Epilog
SCHLIESSLICH UND ENDLICH
Eine kalte Mainacht, und wir sind auf dem Weg zum
Flughafen. Sie hat uns dreimal ermahnt, uns keine allzu großen
Hoffnungen zu machen. Judd nimmt sich noch ein Pfefferminz aus dem
Schälchen auf dem Armaturenbrett und fragt, was denn dagegen
spräche, sich Hoffnungen zu machen. Ich wende den Kopf und sehe ihn
an. Das Licht des GPS-Monitors färbt sein Gesicht fahlgrün. Wir
sind früh dran, sagt er.
Audrey sagt: Zum
Glück. Ich bleibe nämlich jedes Mal in der Drehtür stecken. Und das
kann dauern.
Stimmt. An dem Tag,
als ich hier ankam, steckten wir geschlagene zehn Minuten in der
Flughafendrehtür fest, zusammen mit einem Mann und einer Mandoline.
Es war kalt, und Audrey schob mich in ihre Jackentasche, während
wir auf Hilfe warteten. Ich streckte den Kopf ins Freie. Die Jacke
war neu. Ansonsten sah sie unverändert aus. Auf der Jacke stand
CLINT’S CABS, sie war steppgefüttert und aus schwarzem Leder. Über
Lautsprecher kam die Durchsage, ein Mann, eine Mandoline, eine Frau
und eine Schildkröte steckten in einer Drehtür fest und jemand vom
Wartungsspersonal möge sich doch bitte umgehend darum kümmern.
Nicht lange, und eine Zuschauermenge hatte sich versammelt. Das war
mein erster Eindruck von Kanada.
Ich war müde und
benommen, weil ich den größten Teil der Reise kopfüber in einer
Lattenkiste verbracht hatte, an deren Innenwand eine Nachricht von
Cliff befestigt war. Die Nachricht bestand aus zwei Sätzen. Ich las
sie x-mal. Ich weiß, dass Du zu einer Schildkröte nicht Nein sagen
wirst. Das mit Deinem Dad tut mir schrecklich leid. Alles Liebe,
Cliff. Okay, drei Sätze.
Der Zoll hatte
anscheinend noch nie eine Schildkröte gesehen, was ich, gelinde
gesagt, entwürdigend fand.
Auf dem Flug nach St.
John’s dann wurde ich in einem Gepäckfach hinter dem Cockpit
verstaut und hörte, wie der Pilot zu den Passagieren sagte: Wir
haben heute eine Schildkröte an Bord, was unsere
Fluggeschwindigkeit jedoch hoffentlich nicht beeinträchtigen wird,
haha. Das war vermutlich der metrische Humor, von dem ich schon so
viel gehört hatte. Gewöhnungsbedürftig, wenn Sie mich
fragen.
Audrey holte mich am
Flughafen ab. In ihren Nickhäuten standen Tränen, als sie mich aus
der Kiste nahm und an ihre Brust drückte.
Mir fiel auf, wie
professionell sie in der schwarzen Jacke aussah.
Als wir schließlich
aus der Drehtür traten, trieb mich ein eisiger Windstoß
schnurstracks in meinen Panzer zurück. Inzwischen habe ich mich
darauf eingestellt. Ein auf Hochglanz poliertes Taxi erwartete uns.
Ich wurde auf das Armaturenbrett gesetzt.
Guck mal, Win, sagte
sie. Schnee.
Und tatsächlich lagen
überall riesige, schmutzige Schneewehen, gegen die sich die Bäume
vergleichsweise winzig ausnahmen.
Ich wandte den Kopf
und sah sie an. Sie war Taxifahrerin.
Das in den Clint’s
Cabs installierte GPS zeigt einem nicht nur an, wo man hinfährt und
ob Schneepflüge in der Nähe sind, sondern registriert auch den
gesamten Flugverkehr. Judd ist von dieser Funktion wie
hypnotisiert, und wer wollte es ihm verdenken. Für Audrey ist das
inzwischen ein alter Hut. Sie konzentriert sich auf ihre Arbeit und
die Straße. Judd sagt, das Flugzeug werde in etwa einer Stunde
landen. Der Monitor zeigt die Strecke des Flugzeugs als grüne und
die unsere als rote Linie an, und er zeigt an, wo sich die beiden
in etwa einer Stunde treffen werden.
