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Monsieur van Damme
Die Bremer Zeitungen brachten lediglich die kurze Notiz, ein Franzose mit Namen Louis Jeunet, von Beruf Maschinenschlosser, habe in einem Hotel der Stadt Selbstmord verübt. Das Motiv sei vermutlich seine wirtschaftliche Notlage gewesen.
Am nächsten Morgen jedoch, als diese Zeilen erschienen, entsprach die Nachricht schon nicht mehr ganz der Wahrheit. Beim Durchblättern des Reisepasses nämlich war Maigret etwas Merkwürdiges aufgefallen.
Auf der für die Personenbeschreibung vorgesehenen Seite sechs, wo Alter, Körpergröße, Haarfarbe, Stirn, Augenbrauen und so weiter untereinander aufgeführt werden, erschien das Wort Stirn vor dem Wort Haarfarbe statt danach.
Nun hatte die Pariser Sûreté aber sechs Monate zuvor in Saint-Ouen eine regelrechte Fälscherwerkstatt entdeckt, wo Reisepässe, Soldbücher, Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer und dergleichen amtliche Bescheinigungen hergestellt wurden. Eine Anzahl der Dokumente hatte beschlagnahmt werden können, die Fälscher selbst jedoch hatten gestanden, daß sich hunderte der von ihnen gedruckten Papiere seit Jahren schon im Umlauf befänden und sie mangels Buchführung nicht imstande seien, eine Liste ihrer Kunden aufzustellen.
Sein Paß bewies, daß Louis Jeunet zu diesen Kunden gehört hatte und folglich gar nicht Louis Jeunet hieß.
Somit entfiel die einzige halbwegs verläßliche Grundlage für Nachforschungen. Der Mann, der sich in dieser Nacht das Leben genommen hatte, war nur noch ein Unbekannter.
Es war neun Uhr, als der Kommissar mit sämtlichen amtlichen Vollmachten ausgerüstet beim Leichenschauhaus erschien, wo vom Zeitpunkt der Öffnung an jedermann freien Zutritt haben würde.
Vergeblich sah er sich nach einem als Beobachtungsposten geeigneten Winkel um, wenngleich er sich nicht allzuviel von diesem Unternehmen versprach. Das Leichenschauhaus war – wie fast die ganze Stadt und jedes öffentliche Gebäude – in modernem Stil gebaut.
Es mutete dadurch noch unheimlicher an als die altmodische Pariser Leichenhalle am Quai de l’Horloge. Unheimlicher gerade wegen der Übersichtlichkeit seiner Linien und Flächen, dem einheitlichen Weiß der Wände, die das grelle Licht reflektierten, den auf Hochglanz polierten Kühlanlagen, die an ein Elektrizitätswerk erinnerten.
Der Vergleich mit einer hochmodernisierten Fabrik drängte sich auf, einer Fabrik, deren Rohmaterial menschliche Körper waren!
Der falsche Louis Jeunet lag dort, weniger entstellt als man erwartet hätte, denn die Experten hatten sein Gesicht annähernd naturgetreu rekonstruiert.
Außer ihm waren da noch eine junge Frau und ein im Hafen angetriebener Ertrunkener.
Der vor Gesundheit strahlende, in eine blitzsaubere Uniform gezwängte Aufsichtsbeamte ließ an einen Museumswächter denken.
Im Verlauf einer Stunde traten wider Erwarten so um die dreißig Personen durch die Tür, und als eine Frau eine Leiche zu sehen wünschte, die nicht ausgestellt war, vernahm man das Schrillen elektrischer Klingeln, Nummern wurden telefonisch durchgerufen.
Daraufhin setzte sich eine der Schubladen eines riesigen, die ganze Wand einnehmenden Schrankes im ersten Stock in Bewegung, glitt auf einen Aufzug, und kurz danach kam ein Stahlbehälter im Erdgeschoß zum Vorschein – so wie die Bücher in manchen Bibliotheken in den Lesesaal gelangen.
