2. KAPITEL

Regan beobachtete durchs Schaufenster, wie der Track hinter der Kurve hielt. Ein Kind an der Hand, das andere auf dem Arm, eilte sie freudig erregt nach draußen.

„Dr. Knight.”

„Mrs. MacKade.” Rebecca kletterte schnell aus dem Track und umarmte die Freundin voller Wärme und Herzlichkeit.

Shane registrierte, dass die Kühle und Professionalität, die sie die ganze Zeit über ausgestrahlt hatte, schlagartig verschwunden waren, und er hatte Mühe, sich ein Lächeln zu verkneifen, während er die beiden Frauen bei ihrer Begrüßungszeremonie beobachtete.

„Oh Regan, ich habe dich so vermisst. Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich vermisst habe”, sagte Rebecca ein ums andere Mal mit Freudentränen in den Augen. „Ach, und diese süßen Babys. Wie hast du das bloß geschafft?”

Jetzt ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Vor Regan brauchte sie sich ihrer Gefühle nicht zu schämen. Schniefend streichelte sie Nates Wange und fuhr dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger dem Baby über den samtweichen Haarflaum.

„Da sieht man sich ein paar Jahre nicht, und gleich heiratest du und wirst Mutter von zwei Kindern.”

Nate, der keine Scheu vor Fremden kannte, machte auf sich aufmerksam.

„Du siehst bestimmt aus wie dein Daddy”, sagte Rebecca.

„Daddy”, stimmte Nate zu. „Ball spielen. Shane, hoppe hoppe Reiter!” Er hüpfte auf und nieder wie ein Gummiball.

„Ich hab schon befürchtet, du kennst deinen Onkel nicht mehr.” Shane lachte und setzte sich den Dreijährigen auf die Schultern. Nate krähte laut und vergnügt.

„Ich bin froh, dass ihr beide euch gefunden habt. Tut mir leid, dass ich nicht selbst kommen konnte, Rebecca.”

„Ich sehe doch, dass du alle Hände voll zu tun hast”, erwiderte Rebecca.

„Und dein Schwager hat sich wirklich bestens bewährt.” Sie lächelte Shane zu. „Alles in allem.”

„Du bist bestimmt sehr müde. Komm doch mit rein, ich wollte den Laden gerade schließen. Shane, leiste uns doch einfach auch noch einen Moment Gesellschaft.”

„Ich muss gleich wieder zurück, aber trotzdem vielen Dank, Regan. Runter mit dir, Nate.” Nachdem er den Jungen von der Schulter genommen hatte, wirbelte er ihn noch ein paarmal im Kreis herum und stieß ein lautes Bellen aus, was Nate so zum Kreischen brachte, dass er einen Schluckauf bekam.

Regan nahm Shane ihren Sohn ab und verabschiedete sich. „Nochmals vielen Dank. Und wenn ich dir mal einen Gefallen tun kann, lass es mich wissen. Morgen wollte ich für Rebecca ein Willkommensessen machen, ich hoffe, du hast Zeit?”

„Wenn’s ein Essen umsonst gibt, habe ich immer Zeit.” Er winkte Rebecca zum Abschied zu. „Bis dann.”

„Danke fürs Abholen, Farmboy.”

Shane zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Keine Ursache, Becky.”

Regan zog eine Augenbraue hoch. „Becky?”

„Nur ein kleiner Scherz.” Rebecca schaute dem davonfahrenden Pick-up hinterher, registrierte den nur äußerst spärlich fließenden Verkehr, die alten Backsteinhäuser, die Leute, die vor ihren Haustüren gemütlich ein Schwätzchen hielten. „Ich versuche mir Regan Bishop als Einwohnerin und Geschäftsfrau in einer Kleinstadt vorzustellen.”

„Hier habe ich mich schon auf den ersten Blick heimisch gefühlt. Komm rein und sag mir, wie dir mein Laden gefällt.”

Jetzt erst, als Rebecca über die Schwelle trat, gelang es ihr, Regan und Antietam in Übereinstimmung zu bringen. Der Laden entsprach ganz und gar Regans Stil. Elegante antike Möbel, hübsche alte Lampen, Glasgefäße und goldgerahmte Spiegel. In der Luft hing der würzige Duft von Regans Parfüm, vermischt mit dem Geruch von Babypuder. Rebecca musste lächeln.

