Am Morgen sind wir fatalistisch aufgekratzt.

»Wenn deine Mündliche so läuft wie deine schriftliche Prüfung«, sage ich zu Isa, »sollten wir schon mal überlegen, was wir dem Ärztekammer-Chef zum Tee anbieten.«

»Nein«, wehrt sie ab, »du weißt doch, dass ich nicht gut vor Leuten sprechen kann.«

»Wieso?«, fragt Jenny, »wenn du sowieso nicht bestehen musst und dir alles egal ist …?«

Auf dem Weg zur Klinik finden wir für jede von uns einen Grund, warum sie es schafft. Auf dem Weg über die Innere treffe ich Tobias. Hat er mich gesucht?

Er drückt mir eine Postkarte in die Hand. »Lies das!«

Die Karte ist nicht von ihm geschrieben. Sondern von Herrn Pflüger. Er bedankt sich für alles, was im St. Anna für ihn getan wurde. Und da steht es. »Besonderen Dank an Dr. Weissenbach. Für ihre aufopferungsvolle Fürsorge.«

»Viel Glück!«, sagt Tobias. »Mach es einfach auf deine Art.«

Und genau das nehme ich mir vor. Jetzt. Dann ziehe ich seinen Kittel an und lasse mir von Dr. Thiersch einen der Patienten zuweisen, die eingewilligt haben, Examenspatienten zu sein.

»Mein« Patient ist 51 Jahre alt und heißt Christoph Berthold. Nicht Berthold Christoph, wie es auf meinem Bogen steht. Er stellt es richtig und sein erster Blickkontakt mit mir ist unsicher. Ich bleibe ruhig. Weil ich mir innerlich sage, dass es das erste und letzte Mal ist, dass in dieser Prüfung etwas verwechselt wird.

Ich bedanke mich höflich für seine freiwillige Anteilnahme an meiner Prüfung – und dann lege ich los.

Herr Berthold hat krampfartige Schmerzen im rechten Oberbauch, die in den Rücken und die rechte Schulter ausstrahlen. Ich erfahre, dass er an Völlegefühl, Schweißausbrüchen und Appetitlosigkeit leidet. Die Schmerzen sind typisch für Gallensteine in der Gallenblase.

Bei der Untersuchung zeigt sich ein Klopfschmerz über der Galle, der meinen Verdacht bestärkt. Die Gallenblase könnte entzündet sein. Die leichte Gelbfärbung der Haut spricht dafür. Um eine Gallenblasenentzündung zu diagnostizieren, tastet man den Bauch des Patienten ab. Manchmal lässt sich die Vergrößerung der Gallenblase ertasten oder sie ist sogar sichtbar. Ich fühle sie nicht. Lasse mich aber nicht beirren.

Ich fordere Herrn Bertholds Blutwerte an und sie weisen auf eine Entzündung des Gallensystems hin. Nun müsste man einen Ultraschall anordnen. Ich bitte um die Ergebnisse und sehe eine vergrößerte Gallenblase mit einer typischen entzündlichen Verdickung der Wand.

Alles klar, Lena. Gallenblasenentzündung. Diagnostiziert in der vorgeschriebenen Zeit.

Noch reichliche zwei Stunden bis zur Abgabe des Arztbriefes.

Halt, nicht einfach losstürmen!

»Vielen Dank so weit, Herr Berthold!« Ich sage es ganz ruhig. »Ich komme dann in etwa zwei Stunden wieder, mit den Prüfern.« Er nickt, ich verlasse den Raum – und dann stürme ich los wie der Teufel.

Ich habe zwei Stunden Zeit zum Schreiben. Und das ohne Computer. Eine lesbare Handschrift muss es also auch noch sein.

»1. Anamnese, 2. Untersuchung, 3. Befunde« … Ich notiere alle neun Punkte, zu denen ich mich äußern muss. Und dann schreibe ich zehn Seiten voll. Aber fast alles in Schönschrift. In schönster Glückskugelschreiberschrift. Meine Hand ist nach den zwei Stunden so verkrampft, dass ich meine Blätter fast zerknittere, als ich sie abgebe.

