5. KAPITEL
Die gute Stimmung war dahin. Zwar fanden an diesem Tag noch weitere Tauchgänge statt, aber die Ungewissheit hatte allen den Spaß verdorben. Niemand kannte den Täter, und darum verdächtigten sich alle gegenseitig, auch wenn es keiner aussprach.
Am schlimmsten war die Lage natürlich für Emily selbst. Sie war dem Tod nur knapp entkommen, und der Täter lief immer noch frei herum. Wer immer ihre Sauerstoffflasche manipuliert hatte, konnte jederzeit wieder zuschlagen. Vor allem wenn es derjenige war, den sie in Verdacht hatte. Jim Meadows war buchstäblich alles zuzutrauen.
Emily wusste nicht, ob sie Kendall von ihrem Verdacht berichten sollte. Wenn der Kapitän und Sam die Motorjacht systematisch durchsuchten, dann würden sie Emilys Ex doch finden – oder? Aber was würde Jim Meadows dann tun? Ihm war alles zuzutrauen, das hatte Emily inzwischen wirklich begriffen.
Außerdem fürchtete sie sich davor, als hysterische Ziege zu gelten. Und wenn Jim nicht an Bord war und doch einer der anderen Taucher für die Tat verantwortlich war, dann hatte sie nichts gewonnen, aber auch wirklich überhaupt nichts.
„Du bist so still. Der Tiefenrausch muss schlimm für dich gewesen sein.“
Sanft nahm Andy sie in die Arme, als sie abends allein am Bug stand, um sich durch den Anblick des Sonnenuntergangs abzulenken. Hier in den Tropen dauerte die Dämmerung nur kurz, bald würde die tintenschwarze Nacht über dem Meer hereinbrechen.
Emily lächelte traurig und strich Andy eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Du hast ja darauf getippt, dass ich eine harte Zeit hinter mir habe. Ja, das ist wirklich so. Und jetzt werde ich dir erzählen, was bei mir abgelaufen ist.“
Emily packte aus. Sie berichtete von Jim Meadows’ Stalking-Attacken und ließ auch den gegen sie bestehenden Mordverdacht nicht aus. Andy runzelte die Stirn.
„Wenn ich diesen Jim Meadows in die Finger kriege, dann garantiere ich für nichts. Wie kann man nur so drauf sein? Wenn ein Mädchen nichts mehr von mir wissen will, dann lass ich es natürlich in Ruhe. Man kann Gefühle doch nicht erzwingen!“
„Ja, das finde ich auch. Aber Jim glaubt, ich wäre sein Privateigentum und er könnte mit mir machen, was er will.“
„Und du meinst wirklich, er ist an Bord?“
Andy schaute sich so misstrauisch um, als ob Emilys Ex bereits direkt neben ihm stehen würde. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich will nicht unnötig die Pferde scheu machen.“
„Das kann ich verstehen. Was hältst du davon, wenn wir morgen mit deinem Verdacht zum Kapitän gehen? Heute Nacht werde ich die Augen aufhalten. Zum Glück hört man auf der Fortuna die Flöhe husten. Falls Jim Meadows wirklich versucht, in deine Kabine zu kommen, dann werde ich ihn erwischen. Versprich mir, dass du die Tür gut abschließt.“
„Ja, das werde ich tun. Darauf kannst du dich verlassen.“
Emily und Andy küssten sich. Sie war erleichtert, weil sie ihm von ihrer dunklen Vergangenheit erzählt hatte. Es schien Andy nicht zu stören, dass wegen eines Kapitalverbrechens gegen sie ermittelt wurde. Aber wenn dieser verflixte Jim Meadows wirklich noch lebte, dann konnte sie auch keine Mörderin sein.
