2. KAPITEL
„Wer zum Handy greift, ist tot“, rief der Mann mit der Halbglatze.
Kathy zweifelte nicht daran, dass er es ernst meinte.
Der Killer hielt eine Pistole in der Hand und richtete die Waffe auf die Passagiere. Ob er den Fahrer auf dem Gewissen hatte? Kathy wusste es nicht. Sie hatte nicht gesehen, wer gefeuert hatte. Aber ihr war klar, dass sie nicht die Nerven verlieren durfte. Der flackernde Blick des Pistolentypen verhieß nichts Gutes. Sie musste damit rechnen, dass bei ihm sehr schnell die Sicherungen durchbrannten.
Einige der anderen Menschen im Bus bewiesen nicht so viel Nervenstärke wie Kathy oder Li, die ebenfalls ruhig blieb. Besonders die jungen Frauen auf der Rückbank begannen zu kreischen.
Der Bewaffnete war offenbar der Anführer. Jedenfalls winkte er einen seiner Kumpane zu sich heran, der ebenfalls eine Pistole trug. Es war der muskulöse Schwarze.
„Jay, bring diese Hühner zum Schweigen.“
„Okay, Pete.“
Der kräftige Afroamerikaner stapfte zügig durch den Mittelgang, wobei sein Gesicht so ernst wirkte wie das eines Sargträgers. Die Studentinnen schrien nur noch lauter, als er sich ihnen näherte.
Kathy drehte sich um. Sie wollte eigentlich nicht wirklich sehen, was er dort hinten trieb. Aber ihre Neugier war stärker als ihre Furcht.
Jay presste seine Pistolenmündung gegen die Wange einer jungen blonden Frau. „Ihr habt gehört, was Pete gesagt hat“, flüsterte er. Obwohl er so leise sprach, waren seine Worte überall im Bus zu verstehen. Und es gab gewiss niemanden, der sie für eine leere Drohung hielt. „Entweder haltet ihr alle die Klappe, oder ich blase dir das Gehirn weg.“
Irgendwie gelang es den Studentinnen, sich zusammenzureißen. Sie weinten nur noch leise vor sich hin. Jay warf Pete einen fragenden Blick zu. Der Anführer nickte und forderte den Schwarzen mit einer Kopfbewegung auf, zu ihm zurückzukehren.
Kathy stand immer noch unter Schock, obwohl sie es sich nicht anmerken ließ. Während der nervenzerreißenden Sekunden registrierte sie selbst die unwichtigste Kleinigkeit: die Gänsehaut auf Lis nackten Unterarmen, den Motorenölgeruch von Jays blauem Overall, das dunkle Blut, das sich unter dem leblosen Körper des Fahrers auf dem Asphalt ausbreitete. Plötzlich musste Kathy an ihren zurückliegenden Albtraum denken. Aber die momentane Situation war viel schlimmer, denn sie war real.
Da vorn neben Pete stand auch der braunhaarige Typ, mit dem sie vorhin so nett geflirtet hatte. Jetzt blickte er finster vor sich hin, die Augenbrauen zusammengezogen. Er schien nicht bewaffnet zu sein, jedenfalls hatte er keine Pistole und keinen Revolver in den Händen. Das Gleiche galt für den vierten Mann, den Hänfling mit den Haaren in Kartoffelbreifarbe.
Allmählich begriff Kathy, mit wem sie es da zu tun hatten. Diese vier Männer waren die entflohenen Knastbrüder aus dem Nevada State Prison. Sie hatten die beiden erbeuteten Dienstwaffen der Wärter bei sich. Diese Kerle hatten nichts zu verlieren und waren zu allem bereit. Da nutzte es auch nichts, dass einer von ihnen eigentlich sympathisch wirkte. Kathy verabscheute ihn jetzt genauso wie seine Kumpane. Schließlich half er seinen Freunden dabei, die Passagiere zu bedrohen, oder jedenfalls hinderte er sie nicht daran.
Der Anführer mit der Halbglatze, der Pete genannt wurde, ergriff nun das Wort. „David, du sammelst alle Handys ein. Wir wollen nicht, dass jemand aus Versehen die Notrufnummer wählt. Los, beweg dich.“
Der Braunhaarige nickte langsam, rührte sich jedoch nicht. Stattdessen fragte er: „Warum hast du den Fahrer gleich abgeknallt, Pete? Er hatte sich nicht gewehrt. Das musste wirklich nicht sein.“
Pete rastete beinahe aus. Was fiel diesem Grünschnabel ein, ihn zu kritisieren, und das auch noch vor den Leuten im Bus? Er richtete seine Pistole auf den jungen Mann, hielt sich dann aber doch zurück. „Bist du jetzt Mutter Teresa? Willst du mir vorschreiben, was ich zu tun habe? Wir brauchen den blöden Busfahrer nicht, Jay kann mit der Karre umgehen.“ Ärgerlich fuhr er sich mit der freien Hand über die Stirn, als wollte er dort eine Fliege vertreiben, die es aber nicht gab. „Du hast Glück, dass ich heute gute Laune habe, David. Aber ich warne dich, geh mir nicht länger auf die Nerven. Und jetzt sammle die Handys ein, oder brauchst du eine Extraeinladung?“
Mürrisch nickte der Braunhaarige. Er griff sich eine leere Plastiktüte.
