
Etwa 30 Prozent«, sagt Jenny und tritt nervös ihre Zigarette aus, nur um sich sofort die nächste anzuzünden.
»Es kommen ungefähr 300 Leute. Man muss doch nur abzählen.«
Sie überblickt die Menge der Medizinstudenten, die auf die Turnhalle zuströmt, und zeigt wahllos auf ein paar. »Der, die und der dahinten – die brauchen gar nicht erst reinzugehen. 100 fallen durch, die könnte man doch gleich am Eingang abfangen. Warum sollen sie sich hier drei Tage quälen?«
»90«, korrigiere ich automatisch, »30 Prozent sind 90. Und außerdem fallen nicht 30 Prozent durch, sondern höchstens 10. Können wir jetzt reingehen?«
»Gleich«, sagt sie und sieht sich noch einmal um. Der Zustrom der Studenten wird weniger. »Wir müssen jetzt wirklich«, warne ich.
Jenny seufzt, schnippst ihre Zigarettenkippe weg und wirft einen letzten Blick über den Vorhof der Turnhalle.
»Dann eben nicht«, sagt sie leise.
Oh verdammt. Hat sie gehofft, dass Felix …
»Ich hab Alex gesagt, dass wir vor der Schriftlichen keine Ablenkung brauchen können«, erkläre ich hilflos. »Kein Frühstück, keinen Zuspruch und keinen Transfer. Vielleicht hat er das ja … weitergesagt?«
»Vergiss es«, winkt Jenny ab und ist schon an der Tür.
Ich werfe nur noch einen allerletzten Blick … und entdecke an der Straße jemanden, den ich partout nicht hier erwartet hätte. Obwohl er absolut hier her gehört. Jemand in einer dünnen roten Strickjacke. Die nur ein bisschen zu eng ist.
Ich breite die Arme aus; ich hab mich noch nie so gefreut, sie zu sehen.
»Ist doch Quatsch«, sagt Isa, »wenn’s schiefgeht, kann Mami die Prüfung doch nächstes Jahr wiederholen.«
Jenny ist ebenso begeistert und umarmt Isa überschwänglich.
Wir zeigen unsere Examens-Zulassung und Ausweise vor, geben die Handys ab und verstauen unsere Taschen; wir ordnen die wenigen erlaubten Habseligkeiten auf den Tischen – Schokolade, Wasser, Müsliriegel, Bleistifte, Radierer UND den Glückskuli.
Ich nehme an dem Tisch mit meinem Namen Platz und sehe mich um; wie aufmerksame kleine Erdmännchen sitzen die Studenten in den Reihen vor mir kerzengerade. Jenny und Isa haben zum Glück Tische in meiner Nähe zugeteilt bekommen. Ein Mann überprüft Jennys Zigarettenschachtel auf eventuelle Zettelchen, Jenny schaut ihn empört an. Isa lächelt, lächelt mir zu. Und dann geht es los.
In der Vorrede wird aufgezählt, was wir alles nicht dürfen. Nicht reden, kein eigenes Papier verwenden, nur mit Begleitung aufs Klo. Am Rand sitzen Aufsichtspersonen, die sich sicher schon herzlich darauf freuen, den ganzen Tag lang fremde Studenten aufs Klo zu begleiten. Kaum jemand hört richtig zu, der Junge vor mir trommelt die ganze Zeit einen irren Rhythmus auf den Tisch. Nicht, dass ich nicht auch schrecklich nervös wäre. Aber ein Teil von mir überlegt auch, welcher Song das sein könnte. (Schade, dass wir nicht einfach in so was geprüft werden. Da – dadadaa – da. »Äh, Smoke on the water?« »Richtig, bestanden, Glückwunsch.« Nein, doch ganz gut, dass das NICHT die Prüfung ist, das Geklopfe ist nämlich nicht Smoke on the water und ich komme nicht drauf, WAS es ist. Hallo? Realität an Lena? Ich würde dann gern eine schriftliche Prüfung schreiben, wenn du das Hirn freigeben könntest?)
Schon liegen die Aufgaben und Antwort-Bögen vor mir.
Ich überfliege die Fragen. Manche Texte sind ganz schön lang, aber alle Stichworte, die ich im Drüberlesen aufschnappe, kommen mir wenigstens entfernt bekannt vor. Und dann halte ich mich brav an den Ratgeber und fange vorne an.
»Ein 45-jähriger Patient mit einem metabolischen Syndrom stellt sich mit der auf Abbildung Nr. 1 der Bildbeilage gezeigten Schwellung am Kniegelenk vor …« Los geht’s.
Ich kämpfe mich Aufgabe für Aufgabe vorwärts, entscheide mich auf dem Fragebogen mit Bleistift für einen der Buchstaben und trage ihn, wenn ich mir sicher bin, mit dem Glückskuli auf dem Lösungsblatt ein. Manche Fragen wirken absurd, andere denkbar einfach. Das sind die wirklich gemeinen.
Oft kommt es auf kleine Details an, aber die Erinnerung an die fiesen Konsultations-Inquisitionen bei Tobias hilft mir – ich überprüfe die langen Texte genau auf Fallstricke. Nicht immer finde ich sie; wenn es zu einfach scheint, liege ich wohl falsch. Aber ich darf nicht zu lange nachdenken, die Zeit schreitet ungerecht schnell voran.
