1. KAPITEL
Shane MacKade liebte die Frauen. Er liebte ihr Aussehen, ihren Duft, den Klang ihrer Stimme. Er liebte sie, ohne Vorbehalt und vorurteilsfrei. Ob groß oder klein, üppig oder mager, alt oder jung, für ihn hatte jede Frau etwas ganz Besonderes, das sie von anderen unterschied und von dem er sich magisch angezogen fühlte.
Er hatte in seinen zweiunddreißig Lebensjahren sein Möglichstes getan, um die Frauen die grenzenlose Verehrung, die er für ihr Geschlecht empfand, spüren zu lassen. Und er betrachtete sich als einen glücklichen Mann, weil er nicht nur liebte, sondern auch wiedergeliebt wurde.
Doch seine Liebe zu Frauen war nicht seine einzige Liebe. Seine Familie, seine Farm, der Duft von frisch gebackenem Brot, der erste Schluck kühlen Bieres nach einem langen Arbeitstag.
Aber Frauen in ihrer Vielfalt, in ihrer Verschiedenheit, gehörten doch zu dem Schönsten, was es gab auf der Welt.
Eine dieser Frauen lächelte er gerade an. Auch wenn Regan die Frau seines Bruders war und Shane ihr nichts als harmlose brüderliche Gefühle entgegenbrachte, wusste er ihre weiblichen Reize durchaus zu schätzen.
Er mochte es, wie sich ihr honigbraunes Haar an ihre Wangen schmiegte.
Den winzigen Leberfleck neben ihrem rechten Mundwinkel bewunderte er ebenso wie die Tatsache, dass sie es schaffte, immer sexy und wie aus dem Ei gepellt zugleich auszusehen.
Shane war der Meinung, dass ein Mann, wenn er sich schon unbedingt binden zu müssen glaubte, es nicht besser treffen könnte als mit Regan.
Rafe hatte das große Los gezogen.
„Macht es dir wirklich nichts aus, Shane?”
„Was?” Er sah, wie sie fragend eine Augenbraue hochzog, während sie den jüngsten MacKade-Spross an ihre Schulter legte. „Oh, du meinst das mit dem Flughafen. Richtig. Entschuldige, ich war eben etwas weggetreten, weil ich wieder mal gedacht habe, wie toll du aussiehst.”
Regan musste lachen. Sie war todmüde. Jason MacKade, ihr jüngster Sohn, schrie, ihre Frisur war eine einzige Katastrophe, und sie befürchtete, mehr nach Jasons vollen Windeln zu riechen als nach dem Parfüm, das sie sich am Morgen hinter die Ohren getupft hatte.
„Du Schmeichler. In Wirklichkeit sehe ich bestimmt grauenhaft aus.”
„Völliger Unsinn.” Um ihr eine Verschnaufpause zu gönnen, nahm Shane ihr den drei Wochen alten Säugling ab. „Du siehst genauso hübsch aus wie immer.”
Sie warf einen Blick hinüber zu dem Laufgitter, das sie im Hinterzimmer ihres Antiquitätenladens aufgestellt hatte und wo ihr ältester Sohn Nate eben dabei war, sich auf Knien durch ein Chaos aus Stofftieren und anderem Spielzeug hindurchzukämpfen.
„Vielen Dank für das Kompliment. Ich kann es im Moment gut gebrauchen. Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen, dass ich deine kostbare Zeit in Anspruch nehme.”
Shane sah ihr zu, wie sie Tee aufgoss. „Mach dir keine Gedanken, Honey. Es macht mir wirklich nichts aus. Ich hole deine Freundin ab und bringe sie dir wohlbehalten hierher. Eine Wissenschaftlerin ist sie, sagst du?”
„Hm …” Regan reichte ihm eine Tasse Tee. „Rebecca war ein sogenanntes Wunderkind. Ich habe während meiner College-Zeit ein Jahr mit ihr zusammengewohnt. Sie war uns allen immer weit voraus und heimste eine Auszeichnung nach der anderen ein. Mittlerweile hat sie bereits zwei Doktortitel. Man könnte richtige Minderwertigkeitskomplexe bekommen.” Regan trank einen Schluck Tee und genoss einen Moment die relative Stille, da es Shane mittlerweile gelungen war, Jason bis auf ein paar glucksende Laute zum Schweigen zu bringen. „Damals schien sie sich wirklich entweder nur im Labor oder in der Bibliothek aufzuhalten.”