Es war die richtige Leiche. Die Frau beugte sich über sie, schluchzte auf und wurde nach hinten in ein Büro geführt, wo eine junge Schreibkraft ihre Erklärung zu Protokoll nahm.
Kaum jemand interessierte sich für Louis Jeunet. Gegen zehn Uhr jedoch stieg ein elegant gekleideter Mann aus einem Privatwagen und betrat den Saal, wo er den Selbstmörder mit einem Blick ausfindig machte, ihn aufmerksam betrachtete.
Maigret stand nicht weit von ihm. Beim Nähertreten unterzog er den Besucher einer genaueren Prüfung und bekam den Eindruck, daß er kein Deutscher sei.
Als der andere den Kommissar auf sich zukommen sah, zuckte er zusammen, wurde verlegen und schien sich über Maigret die gleichen Gedanken zu machen wie dieser vorher über ihn.
»Sind Sie Franzose?« fragte er.
»Ja. Sie auch?«
»Belgier … Aber ich wohne seit Jahren hier.«
»Und Sie kannten jemand mit dem Namen Jeunet?«
»Nein. Ich … ich habe nur heute morgen in der Zeitung gelesen, daß ein Franzose in Bremen Selbstmord begangen hat, und da ich lange in Paris gelebt habe … Es war Neugier. Ich wollte ihn mir nur mal ansehen …«
Wie immer in solchen Augenblicken hatte die Ruhe Maigrets etwas absolut Unerschütterliches, nahmen selbst seine Züge einen derart sturen Ausdruck an, bekundeten einen solchen Mangel an Scharfsinn, daß man unwillkürlich an ein Rindvieh erinnert wurde.
»Sie sind von der Polizei, ja?«
»Ja, Kriminalpolizei …«
»Und Sie sind extra deshalb hergekommen? … Aber nein, was sage ich denn? Das ist ja nicht möglich, wo der Selbstmord heute nacht erst passiert ist! … Kennen Sie irgendwelche Landsleute hier in Bremen? … Nein? Also, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann … Darf ich Sie zum Aperitif einladen?«
Wenig später folgte Maigret ihm hinaus und nahm Platz in dem Auto, das sein Begleiter selbst steuerte.
Und dieser redete in einem fort. Er war der Prototyp des fidelen, betriebsamen Unternehmers, schien jedermann zu kennen, grüßte hierhin und dorthin, wies auf Gebäude und erläuterte:
»Sehen Sie, da, der Norddeutsche Lloyd! Sie haben bestimmt von deren neuestem Passagierdampfer gehört … Das sind Kunden von mir!«
Er zeigte auf ein Bürohaus, wo fast jedes Fenster ein anderes Firmenschild trug, und erklärte:
»Im vierten Stock links können Sie mein Büro sehen!«
Auf den Scheiben stand in Porzellanbuchstaben: Joseph van Damme, Makler, Import-Export.
»Können Sie sich vorstellen, daß ich manchmal einen ganzen Monat lang keine Gelegenheit habe, Französisch zu sprechen? Meine Angestellten und selbst meine Sekretärin sind Deutsche. Die Arbeit verlangt es nun einmal …«
Es wäre schwierig gewesen, von Maigrets Gesicht, das alles andere als Scharfsinn zu verraten schien, einen einzigen Gedanken abzulesen. Er stimmte allem bei, bewunderte, was man ihm als bewundernswert pries, einschließlich des Autos, dessen Patentfederung van Damme besonders hervorhob.
Zusammen betraten sie ein großes Bierlokal, dicht gefüllt mit Geschäftsleuten, die gegen den Hintergrund einer unermüdlichen Wiener Kapelle und klirrender Bierkrüge geräuschvolle Unterhaltungen führten.
