013
 
Teil zwei
 
ODDLY, DIE BIOGRAFIN
 
 
Ich heiße noch immer Winnifred. Chuck hat mir keinen neuen Namen gegeben. Der Willamette ist übrigens ein Fluss, wie ich inzwischen herausbekommen habe. Das hätte ich natürlich wissen müssen. Ich meine mich nämlich zu entsinnen, besagten Fluss bei mindestens einer Gelegenheit vom Armaturenbrett aus gesehen zu haben. Wir fuhren über eine Brücke. Guck mal, Win. Der Willamette. Soso. Der Willamette ist ein Mündel des Columberer, der weitaus breiter und gemächlicher dahinströmt als dieses ungestüme Ungetüm unter der Brücke.
Vorgestern sagte Linda, am Willamette werde ein Film über Kredithaie gedreht, und ob Chuck nicht am Set vorbeischauen wolle, vielleicht werde ja noch ein Komparse gebraucht. Komparse, ein Wort auf das Chuck reagierte wie der Stier auf das sprichwörtliche rote Tuch. Chuck ist kein Komparse.
Linda die Ungepflegte sagte, die Schauspieler hätten sich auf der Brücke eine lautlose Schießerei geliefert. Ziemlich cool. Chuck zeigte sich davon wenig beeindruckt. Er sagte, die Schüsse würden nachvertont.
Aber um auf den Willamette zurückzukommen. Jetzt, wo ich weiß, dass er ein Fluss ist, erscheint mir Chucks wiederholte Bemerkung, er sei so einladend, noch rätselhafter als zuvor – was, bitte, möchte er mir damit sagen. Er trägt mich zum Fenster, hält mich hoch, und ja, in der Ferne erkenne ich undeutlich den Umriss einer Brücke.
Wenn mich nicht alles täuscht, war die Brücke ziemlich hoch. Sehr hoch sogar. Außerdem wimmelt es im Fluss offenbar von Haien.
 
Es klopft an der Tür. Chuck sieht mich an. Darf ich bitten, sagt er, und macht eine entsprechende Geste.
Ich blinzele ihn an. Mir hängt ein Salatblatt aus dem Maul.
Na schön.
Er hievt sich von der Couch.
Es ist ein Bote von UPS. Hoppla, der sieht aber schnieke aus, jedenfalls im Vergleich zu Chuck. Schauen wir uns die beiden doch mal genauer an. Der UPS-Bote, der übrigens Julius heißt, trägt eine frisch gestärkte braune Jacke mit gelben Akzenten, braune Shorts (im Dezember!) und braune Stiefel. In der einen Hand hält er ein Päckchen und in der anderen ein elektronisches Gerät, um Chuck Stillers Unterschrift zu speichern. Chuck trägt das Übliche. Nichts. Außer seinen Boxershorts, natürlich. Und Im Bett mit Macbeth, das er mit zur Tür geschleppt hat. Julius beäugt das Buch. Chuck beäugt das Päckchen. Hier unterschreiben, sagt Julius und sieht sich in der Wohnung um. He, ist das eine Schildkröte.
Ja, leider, sagt Chuck.
Julius gibt Chuck das Paket.
Hässlichen Dunk, sagt Chuck.
Wie bitte, sagt Julius.
Machen Sie’s gut.
Chuck schließt die Tür und betrachtet das Päckchen von allen Seiten. Es ist klein und flach wie eine Scheibe. Nanu, sagt er. Dreimal darfst du raten, von wem das kommt.
Ich lasse mein Salatblatt fallen.
Genau, sagt er. Er setzt sich aufs Sofa. Weißt du, wonach das aussieht.
Und erst als er es ausspricht, fällt mir auf, dass das Päckchen tatsächlich in etwa meine Form und Größe hat.
Wenn das eine zweite Schildkröte ist, dann gute Nacht.
Mir stockt das Blut in den Adern. Eine Schildkröte aus Kanada. Aber das ist absurd. Man kann eine Schildkröte nicht mit der Post versenden. Oder doch. Und warum sollte sie eine neue Schildkröte hierherschicken. Wäre es nicht logischer, sich ihre alte nachsenden zu lassen.
Chuck wickelt das Päckchen langsam aus. Ich stecke den Kopf durchs Fenster und schaue ihm zu.
Es ist keine Schildkröte. Es ist ein Feuermelder.
 
Als Linda nach Hause kommt, folgt sie der Anweisung auf dem beigelegten Zettel und bringt den Feuermelder über meinem Schloss an.
Chuck findet das albern. Sie hätten doch nebenan schon einen Feuermelder. Linda sagt, einer mehr könne nicht schaden. Chuck sagt, Audrey scheine zu glauben, sie würden elektrisch heizen. Dabei hätten sie Zentralheizung. Das Schloss könne eventuell ein wenig aus der Form geraten, aber Feuer fangen werde es in keinem Fall.
Trotzdem, sagt Linda. Du rauchst.
Nicht in der Wohnung.
Aber vor der Tür.
Mir wäre es auch lieber, wenn ich zum Rauchen nicht vor die Tür gehen müsste, sagt er.
 
Später, als die beiden im Bett liegen und schlafen, klettere ich zum Nachtbaden in meinen Pool, und als ich zufällig aufblicke, sehe ich das rote Licht des Feuermelders, wie ein Flugzeug, das über den Himmel zieht. Es erinnert mich an die alte Wohnung, weil auch dort ein Flugzeug am Himmel stand. Und wenn ich ganz stillhalte, wirft das rote Licht einen hellen Punkt auf die Oberfläche meines Pools, den ich dann zu fressen versuche, ohne Erfolg.
Den Feuermelder hat sie geschickt, weil sie nicht will, dass mir etwas passiert, und damit ich mich hier zu Hause fühle. Das ist sehr nett und aufmerksam von ihr. Aber dass sie mir einen Feuermelder schickt, heißt auch, dass ich mich auf ein längeres Gastspiel in der Taft Street einstellen muss, nicht wahr.
Feuer ist jedenfalls meine geringere Sorge.
Mir scheint, Chuck möchte mich auf seine ungalante Art auf einen Sturz aus großer Höhe vorbereiten. Sieht der Willamette nicht einladend aus. Wie lange es wohl dauert, bis er zu dem Schluss kommt, dass eine Schildkröte in ihrem natürlichen »Habitat« doch besser aufgehoben sei.
Noch mehr Angst als die Haie macht mir die Vorstellung, von einer hohen Brücke geworfen zu werden. Ich meine, ich plansche ebenso gern im kühlen Nass wie jede andere Schildkröte auch, aber wenn man mit voller Wucht aufs Wasser prallt, ist der sprichwörtliche Ofen aus. Zumal ich einen extrem flachen Brustpanzer mein Eigen nenne. Mein Brustpanzer ist so flach, dass man mich übers Wasser hüpfen lassen kann wie einen Stein.
Ich bin schon einmal aus großer Höhe geworfen worden, wenn auch nicht von einer Brücke. Ein früherer Mieter (ein sehr viel früherer Mieter, dreißig Jahre, wenn nicht mehr) warf mich in den Müll, weil er mich irrtümlich für einen Türstopper hielt, den sein Vormieter zurückgelassen hatte. Letzterer war überstürzt geflohen (»Kredit«-Probleme), ohne seinen Nachfolger vom bestehenden Mietverhältnis mit einer Schildkröte zu unterrichten. Und so blickte ich denn finsteren Zeiten entgegen und fand mich unversehens in einer Papiertüte wieder, in Gesellschaft diverser anderer Abfälle, die der Mietschuldner hinterlassen hatte (Rasierpinsel, Haarfärbemittel). Ich lag noch keine Stunde in der Mülltonne, als die Papiertüte plötzlich aufgerissen wurde – leider nicht von Menschenhänden, sondern von Möwenkrallen, die ob ihrer Gewandtheit jedoch ohne Weiteres als Hände durchgehen könnten – und der Vogel sich mit mir in schwindelnde Höhen emporschwang, zu welchem Zweck, können Sie sich sicher denken. Um mich fallen zu lassen. Und wäre das Kinderplanschbecken nicht gewesen, das die kleine Tochter des neuen Mieters just an diesem Vormittag aufgeblasen hatte, wäre ich als Vogelfutter geendet, mit zerschelltem Panzer. Aber das Schicksal meinte es gut mit mir. Denn platsch, fiel ich ins Becken oder, genauer, dem Kinde in den Schoß, den wohlgepolsterten. Zunächst schrie die Kleine wie am Spieß, doch dann – beruhige dich, beruhige dich – rief sie ihrem Vater, der den Kopf aus dem Fenster streckte, zu: Mir ist eine Schilfkröte in den Schoß gefallen.
Sehe ich vielleicht aus wie ein Frosch.
Eine Schilfkröte, eine Schilfkröte. Können wir sie behalten.
Schildkröte, wenn ich bitten darf.
Und der Rest ist Geschichte, wie man so sagt.
Aber dieser Sturz. Nie werde ich das Gefühl vergessen, wie ich bleischwer in die Tiefe stürzte. Wie der Tod in Form der Erde in Windeseile näher rückte. Es war, als ob der Pfad, den ich die EBBE nenne, plötzlich senkrecht auf mein ENDE zusteuerte. Mir stockte das Herz. Der Körper weiß, dass er fällt. Und ist sich lange vor dem Gehirn über den Ausgang im Klaren.
Weshalb, wie Audrey einmal scharfsinnig bemerkte, die Menschen auf der Achterbahn kreischen und schreien. Ihr Körper glaubt, dass er gleich sterben muss.
Wir fuhren durch die Mojave-Wüste und hörten die Schreie, bevor die Achterbahn in Sicht kam. Meilenweit und -breit war nichts zu sehen. Nichts, nichts, nichts. Dann plötzlich sagte Audrey: Ich glaube, ich höre einen Vergnügungspark. Ich dachte, sie hat Halluzinationen. Vor Kurzem noch hatten wir Cliff herbeihalluziniert. Aber nein, jetzt konnte auch ich die Schreie hören. Und dann sah ich sie: eine riesige Achterbahn, die das Wort hoelle in den Himmel schrieb.
014
 
