7. Kapitel

Der Hämmernde Mann

Lilli fuhr den Abschleppwagen über die First Avenue in Richtung Bibliothek. Es gab so gut wie keinen Verkehr. Das Chaos, das seit einer Woche die Stadt beherrschte, schien die Menschen zu veranlassen, sich zu Hause zu verbarrikadieren, so wie Mr. Neebor. Kein einziges Polizeiauto war zu sehen, obwohl man in der Ferne unzählige Sirenen hörte.

»Die Polizei muss woanders zugange sein«, bemerkte Sandy.

»In jedem Winkel der Stadt, wenn man nach dem Geheule geht«, sagte Richie.

Lilli beobachtete die Straße. »Was haltet ihr davon?«, fragte sie und deutete auf zwei zurückgelassene Autos, die mit zertrümmertem Dach mitten auf der Fahrbahn standen.

»Ausweichen!«, rief Richie plötzlich, packte das Lenkrad und riss es herum. Der Abschleppwagen brach aus, geriet ins Schleudern und wäre fast umgekippt, bevor er unter lautem Kreischen zum Stehen kam.

Rumms! Etwas krachte auf den Asphalt herab, genau an der Stelle, wo sie im nächsten Moment entlanggefahren wären, wenn Richie nicht das Lenkrad herumgerissen hätte.

»Was war das?«, keuchte Sandy.

»Keine Ahnung«, sagte Richie. »Ich hab nur gespürt, dass etwas auf die Stelle runtersaust, an der wir gleich vorbeigekommen wären.«

»Ich habe es auch gespürt«, sagte Lilli. »Einen Augenblick vor Richie und nicht ganz so stark.«

Die drei starrten durch die Windschutzscheibe, bemerkten aber nichts Ungewöhnliches – außer den zertrümmerten Autodächern und dem großen Loch in der Straße. Mit höchster Wachsamkeit stiegen sie aus dem Abschleppwagen.

»Hier ist nichts«, sagte Sandy.

Tatsächlich rührte sich nichts auf der First Avenue. Sie waren die einzigen Menschen weit und breit.

»Es ist ein Dämon«, erklärte Richie. »Ich spür ihn.«

»Ich auch«, sagte Lilli und nickte.

»Welche Art von Dämon ist zu so etwas imstande?« Sandy deutete auf das Loch im Asphalt. Es hatte einen Durchmesser von zwei Metern und war dreißig Zentimeter tief, und drum herum lagen faustgroße Asphaltbrocken.

»Egal wer das war, der Schlag hätte uns platt gemacht wie Pfannkuchen«, sagte Richie.

»Seid auf alles gefasst«, warnte Lilli. »Der Dämon ist noch in der Nähe.«

Die drei standen Rücken an Rücken in der First Avenue Ecke University Street und hielten in alle Richtungen Ausschau.

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»Was für ein Dämon ist das?«, wollte Sandy hartnäckig wissen, sichtlich frustriert, dass sie kein Hüter war und den Angreifer nicht würde sehen können, falls er sich nicht von selbst zeigte. »Hier ist nichts.«

Sie standen inmitten einer Ansammlung hoher Gebäude, die alle wegen des Aufruhrs verbarrikadiert waren. Selbst das Seattle Art Museum gleich hinter ihnen war geschlossen. Lilli hob den Blick. Vor dem Museumseingang ragte eine gut fünfzehn Meter hohe Metallskulptur auf. Lilli neigte den Kopf zur Seite.

»Was ist das?«, fragte sie.

Lilli liebte Kunst, aber sie wohnte erst seit wenigen Wochen in Seattle und hatte dem großen Museum noch keinen Besuch abgestattet. Die anderen folgten ihrem Blick.

