002
 
Teil eins
 
ODDLY FLOWERS
 
Das Flugzeug besteht aus einer Reihe goldener Kreise und dem Cockpit. Einer dieser Kreise wird meinen Kopf gleich heimwärts tragen. Ich zähle vierzehn Kreise ab. Der da. Die Piloten vorne im Cockpit sind ziemlich gut drauf. Sie lachen sich fast kaputt. Meine Herren, sie müssen sogar ihre Kaffeetassen abstellen. Der eine legt dem anderen die Hand auf die Schulter. Dann drückt er ihm einen Kuss auf die Wange. Einen flüchtigen, spontanen Schmatz.
Eine Mitreisende tritt neben mich ans Fenster des Terminals. He, sage ich. Unsere Piloten haben sich gerade geküsst.
Keine Reaktion.
Ich glaube, dieser Kuss ist ein gutes Omen für unseren Flug.
Sie tut so, als müsste sie dringend einen Pappbecher entsorgen.
Das ist mein Flugzeug. Die Buchstaben am Heck bilden das Wörtchen NAP. Nickerchen. Wie finde ich denn das. Gar nicht gut.
Mein Handy klingelt. Es ist Linda.
Was gibt’s.
Winnifred rührt sich nicht.
 
Halte eine Schildkröte niemals für tot. Regel Nummer Eins für Schildkrötenbesitzer. Wie warm ist es in eurer Wohnung. Denk dran, es ist Winter. Und noch dunkel. Sie ist nicht nachtaktiv. Das und andere Umweltfaktoren haben sie vermutlich bewogen, sich in ihren Panzer zurückzuziehen. Ihr Herz schlägt etwa einmal stündlich. Hab Geduld. Warte einfach eine Stunde.
Trotzdem kauere ich mich am Fenster zusammen. Spüre die Hitze, die aus dem Heizungsschlitz aufsteigt. Ist meine Schildkröte tot. Soll ich umkehren.
Mir selber klopft das Herz wie wild. Pulsierendes Leben. Kennen Sie dieses Gefühl auch. Die Angst des Körpers vor dem nächsten Schlag. Nein. Ich schon. Ist der Nächste vielleicht der Letzte. Nein. Ist der Nächste der Letzte. Nein.
Soll ich umkehren.
Ich sehe zu den vermutlich verliebten Piloten hinüber und will dieses und nur dieses Flugzeug nehmen. Es ist mein Flugzeug.
 
Gestern spähte ich in ihr Schloss, und sie saß neben dem Pool und hatte das Ziel, das sie seit zwei Tagen ansteuerte, noch immer nicht erreicht. Ich klopfte auf ihren Panzer. Hallo, Winnifred.
Nichts zu sehen. Weder die Beine. Noch ihr kleiner alter Kopf.
Ich hob sie hoch und klemmte sie mir unter die Achsel. Normalerweise genügt das. Ich habe zwar auch eine Wärmelampe, aber Schlösser aus Papier sind nun einmal leicht entflammbar.
Schließlich wachte sie auf.
Na also, sagte ich und setzte sie in den Pool.
Ich kniete mich neben das Schloss mit den Fenstern, aus denen man in meine Küche schaut. Ich habe schon oft gesehen, wie Winnifred den Kopf wehmütig aus einem dieser Fenster streckt. Und wie eine Andeutung ein Salatblatt fallen lässt.
Sie kletterte aus dem Pool und kroch schwerfällig zum Fenster.
Ich muss für ein paar Tage nach Hause, sagte ich.
003
 
Winnifred ist alt. Dreihundert, wenn nicht älter. Sie war schon da, als ich einzog. Mein Vormieter, ein Kletterer namens Cliff, wollte zu einer Klettertour aufbrechen, die Winnifred wahrscheinlich wenig Freude bereitet hätte. Damals hieß sie noch Iris. Cliff hatte Iris von seinem Vormieter geerbt. Niemand wusste, wie viele Jahre Iris auf dem Panzer hatte oder wer ihr ursprünglicher Besitzer war. Jetzt zog Cliff aus. Möchtest du eine Schildkröte, fragte er.
Zu einer Schildkröte würde ich nicht Nein sagen, sagte ich.
Ich war allein in Portland, und die Bäume waren riesig. Ich hob sie hoch, und sie blinzelte mich mit ihren schweren Lidern an. Sofort wurde ich seelenruhig. Ihre Augen waren zartbraun. Ihre Haut fühlte sich wie ein alter Ellenbogen an. Ich bau dir ein Schloss, flüsterte ich. Mit Pool. Und ich hielt Wort.
 
Klemm sie dir unter die Achsel, sage ich zu Linda. Igitt.
Nur keine Hemmungen.
Ich lege auf.
Das war unhöflich, aber es geht mir nicht besonders. Ich bin unausgeschlafen. Ich bin auf Autopilot. Wobei mir die beiden Piloten einfallen, bei denen das eindeutig anders ist. Was heißt eigentlich Autopilot. Ich stelle mir einen aufblasbaren Piloten vor, aber das habe ich aus einem Film. Ein Autopilot ist nichts weiter als ein Computer. Er fliegt die Maschine, wenn die Piloten ein Nickerchen machen oder knutschen. Er springt sozusagen automatisch an, wenn der eigene Dad im Komma, pardon, Koma liegt, man nach Hause gerufen wird und für die Unterbringung seiner Schildkröte sorgen muss.
Als ich gestern Abend mit Winnifred in ihrem Schloss aus dem Haus kam, hing der Himmel voller Sterne.
Guck mal, Win, sagte ich. Die Vergangenheit. Denn wenn man die Sterne betrachtet, blickt man in die Vergangenheit.
Winnifred hob den Kopf.
Da fliege ich morgen hin, sagte ich.
Wir fuhren nach Oregon City, wo alle Straßen nach Präsidenten benannt sind, in der Reihenfolge ihrer Amtszeit, damit man sich nicht verläuft, vorausgesetzt man ist Amerikaner und kennt sich mit Präsidenten aus. Linda und Chuck wohnen in der Taft Street. Als ich vor dem Haus hielt, stand Chuck mit seinen Schauspielerfreunden auf dem Gehsteig und rauchte.
’n Abend, Chuck.
Hallo.
Als ich die Treppe hochging, sagte einer seiner Schauspielerfreunde: Habe ich Halluzinationen, oder hatte die gerade ein Schloss auf dem Arm.
Jawohl, ein Schloss.
 
Gleich vier Leute an meinem Flugsteig stricken. Man darf jetzt wieder Stricknadeln mit an Bord nehmen. Bei der Sicherheitskontrolle hing eine neue, unmissverständliche Liste der Verbotenen Gegenstände im Hand004gepäck. Darunter sämtliche Waffen aus dem Spiel Cluedo, minus Stricknadeln, plus Schneekugeln.
Ich tastete meine Taschen ab und sagte: Wo habe ich nur meine Schneekugel gelassen.
Die Sicherheitsbeamtin in Blau kniff sich ins Nasenbein, als würde ich ihr dort Schmerzen verursachen.
Gehen Sie bitte weiter.
Gleich nach der Sicherheitskontrolle konnte man an einem kleinen Kiosk Stricknadeln und Wolle kaufen. Weihnachtsfarben. Stricken feiert also ein Comeback.
Ich humpelte zu meinem Flugsteig.
Zu Hause war ich im Dunkeln über mein Handgepäck gestolpert. Ich lag im Dunkeln und dachte: Ich kann nicht fliegen, ich bin verletzt. Ich lag da und sah an die schräge Zimmerdecke, an der Cliffs Klettergriffe unschöne Beulen hinterlassen haben. Cliff nannte die Decke nur den Überhang.
Ich hatte ihm eine E-Mail geschrieben: Mein Dad liegt im Komma und wartet darauf, dass ich ihm die Augen öffne. Muss nach Hause. Wohnung steht Dir solange zur Verfügung. Schildkröte bei Linda und Chuck.
Keine Antwort.
Ich schrieb ihm eine zweite Mail: Ich meinte Koma.
Ich lag auf dem Boden. Mein Taxi mit dem kleinen Napoleonhut stand schnaufend auf der Straße.
Hoch mit dir. Und los.
 
Wenn der oder die Richtige ans Bett des Komapatienten tritt, öffnet der Komapatient die Augen. Weiß doch jeder. Regel Nummer Eins für Komasituationen.
Gestern rief Onkel Thoby an und sagte: Oddly. Es ist etwas Schlimmes passiert. Dein Vater hatte einen Unfall.
Bei diesem Wort musste ich mich erst mal auf den Küchenboden setzen. Einen Unfall, sagte ich.
Ja. Er hat einen heftigen Schlag auf die Medulla oblongata bekommen. Auf dem Heimweg. Von, du wirst es kaum glauben, einem Weihnachtsbaum. Der seitlich von einem Pick-up hing.
Bis zu dem Wort Pick-up war Onkel Thobys Stimme felsenfest. Dann versagte sie. Ich verstand nur Bahnhof. War er nun von einem Weihnachtsbaum erschlagen worden. Oder war er auf dem Heimweg von einem Weihnachtsbaum. Oder was.
Erschlagen. Von einem Baum. Auf dem Heimweg.
Ich dachte eine Weile nach. Schließlich sagte ich: Ich hätte da noch eine Frage. Bist du bereit.
Ich bin ganz Ohr.
Okay, los geht’s. Was ist eine Medulla oblongata.
Der Hirnstamm.
Aha. Ach so. Dann war der Stamm eines Weihnachtsbaums also mit dem Hirnstamm von meinem Dad kollidiert. Und jetzt lag er im Koma. Ich legte mir die Hand in den Nacken. Ich hatte ganz vergessen, dass das Gehirn eine Geografie besitzt. Das menschliche Gehirn besteht aus 1400 Kubikzentimetern Geografie. Herrgott, unser Kopf passt in ein Flugzeugfenster. Wir sind winzig klein und können jederzeit aus unserer Geografie gerissen werden.
Ich komm nach Hause, sagte ich.
 
Der Mann in 14B liest Eine unsterbliche Liebe von Shirley MacLaine und hat schon seit einer Viertelstunde nicht mehr umgeblättert. Ich beobachte sein Spiegelbild im Fenster. Shirley MacLaine schreibt blendend, warum also blättert er nicht um. Es fällt mir schwer, den Sonnenaufgang zu genießen, wenn ich ständig sein Buch vor Augen habe und er über Seite 59 nicht hinauskommt.
Ich drehe mich um und werfe einen vielsagenden Blick auf das Buch.
Er lächelt.
Er trägt ein Tweedjackett, einen Rollkragenpulli und ein Amulett um den Hals. Das Amulett sieht irgendwie nach einem keltischen Symbol aus.
Ich drehe mich wieder zum Fenster. Ich kann Leute, die lesen, auf den Tod nicht ausstehen.
Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht. Die Sonne ist ein rotes EXIT-Zeichen. Im Cockpit muss es sehr romantisch sein.
Ich bleibe auf der Hut und konzentriere mich auf meine Zukunft. Wenn man sich im Flugzeug nicht auf seine Zukunft konzentriert, hat man im Allgemeinen keine. Weshalb ich, entgegen der ausdrücklichen Anweisung von North America Pacific, auf ein Nickerchen im Flugzeug grundsätzlich verzichte.
Ich habe mal ein Interview mit einem Mann gesehen, der zwischen zwei Päpsten partout nicht fliegen wollte. Seine Regel Nummer Eins für Flugreisen: Fliege nie ohne einen Papst in Amt und Würden. In der Zeit zwischen dem Tod Johannes Pauls II. und der Wahl Benedikts wollte er sich unter keinen Umständen in einen Flieger setzen. Darum verpasste er das große Begräbnis in Rom, bei dem er gern dabei gewesen wäre, und damit die Gelegenheit, Johannes Pauls braunen Lederslipper mit dessen totem Fuß darin zu berühren. Nicht zu fassen.
Ich bin nicht ganz so abergläubisch. Aber seit meiner Kindheit (als ich oft stundenlang Pilotin spielte und kritische Situationen wie Fahrwerksfehlfunktionen mit Geduld und Spucke meisterte) weiß ich, dass Flugzeuge magische Objekte sind und sie einerseits von dem Glauben an diese Magie und andererseits von der Zuversicht der Passagiere in der Luft gehalten werden. Ein Flugzeug, dessen Passagiere sich entzweien, stürzt todsicher ab. Darum zügle ich meine Wut auf meinen keltischen Sitznachbarn. Am liebsten würde ich beherzt eingreifen und für ihn umblättern, verkneife es mir aber. Denn das könnte mir als Feindseligkeit ausgelegt werden, und die Zuversicht der Passagiere an Bord von Flug 880 wäre dahin.
 
Komma gefällt mir besser als Koma. Wenn ich da bin, wird mein Dad die Augen öffnen und das Bewusstsein wiedererlangen. Ich stelle mir die Szene bildlich vor. Ich komme herein. Das Krankenzimmer leuchtet wie ein Cockpit. Lauter bunte Lämpchen an medizinischen Geräten. Die ihn am Leben erhalten. Damit er uns erhalten bleibt. Sein Herz piepst. Ich setze mich auf einen Stuhl mit Rollen untendran.
Dad.
Keine Reaktion.
Hm. Ich muss wohl erst mal eine Rede halten. Ja, eine bewegende Rede am Krankenbett. Dann öffnet er bestimmt die Augen.
Ich sollte versuchen, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Und mich am besten gleich an meine Rede machen. Hier im Flugzeug.
Aber statt meine Zeit sinnvoll zu nutzen, mustere ich meinen Sitznachbarn in 14B. Er erinnert mich an einen Verdächtigen aus Cluedo, der betont unschuldig im Billardzimmer herumlungert.
Er ist immer noch auf Seite 59.
Ich glaube, es wird langsam Zeit, ihn zur Auseinandersetzung mit Shirley MacLaine zu zwingen. Verzeihung, darf ich mal. Aber sicher. Er steht auf. Und lässt das Buch ohne Lesezeichen auf den Sitz fallen.
Der nicht lesende Mr. Tweed in 14B wird mir immer suspekter.
Ich stolpere in den Mittelgang. Im Flugzeug werden die Füße größer. Meine jedenfalls.
Immer schön senkrecht halten, sagt Tweed.
Geht schon. Merci.
Ist es nicht ein Wunder, dass ich hier herumtrampeln kann, ohne größeren Schaden anzurichten. Dass ein Flugzeug ein richtiger Saal ist, mit Decke, Fußboden und mehreren Toiletten. In dem wir sitzen wie ein Theaterpublikum. Ein Theaterpublikum mit 37 000 Fuß Nichts unter den Füßen.
Mangels gangbarer Alternativen gehe ich zur Toilette und stelle mich in die Schlange. Ein Getränkewagen ist im Anrollen. Ein Wollknäuel kreuzt meinen Weg. Ich gebe es seiner Besitzerin zurück. Danke. Gern geschehen. Ich wippe auf den Fersen und lasse den Blick über die zerzausten Köpfe schweifen. Ich habe mich schon oft gefragt, warum die ersten Passagiere von Linienflügen sich diese Sitzordnung anstandslos haben gefallen lassen. Warum sie nicht mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt haben: Wir wollen nicht dasitzen wie im Theater, das sieht völlig bescheuert aus. Andererseits, welche Sitzordnung sähe nicht bescheuert aus.
Jemand stellt sich hinter mir in die Schlange. Tweed fühlt sich anscheinend zu mir hingezogen.
Er nickt, 14A.
14B, sage ich.
Das keltische Amulett ist aus Draht und sieht aus, als ließen sich daraus auch andere keltische Symbole formen. Vielleicht sagen diese Symbole die Zukunft voraus oder spiegeln das wahre Ich des Trägers wider. Im Moment hat es die Form eines knotigen Ovals. Ich sehe in das Gesicht darüber. Ja, ein knotiges Oval. Ich werde aus dieser Miene nicht schlau. Mr. Tweed lächelt vage, aber seine Augen starren finster über meinen Kopf hinweg in die Kabine.
Ich folge seinem Blick. Wen oder was hat er im Visier.
Soso. Eine unsterbliche Liebe, sage ich. Spannende Lektüre.
Er senkt den Blick. Wie bitte.
Als ich ein kleines Mädchen war, hat mein Dad mir Zwischenleben vorgelesen. Eins von Shirleys ersten Büchern. Aber wird Eine unsterbliche Liebe nicht von ihrem Hund erzählt. Das würde meinem Dad nämlich gar nicht gefallen. Zu disneymäßig. Stimmt doch, oder.
Was.
Dass es von ihrem Hund erzählt wird.
Tweed hat Blickkontakt mit der Lenkerin des nahenden Getränkewagens aufgenommen. Sie ist groß, mit langem Hals und dem Wort NAP quer über der Brust.
Keine Ahnung, sagt er.
Interessant, sage ich. Dabei sind Sie doch schon auf Seite 59.
 
