Maras Geheimnis
»Verdammt, wo steckt sie?«
Panik sprach aus Nils’ Stimme. Weder Chris noch Kyra konnten ihn beruhigen, auch ihnen schnürte die Angst um Lisa die Kehlen zu. Hilflos zuzuschauen, wie ein anderer vom Erdboden verschluckt wurde, war beinahe noch schlimmer, als selbst in Gefahr zu sein.
Sie stürmten durch die schmalen Gänge und Fluchten des Hexenhauses, bis sie wieder den Vorraum mit dem Hexenkessel erreichten. In wenigen raschen Sprüngen hasteten sie die Treppe hinunter und bogen, angeführt von Nils, in eine Schneise der unteren Ebene.
Nach mehreren Ecken blieb Nils stehen und schaute sich gehetzt um. »Irgendwo hier muss sie gelandet sein.«
Die Lichtpunkte der beiden Taschenlampen geisterten über die Wände.
»Da ist was auf dem Boden.« Kyra bückte sich und streckte den Zeigefinger aus. Vor sich hatte sie einen schimmernden Tropfen entdeckt. Als sie den Finger zurückzog und daran roch, blieb ihr fast die Stimme weg. »Das ist Blut«, flüsterte sie.
»Oh nein!« Nils taumelte einen Schritt zurück.
»Nur ein Tropfen«, sagte Kyra schnell. »Das bedeutet gar nichts.«
Nils ließ sich nicht beruhigen. »Lisa?«, rief er lautstark hinaus in die Finsternis des Hexenhauses. »Lisa, wo bist du?«
Kyra richtete sich auf und sah Chris an. Sein Anblick erschreckte sie. Noch nie hatte sie ihn so bleich und verstört gesehen.
»Mein Gott«, flüsterte er. »Das kann doch nicht sein, oder?«
Kyra wusste, was er meinte. Bei allem, was sie seit dem Erscheinen der Sieben Siegel durchgemacht hatten, war dies das erste Mal, dass sie ernsthaft fürchten mussten, einem von ihnen sei etwas Schlimmes zugestoßen. So schlimm, dass keiner wagte, es auszusprechen.
»Sie muss doch hier irgendwo sein«, stammelte Nils. Hastig lief er den Gang hinunter, ohne auf die beiden anderen zu warten. Aber natürlich folgten sie ihm nur Augenblicke später tiefer in den Irrgarten des Hexenhauses.
Sie passierten eine Kreuzung, bogen um mehrere Ecken und hatten dabei immer das Gefühl, im Kreis zu gehen. Tatsächlich waren die Hauptwege des Hexenhauses angelegt wie eine Spirale. Dadurch entstand der Eindruck, die Ausdehnung der Gänge und Schächte nähme kein Ende.
In einem niedrigen Raum mit dunkelgrün bemalten Wänden blieben sie stehen. Der Boden zu beiden Seiten des schmalen Mittelwegs war leicht erhöht, daraus stachen bizarre Fantasiegewächse hervor. Den Tag über hatten Schüler in einem flachen Zwischenraum unter den Pflanzen gelegen und ihre Arme von unten in die dicken Stängel und Stiele der Hexenpflanzen gesteckt. Mit ihren Händen hatten sie scharfzahnige Blütenmäuler auf- und zuschnappen lassen wie hungrige Drachenbabys.
»Der Kräutergarten der Hexe.« Nils schwenkte die Taschenlampe umher. Ihr Lichtkegel erzeugte zwischen den Gewächsen zuckende Schattengespenster.
Nils hatte als Einziger von ihnen an einer Führung durch das Hexenhaus teilgenommen. Kyra und Chris dagegen waren zum ersten Mal hier, und beide fanden, dass die Illusion um diese Uhrzeit fast ein wenig zu perfekt war.
»Da vorne!« Chris sprang plötzlich vor, geradewegs in das unheimliche Pflanzenbeet.
Nils und Kyra versuchten erschrocken, ihm mit den Lichtkegeln der Lampen zu folgen, doch alles, was sie sahen, war ein Chaos aus abgebrochenen Kunstpflanzen, die wild umherflogen, als Chris und eine zweite Gestalt ringend durch die Kulisse rollten. Lautes Poltern und Rumpeln erschütterten die Dekorationen.