»Das ist Der Hämmernde Mann«, erklärte Sandy. Sie ratterte die Fakten über das riesige Kunstwerk herunter, wie es nur eine pedantische Assistenzbibliothekarin vermochte. »Es ist eine kinetische Skulptur, erschaffen vom Künstler Jonathan Borofsky. Sie ist fünfzehneinhalb Meter hoch, fünfundsiebzig Zentimeter breit und wiegt dreizehntausend Kilo. Der Hammer geht tagein, tagaus im Zeitlupentempo auf den Amboss nieder. Der Akt soll das Schaffen des Arbeiters repräsentieren. Es gibt weitere Skulpturen dieser Art. Die höchste steht in Deutschland, in Frankfurt.«

Lilli ging um die Skulptur herum. Der riesige Mann war schwarz angemalt und so schmal, dass es aussah, als schwebe ein aufrecht stehender Schatten über dem Gehsteig vor dem Museum.

»Ganz schön hoch«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen.

»Ja, und?«, erwiderte Richie.

»So hoch, dass man ihn nicht sieht, wenn man mit dem Auto daran vorbeifährt.«

Sandy deutete nach oben. »Seht euch den Hammer an«, sagte sie.

Die flache Seite des Hammerkopfes war zerkratzt und zerdellt. Farbsplitter hingen daran, und die Oberfläche wies eine schwarze Schliere auf.

»Die Farbsplitter sind weiß und blau«, sagte Sandy.

Richie schaute zu den zertrümmerten Autos hinüber, ein blaues und ein weißes. Der Asphalt war schwarz. »Ich glaube, wir haben unseren Dämon gefunden.«

Einer der massiven Füße der Skulptur begann zu zittern.

»Ich wusste es. Wir hätten lieber zu Hause bleiben sollen«, flüsterte Lilli.

»Hah! Wir haben dich entdeckt«, herrschte Sandy die Skulptur an.

Als Antwort riss der gigantische Metallmann mit einem ohrenbetäubenden Knirsch den Fuß aus dem Boden und trat ruckartig vor.

»Gut gemacht, Sandy«, sagte Richie.

»Lauft weg!«, rief Lilli.

Die drei rannten so schnell sie konnten zum Abschleppwagen. Aber der Hämmernde Mann folgte ihnen gar nicht. Stattdessen riss er den anderen Fuß aus dem Beton, setzte sich mit langsamen, roboterhaften Bewegungen auf der First Avenue in Marsch und hinterließ dabei riesige Fußabdrücke im Gehsteig.

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Rumms! Der Hammer krachte auf ein parkendes Auto herab, das umkippte und auf dem Dach liegen blieb.

Lilli wandte sich um. »Was tut er da?«

»Sachen kaputtschlagen?«, erwiderte Richie.

»Warum denn?«

»Wenn man außer einem Hammer nichts anderes besitzt, dann hält man alles für einen Nagel«, sagte Sandy.

»Ja. Wenn man einen Hammer in der Hand hält, dann haut man wahrscheinlich auch irgendwo drauf. Ich würde es jedenfalls tun.«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Sandy.

»In den Wagen steigen und weiterfahren«, sagte Lilli. »Wir wollen doch zur Bibliothek, richtig?«

Sandy schüttelte den Kopf. »So dringend ich auch in die Bibliothek möchte, wir müssen hier etwas tun.« Sie sah Lilli direkt an. »Das ist urbane Kunst, die Amok läuft. Genau dein Metier, Lilli. Mit den Graffiti bist du doch auch klargekommen.«

»Es war nur ein bisschen Farbe an der Wand. Das hier ist ein Fünfzehn-Meter-Koloss!«

Wie um ihr Argument zu unterstreichen, ließ der Metallmann seinen Hammer herumschnellen und zertrümmerte vier Plexiglasscheiben eines Buswartehäuschens und beim Rückschwung eine Metallmülltonne.

»Du hast dich auch mit den Gangmitgliedern angelegt«, rief Sandy ihr ins Gedächtnis.

»Mir blieb nichts anderes übrig. Du hast sie wütend gemacht, und sie wollten uns ans Leder. Das Ding dort entfernt sich von uns. Lass es gehen.«

»Und wenn du einfach mit ihm redest…«

»Machst du Witze? Ich mache ihn doch nicht auf mich aufmerksam! Er hämmert alles nieder, was ihm ins Auge fällt.«

Ein Minivan bog auf die First Avenue ein, und die Skulptur erstarrte. Gebannt beobachteten die drei, wie das Fahrzeug näher kam. Der Hämmernde Mann stellte sich leblos, stand wie versteinert da. Die Familie im Minivan würde nichts ahnen, bis er ihnen das Wagendach zertrümmerte. Richie zögerte nicht. Ehe das Fahrzeug die Kreuzung erreichte, rannte er mitten auf die Straße.