Shirley MacLaine hat mit Sicherheit schon viele Reden an den Betten von Komapatienten gehalten, und sie sind alle aufgewacht. Ja, sie alle haben die Augen geöffnet und Shirley und ihren Hund an ihrem Bett stehen sehen, denn wer würde dazu schon Nein sagen.
Je nun, mein Dad, zum Beispiel. Aber sonst.
Auf dem Cover von Eine unsterbliche Liebe knuddelt Shirley ihren Hund, und sie haben beide genau denselben Gesichtsausdruck.
Wenn ich mich recht erinnere, hatte Zwischenleben ein ganz anderes Cover. Eine deutlich jüngere Shirley am Strand. Im Sweatshirt. Die Hände in die Hüften gestemmt. Damals hatte sie kein knuddeliges Hündchen auf dem Arm.
Kann sein, dass irgendwo im Hintergrund ein Hund herumsprang.
Wir haben das Buch nicht zu Ende gelesen.
 
Zu einer ordentlichen Rede am Bett eines Komapatienten gehören vermutlich:
• eine Entschuldigung für das verspätete Erscheinen am Krankenbett
• aufmunternde Worte
• eine Frage, die der Komapatient unbedingt beantworten möchte, oder
• eine unwahre Behauptung, die der Komapatient unbedingt richtigstellen möchte
• Händchenhalten
• Tränen
• das Schwelgen in Erinnerungen
• Lachen und Weinen beim Schwelgen in Erinnerungen
• ein langer Blick aus dem Fenster
• ein kurzer Moment, in dem man vergisst, dass der Komapatient im Koma liegt, gefolgt von
• verdutztem Blinzeln und Kopfschütteln
• ein erbauliches Zitat
• ein ausführlicher Bericht über die auf dem Weg ans Krankenbett vollbrachten Heldentaten
• die Lösung eines großen Rätsels
Ich bin als Nächste an der Reihe. Da kommt der Getränkewagen. Ich drücke mich rücklings gegen die Toilettentür. Tweed quetscht sich in eine Sitzreihe. Mann, ist der groß, Mann. Er sieht aus wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt, nur dass er nicht die Welt, sondern ein Gepäckfach schultert. Dank dieser Verrenkungen öffnet sich sein Jackett, und das keltische Amulett schwingt wie ein Pendel hin und her. Ziemlich hypnotisch, dieses Pendel. Es scheint mich auf etwas hinweisen zu wollen. Guck mal, sagt es. Guck mal da. Unter dem Jackett. Eine Waffe.
Eine Waffe.
Ein Gegenstand, der, wie ich mich deutlich zu erinnern glaube, nicht von der Liste der Verbotenen Gegenstände im Hand005gepäck gestrichen wurde.
Der Getränkewagen rollt vorbei. Tweed tritt in den Mittelgang. Die Toilettentür geht auf. Ich bin an der Reihe. Und muss mich entscheiden. Entwaffne ich den Hijacker. Oder gehe ich pinkeln. Beten Sie, dass Sie so eine Entscheidung niemals treffen müssen.
Ich zeige mit dem Finger über Tweeds Schulter. He, da kommt der Pilot.
Dreht sich der Trottel doch tatsächlich um. Es geht alles sehr schnell. Weil ich blitzschnell reagiere. Der Verschluss des Holsters (ein Druckknopf, weiter nichts!) ist offen.
Es ist erstaunlich leicht, einen Flugzeugentführer zu entwaffnen.
Ich. Mit dem Revolver – so es denn ein Revolver ist – auf die Toilette. Es ist kein Revolver. Es sieht ganz anders aus als die winzige Cluedo-Spielzeugwaffe, die ich auf meinen Dad richtete, wenn er sagte: Zurück in den Wintergarten mit dir.
Tweeds Waffe ist geladen. Mit großem G. Schwer, bedrohlich. Sie hat keine Trommel. Nein, die Kugeln schießen buchstäblich in rascher und endloser Folge aus ihrem dunklen, geheimnisvollen Innern. So etwas nennt man eine Knarre. Eine Kanone.
Plötzlich fühle ich mich wie erschossen. Mir wird heiß und kalt zugleich. Ich lege die Waffe ins Waschbecken. Und stelle mir vor, wie mir in diesem winzigen Metallkabuff die Kugeln um die Ohren pfeifen. Meine Herren.
Jemand hämmert gegen die Tür. Dreimal dürfen Sie raten, wer.
Ich denke an die beiden turtelnden Piloten und möchte am liebsten weinen vor Freude: Sie sind in Sicherheit. Aber sind sie das wirklich. Es könnten schließlich noch weitere Hijacker an Bord sein. Tweed ist garantiert nicht allein. Oder wem galt dieser stählerne Blick. Womöglich muss ich mich auf eine Schießerei einlassen, um die Piloten zu beschützen. Bin ich dazu bereit. Und ob.
Die Sicherheit der beiden Piloten geht mir über alles.
Draußen ist wer weiß was los. Eine Flugbegleiterin stellt sich als Tuesday Miller vor und sagt: Ma’am.
Ich setze mich auf den Toilettendeckel. Tuesday Miller klingt erstaunlich gelassen. Ob Tweed ihr ein Plastikmesser an die Kehle hält.
Die Waffe, die Sie sich angeeignet haben, gehört einem Air Marshal.
Ich finde meine Stimme wieder. Soso. Hat er Ihnen das erzählt.
Ma’am. Er würde es sehr begrüßen, wenn Sie den Waschraum jetzt verlassen könnten.
Das glaube ich gern.
Jetzt Tweeds Stimme: Mein Name ist Caesar Marshall. Und ich versichere Ihnen, ich bin ein Air Marshal der Bundespolizei. Bitte verlassen Sie den Waschraum, und händigen Sie mir meine Waffe aus, dann haben Sie keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten.
Ich verhandele nicht mit Terroristen!
Gelächter. Jetzt ist sein Mund ganz nah an der Tür. Seine Lippen berühren womöglich das BESETZT-Zeichen. Sehe ich aus wie ein Terrorist.
 
Meine anfängliche Abneigung war also durchaus berechtigt.
Gut. Sagen wir, er ist ein Air Marshal, dessen Nachname zufällig Marshall lautet. Trotzdem ist er insofern ein Terrorist, als er nicht nur mich, sondern auch alle anderen Passagiere an Bord von Flug 880 terrorisiert hat. Mit seinem grässlichen Gehämmere und Gebrüll. Er hat unsere Zuversicht zerstört!
Außerdem fällt es mir schwer, jetzt noch an meine Zukunft zu glauben.
Er erhebt die Stimme und erklärt mir noch einmal, er sei wirklich und wahrhaftig ein Air Marshal der Bundespolizei, und wenn ich die Freundlichkeit besäße, den Waschraum zu verlassen, würde er mir seine Marke zeigen.
Schieben Sie sie unter der Tür durch.
Zu groß.
Wie praktisch.
Tuesday Miller versichert mir, sie habe Caesar Marshalls Dienstmarke soeben mit eigenen Augen gesehen, und sie sei hundertprozentig echt.
Expertin, was.
Allerdings. Das habe sie in ihrer Ausbildung gelernt. Außerdem kenne sie Caesar Marshall schon seit zwei Jahren persönlich. Sie seien bereits mehrmals miteinander geflogen …
Tuesday, wäre es eventuell möglich, dass Ihnen jemand ein Plastikmesser an die Halsschlagader hält.
Pause.
Natürlich nicht.
Hören Sie, und wenn Air Marshal Marshall der Direktor des Heimatschutzministeriums höchstpersönlich wäre. Waffen sind an Bord eines Flugzeugs nicht erlaubt. Regel Nummer Eins. Ich glaube, ich habe soeben anschaulich demonstriert, warum es diese Regel gibt.
Vor der Tür herrscht Schweigen. Wahrscheinlich nicken sie, weil sie sich meinem schlagkräftigen Argument nur schwer verschließen können.
Aber ich bin ein Air Marshal der Bundespolizei, wiederholt Tweed.
Und wenn, dann sicher nicht mehr lange.
Wieder Schweigen. Wieder nicken sie, weil sie sich meinem schlagkräftigen Argument nur schwer verschließen können.
 
Nicht zu fassen. Nimmt der doch tatsächlich etwas mit an Bord, das ein Loch in unsere Schneekugel reißen könnte. Nicht zu fassen. Am liebsten würde ich ihn erschießen, diesen Air Marshal Marshall.
Seit einiger Zeit ist es vor der Tür mucksmäuschenstill. Ich sehe auf meine Uhr – volle fünf Minuten. Es kommt mir länger vor. Die Zeit schleicht dahin, wenn man allein mit einer Waffe im Waschbecken in einem winzigen Metallkabuff sitzt. Ich betrachte mich im Spiegel, zurre meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Nein, ich spüre nichts von einer Zukunft.
Konzentriere dich auf deine Bestimmung. Dein Dad wartet darauf, dass du ihm die Augen öffnest. Du hast ein Ziel, eine Zukunft. Streng dich an, und versuche, sie dir vorzustellen.
Nichts zu machen. Wir sind ein entzweites Flugzeug. Wir sind ein Flugzeug mit einem Air Marshal an Bord.
Die Maschine sackt in ein Luftloch.
Es klopft an der Tür. Audrey.
Eine neue Stimme dringt durch das BESETZT-Zeichen an mein Ohr. Ms. Flowers.
Was.
Ich bin Copilot Keith Gordon.
Ach ja.
Ja. Und Caesar Marshall ist in der Tat ein Air Marshal. Und wir sind nicht entführt worden. Ich gebe Ihnen mein Wort, alles ist in bester Ordnung. Sie haben sich tapfer geschlagen. Um nicht zu sagen heldenhaft. Aber Sie müssen jetzt herauskommen und die Waffe zurückgeben. Sonst müssen wir unverzüglich landen. So lauten die Vorschriften. Wenn es an Bord zu einer Situation wie dieser kommt, müssen wir die Maschine landen.
Wo.
Cincinnatti wäre naheliegend.
Aber ich muss nach Hause, Copilot.
Und wo sind Sie zu Hause. In Toronto.
Nein. Das kennen Sie sowieso nicht.
Wo denn.
St. John’s.
Und ob ich das kenne.
Ach.
Bitte, Audrey.
Ja, gut. Aber woher weiß ich, dass er Ihnen keine Waffe an den Kopf hält oder ein sehr scharfes weißes Plastikmesser.
Sie können mir ruhig glauben. Es ist alles in bester Ordnung.
Aber wenn wirklich alles in bester Ordnung ist …
Ich gebe Ihnen mein Wort.
Und Sie sind Pilot …
Ja.
Vor dem Start haben Sie im Cockpit etwas gemacht. Ich habe es durchs Fenster gesehen.
Aha.
Was habe ich da gesehen. Sagen Sie es mir, dann komme ich heraus.
Sie haben gesehen, wie ich den Piloten geküsst habe.
Dachte ich’s mir doch.
 
Klemm du sie dir unter die Achsel. Nein, du.
 
Du.
Jemand klopft auf meinen Panzer. Winnifred.
Was.
Hallo da drinnen.
Aber ich kann mich nicht rühren. Wann hat mein Herz zuletzt geschlagen. Wenn ich mich zwischen zwei Achselhöhlen entscheiden muss, nehme ich Lindas.
Ich glaube, sie ist traumatisiert, sagt Linda.
Sie hat wahrscheinlich einen Schock, sagt Chuck.
Ja, einen Kälteschock. Warum mussten sie mich auch gleich neben dem Kühlschrank unterbringen. Immer wenn Chuck die Tür aufmacht und den Inhalt inspiziert, weht ein eiskalter Windhauch durch mein Schloss. Warum. Irgendjemand hat einmal gesagt, es gebe eigentlich gar keine Kälte, nur verschiedene Wärmegrade. Was für ein Unsinn. Ein Kühlschrank ist der beste Beweis dafür, dass Kälte etwas Konkretes ist. Ein Kühlschrank ist ein Rechteck aus Kälte.
Ich träume von einem warmen Armaturenbrett.
Die Fahrt gestern Abend war schon komisch, normalerweise fahre ich nämlich auf dem Armaturenbrett mit (ich kralle einfach die Klauen in die Lüftungsschlitze und klammere mich fest!), aber da ich gestern Abend mit meinem Schloss und sämtlichem Komfort, wie sie das nennt, umsiedeln musste, quetschte sie mich der Einfachheit halber samt Schloss auf den wenig komfortablen Rücksitz. Ganz schön kalt da hinten. Und ziemlich steil. Sodass ich für den Weg zum Fenster noch länger brauchte als sonst. Als ich es schließlich geschafft hatte, steckte ich den Kopf hindurch. Der Tacho zeigte 20 Meilen pro Stunde. Zwanzig! Da bin ich ja schneller. Sie sagte: Welcher Präsident kommt noch nach Harrison. Lincoln. Nein.
Ich sah mich nach einem Salatblatt um, das ich hätte fallen lassen können. Kommt drauf an, welcher Harrison.
Über dem Armaturenbrett lockte flirrende Hitze. Komm herbei, Schildkröte.
Da ist es, sagte sie. Taft Street.
Worauf ich treppauf befördert und in Lindas Obhut übergeben wurde. Als sie ging, steckte ich den Kopf durchs Fenster und sah ihr nach. Haben Flugzeuge denn keine Armaturenbretter. Warum nimmst du mich nicht mit. Warum.
Jetzt streiten sie, wer sich meine Wenigkeit unter die Achsel klemmen darf. Danke, verzichte.
Linda sagt: Dreh die Heizung auf volle Pulle.
 
Im Schutz meines Panzers rufe ich mir die alte Wohnung ins Gedächtnis, denn ich habe sie, wie sagt man noch so schön, verinnerlicht. Zum Beispiel die rote Leuchte des Feuermelders. Ich sehe sie förmlich vor mir. Die Feuertreppe. Den Herd. Die Zimmerdecke, die unter Cliff zum Überhang mutierte. Die Wand, der Zähne wuchsen, damit man daran klettern konnte. Ja, wenn die neuen Stimmen und das Kälterechteck nicht wären, könnte es glatt die alte Wohnung sein.
Chuck sagt: Übertragen Schildkröten nicht Salmonellen.
Soso. Mit Chuck werde ich so schnell wohl nicht warm werden.
Wann hat mein Herz zuletzt geschlagen. Gestern, glaube ich. Wenn mein Herz tatsächlich einmal schlägt, ist es überwältigend. Auch wenn danach zwangsläufig Ebbe ist.
Oder besser: EBBE. Die EBBE ist eigentlich eher deprimierend. Denn wenn das Herz so selten schlägt, will die EBBE schier kein Ende nehmen. Die EBBE ist wie ein Pfad, der mit jedem Schritt schmaler wird. Bis man schließlich umkehren muss, weil der Pfad sich irgendwo im Nirgendwo verliert und sich das Weitergehen erübrigt.
In der zugigen Präsidentenküche wird es langsam warm. Ich komme aus meinem Panzer. Und schleppe mich zum Fenster. Linda telefoniert.
Wahnsinn, sagt sie. Sie streckt den Kopf aus dem Fenster. Wie goldig.
Pause.
Ja, wirklich. Sie lebt. Sie beobachtet mich.
Ich breche den Blickkontakt mit Linda ab und mache mich zum Pool auf. Sie haben mich also für tot gehalten. Das schmerzt. Ein wenig.
Wasser. Ich tauche den Kopf hinein und trinke. Auf dem Grund meines Pools steht ein Rezept für Zitronentorte.
An der Poolkante schwebe ich immer einen Moment lang mit allen vieren in der Luft und balanciere auf dem Bauch. Ich stelle mir vor, dass ich zur Landung ansetze. Dann lasse ich die Vorderbeine sinken und gleite hinein. Platsch.
Die Wassertemperatur beträgt 18 Grad, Tendenz steigend.
 