Und dann ist sie um. Ich bin grade so durchgekommen. Der Prüfungsvorsitzende sagt »Bis morgen«, wir stolpern hinaus. Es wirkt, als sei der Turnhalleneingang eine Sprach-Grenze: Drinnen schweigen noch alle wie Fische, kaum haben sie die Tür durchquert, geht das Geplapper los, als hätten sie die Luft anhalten müssen und die Worte hätten sich in ihnen aufgestaut bis direkt hinter die Zähne. WashabtIhrbei13-Wassolltedasbei5-War27AoderB?, sprudelt es um uns herum.
Ich habe nur eine einzige Frage. »Können wir gehen?« Ich will nach Hause, möchte absolut nicht wissen, was andere bei 13 angekreuzt haben – und was das bei 5 sollte, weiß ich auch nicht. Isa geht in unserer Mitte, legt die Arme um uns und wir schlendern heim, als hätten all die As und Bs absolut nichts mit uns zu tun.
Eine ganze Stunde halten wir es durch. Ich telefoniere mit Alex und meinen Eltern und erkläre, dass ich guter Dinge bin und wir gleich weiterlernen. Isa ruft Tom an. Jenny kocht unterdessen Kaffee und betont, wie froh sie sei, dass sie jetzt mit niemandem darüber reden müsse. Sie zeigt mir die SMS von Felix, in der er schreibt, er hoffe, es sei gut gelaufen, und erklärt, dass sie auf keinen Fall antwortet.
Ich sehe, dass da noch mehr Nachrichten sind, eine von gestern Abend, die viel Kraft, und eine von heute Morgen, die ihr Glück wünscht; Jenny hat sie beide nicht beantwortet. Warum sie dann gehofft hat, dass er zur Turnhalle kommt, um es ihr persönlich zu sagen, frage ich nicht.
Dann trinken wir Kaffee, um uns für eine weitere Lern-Nacht zu rüsten … und schließlich halten wir es nicht mehr aus.
Jenny macht den Anfang. »Hattet ihr Fragebogen A?«
Wir nicken beide.
»Na dann«, fährt Jenny fort, »war bei der 27 nun A oder B richtig?«
Zwei Minuten später sitzen wir alle drei über unseren Fragebögen und vergleichen die Antworten. Die Aufgaben darf man nämlich mitnehmen, abgegeben werden nur die Lösungsbögen. Jeden Tag bekommen wir ein neues Frage-Heftchen.
In Jennys Bogen sieht es wüst aus, sie hat unterstrichen und durchgestrichen, gekritzelt und gemalt. Isa hat kaum Eintragungen gemacht, bei fast jeder Frage ist nur ein Buchstabe angekreuzt, es sieht aus, als hätte sie nicht ein Mal radiert.
Sie lächelt und zuckt die Schultern.
»Ich weiß auch nicht«, sagt sie. »Ich war mir irgendwie total sicher. Kann ja sein, dass ich mich schrecklich getäuscht habe.«
Ich glaube es nicht. »Du täuschst dich sicher nicht einfach so bei 106 Aufgaben.«
»Na ja«, antwortet sie verlegen, »es könnte auch daran liegen, dass es für mich völlig egal ist, ob ich bestehe …«
»Schauen wir nach?«, fragt Jenny. Wir sind alle drei zögerlich. Am Abend werden die höchstwahrscheinlich richtigen Antworten schon auf einer Internetplattform veröffentlicht. Man könnte direkt wissen, wie gut oder schlecht man dasteht. Aber wenn man erkennen muss, dass es an diesem Tag miserabel gelaufen ist, macht man sich vielleicht nur unnötig verrückt. Und wenn man sieht, dass man heute sensationell abgeschnitten hat, führt das am nächsten Tag eventuell zu leichtsinnigen Gestern-lag-ich-ja-auch-immer-richtig-Flüchtigkeitsfehlern.
»Nein«, entscheide ich, »wir gucken übermorgen. Jetzt lernen wir weiter.«
»Nun ja«, gibt Jenny zu bedenken, »sie schreiben auch, was ungefähr noch für Stoffgebiete drankommen werden, weil sie ausschließen, was heute schon ausreichend abgefragt wurde …«
»Ich bin schon wieder müde«, erklärt Isa, »und lerne heute auf keinen Fall mehr etwas, das wahrscheinlich nicht mehr drankommt. Du musst ja nicht reinschauen, Lena.«
Sie fährt den Computer hoch – und ich bin die Erste, die ihr Frageheftchen holt, um die Antworten zu überprüfen.
Es ist okay. Ich liege bei einigen Fragen daneben, bei den meisten von ihnen habe ich geahnt, dass meine Antwort nicht stimmen kann, nur zwei überraschen mich wirklich. Aber alles in allem muss ich mich weder verrückt machen, noch kann ich mich dem Leichtsinn ergeben.
»Vielleicht kann ich doch zwischen den OPs stillen«, sagt Isa leise. Sie ist ziemlich rot geworden. Und ich sehe, dass sie ein breites Lächeln zu unterdrücken versucht.
»Zeig her!«, verlangt Jenny und nimmt Isa das Heft weg. Sie vergleicht und vergleicht … Isas Lächeln wird immer verlegener.