„Na, ich weiß ja nicht.”
„Sie war – ist – ein sehr ernsthafter Mensch und fast ein bisschen schüchtern. Wir sind heute noch eng befreundet, auch wenn wir uns nur sehr selten sehen. Sie ist ständig unterwegs. Eigentlich wollte sie zu meiner Hochzeit kommen, aber leider war sie zu dieser Zeit gerade in Europa. Oder in Afrika.” Regan machte eine vage Handbewegung. „Irgendwo, was weiß ich. Sie gondelt ständig in der Weltgeschichte herum.”
„Nett von ihr, dass sie dich besucht.”
„Nun, es ist wohl so eine Art Studienaufenthalt für sie.” Regan nagte gedankenverloren an ihrer Unterlippe. Bisher hatte sie nur Rafe gegenüber erwähnt, was die viel beschäftigte Rebecca bewogen hatte, sich zu dieser Reise zu entschließen.
Sie musterte ihren Schwager, der liebevoll mit dem Baby herumschäkerte, nachdenklich. Die MacKade-Brüder waren alle ein Gottesgeschenk an die Frauenwelt, aber mit Shane hatte es noch etwas Besonderes auf sich. Sein Charme war einfach umwerfend.
Die Familienähnlichkeit war unverkennbar. Er hatte ebenso wie seine Brüder rabenschwarzes Haar, das er vor einiger Zeit hatte wachsen lassen und jetzt zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden trug, ein schmales, markant geschnittenes Gesicht und einen Mund, bei dessen Anblick jeder Frau der Atem stockte. Seine lang und dicht bewimperten Augen waren grün wie das Meer bei Zwielicht.
Auch sein Körperbau ließ, ebenso wie der seiner Brüder, nichts zu wünschen übrig. Muskulöse, breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine.
Und die knapp sitzenden Jeans, die lässigen Cowboystiefel sowie das karierte Flanellhemd, unter dem seine Muskeln spielten, brachten all seine körperlichen Vorzüge ausgezeichnet zur Geltung.
Hinzu kam ebenjener umwerfende Charme. Es musste wohl an der Art liegen, wie er einen anschaute, an dem winzigen beifälligen Lächeln, das unablässig seine Mundwinkel umspielte, wenn er mit einer Frau sprach, sei sie nun acht oder achtzig.
Hoffentlich fühlte sich die scheue Rebecca von ihm nicht allzu sehr eingeschüchtert.
„Du gehst wirklich schrecklich lieb mit ihm um”, sagte sie.
„Die einen machen Babys, und mir macht es eben Spaß, sie zu verwöhnen.”
Amüsiert legte sie den Kopf schräg. „Hast du noch keine Lust, sesshaft zu werden?”
„Warum sollte ich?” Er hob den Kopf, seine Augen blitzten belustigt. „Als der letzte Junggeselle der Familie bin ich verpflichtet, die Stellung zu halten, bis meine Neffen so weit sind, in meine Fußstapfen zu treten.”
„Und diese Pflicht nimmst du sehr ernst, wie man sieht.”
„Darauf kannst du Gift nehmen. Er ist eingeschlafen.” Shane beugte sich über Jason und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Soll ich ihn lieber hinlegen?”
„Danke.” Sie wartete, bis Shane Jason in die Wiege gelegt hatte.
„Rebecca rechnet damit, dass ich sie abhole. Ich habe zwar versucht, sie vor ihrem Abflug zu erreichen, aber es war zu spät.” Erschöpft fuhr sich Regan mit der Hand durchs Haar. „Der Babysitter hat abgesagt, Rafe ist in Hagerstown, um Baumaterial zu besorgen, und Cassie hat ein volles Haus.
Emma hat Schnupfen, und Savannah konnte ich ja auch schlecht fragen.”
„Savannah.” Shane lächelte. „Wenn sie nicht aufpasst, wird sie noch platzen.” Um den Leibesumfang von Jareds Frau zu demonstrieren, beschrieb Shane einen weiten Kreis um seinen Bauch.