„Und wie fühlt man sich so als Mama?”, fragte sie, nachdem sie sich voller Interesse umgesehen hatte.

„Einfach herrlich. Ich kann es gar nicht erwarten, dass du endlich Rafe kennenlernst.”

Rebecca fand das alte Backsteinhaus mit den dicken Mauern, in dem Regan und Rafe MacKade lebten, beeindruckend. Es brachte den rauen, männlichen Charme Rafe MacKades ebenso zum Ausdruck wie Regans Stil und ihre weibliche Anmut.

Rafe hätte sie auf einen Kilometer Entfernung als Shanes Bruder erkannt, so groß war die Ähnlichkeit. Deshalb war sie auch nicht überrascht, als er sie zur Begrüßung fest in die Arme zog.

Mittlerweile hatte sie sich schon daran gewöhnt, wie die MacKade-Brüder mit Frauen umgingen.

„Regan macht mich schon seit zwei Wochen verrückt, weil Sie zu Besuch kommen”, vertraute Rafe ihr an, nachdem sie sich mit einem Glas Wein ins Wohnzimmer gesetzt hatten.

„Ich mache überhaupt niemanden verrückt”, protestierte Regan.

Rafe lächelte und streichelte zärtlich ihre Hand, als Regan sich auf der Armlehne des Sofas, auf dem er saß, niederließ. „Sie hat das Haus schon zweimal auf Hochglanz gebracht und saugt jedes Hundehaar einzeln ab, alles nur deinetwegen.” Er stieß den Golden Retriever, der sanft zu seinen Füßen schlummerte, liebevoll mit der Schuhspitze an.

„Fast jedes”, verbesserte Regan ihn.

„Ich fühle mich wirklich geschmeichelt.” Rebecca zuckte leicht zusammen, als Nate das Haus, das er aus Bauklötzen gebaut hatte, umstieß und angesichts der wild durcheinanderpurzelnden Steine in ein Freudengeheul ausbrach.

„Kluger Junge”, bemerkte Rafe milde. „Ganz recht, wenn etwas nicht richtig gebaut ist, reißt man es ein und baut es neu.”

„Daddy. Komm spielen.”

„Auf das Fundament kommt es an”, sagte Rafe, während er aufstand und sich zu seinem Sohn auf den Fußboden hockte. „Das ist das Wichtigste.” Eine große, kräftige Hand und eine kleine, pummelige begannen Stein auf Stein zu setzen. „Regan hat erzählt, dass Sie sich das Inn gerne näher ansehen möchten?”

„Ja, das habe ich vor. Am liebsten würde ich für einige Zeit dort wohnen, falls ein Zimmer frei ist.”

„Oh … aber … wir wollen dich doch viel lieber hierhaben, Rebecca.”

Rebecca lächelte Regan an. „Das weiß ich zu schätzen, doch ein paar Tage beziehungsweise Nächte würde ich ganz gern im Inn verbringen.”

„Gespenster jagen, wie?”, vermutete Rafe, der sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt hatte, und winkte seinem Sohn zu.

„Nun ja …” Rebecca wurde merklich zurückhaltender. Ein bisschen komisch kam ihr die ganze Sache ja selbst vor. Wer glaubte heutzutage noch an Gespenster?

„Sie werden sich noch wundern. Es gibt dort wirklich Geister. Als Regan das erste Mal auf sie aufmerksam wurde, hatte sie Glück, dass ich in der Nähe war, denn sie wurde vor Schreck ohnmächtig.”

„Ganz so war es nicht”, stellte Regan richtig. „Ich dachte zuerst, Rafe spielt mir einen Streich, und als mir klar wurde, dass er gar nicht in der Nähe war, wurde mir tatsächlich etwas … seltsam zumute.”

„Ach, wirklich? Erzähl.” Fasziniert lehnte sich Rebecca vor. „Was hast du gesehen?”

