
Teil vier
SCHILDKRÖTE, KOMM
Wieder bin ich Shakespeares Türstopper. Pardon,
Lesezeichen. Während Chuck sich aus den Tomaten vom
Weihnachtsgeschenk der Strolche ein leckeres Sandwich zubereitet.
Das wird Linda gar nicht schmecken.
Ich schließe die
Augen. Lasse den Kopf hängen. Ich habe mich von meinen
weihnachtlichen Exzessen noch immer nicht erholt. Ich habe
höllischen Durst. Und denke pausenlos an meinen Pool, der
unerreichbar fern ist, solange ich als Lesezeichen Dienst tun
muss.
Kopf hoch, Winnifred,
sagt Chuck und lässt ein Salatblatt in das Buch
fallen.
Zu gütig, Mr.
Stiller.
Ob sich diesem
erbärmlichen, verwelkten Fetzen Grünzeug wohl ein Tröpfchen
Feuchtigkeit abtrotzen lässt. Wir werden sehen. Ich beiße hinein
und ziehe es zu mir heran. Es gleitet langsam seitab und offenbart
folgende Worte:
Schildkröte,
komm!60
Wobei mir der Bissen
buchstäblich im Halse stecken bleibt. Jungejunge. Stand das etwa
schon immer da. Wie konnte mir das bloß entgehen.
Ich werfe das
Salatblatt beiseite und tippe mir auf die Brust. Ich.
Ja, du.
Kommen.
Wohin.
Ich würde ja gern
wissen, wie es weitergeht, aber wenn ich noch weiterlese, laufe ich
Gefahr, erst vom Buch und dann vom Tisch zu fallen.
Mist. Ich blicke
Hilfe suchend zu Chuck. Der völlig darin aufgeht, den
Tomatenstrauch zu plündern.
Ich widme mich wieder
den Worten zwischen meinen Füßen.
Schildkröte, komm,
und das hoch sechzig!
Ich bin eben
doch eine besondere Schildkröte. Einst,
vor etwa hundert Jahren, habe ich die Wüste durchquert. Den ganzen
langen Weg von Texas. Langsam wie das Kamel in Lawrence von Arabien. Von Durst kann ich ein Lied
singen. Zitronentortenpools gab es damals noch nicht. Am Wegesrand
stieß ich immer wieder auf umgestülpte, von Vögeln ausgepickte
Schildkrötenpanzer. Ziemlich entmutigend. Aber ich marschierte
wacker weiter. Warum. Weil ich von dreißig Meter hohen Bäumen
gehört hatte. Und von Regen. Und warum sollte nicht auch eine
Schildkröte in den Genuss von Regen kommen. Ich war neugierig. Ich
war noch ziemlich jung. Und ich war abenteuerlustig.
Schildkröte,
komm!
Nicht zu fassen, dass
bei Shakespeare eine Schildkröte vorkommt. Das ändert natürlich
alles.
Jedenfalls wachte ich
am fünfzigsten Morgen in der Wüste auf, nachdem ich am Vortag nur
unwesentlich vorangekommen war, und dachte: O Gott, werde ich je
wieder Farben sehen. Denn so weit das Auge reichte, sah ich nur
Braun und das heiße, endlose Blau des Himmels, und das zählte
nicht.
Ich war der
Verzweiflung nahe. Ich würde niemals Bäume sehen. Ich würde niemals
Regen spüren. Erlöse mich von meinem Elend. Ich reckte die Faust
gen Himmel. Ich versuchte sogar, mich auf den Rücken zu wälzen.
Doch just, als ich mich auf die Seite hieven wollte, landete ein
roter Schmetterling auf einem Stein direkt vor meiner
Nase.
Langsam hob und
senkte er die Flügel, wie zwei Fächer.
Na, du.
Am liebsten hätte ich
diesen Schmetterling gefressen, so schön war er, so rot. Ich saß
eine kleine Ewigkeit ganz still (was mir nicht weiter schwerfällt)
und ließ seine Schönheit auf mich wirken. Was diese
Sonnenbrillenaugen wohl sahen. Eine braune Schildkröte. Ich schämte
mich meines unscheinbaren Äußeren.
Ich schäme mich
meines unscheinbaren Äußeren, sagte ich.
Ich auch, sagte der
Schmetterling.
Ich war verblüfft.
Was! Aber weißt du denn nicht, was für ein Kunstwerk du auf dem
Rücken trägst.
Wieso
Kunstwerk.