Es wehte ein trockener Wind. Sie fuhr rechts ran. Andächtig sahen wir zu, wie der kleine Wagen sich das h hinaufschleppte, bevor er jäh in die Tiefe stürzte und den Schriftzug in rasender Geschwindigkeit nachzeichnete. Wer möchte schon so tief fallen, sagte sie. Noch dazu aus freien Stücken.
Gute Frage.
Bald begriff ich, dass von Cliff dem Unaussprechlichen die Rede war, der als Amateur-Stuntman nichts anderes im Sinn hatte als den freien Fall, aus freien Stücken. Und war sie ihm im Jalpen-Land nicht ganz und gar, mit Haut und Haar verfallen, wie man so sagt. Waren sie nicht zusammen Ski gelaufen, und war sie nicht den Berg hinabgewedelt, vermutlich sogar aus freien Stücken. Aber freilich. Und damit war sie besiegelt. Die wahre Liebe. Coup de foudre, wie sie zu sagen pflegte. Aber was weiß ich schon.
Schreie im Wüstenwind. Ein unbeschreibliches Geräusch. Ich trank einen Schluck Wasser aus dem Joghurtbecher, den sie mit Kaugummi aufs Armaturenbrett geklebt hatte.
Willst du sie dir mal anschauen, sagte sie. Aus der Nähe.
Ich hob den Kopf.
Sie legte den Gang ein. Sie hatte die Ärmel ihres roten T-Shirts bis zu den Schultern hochgekrempelt. Für Menschen war es ein heißer Tag gewesen, nicht so für Armaturenbrettschildkröten. Cliffs Wagen hatte keine Klimaanlage. Der Arm, den sie aus dem Fenster gehalten hatte, war verbrannt und voller Sommersprossen. Ihr Haar war feucht bis in die Spitzen. Und jetzt will sie auch noch in einen Vergnügungspark. In der vagen Hoffnung, dass er dort sein könnte. Weil es Menschen, die gern klettern und fallen, zu solchen Orten zieht: Brücken, Flughäfen, Vergnügungsparks. Klar würde Cliff an dieser Achterbahn Gefallen finden, das heißt aber noch lange nicht, dass er hier und jetzt die Gleise der hoelle unsicher macht. Nein, Audrey.
Wir bogen vom Highway ab. Der Himmel war rosarot. Wir fuhren auf einen Parkplatz von der Größe Oregons. Statt Ziffern und Buchstaben markierten Bildtafeln mit Tieren die einzelnen Abschnitte. Wir fanden eine Lücke im Schildkrötenblock.
Der Park war ein funkelndes Lichtermeer. Ich klemmte unter ihrem verbrannten Arm. Nicht nur die Temperatur fiel, wie es in der Wüste nachts so üblich ist, sondern auch die Menschen fielen. Aus freien Stücken. Eine Attraktion namens Tiefenkoller war nichts weiter als ein kaputter Fahrstuhl, der immer und immer wieder abzustürzen schien. Der Dreifache Bypass wiederum hatte die gleichnamige Operation bei vielen Fahrgästen vorzeitig erforderlich gemacht. So stand es jedenfalls auf einem Schild. Und dann natürlich das Nonplusultra, die Achterbahn, die wir vom Highway aus gesehen hatten und die wesentlich steiler, monströser und hoellischer aussah, als sich von fern erahnen ließ. Sie hieß Defibrillator, weil am Ausgang ein ebensolcher für Notfälle bereitstand. Ha.
Wir standen am Fuß des Defibrillators und schauten zu, wie die Fahrgäste das h hinaufkrochen. Noch kreischten sie nicht. Aber bald, bald.
Als sie in die Tiefe stürzten, drückte Audrey mich ganz fest an ihre Brust.
Die Fahrt mit einer Achterbahn wie dem Defibrillator mache vor allem deshalb »Spaß«, wie sie mir später erklärte, als sie sich angeschnallt hatte und ich wohlbehalten auf dem Armaturenbrett saß, weil man sie überlebt. Überraschung: Sie haben überlebt. Das ist das Spaßige daran.
Sie setzte den Wagen rückwärts aus unserem Schildkröten-Parkplatz. Sie hatte Gänsehaut an den Armen. Der Weltraum saugt die Hitze förmlich aus der Wüste.
Später, auf dem Highway unter den Sternen, musste ich an meinen atemberaubenden Sturz in den Schoß eines Kindes denken und daran, wie sehr ich es dafür liebte, dass es mich aufgefangen und mir wegen des schildkrötengroßen blauen Flecks, der hernach seinen Schenkel zierte, nicht den geringsten Vorwurf gemacht hatte.
 
Das Erste, woran ich mich bewusst erinnere, ist der Flugzeugabsturz. Ich sage Absturz, weil wir eine Zeit lang tatsächlich abzustürzen drohten. Und ich sage das Erste, weil meine Erinnerung an die Zeit vor dem Flug bestenfalls verschwommen ist, während die Zeit danach mir so hell, klar und gestochen scharf vor Augen steht, wie es das Gehirn überhaupt zulässt. Mein Gehirn jedenfalls.
Es geschah zwischen meinem ersten und zweiten Schaltgeburtstag. Etwas näher am ersten als am zweiten. Wir kamen aus England und flogen nach Hause. Und dort oben in der Luft überschritten wir eine Grenze. Oder nein, eigentlich überschritten wir diese Grenze schon auf der Rollbahn des Flughafens Heathrow. Ja, auf der Rollbahn. Ich erinnere mich nämlich auch noch an den Start. Bei dem das Flugzeug seine Lenden gürtete, wie mein Dad zu sagen pflegte.
Was sind Lenden.
Er zeigte auf seinen Unterbauch.
Die Geräusche, die das Flugzeug machte, gefielen mir nicht. Ganz und gar nicht. Gespornt, gestiefelt und gegürtet hievte es sich in den grauen Himmel.
 
Wir waren zur Beerdigung meines Großvaters nach England geflogen. An den Hinflug habe ich so gut wie keine Erinnerung. Auch an England kann ich mich kaum entsinnen, ich weiß nur noch, dass das Haus ein Cluedo-Spielbrett auf dem Land war, in dessen Garten es riesige Bienen mit Sonnenbrillen auf der Nase gab, die aussahen wie eine Privatarmee. Es gab Männer mit Bärten, die mit mir ständig über Neufundländer (die Hunderasse) sprechen wollten. Mein Dad war traurig, weil sein Dad gestorben war. Ich hatte Heimweh. Das Haus kam mir vor, als ob wir jeden Augenblick darin ermordet werden könnten. Daran erinnere ich mich.
Und davor. Kann ich meinem Gehirn vielleicht eine Erinnerung an die Zeit vor meinem ersten Geburtstag abringen. Ich entsinne mich dunkel an ein Handtuch. Ich weiß noch, wie ich aus der Badewanne stieg, mir ein Handtuch über den Kopf zog und meinen Dad fragte, ob er wisse, wie herum ich stehe. In meine Richtung, sagte er. Woher weißt du das. Ich kann deine Füße sehen, sagte er. Ich sah auf meine nackten Füße hinunter. Sie befanden sich am Ende eines langen Handtuchtunnels. Na klar. Mein Dad konnte meine Füße sehen.
Also drehte ich mich ein paarmal um die eigene Achse (um ihn zu verwirren) und stellte meine Füße dann in die erste Position, wie Balletttänzer das nennen, Ferse an Ferse mit auswärtsgekehrten Zehen. Und wie herum stehe ich jetzt. Ach komm, Audrey, sagte mein Dad. Kommen. Wohin denn, fragte ich. Und weil mir von der Dreherei ganz schwindlig war, fiel ich vornüber und knallte mit dem Kinn auf den Badewannenrand. Mein Dad hob mich hoch und sagte: Ach, Wobbly-Wackelpudding. So nannte er mich immer, wenn ich hinfiel. Wobbly-Wackelpudding. Wobbly Flowers.
Das ist eine meiner frühesten Erinnerungen. Aber sie ist nicht vom selben Kaliber wie die Flugzeugerinnerung. Es ist, als hätte das Handtuch über meinem Kopf mich in der ersten Erinnerung vor dem Wissen um den bevorstehenden Sturz bewahrt. Während mir in der zweiten Erinnerung jemand das Handtuch vom Kopf riss und sagte: Du sollst sehen, wie du stürzt. Du sollst wissen, dass du stürzt. Ach übrigens. Es wird ein Weilchen dauern.
Ich saß auf Platz 12A. Mein Dad auf Platz 12B. Wir saßen in der ersten Reihe, gleich hinter dem Vorhang zwischen erster und zweiter Klasse. Mir fiel auf, dass die Stewardess sich jedes Mal die Frisur richtete, bevor sie durch den Vorhang trat.
Wir hatten keine Klapptische wie alle anderen. Unsere Tische sprossen wie Roboterarme aus unseren Armlehnen. Zuerst konnte ich meinen Roboterarm nicht finden. Ich sah in meine Armlehne, und sie war leer.
Ich bin ohne Tisch!
Nein, der ist hier drin, rechts, sagte mein Dad.
Und warum geht die Armlehne dann auf, wenn gar nichts drin ist.
Das muss ein Fehler sein.
Mir sank das Herz in die Kniekehlen. Fast wäre ich vor lauter Schreck im Erdboden versunken. Nur dass kein Erdboden da war. Und das Flugzeug womöglich noch ganz andere Fehler hatte.
Was soll’s. Nach einer Weile schien es, als sei meine linke Armlehne absichtlich hohl und eigens für mich gemacht. Mir gefiel, wie sich der Deckel hochklappen ließ. Mir gefiel das Rechteck aus Dunkelheit darin. Es war ein Geheimfach. Ich liebte Geheimfächer. Mit meiner Polaroid-Kamera knipste ich ein Bild von meinem Dad und steckte das Foto zum Entwickeln in die Armlehne.
Gut jetzt, sagte er. Soll heißen: Es reicht.
Zuvor war ich auf der Toilette gewesen und hatte auf dem Rückweg sämtliche Passagiere fotografiert, von denen viele schliefen. Es war mir ein Rätsel, wie man an Bord eines Flugzeugs schlafen konnte, denn erstens flogen wir, und zweitens verhedderte man sich dauernd mit den Armen. Ich ging auf die Toilette und fotografierte das winzige Waschbecken.
Willst du meine Flugzeugbilder sehen, fragte ich meinen Dad.
Die habe ich schon gesehen.
Die Stewardess brachte uns Essenstabletts. Ich sagte, sie hätte eine schöne Frisur. Sie lächelte und sagte: Du bist aber eine süße Kleine. Vor meinem Fenster zogen die Wolken vorbei wie am Fließband.
Die Essenstabletts hatten Fächer. Ich liebe Fächer, erklärte ich meinem Dad.
Das hast du schon mal gesagt.
Wenn ich dieses Tablett behalten dürfte, würde ich dazu nicht Nein sagen.
Aber ich würde Nein sagen, sagte er. Und zwar definitiv.
Was heißt delfinitief.
Keine Antwort.
Na gut. Alufolie liebe ich nämlich auch.
Als die Stewardess vorbeikam, fragte ich: Entschuldigen Sie, aber darf ich das Tablett vielleicht behalten.
Aber sicher, Schätzchen.
Ich sah meinen Dad strahlend an.
Ich aß alles auf. Mein Dad weniger. Ich wollte wissen, was er las.
»Anstieg der Mortalitätsrate bei alternden Mus musculus ähnlich langsam wie beim Menschen.«
Ist das eine Biografie.
Nein.
Ach.
Ich sah in meine Armlehne. Leute, die lesen, kann ich auf den Tod nicht ausstehen, sagte ich.
Mein Dad seufzte.
Mich ausgenommen, setzte ich hinzu und zerknüllte die Alufolie zu einer Kugel.
Müde, fragte mein Dad hoffnungsvoll.
 