»Was meinen Sie, wie viele Millionen diese Kundschaft hier schwer ist?« kam es begeistert von van Damme. »Hier, hören Sie! … Sie verstehen kein Deutsch? Der Herr am Nachbartisch ist gerade dabei, eine Ladung Wolle, die noch auf hoher See zwischen Australien und Europa schaukelt, zu verkaufen. Er hat dreißig oder vierzig solcher Schiffe laufen. Ich könnte Ihnen andere zeigen … Was trinken Sie? Das Pilsener kann ich empfehlen … Übrigens …«
Der jähe Übergang entlockte Maigret nicht einmal ein Lächeln.
»Übrigens, was halten Sie von diesem Selbstmord? Ein armer Teufel, wie die hiesigen Zeitungen behaupten?«
»Möglich …«
»Stellen Sie Ermittlungen über ihn an?«
»Nein. Das ist Sache der deutschen Polizei, und da kein Zweifel darüber besteht, daß es sich um Selbstmord handelt …«
»Natürlich! … Also wissen Sie, das Ganze interessiert mich eigentlich nur deshalb, weil es sich um einen Franzosen handelt; es kommt so selten mal einer hier in den Norden rauf.«
Er erhob sich, um einem Gast, der im Begriff war, das Lokal zu verlassen, die Hand zu schütteln, setzte sich dann wieder mit den Worten:
»Entschuldigen Sie, aber das war der Direktor einer großen Versicherungsgesellschaft. Er ist seine paar hundert Millionen wert! Aber sagen Sie, Herr Kommissar, es ist fast zwölf – darf ich Sie zum Essen einladen?
Leider kann ich Sie nur ins Restaurant bitten, ich bin Junggeselle. So wie in Paris werden Sie zwar nicht speisen, aber ich will trotzdem versuchen, Ihnen etwas halbwegs Annehmbares vorzusetzen.
Sie sind doch einverstanden, ja?«
Er rief den Kellner und zahlte. Und die Bewegungen, die er beim Hervorziehen der Brieftasche ausführte, waren die gleichen, die Maigret so oft bei Geschäftsleuten seines Schlages in der Umgebung der Bourse beobachtet hatte, wo sie den Aperitif einnahmen; eine unnachahmliche Gestik, ein Sichweitzurücklehnen verbunden mit einem stolzen Wölben des Brustkastens und einem Herabdrücken des Kinns, um mit selbstgefälliger Nachlässigkeit dies geheiligte Objekt, das mit Geldscheinen vollgepfropfte Lederetui aufzuschlagen.
»Gehen wir!«
Erst gegen fünf überließ van Damme den Kommissar wieder sich selbst, nicht ohne ihn zuvor mit in sein Büro geschleppt zu haben, zu den drei Angestellten und der Stenotypistin.
Außerdem hatte er Maigret noch das Versprechen abgenommen, falls dieser Bremen nicht am selben Tag verlassen sollte, den Abend mit ihm in einem bekannten Nachtklub zu verbringen.
Draußen in der Menge fand sich der Kommissar wieder allein mit seinen Gedanken, die alles andere als klar waren. Vielleicht konnte man das alles eigentlich gar nicht Gedanken nennen …
Im Geiste sah er zwei Gestalten vor sich, zwei Männer, zwischen denen er eine Verbindung herzustellen suchte.
Denn eine Verbindung bestand zwischen ihnen! Van Damme hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Leichenschauhaus aufzusuchen, bloß um die sterblichen Überreste eines Unbekannten zu betrachten. Und es war auch nicht allein das Vergnügen, Französisch sprechen zu können, gewesen, das ihn veranlaßt hatte, Maigret zum Essen einzuladen.
Dazu kam, daß er erst nach und nach sein wahres Gesicht gezeigt hatte, in dem Maße nämlich, wie ihm der Kommissar der Angelegenheit gegenüber gleichgültiger erschienen war – oder vielleicht gar einfältiger.
Am Morgen war er unruhig gewesen, sein Lächeln gezwungen.
