5. KAPITEL

Kathy rannte in die stockfinstere Nacht. Hinter ihr blitzte Mündungsfeuer auf. Das Schussecho hallte schaurig durch die Dunkelheit. Kathy stolperte über einen Stein und fiel der Länge nach hin. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. In ihrem heimatlichen Nottingham hatte niemals eine solche Finsternis geherrscht wie hier in der Wüste von Nevada. Jedenfalls konnte sich Kathy nicht daran erinnern.

„Au, verflucht!“

„Bist du getroffen?“, rief Li.

„Nein, ich bin nur gestürzt.“

„Dann wieder auf die Beine mit dir!“, spornte Li sie an. „Wenn die Mistkerle uns erwischen, haben wir endgültig verloren.“

Das war Kathy natürlich auch klar. Sie war erleichtert, als sie Lis Hand spürte. Die Chinesin half ihr beim Aufstehen. Zwar wäre Kathy auch allein wieder auf die Beine gekommen. Aber sie fand es ungeheuer erleichternd, dass Li die Flucht nicht ohne sie fortsetzte. Li riskierte es sogar, ihren eigenen Vorsprung aufzugeben und dadurch den Verfolgern in die Hände zu fallen. Einen Moment lang dachte Kathy, dass sie für Li nur ein Klotz am Bein war.

Denn die Kidnapper waren hinter ihnen her, daran gab es keinen Zweifel. Kathy warf über die Schulter einen Blick zurück. Sie sah hinter sich den beleuchteten Bus, der wie eine kleine Insel des Lichts inmitten der schwarzen Wüstenfinsternis stand. Vor diesem Hintergrund bewegten sich zwei schemenhafte Gestalten schnell auf sie zu.

Wer war es? Von allen Kidnappern hatten Kathy und Li von David noch die menschenfreundlichste Behandlung zu erwarten. Aber er allein würde sich auch nicht gegen Pete durchsetzen können. Wenn der Ausbrecher-Boss den Tod der beiden Flüchtenden beschloss, konnte David dagegen nicht aufbegehren. Allein schon, weil Pete und sein treuer Gefolgsmann Jay die Pistolen hatten. Also war es am besten, wenn Kathy und Li sich gar nicht erst wieder einfangen ließen. Sonst wäre ja ihr Entkommen völlig sinnlos gewesen.

Doch Kathy wusste nicht, wie lange sie die Flucht durchhalten konnte. Zum Glück war sie sportlich. Aber es war schon ein Unterschied, ob man morgens vor der Vorlesung ein paar Meilen gemütlich durch den Park joggte oder unter Todesangst durch eine nächtliche Einöde auf einem fremden Kontinent rannte, mit einem blutrünstigen Killer auf den Fersen.

Kathy verlor jedes Gespür für Zeit und Raum. Sie konzentrierte sich nur noch auf Lis hellorangefarbenes Top, das sie trotz der Dunkelheit glücklicherweise erkennen konnte. Auf gar keinen Fall wollte sie den Kontakt zu ihrer Gefährtin verlieren. Es war für Kathy eine absolute Horrorvorstellung, in dieser ihr unbekannten und lebensfeindlichen Umgebung gejagt zu werden und dabei völlig auf sich alleingestellt zu sein.

Kathy wurde allmählich langsamer. Es fiel ihr schwer, bei Lis Tempo mitzuhalten. Das entging auch der Chinesin nicht.

„Reiß dich zusammen!“, rief Li. „Wenn du zurückbleibst, kann ich nichts mehr für dich tun. Wir haben keine Waffen, wir müssen uns auf unseren Verstand verlassen!“

Im ersten Moment war Kathy geschockt von den harten Worten. Aber Li hatte ja recht, und ihre Warnung bewirkte einen gewaltigen Energieschub. Kathy schaffte es, ihre letzten Kraftreserven zu aktivieren. Sie hatte bereits Seitenstechen, ihre Lungen brannten wie Feuer. Sie strauchelte noch mehrere Male, fiel aber nicht mehr hin. Vor ihren Augen tanzten feurige Ringe. Als Kathy schon glaubte, gleich zusammenzubrechen, wurde Li langsamer.

„Warte, ich will horchen“, wisperte die Chinesin.

