16. Kapitel

Unverhofft kommt oft

Eine Woche später traf Sandy mittags bei Lilli und Richie im Haus auf dem Queen-Anne-Hügel ein, so wie jeden Tag. Nachmittags patrouillierten sie durch Seattle. Sie hatten viele kleine Siege errungen und eine hübsche Zahl minderer Dämonen eingefangen.

Zum Beispiel hatte Sandy einen ausrangierten Bibliothekstisch zur Kaugummimauer am Pike Place Market mitgebracht, und die drei hatten den Tisch, während sie die Straße entlangrannten, als Schutzschild hochgehalten. Alle losen Kaugummis waren sofort von der Mauer abgesprungen und an die Unterseite des Tisches geklatscht, unfähig, ihr Wesen zu verleugnen. Die restlichen Kaugummis, die an der Mauer kleben geblieben waren, hatte Lilli mit Schellack fixiert, und bei der ganzen Aktion war den dreien nichts weiter passiert, außer dass ein einzelner Kaugummi sich an Richies Schuhsohle geheftet hatte.

Es hatte einen ganzen Tag gedauert, um die Second-Hand-Läden nach den Kleidungsstücken zu durchstöbern, die Nate vom Dachboden hatte entlaufen lassen. Sandy hielt die Kleidungsstücke hoch, und Lilli und Richie prüften, ob es sich um einen Dämon handelte. Eine Hose ergriff die Flucht, als sie erkannt wurde, und Richie musste ihr hinterherhechten, damit sie nicht aus dem Laden entkam. »Die gefällt mir wirklich total«, hatte er der Verkäuferin zugeraunt, als sie ihn am Boden liegen sah, die Arme fest um die Hose geschlungen. Sie hatten einen Rubin von der Größe einer Fünfundzwanzig-Cent-Münze gegen Bargeld eintauschen müssen, um all die Sachen zurückkaufen zu können.

Um die anderen Probleme, die der Bürgermeister ihnen meldete, kümmerten sie sich in ähnlicher Weise. Sandy schlug eine Seite im Stadtplan auf und fuhr das Gebiet mit dem Abschleppwagen ab, und Lilli und Richie standen auf der Ladefläche und hielten nach Chaos Ausschau. Wenn sie etwas spürten und die Assistenzbibliothekarin anhalten sollte, klopften sie aufs Dach, dann sprangen sie hinunter und fingen den aufgespürten Dämon ein.

Sie arbeiteten anonym, aber die Berichte über die waghalsigen Taten dreier geheimnisvoller Superkids hatten sich rasch im Internet verbreitet. Die Panik in der Stadt flaute etwas ab, und selbst das Chaos schien ein klein wenig zurückzuweichen.

Nun versammelten sie sich im Arbeitszimmer an dem mit Kaugummi übersäten Bibliothekstisch, um die nächste Mission zu besprechen. Sandy und Richie mampften lächelnd eine Pizza, aber Lilli gab sich still und zurückhaltend – der öffentliche Erfolg bereitete ihr Unbehagen.

e9783641076801_i0074.jpg

»Du hast an drei langen Straßenzügen alle Fassaden gereinigt«, redete Sandy ihr gut zu und nahm ein weiteres Stück der vegetarischen Pizza. »Alles Graffitigeschmiere ist verschwunden. Du hast Hunderte von gefährlichen Dämonen eingefangen, Bücher gerettet und zahllose Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt.«

»Und ein riesiges, wichtiges Kunstwerk vor der Zerstörung«, fügte Lilli an. »Ich weiß, ich weiß. Das war alles toll, und es macht mich stolz, sicher. Aber im Auftrag der Regierung zu arbeiten? Es kommt mir einfach nicht richtig vor.«

Der Bürgermeister stellte sie als Helden dar. Nach dem Empfang bei ihm hatte er sofort eine Nachricht auf die Webseite der Stadt gestellt: »Anonyme Jugendliche retten Kinder auf Fähre, bewahren Bücher vor Zerstörung und säubern ganzes Stadtviertel!« Die Eine-Woche-Gratis-Pizza-Belohnung war nur eine der Vergünstigungen, die er ihnen gewährte. Sie hatten auch blaue Jacken erhalten, auf deren Vorderseite der Schriftzug »Sonderkommando Seattle« prangte.

