11
Der Kerzenstummel
Es war schon fast dunkel. Im grauen Zwielicht verschwammen die Gesichter, und zugleich trat jeder einzelne Zug um so stärker hervor.
Lombard, dem das Halbdunkel auf die Nerven zu gehen schien, sagte gereizt:
»Können wir denn nicht endlich Licht machen?«
Es fand sich noch ein Kerzenstummel in der Laterne, die seit zehn Jahren dort an ihrem Nagel hing und dem Hausbesitzer, der nie zu seinem Geld gekommen war, zusammen mit der durchgesessenen Couch, dem Rest Chintz, dem unvollständigen Skelett und den Skizzen des Mädchens mit den nackten Brüsten überlassen worden war. Maigret zündete den Stummel an, und Schatten tanzten über die Wände, die, durch das Licht hinter den bunten Glasscheiben angestrahlt, rot, gelb und blau gefärbt erschienen, wie von einer Laterna Magica beleuchtet.
»Wann ist Lecocq d’Arneville zum ersten Mal zu Ihnen gekommen?« fragte der Kommissar an Maurice Belloir gewandt.
»Es muß so etwa drei Jahre her sein. Er kam ganz unerwartet … Das Haus, welches Sie gesehen haben, war eben fertig geworden, und mein Sohn fing gerade an zu laufen …
Ich war betroffen von seiner Ähnlichkeit mit Klein – weniger eine äußerliche Ähnlichkeit als etwas in seinem Wesen, das gleiche verzehrende Fieber, die gleiche krankhafte Nervosität.
Er kam als Feind, war verbittert oder verzweifelt. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll …
Er grinste, sprach in schroffem Ton, gab vor, die Einrichtung meines Hauses zu bewundern, meine Stellung, mein Leben, meinen Charakter, und dabei spürte ich – so wie früher bei Klein, wenn er betrunken war –, daß er jeden Moment in Tränen ausbrechen konnte!
Er dachte, ich hätte vergessen … Aber das stimmte nicht! Ich hatte nur weiterleben wollen, verstehen Sie? Und um leben zu können, habe ich geschuftet wie ein Kuli …
Er war dazu nicht imstande gewesen … Natürlich darf man nicht vergessen, daß er nach jenem Weihnachtsabend noch zwei Monate mit Klein zusammengewohnt hat. Wir anderen waren längst fort, sie aber sind dort geblieben, in dem Raum, wo …
Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was ich empfand, als Lecocq d’Arneville wieder auftauchte, nach all den Jahren unverändert vor mir stand …
Es war, als sei das Leben für die einen weitergegangen und für die anderen stehengeblieben …
Er sagte, er habe den Namen gewechselt, um durch nichts an die Tragödie von damals erinnert zu werden, habe seine ganze Lebensweise geändert, kein einziges Buch mehr aufgeschlagen.
Er hatte sich eingeredet, eine ganz neue Existenz als einfacher Handwerker aufbauen zu können.
Ich hab mir das alles selbst aus Andeutungen zusammenreimen müssen, denn was er von sich gab, war ein wirres Durcheinander von ironiegeladenen Sätzen, Vorwürfen und ungeheuerlichen Anschuldigungen …
Er war gescheitert, nichts war ihm gelungen. Ein Teil seiner selbst hatte sich einfach nie von diesem Raum zu lösen vermocht.
Uns anderen, glaube ich, ging es ebenso, nur daß es sich weniger stark bemerkbar machte, nicht diesen krankhaft-selbstquälerischen Grad erreichte! …
Ich glaube, es war Klein, dessen Gesicht ihn verfolgte, Klein mehr noch als Willy …
Und selbst als er verheiratet war, in der Nähe seines Kindes, kam es plötzlich über ihn, daß er fort mußte, sich betrinken … Er war eben nicht mehr imstande, glücklich zu sein oder auch nur einen Anschein von Frieden zu finden …
Er liebe seine Frau, hat er mir ins Gesicht geschrieen, und habe sie nur verlassen, weil er sich neben ihr wie ein Dieb vorgekommen sei …
Ein Dieb fremden Glücks! Eines Glücks, das Klein gestohlen worden war … und dem anderen …
Ich habe seither viel über alles nachgedacht, wissen Sie, und ich glaube, daß ich verstanden habe … Wir haben damals mit entsetzlichen Ideen, mit dem Mystischen und mit dem Morbiden unser Spiel getrieben …
Es war zwar nur ein Spiel, das Spiel dummer Jungen, aber für zwei von uns, die beiden Empfindsamsten, ist Ernst daraus geworden …
Klein und Lecocq d’Arneville … Wir haben vom Töten gesprochen – Klein hat es tun wollen und hat sich schließlich selbst getötet! Lecocq, von Grauen gepackt, hat es die Nerven zerrüttet. Er ist den Alpdruck ein Leben lang nicht mehr losgeworden …
Wir anderen haben dem zu entkommen gesucht, uns bemüht, die Verbindung mit dem normalen Leben wiederherzustellen.