„Das stimmt. Sie kann in ihrem hochschwangeren Zustand beim besten Willen keine Drei-Stunden-Fahrt mehr auf sich nehmen. Und ich muss hierbleiben, weil ich heute eine Möbellieferung erwarte. Ich wusste wirklich nicht, wen außer dir ich sonst noch hätte anrufen können.”
„Kein Problem.” Er unterstrich seine Worte mit einem Kuss auf ihre Nasenspitze. „Aber ich nehme an, sie ist nicht so hübsch wie du, oder?”
Regan kicherte. „Was soll ich darauf antworten? Ich habe sie zum letzten Mal vor vier … nein, fünf Jahren in New York getroffen, und da war sie schrecklich in Eile, weil sie noch rechtzeitig einen Artikel zu Ende bekommen musste.”
Shane verzog keine Miene. Er liebte Frauen mit Verstand ebenso wie weniger intelligente. Allerdings erwartete er nicht, eine Schönheitskönigin am Flughafen vorzufinden.
„Auf jeden Fall hat sie einen Doktortitel in Psychologie und einen in amerikanischer Geschichte”, fuhr Regan fort. „Was zugegebenermaßen eine recht seltsame Mischung ist, aber so ist Rebecca eben. Sie hat ihren ganz eigenen Stil. Sie hatte noch andere Leidenschaften, Physik, Chemie … Ich glaube, sie arbeitet auf allen Gebieten.”
„Warum macht sie denn so viel?”, fragte Shane ungläubig.
„Bei Rebecca ist es eher angebracht zu fragen, warum nicht. Sie hat das, was man ein fotografisches Gedächtnis nennt. Sie sieht oder liest etwas und speichert es dann umgehend hier.” Regan tippte sich an die Schläfe.
„Ist sie nur Wissenschaftlerin, oder arbeitet sie auch praktisch? Als Psychologin oder Psychiaterin, meine ich.”
„Soweit ich weiß, arbeitet sie nur wissenschaftlich und hält Vorlesungen. Ab und zu hospitiert sie eine Woche oder so an einer Klinik, aber meistens schreibt sie irgendwelche Artikel über Psychosen … oder Phobien … vielleicht auch beides, was weiß ich. Ich bin Geschäftsfrau. Nun, egal, auf jeden Fall ist sie in Parapsychologie außerordentlich beschlagen. Es ist ein Hobby von ihr.”
„In was? Parapsychologie? Ist das so was wie Geisterjagd?”
„Parapsychologie ist die Wissenschaft des Übersinnlichen. Sie erforscht solche Phänomene.”
Diesmal zuckte Shane zusammen. „Geister, soso. Haben wir davon hier nicht auch ohne sie schon genügend?”
„Aber das ist doch genau der Grund, weshalb sie herkommt. Für sie stellt sich die Sache ganz anders dar als für dich, Shane. Du bist praktisch mit Geistern aufgewachsen. Mit dem Barlow-Haus, der Geschichte von den beiden Soldaten, den Wäldern, in denen es spukt. Die Tatsache, dass es hier Geister gibt, ist der Grund dafür, dass das Inn so ein Bombengeschäft geworden ist. Die Leute lieben die Vorstellung, in einem Geisterhaus zu übernachten.”
Shane zuckte die Schultern. Himmel, er lebte sogar in einem. „Ich will nichts damit zu tun haben. Es nervt schon, wenn allzu viele Touristen in die Nähe der Farm kommen …” Der Blick, den sie ihm zuwarf, brachte ihn zum Schweigen. Er kniff die Augen zusammen. „Sie interessiert sich auch für die Farm”, schloss er einen Augenblick später messerscharf.
„Sie will natürlich so viel wie möglich mitkriegen, deshalb ist sie ja hier. Aber wie viel du ihr erzählst, hängt selbstverständlich ganz allein von dir ab”, sagte Regan schnell. „Nun, vielleicht wirst du ja mit ihr warm, ich hoffe es jedenfalls. Sie ist wirklich eine faszinierende Frau. Aber das wirst du ja selbst sehen. Hier”, sie hielt ihm ein Blatt Papier unter die Nase, „habe ich dir die Flugnummer und alles aufgeschrieben.”