Einmal, in grauer Vorzeit, als ich noch kein Schloss und keine Wärmelampe hatte, hielt Cliff mich für tot. Ich hörte, wie er nach ihr rief. In der Küche waren es gerade mal 15 Grad. Was dachten sich die beiden bloß.
Mit Iris stimmt was nicht, sagte er. Ich glaube, sie ist tot.
Ich spürte, wie er mich hochhob und zum Futon trug. Sie tappte uns tapsig hinterdrein. Dann lag ich auf Cliffs breiter, warmer Brust. Ich erkannte seinen raschen Herzschlag mit dem zischenden Geräusch.
Ich hörte sie sagen: Regel Nummer Eins.
Ich sah nach draußen.
Sie waren beide ganz nah. Ihre blauen Augen. Seine grauen. Ihre Lider blinzelten von oben nach unten. Ich blinzelte von unten nach oben. Ihr zwei seht glücklich und zufrieden aus, sagte ich. Kauft mir eine Wärmelampe.
Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und schloss die Augen. Er tat es ihr nach. Ihre Hände fanden sich über meinem Panzer. Ein schöner Moment. Mir wurde warm ums Herz. Und ich spürte, wie es zu einem spektakulären Schlag ausholte.
 
Leider gab es immer öfter hässliche Momente. Zum Beispiel als er sich den Kopf am Überhang stieß und benommen auf dem Futon saß. Sie sah aus dem Fenster und sagte: Die Bäume treiben das erste Mal und reichen trotzdem schon bis in den dritten Stock.
Tja, wir sind eben in Oregon, sagte Cliff.
Da, wo ich herkomme, übertreiben es die Bäume nicht.
Ich weiß, aber wir sind eben in Oregon, sagte er.
Das hast du schon mal gesagt. Kann es sein, dass du dir eine, wie heißt das noch gleich, Gehirnerschütterung zugezogen hast.
Möglich.
Es war Cliffs Heimatland, Cliffs Heimatstaat, und den fand er ganz und gar nicht übertrieben. Er wurde nicht müde, die Vorzüge Oregons aufzuzählen. Wo andere erzählten, zählte er auf. Berge, Wüste, Ozean, Flüsse, die riesigen Bäume nicht zu vergessen.
Gut. Ja.
Sie mähte anderen Leuten schwarz den Rasen. Manchmal sagte sie zu Cliff: Ich könnte mich schwarzärgern über dich. Und er kletterte die Wände hoch und sagte: Du treibst mich die Wände hoch. All das verfolgte ich durch das Dach meines Panasonic-Druckerkartons, denn damals hatte ich, wie gesagt, noch kein Schloss.
Cliff hatte stets ein Seil über der Schulter hängen. Er seilte sich gern von der Feuerleiter ab. Er seilte sich überhaupt gern ab. Und kam folglich eines Tages nicht mehr wieder.
Bevor er verschwand, sorgten sie für meine Unterbringung. Sie schaute mir ganz tief in die Augen und versprach mir ein Schloss.
Das Schloss war aus Zeitungspapier, stattlich und stolz. Sie gab ihm einen französischen Namen: Pappmaché. Und malte es lila an. Sie füllte die Zitronentortenform mit Wasser und der einen oder anderen Träne. Dann kam die Wärmelampe. Fortan war jeder Tag hell und zitronig. Ich hatte es warm.
Sie sagte: Ab sofort heißt du Winnifred, okay.
Okay.
Wir warteten auf Cliffs Rückkehr. Wir rechneten jeden Augenblick damit, dass er auf der Feuerleiter auftauchte. Erst die Hände. Dann der Kopf. Dann der Oberkörper. Dann das Geschirr. Kurz und knapp: Wir warteten. Aber er kam nicht wieder.
Er wurde zum Vormieter.
 
Sie hingegen wurde mir von Tag zu Tag sympathischer. Wenn die Sonne auf den Herd schien, wusste ich, dass sie bald nach Hause kommen würde. Ich wartete am Fenster auf sie. Als es kälter wurde, kam sie etwas früher. Zwar schien immer noch die Sonne auf den Herd, doch spiegelte sie sich nun im Griff der Ofenklappe. Sie roch immer seltener nach frisch geschnittenem Gras und immer öfter nach Diesel und Feuer. Sie aß Müsli zum Frühstück. Manchmal brachte sie sich von Taco Bell etwas zu essen mit und fütterte mich mit dem geschredderten Salat.
Sie meinte, die Wärmelampe sei gefährlich. Die Türmchen meines Schlosses waren angesengt.
Mein Herz schlug immer langsamer. Und auch die Sonne stand nicht mehr so hoch. Der Winter kam. Ich prägte mir das Rezept für Zitronentorte ein und träumte, es sei ein Rezept für mich. Ich musste meine Ausflüge an den Pool tagelang im Voraus planen, denn ich brauchte eine halbe Ewigkeit dafür. Ich musste meine Schritte auf meinen Herzschlag abstimmen.
Dann kam der Anruf. Im ersten Moment dachte ich, sie fährt nicht. Nach Hause. Dann dachte ich über die Frage nach, wo eigentlich mein Zuhause ist. Ist es mein Panzer oder mein Schloss oder die alte Wohnung, oder ist es vielleicht doch etwas sehr viel Größeres oder Kleineres. Es ist der Ort, den ich die EBBE nenne.
 
Die letzte Etappe meines Sprungs über den Kontinent: Air Canada Flug 696. Die Spätmaschine nach St. John’s. Keine Waffen. Kein Nickerchen. Reichlich Gelächter. Beim Start hielt meine Sitznachbarin mir ihren Katalog unter die Nase und zeigte mir eine digitale Gürtelschnalle, die man mit Laufschriften wie HALLO ICH HEISSE ADAM oder HAPPY BIRTHDAY programmieren kann. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Du liebe Güte. Nicht zu fassen, dass es Leute gibt, die so was tragen.
Nicht zu fassen. Ich okkupierte unauffällig ihre Armlehne.
Hinter mir immer wieder Heiterkeitsausbrüche. Ich wandte den Kopf. Im Gang war eine rauschende Party im Gang. Es wurden erhebliche Mengen von eindeutig nicht an Bord erstandenen Chips verzehrt.
Wie klingt ein Flugzeug voller Neufundländer: Sarkastisch wäre eine freundliche Umschreibung.
Als M. Latourelle, der Flugbegleiter, mit dem Getränkewagen kam, bot der Mann in 23D ihm, M. Latourelle, Chips und etwas zu trinken an. Ziemlich witzig. Und sehr nett.
Leider fand M. Latourelle das Angebot weder witzig noch nett.
Er bat mich dreimal, mit der Hand auf meiner Schulter, meine pieds magnifiques nicht in den Mittelgang zu strecken.
Was heißt hier magnifiques.
Die Katalogfrau bot mir ihren Fensterplatz an.
Zu einem Fensterplatz würde ich nicht Nein sagen.
M. Latourelle legte ein Nachrichtenvideo ein und bat uns – insbesondere die Fluggäste ab Reihe 21 aufwärts – um unsere Aufmerksamkeit.
Ich kippte meinen Fensterplatzsitz nach hinten.
Im Flugzeug werden grundsätzlich nur positive Nachrichten gezeigt. Achten Sie mal darauf. Flugzeugabstürze bekommt man dort jedenfalls nicht zu sehen. Wenn man ewig fliegen könnte, gäbe es auch keine Flugzeugabstürze.
In der heutigen Sendung geht es vor allem um die kurzfristig nach Weihnachten angesetzte Wahl in Kanada. Und ach. Um die Geiselnahme. Ja, sie ist noch immer nicht beendet, aber die Geiseln, zumindest die kanadischen, bekamen Süßigkeiten zu essen.
Was für Süßigkeiten, überlegte ich.
Wahrscheinlich Türkischen Honig, meinte die Katalogfrau.
Ah. Lecker.
Die nicht-kanadischen Geiseln bekamen keine Süßigkeiten.
 
In der Spätmaschine sitze ich wegen der endlosen Befragung in Toronto, wo ich gleich nach der Landung von zwei Wachleuten der Greater Toronto Airport Authority (GTAA) zu einem Raum in Terminal 1 eskortiert wurde, den man lieber nicht von innen sehen möchte. Amerikanisches Hoheitsgebiet, mit eigener Flagge. Als ich die Flagge sah, wusste ich, dass ich meinen Anschlussflug verpassen würde.
Der Raum war oval, mit einem ovalen Tisch und einem Fenster zum Flur. Tweed war schon da, als ich hereinkam, und lehnte am Fenster, komischerweise ohne sein Amulett. Ebenfalls anwesend waren die beiden Piloten und Tuesday Miller. Ihr langer Hals war unversehrt.
Dann traten auf: der Chef der Flughafensicherheit sowie mehrere Männer mit Dienstmarken der US-Einwanderungsbehörde INS, die keinen Hehl daraus machten, dass sie Kanonen unter ihren Jacketts trugen.
Setzen Sie sich, sagte der Chef.
Wir setzten uns.
Keith Gordon und der andere Pilot setzten sich nebeneinander. Ich ließ absichtlich meinen Pass fallen, um zu sehen, ob sie unter dem Tisch Händchen hielten.
Sie hielten.
Die Fragen beschränkten sich keineswegs nur auf den Diebstahl von Tweeds Kanone: Wie lange waren Sie in Amerika. Warum. Bei wem. Wo haben Sie gewohnt. Wo sind Sie überall gewesen. Wann und wo sind Sie eingereist. Haben Sie gearbeitet.
Ich zeichnete das gestochen scharfe Bild einer langjährigen Romanze mit Amerika, in deren Verlauf ich mein Geld mit vollen Händen ausgegeben, aber keine Arbeit angenommen hatte. Dann lenkte ich das Gespräch zurück auf Tweed, der mürrisch auf den Flur hinausstarrte, als winke dort der weite Horizont samt Sonnenuntergang. Ich erklärte, er sei mir sofort suspekt gewesen, weil er trotz seiner spannenden Lektüre völlig entspannt geblieben sei und nicht ein einziges Mal umgeblättert habe. Dass ich durch sein Amulett auf seine Waffe aufmerksam geworden und er kurioserweise sofort auf meinen Da-kommt-der-Pilot-Trick hereingefallen sei. Dass er gegen die Tür gehämmert und die Zuversicht der Passagiere von Flug 880 dadurch mutwillig zerstört habe. Von seinem Geschrei ganz zu schweigen, das im Übrigen vollkommen unnötig gewesen sei, schließlich hätte ich Keith Gordon und Tuesday Miller sehr gut verstanden, als sie mit ruhiger Stimme direkt in das BESETZT-Zeichen sprachen.
Wann mir klar geworden sei, dass es sich bei Caesar Marshall nicht um einen Terroristen handelt.
Bei dem Gespräch mit Copilot Gordon.
Sie glaubten also wirklich, dass Air Marshal Marshall das Flugzeug entführen wollte.
Was hätte ich denn sonst annehmen sollen. Ich konnte mir beim besten Willen keinen guten Grund vorstellen, eine Waffe zu tragen.
Schweigen.
Noch dazu an Bord eines Flugzeugs, ergänzte ich. Und seine heftige Reaktion, nachdem ich ihn entwaffnet hatte, war kaum geeignet, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
Nachdem Sie ihn entwaffnet hatten, wiederholte der Chef der Flughafensicherheit.
Alle starrten den Air Marshal an. Mann, war der groß, Mann.
Ich bin bisweilen recht entwaffnend.
Sie scheinen mir so allerhand zu sein, sagte der Chef und notierte sich so allerhand.
Hören Sie. Ich habe getan, was ich tun musste. Ich war auf der Hut. Ich habe Gefahr gewittert und entsprechend gehandelt.
Keith Gordon legte beide Hände auf den Tisch und sagte: Man muss ihr zugutehalten, dass sie die Bordtoilette sofort verlassen und die Waffe zurückgegeben hat, nachdem ich ihr versichert hatte, dass wir nicht entführt werden.
Warum glaubten Sie Copilot Gordon und nicht Ms. Miller oder Air Marshal Marshall.
Weil Copilot Gordon überzeugend war.
Inwiefern.
Ich zögerte. Er kannte meinen Namen.
Den kannte auch Ms. Miller.
Mag sein, aber sie hat mich nicht mit Namen angeredet. Außerdem wusste Copilot Gordon, wo St. John’s war. Ist.
Und das fanden Sie überzeugend.
Ich fand es in erster Linie selten.
Wieso selten. Ich nehme doch an, auch Ms. Miller weiß, wo St. John’s liegt. Ebenso Air Marshal Marshall.
Antigua, meldete Tuesday sich zu Wort.
Dann wären wir ja durch, sagte Keith Gordon. Wir sind doch durch, oder.
 
Mit mir waren der Chef und seine Helfershelfer leider noch nicht »durch«. Ich sollte aufgehalten und in die letzte Maschine nach St. John’s verfrachtet werden. Wie sich das wohl bewerkstelligen ließe. Sie berieten sich flüsternd in der Ecke. Schließlich drehte sich einer der INS-Beamten um und sagte: Händigen Sie uns Ihr Handy und alle anderen elektronischen Geräte aus, die Sie bei sich haben.
Kein Problem, sagte ich. Ich habe nur ein Handy. Aber das brauche ich, denn sowohl meine Schildkröte als auch mein Dad liegen im Koma.
Ich wartete, aber niemand sagte: Das ist ja furchtbar. Wie ist denn das passiert.
Sie sagten nur: Geben Sie her.
Ich gab.
Dann durchwühlten zwei INS-Beamten mit OP-Handschuhen auf dem ovalen Tisch mein Handgebäck. Entwürdigend.
Passt Ihnen mein Passbild nicht. Oder was.
Keine Antwort.
Die Zeit verging.
Der Chef verschwand und kam mit einer Bordkarte in der Hand zurück. Flug 696, Ms. Flowers.
Flug 696. Ist das der, der erst morgens um 3:35 ankommt.
Genau der, sagte er. Dann überreichte er mir einen Gutschein für die Skyway Bar und entließ mich mit den Worten, ich solle auf seine Kosten etwas trinken, feierlich ins Terminal 1. Ohne Kaution. Und ohne Handy.
 
Terminal 1 war renoviert worden. Und wie. Die Decke nahm kein Ende, und überall sang Céline Dion leise »O Tannenbaum«. Außerdem gab es Rollbänder, die ich in Kürze zu benutzen gedachte.
Ich schleppte mein Handgebäck, aus dem ein Nachthemdzipfel hing, zu einem Münztelefon. Ich rief erst bei Onkel Thoby an, der nicht zu Hause war, und dann bei Linda, die zu Hause war und mir versicherte, dass meine quicklebendige Schildkröte bei molligen 26 Grad Raumtemperatur die Wärme genieße.
Dann geht’s ihr also wirklich gut, sagte ich. Wirklich. Indianerehrenwort.
Ja, wirklich, sagte Linda. Sie lebt. Sie beobachtet mich.
Tja. Da kannst du mal sehen, wie wichtig Regel Nummer Eins ist.
Erleichtert hängte ich ein und hüpfte auf ein Rollband.
In der Skyway Bar bestellte ich mir eine Tasse Kaffee und blieb auf der Hut. Drei Männer vom Bodenpersonal machten gerade Pause. Sie trugen grellorangene Westen und ignorierten ihre Walkie-Talkies. Leute, die ihre Walkie-Talkies ignorieren, muss man einfach gernhaben. Auf der Weste eines der Männer stand EIN WEISER. Doch nicht etwa aus dem Morgenland, fragte ich. Nein, erklärte er, er sei Einweiser von Beruf und habe die Aufgabe, auf der Rollbahn mit dem Piloten in Blickkontakt zu treten und ihn mit aufreizendem Augenaufschlag an seinen Platz zu lotsen.
Ach, Sie sind das, sagte ich. Mit den rosa Lichtschwertern und dem aufreizenden Augenaufschlag!
Jawoll.
Die anderen beiden Männer waren für das Enteisen der Flugzeuge zuständig. Man nennt uns die Eiseiligen.
Darüber musste ich lachen. Ich wandte mich an Mr. Weiser. Aber Ihr Vorname ist nicht zufällig Bud.
Nein.
Ich nickte. Wir tranken unseren Kaffee. Dann fragte ich aufmunternd, damit das Gespräch nicht einschlief, wer für das Betanken der Flugzeuge zuständig sei.
Sie sahen sich an, als ob sie sagen wollten: Gute Frage.
Außenfirma, sagte ein Eiseiliger.
Ach. Und diese Außenfirma unterliegt doch bestimmt ziemlich strengen internen Sicherheitskontrollen. Hoffe ich zumindest.
Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.
Können Sie nicht oder dürfen Sie nicht.
Der Einweiser leerte seine Kaffeetasse. Na, dann wollen wir mal wieder.
Weiser Mann, geh du voran, sagte ein Eiseiliger.
Wie schade, sagte ich.
Ja. Aber es war sehr nett, Sie kennenzulernen.
Gleichfalls.
Und so schlichen sie von dannen, um eine Maschine in Gate 137 zu lotsen und die Tragf lächen mit pinkfarbenem Schaum zu besprühen.
 