»Zwei Stunden Pause«, sagt Dr. Thiersch.

Im Gang treffe ich Isa. Für sie geht es gleich los, die Pädiater stehen noch nervös auf dem Hof und rauchen.

»Ich beneide dich«, sagt sie, »du hast schon ein Viertel geschafft!«

»Ich beneide DICH«, entgegne ich, »du kannst alles noch besser machen.«

»Beneidet MICH!«, ruft Jenny, die in diesem Moment über den Gang geeilt kommt, »ich hab eine Leberzirrhose!«

Auch nichts, was man so rumbrüllen sollte.

Johanna und Patrick entschließen sich zu einem schnellen Mittagessen, Jenny und ich aber wollen keine halbe Stunde fürs Essen vergeuden. Wir brauchen die ganze Zeit, um unsere Diagnosen zu wiederholen. Und zu üben, wie man möglichst lange dazu spricht.

Genau zwei Stunden später startet die Prüfungsgruppe zum alles entscheidenden Rundgang. Johanna, Patrick, Jenny und ich. Außerdem Dr. Thiersch, Dr. Al-Sayed, Dr. Paulsen und ein älterer Herr. Prof. Dr. Heidemuth. Der Pharmakologe. Vor dem ich eine Heidenangst habe.

Wir gehen von einem Patientenzimmer zum nächsten. Patrick ist der Erste. Johanna lauscht während seiner Vorstellung an der Tür. Wir nicht. Wir wiederholen ein vorletztes Mal unsere Diagnosen.

Als Johanna dran ist, lauscht Patrick. Drinnen wird gelacht. Johanna kommt mit einem Strahlen zurück, das nahelegt, dass nicht ÜBER sie gelacht wurde.

Dann ist Jenny an der Reihe. Ich lausche nicht. Nur ein bisschen. In diesem Zimmer wird nicht gelacht. Und als Jenny rauskommt, beißt sie sich auf die Lippen.

»Ich hab die Schilddrüse nicht richtig erklärt«, wispert sie, als wir weitergehen.

»Das machst du nachher in der Fragerunde wieder gut«, flüstere ich zurück. Und dann beginnt meine Prüfung.

Herr Berthold hat sich umgezogen. Oder umziehen lassen. Vorhin trug er jedenfalls noch keinen silberfarbenen Schlafanzug. Vielleicht war der für mich zu schade. Oder es ist ihm jetzt erst eingefallen, dass er sich auch ein bisschen schick machen könnte. Er lächelt stolz in die Runde.

»Hallo, Herr Berthold! Was für ein schöner Schlafanzug!«, sage ich. Und dann nur noch Wesentliches. Hoffe ich.

Ich übergebe den Patienten, erkläre alles noch einmal, was ich vorhin getan und mittlerweile auch in meinem Arztbrief schriftlich dargelegt habe. Ich mache vielleicht ein bisschen zu viele Worte. Um Zeit zu gewinnen, ja ja. Aber niemand unterbricht mich. Nach der Diagnose spreche ich über die Behandlungsmöglichkeiten. Über die Medikamente, krampflösende und schmerzstillende. Über die Unterschiede zwischen akuter Gallenkolik und einem chronischen Gallensteinleiden. Darüber, wie man eine Infektion der Gallenblase mit Antibiotika behandelt. Und darüber, wie man die Gallenblase chirurgisch entfernt. Sowie die Gallengangsteine. Auf endoskopischem Weg. Obwohl man manche auch medikamentös auflösen oder mittels Stoßwellen zertrümmern kann. Aber ich plädiere für die OP.

Dann fällt mir wirklich nichts mehr ein. Und ich fürchte, dass ich das Wort Galle nicht noch ein einziges Mal über die Lippen bringe. Aber ich habe fast zehn Minuten gesprochen.

Es gibt eine Nachfrage von Dr. Paulsen: Warum ich eine OP statt einer Behandlung empfehle? – Ich kann sie beantworten: Weil das Risiko, innerhalb von fünf Jahren nach der Therapie erneut Gallensteine zu entwickeln, zwischen 30 und 50 Prozent liegt.

»Also, ich möchte dann lieber operiert werden«, schaltet sich Herr Berthold ein.

