32.) Der Rottweiler kommt im Tanga zur Party – oder gute Nachbarschaft
Es gibt Menschen, die können sich total locker machen. Bei allem und jedem. Zum Beispiel mein Nachbar. Vor zwei Jahren ist er in das Haus nebenan gezogen und bislang habe ich von ihm noch nicht viel mehr gehört, als das Knattern seiner Harley jeden Abend pünktlich um 22.47 Uhr, wenn er noch eine Runde dreht. Das entspannt ihn bestimmt total. Betonung liegt auf „ihn“. Um 23.28 Uhr kommt er mit quietschenden Reifen zurück. Theoretisch schlafe ich um diese Zeit längst, praktisch warte ich jeden Abend zwanghaft auf das Aufheulen des heimkehrenden Harley-Motors, sonst komm ich nicht zur Ruhe.
Sehen tut man von dem Nachbarn nicht viel. Außer der Leopardenbettwäsche und den Männer-Tangas, die jeden Dienstagnachmittag auf der Wäscheleine hängen, die er netterweise genau an der einen Stelle befestigt hat, wo die Mauer so niedrig ist, dass man perfekten Einblick in den Garten des anderen hat. Seit gut einem Jahr bin ich froh, dass die Mauer immerhin hoch genug ist, dass der Rottweiler, den er sich zugelegt hat, nicht drüber springen kann.
Neben dem Rottweiler gibt es noch einen schwarzen Mischlingshund, und wenn die beiden nicht gerade in schönster Eintracht den Garten umgraben, die Terrassenfliesen ausbuddeln oder den Bezug vom Sonnenschirm reißen, vermöbelt der Rottweiler den Mischling aus purer Langeweile. Oder sie bellen sich ein paar Stunden lang gegenseitig an. Das stört aber kaum, da der Nachbar in diesem Falle die Musik so laut dreht, dass man das Bellen quasi nicht mehr hört. Beim Spazierengehen habe ich die beiden Hunde noch nie gesehen, wahrscheinlich sind sie zu langsam, um neben der Harley herzulaufen.
Kurz gesagt: Der Nachbar und ich sind nicht wirklich Freunde. Dachte ich bislang zumindest. Der Nachbar sieht das offenbar nicht so oder hat eine andere Definition von Freundschaft.
Neulich klingelt er bei mir und kommt auch gleich zur Sache: Er mache am Wochenende eine Party und der Typ vom Party-Service sei gerade da und wolle eine Vorauszahlung von 2000 Dirhams (400 Euro). Ob ich ihm die wohl leihen könne? Er habe leider kein Geld im Haus. Ach, und übrigens würde es ´ne große Party, es könne also länger laut werden.
Die nachfolgenden, spritzigen Antworten auf sein Begehr sind mir selbstverständlich alle erst eingefallen, nachdem er weg war:
- Natürlich, ich nehme allerdings 35 Prozent Zinsen.
- Jedem würde ich 400 Euro leihen, nur dir nicht, denn ich habe panische Angst vor dem Rottweiler-Vieh in deinem Garten. Außerdem ist mir jeden Dienstag den halben Tag lang schlecht, weil ich deine Männer-Tangas und die Leoparden-Bettwäsche auf der Leine sehen muss. Und vor 23.28 Uhr eingeschlafen bin ich seit über einem Jahr nicht mehr.
- Nein, dir leihe ich kein Geld, denn wenn du es mir nicht freiwillig zurückgibst, kann ich nicht mal bei dir klingeln, ohne dass der Rottweiler mich zerfleischt, so wie die letzten drei Sonnenschirme.
- Gerne, das Geld kannst du sogar behalten und deinen kläffenden Kötern davon Schalldämpfer kaufen.
- Klar, aber dann musst du mir den Rottweiler als Pfand rüberschicken, ich hab da noch ein paar alte Möbel, die zerlegt werden müssten.
- Da können wir drüber reden, wenn die roten Tangas nie wieder dienstags auf der Leine hängen.
Was ich wirklich geantwortet habe? „Tut mir leid, ich habe kein Geld im Haus.“ Und das hat sogar gestimmt. Trotzdem habe ich mich den ganzen Abend über furchtbar langweilig gefunden, während ich auf das erlösende Knattern der Harley gewartet habe.