Kathy bewunderte ihn insgeheim dafür, dass er dem Anführer Kontra gegeben hatte. David schien es auch nicht gut zu finden, dass der Busfahrer ermordet wurde. Ob der junge Mann doch nicht so ein übler Kerl war wie seine Kumpane?
Kaum war Kathy dieser Gedanke gekommen, da verwarf sie ihn auch schon wieder. Wie peinlich, David in Schutz zu nehmen! Er war ein gewalttätiger Krimineller, genau wie die anderen Kerle. Jedenfalls machte er mit ihnen gemeinsame Sache. Das war ja wohl genauso schlimm, als wenn er selbst den Abzug betätigt hätte.
Gleich darauf kam David zu Li und Kathy. Er hielt ihnen die Plastiktüte entgegen wie ein Spendensammler. Es war das erste Mal, dass er so dicht an sie herantrat. Kathy erinnerte sich daran, dass Li Psychologie studierte. Wie sie ihn wohl einschätzte? Kathy hätte sie gern nach ihrem Urteil gefragt. Wie kam es, dass ein so nett wirkender Typ sich mit diesen Dreckskerlen einließ? Oder hatte er einfach nur eine überzeugende Fassade und war in Wirklichkeit genauso übel wie Pete und die anderen? Kathy wusste einfach nicht, was sie glauben sollte.
„Okay, ihr habt Pete gehört. Macht keine Schwierigkeiten, und gebt eure Handys ab.“
Davids harte Stimme wirkte auf Kathy wie eine kalte Dusche. Was fand sie nur an ihm? Li und Kathy taten, was er von ihnen verlangte. Unwillkürlich suchte Kathy wieder seinen Blick. David hatte sehr schöne Augen, und seine Hände waren gepflegt, kräftig und geschmeidig zugleich. Für einen Moment berührte sie mit ihrer Hand Davids Fingerspitzen, als sie ihr Mobiltelefon in die Tüte warf. Es war ihr immer schon wichtig gewesen, dass ein Mann tolle Hände hatte. Aber selbst mit diesen schönen Händen war David doch letztlich nichts anderes als ein gemeiner Verbrecher. Wie überaus schade sie das fand!
Während David weiter die Handys einsammelte, übergab Jay seine Waffe auf Petes Befehl an den Mann mit den Kartoffelbrei-Haaren, der offenbar Henry hieß. Jay machte sich am Fahrercockpit zu schaffen. Kathy konnte von ihrem Platz aus nicht sehen, was er machte. Aber nach einigen Minuten hielt er triumphierend einen kleinen Gegenstand in die Luft.
„Was ist das?“, fragte Kathy halblaut und mehr zu sich selbst.
Trotzdem antwortete ihr Li: „Das ist das GPS-Modul des Busses. Die Buszentrale kann das Fahrzeug mithilfe dieses Teils stets orten. Aber jetzt nicht mehr.“
Wie zur Bestätigung warf Jay das GPS-Modul durch die offen stehende Tür hinaus auf den Asphalt. Pete griff nun zum Mikrofon der businternen Lautsprecheranlage. „Okay, jetzt sperrt mal alle eure Lauscher auf“, sagte er launig. „Das hier ist eine Entführung, kapiert? Wir nehmen euch als Geiseln, weil wir ein bisschen Kleingeld für unsere Flucht brauchen. Wenn ihr cool bleibt, dann wird euch kein Haar gekrümmt. Aber falls ihr mir Schwierigkeiten macht – ihr habt ja gesehen, was mit dem Busfahrer passiert ist. Und jetzt machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Pete legte das Mikro zur Seite und schlenderte mit vorgehaltener Waffe durch den Mittelgang. Er blieb zuerst bei Kathy und Li stehen, die auf der linken Seite ziemlich weit vorn saßen. Kathy sah Pete nun zum ersten Mal aus der Nähe. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und kamen ihr unergründlich vor. Seine ganze Ausstrahlung erinnerte sie an jemanden aus ihrer Vergangenheit, aber daran wollte sie jetzt lieber nicht denken. Es kam nun darauf an, die nächsten Minuten zu überleben. Ein falsches Wort genügte, um bei einem Mann wie Pete die Sicherungen durchbrennen zu lassen. Das spürte Kathy ganz deutlich.
Die beiden jungen Frauen nannten brav ihre vollständigen Namen.
