34.) Weise Voraussicht oder Geiz?
Das Thema „Religion“ ist in Dubai ständig präsent. Überall sieht man Moscheen und in den Malls wird der Beginn der Gebetszeiten über Lautsprecher verkündet (und die Musik in den Geschäften abgestellt, oder sollte sie zumindest). Wer an einem Freitagmittag versucht, in der Nähe einer Moschee einen Parkplatz zu bekommen, kann sein blaues Wunder erleben – sämtliche Parkplätze sind belegt, überall stehen Autos kreuz und quer und es kann auch schon mal eine ganze Straße einfach zugeparkt werden. Die Polizei schreitet nicht ein. Die Polizisten beten selber. Und sowieso, das Erreichen des wöchentlichen Hauptgebets am Freitag ist wichtiger als ein Parkticket.
Meine ältere Tochter nimmt all dies sehr interessiert wahr. Genauso, wie sie im Urlaub in Deutschland hunderte von Fragen zu Kirchen und Friedhöfen stellt. Friedhöfe haben es ihr besonders angetan, was wahrscheinlich daran liegt, dass wir jedes Jahr das Grab der Oma in Deutschland besuchen. Nach bestem Wissen und Gewissen beantworte ich dann stets ihre Fragen zu Tod, Gräbern, Grabpflege und allem, was ihr sonst noch einfällt. Wie Kinder so sind, überfällt sie mich dann plötzlich, Wochen später, aus dem Hinterhalt mit einer Frage oder Feststellung zum längst abgehandelten Thema.
Eines Tages zum Beispiel, es war kurz vor den Sommerferien und der Deutschlandurlaub stand bevor, holte ich meine Tochter von der Schule ab und sie fragte unvermittelt, ob wir dieses Jahr auch wieder in Deutschland auf den Friedhof gehen würden. Ja, sagte ich wahrheitsgemäß, das machen wir auf jeden Fall. Stille. Dann plötzlich:
„Mama, ich will nicht, dass meine kleine Schwester stirbt.“
Halleluja. Endlich. Nach vier Jahren Streit, Missgunst, Eifersucht, Kneifen, Hauen, Schubsen und blinder Wut hat das erste Kind eingesehen, dass es doch etwas Schönes ist, Geschwister zu haben. Eine warme Welle des Glücks lief mir den Rücken herunter. Selbstverständlich darf man einen so wichtigen, weitreichenden Satz nicht unbeantwortet lassen. Allein schon, um den Moment noch ein wenig zu verlängern.
„Natürlich nicht, mein Schatz. Das wollen wir auf keinen Fall, dass deine kleine Schwester stirbt. Da wären wir ja alle unfassbar traurig.“
„Nee, Mama, doch nicht deswegen. Ich habe nur überhaupt keine Lust, dass ich deine Grabpflege später mal allein bezahlen muss.“