Tja. Das war ein
erhellender Moment. Denn wenn selbst ein Schmetterling ein solches
Kunstwerk auf dem Rücken tragen konnte, ohne es zu wissen, was trug
dann erst eine Schildkröte auf ihrem
Rücken.
Offenbar Kunstwerk
genug, um Shakespeare zu inspirieren.
Ein Jahrhundert
später durchquerte ich die Wüste noch einmal auf dem Armaturenbrett
eines Autos. Was ich nur empfehlen kann. Es dauerte zwei Tage. Zwei
äußerst geruhsame Tage.
Der Tomatenstrauch
verliert Tomaten. Bisweilen fallen sie erstaunlich weit vom Stamm.
Und als Chuck vorhin den Prospero gespielt hat, fiel eine Tomate
auffallend weit vom Stamm. Sie warf
sich Chuck förmlich entgegen. Was Shakespeares Schildkröte überaus
witzig fand. Sie lachte sich fast kaputt. Endlich begriff sie, was
der Tomatenstrauch im Schilde führte.
Jetzt rächt Chuck
sich an dem armen Strauch, indem er sämtliche Tomaten auf einmal
isst, selbst die grünen.
Er wird sich
allenfalls den Magen verderben, dieser Trottel. Was ist er heute
doch für ein Antonio.
Es klopft an der
Tür.
Chuck bleibt der
Bissen buchstäblich im Halse stecken. Er hustet. Wischt sich die
Hände an seiner nackten Brust ab. Was ich ziemlich eklig finde.
Macht die Tür auf.
Ich wollte die
Schildkröte abholen, sagt eine vertraute Stimme.
Ich wende den Kopf
und werfe einen Blick über die Schulter. Cliff!
Mitten in London kommt ein weißes Pferd im leichten
Galopp aus dem Nebel und rennt mich fast über den
Haufen.
Das ist der Reitweg,
Miss.
Reitwege. Mitten in
der Stadt.
Und vor kaum fünf
Minuten habe ich in einer Starbucks-Filiale nach dem Weg
gefragt.
London:
Menschenmassen, Starbucks und scheußliche Handtaschen. Und ein
Pferd, das mittendurch galoppierte. Der Nebel ist weiß. Wenn man
ganz nahe an den Rosenstock herangeht, kann man die müden gelben
Rosen sehen. Schrecklich blass.
Onkel Thoby hat
einmal gesagt, ich würde die U-Bahn lieben. Wie man sich doch irren
kann. Den Stadtplan finde ich super. In Heathrow habe ich mir einen
Stadtplan gekauft, der sich wie eine Blume öffnete, mit sechs
Blütenblättern. Man konnte entweder ein oder zwei oder alle sechs
Blütenblätter auf einmal öffnen. Ich fand es super, dass die
underground auf dem Plan wie ein großes
Spinnennetz aussah. Und das Wort underground fand ich auch super. Aber wie voll die
U-Bahn war, das fand ich überhaupt nicht super. Ich konnte noch
nicht einmal ein Blumenblatt meines Stadtplans öffnen.
Ich geriet mitten in
den morgendlichen Berufsverkehr. Was ich erwartet hatte. Na, dass
sich die Klaustrophobiker vereinen! Ich hatte erwartet, dass jemand
aufsteht und sich zur Wehr setzt gegen dieses grässliche Gedränge.
Pustekuchen. Und gerade, als ich dachte, jetzt passt nun wirklich
niemand mehr hinein, quetschten sich zehn grauuniformierte
Schulmädchen in den Waggon. Nach drei Stationen stiegen neun
Schulmädchen aus. Ein Mädchen hatte wohl etwas Besseres
vor.
Das war mein erster
Eindruck von London.
Und dass alle nur
Augen für die Tasche haben, die man spazieren trägt, und für die
Sachen, die man anhat, bloß nicht für einen selbst.
Voller Freude stürzte
ich aus dem Zug und sah ein Warnschild mit der Aufschrift 195
STUFEN. Also entweder 195 Stufen oder ein Lift, der derart
überfüllt war, dass die Leute sich bis unter die Decke stapelten.
Klare Sache.
Als ich die Treppe
erfolgreich bewältigt hatte, musste ich mich erst mal setzen. Ein
Polizist strich ständig um mich herum. Ich rechnete fest damit,
dass er sagen würde: Der Aufenthalt mit großem Gepäck ist hier
verboten. Stattdessen bot er mir seine Hilfe an. Hoppla, junge
Frau. Wo soll’s denn hingehen.
