Ich hab’s doch gesagt!«, seufzt Isa erleichtert, als sie von ihrer Einzelkonsultation zurückkommt. »Es geht mir besser. Ich wusste es doch.«

Wir sind alle erleichtert. Isa sogar so sehr, dass sie sich überreden lässt, am Abend mit uns auf das Konzert von Mighty M zu gehen. Trotz Prüfungszeit. Weil sie heute zum ersten Mal seit Ewigkeiten kein Schnappatmungs-Gefühl hat, wenn sie ihre Bücher öffnet. Und um Mitternacht Geburtstag.

Das Konzert ist klasse, ich überstehe meinen obligatorischen Gast-Gitarrenklimper-Auftritt mit leidlicher Grazie. Dann bitten Ferdinand und Dennis um einen Show-Curlingschuss mit einem der Schlagzeugbecken. Weil die Band das Publikum dazu bringt »Curling, Curling« zu brüllen, bleibt mir nichts anderes übrig. Ich erklimme die Bühne und schleudere das Becken mit aller Kraft über den Boden. Mit einem lauten Plong schlägt es gegen einen Stahlträger, es folgt ekstatischer Applaus.

So einfach kann man eine Menschenmenge zum Brüllen bringen? Ich sehe in die Menge und bin gebannt. (Warum haben WIR so was nicht?! Jippieh, ein Karpaltunnelsyndrom geheilt! Applaus! Gallensteine entfernt – dröhnender Beifallssturm! Ein Nierenversagen verhindert – Standing Ovations, 17 Verbeugungen lang!)

»Siehst du«, sagt Alex, als er mich von der Bühne hebt. »Ich hab’s doch gesagt. Was immer du tust …« Er schreit nicht frenetisch. Aber es ist fast schöner als die tausend Brüller.

Die Band geht zu langsamen Liedern über, Jenny und Felix tanzen.

Es sieht verliebt aus. Vielleicht habe ich mich getäuscht. Und Jenny kann es tatsächlich. Verzeihen. Neu anfangen.

Doch dann fange ich über Felix’ Schulter Jennys Blick auf. Er wirkt beunruhigend nachdenklich. Nicht, als ob sie mit ihm tanzt, weil sie ihm nah sein möchte. Sondern als ob sie es tut, damit er nah bei ihr bleibt.

Um Mitternacht lassen wir Isa hochleben. Dann erfüllen wir ihren ersten Geburtstagswunsch, der darin besteht, dass wir nach Hause fahren. Weil sie Schlaf braucht. Endlich mal wieder Schlaf.

In der Nacht wache ich von beunruhigenden Geräuschen aus dem Badezimmer auf. Isa übergibt sich. Fast eine halbe Stunde lang hört es nicht auf.

Am Morgen zwingen wir sie, endlich zum Arzt zu gehen.

»Aber es ist mein Geburtstag«, wehrt sie sich.

Doch wir sind unerbittlich. »Eben deswegen«, erwidert Jenny. »Du machst dir so viele Sorgen um die Prüfung, dass du davon krank wirst – und dann noch mehr Sorgen, WEIL du krank bist. Also kannst du kein besseres Geburtstagsgeschenk bekommen, als endlich wenigstens die zweite dieser Sorgen los zu sein.«

»Wenn ihr echte Freundinnen wärt«, jammert Isa, »würdet ihr mir die ERSTE abnehmen. Und für mich diese Prüfung erledigen.«

»Das kannst du selbst tun«, widerspreche ich. »Sobald du wieder gesund bist … « Mit zuckersüßem Lächeln halte ich ihre Strickjacke auf.

Isa seufzt. »Toller Geburtstagsfrühstücksersatz.«

»Geburtstagsfrühstück gibt’s danach. Ich verspreche, du wirst es viel mehr genießen, wenn du endlich weißt, was los ist.«

»Zur Feier des Tages fahre ich dich …«, grinst Jenny – und wartet auf Isas wohlerzogen-dankbares, aber gequältes Lächeln, bevor sie ergänzt: »… mit dem Taxi hin.«

»Danke«, haucht Isa.