„Gesehen habe ich nichts. Es war mehr ein … Gefühl, so als wäre ich nicht allein. Das Haus stand seit Jahrzehnten leer, und Rafe hatte noch nicht mit der Renovierung begonnen. Aber da waren Geräusche. Schritte, Türenquietschen. Und auf der Treppe gibt es eine Stelle, wo einem kalte Luft ins Gesicht schlägt.”

„Du hast es gespürt?” Rebeccas Tonfall war nun ganz sachlich der einer Wissenschaftlerin, die Fakten sammelte.

„Bis in die Knochen. Ich war völlig geschockt. Rafe hat mir später erzählt, dass genau an dieser Stelle am Tag der Schlacht ein junger Soldat erschossen wurde.”

„Die beiden Soldaten.” Als Regan sie überrascht ansah, nickte Rebecca und fuhr fort: „Ein paar Einzelheiten sind mir auch bekannt. Die beiden gegnerischen Soldaten sind am siebzehnten September 1862 in den Wäldern aufeinandergetroffen. Man erzählt sich, dass sie den Anschluss an ihre jeweilige Truppe verloren hatten. Oder möglicherweise hatten sie auch die Absicht zu desertieren, das weiß niemand genau. Sie waren beide blutjung, noch halbe Kinder. Sie schössen aufeinander und wurden dabei schwer verwundet. Der eine schaffte es noch, sich bis zum Haus von Charles Barlow, dem heutigen MacKade-Inn, zu schleppen. Die Hausherrin, Abigail, eine Südstaatlerin, war mit einem reichen Yankee verheiratet. Sie forderte ihre Sklaven auf, den verwundeten Soldaten ins Haus zu bringen, wo sie seine Wunden verbinden wollte. Doch als der Hausherr die Treppe herunterkam und den Soldaten sah, der die Uniform der Konföderierten trug, zog er kaltblütig seine Pistole und erschoss ihn dort auf der Treppe.”

„Genauso war es”, stimmte Regan zu. „Und man kann im Haus auch heute noch den Rosenduft riechen. Den Duft von Abigails Rosen.”

„Wirklich? Das ist kaum zu glauben. Nun … wenn es tatsächlich so ist, wäre es faszinierend.” Ihre Augen nahmen für einen Moment einen verträumten Ausdruck an.

„Manche Leute hören in der Nacht den Schuss und auch leises Weinen. Cassie, Devins Frau, kann dir mehr darüber erzählen.”

„Ich würde mir das Haus gern so bald wie möglich ansehen. Meine Ausrüstung müsste eigentlich morgen eintreffen, spätestens übermorgen.”

„Ausrüstung?” Rafe runzelte die Stirn.

„Sensoren, Kameras, Temperaturmessgeräte. Die Parapsychologie ist auf dem besten Weg zu einer Wissenschaft.”

Regan warf Rebecca einen erstaunten Blick zu und schüttelte den Kopf.

„Ich kann mich nur wundern, Rebecca. Früher warst du eine so …”

„Seriöse Wissenschaftlerin, meinst du? Das bin ich immer noch. Aber glaub mir, ich nehme diese Sache dennoch sehr ernst, auch wenn alles ziemlich unglaublich klingt. Es interessiert mich einfach, verstehst du? Auch Wissenschaftler sollten ab und zu über ihren Tellerrand hinausschauen.”

„Nun ja.” Noch immer kopfschüttelnd erhob sich Regan und ging zur Tür.

„Und ich sollte jetzt vielleicht das Kochen ernst nehmen.”

„Ich helfe dir.”

Regan zog die Augenbrauen hoch, als Rebecca aufstand. „Erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du inzwischen auch noch Kochen gelernt hast.”

Rebecca lachte. „Nein, ich weiß nicht mal, wie man ein Ei kocht.”

„Früher hast du immer behauptet, das sei genetisch bedingt.”

„Ja, ich erinnere mich. Heute denke ich eher, es ist eine Phobie. Kochen ist eine gefährliche Angelegenheit. Man kann sich schneiden oder verbrennen oder verbrühen. Aber ich entsinne mich dunkel, wie man einen Tisch deckt.”

„Das reicht.”