Ich sah auf meinen
Stadtplan. Eins der Blumenblätter fehlte. Ausgerechnet das mit
Toffs Haus darauf. Mist. Ob mir in der U-Bahn jemand diesen Teil
Londons gestohlen hatte. An einem Kiosk kaufte ich mir einen neuen
Stadtplan. Nach unten lief er spitz zu wie ein Kaffeefilter. Der
obere Teil hingegen explodierte einem förmlich in den
Händen.
Ich ging ohne nach
rechts und links zu schauen über die Straße, weil ich in das
explodierte London so vertieft war, und ein Wagen wieherte mich an.
Das Hupen klang wie ein Wiehern.
Ich fand Toffs House
in einer mews. Auf einer mews. Dem Namen nach zu urteilen, hatte ich
eigentlich mit Katzenmiau gerechnet. Aber es war nichts zu hören.
Alle Häuser waren weiß, wie Zähne. Ich überprüfte die Adresse. Dann
klopfte ich. Keine Reaktion. Ich klopfte, klingelte und klopfte
wieder.
Kurz hämmerte ich
sogar mit den Fäusten gegen die Tür.
Irgendwo in London
fingen Glocken an zu läuten. Irgendjemand schlug blindlings auf
eine Glocke ein.
Ich setzte mich auf
Toffs Vortreppe. Die Sonne war herausgekommen. Eine schrecklich
grelle Sonne, die mir in den Augen stach.
Eine Frau mit nassen
Haaren trat auf ihre Vortreppe hinaus. Sie telefonierte. Das Wort
blendend gellte die mews entlang. Als sie mich bemerkte, schien sie
not amused. Sie ließ mich nicht aus den
Augen, während sie in den Hörer plapperte. Nein, Soundso werde sie
keinesfalls einladen, weil er sich schon seit einer Ewigkeit das
Rauchen abgewöhnen wolle und an seinem Image als Leid- und
Stressgeplagter, ehrlich gesagt, mindestens genauso hänge wie an
seinen Zigaretten. Dann bringst du … blendend. Ja, blendend.
Okay.
Sie schaute mich an,
als ob sie sehen wollte, wie lange ich ihrem Blick standhalten
konnte, darum sprang ich auf und ging.
Ich ging die Oxford
Street entlang und sah Unmengen scheußlicher Handtaschen. Ich ging
zu Starbucks, trank einen tall (sprich
small) coffee und spazierte durch den
Hyde Park, als der Nebel kam. Das weiße Pferd galoppierte mich über
den Haufen. Bei uns zu Hause ist der Nebel grau, nicht weiß. Hier
sieht er aus wie Trockeneisnebel.
Im Nebel stieß ich
auf einen schwarzen Klotz, der sich als Peter Pan und seine Bande
herausstellte. Ich umrundete die Statue auf der Suche nach dem
Neufundländer, denn kommt in Peter Pan
nicht ein Neufundländer vor. Kein Hund, nirgends. Mit Hund fände
ich die Statue besser. Und in Farbe müsste sie sein. Der Junge ganz
oben sieht wie der Anführer aus.
Vorwärts. Es gibt
einen künstlich angelegten Fluss, eher ein Flüsschen, das von oben
betrachtet den Schriftzug PRINCESS DIANA ergibt. Ein goldener Prinz
Albert sitzt auf einem Thron. Er sieht ziemlich zerknittert aus und
erinnert mich irgendwie an Judd.
Was suche ich
eigentlich. Den Stall, aus dem das weiße Pferd stammt. Das bestimmt
von erstklassigem Stammbaum ist.
Es fängt an zu
hageln. Golf ballgroße weiße Hagelkörner. Ist das normal. Ich
schaue nach oben, und ein Korn trifft mich zielsicher ins Auge.
Nicht das mit dem Gerstenkorn. Das ungekörnte. Einen Augenblick
lang sehe ich nur noch Weiß.
Ich finde einen Baum
unweit der blassgelben Rosen, dessen verwachsene Äste eine Art
Vogelkäfig bilden. Ich krieche hinein. Die Äste haben keine
Blätter. In der Nähe des Stammes setze ich mich auf den Boden und
ziehe den Kopf ein. Plötzlich bebt der Boden. Das weiße Pferd
galoppiert vorbei. Zum Schutz gegen das Wetter hält es die Schnauze
gesenkt. Pferd und Reiter galoppieren nach Hause.
Der Flug verlief
ereignislos, außer dass ich im Cockpit eine Piñata sah, als ich an
Bord ging. Ich fragte meine Sitznachbarin in 34J: Was möchten Sie
auf keinen Fall in einem Cockpit sehen.