Der Mann aber, von dem der Kommissar sich verabschiedet hatte, war ganz der wendige Allerweltskerl gewesen, der unablässig hin und her flitzt, Reden führt, sich für etwas begeistert, in ständigem Kontakt mit den Finanzgrößen steht, in seinem Wagen herumkutschiert, telefoniert, seine Sekretärin mit Anweisungen bombardiert und der zu erstklassigen Diners einlädt, stolz und zufrieden, so zu sein, wie er ist.
Demgegenüber ein abgehärmter, schäbig gekleideter Landstreicher mit durchlöcherten Schuhsohlen, der sich Wurstbrötchen gekauft hatte, ohne zu ahnen, daß er sie nicht essen würde …
Zweifellos hatte van Damme inzwischen jemand anderen gefunden, der ihm beim abendlichen Aperitif in derselben Atmosphäre von Wiener Musik und Bier Gesellschaft leistete.
Um sechs Uhr würde sich ein Metallbehälter geräuschlos in Bewegung setzen, sein Deckel sich über dem nackten Körper des falschen Jeunet schließen und der Aufzug ihn zu dem Kühlschrank hinaufbefördern, wo er bis zum folgenden Morgen in einem numerierten Fach untergebracht sein würde.
Maigret schlug den Weg zum Polizeipräsidium ein. Trotz der kalten Jahreszeit trieben Polizisten auf dem von einer grellroten Mauer umgebenen Hof mit nacktem Oberkörper Gymnastik.
Im Laboratorium erwartete ihn ein junger Mann mit träumerischem Blick an einem Tisch, auf dem die Habseligkeiten des Toten mit Etiketten versehen nebeneinander aufgereiht lagen.
Sein Französisch war korrekt, die Aussprache gewissenhaft. Er setzte seinen Stolz darein, immer genau das richtige Wort zu benutzen.
Er begann mit dem grauen Anzug, den Jeunet zum Zeitpunkt seines Todes getragen hatte; erklärte, man habe das Futter herausgetrennt und alle Nähte überprüft, dabei jedoch nichts entdeckt.
»Der Anzug stammt aus dem Kaufhaus Belle-Jardinière in Paris, ein billiger Stoff, fünfzig Prozent Baumwollfaser. Es sind Fettflecken darauf festgestellt worden, teilweise von mineralischen Fetten herrührend, was darauf zu deuten scheint, daß der Mann in einer Fabrik, einer Werkstatt oder Garage angestellt war oder sich häufig dort aufgehalten hat. Seine Unterwäsche trägt keinerlei Warenzeichen. Die Schuhe sind in Reims gekauft worden, ein Massenfabrikat derselben billigen Qualität wie der Anzug. Bei den Socken handelt es sich um ein Baumwollprodukt von der Art wie Straßenhändler das Paar zu vier oder fünf Francs anbieten. Sie sind zerlöchert, sind aber nie gestopft worden.
Alle Kleidungsstücke sind in einer dichten, starken Tüte ausgeschüttelt worden, um den Staub einer genauen Analyse zu unterziehen.
Das Ergebnis dieser Untersuchung hat die Herkunft der Fettspuren bestätigt. Das Gewebe ist tatsächlich mit dem feinen Metallstaub durchsetzt, den man nur in der Arbeitskleidung von Maschinenschlossern, Drehern und all denen findet, die in mechanischen Werkstätten arbeiten.
Das trifft jedoch nicht auf die Kleidungsstücke zu, die ich als Kleidung B bezeichnet habe, und die seit einigen Jahren – ich würde sagen mindestens sechs – nicht mehr getragen worden sind.
Ein weiterer Unterschied: In den Taschen von Anzug A waren Spuren französischen Tabaks enthalten, und zwar von der Sorte, die tabac gris genannt wird.
In den Taschen von B dagegen wurden Krümel eines blonden Imitation-Orienttabaks gefunden.