Lecocq d’Arneville dagegen hat sich auf Gedeih und Verderb in die Reue, in maßlose Verzweiflung gestürzt. Er hat sein Leben verpfuscht – und das seiner Frau, das seines Sohnes dazu!
Und so hat er sich dann auch gegen uns gewandt, denn das war der Grund, weshalb er zu mir kam. Das ist mir erst später klar geworden …
Er hat alles genau betrachtet, mein Haus, meinen Haushalt, meine Bank, und ich habe gefühlt, daß er es als seine Aufgabe ansah, das alles zu zerstören …
Um Klein zu rächen! … Und um sich selbst zu rächen!
Er hat mir gedroht … Er hatte den Anzug mit all den Blutflecken und zerrissenen Stellen aufgehoben, den einzigen greifbaren Beweis der Vorgänge vom Weihnachtsabend …
Er hat Geld gefordert, viel Geld! Und später hat er noch mehr verlangt …
Denn war das nicht unser wunder Punkt? Hing nicht eines jeden Position, die van Dammes, Lombards, meine, ja selbst Janins vom Geld ab? …
So hat für uns ein neuer Alptraum begonnen … Lecocqs Überlegungen waren richtig gewesen. Er ging vom einen zum anderen, den unseligen Anzug mit sich schleppend, und rechnete mit diabolischer Genauigkeit die Summen aus, die er uns abverlangen mußte, um uns in Schwierigkeiten zu bringen …
Sie sind bei mir gewesen, Herr Kommissar. Das Haus, das Sie gesehen haben, ist mit Hypotheken belastet. Meine Frau glaubt ihre Mitgift unangetastet auf der Bank, dabei ist kein Centime mehr davon übrig … Und ich habe mir noch andere Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen!
Zweimal hat er van Damme in Bremen aufgesucht, und in Lüttich war er auch …
Stets unverändert in seiner Verbitterung, unnachgiebig in seiner Entschlossenheit, jede Spur von Glück zu vernichten.
Wir waren sechs, die Willys Tod auf dem Gewissen hatten. Klein war umgekommen, Lecocq verwandelte jede Minute seines Lebens in einen Alptraum …
Wir anderen sollten ebensosehr leiden. An das Geld, das er uns abnahm, hat er überhaupt nicht gerührt. Er lebte ärmlich wie zu der Zeit, als Klein und er sich für ein paar Sous heiße Blutwurst kauften. Die Geldscheine verbrannte er einfach …
Und jeden dieser verbrannten Scheine haben wir unter unvorstellbaren Schwierigkeiten aufgetrieben! …
Drei Jahre ging das nun schon so, daß wir uns – ein jeder für sich – damit herumschlagen mußten; van Damme in Bremen, Jef in Lüttich, Janin in Paris und ich in Reims …
Drei Jahre, daß wir einander kaum zu schreiben wagten und daß Lecocq d’Arneville uns zwangsweise zurückversetzte in die unheilschwangere Atmosphäre der apokalyptischen Kumpane …
Ich habe eine Frau, Lombard ebenfalls … Wir haben beide Kinder und ihretwegen haben wir uns bemüht durchzuhalten.
Neulich hat uns van Damme telegrafisch von Lecocqs Selbstmord benachrichtigt und eine Zusammenkunft vorgeschlagen.
Alle sind gekommen. Dann sind Sie aufgetaucht … Nachdem Sie gegangen waren, haben wir erfahren, daß Sie nun im Besitz des blutigen Anzugs und wild entschlossen seien, die ganze Sache wieder aufzurollen …«
»Wer von Ihnen hat mir an der Gare du Nord einen der Koffer gestohlen?« fragte Maigret.
Van Damme antwortete:
»Janin! … Ich war vor Ihnen angekommen und hielt mich auf einem der Bahnsteige versteckt.«
Sie waren allesamt erschöpft. Der Kerzenstummel würde vielleicht noch zehn Minuten brennen, länger auf keinen Fall. Durch eine ungeschickte Bewegung des Kommissars rollte der Totenkopf zu Boden. Es sah aus, als knabbere er an den Dielen.