Audrey sagt, er sei
vermutlich wieder nicht im Flugzeug.
Judd sagt, das Grün
des Flugzeugs leuchte heller als sonst, und das sei ein gutes
Omen.
Im Gegensatz zu mir
weiß Judd natürlich nicht, dass Audrey im März, als Air Canada
seine Direktverbindung zwischen London und St. John’s kurzzeitig
wieder aufnahm, jede Mittwochnacht um zwölf bei eisiger Kälte zum
Flughafen hinausfuhr und auf den Transatlantikflug wartete. Für
alle Fälle.
Und allein wieder
nach Hause kam. Und die Tür unverschlossen ließ, damit sie mit
einem kräftigen Nordwestschubs aufgestoßen werden
konnte.
Obwohl. Vielleicht
weiß Judd ja doch Bescheid. Judds elektrisierende Wirkung ist
jedenfalls nicht zu unterschätzen. Wenn er in der Nähe ist,
erstrahlt sie wie ein Weihnachtsbaum.
Manchmal schaut sie
in mein neues, rundum verglastes Schloss – ein veritabler
Glaspalast. Sie schaut in mein Schloss, und ihre Augen sehen
riesengroß und traurig aus. Was jedoch auch an der verzerrenden
Wirkung der Glasscheibe liegen kann. Dann schaut sie in das Schloss
nebenan, in dem eine Maus wohnt.
Tagsüber schläft die
Maus. Bei Einbruch der Dunkelheit wacht sie auf und besteigt kurz
darauf ihr Rad. Ihr Rad dreht sich in meine Richtung, sodass es
aussieht, als käme sie ewig und immerdar mit offenen Armen auf mich
zugerannt. Mäuserich, komm. Für jemanden, der so schnell läuft,
muss es besonders frustrierend sein, niemals ans Ziel zu
gelangen.
Anscheinend
verschwand die Maus vor nicht allzu langer Zeit, was eine
internationale Suchaktion auslöste. Wenig später fand Verlaine sie
im Wohnzimmer vor, wo sie seelenruhig ein Stück Lakritz vertilgte.
Freche souris. Verlaine setzte sie
wieder in ihren Palast und verschloss die Tür. Unterdessen machte
Audrey sich zum Trottel, weil sie in England nach ihr
suchte.
Die Maus hat einen
Exponenten auf ihrem Ohr. Einen Exponenten, der sich gegen meinen
vergleichsweise winzig ausnimmt.
Gegenüber von meinem
Schloss steht ein Spiegel, in dem ich unzählige Schildkröten sehen
kann. Sechzig, wenn nicht mehr, die sich in einem Tunnel aus
Glaspalästen verlieren. Schildkröte, komm!60
Anfangs lachte ich
über den winzigen Mäuseexponenten. Und die Maus lachte über mich,
als ich versuchte, die gemalte Fliege am Rand meiner neuen
Wasserschüssel zu verspeisen. Ich wusste, dass die Fliege nicht
echt war, aber manchmal lag ein Wassertropfen auf ihr, sodass es
aussah, als ob die Fliege in 3-D auf dem Schüsselrand säße, und
diesem appetitlichen Anblick konnte ich einfach nicht
widerstehen.
Wie gesagt, ich
lachte über ihren Exponenten, bis zu jenem schicksalhaften Tag, als
wir gemeinsam den Sonnenuntergang bewunderten und ich sah, wie das
Licht von hinten durch ihr Ohr schien: Aus der 18 wurde eine
81.
Scheiße.
Wir sind zwar nicht
direkt Freunde, haben jedoch ein Abkommen getroffen. Da sie
tagsüber schläft und ich die Nachtruhe vorziehe, können wir das
Wohnzimmer, das mich stark an eine Druidenuhr erinnert, rundum
überwachen. Wir arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten und leisten
denen, die da kommen und sich bei uns niederlassen, vornehme
Gesellschaft. Das sind im Allgemeinen Audrey und Judd, manchmal
aber auch ein Nachbar oder Verlaine.
Es gibt Länder, die
sowohl einen Präsidenten als auch einen Premierminister haben,
wobei nicht immer ganz klar ist, welches Amt über die eigentliche
Macht verfügt. Ich glaube, wir sind eines dieser
Länder.