Andy begleitete sie bis zu ihrer Kabinentür und lächelte ihr aufmunternd zu. Er war wirklich süß, und dank ihres neuen Freundes fühlte sie sich etwas gefestigter. Trotzdem glaubte Emily nicht, einschlafen zu können. Sie lag lange wach und horchte auf jedes noch so kleine Geräusch, das auf der Motorjacht verursacht wurde. Aber schließlich fielen ihr doch die Augen zu. Emily hatte einen entsetzlichen Albtraum, in dem sie gegen grausame Piraten kämpfen musste. Schließlich unterlag sie und wurde entwaffnet. Die brutalen Kerle banden sie vor die Mündung einer geladenen Kanone. Während Emily um ihr Leben flehte, lachten die Seeräuber sie nur aus. Einer von ihnen näherte sich mit einer brennenden Fackel der Pulverpfanne. Bevor sich der Kanonenschuss lösen konnte, wachte Emily schweißgebadet auf.
Es war bereits Morgen. Immerhin war die Nacht vergangen, ohne dass es einen neuen Anschlag auf sie gegeben hatte. Das war aber auch das einzig Gute, das ihr zu den vergangenen Stunden einfiel. Nach dem unruhigen Schlaf fühlte Emily sich wie zerschlagen, doch nach einer Dusche ging es ihr schon wieder etwas besser.
Eigentlich sollte an diesem Tag der Tauchunterricht fortgesetzt werden. Aber als nach dem Frühstück alle an Deck gingen, erblickten sie am Horizont ein fremdes Schiff.
„Sind das auch Taucher, Kapitän?“, fragte Emily Kendall, der neben ihr stand und sein Fernglas vor die Augen hielt. Er antwortete nicht. Zunächst glaubte sie, er hätte sie nicht verstanden. Der Kapitän wirkte wie erstarrt. Als er den Feldstecher senkte, konnte Emily deutlich die Besorgnis auf seinem Gesicht sehen.
„Falls das ein Taucherboot ist, dann führt die Crew nichts Gutes im Schilde. Der Name des Fahrzeugs ist mit Klebeband verdeckt, und am Fahnenstock weht keine Flagge. Ich möchte eine Begegnung mit dieser Jacht vermeiden. Sam! Wir lichten die Anker!“
Der schwarze Matrose nickte und eilte zum Bug, um die Ankerwinde zu betätigen. Auch er spürte offenbar eine Bedrohung, von der Emily noch nichts mitbekommen hatte. Doch auch sie bemerkte nun, dass die andere Motorjacht schneller wurde. Im Näherkommen konnte man erkennen, dass sich das Boot in keinem guten Zustand befand. Die Fortuna sah unendlich gepflegter aus. Aber das war es nicht, was Emily durcheinanderbrachte. Sie hatte kein Fernglas und musste die Augen zusammenkneifen, um auf die große Distanz etwas erkennen zu können. Doch das, was sie sah, gefiel ihr gar nicht.
Die Männer auf dem fremden Fahrzeug trugen nämlich Motorradmasken.
„Was soll das? Warum haben die sich so vermummt?“, fragte Emily. Andy, der direkt neben ihr stand, antwortete nicht. Stattdessen riss er sie von den Beinen.
„Runter!“
Emily lag flach auf dem Deck und wollte von ihm wissen, warum er das getan hatte. Aber in diesem Moment begannen Schüsse zu fallen. Emily schrie erschrocken auf. Sie hatte noch niemals Pistolen- oder Revolverschüsse gehört, außer natürlich im Fernsehen und im Internet. Doch in Wirklichkeit war das Hämmern der Automatikwaffen noch viel beunruhigender und nervenaufreibender als in den Medien.
Emily erkannte, dass sie noch niemals zuvor in so unmittelbarer Todesgefahr geschwebt hatte. Aber ihr Überlebensinstinkt war sehr stark. Deshalb presste sie sich so flach wie möglich auf das Deck, um eine geringe Angriffsfläche zu bieten. Wirklichen Schutz vor den Patronen bot die Fortuna natürlich nicht, denn sie war kein gepanzertes Kriegsschiff. Voller Panik erblickte Emily die Einschusslöcher in den Brückenaufbauten. Noch nicht einmal in der Kabine würden sie vor den Projektilen sicher sein.