Richie klopfte Lilli auf den Rücken. »Mensch, du bist berühmt«, sagte er mit einem Pizzabissen im Mund, »und stark wie sonst was. Du hast es mit Gangmitgliedern aufgenommen! «

»Mir war nicht klar, dass ich so … aggressiv sein kann«, sagte Lilli. »Meine Fähigkeit bestand immer nur darin, interessante visuelle Dämonen einzufangen, nicht, sie in Waffen zu verwandeln.«

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Sandy.

Lilli ließ den Kopf hängen. Sie hatte gemischte Gefühle über ihren Kampf gegen das Chaos. Sie hatte immer mit ihm zusammengearbeitet, nicht dagegen. »Ja, mir geht’s gut«, sagte sie schließlich. »Ich setze meine Kräfte für einen guten Zweck ein, stimmt’s?«

»Natürlich«, sagte Sandy. »Wir helfen hilflosen Menschen. «

»Was ist unsere nächste Mission?«, fragte Richie.

»Die Mülldeponie«, las Sandy von einer Liste beunruhigender Phänomene ab, die der Bürgermeister ihnen gegeben hatte.

Er hatte sie ermutigt, die aufgelisteten Probleme zu lösen, aber sie eindringlich davor gewarnt, weitere Schäden zu verursachen. Lilli hatte darauf bestanden, dass keine Polizisten oder andere Angestellte der Stadt sie begleiteten, wenn sie sich ans Werk machten. Sie arbeiteten allein und im Geheimen und erstatteten erst dann Bericht, wenn sie ein »Problem« gelöst hatten. Der Bürgermeister wusste nach wie vor nicht, dass die Schwierigkeiten in seiner Stadt von Dämonen verursacht wurden. Sie erzählten ihm nur, dass sie ihr Bestes gäben, um herauszufinden, was hinter dem jeweiligen Problem steckte, und es anschließend zu lösen versuchten. Das schien dem Bürgermeister zu genügen, und er betonte, er benötige einfach nur gute Nachrichten für seine Wähler und wolle nicht in Verlegenheit gebracht werden.

»Die Einzelheiten, bitte«, sagte Richie und forderte von Sandy Informationen über das Problem auf der Mülldeponie.

e9783641076801_i0075.jpg

»Sie liegt in Cedar Hills«, erklärte Sandy. »Die einzige aktive Lagerstätte für die Abfälle der Stadt. Dreihundertsechzigtausend Quadratmeter voller Müll. Bis vor einer Woche luden Laster dort täglich zweitausendfünfhundert Tonnen Abfall ab.«

»Wow«, sagte Richie. »Eine Menge Müll.«

»Inzwischen türmen sich auf dem Gelände Müllberge mit einem Gesamtgewicht von siebzehntausendfünfhundert Tonnen auf. Alles verrottet und verwandelt sich im Regen in giftigen Schlamm. Man riecht den Gestank mehrere Kilometer weit.«

»Und worin besteht unsere Aufgabe?«, fragte Lilli.

Sandy las weiter, dann blickte sie auf. »Offenbar weigert sich der Müll, sich vergraben zu lassen.«

 

Die Mülldeponie in Cedar Hills lag nur ein kurzes Stück südöstlich der Innenstadt, und es dauerte nicht lange, mit dem Abschleppwagen auf dem Highway dorthin zu gelangen. Es gab kaum Verkehr auf den Straßen. Viele Menschen hatten die Stadt verlassen, und die meisten anderen blieben zu Hause, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Als die drei die kleineren Straßen in Cedar Hills erreichten, war kein einziges Auto in Sicht.

»Die Müllkippe müsste gleich hinter dem nächsten Hügel liegen«, rief Richie aus dem hinteren Bereich der Fahrerkabine.

