»Das fremde Blut hat wenigstens die richtige Farbe«, sagte Noonan. Schnell schnitt er Fleischstücke herunter. »Vielleicht ist dieses Fleisch vergiftet, vielleicht nicht, aber das Blut ist wenigstens in Ordnung.«
Carol schüttelte sich. »Rohes Fleisch hab’ ich noch nie gegessen! Können wir nicht irgendwie Feuer machen?«
Noonan hielt inne und schaute auf zu ihr. »Nein«, sagte er nachdrücklich. »Ich weiß, du wolltest diesen Ausflug nicht machen, kleines Mädchen. Aber du bist jetzt hier. Bereite dich nur darauf vor, rohes Fleisch – und noch schlimmere Dinge essen zu müssen.«
13
Sie aßen, und es war ein schweigsames Mahl. Der Anstrich von Zivilisation, der noch an allen haftete, dämpfte ihre Stimmung, als sie das blutige Fleisch aßen.
Dawes hatte einen Riesenhunger, und deshalb fiel es ihm nicht so schwer, seine Abneigung gegen rohes Fleisch zu überwinden, wie er ursprünglich geglaubt hatte. Dennoch wurde ihm übel von dem Blut, das ihm an den Fingern herunterlief. Und er konnte sehen, daß Carol sich sichtlich zwingen mußte, das Fleisch hinunterzuwürgen. Noonan aß ohne Hemmungen; Cherry schluckte ihren Teil mit einer gewissen Verächtlichkeit hinunter, ohne sich aber viel anmerken zu lassen. Das Fleisch hatte einen seltsamen, scharfen Geschmack und mundete deshalb vielleicht etwas besser, auch wenn es roh war.
Von den blauen Kürbissen waren zehn Stück da. Nach dem Fleisch-Gang verteilte Noonan je einen Kürbis an jeden und legte die restlichen sechs beiseite. »Für den Fall, daß wir nicht sobald wieder etwas zu essen bekommen«, erklärte er. »Diese Dinger halten sich, das Fleisch nicht.«
Die Kürbisse schmeckten sauer; sie waren unangenehm faserig und erforderten langes und gründliches Kauen. Aber sie waren nahrhaft und füllten den Magen. Dawes war rasch fertig mit seinem Kürbis und wandte seine Aufmerksamkeit den weißen Weintrauben zu. Sie fühlten sich teigig an, waren trocken und nicht sehr schmackhaft.
Als alle fertig waren, sammelte Noonan die Überreste ihrer Mahlzeit ein: die Knochen des kleinen Tieres und die Schalen der Kürbisse, und schleuderte sie aus der Höhle. Bald darauf hörte man sie unten auffallen.
»Wozu ist das gut?« fragte Dawes.
»Um ihnen zu zeigen, daß wir dieses Zeug zu schätzen wissen. Da gibt es keine deutlichere Art, als ihnen die abgenagten Knochen zu zeigen. Außerdem können wir diesen Plunder nicht hier drinnen lassen.«
Noonan deutete in die Richtung, wo der kleine Strom den Höhlenboden in zwei annähernd gleiche Hälften teilte.
»Schauen Sie, Dawes. Wie wär’s, wenn Sie und Carol in die rechte obere Ecke gingen.«
»Und ihr?«
»Cherry und ich werden die linke Seite nehmen, etwas näher dem Höhleneingang. Das ist für die Nacht gedacht. Und die beste Anordnung, die wir treffen können.«
»Wir werden wie in einem Goldfisch-Glas leben«, sagte Cherry.
Dawes zuckte die Achseln. »Es wird gehen müssen.«
Er erhob sich, ging dem Eingang zu und spähte hinaus. Sieben oder acht Fremde hockten unten am Boden und schauten herauf.
»Wie treffend diese Bemerkung vorhin war«, sagte er, sich umdrehend. »Sie beobachten uns von da unten aus. Beobachten. Als wären wir Fische in einem Behälter oder Tiere in einem Käfig.«
»Vielleicht sind wir das auch«, sagte Noonan. Er nahm eine Handvoll des feuchten Sandes, preßte ihn zu einem harten Klumpen und schleuderte ihn zornig hinunter auf die starrenden Fremden. Er zerbrach jedoch auf halbem Weg und rieselte als harmloser Sandregen weiter. Leise fluchend wandte Noonan sich ab.
Der Tag zog sich schrecklich in die Länge. Vier Menschen in einer ausbruchsicheren Zelle, die hundert Meter lang und vielleicht zwanzig Meter breit war, ohne Feuer, ohne irgend etwas außer sich selbst. Und bislang hatten sie nicht gelernt, viel Gefallen aneinander zu finden.
Dawes’ Nerven waren angespannt wie die Saiten einer Violine. Nichts konnten sie tun in dieser Höhle, als einander anzustarren, zu sprechen, Witze zu erzählen. Und es gab so wenig Gesprächsstoff. Noonan sprach nur, wann er wollte. Carols Konversation schien sich auf Äußerungen zu beschränken, die Befürchtungen betrafen; Cherry neigte zu Witzen und zu ironischen Bemerkungen über Vergangenes.
Es war Noonan, der die allgemeine Stille unterbrach. Ohne sich auf die Hände zu stützen, sprang er aus einem Türkensitz auf die Beine. »Ich hab’ eine Idee«, rief er. »Mag sein, daß sie nicht viel wert ist, aber versuchen kann ich’s.«
Er begann, sein Hemd abzustreifen, wobei er gleichzeitig die Schuhe abschüttelte.
»Was haben Sie vor?« fragte Dawes.
Noonan schlüpfte aus der Hose. »Den unterirdischen Strom da hinten zu untersuchen. Ich werde hineinsteigen und ein wenig umherschwimmen. Vielleicht kommt der Strom irgendwo raus. Vielleicht können wir alle auf der andern Seite entkommen.«
Er hob seine Kleidungsstücke auf, klemmte sie unter den Arm und marschierte, nur mit der Unterhose bekleidet, auf die Stelle zu, wo der Strom die Oberfläche des Höhlenbodens durchbrach. Zurückblickend rief er: »Kommen Sie mit, Dawes. Wenn Sie mich rufen hören, dann schwimmen Sie mir nach.«
Dawes folgte ihm. Noonan warf sein Kleiderbündel auf den Boden, zog die Unterhose aus und stieg nackt ins Wasser. Es wirbelte knietief um seine Beine, und wurde dann, als er weiterwatete, plötzlich tiefer.
Als das Wasser Brusthöhe erreicht hatte, bemerkte Dawes ängstlich: »Dieser Versuch ist gefährlich, Noonan. Sie könnten sich irgendwo da drinnen verfangen. Und ich werde Sie nicht hören können, wenn Sie um Hilfe rufen.«
Noonan drehte sich um und schaute ihn an. Seine Lippen waren blau, und er zitterte vor Kälte. Dennoch lächelte er. »So? Und was ist schon dabei? Versucht hab’ ich’s wenigstens.«
Er drehte sich wieder um und watete auf den Platz zu, an dem der Strom wieder zurück in den Berg floß. Dawes hörte Noonan kräftig Luft holen, und dann tauchte Noonan unter. Aufgeregt begann Dawes, die Sekunden zu zählen.
»Wo ist er?« hörte Dawes Cherry fragen.
Er drehte sich um und sah beide Frauen hinter sich stehen. Das ärgerte ihn; er wollte nicht, daß Carol Noonan nackt sah, wenn er wieder aus dem Wasser stieg. Er sah ein, daß dies dumm und prüde war, aber der wahre Grund lag tief in seiner eigenen Scheu verankert.
»Er tauchte«, antwortete Dawes.
»Eine halbe Minute ist er schon weg«, ergänzte er wenige Sekunden später. »Müßte bald wieder da sein.«
»Angenommen, er kommt nicht zurück?« fragte Carol.
Dawes antwortete nicht. Aber er schlüpfte aus den Schuhen. Er wußte, daß man von ihm erwartete, Noonan nachzutauchen und ihn zu suchen. Er begann ein wenig zu zittern und legte die Hand an den Gürtel.