Der Killer grinste zynisch. „Die Vornamen reichen mir, Kathy und Li. Seid ihr Studentinnen?“
Sie nickten. Kathy fiel auf, dass ihre Sitznachbarin äußerlich genauso ruhig blieb wie sie selbst. Das machte es auch für Kathy leichter, sich zusammenzureißen.
„So, Studentinnen also“, wiederholte Pete sarkastisch. „Das, was ihr hier erlebt, kommt garantiert in keinem Seminar vor.“
Der Anführer lachte roh über seinen eigenen blöden Witz. Dann wandte er sich einem jungen Soldaten zu, der auf der anderen Gangseite hinter Kathy und Li saß. „Und wie heißt du, Kriegsheld?“
„Buck.“
Kathy riskierte es, einen Blick nach hinten zu werfen. Buck hatte die Arme vor seiner Uniformbrust verschränkt. Falls er sich fürchtete, ließ er es sich nicht anmerken. Vielmehr spürte Kathy, dass in seinem Innern eine ungeheure Wut brodelte. Wenn er sich nicht beherrschen konnte, war er ein toter Mann. Allein hatte der Soldat keine Chance gegen das gewalttätige Quartett.
„Dein Handy hast du ja abgeliefert, Buck. Aber wie sieht es mit einer Knarre aus?“
„Ich habe keine Waffe bei mir – leider.“
Pete lachte erneut. „Ja, du würdest mir bestimmt gerne das Hirn wegblasen, was? Aber dazu wird es nicht kommen.“
Zur Bekräftigung seiner Worte verpasste Pete dem Soldaten eine schallende Ohrfeige. Bucks Kopf lief rot an. Man konnte sehen, dass er sich am liebsten auf seinen Gegner gestürzt hätte. Aber da immer noch eine Pistole auf ihn gerichtet war, rührte er keinen Finger.
„Immer schön brav bleiben, Bucky-Boy. Dann kannst du hier auch überleben, um später für unser Land zu sterben.“
Pete wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging nun zu einem älteren Paar weiter. Die beiden waren die einzigen Passagiere, die älter als Mitte zwanzig waren. Kathy schätzte, dass sie schon im Rentenalter sein mussten. Sie stellten sich zitternd als Carl und Wilma Hayes vor.
„Bitte lassen Sie meinen Mann gehen“, flehte die alte Frau. „Er hat ein schwaches Herz.“
„Nein, ich will bei dir bleiben“, sagte Carl Hayes.
Pete grinste breit. „Na, ist das nicht rührend? Da soll noch mal jemand behaupten, es gäbe keine wahre Liebe mehr. Wenn ihr zwei Oldtimer keinen Trouble macht, könnt ihr friedlich ins Altersheim zurückkehren.“ Er wandte sich dem hinteren Busteil zu. „So, und nun zu dem Hühnerhaufen auf der Rückbank.“
Pete ging nach hinten, bis er die verängstigten jungen Frauen erreicht hatte. Von allen gekidnappten Passagieren hatten sie die schlechtesten Nerven. Sie zitterten und weinten, ihre Stimmen waren kaum zu verstehen. Sie hießen Liza, Sharon, Pearl, Diana und Tracy, wenn Kathy sich nicht verhört hatte. Und sie waren ebenfalls Studentinnen der Nevada State University. Das hatte Kathy ja schon vermutet.
„Ist es nicht cool für euch, dass ihr bei einem echten Kidnapping live dabei seid?“, höhnte Pete. „Schade nur, dass ihr nicht mit euren Handykameras filmen könnt. Das ist wirklich sehr bedauerlich.“
Der Anführer fühlte sich offenbar in der Angst seiner Opfer so wohl wie ein Fisch im Wasser. Das war jedenfalls Kathys Eindruck. Sie atmete tief durch und versuchte immer noch, äußerlich unbeteiligt zu wirken. Pete musste schließlich nicht unnötig auf sie aufmerksam werden.
Nachdem der Verbrecher jeder Studentin auf der Rückbank einmal seine Pistole an den Kopf gehalten hatte, kehrte er zum Fahrercockpit zurück und griff erneut zum Mikrofon. „Okay, ihr wisst also, was ihr zu tun habt. Wenn ihr alle brav seid und die Bullen nach meiner Pfeife tanzen, werdet ihr eure Reise schon bald fortsetzen können. Wenn nicht – peng!“ Pete drückte kurz die Mündung seiner Waffe gegen seine eigene Schläfe, um seine Worte zu unterstreichen.
Eine der Studentinnen auf der Rückbank begann leise zu wimmern. Kathy zweifelte nicht daran, dass dieser durchgeknallte Verbrecher sie alle töten würde. Pete hatte schon bewiesen, dass er zu allem entschlossen war. Aber warum hatte David sich nur mit diesen Typen eingelassen? Weshalb war er wohl im Gefängnis gewesen? Er kam Kathy vor wie ein Mitläufer, der sich von Pete in die Sache hatte hineinziehen lassen. Jedenfalls sah er nicht so aus, als ob er sich besonders wohl in seiner Haut fühlte. Aber das änderte nichts daran, dass auch er ein Verbrecher war.