Zoot sprang aus seinem Versteck in Lillis bunt kariertem Stirnband und schaute sich neugierig um. Seine langen, nach oben gebogenen Hörner ragten ihm seitlich aus dem Kopf wie bei einem Wasserbüffel.

Sie stießen an die Decke der niedrigen Fahrerkabine.

»Pass doch auf«, sagte Richie und wich einer Hornspitze aus. Leider traf ihn die andere mitten im Gesicht und malte ihm einen pinkfarbenen Strich auf die Stirn. »Verdammt noch mal«, meckerte er.

»Pink steht dir gut«, lachte Lilli.

Der Abschleppwagen erklomm die Hügelspitze, und die Mülldeponie kam in Sicht. Ein verriegeltes Eisentor versperrte den Eingang, und ein hoher, mit Stacheldraht besetzter Gitterzaun umschloss das gesamte Gelände, das sich hinzog, so weit das Auge reichte. Der zuletzt angelieferte Müll war nicht verteilt oder vergraben worden und lag in riesigen Haufen da, die so hoch waren wie dreistöckige Gebäude.

»Wow«, sagte Sandy. »Sie sind höher, als ich dachte.«

»Wonach suchen wir?«, fragte Lilli.

»Nach allem, was uns komisch vorkommt«, antwortete Sandy.

»Oh, wie hilfreich«, murmelte Richie.

Lilli steuerte den Abschleppwagen auf das Eisentor zu, zog das Tempo an. »Die von Menschen weggeworfenen Gegenstände haben ein Leben nach dem Tod«, sagte sie und jagte den Motor hoch. »Einige wenige werden neu entdeckt und reanimiert und leben in Gebrauchtläden weiter. Der Rest befindet sich hinter diesem Tor in Gefangenschaft. «

Der tonnenschwere Abschleppwagen prallte mit einem scharfen Peng frontal gegen das Tor und stieß es auf, während das Fahrzeug hindurchrumpelte.

»Yeah!«, rief Richie.

e9783641076801_i0076.jpg

Lilli nahm den Fuß vom Gaspedal und brachte den Wagen neben dem Häuschen der Wiegestation zum Stehen, direkt am Fuße eines gigantischen Müllbergs. Weit und breit war niemand zu sehen, und ein rascher Blick in den Rückspiegel verriet, dass auch hinter ihnen niemand stand.

»Letzter Halt«, verkündete Lilli. »Alles aussteigen.«

Sie kletterten aus dem Wagen. Es hatte die ganze Woche über geregnet, sowohl Nieselregen als auch Wolkenbrüche. Das an den Müllbergen herabgeflossene Wasser hatte riesige Schlammpfützen gebildet, um die Lilli, Richie und Sandy vorsichtig herumgingen.

»Was, wenn’s hier gar kein Chaos gibt?«, fragte Richie. »Schnappen wir uns dann Schaufeln und heben neue Gruben aus?«

»Sieh dich doch um«, sagte Lilli und deutete auf die zahllosen Müllberge ringsum. Aus einem Bierflaschenhaufen ragte ein Kinderwagen heraus. Ein Fernseher mit zersprungenem Riesenbildschirm lag schräg auf mehreren weggeworfenen Kleidungsstücken, die aussahen wie ein Publikum, das so lange ferngesehen hatte, bis es zu Staub zerfallen war und nur die Anziehsachen übrig gelassen hatte. »Dieser Ort ist fast reines Chaos.«

»Aber es ist systematisch in Haufen angeordnet«, stellte Sandy fest.

»Ich spüre etwas«, sagte Lilli.