»Wer hat mir den Brief ins Hôtel du Chemin de Fer geschickt?«
»Ich!« erwiderte Jef, ohne aufzublicken. »Es war wegen meiner Kinder, wegen meiner kleinen Tochter, die ich mir noch nicht einmal richtig angeguckt habe … Van Damme und Belloir haben Verdacht geschöpft und sind ins Café de la Bourse gekommen.«
»Und Sie waren es auch, der geschossen hat?«
»Ja … Ich konnte einfach nicht mehr. Ich wollte leben, bloß leben – mit meiner Frau und den Kindern –, deshalb habe ich Ihnen draußen aufgelauert … Ich habe für fünfzigtausend Francs Wechsel ausgestellt, fünfzigtausend Francs, die Lecocq verbrannt hat! … Aber was macht das schon? Ich werde alles zurückzahlen … Irgendwie werde ich es schon schaffen … Bloß, mit Ihnen im Nacken …«
Maigrets Augen wanderten hin zu van Damme.
»Und Sie sind immer vor mir hergelaufen und haben versucht, alle Verdachtsmomente zu beseitigen.«
Sie schwiegen. Die Kerze flackerte. Jef Lombard war der einzige, auf den das Licht durch eine der roten Scheiben fiel.
Es war in diesem Moment, daß Belloirs Stimme zum ersten Mal versagte:
»Vor zehn Jahren, gleich nach dem … nach der Geschichte … hätte ich mich damit abgefunden …« sagte er. »Ich hatte mir einen Revolver gekauft für den Fall, daß ich verhaftet würde … Aber nachdem man zehn Jahre gelebt hat! … Zehn Jahre der Mühsal, des Existenzkampfs, unter ganz neuen Umständen, mit Frau und Kind … Ich glaube, ich wäre auch fähig gewesen, Sie in die Marne zu stoßen oder im Dunkeln auf Sie anzulegen, als Sie aus dem Café de la Bourse kamen …
Denn in einem Monat, nein, nicht einmal – in sechsundzwanzig Tagen, ist die Verjährungsfrist abgelaufen …«
Mitten in dem Schweigen, das diesen Worten folgte, loderte die Flamme plötzlich noch einmal hoch auf und erlosch. Dann herrschte tiefste, undurchdringliche Finsternis.
Maigret machte keine Bewegung. Er wußte, daß Lombard links von ihm stand, van Damme ihm gegenüber an der Wand lehnte und Belloir sich höchstens einen Schritt entfernt hinter ihm befand.
Er wartete, ohne auch nur die Hand in die Tasche mit dem Revolver zu stecken.
Ganz deutlich spürte er, wie ein Schauder, oder eher ein Keuchen Belloirs Gestalt erbeben ließ, bevor dieser ein Streichholz entzündete und murmelte:
»Ich nehme an, Sie wollen, daß wir jetzt gehen …«
Das Licht des Flämmchens verlieh den Augen jedes der Anwesenden einen tieferen Glanz. Ihre Körper berührten sich beim Hinausdrängeln durch die Tür und auf der engen Treppe. Van Damme, der vergessen hatte, daß das Geländer von der achten Stufe an fehlte, verlor das Gleichgewicht.
Die Schreinerwerkstatt war geschlossen. Hinter der Gardine eines Fensters konnte man eine Alte im Schein eines Petroleumlämpchens stricken sehen.
»War es dort?« fragte Maigret, auf die uneben gepflasterte Straße weisend, die hundert Meter von ihnen entfernt in den Quai mündete, da wo eine Gaslaterne an der Hausecke befestigt war.
»Die Maas stand schon bei dem dritten Haus«, erwiderte Belloir. »Ich mußte bis an die Knie ins Wasser waten, damit … damit die Strömung ihn erfaßte …«
Sie schlugen die entgegengesetzte Richtung ein, machten einen Bogen um die neue Kirche, die sich inmitten eines erhöht angelegten, noch ungeebneten Geländes erhob.
Und schon waren sie in der Stadt, umgeben von Fußgängern, gelb und rot gestrichenen Straßenbahnen, Autos und Schaufenstern.
Um zur Stadtmitte zu gelangen, mußte man über den Pont des Arches, wo der eilig dahinziehende Strom geräuschvoll gegen die Brückenpfeiler klatschte.