Wie lange konnte ein Mensch unter Wasser aushalten? Auch einem Mann wie Noonan waren Grenzen gesetzt.
»Man müßte nachschauen«, drängte Cherry. »Vielleicht ist er am Ertrinken.«
»Ja. Ich weiß.«
Das Zählwerk in seinem Gehirn funktionierte jetzt automatisch, tickte die Sekunden herunter. Dawes zog sich die Hose aus.
Plötzlich tauchte Noonan auf, Kopf voran – sprang hoch über den Wasserspiegel hinaus, schnappte laut nach Luft, tauchte wieder unter wie ein blasender Wal.
Würgend und keuchend kam er wieder zum Vorschein, kämpfte einen Augenblick oder zwei gegen die starke Strömung an und zog sich dann an den Rand. Dawes watete hinein, packte ihn am Arm und schleppte ihn hinaus auf den Sand.
Noonan war über und über blau. Ausgestreckt lag er da, mit dem Gesicht zum Sand, und rang nach Atem, mit tiefen, heiseren, schluchzenden Seufzern. Endlich schaute er auf.
»Kalt«, sagte er. »Kalt!«
»Was gefunden?« fragte Dawes.
Noonan schüttelte matt den Kopf. »Nein. Keine Spur. Ich folgte dem Strom, soweit ich nur konnte. Nichts. Schwamm dann zurück und konnte die Öffnung nicht finden. Dachte – dachte, ich müsse ertrinken. Dann brach ich durch.«
Er zitterte unaufhörlich. Dawes hatte noch nie einen Menschen gesehen, der so unterkühlt und so erschöpft war. Noonan schnappte noch immer nach Luft.
»Er wird erfrieren«, sagte Carol besorgt. »Er ist ja ganz naß, und der Sand klebt an ihm. Wir sollten ihn irgendwie aufwärmen.«
Dawes fühlte sich durch diese Sympathie-Kundgebung irritiert. Noonans waghalsiges Tauchen war nichts als ein großartiges Schauspiel gewesen; er hatte sich aufgespielt, um den Frauen zu imponieren, und weiter nichts.
»Ihm wird schon von selbst w arm werden«, brummte Dawes. Cherry starrte ihn an. »Niemals! Wenn wir ihn so liegenlassen, holt er sich eine Lungenentzündung. Aber ich werde mich schon um ihn kümmern.«
Dawes schaute sie erschrocken an.
Denn die Blondine hatte sich, während sie sprach, bis auf weniges entkleidet. Errötend schaute er weg, sah aber von der Seite gerade noch, wie sie auch die letzten Hüllen herausfordernd fallenließ.
Nackt legte sie sich in den Sand neben den noch immer keuchenden Noonan. Sie umfing ihn mit ihren Armen.
»Geht weg, ihr zwei«, sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich werde ihn wärmen.«
An diesem Tag erhielten sie kein Essen mehr. Die Fremden planten offensichtlich, ihnen pro Tag nur eine Mahlzeit zu geben – wenn überhaupt soviel.
»Wir brauchen eine Geisel«, sagte Noonan, mehr zu sich, als zu irgend jemand anderem. »Das ist die einzige Möglichkeit, an irgendein Ziel zu kommen. Morgen werden wir uns in der Nähe des Eingangs aufhalten, bis sie uns das Essen bringen – wenn sie uns überhaupt etwas bringen. Sobald einer auftaucht, packen wir ihn.«
»Und weshalb?« wollte Dawes wissen.
»Das weiß ich noch nicht«, sagte Noonan. »Aber es ist wenigstens etwas, verdammt nochmal. Ein Zeichen, daß wir etwas unternehmen, um hier herauszukommen. Wollen Sie etwa ewig hier drinnen sitzenbleiben?«
»Wahrscheinlich werden wir das«, warf Cherry ein. »Wie Vögel in einem Käfig. Warum konnten diese Affen nicht jemand anderen nehmen. Warum gerade uns?«
Die Nacht brach herein. Unten, im Tal, flackerte das rote Lagerfeuer der Fremden.
»Sie beobachten uns«, stellte Dawes wieder fest. »Beobachten uns die ganze Zeit. Sie wollen sehen, was wir tun. Sie wollen wissen, wie lange es dauert, bis wir zu streiten anfangen, bis wir uns hassen, bis wir uns diese verdammten Klippen hinunterstürzen, um erlöst zu sein.«
»Halten Sie den Mund!« schnappte Noonan.
Dawes ignorierte ihn. »Ich sage das im Ernst! Das ist wie ein Laboratoriums-Versuch. Wir machten ähnliche Experimente im College, in der Psycho-Stunde. Man nimmt zum Beispiel vier Ratten und steckt sie in einen Käfig. Oder stellt sie auf eine Tretmühle, und wirft ihnen Futter zu, wenn sie am Ende ihrer Kräfte zu sein scheinen. Das ist es, was wir sind: Ratten auf einer Tretmühle. Der Experimentierende wartet und beobachtet, macht Notizen, schaut, wie lange es dauern wird, bis die Ratten übereinander herfallen, bis sie vor Erschöpfung umfallen.«
»Ich sagte Ihnen bereits, Sie sollen den Mund halten«, schrie Noonan drohend. »Wir werden durchkommen. Es wird nicht mehr lange dauern.«
14
In der Dunkelheit jener zweiten Nacht hielt Dawes Carol in den Armen.
Seine Frau. Welch ein Ort für Flitterwochen!
Durch das ständige Plätschern des Stromes drang Noonans rauhes Gelächter und Cherrys Kichern. Noonan und Cherry hatten sich irgendwo weiter vorn niedergelegt. In dieser Stockfinsternis war nichts auszumachen.
Carol war warm, schmiegsam, nervös, zurückhaltend. Geraume Zeit lang schwiegen sie, einander wärmesuchend umschlungen. Dann, ohne unmittelbaren Anlaß, fragte sie: »Du schliefst mit Cherry vergangene Nacht, nicht wahr?«
Dawes errötete in der Finsternis. »Ist das von so großer Bedeutung?«
»Nein – nein, ich glaube nicht.«
»Ich wußte nicht, was ich tat. Dieser Überfall und alles Weitere brachte mich ganz durcheinander. Cherry täuschte mich. Sie ließ mich glauben, daß du es wärst, vergangene Nacht.«
»Oh«, machte Carol.
Die geflüsterte Konversation erstarb wieder. Noonan und Cherry scherzten geräuschvoll in ihrem Teil der Höhle. Dawes lauschte einige Zeit seinem eigenen Atem. Er wünschte sich sehnlichst, Carol zu besitzen, wartete aber auf irgendeinen Wink.
Nach einer Weile fragte das Mädchen: »Wie lange kann das noch so weitergehen? Daß wir hier zu Viert leben. Ich glaubte heute schon, ihr würdet euch schlagen, Noonan und du.«
»Noonan kann mich mit ein paar Schlägen töten. Es hätte keinen langen Kampf gegeben. Aber ich bat ja direkt darum. Ich forderte ihn heraus.«
Ihre Lippen streiften die seinen, fuhren dann aber zurück.
»Das war dein erstes Erlebnis, vergangene Nacht, nicht wahr?« fragte sie.
»Ja«, sagte er.
»Heute nacht ist es meines«, flüsterte sie.
Nach drei Tagen begann Dawes zu glauben, dieses Höhlenleben könne sogar erträglich werden. Menschen seien in der Lage, sich beinahe jeder Situation anzupassen, redete er sich ein. Auch einem Leben in einer kalten, windigen Höhle auf einem fremden Planeten.
Proviant traf regelmäßig ein, täglich etwa um die Mittagszeit – jedesmal dieselbe Zusammenstellung: ein frischgeschlachtetes Tier, weiße Weintrauben, Kürbisse. Noonans Plan, einen Fremden zu fangen und ihn als Geisel festzuhalten, erwies sich als ebenso undurchführbar wie aus der Höhle herauszufliegen oder den steilen Felsen hinunterzukrabbeln. Jeden Tag warf der fremde Bote das Eßpaket in die Höhle und war verschwunden, noch ehe die Wartenden einen Schritt gemacht hatten. Zwei Tage hindurch hielten sie Wache. Jedesmal ohne auch nur den geringsten Erfolg. Die Fremden erkletterten den Felsen, schleuderten das Bündel hinein und hetzten wieder fort. Nach zwei Tagen gaben Noonan und Dawes jede Hoffnung auf, jemals einen fangen zu können.