„Du hast mir noch nicht mal gesagt, wie sie aussieht. Ich bezweifle, dass sie die einzige Frau ist, die aus dem Flugzeug steigt.”
„Oh, das hätte ich fast vergessen. Okay. Also, sie hat braune Augen und braunes Haar. Meist trägt sie es irgendwie im Nacken zusammengebunden. Sie hat etwa meine Größe, ist dünn …”
„Mager oder schlank? Das ist ein Unterschied.”
„Ich würde sagen, eher mager. Kann sein, dass sie eine Brille trägt. Eigentlich braucht sie sie nur zum Lesen, aber sie vergisst oft, sie abzunehmen.”
„Eine magere, zerstreute Brünette mit einer Brille also. Alles klar.”
„Sie ist sehr attraktiv”, fügte Regan loyal hinzu. „Auf eine einzigartige Weise. Aber sei nett zu ihr, Shane, sie ist ziemlich schüchtern.”
„Ich bin immer nett zu Frauen.”
„Ja, das stimmt. Also behandle sie auch gut. Und wenn du sie nicht erkennst, lass sie ausrufen. Dr. Rebecca Knight.”
Flughäfen belustigten Shane immer wieder von Neuem. Er wurde das Gefühl nicht los, dass die Leute sich abstrampelten wie die Wilden, von hier nach da flogen und doch nie ans Ziel gelangten. Al e rasten durch die Gegend, schleppten mit heraushängender Zunge Koffer oder schoben bis obenhin vollgestopfte Gepäckkarren vor sich her. Er fragte sich, was die Menschen dazu trieb, die Orte, an denen sie lebten, zu verlassen.
Offensichtlich gab es nicht viel, was sie zu Hause hielt.
Nicht dass er etwas gegen das Reisen gehabt hätte. Er war nur der Meinung, dass er sich lediglich hinter das Steuer seines Pick-ups zu setzen brauchte, um überall dort hinzukommen, wohin er wollte.
Er lehnte sich an das Flugsteiggitter und hielt Ausschau nach einer hochgewachsenen, mageren Brünetten mit Brille. Nach Regans ungenauer Beschreibung war anzunehmen, dass sie praktische Kleidung trug und flache Schuhe, und wahrscheinlich hatte sie eine Aktentasche bei sich.
Nach und nach strömten die Passagiere auf den Flugsteig. Geschäftsleute mit gehetzten Blicken, denen wie mit Leuchtschrift auf die Stirn geschrieben stand, dass die Zeit drängte. Die Schlips-und-Kragen-Truppe, dachte Shane. Nicht für alles Geld der Welt würde er sich acht Stunden am Tag in einen Anzug zwängen. Eine attraktive Blondine in einer engen roten Hose ging an ihm vorbei. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, und Shane atmete mit Vergnügen die Duftwolke ein, von der sie eingehüllt war.
Eine hübsche Brünette mit einem elastischen Gang und bernsteinfarbenen Augen kam an ihm vorüber. Und hier folgte Grandma mit einer riesigen Einkaufstasche und einem Lächeln von Ohr zu Ohr, das den drei Kindern galt, die auf sie zurannten und umgehend begannen, ihre Tasche zu plündern.
Ah, da ist sie ja, dachte Shane, als ihm eine junge Frau mit hängenden Schultern und braunem Haar, das sie im Nacken zu einem kümmerlichen Knoten verschlungen hatte, entgegenkam. Wie erwartet hatte sie eine Aktenmappe bei sich, trug flache Schuhe mit dicken Sohlen und eine Brille, hinter der sie blinzelte wie eine Eule. Sie wirkte etwas verloren. Das musste sie sein.
„Hey.” Shane setzte sein charmantestes Lächeln auf und winkte, was sie dazu veranlasste, so unvermittelt stehen zu bleiben, dass der hinter ihr laufende Mann mit aller Wucht gegen sie prallte. „Wie geht’s?” Da Shane ein zuvorkommender Mensch war, streckte er die Hand nach ihrer Aktenmappe aus. Sie sah ihn erschrocken an. „Ich bin Shane. Regan hat mich gebeten, Sie abzuholen. Sie ist nämlich im Moment ein bisschen im Stress. Wie war der Flug?”