Alles in Terminal 1 scheint einzig und allein dem Zweck zu dienen, einen von der eigentlichen Bedeutung des Wortes terminal abzulenken. Schluss. Aus. Ende. Zum Beispiel der Laden voller Seifenstücke, die so sehr nach Süßigkeiten duften, dass man sofort über die »Straße« rennen und sich eine Riesenpackung Toffee besorgen muss.
Während ich versonnen auf dem Rollband stand und besagte Toffeetüte leerte, näherte sich mir eilends ein Mann im blauen Anzug mit einem GTAA-Ausweis am Revers, den ich ohne Weiteres auf meinem Drucker hätte herstellen können. Ich trat beiseite, um ihn vorbeizulassen, aber er blieb stehen, stützte sich auf den Gummihandlauf und wollte wissen, aus welchem Grund ich die drei Männer vom Bodenpersonal in der Skyway Bar ausgefragt hätte. Wie bitte, sagte ich. Warum ich mich so sehr für das Betanken der Flugzeuge et cetera interessieren würde. Hört das denn nie auf. Habe ich noch nicht genug gelitten, sagte ich. Gnade. Nichts. Er wollte wissen, warum ich mich anschließend zum Flugsteig 137 begeben und fraglichen Arbeitern durch das Fenster zugewinkt hätte. Und welche Informationen dabei zum Austausch gelangt seien.
Gar keine. Ich habe ihnen lediglich freundlich auf Wiedersehen gewinkt.
Gemeinsam verließen wir das Rollband, und er fasste mich am Ellenbogen. Meine Herren. Noli me tangere, sagte ich.
Was.
Kommen Sie mir bloß nicht zu nahe, Freundchen. Sonst.
Wollen Sie mir drohen.
Und ob. Lassen Sie sofort meinen Ellenbogen los.
Kommen Sie bitte mit.
Ich war mir relativ sicher, dass meine drei Freunde mich nicht gemeldet hatten, denn sie waren erstens überaus sympathisch und zweitens ziemlich mitteilsam gewesen. Entweder war die Skyway Bar verwanzt, oder eins der Walkie-Talkies hatte unser Gespräch direkt in die Chefetage übertragen.
Wieder wurde ich in Gewahrsam genommen. Der GTAA-Angestellte eskortierte mich durch eine Tür, die sich ansonsten nahtlos in die Nordwand gegenüber von Gate 122 fügte. Wir gingen eine Treppe hinunter. Wenn Sie glauben, die Decke in Terminal 1 nähme kein Ende, sollten Sie mal die im Keller sehen. Wir marschierten eine halbe Ewigkeit durch ein unterirdisches Labyrinth von Gängen. Zu seinem Glück ließ er die Finger von mir. Dann betraten wir einen Raum. In dem diesmal keine Flagge hing.
Kurz darauf kam auch der Chef der Flughafensicherheit.
Er flatterte mit den Armen und sagte: Nicht schon wieder, Ms. Flowers.
Chief Dweck, wie ist das werte Befinden.
Er drückte mir einen zweiten Gutschein in die Hand und bat mich inständig, auf seine Kosten endlich etwas zu trinken.
Merci.
Worauf ich in die Skyway Bar zurückkehrte, mir noch einen Kaffee bestellte und bemerkte, dass die meisten Kinder am Flughafen Rollen unter ihren Turnschuhen hatten.
 
An Bord von Flug 696 ist es dunkel. Nach Mitternacht Toronto-Zeit gehen die Lichter aus. Was das Gemüt der Passagiere beruhigen und sie zu einem Nickerchen animieren soll. Viel Glück. Jemand ruft den Mittelgang entlang: Mister Naturell, wie wär’s, wenn Sie Reihe 21 aufwärts noch mal mit Ihrem Getränkewagen beehren.
M. Latourelle, über die Sprechanlage: Non.
Wo hat sich das Kerlchen bloß verkrochen.
In Kürze beginnen wir mit dem Landeanflug auf St. John’s International Airport. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Leichter Regen. Ortszeit … Die Maschine geht in eine steile Rechtskurve … 3 Uhr 25.
Die Katalogfrau tätschelt mir das Knie. Der Pilot hat nur auf die Uhr geschaut. Keine Bange.
Ich blicke aus dem Fenster. Ich sehe Meer. Ich sehe Stadt. Ist das Fahrwerk ausgefahren, ich habe es nämlich nicht ausfahren hören.
Wegen des Fahrwerks würde ich mir keine Sorgen machen. Die Katalogfrau befeuchtet ihren Daumen und blättert um. Würden Sie so etwas kaufen, fragt sie und zeigt auf eine Gartenfigur in Form eines Sumoringers.
Nein. Ich schaue wieder aus dem Fenster. He. Ich sehe den Wednesday Pond, eine riesige Pfanne, in der sich das Gelb des Mondes spiegelt wie das gleichnamige Ei. Und die Piety-Pie-Kuchenfabrik, deren Schriftzug rosa leuchtet.
Ist das die normale Einflugschneise. Als ich den Wednesday Pond das letzte Mal aus der Luft gesehen habe …
Wegen der Einf lugschneise würde ich mir keine Sorgen machen, sagt die Katalogfrau.
Ich presse die Stirn an die Scheibe. Ich drücke den Knopf an meiner Armlehne. Aufrechter geht’s nicht. Recht so.
Wir fliegen eine Schleife über dem Meer, und jemand in Reihe 21 aufwärts sagt: Treibstoff ablassen.
Die Katalogfrau zwinkert mir zu. Am besten gar nicht hinhören. Sie sind schon so gut wie zu Hause.
 
Onkel Thoby holt mich ab. Ich erkenne ihn schon von Weitem an seinen grellorangenen Handschuhen. Der Flughafen hat sich verändert. Er hat spitzgekriegt, wie andere Flughäfen aussehen. Wer ihm das wohl verraten hat. Die Rolltreppe braucht ewig. Der alte Flughafen hatte niedrige Decken und war ständig überheizt.
Wir haben Zeit, uns ausgiebig zu mustern, Onkel Thoby und ich, während ich langsam zum Landeanflug auf St. John’s International Airport ansetze. Seine Hände leuchten einweiserorange. Als ich seinen Gesichtsausdruck sehe, muss ich mich erst mal setzen. Normalerweise bin ich auf Rolltreppen immer auf der Hut. Ich halte mich aufrecht, kerzengerade, und das ohne zu tropfen. Aber als ich Onkel Thobys Miene sehe, werde ich plötzlich ganz wacklig auf den Beinen.
Jemand schiebt mir von hinten die Hände unter die Achseln. Hoppla, junge Frau.
Bitte nicht.
Onkel Thoby erklimmt die versinkende Treppe. Oddly. Er hüllt mich in seinen lauten Mantel.
Du hast gesagt, er liegt im Komma.
Ich weiß, aber es ist vorbei.
Punktum.
 
Das ist der falsche Flughafen. Auf dem alten Flughafen gab es keine Rolltreppen, und wir waren alle noch am Leben. Das Gepäck klapperte laut über den ziegelrot gefliesten Boden. Wir kamen immer ein wenig früher und nahmen im IM BISS noch einen Imbiss zu uns. Der IM BISS war dunkel und hatte keine Fenster. An der Wand hingen Holzschnitte, die man aber kaum erkennen konnte. Dazu musste man sich schon auf seinen Stuhl stellen. Auf einem Holzschnitt wand ein Fischer sich in Todesqualen. Er sah aus wie Han Solo in Das Imperium schlägt zurück, wenn er von Darth Vader eingefroren wird.
Vor dem IM BISS stand ein Rechteck aus Meer. Die Scheren der Hummer darin sahen aus wie mit Gummibändern gebändigte Pferdeschwänze. Sie waren harmlos. Man konnte die Hand ins Wasser tauchen und die Pferdeschwänze berühren. Man konnte erst den Meeresgrund berühren und dann in den Himmel fliegen, alles an ein und demselben Tag.
Oder wenn man jemanden zum Flughafen brachte, konnte man sich draußen an den Maschendrahtzaun stellen und ihm zum Abschied winken. Wenn der Abreisende einen Fensterplatz hatte, konnte er einen am Maschendrahtzaun stehen sehen und mit einem hellen, fröhlichen Gegenstand zurückwinken, zum Beispiel mit der Safety Card oder der Kotztüte. Damit man wusste, welches sein Fenster war.
Als ich abflog, winkte ich von Sitz 21F mit der Kotztüte. Onkel Thoby beschrieb mit dem linken Arm einen riesigen Bogen, wie ein Scheibenwischer. Mein Dad winkte klitzeklein, nur mit den Fingern. Sie waren doch dafür, dass ich mich wohlbehalten in dieses große Abenteuer stürzte, warum also machten sie so traurige Gesichter.
Ich schaute ihnen vom Himmel aus zu. Ich schaute auch noch, als sie glaubten, ich sei längst verschwunden. Ich sah sie über den Parkplatz zum Wagen schlurfen. Ich sah, wie mein Dad sich erst mal aufs Pflaster setzte. Das tut er nämlich immer, wenn etwas Schlimmes passiert. Er ist nämlich genau so wacklig auf den Beinen wie ich.
 
Onkel Thoby wartet schon seit drei Uhr am Flughafen auf mich.
Morgens.
Nein.
Du bist seit zwölf Stunden hier.
Stellen Sie ihn sich lieber nicht vor. Wie er da am Fuß der Rolltreppe steht. Unrasiert. Allein. Ich halte mich an seinem Mantel fest.
Macht nichts, sagt er.
Er nimmt meine Tasche, und wir gehen zum Ausgang.
Die Drehtür ist neu. Man darf sie nicht anschieben. Sie dreht sich von allein. Wenn man sie anfasst, bleibt sie stehen. Man kommt sich vor wie eine Torte auf einem Kuchenkarussell. In der Mitte, in Glas gefasst, steht ein kleiner Plastikweihnachtsbaum.
Onkel Thoby geht hinein. Wendet den Kopf. Kommst du.
Ja.
Ich stürze mich in den offenen Schlund der Tür. Dabei habe ich anscheinend das Glas berührt, denn der ganze Mechanismus kommt knirschend zum Stehen. Ich sitze fest, in einer Drehtür, die sich nicht mehr dreht. Mit einem Plastiktannenbaum. Am besten gar nicht hinsehen. Ich drücke gegen das Glas. Onkel Thoby hebt einen orangenen Handschuh. Ich sehe an ihm vorbei zur Taxischlange. An der Taxischlange vorbei zum Parkplatz. Am Parkplatz vorbei zu den kleinen schwarzen Bäumen, kaum größer als ich, die wie Kraut und Rüben durcheinanderstehen. Vielleicht bin ich ja doch in Antigua gelandet. In St. John’s, Antigua. Und mein Dad liegt immer noch im Komma, im anderen St. John’s. Dem richtigen St. John’s.
Nur ist der Onkel Thoby hinter der Scheibe eindeutig er selbst. Asymmetrisch. Mit Haaren wie eine Piratenaugenklappe.
Die Tür setzt sich wieder in Bewegung. Spuckt mich aus. Onkel Thoby schließt mich in die Arme, als ob ich jahrelang da drin gewesen wäre.
Wie gehen an der Taxischlange vorbei. Ein Clint’s Cab hält neben uns. Ich sehe nach, ob Clint am Steuer sitzt. Leider nicht. Clint kandidiert für die Wahl, sagt Onkel Thoby.
Ach ja. Die Wahl. Hatte ich ganz vergessen.
Als wir die Schlange entlangmarschieren, sehe ich M. Latourelle, den Flugbegleiter. Er kommt mir vor wie ein alter Freund.
Bonsoir, mademoi-
Da bemerkt er Onkel Thobys Arm.
Bei dieser Gelegenheit sollte ich vielleicht erwähnen, das Onkel Thobys linker Arm sehr lang ist. Fast dreißig Zentimeter länger als der rechte. Die orangenen Handschuhe sind kaum geeignet, über diesen Unterschied hinwegzutäuschen. Normalerweise tut er so, als würde er etwas unglaublich Schweres schleppen. Aber heute Morgen denkt er nicht daran. Darum deute ich auf meine Tasche und sage: ein knapper Zentner. Mit einer Geste, als würde ich mir den Schweiß von der Stirn wischen.
Niemand lacht. Normalerweise lachen alle.
An der Spitze der Schlange steht ein Pärchen mit Kinderwagen, an den sie einen Rückspiegel montiert haben, damit das Baby seine Eltern sehen kann. Und umgekehrt. Prima Idee. Ich gehe in die Hocke. Ich prophezeie Ihnen, dieses Baby wird einmal ein exzellenter Autofahrer, sage ich.
Das wollen wir doch stark hoffen, sagt der Vater.
Wie ich da so in der Hocke sitze, habe ich plötzlich einen Rolltreppen-Flashback. Sprich der Körper erinnert sich daran, dass er vor nicht allzu langer Zeit auf einer Rolltreppe gestanden hat. Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen, und ein flaues Gefühl macht sich im Magen breit. Ich stütze mich mit den Fingerspitzen auf dem nassen Pflaster ab. Immer schön senkrecht halten.
Der Kurzzeitparkplatz ist eine einzige Winterlandschaft. Winterlandschaft bin ich nicht mehr gewohnt. Onkel Thoby mahnt mich zur Vorsicht. Ich atme tief durch. Es riecht nach Heimat. Es riecht nach Atlantik und nach Kerosin.
Warum hast du kein Taxi genommen, frage ich. Oder mich eins nehmen lassen.
Weil es ein Notfall ist.
Hm.
Die Landschaft schmilzt. Gestern hat es geregnet, sagt er.
Komische Vorstellung, dass die Regentropfen auf dem Auto eher gelandet sind als ich.
Er fragt, ob ich fahren möchte.
Und ob ich fahren möchte.
Sind wir wirklich nur zu zweit. Ich schaue immer wieder hinter mich.
 