Fehlt mir mein altes
Pappmaché. Ja, manchmal schon. Aber seien wir ehrlich: Ich war die
allzu farbige Prosa langsam leid. Außerdem war es leicht
entflammbar.
Und so ist es
eigentlich kein Wunder, dass ich eines Nachts zufällig entdeckte,
dass meine zinnenbewehrte Schlossmauer glühte wie eine
orangefarbene Sonne. Ach, es hätte so schön sein können, wären der
Rauch und das hartnäckige Knistern nicht gewesen. Ich steckte den
Kopf durchs Fenster und ließ ein Salatblatt fallen. Hammel,
hilf.
Doch Cliff lag
schlafend auf dem Futon. Korrigiere: lag sturzbesoffen auf dem
Futon. Zu meinem Glück hatte Audrey drei Feuermelder in der Wohnung
installiert. Einen für Vorhangbrände. Einen für Speiseeisbrände.
Einen für Schlossbrände. Außerdem hatte sie drei entsprechende
Feuerlöscher angeschafft. Der Schlossfeuermelder war im November
erst mit einer frischen Neun-Volt-Batterie ausgestattet worden. Er
hätte Tote wecken können. Was er auch tat. Cliff fuhr hoch und
stieß sich den Kopf am Überhang. Ich zuckte zusammen. Inzwischen
stand der Westflügel meines Schlosses in hellen Flammen. Ach du
Scheiße Scheiße Scheiße, sagte Cliff und lief einen Moment lang
buchstäblich im Kreis. Das kannte ich bisher nur aus
Zeichentrickfilmen. Schließlich kriegte er doch noch die Kurve und
schnappte sich den Feuerlöscher (den für Vorhänge, aber was soll’s)
und zielte damit auf mein loderndes Gemäuer.
Ich zog gerade noch
rechtzeitig den Kopf ein, sonst hätte die Wucht des Schaumstrahls
mich mit Sicherheit enthauptet.
Als es vorbei war,
drückte Cliff mich an seine Brust und lief mit mir kreuz und quer
durch die Wohnung. Auf die Idee, die Küche aufzuwischen, kam er
bezeichnenderweise nicht. Rund und rund ging es unter dem Übergang
dahin. Dabei war mir sowieso schon schwindlig. Rauchvergiftung,
wissen Sie.
Schließlich setzte er
sich auf den Futon, und wir schütteten uns gegenseitig das Herz
aus. Ich bemerkte einen feuchten Schildkrötenabdruck auf seiner
Brust. Ja, sagte er. Ich fürchte, das wird nichts mit uns
beiden.
Ich blinzelte
aufwärts. Er blinzelte abwärts.
Gott, Iris, äh,
Winnifred, es tut mir wirklich leid.
Schon
gut.
Tags darauf kam er
mit einer strohgefüllten Lattenkiste nach Hause.
Ein paar Tage nach
meinem Eintreffen in Kanada kam Verlaine mit einer Zeitung vorbei
und verkündete stolz, sie habe le belge
endlich gefunden. Er heiße nicht Leonel
de Tigrel.
Im
Ernst.
Er heißt Gunter de
Sitter, sagte sie. Er ist der neue Rektor der Universität und, wer
hätte das gedacht, un suisse
allemand.
Das ist er, sagte
Audrey und setzte sich mit der Zeitung an den Tisch. Der Löwe von
der Beerdigung.
Bien sûr ist er das.
Hier steht, er hätte
Vorwürfe zurückgewiesen, nach denen auf dem Campus eine
C.-difficile-Epidemie
grassiert.
Ja, sagte Verlaine.
Das hat mich ziemlich kalt erwischt. Angeblich sind die
Versuchstiere schuld.
Wie
komisch.
Das ist ganz und gar
nicht komisch. Ach, ist das die tortue.
Sie trat vor den Kaminsims. Ça va bien
in deinem neuen Zuhause.
Sehr bien sogar, vielen Dank.
Sie trug trotz des
Winterwetters kurze Ärmel, und ihre Arme sahen aus, als ob sie den
einen der anderen Rasen gemäht hätten.
Und du hast nicht
gemerkt, dass er ein Landsmann ist, fragte Audrey.
