Katze.jpg

2

Auf dem Weg der Genesung

Ich halte mich für einen Katzenkenner, denn ich bin mit diesen Haustieren aufgewachsen. Neben mehreren Siamkatzen hatten wir auch einmal eine wunderschöne Schildpattkatze. Unsere flauschigen Familienmitglieder haben mir viele schöne Erinnerungen hinterlassen. Aber es gibt auch eine sehr traurige Geschichte, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Ich bin in England und Australien groß geworden, und zu diesem Zeitpunkt lebten wir gerade in Cragie, einem Ort in Westaustralien. Meine Mutter brachte eines Tages ein süßes, weißes Katzenbaby mit ganz dichtem, flauschigem Fell nach Hause. Ich glaube, sie hatte sie von einem Bauern aus der Umgebung. Auf jeden Fall war das kleine Wollknäuel total verwahrlost.

Bevor die Kleine zu uns kam, war sie noch nie von einem Tierarzt untersucht worden. Das arme Ding war voller Flöhe, aber wir haben es leider nicht gleich bemerkt. Ihr dichtes Fell wurde ihr zum Verhängnis. Die Flöhe nisteten so tief im Unterfell, dass sie lange unbemerkt blieben. Diese Parasiten saugen anderen das Leben aus, um selbst zu überleben. Und genau das geschah bei unserem Kätzchen. Als wir endlich kapierten, wie schlecht es ihr ging, war es bereits zu spät. Meine Mutter brachte die Kleine noch zum Tierarzt, aber der schüttelte nur noch den Kopf. Das Katzenkind war bereits dem Tod geweiht. Es hatte alle möglichen Infektionen und Krankheiten. Es war nur zwei Wochen bei uns, bis es starb. Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt und konnte diese Tragödie gar nicht recht verkraften, genauso wenig wie meine Mutter.

Ich musste oft an dieses arme Kätzchen denken, vor allem, wenn mir eine weiße Katze über den Weg lief. Aber an diesem Wochenende ging sie mir gar nicht mehr aus dem Sinn. Schuld daran war der zerzauste kleine Kämpfer, den ich bei mir aufgenommen hatte. Das schäbige, stumpfe Fell des Katers machte mir Angst. Er sollte nicht so erbärmlich enden wie das weiße Katzenkind aus meinen Kindertagen. Ich durfte das nicht zulassen und wollte auf keinen Fall sein Leben riskieren.

Am Sonntagabend stand mein Entschluss fest: Der Kater musste zum Tierarzt. Meine laienhafte Erstversorgung würde seine Beinverletzung nicht heilen. Und wie sollte ich beurteilen, welche anderen Krankheiten er noch mit sich herumschleppte? Ich durfte das nicht länger aufschieben. Gleich am nächsten Morgen wollte ich mit ihm zur nächstgelegenen RSPCA-Tierambulanz. Die war, so viel ich wusste, in der Nähe von Finsbury Park.

Ich hatte mir extra den Wecker gestellt. Mein kleiner Schützling bekam zum Frühstück wieder eine Portion Trockenfutter vermischt mit Thunfisch. Draußen graute ein trüber Morgen, aber heute war das keine Ausrede, um zu Hause zu bleiben.

Mit seinem verletzten Bein würde der Kater die neunzig Minuten Fußmarsch bis zur Tierambulanz nicht durchhalten. Ich wollte ihn tragen, fand aber nur eine grüne Recyclingkiste für den Transport. Ideal war das nicht. Auch der Kater war nicht begeistert von meiner Notlösung, diesem Tragekorb für Arme. Er wollte nicht stillsitzen, steckte immer wieder seine Vorderpfoten über den Rand der Kiste und versuchte, hinauszuspringen. Katzenterror vom Feinsten. »Na, dann komm, ich trag’ dich«, gab ich nach und nahm ihn auf den freien Arm. Den anderen brauchte ich zum Tragen der grünen Kiste. Er kletterte auf meine Schulter hoch und ließ sich dort nieder, während ich das leere Recycling-Monster den ganzen langen Weg bis zur RSPCA-Ambulanz schleppen durfte.

Im Warteraum der Praxis war die Hölle los. Es war brechend voll. Fast nur Hunde, deren Besitzer genauso aggressiv auftraten wie ihre Tiere. Die meisten dieser Jungs waren unter zwanzig, mit abstoßenden Tattoos und kahl geschorenen Köpfen im Skinhead-Stil. Siebzig Prozent der wartenden Hunde waren Staffordshire Bullterrier, deren Verletzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Kämpfen mit Artgenossen stammten. Ich tippte auf illegale Volksbelustigung für eine verrohte Meute gelangweilter Zeitgenossen. Es heißt, Großbritannien sei eine Nation von Tierliebhabern. Davon war hier leider nicht viel zu spüren. Es ist unfassbar, wie manche Leute mit ihren Tieren umgehen.

Der Kater saß abwechselnd auf meinem Schoß und auf meiner Schulter. Er war ziemlich unruhig. Kein Wunder, denn die Hunde bellten und knurrten wütend in unsere Richtung. Manche bedrohten ihn mit hochgezogenen Lefzen. Nur mit beträchtlichem Kraftaufwand gelang es ihren Besitzern, sie zurückzuhalten. Sie hätten ihn wohl am liebsten zerfleischt.