»Du brauchst morgen nicht wiederzukommen«, sagt Jenny abschließend und lässt Isas Fragebogen auf den Tisch fallen.
Isa zuckt die Schultern. »Ich hab doch gesagt, ich hatte einfach keine Angst. Nichts zu verlieren …«
Ich schnappe mir ihren Bogen. Und finde nicht eine einzige falsche Antwort.
»Isa«, flüstere ich, »du hast alles richtig.«
»Ich weiß«, flüstert sie zurück und ihre Stimme zittert. »Ich wusste es schon dort am Tisch …«
Ich bin fassungslos.
Isa schaut zu Boden, vielleicht um uns nicht mit ihrem breiten Grinsen zu blenden.
Ich schließe sie in die Arme, so fest ich kann. »Wenn das morgen so weitergeht, wirst du eine sensationelle Punktzahl erreichen«, juble ich. »Eine von uns wird vielleicht Jahrgangsbeste!«
Ich strahle Jenny an. Die nickt. Aber ihr Lächeln wirkt ein wenig verkrampft.
»Glückwunsch«, sagt sie in einem Tonfall, in dem andere Leute »Tja« sagen. Warum kann sie sich nicht mit Isa freuen? Ist ihr eigenes Ergebnis so mies?
»Wie stehen denn deine Chancen?«, frage ich.
»Okay«, antwortet sie. »Ganz okay. Können wir jetzt weiterlernen?«
Irre ich mich, oder hat sie ihr Heft nicht nur so eilig weggesteckt, weil sie schnell zu den Büchern zurückkehren will?
Die Vorhersage der Internetseite prophezeit für die nächsten Tage Neurologie und Psychiatrie, Pädiatrie und Dermatologie. Chirurgie kam heute schon in so vielen Fragen vor, dass sie die Wahrscheinlichkeit weiterer Fragen zu diesem Gebiet als gering einstufen.
»Also los«, lächelt Isa, »fangen wir mit Pädiatrie an.«
»Du musst doch nicht mehr lernen«, entgegnet Jenny und es klingt irgendwie vorwurfsvoll.
»Das ist eigentlich wahr«, stimme ich zu, »du kannst ins Bett gehen, Mami. Morgen machst du mit derselben Lässigkeit noch 106 weitere Kreuze an der richtigen Stelle und lädst uns bitte schon mal zur Jahrgangsbesten-Ehrungsfeier ein.«
»Und dann bestellst du die sterile Stillvorrichtung zum Umhängen für den OP«, ergänzt Jenny, »und wirst Nobel-Chirurgin und Nobel-Mutter gleichzeitig.« Sie lacht dazu. Aber es wirkt nicht besonders witzig auf mich. Jenny lacht auch eher so, wie sie es immer tut, wenn sie weiß, dass sie grade zu weit gegangen ist. Hat Isa gemerkt, wie angespannt Jenny auf ihren Erfolg reagiert?
»Selbst wenn ich gut abschneide – was nutzt es?«, sagt sie. »Ich kann doch frühestens nächstes Jahr etwas mit dem Abschluss anfangen. Alle, die jetzt durchfallen, fangen keinen Tag später an als ich …« Es klingt traurig.
Jenny hat vielleicht das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen. »Den Preis kriegst du trotzdem«, sagt sie. »Beide Preise.«
Dann schlagen wir noch für zwei Stunden unsere Bücher auf und lernen Neurologie und Psychiatrie, bis wir vor Müdigkeit fast auf den Küchentisch kippen.
Am nächsten Tag sind wir schon alte Prüfungshasen. Es läuft wie gestern; manche Fragen verwirren mich – und die, die ganz unverfänglich wirken, machen mich besonders misstrauisch.
Bei einer der letzten Aufgaben grüble ich beunruhigend lange. Die Frage bezieht sich auf ein Röntgenbild in der Bildbeilage. »Bei einer 51-jährigen Frau erfolgte eine Röntgen-Untersuchung des linken Vorfußes. Wie ist die in Abbildung Nr. 9 dargestellte Struktur am ehesten zu bezeichnen?«
Ich bin unsicher. Erst wollte ich intuitiv D ankreuzen. Aber die Intuition macht mich misstrauisch, ich werde ja wohl nicht instinktiv richtigliegen, da könnte ja jeder korrekt antworten. Also denke ich noch mal und siehe da: E kommt mir jetzt ebenso wahrscheinlich vor wie D. Nachdem ich noch eine Minute länger nachgedacht habe, erscheint es mir plötzlich ebenso wahrscheinlich, dass auf dem Bild das Fragment eines knöchernen Bandausrisses gezeigt wird. Antwort A.
Das ist ein verbreitetes Phänomen, mein Ratgeber hat davor gewarnt. Ich sehe mich im Raum um, schaue einen Moment aus dem Fenster; ich muss kurz die Frage vergessen. Und dann noch mal neu draufschauen.
Ich lasse den Blick über die Prüflinge wandern – größtenteils konzentriert gebeugte Köpfe, manche kauen Bleistifte, einmal treffe ich sogar auf den versunkenen Blick eines Mitprüflings, der ebenso wie ich, Kopfbefreiung suchend, seine Blicke schweifen lässt (Ich zwinkere ihm kurz zu, wir schaffen das schon, aber er sieht durch mich hindurch). Mein Blick bleibt bei Jenny hängen.