„Ich … ich …” Die Frau umklammerte ihre Aktenmappe mit beiden Händen und zog sie schützend an die flache Brust. „Lassen Sie mich in Ruhe, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst.”
„Keine Aufregung, Becky. Ich will Sie nur abholen und nach Antietam zu Regan bringen.”
Sie riss den Mund auf und begann laut zu kreischen. Als Shane den Arm nach ihr ausstreckte, um ihr beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen, schlug sie ihm mit einem Ausdruck wilder Entschlossenheit den Aktenkoffer auf den Kopf. Noch bevor er sich entschieden hatte, ob er lachen oder weinen sollte, spürte er, wie ihn jemand leicht am Ärmel zupfte.
„Entschuldigen Sie.” Die hübsche Brünette von vorhin zog eine Braue hoch und musterte ihn eingehend. „Ich glaube, Sie warten auf mich.” Ihr Mund, weich und voll, wie Shane sogleich registrierte, verzog sich zu einem Lächeln. „Shane, sagten Sie eben, nicht wahr? Shane MacKade, nehme ich an, oder?”
„Ja. Oh!” Er drehte sich um und schaute die Frau, die er irrtümlich für Rebecca gehalten hatte, um Verzeihung heischend an. „Entschuldigen Sie”, begann er, doch sie ergriff bereits die Flucht.
„Wahrscheinlich war das das Aufregendste, was sie seit langer Zeit erlebt hat”, bemerkte Rebecca lächelnd. „Ich bin Rebecca Knight”, fügte sie hinzu und streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin.
Rebecca Knight entsprach zwar nicht ganz seinen Erwartungen, doch bei näherem Hinsehen erwies sich, dass er mit seinen Vorstellungen auch nicht völlig danebengelegen hatte. Abgesehen von den bernsteinfarbenen Augen wirkte sie tatsächlich wie eine Intellektuelle, angefangen von den praktischen Schuhen bis hin zu der Tatsache, dass sie das Haar so kurz geschnitten trug wie ein Junge. Obwohl er langhaarige Frauen bevorzugte, musste er zugeben, dass ihr die Frisur ausgezeichnet stand, weil sie ihre ausgeprägten Gesichtszüge vorteilhaft betonte.
Und mager war sie wahrscheinlich auch, was sich allerdings in Anbetracht des hüftlangen Sakkos und der Hose, beides in einheitlichem Schwarz, nicht ganz leicht beurteilen ließ.
Lächelnd nahm er die feingliedrige Hand, die sie ihm hinhielt. „Regan hat behauptet, Sie hätten braune Augen, aber das stimmt nicht.”
„So steht es zumindest in meinem Pass. Geht es Regan gut?”
„Ja, sicher. Sie hat nur im Moment ein bisschen viel um die Ohren. Kommen Sie, ich nehme Ihnen das ab.” Er griff nach der Reisetasche, die sie sich über die Schulter gehängt hatte.
„Nein danke, lassen Sie nur. Und Sie sind also ihr Schwager.”
„Ja.” Er nahm sie am Arm und geleitete sie zum Terminal.
Er hat einen festen Griff, registrierte sie. Und keine Scheu vor körperlicher Berührung. Nun, das war in Ordnung. Sie würde nicht anfangen zu kreischen wie die Frau vorhin … und wie sie es vielleicht vor ein paar Monaten noch getan hätte, wenn ein so männlicher Mann wie er sie angefasst hätte. „Sie sind der Schwager mit der Farm, nicht wahr?”
„Richtig. Sie haben es erraten, Rebecca. Aber Sie sehen nicht aus wie eine Frau Doktor, zumindest nicht auf den ersten Blick.”
„Finden Sie?” Sie warf ihm einen kühlen Seitenblick zu. Einen Blick, den sie vor dem Spiegel lange eingeübt hatte. „Im Gegensatz zu der Frau, die wahrscheinlich in die nächste Damentoilette verschwunden ist, um sich die Schweißperlen von der Stirn zu wischen?”