Onkel Thoby hat es sich zur Regel gemacht, niemanden zu chauffieren, den er liebt. Seit er bei uns wohnt, ist das seine Regel Nummer Eins. Er meinte, irgendwann werde er bestimmt vergessen, auf welcher Seite des Ozeans er sich befindet, und dann wolle er kein Kind (mich) bei sich im Wagen haben. Er werde nur noch allein fahren, sagte er. Im Notfall. Gut, im dringendsten aller dringenden Notfälle werde er vielleicht einen Erwachsenen fahren, den er nicht liebt. Aber da beides (Notfälle und Erwachsene, die er nicht liebt) spärlich gesät war, fuhr er eben nicht mehr selbst.
Mein Dad, der nie vergaß, auf welcher Seite des Ozeans er sich befand, dagegen fuhr. Und später fuhr ich. Und dann gab es ja auch noch Clint.
Clint’s ist so etwas wie das Qantas unter den Taxis, sagt Onkel Thoby immer. Wegen der makellosen Sicherheitsbilanz fraglicher Fluggesellschaft.
Onkel Thoby hat einmal miterlebt, wie Clint den Frontalzusammenstoß mit einem Minivan, der auf nasser Fahrbahn ins Schleudern geraten war, dadurch vermied, dass er sein Taxi blitzschnell und -gescheit eine Treppe hinauflenkte. Die Fahrerin des Minivans war auf die Bremse gestiegen und steuerte zielsicher auf das Hindernis zu, weil das ABS-System, so Clint, den Bremsvorgang lediglich verzögerte. Da könne man sich auch gleich den Tod ins Bremssystem einbauen lassen, meinte er.
Onkel Thoby, der damals mit im Taxi saß, wäre fast an seinem Gratispfefferminz erstickt. Später sagte er, solch fahrtechnisches Können habe er noch nie erlebt.
Fahrtechnisches Können, sagte mein Dad. Habe ich so etwas auch.
Aber ja, sagte Onkel Thoby und klopfte ihm auf die Schulter. Aber Clint hat fahrtechnisches Können en masse.
Clint’s Cabs bauen grundsätzlich keine Unfälle. Und haben auch noch nie einen gehabt. In über drei Jahrzehnten ist nicht ein einziges Taxi aus Clints gesamter Flotte je in einen Unfall verwickelt gewesen. Pardon, in eine Kollision. Was umso bemerkenswerter ist, als Clints Flotte aus fünfundsechzig Fahrzeugen besteht.
Clint’s Cabs sind dunkelgrau, und an den Türen steht MIT PFEFFERMINZ IST CLINT’S DEIN PRINZ. Sämtliche Taxifahrer werden in einem geheimen Trainingslager in unserer Partnerstadt Mount Paler ausgebildet. Das ich übrigens besucht habe, auch wenn ich eigentlich nicht die Absicht hatte, Taxifahrerin zu werden. In meinem Fall machte Clint eine Ausnahme, weil ich Onkel Thobys Nichte bin und Onkel Thoby Clints treuester Kunde ist.
Was an dem Trainingslager so geheim ist. Es hat eine Eisbahn. Ich habe auf einer Eisbahn Autofahren gelernt. In Clints Trainingslager habe ich gelernt, mit den Reifen meinen Namen zu schreiben. Außerdem habe ich gelernt, die Bremse federn zu lassen, statt sie bis zum Anschlag durchzutreten, was sich allerdings nicht ganz leicht erklären und folglich nur schwer verständlich machen lässt, das muss man im Gefühl haben, sonst muss man am Ende unter Umständen gehörig Federn lassen.
Nicht bremsen, sagte Clint immer. Federn lassen. Was sich zu einer Wendung gemausert hat, die ich in allerlei gefährlichen oder schlüpfrigen Situationen vor mich hin sage, auch wenn diese nicht unbedingt automobilistischer Natur sind.
Womit ich nichts gegen Young Drivers of Canada gesagt haben möchte. Unsere staatliche Fahrschule, die ich ebenfalls besucht habe. Mein Dad meinte, ich solle zu den YDOC gehen, schließlich sei ich erstens jung und zweitens Kanadierin. Onkel Thoby hingegen war für das Trainingslager. Und so absolvierte ich beides.
Ergo lautet die Geheimformel meiner Kindheit: Mein Dad plus Onkel Thoby gleich Qantas. Was in unserer Familie so viel bedeutet wie: Sei vorsichtig. Geh auf Nummer sicher. Flieg Qantas.
Bei den YDOC lernte ich vor allem, niemals Unfall zu sagen. Sagen Sie Kollision. Sehen Sie alle zehn Sekunden in den Rückspiegel. Versuchen Sie, jegliche Form extravehikulärer Ablenkung (EVA) auszublenden. Gehen Sie davon aus, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer entweder betrunken sind oder sich gerade schminken oder beides. Kommen Sie niemandem zu nahe. Machen Sie Noli me tangere zu Ihrem Motto.
 
Der Parkplatzwächter bekommt sein Schiebefenster nicht auf. Also warten wir, während der Wagen im Leerlauf vor sich hin tuckert und der Wächter sich ein heißes Duell mit der vereisten Scheibe liefert. Das grelle Licht im Kassenhäuschen und der Mann in seiner lieben Not machen mich traurig. Ich schaue weg.
Onkel Thoby drückt mir eine zweifarbige Zwei-DollarMünze, einen Toonie, in die Hand.
Ach, Toonies hatte ich ganz vergessen. Sie sind wunderschön. Ob sie irgendwann vielleicht eine dreifarbige Münze herstellen. Oder gar eine vierfarbige. Die kanadische Münzanstalt dürfte für meinen Geschmack durchaus eine etwas prägnantere Prägung an den Tag legen.
Onkel Thoby sagt: Der arme Mann.
Er sieht aus wie ein Insekt, sage ich. Glotz doch nicht so.
Onkel Thobys Beine zittern in seinen braunen Cordhosen.
Ich habe einen zweiten Rolltreppen-Flashback.
Onkel Thoby legt sich die Hände auf die Knie, um das Zittern abzustellen.
Schließlich gibt sich der Insektenmann geschlagen. Ich zeige ihm meinen Toonie. Er winkt uns durch. Schon gut, sagt er stumm. Fahren Sie.
Jetzt haben wir gratis kurzgeparkt.
Das Armaturenbrett des kleinen LeBaron leuchtet hellbraun. Der Wagen ist uralt. Was sich unschwer daran erkennen lässt, dass er sowohl außen als auch innen braun ist. Die meisten neuen Autos haben innen eine andere, zum Lack passende Farbe. Zum Beispiel außen weinrot, innen grau. Außen grau, innen schwarz. Außen blau, innen creme. Wobei mir einfällt, dass auch meine Lieblingsfrüchte innen und außen verschiedene, aber zueinanderpassende Farben haben. Ich denke da an Äpfel, Birnen, Pflaumen, Orangen und Zitronen. Ja, selbst Orangen und Zitronen. Denn ihr Äußeres verspricht mehr, als ihr Inneres hält.
Clint’s Cabs sind außen schwarz und innen schwarz, aber damit fahren sie prima, denn ihr Armaturenbrett ist eine Augenweide, und das Schwarz ist aus Leder.
 
Du fährst aber ziemlich langsam. Ach ja. Fahre ich wenigstens in die richtige Richtung. Nicht direkt, sagt Onkel Thoby, aber auch Umwege führen ans Ziel. Der Tacho zeigt Stundenkilometer an. Das ist das Problem.
Irrtum.
Ich schalte in den Vierten. Und mir fällt ein, wie mein Dad und ich Onkel Thoby vor vielen Jahren einmal vom Flughafen abholen wollten, und er saß nicht in der Maschine. Dad fuhr fast den ganzen Heimweg im Dritten.
Hier sieht’s aus wie in Mount Paler, sage ich.
Irrtum. Das ist eine neue Siedlung.
Ach.
Dieses Teilstück des Trans-Canada kenne ich noch gar nicht. Es ist breit und macht ein schmatzendes Geräusch. Links und rechts stehen pastellfarbene Häuser, mit der Rückseite zur Straße. Sie wirken irgendwie pikiert, als ob sie sagen wollten: Igitt, ist das etwa ein Highway hinter uns. Und ob das ein Highway ist. Auf dem ich im Übrigen gut unterwegs bin. Warum musstet ihr eure teuren Hütten und billigen Paläste auch ausgerechnet hier bauen. Wie soll man sich behaglich fühlen, wenn einem die Umgebung nicht behagt.
Sämtliche Häuser haben winzige Fenster, die zur Seite aufgehen. Ich stelle mir vor, wie ich versuche, eines dieser Fenster zu öffnen, ohne Erfolg.
Wie frustrierend es doch sein muss, hier zu wohnen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen das eigene Haus vom Highway aus und wissen, dass Sie in frühestens zwanzig Minuten da sind, obwohl es keine zwei Minuten Luftlinie entfernt liegt. Weil Sie erst bis zur nächsten Ausfahrt fahren und sich dann mühsam durch das verschlungene Straßendickicht schlagen müssen. Und obwohl die Person, die an einem der besagten Fenster steht und Sie sehnsüchtig erwartet, Sie längst hat kommen sehen, bleibt ihr noch ausreichend Zeit, sich eine Sitcom anzuschauen, bis Sie endlich da sind.
Hoppla. Was ist denn mit den blauen Leuchten los.
Was.
Ich zeige mit dem Finger auf die Lichterkette, die eines der Fenster umrahmt. Guck mal, wie groß das Blau im Vergleich zu den anderen Farben ist.
Guck lieber auf die Straße, Oddly.
Es ist so geräumig, dieses Blau. Ich spüre den genialen Geist, der es erfunden hat.
 
Es ist unmöglich, denke ich, als wir endlich in der Stadt ankommen, dass mein Dad dieses glückliche Zusammentreffen von Wahl und Weihnachten nicht mehr erleben kann, hatte er doch für beides eine Menge übrig. Die Stadt ist mit Wahlplakaten und Lichterketten geschmückt, eine Kombination, die reichlich extravehikuläre Ablenkung schafft. Ein Beispiel: Da vorne steht ein riesiges Wahlplakat für Noel Horne. Jemand hat seinen Namen in Noel Hörner abgeändert und ihm passend dazu ein Paar aufgesetzt. Ziemlich witzig.
Alle Jahre wieder.
Wir kommen an einem Byrne-Doyle-Plakat vorbei. Byrne Doyle! Er hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Jacob Marley.
Der arme Byrne Doyle, sagt Onkel Thoby, sein üblicher Kommentar.
Wo bleibt Clint. Ich will endlich ein Clint-Plakat sehen.
Da vorn.
Wir nähern uns der Taxizentrale. Die eigentlich nichts weiter ist als eine Bretterbude mit einem Auto auf dem Dach. Aber meine Herren, das Auto haut einen immer wieder um. Ein echtes Clint’s Cab! Auf dem Dach! Da fragt man sich doch, warum man nicht doch Taxifahrer geworden ist, als man die Gelegenheit dazu hatte.
Der Schuppen strahlt hell wie ein Raumschiff. Die Weihnachtsbeleuchtung ist umwerfend. Das Blau des einsamen Erfinders ist nichts im Vergleich zu diesem Grün. Es geht einem wie Superman im Angesicht von Kryptonit. Man wird schwach. Man schaltet einen Gang herunter. Und noch einen. Als würde das Grün vor Leben buchstäblich pulsieren, und alle anderen Farbe wären tot.
Wir biegen um die Ecke und stehen vor einem riesigen Foto von Clint. Er hat sich einen orangenen Schal Bob-Cratchit-mäßig zweimal um den Hals gewickelt. Darunter steht: ORANGE WÄHLEN STATT SCHWARZ ÄRGERN – CLINT FÜR ST. JOHN’S-MITTE.
Und noch ein Schild: FAHRER GESUCHT.
Reichlich EVA.
Als wir den Schuppen hinter uns lassen, wird es auf der Straße mit einem Mal stockdunkel. Ich glaube, meine Netzhaut hat was abgekriegt. Ist das da vorne eine rote Ampel.
Das ist der Teich.
Gut. Also, ich sehe nur noch rot.
Hast du etwa direkt in das grüne Licht geschaut.
Hätte ich vielleicht indirekt in das grüne Licht schauen sollen.
Hm.
Der Wagen gerät ins Rutschen. Nicht bremsen. Federn lassen. Ist das der Teich.
Ja. Ich an deiner Stelle würde anhalten.
Ich bin blind.
Lass ihnen einen Augenblick Zeit, sagt er und meint meine Pupillen.
006
 
Wir wohnen auf der anderen Seite des Wednesday Pond. Wir sind fast da. Aber weil ich nichts sehen kann, müssen wir warten. Wir könnten natürlich auch aussteigen und zu Fuß gehen. Onkel Thoby könnte mich führen. Wir könnten wie zwei arme Waisenkinder durch die Winterlandschaft stolpern. Heute ist auf dem Trottoir so viel Platz, dass ein vorbeifahrender Weihnachtsbaum die Medulla oblongata wahrscheinlich kurz und knapp verfehlen würde.
An dem Tag, als mein Dad erschlagen wurde, lag jede Menge Schnee auf dem Trottoir.
Ich reibe mir die Augen. Wir sind doch über den Teich geflogen.
Mundy Pond.
Nein, Wednesday. Und die Flugbegleiterin hieß Tuesday.
Onkel Thoby beugt sich vor und wischt mit seinem langen Arm über die Windschutzscheibe.
Ist das Haus mit Lichterketten geschmückt, frage ich.
Nein.
Du hast sie alle wieder abgenommen.
Er nickt.
Das möchte man sich lieber nicht vorstellen.
 
Es gibt da ein Gerücht (nein, mehr als ein Gerücht, eine Theorie), wonach der Wednesday Pond keinen Grund hat. Mein Dad fand diese Theorie lächerlich. Blödsinn, sagte er immer. Natürlich hat der Teich einen Grund. Onkel Thoby, der die Theorie keineswegs lächerlich fand, sagte: Also, Clint hat gesagt. Meine Herren, sagte mein Dad. Was. Nichts. Sprich ruhig weiter. Clint hat gesagt, einmal ist ein Mann im Teich verschüttgegangen, und die Polizei wollte den Grund absuchen, aber siehe da, es gab nicht den geringsten Grund, den sie hätte absuchen können.
Das Gespräch hatte verblüffende Ähnlichkeit mit einem Tennismatch.
Nur weil die Polizei nicht über die erforderliche Technik verfügt beziehungsweise verfügte, um den Teich abzusuchen …
Und wie erklärst du dir dann, dass er nie zufriert, Walter.
Er war durchaus schon einmal zugefroren, sagte mein Dad.
Wann.
Vor deiner Zeit.
Das ist zwar sehr lieb von dir, aber …
Was soll das heißen. Lieb von mir.
… aber weder ich noch Clint noch Oddly können sich entsinnen, dass er jemals zugefroren gewesen wäre, sagte Onkel Thoby.
Wohl wahr, sagte ich.
Er war ein Mal zugefroren, als du noch ganz klein warst, sagte mein Dad. Wir sind sogar Schlittschuh darauf gelaufen.
Onkel Thoby und ich wechseln skeptische Blicke.
Ich habe meine Schlittschuhe angezogen, dich in deinen Kinderwagen gesetzt, und dann habe ich dich über das Eis sausen lassen.
O Gott!
Es hat dir einen Riesenspaß gemacht.
 