»Vielleicht einen Mülldämon«, schlug Sandy vor. »Ich habe von ihnen im Kompendium gelesen. Es ist Müll, der, nachdem man ihn weggeworfen hat, versucht, nach Hause zurückzukehren.«

»Die kenne ich«, sagte Richie. »Am Ende landet das Zeug in einer Schrankecke, im Keller oder in der Garage. Ich hatte mal ein Jo-Jo, das hab ich fünfmal weggeschmissen, und immer war es plötzlich wieder da. Wenn ich’s mir genau überlege, hab ich es immer noch.«

Vorsichtig bahnten die drei sich einen Weg zwischen den riesigen Müllbergen. Lilli bemerkte, dass sie kaum Platz zum Ausweichen hätten, falls etwas Schlimmes geschähe. Es war beruhigend, Zoot auf ihrer Schulter sitzen zu haben. Sein kugelrunder Kopf drehte sich hin und her und saugte das unglaubliche Farbenbombardement aus den Millionen von weggeworfenen Gegenständen auf, die sich ringsum auftürmten. Die Tönung seiner rosigen Haut veränderte sich, während er die Farben betrachtete. Sie vermischten sich in seinem Innern, bis das Gewirr der Pigmente ihn schmutzig braun schimmern ließ.

Nach einem halben Kilometer waren die Müllberge so breit, dass es zwischen ihnen kaum noch ein Durchkommen gab. Abrupt blieb Lilli stehen.

»Was ist los?«, flüsterte Sandy. »Ein Dämon?«

»Nein«, sagte Lilli. »Menschen.«

Momente später hörten sie sie. Die Stimmen kamen von hinten auf sie zu, auf dem Weg, der zum Abschleppwagen führte.

»Die Stimmen kommen mir bekannt vor«, sagte Richie. »Und sie wecken keine guten Erinnerungen.«

e9783641076801_i0077.jpg

Instinktiv rieb Richie sich das Gesicht, das man ihm vor kurzem mit Farbe besprüht hatte. Trotz seiner gelegentlichen Aussetzer vertraute Lilli Richies Instinkt – wenn er behauptete, Gefahr sei im Verzug, dann war dem auch so. Sie hielt nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau, aber der Weg vor ihnen endete vor dem größten Müllberg auf dem gesamten Gelände, und über die glitschigen, instabilen Müllhaufen ringsum zu klettern war unmöglich. Sie saßen in der Falle.

»Zoot, kannst du uns noch mal helfen?«, flüsterte sie. Aber ihr Hilfsdämon war überwältigt von all den Farben, die ihn umgaben. Farbtrunken schwankte er auf ihrer Schulter hin und her und war ihnen keine Hilfe. Stirnrunzelnd bugsierte sie ihn zurück in das Muster ihres Stirnbands.

In dem Moment tauchten hinter ihnen mehrere Personen auf, die Baseballkappen mit einem X vorne drauf trugen. Gangmitglieder. Es waren mehr als zehn Leute, die ihnen den Rückweg versperrten, Männer und Frauen, und die tätowierten Frauen sahen sogar noch eine Spur furchteinflößender aus als ihre männlichen Kollegen.

»Sieh mal einer an, die Spinner vom Reinigungsdienst«, rief eine vertraute Raspelstimme. »Ich wusste, dass wir euch finden würden«, verkündete er und lachte boshaft. Es war Dickie, der Gangchef aus Belltown.

»Lasst uns in Ruhe«, rief Sandy. »Wir versuchen nur gute Bürger zu sein.«

»Klar doch«, entgegnete sein dünner Kollege. »Wir auch. Wir untersuchen einen Einbruch auf der Müllhalde. Gerade haben wir das Fahrzeug beschlagnahmt, das bei dem Verbrechen benutzt wurde, und jetzt nehmen wir die Übeltäter fest.« Er zückte ein langes Messer.

»Wie habt ihr uns gefunden?«, fragte Lilli in der Hoffnung, ein bisschen Zeit zu gewinnen.

»Ist der einzige pinkfarbene Abschleppwagen in der Stadt«, sagte Dickie. »Der ist nicht schwer zu finden… lässt sich leicht verfolgen.«

Die Gangmitglieder waren ihnen von Queen Anne gefolgt, was bedeutete, sie wussten, wo Lilli und Richie wohnten. Hinter ihr wackelte der riesige Müllberg unmerklich hin und her, und ein rostiger Kochtopf, eine gansförmige Gartenstatue und zwei leere Motorölflaschen rutschten herab und blieben vor ihren Füßen liegen.

