17.) Ostern ist für alle da

 

Ich bin nicht sehr religiös. Das Innere einer Kirche habe ich das letzte Mal bei der Taufe meines Patenkindes gesehen und das geht mittlerweile schon länger in die Schule. Nun ist es in Dubai auch nicht so, als wäre die christliche Religion an jeder Ecke präsent. Umso erstaunter war ich, als meine ältere Tochter den Wunsch äußerte, einen Gottesdienst zu besuchen.

 

Es gibt in Dubai eine deutsche, evangelische Gemeinde und am Karfreitag sollte am Nachmittag ein Ostergottesdienst stattfinden. Genau das Richtige, dachte ich mir, und der Plan stand. Wir gehen in die Kirche. Was wir auch taten, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Die Christ Church, wo der Gottesdienst stattfinden sollte, liegt in Jebel Ali. Normalerweise nicht gerade eine meiner bevorzugten Gegenden in Dubai. Jebel Ali ist ein gigantisches Industriegebiet,  das in den gleichnamigen Hafen von Dubai übergeht. Dazwischen gibt es ein paar Häusersiedlungen und viel Sand. In Jebel Ali ist alles ein paar Schattierungen dreckiger, unaufgeräumter und einfacher als in den neuen Gegenden rund um den Burj Khalifa oder im feinen Jumeirah. Man könnte auch sagen, es repräsentiert das alte Dubai vor dem großen Bauboom.

 

Darauf, dass eine christliche Kirche in Dubai nicht unbedingt ausgeschildert ist, hatte ich mich vorbereitet. Lageplan neben mir, Kinder wohlgelaunt hinter mir fuhren wir los. Eine gute halbe Stunde später fanden wir uns hoffnungs- und orientierungslos in den Tiefen Jebel Alis wieder.  Die Kirche nicht in Sicht, standen wir auf einer engen Schotterstraße. Um uns herum herrschte Chaos: Die zweispurige Fahrbahn wurde vierspurig genutzt  (von Autos und Fußgängern), und trotzdem ging es weder vorwärts noch rückwärts.

 

Kurzentschlossen parkte ich mein Auto auf einem Sandhügel neben der Straße und gab den Marschbefehl: „Wir laufen! Irgendwo hier wird die Kirche schon sein.“ Gesagt, getan. Todesmutig schlugen wir uns zwischen den hupenden Autos und Menschenmassen durch. Kurzfristig war ich überzeugt, dass ganz Dubai und damit alle 120 der vertretenen Nationalitäten auf dieser einen Straße unterwegs waren.

 

Gott sei Dank war das Kirch-Kind schlau genug, nicht zu meckern, schließlich war die Idee auf ihrem Mist gewachsen. Das andere Kind zeterte dafür für Zwei. Nach gefühlten drei Stunden sah ich endlich die Kirche. Ich war, milde gesagt, überrascht. Einen Kirchturm mit Kreuz darauf hatte ich nicht erwartet, eher so ein kleines Scheusal von „50er Jahre-pseudo-moderner-Kirche“. Vor uns jedoch lag ein riesiger, zweistöckiger Gebäudekomplex, der auch alles andere hätte sein können - außer vielleicht ein Fußballstadion.

 

Vor dem Gebäudekomplex standen Hunderte von Menschen. Das Wort „Schmelztiegel“ hätte die Sache gut getroffen. Alle Nationalitäten, die man sich vorstellen kann, waren vertreten und es gab kaum ein Durchkommen. In diesem Moment hatte ich so etwas wie eine Offenbarung: Dies war nicht nur die christliche Kirche für die deutsche evangelische Gemeinde, dies war eine christliche Kirche für alle Christen dieser Welt.

 

Nachdem wir uns kurzfristig zur „Dubai Afrikaans Christian Church“ verirrt hatten, fanden wir schließlich über die „Abundant Life United Pentecostal Church“ und die „Korean Full Gospel Church“ zur deutschen evangelischen Kirche - ein Zimmer im zweiten Stock des Hauptgebäudes. Dort erlebten meine Kinder ihren ersten Gottesdienst. Zusammen mit 12 anderen Deutschen, die ihren Weg ins Gotteshaus gefunden hatten.

 

Kirch-Tochter war begeistert und lauschte dem Gottesdienst andächtig. Nicht-Kirch-Tochter benahm sich erträglich und warf nur einmal das Gesangsbuch quer durch die Messe. Dass sie so lieb war, lag wohl daran, dass aus der „Kirche“ neben unserer die ganze Zeit laute Gospelchöre dröhnten und ein Mann mit einer tiefen Stimme den Gläubigen einheizte. Es klang wie „James Brown trifft Sister Act“. Nicht-Kirch-Kind war offensichtlich tief beeindruckt, dass jemand es wagte, in einer Kirche so zu schreien, wo Mama doch vorher gesagt hatte, dass man leise sein muss. Nach einer guten Stunde war der Gottesdienst beendet und wir mussten unser Kirchzimmer zügig für die nächsten Gläubigen räumen.

 

Die Moral von der Geschicht: Dubai kann mich auch nach vielen Jahren noch überraschen. Wenn man mal abseits der Glitzer-Welt schaut, kann man ein wunderbares Zusammenleben der Kulturen erleben. Obwohl ich nach unserem Ausflug vollkommen fertig war, bin ich froh, dass wir ihn gemacht haben.  Im Sommer gehe ich mit den Kindern dann mal in eine deutsche Kirche.