Wir wohnen am Wednesday Place, und das schon, seit ich denken kann. Der Teich liegt gleich hinter dem Haus. Wir wohnen in Nummer 3. Alle Häuser am Wednesday Place haben ungerade Hausnummern, und die besten Häuser haben Primzahlen.
Die Veranda zieht sich um das ganze Haus. Einmal ganz drumherum. Wenn man nicht aufpasst, wird man in die Erdumlaufbahn katapultiert. Die Dielen federn nämlich beim Gehen. Und dabei wackelt das ganze Haus, wenn nicht sogar alle Häuser am Wednesday Place. Aber nicht nur das. Zu Weihnachten hängen dort Lichterketten mit einer Leistung von über 5000 Watt. Wer nie gesehen hat, wie sich all die Lichter im Teich spiegeln, hat etwas verpasst. Aber heute ist alles dunkel. Nur der Vollmond leuchtet, als wir auf das Haus zugehen. Wie viel Watt der wohl hat. Höchstens 25.
Unsere Haustür ist zwar nicht abgeschlossen, lässt sich aber beileibe nicht von jedem öffnen. Dazu muss man schon ein besonderes Verhältnis zu ihr haben. Und den Nordwestschubs beherrschen.
Ich lasse die Haustür links liegen und gehe die Veranda entlang.
Oddly, ruft Onkel Thoby. Trotzdem folgt er mir und schleift meine Tasche über die federnden Dielen.
Auf dem Wednesday Pond leben siebenundvierzig Enten (einheimisch) und zwei Schwäne (zugewandert). Wenn die Schwäne den Kopf unter Wasser stecken, sehen sie aus wie winzige Eisberge. Wenn sie wieder auftauchen, schauen sie verwundert drein. Kannst du bis auf den Grund sehen. Nein. Du. Nein. Schauen wir am besten gleich noch mal nach. Und so schauen sie seit Jahren und wundern sich doch jedes Mal aufs Neue.
Komm rein.
Gleich.
Er parkt meine Tasche.
Ich hätte da noch eine Frage. Bist du bereit.
Ich bin ganz Ohr.
Erinnerst du dich an das Armband.
Ich erinnere mich nämlich an ein Armband, das mein Dad am Handgelenk trug, so ähnlich wie ein Notfallarmband, nur dass es Anweisungen für einen eventuellen Unfalltod enthielt. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EINBALSAMIEREN stand darauf und eine kostenlose Telefonnummer. Im Falle eines Falles sollte ein Sondereinsatzkommando per Hubschrauber einfliegen und meinen Dad in eine Einrichtung in Arizona bringen, wo sein Gehirn auf Eis gelegt wurde, bis die entsprechende Technik zur, sagen wir, Instandsetzung einer Medulla oblongata zur Verfügung stand.
Das Armband war ein Witz, sagt Onkel Thoby.
Woher willst du das wissen.
Ich habe es ihm geschenkt.
Ach ja. Wann.
Zu einem unserer Geburtstage. Dein Vater hielt die Kryonik für eine Erfindung von Walt Disney.
Soso. Egal. Ist es zu spät, das SEK zu rufen. Sonst sollten wir das schleunigst tun.
Lieber nicht, sagt er.
Doch. Aber erst verpasse ich der Tür einen ordentlichen Nordwestschubs.
Fünf Minuten später habe ich Phoenix an der Strippe und das Armband von meinem Dad in der Hand. Der CRYNOT-Angestellte, Darren Lipseed oder Lipsey, sagt, die Mitgliedschaft von meinem Dad sei bereits 1996 ausgelaufen.
Na und. Dann erneuern wir sie eben.
Da kommt aber einiges an Papierkram auf Sie zu, Ms. Flowers. Jede Menge Papierkram sogar.
Bitte nennen Sie mich Audrey.
Gut, Audrey. Ihr Vater muss diverse Formulare unterzeichnen.
Tja, das könnte ein Problem werden.
Warum.
Und ich setze Darren Lipseed den Unfall, pardon, die Kollision von meinem Dad in allen Einzelheiten auseinander.
Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, sagt er.
Äh, Darren Lipseed.
Ja.
Ich will Sie nicht auf den Arm nehmen. Aber. Mein Dad hat schon beim letzten Mal keine Formulare ausgefüllt. Ich sehe zu Onkel Thoby.
Onkel Thoby tippt sich auf die Brust.
Wie es scheint, hat mein Onkel damals seine Unterschrift gefälscht.
Tja, dann wäre der Vertrag ohnehin null und nichtig, sagt Darren.
Hören Sie. Schicken Sie uns einfach Ihr Sondereinsatzkommando, und wir regeln die Einzelheiten später.
Onkel Thoby schenkt sich ein Glas Sherry ein.
Wir können leider kein SEK nach Kanada schicken.
Aber Sie haben doch Mitglieder in Kanada.
Ja. Ich muss Sie bitten, einen Augenblick zu warten, Ms. Flowers.
Warum.
Darum.
Das darf ja wohl nicht wahr sein, sage ich zu Onkel Thoby. Nicht zu fassen.
Er legt seine Hand mitsamt dem Glas auf der Anrichte ab. Bist du nicht müde, Liebes.
Nein.
Ich glaube doch.
Ich kehre ihm den Rücken zu. Und lese noch einmal, was auf dem Silberarmband steht.
50 000 E Heparin IV. HLW unter Eiskühlung auf 4°C. pH konstant 7,5. Sofortruf 800 544 7700. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EINBALSAMIEREN.
Ich schüttele den Kopf. Was für ein simples Rezept. Und wir haben es nicht geschafft, uns daran zu halten. Jedenfalls einer von uns. Wenigstens haben wir ihn nicht einbalsamiert.
Wir haben ihn doch nicht einbalsamiert, oder, frage ich.
Nein.
Was heißt einbalsamiert.
Darren ist wieder in der Leitung. Er erklärt mir, weshalb er beziehungsweise das CRYNOT-SEK eine Leiche nicht über die Grenze transportieren kann. Sie können sich nicht vorstellen, was der Zoll für einen Zirkus …
Doch, Darren. Den Zirkus kann ich mir sogar sehr gut vorstellen.
Zumal die Leiche bereits tot ist.
Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie meinen Dad nicht dauernd als die Leiche bezeichnen würden.
Tut mir leid.
Schon gut.
Es gibt natürlich verschiedene Stufen des Totseins, sagt Darren.
Darüber muss ich nachdenken. Ich höre ein klickendes Geräusch. Sie stricken doch nicht etwa, Darren.
Darren sagt: Eine Babydecke. Wenn ich Sie noch einmal bitten dürfte, einen Augenblick zu warten, Ms. Flowers.
Warum.
Totenstille.
Ich hänge schon wieder in der Warteschleife.
Onkel Thoby nimmt mir den Hörer aus der Hand. Legt auf. Wir brauchen Schlaf, sagt er.
Aber ich bin noch in einer anderen Zeitzone.
Trotzdem. Er stellt sein Glas ins Spülbecken.
Ich klimpere mit dem Armband. Und denke an die Szene in Das Imperium schlägt zurück, in der Darth Vader Han Solo einfriert. In der Fortsetzung ist er wieder aufgetaut. Da kommt man doch ins Grübeln.
Aber mit Kryonik hatte das nichts zu tun. Keine Ahnung, was das war.
Es war George Lucas. Nicht Walt Disney. Und darum durchaus möglich.
 
Wenn Sie an Schlafmangel leiden und zufällig einen Pferdeschwanz zur Hand haben, empfiehlt sich Folgendes: Klemmen Sie sich den Pferdeschwanz unter die Nase wie einen Schnurrbart. Das beruhigt und macht müde. Außerdem zwingt es einen, den Tisch loszulassen. An dem ich sitze, seit Onkel Thoby nach unten und ins Bett gegangen ist.
Servus, sagte er.
Servus. Das Wort hatte ich ganz vergessen.
Und wenn das SEK doch noch kommt, sagte ich.
Er schlich die knarrende Kellertreppe hinunter. Geh zu Bett, Liebes.
Ich nickte. Und setzte mich stattdessen an den Tisch. Trommelte mit den Fingern. Hörte nach einer Weile auf zu trommeln und fing an, mich festzuhalten. Zwang mich, wieder loszulassen.
He. Mein Pferdeschwanz riecht nach Air Canada.
Wobei mir einfällt. In den Nachrichten im Flugzeug wurde das Wort verschwunden auf eine Art und Weise gebraucht, die mir neu war. Wie ging das noch gleich. Mehrere Personen seien verschwunden worden, sagte ein Reporter. Nicht verschwunden. Verschwunden worden.
Und urplötzlich ist dieses Wort, das seit grauer Vorzeit wie ein Möbelstück in einer dunklen Ecke stand, zum Leben erwacht und aufgesprungen.
Ich greife zum Telefon. Wähle Lindas Nummer. Chuck nimmt ab. Ich habe sie geweckt. Tut mir leid. Ich wollte mich nur rasch erkundigen, wie es Winnifred geht …
Wem.
Kann ich mal Linda sprechen.
Ach, der Schildkröte. Der geht’s prima. Nur wir kommen bei der Bullenhitze fast um. Hier drin sind achtunddreißig Grad.
Kann ich mal Linda sprechen.
Bettzeug raschelt.
Hallo Audrey. Es geht ihr bestens.
Könntest du vielleicht kurz nach ihr sehen.
Morgens um halb drei.
Bitte.
Seufz. Warte.
Und ich höre Chuck sagen: Was. Als ob das mit der Achselhöhle noch nicht gereicht hätte. Jetzt sollen wir das Mistvieh wohl auch noch mit ins Bett nehmen.
Linda, im Hintergrund: Halt die Klappe.
Eine Minute vergeht. Noch eine. Schließlich kommt sie wieder. Schildkröte gesund und munter. Sie ist aufgewacht, als ich das Licht angemacht und auf ihren Panzer geklopft habe.
Dann ist sie also wohlauf.
Sie ist vor allem stocksauer.
Oh. Gut. Okay.
Ich trommle mit den Fingern.
Audrey.
Ja.
Ah. Ich dachte schon, du hättest aufgelegt.
Nein.
Wie geht’s, fragt sie. Wie ist es bei dir.
Ähm. Kleiner. Alles ist kleiner. Besonders die Bäume.
Aber sonst …
Alles bestens. Entschuldige, dass ich euch geweckt habe.
Kein Problem. Mich bringt so leicht nichts ins Schwitzen.
Du hast gut reden, höre ich Chuck sagen. Mir quillt die Suppe aus allen …
Tschüs.
Tschüs.
 
Ich bleibe noch ein wenig sitzen und denke darüber nach, dass es Winnifred prima, einfach prima geht. Und wie heiß, wie unglaublich heiß es in dieser Wohnung ist. Dann greife ich zum Telefon. Chuck nimmt ab. Entschuldige, dass ich noch mal störe, sage ich.
Herrgott, das hält ja kein Mensch aus.
Ich habe nur gerade überlegt, ob ihr einen Feuermelder habt. Und womit ihr heizt. Und ob Winnifreds Schloss vielleicht in der Nähe eines Heizkörpers steht.
Klick. Aufgelegt.
Je nun.
 
Ich lese das CRYNOT-Armband, das ich mir ums Handgelenk gebunden habe. Warum man das Unfallopfer kühlen soll, ist mir ein Rätsel. Sollte man es nicht eher wärmen.
Der Teich ist wie aus Silber. Bald wird es hell. Die Ganzjahresschwäne schaukeln vorbei. Die Bäume am anderen Ufer sehen klein und freundlich aus. Oder vielmehr klein und grimmig. Wo führt der Teich eigentlich hin. Wo. Immer wenn ich in Portland den Rasen rings um den Stausee mähte, musste ich an den Wednesday Pond denken. Rings um den Stausee stand ein hoher, spitzer Zaun, damit den Wasservorrat der Stadt niemand vergiften konnte. Nehme ich jedenfalls an. Ich mähte den Rasen, sah durch die Gitterstäbe und dachte darüber nach, dass ein Stausee eigentlich keinen richtigen Grund hat. Und dass man, wenn man ganz tief, bis ins Rohrsystem hinabtaucht und nicht aus Versehen falsch abbiegt, an einem völlig unerwarteten Ort wieder auftaucht, zum Beispiel im Wednesday Pond.
Ich fragte mich, ob es zwischen den beiden Gewässern vielleicht eine Verbindung gab.
Es tut mir leid, dass ich nicht über den Zaun geklettert und durch das Labyrinth von Rohren nach Hause geschwommen bin, Dad. Es tut mir leid, dass mein großes, wohlbehaltenes Abenteuer kein Ende nehmen wollte. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ich hatte Angst. Ich weiß auch nicht, warum ich den Sprung über den Kontinent nicht schon viel früher gewagt habe.
 
Hinter mir ertönt ein Geräusch, das mir in etwa so vertraut ist wie das Anspringen der Heizung, weshalb ich es zunächst überhört habe. Ein Quieken und Surren aus dem Wohnzimmer.
Wedge!
Ich überlasse meinen Pferdeschwanz wieder der Schwerkraft.
Ich wusste natürlich, dass er da ist. Ich hatte ihn lediglich vergessen. Ich schlittere über den Küchenboden. Bleibe im Türbogen stehen. Im trüben Licht der hereinbrechenden Dämmerung sehe ich Wedge weiß schimmernd auf dem Kaminsims stehen. Sein Laufrad blitzt.
Mr. Sam, flüstere ich. Mr. Wedge Man.
Er hält inne.
Ich nähere mich dem Käfig, pardon, Terrarium.
He, du.
Er sträubt das Fell auf seiner Stirn. Wie sehe ich aus.
Gut.
Vorsichtig steigt er aus seinem Laufrad. In seinem Napf, zwischen dem Trockenfutter, liegt ein angefressenes Lakritz.
Und vor wem läufst du heute davon, frage ich. Oder verfolgst du jemanden.
Wedge hat eine blühende Fantasie, also ist es wahrscheinlich entweder ein Berglöwe oder die Russenmafia.
Ich öffne das Gitterdach und hole ihn heraus.
Er ist ganz warm und zittert. Sein kleines Herz pumpert so wild, dass ich die Luft anhalten muss. Ich bin keine Säugetiere mehr gewohnt.
Er reibt seine Nase an meiner. Mein Laufrad könnte ein Tröpfchen WD-40 vertragen.
Gut.
Ich nehme ihn mit in die Küche. Er erkundet den Tisch. Wenn er der Kante zu nahe kommt, halte ich seinen Schwanz mit der Fingerspitze fest. Er dreht sich um. Jemand tritt mir auf den Schwanz. Ich lasse los. Er flitzt in eine andere Richtung davon. Dieses Spielchen spielen wir eine Weile. Schließlich, als der Himmel langsam heller wird, beruhigt er sich. Wie nachtaktive Tiere es so an sich haben. Er sitzt im Gehege meiner Arme und putzt sich. Ich senke den Kopf und beobachte, wie zwischen seinen Ohren die Sonne aufgeht. Wenn das Licht von hinten durch sein Ohr scheint, kann man seine Tätowierung sehen. 81.
 
Angenommen, sagt mein Dad, das Leben würde ewig währen.
Wir sind in seinem Labor und schauen den Mäusen beim Schwimmen zu. Ich bin noch klein. Mein Laborkittel schleift über den Boden. Er legt mir die Hand auf den Kopf. Von Unfällen einmal abgesehen, sagt er.
Aha.
Ewig heißt für immer.
Ich weiß.
Er trägt die Stoppuhr wie eine Kette um den Hals.
Die Mäuse machen Ferien. Jede hat ihren eigenen Pool. Es sind fünf Pools. Zwanzig Mäuse. An der Wand sind Käfige wie Hotelzimmer übereinandergestapelt. Jedes Hotelzimmer hat eine Zimmernummer. Jede Maus hat ihre Zimmernummer auf das linke Ohr tätowiert.
Auf das linke Ohr kommt es an.
Fünf Mäuse gehen zehn Minuten schwimmen. Dann die nächsten fünf. Und die übernächsten.
Im Wasser sträubt sich ihr Fell vor lauter Angst. Schwimmen sie, oder wollen sie nur herausklettern. Sie wollen herausklettern. Weit und breit keine Maus, die kraulen oder gemütlich auf dem Rücken treiben würde. Sie schwimmen im Kreis und scharren an den Wänden des Pools.
Die Mäuse machen gar keine Ferien. Das ist so eine Art unfreiwillige Freischwimmerprüfung. Die Pools sind Mülltonnen von Canadian Tire. Aber wehe, Sie verraten das den Mäusen.
 
Mein Dad sagt, wir bestehen aus kleinen Kreisen, die man Zellen nennt. Mit der Zeit werden diese Zellen schmutzig und geraten aus der Form. Dann sterben wir. Aber selbst die ältesten und runzligsten Zellen wissen noch, wie es war, als sie jung waren. Sie tragen die Erinnerung an ihre Jugend in sich. Also braucht man ihr Gedächtnis bloß ein wenig auf Trab zu bringen. Trab, trab. Weißt du noch, wie es war, als du jung warst. Na los, erinnere dich. Es hört sich einfach an, aber bisher ist noch niemand darauf gekommen, wie man das Gedächtnis einer Zelle ordentlich auf Trab bringt.
Obwohl, das stimmt nicht ganz. Ein Mann an der Universität von Cambridge hat einen Frosch dazu gebracht, sich an sein Leben als Kaulquappe zu erinnern.
Auch Licht, das aus kleinen Kreisen besteht, die man Photonen nennt, hat ein Gedächtnis. Niemand weiß genau, wie dieses Gedächtnis funktioniert, aber manchmal trifft das Licht eine Entscheidung, die auf Erfahrung beruht. Das gilt übrigens auch für Wasser. Wenn man Wasser kocht, erinnert sich das Wasser, dass es schon einmal gekocht hat, und kocht beim zweiten Mal ein wenig schneller. Ich meine, nachdem es sich auf Zimmertemperatur abgekühlt hat. He, ich weiß, wie man kocht. Während es beim ersten Mal noch fragen musste: Was, bitte schön, ist Kochen?
Und wie bringt die unfreiwillige Freischwimmerprüfung das Mäusegedächtnis nun auf Trab. Gar nicht. Das gehört eigentlich auch gar nicht hierher. Wir plaudern doch nur. Das eine hat mit dem anderen nicht das Geringste zu tun. Aha.
 