Die explosionsartige Wendung kam am vierten Tag, als Dawes und Card badeten. Carol hatte ihre Kleider abgelegt, kauerte nackt am Wasserrand, schöpfte mit den Händen Wasser heraus und rieb sich damit Gesicht und Körper ab, um nicht unvorbereitet ins kalte Bad zu steigen. Eine Art schweigendes Übereinkommen herrschte in der Höhle: wenn ein Paar badete, beschäftigten sich die anderen zwei woanders. Aber während Dawes sich auszog, um Carol ins Wasser zu folgen, entdeckte er Noonan, der unweit des Eingangs an der Wand lehnte und sie beobachtete. In der ersten Überraschung fand Dawes keine Worte. Er wußte, daß Noonan wenig besorgt war weder um seine eigene Privatsphäre, noch um die der andern. Aber trotzdem, dachte Dawes zornig, gab es so etwas wie Anstand, auch hier in der Höhle.
Während er Noonan schweigend anstarrte, lächelte dieser und meinte: »Etwas nicht in Ordnung?«
»Wohin schauen Sie?« fragte Dawes. »Soll ich es Ihnen sagen?«
»Schauen Sie das an, was Ihnen zusteht!« Dawes ärgerte sich über die lässige Art Noonans.
»Mike«, flüsterte Carol warnend. »Fang keinen Streit an. Warum kannst du ihn nicht einfach ignorieren?«
»Nein«, sagte er. »Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut. Diesmal kommt er mir nicht davon.«
Er spürte Cherrys spöttische Augen auf sich gerichtet – und Noonans. Carol stand am Ufer des Stroms und versuchte unsicher, ihren Körper mit den Händen vor neugierigen Blicken zu schützen. »Steig ins Wasser!« befahl er barsch. »Ich will nicht, daß er dich so ansieht!«
Schweigend gehorchte sie. Dawes ging dem Höhleneingang zu, wo Noonan wartete, noch immer gegen die Wand gelehnt. Der ältere Mann schien ihn um einen halben Meter oder mehr zu überragen.
Dawes redete ihn scharf an: »Versuchen Sie, das Leben hier drinnen unerträglicher zu machen? Sie hätten sie nicht derart anstarren müssen, als sie sich auszog.«
»Ich schaue dorthin, wohin immer es mich freut, mein Junge. Und Ihre Vornehmheit geht mir auf die Nerven. Das hier ist kein Hotel für wohlhabende Touristen.«
»Machen Sie uns das Leben hier nicht schwer«, fuhr Dawes fort. »Ich will nicht, daß Sie Carol beobachten, wenn wir baden. Ab jetzt, Noonan. Haben Sie mich verstanden? Wir können wenigstens vorgehen, zivilisiert zu sein – auch wenn einige hier es nicht sind.«
Noonan schlug ihn. Dawes hatte den Schlag erwartet und sich dementsprechend vorbereitet. Er drehte sich flink zur Seite und versetzte Noonan gleichzeitig eine schallende Ohrfeige. Der Riese nahm sie wie einen Mückenstich hin, lachte und boxte Dawes in den Magen. Dawes spürte seine Knie weich werden. Er nahm sich zusammen, holte tief Luft.
Er warf sich wütend auf Noonan, verfehlte ihn um einen halben Meter und schlug wieder zu. Diesmal öffnete Noonan seine große Hand, packte Dawes’ schwingenden Arm und verdrehte ihn.
Brüllend versuchte Dawes, sich zu befreien. Es gelang ihm, mit der einen freien Hand Noonans Kehle zu fassen und lenkte diesen dadurch ab. Dawes riß sich los. Keuchend tänzelte er einige Schritte zurück, von Kampfesstimmung erfaßt.
Er schnellte vor und stieß mit der Faust zu. Noonan wehrte die Hand ab, sprang vor und schlug ihm auf die rechte Schulter. Dieser Schlag betäubte Dawes. Er spürte die Wogen des Schmerzes vom Arm bis zu den Fingerspitzen. Verzweifelt versuchte er, einen Schlag anzubringen, und wieder packte Noonan sein Handgelenk.
Diesmal gab es kein Entkommen. Noonan zwang ihn unerbittlich zu Boden.
»Ich werde dorthin schauen, wohin immer es mich freut«, wiederholte Noonan ruhig. Weder Bosheit war in seiner Stimme, noch Zorn. Es war lediglich die Bemerkung eines Siegers. »Hören Sie, Dawes? Sie erteilen keine Befehle hier drinnen. Wenn ich Ihr Mädchen anschauen will, schau ich es an, und Sie werden mir das nicht verbieten. Verstanden, Dawes?« Er ging fort.
Carol war während der ganzen Kampfhandlung beim Fluß geblieben. Jetzt kam sie zu ihm. Sie war naß und noch immer nackt, aber das schien ihr jetzt gleichgültig zu sein. Nach diesem Streit würde jede Vortäuschung züchtigen Verhaltens in der Höhle sinnlos sein.
Sie schaute auf ihn hinunter, ohne zu sprechen, ohne zu lächeln, ohne ein aufmunterndes Wort. Dawes konnte nicht unterscheiden, ob der ernste Blick mitleidig war oder verächtlich. Nach einer Weile ging sie weg, zurück zum Strom und begann sich anzukleiden.
Mit Hilfe der Ellbogen setzte er sich auf und massierte seine Handgelenke. Vorn sah er Noonan, der sich zu einem Schläfchen ausgestreckt hatte. Cherry zeichnete Figuren in den Sand. Es war sehr still in der Höhle.
Langsam ging er zurück zum Strom, kniete sich nieder und schüttete sich Wasser übers Gesicht; der Schock plötzlicher Kälte linderte ihm die brennenden Schmerzen, die von Noonans Schlägen herrührten. Sich schüttelnd ging er dann wieder nach vorn, vorbei an Cherry und Noonan und schaute aus der Höhle. Die Lichtung unten war vollgestopft mit Fremden.
Er überlegte sich, ob ihnen die Vorstellung gefallen hatte.
15
Nach diesem Vorfall bestanden wieder die früheren gespannten Beziehungen zwischen den vier Gefangenen in der Höhle.
Dawes litt am meisten. Er hatte dumm gehandelt, übereilt. Er hatte Noonan absichtlich herausgefordert, ihn zu verhauen. Und er war in Carols Augen gesunken. Ganz klar. Das einzige, was sie an ihm respektieren konnte, war seine Intelligenz – und er hatte sich nicht gerade intelligent gegenüber Noonan benommen. Carol wollte einen Mann, der für sie sorgen konnte, der sie beschützte vor den Spannungen und Härten des Existenzkampfes auf dieser schreckenerregenden Welt – und Dawes hatte keineswegs bewiesen, diese Art von Mann zu sein.
Aber Mitgefühl kam von unerwarteter Seite – von Cherry, die Noonan mit einem bösen Blick bedachte und besänftigende Worte für Dawes fand. Noonan erwiderte ihren Blick ebenso zornig. Seine Herrschsüchtigkeit begann Cherry offensichtlich zu irritieren. Dawes überlegte, wann es zwischen den beiden wohl zum offenen Bruch kommen würde.
Der Strudel sich widerstreitender Gemütsbewegungen verstärkte sich. Beide Frauen liebten und bemitleideten Dawes zu gleichen Teilen. Cherry fühlte sich körperlich zu Noonan hingezogen, fand aber sein gebieterisches Wesen abstoßend; seine Art, sich Rechte zu erzwingen. Noonan betrachtete Cherry als sein Eigentum, war aber unmißverständlich auch an Carol interessiert. Und so ging es weiter und weiter, während die Fremden sich draußen versammelten und die Stunden dem Sonnenuntergang näherglitten und Osiris’ mondloser Finsternis.
