Bevor der Tag um ist, sind wir Ärzte.« Ich sehe meine Freundinnen an. Entschlossen. Der letzte Prüfungsabschnitt dauert vier Stunden. Danach ist es überstanden. Dann ist alles geschafft, wofür wir gearbeitet haben.

Wir müssen nur noch gefühlte 100 Fragen beantworten. Isa zuerst.

Jenny und ich sind erst am Nachmittag dran. Aber wir wollen hier sein, wenn Isa als Ärztin den Raum verlässt.

Die Gruppe formiert sich. Isa und ihre Pädiater-Freunde. Gleich geht es los. Isa wirkt ruhig und konzentriert.

Doch kurz bevor die Tür geöffnet wird, hastet sie noch einmal zurück. Tom ist gekommen. Grade noch rechtzeitig, um ihr Glück zu wünschen.

Isa küsst ihn ganz schnell – und dann eilt sie in den Prüfungsraum, als könne sie es nicht erwarten.

Wir warten. Tom schläft irgendwann auf einer der Bänke ein, er hat im Nachtzug kein Auge zugetan. Irgendwann kommen Isas Eltern. Sie sind schrecklich aufgeregt und haben Sekt dabei. Alkoholfreien.

Sie begrüßen uns herzlich und wollen sich unterhalten. Sie sind wirklich nett. Aber keine von uns kann jetzt eine Unterhaltung führen.

»Die machen mich fertig«, haucht Jenny und wir verschwinden. Ich möchte in die Cafeteria, aber dort ist es schrecklich voll. Oder auf den Hof. Aber da will Jenny nicht hin. Weil der Laboreingang auf den Hof führt. Wir enden an einem Ort, von dem ich gehofft hatte, dass ich nie wieder unnötig Zeit dort verbringen müsste. Im Damen-Waschraum.

Und dort warten wir schweigend die letzte Stunde ab.

Isa kommt zuerst aus dem Prüfungsraum. Sie umarmt Tom, ihre Eltern, uns beide.

»Sehr gut«, haucht sie sprachlos.

Es ist unglaublich. Ein Sehr gut. Mit Auszeichnung.

Wir müssen sie ganz schnell umarmen. Und dann hineingehen. Ein letztes Mal alles Wissen parat halten. Alles Wissen dieser Welt.

Heute dürfen die Prüfer alles fragen. Wir losen, in welcher Reihenfolge wir drankommen. Ich möchte nicht die Erste sein. Und vielleicht nicht die Letzte.

Jenny zieht das längste Streichholz. Ich das dritte. Johanna zieht das Kürzeste.

Ich habe mir fest vorgenommen, die Fragen der anderen aufmerksam anzuhören und im Kopf zu beantworten. Nur kurz noch mal konzentrieren.

Von Johannas Befragung bekomme ich nichts mit, auch nichts von Patricks. Na toll. Dann hätte ich auch Erste sein können. Aber jetzt geht es los. Für mich. Alle vier Prüfer lächeln einmal kurz. Dann ist das Feuer eröffnet.

»Wie lange dauert das Wochenbett und was passiert in dieser Zeit?«

Das ist einfach. Ich kann Dr. Al-Sayed sogar anlächeln, während ich antworte.

»Welche Kriterien müssen Sie bei der Bewertung der Serumkonzentration eines Pharmakons berücksichtigen?«

Moment. Isa hat uns dazu einen Vortrag gehalten. Als sie noch dachte, sie würde selbst keine Prüfung machen. Isa hat ein unglaubliches Sehr gut. Mit Auszeichnung. Ich wiederhole, was ich von ihrem Referat noch weiß. Sie hat es sicher ganz genau gewusst. Und Prof. Heidemuth nickt zu meiner Antwort.

»Betrachten Sie mal diese Abbildung. Welche Diagnose würden Sie stellen?«

Das Bild, das Dr. Thiersch mir hinhält, zeigt Gasbrand. Das ist so leicht, dass es in ihrer Fortbildung gar nicht vorkam. Aber Dr. Gode hat so was noch mal gezeigt.

»Was ist eine Crushniere?«, fragt Dr. Paulsen.

Akutes Nierenversagen durch Myoglobinurie.

»Was sind die einer Urämie zugrundeliegenden Krankheiten?«

Moment, Dr. Paulsen, das ist doch schon wieder Nephrologie. Aber ich kann es beantworten.

Dr. Paulsen fragt ziemlich viel rund um die Niere. Ich denke an Rubens Nierchen mit Spätzle. Und dann an Tobias. Die stundenlangen Verhöre. »Lernen Sie morgen Nephrologie, Sie haben noch wesentliche Defizite«.

