5.) Der Stubentiger
In Dubai ist das Aussehen wichtig. Sehr wichtig. Zu sagen, dass Marken hier keine Rolle spielen, wäre ungefähr so glatt gelogen, wie zu sagen, dass nie die Sonne scheint. In Dubai ist fast alles groß, schön und glitzernd. Es gibt Kindergärten, die machen damit Werbung, dass schon Zweijährige lernen, mit einem iPad umzugehen. Natürlich trägt jeder Markensachen. Wirklich jeder.
Mein Favorit ist die Haushaltshilfe der Nachbarn, die ihrer Arbeit mit einer großen, schwarzen Chanel-Sonnenbrille vor den Augen nachgeht. Dazu trägt sie Gucci-Sportschuhe und einen dieser grotesken Frotteeanzüge mit goldgesticktem „Juicy Couture“ auf dem Hintern.
Dank eines Viertels namens „Karama“, ein ganzer Häuserblock voller Geschäfte mit nachgemachten Designerwaren zu Spottpreisen, kann sich in Dubai jeder etwas Luxus leisten. Alles Fake, nachgemacht und spottbillig – „Dolce & Karama“ sozusagen.
Da ist es dann schon blöd, wenn man ernsthaft reich ist und sich von der Haushaltshilfe auf den ersten Blick kaum unterscheidet, was die Kleidung angeht. Da müssen Accessoires her, die nicht jeder hat. Genauso ein Accessoire habe ich letzte Woche bei einem Tierarztbesuch kennengelernt.
„Willst du mal was Unglaubliches sehen?“, fragte der Tierarzt, ein guter Freund von mir, nachdem er meinen Hund behandelt hatte.
„Klar“, antwortete ich, nahm den Hund an die Leine und wollte ihm folgen.
„Den Hund lässt du vielleicht lieber hier“, warnte mein Tierarzt und führte mich zu einer Tür im hinteren Bereich der Praxis.
Hinter der Tür waren merkwürdige Geräusche zu hören. Es klang ein bisschen so, als würde jemand eine Tür eintreten und gleichzeitig ein schreiendes Baby auf dem Arm halten. Der Tierarzt grinste und öffnete die Tür. In dem Raum stand ein riesiger Metallkäfig. Aus dem Käfig starrte mich ein ausgewachsener Gepard an.
„Willst du ihn mal streicheln? Der ist ganz lieb.“
Öhm. Nein. Aber der Tierarzt hatte den Käfig bereits geöffnet und bevor ich mich versah, schlang der Gepard seine Pfoten um meine Beine und zog mich in den Raum.
„Keine Sorge, der will nur spielen“, beruhigte mich der Tierarzt.
Ich mag Tiere wirklich gern, besonders Hunde, aber auch bei denen kann ich den „Der-will-nur-spielen-Spruch“ nicht leiden. Bei einem ausgewachsenen „Der-will-nur-spielen“-Gepard mag ich den Spruch noch viel weniger.
„Nimm den weg“, schrie ich den Tierarzt denn auch leicht hysterisch an. „Wo hast du das Vieh überhaupt her?“
„Der gehört so einem stinkreichen Typ aus dem Nachbaremirat Ajman. Der hält sich den als Haustier und wenn er eine Party macht, dann ist der Gepard immer die Riesenattraktion.“
Es lebe der Unterschied. Wenn schon alle Gucci, Prada, Chanel und Louis Vuitton tragen können, dann muss man eben etwas anderes finden, um seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Die armen Viecher.