Dann nehmen wir sie in die Mitte und brechen auf zu unserem ungewöhnlichsten, aber notwendigsten Geburtstagsausflug.

»Aber nicht ins Sankt Anna!«, flüstert Isa erschrocken, als wir im Taxi sitzen. Nein, so gedankenlos sind wir nicht. Jenny hat einen Termin bei ihrem Allgemeinarzt gemacht, auf den sie Stein und Bein schwört, weil er ihr im Notfall auch Schulbefreiungen ausgestellt hat, obwohl er wusste, dass sie »nur eine Pause braucht«. Und weil in seinem Wartezimmer eine so schöne Skulptur steht. Ein schlafender Buddha in beinahe-Lebensgröße.

Man merkt Isa an, dass sie das nicht unbedingt für eine unübertreffliche Qualifikation hält, aber mit allem zufrieden sein will, solange wir sie nicht ins Sankt Anna schleppen.

Die Buddha-Skulptur ist wirklich schön. Sie nimmt ein Viertel des Wartezimmers ein. Aber es ist sehr entspannend, dem Buddha bei seinem immerwährenden Schlaf zuzusehen. Ich habe ausgiebig Zeit, ihn zu betrachten. Denn wir verbringen eine geschlagene Stunde im Wartezimmer, ohne dass Isa wieder auftaucht.

Als ich allmählich beginne, mir Sorgen zu machen und Jenny grade nachfragen will, ob alles in Ordnung ist, kommt Isa aus dem Behandlungszimmer. Knallrot im Gesicht. Offenbar unfähig zu sprechen, winkt sie uns eilig hinter sich her und stürmt hinaus.

Wir rennen ihr nach, holen sie aber erst auf der Straße ein.

Isa lehnt an der Hauswand und lacht. Kein schönes Lachen. Ein total überdrehtes. Sie ist vollkommen hysterisch.

»Er wollte mir überhaupt nicht glauben, dass ich Medizinstudentin bin«, japst sie. Vor Lachen laufen ihr die Tränen über das Gesicht. »Weil ich selbst nicht zu so einer simplen Diagnose fähig war!«

Sie lacht immer weiter. Die Tränen laufen immer schneller. Ist das der Moment, in dem ich sie ohrfeigen sollte, damit sie wieder zu sich kommt? Ich versuche es erst mal ohne Gewalt, fasse sie an den Schultern und frage beinahe sanft, was verdammt noch mal mit ihr los ist.

»Ich bin schwanger«, sagt Isa. Und dann hört das Lachen auf und nur die Tränen bleiben übrig.

Ich kriege keine Luft, ich muss mich setzen. Im nächsten Moment sitzen wir alle drei an die Hauswand gelehnt auf der Straße. Vier. Wir alle vier.

Als Erstes kommt die Erinnerung an den Geruch. Babygeruch. Daran, wie ich im Gynäkologie-Tertial manchmal Aufgaben erfunden habe, um eins der Babys noch ein wenig halten zu dürfen. Dann die Erinnerung an den Kreißsaal. Das unglaubliche Gefühl, wenn ein Kind den Weg auf die Welt geschafft hat. Den Blick der Mutter, wenn man ihr das Baby in den Arm legen durfte. Schnell muss ich mir auch ein winziges Tränchen aus dem Gesicht wischen.

Es gelingt uns, Isa in ein Taxi zu verfrachten. Wir schleppen sie bis nach Hause in unsere Küche. Die Vorbereitungen für das Geburtstagsfrühstück stehen parat, als wären sie aus einer anderen Zeit hergebeamt. Wir sitzen vor Torte und Kanapees, Sekt und Obst-Teilchen und wissen nichts damit anzufangen.