Sicher warteten in der Rue Hors-Château alle auf Jef Lombard; die Arbeiter unten bei ihren Säurebecken und den von den Zeitungsboten ungeduldig angeforderten Klischees; die junge Mutter droben zwischen den weißen Laken, mit der biederen, alten Schwiegermutter und dem kleinen Mädchen, das die Augen noch nicht aufgeschlagen hatte …
Und die beiden älteren, zum Stillsein angehaltenen Kinder in dem mit Gehängten geschmückten Eßzimmer …
Ob nicht jetzt gerade eine andere Mutter, in Reims, ihrem Sohn Geigenunterricht erteilte, während das Dienstmädchen die Kupferstangen an der Treppe polierte, mit dem Staubtuch über das Porzellangefäß wischte, in dem die mächtige Zierpflanze stand? …
Und in dem Geschäftshaus in Bremen war nun auch Dienstschluß, verließen die Stenotypistinnen und die beiden Angestellten ihr modernes Büro, tauchte das Verlöschen des elektrischen Lichts die Porzellanbuchstaben Joseph Van Damme, Makler, Import-Export in Dunkel. Vielleicht bemerkte eben gerade ein Geschäftsmann mit kurzgeschorenem Haar in einer der Bierstuben bei Wiener Musik:
»Komisch, der Franzose ist heute nicht da …«
In der Rue Picpus mochte Madame Jeunet dabei sein, eine Zahnbürste zu verkaufen, oder hundert Gramm Kamille, deren verblaßte Blüten raschelnd in eine Tüte fielen …
Der Junge machte wohl in dem Zimmer hinterm Laden seine Schularbeiten …
Die vier Männer gingen im Gleichschritt einher. Ein leichter Wind war aufgekommen, jagte die Wolken über den bleich schimmernden Mond, der nur hin und wieder für die Dauer von Sekunden sichtbar wurde.
Ahnten sie auch nur, wohin der Weg sie führte?
Sie kamen an einem erleuchteten Café vorbei, über dessen Schwelle ein Betrunkener ins Freie torkelte.
»Ich werde in Paris erwartet«, sagte Maigret plötzlich und blieb stehen.
Und während die drei Männer ihn noch anstarrten, unsicher, ob sie sich über diese Feststellung freuen oder alle Hoffnung aufgeben sollten, und kein Wort zu sprechen wagten, vergrub Maigret beide Hände tief in den Taschen seines Mantels.
»Fünf Kinder sind in die Sache verwickelt …«
Sie waren nicht sicher, richtig gehört zu haben, denn der Kommissar hatte die Worte so undeutlich wie im Selbstgespräch gemurmelt. Und schon hatte er sich abgewandt, war nur noch sein breiter Rücken und sein schwarzer Mantel mit dem Samtkragen zu sehen.
»Eins in der Rue Picpus, drei in der Rue Hors-Château, eins in Reims …«
Vom Bahnhof aus steuerte Maigret direkt auf die Rue Lepic zu, wo die Concierge ihm erklärte:
»Sie brauchen gar nicht erst raufzugehen. Monsieur Janin ist nicht da … Erst dachte man, es wäre eine Bronchitis, aber dann ist eine Lungenentzündung draus geworden. Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht …«
Also ließ der Kommissar sich zum Quai des Orfèvres fahren, wo Wachtmeister Lucas gerade mit dem Inhaber einer Bar telefonierte, bei dem Unregelmäßigkeiten vorgekommen waren.
»Hast du meinen Brief gelesen, alter Junge?«
»Alles erledigt? Erfolg gehabt?«
»Keine Spur!«
Das war einer von Maigrets Lieblingsausdrücken.
»Haben sich wohl aus dem Staub gemacht, die Brüder? … Ihr Brief hat mich übrigens ganz schön beunruhigt. Hätt mich am liebsten sofort in den Zug nach Lüttich gesetzt … Was war das denn nun für ’ne Bande? Anarchisten? Falschmünzer? Internationale Gangster?«
»Dumme Bengel!« knurrte Maigret und warf das Köfferchen mit dem, was ein deutscher Fachmann in langen und gewissenhaften Ausführungen als Anzug B bezeichnet hatte, in den Wandschrank seines Büros.
»Komm mit auf ein Bierchen, Lucas!«
»Sie sehen aber gar nicht sehr glücklich aus …«
»Ach was, alter Junge, es gibt doch nichts Ulkigeres als das Leben! … Kommst du?«
Einen Moment später schoben sie sich durch die Drehtür der Brasserie Dauphine.
Selten zuvor war Lucas so verstört gewesen, denn was das Bierchen anging, so wurden sechs Gläser Imitations-Absinth daraus, die sein Begleiter beinahe Zug auf Zug hinunterkippte. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, mit beinahe fester Stimme, aber einem für ihn ungewöhnlich umflorten Blick festzustellen:
»Weißt du was, alter Junge? Noch zehn solche Fälle und ich lasse mich pensionieren. Weil das nämlich der Beweis dafür wäre, daß der gute, alte Liebe Gott da oben die Arbeit der Polizei höchstpersönlich übernommen hat …«
Allerdings fügte er dann noch, während er den Kellner herbeiwinkte, hinzu:
»Aber keine Bange! Von der Sorte gibt’s keine zehn … Und was tut sich derweil so im Haus? …«
1930