Eigentlich nicht. Trotzdem musste ich eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, tat mir der Rücken weh, und mein rechter Arm hatte sich mit dem linken Arm von meinem Dad verheddert. Wir begannen mit dem Landeanflug. Der Pilot klang frisch und munter. Das Wetter in St. John’s ist der Jahreszeit entsprechend, sagte er über die Sprechanlage.
Die Triebwerke wechselten die Tonart. Ich gähnte. Wieder wechselte die Tonart. Ich summte mit. Ich sah aus dem Fenster. Wir schritten eine breite, unsichtbare Treppe hinab. Als wir durch die Wolken brachen, sah ich den Signal Hill mit dem Parkplatz obendrauf. Und den Hafen. Ich sah den Veni-Vidi Lake. Und dann sah ich das Meer.
Dann sah ich all das noch einmal. Und noch einmal. Dann sah ich den Wednesday Pond.
Guck mal, Dad!
Ich konnte sogar die beiden Schwäne erkennen, die ihre Hinterteile in die Luft streckten. Kannst du bis auf den Grund sehen. Nein. Du. Nein.
Das Flugzeug kippte so weit nach links, dass mein Fenster zum Fußboden wurde. Dann kippte es in die andere Richtung und wurde zum Oberlicht. Das war lustig. Anfangs jedenfalls.
Wir fliegen im Kreis, sagte ich.
Schleifen, um genau zu sein, sagte mein Dad und spähte über mich hinweg aus dem Fenster.
Warum.
Weiß nicht.
Da sagte jemand hinter mir: Probleme mit dem Fahrwerk.
Was ist ein Fahrwerk!, schrie ich.
Psst, Audrey. Setz dich wieder hin.
Was ist ein Fahrwerk, flüsterte ich.
Mein Dad schnallte mich an. Er riss die erste Seite seines Artikels ab und sagte: Warum malst du nicht ein Bild vom Wednesday Pond aus der Luft.
Dazu brauche ich aber meinen Tisch, sagte ich.
Eigentlich hatten wir die Tische einklappen sollen, aber mein Dad zog meinen aus der Lehne. Wir stürzen ab, sagte ich. Nicht wahr.
Nein, Schätzchen. Er gab mir einen Stift.
Ich zeichnete eine Karte vom Wednesday Pond auf die Rückseite des Blattes. Ich malte erst ein Haus, wo unser Haus stand. Und dann einen großen Pfeil, der darauf zeigte. Zuhause, schrieb ich.
Wieder kippte das Flugzeug zur Seite.
Ich beschloss, meine Karte mit einer Geheimbotschaft zu versehen. Ich wollte eine Geheimbotschaft in die Armlehne stecken. Damit das Flugzeug nicht abstürzte. Ein Flugzeug mit einer Geheimbotschaft in der Armlehne kann nämlich nicht abstürzen. Regel Nummer Eins von Geheimbotschaften in Flugzeugsitzarmlehnen.
Wie schreibt man Absturz, fragte ich meinen Dad.
Er buchstabierte es mir. Dabei schaute er an die Decke.
Wie schreibt man Fahrwerk.
Keine Antwort.
Wie schreibt man Wednesday
In diesem Augenblick beugte er sich vor und erbrach sich in die Bitte-hier-hinein-Kotztüte.
Ich hatte meinen Dad noch nie spucken sehen. Rasch knipste ich ein Bild.
Audrey, muss das …
Ich wedelte mit dem Bild, damit es sich entwickelte. Dann steckte ich es in die Armlehne. Ich spürte, wie auch mir übel wurde. Und nicht nur das, ich spürte auch mein Herz. Ich hatte es natürlich schon oft gespürt, wenn ich mir die flache Hand auf die Brust legte. Aber jetzt spürte ich mein Herz, ohne es berühren zu müssen. Es klopfte.
Mein Dad wischte sich den Mund ab. Warum hast du ein Foto gemacht.
Weil ich Angst habe.
Hinter uns sagte jemand: Die Flügel sitzen fest.
Ich sah aus dem Fenster. Saßen die Flügel denn nicht immer fest. Flattern sollten sie jedenfalls nicht. Oder doch.
Jemand anders sagte: Bald geht uns der Treibstoff aus.
Ich schrieb meine Geheimbotschaft fertig und »schickte« sie an die Armlehne. Bitte bitte bitte hoffentlich antwortet jemand.
Wir flogen noch immer Schleifen. Die Piloten sprachen nicht mit uns. Sie sagten nicht: Meine Damen und Herren, keine Angst, wir stürzen nicht ab. Also stürzten wir ab.
Sämtliche Stewardessen waren verschwunden. Jemand sagte: Wahrscheinlich verteilen sie Fallschirme an die Passagiere der ersten Klasse.
Ich öffnete meinen Sicherheitsgurt.
Was machst du denn da.
Meine Schwimmweste rausholen.
Nein, Audrey. Setz dich wieder hin.
Unter meinem Sitz war nichts außer dem Aktenkoffer meines Hintermannes.
Ich habe keine Schwimmweste!
Die ist unter dem Polster. Aber du brauchst sie nicht.
Doch. Doch. Wir stürzen ab, in den Teich ohne Grund.
Unsinn. Setz dich gerade hin. Und schnall dich an. Klick, machte der Gurt.
 
Es gab keine Zukunft. Ich spürte keine Zukunft. Es gab kein Danach. Es gab nur nichts, nichts, nichts.
Oder doch nicht.
Denn plötzlich erinnerte das Flugzeug sich an seine Vergangenheit als Dinosaurier. Ich muss langsam und nicht schnell vom Himmel fallen. Tut mir leid. Verzeihung. Kommt nicht wieder vor. Ich musste nur rasch meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Lassen Sie mich in die Waagerechte zurückfinden. Worauf das Flugzeug in die Waagerechte zurückfand. Lassen Sie mich langsam sinken. Worauf wir langsam sanken. Immer und immer langsamer. In Zeitlupe näherte sich unser Zuhause. Wir stiegen aus. Ganz wacklig und mit weichen Knien schwankten wir über festen Boden. Mein Dad trug mich zum Wagen auf dem Langzeitparkplatz. Unser Zuhause hüllte sich in leuchtend weißen Nebel. Ich kniff die Augen zusammen. Ich roch Meer. Ich roch Stein. Ich roch kleine Bäume, die wie Kraut und Rüben durcheinanderstanden.
Keine Bienen mit Sonnenbrillen. Keine Mörder. Ich schaute in den Himmel. Was war dort oben bloß geschehen.
Kaum hatte mein Dad mich abgesetzt, flitzte ich zum Auto und küsste es zwischen die Augen.
Komm, alte Zimtzicke, steig ein.
Nie wieder Langzeitparken, flüsterte ich.
Ein paar Wochen später nahmen wir Wedge aus dem Labor mit nach Hause. Ich wollte Wedge ewiges Leben schenken, und dazu konnte mein Dad einfach nicht Nein sagen.
 