Ein Hund nach dem anderen wurde in den Behandlungsraum geholt. Jedes Mal, wenn die Sprechstundenhilfe auftauchte und jemand anderen aufrief, waren wir enttäuscht. Letztendlich vergingen viereinhalb Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als mein Name aufgerufen wurde, war es eine Erlösung für uns beide: »Mr. Bowen, Sie sind dran.«

Ein Tierarzt in mittleren Jahren erwartete uns. Er hatte den gelangweilten Gesichtsausdruck eines abgebrühten Mannes, der viel Schlimmes gesehen hatte. Vielleicht lag es an der aggressiven Stimmung im Wartezimmer, die ich so lange hatte ertragen müssen, aber er war mir sofort unsympathisch.

»Also, was ist das Problem?«, fragte er dann auch ziemlich schroff.

Ich wusste, der Mann macht nur seinen Job, aber ich hätte am liebsten geantwortet: »Ja, wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier!« Aber ich verkniff mir die Antwort.

Stattdessen erzählte ich ihm, wie ich die Katze im Hausflur auf dem Weg zu meiner Wohnung gefunden hatte, und zeigte ihm die Wunde am Hinterbein des Katers.

»Okay, mal sehen …«, nuschelte er.

Nach kurzer Untersuchung bekam mein Findling eine Spritze mit Diazepam gegen die Schmerzen. Und ein Rezept für Amoxicillin, ein Antibiotikum, das er zwei Wochen einnehmen sollte.

»Wenn sich sein Zustand in vierzehn Tagen nicht gebessert hat, kommen Sie bitte wieder«, sagte der Tierarzt. Nur widerwillig und auf meine ausdrückliche Bitte hin durchkämmte er noch kurz das Fell nach Flöhen. Zum Glück fand er keine.

»Trotzdem sollten Sie ihm vorbeugend Tabletten gegen etwaigen Flohbefall geben. Besonders junge Katzen sind da sehr anfällig«, belehrte er mich. Als ob ich das nicht wüsste! Wieder verkniff ich mir die Antwort. Ich sah zu, wie er auch für dieses Medikament ein Rezept ausstellte.

Immerhin kam er noch selbst auf die Idee, den Kater nach einem Mikrochip abzusuchen. Leider ohne Erfolg. Also doch ein Straßenkater?

»Sie sollten ihm so bald wie möglich einen Chip einpflanzen lassen«, riet er mir »… und er gehört kastriert.« Damit drückte er mir ein Informationsblatt für ein kostenfreies Kastrationsprogramm für Streuner in die Hand. Ich nickte zustimmend und dachte dabei an die wilden Temperamentsausbrüche meines neuen Mitbewohners, die meine Möbel ziemlich strapazierten. Lächelnd stimmte ich zu und hoffte, es würde ihn interessieren, warum. Aber da kam nichts. Er war bereits damit beschäftigt, seine Notizen in den Computer zu hacken und die Rezepte auszudrucken. Wir waren hier nur Teil eines Fließbandprozesses, und scheinbar war es Zeit, uns aus der Tür zu schubsen, um für den nächsten Patienten Platz zu machen. Der Tierarzt konnte nichts dafür. Es war das System.

Und dieses System hatte uns schon nach wenigen Minuten wieder ausgespuckt. Der Kater und ich verließen erleichtert die Praxis, und ich löste die Rezepte gleich in der Apotheke nebenan ein. Die Apothekerin in dem weißen Kittel war etwas freundlicher als der Tierarzt.

»Das ist aber ein hübscher Kerl«, bemerkte sie mit Blick auf den Kater. »Meine Mutter hatte auch mal so einen Roten. Er war der beste Kamerad, den sie je hatte. Und eine sehr starke Persönlichkeit. Er saß immer zu ihren Füßen und ließ die Welt an sich vorüberziehen. Wenn eine Bombe neben ihm explodiert wäre, er wäre ihr nicht von der Seite gewichen.« Dabei tippte sie Zahlen in ihre Kasse und legte mir die Rechnung auf den Tresen.

»Das wären dann zweiundzwanzig Pfund, mein Lieber«, zwitscherte sie. Mein Herzschlag setzte kurz aus.

»Zweiundzwanzig Pfund! So viel?«, stammelte ich. Zu diesem Zeitpunkt belief sich mein gesamtes Barvermögen gerade mal auf 30 Pfund.

»Leider ja«, antwortete die Apothekerin lächelnd, aber mit unerbittlichem Blick.

Ich übergab ihr meine 30 Pfund und strich das Wechselgeld ein. Ich hatte gerade eine komplette Tageseinnahme für Katzenmedizin ausgegeben. Aber was blieb mir übrig? Ich konnte meinen neuen Freund doch nicht im Stich lassen!

»Sieht aus, als müssten wir zwei die nächsten vierzehn Tage miteinander auskommen!«, informierte ich den Kater auf meiner Schulter, als wir aus der Apotheke traten und uns auf den langen Weg zurück nach Tottenham machten.

Es war ein Versprechen. In den nächsten zwei Wochen würde ich den Kater auf keinen Fall freilassen. Nicht, bevor seine medizinische Versorgung abgeschlossen war. Außer mir würde niemand dafür sorgen, dass er regelmäßig seine Tabletten nahm. Der Tierarzt hatte wegen der Infektionsgefahr auch Freigänge ab sofort verboten.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich gebraucht. Es gab jemanden, um den ich mich kümmern musste. Verwundert stellte ich fest, dass mich die neue Verantwortung beflügelte. Für ihn zu sorgen, gab meinem Leben endlich einen Sinn.

Am Nachmittag stürmte ich die nächstgelegene Zoohandlung und kaufte Katzenfutter für die nächsten beiden Wochen. Der Tierarzt hatte mir eine Probe von wissenschaftlich erprobtem, hochwertigem Trockenfutter mitgegeben. Mein eigenwilliger Schützling hatte es für gut befunden. Also kaufte ich einen großen Sack davon und eine Palette Nassfutter. Neun Pfund kostete mich dieser Großeinkauf für die Katz. Danach war ich total pleite.