Jenny ist die Erste, die wieder spricht. »Wie konnten wir das nicht merken?!«, fragt sie. Ja, mir wäre auch keine wichtigere Frage eingefallen.

»Ich hab gedacht, es ist der Stress«, flüstert Isa. »Ich dachte, das ALLES kommt vom Stress …«

»So was MERKT man doch! Ob man gestresst ist – oder SCHWANGER!«

»Du musst es ja wissen«, entgegnet Isa; der patzige Tonfall gelingt ihr nicht ganz.

»Vielleicht wolltest du es auch einfach nicht wahrhaben …«, gebe ich zu bedenken. Isa schweigt.

»Es tut mir leid«, sagt Jenny und köpft rücksichtslos die Sektflasche, »aber ich muss das verarbeiten.«

Isa macht eine Geste, die bedeuten könnte, dass sie selbst eine ganze Flasche auf den Schreck trinken würde – wenn der Schreck das nur zuließe … Auch ich bin unsolidarisch genug, ein Glas Sekt anzunehmen. Aber mein: »Na dann auf euch beide! Und Happy Birthday!«, war eigentlich netter gemeint, als Isa es auffasst.

»Genau, Happy Birthday«, stöhnt sie und lässt den Kopf in die Hände sinken.

Ich kann sie verstehen. Ein Baby ist etwas Wunderbares. Aber nicht zu jedem Zeitpunkt. Und dieser hier ist ausgesucht mies. Trotzdem: Wenn es erst da ist, wird sie es über alles lieben und um nichts in der Welt wieder hergeben wollen. Ich habe allerdings so viel Selbstbeherrschung, das nicht jetzt zu sagen. Schließlich bin nicht ich es, die schwanger ist. Vier Wochen vor dem Examen. Acht Wochen vor dem Antritt der Assistenzarztstelle.

Das ist der Moment, in dem es klingelt. Jenny geht öffnen. Und kommt mit dem strahlenden Tom zurück. Überraschung.

Wenn der wüsste.

Tom ist mitten in der Nacht aufgestanden, um rechtzeitig zu Isas Geburtstagsfrühstück hier zu sein. Er hat Blumen dabei und sicher etwas mehr Begeisterung erwartet.

»Freust du dich nicht?«, fragt er fröhlich, nachdem sich Isa, statt seinen Begrüßungskuss zu erwidern, einfach weggedreht hat.

»Weiß ich noch nicht«, schnieft sie und scheint schon wieder kurz vor einem neuen Hysterie-Lachanfall zu stehen.

Tom ist irritiert, versucht Isas Reaktion aber mit Humor zu nehmen: »Ich hab dir das ultimative Geschenk mitgebracht«, lächelt er. »Willst du es gar nicht sehen?«

»Oh Mann«, seufzt Isa bitter. »Ich hab schon was zum Geburtstag bekommen. Etwas FÜR IMMER!« Und dann bricht sich doch wieder das irre Lachen Bahn. Gefolgt von Schlosshund-Heulen.

Wir kennen das schon, sind aber nicht weniger betroffen als vor zwei Stunden. Tom ist vollkommen entsetzt.

»Die Prüfung?«, fragt er angstvoll. »Ist es wegen der Prüfung?!«

»Die Prüfung fällt aus«, erwidert Isa mit Grabesstimme.

»IST es wegen der Prüfung?!«, fragt Tom verständnislos nach.

»Nein«, flüstert Isa, »es ist wegen des Babys.«

Es dauert einen Moment, bis Tom begreift.

Dann aber zeigt er eine vorbildliche, beinahe hollywoodmäßige Reaktion. Er fällt vor Isa auf die Knie, umarmt sie und sagt ungefähr hundert Mal, wie sehr er sich freut. Und dass alles kein Problem ist, er für das Kind da sein wird, sie alles hinkriegen. München hat wundervolle Kindergärten. Und ein Kinderzimmer lässt sich problemlos aus dem bisherigen Arbeitszimmer seiner Wohnung machen. Oder sie ziehen gleich um …

Isa sagt nichts, hört nur zu. Aber es scheint ihr gutzutun. Oder sie ist einfach nur berauscht von seinen vielen Worten.