„Es lag an den Schuhen”, erklärte Shane lächelnd und warf einen vielsagenden Blick auf Rebeccas flache schwarze Schuhe aus Segeltuch.
„Ich verstehe.” Während sie im Aufzug nach unten zur Gepäckausgabe fuhren, musterte sie ihn verstohlen aus den Augenwinkeln: Flanellhemd mit offenem Kragen, ausgewaschene Jeans, ramponierte Stiefel, große, kräftige Hände. Unter der Baseballkappe schaute dichtes schwarzes Haar hervor, und das sonnengebräunte Gesicht hätte sich auf jedem Poster bestens gemacht.
„Dafür sehen Sie aus wie ein Farmer”, entschied sie. „Wie lange fahren wir bis Antietam?”
Noch im Zweifel, ob er ihre Bemerkung als Kompliment oder als Beleidigung auffassen sollte, antwortete er: „Knapp anderthalb Stunden. Wir holen nur noch rasch Ihre Koffer.”
„Nicht nötig. Ich lasse sie mir nachschicken.” Stolz auf ihr praktisches Denken, klopfte sie auf ihre Reisetasche. „Das ist das Einzige, was ich im Moment bei mir habe.”
Shane wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass sie ihn nicht aus den Augen ließ und aus jeder seiner Bewegungen einen Rückschluss zog.
Plötzlich kam er sich vor wie ein Insekt unter einem Mikroskop. „Großartig.”
Er fühlte sich erleichtert, als sie eine Sonnenbrille aus ihrer Jackentasche zog und sie aufsetzte.
Nachdem sie seinen Truck erreicht hatten, warf sie erst einen kurzen Blick auf den Wagen, dann auf ihn. Sie lächelte kühl, schob ihre Sonnenbrille ein Stückchen nach unten und musterte ihn eingehend über die Ränder der Gläser hinweg. „Ach übrigens, Shane, eins noch …”
Da sie nicht gleich weitersprach, zog er fragend die Augenbrauen hoch.
„Ja?”
„Niemand nennt mich Becky.”
Damit rutschte sie auf ihren Sitz, schnallte sich an und stellte ihre Reisetasche ordentlich zu ihren Füßen auf den Boden.
Rebecca genoss die Fahrt. Shane MacKade hatte einen sicheren Fahrstil. Dass sie ihn ein klein wenig beschämt hatte, verschaffte ihr ein leises Triumphgefühl. Nur ein ganz leises, aber immerhin. Männern wie ihm musste man rechtzeitig die Grenzen aufzeigen.
Fast so lange sie denken konnte, hatte sie sich einschüchtern lassen. Das war erst in den letzten beiden Monaten anders geworden. Seit dieser Zeit lernte sie langsam, sich nicht nur in ihrem Beruf, sondern auch im täglichen Leben zu behaupten. Und eben hatte sie noch einen weiteren Schritt in diese Richtung gemacht.
Falls er verärgert war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Er plauderte unbeschwert, als sei nichts gewesen – was sie ihm hoch anrechnete. Das Radio dudelte leise vor sich hin, und Rebecca warf ab und zu einen Blick auf die Landschaft, die draußen an ihr vorbeizog. Es war ein hübsches Bild: zwischen sanfte Hügel eingebettete Farmen, Weideland und Bäume, deren üppiges Grün noch nicht verblasst war, obwohl sich der Sommer langsam seinem Ende zuneigte, hin und wieder ein grasendes Pferd oder eine Kuh.
Die Fahrerkabine des Trucks wirkte aufgeräumt. An den Polstern klebten ein paar helle Hundehaare, und der Geruch nach Hund hing in der Luft.
Unter einer Magnetklammer am Armaturenbrett klemmten einige Notizzettel, und im Aschenbecher lag eine Handvoll Münzen. Al es erweckte einen sehr ordentlichen Eindruck.
Vielleicht entdeckte sie deshalb den kleinen goldenen Ohrring, der zur Hälfte unter der Fußmatte hervorlugte. Sie bückte sich und hob ihn auf.
„Ist das Ihrer?”