Dawes saß verbittert da und fühlte, daß er vollkommen in Ungnade gefallen war. Cherry sang mit leiser Stimme ihre alten Night-Club-Songs, Carol tat nichts. Noonan badete, schlief eine Weile lang, wachte auf und ging zum Höhleneingang. Dort steckte er den Kopf hinaus und starrte lange hinunter, als messe er irgendeine Entfernung aus.
Dann kam er zurück und sprach kurz mit Cherry. Danach ging er weiter zu Carol, die still an eine Wand gelehnt saß.
Dawes schrak aus seinem dumpfen Brüten auf. Noonan wisperte ihr gerade etwas zu. Er spitzte die Ohren, um ihre Konversation aufzufangen, aber der Ausdruck in Noonans Gesicht verriet ihm ohnehin alles.
Cherry durchquerte die Höhle, ließ sich an Dawes’ Seite nieder und legte ihre Hand auf seine, als er begann, diese zur Faust zu ballen.
»Beachte sie nicht«, murmelte sie. »Es mußte wohl so kommen, früher oder später. Reize ihn nicht, dich noch einmal zu schlagen.«
»Wird sie auf ihn hören?«
Cherry zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht. Man kann das nie im voraus sagen.«
»Ich hasse ihn«, sagte Dawes düster. »Ich hasse beide. Wäre er nicht doppelt so stark wie ich …«
»Aber er ist es«, unterbrach ihn Cherry. »Du brauchst dich also nicht unnütz aufzuregen.«
Sie schüttelte ihr langes, blondes Haar. Der Mangel an Pflege ließ es strähnig werden, und es schien Dawes, als wäre der neue Wuchs dunkler. Es überraschte ihn nicht sehr, daß Cherrys Blond künstlich war.
Er versuchte sich zu entspannen, die Tatsache zu ignorieren, daß ihm Noonan in einem andern Teil der Höhle Carol weglockte.
Nach langem Schweigen sagte Cherry: »Weißt du, Noonan glaubt einen Fluchtweg entdeckt zu haben.«
»Was?«
»Schhh. Er verriet es mir gerade vorhin. Er sagt, ein schmaler Sims befinde sich am Felsen, ein Stück tiefer. Er glaubt, wir könnten ihn mit einem Seil erreichen, das wir aus unseren Kleidern knüpfen müßten. Aber dir wollte er nichts davon sagen, denn er will dir nicht helfen.«
Dawes setzte eine finstere Miene auf: »Er hat kein Recht, etwas Derartiges bei sich zu behalten.«
»Noonan scherte sich noch nie um Rechte. Außerdem glaubt er nicht ganz an einen Erfolg. Wir könnten vielleicht gut hinunterkommen, aber dann würden uns die Fremden sofort wieder hierher zurückbringen.«
Dem mußte Dawes wohl oder übel beipflichten. Der momentane Hoffnungsschimmer erlosch. Er ließ sich wieder zurückfallen. Die wartenden Kerkermeister da unten würden sie nie so leicht flüchten lassen, dachte er.
Die Schatten in der Höhle wurden immer länger, je tiefer die Sonne am Himmel stand. Vier Tage, dachte Dawes apathisch. Vier Tage mit Noonan und Carol und Cherry, und kein Ende der Gefangenschaft war abzusehen.
Die Sonne war beinahe unter dem Horizont verschwunden. Der Tag bestand nur noch aus schwachem roten Flackern. Der ewige Wind heulte klagend. In der Dunkelheit hörte Dawes Carol lachen.
Morgen. Der fünfte Tag.
Die unsichtbaren Fäden des Hasses schlangen sich fester um die vier in der Höhle.
Carol war unerklärlich mürrisch und hatte rote Augen, nach dieser Nacht mit Noonan. Sie badete allein. Dawes beobachtete sie aus der Ferne, ohne aufzustehen. Carol war lieblich, schlank, weiß, wunderschön. Sie besaß den vollendeten Körper einer Frau, war aber nicht Frau genug dafür; sondern in vielen Dingen wie ein kleines Kind: hilflos, verängstigt, egoistisch.
Als Carol fertig war, badete Noonan, und nach ihm spazierte Dawes langsam nach hinten und stürzte sich in den kleinen Strom, genoß das scharfe Prickeln des eiskalten Wassers.
Zur üblichen Zeit, und zwar zu Mittag, wurde das Eßpaket hereingeschleudert. Sie aßen schweigend. Noonan verteilte den Proviant, wie jeden Tag. Seit Morgengrauen war in der Höhle kein Wort gefallen. Dawes schaute hinaus und sah Massen von Fremden unten, sie waren in größerer Anzahl versammelt als je zuvor. Er kniete sich nieder und spähte den Felsen hinunter. Er versuchte, Noonans Pfad zu finden. Ja, da war er, ein schmaler, steiler Sims, nur wenige Zentimeter vom glatten Felsen vorspringend. Er drehte sich um und sagte zu Noonan: »Ich hörte, Sie wissen, wie wir von hier wegkommen könnten. Warum, zum Teufel, reden Sie nicht offen darüber?«
»Wer hat Ihnen das gesagt? Das ist nicht wahr!«
»Der Sims da unten«, verteidigte sich Cherry. »Gestern sagtest du mir doch, daß …«
Noonan ohrfeigte sie zornig und starrte Dawes böse an: »Also gut. Da unten ist ein Sims. Aber meine Idee ist trotzdem nichts wert. Kämen wir auch bis hinunter, die Fremden würden uns einfach wieder fassen und in die Höhle zurückbringen. Oder nicht?«
»Vielleicht nicht«, meinte Dawes.
»Vielleicht nicht! Vielleicht nicht!« Noonan brüllte vor Lachen. »Sie glauben wohl, die da unten werden still sitzenbleiben und uns vor ihren Augen vorbeidefilieren lassen?«
»Vielleicht. Ich weiß, mit welchen Waffen man die Fremden schlagen kann«, erwiderte Dawes ebenso lautstark.
Plötzlich begann Carol zu lachen – ein hohes, scharfes, wahnsinniges Gekreische von einem Lachen, das nicht enden wollte. Es war nicht direkt Hysterie, grenzte aber schon sehr nahe daran. Sekunden später kicherte Cherry, verhalten, zynisch.
»Seid ruhig!« schrie Dawes. »Laßt mich erklären!«
»Wir wollen keinen Unsinn von Ihnen hören«, schnauzte Noonan ihn an. »Halten Sie den Mund!«
Dawes grinste sonderbar und machte zwei feste Schritte nach vorn. Es gab nur eine Möglichkeit, Noonan aufhorchen zu lassen. Sorgfältig gezielt boxte er ihn fest in die Rippen.
Der Angriff überraschte Noonan. Zuerst starrte er Dawes verblüfft an, dann donnerte er los. Seine Fäuste schossen vor, bohrten sich in Dawes’ Magen. Dawes schlug grimmig zurück. Er landete einen massiven Schlag auf Noonans Lippe. Noonan knurrte ärgerlich und warf ihn mit zwei raschen Hieben nieder. Dawes schlug hart auf, Schmerz durchzuckte seinen Körper. Er rang nach Atem. Noonan stand über ihm und trat nach ihm. Jeder Tritt bereitete Dawes neue Qualen.
Endlich hörte Noonan auf. Dawes lag verkrümmt am Boden, die Hände schützend vor dem Gesicht. Noonan stand über ihm. Ein seltsamer Ausdruck von Schuldbewußtsein erschien in seinen Zügen. Seine Unterlippe schwoll an.
Dawes setzte sich auf, betastete seine Rippen. Nichts war gebrochen. Heiser sagte er zu Noonan: »Nun gut. Sie hatten sich ja danach gesehnt, mich wieder zu Boden treten zu können, und nun hab’ ich Ihnen diese Freude gemacht. Alles verlief nach Ihrem Plan. Ich hoffe es wenigstens.« Noonan sah vollkommen abgekämpft aus. Er sprach nicht. Dawes wischte einen Blutstropfen vom Mund und fuhr fort.