Eine weibliche Stimme rief etwas, das wie »Aufhören« und »Warte« klang – aber es war nicht Lisa.
Kyra machte einen Satz, zerbrach weitere Gewächse aus Kunststoff und Pappe, und war innerhalb von Sekunden bei Chris und dem Mädchen.
»Mara?« Kyra leuchtete ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht. »Was machst du denn hier?«
»Und ihr?«, gab sie schnippisch zurück. Mara war ein paar Jahre älter als die Freunde, aber im Augenblick machte das keinen Unterschied mehr. Sie kauerte am Boden, hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das rechte Schienbein und schoss zornige Blicke auf Chris ab, der sich ein wenig verschämt aufrappelte.
»Ich dachte –«, begann er, wurde aber von Mara unterbrochen:
»Was? Dass ich ein Monster bin, das in der Schule Amok läuft?« Sie schnaubte verächtlich.
»Vielleicht sollten sich Kinder wie ihr nicht allein im Dunkeln rumtreiben.«
Kyra ließ sich von Maras herablassendem Tonfall nicht beeindrucken. »Vielleicht verrätst du uns, warum du dich hier rumtreibst.«
Nils trat neben Kyra und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und warum du deine Taschenlampe nicht eingeschaltet hattest. Wolltest wohl deine Sehnerven im Dunkeln trainieren?« Er deutete auf eine Lampe, die neben Mara am Boden lag.
Mara wich den Blicken der drei aus, atmete tief durch und erhob sich schließlich. »Ich bin die Organisatorin. Ich bin nur hier, um nachzuprüfen, ob alles in Ordnung ist. Das ist mein Job.«
»Mein Job«, ahmte Nils sie hämisch nach. »Du bist ja so erwachsen, was?«
Mara tat, als hätte sie ihn gar nicht gehört.
»Alles überprüfen«, wiederholte Kyra zweifelnd. »So ganz ohne Licht? Oder wolltest du vielleicht, dass wir dich nicht bemerken?«
»Wieso denn das? Unsinn!« Mara versuchte, höhnisch zu klingen, aber sie konnte ein leichtes Schwanken in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Den drei Freunden war klar, dass sie nicht aufrichtig war.
Chris klopfte sich Staub und Erde von seiner schwarzen Kleidung. Auch er trug – genau wie Mara – stets schwarz.
»Ich bin euch keine Rechenschaft schuldig«, erklärte Mara und rümpfte die Nase.
»Wir suchen meine Schwester«, sagte Nils. »Hast du sie hier irgendwo gesehen?«
»Die Kleine mit den kurzen Haaren?« Mara schüttelte den Kopf. »Nee, hab ich nicht.«
»Du musst doch gehört haben, wie wir nach ihr gerufen haben.« Chris musterte sie voller Misstrauen. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was genau ihn an Maras unerwartetem Auftauchen störte. Fest stand nur, dass sie ihn nervös machte. Und das lag nicht allein an der Tatsache, dass Mara ein außergewöhnlich hübsches Mädchen war.
»Gehört?« Ihre Bewegungen wurden fahrig. »Na klar.«
»Warum hast du dann nichts gesagt?«, wollte Kyra wissen.
»Ihr habt ja nicht mich gerufen, oder?« Maras Mimik wechselte von Sekunde zu Sekunde, war mal herausfordernd, mal unsicher.
Kyra fiel auf, dass Mara zwar ihr Gewicht immer wieder von einem Fuß auf den anderen verlagerte, dabei jedoch nie zur Seite trat – fast so, als verberge sie etwas hinter ihrem Rücken.
»Was versteckst du denn da?«, fragte Kyra und machte Anstalten, um Mara herumzugehen.
Mara verstellte ihr den Weg. »Nichts. Was sollte ich hier wohl verstecken?«
»Das wüsste ich auch gern«, sagte Chris und umrundete das Mädchen von der anderen Seite. Mara konnte nicht verhindern, dass er hinter sie trat und sich umschaute.
Sie wirbelte herum wie ein aus der Bahn geworfener Kreisel, stolperte einen Schritt auf Chris zu und riss ihn blitzschnell am Arm zurück. »Vorsicht!«
Chris blieb irritiert stehen.