»Keine Sorge, das werden Sie sicher«, sagt Dr. Al-Sayed knapp. Womit ich weiß, dass ich in diesem Punkt richtiglag.

»Würden Sie für uns noch etwas untersuchen?«, fragt Dr. Thiersch, als hätte ich eine Wahl.

»Was darf es denn sein?«, frage ich zurück.

Sie entscheidet sich für das Sprunggelenk. Woraufhin ich eine Schmerzanamnese durchführe, um einen Schmerz zu lokalisieren, den Herr Berthold nicht hat, Instabilitäten und Bewegungseinschränkungen untersuche, die er auch nicht hat und Vorerkrankungen und Beschwerden erfrage, zu denen er überhaupt nichts sagen kann.

»Macht das was?«, fragt er mich plötzlich im Flüsterton. Ich erkläre ihm noch einmal, dass es hier gar nicht mehr um ihn geht.

»Nur, weil Sie ja jetzt nichts finden …«, sagt er mit bedenkenvoller Miene.

»Kein Problem«, entgegne ich. »Ich zähle jetzt alles auf, was ich finden KÖNNTE – und Sie hören weg. Denn Sie HABEN ja nichts am Sprunggelenk.«

Hat Prof. Dr. Heidemuth jetzt gelächelt? Ich hoffe, aus Sympathie! (Und dass er das morgen noch weiß, wenn er mich zur Pharmakologie befragt.)

Ich zähle alles auf, was ich an Herrn Bertholds Sprunggelenk sehen könnte – von Hämatom bis Muskelatrophie – oder ertasten könnte – von Tarsaltunnelsyndrom bis Achillessehnenruptur. Und wie ich das jeweils rausfinden würde. Nur reden, Lena, reden.

Ich rede, bis jemand »Danke« sagt. Dr. Thiersch. »Bis gleich«, nickt sie.

Und das war der erste Streich. Ich wüsste gern, was für einen Eindruck ich hinterlassen habe. Ich habe bestimmt zu viel geredet. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken.

Die Gruppe wandert in den Prüfungsraum und dort setzt unmittelbar das Fragengewitter ein. Drei Stunden lang. Jeder Student wird von jedem Prüfer zehn Minuten zu seinem Patienten befragt, wir sind immer abwechselnd dran.

Ich habe Glück mit Prof. Dr. Heidemuth. Einige der Fragen, die er sich überlegt hat, habe ich in meinem Vortrag bereits gestreift. Er will wissen, wie das medikamentöse Auflösen der Gallensteine funktioniert und warum. Wahrscheinlich hat er nicht damit gerechnet, dass die Studentin schon in der Vorstellung so weit ausholt. Jetzt muss ich nur wiederholen, was vorhin selbst mir in meinem Zeitschinde-Modus zu viel erschien. Er nickt zufrieden. Wenn ich Glück habe, sind wir noch Freunde, bevor die Pharma-Prüfung beginnt.

Bei Dr. Thierschs Frage habe ich nicht so viel Glück, sie will die OP erklärt haben, so kleinteilig wie möglich, und fragt sich in ihrem Raketentempo von einer OP-Komplikation zur nächsten. Ich bin froh, dass ich danach wieder 30 Minuten Verschnaufpause habe, während die anderen befragt werden. Denn die brauche ich, um zur Erde zurückzukehren.

Jenny hat kein Glück. Bei der ersten Aufgabe halte ich es für Zufall. Bei der zweiten nicht. Nur Dr. Al-Sayeds Fragen kann sie alle beantworten. Bald habe ich mehr Angst, wenn sie befragt wird, als wenn ich drankomme.

Doch alle Zeit der Welt ist endlich. 180 Minuten sind es erst recht.

Als wir gehen dürfen und uns mit einem müden »Bis morgen« von den Prüfern verabschieden, nehme ich Jennys Hand.

»Morgen haust du sie alle um«, flüstere ich.

»Morgen«, wiederholt sie und es klingt erstickt.

Aber was immer da kommt – morgen Abend ist es vorbei.

Miss Emergency, Band 4: Miss Emergency , Operation Glücksstern
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