Kathy erwiderte nichts, sondern rang nur nach Atem. Sie hatte ihre Hände auf die Knie gestützt und schnappte keuchend nach Luft. Ihr Herz pochte wie ein Schmiedehammer. Hören konnte sie ohnehin fast nichts, abgesehen vom Rauschen ihres eigenen Blutes. Auf solche sportlichen Höchstleistungen hätte sie gerne verzichtet.

„Wir haben sie abgehängt“, sagte Li nun mit normaler Lautstärke.

Kathy schaute sich um. Die Lichter des Busses waren nirgendwo mehr zu entdecken. Sie hätte nicht sagen können, in welcher Richtung sich das gekidnappte Fahrzeug befand. Plötzlich wurde Kathy bewusst, dass sie überhaupt keinen Plan hatte. Sie war Li blindlings gefolgt, als die Chinesin die Flucht ergriffen hatte. Jetzt konnte Kathy nur darauf hoffen, dass Li wusste, was sie tat. Sonst wären sie verloren. Kathy führte sich vor Augen, wie wenige Einwohner Nevada hatte. Die Wahrscheinlichkeit, eine abgelegene Farm zu entdecken, ging gleich null.

„Wo sind wir eigentlich, Li?“

„Das ist eine sehr gute Frage“, gab die Chinesin verständig zurück. „Ich habe während der Bus-Odyssee auf den Nebenstraßen versucht, nicht die Orientierung zu verlieren. Meiner Meinung nach sind die Entführer in mehreren großen Schleifen gefahren, um uns in die Irre zu führen. Wenn ich mich nicht täusche, dann sind wir nicht mehr als zehn Meilen von dem Diner entfernt, wo wir zuletzt Pause gemacht haben.“

„Das wäre ja fantastisch!“, rief Kathy, ehe ihr einfiel, dass sie besser nicht so laut sprach. „Das ist eine Strecke, die man sogar zu Fuß bewältigen kann.“

„Theoretisch ja. Allerdings muss man dafür in die passende Richtung laufen. Wenn wir das nicht tun, sind wir geliefert. Dir sollte klar sein, dass wir kein Wasser bei uns haben. Etwas Essbares fehlt uns auch, aber Flüssigkeit ist das eigentliche Problem. Sobald die Sonne aufgeht, wird der Durst immer schlimmer. Erst kommt der Wahnsinn, dann der Tod. Wenn wir nicht innerhalb der nächsten Stunden das Diner oder eine andere menschliche Ansiedlung finden, sehe ich schwarz für uns.“

„Ja, du hast recht“, meinte Kathy zerknirscht. „Darüber habe ich mir noch gar nicht den Kopf zerbrochen.“

„Aber ich. Seit der Entführung habe ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie wir am besten entkommen könnten. Wir mussten die Gelegenheit abpassen, dass keiner der Gangster auf uns achtet. Diese Chance haben wir genutzt. Und nun müssen wir das Beste daraus machen.“

„Du sagst immer ‚wir‘, Li“, stieß Kathy verzagt hervor. „Aber bin ich für dich nicht nur eine Belastung? Ich meine, du scheinst den totalen Durchblick zu haben. Und ich komme mir hier in der Wüste hilflos und verloren vor.“

Li wandte sich Kathy zu und packte sie mit beiden Händen an den Armen. „Gib doch nicht so einen Unsinn von dir, okay? Ich mag dich, hast du das noch nicht gemerkt? Glaubst du, ich würde allein fliehen und dich in den Händen dieser Dreckskerle zurücklassen? Hältst du mich wirklich für so egoistisch?“

„Nein, natürlich nicht. Sorry, es tut mir leid.“

„Schon gut, ist bereits vergessen. Komm, wir wollen unseren Vorsprung nicht aufs Spiel setzen. Wir müssen damit rechnen, dass die Verbrecher aufholen. Noch sind wir nicht in Sicherheit. Zum Glück habe ich das meiste von meinem Survival-Training bei der Armee noch nicht vergessen. Das hoffe ich jedenfalls.“

Die beiden jungen Frauen begannen wieder zu laufen, allerdings nicht mehr so schnell wie zuvor. Li verfiel in einen leichten Trab. Es war ein Tempo, bei dem Kathy gut mithalten konnte. Sie blieb an der Seite ihrer neuen Freundin. Kathy brauchte nicht mehr ihre ganze Kraft zum Rennen, ihr blieb sogar noch genug Puste für einen Wortwechsel mit Li.

