Lüge Nr. 9 - Ich esse das was mir schmeckt
Noch bevor Sie als kleines Kind in Sprache
denken können, wurden Sie sozialisiert und „badeten“ in unserer
europäischen Kultur. Da die Kultur unser Lebensraum ist, nehmen wir
viele der sogenannten „Wahrheiten“ und Verhaltensweisen unserer
Bezugspersonen unreflektiert auf. Wir sind alle in den ersten
Lebensjahren wie der Fisch im Wasser, der sein Element ebenfalls
nicht erkennt.
Das geht bis hin zu den elterlichen Gebetsmühlen, wie „... zieh dir
eine Jacke an...“, eher harmlos oder der Klassiker „... dafür bis
du noch zu klein ...“. Allerdings wenn Mama und Papa sagen: „Aus
dir soll mal was werden.“, dann sieht die ganze Sache schon anders
aus. Denn was wird das Kind verstehen, wenn es hört, aus dir soll
mal etwas werden? Was meinen Sie? Vielleicht fragen Sie einmal
einen Erwachsenen, wenn er hört, aus dir soll mal was
werden?
Genauso funktioniert das mit der Ernährung. Wie oft haben Sie den
Spruch in Ihrem Leben gehört: „Iss bitte auf“ oder „Das ist
gesund“, „Das ist gut für dich“ , „Da sind viele Vitamine drin“
usw.
Sie werden es nicht wissen, weil sich Ihr Erinnerungsvermögen, das
autobiografische Gedächtnis erst mit ungefähr vier Jahren
entwickelt. Wie oft haben Sie im Leben süße Dinge gegessen, noch
bevor Ihnen klar sein konnte, dass es sich um unnatürliche Süße
industrieller Nahrungsprodukte handelt. Das ist auch
Prägung!
Hier ist eine Warnung an alle Eltern und Großeltern angebracht.
Bitte belohnen Sie niemals – ich
meine niemals – Ihr Kind oder Enkel mit Süßigkeiten. Für die
Süßwarenhersteller ist dies sicher ein herber Schlag aber für die
Gesundheit einer ganzen Gesellschaft wäre das ein Segen. Denn die
Belohnungen die Sie als Kind erfahren sind sehr stark
internalisiert worden. Jeder Mensch spürt das auf der körperlichen
Ebene, so sehr, dass es später als Erwachsener fast unmöglich ist,
ohne den ganzen Zucker in unserer Nahrung auszukommen. Und wenn Sie
dann wiederum als Erwachsener selbst Kinder haben, wiederholen Sie
den ganzen Mist und verwöhnen Ihren eigene Nachwuchs mit den
beschrieben Konsequenzen.
Dabei ist die Vorliebe für Süßes fest in uns verankert, zugleich
erfahren Sie in den ersten Lebensmonaten die eindringliche
Erfahrung des Stillens. Ihre Mutter versorgte Sie mit allem was Sie
brauchten, Nahrung, Wärme und körperlicher Kontakt, also Zuwendung
in seiner höchsten Form.
Sie können keinesfalls anders, als von nun an süßen Dingen immer
wieder in Ihrem Leben zu verfallen. Schließlich ist Muttermilch
ebenfalls süß und Sie assoziieren unbewusst, dass süß
gleichbedeutend mit gut ist. Ich bin geneigt zu sagen, hier fällt
Mutterliebe und die Lust auf Süßes direkt zusammen. Über diese
Verstrickung können Sie ein ganzes Leben lang stolpern. Denn, wenn
Sie schon lang genug keine Liebe mehr erfahren haben, dann muss
halt der Zucker in den Nahrungsmitteln herhalten um den Alltag ein
wenig zu versüßen. Da dies niemals gleichzusetzen ist mit dem
Liebesbedürfnis, verhalten Sie sich irgendwann wie ein Süchtiger,
der immer etwas ersatzweise braucht, was auf anderem Wege nicht zu
bekommen ist.
Wir haben es hier mit einem eng verwobenen System zu tun. Es sind
die ursprünglichen menschliche Bedürfnisse nach Liebe und
Geborgenheit mit frühkindlicher Belohnung durch zuckerhaltiger
Nahrung und dem physiologischen Bedürfnis nach Kalorien bzw.
Nährstoffen. Alles zusammen hat eine überlebenswichtige
Funktion.
Unsere menschliche Natur bedient sich hier eines kleinen aber
überlebenswichtigen Tricks. Denn natürlich-süße Nahrungsmittel
versorgen uns einerseits mit der Energie aus Kohlenhydraten und zum
Zweiten mit lebenswichtigen Mineralien und Vitaminen. Es wäre doch
ziemlich dumm, wenn uns das was wir so dringend zum Leben
benötigen, nicht auch schmecken würde.