»Noonan, Sie sind ein starker Mann und ein einigermaßen kluger Mann. Aber Ihnen fiel nichts ein, wie wir aus dieser Höhle entkommen könnten. Und Sie hätten sich richtiggehend verdammt gefühlt, hätten Sie mich reden lassen, ohne mich vorher zu verprügeln. In Ordnung. Ich ließ mich verprügeln.«
»Hören Sie …«, begann Noonan unsicher.
Dawes schnitt ihm das Wort ab. Trotz der Schmerzen fühlte er sich irgendwie heiter. »Jetzt hören Sie mir zu. Wir können entkommen, wenn wir nur zusammenhalten. Alle vier.
Ich weiß nicht, welcher Art diese Fremden hier sind – aber sie sind nicht so primitiv, wie sie aussehen. Wir haben sie als gefährliche, affenähnliche Wesen abgetan, aber sie sind viel harmloser und viel klüger. Ich glaube, sie raubten und sperrten uns hier oben ein, um unsere Gefühlsskala beobachten zu können. Sie nahmen vier. Vier Menschen, die sich kaum kannten. Sie warfen uns hier herein und ließen uns allein. Sie wußten verdammt gut, was passieren würde. Sie wußten, wir würden einander zu hassen und zu bekämpfen beginnen. Und genau das wollten sie. Sie erwarteten sich eine Art Arena-Vorstellung, eine dramatische Aktion. Eine Art Unterhaltung. Gut. Sie hatten recht. Wir lieferten ihnen eine tolle Show. Und ich wette, sie haben alles vollauf genossen: jedes bißchen Streit und Haß und Kampf, das sich hier seit unserer Ankunft abgespielt hat.«
Dawes hielt inne. Nun, da man ihn ließ, brachte er seine Meinung fließend vor und legte nur Pausen ein, wenn er seine Gedanken einwirken lassen wollte.
»Erzählen Sie weiter«, sagte Noonan ruhig. »Sprechen Sie aus, was Sie uns zu sagen haben.«
»Wir müssen einander nicht hassen, das ist es, was ich ausdrücken möchte. Sicherlich, wir gehen uns auf die Nerven. Sogar vier Heilige würden sich in einem Käfig wie diesem schlagen. Aber wir können dem Haß eine andere Richtung geben. Wir können sie hassen. Und die beste Art, ihnen unseren Haß zu zeigen, ist, einander zu lieben. Durch Zank und Streit liefern wir uns ihnen aus. Laßt uns zusammenhalten, laßt uns versuchen, einander zu verstehen. Ich gebe zu, genauso selbstsüchtig wie jeder von euch gewesen zu sein. Wir alle sind schuld. Wenn wir uns aber jetzt ändern – Himmel, dann können sie uns genauso wenig brauchen wie Kampfhähne, die nicht kämpfen wollen. Und wir können dieses Seil knüpfen, und sie werden uns ziehen lassen.«
Niemand sprach, als Dawes fertig war. Er gab ihnen Zeit, alles zu überdenken. Schließlich sagte Cherry: »Sie sind also wie Parasiten. Finden Spaß an unserm Haß?«
»So ist es.« Dawes schaute zu Noonan. »Was meinen Sie? Glauben Sie, daß meine Theorie irgendeinen Sinn hat?«
Langsam begann Noonan zu lächeln, trotz der geschwollenen Lippe. »Ja. Mag sein, daß Sie auf der richtigen Spur sind. Ich glaube, wir könnten es versuchen.«
16
Das Seil verschlang beinahe jedes Stückchen Stoff, das sie am Leibe hatten. Etwas anderes besaßen sie ja nicht.
»Gut«, sagte Noonan endlich. »Vielleicht reicht das. Testen wir es einmal. Dawes, gehen Sie zum andern Ende und ziehen Sie fest an.«
Dawes nahm das Seil, schlang es sich zweimal um die Hand und zog an, so fest er nur konnte, wobei er seine Füße in den Sand bohrte, um den Halt nicht zu verlieren. Die Leine hielt.
»Wunderbar«, brummte Noonan, »sie ist stark genug.«
Er befestigte das eine Ende der Leine an einem vorspringenden Felsen nahe dem Höhleneingang, schleuderte das freie Erde hinunter und ließ das Seil baumeln. Dann beugte er sich über den Abgrund, blickte abschätzend hinunter und sagte dann: »Einige Meter fehlen noch. Da muß die Unterwäsche her.«
Niemand protestierte. Noonan holte die Leine herauf und knüpfte die Wäsche an. Dawes grinste und kommentierte: »Aus dieser Höhle kommen ist gleichbedeutend mit einer Geburt! Wir kommen nackt heraus.« Er zitterte vor Kälte, aber das neue Kameradschaftsgefühl, das sie nun verband, wärmte ihn.
Noonan sagte: »Ich werde bis zu jenem Saum hinunterklettern. Carol und Cherry werden mir folgen. Und dann Sie, Dawes. Alles klar?«
Noonan packte die Leine, zog daran, um ihre Festigkeit nochmals zu prüfen und schwang sich über den Rand. Bevor er vollends untertauchte, grinste er, und Dawes grinste zurück.
»Viel Glück, Noonan.«
»Danke. Ich werde es brauchen können.«
Dawes schaute gespannt zu, wie Noonan sich hinunterließ, Armlänge um Armlänge, schaukelnd im Wind. Er baumelte schon am äußersten Ende der Leine, und noch immer waren seine Füße einen Meter oder zwei vom Vorsprung entfernt. Er ließ los; mit den Beinen zappelte er nach Halt, mit den Armen balancierte er heftig, und dann stand er sicher da, schaute hinauf und lächelte.
»Alles in Ordnung«, rief er. »Carol, du bist die nächste. Umklammere das Seil mit den Füßen und halte dich fest an.«
Blaß und furchtsam über alle Maßen ergriff Carol das Seil. Sie zögerte.
»Nur weiter«, ermunterte sie Dawes sanft, »es kann nichts passieren. Halte dich nur fest, laß dich hinunter, Hand um Hand.«
Das Mädchen faßte das Seil, umschlang es mit den Beinen und begann hinunterzuklettern. Dawes hielt den Atem an. Das Seil schien unendlich lang zu sein. Würde sie durchhalten? Oder würde sie ermüden und abstürzen, zwanzig Meter über dem Boden?
Sie schaffte es. Sie hing in der Luft über Noonan; er streckte, die Arme nach ihr aus, drängte sie loszulassen, und endlich tat sie es. Er fing sie auf und stellte sie sicher auf den schmalen Sims.
Cherry folgte. Äußerlich sah man ihr keine Furcht an, und sie erledigte den Abstieg schnell und geschickt. Dawes wartete, bis sie neben Carol stand. Dann, einen letzten Blick in die Höhle werfend, nahm er selbst das Seil in die Hand.
In der Schule war er oft an Seilen geklettert, in dem fruchtlosen Versuch, seine schwachen Muskeln auszubilden. Aber jene Seile waren nur fünf oder sechs Meter lang gewesen. Dieses hier hatte die dreifache Länge und keine schützende Matte darunter.
Immer eine Hand unter die andere setzend, kletterte er hinunter, den schneidenden Wind auf seiner bloßen Haut spürend. Er wußte, die andern warteten auf ihn, beobachteten ihn. Einmal schaute er hinunter und sah, daß er etwa in der Mitte war. Seine Muskeln zuckten, und die Arme fühlten sich an, als würden sie bald aus den Gelenkpfannen springen. Aber er schaffte es.
Er schwebte über dem Sims, und Noonan fing ihn auf und brachte ihn in Sicherheit. Das Seil schwang hoch in die Luft und klatschte zurück auf die Felswand.
Dawes atmete auf und schaute dann vom Sims hinunter. »Wir sind noch immer wenigstens zwölf, dreizehn Meter über dem Boden. Was nun?«
»Werde versuchen, die Leine loszubekommen«, sagte Noonan. »Haltet mich alle fest. Wenn es mir gelingt, binden wir sie dann hier an und klettern hinunter.«
»Und wenn es nicht gelingt?« fragte Dawes.