Wir lassen die beiden allein. Jenny macht nur noch einen schnellen Schritt zurück, um sich die Sektflasche zu schnappen.

Wir teilen uns den Sekt auf Jennys Bett. »Ist doch schön, wie Tom sich freut«, sage ich. Ist es doch, oder? Wenn es etwas Gutes an dem ganzen Baby-Schreck gibt, dann dass Tom so offen und begeistert reagiert hat.

»Klar«, schnaubt Jenny, »der wollte immer schon Kinder. Und ER muss ja nicht seine Karriere an den Nagel hängen.«

Ich widerspreche sofort, dass auch Isas Karriere damit nicht geplatzt ist. Jenny sieht mich durchdringend an. Als hätte ich behauptet, dass Isa problemlos während der Entbindung weiteroperieren kann, wenn eine Schwester das Baby auffängt.

Aber sie kann doch …

»Was denn?«, unterbricht Jenny grob meine Suche nach Schönrede-Argumenten. »Hochschwanger eine Stelle an einer neuen Klinik antreten, Facharztausbildung mit Baby, Stillen im OP, Abschluss mit Kleinkind, Nachtschichten und unregelmäßige Dienstzeiten? Hallo, Baby! Tschüs, Baby! Wie heißt du eigentlich, Baby?«

»Mal nicht alles so schwarz«, schimpfe ich, »Isa kann das schaffen!« Aber ich hab auch keine Ahnung, wie.

Wir beschließen, unsere Freundin nach besten Kräften zu unterstützen, ihr Mut zu machen und die Schwangerschaft so schön wie möglich zu reden. Aber Isa ist selbst Realistin genug.

»Ihr findet auch, dass es eine Katastrophe ist, oder?!«, fragt sie matt und fällt zu uns aufs Bett.

Tom ist losgezogen, um alkoholfreien Sekt einzukaufen, damit wir auf Isa und das Baby anstoßen können. »Er ist jetzt schon so fürsorglich«, sagt sie leise, »er wird sicher ein guter Vater …«

Aber es klingt nicht, als sei das die beste Nachricht der Welt. Sondern als mache das die Sache irgendwie noch komplizierter.

»Wir hatten doch alles geplant. Meine Facharztausbildung in München, irgendwann eine größere Wohnung … und DANN Kinder. Wenn ich den Facharzt habe und Tom ein bisschen befördert wurde. Nachdem wir ein paar seiner betreuten Projekte aus der Nähe gesehen haben. Nicht auf der ganzen Welt, nur ein paar … Vielleicht Guatemala und Indien. Ich habe noch kaum was von der Welt gesehen. Ich hab ja immer nur gelernt und gelernt.«

In diesem Punkt macht Isa sich vielleicht doch etwas vor. Sie hat nicht Jennys Abenteuerlust. Doch ich verstehe vollkommen, dass sie das Gefühl hat, der Zeitpunkt sei schlecht. Der Zeitpunkt IST absolut schlecht.

»So kommt es, wenn man Pläne macht«, lächelt sie traurig, »merkt euch das, Mädels.«

Langsam scheint mir die Trübsal doch ein wenig übertrieben. »Aber immerhin: Du wolltest Kinder«, tröste ich sie, »jetzt kriegst du sie eben ein bisschen früher.«

»Nein«, widerspricht sie, »jetzt krieg ich sie STATTDESSEN.«

Sie sieht es wie Jenny: Auch wenn Tom sich freut und ihr jede Unterstützung verspricht – mit einem Kind kann sie ihren Ärztinnentraum erst einmal einmotten.

