5. Kapitel
Angriff der Rostdämonen
Neebor eilte mit stolperndem Gang, so wie alte Männer es tun, von einer einstürzenden Wellblechplatte zur nächsten. Zuerst liefen die Platten orangefarben an, dann erschienen gezackte Löcher in ihnen, und schließlich zerfielen sie zu Staub. Anfangs war es ein langsamer, fast unmerklicher Vorgang. Neebor hatte an seiner Metallbarrikade gestanden und mit zusammengekniffenen Augen die Straße beobachtet, hatte gespürt, dass irgendetwas im Gange war, ohne so recht zu wissen, was. Kurz darauf war, direkt unter seiner Nase, die Wellblechplatte dunkler geworden und hatte ihre Farbe verändert. Dann beugte Neebor sich vor und stieß seine Hand versehentlich durch einen orangefarbenen Rostfleck im Wellblech.
Bei der ersten Wellblechplatte hatte es mehrere Minuten gedauert, bis die Rostdämonen sie aufgefressen hatten. Nun aber, auf dem Höhepunkt ihrer Schlemmerorgie, fraßen sie sich in weniger als sechzig Sekunden durch eine Platte, ehe sie sich über die nächste hermachten. Genau genommen sah Neebor die Winzlinge gar nicht, nur das Resultat ihres unsäglichen Treibens. Ganze Abschnitte der metallenen Umzäunung stürzten unvermittelt ein oder lösten sich auf wie Zuckerwürfel im Regen; jedes Mal stand Neebor in seinem zunehmend ungeschützten Garten fassungslos davor, ehe er zu einem Abschnitt weitereilte, der noch stand.
»Ihr könnt vielleicht meinen Zaun kaputt machen«, brüllte er niemand Bestimmten an, im Glauben, der Feind verberge sich irgendwo auf der Straße, »aber ihr besiegt mich nicht ohne Kampf!«
Nur eine einzige Wellblechplatte stand noch, als er schließlich seine lange Schrotflinte holte, sie aufklappte und zwei Patronen in den Doppellauf schob.
»Kommt, holt’s euch«, rief er und klappte die Flinte wieder zu. Er legte sich den Kolben an die Schulter und den Doppellauf auf die letzte noch stehende Wellblechplatte.
Und dann kamen sie. Ungesehen krabbelten sie zur Flinte hinauf wie ein Ameisenschwarm und schlugen ihre mikroskopisch kleinen Zähnchen in das polierte Metall. Neebor hielt noch auf der Straße nach einem Angreifer Ausschau, als der Doppellauf einfach abbrach.
Schutzlos rannte der Alte zur Garage. Auf dem Weg dorthin zerbröselte seine metallene Gürtelschnalle, und seine Hose rutschte ihm zu den Knien herab, so dass er plötzlich wie ein Pinguin durch die Gegend watschelte. Sein Brillengestell löste sich auf, und mit einem Mal sah er alles, was mehr als zwei Meter entfernt war, nur noch als verschwommene Fläche.

Taumelnd erreichte er den Chevy, seinen ganzen Stolz, und tastete nach dem Türgriff. Der Wagen war uralt, und er hatte gehört, wie die Kinder sich darüber lustig machten, aber er hatte den Wagen immer liebevoll gepflegt, hatte alle fünftausend Kilometer das Öl gewechselt und den Wagen jedes Wochenende gewaschen und gewachst. Plötzlich hielt er den abgefallenen Türgriff in der Hand. Doch er hatte noch Glück, denn im nächsten Moment fiel die ganze Tür heraus. Er keuchte erschrocken und stieß einen leisen, traurigen Seufzer aus, aber es gelang ihm zumindest, noch in den Wagen zu steigen und den Schlüssel in die Zündung zu stecken.
Rumpelnd erwachte der Chevy zum Leben, und Neebor schaltete in den Rückwärtsgang und setzte zur Straße zurück, während ein Teil nach dem anderen vom Wagen abfiel und die Einfahrt verunstaltete. Klappernd plumpste der Außenspiegel zu Boden. Die vordere Stoßstange wurde quietschend mitgeschleift, dann schlug sie auf den Asphalt. Er konnte die Angreifer noch immer nicht sehen, aber inzwischen hatte er das Gefühl, dass nicht sie den Zerfall seines Wellblechzauns verursacht hatten – nein, die Angreifer selbst waren der Zerfall. Es gab aber nichts, was er dagegen tun konnte. Die Einzelteile des Autos lösten sich nun so schnell auf, dass das Wagendach bereits zu Staub zerfallen war, als es einstürzte und ihm auf den Kopf fiel.
Als er das Ende seiner Straße auf dem Queen-Anne-Hügel erreichte, waren vom Chevy nur das Chassis, der Fahrersitz und die Reifen übrig. Eine Spur rostzerfressener Trümmer führte vom Haus bis dorthin, wo der Wagen auf den Hang zurollte, der steil zur Stadt hinabführte. Als Neebor ihn erreichte, merkte er, dass die Bremsen seines geliebten Chevy nicht mehr vorhanden waren, dann sausten er selbst, das Chassis und die Reifen den Hang hinunter.