Aber, und hiermit komme ich zum wichtigsten Punkt, bei den am Anzug B festgestellten Flecken handelt es sich nicht um Fettflecken, sondern um alte, durch menschliches Blut verursachte Flecken – arterielles Blut wahrscheinlich.
Der Stoff ist seit Jahren nicht mehr gereinigt worden. Der Mann, der diesen Anzug trug, muß buchstäblich im Blut geschwommen haben. Außerdem lassen die vorhandenen Risse vermuten, daß ein Kampf stattgefunden hat, denn an verschiedenen Stellen, den Aufschlägen beispielsweise, sind die Querfäden des Gewebes so zerrissen, als hätten sich Fingernägel hineingekrallt.
Diese Kleidung B trägt das Firmenzeichen Roger Morcel, Maßschneider, Rue Haute-Sauvenière in Lüttich.
Was den Revolver betrifft, so handelt es sich um ein Fabrikat, das seit zwei Jahren nicht mehr hergestellt wird.
Wenn Sie mir Ihre Adresse hierlassen, schicke ich Ihnen eine Kopie des Berichts, den ich für meine Vorgesetzten anzufertigen habe.«
Um acht Uhr abends hatte Maigret alle Formalitäten erledigt. Die deutsche Polizei hatte ihm die Kleidungsstücke des Toten zusammen mit denen aus dem Koffer, die der Sachverständige Kleidung B genannt hatte, ausgehändigt. Es war beschlossen worden, die Leiche bis auf weiteres im Kühlschrank des Leichenhauses aufzubewahren, wo sie den französischen Behörden zur Verfügung stehen sollte.
Maigret hatte eine Abschrift von Joseph van Dammes polizeilichem Meldezettel gemacht: Geboren in Lüttich als Sohn flämischer Eltern, von Beruf Vertreter und später Direktor eines seinen Namen führenden Kommissionsgeschäfts.
Er war zweiunddreißig, unverheiratet, erst seit drei Jahren in Bremen ansässig, wo er nach anfänglichen Schwierigkeiten nun gute Geschäfte zu tätigen schien.
In sein Hotelzimmer zurückgekehrt, saß der Kommissar lange auf dem Rand des Bettes, die beiden Kunststoffkoffer vor sich aufgebaut.
Er hatte die Verbindungstür zum Nachbarzimmer geöffnet, wo alles so wie am Vorabend geblieben war. Mit Verwunderung stellte er fest, wie wenig Spuren das Drama hinterlassen hatte. Ein winziger brauner Spritzer an der Tapete, unter einer rosa Blume, war der einzig sichtbare Blutfleck; und auf dem Tisch lagen auch jetzt noch die beiden eingewickelten Wurstbrötchen. Eine Fliege hatte sich darauf niedergelassen.
Am Vormittag hatte Maigret zwei Fotografien des Toten nach Paris geschickt und die Kriminalpolizei gebeten, sie in möglichst vielen Zeitungen veröffentlichen zu lassen.
War es richtig, die Nachforschungen dort zu beginnen? In Paris, wo er zumindest den Anhaltspunkt einer Adresse besaß, der nämlich, an die sich Jeunet aus Brüssel dreißig Tausendfrancsscheine gesandt hatte.
Oder sollte man in Lüttich suchen, wo der Anzug B vor einigen Jahren erstanden worden war? In Reims, wo die Schuhe des Toten herkamen?
In Brüssel, wo Jeunet die dreißigtausend Francs verpackt hatte, oder in Bremen, wo er umgekommen war und ein gewisser Joseph van Damme, der behauptete, ihn nicht zu kennen, aufgetaucht war, um seine Leiche zu betrachten?
Der Hotelbesitzer kam und hielt eine lange Rede auf deutsch, der der Kommissar die Frage entnahm, ob das Zimmer, in dem sich die Tragödie abgespielt hatte, nun wieder hergerichtet und vermietet werden könne.