„Woher weißt du überhaupt, in welche Richtung wir uns wenden müssen? Du hast doch keinen Kompass dabei, oder?“

„Nein, aber den brauche ich auch nicht. Zum Glück haben wir heute eine sternklare Nacht, und den Mond kann man auch gut erkennen. Siehst du den ganz hellen Stern dort, Kathy? Das ist der Polarstern. Er befindet sich über dem Sternbild Cassiopeia. Es sieht aus wie ein sehr breites W. Dort, wo der Polarstern steht, ist immer Norden. Wir müssen uns also nur von ihm wegbewegen, wenn wir Richtung Süden wollen. Wenn ich nicht schiefliege, dann sind wir nordwestlich von dem Diner und dem Highway. Also laufen wir nach Südosten, um unser Ziel zu erreichen.“

Und wenn Li sich nun irrte? Kaum war Kathy dieser Gedanke gekommen, als sie sich auch schon dafür schämte. Was war sie nur undankbar! Momentan hatte sie nicht das Gefühl, für die Chinesin irgendwie von Nutzen sein zu können. Und deswegen fühlte sie sich richtig mies.

Es war, als hätte Li ihre Gedanken gelesen. „Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, allein abzuhauen. Glaube bloß nicht, dass ich dich aus purer Freundschaft mitgenommen habe. Ich habe dabei auch an mich selbst gedacht.“

„Wie meinst du das?“, fragte Kathy und warf Li einen neugierigen Seitenblick zu.

„Ich kann nicht allein sein“, gestand Li. „Das bin ich einfach nicht gewohnt. Ich bin immer mit anderen Menschen zusammen gewesen, teilweise auf engstem Raum. Bei der Armee haben wir mit zwölf Frauen gemeinsam in einem Schlafsaal genächtigt. Da war oft genug Zickenalarm, das kannst du mir glauben. Aber irgendwie musste man sich dann doch wieder zusammenraufen. Und im Studentenwohnheim teile ich mir ein Zimmer mit drei anderen Kommilitoninnen.“

„Echt?“, fragte Kathy verwundert. „Bei uns ist es höchstens üblich, dass zwei Mädchen in einer Studentenbude zusammenwohnen.“

„Wahrscheinlich habt ihr in England einfach mehr Platz“, meinte Li kichernd. „Es gibt immerhin über eine Milliarde Chinesen, da muss man enger zusammenrücken.“

Kathy lachte nun ebenfalls. Gewiss, die gemeinsame Flucht mit Li war ein gefährliches Abenteuer. Aber es war bei Weitem nicht so riskant wie ein weiterer Aufenthalt in dem gekidnappten Bus, wo ihr Leben von den Launen des Psychopathen Pete abhängig war. Für Kathy stand fest, dass sie sofort die Cops alarmieren würden, sobald sie die Zivilisation erreicht hätten. Die verbleibenden Passagiere brauchten dringend Hilfe. Kathy hoffte nur, dass die Entführer nicht ihre Wut über die geglückte Flucht der beiden jungen Frauen an den übrigen Geiseln ausgelassen hatten.

Immerhin konnte sie jetzt endlich etwas tun, aktiv werden. Am schlimmsten war es gewesen, Petes Demütigungen völlig passiv über sich ergehen zu lassen. Diese Situation hatte sie allzu stark an das Zusammenleben mit ihrem Stiefvater erinnert.

Kathy kämpfte ihre eigene Verzagtheit nieder. Es war auf jeden Fall besser, etwas zu unternehmen, als wie ein Opferlamm auf das Messer des Schlächters zu warten. Doch allmählich begannen sich Hunger, Durst und Erschöpfung bemerkbar zu machen. Jedes Zeitgefühl war ihr abhandengekommen. Kathy besaß keine Armbanduhr; wenn sie wissen wollte, wie spät es war, schaute sie normalerweise auf ihr Handy. Aber das war ihr ja von den Kidnappern abgenommen worden.

„Es kommt mir vor, als würden wir schon ewig durch diese Einöde laufen“, keuchte sie.