Das habe ich getan. Um es ihm zu beweisen. Und jetzt hilft es mir, eine Paulsen-Nieren-Frage nach der anderen zu beantworten.

Bis zu der, mit welcher Akutbehandlung ich die Prognose einer Patientin mit Myokardinfarkt und kardiogenem Schock am ehesten verbessern würde.

Das weiß ich nicht. Ich war jetzt so vollkommen auf die Niere eingeschossen. Ich wette, das macht sie absichtlich. Sie sieht mich an und es wirkt, als sei sie sehr zufrieden mit ihrem blöden Trick.

»Myokardinfarkt und kardiogener Schock …«, wiederhole ich. »Ich könnte Nitrate geben. Oder intubieren und beatmen.« Ich muss noch denken! »Revaskularisation?«, fahre ich fort, immer unsicherer. »Oder ich gebe Dobutamin.«

Schön, dass ich alles mal gesagt habe.

Das war’s. Ich werde hübsch Eindruck machen – in meinem schicken Kittel in der Bäckerei. Obwohl … vielleicht passt er dahin. Die Bäckereikundin, die mit dem Myokardinfarkt vor dem Tresen umkippt, wird sich in besten Händen fühlen.

Soll ich ihr nun Dobutamin geben? Keine Nitrate. Die helfen zwar, verbessern aber die Prognose nicht. Sie hat einen kardiogenen Schock. Also müsste ich eine Notfall-Bypass-OP durchführen. In der Backstube. Die Prognose der Frau kann nur durch eine rasche Reperfusions-Therapie gebessert werden.

Und das sage ich endlich auch. Alles. Ich sehe sie lächeln. Dr. Al-Sayed, Prof. Heidemuth und sogar Dr. Thiersch. Ganz leicht. Sie haben gemerkt, dass ich hier beinahe gestrauchelt wäre. Und ich merke, dass ich es gerade noch hingekriegt habe.

Ich habe ein solches Hoch, fast schade, dass mich niemand nach den Phasen des Herzzyklus fragt. Ich hätte solche Lust, ihnen »Füll-ungsphase, Diastase, Vor-hof-kon-trak-tion« vorzusingen.

Aber dazu komme ich nicht mehr. Es ist vorbei.

Das war es, Lena. Nun kannst du wirklich nichts weiter tun.

Sobald ich wieder sitze, habe ich überhaupt kein Gefühl mehr dafür, wie ich abgeschnitten haben könnte.

Nur noch Jennys Prüfung – dann werde ich es erfahren.

Jennys Befragung zieht sich stundenlang hin. Sie dauert nicht länger als meine. Aber sie fühlt sich um Lichtjahre länger an.

Jenny verhaspelt sich. Immer wieder.

Sie versagt heute sogar bei Dr. Al-Sayeds Aufgaben. Obwohl ich den Eindruck habe, dass wir ihre Fragen wirklich aus eigener Anschauung auf ihrer Station beantworten könnten – und nicht aus dem Lehrbuch.

Es wird immer schlimmer. Jenny verrennt sich, entschuldigt sich, setzt neu an. Und hier sitze ich und kann ihr nicht helfen.

Endlich wird Jenny erlöst.

»Danke«, sagt Dr. Thiersch. Es hört sich an wie »Schade«.

Wir dürfen nach draußen gehen. »Noch fünf Minuten.«

Als wir auf den Flur treten, sind auch meine Eltern angekommen. Und Alex. Sie haben sich schon bekannt gemacht. Papa möchte den Sekt köpfen.

»Noch nicht«, bremse ich ihn, »wir haben es doch noch gar nicht geschafft!«

Doch eigentlich weiß ich es schon. Ich habe bestanden.

»Frau Weissenbach?!«

Ich muss wieder rein. Fast stürze ich über die Türschwelle vor Eile. Und dann ist es so weit.

»Na bitte«, sagt Dr. Thiersch. Mehr förmliche Worte hält sie offenbar nicht für nötig. Aber sie lächelt. »Bestanden.«

Dr. Al-Sayed drückt meine Hand fest, als sie mir gratuliert.

»Ganz knapp. Aber es reicht.«

Es reicht? Bestanden, grade so?

Doch dann taucht die Erkenntnis auf wie ein gigantischer Sonnenaufgang. Meine Note geht über dem Prüfertisch auf. Ich begreife erst Sekunden später. Es reicht nicht um zu bestehen. Es reicht grade noch für ein Sehr gut.

Du bist am Ziel, Lena.

Du bist Ärztin.

Miss Emergency, Band 4: Miss Emergency , Operation Glücksstern
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