Es herrschte ein Höllenlärm. Emily konnte nicht unterscheiden, wie viele Waffen abgefeuert wurden. Auf jeden Fall waren es mehrere. Die übliche Stille auf hoher See ließ den Krach nur umso unerträglicher erscheinen. Emilys Magen krampfte sich zusammen. Sie sah, wie etliche Einschusslöcher in das Kabinenverdeck und die Kommandobrücke der Fortuna gestanzt wurden. Wo war eigentlich der Kapitän? Hatten ihn die Schüsse bereits getroffen? Auf jeden Fall lag Kendalls Motorjacht immer noch mit ausgeschalteten Motoren im Wasser. Und das Boot der Verbrecher kam immer näher.
Da ertönte Sams heisere Stimme.
„Anker ist gelichtet, Sir!“
Das Rasseln der Ankerkette war Emily bei dem Lärm gar nicht aufgefallen. Sam hatte den Befehl ausgeführt. Aber lebte der Mann noch, der ihm die Anweisung erteilt hatte? Gleich darauf hörte Emily zu ihrer größten Erleichterung die Antwort des Kapitäns. Sie war so glücklich darüber, dass ihm nichts geschehen war – und zwar nicht nur, weil sie ihn mochte. Emily erinnerte sich in diesem Moment auch an das, was Vivian gleich am ersten Tag gesagt hatte: „Kapitän Kendall ist einer der erfahrensten Tauchlehrer an der Südküste Floridas. Er kennt hier alle Gefahren, von Salzwasser-Alligatoren über Hurrikans bis zu Raubtauchern. Wenn es jemanden gibt, bei dem wir uns sicher fühlen können, dann ist er es.“
„Okay, dann lasst uns schnell von hier verschwinden. Beide Maschinen volle Kraft voraus!“, rief Kendall laut.
Ein Zittern ging durch den Schiffsrumpf der Fortuna, und hinter der Motorjacht sprudelte eine gewaltige Hecksee hoch. Bisher hatte Emily noch nicht erlebt, dass die Fortuna mit Höchstgeschwindigkeit gefahren war. Der Abstand zu den Verfolgern wurde im Handumdrehen größer. Die Maskierten feuerten erneut, aber schon bald war die Fortuna außerhalb der Schussdistanz.
Trotzdem war die Aufregung an Bord groß. Melanie weinte vor Angst, sie wurde von Vivian getröstet. Ansonsten redeten alle wild durcheinander, bis der Kapitän ihre Stimmen übertönte.
„Wurde jemand verletzt?“
Die Tauchschüler und auch Sam schüttelten die Köpfe. Kendall stand am Steuerrad und blickte teils nach vorne, teils schaute er nach dem Verfolgerboot. Die Maskierten gaben nicht so schnell auf. Sie blieben an der Fortuna dran, auch wenn diese die leistungsstärkeren Maschinen hatte.
„Was sind das für schießwütige Idioten, Kapitän?“, fragte Andy.
„Ich sehe dieses Boot zum ersten Mal. Wahrscheinlich sind es Raubtaucher, die hier vor dieser Insel ein wertvolles Wrack gefunden zu haben glauben. Sie wollen uns beseitigen, weil wir lästige Zeugen sind. Vielleicht halten sie uns auch für Konkurrenten. Auf jeden Fall werden sie uns nicht entkommen lassen. Das muss ich euch leider so hart sagen. Euch wäre nicht damit gedient, wenn ich die Dinge beschönigen würde.“
„Können Sie nicht über Funk die Coast Guard rufen?“, wollte Emily wissen. Der Kapitän zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Das hätte ich schon längst getan, Emily. Aber bei dem Beschuss hat es doch ein Opfer gegeben, und zwar unsere Funkanlage. Sie funktioniert nicht mehr, und wir können sie mit Bordmitteln nicht reparieren.“
Unwillkürlich hatte Emily zu ihrem Handy gegriffen und es eingeschaltet. Sie hatte die 911, die allgemeine amerikanische Notrufnummer, auf Kurzwahl. Aber die Fortuna war nach wie vor auf hoher See. Das Handy-Display zeigte nur eine Meldung: KEIN NETZ. Schnell stellte sich heraus, dass es den anderen an Bord genauso ging. Kein einziges Handy hatte Empfang. Aber Andy blieb optimistisch.