»Weil du ein Jahr aussetzt?«, frage ich. »Du bist jung. Du willst Ärztin werden. Und du machst ja keinen Urlaub! Wenn du zurückkommst, bist du jedenfalls um einige Erfahrungen reicher. Und dann nimmt Tom ein Babyjahr und du machst deine Facharztausbildung ein Jahr später!« Mann, bin ich denn die einzige hier, die sich auf das Kind freut?!

»Gib mir doch wenigstens einen Tag, um mich überhaupt an den Gedanken zu gewöhnen«, seufzt Isa. Okay, das kann ihr wohl niemand abschlagen. Schon gar keine Nicht-Schwangere, die leicht reden und keine Konsequenzen zu tragen hat.

»Hättet ihr mich nicht morgen zum Arzt schleppen können?«, fragt sie vorwurfsvoll. »Nach Feiern ist mir nicht mehr … Obwohl, das hat auch sein Gutes: Ihr könnt wieder an die Prüfungsvorbereitung gehen.«

»Komm schon, Isa«, grinst Jenny, »du willst doch an deinem Geburtstag nicht lernen!«

»Wer spricht denn von MIR?!«, entgegnet Isa und streichelt mit wichtiger Miene ihren noch recht flachen Bauch. »ICH bin schwanger!«

Isa möchte sich mit Tom besprechen und dazu spazieren gehen … und Jenny und ich finden uns unerwartet vor unseren Bücherstapeln wieder. Ich erwarte nicht, dass wir heute besonders viel leisten. Isas aufregende Neuigkeit füllt doch eine Menge Hirnraum. Jenny raschelt wohl auch mehr mit den Seiten, als dass sie liest. »Mann, schwanger müsste man sein«, stöhnt sie irgendwann genervt.

»Ach«, frage ich grinsend, »willst du das auch noch mit einem Baby am Rockzipfel lernen müssen?«

»Nein«, kontert sie entsetzt »Ich will doch kein Baby, ich brauch nur das Jahr Extra-Lernzeit!«

Ja. Dagegen hätte ich auch nichts einzuwenden. Doch wir sehen ein, dass es das Aufschubjahr nur MIT Baby gibt und reißen uns zusammen. Wir arbeiten ganze zwei Stunden … bis uns siedend heiß einfällt, dass wir vor endlos langer Zeit – gestern Nacht, als wir noch nichts ahnten – beschlossen hatten, ein Essen zu Isas Ehren zu veranstalten. Und die Jungs eingeladen haben.

Wir brechen auf zu einer Blitzexpedition Richtung Supermarkt. Auf der Straße muss ich kurz stehen bleiben. Leute in Flipflops. Touristen, selbst in unserem Viertel. Überfüllte Cafés, Grillgeruch. Stimmt, das war ja auch noch: Sommer.

Unbewusst hatte ich das Gefühl, er sei angehalten worden, solange ich lerne. (Pause-Taste, Lena muss schnell noch was lernen. Wir setzen den Sommer später an dieser Stelle fort.)

Aber nichts da. Der Sommer ist schon fast vorbei. Noch eine Woche bis zu MEINEM Geburtstag. (Oh Gott, was das Schicksal wohl für mich für Überraschungen bereithält?!)

»Wäre es nicht doch schön«, fragt Jenny in diesem Moment, »einen einzigen Tag lang schwanger zu sein?«

Also das wäre das Letzte, woran ich jetzt gedacht hätte. Jenny grinst. »Weil man dann wenigstens einen Tag mit vollem Recht faul in der Sonne sitzen könnte.«

»Tu mir einen Gefallen, Jenny«, grinse ich zurück. »Wenn du vor Isa diese Wie schön wäre eine Schwangerschaft-Dinge sagst: Lass einfach immer die Erklärungen weg, okay?!«

Im Supermarkt benimmt sich Jenny ausgesprochen schräg. Sie schickt mich auf die Suche nach Seltsamkeiten wie Kichererbsen und Bulgur – und als sie verlangt, dass ich Safran auftreibe, bekomme ich das Gefühl, dass sie mich nur loswerden will. Aber mit dieser Unterstellung beleidige ich sie. »Du kannst nur nichts damit anfangen«, tadelt sie, »weil DU kochst wie ein einbeiniger, unverheirateter 70-Jähriger!« (Was sind denn das für Vorurteile?! Was, wenn der Mann Piraten-Schiffskoch war?!)