Er knurrte bejahend, wusch sich die Hände, zahlte und machte sich mit den beiden Koffern auf, diesen Koffern, deren auffällige Schäbigkeit in solch krassem Widerspruch zu seiner behäbigen Erscheinung stand.
Nichts sprach dafür, die Nachforschungen eher an der einen als an der anderen Stelle zu beginnen, und wenn der Kommissar sich für Paris entschied, so geschah es hauptsächlich, weil die überwältigend fremde Bremer Atmosphäre, die seine Lebensgewohnheiten und Anschauungen immerfort erschütterte, ihn zu bedrücken begann.
Das ging so weit, daß dieser gelblich blaße und zu leichte Tabak ihm fast die Lust am Rauchen nahm.
Er schlief im Schnellzug und erwachte bei Tagesanbruch an der belgischen Grenze. Eine halbe Stunde später schon fuhr er durch Lüttich; sein lustloser Blick streifte die Stadt.
Der Zug hatte nur eine halbe Stunde Aufenthalt, so daß Maigret nicht die Zeit zu einem Besuch in der Rue Haute-Sauvenière blieb.
Um zwei Uhr nachmittags stieg er an der Gare du Nord aus und mengte sich unter die Pariser Passanten. Sein erstes Ziel war eine Tabakhandlung.
Er brauchte eine Weile, um französische Münzen aus der Tasche zu kramen, wurde angerempelt. Die beiden Koffer standen zu seinen Füßen. Als er sie wieder aufnehmen wollte, war nur noch einer da. Vergeblich sah er sich nach allen Seiten um; begriff, daß es zwecklos sein würde, die Polizei zu alarmieren.
Eins allerdings war beruhigend: Der Koffer, der ihm geblieben war, hatte eine Schnur mit zwei Schlüsseln am Griff. Es war der mit den Kleidungsstücken.
Der Dieb hatte den Koffer mit den alten Zeitungen erwischt.
Aber handelte es sich überhaupt um einen gewöhnlichen Dieb der Sorte, die auf Bahnhöfen ihr Unwesen treibt? Wäre es in diesem Fall nicht seltsam, daß er sich ein Gepäckstück von so schäbigem Aussehen ausgesucht hatte?
Maigret ließ sich in ein Taxi sinken und genoß zugleich seine Pfeife und die vertrauten Geräusche des Pariser Verkehrs. Ein Foto auf der Titelseite einer an einem Kiosk ausgestellten Zeitung erregte seine Aufmerksamkeit. Von weitem erkannte er die aus Bremen geschickte Aufnahme Louis Jeunets.
Zuerst einmal mußte er daheim, am Boulevard Richard Lenoir, seiner Frau Guten Tag sagen und die Kleider wechseln. Nur, der Vorfall am Bahnhof hatte ihn nachdenklich gestimmt.
»Wenn jemand es tatsächlich auf die Kleidung B abgesehen haben sollte, wie hat er dann in Paris erfahren können, daß ich sie bei mir tragen und um diese Zeit ankommen würde?«
Immer mehr Geheimnisse schienen sich um das bleiche, ausgemergelte Gesicht des Landstreichers von Neuschanz und Bremen zu weben. Schatten begannen sich abzuzeichnen, wie wenn man eine fotografische Platte in den Entwickler taucht.
Es galt, ihnen Gestalt zu verleihen, die Gesichter klar hervortreten zu lassen, sie mit einem Namen zu versehen, ihr Wesen und ihre gesamten Lebensumstände zu rekonstruieren.
Vorerst war auf der Fotoplatte nicht mehr als ein nackter Körper zu erkennen und ein von grellem Licht angestrahlter Kopf, den die deutschen Ärzte zusammengeflickt hatten, um ihm sein normales Aussehen wiederzugeben.