Ein suisse allemand ist kein Landsmann.
Verlaine ging durch
den Türbogen in die Küche. Sie starrte auf den Teich ohne Grund.
Euer Politiker macht seinen Nachmittagsspaziergang, sagte
sie.
Schon seit Tagen
beobachtete ich durch den Türbogen, wie der Politiker in Gedanken
versunken seine Runden um den Teich drehte. Immer wenn er
vorbeikam, steckten die Schwäne den Kopf unter Wasser, worauf ich
prompt in meine Schüssel kletterte und es ihnen nachtat. Eines
Tages schließlich stand er vor der Tür und teilte Audrey mit, er
werde fortziehen. Es tue ihm schrecklich leid, sagte er, aber dafür
habe er jahrelang geschuftet bis in die Puppen.
Um nach Ottawa zu
gehen.
Ja, Kleines.
Byrne Doyle trat vor
den Kaminsims und bestaunte die Maus.
Wedge war die ganze
Zeit im Haus, sagte Audrey.
Nicht zu fassen. Und
die Schildkröte sieht ja goldig aus in ihrem neuen
Pullover.
Eigentlich ist es ein
Schildkrötenwärmer. Judd hat ihn gestrickt.
Wie nett von ihm.
Speichert die Körperwärme.
Dabei hat sie gar
keine Körperwärme, die sich speichern ließe. Aber das weiß Judd
nicht.
Was. Das war mir
neu.
Sie sind doch nicht
beleidigt, weil ich ein Clint’s Cab fahre, oder.
Er zwinkerte. Nein,
Kleines. Ich weiß ja, dass du ihn nicht gewählt hast.
Audrey biegt auf die
Straße zum Flughafen ab. Sofort herrscht dichter Nebel. Scheiße,
sagt sie.
Fünfzig Minuten, sagt
Judd mit einem Blick auf den Monitor.
Wir fahren auf den
Kurzzeitparkplatz. Er ist fast leer. Einen Moment lang sitzen wir
einfach da, während der Wagen im Leerlauf vor sich hin tuckert.
Audrey starrt auf den Monitor. Findest du wirklich, dass das
Flugzeug heller leuchtet als sonst.
Ja,
wirklich.
Oder ist es draußen
dunkler.
Am anderen Ende des
Parkplatzes ist der Kurzzeitparkwächter nur eine verschwommene
Silhouette hinter beschlagenem Glas. Audrey sagt, er sitze seit
Monaten in seinem Häuschen fest.
Judd rückt meinen
Schildkrötenwärmer zurecht. Alles klar, sagt er.
Ja, ich habe mich für
Judd erwärmt. Trotz Audreys Behauptung, ich sei im Wesentlichen
wärmefrei, habe ich mich für ihn erwärmt. Die Umstellung fiel mir
anfangs zugegebenermaßen nicht ganz leicht. Denn Judd ist nicht
Cliff. Im Gegenteil. Er ist der Anti-Cliff schlechthin. Ruhig,
unsportlich. Als Audrey uns miteinander bekannt machte, sagte er
Hallo, Kröte. Worauf Audrey einwand, ich sei erstens kein Frosch
und lebe zweitens nicht im Wasser, was sich schon daran erkennen
ließe, dass ich keine Flossen hätte, sondern Füße. Sie ist
schließlich keine Meerjungfrau, sagte sie. Stimmt, sagte Judd und
schüttelte mir schüchtern den Fuß. Als sie ihm sagte, dass ich
unbedingt warmgehalten werden müsse, erklärte er sich spontan
bereit, mir einen Schildkrötenwärmer zu stricken.
Als er weg war, ließ
ich ein Salatblatt fallen. Was, zum Teufel, ist ein
Schildkrötenwärmer.
Judd ist ein
passionierter Stricker, sagt sie. Und
Weihnachtslichterkettenerfinder.
Eine Woche später
traf der Wärmer ein. Er war knallblau. Judd hatte zum Glück
genauestens Maß genommen, sodass das gute Stück wie angegossen über
meinen Panzer passte.
Damit wird aber nicht
geschwommen, sagte sie.
Ist gut.