An diesem Abend musste mein schnurrender Patient allein zu Hause bleiben. Ich fuhr mit meiner Gitarre nach Covent Garden, um Geld zu verdienen. Ab jetzt hatte ich zwei Mäuler zu stopfen.

In den darauf folgenden Tagen wurde Rotpelzchen aufgepäppelt. Dabei lernte ich ihn besser kennen und fand endlich auch einen passenden Namen für ihn: Bob. Die Idee hatte ich, als ich mir eine DVD meiner alten Lieblingsserie Twin Peaks ansah. Darin kommt einer vor, der heißt Bob, der Killer. Er ist ziemlich durchgeknallt und spielt einen Mann mit zwei Gesichtern, so eine Art Jekyll und Hyde. Zeitweise ist er ganz normal, dann wieder total verrückt und unberechenbar. Der Kater erinnerte mich sehr an diesen Bob. Die meiste Zeit gab er das glückliche, zufriedene Schmusekätzchen. Aber von einer Sekunde zur anderen, völlig unerwartet, drehte er komplett durch. In diesen verrückten fünf Minuten schoss er wie ein blutrünstiger, etwas zu klein geratener Tiger durch mein Apartment und bearbeitete mit weit aufgerissenen Augen, angelegten Ohren und Kampfmaunzen gnadenlos meine gesamte karge Einrichtung.

Ich unterhielt mich mit meiner Freundin Belle über diese seltsamen Anwandlungen meines Mitbewohners, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel: »Er hat viel gemeinsam mit Bob, dem Killer aus Twin Peaks«, teilte ich ihr mit. Aus ihrem verständnislosen Blick schloss ich, dass sie die Serie nicht kannte. Auch egal! Hauptsache, ich wusste, warum Bob der perfekte Name für meinen roten Pflegekater war.

Inzwischen war ich überzeugt, dass Bob noch nie mit Menschen unter einem Dach gelebt hatte. Denn er verweigerte stur und standhaft das Katzenklo. Sobald die Natur rief, stand er an der Wohnungstür und jammerte so lange, bis ich ihn nach unten trug, damit er sich in der Grünanlage rund um unser Haus erleichtern konnte. Wenn ich ihn vor der Haustür absetzte, raste er los zu den Büschen, erledigte sein Geschäft und scharrte danach endlos lange in der Erde herum. Es schien ihm ungemein wichtig, jeglichen auch noch so kleinen Beweis seiner Tat bis auf das letzte Düftchen vollends zu beseitigen.

Als ich ihn eines Morgens wieder einmal bei diesem Ritual beobachtete, kam mir die Idee, er könnte bei Zirkusleuten oder Travellern gelebt haben. Fahrendes Volk kam oft nach Tottenham. Ganz in der Nähe unseres Mietshauses gab es ein Stück Land, auf dem immer irgendwelche Gruppen campierten. Vielleicht gehörte er zu einer dieser Familien. Vielleicht war er nur versehentlich zurückgelassen worden, als sie weiterzogen. Das würde erklären, warum er Menschen zwar mochte, aber der für Salonlöwen selbstverständliche Feinschliff fehlte.

Bob wurde immer anhänglicher, und auch ich wollte ihn nicht mehr missen. Sein anfängliches Misstrauen schwand zusehends. Er fühlte sich deutlich sicherer und wurde immer zutraulicher. Trotzdem blieb er wild und ungestüm. Böse konnte ich ihm deswegen nicht sein, denn schließlich war er jung und unkastriert.

Schnell fanden wir einen Rhythmus für unseren gemeinsamen Tagesablauf. Am Vormittag ließ ich Bob allein zu Hause und fuhr nach Covent Garden. Dort machte ich so lange Musik, bis ich genug Geld für unsere Tagesration an Essen eingespielt hatte. Wenn ich nach Hause kam, stand Bob schon wartend an der Wohnungstür. Dann folgte er mir zum Sofa, und wir sahen gemeinsam fern. Mir wurde langsam klar, was für ein kluger Junge er war. Er bewies mir täglich aufs Neue, dass er immer verstand, was ich ihm mitteilen wollte.

Immer wenn ich einladend mit der Hand auf das Sofa schlug, sprang er hoch und legte sich neben mich. Wenn ich ankündigte: »Es ist Zeit für deine Tabletten!«, wusste er genau, was auf ihn zukam. Seine Antwort war jedes Mal ein verzweifelter Blick, der sagte: »Muss das sein?« Aber er wehrte sich nie, wenn ich die Pille in sein Maul schob und ihm dann die Kehle kraulte, bis er sie geschluckt hatte. Die meisten Katzen würden bei dem Versuch, ihnen etwas Unangenehmes zu verabreichen, kratzen, beißen, fauchen und sich wehren. Aber Bob blieb sogar bei dieser Tortur sanft und verständnisvoll.

Schon damals wurde mir klar, dass Bob etwas ganz Besonderes war. So ein außergewöhnliches Katzenwesen war mir noch nie begegnet.

Aber er hatte auch seine Macken. So wusste er zum Beispiel genau, dass sein Futter in der Küche versteckt war. In regelmäßigen Abständen polterten Töpfe und Pfannen in der Küche zu Boden, weil Kater Nimmersatt nach mehr Nahrung suchte. Küchenmöbel und Kühlschrank waren bereits gezeichnet von besessenen Kratzattacken auf das unschuldige Mobiliar, weil er hinter jedem Schranktürchen etwas Leckeres zum Naschen vermutete.

Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass er auf ein strenges »Nein« immer sofort reagierte. Sobald mein tadelndes »Nein! Gehst du da weg!« an sein Ohr drang, schlich er sichtlich zerknirscht davon. Ein helles Köpfchen eben. Dieses gute Benehmen warf bei mir weitere Fragen über seine Herkunft auf. Ein verwilderter Straßenkater würde doch nicht auf das Kommando eines Menschen hören, oder?

Wir hatten viel Spaß miteinander, aber ich musste aufpassen, dass unsere Bindung nicht zu eng wurde. Denn früher oder später würde er seine Freiheit zurückfordern. Er war eben kein Stubentiger, für den die Eroberung der Kuscheldecke seines Besitzers der Höhepunkt des Tages war.

In der kurzen Zeit, die mir als sein Beschützer zur Verfügung stand, wollte ich meiner verantwortungsvollen Rolle gerecht werden. Dazu gehörte auch, ihn auf seine Rückkehr auf die Straße vorzubereiten. Und so füllte ich eines Morgens endlich das Formular der RSPCA-Ambulanz aus, um ihn für das kostenlose Kastrationsprogramm anzumelden. Ich schickte es per Post ab und war ziemlich erstaunt, als ich bereits nach zwei Tagen ein Antwortschreiben im Briefkasten hatte. Es war ein Gutschein für die unangenehme, aber wichtige Operation.

Jeden Morgen gingen wir noch vor dem Frühstück nach unten, damit Bob pinkeln konnte. Sein Kistchen verstaubte weiterhin ungenutzt in einer Ecke meiner Wohnung. Hochnäsig machte er nach wie vor einen großen Bogen um das seltsame Ding.

Eines Tages verschwand er wieder in den Büschen, die unser Mietshaus vom nächsten trennten. Das war sein bevorzugter Platz, sein Freiluftkatzenklo. Angeblich markieren Katzen so ihr Revier, das habe ich mal in einem wissenschaftlichen Artikel über Katzen gelesen.

Sein Geschäft war schnell erledigt, die Aufräum- und Verscharr-Aktion dauerte, wie üblich, viel länger. Die Sauberkeit und Ordnungsliebe von Katzen hat mich schon immer fasziniert. Warum ist ihnen das so wichtig?

Als Bob endlich mit seinem Werk zufrieden war, schlenderte er gemütlich über die Wiese auf mich zu. Aber plötzlich erstarrte er zur Salzsäule. Sämtliche Muskeln waren angespannt, und er fixierte mit starrem Blick etwas für mich Unsichtbares im Gras. Ich wollte ihm schon entgegengehen, um herauszufinden, was ihn so störte. Aber noch bevor ich einen Fuß vor den anderen setzen konnte, ging Rotpelzchen ab wie eine Rakete.

Alles ging so schnell, dass ich ihm mit den Augen kaum folgen konnte. Mit blitzschnellem Pfotenschlag grapschte Bob nach etwas für mich Unsichtbarem im Gras. Erst als er es hochwarf, sah ich, was es war. Eine kleine graue Maus, keine fünf Zentimeter lang. Das kleine Ding hatte tatsächlich versucht, unbemerkt an Bob vorbeizuhuschen. Aber es hatte keine Chance. Bob hatte sich mit Lichtgeschwindigkeit und hundertprozentiger Treffsicherheit auf das Mäuschen gestürzt. Jetzt war es zwischen seinen Zähnen gefangen – kein schöner Anblick. Ich sah nur die hilflos zappelnden Beinchen, während Bob in aller Ruhe den Körper der Maus in seinem Maul so zurechtlegte, dass er sie zerbeißen konnte. Das Unvermeidliche war schnell vorbei. Als sich das arme Tier nicht mehr wehrte, legte Bob die tote Maus zurück ins Gras.

Ich wusste, was als nächstes kommen würde, aber ich wollte nicht, dass er die Maus verspeiste. Mäuse sind berüchtigt als Überträger von Krankheiten. Ich kniete nieder, um ihm seine Beute wegzunehmen. Das fand er leider gar nicht witzig. Er gab ein Geräusch von sich, das ich noch nie zuvor von ihm gehört hatte: eine Mischung aus Knurren und Fauchen. Verwundert hielt ich inne. Mehr Zeit brauchte er nicht, um sich seine Trophäe mit der Pfote wieder zu angeln.

»Nein, Bob«, schimpfte ich. »Gib sofort die Maus her!« Aber diesmal wollte er nicht hören. Wie kam ich dazu, ihm seine Beute abzuluchsen? Sein stolzer und herausfordernder Blick fragte verständnislos: »Warum sollte ich?«

So kamen wir nicht weiter. Ich musste ihm einen Tausch anbieten. Hektisch durchwühlte ich meine Manteltaschen nach einem Leckerchen und wurde zum Glück fündig. »Nimm das hier, Bob! Das schmeckt bestimmt viel besser«, lockte ich.

Aber mein Bestechungsversuch kam nicht an, der Gegenwert war offenbar nicht attraktiv genug. Es folgte ein Kräftemessen mit den Augen. Ich durfte in dieser Situation nicht blinzeln, das wäre in der Katzensprache einer Unterwerfung gleichgekommen. Irgendwann gab er nach und spuckte die Maus aus. Sofort schnappte ich sie an der Schwanzspitze, brachte sie außer Reichweite meines kleinen Killers und entsorgte sie in der Mülltonne neben unserem Wohnhaus.

Durch den kleinen Zwischenfall fiel mir wieder ein, warum mich Katzen schon immer so fasziniert haben: Sie sind Raubtiere. Die meisten Katzenbesitzer wollen sich ihr süßes kleines Katzenkind zwar nicht als Massenmörder vorstellen, aber genau das sind sie, wenn man sie nur lässt. In vielen Ländern, wie auch in Australien, gibt es eine nächtliche Ausgangssperre für Katzen, weil sie nachts gerne jagen und in der Vogel- und Nagerwelt ihres Reviers wahre Gemetzel anrichten und ganze Arten-Generationen auslöschen können.

Bob, der Killerkater, hatte gerade seinem Namen alle Ehre gemacht. Seine Vorstellung als kaltblütiger, blitzschnell zuschlagender Räuber war beeindruckend gewesen. Er wusste genau, was er wann und wie zu tun hatte.

Und schon wieder grübelte ich: Wie und wo hatte er gelebt, bevor er im Flur meines Mietshauses aufgetaucht war? Wovon hatte er sich ernährt? Wie hatte er überlebt? Musste er sein Futter täglich jagen und erlegen wie heute? Hatte er je in einer Familie gelebt oder musste er sich von dem ernähren, was die Natur hergab? Was hatte ihn geprägt, ihn zu dem werden lassen, der er war? Ich hätte es so gern erfahren. Sicher hätte mein Freund Bob, der Straßenkater, die eine oder andere interessante Geschichte erzählen können.

Auch in diesem Punkt hatten Bob und ich etwas gemeinsam. Als ich obdachlos war, wollten viele Leute von mir wissen, was mich in diese ausweglose Situation getrieben hatte. Manche fragten aus beruflichen Gründen. Ich habe meine Geschichte Dutzenden von Streetworkern, Psychologen und sogar Polizisten erzählt. Sie alle wollten wissen, warum ich auf der Straße gelandet war. Aber es gab auch einige Passanten und Zufallsbekanntschaften, die mich aus reiner Neugier ausquetschen wollten.

Ist es wirklich so spannend, zu hören, warum jemand durch das gesellschaftliche Raster gefallen ist? Ist es die unterschwellige Angst vor der Tatsache, dass ein solcher Absturz jeden treffen kann? Ich glaube, solche Lebensgeschichten machen den Zuhörer zufriedener mit seiner eigenen Situation. Sie können dann aufatmen und sich mit dem Gedanken trösten: »Ich dachte immer, mir geht es schlecht, aber jetzt weiß ich, es könnte schlimmer sein – zum Beispiel, wenn ich so ein armer Penner wäre.«

Wen man auch fragt, warum er oder sie in die Obdachlosigkeit abgerutscht ist, man wird immer sehr persönliche Berichte hören. Aber es gibt immer Parallelen. In den meisten Fällen spielen Alkohol und Drogen eine große Rolle. Oft begann der Weg auf die Straße auch weit in der Kindheit und in der Familie.

Wie bei mir.

Meine Kindheit war sehr unbeständig, denn sie fand auf zwei Kontinenten statt. Mal lebten wir in England, mal in Australien. Aber auch im jeweiligen Land blieben wir nie lange an einem Ort. Wir sind ständig umgezogen. Geboren wurde ich in Surrey im Süden von England. Als ich drei Jahre alt war, zog ich mit meiner Mutter nach Melbourne in Australien. Meine Eltern waren zu dieser Zeit bereits geschieden. Mein Vater blieb in Surrey, meine Mutter hatte aus Existenzangst einen Job als Vertreterin für Rank-Xerox-Kopierer in Melbourne angenommen. Sie war richtig gut in ihrem Job und gehörte bald zu den Top-Verkäufern der Firma.

Trotzdem blieb sie rastlos. Bereits nach zwei Jahren zogen wir von Melbourne nach Westaustralien. Dort blieben wir drei oder vier Jahre. Finanziell ging es uns immer gut in Australien. Wir wohnten immer in großen Bungalows. Alle hatten einen Garten mit viel Platz zum Spielen und vielen Sportmöglichkeiten für einen Jungen meines Alters. Im Umland gab es viel zu entdecken, und ich liebte die wilde Landschaft Australiens. Nur Freunde hatte ich keine.

Weil wir so oft umzogen, fiel es mir extrem schwer, mich in die ständig neuen Klassengemeinschaften einzufügen. Noch bevor ich in Australien heimisch werden konnte, zogen wir zurück nach Sussex, in einen Ort in der Nähe von Horsham. Damals war ich neun. Ich war froh, wieder in England zu sein, und habe mich dort wirklich wohlgefühlt, das weiß ich noch genau. Mit zwölf hatte ich mich gut eingelebt, aber gerade da zogen wir wieder zurück nach Westaustralien.

Wir blieben in einem Nest namens Quinn’s Rock hängen. Und dort fingen meine Probleme an.

Wegen der vielen Jobs meiner Mutter blieben wir nie länger als zwei Jahre an einem Ort. Ständig kaufte und verkaufte sie Häuser, ständig zogen wir um. Ein beständiges Zuhause kannte ich nicht, und ich konnte nie einen Heimatort benennen. Wir führten ein sehr unstetes Leben.

Ich bin kein Psychiater, aber ich war im Laufe der Jahre bei vielen in Behandlung. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sich die ständigen Ortswechsel negativ auf meine Entwicklung ausgewirkt haben. Es war mir schlicht unmöglich, soziale Kontakte zu knüpfen. Nicht einmal durch die Schule fand ich Freunde. Versucht habe ich es durchaus, aber ich war wohl zu bemüht. Erreicht habe ich leider das Gegenteil. Ich wurde an sämtlichen Schulen gemobbt. Und in Quinn’s Rock waren die Kinder besonders grausam.

Durch meinen britischen Akzent und meinen Wunsch, es allen recht zu machen, war ich der Dorfjugend ein Dorn im Auge. Und ich war leichte Beute. Eines Tages hatten meine Mitschüler beschlossen, mich zu steinigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Name der Stadt kam nicht von ungefähr: Überall lagen Kalksteinbrocken herum. An diesem Tag wurden sie für mich zu schmerzhaften Geschossen. Blind vor Wut und in Todesangst lief ich durch ein Spalier von kreischenden Mitschülern, die mich mit Steinen bombardierten. Danach durfte ich wegen einer schweren Gehirnerschütterung ein paar Tage zu Hause bleiben. Der seelische Schaden hat niemanden interessiert.

Das Mobbing in der Schule war aber nicht mein einziges Problem. Zu Hause gab es inzwischen einen Stiefvater, den ich nicht ausstehen konnte. Er hieß Nick und war in meinen Augen ein Weichei. Ich nannte ihn nur »Nick, the Prick«, was ziemlich unter der Gürtellinie war. Meine Mutter hatte ihn in Horsham kennengelernt, als sie eine Weile bei der Polizei gearbeitet hatte. Zu meinem Leidwesen war er mit nach Australien gekommen.

Unser Nomadenleben konnte auch er nicht verhindern. Es lag an den ständig neuen Geschäftsideen meiner Mutter, die meist sogar erfolgreich waren. Zuerst produzierte sie Schulungs-Videos für die Telemarketing-Branche. Das lief eine Weile ziemlich gut. Dann gab sie ein Frauenmagazin heraus, das nicht so erfolgreich war. Mal ging es uns finanziell sehr gut, manchmal waren wir auch pleite. Aber nie für lange, denn sie war eine gewiefte Unternehmerin.

Mit sechzehn schmiss ich die Schule. Ich hatte das Mobbing meiner Mitschüler einfach satt. Meinen Stiefvater Nick strafte ich nur noch mit Verachtung. Ich war stolz darauf, dass ich auf niemanden mehr hörte.

Ich wurde zum Taugenichts, zum jungen Wilden, der nur noch machte, was er wollte. Ich kam spät oder gar nicht nach Hause, widersetzte mich sämtlichen Regeln meiner Mutter und auch sonst jeder Autorität, egal, von wem sie ausging. Als Teenager hatte ich nur ein Talent: mich in Schwierigkeiten zu bringen. Leider habe ich das bis heute nicht ganz abgelegt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Drogen ins Spiel kamen. Zuerst habe ich Klebstoff geschnüffelt. Nur so, um dem grauen Alltag zu entfliehen. Süchtig wurde ich davon nicht, ich wollte es nur ausprobieren. Aber es war der Anfang eines bösen Weges. In meinem jugendlichen Leichtsinn hätte ich das allerdings niemandem geglaubt. Als nächstes habe ich Gras geraucht und Toluol geschnüffelt, ein industrielles Lösungsmittel, wie man es in Nagellackentferner, Klebstoff und Benzin findet. Ich war in eine Spirale geraten, die abwärts führte, und selbst wenn ich gewollt hätte, gab es kein Zurück mehr. Eins führte zum anderen, und alles zusammen war der Versuch, meine unbändige Wut zu betäuben. Denn inzwischen hatte ich erkannt, dass ich durch das unstete Leben, die ständige Abwesenheit meiner Mutter und die zahlreichen Kindermädchen einige wichtige Erfahrungen und Chancen verpasst hatte.

Zeig mir einen Siebenjährigen und ich zeige dir den Mann, der später aus ihm wird, sagt ein englisches Sprichwort. Ich glaube nicht, dass man mir mit sieben schon meine Zukunft angesehen hat. Mit siebzehn allerdings schon: Ich war auf dem besten Weg in die Selbstzerstörung.

Meine Mutter hat alles versucht, mich von den Drogen fernzuhalten. Sie sah, was das Zeug mit mir machte, und sie hatte Angst vor den langfristigen Folgen einer Abhängigkeit; schließlich hatte ich mich bereits verändert. Sie tat alles, was Mütter so tun. Sie durchsuchte meine Taschen, um mir das Zeug wegzunehmen, und sie versuchte, mich in mein Zimmer einzusperren. Aber die Türschlösser in unserem Haus hatten Drehknöpfe, und ich hatte schnell heraus, dass sie mit Hilfe einer Sicherheitsnadel ganz leicht zu knacken waren. Der Knopf sprang einfach heraus, und ich war frei. Meine Mutter hatte keine Macht mehr über mich. Weder sie noch sonst jemand konnte mir Vorschriften machen. Wir haben uns nur noch gestritten. Unser seit geraumer Zeit schlechtes Verhältnis wurde jetzt unerträglich.

Irgendwann hat sie mich zum Psychiater geschleift. Der hat sich dann so richtig an mir ausgetobt. Die Diagnose reichte von Schizophrenie über manisch-depressiv bis hin zu ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom.

Für mich war nur der Psychiater verrückt, genau wie seine Einschätzung meiner Person. Totaler Schwachsinn! Ich war doch nur ein verwirrter Teenager. Und natürlich war ich überzeugt davon, alles besser zu wissen. Heute verstehe ich die Angst meiner Mutter. Sie fühlte sich hilflos und machtlos, und sie bangte um meine Zukunft. Aber für die Gefühle anderer Menschen war ich damals blind. Mir war alles egal, und niemand kam an mich heran.

Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir war so belastet, dass ich vorübergehend in eine christliche Wohngemeinschaft für Jugendliche zog. Auch dort konnte mich keiner dazu bewegen, etwas Sinnvolles zu tun. Herumlungern, mich mit Drogen zudröhnen und Gitarre spielen: das war mein Leben. Wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag beschloss ich, nach London zurückzukehren. Ich wollte bei meiner Halbschwester wohnen, der Tochter meines Vaters aus einer anderen Ehe. Von da an ging es nur noch abwärts.

Wobei sich meine Abreise durchaus wie der Start ins wahre Leben anfühlte, in die Welt der Erwachsenen. Diese erwartungsvolle Anspannung kennt bestimmt jeder Teenager, der endlich von zu Hause ausziehen darf. Meine Mutter brachte mich mit dem Auto zum Flughafen. Als sie an einer roten Ampel in der Nähe meines Abflug-Terminals hielt, gab ich ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, sprang aus dem Wagen und winkte ihr kurz zu. Wir dachten beide, es wäre nur ein Abschied für sechs Monate. So war es vereinbart. Ich würde anfangs bei meiner Halbschwester wohnen und versuchen, meinen großen Traum zu verwirklichen: eine Karriere als Musiker. Aber mein Plan ging nicht auf.

Zuerst kam ich, wie besprochen, bei meiner Halbschwester unter, die im Süden von London wohnte. Mein Schwager war nicht begeistert von mir als neuem Mitbewohner. Ich war immer noch der aufmüpfige Teenager, sah aus wie ein Goth, benahm mich unmöglich und leistete auch keinen finanziellen Beitrag zum Lebensunterhalt in meiner Gastfamilie.

In Australien war ich als Handyverkäufer in der IT-Branche tätig gewesen, aber in England fand ich keinen guten Job. Kurz nach meiner Ankunft durfte ich mich als Kellner in einer Bar versuchen, aber da passte ich nicht wirklich hinein. Über die Weihnachtsfeiertage 1997 schuftete ich als Vertretung für alle Mitarbeiter, die frei haben wollten. Kaum waren die Feiertage um, wurde ich entlassen. Das war schon schlimm genug, aber der Chef beschuldigte mich in einem Brief ans Arbeitsamt auch noch, selbst gekündigt zu haben. Das hatte zur Folge, dass ich kein Anrecht auf Arbeitslosengeld hatte, was mir als geborenem Engländer sonst zugestanden hätte.

Nach diesem Rauswurf war ich im Haus meines Schwagers gar nicht mehr willkommen; er und meine Halbschwester setzten mich einfach vor die Tür. Ich hatte zwar noch Kontakt zu meinem Vater, aber als Übergangslösung für mein Wohnungsproblem kam er nicht in Frage. Obwohl wir uns ein paar Mal getroffen hatten, waren wir uns fremd. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit ihm unter einem Dach zu wohnen. Also zog ich von einem Bekannten zum nächsten. Ich schlief auf Sofas, Matratzen und Fußböden. Meinen Schlafsack hatte ich immer dabei und zog wie ein Nomade durch fremde Wohnungen und Häuser. Als mir zuletzt auch die Fußböden von Bekannten ausgingen, blieben mir nur noch die Straßen von London. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich mich bereits im Sturzflug befand. Erst als ich auf der Straße aufschlug, stand ich fassungslos vor den Scherben meiner Träume.

Das Leben auf der Straße raubt dir deine Würde, deine Persönlichkeit und … eigentlich alles. Du existierst nicht mehr, für nichts und niemanden. Als Obdachloser bist du unsichtbar für deine Mitmenschen. Das fand ich am schlimmsten. Niemand will etwas mit einem Penner zu tun haben. Wenn du auf der Straße landest, hast du keinen einzigen Freund mehr auf der Welt. Trotzdem habe ich es in dieser Zeit einmal geschafft, einen Job als Küchenhilfe zu ergattern. Sie waren zufrieden mit meiner Arbeit, aber als herauskam, dass ich keine Adresse angeben konnte, wurde ich gefeuert. Als Obdachloser kannst du dich auch nicht wehren.

Meine letzte Rettung wäre die Rückkehr nach Australien gewesen; immerhin hatte ich ein Rückflugticket. Aber zwei Wochen vor dem Abflug verlor ich meinen Pass. Ich hatte keine Papiere mehr und kein Geld für neue. Damit hatte sich meine Hoffnung auf eine Rückkehr zu meiner Familie in Australien in Luft aufgelöst. Sie verschwand in den grauen Nebelschwaden Londons, genau wie ich.

An die Zeit danach erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Ich habe mich mit Alkohol und Drogen betäubt und irgendwie mit Kleinkriminalität über Wasser gehalten. Heroin wurde mein vermeintlicher Lebensretter.

Zuerst nahm ich es, um nachts auf der Straße schlafen zu können. Es vertrieb die Einsamkeit und die Kälte. Es nahm mich mit an einen besseren Ort. Aber leider hat es mir auch die Seele geraubt. 1998 war ich süchtig. Wahrscheinlich bin ich mehrmals nur knapp dem Tod entronnen, aber um die Wahrheit zu sagen, ich war immer so weggetreten, dass mir selbst das nicht aufgefallen wäre.

In all diesen schrecklichen Tagen, Wochen und Monaten habe ich nie daran gedacht, mich bei meiner Familie zu melden oder sie gar um Hilfe zu bitten. Ich war verschwunden, und es kümmerte mich einen Dreck. Jegliche Energie, die ich noch aufbringen konnte, steckte ich in den täglichen Kampf ums nackte Überleben. Heute kann ich nachvollziehen, was ich meiner Familie durch mein Verschwinden angetan habe. Meine Mutter wäre fast durchgedreht. Sie hatte mich als vermisst gemeldet.

Einen kleinen Eindruck von dem Schmerz, den ich meiner Familie zugefügt hatte, bekam ich, als ich etwa neun Monate nach meinem Verschwinden bei meinem Vater anrief. Seit meiner Ankunft in London war ein Jahr vergangen, und es war kurz vor Weihnachten. Seine Frau – meine Stiefmutter – war am Apparat. Zuerst wollte er gar nicht mit mir reden und ließ mich minutenlang warten. Als er sich so weit gefangen hatte, dass er den Hörer in die Hand nehmen konnte, schleuderte er mir seine ganze aufgestaute Wut entgegen: »Wo warst du denn, verdammt noch mal? Wir sind alle ganz krank vor Sorge!«, brüllte er ins Telefon. Ich versuchte ihn mit fadenscheinigen Ausreden zu beruhigen, aber er schnauzte mich weiter an.

So erfuhr ich von den verzweifelten Anrufen meiner Mutter, die von ihm wissen wollte, wo ich abgeblieben war, und damit wurde mir klar, was ich angerichtet hatte. Denn meine Mutter hatte seit der Scheidung eigentlich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Fünf Minuten wütete er so weiter und knallte mir endlose Vorwürfe um die Ohren. Damals habe ich nicht einmal begriffen, dass sein Ausbruch eine Mischung aus Wut und Erleichterung war. Er hatte mich für tot gehalten, und in gewisser Weise war ich das ja auch gewesen.

Nach etwa einem Jahr auf der Straße sammelte mich eine Hilfsorganisation für Obdachlose auf. Sie schoben mich von einer Notunterkunft in die nächste. Eine davon hieß »Connections« und lag in der Nähe der St. Martin’s Lane. Als Obdachloser war ich oft an diesem Haus vorbeigegangen, wenn ich nachts auf dem Markt nebenan untergekrochen war.

Schließlich wurde mein Name auf eine Notfallliste gesetzt. Auf diese Weise sollte ich schneller an eine freie Sozialwohnung kommen. Aber bis ich tatsächlich eine bekam, dauerte es fast zehn Jahre, die ich in zahllosen heruntergekommenen Herbergen und Frühstückspensionen verbrachte, auf engstem Raum mit Heroin- und Cracksüchtigen, die alles stahlen, was nicht festgenagelt war. Irgendwann hatte ich nichts mehr außer der Kleidung, die ich am Leib trug. Daraus habe ich gelernt, meine wichtigsten Habseligkeiten nachts immer am Körper zu verstecken. Es gab nur noch einen einzigen klaren Gedanken in dieser Zeit: Überleben!

Die Verzweiflung über meine schier aussichtslose Situation zerrte mich immer tiefer in den Drogensumpf. Mit fünfundzwanzig war ich so am Ende, dass mir eine Entziehungskur aufgezwungen wurde. Nach etwa zwei Monaten wurde ich aus der Klinik entlassen und an ein ambulantes Drogenrehabilitationszentrum weitergereicht. Für eine Weile waren der tägliche Gang zur Apotheke und die Busfahrt zwei Mal im Monat zur Drogenambulanz in Camden mein Lebensinhalt. Ich funktionierte wie auf Knopfdruck, stand morgens auf und erledigte meine Termine wie ein ferngesteuerter Roboter. Die Tage verstrichen wie in Trance; ich stand weiterhin komplett neben mir.

In der Drogenambulanz wurde ich psychotherapeutisch betreut. Endlos redete ich über meine Sucht. Wie alles angefangen hatte – und wie ich endlich davon loskommen würde.

Gründe und Ausreden für Drogensucht gibt es viele, aber ich weiß genau, was mich da hineingezogen hat. Es war die verdammte Einsamkeit. Heroin betäubt das hässliche Gefühl von Isolation. Es ließ mich vergessen, dass ich in diesem Land weder Familie noch Freunde hatte. Ich fühlte mich so allein. Auch wenn das für andere seltsam und unglaubwürdig klingen mag, aber das Heroin war mein einziger Freund.

Allerdings war mir auch bewusst, dass es mich umbringen würde. Deshalb habe ich mich letztendlich auf die Langzeittherapie mit Methadon eingelassen. Es ist die Ersatzdroge, die Morphium- und Heroin-Abhängigen den Entzug ermöglicht. Nach meinem Therapieplan sollte ich bis 2007 auch so weit sein, dass ich das Methadon absetzen könnte.

Ein wichtiger Schritt in die neue Unabhängigkeit war der Einzug in meine erste eigene Wohnung. Sie lag in einem unauffälligen Mietshaus in Tottenham, in dem ganz normale Singles und Familien wohnten. Ich war sicher, hier würde ich es endlich schaffen, mein Leben in dem Griff zu bekommen.

Ich wollte unbedingt einen Teil meines Lebensunterhaltes selbst aufbringen und fing an, in Covent Garden Straßenmusik zu machen. Viel brachte das zwar nicht ein, aber es reichte für meinen Bedarf an Lebensmitteln sowie für Gas und Strom. Vor allem aber war es eine tägliche Aufgabe für mich, die es zu bewältigen galt. Mein selbst geschaffener Job half mir, auf dem rechten Weg zu bleiben.

Es war meine letzte Chance, die Kurve zu kriegen. Diesmal musste es klappen. Wäre ich eine Katze gewesen, dann hätte ich bereits acht Leben verbraucht.