Onkel Thoby sitzt mit Toff auf der Veranda. Ich höre ihre Flüsterstimmen. Mit Großmutter stimmt irgendwas nicht. Sie ist gestürzt. Ein böser Unfall. Toff hat einen Anruf bekommen, und jetzt spricht er mit Onkel Thoby. Ich lehne mich aus der Haustür. Ich habe dir ein Clint gerufen.
Wie bitte, sagt Toff.
Ich habe dir gerade ein Taxi gerufen. Mach dich fertig. Es ist gleich da.
Oddly, das ist eine ernste …
Ihr habt zwei Minuten Zeit. Kommt zum Schluss.
Ich gehe wieder rein.
Toff verlässt den Leichenschmus als Letzter. Warum unterhalten sie sich draußen. Entweder weil ich ihr Gespräch nicht mithören soll, oder weil Toff ohne Zigarette nicht klar denken kann. Wahrscheinlich beides. Sollte ich mir wegen Großmutter Sorgen machen. Vermutlich, aber damit kann ich leider nicht dienen.
Sie ist todtraurig, sagt Onkel Thoby jetzt zweifellos zu Toff.
Und Toff beklagt sich zweifellos darüber, dass ich nicht halb so traurig sei, wie es Großmutter gebühre, schließlich hätte ich den Mann von Christmatech schamlos belogen, wie er zufällig mitbekommen habe. Je. Nun.
Toff fliegt morgen nach Hause. Zurück ins enge Land. Eigentlich wollte er noch zwei Tage länger bleiben, aber Großmutters Sturz hat ihn bewogen, seine Abreise vorzuziehen.
Ich falle fast um vor Müdigkeit. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gelegen. Ich nehme die Treppe ins Visier. Oben steht ein Bett mit meinem Namen darauf. Aber oben ist auch das leere Zimmer von meinem Dad. Ob ich schon so weit bin, das Parterre zu verlassen. Ich marschiere seit Tagen im Kreis – Küche, Wohnzimmer, Badezimmer, Flur. Höchste Zeit, neue Wege zu gehen. Oder nach oben.
An der Wand, auf halber Höhe der Treppe, hängt ein süßes Bild von mir mit einem Fünf-Dollar-Schein über den Augen. Damals dachte ich, ich sei die Queen, dabei bin ich in Wahrheit Wilfrid Laurier. Onkel Thoby hat das Bild gemacht. Es war Weihnachten, und wir hatten uns gerade die Ansprache der Queen angeschaut, bei der mein Dad immer kichern musste und ich Chawles und Flip sagte und ein Diadem aus Alufolie bastelte. An besagtem Weihnachtsfest kam ich auf die Idee, mir eine Queen-Elizabeth-Maske aus Geldscheinen zu basteln. Mein Dad nannte mich ständig Wilfrid, und ich kapierte nicht, warum, bis er mich darauf hinwies, dass die Queen keineswegs auf allen Geldscheinen abgebildet sei. Echt nicht! Nein. Aber ich konnte zwischen der Queen und Wilfrid Laurier, ehrlich gesagt, keinen nennenswerten Unterschied feststellen. Die sehen doch genau gleich aus, sagte ich.
Nicht ganz, sagte Onkel Thoby.
Ich bin auf halber Höhe der Treppe angelangt. Ich nehme das Bild von der Wand und setze mich auf eine Stufe. Nach einer Weile spüre ich, wie die Veranda erzittert. Jemand macht den Abgang. Hoffentlich der Richtige.
Langsam gleite ich auf dem Hinterteil treppab. Werfe einen verstohlenen Blick durch die Fliegentür. Onkel Thoby steht auf der Veranda. Ein Wagen fährt davon. Die Scheinwerfer strahlen ihn an. Er hebt die Hand. Als der Wagen weg ist, beugt er sich über das Geländer, als ob ihm übel wäre. Ist ihm übel. Er ist ohne Bitte-hier-hinein-Kotztüte.
Aber nein, ihm ist nicht übel. Er stützt sich auf das Geländer. Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen. Gluckgluck, weg ist es. Hoch mit dir. Und raus auf die Veranda.
Als wir Verlaines Auto angeschoben haben, schien es ihm gut zu gehen. Richtig gut. Ich sprang in seine Arme, und er hob mich sogar hoch.
Es geht ihm nicht gut.
Ich weiß. Und als mir das Wort Absturz durch den Kopf schießt, geht er auch schon in die Knie und stürzt krachend auf die Dielen.
Ich springe auf. Ich habe die Hand am Türknauf. Er kniet zusammengesunken auf der Veranda. Weint. Und ich bin wie gelähmt. Ich beobachte ihn heimlich, hinter seinem Rücken. Dieser Anblick ist nicht für dich bestimmt. Zieh dich zurück.
 
In meinem Zimmer mache ich kein Licht. Ich klettere ins Bett. Meine Augen wollen sich nicht an die Dunkelheit gewöhnen. Sie haben sich an so vieles gewöhnen müssen. Und jetzt hat es sich ausgewöhnt. Mach uns einfach zu. Ich mache sie zu. Und sehe nichts. Beim bloßen Gedanken daran, dass er weint, schnürt sich mir die Kehle zu. Ich drehe mich auf die Seite und verschlinge die Arme wie ein Korkenzieher. Jetzt sehe ich die roten Lichter des Christmatech-Vans auf der Innenseite meiner Lider blinken. Ich sehe ein rotes Rechteck in einem weißen Straßenlabyrinth. In diesem Van ist mein Dad noch am Leben. In diesem Van lebt mein Dad. Ich laufe ihm hinterdrein. Da verwandelt er sich in den Lada. Meine Arme sind so stark, dass ich den Wagen hochheben kann.
Mein Dad hat Onkel Thoby gerettet. Er ist nach England geflogen, um ihn zu retten. Er hat ihn überredet, zu uns zu kommen. Frag nicht, was du für dein Land tun kannst. Frag dich, was du für Onkel Thoby tun kannst. Nein. Ich meine, frag dich nicht, was du ohne deinen Dad tun wirst. Frag dich, was Onkel Thoby tun wird. Wach auf und frag dich.
Ich werde ihn beschützen.
Du bist schon im Montage-Land.
Das war unglaublich nett von dir, Judge Julian-Brown. Dass du dich persönlich herbemüht hast, um meinen Dad vor euren fehlerhaften Lichterketten zu beschützen.
Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass unsere Kunden noch am Leben sind.
Danke, sehr freundlich.
Auf dem Küchentisch steht das selbstgebaute Labyrinth, das Wedge vor ein paar Jahren von meinem Dad zu Weihnachten bekommen hat. Wir setzten Wedge in die Mitte. Wo er einfach hocken blieb und sich die Ohren wusch.
Es gefällt ihm, sagte ich zu meinem Dad. Bestimmt.
Onkel Thoby legte meinem Dad die Hand auf die Schulter. Ist das Hampton Court.
Du hast’s erfasst.
Du hast Hampton Court nachgebaut, staunte Onkel Thoby.
Noch immer keine Reaktion von Wedge, obwohl am Ausgang ein Stück Käse lag.
Wo ist Hampton Court, fragte ich.
London.
Dein Dad und ich haben uns einmal in Hampton Court verlaufen.
Zusammen oder einzeln.
Zusammen.
Als ihr noch klein wart, sagte ich.
Nein.
Wir saßen um den Tisch und warteten darauf, dass Wedge den Käse witterte. Stattdessen machte er es sich in einer Ecke gemütlich und putzte sich. Schließlich stand Onkel Thoby auf und vertauschte den Käse mit einem Stück Lakritz. Das klappt bestimmt.
Und tatsächlich. Wedge stieg auf die Zehenspitzen, zog sich mit den winzigen Händen an der Wand hoch und schnupperte. Nach sechs Minuten hatte er den Weg aus dem Labyrinth gefunden.
Ich kann es immer noch im Kopf. In gerade einmal zwei Minuten. Im Schlaf sogar noch schneller. Das Schöne an Labyrinthen ist, dass es immer eine Lösung gibt. Es gibt immer einen Weg hinaus. Wer würde auch ein Labyrinth ohne Ausgang bauen.
015
 