„Wir sind ziemlich schnell, Kapitän. Das Boot dieser Mistkerle ist nur noch ein winziger Punkt am Horizont. Wir können sie doch abschütteln, oder?“
Kendall verneinte.
„Ich würde euch gerne Hoffnung machen, aber das Raubtaucher-Boot hat Radar, genau wie wir auch. Ich habe die Antenne vorhin deutlich gesehen. Selbst wenn sie uns endgültig aus dem Blickfeld verlieren, können sie trotzdem die Verfolgung fortsetzen.“
„Und was haben Sie jetzt vor, Kapitän? Wie wollen Sie uns retten?“
Melanies Stimme klang schon fast hysterisch, obwohl sie inzwischen wenigstens nicht mehr weinte.
„Ich nehme Kurs auf die Küste von Florida. Wir werden einige stärker befahrene Schifffahrtsrouten kreuzen. Mit etwas Glück treffen wir ein anderes Fahrzeug, dessen Besatzung dann die Küstenwache oder die Marine verständigen kann. Vielleicht begegnet uns sogar ein Patrouillenboot der Coast Guard. Jedenfalls werde ich alles unternehmen, damit ihr nicht in die Hände dieser Schurken fallt.“
Bei diesen Worten schaute Kendall allerdings nicht Melanie, sondern Emily an – so als ob er um ihr Wohlergehen besonders besorgt wäre. Und das war wohl auch wirklich so, jedenfalls kam es Emily so vor. Es war offensichtlich, dass der Kapitän sie anders behandelte als seine übrigen Tauchschüler. Aber weshalb nur? War er wirklich in sie verliebt? Aber das konnte es eigentlich nicht sein. Emily merkte normalerweise, wenn ein Mann etwas von ihr wollte.
Wieder und wieder schaute sie nach achtern. Nun konnte man das Boot der Raubtaucher überhaupt nicht mehr sehen. Aber einen Grund zur Entwarnung gab es deswegen noch lange nicht, das hatte der Kapitän ja gerade erklärt.
Emily war natürlich aufgeregt, aber sie vertraute Kendalls seemännischen Fähigkeiten voll und ganz. Viel mehr Sorgen machte sie sich um Melanies Zustand. Ihre Kabinenkameradin hatte sich zwar zwischenzeitlich wieder beruhigt, aber nun steigerte sie sich immer mehr in ihre Ängste und Befürchtungen hinein. Emily hatte eigentlich angenommen, dass Melanie wegen ihrer Yogaübungen besonders ausgeglichen und belastbar wäre. Doch davon war jetzt überhaupt nichts zu merken.
„Warum wollen diese Leute uns töten?“ Melanies Stimme klang schrill, sie raufte sich die Haare. „Wir haben doch keinem Menschen etwas getan!“
Für einen Moment herrschte Stille an Bord, abgesehen von dem monotonen Geräusch der mächtigen Schiffsmaschinen. Wie sollte man diese Frage beantworten? Aus Melanie sprach nur noch die nackte Angst. Es gab nichts, womit man sie hätte beruhigen können. Lee versuchte es trotzdem.