Sie sitzt zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und hält den Fragebogen vor sich ein bisschen hoch. Es wirkt selbstvergessen. So, als wolle sie nur etwas entspannter sitzen. Sie betrachtet dieselbe Seite der Bildbeilage wie ich und ist offenbar bei derselben Frage steckengeblieben.
Aber was tut sie mit ihren Fingern? Während ihre linke Hand das Blatt so hält, dass der Daumen genau auf das Bild zeigt, das ich auch nicht deuten kann, bewegt sie die Finger der rechten, als müsse sie die Hand vom Schreiben lockern. Hat sie einen Krampf? Passt das alles nur zufällig zusammen?
Sie wirft einen kurzen Blick in meine Richtung, auch das wie beiläufig. Aber ich kenne sie lange genug. Ich habe den Blick aufgefangen und die Frage darin gesehen. Sie möchte eine Antwort und hofft, dass ich sie ihr irgendwie geben kann. Was die Finger ihrer rechten Hand tun, erklärt sich jetzt auch. Es sieht aus wie Lockerungsübungen, wie sie die Hand Finger für Finger öffnet und schließt. Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Vier-Drei-Zwei-Eins. Aber ich verstehe: Sie meint Erstens-Zweitens-Drittens-Viertens-Fünftens. A-B-C-D-E, fragen die Finger. D? C? B? A?
Erschrocken sehe ich mich im Raum um, kann mich gerade so weit beherrschen, dass es wie ein weiterer zufälliger Schweifblick wirkt. Keine der Aufsichtspersonen schaut her. Niemand bemerkt, was Jenny da versucht. Offenbar ist es zu raffiniert. Oder wirklich schon zwei Tische weiter nicht mehr zu erkennen.
Oh Mann, ich WÜRDE ihr helfen! Wenn ich es wüsste! Als sie das nächste Mal in meine Richtung schaut, zucke ich ganz leicht mit der Schulter. Sicherheitshalber nur mit einer. »Ich weiß es nicht«, lege ich in meinen Blick, »es tut mir furchtbar leid. Ich wüsste es auch ZU gern!«
Diesmal funktioniert meine Augensprache. Ohne Untertitel. Jenny nickt unmerklich und schaut dann weiter zu Isa.
Isa versteht. Und kneift die Lippen zusammen.
Sie weiß es. Natürlich. Aber sie wird uns doch nicht helfen?! Und vorsagen?! Mitten in der Prüfung, unter den Augen all dieser Aufsichtspersonen?! Wenn das rauskommt … Auf keinen Fall.
Ich muss noch mal neu denken: Warum wollte ich automatisch D ankreuzen? Ist irgendwo in mir drin eine Ärztin, die es besser weiß? Und sich nicht mit irritierenden Selbstzweifeln wegen zu sicherer Antwortauswahl aufhält?
Nein. Im Moment zumindest nicht.
Aber hier draußen ist eine. Isa lockert die Schultern. Wird sie etwa doch …?
Sie reckt sich ganz kurz. Doch ohne irgendwelche Finger zu zeigen. Wusste ich es doch. Sie WIRD das nicht tun; sie kann es einfach nicht.
Isa fährt sich durch das Gesicht, reibt sich kurz die Augen.
Mit vier Fingern. D.
IHREM Urteil traue ich sofort. Ich weiß, dass SIE es weiß. Die voraussichtliche Jahrgangsbeste. Ich kreuze D an. Und damit ist der Knoten geplatzt und der Rest der Fragen läuft wie von allein.
»Nun ja«, lächelt Isa bescheiden, als wir uns nach der heutigen Abgabe überschwänglich bei ihr bedanken. »Ich dachte: Wenn ich erwischt werde, hab ich ja nächstes Jahr noch einen Versuch…«
Die heutige abendliche Auswertung legt nahe, dass wir schon mal eine riesige Torte für Isa bestellen sollten. Plus Schärpe und Krönchen. Nur falls die Ärztekammer so was nicht stellt. Denn es sieht nicht aus, als stünde noch irgendwas der Ehrungsfeier im Wege; Isa hat wieder sensationell abgeräumt. Wenn das möglich ist, macht es sie heute noch verlegener als gestern. Sie winkt ab und erklärt, das Glück sei auf ihrer Seite gewesen … es könne ihr ja aber nicht jeden Tag zur Seite stehen … und deshalb werde sie morgen sicher keine einzige richtige Antwort geben.
»Dann reicht es immer noch für eine Drei«, sage ich. »Du brauchst also morgen überhaupt nicht mehr anzutreten. Oder du setzt dich einfach mit einem Babykatalog an deinen Tisch und machst DARIN Kreuze.« Aber das will Isa dann doch nicht. Und zwar nicht nur, weil sie sich eine solch überhebliche Frechheit nicht traut. Offenbar hat sie auch der Ehrgeiz gepackt.
»Es wäre schon toll, einen Puffer zu haben … einen Anreiz. Für nach der Babypause.«
Na klar: »Soll ich jetzt schon wieder arbeiten und schaffe ich diesen Kraftakt?« lässt sich sicher leichter mit Ja beantworten, wenn man einen Auszeichnungs-Abschluss in der Hinterhand hat – auch wenn er ein Jahr alt ist.