„Ich schätze, dass wir ungefähr seit einer Stunde unterwegs sind, Kathy. Ich bin ganz gut darin, mich ohne Uhr zeitlich zurechtzufinden. Du hörst dich so an, als könntest du eine Pause gebrauchen. Das kann ich verstehen, aber die Nacht ist kalt. Wir halten uns warm, indem wir laufen. Wenn wir gehen oder sogar stehen bleiben, werden wir unweigerlich frieren. Es ist dann sehr schwer, wieder warm zu werden. Diese Erfahrung habe ich im Manöver oft genug gemacht. Und da mussten wir sogar noch mit Marschgepäck und Gewehr laufen.“

„Ja, du bist durch deine Militärzeit abgehärtet. Ich komme mir im Vergleich zu dir wie ein völliges Weichei vor.“

„Unsinn, du hältst dich bisher sehr gut“, sagte Li anerkennend. „Außerdem ist der Mensch sehr widerstandsfähig. Das merken die meisten Leute bloß nicht, weil sie niemals an ihre Grenzen gehen. Bei meinem ersten Gepäckmarsch habe ich geheult und mir die Unterlippe blutig gebissen. Aber meine Kommandantin war eine echte Gewitterziege. Ich wollte ihr nicht den Triumph gönnen, mich aufgeben zu sehen.“ Sie lächelte. „Dieser Gedanke hat mich vorwärtsgetrieben, als mein Körper eigentlich schon nicht mehr konnte. Und du hast auch Power, das weiß ich. Du hast mir von deinem gemeinen Stiefvater erzählt. Manches Mädchen wäre an dieser Erfahrung zerbrochen. Aber du hast überlebt. Du bist stark, Kathy.“

Lis lobende Worte taten Kathy unwahrscheinlich gut. Noch nie zuvor hatte jemand wirklich anerkannt, was sie ausgehalten hatte. Noch nicht einmal ihre Mom sprach mit ihr darüber, denn die dunklen Jahre mit Richard wurden von Kathys Mutter totgeschwiegen.

Jedenfalls wirkte Lis Wertschätzung besser als ein Powerriegel. Obwohl sich bei Kathy inzwischen ein leichtes Seitenstechen bemerkbar machte, fiel sie nicht hinter ihrer Gefährtin zurück. Unter ihren Schuhsohlen spürte sie teilweise Sand, aber auch Geröll und hartes Gestein. Sie schaute angestrengt nach vorn, um nicht wieder zu stürzen. Es war zwar finster, dennoch ließ sich im fahlen blassen Mondlicht die Landschaft zumindest schemenhaft erkennen.

Die beiden jungen Frauen bewegten sich auf einem sanft ansteigenden Hang, der zu einem Vorgebirge gehörte. Weiter vor ihnen ragte in einer Entfernung von mehreren Meilen ein Felsmassiv auf. Kathy versuchte sich zu erinnern. Hatte es in der Umgebung des Diners Berge gegeben?

Kathy fand es nach wie vor unheimlich schwer, sich in Nevada zurechtzufinden. In ihrer Heimat kannte sie jeden Baum und jeden Strauch. Allerdings bewegte sie sich auch nicht oft in der Natur, außer beim Joggen. Aber auch da lief sie mehr oder weniger automatisch vor sich hin, mit einem MP3-Player bewaffnet. Sie hatte bisher noch niemals ihre Umgebung so intensiv wahrgenommen wie in dieser Nacht ihrer überstürzten Flucht. Befand sich das Diner nun in ihrer unmittelbaren Nähe?

Kathy war sich nicht sicher. Wenn sie an die Essenspause zurückdachte, fiel ihr hauptsächlich der Augenflirt mit David ein. Wie hatte sie nur so naiv sein können, an diesem Typen Gefallen zu finden? Gewiss, zu der Zeit konnte Kathy nicht ahnen, dass er ein Krimineller war. Und ihre Gefühle für ihn waren immer noch nicht erloschen, wie sie sich eingestehen musste. Schließlich war David derjenige Entführer gewesen, der sich gegenüber den Geiseln am anständigsten verhalten hatte.