Einen Augenblick lang machte Noonan ein finsteres Gesicht. »Diese alte Gewohnheit haben Sie noch immer nicht abgelegt. Sie stellen zu viele heikle Fragen. Los – stützt mich!«
Sie hielten ihn, während er an der Leine zerrte. Muskelstränge traten an Noonans Schultern und am Rücken hervor, und Sehnen strafften sich am Arm. Aber die Leine war oben zu fest angebunden worden. Sie wollte nicht abgehen. Noonan zog kräftiger …
Das Seil riß mit einer Wucht, die sie beinahe alle vier vom Sims geworfen hätte. Noonan schaute auf das Stück, das er in der Hand hielt und dann hinauf zum Seil, das noch vom Felsen baumelte. Das Seil war in der Mitte gerissen.
Noonan fluchte entsprechend. »Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber es hätte auch schlimmer enden können, glaube ich.«
»Wie lang ist das Seil noch?« fragte Dawes.
»Schauen Sie selbst.«
Noonan ließ das Seil hinunterhängen. Es endete etwa sechs Meter über dem Boden. Und, dachte Dawes, ein Sechs-Meter-Sprung war direkt eine Herausforderung für Beinbrüche oder Ärgeres – und noch lag ein Marsch von etwa zehn Meilen vor ihnen, zurück zur Kolonie.
Er schaute fragend zu Noonan. Dieser meinte: »Es geht trotzdem. Aber nur, wenn wir zusammenhalten. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich werde hinunterklettern. Dawes, Sie folgen mir, klettern an mir hinunter und hängen sich an meine Fußknöchel. Die Mädchen werden dasselbe machen und abspringen, wenn sie Ihre Füße erreicht haben. Von dort weg wird der Sprung nicht mehr als etwa anderthalb Meter betragen.«
Irgendwie gelang es. Noonan kletterte das verkürzte Seil hinunter, so weit er nur konnte, und blieb dort wartend hängen. Dawes war der nächste; ließ sich hinunter, bis er Noonans Schultern berührte, kletterte dann vorsichtig Noonans Körper entlang, bis er an seinen Füßen baumelte.
»Los, los!« schrie Noonan. »Wir können hier nicht ewig so hängen!«
Dawes hielt sich krampfhaft fest. Seine Zehenspitzen befanden sich etwa drei Meter vom Boden entfernt. Carol kam herunter; er konnte jede ihrer Bewegungen spüren. Er schaute hinauf. Sie kletterte gerade über Noonans Schultern, erreichte dann seine eigenen. Ihr Gesicht war blaß vor Anstrengung. Kurze Zeit klammerte sie sich an Dawes’ Hüften fest, glitt seine Beine hinunter und ließ los. Er schaute ihr nach; sie war zu einem Häufchen zusammengesunken, stand aber schon wieder auf.
Als nächste kam Cherry. Dawes’ Arme schmerzten unsagbar. Er festigte seinen Griff an Noonans Knöcheln. Aber es half nichts, er konnte einfach nicht mehr. Als Cherrys Fuß seine Schulter streifte, ließ er los und fiel zu Boden. Beim Aufprall sank er zusammen, konnte sidi aber mühelos wieder aufrichten. Cherry hing noch an Noonan.
»Vorwärts!« rief Dawes ihr zu. »Laß los, ich werde dich fangen!«
Sie löste sich; Dawes festigte seinen Stand und bremste ihren Fall, aber ihr Gewicht drückte ihn wieder nieder. Sekunden später landete Noonan obenauf.
Nachdem sich die anfängliche Verwirrung gelegt hatte, krabbelten sie auf die Beine und begannen zu lachen. Cherry war die erste, dann stimmte Noonan ein, dann Dawes, dann Carol; und sie lachten fast eine ganze Minute lang über den komischen Anblick, den sie geboten haben mußten, wie sie da aneinander hinuntergeklettert und dann in einem verworrenen Knäuel von Armen und Beinen gelandet waren.
»Albernste Art, einen Felsen hinunterzukommen, die ich je sah«, sagte Noonan, noch immer lachend.
»Vielleicht«, sagte Dawes. »Aber es ging, nicht wahr? Es ging!«
Am Fuß der Felswand drängten sie sich zusammen. Über ihnen flatterten zwei Seile im Wind.
Cherry sagte: »Und kein Fremder ist in Sicht. Nirgends.«
Dawes schaute sich blitzschnell um, als erwarte er, die plumpen, affenähnlichen Wesen beobachtend hinter Bäumen versteckt zu sehen. Vielleicht stimmte das auch. Aber blicken ließen sie sich jedenfalls nicht.
»Seht ihr?« triumphierte Dawes. »Sie sind nicht mehr an uns interessiert. Wir haben ihnen nichts mehr zu bieten, da wir aufgehört haben, einander zu bekriegen. Jetzt ist es ihnen gleichgültig, was wir tun.«
»Mir ist kalt«, sagte Carol plötzlich. »Uns allen«, bemerkte Cherry. »Marschieren wir lieber los, zurück zur Kolonie, bevor sich die Fremden entschließen, uns vielleicht doch nicht aufzugeben.«
Dawes nickte. Er deutete auf den Wald. »Die Kolonie müßte geradeaus dort liegen. Was meinen Sie, Noonan?«
Noonan runzelte nachdenklich die Stirn und sagte: »Ja, ungefähr. Wir müßten den Weg zurück durch den Wald ohne wesentliche Schwierigkeiten finden, wenn wir jetzt starten.«
Sie zogen los, im Gänsemarsch – Noonan an der Spitze, gefolgt von Carol, dann Cherry und Dawes. Obwohl die Sonne strahlend am Himmel stand, war es kalt; die Temperatur lag kaum über zehn Grad, schätzte Dawes. Keine Temperatur jedenfalls für Leute, die nackt umherwanderten.
Er war dankbar, daß sie ihre Schuhe noch hatten, wenn auch ihre Strümpfe dem Seil zum Opfer gefallen waren. Der Waldboden war bedeckt mit stechenden Nadeln. Der Wind blies, aber die Bäume dienten ihnen als Schild gegen die ärgsten Stöße.
Etwa zwei Stunden hatte es gedauert, als sie den Wald das erstemal in den Händen der Fremden durchquert hatten. Nach Dawes’ Berechnungen würde die Nacht nicht vor drei Stunden hereinbrechen. Mit ein wenig Glück, wenn sie den richtigen Weg einschlügen, würden sie noch vor der Dunkelheit zurück in der Kolonie sein. Andernfalls würden sie sich am Boden ausstrecken und das Morgengrauen abwarten müssen, um dann die Suche nach der Kolonie fortzusetzen.
Aber Noonan führte sie so zuversichtlich, daß Dawes sich nicht länger sorgte. Springenden Schritts drang der Riese voran, vergewisserte sich oft, daß niemand zurückgeblieben war und verspürte sichtlich kein Unbehagen, trotz der Kälte und seiner Nacktheit.
Dawes erkannte, daß er es sich noch vor wenigen Monaten unmöglich hätte vorstellen können, einmal mit nichts als nur einem Paar arg mitgenommener Schuhe lässig durch den Wald zu wandern, noch dazu in der Gesellschaft von zwei Frauen und einem Mann. Jetzt machte es ihm kaum etwas aus. Eine neue Welt, neue Einstellungen, dachte er. Nach diesen Tagen in der Höhle waren Schamgefühle völlig fehl am Platz. Er kannte diese drei Körper vor sich so gut wie seinen eigenen.