Pete war jedenfalls der unangefochtene Boss des Quartetts. Er befahl Jay, sich ans Lenkrad zu setzen. Doch vorher machte Pete sich noch im Cockpit zu schaffen, indem er einige Kabel herausriss.
„Was soll das?“, fragte sich Kathy leise.
Wie vorhin beantwortete Li ihre Frage: „Er hat die Funkanlage unbrauchbar gemacht. Jetzt kann die Buszentrale keinen Kontakt mehr mit unserem Fahrzeug aufnehmen. Und per GPS können wir sowieso nicht mehr geortet werden.“
Der Bus setzte sich in Bewegung.
„Keine Sorge wegen unserer Sicherheit“, höhnte Pete. „Mein Freund Jay hier hat früher jahrelang einen Schulbus gefahren, als er noch ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft war.“ Er klopfte Jay mitleidig auf die Schulter. „Ist das nicht erbärmlich, Jay? Du musstest dich so lange für den Mindestlohn abquälen und dir von den reichen Kindern auf der Nase herumtanzen lassen. Hättest du dir damals nicht manchmal gewünscht, sie mit der Knarre in Schach halten zu können?“
„Echt, Pete“, erwiderte Jay grinsend. „Solche ruhigen und konzentrierten Passagiere hatte ich damals nie.“
Jay war offenbar nicht immer ein Berufsverbrecher gewesen, aber das interessierte Kathy jetzt nur am Rande. Sie versuchte, so viele Informationen wie möglich aufzunehmen. Das half ihr auch dabei, ihre eigene Angst in den Griff zu bekommen. Leider wusste sie überhaupt nicht, wohin die Reise gehen würde.
Offenbar hatten die Ausbrecher die Busentführung systematisch vorbereitet. Jay fuhr immer weiter, als ob er diesen Bus schon seit ewigen Zeiten steuern würde. Pete blieb neben ihm stehen und sagte dem Schwarzen, wohin er fahren sollte. Seit dem Tod des Busfahrers waren nicht mehr als zehn Minuten vergangen, doch die Zeit kam Kathy vor wie eine halbe Ewigkeit. Kein anderes Auto war vorbeigekommen. Dieser Highway führte offenbar durch eine sehr dünn besiedelte Gegend.
Aber es kam noch schlimmer. Jay fuhr nach wenigen Meilen von der gut ausgebauten Straße herunter. Nun schaukelte der Bus über eine Schotterpiste, die offenbar nur alle paar Jahre einmal befahren wurde. Kathy schaute aus dem Fenster. Sie versuchte, sich zu orientieren. Aber das war nicht so einfach, denn die Berge am Horizont sahen alle gleich aus für sie. Und der trockene Wüstenboden mit den wenigen Sagebrush-Sträuchern schien sich in unendlicher Einförmigkeit auszubreiten. Nirgendwo war eine menschliche Ansiedlung zu sehen.
Bei der Vorbereitung ihres Auslandssemesters hatte Kathy gelesen, dass Nevada nur zwei Millionen Einwohner hatte, obwohl der US-Bundesstaat ungefähr so groß wie England war.
„Wir fahren zurück“, sagte Li auf einmal.
Kathy war verblüfft. Sie hatte angenommen, dass die Chinesin sich hier genauso wenig auskannte wie sie selbst.
„Wie kommst du denn darauf, Li? Wir haben doch gar nicht gewendet.“
„Nein, aber der Schwarze lenkt den Bus in Schleifen zu unserem Ausgangspunkt zurück. Wir sind von Südosten gekommen, und wir fahren jetzt wieder nach Südosten. Das kann ich am Stand der Sonne erkennen. Außerdem – siehst du diese Pinienbäume, an denen wir gerade vorbeifahren? Auf ihrer Wetterseite ist Westen, wir bewegen uns aber Richtung Osten. Ich wette, dass wir uns nur noch wenige Meilen von dem Diner entfernt befinden. Die Banditen wollen nicht, dass wir das kapieren.“
Kathy konnte nur stumm nicken. Sie war beeindruckt von Lis guter Orientierung. Lernte man so etwas in einem chinesischen Psychologiestudium? Bevor sie nachhaken konnte, schnappte sie einen Wortwechsel zwischen David und Henry auf. Die beiden standen am vorderen Ende des Mittelgangs und damit so dicht, dass Kathy jedes Wort deutlich hören konnte. Während sie miteinander redeten, ließen sie ihre Blicke über die gekidnappten Passagiere schweifen, und Henry spielte mit einer der beiden Pistolen herum. Hoffentlich ist sie gesichert, überlegte Kathy in einem stummen Gebet.