»Viel wichtiger ist aber, wie es bei denen läuft, die mich dann einstellen sollen«, lenkt Isa die Aufmerksamkeit von sich weg. »Wenn ich als nicht voll einsetzbare Mutter vor euren Chefarztbüros stehe und um einen Halbtags-Chirurgen-Job bitte.«
Ich habe heute ganz gut abgeschnitten. Ehrlich gesagt sogar so gut, dass ich mir Hoffnungen machen kann, mit einer recht annehmbaren Note abzuschließen – falls morgen das Fragen-Glück auf MEINER Seite ist.
»Und du?«, wende ich mich an Jenny.
Sie nickt. »Wird schon.«
»Wird WIE?«, frage ich. »Wird gut oder wird knapp?«
»Wird schon«, antwortet sie kryptisch. »Was kommt denn morgen dran?«
Die Internetseite prophezeit Gynäkologie und Radiologie und glaubt, dass auch zur Inneren Medizin noch Fragen folgen könnten, da der Anteil der Aufgaben zur Inneren in den letzten Jahren immer etwa bei 30 Prozent lag, diesmal aber erst 60 Fragen dazu gestellt wurden.
Also schlagen wir wieder unsere Bücher auf, um die letzte schriftliche Etappe in Angriff zu nehmen und geben uns der mittlerweile schon beinahe liebgewonnenen Gewohnheit des Bis-zum-Augen-zufallen-Lesens hin.
Am dritten und letzten Tag fühle ich mich auf meinem Platz richtig heimisch. Als ob ich den Trommler vor mir morgen schon vermissen werde. Er stört nicht während der Arbeitszeit; er tickt seine Rhythmen, bis die Bögen ausgeteilt werden, dann aber beugt er sich darüber und schreibt bis zum Ende, ohne noch einmal den Stift wegzulegen. Sehr motivierend. Auch heute klopft er seinen Gleich-geht’s-los-Trommelwirbel und in mir setzt eine Art Pawlow-Reflex ein. Alle Sinne gespannt: Jetzt kommt was, bei dem ihr euch alle konzentrieren müsst. (Ob das jetzt schon Klassische Konditionierung ist? Und ich in Zukunft immer mit Gerade-Sitzen und Gehirn-auf-Höchstleistung-Fahren reagiere, wenn irgendwo getrommelt wird? Könnte anstrengend werden. Aber vielleicht ganz nützlich?)
Ob ich dem Trommler irgendwann mal wiederbegegne? Aber wie soll ich ihn erkennen? Ich habe ja nur drei Tage seine Rückansicht betrachtet. Quatsch, ich erkenne ihn am akustischen Reiz. Sobald er anfängt zu trommeln, wird alles in mir sofort mit dem Reflex Konzentrieren und Medizinwissen absondern reagieren. (Was prima ist, falls er auch Arzt wird und wir uns in einem Krankenhaus wiedertreffen. Nicht so sehr, wenn die Begegnung auf einem Samba-Konzert stattfindet, weil er durchgefallen ist oder spontan doch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Aber Samba ist laut, vielleicht hört keiner, dass in der ersten Reihe eine die ganze Zeit Medizinkauderwelsch vor sich hin quatscht.)
Noch zwei Trommelwirbel, dann nimmt der Reflex überhand und ich kann an nichts anderes mehr denken als an Gynäkologie und Radiologie. Und dann liegt der Bogen vor mir.
Noch einmal stürmt! Und jetzt raus mit Shakespeare, rein mit Dorothea Erxleben und Robert Koch.
Ich liege ganz gut in der Zeit. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich keine Pausen mache. Ich nehme zwar zwischendurch wahr, dass andere die Bögen zur Seite legen, um zu essen oder sich auf die Toilette begleiten lassen, manche gehen sogar auf eine Zigarette hinaus, bei mir aber sind alle Bedürfnisse abgeschaltet, solange ich den Aufgabenbogen vor mir habe.
Essen? Was ist das?! Gestern und vorgestern habe ich auf dem Nachhauseweg die Müsliriegel in mich reingestopft wie ein Topspion, der im Angesicht der gegnerischen Geheimdienst-Ermittler seine Notizen durch Verschlucken vernichten muss. Aber während der Prüfungszeit verspüre ich keinen noch so winzigen Anflug von Hunger und keinerlei Bedürfnis nach der Zufuhr energiespendender Lebensmittel.
Ich bin ein wenig irritiert, als Jenny mir unauffällig mit ihrer Zigarettenschachtel winkt. Vielleicht auch weil ich ja gar keine Raucherin bin. Aber ihr bittender Blick macht mich stutzig. Sie will mehr als nur mitteilen, dass sie eine Zigarettenpause braucht. Sie will, dass ich mitkomme. Auf dem Weg nach draußen legt sie unauffällig eine Zigarette neben meine Bleistifte.
Ich will sie nicht. Und ich will nicht mitgehen. Ich bin zwar schon bei Frage 60, aber …
Na hör mal, Lena. Du bist schon bei 60. Du liegst hervorragend in der Zeit. Du hast ein verdammt gutes Gefühl. Geh mit! Jennys Blick wirkt so verzweifelt, so bittend. Sie ist schon fast draußen; die Aufsichtsperson, die sie rausbegleitet, hält ihr die Tür auf.
Ich gebe mir einen Ruck. Ich kann ja mal ausprobieren, ob die Aufsicht mich überhaupt zur selben Zeit rausgehen lassen würde.