Die Gangmitglieder traten auf die drei zu. »Ich sehe, wir müssen dich noch mal kennzeichnen«, sagte der Dünne zu Richie und zog eine Spraydose heraus. »Diesmal sprüh ich dir ein schickes Blau auf die Augäpfel. Keine Sorge, jeder mag blaue Augen.«

Lilli stellte sich schützend vor Richie.

»Für dich wird’s noch schlimmer, Mädchen«, sagte Dickie und deutete auf sie, eine eigene Spraydose schüttelnd. Während das Rattern des Kügelchens in der Dose über den Pfad zwischen den Müllbergen hallte, geriet der größte Müllberg erneut mit einem leisen Schmatzgeräusch ins Schwanken.

»Ich dachte, ich hätte euch Kotzbrocken gelehrt, sich nicht mit uns anzulegen«, knurrte Lilli.

»Ja«, sagte Richie. »Verzieht euch lieber, sonst kriegt ihr von meiner Freundin eine Ladung Kackbraun ab, wie ihr es noch nie gesehen habt, glaubt mir!«

»Sei still«, flüsterte Lilli. »Ich bluffe doch nur.«

»Diesmal habt ihr keine Chance«, sagte der Dünne und winkte seine Kumpane heran.

e9783641076801_i0078.jpg

»Wer man uns einmal blöd gekommen ist, den vergessen wir nie wieder«, sagte eine der tätowierten Frauen. Sie hatte ein Hai-Tattoo am Hals. Eine andere hatte blaue Sterne auf der Stirn und Schlangen um die Handgelenke. Anders als die schönen, sich ständig verändernden Tintendesigns, die Lillis Körper zierten, saßen die Tätowierungen der weiblichen Gangmitglieder an den falschen Stellen und waren amateurhaft aufgetragen, so dass ihre junge Haut aussah wie mit schludrigen blauen Farbkleksen verunstaltet, die eher an hässliche Narben erinnerten als an Kunst.

»Und wir wissen, dass ihr in dem alten Haus auf dem Hügel wohnt«, sagte die andere Frau.

»Ja«, höhnte Dickie. »Ihr solltet euren Wagen nicht direkt davor parken.«

Sandy beugte sich zu Lilli hinüber. »Ich glaube, der Müllberg hinter uns ist instabil.«

»Genau wie diese Volltrottel«, flüsterte Lilli.

»Wenn wir ein bisschen nachhelfen, könnte der Berg zusammenfallen«, schlug Sandy vor.

»Und uns unter sich begraben?« Lilli verdrehte die Augen. »Tolle Idee.«

»Nein. Meine Kenntnis über Lawinen sagt mir, dass der Großteil des Berges einige Sekunden benötigen wird, um hinabzurutschen, nachdem er zu kollabieren beginnt, und das gibt uns Zeit, um davonzurennen. Wir könnten in der allgemeinen Verwirrung entkommen.«

Lilli runzelte die Stirn. »Mit Verwirrung kenne ich mich aus«, sagte sie. »Und ich muss zugeben, dass ich keinen besseren Plan habe. Aber wohin sollen wir rennen?«

»Genau auf die Kerle zu, aber danach nehmen wir die erste Abzweigung, die kommt«, sagte Sandy, während sie den Müllberg betrachtete. Sie packte die Armlehne eines alten durchgeweichten Sofas, das darin eingeklemmt war. »Richie, hilf mir.«

Richie hatte ihnen zugehört und packte das Sofa, um Sandy zu unterstützen. Es war klitschnass und schwer, aber klein genug, um es bewegen zu können. Und gleichzeitig war es groß genug, um den Berg zum Einsturz zu bringen, wenn man es herauszöge. Lilli sah, dass Sandy eine gute Wahl getroffen hatte.