Henry grinste schmierig. „Was sind wir doch für Glückspilze, David. Erst haben wir diese verlassene Farm gefunden, wo wir unser orangefarbenes Knastoutfit gegen diese Klamotten vertauschen konnten. Dann fiel uns dieses Auto in die Hände, das du kurzgeschlossen hast. Waren sogar ein paar Dollar im Handschuhfach, damit wir uns im Diner ein Essen leisten konnten. Und zu guter Letzt kidnappen wir diesen Bus hier, mit einem ganzen Rudel scharfer Studentinnen an Bord.“ Er zwinkerte David verschwörerisch zu. „Welche gefällt dir am besten, hm? Die Rotblonde hier vorn? Oder stehst du mehr auf Asiatinnen? Ganz zu schweigen von den Girls auf der Rückbank. Da kann man sich gar nicht entscheiden – am besten knöpfen wir sie uns alle vor.“
Kathy lauschte den Worten mit wachsender Panik. Zum Glück waren sie nicht bis in den hinteren Teil des Busses vorgedrungen, sonst wäre dort gewiss wieder Hysterie ausgebrochen. Jedenfalls stand für Kathy fest, dass Henry sie selbst und Li sowie die anderen Studentinnen vergewaltigen wollte. Daran gab es keinen Zweifel.
David schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Henry. Du wirst den Frauen kein Haar krümmen, kapiert?“
Der Mann mit den Kartoffelbrei-Haaren kniff die Augen zusammen. Jetzt sah er noch verschlagener aus als zuvor. „Wieso das denn? Tickst du noch ganz sauber, David? Schau dir die Bräute doch mal an, da ist doch eine schärfer als die andere. Bist du hinter Gittern vielleicht zum Klosterbruder geworden?“
„Das nicht, Henry. Aber wir müssen die Lage unter Kontrolle behalten. Wenn unter den Geiseln Panik ausbricht, kann es für uns brenzlig werden. Wenn du deine Hose runterziehst, bist du verdammt angreifbar. Hast du mal darüber nachgedacht?“
„Du bist ein elender Feigling, David. Ich kann gar nicht verstehen, dass wir dich überhaupt mitgenommen haben. Wenn du nicht zufällig Petes Zellengenosse gewesen wärst, dann würdest du jetzt immer noch im Knast schmoren.“
„Ich war aber Petes Zellengenosse. Und ich bin sicher, dass er genauso denkt wie ich.“
„Das werden wir ja sehen.“ Mit diesen Worten trat Henry zwei Schritte vor. Er hielt seine Pistole in der Rechten und strich mit zwei Fingern der linken Hand über Lis Wange. Die Chinesin drehte ihren Kopf so weit wie möglich weg.
„Warum denn so schüchtern, meine Lotusblüte? Ich habe gehört, Asiatinnen sollen etwas ganz Besonderes sein.“
Bevor Henry Li noch ein zweites Mal betatschen konnte, wurde er von David zurückgerissen. David machte einen entschlossenen Eindruck, auch die Waffe in Henrys Hand schien ihn nicht einzuschüchtern. Er stellte sich schützend zwischen Kathy, Li und den hellblonden Banditen. Das fand Kathy sehr anständig von ihm. Oder wurde er doch nur von Eigennutz getrieben? Sie führte sich wieder vor Augen, dass auch David nur ein Verbrecher war.
„Hör jetzt auf mit dem Mist, Henry. Sonst kriegst du es mit mir zu tun.“
David war einen halben Kopf größer als Henry, andererseits war sein Widersacher bewaffnet. Die Passagiere wurden unruhig. Sie ahnten, dass es zwischen den beiden Streithähnen gleich zum Knall kommen konnte. Nun merkte endlich auch Pete, dass etwas aus dem Ruder lief. Bisher war er vollauf damit beschäftigt gewesen, den am Lenkrad hockenden Jay durch die Einöde zu dirigieren.
„Ihr sollt euch nicht streiten, verflucht noch mal! Seid ihr bescheuert?“
„David will nicht, dass ich mit den Mädels Spaß habe“, rief Henry. Er klang richtig empört.
Da geschah etwas, womit Kathy nicht gerechnet hätte. Der Anführer schlug sich auf Davids Seite. „David hat recht. Du musst deinen kleinen Freund noch ein paar Stunden unter Kontrolle halten, Henry. Dieses Ding müssen wir jetzt durchziehen, wir können es uns nicht leisten, etwas zu vermasseln. Wenn wir erst das Lösegeld kassiert haben, sieht die Sache schon anders aus. Aber bis dahin müssen sich unsere Gäste wohlfühlen.“ Pete lachte zynisch.