Doch Kathy wollte nicht schon wieder an David denken. Sie benötigte ihre ganze Kraft, um mit Li Schritt zu halten. Ihre Schuhe waren für eine solche Wüstentour völlig ungeeignet. Sie beglückwünschte sich selbst dazu, dass sie wenigstens keine Pumps angezogen hatte. Sonst hätte Kathy nämlich schon längst barfuß laufen müssen. Und das wäre auf diesen teilweise scharfkantigen Steinen eine blutige Angelegenheit geworden. Selbst durch die dünnen Sohlen ihrer Sommerschuhe konnte sie die Härte einiger Felskanten spüren.

Plötzlich blieb Li stehen und hielt Kathy am Arm fest.

„Was ist los?“, hauchte Kathy. Die schlimmsten Befürchtungen stiegen in ihr auf. Waren die Verfolger näher gekommen, und sie hatte nichts davon bemerkt? Jedenfalls traute sie Li definitiv mehr Orientierung in der Natur zu als sich selbst.

Doch die Chinesin schüttelte den Kopf, wie Kathy erkennen konnte, weil sie nah genug neben ihr stand. Bei den Lichtverhältnissen musste das sein, sonst konnte man nichts erkennen.

„Riechst du gar nichts, Kathy?“, fragte sie überrascht.

„Was soll ich denn riechen?“ Kathy schnüffelte. Im ersten Moment dachte sie, dass Li sich getäuscht hätte. Doch dann bemerkte sie ebenfalls den scharfen Geruch eines qualmenden Holzfeuers. Ja, es war keine Täuschung.

„Rauch! Aber wie ist das möglich, Li? Ich meine, warum sehen wir nirgendwo Flammen? Bei der Finsternis müsste doch ein Feuer meilenweit zu erkennen sein, oder?“

„Das stimmt“, pflichtete Li ihr bei. „Du bist eine gute Beobachterin, Kathy. Ich bin übrigens sicher, dass dieses Feuer von Menschen angezündet wurde. Es kommt zwar vor, dass sich trockenes Holz in der Natur von selbst entzündet, gerade bei extremer Dürre. Aber hier ist dafür einfach nicht genug Vegetation vorhanden.“ Sie blickte sich suchend um. „Wahrscheinlich gibt es irgendwo in der Nähe eine Höhle oder Grotte. Wir können die Flammen nicht sehen, weil sich das Feuer im Innern einer solchen Felsenhöhle befindet.“

„Was hast du vor?“, fragte Kathy. Plötzlich wurde ihr bang ums Herz.

„Das Feuer finden, was sonst? Aber wir müssen vorsichtig sein. Vielleicht sind es nur harmlose Wanderer, auf die wir treffen werden. Doch wir sollten uns die Leute erst einmal aus sicherer Entfernung anschauen, bevor wir an ihrem Lagerfeuer auftauchen. Ich möchte jedenfalls keine böse Überraschung erleben.“

Das leuchtete Kathy ein. Li war wirklich die Besonnenere von ihnen beiden. Sie selbst wäre wahrscheinlich spontan laut um Hilfe rufend auf die Fremden am Feuer zugerannt, ohne über die Folgen nachzudenken.

Kathys Erschöpfung machte sich inzwischen immer stärker bemerkbar. Sie brauchte dringend eine Pause, dann konnte sie auch wieder klarer denken.

Die Zeit in der Gewalt der Kidnapper war zwar körperlich nicht sehr anstrengend gewesen, hatte aber seelisch ungeheuer viel Kraft gekostet. Das merkte Kathy jetzt erst so richtig. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endgültig zusammenbrechen würde. Aber momentan wurde sie allein schon durch ihren Hunger und ihren Durst in die Offensive getrieben.

Li und Kathy bewegten sich nur noch langsam vorwärts. Die Chinesin schlich entgegen der Windrichtung einen steiler werdenden Abhang hinauf. Kathy folgte ihr auf allen vieren. Die nächtliche Brise wehte ihnen den Rauch entgegen. Und dann lag plötzlich der Grotteneingang wie ein finsterer Höllenschlund vor ihnen.

Qualm stieg ihnen in die Augen. Im Höhleninnern war es noch dunkler als draußen, wo immerhin das bleiche Mondlicht für etwas Helligkeit sorgte. Kathy lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Jetzt, wo sie nicht mehr schnell laufen musste, begann sie zu frieren. Aber vielleicht lag das nicht nur an den Temperaturen, sondern auch an ihrer Furcht.