Terroristen, sagte
sie und kämpfte mit ihrem Gurt.
Und eine
Piñata.
Der schlaffe Gurt
fiel ihr aus der Hand.
Eben, sagte
ich.
Die Maschine hob ab,
und ich hatte das Gefühl, dass sie nach Westen flog. Was natürlich
Unsinn war. Sie flog nach Osten. Trotzdem hatte ich das Gefühl,
dass sie nach Westen flog, und mein Gehirn machte mir das Umdenken
schwer. Ich dachte nach. Wenn man dasitzt wie ein Theaterpublikum,
verlangt das Gehirn automatisch nach einem Gegenüber. Und so erfindet es eine Richtung. Diese
Richtung ist willkürlich und hat mit der tatsächlichen Flugroute
nichts zu tun.
34J las ein Buch:
Raupe mit Schmetterlingsflügeln von –
wer hätte das gedacht – Shirley MacLaine. Auf der Rückseite steht
Shirley wie üblich an einem Strand, aber das Foto war von oben
aufgenommen, und sie hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit eine Raupe,
wenn auch ohne Schmetterlingsflügel. Darunter stand ein Zitat von
Shirley: »Wenn ich zwei Monate am Stück gedreht hatte, schien mein
Wagen wie von selbst zum Flughafen zu finden.« Du sprichst mir aus
der Seele, Shirley.
34J blätterte nicht
um.
Sie sind nicht
zufällig ein Air Marshal, fragte ich.
Pardon.
Vergessen Sie’s.
Entschuldigen Sie die Störung. Ich stellte meinen Sitz nach hinten
und schaute eine Folge Sherlock
Holmes.
Ich war erstaunlich
ruhig. Warum. Weil ich in geheimer Mission unterwegs war. Ich
wollte Onkel Thoby und Wedge nach Hause holen. Dazu musste ich wie
Sherlock Holmes vorgehen, Schritt für Schritt. Ich musste meine
nicht allzu ausgeprägten deduktiven Fähigkeiten dazu benutzen,
jeden Irrtum auszuschließen, bis die Wahrheit und nichts als die
Wahrheit übrig blieb.
Außerdem hatte ich
den roten Fallschirm eingepackt.
Ich machte mir den
Spaß, in Gedanken zwei Szenarien durchzuspielen, während die
anderen Fluggäste ein Nickerchen hielten.
SZENARIO
1:
Ich fahre nach
Cambridge und warte in den frühen Morgenstunden vor dem Humouse
House. Hoffentlich ist ein Starbucks in der Nähe. Ich warte auf
Leonel de Tigrel. Als er schließlich auftaucht, stelle ich ihn zur
Rede. Seine Löwenohren zucken. Der leapling, stößt er hervor. Genau. Sie haben etwas,
das mir gehört, n’est-ce pas. Er will
sich mir in den Weg stellen, doch ich, nicht faul und vom Kaffee
berauscht, hüpfe federleicht über ihn hinweg und lande
schnurstracks in seinem Labor. Dort, in güldenes Licht getaucht,
steht ein Terrarium. Wedge! Er richtet sich auf, rüttelt am Gitter.
Hier bin ich, Audrey!
SZENARIO
2:
Ich warte in den
frühen Morgenstunden vor Toffs Haus. Hoffentlich ist ein Starbucks
in der Nähe. Als Toff aus dem Haus kommt, stelle ich ihn zur Rede.
Seine Wolfsaugen blitzen. Der leapling,
stößt er hervor. Genau. Du hast etwas, das mir gehört, n’est-ce pas. Er will sich mir in den Weg stellen,
doch ich, nicht faul und vom Koffein beflügelt, hüpfe federleicht
über ihn hinweg und lande schnurstracks in seinem Haus. Dort, in
güldenes Licht getaucht, sitzt Onkel Thoby an einen Stuhl
gefesselt. Onkel Thoby! Ich löse den Knebel. Oddly!
Vor dem
Flugzeugfenster war nichts zu sehen, bis der Pilot nach endlosen
Stunden sagte: Verehrte Fluggäste, wir befinden uns derzeit über
Belfast. Es war noch dunkel, nur am Horizont schimmerte zart ein
rosa Saum. Belfast bestand aus ein paar vereinzelten Lichtpunkten.
Von Belfast hätte ich eigentlich mehr Lichter, um nicht zu sagen
ein Lichtermeer erwartet. Aber wir flogen ja auch ziemlich
hoch.