Es war schon spät, als Rebecca sich schließlich in ihr Zimmer zurückzog. Da sie noch zu aufgedreht war, um einschlafen zu können, kuschelte sie sich nun mit einer Tasse Tee und einem Buch in den weichen Polstersessel am Fenster. Vom Flur her drang das leise Weinen des Babys durch die geschlossene Tür zu ihr ins Zimmer, dann hörte sie eilige Schritte. Als einen Augenblick später Stille eintrat, stellte Rebecca sich vor, wie Regan ihr Baby stillte. Diesen Gedanken fand sie befremdlich. Obwohl sie die Freundin heute einen ganzen Abend lang im Kreise ihrer Familie erlebt hatte, fiel es ihr noch immer schwer, sich die Regan Bishop, die sie von früher kannte, als Mutter vorzustellen. Im College war Regan immer spritzig, energiegeladen und an allem und jedem interessiert gewesen.

Natürlich hatte sie auch viel männliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Oft konnte sie sich vor Verehrern kaum retten. Es war aber nicht allein ihr Äußeres, was Regan zu so großer Beliebtheit verhalf, sondern es lag wohl vor allem an der Art, wie sie mit Menschen umging.

Deshalb war Rebecca, die scheue, ernsthafte Rebecca, damals auch so erstaunt gewesen, als Regan ihr die Freundschaft angeboten hatte. Sie konnte sich gar nicht erklären, was die umschwärmte Regan an ihr, der verschlossenen, wissensdurstigen Rebecca, fand. Wie schüchtern sie damals doch gewesen war. Und wenn sie ganz ehrlich sein wollte, musste sie sich eingestehen, dass sie auch heute noch immer sehr zurückhaltend war, trotz der Fortschritte, die sie in den vergangenen Monaten gemacht hatte. Ihre Fähigkeiten, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen, waren begrenzt.

Doch was sie dazugelernt hatte, hatte sie im Grunde genommen Regan zu verdanken. Für sie war es ein großes Glück gewesen, dass die selbstsichere, lebenslustige Regan sie damals unter ihre Fittiche genommen hatte. Wer weiß, was sonst aus ihr geworden wäre.

Das würde sie Regan nie vergessen. Und deshalb gönnte Rebecca der Freundin das große Glück, das diese gefunden hatte, von ganzem Herzen.

Regan hatte einen Mann, der sie zweifellos anbetete. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, wie sehr Rafe seine Frau liebte.

Was ihr eigenes Leben anbelangte, so war es mit ihrer Zufriedenheit nicht ganz so weit her. Sie fühlte sich von der Wissenschaft, ohne die sie sich bisher ihr Leben nicht hatte vorstellen können, mehr und mehr eingeengt. Das, was ihr bisher ein Zuhause gewesen war, erschien ihr in letzter Zeit immer mehr als ein Gefängnis. Obwohl es ihr einziges Zuhause war. Die Wissenschaft war etwas, zu dem sie immer Zuflucht hatte nehmen können, wenn ihr das Leben ansonsten recht schwer erschien. Und jetzt lief sie vor dem, was das Wichtigste in ihrem Leben war, davon. Vor ein paar Monaten noch hätte sie sich nicht im Traum vorstellen können, dass sie sich jemals auf eine derart vage Angelegenheit einlassen könnte. Im Grunde genommen war ihr die ganze Parapsychologie suspekt.

Doch plötzlich sehnte sie sich nach Gefühl und Leidenschaft. Sie wollte Risiken auf sich nehmen, Fehler machen, sich töricht verhalten und aufregende Dinge erleben. Es erschien ihr, als habe sie bisher in einem Vakuum gelebt, aus dem sie jetzt unter al en Umständen ausbrechen wollte.

Vielleicht lag es an den Träumen, diesen seltsamen, immer wiederkehrenden Träumen, die sie in letzter Zeit heimgesucht hatten. Doch was auch immer es sein mochte, auf jeden Fall hatte die Tatsache, dass ihre beste Freundin in Antietam lebte, einer Kleinstadt, die in die Geschichte eingegangen war und um die sich allerlei Legenden rankten, ihre Fantasie mächtig beflügelt. So mächtig, dass sie nicht hatte widerstehen können.