Shane warf einen Blick darauf und erinnerte sich daran, dass Frannie Spader Ohrringe getragen hatte, als er das letzte Mal mit ihr … eine Spazierfahrt unternommen hatte.
„Er gehört einer Freundin. Sie muss ihn wohl verloren haben.” Shane streckte die Hand aus. Nachdem Rebecca den Ohrring hineingelegt hatte, ließ er ihn achtlos in den Aschenbecher zu den Münzen fallen.
„Sie wird ihn zurückhaben wollen”, bemerkte Rebecca. „Schließlich hat er vierzehn Karat.” Sie schwieg einen Moment, dann wechselte sie das Thema. „Und Sie haben noch drei Brüder, richtig?”
„Ja. Haben Sie auch Geschwister?”
„Nein. Und Sie sind derjenige, der die Farm bewirtschaftet?”
„Ja. Jared, der Älteste von uns, hat eine Anwaltskanzlei, Rafe ist im Baugeschäft gelandet, und Devin ist der Sheriff.”
„Aha. Und was züchten Sie?”
„Ach, das Übliche. Rinder und Schweine. Außerdem baue ich Weizen an – größtenteils wird er als Futtermittel verwendet, aber ich habe auch eine sehr gute Kornsorte, zum Beispiel ,Silver Queen’.” Sie hörte interessiert zu. „Und Kartoffeln.”
„Ach, wirklich?” Ohne es zu bemerken, klopfte sie den Takt des Stückes, das aus den Lautsprechern ertönte, auf ihren Knien mit. „Ist das nicht schrecklich viel Arbeit für einen allein?”
„Meine Brüder gehen mir zur Hand, wenn ich Hilfe brauche, und während der Erntezeit heuere ich auch schon mal ab und zu ein paar Studenten an.”
„Und macht es Ihnen Spaß?”
„Ich kann mir für mich nichts anderes vorstellen. Ich liebe das Landleben und die Arbeit auf der Farm.” Diesmal schaute er sie direkt an. „Waren Sie schon mal auf einer?”
„Nein. Nicht richtig jedenfalls. Ich bin ein Stadtmensch.”
„Nun, dann machen Sie sich schon mal auf einige Überraschungen gefasst”, sagte er. „Antietam ist weiß Gott nicht New York.”
„Regan hat mir schon viel erzählt. Und natürlich weiß ich über die Gegend noch einiges von meinem Studium her. Ich habe mich damals sehr für die Schlacht bei Antietam interessiert. Aber von Ihnen kann ich da sicher noch viel mehr erfahren.”
„Rafe ist auf diesem Gebiet weitaus beschlagener als ich. Dem Weizen ist es egal, ob er auf historischem Boden wächst oder nicht, Hauptsache, man düngt ihn gut.”
„Dann interessieren Sie sich also nicht für Geschichte?”
„Nicht besonders.” Der Truck fuhr rumpelnd über die Brücke, die sich über den Potomac River spannte. „Aber natürlich weiß ich so ziemlich in allen Einzelheiten, was damals passiert ist. Wenn man hier aufwächst, lässt sich das nicht umgehen. Allerdings interessiert es mich nicht so brennend.”
„Und die Geister?”
„Denen schenke ich auch nicht besonders viel Aufmerksamkeit.”
Ihre Mundwinkel zuckten belustigt. „Aber Sie haben schon des Öfteren Bekanntschaft mit ihnen gemacht?”
Wieder zuckte er die Schultern. „Hin und wieder. Reden Sie mit meiner Familie, wenn Sie mehr darüber wissen wollen.”
„Aber Sie leben doch auf einer Farm, auf der es angeblich spukt.”
„So sagt man.” Er wollte nicht darüber sprechen, ebenso wenig wie er darüber nachdenken wollte. „Hören Sie, Regan hat mir erzählt, weshalb Sie hergekommen sind. Ich …”
„Ich beschäftige mich mit übersinnlichen Erscheinungen.” Ihr Lächeln vertiefte sich. „Ein Steckenpferd von mir, nichts weiter.”
„Nun, dann müssen Sie unbedingt in das ehemalige Barlow-Haus gehen. Regan und Rafe haben es gemeinsam renoviert und ein Bed-and-Breakfast-Hotel daraus gemacht. Es wird von einer meiner Schwägerinnen geführt. Dort wimmelt es nur so von Gespenstern, falls Sie an so was glauben.”