Der rosa Saum wurde
langsam, aber sicher breiter.
Die Schiebeklappe
meines Fensters war ein halb geschlossenes Augenlid. Wach auf,
kleines Auge. In der zartrosa Ferne sah ich andere Flugzeuge. So
viele, dass ich sie nicht zählen konnte. Na schön, ich konnte sie
zählen. Elf. Von meinem Fenster aus zählte ich elf Flugzeuge. War
das normal.
34J sagte: Wir
befinden uns im verkehrsreichsten Luftraum der Welt. Natürlich ist
das normal.
Noli me tangere, all ihr anderen Flugzeuge. Sie
kreisten. Genau wie wir. Wir zeichneten ein vermutlich recht
hübsches Muster aus sich überlappenden Kreisen an den Himmel. Wir
mussten warten, bis wir an der Reihe waren und auf dem Fluchhafen
Heathrow landen durften.
Flugzeuge aus aller
Welt. Als wir zum Terminal rollten, sah ich ein echtes
Qantas-Flugzeug. Was ich für ein gutes Omen hielt. Ich sah AUP Air.
OP Air. Ich bin ein Berlin Air. Mutt Air. Vat Air. Brood Air. Ich
war ziemlich aufgeregt. Trotz der Ernsthaftigkeit meiner
Mission.
Ich zurrte meinen
Pferdeschwanz ein wenig fester. Ich hatte wieder sicheren Boden
unter den Füßen. Sicheren Boden, aber unsicheres Terrain. Neues
Terrain.
Wir hatten unser Gate
erreicht. Ich zappelte nervös auf meinem Sitz und sah den
Gepäckabfertigern zu. Sie waren allesamt symmetrisch.
Als ich unter dem Baum erwache, hat der Nebel sich
verzogen. Die Sonne geht unter. Heiliger Strohsack. Ich will
aufspringen, aber meine Glieder sagen: Warte. Wir sind stocksteif,
in Embryonalstellung erstarrt. Wir müssen uns langsam recken und
strecken. Dem Licht entgegen wie eine Blume. Drauf geschissen.
Keine Zeit. Meine Jeans und meine Beine darin machen ein knarzendes
Geräusch. Ich humple mit meiner Tasche im Schlepptau aus dem
Vogelkäfig.
Und stehe in einem
völlig anderen Park. Die Sonne ist gleißendes Gold. Die Skyline ist
von geradezu absurder Putzigkeit. Mir kommen fast die Tränen, wenn
ich daran denke, dass ich den ganzen Weg zu Toffs mews zu Fuß zurücklegen muss. Meine Beine machen
nicht mehr mit. Sie sind heute 195 Stufen hinaufgestiegen. Sie sind
stocksteif. Sie nehmen mir den langen Flug via Montreal noch immer
übel. Ich stehe ihnen bis hier (Hüfthöhe). Setzen wir uns doch ein
Weilchen auf die Bank da drüben.
Nein.
Als ich bei Toff
ankomme, ist es dunkel. Es brennt Licht. Ich kann ins Wohnzimmer
sehen. Pardon, in den Salon. Er ist in tristes Unterwassergrün
getaucht. Ich habe den dunklen Verdacht, eine Deckenleuchte ist der
Übeltäter.
Toff erscheint am
Fenster. Da steht er. Und telefoniert. Ein offener, sehr offener
Kragen. Kein Halstuch. Beim Sprechen trommelt er mit den Fingern
den Takt auf seinem Schlüsselbein. Er hat also tatsächlich ein
Schlüsselbein. Und ein intaktes Telefon.
Gleich erlebt der
triste, unterwassergrüne Toff sein blaues Wunder.
Klopf klopf an die
Scheibe. Er macht vor Schreck einen Satz rückwärts. Ich
winke.
Der leapling, stößt er hervor.
In der Tat. Du hast
etwas, das mir gehört, n’est-ce
pas.
Wir starren uns einen
Moment lang an. Er sieht aus wie jemand, der den Fluch seines
Daseins durch sein eigenes Spiegelbild betrachtet. Schließlich
deutet er zur Tür. Ich durchquere den Vorgarten und steige die
gleichnamige Treppe hinauf.
Er ist nicht gerade
außer sich vor Freude. Audrey, Audrey. Er bittet mich herein. Was
ist denn mit deinem Gesicht passiert. Gott, was machst du hier.
Wann bist du angekommen. Undsoweiter.