»Wartet! Haltet an! Dreht um! Passt auf!«, brüllte er, gestikulierte wild herum und trat direkt vor das Fahrzeug, damit es der Skulptur nicht zu nahe kam.

Der Fahrer scherte aus, um Richie nicht zu überrollen, und entging dadurch, ohne dass es ihm bewusst war, der Attacke des Hämmernden Mannes. Sobald der Wagen in einer Seitenstraße verschwand, erwachte die riesige Skulptur wieder zum Leben. Sie köpfte einen Hydranten, worauf sich ein Wasserschwall auf die Straße ergoss. Ein Stromkasten explodierte in einem sprühenden Funkenmeer. Eine Straßenlaterne steckte mehrere Hammerschläge ein, bis sie schließlich zerbrach und die Glaslampe am Boden zerschellte.

»Jetzt komm schon, Lilli«, drängte Sandy. »Richie tut das Richtige. Wir können nicht zulassen, dass dieser Dämon die Stadt kurz und klein schlägt.«

»Sicher können wir das«, widersprach Lilli mit großen Augen. »Wir fahren einfach weg.«

Sandy kletterte auf den Fahrersitz des Abschleppwagens. »Okay, du hast gewonnen. Steig ein.«

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Erleichtert sprang Lilli auf den Beifahrersitz. Sandy drückte die Hupe, und auch Richie kam herbeigerannt und sprang hinten auf die Ladefläche. Dann fuhr Sandy eine Kehrtwende und steuerte das Fahrzeug direkt auf den Hämmernden Mann zu.

»Was tust du?«, japste Lilli.

Zoot spürte die Unruhe seiner Hüterin und nahm auf ihrer Schulter Gestalt an.

»Richie!«, rief Sandy durchs herunterkurbelte Fenster. »An die Kette!«

»Ich habe keine Lust, eine aufs Dach zu bekommen«, empörte sich Lilli und legte sich schnell den Sicherheitsgurt an.

Zoot schob seinen gehörnten Kopf aus dem Fenster und ließ die lange pinkfarbene Zunge heraushängen, so dass er aussah wie eine Mischung aus einem hechelnden Hund und einem heranstürmenden Stier.

Der Abschleppwagen rumpelte über die Bordsteinkante und raste der Skulptur über den Gehsteig hinterher.

»Warum fährst du auf dem Bürgersteig?«, brüllte Lilli. Dann erinnerte sie sich, was Nate ihr erzählt hatte – Sandy war keine gute Fahrerin, besonders bei Fahrzeugen mit Schaltung

»Ups!« Sandy schluckte.

Richie hakte am Heck des Abschleppwagens die lange Eisenkette aus und schwang sie wie ein Lasso, während er sich mit der anderen Hand an der Hebevorrichtung festhielt.

»Jippiiijey!«

»Wirf ihm die Kette um die Beine, wenn ich an ihm vorbeifahre«, rief Sandy nach hinten.

Der Abschleppwagen holperte über die Trümmer, die der Hämmernde Mann bei seinem Amoklauf hinterließ. Richie verlor den Halt und stürzte unsanft auf den Rücken, während sie an dem Mann vorbeidonnerten.

»Wirf!«, rief Sandy.

Es war vergebens. Richie lag da wie betäubt.

Sandy scherte aus, um einem umkippenden Stoppschild auszuweichen, und stieg voll auf die Bremse. Der Wagen kam quietschend zum Stehen und schleuderte Richie mit einem schmerzhaft klingenden Bumms gegen die Rückseite des Fahrerhauses.

Zoot flog aus dem Fenster und zerplatzte auf dem Gehsteig zu einem breiten rosigen Farbklecks mit hunderten Tropfen ringsum wie ein mit pinkfarbenem Wasser gefüllter Luftballon.