Nachdem sie eine Stunde marschiert waren, blieben sie stehen; Carol war erschöpft. Noonan betrachtete den Stand der Sonne, verkniff das Gesicht und kündigte an, daß ihnen wenigstens noch zwei Stunden und eine halbe bis Sonnenuntergang zur Verfügung stünden. »Reichlich Zeit, um hinzukommen«, fügte er hinzu. »Wenn wir keine Umwege machen.«
»Mir ist kalt«, sagte Carol. »Ich bin hungrig. Müde. Ich halte das nicht durch.«
Dawes schaute sie mitleidig an. Sie wirkte abgekämpft und erschöpft. Sie hatte an Gewicht verloren, schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Die Tage in der Höhle hatten Carol mehr als jeden andern mitgenommen. Daß Noonan eine Gefangenschaft hinter sich hatte, sah man ihm beinahe nicht an; Cherry schaute verwahrlost, aber gesund aus und war schlank geworden. Dawes schmerzte der ganze Körper, aber er fühlte sich wunderbar.
»Komm«, sagte er sanft zu Carol, »wir sind bald da. Nur noch eine Stunde müssen wir gehen, das ist alles.«
Noonan hob sie auf und wies ihr die Richtung. Sie setzten ihren Marsch wieder fort.
Sie folgten einem gut ausgetretenen Pfad durch das Dickicht. Zurückblickend konnte Dawes das schwarze Massiv der Klippen sehen, und so dachte er, auch die zwei Seile, rot und gelb und braun und grün. Je tiefer die Sonne sank, um so kälter wurde es im Wald. Vögel zwitscherten in den Bäumen; kleine Tiere mit durchscheinender Haut, die wie Eidechsen aussahen, sprangen von Felsbrocken auf, piepsten der Gruppe spöttisch zu und eilten dann in das schützende Dickicht.
Sie trotteten weiter. Dawes begann, die Auswirkungen seines Hungers zu spüren – die letzten fünf Tage nur eine Mahlzeit täglich, und die nicht sehr nahrhaft. Am liebsten wäre er stehengeblieben und hätte versucht, eines der komischen kleinen Waldtiere mit einem Stein zu erschlagen. Aber dann sagte er sich, daß sie wahrscheinlich nicht mehr hochkommen würden, ließen sie sich einmal nieder. Er zwang sich, immer einen Fuß vor den andern zu setzen. Seine Beine schmerzten. Dadurch, daß seine Füße nackt in den Schuhen steckten, rieb er sich die Fersen wund. Aber Noonan strebte zügig voran.
Sie befanden sich auf ihrem Weg zurück zur Kolonie. Sonderbares und Mysteriöses war ihnen widerfahren, aber es war überstanden, und sie kehrten nun zurück. Dawes tröstete sich mit solchen Gedanken. In Kürze würden sie wieder andere Menschen sehen. Haas und Dave Matthews und Ed Sanderson und Sid Nolan und all die andern. Eigentlich waren es fremde Menschen für ihn, aber in diesem Augenblick betrachtete Dawes sie als alte Freunde, Freunde, nach denen er sich schon lange gesehnt hatte.
Wenig später blieben sie wieder stehen. Wieder wegen Carol. Sie warf sich auf den Boden, schluchzte und gab sinnlose Laute von sich.
Noonan hob sie auf. Dawes stand zurück, obwohl sie rechtmäßig seine Frau war. Sie würde getragen werden müssen, und er hatte gerade noch Kraft genug, um sich selbst fortzuschleppen. Also würde Noonan sie tragen müssen. Das war ganz klar. Dawes protestierte also nicht, als Noonan sagte: »Wir sind beinahe am Ziel. Ich werde sie das letzte Stück tragen. Wie geht es euch beiden?«
»Ich werde es schaffen«, sagte Cherry. »Vorausgesetzt, daß ich nicht vorher erfriere.«
»Dawes?«
»Auch in Ordnung.«
»Dann also los.«
Schritt um Schritt; und jeder Schritt, so sprach Dawes sich eindringlich vor, brachte ihn näher zur Kolonie, zu Speisen, zur Wärme, zu Kleidern. Außer, natürlich, Noonan hätte sie die ganze Zeit in die falsche Richtung geführt. Das könnte sein. Nein, hielt er dann wieder dagegen, die Klippen lagen noch immer hinter ihnen, und so mußten sie auf dem richtigen Weg sein. Sein müder Verstand erdachte schaurige Phantastereien: Angenommen, die Fremden wären ihnen ständig gefolgt, boshaft all ihre Leiden genießend, und planten nun, sie genau in dem Augenblick niederzumetzeln, da die vertrauten Mauern vor ihnen auftauchen würden? Oder vielleicht war der Platz leer, alle Kolonisten tot oder gefangen, und nur Dawes und Carol, Noonan und Cherry allein würden die Bevölkerung von Osiris bilden!
Er schüttelte diese Gedanken ab und ging und ging. Plötzlich kamen sie auf eine Lichtung.
»Schaut euch das an«, frohlockte Noonan.
Etwa hundert Meter vor ihnen lag die Kolonie.
17
Gewehrmündungen begrüßten sie, als sie vor der Umzäunung auftauchten: mit wunden Füßen, schmutzig, frierend. Aus Beobachtungslöchern in der Mauer fuhren die Läufe heraus; anscheinend wachten die Kolonisten jetzt über jede Bewegung, die vom Wald kam.
»Sachte! Sachte!« schrie Noonan. »Wir sind Freunde. Menschen.«
Eine Stimme hinter der Mauer sagte deutlich: »Himmel! Das sind ja keine Fremden! Das sind …«
»Sie sind zurückgekommen!« brüllte jemand anderer dazwischen.
Die Gewehrläufe verschwanden. Knarrend öffnete sich das Tor, und Menschen eilten heraus, vertraute Menschen, Freunde. Dawes erkannte Sid Nolan, Dave Matthews, Matt Zachary und Lee Donaldson. Da waren auch noch einige andere, an deren Namen er sich absolut nicht erinnern konnte.
Sie zogen die vier Heimkehrer hinein, schlugen das Tor zu. Als die Kolonisten sich zur Begrüßung um sie versammelten, wurde Dawes sich zum erstenmal unangenehm seiner Nacktheit bewußt. Aber dieser Zustand dauerte nicht lange; denn Marya Brannick erschien mit Decken und die Wanderer waren schnell eingekleidet. Neugierige Augen glotzten die vier Müden an. Fragen sprudelten hervor.
»Wo wart ihr?«
»Was ist nur mit euch geschehen?«
»Wie konntet ihr euch befreien?«
Dawes schüttelte alle Fragesteller ab.
»Wo ist Haas?« wollte er wissen. »Wir sollten wohl erst mit ihm sprechen.«
Dave Matthews sagte ernst: »Haas – ist nicht mehr hier.«
»Holten ihn die Fremden?« fragte Noonan.
»Nein, nicht die Fremden.«
»Wo ist er dann also?« forschte Dawes.
Matthews zuckte die Achseln: »Wir hatten Schwierigkeiten hier, nachdem die Fremden eindrangen und euch raubten. Howard Stoker und einige seiner Freundchen waren der Meinung, Haas tauge nicht als Kolonie-Direktor. Er wurde getötet.«
»Getötet? So ist also Stoker jetzt am Ruder?«
Matthews lächelte düster. »Nein. Es folgte eine – hm, eine Gegenrevolution, könnte man es nennen. Im Namen des Gesetzes exekutierten wir Stoker, Harris und Hawes. Lee Donaldson ist jetzt Direktor.«
»Was soll mit den vier überzähligen Frauen geschehen, nun, da diese Männer tot sind?«
»Das ist ein weiteres Problem«, gab Matthews zu. »Die Meinungen über Polygamie gehen auseinander. Aber wir …«
»… heben uns diese Sorgen für später auf«, mischte sich Lee Donaldson schroff ein. »Ich möchte was von diesen Leuten da hören. Wo wart ihr?«
»Wir wurden in eine Höhle verschleppt, die sich in einem der Felsen hinter dem Wald befindet«, antwortete Dawes. »Wir waren Gefangene, aber wir entkamen.« Er grinste. Nach diesem Waldmarsch fühlte er sich sehr müde, aber dennoch voll Leben. Und er war traurig darüber, daß innerhalb der Kolonie solche Uneinigkeit geherrscht hatte.
»Verletzten sie euch?« fragte Donaldson.