Sie hatte keine Ahnung, was sie dort drinnen erwartete. Kathy war noch nie zuvor in einer Höhle gewesen. In der englischen Grafschaft Nottinghamshire gab es keine Grotten oder Ähnliches.

Feuchte und modrige Luft drang durch den Eingang nach draußen, obwohl es tagsüber in der Nevada-Wüste unerträglich heiß war. Kathy glaubte, ganz weit vor sich in der Finsternis einen flackernden Feuerschein zu sehen. Oder war das nur eine optische Täuschung?

Li drehte sich zu ihr um und hielt ihre Lippen ganz nah an Kathys Ohr. „Wir müssen uns geräuschlos fortbewegen, damit wir nicht entdeckt werden. Niemand rechnet damit, dass wir aus der Finsternis auftauchen. Das ist unser größter Vorteil.“

„Ja, alles klar“, hauchte Kathy.

Sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, das sich sogar noch verstärkte. Es kam Kathy so vor, als würde sie eine völlig fremde Welt betreten. Sie hätte beinahe aufgeschrien, als sie sich an einer hervorragenden Felsnase den Kopf stieß. Doch der Schmerz dauerte nur kurz. Viel schlimmer war das Gefühl, den Anschluss an Li verloren zu haben.

Es war so finster, dass man buchstäblich noch nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Auch der Lichtschein, den Kathy beim Eintritt in die Grotte gesehen hatte, war wieder verschwunden. Das lag vermutlich daran, dass sie in die falsche Richtung lief.

Kathy machte ein paar Schritte vorwärts, wobei sie ihre Arme ausgestreckt hielt. Sie war unendlich erleichtert, als sie wieder den Stoff von Lis Oberteil mit ihren Händen ertasten konnte.

Der Rauchgeruch wurde stärker und unangenehmer. Er kratzte in Kathys Hals und Nase. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht sich und Li durch ein lautes Niesen zu verraten.

Kathy blieb nun direkt hinter Li, um sie nicht wieder zu verlieren. Sie drangen immer tiefer in das Höhlenlabyrinth vor. Der Weg war alles andere als gerade, jedenfalls kam es Kathy so vor. Immerhin erblickten sie nach einiger Zeit auch wieder den flackernden Flammenschein von dem offenen Feuer, der auf den zerklüfteten Felswänden unheimliche Schatten warf.

Li blieb abrupt stehen und kniete sich hin.

Hatte sie etwas entdeckt? War ihr eine verdächtige Sache aufgefallen? Da Kathy hinter Li war, konnte sie den Grund dafür nicht sofort erkennen. Aber dann drehte sich die Chinesin um. Sie hielt einen metallischen Gegenstand in der Hand.

Es war ein Meißel.

„Jemand hat sich mit dem Werkzeug an den Felswänden zu schaffen gemacht“, raunte Li. „Was das soll, habe ich noch nicht gecheckt. Der Staat Nevada besitzt viele Bodenschätze, soweit ich weiß. Vielleicht sucht hier jemand nach Gold oder anderen wertvollen Metallen. Auf jeden Fall kommt mir die Sache verdächtig vor.“

Kathy nickte. Wer nachts in einer Höhle heimlich Gesteinsproben entnahm, hatte gewiss etwas zu verbergen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand mit einer offiziellen Schürflizenz so etwas tat. Hatte es nicht auch einmal in früheren Zeiten in Nevada einen Goldrausch gegeben? Kathy wusste es nicht, und es war ihr in diesem Moment auch herzlich egal.

„Wollen wir abhauen, Li?“, fragte sie mit bebender Stimme.

Die Chinesin zögerte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, wir müssen den morgigen Tag überstehen. Dafür brauchen wir Wasser und Nahrung, am besten auch noch ein Handy. Vielleicht können wir uns an den Vorräten dieser Leute hier bedienen – natürlich, ohne sie danach zu fragen.“

„Du meinst, wir sollen sie beklauen?“

„Bei der Armee nennt man das Organisieren. Normalerweise tue ich so etwas nicht, aber …“

Li konnte den Satz nicht beenden, denn plötzlich flog eine riesige Wolke hektisch flatternder Lebewesen durch die Luft. Es mussten hunderte sein. Einige stießen mit Li und Kathy zusammen.

Fledermäuse.