Und dieser Umstand gab ihr nun nicht nur die Möglichkeit, Regan einen Besuch abzustatten, sondern er bot ihr auch die Chance, tiefer einzudringen in das Gebiet, das sich seit kurzer Zeit als ihr Hobby herauskristallisiert hatte.

Sie konnte den Zeitpunkt, an dem sie begonnen hatte, sich für übersinnliche Wahrnehmungen zu interessieren, nicht genau benennen. Es war ein schleichender Prozess gewesen, den sie anfangs ignoriert und belächelt hatte. Doch immer wieder hatte sie sich dabei ertappt, dass sie hier eine Frage zu diesem Thema stellte und dort einen Artikel las.

Und dann natürlich diese Träume. Wenn sie es recht bedachte, hatte es alles bereits vor Jahren angefangen.

Irgendwann hatte sie schon damit begonnen, sie aufzuschreiben.

Schließlich war sie ja Psychiaterin, und Psychiater wussten den Wert von Träumen zu schätzen. Als Wissenschaftlerin war ihr klar, dass im Unbewussten eine große Kraft wurzelte. Sie war entschlossen, sich dieser Angelegenheit mit wissenschaftlichen Methoden zu nähern, objektiv, systematisch und präzise. Sie würde so arbeiten, wie sie es seit jeher gewohnt war.

Und nun war sie hier. War es nur Einbildung, dass sie glaubte, an ihrem Bestimmungsort angelangt zu sein? Oder war es tatsächlich so? War sie nur zufällig hier, oder war es Schicksal? Was hatte sie hierhergeführt?

Es würde sich herausstellen.

Und in der Zwischenzeit würde sie ihren Aufenthalt in vollen Zügen genießen, dazu war sie fest entschlossen. Die Zeit mit Regan, die Schönheit der Landschaft, das Gefühl, auf historischem Boden zu stehen.

Sie würde sich voller Hingabe ihrem Hobby widmen und die Geheimnisse lüften, die sich lüften ließen.

Die Sache mit Shane MacKade hatte sie gut hinbekommen. Vor kurzer Zeit noch wäre sie angesichts einer solchen Situation völlig überfordert gewesen. Sie hätte in Gegenwart eines Mannes, der so … männlich war wie Shane, wahrscheinlich keinen vernünftigen Satz herausgebracht, und schon allein die Angst davor, rot zu werden, hätte ihr ständig das Blut in die Wangen getrieben. Ganz zu schweigen von der Aussicht, eine nicht wissenschaftliche Unterhaltung führen zu müssen. Dass ihr das jemals gelingen könnte, hätte sie noch vor ein paar Monaten für unmöglich gehalten.

Doch es war ihr geglückt. Sie hatte nicht nur mit ihm geredet, sondern sich sogar behauptet. Und das nicht in einer wissenschaftlichen Debatte – das wäre nichts Außergewöhnliches gewesen –, sondern rein privat. Das, was sie am meisten freute, war, dass ihr das Geplänkel mit ihm auch noch Spaß gemacht hatte. Sie, die ernsthafte Rebecca, hatte sich sogar dazu hinreißen lassen, mit ihm zu scherzen. Bis zu einem Flirt war es nur noch ein kleiner Schritt.

Sollte sie es versuchen? Was konnte ihr schon passieren?

Amüsiert von der Vorstellung, erhob sie sich, zog ihren Morgenmantel aus und stieg ins Bett. Zum Lesen hatte sie keine Lust mehr, und sie weigerte sich, sich schuldig zu fühlen, nur weil sie den Tag ohne intellektuelle Anregung beendete. Stattdessen krabbelte sie unter ihre Decke, schloss die Augen und genoss es, wie sich das glatte Laken an ihre Haut schmiegte. Das Daunenkissen unter ihrer Wange fühlte sich herrlich weich an, und in der Luft hing ein wunderbarer Duft, der dem Blumenstrauß auf der Frisierkommode entströmte.