»Bleibt genau da, wo ihr seid«, kommandierte Mara. »Alle drei.«
Nils glaubte, sie wollte ihnen drohen, deshalb sagte er: »Und was sonst? Verprügelst du uns alle mit deiner Lampe?«
Wieder tat Mara, als existiere er überhaupt nicht.
Stattdessen schob sie Chris vorsichtig zurück und beugte sich über etwas am Boden – genau an der Stelle, auf die Chris beim nächsten Schritt seinen Fuß gesetzt hätte.
»Was ist da unten?«, fragte Nils und versuchte, einen Blick über Maras Schulter zu erhaschen. Ihr langes Haar, das ihr offen über den Rücken fiel, schimmerte golden im Licht seiner Taschenlampe.
Chris ging neben ihr in die Knie. »Die ist echt, oder?«
Mara nickte.
Nils wurde immer ungeduldiger. »Was ist echt?«
Mara seufzte und rückte zaghaft ein wenig zur Seite, blieb dabei aber in der Hocke und hielt beide Hände schützend um etwas vor ihren Füßen.
Nils und Kyra beugten sich vor.
»Was für eine Pflanze ist das?«, fragte Kyra, als sie sah, dass zwischen Maras Händen ein zartes Gewächs emporwuchs. Es hatte mehrere Blätter, breite Ovale mit stumpfen Kanten. Sie hatte diese Blattform schon einmal irgendwo gesehen.
»Und was ist so Besonderes daran?«, murrte Nils unbeeindruckt.
Mara schaute blitzschnell zu ihm auf. Ihr Blick war kalt und dunkel. »Du weiß nichts, kleiner Junge. Gar nichts.«
»Ist das sowas wie Hanf?«, fragte Chris.
»Quatsch.« Mara strich unendlich zärtlich mit einer Fingerspitze über eines der Blätter. Langsam richtete sie sich auf, das kleine Gewächs immer noch in ihrer Hand. Erst jetzt sahen die Freunde, dass es in einen gewöhnlichen Blumentopf eingepflanzt war.
Mara schaute von einem zum anderen.
»Könnt ihr ein Geheimnis für euch behalten?«
Nils musterte sie argwöhnisch. »Du kannst uns nicht leiden. Warum willst du ausgerechnet uns ein Geheimnis anvertrauen?«
»Weil sie keine andere Wahl hat«, erwiderte Kyra an Maras Stelle.
Mara sah Kyra kurz an, dann nickte sie. »Ihr erzählt keinem davon, ja?«
»Okay«, sagte Chris. Auch Kyra und Nils nickten.
»Das hier«, erklärte Mara mit Verschwörermiene, »ist eine Alraune.«
Einen Moment lang schwiegen sie alle. Dann fragte Nils: »Und was soll das sein?«
Wieder war es Kyra, die seine Frage beantwortete: »Eine Hexenpflanze.«
»Na, toll«, stöhnte Nils. »Genau das, was wir brauchen.« Er trat aufgeregt auf der Stelle. »Hör mal, Kyra, wir haben jetzt keine Zeit für ’ne Biologiestunde. Wir müssen Lisa finden.«
Chris stimmte ihm zu. »Wir verschwenden hier nur Zeit.«
Kyra schaute Mara über die Alraunenpflanze hinweg tief in die Augen. »Da wäre ich mir nicht so sicher.«
Mara hielt ihrem Blick stand. Sie fühlte sich ertappt – bei was auch immer –, aber sie hatte keinesfalls vor, sich zu entschuldigen. Oder auch nur klein beizugeben.
Aber auch Kyra ließ nicht locker. »Das ist doch die einzige echte Pflanze hier im Hexengarten, nicht wahr?«
Mara nickte stumm.
»Warum hast du sie hier eingepflanzt?«
»Ist doch meine Sache.«
»Nein. Jetzt nicht mehr.«
Eine Spur von Überraschung lag in Maras Blick, als sie sagte: »Wie meinst du das?«
Doch Kyra dachte nicht daran, ihre Gedanken laut auszusprechen. Sie fragte weiter: »Gibt es noch mehr davon in der Schule?«
»Ich wüsste nicht, was –«
Kyra fiel ihr ins Wort. »Gibt es noch mehr?«, wiederholte sie mit Nachdruck.