Kathy hatte bisher nur ein einziges Mal eine Fledermaus gesehen, und zwar ein ausgestopftes Exemplar im Biologieunterricht. Es war aber etwas völlig anderes, ohne Vorwarnung mit so vielen von diesen kleinen Handflüglern zusammenzutreffen. Eines der Tiere verfing sich in Kathys Haar.

Wahrscheinlich hatte es mindestens so viel Angst wie Kathy selbst. Aber das war ihr in diesem Moment völlig gleichgültig. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es vorbei. Sie schlug mit beiden Armen wild um sich und begann hysterisch zu schreien. Zu groß war im Moment ihre Angst, dass dieses Tier ihre Augen verletzen würde.

Und dann war der Spuk schon wieder vorbei.

Die Begegnung mit den Fledermäusen konnte nur wenige Sekunden gedauert haben. Sogar das Flugtier aus Kathys Haaren hatte sich wieder befreien können und war seinen Artgenossen gefolgt. Sie alle flogen weiter, nachdem sie an Li und Kathy vorbeigekommen waren.

Kathy verstummte.

Erst jetzt begriff sie, was sie getan hatte.

„Den Überraschungseffekt können wir nun vergessen“, sagte Li nüchtern. „Deine Stimme war nicht zu überhören.“

„Es tut mir leid, Li. Ich wollte das nicht“, sagte Kathy zerknirscht.

„Schon gut, jeder kann mal die Nerven verlieren“, tröstete sie Li. „Wir müssen uns jetzt nur überlegen, was wir tun sollen. Es ist gut, dass wir den Meißel gefunden haben. Den behalte ich. Wenn es hart auf hart kommt, kann ich ihn als Stichwaffe verwenden.“

Kathy war es immer noch peinlich, dass sie alles verdorben hatte. Sie kam sich Li gegenüber minderwertig vor, obwohl die Chinesin nicht arrogant oder gemein zu ihr war. Aber Li konnte dank ihres Army-Survival-Trainings offenbar besser mit der Situation umgehen.

Kathy war froh, dass sie ihre neue Freundin um Rat fragen konnte. „Was machen wir jetzt?“, wollte sie von Li wissen.

„Wir gehen weiterhin auf das Feuer zu“, gab diese zurück. „Wir müssen allerdings nicht mehr versuchen, besonders leise zu sein. Mal sehen, mit wem wir es gleich zu tun bekommen.“

Li hielt den Meißel stoßbereit in der rechten Hand.

Je näher sie dem Lagerfeuer kamen, desto deutlicher waren die Felswände links und rechts von ihnen zu erkennen. Hier war offenbar mit mehreren Werkzeugen gearbeitet worden. Kathy erblickte noch weitere Stemmeisen und Hämmer von unterschiedlicher Größe. Und sie ahnte, wonach hier gesucht worden war. So etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Das zerschlagene Gestein offenbarte keine Silber- oder Goldader, jedenfalls war davon nichts zu erkennen. Stattdessen sah man Knochen, Schädel und Skelettteile, die aus dem Gestein ragten. Sie mussten uralt sein, und trotzdem flößten sie Kathy Furcht ein. Auch Li schien sich nun nicht mehr besonders wohl in ihrer Haut zu fühlen. Jedenfalls zwinkerte sie nervös.

„Verflucht, was ist das denn?“, rief sie, als sich plötzlich etwas vor ihnen bewegte.

Kathy zuckte zusammen. Im ersten Moment dachte sie, die versteinerten Knochengerippe wären lebendig geworden. Aber ihre Fantasie hatte ihr nur einen Streich gespielt.

Das war auch kein Wunder in dieser Höhle, die nur von den brennenden Holzscheiten beleuchtet wurde. Je stärker die eigene Fantasie war, desto wilder wurden die Vorstellungen, die man sich von den Bewohnern dieser Felsenzuflucht machte. Doch nun sah Kathy, was sie wirklich erwartete.

Aus einer finsteren Ecke schob sich eine Gestalt in das Licht des Lagerfeuers, das im Hintergrund flackerte. Der Mann war in eine bodenlange Decke gehüllt. Er war barfuß, daher hatte man seine Schritte nicht hören können.

Trotz seines seltsamen Aufzuges erkannte Kathy ihn sofort wieder.