Sie nahm sich vor, ihre Sinne zu schärfen. Riechen, schmecken, tasten, fühlen, all das war ebenso wichtig wie der Verstand. Und plötzlich fiel ihr auf, wie der Wind draußen vor dem Fenster seufzte, wie die Bodendielen leise knackten, und das Geräusch, dieses leise Rascheln, wenn sie ihr Bein über das Laken bewegte, hatte sie noch niemals gehört.

Kleinigkeiten, dachte sie und lächelte vor sich hin. Kleinigkeiten, die sie bisher nicht zu schätzen gewusst hatte. Weil sie sich nie die Zeit dafür genommen hatte. Doch die neue Rebecca Knight würde es anders machen. Ganz anders.

Sie streckte die Hand aus und knipste die Nachttischlampe aus. Dann lag sie in der Dunkelheit und dachte an den nächsten Tag. Auf jeden Fall würde sie einen Ausflug zum Inn machen. Sie freute sich darauf, sich in dem Geisterhaus umzuschauen und Cassie MacKades Bekanntschaft zu machen. Ebenso wie die ihres Mannes Devin, Sheriff von Antietam.

Und mit einem bisschen Glück bekam sie im Inn vielleicht ein freies Zimmer, wo sie sich mit ihren Messgeräten, Sensoren und Kameras häuslich einrichten konnte.

Auch ihren ersten Spaziergang durch den Wald würde sie morgen unternehmen. Sie hoffte, dass ihr irgendjemand die Stelle zeigen konnte, an der die beiden Soldaten vermutlich aufeinandergetroffen waren.

Wenn sie dann schon mal im Wald war, konnte sie auch den Weg nehmen, den ihr Regan erklärt hatte, und einen ersten Blick auf die MacKade-Farm werfen. Es interessierte sie wirklich brennend, ob sie bei ihrem Anblick dasselbe empfinden würde wie heute Nachmittag, als sie mit Shane über das Land gefahren war, das zu der Ranch gehörte.

So vertraut, dachte sie schläfrig. Es war wirklich höchst seltsam, wie vertraut ihr die ganze Umgebung vorgekommen war. Die Bäume, die Felsen, sogar das Gluckern des Baches glaubte sie schon tausendmal gehört zu haben, so vertraut war es ihr erschienen. So seltsam vertraut.

Doch dafür gab es eine ganz rationale Erklärung. Vor einigen Jahren hatte sie die Schlachtfelder von Antietam schon einmal besucht. Damals allerdings war alles anders gewesen. Sie erinnerte sich daran, wie sie jedes Denkmal, jede Schrifttafel genauestens studiert hatte, aber die Wälder hatten sie nicht gelockt. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, Daten und Fakten zu sammeln, sie zu analysieren und zu einem Artikel zusammenzufassen, als dass sie auf die Natur geachtet hätte oder auf das Rauschen eines Baches.

Das würde sie morgen besser machen. In Zukunft würde sie überhaupt vieles besser machen.

Und während sie noch über die möglichen Veränderungen, die diese Verbesserungen unter Umständen mit sich bringen könnten, nachgrübelte, schlief sie schließlich ein …

Es war schrecklich, den Kriegslärm hören zu müssen. Weder die Ohren noch die Augen davor verschließen zu können, dass so viele junge Männer ihr Leben lassen mussten. Dass sie verbluteten – wie ihr Johnnie verblutet war. Johnnie, ihr großer, schlanker, schöner Sohn, der sie nie wieder anlächeln, der sich nie wieder in der Hoffnung auf einen Leckerbissen in die Küche schleichen würde.

Sarah drängte die Verzweiflung, die sie zu überwältigen drohte, mit aller Macht zurück und zwang sich, weiter in dem Eintopf zu rühren, der auf dem Herdfeuer leise vor sich hin brodelte. Dabei versuchte sie an die achtzehn herrlichen Jahre zu denken, die sie mit Johnnie verbracht hatte. Diese wunderbaren Erinnerungen zumindest konnte ihr niemand nehmen, und das Schicksal hatte ihr zudem tröstlicherweise noch zwei wunderbare Töchter geschenkt.