„Hey, bleib cool. Es ist doch alles gut. Wir sind den Kerlen entkommen, keiner von uns wurde angeschossen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir auf Hilfe treffen.“
„Bis dahin kann es aber zu spät sein.“ Melanie Stimme zitterte, und auf ihren nackten Armen war trotz der Sommerhitze eine Gänsehaut zu erkennen. „Was ist, wenn unsere Motoren ausfallen? Da! Hört ihr das nicht? Die Maschinen klingen schon so seltsam. Gleich gehen sie bestimmt aus!“
Emily tauschte einen verblüfften Blick mit Andy. Offenbar bildete sich Melanie die Unregelmäßigkeiten nur ein. Jedenfalls hatte sich nach Emilys Meinung das Geräusch überhaupt nicht geändert. Mit den Motoren war alles in Ordnung. Es war Melanie, die immer stärker die Nerven verlor. Lee gab trotzdem nicht auf. Sanft berührte er sie am Arm.
„Hey, komm mal wieder runter. Es bringt niemandem was, wenn du jetzt ausrastest.“
„Fass mich nicht an!“ Bevor jemand es verhindern konnte, verpasste Melanie Lee eine schallende Ohrfeige. Damit hatte niemand gerechnet. Ausgerechnet Melanie, die sich noch nicht einmal Geschichten über Gewalttaten anhören wollte, verwandelte sich nun in eine wilde Furie. Lee sagte überhaupt nichts. Er hockte nur an der Reling und hielt sich die Wange, die vermutlich wie Feuer brannte. Sein Mund war halb geöffnet, und er starrte Melanie an.
Emily trat langsam auf die andere Frau zu.
„Melanie, das geht zu weit. Ich kann ja verstehen, dass du dich fürchtest. Es geht uns allen nicht gut, schätze ich. Aber Lee wollte dir doch nur helfen. Es bringt überhaupt nichts, wenn du …“
„Du solltest besser die Klappe halten, Emily.“ Melanie schnitt ihr das Wort ab und ballte die Fäuste. „Du gehst mir sowieso auf den Keks mit deiner ewigen Besserwisserei. Die ach so tolle Emily, die Supertaucherin! Ehrlich, ich habe die Nase voll von dir. Einen Freund hast du dir hier auch noch angelacht, und beim Kapitän bekommst du eine Vorzugsbehandlung – merkst du eigentlich gar nicht, wie eingebildet du bist?“
Melanies Worte trafen Emily wie Keulenschläge. Sie wusste natürlich, dass Melanie hysterisch und völlig außer sich war. Trotzdem war Emily fürchterlich gekränkt. Wurde sie so von den Menschen an Bord betrachtet? Als eine eingebildete Zicke?
„Reiß dich gefälligst zusammen, Melanie!“
Es war Vivian, die Melanie diesen Satz an den Kopf warf. Und bevor eine Antwort kam, fuhr sie fort: „Glaubst du eigentlich, nur du leidest unter dieser Verfolgung durch schießwütige Kriminelle? Ich habe dich getröstet, Lee wollte dich aufmuntern, Emily war auch immer freundlich zu dir – und du behandelst uns alle wie den letzten Dreck. Wenn du dich schon nicht beherrschen kannst, dann geh uns wenigstens aus dem Weg.“
Melanie riss die Augen immer weiter auf, während Vivian sie anblaffte. Emily befürchtete schon, dass Melanie mit den Fäusten auf Vivian losgehen würde. Aber stattdessen sank sie in sich zusammen und ließ den Kopf hängen.
„Es tut mir leid“, brachte sie krächzend hervor. „Ich bin manchmal so ein Biest, dann kenne ich mich selbst nicht mehr. Lee und Emily, könnt ihr mir verzeihen?“
„Kein Thema“, meinte Lee. Und auch Emily rang sich zu einem Nicken durch, obwohl Melanies Anmache sie richtig beleidigt hatte. Aber das war jetzt nicht der richtige Moment für Empfindlichkeiten. Emily führte sich vor Augen, dass die Fortuna immer noch von schwer bewaffneten Verbrechern gejagt wurde. Es war purer Zufall gewesen, dass bei den ersten Schüssen niemand verletzt oder gar getötet worden war. Immerhin hatte die Funkanlage Schaden genommen, und das war schlimm genug. Wie lange konnte die Motorjacht den Verfolgern entkommen? Was geschah, wenn der Fortuna der Treibstoff ausging?