»Wollt ihr uns etwa mit dem Sofa erschlagen, oder sucht ihr nur eine Sitzgelegenheit, um euch eure Abreibung verpassen zu lassen?«, höhnte Dickie und sprühte einen Farbstoß in die Luft, während er mit seinen Kollegen im Schlepptau auf sie zutrat.

Lilli wandte sich um, um Sandy und Richie zu helfen, und das Sofa rutschte mit einem lauten Schmatzgeräusch aus dem Haufen heraus.

Für Lilli schien die Zeit in den nächsten drei Sekunden stillzustehen. Zuerst geschah gar nichts, und sie dachte schon, es würde nicht funktionieren – sie würden sich von den Schlägern die Augen einsprühen lassen müssen und wären danach unweigerlich auf der Müllhalde verloren, erblindet, unfähig hinauszufinden, bis sie in all dem stinkenden Unrat sterben würden. Aber dann fuhr ein gewaltiger Schauder durch den dreistöckigen Müllberg.

»Lauft!«, rief Sandy und spurtete los. Lilli und Richie ließen das Sofa fallen und folgten ihr.

Im ersten Moment glaubten die Schläger, die drei würden sie angreifen. Die tätowierten Frauen zückten hölzerne Schlagstöcke, und die Männer bildeten einen Kreis, um Lilli, Richie und Sandy abzufangen. Aber dann schauten die Grobiane nach oben.

e9783641076801_i0079.jpg

Der triefnasse Hügel wogte hin und her wie ein Berg aus Wackelpudding und schwankte einen Moment lang über ihnen. Und als er hätte einstürzen sollen, richtete er sich stattdessen auf und versperrte einen Moment lang den Blick zum Himmel.

»Mülldämon!«, rief Lilli. Sie, Sandy und Richie stürmten an den glotzenden Schlägern vorbei und rannten nach links in einen Pfad zwischen zwei anderen Müllbergen.

Dickie und sein dünner Kollege hatten sich schon einmal von Lilli überraschen lassen und waren klug genug, sofort die Flucht zu ergreifen. Der Rest der Bande blieb stehen. Sie standen wie erstarrt da, und das Müllmonster spülte über sie hinweg und stopfte sich die Leiber der schlecht tätowierten Frauen und Männer in seinen mahlenden Bauch.

Die herabstürzende Welle aus durchweichten Abfällen raste Dickie und seinem dünnen Freund hinterher, nur abgebremst, wenn sie auf andere, kleinere Müllberge traf, aber dann riss sie auch diese mit und gewann dadurch weiter an zerstörerischer Masse.

Dickie verlor seine Baseballkappe, und obwohl er wütend zurückblickte, wagte er nicht, stehen zu bleiben und sie aufzuheben. Er war langsamer als der Dünne, der als Erster den Abschleppwagen erreichte. Die Wagentür stand noch offen, und er sprang hinein und zog sie schnell zu. Dann kam Dickie herangetaumelt und presste sein schwammiges Gesicht ans Fenster.

»Lass mich rein!«, brüllte er mit einer Miene, die nicht mehr hart oder drohend, sondern nur noch entsetzt war. Dann spülte die heranrauschende Müllwelle ihn hinfort wie Treibgut, und zurück blieb von ihm nichts weiter als ein Spuckefleck an der Fensterscheibe, wo er seinen letzten Hilferuf ausgestoßen hatte.

 

Nachdem es alle Mitglieder der Schlägerbande verschluckt hatte, hielt das Müllmonster nach weiteren Opfern Ausschau. Lilli, Richie und Sandy waren zwischen anderen Müllbergen davongeschlichen und versteckten sich hinter einem Haufen ausrangierter Haushaltsgeräte.

Richie lugte dahinter hervor.

»Was siehst du?«, flüsterte Sandy.

»Eine garagengroße Amöbe, die aus Altmetall, Bananenschalen, schmutzigen Windeln und allem anderen ekligen Zeug besteht, das man sich vorstellen kann. Und sie kommt in unsere Richtung.« Richie zog sich wieder hinter einem Kühlschrank zurück.