Sie sorgte sich um ihren Mann. Sie wusste, dass er sich Tag und Nacht um seinen toten Sohn grämte, und die Schlacht, die nun so grausam nah vor ihre Haustür gerückt war, machte al es noch schlimmer. Das Geschützfeuer war eine ständige Erinnerung daran, welch grausamen Tribut der Krieg von ihnen gefordert hatte.

Er ist so ein guter Mann, dachte sie, während sie sich die Hände an ihrer Schürze abwischte. Ihr John war so stark und freundlich, und ihre Liebe zu ihm hatte in den zwanzig Jahren, die sie nun miteinander verheiratet waren, um nichts nachgelassen. Ebenso wenig wie seine zu ihr.

Selbst nach all den Jahren schlug auch heute noch ihr Herz schneller, wenn er ins Zimmer trat, und ihr Begehren erwachte sofort, wenn er sich ihr nachts zuwandte. Sie wusste, dass nicht allen Frauen das Schicksal so gnädig war.

Aber jetzt machte sie sich Sorgen um ihn. Seit dem Tag, an dem sie die schreckliche Nachricht erhielten, hatte er nie mehr richtig gelacht, um seine Augen hatten sich tiefe Linien eingegraben, und um seinen Mund lag ein bitterer Zug.

Johnnie war für den Süden in den Kampf gezogen, überzeugt und voller Idealismus, und sein Vater war so stolz gewesen auf ihn.

Und jetzt machte sich John Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Sohn nicht zurückgehalten hatte. Dann wäre er heute vielleicht noch am Leben.

Wenn sie und die Mädchen nicht wären, würde er Johnnie rächen, davon war sie überzeugt. Es erschreckte sie, dass er so sehr den Drang hatte, den Arm zu erheben und zu töten. Es war das Einzige, worüber sie niemals redeten.

Sie straffte sich und legte sich die flache Hand auf ihren schmerzenden Rücken. Es gab ihr Sicherheit, ihre Töchter beim Kartoffel- und Mohrrübenschälen plaudern zu hören. Sie wusste, dass ihnen ihr unablässiges Geplapper dabei half, das Echo des Geschützfeuers zu überhören.

Heute Morgen hatte der Kampf in einem ihrer Kornfelder getobt. So nah waren die Truppen gerückt. Sie dankte Gott, dass sie schließlich abgedreht hatten und sie nicht gezwungen gewesen war, mit ihren Kindern in den Keller zu flüchten. Und dass John in Sicherheit war. Noch einen Menschen zu verlieren, den sie liebte, hätte sie nicht ertragen.

Als John nun zur Tür hereinkam, schickte sie sich an, ihm eine Tasse Kaffee einzuschenken. Doch er sah so müde aus, dass sie die Kanne abstellte und ihn umarmte. Er roch nach Heu und Tieren und Schweiß, und seine Arme waren stark, als er ihre Umarmung erwiderte.

„Sie ziehen ab, Sarah.” Seine Lippen streiften ihre Wange. „Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst.”

„Ich mache mir keine Sorgen.” Als er eine Braue hochzog, lächelte sie.

„Nur ein bisschen.”

Er fuhr mit den Fingerspitzen unter ihren Augen entlang, so als ob er damit die dunklen Schatten darunter fortwischen könnte. „Mehr als nur ein bisschen. Verdammter Krieg. Verdammte Yankees. Wer gibt ihnen das Recht, mein Land zu betreten? Schweinebande.” Er wandte sich um und schenkte sich Kaffee ein.

Sarah warf ihren Töchtern einen Blick zu, der sie veranlasste, aufzustehen und die Küche zu verlassen.

„Ich glaube, sie sind schon abgezogen. Der Geschützdonner verklingt langsam in der Ferne. Es kann nicht mehr lange dauern.”

Er wusste, dass sie nicht von dieser einen Schlacht sprach, die jetzt ganz hier in der Nähe geschlagen wurde. Ein Ausdruck von Bitterkeit kehrte in seine Augen zurück.

„Es wird so lange dauern, wie sie es für richtig halten. Solange es Männer gibt, die ihre Söhne in den Krieg ziehen lassen. Entschuldige mich, ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen.” Er stellte seine Tasse ab, ohne getrunken zu haben. „Aber ich will nicht, dass du oder eins der Mädchen das Haus verlässt.”