„Emily, kommst du bitte zu mir?“
Bevor Emily sich über ihre Befürchtungen weiter den Kopf zerbrechen konnte, hörte sie Kendalls Stimme. Sie eilte zu ihm auf die Kommandobrücke. Schaudernd erblickte sie die Einschusslöcher. Einige der Fenster waren zerborsten, es lagen Scherben herum. Der Kapitän wandte sich ihr zu.
„Das Barometer fällt“, erklärte er ihr leise. „Es könnte sein, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden ein Hurrikan heraufzieht. Normalerweise erhalten wir die Sturmwarnungen über Funk, aber das ist jetzt natürlich nicht möglich. Könntest du Sam dabei helfen, an alle Passagiere Rettungswesten zu verteilen und dafür zu sorgen, dass sie angelegt werden? Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Aber wenn der Hurrikan erst mal loslegt, dann ist keine Zeit mehr für so was.“
„Okay, mache ich.“
Emily hatte das Gefühl, dass der Kapitän ihr noch mehr sagen wollte. Aber stattdessen nickte er ihr nur zu und widmete sich wieder dem Steuerrad und dem Kreiselkompass.
Emily und Sam holten genügend Rettungswesten aus einer der abgeschlossenen Kammern unter Deck. Emily musste plötzlich mit schwarzem Humor an ihren Ex denken. Falls Jim Meadows sich wirklich irgendwo an Bord verkrochen hatte, dann würde er von der Sturmwarnung nichts mitbekommen und im Ernstfall ohne Weste dastehen. Wenn es dann hart auf hart kam, hatte er extrem schlechte Karten. Ob er dann alles bereute, was er ihr jemals angetan hatte? Aber auch diese Vorstellung konnte Emily nicht wirklich aufmuntern.
Emily befürchtete, dass Melanie beim Anblick der Schwimmweste wieder hysterisch werden würde. Aber das geschah zum Glück nicht. Melanie war jetzt völlig passiv und teilnahmslos, und das gefiel Emily auch nicht. Emily half ihr beim Anlegen der Rettungsweste, Melanie ließ alles über sich ergehen.
„Wir sind doch sowieso verloren. Wenn wir von den Gangstern nicht erwischt werden, dann vom Sturm. Wie geht noch mal diese Redensart? Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera – so heißt es doch, oder?“
„Ja, aber das ist Unsinn, jedenfalls in unserer Situation. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben und müssen weiterkämpfen, bis wir Hilfe gefunden haben. Kendall ist ein erfahrener Kapitän. Wenn es jemanden gibt, der uns sicher durch einen Hurrikan führen kann, dann ist er es.“
„Ich weiß nicht.“ Melanies Stimme war so dünn wie die eines kleinen Kindes. „Die See ist unendlich groß. Wie sollen wir gefunden werden, wenn unser Schiff wirklich untergeht?“
Emily packte sie fest an den Oberarmen und redete beruhigend auf sie ein.