»Hat sie den Feind ausgeschaltet?«, fragte Lilli.

»Ja, glaub schon«, sagte Richie und hielt ihr den gehobenen Daumen entgegen.

»Den Feind?«, zischte Sandy. »Was soll das Gerede vom Feind? Wir sollen doch die Bevölkerung schützen, oder?«

»Die Kerle hätten uns umgebracht«, sagte Lilli. »Und wie es aussieht, wird dieser Mülldämon es auch tun. Wir könnten ein bisschen Hirnschmalz von dir gebrauchen, du Besserwisserin. Hast du eine Idee, wie wir hier heil rauskommen, oder kannst du uns nur kritisieren?«

Sandy sah gekränkt aus, aber ein lautes Plitsch-Platsch-Geräusch ließ sie alle drei erstarren. Der Mülldämon lauerte auf der anderen Seite des Haushaltsgerätehaufens, seine langen Mülltentakel wühlten sich durch den Unrat, suchten nach ihnen.

e9783641076801_i0080.jpg

»Er ist blind«, sagte Sandy plötzlich.

»Und wie entscheidet er, was er jagen soll?«, fragte Richie.

»Ich weiß nicht«, antwortete Sandy. »Geräusche? Vibrationen? «

»Gerüche?«, schlug Richie vor.

»Er spürt weggeworfene Gegenstände und Lebewesen«, sagte Lilli, »Menschen und andere. Und er versucht sie zu absorbieren.«

»Ich möchte aber nicht absorbiert werden«, sagte Richie.

Ein Tentakel aus einem mit Glasscherben besetzten Gartenschlauch kroch ganz in der Nähe über einen elektrischen Herd. Ein zerbrochener Brenner hängte sich ans Schlauchende, wie eine spiralförmige Klaue, und begann nach Opfern zu tasten.

Lilli duckte sich, als die Klaue über ihrem Kopf hinwegglitt, und Sandy zog den Bauch ein, um nicht berührt zu werden. Richie dagegen stand der Klaue im Weg, konnte ihr nicht ausweichen. Er blickte sich fieberhaft um, während die beiden Mädchen ihm bedeuteten, reglos stehen zu bleiben. Aber die Brennerklaue kroch zwischen seinen Beinen nach oben, und er konnte nicht stehen bleiben.

»Hü-aahh!«, brüllte er und schlug mit einer zerbrochenen Schaufel den Schlauch durch, so dass die Spiralhand zu Boden fiel und erschlafft liegen blieb. Er blickte auf. »Rennen wir jetzt los?«

»Ja«, sagte Lilli.

»Weg hier!«, rief Sandy.

Sie stürmten dem Eingang der Mülldeponie entgegen, während zehn weitere Tentakel aus alten Röhren, verdreckten Seilen und anderem biegsamem Müll hinter dem Haushaltsgerätehaufen hervorschossen. Die drei rannten und wichen immer wieder zur Seite aus. Richie hackte auf die Tentakel ein, die nach ihnen griffen. Eine schmutzige lange Hand aus chirurgischen Instrumenten und stinkenden Socken schlang sich um Sandys Bein, und er stieß die zerbrochene Schaufel mitten durch die Hand in den Boden.

»Danke!«, japste Sandy.

Während sie rannten und rannten, verleibte der Mülldämon sich den Haushaltsgerätehaufen ein, riss die Föhne, Kühlschränke und Geschirrspüler heraus und stopfte sich alles in den massigen Körper. Unterdessen konnten sich Lilli, Sandy und Richie einen kleinen Vorsprung erlaufen.

Dennoch blieb der riesige Müllberg ihnen auf dem Fersen. Er wogte unablässig voran, seine Myriaden von dreckstarrenden Einzelteilen pflügten durch die Abfälle, die ihm im Weg waren, und absorbierten sie, so dass er größer und größer wurde. Zersplittertes Holz, scharfkantige Sprungfedern und Metallrahmen aus alten Bettgestellen schufen einen knirschenden Mahlstrom, der sie unweigerlich zerquetschen würde, falls sie ihr Tempo auch nur ein klein wenig verringern würden.