Aber Henry war noch nicht überzeugt. „Wir haben doch noch gar keine Lösegeldforderung gestellt.“
Pete schlug ihm den Lauf seiner Pistole ins Gesicht, wobei Henrys Unterlippe aufplatzte. „Das wird dich lehren, mir zu widersprechen!“, rief er wütend. „Ich weiß selbst, dass wir noch keinen Kontakt mit der Busgesellschaft aufgenommen haben. Aber die werden inzwischen schon unruhig sein. Sicher haben die in der Buszentrale inzwischen gemerkt, dass die GPS-Ortung ausgefallen ist.“
Henry presste ein Taschentuch gegen seinen Mund und ließ sich grummelnd in einen Sitz fallen. Obwohl er eine Pistole besaß, wagte er nicht den Aufstand gegen Pete.
Und in diesem Fall war das auch gut so, jedenfalls nach Kathys Meinung. Sie hatte das Gefühl, als würden sie sich in einem fahrenden Pulverfass befinden, das jederzeit explodieren konnte. Aber sie wusste immer noch nicht, was sie von David halten sollte. Zwar war sie ihm dankbar dafür, dass er sich für sie und Li eingesetzt hatte; die Vorstellung, wie Henry über sie herfiel, war einfach zu grauenhaft. Aber trotzdem blieb David immer noch ein Gangster, der mit den übrigen Kidnappern unter einer Decke steckte.
Sie hatte nie zuvor versucht, sich in einen Verbrecher hineinzuversetzen. Das war einfach nicht ihr Ding, sie mochte ja noch nicht mal Gangster-Rap. Deshalb fiel es ihr schwer, solche Menschen zu verstehen. David machte nicht den Eindruck, als ob er aus kaputten Verhältnissen stammte und eine Verbrecherlaufbahn für ihn vorgezeichnet war. Doch auch hinter der Fassade einer heilen Welt konnte sich das Grauen verbergen, das wusste sie aus eigener leidvoller Erfahrung.
Es war, als ob Kathy David durch ihr Nachdenken über ihn auf sich aufmerksam gemacht hätte. Oder hatte sie ihn einfach nur zu sehr angestarrt? Jedenfalls kam er in diesem Augenblick zu ihr und Li hinüber.
„Es wird euch nichts geschehen, bleibt einfach locker“, sagte er lässig und schaute dabei Kathy an. Es war das erste Mal, dass er direkt mit ihr sprach, und sie musste sich eingestehen, dass ihr das gar nicht so unangenehm war.
Trotzdem wollte sie ihm sagen, wie mies sie ihre Situation fand. „Locker – das sagt sich so leicht. Was würdest du tun, wenn man dich kidnappen würde? Eigentlich müsstest du mich verstehen. Du warst doch selbst bis vor Kurzem eingesperrt, oder?“
David lächelte und wirkte in diesem Moment besonders anziehend, frisch und unbeschwert. Es fiel Kathy wirklich schwer, ihn für einen Gewaltverbrecher zu halten. Aber sie durfte sich von ihm nicht blenden lassen.
„Okay, Kathy – du heißt doch Kathy, oder? Wir müssen tun, was nötig ist. Ich schätze, dass man auf unsere Lösegeldforderung eingehen wird. Dann seid ihr uns wieder los. Und euch wird nichts geschehen, dafür sorge ich.“ Er verzog seinen Mund, um eine Haarsträhne aus seiner Stirn zu pusten, die sich dorthin verirrt hatte. „Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft der Verlust von Freiheit ist. Schließlich komme ich selbst gerade aus dem Gefängnis, das hast du ganz richtig erkannt.“
„Weshalb warst du eigentlich hinter Gittern?“
„Bewaffneter Raubüberfall.“ Er wechselte abrupt das Thema. „Wollt ihr etwas trinken? Der Bus hat genügend Softdrinks an Bord. Das haben wir gerade schon gecheckt.“
Kathys Kehle war wirklich ausgetrocknet. Und das lag gewiss nicht nur an ihrer Furcht, sondern auch an der Hitze. Zwar funktionierte die Klimaanlage noch, aber die Luft im Bus war trotzdem sehr trocken. Kathy und Li ließen sich von David jeweils eine Dose Cola geben.
Aber dann griff Pete ein. „Du solltest Steward werden, David, das scheint dir gut zu gefallen“, höhnte er. „Aber flirte nicht zu heftig mit den Weibern, sonst wird Henry noch eifersüchtig. Behalte lieber diesen Soldaten im Auge, der starrt mich immer so finster an.“
David nickte; er hörte auf den Anführer. Er drehte nun wieder Kathy und Li den Rücken zu, blieb aber in der Nähe.
Die beiden Frauen begannen eine geflüsterte Unterhaltung. „Diese Männer sind alle sehr unterschiedlich. Das kann für uns nur von Vorteil sein.“
„Hast du gar keine Angst, Li? Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht, als Henry mit seinen Speckfingern dein Gesicht berührt hat.“
„Ich fand diesen Moment auch nicht gerade prickelnd, das kannst du mir glauben. Mein Magen hat sich beinahe umgedreht. Aber ich habe mir nichts anmerken lassen, hoffe ich.“
„Nein, nicht wirklich. Du bist sehr tapfer, finde ich.“
„Du aber auch, Kathy. Es bringt nichts, wenn wir die Nerven verlieren. Dann hat der Feind nämlich gewonnen.“ Lis Gesichtszüge verhärteten sich bei diesen Worten.