„Glaubst du, dass die Behörden nicht auf einen Hurrikan vorbereitet sind? Ich wette, dass in diesem Moment schon die ersten Rettungsmannschaften in den Startlöchern stehen. Jedes Jahr gehen Boote und Schiffe unter, wenn die Hurrikan-Saison beginnt. Aber die Besatzungen werden oft gerettet. Wenn die Fortuna von den Radarschirmen der Navy verschwinden sollte, dann wissen die Retter ja, in welchem Gebiet sie nach uns Ausschau halten müssen. Du darfst nur den Mut nicht verlieren, das ist das Wichtigste überhaupt.“
„Du bist so stark, Emily. Darum habe ich dich beneidet, vom ersten Moment an. Es tut mir total leid, was ich vorhin für Gemeinheiten über dich gesagt habe. Aber das kommt nur daher, dass ich in Wirklichkeit gerne so wäre wie du.“
Dieses Geständnis überraschte Emily völlig. Ob sie wirklich so selbstsicher auf andere Menschen wirkte? Der Psychoterror durch ihren Ex hatte sie eigentlich innerlich zermürbt. Aber andererseits hatte sie sich nie unterkriegen lassen. Vielleicht war es ja diese Zähigkeit, die auf Melanie wie Kraft und Festigkeit wirkte. In diesem Moment begriff Emily, dass Jim Meadows sie niemals kleingekriegt hatte. Und das war ein sehr gutes Gefühl, obwohl die Lage auf der Fortuna immer bedrohlicher wurde.
Gewiss, von dem Verfolgerschiff war nichts mehr zu sehen. Trotzdem sprach nichts dafür, dass die Verbrecher aufgeben würden. Und dann war da noch eine neue Gefahr, die man weder übersehen noch überhören konnte.
Der Hurrikan.
Obwohl Emily im wirbelsturmgefährdeten Florida aufgewachsen war, hatte sie noch niemals selbst einen Hurrikan miterlebt. Allerdings war sie mit ihrer Mutter früher einmal durch eine Gegend gefahren, in der diese Naturgewalten gewütet hatten. Dort hatte es ausgesehen wie nach einem Bombenangriff. Häuser waren zerschmettert und Bäume entwurzelt worden, Autos lagen auf dem Dach oder auf der Seite.
Der Wind brauste mit Sturmstärke um die Aufbauten der Fortuna. Kendall schrie seine Tauchschüler an, dass sie in die Kabine gehen sollten. Das waren die letzten Worte, die man vom Kapitän hören konnte. Danach hatte der Orkan eine solche Lautstärke erreicht, dass kein Gespräch mehr möglich war.
Gemeinsam mit allen anderen ging Emily unter Deck. Dabei musste sie sich mit beiden Händen an der Reling und am Treppengeländer festhalten, denn die Motorjacht schwankte inzwischen beängstigend weit hin und her. Panik und Angst machten sich in Emily breit und waren sogar stärker als die aufkommende Seekrankheit. Es kam ihr wie ein Hohn vor, dass sie sich vor wenigen Minuten noch so sicher und selbstbewusst gefühlt hatte. Ein Blick in die Gesichter der anderen Tauchschüler zeigte ihr allerdings, dass es offensichtlich keinem von ihnen besser ging als ihr.
Selbst Andy war die Furcht anzusehen, obwohl er ihr tapfer zulächelte. Aber er sah dabei aus wie ein Patient, der Vorfreude auf eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt heuchelte. Andy nahm ihre Hand, und danach fühlte Emily sich wenigstens etwas besser. Seine Gegenwart machte die Gefahr für sie viel erträglicher. Plötzlich musste sie wieder an das Stalking durch ihren Ex denken. Am schlimmsten war für Emily gewesen, dass sie sich so allein gefühlt hatte. Gewiss, ihre Mom hatte zu ihr gehalten. Aber ansonsten war es, als wäre sie den bösen Absichten von Jim Meadows schutzlos ausgeliefert gewesen.
Jetzt war alles anders. Kendall war ein erstklassiger Seemann, daran hatte Emily nicht den geringsten Zweifel. Er würde sie schon aus diesem Schlamassel retten und in Sicherheit bringen. Oder?