Lilli stürmte um eine Biegung und blieb abrupt stehen. Sackgasse. Richie und Sandy kamen herangeeilt und sahen sich fieberhaft um. Sie saßen in der Falle. Hinter ihnen richtete der Müllberg sich auf und hielt inne, um kurz den Augenblick seines Triumphes zu genießen, bevor er sie verschlingen würde.

»Tut mir leid«, sagte Sandy. »Das alles war meine Idee.«

»Wir sind ein Team«, erklärte Lilli. Es wäre sinnlos, einem Einzelnen die Schuld an allem zu geben.

e9783641076801_i0081.jpg

»Ja«, sagte Richie. »Wir haben alle zugestimmt, auf Dämonenjagd zu gehen.«

Plötzlich übertönte das Brüllen eines Fahrzeugs ihren Wortwechsel. Hinter dem Mülldämon ließ der Abschleppwagen den Motor aufheulen. Die Reifen drehten einen Moment lang durch, wirbelten Matsch auf.

Der Mülldämon kauerte sich zusammen, suchte nach einem Fluchtweg.

»Seht nur! Vorne am Wagen hängt eine riesige Klinge«, sagte Sandy und deutete auf den Kühlergrill, wo jemand in einer horizontalen Linie die Metallverschlüsse von Aluminiumdosen an der Stoßstange befestigt und dadurch einen scharfkantigen Pflug hergestellt hatte. »Der Dämon fürchtet sich davor.«

»Wer sitzt am Steuer?«, rief Richie.

Der Abschleppwagen kam auf den Müllberg zugerast, der sich nun wieder aufrichtete und zur Seite neigte, als versuche er, sich umzuwenden und zu fliehen. Einzelne Abfälle rutschten entsetzt an ihm herunter. Hunderte durchweichter Zeitungen kamen aus dem Müllberg herausgeflattert wie ein erschrockener Vogelschwarm. Schimmlige Puppen krochen unter dem Haufen hervor und krochen verzweifelt zu anderen Müllbergen, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Ein alter Toaster versuchte herunterzupurzeln, aber vergebens, weil sein Stromkabel in dem Haufen festhing.

Der Abschleppwagen mit der improvisierten Bulldozerklinge raste genau in die Mitte des Dämons hinein. Beim Aufprall gab es einen ohrenbetäubenden Knall, und die Abfälle flogen in alle Richtungen. Lilli, Richie und Sandy sprangen zur Seite, wurden aber trotzdem mit herumfliegendem Müll übersät. Einen Moment lang konnten sie nichts mehr erkennen.

Dann, genauso plötzlich, wie der Müll explodiert war, lag er reglos am Boden, und auf der Mülldeponie kehrte wieder Ruhe ein. Benommen blickten Lilli, Richie und Sandy um sich. Der Müllberg war verschwunden, und statt seiner lag nun eine platt gewalzte Schicht aus Abfällen vor dem Kühlergrill des Abschleppwagens.

»Ist er tot?«, fragte Sandy.

»Nein«, sagte Lilli. »Müll kann man nicht töten. Man kann nur versuchen, seiner Herr zu werden.«

Alle drei starrten zur Windschutzscheibe des Abschleppwagens. Sie war völlig verdreckt, mit Schlamm und klebrigem Schleim verschmiert. Einer der Schläger, dem die Flucht gelang?, fragte sich Lilli beklommen. Es war die einzige Erklärung. Gleich wird er auch uns überfahren. Dann traf sie, Richie und Sandy fast der Schlag, als sich die Scheibenwischer in Bewegung setzten, den Dreck von der Windschutzscheibe schoben und ein bekanntes Gesicht zu ihnen herabblickte.

»Nate!«, riefen sie alle wie aus einem Mund.

e9783641076801_i0082.jpg