Ich parke meine
Reisetasche. Und sehe an ihm vorbei. Wo sind der Stuhl, das güldene
Licht und die Fesseln.
Was ist denn mit
meinem Gesicht, sage ich.
Er zeigt mit dem
Finger. Links von mir hängt ein Spiegel, in dem ich ein blaues Auge
habe. Und ein Gerstenkorn. Das eigentlich schon am Abheilen war,
bis ich mein Antibiotikum zu Hause liegen ließ. Von meinen anderen
Blessuren ganz zu schweigen.
Hat dich jemand
geschlagen.
Nein. Ein
Hagelkorn.
Du bist in den
Hagelschauer geraten. Er kratzt sich heftig am Kopf.
Ich starre auf seine
Brust. Sie ist so. Sichtbar. Mit Brust sieht er ganz anders
aus.
Wie bist du
hierhergekommen.
Ich breite die Arme
aus. Geflogen.
Nein, ich meine
…
Air
Canada.
Nein, ich meine
…
Onkel Thoby hat diese
Adresse hinterlassen. Ich habe x-mal versucht, dich anzurufen.
Warum bist du nicht drangegangen. Und komm mir nicht mit der
Landesvorwahl-Nummer.
Mit welcher
Nummer.
Hinter ihm ist eine
dunkle Treppe. Ich schaue hinauf.
Hast du etwas
gegessen, sagt er und nimmt mir den Mantel ab. Ich habe Käse, sagt
er. Wie wär’s mit etwas Käse.
Ich packe ihn am Arm.
Ist er hier.
Er macht ein ratloses
Gesicht. Wer.
Onkel
Thoby.
Nein.
Ein Sofa teilt den
Salon in zwei Hälften. Toff ist eifrig damit beschäftigt, auf dem
Esstisch eine Käseskyline zu errichten.
Hast du Hunger, fragt
er, als er fertig ist.
Eigentlich
nicht.
Oh.
Und so holt er mir
ein Glas Orangensaft und sich etwas Hochprozentiges, und wir sitzen
uns gegenüber.
Wann hast du ihn
zuletzt gesehen, frage ich.
Am
Flughafen.
An
welchem.
Montreal.
Nicht
Heathrow.
Wir sind getrennt
geflogen.
Warum.
Was ist das, ein
Verhör.
Ich schaue nach oben.
Es ist tatsächlich eine Deckenleuchte. Mit grünem Glasschirm. Ein
schauriges Licht. In dem Toff noch pockennarbiger und schauriger
aussieht als ohnehin schon. Aber vermutlich nicht halb so schaurig
wie ich. Ob er lügt.
Ja, sage
ich.
Was, ja.
Das ist ein
Verhör.
Er sieht so hilflos
aus mit seinem Schlüsselbein.
Ich weiß, dass
Großmutter nicht an der Schwelle des Todes steht. Ich habe mit ihr
gesprochen. Das Spiel ist aus.
Welches Spiel. Nein.
Lass mich raten. Du hast den Cluedo-Revolver in der
Tasche.
Haha. Ich sage, es
gebe viele Rätsel. Sehr viele sogar, die ich momentan zu lösen
versuche. Na schön, zwei. Im einen sei er der Hauptverdächtige. Im
anderen Leonel de Tigrel.
Leonel de Tigrel.
Seine Wolfsaugen blitzen.
Dann kennst du ihn
also.
Nein.
Du siehst aus wie
jemand, der ihn kennt.
Und wie sieht jemand
aus, der ihn kennt.
Wie du. Wedge ist
verschwunden.
Er scheint perplex.
Nicht weil Wedge verschwunden ist, sondern weil mir das so viel
bedeutet. Entschuldige, aber was hat das …
Bei der Beerdigung
von meinem Dad hat Leonel de Tigrel den armen Wedge gekidnappt. So
ähnlich, wie du Onkel Thoby gekidnappt hast.
Audrey.
Was.
Beruhige dich. Und
hör mir zu.
Ich lehne mich
zurück. Okay. Ich bin die Ruhe selbst. Und obendrein ganz Ohr.
Sprich.
Leonel de Tigrel war
nicht auf der Beerdigung deines Vaters.
Ich glaube doch. So’n
Dicker. Belgier. Löwe.
Leonel de Tigrel ist
kein Belgier.
Ich glaube
doch.
Er stellt sein Glas
ab. Geht aus dem Zimmer. Kommt mit einer Zeitschrift zurück. War
der vielleicht auf der Beerdigung
deines Vaters.