Doch ein Blick durch die Bullaugen hinaus auf das tosende Sturmchaos machte jede Hoffnung sofort wieder zunichte. Man konnte kaum noch zwischen Wasser und Himmel unterscheiden. Wellen krachten mit einer solchen Gewalt gegen die Bullaugen, dass Emily um das Glas fürchtete. Die Fortuna war eine hochseetüchtige Jacht, so viel stand fest. Aber würde sie auch einem solch urgewaltigen Sturm gewachsen sein?
Die Motorjacht legte sich so weit auf die Seite, dass Emily überzeugt war, sie würden kentern. Doch nach einigen Minuten, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, richtete sich das Schiff wieder auf. Nun neigte es sich allerdings zur anderen Seite. Die Wellenberge, die sich draußen auftürmten, waren so hoch wie Wolkenkratzer. Emilys Magen rebellierte. Sie glaubte schon, dass ihr schlecht würde. Doch dann geschah etwas, das sie ihr eigenes Unwohlsein schlagartig vergessen ließ.
Plötzlich erblickte sie nämlich draußen vor dem Bullauge einen dunklen Schatten. Im ersten Moment glaubte Emily, es wäre der Klabautermann, der Fliegende Holländer oder eine sonstige Gruselgestalt. Das hätte einfach zu dieser unheimlichen Sturmatmosphäre gepasst, obwohl Emily nicht an Geister oder sonstige übersinnliche Wesen glaubte.
Doch die Wirklichkeit war noch viel furchtbarer als jede Fantasie.
Der Mann, der draußen in das tosende Wasser stürzte, war der alte Sam!
Für einen Moment sah Emily in sein von Entsetzen verzerrtes Gesicht. Er wusste oder ahnte, dass ihm der sichere Tod bevorstand. Und es gab nichts, was sie für ihn tun konnten. Emily hatte keine Ahnung von Navigation. Aber sie ahnte, dass man bei diesem Wetter keinesfalls ein Rettungsboot zu Wasser lassen konnte. Sam hatte nur seine Rettungsweste. Aber würde die ihm inmitten eines rasenden Hurrikans etwas nützen?
Emily wusste es nicht. Und im nächsten Augenblick war sie nur noch um ihr eigenes Leben besorgt. Es gab nämlich einen entsetzlichen Krach, etwas splitterte lautstark. Außerdem knallte Metall gegen Metall, jedenfalls hörte es sich so an. Und die Kabine füllte sich mit Wasser. Vor den Bullaugen war es so finster, dass man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Und diesmal blieb die Fortuna in ihrer Schräglage. Sie richtete sich nicht wieder auf.
„Raus hier!“, rief jemand. War es Lee oder Kyle? „Wir sitzen in der Falle!“
Die Fortuna sank, das war jedem an Bord bewusst. Das Wasser strömte immer heftiger in das Innere der Motorjacht. Wenn man hinauswollte, musste man gegen die kalten salzigen Massen anarbeiten. Emily wusste selbst nicht, wie sie das schaffte. Die Todesangst und der Stress verliehen ihr ungeahnte Kräfte. Dabei schaffte sie es sogar noch, die völlig verängstigte Melanie hinter sich herzuziehen. Melanie war starr vor Furcht, das spürte Emily genau. Sie wäre vermutlich ohne fremde Hilfe in der Kabine geblieben und mit der Motorjacht untergegangen.
Das Achterdeck war bereits völlig überspült, auf die Kommandobrücke krachte soeben eine riesige Sturzsee. Und das höllische Tosen und Brausen des Sturms wollte einfach nicht aufhören. Melanie rief etwas, das Emily bei dem Lärm nicht verstehen konnte. Es war, als würde Melanie von einer unsichtbaren Riesenfaust gepackt. Die Hände der beiden Frauen lösten sich voneinander. Melanie verschwand inmitten einer großen dunklen Welle. Der Schiffsrumpf neigte sich noch mehr zur Seite, obwohl das kaum möglich erschien. Emily bekam einen Schlag gegen den Hinterkopf. Danach wurde es schwarz um sie herum.