»Wir kochen arabisch«, erklärt sie. »Kein Alkohol, nichts Rohes, kein Schweinefleisch.« Sie lächelt zuckersüß. »Damit können wir problemlos Isas neue Essens- und Trinkvorschriften kaschieren. Nur für den Fall, dass sie vor Alex und Felix nicht gleich mit der Babytür ins Haus fallen will.«

Ich lobe sie über die Maßen für diese rücksichtsvolle Idee.

Wir kochen eine Stunde lang, Auberginenmus, Bulgur-Salat und Ma’amoul. Eigentlich kocht Jenny; ich darf nur schneiden und wegräumen, mehr traut sie mir nicht zu. Ich beschwere mich nur der Form halber, denn wenn ich ehrlich bin, ähneln meine Kochkünste doch denen des 70-jährigen Nicht-Schiffskochs.

Isa und Tom sind ein bisschen hektisch, als sie zurückkommen – Isa ist jetzt erst wieder eingefallen, dass wir zum Essen geladen hatten – und angesichts unseres arabischen Menus sehr gerührt. Isa versteht die Absicht dahinter sofort.

Jenny ist geschmeichelt. »Nur Folsäure und Vitamine«, grinst sie. »Essensmäßig sind Schwangere bei mir bestens aufgehoben. Den Geburtstagssekt haben Lena und ich dir sicherheitshalber auch schon mal weggetrunken.«

Felix und Alex sind von dem Menü eher irritiert – besonders, als Jenny den mitgebrachten, stolz präsentierten Champagner verbietet, weil er nicht zum Motto des Abends passt. Aber sie kennen uns lang genug und fügen sich der Tatsache, dass wir in puncto stilecht strikt sind. Und Jennys langatmige Erklärung für den arabischen Abend – angeblich schwärmt Isa für den Orient, seit sie als Kind Freundschaft mit einem Kamel geschlossen hat – schlucken sie schließlich auch, da Isa, Tom und ich dazu so ernsthaft und bekräftigend nicken.

Dass die Stimmung nicht ganz so ausgelassen ist, wie man es von einem Geburtstag erwarten könnte, fällt aber doch auf. »Was ist los?«, fragt Felix. »Wo ist eure sonst so wilde Feierwut?«

»Ach ja«, grinst Isa fatalistisch – es ist das erste Mal, dass sie heute Abend den Mund aufmacht. »Lasst uns Sekt trinken, Sushi essen und Schiffsschaukel fahren!«

Die Jungs starren sie verständnislos an.

»Komm schon, Isa«, wende ich ein, »du stehst gar nicht auf Schiffsschaukeln.«

»Kann ich ja auch nicht mehr«, entgegnet sie, offenbar nicht sehr auf Geheimhaltung bedacht.

Alex und Felix wirken noch verwirrter. Jenny versucht, gleichzeitig abzulenken und Trost zu spenden. »Ach, so geht es mir auch dauernd«, sagt sie und lächelt über Isas Bemerkung hinweg. »Ich will auch immer gerade das, was ich nicht habe.«

Isa sieht sie an, ruhig, aber irgendwie schrecklich traurig. »Ich weiß nicht, ob ich will, WAS ich habe …«, sagt sie.

Ich halte den Atem an. Und auch in Toms und Jennys Gesicht spiegelt sich der Schrecken. Isa zuckt die Schultern, hilflos.

Ich hoffe und wünsche mir mehr als alles, dass sie nicht meint, was sie sagt.

Miss Emergency, Band 4: Miss Emergency , Operation Glücksstern
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