Und die Schatten? … Da war erst einmal ein Mann, der in diesem Moment mit einem Koffer durch Paris floh … Und ein zweiter, der ihn von Bremen aus oder irgendwoher informiert hatte … Der muntere Joseph van Damme vielleicht? Oder aber auch nicht … Und dann blieb der Mann, der den Anzug B vor Jahren getragen hatte; und der andere, dessen Blut im Kampf über ihn gespritzt war …
Dazu noch derjenige, der dem falschen Jeunet die dreißigtausend Francs besorgt hatte oder dem diese Summe entwendet worden war! …
Die Sonne schien. Auf den mit Kohlenbecken geheizten Caféterrassen saßen Leute. Die groben Zurufe der Autofahrer schwirrten durch die Luft, und dichte Menschenknäuel belagerten die Busse und Straßenbahnen.
Aus dieser wogenden Menge – und nicht nur aus dieser hier, die Menschenmengen von Bremen, Brüssel und Reims kamen noch dazu – galt es, zwei, drei, vier oder fünf Personen herauszugreifen …
Es mochten mehr sein … oder auch weniger.
Maigrets Blick wurde weich, als er die ehrfurchtgebietende Fassade des Polizeipräsidiums sah. Sein Köfferchen in der Hand überquerte er den Hof und begrüßte den Bürodiener, den er beim Vornamen anredete, mit der Frage:
»Hast du mein Telegramm gekriegt? Brennt der Ofen?«
»Eine Dame ist wegen dem Bild da. Sie wartet schon seit zwei Stunden.«
Maigret nahm sich nicht einmal die Zeit, den Mantel auszuziehen oder seinen Hut abzulegen, selbst den Koffer behielt er in der Hand.
Der Warteraum für Besucher am Ende des Korridors, an dem die Büros der Kommissare lagen, war ein Zimmer mit Glaswänden, dessen gesamtes Mobiliar aus einigen mit grünem Samt bezogenen Stühlen bestand. An der einzigen festen Wand hing eine Liste der im Einsatz ums Leben gekommenen Beamten.
Auf einem dieser Stühle saß eine noch junge Frau. Sie war auf die peinlich korrekte Art einfacher Leute gekleidet, der man die Stunden mühseligen Sticheins bei Lampenschein und allerlei Notlösungen noch ansieht.
Ein sehr schmaler Pelzstreifen umschloß den Kragen ihres schwarzen Tuchmantels, und ihre Hände, die in grauen Zwirnhandschuhen steckten, umklammerten eine Handtasche, die aus dem gleichen Kunstleder war wie der Koffer Maigrets.
War der Kommissar bei ihrem Anblick nicht betroffen von einer verwirrenden Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Toten?
Es war keine Ähnlichkeit der Gesichtszüge, sondern vielmehr des Ausdrucks, der Gattung, wenn man es so bezeichnen kann.
Auch sie hatte die fahlen Augen, die schweren Lider derer, die aller Lebensmut verlassen hat, und ihre Nase stach spitz aus einem zu blassen Gesicht.
In den zwei Stunden, die sie nun schon wartete, hatte sie ganz sicher nicht gewagt, sich vom Fleck zu rühren oder auch nur eine Bewegung zu machen. Der Blick, der Maigret durch die Scheibe traf, drückte keinerlei Hoffnung aus, daß er endlich derjenige sein könnte, den sie sprechen wollte.
Er öffnete die Tür.
»Würden Sie bitte in mein Büro kommen, Madame?«
Sie schien erstaunt, daß er ihr den Vortritt ließ, blieb eine Weile eher ratlos in der Mitte des Zimmers stehen. Zusammen mit der Handtasche preßte sie eine zerknüllte Zeitung an sich, auf der die Hälfte der Fotografie zu erkennen war.
»Es scheint, Sie kennen den Mann, dessen …«
Aber bevor er noch aussprechen konnte, vergrub sie ihr Gesicht auch schon in den Händen, biß sich auf die Lippen und wimmerte, unfähig ein Schluchzen zu ersticken:
»Es ist mein Mann!«
Und Maigret, um die Fassung zu wahren, beschäftigte sich damit, einen schweren Sessel für sie heranzurücken.