Im Labor gibt es ein Gehirn. Ein menschliches Gehirn. Es steht in einem Regal in einem Tupperware-Behälter mit Formaldehyd. Nicht auszudenken: Da steht ein Mensch im Regal!
Wer ist das. Wie heißt er.
Ich habe nicht den leisesten Schimmer.
Könntest du es rausfinden.
Mein Dad macht keinen besonders begeisterten Eindruck.
Kann ich ihm einen Namen geben.
Nein.
Kann ich es auf den Schoß nehmen, ich lasse auch den Deckel zu.
Na schön.
Hallo, da drinnen, Blumenkohlgehirn. Mr. Blumenkohl. Du bist so klein und kompakt. Und trotzdem ein Mensch. Ich weiß nicht, ob ich dich lieb haben kann, hässlich, wie du bist. Obwohl. Doch, ich glaube schon …
Wie ein Gehirn so klein sein kann, ist mir ein Rätsel.
Im Gehirn von meinem Dad liegen Mäuse und Menschen weit auseinander. Ziemlich weit sogar. Und dazwischen liegen meilenweise Wörter. Dazu braucht man sich nur mal einen seiner Artikel anzuschauen. Das Wort Maus werden Sie darin vergeblich suchen. Trotzdem kommen die Mäuse darin vor. Genau wie die Menschen. Und das Wort Maus führt, gut getarnt, früher oder später zu dem ebenfalls gut getarnten Wörtchen Mensch. Trotzdem sind Mäuse und Menschen niemals gleich. Mein Dad würde niemals schreiben: Die Maus konnte Schwimmen auf den Tod nicht ausstehen und sehnte sich nach ihrem Hotelzimmer.
Er würde schreiben … Ich weiß auch nicht, was er schreiben würde. Wahrscheinlich, wie viel das Versuchstier hinterher getrunken hat. In Gramm.
Mein Dad kann es nicht leiden, wenn ich so tue, als ob Mäuse und Menschen gleich wären. Oder wenn in einer Geschichte so getan wird. Wie zum Beispiel in den Beatrix-Potter-Büchern, die meine Großmutter mir geschickt hatte und die ich wegwerfen musste, weil mein Dad seine Stimme nicht leiden konnte, wenn er mir daraus vorlas. Bei Beatrix Potter sind Mäuse und Menschen nämlich immer gleich. Beatrix Potters Gehirn ist wahrscheinlich klein und dumm.
Jetzt lesen wir nur noch Bücher mit echten Menschen. Richtige Bücher, bei denen mein Dad seine Stimme nicht verstellen und lügen muss.
Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis über das Gehirn von meinem Dad. Sagen wir, Sie gehen den ganzen Weg von dem Wort Maus zu dem Wort Mensch. Der ist ziemlich weit. Sagen wir, Sie sind schon seit Tagen unterwegs. Schließlich kommen Sie bei Mensch an, und Sie sehen, dass der Weg hier nicht zu Ende ist, sondern noch weitergeht. Er wird schmaler und schmaler, bis er so schmal ist wie ein Mäuseschwanz. Sie gehen weiter, bis ganz ans Ende, und was finden Sie da. Sie finden das Wort Audrey.
Angenommen, das Leben würde ewig währen. Will sagen: dein Leben.
 
Das Buch, das am Tag der unfreiwilligen Freischwimmerprüfung zu Hause auf uns wartet, ist eine Biografie von Andrew Toti, dem Erfinder der Schwimmweste. Er hat auch die Hühnerrupfmaschine erfunden. Mein Dad sagt, die Hühnerrupfmaschine sei eine genauso bedeutende Erfindung wie die Schwimmweste und werde viel zu wenig gewürdigt. Weshalb wir die HRM jetzt immer, wenn wir Hühnchen essen, gebührend würdigen müssen. Was ich ziemlich eklig finde.
Jedenfalls denke ich mir während der UFSP eine Schwimmweste für Mäuse aus. Mit kleinen Haken vor jeder Hotelzimmertür, wo sie die Schwimmweste zum Trocknen aufhängen können. Man könnte den Mäusen beibringen, die Westen selber anzuziehen. Sie haben so geschickte Finger. Stellen Sie sich vor, wie die Mäuse nach unten gucken, wenn sie die Schwimmwesten anlegen. Stellen Sie sich vor, wie goldig sie von hinten aussehen würden.
Obacht, Audrey.
’tschuldigung.
Mein Dad trocknet die Mäuse ab. Und wenn er damit fertig ist, trage ich sie in ihre Hotelzimmer zurück. Sie sind feucht und zittern am ganzen Körper, aber ich kreische nicht, und ich lasse sie auch nicht fallen. Ich setze sie hinein und mache die kleinen Gittertüren zu. Ihre rosafarbenen Händchen drücken sich gegen das Glas. Ihre kleinen Lungen rasseln.
Trockne mich noch ein bisschen ab.
Sie werden für ihr Leben gern abgetrocknet. Mein Dad hat ein superweiches, supersaugfähiges Handtuch, davon werden sie ganz verträumt und schließen die Augen.
Jetzt ist die letzte Runde dran, Nummer 16 bis 20. Die Stoppuhr läuft. Und rein mit ihnen, im Minutenabstand. Sie müssen möglichst schnell ins Wasser, sonst laufen sie meinem Dad am Arm hoch. Einmal hat es eine Maus bis auf seine Schulter geschafft.
Im Wasser sieht es aus, als ob ihr Fell explodieren würde. Puff. Mein Gewissen regt sich. Dabei sind es doch bloß zehn Minuten. Kopf hoch, Jungs. Und sie halten den Kopf hoch. Ich habe noch nie einen Kopf untertauchen sehen. Bis heute.
Dad.
Was ist.
Ich zeige auf den dritten Pool.
Das ist aber komisch, sagt er.
Überhaupt nicht. Sie ertrinkt!
Noch ein Sekündchen.
Eins, zwei, drei vier, fünf Sekunden. Sie landet auf dem Grund des Pools. Und rührt sich nicht. Zu einer Schwimmweste würde ich nicht Nein sagen. Luftblasen steigen auf.
Sie kann nicht schwimmen.
Alle Mäuse können schwimmen.
Ich tauche meinen Arm ins Wasser, bin aber noch nicht groß genug. Dad!
Na schön. Er steckt seinen Arm ins Wasser.
Ich drehe mich weg. Ist sie noch am Leben. Am besten gar nicht hinsehen.
Alles bestens, Audrey. Ihr geht’s prima. Schau doch.
Ich schaue. Und sehe eine hechelnde Maus. Mit weit aufgerissenen Mäuseaugen.
Kleiner Scheißer, sagt mein Dad. Sein Ärmel ist bis zur Schulter nass.
Und so wird Nummer 18 abgetrocknet, wenn auch nicht ganz so behutsam wie die anderen, und nicht ganz so lange.
Ich glaube, sie mag keinen Freischwimmer machen, sage ich und trage sie zu ihrem Zimmer.
Nein. Jedenfalls nicht freiwillig.
 
Das Labor von meinem Dad ist in Gebäude OB-8, das ich nur das Obacht-Gebäude nenne. Die Tierpflegestation liegt im Keller des Obacht-Gebäudes. Wir gehen auf dem Heimweg dort vorbei. Verlaine hat die Füße auf den Schreibtisch gelegt. Sie ist die Tierpflegerin. Sie kommt aus der Schweiz und trägt immer kurze Ärmel, egal wie kalt es im Keller ist.
Mein Dad klopft auf ihren Schreibtisch.
Ihre dicken Arme sind am Ellenbogen geknickt, als ob sie Zügel in der Hand halten würde, dabei hält sie in Wahrheit eine Zeitschrift in der Hand, mit einem Pferd und einem Reiter mit Zylinder vorne drauf.
Bonsoir, sagt sie und lüftet einen imaginären Zylinder.
Haben wir denn schon soir, sagt mein Dad und sieht auf seine Stoppuhr.
Im Bauch der Erde ist immer soir, sagt sie.
Verlaine versorgt die Mäuse von meinem Dad, Dr. O’Leerys Katzen und etliche Tauben, Hühner und Ratten. Sie sagt, die Tauben trifft es am härtesten, weil sie tatenlos zusehen müssen, wie ihre in Freiheit lebenden confrères auf den Fensterbänken im zweiten Stock auf und ab stolzieren.
An allen vier Wänden der Tierpflegestation hängen Bilder von Pferden. Aber keine Bilder von Mäusen, Katzen, Tauben, Hühnern oder Ratten.
Nummer 18 macht Schwierigkeiten, sagt mein Dad. Sie will partout nicht schwimmen.
Aber natürlich schwimmt sie.
Mein Dad zeigt ihr seinen nassen Ärmel.
Sie schüttelt den Kopf. Frechdachse, diese souris. Sie nimmt die Füße vom Tisch und rollt mit ihrem Stuhl quer durch den Raum. Notiert sich etwas. TantaMouse, sagt sie. Bei denen bestelle ich nicht noch mal.
Beim Schreiben zuckt ein Muskel an ihrem Oberarm.
Was wird denn jetzt aus Nummer 18, frage ich.
Mir ist nach einem leckeren Mäusesandwich, sagt sie und schreibt weiter. Das wird aus Nummer 18.
Ich lache. Menschen essen doch keine Mäuse. Dann höre ich auf zu lachen. Was essen eigentlich so dicke Menschen aus der Schweiz. Verlaine tätschelt sich den Bauch. Kein Lächeln weit und breit.
Sie will dich doch nur ärgern, sagt mein Dad. Nummer 18 wird eingeschläfert.
Ich nicke. Dachte ich’s mir doch.
Verlaine macht ein verdutztes Gesicht. Sie neigt den Kopf in meine Richtung und sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, non.
 
Draußen bläst der Wind mich fast davon. Das ist beileibe nicht das erste Mal, dass ich auf dem Campus umgepustet werde. Aber das ist kein Wunder, denn die Universität wurde in Windeseile aus dem Boden gestampft.
Hoppla, sagt mein Dad und hilft mir wieder auf die Beine. Wo ist denn dein Stein.
Ich soll immer einen Stein in der Tasche haben, wenn es windig ist. Hab ich vergessen, sage ich und zurre meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Dad.
Er hüpft die Treppe hinunter. Ich halte mich an der Tür des Obacht-Gebäudes fest.
Dad!
Er dreht sich um. Der Wind ist laut.
Ich traue Verlaine nicht weiter, als ich spucken kann, brülle ich.
Was, brüllt er zurück.
Seine Haare wehen im Wind. Sein Ärmel ist sofort trocken. Er hält ihn hoch, guck mal, trocken, irre, was. Dann, da ich mich nicht von der Stelle rühre, kommt er die Treppe wieder hoch.
Was.
Ich traue Verlaine nicht weiter, als ich spucken kann.
Er lächelt. Das ist aber nicht sehr weit.
Ich möchte ein Experiment mit Nummer 18 machen. Mein eigenes Experiment. Ich möchte sie selbst einschläfern. Hypnotisieren. Vielleicht erinnert sie sich dann an ihre Jugend. Wie der Frosch, der sich in eine Kaulquappe zurückverwandelt hat.
Mein Dad schweigt einen Augenblick. Dann hebt er den Kopf. Ach, Audrey …
Warum denn nicht. Warum denn nicht.
Du verstehst das nicht.
Doch.
Wir können doch nicht jedes Mal ein Versuchstier mit nach Hause nehmen, wenn …
Aber sonst macht sich Verlaine daraus ein Mäusesandwich!
Wir können keine Versuchstiere mit nach Hause nehmen. Punktum.
Ich gebe keine Antwort. Und halte mich stattdessen an der Tür fest.
Mein Dad tut so, als ob er ohne mich nach Hause gehen wollte. Dann wendet er den Kopf. Kommt zurück. Na schön. Erklär mir dein Experiment.
 
Ich habe nicht geschlafen. Ich habe mein Gesicht ausgeruht. Auf dem Tisch. Wie im Kindergarten, wenn die Erzieherin sagte: Ruhig jetzt, enfants maudits. Kopf auf den Tisch.
Mein Kopf liegt da, wo eigentlich Wedge sein müsste. Ich habe Wedge doch nicht etwa zerquetscht. Ich richte mich auf und taste meinen Kopf ab.
Er klebt nicht in deinen Haaren. Er ist wieder in seinem Terrarium. Onkel Thoby stellt mir eine Tasse Kaffee hin. Der arme kleine Kerl wollte sich schon vom Tisch abseilen.
Ich wische Sabber weg. Habe ich geschlafen, äh, mein Gesicht ausgeruht, brülle ich gegen die Kaffeemaschine an.
Ja.
Meine Herren. Die Kaffeemaschine ist aber ganz schön laut.
Onkel Thoby trägt normalerweise knallige Pullover mit einem langgezogenen Ärmel. Heute ist sein Pulli schwarz. Ohne langgezogenen Ärmel. Er hat meinem Dad gehört.
Wann hast du zuletzt etwas gegessen, fragt er.
Ich überlege. Hm. Ein Stück Toffee in Terminal 1, wenn mich nicht alles täuscht. Oder war es Seife.
Er öffnet den Kühlschrank.
Du brauchst mir nichts zu machen.
Wie wär’s mit einer Orange im Schloss, sagt er.
Und dazu ein Stück Kuchen von Piety Pie, ergänze ich.
Draußen ist es dunkel und windig. Seit wann denn das. Ich schaue auf die Uhr. Mittag.
 
Wenn ich den Kopf wieder auf den Tisch lege, in derselben enfant-maudit-Stellung, fällt mir meine Montage bestimmt wieder ein. Montage ist ein Codewort für Traum. Mein Dad war gegen Träume. Genauer gesagt, gegen ihre ausführliche Erörterung am Frühstückstisch. Träume sind nur für den Träumenden von Interesse, sagte er. Also verschone uns damit.
Und das von einem früheren Psychotherapeuten.
Dabei war ich im Wesentlichen seiner Meinung. Ich hörte mir auch nicht gern die Träume anderer Leute an. Es sei denn, ich kam darin vor. Aber meine eigenen Träume lang und breit beim Frühstück zu erörtern – gibt es etwas Schöneres im Leben.
Onkel Thoby sah das ganz genauso. Er schlug vor, unsere Träume künftig Montagen zu nennen.
Was ist eine Montage.
Eine Montage ist eine Bildfolge: schnell und wahr und wild gemischt.
Ich nickte. Auf den Trick fällt er bestimmt herein.
Mein Dad durchschaute ihn nach circa zwei Sekunden.
Ich habe eine Montage gesehen.
Wo.
Ich blickte Hilfe suchend zu Onkel Thoby. In den Nachrichten, schlug er vor.
Genau, in den Nachrichten. Über ein Mädchen, das in ihrem Arm ein Geheimfach entdeckte. Und in diesem Geheimfach lag ein Zettel. Und jetzt rate mal, was auf dem Zettel stand.
Na sag schon.
DNA.
 
Als ich den Kopf wieder auf den Tisch lege, fällt mir ein, dass meine Montage in Oregon spielt und zwar viereinhalb Tage früher. Oregon liegt noch im Komma. Und mein Dad schreibt mit beiden Händen ein W in die Luft.
Obacht. Kopf hoch. Onkel Thoby stellt eine Orange im Schloss auf den Tisch. Und eine zweite Tasse Kaffee.
Zu einer zweiten Tasse Kaffee würde ich nicht Nein sagen.
Eine Orange im Schloss ist das Schönste, was es gibt. Eine Orange, die in einem Schloss aus ihrer eigenen Schale liegt.
In den Nachrichten hatte ich eine Montage gesehen, in der mein Dad gesund und munter war und mir von der Westküste zuwinkte.
Ich auch, sagt Onkel Thoby.
Du hattest dieselbe Montage.
So ähnlich.
007
 
Wie ich sehe, hast du meine Bitte um ein Stück Kuchen ignoriert. Aber das macht nichts.
Er setzt sich mir gegenüber. Wirft zwei Alka-Seltzer-Tabletten in ein Glas. Guck mal, der Tycho-Krater. Unsere alte Nummer. Irgendwann sieht jedes Alka Seltzer genau aus wie der Mond.
Danke für den Kaffee und das Schloss.
Nichts zu danken.
Die Orange hebt sich grell gegen seinen Pulli ab. Ich pule ein Stück heraus. Ich hätte da eine Frage, sage ich. Bist du bereit.
Ich bin ganz Ohr.
Hast du eine bewegende Rede am Krankenbett gehalten.
Er blickt von seinem Glas auf.
Wusste mein Dad, dass ich nach Hause komme. Hast du es ihm gesagt.
Ich habe es ihm gesagt.
Und ist er aufgewacht.
Nein, Liebes.
Verstehe. Ich kaue. Die ganze Sache schlägt mir ziemlich auf den Magen. Aber jetzt bloß nicht übergeben. Wenn ich mich übergebe, muss sich auch Onkel Thoby übergeben. Er muss ja schon würgen, wenn man nur darüber spricht. In dieser Hinsicht ist er sehr sensibel.
Ich kaue vorsichtig.
Was das sympathische Erbrechen angeht, habe ich eine Theorie. Es ist ein natürlich selektiertes Merkmal. Wenn ein Angehöriger einer Gruppe sich erbricht, ist es sehr wahrscheinlich (oder doch zumindest denkbar), dass andere Gruppenmitglieder dieselbe giftige Substanz zu sich genommen haben wie der Erbrecher. Daher erbrechen sich die anderen prophylaktisch auch. Je schneller man das eingenommene Gift erbricht, desto größer ist die Überlebenschance.
Ich schaue über seine Schultern auf den Teich. Denn genau das soll man tun, wenn einem übel wird. In die Ferne schauen. Die Schwäne schaukeln. Und wie sie schaukeln. Meine Herren.
Mir geht’s nicht besonders.
Willst du dich hinlegen.
Ich schüttele den Kopf. Aber die ganze Schlossmauer krieg ich nicht runter.
Dann lass sie stehen.
Ich stütze die Wange in die Hand.
Er bemerkt das CRYNOT-Armband. Ich habe dich telefonieren hören, sagt er.
Ja.
Doch nicht etwa schon wieder mit diesem Darren Lippfisch.
Lipseed. Nein. Ich habe Winnifred angerufen.
Winnifred. Onkel Thobys Augenbrauen schnellen himmelwärts. Winnifred hatte er ganz vergessen. Der hauchzarte Anflug eines Lächelns spielt um seine Lippen. Sie hat selbstredend ein eigenes Telefon, sagt er.
Handy.
Ah.
Und einen Moment lang scheint es, als ob alles wieder lustig wird und gut. Aber dann macht er plötzlich ein langes Gesicht und sagt: Ach, Odd, ich kann mir lebhaft vorstellen, wie schwer es dir gefallen ist, alles stehen und liegen zu lassen und…
Nein, es war nicht schwer. Im Gegenteil. Es war kinderleicht. Ein Klacks.
Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr es mich freut, dass du gekommen bist. Heute Morgen.
Ich glaube schon.
Ich kann mich nicht entsinnen. Ich kann nicht klar denken.
Macht nichts.
Wir waren bei Winnifred, sagt er nach einer Weile.
Ich erzähle ihm, dass ich sie bei Linda und Chuck untergebracht habe. Und dass auch sie im Komma lag. Nur ist sie wieder aufgewacht.
 