Ich suche den Blick einer Frau, die in meiner Nähe am Rand sitzt und die Prüflinge beobachtet. Fragend halte ich die Zigarette hoch. Sie lächelt und nickt. Na klar. DIESE brave Studentin hat ja in den letzten zwei Tagen nicht EINMAL ihren Platz verlassen. Wenn DIE eine Zigarette braucht, soll sie sie haben. Das Lächeln der Frau wirkt sogar so wissend, als wundere sie sich schon seit gestern, dass ich das hier alles ohne eine einzige Zigarette überstehe. Sie steht auf und begleitet mich hinaus.
Ich rechne damit, auf einen anderen Hof geführt zu werden. Was immer Jenny sich gedacht hat – es wird sicher nicht funktionieren. Aber die Frau steuert den offenen Hof vor der Turnhalle an.
Jenny steht dort neben dem Mann, der auf sie aufpassen soll. Die beiden reden miteinander. Sie klopft ihre Taschen ab. Sucht sie ihr Feuerzeug? Oder zögert sie es nur hinaus, weil sie auf mich wartet? Was will sie denn nur? Hier sind ZWEI Aufpasser!
Na gut, einer. Die Frau, die mich rausgebracht hat, nickt ihrem Kollegen zu, der winkt mich zu sich – und als ich bei ihm bin, verschwindet meine Begleiterin wieder nach drinnen.
Ich stehe neben Jenny, sie lächelt mich an. »Ach, da ist ja mein Feuerzeug!« Sie hält mir die Flamme hin.
Ich weiß immer noch nicht, was ich hier draußen soll. Aber wozu ich jetzt gebeten bin, ist klar: Rauchen. Ich ziehe an der Zigarette, bis sie aufglüht. Bäh. Widerwiderwiderlich. Aber was macht man nicht alles für eine verzweifelte Freundin. Wenn ich nur wüsste, was ich EIGENTLICH für sie tun soll!
Ich täusche Rauchen vor, indem ich ab und an am Filter ziehe – nur so, dass die Zigarette nicht ausgeht –, sie sonst so weit von mir weghalte, dass es grade noch halbwegs natürlich aussehen könnte, und hoffe, dass sie schnell herunterbrennt.
»Stress, was?!«, sagt der Aufsichtsmann. Jenny nickt und lächelt. »Dürfen wir uns unterhalten?«, fragt sie brav. »Ich muss mich kurz ein bisschen entspannen.«
»Aber nicht über die Aufgaben.«
Jenny nickt. Aber worüber will sie sonst so dringend reden, dass sie mich mitten in der Prüfung nach draußen locken muss?! Ich kann nur inständig hoffen, dass sie sich nicht irgendeinen komplizierten Geheimcode ausgedacht hat. Und noch mehr, dass – falls es doch so sein sollte – der Code verdammt kompliziert ist. Und nicht gleich vom Aufsichtsmann durchschaut wird. Die Peinlichkeit wäre nicht auszudenken. Von den Konsequenzen ganz zu schweigen. Oh Mann, ich zittere jetzt schon.
Jenny lächelt mir zu. Und fragt im Plauderton: »Hast du Doreen erreicht? Ich hab schon 13-mal versucht, sie anzurufen …«
Ich kenne keine Doreen. Jenny auch nicht. Doreen ist wahrscheinlich der erste Name, der ihr eingefallen ist, der mit D anfängt. Und dann habe ich noch eine 13 gehört. 13, 13, 13 … Nein, das war nicht D, das war B. Aber bei Frage 20 … da wäre Antwort D korrekt.
Ich bin fast diebisch stolz auf meine Antwort.
»Nein, das bringt nichts«, rate ich, »versuchs bei Bine! Bei Doreen kannst es 20-mal klingeln lassen, die hört es nie.«
Der Aufsichtsmann lächelt. Vielleicht hat er auch eine schwerhörige oder telefonverweigernde Freundin.
Okay. Okay, okay, okay. Überstanden. Können wir jetzt wieder reingehen?
Aber nein, Jenny hat noch nicht genug.
»Wär schon gut, wenn wir sie noch erreichen«, sagt sie. »Weil doch um 19 Uhr der Elektriker kommen wollte.«
Puh. Es wäre nett – und unauffälliger –, wenn ich jetzt einfach Ja antworten könnte. Aber bei Frage 19 habe ICH nicht E angekreuzt. Sondern C. Wie zur Hölle soll ich DAS verpacken?!
Gibt es irgendeine Frage, bei der ich E für richtig halte? Und deren Nummer sich irgendwie in eine sinnvoll klingende Antwort verwandeln lässt?!
»Der kommt sicher nicht«, sage ich schließlich langsam, »du weißt ja, wie Elektriker sind. Und wenn, dann kommt er 2 Stunden später. Also macht es nichts, wenn 19 Uhr keiner da ist. Vielleicht ist die ganze Sache ja auch kein elektrisches Problem … sondern eher ein … chemisches?«
Der Aufsichtsmann hört uns zu und wirkt irritiert. Oh, Mann, hoffentlich hört Jenny auf, bevor er uns durchschaut. Aber vielleicht fragt er sich jetzt eher, was in unserer Wohnung kaputt sein könnte. Etwas, weswegen wir einen Elektriker gerufen haben … was aber auch chemische Ursachen haben könnte? Ich wüsste gern, ob er eine Antwort findet. Vielleicht im Sanitärbereich? Also MIR fiele nichts ein.