So ist die Lust auf süße Nahrungsmittel biologisch und auch
psychologisch begründet.
Die biologische Seite daran, ist die Notwendigkeit der
Nahrungszufuhr und die psychologische Notwendigkeit, ist die der
Zuwendung und Verbundenheit mit der Mutter. Mit diesen
Grunderfahrungen werden Sie schon ganz früh in Ihrem Leben geprägt.
Das ist im besten Sinne Ihr Rüstzeug für das spätere Leben in
Selbstbestimmung und Freiheit. Oder es ist im ungünstigen Fall, ein
verhinderter Start ins Leben gewesen.
Das Problem ist - Sie sind in jedem Fall vollständig damit
identifiziert, was Ihnen in Ihren ersten Lebensjahren widerfuhr.
Das was Ihnen am Tisch beim Essen in der Familie tausendfach
dargeboten wurde, tragen Sie in sich. Ihre Vorlieben für einige
Speisen und Ihre Abneigungen gegen bestimmte Nahrungsmittel. Die
Art und Weise wie Sie Mahlzeiten gestalten und welche Wertschätzung
der Nahrungsaufnahme gewidmet wird. Sie erfuhren negative oder
positive Verstärkungen dadurch, in welchem familiären Klima
gegessen wurde. Es kann sein, dass die gemeinsamen Mahlzeiten in
der Familie immer mit einem unguten Gefühl der Befürchtung vor
Abwertung und Zurückweisung geprägt war.
Wie auch Ihr Alltag damals war und heute aussieht, irgendwann
wissen Sie keineswegs mehr, warum Ihnen etwas schmeckt, oder warum
Sie einiges partout ablehnen. Von vielen Nahrungsmitteln wissen Sie
instinktiv - davon brauch ich mehr und von einigen wissen Sie ganz
genau, davon sollte ich lieber weniger essen. Aber Sie werden es
schwer haben Ihren Erkenntnissen entsprechend Taten folgen zu
lassen.
Sie essen das, was Sie essen, immer vor dem Hintergrund der
Erfahrungen, die Sie auf der emotionalen Ebene mit der Ernährung
machten. Diese Erfahrungen sind Ihnen körperlich eingebrannt worden
und es ist wirklich schwer mit Verstand, sich diesen tiefen
Prägungen anzunähern oder gar diese Problemkonstellationen
aufzubrechen.
Sie können nur irgendwann entscheiden, dass Sie bestimmte
Nahrungsmittel und Lebensumstände (auch Dinge, Haltungen, Meinungen
und Emotionen anderer) nie mehr in Ihr Leben lassen wollen, weil
Sie zu spüren gelernt haben, was Ihnen gut tut und was
nicht.
Das umschreibt das Thema der Enährungspsychologie. Sie befasst sich
schließlich mit der Frage: Warum ernähren sich Menschen anders,
obwohl Sie es besser wüssten?
Diesen Gordischen Knoten in Ihnen aufzulösen, das stellt die
primäre Herausforderung dar, um erfolgreich abzunehmen.
Sie können davon ausgehen, das Ihnen das keinesfalls über Nacht
gelingen kann und keine Diät der Welt wird Ihnen das Wissen darüber
vermitteln können, warum Sie das Essen, was Sie essen und welche
Belohnungen Sie brauchen.
Wiederholen wir das Ganze noch einmal. Wir sind mit unserer
Ernährungsweise und den Gewohnheiten vollständig identifiziert. Wir
bewegen uns in unserer Kultur, sind Teil von ihr, wie der Fisch im
Wasser. Man kann solche Identifikationen sehr gut daran erkennen,
dass es Ihnen fast unmöglich ist, einen anderen Standpunkt
zuzulassen, bzw. einzunehmen. Falls Sie sich erinnern schrieb ich
anfangs, Ernährung habe etwas mit Glaube zu tun.
Beziehen wir das wieder auf solche Pauschalurteile wie: Milch ist
gesund und Fett macht fett; dann sollte Ihnen jetzt klar sein, dass
muss so keineswegs stimmen. Denn überprüft haben wir solche
Überzeugungen meist nie, wir haben diese einfach von anderen zu
übernommen.
Doch was halten Sie von der Aussage:
Sport hilft beim Abnehmen - NICHT!
Was halten Sie davon?
Wäre es möglich, mit Ihnen darüber zu reden ?
Oder halten Sie Sport für unverzichtbar ?
Wer bin ich für Sie, indem ich Ihnen dies zumute?
Mancher ist vielleicht erleichtert, weil er dachte, er müsse
unbedingt Sport machen, obwohl er eigentlich gar keine Lust
hat.
Kommen wir zur nächsten Lüge.