Dawes dachte ein wenig darüber nach. »Nein«, sagte er schließlich. »Nicht – nicht körperlich.«
Er schaute um sich. Seit ihrer Abwesenheit war in der Kolonie nicht viel vorangegangen. Sie schaute noch immer unfertig aus. Er sah betrübte Gesichter. Es mußte bittere Streitigkeiten gegeben haben.
»Und die Fremden«, fragte er, »griffen sie noch einmal an?«
»Nein«, sagte Matthews. »Wir sahen sie außerhalb der Umzäunung umherschleichen. Aber sie versuchten nicht, einzudringen. Wir unterhalten jetzt eine ständige Patrouille.«
»Und hier drinnen gab es Reibereien, nicht wahr?«
»Reibereien?«
Dawes nickte. »Streitereien, Meinungsverschiedenheiten.«
Lee Donaldsons Züge wurden hart. »Wir hatten einige Schwierigkeiten. Haas war unser bester Mann, und der ist tot. Seither ist es nicht leicht, die Leute zur Zusammenarbeit anzuhalten. Dieser Tage streiten wir mehr, als wir arbeiten.«
Dawes seufzte. Wie gerne hätte er Matthews und Donaldson erzählt, was sie in der Höhle dazugelernt hatten: Daß die Fremden durch Haß und Streitigkeiten gediehen, daß jene schattenhaften, halslosen Wesen erst von den Kolonisten weichen würden, wenn diese gelernt hätten, wie Teile eines Präzisionsinstruments zu funktionieren. Was ja notwendig war, wollte die Kolonie bestehen.
Aber dafür war auch später Zeit, dachte er. Denn man macht Leute nicht in einer Minute oder in zehn Minuten »sehend«. Das konnte Tage in Anspruch nehmen – oder ein ganzes Leben.
Auf eine Weise, dachte Dawes, war es gut, daß die Kolonie etwas wie diese Fremden hatte, die draußen lauerten. 5ie würden ihr lebenslängliches, sichtbares Gewissen sein; Haß würde in der Kolonie schon aus Angst vor den Fremden draußen nicht aufkommen.
Er wandte sich ab. Plötzlich verspürte er den Wunsch, mit sich allein zu sein – mit seinem neuen Ich, das aus der Höhle gekommen war. Irgend etwas war in jenen fünf Tagen herangewachsen, nicht nur der flaumige Bart, der seine Wangen bedeckte. Irgend etwas anderes.
Er verstand nun, warum diese Auswahl notwendig war, warum die Saat der Erde von Welt zu Welt getragen werden mußte. Und zwar deshalb, weil die Sterne existierten, und weil es in der Natur des Menschen lag, auszuziehen, um über sich hinauszuwachsen, sich zu ändern. Wie auch er sich geändert hatte in jenen wenigen Tagen in der Höhle.
Es waren Tage der Abhärtung für ihn gewesen. Nicht länger mehr erfüllte ihn zornige Verstimmung; nicht länger mehr haßte er diese Menschen-Lotterie und ihre ausführenden Organe. Er vergab ihnen. Mehr noch: er bewunderte sie und bemitleidete sie, weil sie an diesem größten aller menschlichen Abenteuer nicht teilnehmen konnten.
In der Dämmerung wanderte Dawes weg von der Gruppe, seinem Seifenblasen-Heim zu, von dem ihn die Fremden weggeholt hatten. Carols Koffer und seiner lagen noch immer halb offen am Boden. Niemand war hier gewesen seit jenem Überfall.
Er schüttelte die Decke ab, nahm Wäsche aus dem Koffer und kleidete sich langsam an. Lange Zeit stand er nachdenklich da. Keiner von ihnen war der gleiche geblieben – nicht Noonan, der zum erstenmal in seinem Leben auf ein Problem gestoßen war, das er nicht mit den Fäusten lösen konnte; oder Carol, die scheu und unberührt in die Höhle gegangen und ganz verändert herausgekommen war; oder Cherry, deren harte Schale aufgebrochen war, um ihm Zärtlichkeit zu schenken, die er für Verrat gehalten hatte.
Aber Dawes wußte, daß er sich am meisten verändert hatte, und doch wieder nicht. Jenes Ding, das bereits in ihm schlummerte, die Neugier, der strebende Geist – jetzt war es erwacht und arbeitete zum erstenmal wirklich. Wie falsch war es gewesen, von jener toten Existenz in einem netten Ohio-Haus, mit einer netten Ohio-Frau und seinen netten Ohio-Kindern zu träumen! Er wurde sich bewußt, daß er noch einmal hinausgehen wollte in die Wildnis, um die Fremden wiederzusehen. Um herauszufinden, warum sie so waren, wie sie waren; was sie sich von den Gefangenen in der Höhle erwartet, wie sie ihr Benehmen aufgenommen hatten. Millionen Rätsel gab es auf Osiris. Und durch das Wunder der Lotterie war er hierhergekommen, um diese Rätsel zu lösen.
Ich bin jetzt anders.
Dem gerecht zu werden, war nicht leicht. Auf Carols Koffer blickend, erinnerte er sich, daß sie noch immer seine Frau war. Er mochte sie nicht mehr. Der Knabe Mike Dawes war von ihrer Unschuld und Schüchternheit beeindruckt gewesen, aber dieser Knabe existierte nicht mehr. Er brauchte jemand Zuverlässigeren, jemanden, der Freud und Leid mit ihm teilen würde, der nicht ständig nur ihm die Entscheidungen überließ.
Irgend jemand klopfte.
»Herein«, sagte Dawes.
Es war Cherry.
Sie wirkte aufgeregt und verwirrt.
»Du gingst weg, ohne auch nur ein Wort zu sagen«, stotterte sie. »Ist alles in Ordnung, Mike?«
»Ich wollte nur nachdenken. Ich mußte ein wenig mit mir allein sein. Mir fehlt wirklich nichts.«
Sie schaute ihn ernst an, blickte dann zur Seite und sah die beiden Koffer. »Carol ist bei Noonan«, sagte sie.
»Das dachte ich mir«, sagte Dawes, ohne eine Spur von Zittern in der Stimme.« Aber es bekümmert mich nicht. Wirklich nicht.«
Sonderbar, dachte er, daß schreckliche Dinge sich als die größten eines Lebens herausstellen konnten. Von der Lotterie erfaßt zu werden und anschließend von den Fremden entführt; und sein Mädchen an einen Mann wie Noonan verloren zu haben. Und nichts von all dem machte etwas aus – jeder Verlust war ein Fund, jedes Ende ein Anfang.
Ein Tier brüllte im Wald, und Dawes lächelte. Eine ganze Welt lag offen da, außerhalb der Kolonie, wartete nur darauf, daß ihre Geheimnisse gelüftet wurden.
Und er würde es tun.
Er sagte: »Wenn Noonan Carol bei sich hat – wo wirst du hingehen, Cherry?«
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«
Er lächelte immer noch. Carol hatte ihren Koffer hier zurückgelassen, aber sonst nichts.
Cherry machte einen unsicheren Schritt nach vorn. Dawes wollte ihr sagen, daß er ihr verzieh, und daß er sie liebte, und daß er sie brauchte, und daß er hindurchschauen könne durch ihre Zähigkeit und durch die Narben, die das Leben auf ihr zurückgelassen hatte. Aber er brachte kein Wort über die Lippen, und daran sah er, daß er doch noch nicht ganz erwachsen war. Aber sie würde ihm trotzdem helfen. Und er würde ihr helfen.
Eigenartig. Von der Lotterie erfaßt zu werden, war ihm einst wie ein Weltuntergang vorgekommen. Aber er hätte sich nicht ärger täuschen können.
Er lächelte Cherry an. Das Mädchen vor ihm war wie ein fremder Mensch, sogar nach diesen Tagen in der Höhle. Alles an ihr war vollkommen neu. Er hob ihr Kinn ein wenig hoch, küßte sie und lauschte dem Wind der fremden Welt – seiner Welt.
»Hallo«, sagte sie zärtlich.
»Hallo«, sagte er.