»In jedem Stockwerk eine. Insgesamt vier.«
Die beiden Jungen blickten irritiert von Mara zu Kyra. Beide verstanden nicht, auf was Kyra hinauswollte – und welche Rolle Mara in dieser ganzen Sache spielte. Dennoch war es nicht zu übersehen, dass Kyra einer Spur folgte. Sie hatte schon in früheren Abenteuern bewiesen, dass sie die Witterung des Bösen schneller aufnahm als jeder ihrer Freunde. Sie trug das Erbe ihrer Mutter in sich, einer Hexe, die zugleich eine erbitterte Kämpferin gegen alle Geschöpfe der Finsternis gewesen war.

Kyra streckte eine Hand nach der Alraune aus, sehr vorsichtig, und Mara ließ zu, dass sie eines der Blätter berührte. Niemals hätte sie erlaubt, dass Nils oder Chris so nah an das Gewächs herankamen. Doch Mara schien zu spüren, dass Kyra anders war als die übrigen Jungen und Mädchen der Schule.
Kyras Finger strichen über die Oberfläche des Blattes. Sie hatte dabei eine Gänsehaut.
Dann sah sie wieder Mara an. »Du hast noch mehr getan, als diese Pflanzen einfach nur in die Schule zu bringen, oder?«
Mara zögerte, dann nickte sie wieder.
»Du hast sie besprochen«, folgerte Kyra.
Und abermals stimmte Mara schweigend zu.
»Besprochen?«, fragte Chris verwirrt. »Du meinst, mit einem Zauberspruch?«
»Mit einer Beschwörung«, sagte Mara.
»Du bist eine Hexe«, entfuhr es Nils.
»Nein«, sagte Kyra, »aber sie wäre gern eine.«
Ein Schatten huschte über Maras Züge. »Was weißt du schon darüber?«
»Genug, um dir zu sagen, dass du einen schweren Fehler gemacht hast.«
Einen Moment lang sah es aus, als wollte Mara erbost widersprechen, doch dann erkannte sie die Entschiedenheit in Kyras Blick. Trotz ihrer unterdrückten Wut konnte ihr nicht entgehen, dass Kyra sehr wohl wusste, wovon sie sprach.
»Würde mir mal bitte irgendwer erklären, was es mit diesem Grünzeug auf sich hat?«, fragte Nils.
»Mandragora officinalis«, flüsterte Mara mit gesenkter Stimme und ohne die Freunde anzusehen. »Das ist der lateinische Name. Schon die keltischen Druiden haben daraus magische Tränke gebraut.«
Kyra nickte beipflichtend. Sie hatte darüber in einem von Tante Kassandras okkulten Büchern gelesen. »Ihre Wurzel hat in etwa die Form eines Menschen. Deshalb glaubte man im Mittelalter, man könne mithilfe von Alraunen Menschen heranzüchten. Es hieß, dass sie oft unter Galgen und an schlimmeren Orten wuchsen.« An Mara gewandt sagte sie: »Mich würde interessieren, wo du sie her hast.«
»Das geht dich gar nix an.«
Chris verdrehte die Augen. »Mann, nun sei doch nicht so zickig!«
Mara runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
»Du hast es nur gut gemeint, oder?«, fragte Kyra.
Mara lächelte flüchtig. »Ich beschäftige mich schon lange mit solchen Sachen. Ich habe alles über Hexerei und Weiße Magie gelesen, was ich nur finden konnte.«
»Weiße Magie?«, wiederholte Nils verwirrt.
»Zauberei, die nur Gutes zum Ziel hat«, erklärte Kyra.
»Genau«, sagte Mara. »Ich wollte dafür sorgen, dass das Schulfest ein Erfolg wird. Schließlich war es die erste Halloweenfeier überhaupt in Giebelstein. Ich hab nur verhindern wollen, dass irgendwas schief geht.«
»Und wie bist du dabei ausgerechnet auf die Alraunen gekommen?«, wollte Kyra wissen.
»Als wir anfingen, die Feier zu planen, hab ich die Aufgabe übernommen, die alten Schulchroniken zu wälzen. Ursprünglich wollten wir rausfinden, ob in der Schule irgendwann einmal üble Dinge geschehen sind, die man als Gruselszenen hätte nachstellen können. Ich meine, der Kasten hier ist ein paar hundert Jahre alt! Irgendwas musste in all der Zeit doch passiert sein. Und schließlich bin ich auch fündig geworden.«
»Der Direktor«, murmelte Chris.