Dem Aufsichtsherrn wohl auch nicht. Aber auf den erschreckend nahe liegenden Gedanken, dass es um etwas anderes gegangen sein könnte, kommt er trotzdem nicht.
»Ja«, sagt er mitfühlend, »Handwerker sind ein Völkchen für sich.« Wer immer diesen Mann hier zur Beaufsichtigung der Studenten eingestellt hat – einen Durchtriebenheits-Check hat er nicht durchgeführt.
Meine Zigarette ist runtergebrannt. Und ich möchte wieder reingehen, bevor Jenny leichtsinnig wird. Außerdem warten da drin noch 42 Fragen auf mich.
»Das klärt sich schon«, lächle ich. Und mache einen entschlossenen Schritt zurück in Richtung Turnhalle.
Jenny folgt mir. Sehr konzentriert. Sicher wiederholt sie im Kopf immer wieder die Zahl-Buchstaben-Kombinationen 13-B, 20-D, 2-E, 19-C, damit diese tollkühne Mata-Hari-Aktion nicht trotzdem noch schiefgeht – weil sie die mühsam und gefahrvoll errungenen Informationen am Tisch schon wieder vergessen hat.
Der Aufsichtsmann hält uns die Tür auf.
»Nur eins noch …«, sagt er leise vor dem Prüfungsraum.
Nein. Jetzt kommt es. (»Nur eins noch: Sie sind beide disqualifiziert.«)
»Ist das ein Elektro-Notdienst, den Sie beauftragt haben? Oder kennen Sie eine Firma, die ohne Extrakosten auch nach 18 Uhr arbeitet?«
Ich könnte jetzt sofort, hier im Turnhallen-Eingangsbereich, ohnmächtig zu Boden stürzen. Jenny aber bleibt cool.
»Beziehungen«, lächelt sie. »Ich gebe Ihnen nachher seine Nummer. Aber wie gesagt … Der Pünktlichste ist er nicht.«
Ja, ich schaffe die verbliebenen 42 Fragen, wenn auch ganz knapp. Als die letzte Stunde abläuft, habe ich noch drei Fragen vor mir, aber keine Zeit mehr, sie zu überdenken. Aufs Geratewohl kreuze ich jeweils einen Buchstaben an. Lieber raten als nichts antworten – bei fünf Möglichkeiten besteht dann immerhin eine 20-Prozent-Chance, dass es zufällig richtig ist. Und ich habe den Glückskuli nicht umsonst all die Jahre mit mir herumgeschleppt.
Als wir die Turnhalle verlassen, bin ich so müde, dass ich mich am liebsten direkt auf einer der Hofbänke ausstrecken würde. Und ich habe Hunger wie ein Rudel Wölfe. Ich nehme gnadenlos Jennys ganzen verbliebenen Essvorrat an mich.
»Tut mir leid, aber das hab ich mir verdient«, erkläre ich, »fast wär ich nämlich nicht fertig geworden.«
»Tut MIR leid«, flüstert Jenny, »aber es musste sein. Ohne dich hätte ich überhaupt nichts gewusst.«
Isa hört die Schilderung der ersten Raucherpause meines Lebens mit unbewegtem Gesicht an. »Mann, Lena«, sagt sie leise, als Jenny dem Aufsichtsmann die versprochene – aber frei erfundene – Telefonnummer aufschreibt, »das hätte dich die Prüfung kosten können.«
»Woher sollten die wissen, dass wir weder eine Doreen noch eine Bine kennen?!«, kontere ich gelassen. Aber ebenso leise – nicht dass es jetzt noch jemand aufschnappt.
»Bei Betrugsverdacht hättet ihr das vielleicht beweisen müssen!«, wispert Isa.
»Jenny hätte sicher auch einen Elektriker aufgetrieben, der Stein und Bein geschworen hätte, dass er 19 Uhr bei uns ein möglicherweise chemisch verursachtes Problem löst«, lache ich. Jetzt ist gut lässig-sein, es HAT ja niemand Betrug unterstellt.
Dann eile ich davon, denn am Eingang zum Hof wartet Alex. Erleichtert falle ich ihm in die Arme.
»Ich weiß, du hast keine Zeit für mich«, grinst er, »aber ich dachte, ich fahr dich zur nächsten Lernphase, dann hab ich dich wenigstens eine halbe Stunde lang gesehen.«
Ich fühle mich eigentlich verpflichtet, auch Isa an dieser besinnlicheren Heimfahrt teilhaben zu lassen; sie aber lehnt es mit mütterlich-gönnendem Lächeln ab, damit Alex und ich wenigstens kurz allein sein können, und klettert zu Jenny in die Ente. Ich steige glücklich in Alex’ alten Wagen – und finde tütenweise Essen.