Angenommen, das Leben würde ewig währen. Von Unfällen wie Flugzeugabstürzen einmal abgesehen. Je nun. Ein Jahr nach der Flugzeuggeschichte – ich träumte nach wie vor von unserem Beinahe-Absturz – eröffnete mir mein Dad, dass er für eine Weile nach England müsse.
Wir hatten gerade ein Kapitel von Zwischenleben ausgelesen, einer Biografie über Shirley MacLaine von Shirley MacLaine. Shirley wollte in ein Flugzeug steigen und nach London fliegen. Und, ach übrigens, er auch.
Er stand auf und räumte den Tisch ab.
Was!
Er müsse seinem Bruder Thoby unter die Arme greifen, der in einer schweren Krise stecke, also quasi Zwischenleben und Tod …
Was. Lass Shirley aus dem Spiel.
Pardon, sagt er. Ich muss nach England fliegen und Onkel Thoby aus einer Klemme helfen. Er ist ziemlich arm dran.
Mein Dad sprach zwar hin und wieder von einem Bruder, aber in letzter Zeit hieß es ständig Onkel Thoby dies und Onkel Thoby das. Als ich sagte: Onkel Thoby. Den kenne ich doch von Großvaters Beerdigung, sagte mein Dad: Nein, das kann nicht sein.
Wohl. So einer mit langem Bart.
Das war Toff.
Ach.
Onkel Thoby war nicht bei der Beerdigung.
Warum. Das sei eine lange Geschichte, sagte mein Dad. Onkel Thoby sei das schwarze Schaf der Familie.
Interessant. Ich dachte, du wärst das schwarze Schaf der Familie.
Wenn du Onkel Thoby schon mal gesehen hättest, würdest du dich an ihn erinnern, sagte mein Dad.
Na gut, sagte ich. Aber ob es dieses schwarze Schaf tatsächlich wert sei, sein ewiges Leben zu riskieren. Wohl kaum. Außerdem sei mir aufgefallen, dass er mich anscheinend nicht dabeihaben wolle. Warum eigentlich nicht. Auch wenn ich mir weiß Gott Angenehmeres vorstellen könne, als mich schon wieder in ein Flugzeug zu setzen.
Diese Reise ist nichts für Audrey.
Herrgott. Und was für eine Reise ist dann was für Audrey.
Diese jedenfalls nicht.
Ich habe ungefähr tausend Fragen, sagte ich.
Na gut, sagte er. Und so zogen wir uns zu einem ernsthaften Gespräch ins Wohnzimmer zurück.
Das Wohnzimmer in Wednesday Place Nummer 3 war reserviert für:
1. ernsthafte Gespräche
2. den dämlichen Papierkram von meinem Dad (wissenschaftliche Artikel, die er über das Sofa verstreute und auf dem Fußboden stapelte)
3. Wedge.
Früher nannte mein Dad das Wohnzimmer Salon, was Französisch ist und Besuchs- oder Empfangszimmer bedeutet, obwohl wir eigentlich so gut wie nie Besuch empfingen. Als wir Wedge zu uns nahmen, einigten wir uns darauf, künftig Wohnzimmer zu sagen. Schließlich würde Wedge fortan darin wohnen.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer lief ich gegen einen seiner dämlichen Artikelstapel und sagte: Hoppla, wieder ein Leonel dahin. Ich nannte all seine Artikel Leonel, nach Leonel de Tigrel, der die meisten davon geschrieben hatte und der Erzfeind war von meinem Dad.
Mein Dad sagte, Leonel de Tigrel sei nicht sein Erzfeind. Aber ich weiß noch, wie er einmal so wütend wurde, dass er einen Artikel in den Teich ohne Grund warf, und als ich ins Wasser watete, um ihn herauszufischen, lautete der Name auf der Titelseite – der größte Name jedenfalls – Leonel de Tigrel. Ich nickte. Leonel de Tigrel war es, der einen Frosch erfolgreich in eine Kaulquappe zurückverwandelt hatte. Leonel de Tigrel war in Cambridge eine große Nummer. Na, dem würden wir es schon zeigen.
Mein Dad konnte es nicht ausstehen, wenn ich seine Artikel Leonel nannte. Er sagte: So produktiv ist der Mann nun auch wieder nicht.
Er räumte das Sofa frei. Setz dich, sagte er.
Ich ging hinter das Sofa und hockte mich aufs Fensterbrett.
Also gut. Er setzte sich und drehte sich zu mir herum. Er sagte, Verlaine werde zu uns ziehen und sich um mich kümmern, solange er weg sei.
Verlaine, der Schweizer Troll, der Mäuse frisst!
Mein Dad blickte zum Kaminsims, wo Wedge eben aufwachte und sich frisierte.
Die macht aus Wedge bestimmt ein Sandwich, flüsterte ich.
Unsinn.
Tja. Dann verstecke ich ihn eben unter meinem Bett.
Meinetwegen.
Meine Füße kletterten den Fensterrahmen hoch. Und wie soll ich all die Jahre ohne eine Biografie auskommen.
Wieso Jahre. Vier Wochen. Außerdem kann Verlaine dir genauso gut Shirley MacLaine vorlesen wie ich.
Ich sah ihn strafend an.
Oder auch nicht. Dann musst du Shirley eben selber lesen.
Ich kann aber nicht lesen.
Shirley schon. Du kannst schreiben. Und wer schreiben kann, der kann auch lesen.
Stimmt nicht. Immer wenn ich zu lesen versuchte, blätterte ich rückwärts. Das kam daher, dass ich meinem Dad so oft beim Lesen zugesehen hatte. Seine rechte Seite war immer meine linke. Und als ich schließlich auf der anderen, nämlich seiner Seite eines Buches saß, blätterte ich immer die linke Seite um und kam dabei völlig durcheinander. Außerdem war es auf der anderen Seite eines Buches ziemlich einsam ohne meinen Dad.
Mein Dad meinte, Bücher lesen sei wichtiger, als sich Filme wie Krieg der Sterne anzusehen. Lesen sei vor allem deshalb so wichtig, weil ich dann alle Witze auf der Welt verstehen würde.
Was denn für Witze.
Du verstehst nur etwa zwanzig Prozent der Witze, sagte er. Und das ist nicht gerade viel.
Zwanzig Prozent!
Jetzt zwickte mich mein Dad ins Bein und sagte: Ich habe eine Idee. Warum schreibst du nicht selbst eine Biografie, solange ich weg bin. Und wenn ich wiederkomme, lese ich sie. Was hältst du davon.
Ich nickte. Ziemlich clever.
Biografin gehört definitiv zu deinem Repertoire, sagte er.
Und über wen soll ich eine Biografie schreiben.
Draußen stieg Jim Ryan in sein Auto und fuhr aus seiner Einfahrt.
Wie wär’s mit ihm.
Wie schwiegen einen Augenblick. Dann lachte mein Dad. Er fand sich wahnsinnig komisch.
Wir unterhielten uns noch eine Weile. Ich stellte viele Fragen. Sie waren alle dumm. Schließlich stellte ich die alles entscheidende, ganz und gar nicht dumme Frage: Wie kannst du schon wieder nach England fliegen, obwohl es uns letztes Mal ermorden wollte.
Mein Dad griff über die Rückenlehne des Sofas und strich mir den Pony aus dem Gesicht. Seine Hand war warm und trocken. Niemand wollte uns ermorden, Audrey.
Ich glaube doch.
Ich muss Onkel Thoby helfen, sagte er. Und damit basta.
 
Am Abend vor seiner Abreise kam Verlaine zum Essen. Sie spießte Babykartoffeln auf ihre Gabel und verschlang sie mit Haut und Haaren, während mein Dad sie in die Geheimnisse unseres Hauses einweihte. Er erzählte ihr von der Trockenpumpe. Er erklärte ihr den Nordwestschubs. Audrey weiß, wie er geht. Dann sagte er: Wedges Futter …
Ich trat ihn unter dem Tisch. Welches Futter darf ich dir zum Dessert anbieten, verbesserte ich. Wir haben nur Eiscremesandwiches, also sag die.
Die, sagte Verlaine.
Ich öffnete das Gefrierfach. Shirley stemmte die Arme in die Hüften und hielt das Fenster einen Spaltbreit offen.
Mein Dad erklärte Verlaine meinen Tagesablauf. Ehrlich gesagt, hat Audrey im Sommer keinen geregelten Tagesablauf. Sie muss lediglich um Punkt zehn Uhr ins Bett.
Ich schreibe eine Biografie, sagte ich und warf das Dessert auf den Tisch. Vormittags. Das ist mein Tagesablauf.
Ach ja. Audrey schreibt eine Biografie über unseren Nachbarn, sagte mein Dad. Vormittags.
Verlaine packte ihr Eiscremesandwich aus. Eine Biografie über euren Nachbarn.
Mh-hm.
Wie interessant.
Er weiß aber nicht, dass ich seine Biografin bin, sagte ich. Also kein Wort darüber, okay.
Verlaine versiegelte ihre Lippen.
Jetzt war es an der Zeit, sich ihren Tagesablauf anzuhören, in den ich, Audrey, eingebunden werden sollte. Na prima. Ich faltete das Schokoladendach meines Eiscremesandwiches zu einem Fächer. Dann aß ich ein Fächersegment nach dem anderen.
Da sei einmal das Obacht-Gebäude. Und dann natürlich das Pferd.
Ich wusste doch, dass die Sache einen Pferdefuß hatte.
Ob es mir etwas ausmachen würde, jeden Tag zum Stall hinauszufahren und mich ein, zwei Stunden um das Pferd zu kümmern.
Ich sah meinen Dad an, als ob ich sagen wollte: Das klingt aber ziemlich gefährlich, findest du nicht.
Ähm.
Du hast Eis da und da, sagte er und zeigte mit dem Finger.
Ich wischte mir den Mund an meiner Schulter ab. Wie heißt dein Pferd, fragte ich.
Rambo. Worüber mein Dad lachen musste. Also lachte ich auch.
 