Jetzt trage ich den
Wärmer nur an kalten Tagen und wenn wir aus dem Haus gehen. Was
recht häufig der Fall ist, weil ich so gern auf dem Armaturenbrett
des Taxis mitfahre und ein paar Mal sogar auf dem Armaturenbrett
des Vans mitfahren durfte.
Wenn ich in Judds Van
mitfahren soll, lässt er ihn vorher eine halbe Stunde laufen, damit
ich es mollig warm habe (nicht besonders ökologisch, aber
fürsorglich). Vor Kurzem sind wir zu dritt in Judds Van auf den
Signal Hill gefahren und haben den Signalen beim Fliegen zugesehen.
Der Wind war so stark, dass die linken Reifen vom Boden
abhoben.
Guck mal, Win. Das
Meer.
Es sah ganz anders
aus als die Meere, die ich kannte. Verdammt kalt, um genau zu
sein.
Hier sind schon Autos
vom Parkplatz geweht worden, sagte sie.
Judd sagte: Heute
Nacht hatte ich eine Montage, dass Winnifred meinen Van
fährt.
Ich wandte den Kopf
und warf einen Blick über die Schulter. Ja, das kommt
vor.
Aber der eigentliche
Wendepunkt in der Beziehung zwischen Judd und mir kam am Abend der
Großen Enthüllung. Ich hatte keinen Schimmer, was da so großartig
enthüllt werden sollte, und als ich ein Salatblatt fallen ließ,
sagte Audrey nur, ich solle meine Neugier noch ein wenig zügeln.
Sie zog mir meinen Wärmer an, und wir machten uns zu Judds
Christmatech-Werkstatt auf. Unterwegs hielten wir bei Swiss Chalet,
um etwas zu essen zu besorgen.
Sie ließ mich im
Wagen warten, während sie rasch hineinging. Neben uns hielt ein
silberfarbener Sattelschlepper. Die Sorte Truck, die uns in der
Wüste ständig überholt hatte. Er war spiegelblank poliert und mit
orangefarbenen Lämpchen geschmückt. Ich las MIT PFEFFERMINZ IST
CLINT’S IHR PRINZ in Spiegelschrift und konnte sogar mich selbst
und das Pfefferminzschälchen auf dem Armaturenbrett erkennen. Als
Audrey wiederkam, deutete ich auf den Truck. Guck mal. Warum
begnügst du dich mit einem schnöden Taxi, wenn du auch so etwas
fahren könntest. Stell dir vor, du trägst so etwas auf dem Rücken.
Wir sind ein exzellenter Autofahrer. Wäre das nicht eine Überlegung
wert.
Wir kamen in der
Christmatech-Werkstatt an und wurden von Judd in Empfang genommen,
der oben an der Treppe stand und einen noch röteren Kopf hatte als
sonst. Judd hat rotes Haar, braune Augen und keine Sommersprossen.
Mit einem Wort: Er ist bildschön. Er ist ein sogenannter Herbsttyp.
Audrey ist ein sogenannter Wintertyp.
Er küsste sie, und
einen Moment lang hockte ich auf seiner Schulter wie ein Exponent.
Dann gingen wir hinein.
In der Werkstatt war
alles picobello. Das einzige Möbelstück war ein Tisch mit einer
Lampe, die einen weißen Mond auf die schwarze Platte warf. Die
Lichter von St. John’s funkelten durch ein kleines, rechteckiges
Fenster.
Ich wurde
platterdings auf dem Tisch deponiert und meines Wärmers entledigt.
Danke, es ist ziemlich warm hier drinnen.
Swiss-Chalet-Geruch
erfüllte das Zimmer.
Und jetzt zur Großen
Enthüllung, sagte Judd.
Ich schaute mich um.
Weit und breit war nichts zu sehen, was man hätte enthüllen können
– außer mir, natürlich, aber ich war ja schon nackt.
Bist du bereit,
fragte er.
Ich bin
bereit.
Der Mond auf dem
Tisch erlosch. Im Zimmer wurde es stockdunkel. Und dann plötzlich,
mit einem schwindelerregenden Urknall, erstrahlte das Universum
unter meinen Füßen.
Stellen Sie sich vor,
Sie stehen auf einem ganzen Universum und haben nicht einmal ein
Salatblatt, das sie fallen lassen könnten.
Der Coma-Haufen,
sagte Judd und zeigte mit dem Finger. Die Kaulquappengalaxie. Das
Sternbild der Schildkröte.