Die Chinesin sah die vier Kriminellen wirklich als ihre Feinde oder unversöhnlichen Gegner an. Kathy konnte sie verstehen, denn sie dachte genauso. Nur bei David machte sie eine Ausnahme. Er passte irgendwie nicht zu den anderen Typen, und das nicht nur wegen des Altersunterschiedes. Doch sie durfte einfach keine Gefühle für ihn entwickeln. Früher oder später würde die Polizei ihn schnappen. Und dann kehrte er ins Gefängnis zurück, und zwar vermutlich für eine sehr lange Zeit. Dafür konnte sie ihn nicht bedauern, denn er hatte sich dieses Schicksal selbst eingebrockt. Niemand hatte ihn gezwungen, den Bus zu entführen. Oder? Gab es vielleicht eine geheime Verbindung zwischen Pete und David, von der sie noch nichts ahnte? Wurde er vielleicht von seinem ehemaligen Zellengenossen erpresst?
Kathy musste sich eingestehen, dass sie immer wieder Entschuldigungen oder Rechtfertigungen für David suchte. Das war auch kein Wunder, denn sie mochte ihn wirklich. Aber es war nicht gut, solche Gefühle zu entwickeln.
Doch nun geschah etwas, das sie von ihrem Empfindungswirrwarr ablenkte.
Pete gab Jay ein Signal, und der Bus hielt. Der Anführer griff zu einem der Handys, die David zuvor eingesammelt hatte. Er rief die Buszentrale an. Plötzlich herrschte im Bus Totenstille. Alle versuchten, sich aus den Bruchstücken des Telefonats möglichst viel zusammenzureimen.
„Wer ich bin? Das geht Sie einen feuchten Dreck an. Ich will jetzt mit Ihrem obersten Boss sprechen, kapiert? Bewegen Sie sich endlich.“
Die Zeit verging quälend langsam, während der Anführer auf eine Antwort wartete. Er stand vorn neben dem Fahrersitz und starrte ins Nichts.
Alle Menschen im Bus hingen an Petes Lippen. Jay, Henry und David gaben sich cool. Aber Kathy glaubte, auch ihre Anspannung spüren zu können. Schließlich hing alles von diesem Telefonat ab. Was würde geschehen, wenn sich die Busgesellschaft nicht erpressen ließ? Wenn das Lösegeld nicht gezahlt und stattdessen die Polizei alarmiert würde? Kathy wollte sich die Folgen lieber nicht ausmalen. Und doch musste sie mit dem Schlimmsten rechnen. Für einen Moment wäre sie beinahe hysterisch geworden. Sie konnte förmlich spüren, wie sich das Selbstmitleid in ihrem Innern ausbreitete. Warum nur musste sie unbedingt ein Auslandssemester in Amerika einlegen? Warum war sie nicht lieber in Nottingham geblieben? Dort wäre ihr so etwas gewiss nicht passiert.
Der Bus stand mitten in der Wüste. Die Landschaft rings herum war lebensfeindlich und abweisend. Und es wurde immer heißer in der Blechkiste, denn die Klimaanlage funktionierte nur bei laufendem Busmotor. Kathys Augen füllten sich mit Tränen. Sie musste sich selbst kneifen, um nicht zum heulenden Elend zu werden. Zum Glück setzte in diesem Moment Pete die Lösegeldverhandlungen fort. Kathy konzentrierte sich wieder auf seine Worte.
„Miller ist Ihr Name? Wie schön für Sie. Und Sie sind der Mann, der bei Ihrem Verein das Sagen hat? Okay, dann sperren Sie jetzt mal Ihre Lauscher auf.“ Pete lachte selbstgefällig. „Wir haben zehn Passagiere Ihrer Buslinie als Geiseln genommen. Ihr Fahrer lebt nicht mehr. Seine Leiche werden Sie auf dem Interstate Highway 95 ein paar Meilen westlich vom Gold Point Diner finden. Sie merken also, dass wir nicht bluffen. – Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht, Miller. Na also. So ist es brav.“ Er lachte erneut, dann fuhr er ungerührt fort: „Wir wollen vier Millionen Dollar in gebrauchten Scheinen. Kümmern Sie sich darum, das Geld aufzutreiben. Und versuchen Sie gar nicht erst, dieses Handy zu orten. Ich weiß, dass es ein paar Minuten dauert, bis man das Gerät anpeilen kann. So lange werde ich nicht mit Ihnen reden. Die Cops sollten Sie ebenfalls nicht einschalten. Falls mir hier etwas verdächtig vorkommt, werde ich sofort eine Geisel töten. Wir haben immerhin zehn Stück zur Auswahl, reizen Sie mich also nicht. Ich melde mich wieder.“
Mit diesen Worten beendete Pete das Gespräch, schaltete das Handy aus und schob es in seine Hosentasche. Nun führte er ein lautes Selbstgespräch.