»Ich dachte, du bist vielleicht verhungert«, lächelt er, »und wusste nicht, ob du es noch bis zu einem Imbiss schaffst.«
»Hätte ich nicht«, entgegne ich, schon mit vollem Mund. Die dampfende Styropor-Schachtel vor mir, eben noch mit einem Gemüseburger gefüllt, enthält schon nur noch ein ausgerissenes Salatblatt. Meine gierigen Augen entdecken eine Lieferservice-Schale mit dem Emblem unsere Lieblings-Asialadens – und auf dem Rücksitz eine Tüte vom Kreuzberger Currykarl. Ich reiße weitere Alufolien-Verpackungen auf und esse alles durcheinander. Ich könnte einen Wal verspeisen. Einen Pottwal in Blauwal-großem Sandwich.
Herrlich, einen Freund zu haben, der nicht annimmt, dass Frauen von Luft und Ruccolablättchen leben! Erst als mein Magen nicht mehr nach weiterer Nahrung schreit, wird mir klar, dass Alex eine wahre Odyssee hinter sich haben muss. Er hat Essen aus allen Teilen der Stadt zusammengetragen. All meine Lieblingsverpflegungen, zwischen denen man sich sonst immer qualvoll entscheiden muss, weil die Läden so weit auseinanderliegen.
Aber Alex wehrt meinen Dank grinsend ab. »Worin besteht denn sonst der Sinn meines Lebens«, lacht er, »wenn ich nicht durch Berlin kutsche, um durch das Sammeln von Futter die weltbeste Ärztin am Leben zu halten. Damit bin übrigens ICH es, der die Welt rettet … nur indirekt, aber entscheidend.«
Ich stimme zu – aber nur, weil das mit vollem Mund einfacher ist als ausführliches Widersprechen.
»Wenn du magst, mach kurz die Augen zu, bevor der Lernwahn gleich weitergeht«, sagt Alex und drückt mitfühlend meine Hand. »Ein albernes Hörspiel zur Entspannung gefällig?«
Er schiebt eine Kassette in das alte Radio. Benjamin Blümchen und die Schule. Sofort schaltet mein Gehirn auf Pause. Ich schließe kurz die Augen und höre zu, wie Alex leise und vergnügt die Titelmelodie mitsingt. Womit hab ich das nur verdient?
»Hast du den ganzen Fragebogen geschafft?«, fragt Alex, als ich fünf Minuten später, deutlich erholter, die Augen wieder öffne.
»Etwas mehr als nur meinen«, grinse ich und erzähle von unserem Hof-Ausflug. Alex findet den Trick sehr raffiniert – und für ihn spricht nichts dagegen, einer Freundin beizustehen.
Einer Freundin, die das – wie sich am Abend herausstellt – bitter nötig hat …
Heute bin ich es, die unmittelbar nach Alex’ Verabschiedung an den Computer stürzt … und erleichtert feststellt, dass es einigermaßen glimpflich ausging. (Das ist die bescheidene Darstellung für meine Freundinnen. Innerlich werden Fahnenmeere geschwenkt, Tänze aufgeführt und Bonbons geworfen. Ich habe fast alles richtig und dürfte bei nahezu 80 Prozent liegen!)
Die drei Antworten, bei denen ich wegen Zeitmangels raten musste, sind übrigens alle drei korrekt. Der Glückskuli hat die Kreuze an der richtigen Stelle gesetzt.
Isa überprüft ihr Ergebnis mit gelassener Miene. Aber ich muss ihr nur ganz kurz in die Augen sehen, um dahinter das Toben und Funkeln IHRES Karnevalszugs zu erkennen. Sie hat heute einen einzigen Fehler gemacht. Und damit für die Schriftliche ein perfektes Ergebnis in der Tasche.
Jenny nickt auch. »Wird schon«, sagt sie auch diesmal. »Ich darf nur bei der Mündlichen nicht patzen.«
Aber auch heute nennt sie keine Zahlen. Und selbst an diesem Abend schlägt sie ihre Lehrbücher noch einmal auf. Obwohl Isa und ich heute einen freien Regenerations-Bade-Frühschlaf-Abend einlegen wollten.
Es ist ganz ungewohnt, von Jenny zum Lernen getrieben zu werden. Aber sie hat recht. Das Schlimmste steht uns noch bevor.
Sobald ich wieder vor dem Pharmakologiebuch sitze, verstehe ich nicht mehr, wie ich DAS drei Tage lang verdrängen konnte. Es ist vollkommen egal, ob mein schriftliches Ergebnis sich den 90 Prozent nähert – es könnten auch 190 Prozent sein: Das bedeutet überhaupt nichts, wenn ich keinen Weg finde, mich binnen zweier Wochen mithilfe irgendeines Wunders in eine Pharmaexpertin zu verwandeln.
Eine Stunde später schlurfe ich müde in Jennys Zimmer, um eine Wirkstofftabelle zu suchen … und sehe, dass ein Zipfel eines Aufgabenbogens aus dem Papierkorb lugt.
Das macht man nicht, Lena.
Aber da liegen sie, tief zwischen alte Zeitungen und Notizzettel gestopft – alle drei.
So was macht man nicht!
Ich ziehe sie aus dem Papierkorb. Rufe im Internet noch einmal die Ergebnisseite auf. Überblicke Jennys vollgekritzelte Aufgabenbögen – und ihre Kreuze.
Ich überschlage die richtigen Antworten. Will es nicht glauben. Zähle noch einmal ganz genau nach.
HIER wird das Wunder gebraucht. Wenn keins geschieht, wird Jenny nicht bestehen. In der Schriftlichen hat sie nur genau 61 Prozent.