Nein, wenn du lernen musst …«, sagt Felix am Freitagmorgen im Flur, als er sich von Jenny verabschiedet. »Das versteh ich doch.« Er klingt trotzdem enttäuscht.

»Tja, leider«, antwortet Jenny bedauernd. »Ich muss Examen machen. Zum nächsten Abiturtreffen begleite ich dich. Bis dahin kannst du schon mal allen vorschwärmen, was für eine kluge, schöne Freundin du hast – und dann komme ich im nächsten Jahr mit und hau sie alle um.«

Felix erklärt sich notgedrungen einverstanden. Jenny schließt die Wohnungstür, kommt in die Küche – und sieht gar nicht so unglücklich aus, wie sie eben noch klang.

»Du kannst sicher trotzdem zu Felix’ Klassentreffen mitfahren. Es sind doch nur zwei Abende«, sage ich.

»Außerdem hast du die Felix liest Medizin vor-Kassetten«, ergänzt Isa. »Also fahr ruhig!«

»Versteht ihr denn nicht«, zischt Jenny, »ich WILL nicht mit. Abiturtreffen in Brandenburg. Die sind sicher alle Bankkauffrauen und Restaurantfachmänner geworden und werden den ganzen Abend davon erzählen. Kinderbilder, Hochzeitsfotos und alte Schul-Geschichten – ein ganzes Wochenende lang!«

Wir können sie ein bisschen verstehen, auch wenn wir vielleicht unseren Freunden zuliebe einen Abend lang die Erfolgsgeschichten eines brandenburgischen Verpackungsmittelmechanikers ertragen würden. »Warum sagst du ihm das nicht einfach?«, frage ich.

Jenny lächelt zerknirscht. »Weil ER sich so drauf freut. Und wenn ich sage, dass ich lernen muss, fragt er nicht noch mal.«

»Keine Sorge«, antworte ich streng. »Du MUSST lernen.«

Sie tut es. Wir alle. Aus lauter Solidarität verbiete ich Alex Besuche zwischen acht Uhr morgens und Mitternacht. Und wenn ich morgens an die Arbeit gehe, wecke ich ihn zwar nicht – doch sobald er aufgestanden ist, muss er unsere WG verlassen. (Ich bin aber so nett, ihm vorher einen Kaffee ans Bett zu bringen. Nicht aus weiblich-häuslicher Hingabe. Sondern weil in der Küche schon der Lernteufel tobt und wir dabei keine Ablenkung dulden, nicht mal ein »Guten Morgen«.)

»Am Sonntag«, vertröste ich ihn. »Am Sonntagabend nimmt sich die Bienchen-Studentin ganze fünf Stunden Zeit für dich.«

»Lieber nur drei«, brummt Alex ins Kissen, »die Bienchen-Energie macht nämlich alle anderen Lebewesen total fertig.«

Pah! Ich beweise, wie viel Energie sogar überschüssig ist, indem ich ihn ein bisschen mit dem Kissen verhaue – und das macht ihn endgültig wach.

»Jetzt kannst du 36 Stunden deine Wunden pflegen«, sage ich gefühllos, als ich ihn rauswerfe. »Und unglaubliche Racheakte planen«, grinst er und küsst mich, »während ihr nur lernt und lernt.« Da muss man doch noch ein wenig Haue nachlegen, oder?

35 Stunden später klappe ich mein Immunologie-Buch zu und will triumphierend das Ende des überdisziplinierten Lern-Wochenendes ausrufen – doch statt ebenfalls in Jubel auszubrechen, greift Jenny nach dem Immunologie-Buch und Isa legt den Finger auf die Lippen. »Ich bin mitten im Kapitel«, flüstert sie.

»Und ich fang noch ein neues an«, nickt Jenny und schlägt das Buch auf.

Wie bitte? Dass ich Isas Eifer nicht übertreffen kann, habe ich akzeptiert. Aber Jennys?!

»Was ist«, necke ich sie, »hast du keine Lust, einfach alles über Felix’ Klassentreffen zu hören?«

Doch offenbar ist es Felix, der keine Lust auf Erzählen hat – denn er hat die Sonntagabend-Verabredung mit Jenny abgesagt.

»Ist schon okay«, winkt sie ab, »ich bin wirklich nicht übermäßig neugierig auf die Brandenburger Geschichten und so schaffe ich noch das erste Immunologie-Kapitel.«

Vielleicht hat er es doch übelgenommen, dass sie nicht mit war?!

»Quatsch«, widerspricht Jenny, »ich wette, er ist einfach nur total erschossen von all den Automobilkaufmännern und Immobilienkauffrauen!«

Ich bin schon fast versucht, Alex auch abzusagen und mich ebenfalls zu noch einem Lernschub zu zwingen. Doch Jenny sieht mich mit Bettel-Augen an.