Am nächsten Tag standen Verlaine und ich hinter dem Maschendrahtzaun am Flughafen und winkten dem Flugzeug von meinem Dad. Mein Dad hatte versprochen, mit einem hellen, weißen Gegenstand wie der Kotztüte zurückzuwinken. Also winkte er mit der Kotztüte.
Aber versprich mir, dass du sie nicht brauchst.
Keine Angst.
Ich hatte ihm eine Geheimbotschaft ins Handgepäck gelegt, in der stand: Liebes Flugzeug. Nicht abstürzen. Ich hab dich lieb.
Ein kleines Auto schob das Flugzeug aus dem Gate, weil Flugzeuge nicht rückwärtsfahren können, was mir ein schwerwiegender Konstruktionsfehler zu sein scheint, aber was weiß ich schon. Das Auto war viel zu klein, um eine so fette Taube wie dieses Flugzeug anzuschieben. Ich hielt nach den Piloten Ausschau, aber im Cockpit war es dunkel. Mit Kotztüten winkten sie jedenfalls nicht.
Mir war kotzübel. Mein Dad flog ohne mich. Ich kletterte am Zaun hoch, und Verlaine hielt mich an meinem T-Shirt fest. Sie zog zwar nicht, aber ihr Griff sagte: Bis hierher und nicht weiter. Ich steckte Hände und Zehen durch den Zaun. Klammerte mich fest. Der Wind war flatterig.
Das Flugzeug rollte auf seinen dürren Taubenbeinchen langsam über die Rollbahn. Ich ließ mit einer Hand los und winkte, aber niemand winkte zurück. Er sitzt auf der anderen Seite, sagte Verlaine. Warte, bis die Maschine wendet.
Tauben können nicht richtig fliegen. Zumindest die Tauben, die ich kenne. Sie bleiben höchstens eine Minute in der Luft und fallen dann wieder herunter. Und dann sind sie eine Stunde aus der Puste.
Am Ende der Rollbahn wendete das Flugzeug. Es stand eine Weile da und sammelte seine Gedanken. Dann gürtete es die Lenden.
Jetzt konnte ich ihn winken sehen. Etwas Weißes blitzte im vierzehnten Oval.
Dad!
Ich sprang vom Zaun und winkte. Riesengroß. Mit beiden Armen.
Verlaine winkte auch.
Die Lenden gürteten immer lauter. Das Flugzeug setzte sich in Bewegung. Immer und immer schneller rollte es auf seinen dürren Beinen. Und dann, statt abzuheben, ließ die Erde es einfach los. Die Erde ließ erst das Vorderrad und dann die Hinterräder los. Das Flugzeug kletterte steil und langsam in den Himmel. Zu steil und zu langsam. Gleich fällt es wieder runter. Ich hielt mir die Augen zu. Und dann wieder auf.
Wissen Sie noch, wie Luke in Das Imperium schlägt zurück von Yoda zum Jedi-Ritter ausgebildet wird. Er hebt Lukes Flugzeug nur mit Hilfe der MACHT aus einem Sumpf. Er zeigt auf das Flugzeug, und es schwebt in der Luft.
Ich zeigte auf das Flugzeug von meinem Dad. Bleib in der Luft.
Die Flugzeugbeine knickten ein.
Das Flugzeug wurde so lächerlich klein, dass mein Dad unmöglich noch darinsitzen konnte.
Es war das erste Mal, dass wir getrennt waren. Das allererste Mal. Verlaine nahm meine Hand. Wir gingen über den Parkplatz zurück zum Auto. Ich drehte mich immer wieder um. Wir stiegen in den Lada. Wir machten die Türen zu, und der Wind kam durch das Loch im Boden.
Was, wenn das jetzt für immer ist.
 
Rambo hat so große Augen, dass du richtig hineinsehen kannst. Ich meine, direkt in die Pupille. Und was siehst du darin. Eine dunkelblaue Welt mit einem Berg, der auf dem Kopf steht. Und du denkst an die Worte von deinem Dad, der dir erklärt hat, dass das Auge alles auf dem Kopf sieht und das Gehirn es wieder auf die Füße stellt, und du fragst dich, ob du diesen Vorgang bewusst miterlebst. Ob du das umgekehrte Bild vielleicht doch sehen kannst.
Verlaine sagt: Du kannst ihm ruhig den Hals tätscheln.
Und du tätschelst ihm den Hals. Und es ist Liebe. Und nach einer Weile weißt du, dass er es mag, wenn du ihn am Hals kratzt, unter seiner Mähne, wo es heiß wird. Und wenn er mit gesenktem Kopf in seiner Box steht, hat er nichts dagegen, wenn du die kleine Delle über seinem Auge küsst. Und er legt dir für sein Leben gern die Nase auf die Schulter und kaut auf einer Haarsträhne herum. Und er mag Möhren. Und wenn du seine Unterlippe herunterziehst, findest du dort Möhrenreste, die er sich für später aufgehoben hat. Seine Zähne sind dick und fett und nicht besonders furchterregend.
Warum sie ihr Pferd wohl nach dem schwitzenden Schießprügler Sylvester Stallone benannt hat.
Verlaine sagt, ein Pferd gehe auf den Mittelfingern. Jetzt, wo ich Rambo etwas besser kenne, wundert es mich nicht, dass er mir den Finger zeigt. Er hat manchmal ziemlich schlechte Laune.
Nein, mit Mittelfingern meine sie, dass Pferde in grauer Vorzeit Pfoten mit Stummelfingern hatten, und alle bis auf den Mittelfinger seien ins Bein zurückgekrochen und versteckten sich darin, unter dem Fell, bis auf den einen, der immer noch daraus hervorlugt und Kastanie heißt. Der Huf ist also in Wirklichkeit ein alter Mittelfinger.
Wenn man den Huf hochhebt, hat er ein Dreieck in der Mitte, das man Strahl nennt. Der Strahl ist ein Stoßdämpfer, damit Rambos Zahnstocherbeine beim Laufen nicht zerbrechen. Außerdem ist der Strahl ein zweites Herz, das das Blut in die unglaublich langen Beine zurückpumpt.
Er hat also fünf Herzen.
Sozusagen. Verlaine lässt den Huf wieder sinken.
Ich baue mich vor Rambos Umkehraugen auf und starre geradewegs hinein. Du verrückter Bursche. Was für ein wundersames Tier.
 
Verlaine geht mit mir in die Stadt, in ein Geschäft mit einem Schild, das quer aus der Wand ragt wie eine Fahne. Auf dem Schild steht SATTLEREI. Sattler-Ei, sage ich.
In der Stadt ist alles rappelvoll. Verlaine braucht fünf Anläufe, um den Lada einzuparken. Die Geschäfte stehen Schulter an Schulter und bieten alle mehr oder weniger das gleiche Bild: Lebensmittel, Kleider, Bücher. Lebensmittel, Kleider, Bücher. Nur das Sattler-Ei fällt aus dem Rahmen. Als wir eintreten, klingelt krächzend ein kleines Glöckchen.
Pferdesachen!
Der Sattler heißt Larry und sieht aus wie ein Ei mit einem langen schwarzen Zopf. Der Zopf fängt oben ganz dick an und wird dann nach unten immer dünner, bis er nur noch drei mickrige Strähnen hat. Der Zopf fällt ihm aber nicht gerade auf den Rücken, sondern kommt über seine Schulter gekrochen, um Guten Tag zu sagen. Verlaine sagt: Wir suchen einen Reithelm.
Ich lege mir unauffällig den Pferdeschwanz über die Schulter und sehe mich um.
Viel braunes Leder. Auf dem Fußboden Kübel voller Bürsten mit hellen Borsten. Manche Bürsten sind hart. Andere weich. Wieder andere mittel. Ich nehme eine weiche und toupiere mir damit den Pony. Boah, elektrisch. Daneben steht ein Kübel mit silbernen Fragezeichen. Ich lasse eins davon um meinen Finger wirbeln und schiebe es mir in die hintere Hosentasche.
Das Sattler-Ei macht keinen besonders eifrigen Eindruck. Er verschwindet in einem Hinterzimmer und kommt mit einem Karton zurück. Ich schätze, sagt er (und starrt auf meinen Pony), einundfünfzig/zweiundfünfzig. Ja, das müsste ungefähr hinkommen.
Wenn Larry mich für so alt hält, irrt sich das Sattler-Ei aber gewaltig.
Larry macht sich an dem Karton zu schaffen. Fünf von Larrys eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn Fingern haben lila blaue Flecken, weil sie unter den Hammer oder in eine Autotür geraten sind.
Auf dem Karton ist ein Bild von einem Mädchen auf einem weißen Pferd, das über ein Hindernis springt. Sie hat einen schwarzen Samthelm auf, und ihre braunen Haare fallen ihr auf den Rücken wie ein Biberschwanz. Sie wendet den Kopf und starrt gebannt auf das nächste Hindernis. Das nächste Hindernis ist rot-weiß gestreift wie eine quergelegte Zuckerstange.
Larry holt einen schwarzen Samthelm aus dem Karton und reicht ihn Verlaine, die ihn wie eine Krone über meinen Kopf hält.
Nimm mal den Pferdeschwanz herunter, befiehlt er.
Ich nehme.
Und sehe nach oben. Der Helm ist mit rotem Samt ausgeschlagen. Auf dem Schweißband steht in goldenen Ziffern 51/52.
Der Helm passt wie angegossen. Verlaine zurrt den Kinnriemen fest. Dann haut sie mit zwei Fingern auf den Schirm. Er gibt nicht nach.
Merci, Larry, sagt sie.
Der neue Helm drückt mir die Haare platt. Mit dem Helm fühle ich mich gleich ganz anders. Älter. Ich betrachte mein Spiegelbild im Autofenster. Bevor ich einsteige, wende ich den Kopf und sehe nach, ob Passanten in der Nähe sind. Nein. Gut.
Wie ich gerade den Kopf gewendet habe. Genau wie das Mädchen auf dem Karton.
Ich zwänge mich ins Auto. Ich habe einen Hufkratzer geklaut. Hoppla.
Verlaine fragt, ob ich den Helm im Wagen anbehalten möchte, und ich sage Ja.
Die Straße rast unter dem Bodenloch dahin. Die Stadt sieht anders aus, seit ich einen Reithelm habe. Seit ich weiß, dass es in der Stadt ein Sattler-Ei mit schwarzem Zopf gibt. Seit ein Pferd ganz in der Nähe ist, zu dem man fahren kann. Mit Helm könnte ich den Lada wahrscheinlich sogar selber fahren.
Ich betrachte den Karton auf meinem Schoß von allen Seiten und frage Verlaine, wie es das Mädchen schafft, dass ihre Haare wie ein Biberschwanz aussehen.
Mit einem Haarnetz, sagt sie. Kurze Haare sind viel praktischer.
Verlaines Haare stehen ab, als ob sie einen Stromschlag bekommen hätte. Nein danke.
Kann ich ein Haarnetz haben.
Also halten wir auf dem Weg zum Stall bei einem Drugstore. Ich wusste gar nicht, dass es dort auch Haarnetze gibt. Alles, was ich brauche, ist überall da, wo ich es brauche.
 