Mara nickte. »Früher war das hier ein Kloster. Erst vor knapp hundert Jahren wurde dann eine Schule daraus. Ihr kennt die Geschichte vom ersten Direktor also?«
»Klar«, bestätigte Nils.
»Na ja«, fuhr Mara fort, »ich begann mich mehr und mehr für die Sache zu interessieren, über die Halloweenparty hinaus. Der Direktor war eindeutig wahnsinnig. Er prügelte die Kinder und drohte ihnen mit noch härteren Strafen, falls sie zu Hause etwas erzählten.«
»Und wie lange trieb er das so?« Chris lehnte sich vor.
»Keine Ahnung«, sagte Mara. »Mit der Zeit wurden die Leute misstrauisch, aber man konnte ihm nie etwas nachweisen. Wahrscheinlich hatten die Kinder zu viel Angst vor ihm. Doch dann passierte die Sache mit dem Sohn des Bürgermeisters.«
»Das Kind, das gestorben ist?«, vermutete Nils.
»Genau«, bestätigte Mara. »Als das bekannt wurde, zogen die aufgebrachten Giebelsteiner Väter zur Schule. Niemand weiß genau, was dann passierte. Aber einen Tag später wurde die Leiche des Direktors gefunden – aufgehängt an einem Balken im Keller der Schule.«
Chris schauderte. »Na, das war wohl kein zufälliger Tod!«
»Wohl kaum. Der Bürgermeister und die anderen taten, was sie konnten, um das Ganze unter den Teppich zu kehren, und es ist ihnen auch einigermaßen gelungen. In der alten Schulchronik stand die Geschichte trotzdem – sie wurde nämlich von der Schwester des Direktors aufgeschrieben.« Mara machte eine kurze Pause. »Die Sache hat sie ganz schön mitgenommen. Und trotzdem ist sie in Giebelstein geblieben. Sie wohnte sogar weiter in einem Raum hier in der Schule und schrieb noch jahrelang alles auf, was rundherum passierte. Die Wogen glätteten sich, und bald hatte wieder alles seine Ordnung.«
»Ich verstehe aber noch immer nicht, was das mit den Alraunen zu tun hat«, sagte Nils.
Kyra war in Gedanken schon vorausgeeilt. Sie ahnte, was Mara ihnen als Nächstes erzählen würde.
»Die Schwester des Direktors war eine ziemlich kauzige Gestalt«, sagte Mara. »Sie verstand sich auf allerlei Hausmittelchen, Liebeszauber und so’n Zeug. Als sie starb, haben die Giebelsteiner verhindert, dass sie auf dem hiesigen Friedhof begraben wurde. Man brachte den Leichnam in eine andere Stadt und beerdigte ihn dort.«
Kyra seufzte. »Das hat dir gefallen, was?«
»Sie war eine Hexe«, erwiderte Mara triumphierend.
»Wohl eher irgendein hutzeliges Kräuterweib«, meinte Nils.
»In der Schulchronik hat sie einen Spruch niedergeschrieben, der dem Gebäude auf alle Zeiten Glück bringen sollte«, erklärte Mara. »Sie hat es immer nur gut gemeint. Sonst hätte sie wohl kaum die schreckliche Geschichte über ihren Bruder aufgeschrieben.«
»Und die Alraunen? Wie passen die nun in deine Geschichte?«, fragte Chris.
»In den letzten Band der Chronik hat die Schwester des Direktors einen kleinen Umschlag geklebt, versteckt unter dem Leinen. Ich hab ihn selbst nur durch Zufall gefunden. Darin waren vier Samenkörner und ein Zettel, wieder mit diesem Spruch und Anweisungen, was man mit den Samenkörnern tun sollte. Dabei stand, dass man damit gutes Gelingen bewirkt für alles, was mit der Schule zu tun hat.«
Die drei Freunde schauten einander erschüttert an.