Judd hat mehr zu
bieten als Wolle und Weihnachtselektronik, schoss es mir durch den
Kopf.
Schildkröte, komm,
sagte sie.
Und so standen wir
gebannt da und schauten. Ewig, wenn nicht länger.
Wir bleiben nicht in
der Drehtür stecken. Wir sind rechtzeitig da. Ein gelber Labrador
mit schwarzem Leibchen läuft im Terminal Streife. Als Audrey ihn
tätscheln will, sagt der Hundeführer, der Hund habe zu arbeiten, der Hund sei im
Dienst, und das möge sie doch bitte
respektieren.
Auf dem Leibchen
steht in weißen Lettern SPÜRHUND. Der Hund schnüffelt und spürt mir
nach. Ich klemme unter Judds Achsel. Doch wie es scheint, steht
mein Geruch nicht auf der Gefahrenliste des Hundes.
Wir gehen weiter zur
Fressmeile. Alles hat geschlossen. Trotzdem setzen wir uns an einen
Tisch.
Ich habe immer noch
Hoffnung, sagt sie.
Gut, sagt
Judd.
Sie haben mehrmals
miteinander telefoniert. Und er hat versprochen, diesen und nur
diesen Flug zu nehmen. Er hat gesagt, er sei jetzt so weit. Und
Audrey hat zwei volle Tage damit zugebracht, den Keller so
umzuräumen, dass es ihm nicht ganz so wehtut, die Treppe
hinunterzugehen. Das Cockpit ist noch da. Ebenso die Flugzeugsitze.
Nur dass die Sitze jetzt nicht mehr aufgereiht sind wie im Theater.
Sondern einander gegenüberstehen wie in einem Eisenbahnabteil.
Außerdem hat sie sein Bett an eine andere Wand gerückt. Das, so
hofft sie, wird genügen. Die Erinnerung soll ihm nicht wehtun, und
wie erreicht man das. Wie erreicht man das, wenn man selbst weinend
im Cockpit sitzt und sich erinnert.
Ich höre das
Flugzeug, sagt sie und springt auf, obwohl ich mir das eigentlich
nicht vorstellen kann. Laut Anzeigetafel landet die Maschine in
frühestens zwanzig Minuten. Aber Judd steht auf, verstaut mich
unter seiner Achsel und folgt ihr zur Rolltreppe. Die Rolltreppe
ist steil und leer.
Ich habe ein ungutes
Gefühl, sagt sie. Mir sinkt das Herz in die
Kniekehlen.
Komm von der
Rolltreppe weg, sagt Judd.
Du weißt ja nicht,
wie oft ich schon hier gewesen bin, sagt sie.
Und ob ich das weiß,
sagt er.
Und nie ist er in der
Maschine.
Ich weiß. Aber heute
kommt er ganz bestimmt.
Warum ausgerechnet
heute.
Weil er es gesagt
hat.
Ja, aber das hat er
schon tausendmal gesagt.
Judd sieht auf seine
Armbanduhr.
Bitte lass es
wohlbehalten landen, sagt sie. Bitte bitte bitte. Am liebsten würde
ich die Rollbahn stürmen.
Untersteh
dich.
Sie winkt ihn herein.
Komm, Airbus 320, komm.
Der Flug wird
ausgerufen. Die Maschine ist gelandet. Judd setzt mich auf seine
Handfläche und hält mich hoch, damit ich besser sehen
kann.
Wir behalten die
Rolltreppe im Auge.
Ich frage mich, woran
ich ihn erkennen werde. Allein an seinem Arm.
Die ersten Passagiere
kommen die Rolltreppe herunter. Erste-Klasse-Passagiere, allesamt
symmetrisch. Mäntel und Jacken über Armen von normaler Größe. Er
ist nicht dabei.
Werde ich ihn an
seiner asymmetrischen Silhouette erkennen. Oder an seinen
orangefarbenen Handschuhen.
Nein. Ich werde ihn
daran erkennen, wie Audrey jetzt auf die Rolltreppe zuläuft. Daran,
wie sie die versinkenden Stufen hinaufstürzt. Und daran, wie der
Mann auf der Treppe ihren Namen sagt.
Oddly.