„Ja. Ich weiß, ich habe es schon auf meiner Liste. Ich hoffe, ich kann mich dort für eine Weile einquartieren, um ein paar Untersuchungen anzustellen. Es wird sicher sehr interessant und informativ werden. Nach allem, was Regan mir erzählt hat, haben Sie ebenfalls ein großes Haus.
Falls es Ihnen nichts ausmacht, würde ich da auch ganz gern ein paar Studien betreiben.”
Gegen ein bisschen Gesellschaft hätte er nichts einzuwenden gehabt, aber der Grund, weshalb sie bei ihm wohnen wollte, gefiel ihm ganz und gar nicht. „Wie lange beabsichtigen Sie denn hierzubleiben?”, fragte er.
„Das kommt ganz darauf an.” Als er von der Straße auf einen Weg abbog, der zwischen den Bergen hindurchführte, warf sie einen Blick aus dem Fenster. „Es hängt davon ab, wie lange es dauert, bis ich auf das stoße, was ich zu finden hoffe.”
„Machen Sie Urlaub hier?”
„Nun, nicht Urlaub im üblichen Sinne – ich habe ein Forschungssemester genommen.” Dieses Wort beinhaltete so viele herrliche Möglichkeiten, dass sie für einen Moment beseligt die Augen schloss. „Ich habe alle Zeit der Welt und bin wild entschlossen, sie gut zu nutzen.” Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie den goldenen Ohrring im Aschenbecher aufblitzen.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich habe nicht die Absicht, Ihnen auf den Füßen rumzustehen. Stecken Sie mich einfach in ein kleines Zimmer oben in Ihrer Mansarde, wenn es so weit ist. Mehr brauche ich nicht. Ich werde mich um meine Angelegenheiten kümmern und Sie in Ruhe lassen.”
Shane setzte zu einer Erwiderung an, doch als ihr ein leiser, erstickter Schrei entfuhr, wandte er sich ihr erstaunt zu. Sie saß kerzengerade in ihrem Sitz. „Was ist denn los?”
Es gelang ihr kaum, den Kopf zu schütteln, so überrascht war sie über den Anblick, der sich ihr bot. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben. Die Hügel beiderseits der Straße stiegen sanft an, und zwischen dem saftig grünen Gras ragten silberne Felsnasen empor. Die hohen Berge im Hintergrund zeichneten sich als purpurfarbene Silhouetten gegen den diesigen Horizont ab. Weiter vorn lag ein goldenes Kornfeld, an dessen äußerstem Rand sich dunkel und geheimnisvoll der Wald erstreckte. Auf einer Böschung grasten schwarz-weiße Kühe. Ein Bild wie aus dem Bilderbuch.
„Es ist wunderschön hier”, sagte sie leise. „Fast zu schön, um wahr zu sein.”
„Danke. Das ist das MacKade-Land.” Während Shane das Tempo ein wenig drosselte, fühlte er plötzlich einen fast unbändigen Stolz in sich aufsteigen. MacKade-Land. Sein Land. „Um diese Jahreszeit kann man das Haus von hier aus nicht sehen. Das Laubwerk ist zu dicht.”
Sie blickte auf die von Bäumen gesäumte Schotterstraße vor sich, die in einiger Entfernung nach links abzweigte. Plötzlich klopfte ihr Herz schneller, und sie wusste nicht, warum.
Hierher würde sie zurückkehren. Und sie würde hierbleiben, bis sie die Antworten auf all die Fragen gefunden hatte, die sie bewegten.
Rebecca holte tief Luft. „Wie weit ist es von hier bis zur Stadt?”
„Nur noch ein paar Meilen.” Als er sie jetzt ansah, nahmen seine Augen einen Ausdruck von Besorgnis an. Sie war auf einmal ganz blass geworden. „Ist mit Ihnen alles in Ordnung?”
„Oh ja, danke.” Aber sie öffnete dennoch das Fenster und sog die warme Sommerluft tief in die Lungen. „Mir geht es gut.”