Nachdem sie unter ihrem Sicherheitsgurt kurz durchgeschüttelt worden war, schaute Lilli zu Sandy hinüber und sah, dass diese über dem Lenkrad zusammengesunken war und leise röchelte.

Der Hämmernde Mann wandte sich zum abgewürgten Abschleppwagen um und hob seinen Hammer.

Sie durfte sich nicht länger widersetzen. Gleich würde der Dämon Neebors heiß geliebten Abschleppwagen verschrotten und sie drei vermutlich gleich mit. Lilli öffnete den Sicherheitsgurt und sprang ins Freie.

Der herabschnellende Hammer änderte seine Flugbahn, zielte nun auf Lilli. Aber der Metallmann war ungelenkig und langsam. Sie sprang zur Seite, als der Hammer mit voller Wucht auf den Gehsteig schlug.

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Einige Schritte entfernt versuchte Zoot seinen verspritzten Körper wieder zusammenzufügen. Diesmal würde ihr der Kleine nicht beistehen können, befand Lilli. Die Kette, fiel ihr plötzlich ein. Sie lag an der Stelle, wo Richie sie hatte fallen lassen. Lilli klaubte sie schnell auf, während der Hämmernde Mann zum nächsten Schlag ausholte.

Sie hatte nicht den passenden visuellen Trick auf Lager und war als Künstlerin nicht anspruchsvoll genug, um einem mehrere Stockwerke hohen Meisterwerk Befehle erteilen zu können. Es war keine Straßenkunst. So hielt sie die Eisenkette einfach in den Armen und rannte dem Hämmernden Mann durch die Beine. Bei fünfzehn Metern Höhe und nur fünfundsiebzig Zentimetern Breite würde er bestimmt leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Und so kam es dann auch. Der auf Lilli zielende Hammerschlag zog den Giganten über den Punkt hinaus, bei dem er umkippen würde. Er neigte sich zur Seite und stürzte unter gewaltigem metallischem Getöse auf den Asphalt.

Lilli schlang ihm schnell die Kette um den Fußknöchel, während er sich am Boden wand und versuchte sein gewaltiges Gewicht emporzustemmen und sich aufzusetzen. Das Geräusch und der Geruch von Metall, das gegeneinanderreibt, ließen Lilli zusammenzucken. Sie kam sich vor wie in einer Fabrik, in der die Maschinen auf Hochtouren liefen.

Die Kette war angelegt, bevor der Hämmernde Mann sich aufrappeln konnte. Lilli zog die Glieder straff und schob den Sicherungsbolzen hindurch, so dass die Kette den Fußknöchel der Skulptur fest umschloss. Danach rannte Lilli zurück zum Abschleppwagen, schob die noch immer angeschlagene Sandy auf den Beifahrersitz und schaltete in den Rückwärtsgang.

Als der Abschleppwagen außer Reichweite der Skulptur war, hielt Lilli an, sprang wieder hinaus und befestigte das andere Kettenende am Sockel einer Straßenlaterne.

Richie und Sandy lugten stöhnend aus dem Wagen. Zoot kam schwankend die Straße entlanggewatschelt. Sein halber, tropfender Körper war völlig unförmig, hatte noch nicht seine runde pummelige Gestalt zurückerlangt.

»Was ist passiert?«, fragte Richie.

»Ich habe für dich Cowboy gespielt«, sagte Lilli. »Welcher Dämon das auch immer ist, der von Nates Dachboden geflohen ist und die Skulptur mit Chaos infiziert hat, in ihm ist viel Wut aufgestaut.«

Sie wandten sich um und sahen den Hämmernden Mann auf dem Gehsteig hocken. Er war nun ganz ruhig und wirkte traurig, während er langsam und mechanisch den Hammer auf die Eisenkette niederfahren ließ.

»Das sollte ihn eine Weile beschäftigen«, sagte Lilli.

»Es sieht richtig gut aus, wie er so dasitzt«, sagte Richie und neigte den Kopf zur Seite.

»Ja«, stimmte Sandy ihm zu. »Du hast wirklich eine ausgeprägte künstlerische Ader, Lilli.«

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