„Der Kerl frisst mir aus der Hand, das habe ich sofort gemerkt. Es gibt eben Wölfe und Schafe, und dieser Busfritze ist garantiert kein Raubtier. Ich bin Profi, mir macht man nichts vor. Miller geht wahrscheinlich die Muffe. Ich schätze nicht, dass er die Cops alarmiert. Und falls er es doch tut – gegen den alten Pete hat er auch mit der geballten Staatsmacht im Rücken keine Chance.“
„Die Cops könnten uns aber schon Ärger machen“, warf Henry ein. „Die sind sowieso schon sauer auf uns, weil wir aus dem Knast stiften gegangen sind.“
Pete verzog sein Gesicht zu einer verächtlichen Visage. „Du bist ein altes Waschweib, Henry. Du hast doch bloß schlechte Laune, weil du nicht an die Weiber randarfst. Aber es läuft bisher verdammt gut für uns, so wird es auch bleiben. Und das habt ihr einzig und allein mir zu verdanken. Schließlich ist auch der Fluchtplan auf meinem Mist gewachsen. Ohne mich würdet ihr immer noch hinter Gittern Kakerlaken killen.“
Pete redete weiter mit seinen Kumpanen, den Rest seiner Worte konnte man allerdings nicht so gut verstehen. Dadurch ergab sich auch für die Passagiere die Gelegenheit zu einer geflüsterten Unterhaltung.
„Ein ausgeschaltetes Handy kann man wirklich nicht orten“, raunte Li Kathy zu. „Die Polizei könnte uns aber trotzdem finden, jedenfalls bei Nacht.“
„Wieso das denn?“
„Nachts ist der Bus zwar in der Finsternis so gut wie unsichtbar, aber die Cops haben Hubschrauber mit Wärmebildkameras. Damit können sie unsere Körperwärme anpeilen. Wir sind immerhin vierzehn Personen, jedenfalls vorerst noch.“
Lis Worte klangen wie eine düstere Prophezeiung. Kathy war wieder einmal beeindruckt von ihrer neuen Reisebekanntschaft. Sie selbst hatte nicht gewusst, dass es so etwas wie Wärmebildkameras gab. Allerdings interessierte sie sich auch nicht besonders für Krimis oder Thriller, sondern las lieber Fantasyromane oder Science-Fiction.
Plötzlich ertönte eine wehleidige weibliche Stimme von der Rückbank. „Kann ich auch etwas zu trinken bekommen, bitte? Oder werden die beiden Mädchen da vorne bevorzugt behandelt?“
Einen Augenblick lang herrschte gespannte Ruhe. Kathy befürchtete schon, dass Pete wieder ausrasten würde. Es war ja nun allgemein bekannt, wie schnell seine Stimmung kippen konnte. Doch momentan schien er gute Laune zu haben.
„Meinetwegen“, knurrte er. „Aber dann komm hier nach vorne. Es gibt nämlich in diesem Bus keinen Butlerservice.“
Eine von den Studentinnen bewegte sich langsam und hüftenschwingend durch den Mittelgang. Sie war blond, hatte eine richtige Modelfigur und trug ein rosa Minikleid im Retrolook. Sie warf über die Schulter hinweg Kathy und Li einen giftigen Blick zu, was Kathy gar nicht verstehen konnte. Von einer Vorzugsbehandlung konnte ja nun wirklich keine Rede sein, nur weil David zuvor ein paar Takte mit ihnen geredet hatte.
Henry wurde plötzlich wieder aktiv. Er hatte ja keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr er sich für junge Frauen interessierte. Schnell steckte er seine Pistole in den Hosenbund und eilte beflissen zum eingebauten Kühlschrank, um der Blonden eine Dose Cola zu reichen.
Sie setzte sich quer auf einen Zweiersitz und schlug ihre langen Beine übereinander. Dann riss sie die Büchse auf und nahm einen großen Schluck von der Limo. „Danke, das tut gut. Ich bin übrigens Liza, falls Sie das vorhin nicht richtig mitgekriegt haben.“
Der Mann mit den gelben Haaren nickte ihr zu und ließ sich ihr gegenüber auf der anderen Seite des Mittelgangs ebenfalls auf einen Zweiersitz fallen. „Mein Name ist Henry. Meine Gefangenennummer könnte ich dir auch noch nennen.“
Liza lachte hysterisch, was angesichts ihrer Situation völlig deplatziert wirkte. Dann warf sie dem Geiselnehmer einen Blick zu, den man nur als hemmungsloses Anflirten bezeichnen konnte.
Kathy war sprachlos. Wollte sich diese Liza wirklich an Henry heranmachen? Oder verfolgte sie einen völlig anderen Plan?