Schließlich wandte Kyra sich an Mara. »Sie hat dich reingelegt. Die Alraunen und die Beschwörungsformel sollten nie irgendetwas Gutes bewirken.«
»Was denn sonst?«
»Das Ganze war ein Trick.« Kyra holte tief Luft. »In Wirklichkeit wollte sie ihren Bruder wieder zum Leben erwecken.«
»Aber das ist doch –«
»Nein, Mara, es ist die Wahrheit. Du hast genau das getan, was sie immer geplant hat. Du hast den Geist des Direktors heraufbeschworen. Er ist hier. Hier in der Schule.«
»Ihr seid ja verrückt!«
»Wie kannst du eine Hexe sein wollen, wenn du noch nicht einmal an das Übernatürliche glaubst?«
»Tu ich ja«, verteidigte sich Mara. »Aber ich würde nie –«
»Du hast es nicht absichtlich getan, ich weiß«, sagte Kyra. »Aber wir haben ihn gesehen. Der Direktor ist zurückgekehrt. Und er hat höchstwahrscheinlich Lisa in seine Gewalt gebracht.«
Kyra sagte »in seine Gewalt gebracht«, weil alles Schlimmere ihr einfach nicht über die Lippen kommen wollte.
»Ich glaub euch kein Wort«, sagte Mara.
»Wir haben ihn gesehen«, gab Chris zurück.
»Wer weiß, was ihr gesehen habt«, erwiderte sie herablassend. »Ihr seid nur Kinder. Vielleicht hat euch eine der Puppen erschreckt.«
Nils schäumte vor Wut. Die ganze Zeit über hatte er die grüne Monstermaske in der Hand gehalten; jetzt schleuderte er sie zornig vor seine Füße. »Das darf ja wohl nicht wahr sein! Erst baust du so’n Mist, und dann streitest du auch noch alles ab!«
Mara blickte zu Boden und schien zu überlegen. »Sagen wir mal, ihr hättet Recht«, sagte sie schließlich, »was sollen wir dann tun?«
Kyra deutete auf die Pflanze. »Wenn es die Alraunen sind, die den Direktor zurück ins Leben gerufen haben, dann müssen wir sie zerstören.«
»Nein!« Maras Stimme war schrill, und sie legte eine Hand schützend über das Pflänzchen wie eine Mutter über ihr Kind.
»Lisas Leben steht auf dem Spiel«, fuhr Nils sie an.
»Und unser eigenes«, ergänzte Chris.
»Ihr dürft die Alraunen nicht zerstören! Das sind Hexenpflanzen!« Ihr Tonfall verdeutlichte den Freunden, wie sehr sie sich wünschte, selbst eine mächtige Hexe zu sein.
So also findet das Arkanum seinen Nachwuchs, dachte Kyra. Junge Mädchen wie Mara, die vom Zauber der Hexerei angezogen und Schritt für Schritt auf die Seite des Bösen gezogen werden. Ein gefundenes Fressen für den Geheimbund der Hexen.
Nils platzte der Kragen. Er stiefelte auf Mara zu, packte sie grob und wollte nach der Alraune greifen. Mara schrie auf und versuchte, sich loszureißen. Beide flogen zur Seite und polterten in die Dekoration. Die Alraune glitt Mara aus der Hand und fiel auf den Boden. Kunstpflanzen wurden umhergeschleudert, Plastik splitterte, Pappe zerriss.
Kyra und Chris gingen dazwischen. Sie zerrten die beiden Streithähne auseinander.
»Spinnt ihr jetzt alle beide?«, fuhr Kyra sie an. »Meint ihr nicht, es gäbe Besseres zu tun, als euch hier im Dreck rumzubalgen?«
»Wenn wir Lisa auf diese Weise retten können, müssen wir die Alraune zerstören«, erwiderte Nils wütend.
Mara befreite sich aus Chris’ Griff. »Seit Jahren wünsche ich mir ein Stück echte Hexerei. Irgendwas, das beweist, dass es Magie wirklich gibt. Und jetzt hab ich endlich die Alraunen. Ich werde bestimmt nicht dabei zuschauen, wie ihr drei wieder alles zunichte macht.«
Kyra drehte sich schlagartig um. »Tut mir Leid«, sagte sie leise, machte einen Satz auf die Alraune zu und griff mit beiden Händen den Stängel. Bevor Mara etwas unternehmen konnte, hatte Kyra die Pflanze aus dem Topf gerissen.