In der Zeitschrift
ist das Foto eines Mannes mit langem Rumpelstoffzchenbart und Hawaiihemd. Darunter steht:
Hanswurst oder Heilsbringer.
Nein, nicht dass ich
wüsste.
Das ist Leonel de
Tigrel.
Ich lache.
Unsinn.
Doch. Hier.
Lies.
Ich lese nicht
gern.
Audrey.
Na schön, dann ist
das eben Leonel de Tigrel. Komisch. Er sieht ganz anders aus als
der Leonel de Tigrel auf der Beerdigung von meinem
Dad.
Dass es zwei Leonel de Tigrels gibt, halte ich für äußerst
unwahrscheinlich, sagt Toff und setzt sich wieder.
Meinetwegen. Auch
egal. Verdächtig ist er trotzdem.
Inwiefern. Pass auf,
Audrey …
Ein Geräusch im Flur
lässt ihn verstummen. Ein bedächtiges Klick, Klick, Klick.
Schritte. Auf Zehenspitzen.
Tja, sagt Toff. Da
will uns wohl jemand mit seiner Anwesenheit beehren.
In der Tür erscheint
ein Gesicht.
Ich schreie. Oder,
besser, kläffe. Weil ich nicht sofort erkenne, dass das Gesicht
nicht menschlich ist. Das Gesicht ist so ernst. Und außerdem auf
Menschenhöhe.
Aber es ist kein
Mensch. Sondern ein Hund. Eine Dänische Dogge.
Ich klettere zögernd
von der Sofalehne.
Der Hund mustert mich
mit ruhigem Blick. Wir haben doch nicht etwa Besuch. Er klickt ins
Zimmer wie auf Stelzen. Er sieht aus wie ein Pferd. Mein
Gott.
Das ist Hamlet, sagt
Toff. Sitz, Hamlet.
Hamlet macht Sitz.
Dabei beugt er die Hinterbeine wie eine Ballerina beim Plié, wenn
auch auf etwas, nein, auf sehr viel unanständigere Art und
Weise.
Ich weiß, was du
jetzt denkst, sagt Toff.
Das glaube ich
kaum.
Du denkst, wie viele
Dänische Doggen namens Hamlet es wohl gibt.
Nicht
direkt.
Während wir uns
unterhalten, wandert Hamlets Kopf aufmerksam von rechts nach links.
Sein Gesicht ist so schmal und ernst. Ich muss mir ein Lachen
verkneifen. Er ist ganz grau. Seine flach anliegenden Ohren bilden
perfekte Dreiecke.
Komm her, Hamlet,
flüstere ich.
Hamlet sieht Toff
fragend an.
Toff
nickt.
Hamlet schreitet
würdevoll durchs Zimmer.
Auf meinem Sofa komme
ich mir schrecklich klein vor.
Er beschnuppert meine
Augen. Er segnet meine Stirn. Seine Unterlippe ist feucht und
schlaff.
Ich schlinge ihm die
Arme um den Hals.
Später, im Taxi zum Atomotel, wird mir klar, was für
ein brillantes Ablenkungsmanöver dieser verdammte Köter war. Ein
echter Geniestreich. Das muss man Toff lassen. Denn solange ich bei
ihm war, hatte ich nur noch Augen für Hamlet. Ich versuchte, mich
zu konzentrieren. Ich versuchte, Toff Informationen über seine
Beziehung zu Leonel de Tigrel zu entlocken, die er beharrlich
leugnete. Über Großmutters Gesundheit, um die es, wie er zugeben
musste, nicht annähernd so schlimm steht, wie er befürchtet hatte
(leichter Schlaganfall, gebrochenes Handgelenk). Und über Onkel
Thoby, dessen Aufenthaltsort ihm angeblich unbekannt
ist.
Derweil nahm Hamlet
die Käseskyline auf dem Esstisch hinter Toff genüsslich
auseinander.
Ein ganzer Camembert
verschwand in seinem Schlund.
Ein ganzer Schinken.
Heimlich, still und leise.
Wobei er, Hamlet,
immer wieder flehentlich zu mir herüberblickte, als ob er sagen
wollte: Kein Wort zu Toff.
Toff saß mir nichts
Böses ahnend gegenüber.
Wetten, Sherlock
Holmes hätte sich von einem Hund niemals so sehr becircen lassen,
dass er darüber seine Ermittlungen vernachlässigt hätte. Eine
wichtige Information allerdings konnte ich Toff abringen: den Weg
zu Großmutter.
Ich würde dir
empfehlen, sie vorher anzurufen.