Dunkle Wolken ballen sich wie Fäuste über dem Teich. Guck mal, sage ich.
Wir kriegen eine Wetterbombe, sagt er und dreht sich um.
Eine was.
Das ist ein neuer meteorologischer Begriff, erklärt er. Was er bedeutet, kannst du dir ja denken.
Eine Wetterbombe. Hier bei uns. Das Wort hätte meinem Dad bestimmt gefallen.
Oh ja. Er hat es ständig benutzt, bis zum Erbrechen.
Ich nicke. Gleich kommt’s mir hoch.
Pardon, sagt Onkel Thoby und schlägt sich die Hand vor den Mund.
Macht nichts.
Immer wenn der Wind hindurchpfiff, stellte mein Dad sich unter die Abzugshaube und sagte: Irre ich mich, oder ist das vielleicht ein b.
Denn wenn der Wind ein b pfiff, kriegten wir schlechtes Wetter.
Für mich klingt das eher nach einem ais, sagte Onkel Thoby dann.
Worauf mein Dad sagte: You say potayto. I say potahto.
Let’s call the whole thing off.
Worauf ich sagte: Wie bitte.
Psst, Audrey, sperr den Mund zu und die Ohren auf. Der Wind macht Musik.
 
Onkel Thoby steht auf und räumt den Tisch ab. Apropos Wetter, sagt er. Ich hoffe, Toffs Flug hat keine Verspätung.
Toff. Na, wenn das kein Schlag ins Schlosskontor ist. Was.
Er sieht mich mit Unschuldsmiene an. Ich dachte, das hätte ich dir heute Morgen schon gesagt.
Da muss ich kurz überlegen. Ähm, nein.
Ich hatte wahrscheinlich eine Montage, in der du die Mitteilung wohlwollend aufgenommen hast.
Nein.
In meiner Montage habe ich dir mitgeteilt, dass Toff auf dem besten Weg aus London ist, und du hattest nichts dagegen.
Du hast mir kein Wort davon gesagt!
Schrei nicht so.
Habe ich geschrien. Glaubt Onkel Thoby allen Ernstes, er könne mir Toff wie Falschgeld unterjubeln. Du kannst mich doch nicht einfach vor vollendete Tatsachen stellen.
Von einfach kann überhaupt nicht die Rede sein. Ich habe mir immerhin die Mühe gemacht, mir eine Montage auszudenken.
Scheiße.
Er kommt in ein paar Stunden an.
Warum. Warum.
Weil ich ihn angerufen habe.
Wann.
Nach dem Unfall.
Kollision, verbessere ich.
Auf dem Weg zur Anrichte bleibt er stehen. Er ist unrasiert und sieht erbärmlich aus in seinem viel zu kleinen Pulli. Der einmal meinem Dad gehört hat. Am besten gar nicht hinsehen.
Und keinen Gedanken an die Kollision verschwenden. Sonst garniere ich sie nämlich nur mit allerlei Details. Wie zum Beispiel: Der Baum ist jetzt geschmückt. Was er natürlich gar nicht gewesen sein kann. Der Baum, der meinen Dad erschlagen hat, war zwar auf dem besten Wege, geschmückt zu werden. Aber noch längst nicht am Ziel. Genau genommen war er also gar kein Weihnachtsbaum. Noch nicht. Aber in der neuen Version ist der Baum über und über mit Lichtern behängt, die im Blau des einsamen Erfinders erstrahlen.
Oddly.
Ich schiebe meinen Stuhl nach hinten. Dann ruf ihn an und lad ihn wieder aus.
Er ist mitten über dem Ozean.
Und plötzlich wünsche ich mir, dass das Flugzeug abstürzt. Hoppla. Das ist ja kinderleicht. Ein Klacks. Ich stelle mir vor, wie die Maschine im Sturzflug in den Atlantik kracht. Toff ist in den unverständlichen Teil der Zeitung mit der klitzekleinen Schrift vertieft und hat darüber vergessen, sich mit der Funktionsweise seiner Schwimmweste vertraut zu machen. O Gott. O Graus.
Toff ist beziehungsweise war in Cambridge der »beste Kumpel« von meinem Dad. Außerdem ist er Großmutters Prügelknabe und was noch. Richtig, Anwalt. Und, wie Onkel Thoby mir soeben mitteilt, der Testamentsvollstrecker von meinem Dad.
Oje oje oje, hat er dir das erzählt.
Bitte setz dich. Ja, das hat er mir erzählt, und ob du es glaubst oder nicht, es stimmt.
Mein Dad würde nie im Leben einen Vollstrecker engagieren.
Testamentsvollstrecker.
Toff, der Oberhofscharfrichter Seiner Majestät!
Versteh doch, sagt Onkel Thoby leise, dass ich nicht alles Nötige allein regeln kann. Ich kann einfach nicht.
Ich bin doch da.
Es gibt Dinge, die nur Toff ins Reine bringen kann.
Dann soll er das doch bitte schön aus sicherer Entfernung tun. Bei uns wohnt er jedenfalls nicht.
Onkel Thoby macht ein enttäuschtes Gesicht, nicht etwa weil Toff nicht bei uns wohnen wird, sondern weil ich so abweisend bin. Darum hat er auch nicht gebeten, Oddly.
Dann wird Toffs Maschine also (wahrscheinlich, leider, wohlbehalten) landen. Und er wird auf der Stelle das Kommando übernehmen. Toff, der heuchlerische Meuchelmörder. Der kommt, um meinen toten Dad endgültig zu töten.
Aber als du Toff angerufen hast, war mein Dad doch noch am Leben. Warum braucht ein lebender Mensch einen Testamentsvollstrecker.
Weil keine Hoffnung mehr bestand.
Ich starre ihn an. Du hast mir aber nicht gesagt, dass keine Hoffnung mehr bestand.
Doch, Liebes, das habe ich dir gesagt. Aber du wolltest es nicht hören.
 
Chuck hat ein Buch aufgeschlagen auf der nackten Brust liegen und probt. Das Buch heißt Im Bett mit Macbeth: Shakespeare für Einsteiger. Er trägt Boxershorts, sonst nichts.
Pool: circa 23 Grad.
Chuck schlägt Im Bett mit Macbeth wahllos irgendwo auf und tippt mit dem Finger auf die Seite. Dann probt er fragliche Passage. Meistens stammt sie von einem gewissen Antonio. In diesem Fall gleitet er mit dem Finger so lange seitab, bis er auf eine bedeutendere Figur trifft.
Linda ist in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit gegangen. Sie mäht denselben Berg wie Audrey. Also bin ich mit Chuck allein. So geht das jetzt jeden Tag.
Eins von Lindas langen blonden Haaren treibt wie eine goldene Brücke in meinem Zitronentortenpool. Eine Brücke für eine Termite. Linda könnte in Sachen Haarpflege ruhig etwas mehr Sorgfalt walten lassen. Heute Morgen habe ich geschlagene drei Stunden gebraucht, um ein einziges Haar aus meiner Kehle zu entfernen. Drei Stunden. Danach war ich so erschöpft, dass ich erst einmal ein Nickerchen einlegen musste.
Und wie ist es zu diesem haarigen Missgeschick gekommen. Ganz einfach: Gestern Nacht beugte Linda sich über mein Schloss und sagte: Alles klar, Winnifred. Dabei hängte sie ihre Haare in den Pool. Schon mal was von einem Pferdeschwanz gehört. Dann klopfte sie zu allem Überf luss auch noch auf meinen Panzer, obwohl ich eindeutig wach war. Sicher ist sicher, sagte sie.
Wehe, das geht jetzt jede Nacht so.
Später trank ich aus meinem Pool. Schwerer Fehler.
Wenigstens ist es warm. Die Heizung klappert pausenlos im Morsecode vor sich hin. Als Chuck vorhin an meinem Schloss vorbeikam, sagte er: Ich hoffe, du bist zufrieden. Die Wohnung ist der reinste Backofen.
Tja. Das ist der Preis dafür, dass ihr euch die Schildkröte nicht unter die Achsel klemmen wolltet. Dabei kostet es euch eigentlich keinen Cent, denn ich habe Linda sagen hören, dass die Heizkosten im Mietpreis inbegriffen sind. Also was soll das Gejammer. Warum macht ihr es nicht einfach wie ich und freut euch über die Luft, die über der Heizung flirrt wie die Hitze über dem Asphalt. Freut euch des Lebens.
 
Wird Audrey wiederkommen. Das ist hier die Frage. Oder steht mir ein Halterwechsel und damit ein Wechsel der Bezugsperson ins Haus. Und liegt ein solcher Halter- beziehungsweise Bezugspersonenwechsel überhaupt im Bereich des Möglichen oder gar Machbaren. Die Alternative ist nicht eben verlockend. Linda die Ungepflegte oder Chuck Stiller. So heißt Chuck nämlich mit Nachnamen. Das weiß ich, weil gestern Abend ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes an der Wohnungstür geklingelt und ihn mit Mr. Stiller angeredet hat.
Was Linda aus irgendeinem Grund urkomisch fand. Möchten Sie vielleicht ein wenig Blut spenden, Mr. Stiller.
Halt die Klappe. Nicht mehr lange, und du bist Mrs. Stiller.
Nur über meine Leiche.
Später warf er sein Buch auf den Boden mit den Worten, in jedem Stück käme irgendein Antonio vor, und immer müsse er dafür herhalten.
Kleinvieh macht auch Mist.
Was soll denn das nun wieder heißen.
Es kann schließlich nicht jeder das große Los ziehen.
Schwachsinn, sagte er.
Chuck möchte Prospero sein und nicht dessen Bruder. Er möchte alles beherrschen und sich am Ende in sein Schwert stürzen. Oder in seinen Stab. Oder was weiß ich. Er habe diese Nebenrollen satt, hat er gesagt. Am liebsten würde er jemandem die Fresse polieren.
Auf dem Boden klappte Im Bett mit Macbeth langsam, aber sicher zu.
Chuck ist nämlich ein passionierter Faustkämpfer.
Linda hat Audrey das einmal wie folgt erklärt: Du kennst doch diese Schauspieler, die im Park Shakespeare aufführen. Ja. Tja, Chuck gehört leider nicht zu ihnen. Wenn Chuck einen Park entdeckt, in dem ein Shakespeare-Stück gegeben wird, bringt er seine eigene Inszenierung mit seinen eigenen Schauspielern auf die Bühne. Sprich an ein und demselben Abend wird in ein und demselben Park womöglich zweimal ein und dasselbe Stück gespielt. Oft liefern sich die beiden Ensembles hinterher eine wüste Schlägerei. Diese Schlägereien ziehen ein ganz anderes Publikum an. Und damit lässt sich richtig Geld verdienen.
Das ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Letzten Sommer hat Chuck sich dabei eine Rippe gebrochen. Wenn man sich seinen Oberkörper genau anschaut, kann man die Delle sehen.
Es ist ja nicht so, dass sie nichts Liebenswertes hätten, Linda und Chuck. Obwohl. Nein, eigentlich haben sie ganz und gar nichts Liebenswertes.
 
Ich habe schon häufig – sehr häufig – die Bezugsperson gewechselt beziehungsweise wechseln müssen, aber es ist mir niemals leichtgefallen, und ich denke immer wieder: Diesmal schaffe ich es nicht.
Zum Beispiel der Panasonic-Vertreter. Er war der Vormieter von Audrey und Cliff. Wie habe ich den Panasonic-Vertreter geliebt. Er war nur selten zu Hause, aber wenn, war es das Paradies auf Erden. Er kam mit schiefer Krawatte zur Tür herein und sagte: Puh, hab ich eine beschissene Woche hinter mir. Er hatte einen eigenen Bezirk. Einen sehr großen Bezirk. Damals wohnte ich noch in einem Panasonic-Druckerkarton, ohne Wärmelampe. Ich schlief viel.
Er nannte mich Iris, nach dem Panasonic-Irisscanner, einem der neuen biometrischen Geräte in seinem Vertriebsportfolio. Eigentlich haben Schildkröten keine Iris. Wir haben sogenannte Nickhäute. Aber was soll’s. Wie er mir (beziehungsweise dem Badezimmerspiegel) erklärte, überprüfte der Panasonic-Irisscanner die Identität (hoffentlich) befugter Personen, bevor er ihnen Zutritt zu einem, sagen wir, Forschungslabor für hochansteckende Krankheiten gewährte, indem er, wie der Name schon sagt, ihre Iris scannte. Jede Iris habe ein individuelles Muster, sagte er. Die Iris sei noch einzigartiger als ein Fingerabdruck. Kann man »einzigartig« steigern, wollte ich wissen. Hoffentlich sagst du nicht auch »noch einzigartiger«, wenn du mit deinen Kunden sprichst, Mitt. So hieß er nämlich. Jedenfalls wurde er ein sehr erfolgreicher Vertreter. So erfolgreich, dass seine eigene Iris von den ganzen ungemein erfolgreichen PIS-Demonstrationen allmählich verblasste.
Eines Tages dann verkündete er aus heiterem Himmel, er sei nach Dubai versetzt worden. Die Leute dort hätten Geld wie Heu und eine bunt schillernde, wunderschöne Iris, die nur darauf warte, ihrer Farbe beraubt zu werden. Dubai, sagte ich. Wahnsinn! Ich packe schon mal meine Siebensachen.
Ähm, sagte Mitt.
Ich hob den Blick.
Mit einer Schildkröte in die Vereinigten Arabischen Emirate, sagte Mitt. Daraus wird wohl nichts werden.
Ach.
Die neuen Mieter brauchen dich, sagte Mitt.
Ach.
Er sollte recht behalten. Auch wenn ich sie anfangs nicht besonders mochte. Aber mit der Zeit gewann ich Cliff recht lieb. Und dann schließlich auch sie. Sie schwelgten oft und gerne in Erinnerungen an das Land, in dem sie sich kennengelernt hatten und zusammen glücklich gewesen waren. In diesem anderen Land gab es einen See, eine Straßenbahn, Berge, die sich die Jalpen nannten, und hohe Decken. Sie erinnerten sich mit Vorliebe an die Straßenbahn und dass Cliff sich nie eine Fahrkarte kaufte und trotzdem nicht erwischt wurde.
Sie hatten heimlich miteinander geschlafen, im Haus einer Frau, die Cliff nicht sonderlich sympa fand. Aber das spielte keine Rolle. Sie standen kurz vor einer Beziehung. Und Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Das Schlafzimmer hatte hohe Decken, Holzbalken und ein Oberlicht. Cliff kletterte auf einen Stuhl und ritzte ihre Namen in einen Balken. Und das, ohne sich den Kopf zu stoßen.