»Bitte geh«, fleht sie mit extrazittriger Stimme, »ich wollte doch so heftig lernen, dass ihr hustend in meiner Staubwolke zurückbleibt. Aber wie soll ich das, wenn du dich nicht wenigstens für zwei Stunden überholen lässt?!«

Eigentlich möchte ich mich nicht von Jenny überholen lassen, egal, wie stolz ich auf ihre neue Disziplin bin. Denn das würde bedeuten, Letzte im Lernrennen zu sein. Aber da sie glaubhaft beteuert, ich wäre doch schon morgen Abend wieder voraus, weil ich nun mal fast doppelt so schnell lese … und weil ich wirklich Sehnsucht nach Alex habe …

»Ja, bitte«, schaltet sich Isa ein. »Gib uns das Gefühl, dass wenigstens EINE es schafft, Beziehung und Examen unter einen Hut zu kriegen. An dir hängt meine Hoffnung, dass es immerhin MÖGLICH wäre, auch noch einen Abend mit Tom zu verbringen, ohne zur Strafe durchzufallen.«

Dagegen lässt sich wirklich nichts mehr sagen. Ich fahre zu Alex – begleitet von einer Tasche voll Klamotten. Bei Alex weiß man nie, welche Abendgestaltung einen erwartet … und man kann ja gewappnet sein.

Alex lacht über meine Tasche. Und durchkreuzt meine Super-Vorbereitung. »Weißt du was?«, sagt er. »Wie wär’s, wenn wir heute überhaupt nicht mehr ausgehen?«

Ich beschwere mich ein bisschen – weil die Klamotten für eventuelle Anlässe bestimmt zehn Kilo wiegen – und setze mich nur ganz kurz auf die Couch, während Alex in der Küche die Vorräte auf Zuhause-Abend-Tauglichkeit prüft. »Es gibt Cola und Bier«, ruft er herüber, »und Essen können wir bestellen. Ich kann uns auch was kochen, wenn du weißt, was man aus Käse, Tomatenmark und Melone machen könnte?« Aber ich höre ihn nur noch im Halbschlaf …

Und erwache erst von der Morgensonne. Alex hat mich zugedeckt – und ist dann wohl neben mir eingeschlafen. Er blinzelt, als ich mich aufsetze.

»Ich schenk dir meinen Schreibtisch«, murmelt er.

»Wovon träumst du denn?«, frage ich leise.

Er tastet schlaftrunken nach mir und zieht mich wieder neben sich. »Bitte geh nicht. Ich weiß, du musst sofort zu deinem Lernpensum zurück. Aber könnte das nicht hier sein, bei mir?«, brummt er verschlafen. »Ich schraube nachher gleich ein metallenes Namensschild an meinen Schreibtisch. Deinen. … Okay?«

»Du solltest im Halbschlaf keine Angebote machen«, warne ich.

Er schlägt die Augen auf. »Mach ich nicht.« Er deutet mit müder Geste auf meine unausgepackte Eventualitäten-Tasche. »Die Hälfte deiner Sachen hast du doch schon hier«, grinst er. »Deine Bücher hol ich nach dem Kaffee.«

Schlägt er ernsthaft vor, dass ich bei ihm einziehe?

»Ich habe ungefähr tausend Bücher«, drohe ich.

»Dann gebe ich meine in die Spende«, entgegnet er. »Tausend reichen ja für zwei.«

Also meint er es wirklich ernst? Würde ich das wollen? Ich sehe mich in der kleinen Wohnung um. Könnte ich mir das vorstellen? Hier mit Alex zusammenzuleben? Gibt es nicht irgendetwas, was mir an diesem Vorschlag nicht gefällt?! Irgendwas, Lena. Sonst sag ja. Spring.

Doch, mir fällt etwas ein, grade noch rechtzeitig. Die von einem spießigen Vormieter stammenden Küchenschränke sind orangerot. Man könnte sie streichen. Dunkelrot. Sonst fällt mir einfach nicht das kleinste bisschen ein, was dagegensprechen könnte, dass ich mich von der ersten Minute an hier wohlfühlen würde.

»Deine Küche«, sage ich. »Ich finde sie zu orange.«

»Wir nageln die Tür zu«, murmelt Alex.

»Ich würde Isa und Jenny zum Lernen mitbringen«, sage ich. Es ist Vernunfts-Lenas letztes Argument. »Jeden Tag von 8 bis 20 Uhr. Mindestens.«

Alex reibt sich die Augen. »Das wäre deine Bedingung? Jeden Tag zwölf Stunden Jenny? In anderthalb Zimmern?«

Ich nicke. Ich weiß, das ist zu viel verlangt. Deswegen habe ich es ja gesagt.

Alex seufzt. »Es kann sein, dass ich mein Angebot unter diesen Umständen aussetzen muss, bis ihr das Examen geschafft habt.«

»Tu das«, antworte ich. »Denn momentan kann ich von dieser Bedingung nicht absehen.«

»Schade«, flüstert er.

Das WAR sein Ernst, Lena. Er meint es so. Er will, dass du zu ihm ziehst. Warum kannst DU nicht so schnell und sicher von der Idee begeistert sein wie er?

»Tja. Schade«, sage auch ich. »Aber wir MÜSSEN zusammen lernen.«

Miss Emergency, Band 4: Miss Emergency , Operation Glücksstern
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