Die Stadt ist neu und anders. Ich habe einen Reithelm mit schwarzem Schirm und blinzele nicht mehr in die Sonne. Mein Dad ist nicht in der neuen Stadt. Und ich rechne nicht damit, ihn dort zu finden. Darum fehlt er mir auch nicht. Ich weiß, das ist der Zweck der Übung. Aber nachts. Nachts, wenn mein Kopf splitterfasernackt auf meinem Charlie-Brown-Kissen liegt, fehlt mein Dad mir immer noch ganz schrecklich.
Ich mache mich, wenn auch eher lustlos, an meine Jim-Ryan-Biografie. Ich habe ein Heft, auf dem steht: Leben und Abenteuer des Jim Ryan, aber bisher habe ich weiter nichts geschrieben als: Jim Ryan ist mutig. Jim Ryan ist doof.
Neulich ist er auf eine Leiter gestiegen und hat mit einem Besen auf ein Wespennest eingedroschen. Die Wespen haben sich natürlich auf ihn gestürzt, und er musste die Flucht ergreifen. Später, als sich die Aufregung gelegt hatte, ist Mrs. Ryan in einem geblümten Kleid mit langen Ärmeln und einer Dose Dingsbums auf die Leiter gestiegen. Und weg waren sie, die Wespen.
Zum Glück sieht man vom meinem Zimmerfenster aus direkt auf das Haus meines Forschungsgegenstandes. Die meisten Biografen würden für so eine Gelegenheit ihre Großmutter verkaufen. Verlaine schlägt vor, ich solle nach draußen gehen und den Mann interviewen. Ihm beichten, dass ich seine Biografin bin.
Also. Ich war schon mal mit der Kamera draußen und habe ein paar Fotos für den Umschlag gemacht.
Den Umschlag der Biografie, von der er nicht weiß, dass du sie schreibst.
Genau.
 
Jim Ryan wendet den Kopf und sagt: Schöner Helm.
Danke.
Soll ich mich in Pose werfen.
Nein. Lassen Sie sich nicht stören.
Mögliche Umschlagfotos:
1. Jim Ryan rollt einen Schlauch auf.
2. Jim Ryan flüchtet vor Wespen.
3. Jim Ryan schlägt ein Rad in seiner Einfahrt. (Ach, würde Jim Ryan doch bloß ein Rad schlagen in seiner Einfahrt!)
Wenn ich nicht gerade an der Biografie schreibe, reite ich. Wenn ich Rambo reite, müssen die Steigbügelriemen doppelt und dreifach gelegt werden, weil meine Beine viel zu kurz sind. Halt dich an der Mähne fest, sagt Verlaine, nicht an den Zügeln. In seiner Mähne habe Rambo kein Gefühl, versichert sie.
Kein Gefühl. Ich zupfe an seiner Mähne und beuge mich so weit vor, dass ich ihm ins Gesicht sehen kann. Keine Reaktion. Ich ziehe ein bisschen fester. Er stöhnt. Und marschiert schnurstracks Richtung Scheune.
Der Schritt ist ein viertaktiger Gang, sagt Verlaine. Der Trab ist zweitaktig. Der Galopp dreitaktig. Normalerweise berührt mindestens ein Huf den Boden.
Ah, gut, sage ich. Gut. Dann denke ich darüber nach. Und sehe zu Verlaine hinunter.
Ja, es gibt Augenblicke, Sekundenbruchteile, wenn keiner der vier Hufe den Boden berührt. Zum Beispiel beim Galopp.
Heiliger Lada, sage ich.
Der Stall liegt in Flughafennähe, und manchmal fliegen die Flugzeuge so tief, dass ihr Fahrwerk meinen Reithelm streift. Na ja, fast jedenfalls. Wenn die Flugzeuge tief fliegen, ziehe ich den Kopf ein, und Rambo wirbelt herum, und Verlaine muss ihn festhalten. Alle vier Hufe verlassen den Boden.
Hat er Angst vor dem Lärm. Oder dass das Flugzeug abstürzt. Oder was.
Verlaine sagt: Er hat eigentlich gar keine Angst. Er tut nur so.
Tut nur so!
Flugzeuge, sagt sie, sind für ihn ein alter Hut.
016
 
Allmählich vergesse ich die alte Verlaine. Sie ist kein Kellertroll. Sie begrüßt mich zwar noch immer à la Suisse, aber ihre Arme kommen mir nicht mehr so gefährlich vor. Ich zerre Wedges Terrarium unter meinem Bett hervor. Sie lacht. Dachtest du, ich wüsste nicht, dass die Maus irgendwo im Haus ist.
Nach jeder Mahlzeit essen wir Eiscremesandwiches, sogar nach dem Frühstück.
Sie holt Wedge mit gekonntem Griff aus seinem Terrarium. Hallo, mein kleines Sandwich. Sie krault ihn hinter dem Ohr mit der 18 drauf, und Wedge wird ganz verträumt und schließt die Augen.
Ich sehe ihr zu. Liebst du Rambo.
Natürlich.
Und die Mäuse im Labor von meinem Dad auch.
Non.
Warum nicht.
Weil ich es nicht möchte.
Aber liebst du sie insgeheim vielleicht doch und tust nur so, als ob nicht.
Was.
Liebst du sie insgeheim vielleicht doch.
Non.
Insgeheim.
Non.
Wedges Barthaare zucken. Er streckt sich.
Also, ich liebe alle Tiere, sage ich und nehme ihn. Er setzt sich quiekend zur Wehr.
Auch Fliegen, sagt Verlaine.
Ich will eben Ja sagen, als mir einfällt, dass ich heute Morgen erst eine erschlagen habe.
Man liebt, was zu einem gehört.
017
 
Mein Dad ruft an. Ich erzähle ihm von Rambo. Ich gerate ins Schwärmen.
Er sagt: Höre ich da etwa Wedge in seiner Kugel.
Ja, ja! Wedge rollt gerade über die Küchenf liesen.
Dann hat Verlaine ihn also noch nicht verschlungen.
Nein, sage ich prustend. Wie kommst du denn darauf.
Ich reiche Verlaine den Hörer und folge Wedge ins Wohnzimmer.
In Ordnung. Ja. Gut. Non. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich das Kind ohne Helm auf ein Pferd setzen würde. Sie würde ihn am liebsten gar nicht mehr abnehmen. Sie ist ein Naturtalent.
Mir wird ganz heiß vor lauter Glück. Hast du das gehört, Wedge. Ein Naturtalent. Moi.
Wedge streckt die Händchen in die Luft und kommt auf mich zugekullert.
Ich winkle die Arme an, als hielte ich Zügel in der Hand, und prüfe meinen Bizeps.
 
Drei Wochen ohne meinen Dad, und schon ist eine couragierte Reiterin aus mir geworden. Sagt Verlaine. Ich ducke mich nicht mehr, wenn die Flugzeuge tief fliegen. Ich gebe Rambo einen Klaps auf den Hals und sage ihm, er solle sich beruhigen. Im Leichttrab halte ich inzwischen mühelos den Takt. Wir machen einen Ausritt. Ich reite, und Verlaine geht nebenher. Die Pfade sind holprig, und Verlaine klagt über die Steine, die sich vermehren wie die Karnickel. Wir überqueren einen Fluss. Verlaine springt von Stein zu Stein. Manchmal sind Steine anscheinend doch zu etwas nütze. Rambo säuft ausgiebig, und ich beuge mich vor und schlinge ihm die Arme um den Hals. Ich spüre, wie die Schlucke durch seine Kehle wandern.
Der Pfad endet an einem Maschendrahtzaun, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Auf der anderen Seite ist ein Feld, dann Asphalt.
Das ist die Rollbahn, sagt Verlaine. Und da ist der Flughafen. Sie zeigt auf ein klitzekleines Gebäude.
Heiliger Lada.
Sag nicht immer Heiliger Lada, du freche souris.
Wir warten auf ein Flugzeug. Schließlich kommt eins. Rambo spitzt die Ohren. Das Flugzeug ist ein Punkt, der immer größer wird. Es sinkt und wird größer, sinkt und wird größer, bis es so groß ist, dass Menschen darinsitzen können. Ich schiele unter meinem schwarzen Samtschirm hervor und starre wie gebannt auf die Maschine.
Bald, sagt Verlaine. Sitzt auch Walter in so einer.
 
In der Nacht, bevor mein Dad nach Hause kommt, kann ich nicht schlafen. Mir tun die Beine weh. Verlaine sagt, das kommt vom Wachsen, aber das stimmt nicht. Es kommt vom Warten. Gegen die Schmerzen in den Beinen hilft nur eins: Ich muss zum Flughafen und die Rollbahn rauf- und runterrennen, bis das Flugzeug von meinem Dad endlich landet.
Kommt nicht in Frage, sagt Verlaine beim Frühstück. Sie mustert mich einen Augenblick. Du bist dépeignée. Was. Ungekämmt. Eine Haarnetz sei kein Ersatz fürs Haarekämmen.
Ich finde schon.
Ich finde, du könntest dich zur Feier von Walters Rückkehr ruhig ein wenig hübsch machen.
Na schön, lenke ich ein. Wenn’s sein muss.
Als kleiner Willkommensgruß für meinen Dad habe ich gestern Folgendes getan:
1. ein verschwitztes Foto von Sylvester Stallone ausgeschnitten und über sein Bett geklebt (eigentlich war es für Verlaine gedacht, aber die sagte nur: Non, merci, und empfahl mir, es dort aufzuhängen, wo es jetzt hängt).
2. ein neues Lesezeichen für Zwischenleben gebastelt und daraufgeschrieben: LESER, WALTER DEINES AMTES!
3. aus den Alphabetmagneten am Kühlschrank die Worte gebildet: BLINDES HUHN SUCHT KÖRNCHEN – DIE JIM-RYAN-STORY (neuer Arbeitstitel).
4. Wedge gekämmt und ihm den Pony toupiert.
Wir verdrücken unsere Eiscremesandwiches. Zum ersten Mal bin ich genauso schnell wie sie. Drei Bissen und fertig. Auf zum Flughafen!
Sie sieht auf die Uhr. Wir haben noch fünf Stunden Zeit.
Fünf Stunden! Aber ich dachte, wie nehmen vorher im IM BISS noch einen kleinen Imbiss zu uns.
Verlaine weist mich nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass wir gerade erst einen Imbiss zu uns genommen haben. Du hast da Eis, sagt sie. Ich wische mir den Mund mit einem Leonel-de-Tigrel-Artikel ab. Auch das tue ich nur für meinen Dad: Ich benutze seinen Erzfeind als Serviette. Darüber freut er sich bestimmt.
Sie sagt, sie habe im Obacht-Gebäude noch etwas zu erledigen, bevor wir zum Flughafen fahren. Okay.
Okay. Meinetwegen.
Und so springen wir in den Lada, und ich strecke den Kopf aus dem Fenster. Der Himmel ist knallblau.
Was machst du da.
Ausschau halten.
Aber er kommt erst in ein paar Stunden an, Audrey.
Und wenn er Rückenwind hat.
Was weißt du schon von Rückenwind.
Ich weiß alles über Rückenwind.
Ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass er Verspätung hat, sagt sie.
Ihre Worte sind wie ein Stich ins Herz. Entmutigt sinke ich in meinen Pappsitz.
Sie sieht mich an. So war das nicht gemeint, sagt sie.
Normalerweise nimmt Verlaine mich mit, wenn sie ihre Runde macht. Ich fülle die Wasserf laschen nach und plaudere mit dem Blumenkohlgehirn von meinem Dad. Aber heute sagt sie, damit es schneller gehe, solle ich in ihrem Büro auf sie warten. Ich würde sie nur unnötig aufhalten, sagt sie.
Das ist zwar nicht sehr nett, aber meinetwegen. Heute muss alles schnell gehen. Schnell, schnell.
Ich setze mich auf ihren Stuhl und rolle kreuz und quer durch das Büro. Ich blättere in ihrem Kalender und suche das heutige Datum. Sie hat es nicht umkringelt. Ich zeichne ein winziges Bild von einem Flugzeug mit meinem Dad darin. Er winkt.
Die Zeit vergeht. Mir tun die Beine weh. Wo bleibt sie nur.
Ihr Autoschlüssel liegt auf dem Schreibtisch.
Die Sache ist die. Selbst wenn ich sie suchen wollte, um ihr zu sagen, dass sie sich beeilen soll, könnte ich es nicht, weil man für die Tierpflegestation einen Spezialschlüssel braucht, und diesen Schlüssel hat sie bei sich. Was, wenn sie meinen Dad und mich vergessen hat. Was, wenn eine der Tauben entwischt ist und es Stunden dauert, bis sie das Vieh wieder eingefangen hat.
Ich gehe in die Hocke. Springe auf. Schnappe mir den Schlüssel. Renne los. Das tut gut. Pitsch, patsch, machen meine Turnschuhe auf dem gebohnerten Fußboden. Die Treppe hoch. Draußen laufe ich zum Auto. Bleibe stehen. Schaue in den Himmel. Ein Flugzeug. Ob mein Dad in diesem Flugzeug sitzt. Dad! Ich winke riesengroß. Mit beiden Armen.
Ich springe in den Lada und schiebe den Schlüssel ins Zündschloss. Drehe den Schlüssel. Das Auto macht einen Satz. Alle vier Reifen verlassen den Boden. Was mir einen Höllenschreck einjagt. Heiliger Lada, beruhige dich. Ich drehe den Schlüssel ein paarmal hintereinander. Das Auto ruckelt zwar jedes Mal, bewegt sich aber keinen Zentimeter von der Stelle. Warum bewegen wir uns nicht.
Ich mache mich lang, bis meine Sohlen die Pedale berühren. Tret, tret, dreh, dreh.
Da sehe ich, wie Verlaine aus dem Obacht-Gebäude kommt. Mit verkniffener Miene. Oje.
Jetzt spring endlich an. Spring, spring, spring.
Sie hebt die Hand. Ich solle aufhören. Ich höre auf. Ich kurbele das Fenster herunter.
Was machst du denn da, verdammt noch mal.
Ich habe gerade das Flugzeug von meinem Dad gesehen.
Weißt du eigentlich, wie gefährlich …
Mir tun die Beine weh, sage ich. Ganz furchtbar weh sogar.
Sie reißt die Tür auf. Ich schiele unter meinem Schirm hervor – denn ja, ich trage meinen Kopfschutz aus schwarzem Samt. Mit Haarnetz. Ich habe mich richtig hübsch gemacht.
Wovon …
Vom Warten.
Raus.
Ich steige aus und renne um das Auto herum zur Beifahrertür.
Verlaine dreht den Schlüssel, und diesmal macht das Auto zwar keinen Satz, springt aber auch nicht an. Tja, sagt sie. Das hast du nun davon. Die Batterie ist leer.
Welche Batterie! Ich habe die Batterie nicht angerührt.
Sie lässt die Schultern hängen. Jetzt sitzen wir erst mal hier fest.
Das ist gemein. Ich fange an zu weinen. Aber ich habe doch das Flugzeug von meinem Dad gesehen.
Sie dreht sich zu mir. Was hast du denn auf einmal, Audray. Die ganzen vier Wochen gab es nicht das geringste Problem.
Wer’s glaubt, wird selig.
Sie nimmt ihren Daumen. Und wischt mir eine Träne von der Wange. Vom Warten tun dir die Beine weh, sagt sie.
Ich nicke.
Sie nickt.
018
 
Wir kommen zu spät zum Flugzeug von meinem Dad. Er steht schon draußen vor dem Gebäude, in einem blassgelben Hemd. Seine Haare sehen heller aus als sonst. Verlaine hält am Bordstein.
Ich springe aus dem Auto. Und werde von starken Armen hochgehoben.
Ist das Fahrwerk richtig ausgefahren, sage ich und vergrabe das Gesicht an seinem Hals.
Ja.
Er hält mich lange in den Armen. Verlaine schaltet die Warnblinkanlage des Lada ein. Mais c’est incroyable, höre ich sie sagen.
Danke für den Brief in meinem Gepäck.
 
Mein Dad hat sich verändert. Er spricht mit stärkerem Akzent. Aber ich habe mich schließlich auch verändert. Ich habe einen Helm. Und selbst wenn ich ihn nicht aufhabe, habe ich ihn im Geiste trotzdem auf, denn der Schirm und die Kinnriemen haben Bräunungsschatten an Stirn und Wangen hinterlassen.
Das Haarnetz nicht zu vergessen.
Mein Dad weiß nicht, was er von meinem neuen Haaraccessoire halten soll. Er sagt: Arbeitest du jetzt in der Lebensmittelbranche. Als Kuchenbäckerin bei Piety Pie. Oder was.
Wieso. Gefällt dir meine neue Frisur nicht, frage ich.
Doch, doch.
Ich frage ihn nach Onkel Thoby. Ist er sehr arm dran.
Was.
Ob er sehr arm dran ist.
Ich halte die Kühlschranktür auf und tue so, als ob ich den Käse suchen würde.
Blindes Huhn sucht Hörnchen, liest mein Dad langsam. Die Jim-Ryan-Story.
Ich spähe über die Türkante hinweg. Körnchen muss das heißen! Körnchen!
Witzbold.
 
Er telefoniert viel. Das ist neu. Mit Großmutter. Mit Onkel Thoby. Er setzt sich auf die Kellertreppe und telefoniert stundenlang. Manchmal lehnt er die Tür an, damit ich nicht hören kann, was er sagt.
Seine Telefonstimme ist weich und süßlich. Wenn ich diese Stimme höre, möchte ich ihm am liebsten einen Tritt verpassen. Manchmal stoße ich die Kellertür auf, und sie kracht ihm in den Rücken. Aha!, sage ich, als hätte ich ihn erwischt. Nur wobei.
Er sieht zu mir hoch. Ich muss jetzt Schluss machen, sagt er. Der Schelm mit dem Helm hört mit.
 
Shirley MacLaine liegt zwar wieder auf dem Tisch, ist aber unter aller Kanone. Sie ist ein Armleuchter, sage ich.
Armleuchter, sagt mein Dad und nickt.
Weißt du, was ein Armleuchter ist, frage ich.
Selbstverständlich.
Er sagt, er habe mir auch eine Biografie zu erzählen, nämlich die von Onkel Thoby, wolle aber warten, bis wir Zwischenleben ausgelesen hätten.
Wieso warten. Das ist doch doof. Du kannst Shirleys Biografie über Shirley doch auch nicht leiden. Und Onkel Thoby ist bestimmt kein Armleuchter.
Nein, sagt mein Dad. Ein Armleuchter ist er nicht.
Na also. Shirley kann meinetwegen das Fenster offen halten.
 
Wann bekomme ich eigentlich deine Jim-Ryan-Biografie zu lesen, fragt er.
Ich halte acht Finger hoch.
In acht Tagen.
Nein.
Acht Wochen.
Ich schüttele den Kopf. Meine Jim-Ryan-Biografie besteht aus nur acht Wörtern.
Titel inklusive.
Kein Kommentar.
Was mir an Biografien aufgefallen ist: Sie fangen immer mit jemandem an, über den normalerweise kein Mensch eine Biografie schreiben würde. Trotzdem hat sie natürlich jemand geschrieben, sonst würde man sie ja nicht lesen. Oder hören. Das Blatt wird sich also wenden. Außerdem gibt es schon früh Hinweise darauf, dass der Betreffende etwas Besonderes ist. Frühe Hinweise auf sein späteres Schicksal. Achten Sie mal darauf.