„John.” Sie griff nach seiner schmuddeligen Hand und hielt sie einen Moment lang ganz fest. Was konnte sie sagen? Dass niemand für das, was geschehen war, verantwortlich gemacht werden konnte? Das stimmte nicht, natürlich gab es Verantwortliche, aber die hatten für sie weder Namen noch Gesichter. Deshalb blieb ihr nichts, als seine Hand an ihre Wange zu legen.

„Ich liebe dich.”

„Sarah.” Einen kurzen Moment lang sah er sie mit weichem Blick an.

„Meine schöne Sarah.” Seine Lippen streiften kurz ihre, dann ging er hinaus.

Rebecca bewegte sich im Schlaf und murmelte leise vor sich hin.

John verließ das Haus in dem Bewusstsein, dass er nicht viel tun konnte.

Die Kornfelder um ihn herum waren zertrampelt und abgebrannt, der Boden war blutdurchtränkt, davon brauchte er sich nicht erst mit eigenen Augen zu überzeugen, genauso wenig wie er wissen wollte, ob die Soldaten die Männer, die beim Kampf getötet worden waren, mitgenommen oder einfach zurückgelassen hatten.

Es war sein Land, verdammt. Nächstes Frühjahr musste er die Felder wieder beackern, und er war davon überzeugt, dass die Geister der Toten ihn verfolgen würden, wenn ihre sterblichen Überreste nicht endlich beerdigt wurden.

Er schloss seine rechte Hand fest um die Miniatur seines Sohnes, die er stets in seiner Hosentasche bei sich trug. Er weinte nicht, während er den harten Blick über das Land schweifen ließ. Ohne das Land war er nichts.

Und ohne Sarah war er verloren. Bevor er zuließ, dass seinen Töchtern etwas zustieß, würde er lieber selbst vor die Hunde gehen.

Doch ohne seinen Jungen musste er leben. Er hatte keine andere Wahl.

Mit finsterer Miene stand er lange Zeit einfach nur da, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, sein Blick ruhte auf dem Land. Als er ein Wimmern hörte, runzelte er die Stirn. Nach dem Vieh hatte er doch gesehen, es schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Ihm war nicht aufgefallen, dass ein Kalb fehlte. Oder war einer der Hunde aus dem Stall ausgebrochen, in den er sie gesperrt hatte, um sie vor herumirrenden Kugeln zu bewahren?

Noch immer glaubte er an ein verwundetes Tier und folgte dem Wimmern bis hin zum Räucherhaus. Obwohl er sein ganzes Leben lang Farmer gewesen war, erfüllten ihn doch jedes Mal Trauer und Schuldgefühle, wenn er gezwungen war, ein Tier zu töten, um es so aus seinem Elend zu erlösen.

Aber was da wimmerte, war kein Tier, sondern ein Mensch. Ein verdammter Blaurock, der hier auf dem MacKade-Land verblutete. Einen Augenblick lang packte ihn ein schier unbändiger Triumph. Krepier hier, dachte er. Stirb so, wie mein Sohn wahrscheinlich gestorben ist auf dem Land eines fremden Mannes. Vielleicht warst du es ja sogar, der ihn getötet hat.

Gefühllos drehte er den Mann mit der Stiefelspitze auf den Rücken. Die Uniform des Soldaten war blutdurchtränkt. Dieser Anblick erfüllte ihn mit grimmiger Befriedigung.

Und dann sah er das Gesicht. Es handelte sich nicht um einen Mann, sondern um einen Jungen. Seine weichen Züge waren schmerzverzerrt, und die Augen glänzten fiebrig. Sein Blick irrte Hilfe suchend umher und blieb dann auf John liegen.

„Daddy? Daddy, ich bin wieder zu Hause.”

„Ich bin nicht dein Daddy, Junge.”

Die flatternden Lider senkten sich langsam. „Hilf mir. Bitte hilf mir. Ich sterbe …”

Shane umklammerte im Schlaf die Bettdecke und wühlte den Kopf tiefer ins Kissen.