Ich rufe sie aber
nicht gern an.
Ruf sie an, sagte er.
Und geh sie vormittags besuchen.
Warum.
Weil sie vormittags
bei klarem Verstand ist.
Er meinte, ich sei
wahnsinnig, in einem Atomotel meilenweit vor der Stadt zu
übernachten. Das Taxi sei ja teurer als das Zimmer.
Ich bin eine treue
Atomotel-Kundin, sagte ich. Und danke für das Angebot.
Angebot, sagte
er.
Im Schein der
Innenraumbeleuchtung des Taxis, das Toff mir spendiert hat,
überfliege ich den Artikel über Leonel de Tigrel. Vom Autofahren
wird mir langsam, aber sicher schlecht. Meine Ermittlungen führen
zu nichts. Dem Artikel zufolge will Leonel de Tigrel in spätestens
zehn Jahren eine Heilmethode gegen das Altern entwickelt haben.
Zehn Jahre! Mein Dad hatte diese Heilmethode längst. Warum also
steht in dieser Zeitschrift – wie heißt sie noch gleich:
Hourglass – kein Wort über meinen Dad.
Warum hatte 60 Minutes meinen Dad nicht
um ein Interview gebeten, wie vor ein paar Wochen Leonel de
Tigrel.
Und warum habe ich
Leonel de Tigrels Gesicht noch nie gesehen, wo er doch anscheinend
allgegenwärtig ist. Mangelhafte Recherche. Typisch. Na ja, was
soll’s. Leonel de Tigrel hat Wedge also nicht entführt. Jedenfalls
nicht eigenhändig. Aber da er so berühmt ist, könnte er ohne
Weiteres einen Helfershelfer beauftragt haben. Den Belgier. Er
könnte den Belgier beauftragt haben, Wedge zu entführen. Weil Wedge
so alt ist und doch so jung. Und weil Walter Flowers eine ehrliche
Haut ist und Leonel de Tigrel ein Schwindler, der meinen Dad
zeitlebens um seinen Erfolg beneidet hat.
Ich nicke vor mich
hin und schaue aus dem Fenster, um das flaue Gefühl im Magen zu
bekämpfen.
Und ist es nicht
seltsam, dass Toff aschfahl wurde, als ich ihm eröffnete, dass ich
nach Cambridge fahren wolle, um den Löwen persönlich zu
befragen.
Atomotel ist eine
Kette. Cliff und ich haben in den Alpen in einem Atomotel gewohnt.
Atomotels sind relativ preiswert, weil die Zimmer so winzig sind.
Manche haben sogar Etagenbetten. Alles ist sauber und weiß. Ich
habe mein Zimmer mit der Kreditkarte von meinem Dad gebucht. Ohne
Probleme. Oder gar lästige Fragen. Willkommen, Nukleus, sagte der
Empfangschef beim Einchecken. Denn so lautet das Motto von
Atomotel: Der Kunde ist der Nukleus! Griffiger Slogan.
Im Fahrstuhl sagte
eine Computerstimme die Stockwerke an, für Blinde und Leute mit
verbundenen Augen. Im zehnten Stock stieg ich aus. Zimmer
1006.
Mein Atom hat kein
Etagenbett. Pech. Es hat ein kleines, wie ein Elektron geformtes
Bett mit weißer Decke. Das Kissen ist zu einer Pyramide
aufgeschlagen. Interessant.
Ich rufe zu Hause an.
Zwei Nachrichten. Eine von Linda. Sie sagt, Cliff sei dagewesen und
habe Winnifred mitgenommen. Was mir hoffentlich recht sei. Die
beiden seien nämlich schon weg. Wahrscheinlich zurück in die alte
Wohnung.
Moment mal. Was.
Nachricht wiederholen.
Tja. Hast du sie
nicht genau deshalb dort gelassen. Damit sie da ist, falls Cliff
zurückkommt. Damit überhaupt jemand da ist. Hast du ihn nicht quasi
aufgefordert, sie zu holen. Ja, aber damals dachte ich auch noch,
dass ich zurückgehen würde.
Und das willst du
jetzt nicht mehr.
Nein.
Das ist ja ganz was
Neues. Ich gehe nicht zurück nach Portland.
Die zweite Nachricht
ist von Judd. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht, dass
jemand zärtlich an dich denkt. Und deinen Flug online verfolgt. He,
du bist gerade über Irland.
Ich schalte das Licht
aus und steige ins Bett. Versetze der Pyramide einen kräftigen
Knuff. Bette mein Haupt. