37.) „Die ist aber blond!“

 

In den Vereinigten Arabischen Emiraten braucht man seit geraumer Zeit eine ID-Karte, wenn man hier lebt. Wozu genau diese ID-Karten notwendig sind, weiß keiner, oder besser gesagt, wusste keiner. Nachdem alle Expats gezwungen worden waren, sich eine zuzulegen und sie dann keiner benutzt hat, hat man sie eben schnell als absolute Notwendigkeit für den Abschluss von allem und jedem gemacht. Sprich: Man kann kein Bankkonto mehr eröffnen, zum Arzt gehen oder eine Versicherung abschließen, wenn man keine Emirates-ID hat. Den Pass bringt man besser trotzdem mit.

 

Und weil das Ganze so viel Spaß gemacht hat, aber irgendwann jeder Expat eine ID-Karte hatte und es drohte Langeweile aufzukommen, hat man eben beschlossen, dass Kinder auch eine ID-Karte brauchen. Die dürfen trotzdem kein Bankkonto aufmachen, kein Auto kaufen oder eine Versicherung abschließen, aber egal, gleiches ID-Karten-Recht für alle.

 

Meinem Schicksal ergeben, trottete ich also eines Morgens zum Typing Center meiner Wahl, um die ID-Karten meiner Kinder zu beantragen. „Typing Center“ sind kleine Büros, die in der ganzen Stadt verteilt sind, auf denen man Anträge für die Ämter ausfüllen lassen kann. Das könnte man natürlich selber machen. Tut man auch, da man erst den Antrag für den Antrag auf Englisch ausfüllen muss, der dann im Typing Center auf Arabisch übersetzt wird.

 

Das typische Typing Center ist überlaufen und dort arbeiten Menschen, die so ziemlich alles machen, außer dem Kunden bei seinem Begehr behilflich zu sein. Ein Typing Center ist eine Art Vorhof der Hölle, denn im Anschluss droht noch der richtige Amtsbesuch, der in Dubai mindestens so unlustig ist wie in Deutschland.

 

Im Typing Center meiner Wahl war es ausnahmsweise leer und nur ein junger, schmächtiger Inder hielt die Stellung.

 

Ich: „Ich möchte gerne ID-Karten für meine Kinder machen lassen.“

 

Indisches Helferlein: „Das geht nicht.“

 

Ich: „Warum?“

 

Helferlein: „Ist noch keiner da. Ich bin nur das Helferlein und kann kein Arabisch.“

 

Ich: „Aber es ist doch schon 9.30 Uhr und Sie öffnen bereits um 8 Uhr?“

 

Helferchen zuckt mit den Achseln und ich weiß immerhin, warum es leer im Typing Center ist.

 

Ich: „Na, dann warte ich mal.“

 

Helferlein: „Ist gut. Kann aber dauern.“

 

Ich: „Vielleicht kann ich schon mal die Anträge für die Anträge ausfüllen, dann geht es nachher schneller.“

 

Helferlein: „Mmmmh. Na gut.“

 

Ich fülle die Anträge aus und gebe sie Helferlein, der sie interessiert studiert.

 

Helferlein, deutet auf den Antragsantrag meiner jüngeren Tochter, an den ich pflichtschuldig das verlangte Passfoto geheftet habe: „Ihr Kind?“

 

Ich: „Ja.“

 

Helferlein: „Die ist blond.“

 

Ich : „Ja.“

 

Helferlein: „Sie sind aber nicht blond.“

 

Ich: „Stimmt.“

 

Helferlein: „Mmh.“

 

Helferlein wendet sich dem Antragsantrag für die ältere Tochter zu.

 

Helferlein: „Die ist nicht blond.“

 

Ich: „Nein, ich bin ja auch nicht blond.“

 

Helferlein: „Sie haben ja alle den gleichen Nachnamen.“

 

Ich, betend, dass das Helferlein nicht entdecken möge, dass die Kinder einen anderen Namen tragen als der Vater: „Ja, ich bin ja auch ihre Mutter.“

 

Helferlein: „Wirklich??? Aber die Kleine ist doch blond.“

 

Ich war kurz versucht zu antworten: „Tja, die habe ich geklaut, da kann man sich die Haarfarbe nicht immer aussuchen.“ Stattdessen hörte ich mich sagen: „Ja, das kann vorkommen.“

 

Helferlein denkt angestrengt nach. Man kann es förmlich rattern hören. Plötzlich erleuchtet ein Strahlen sein Gesicht.

 

„Dann sind die beiden Geschwister!“

 

Gerne wäre ich in dem Moment schreiend aus dem Typing Centre gelaufen. Habe ich natürlich nicht gemacht, ich wollte ja ID-Karten für meine Kinder - sogar für das Blonde. Bekommen habe ich die übrigens trotzdem nicht. Auch nicht, nachdem endlich der Chef vom Typing Centre aufgetaucht war. Systemausfall. Ich weiß noch nicht, wann ich die Kraft haben werde, einen neuen Versuch zu starten.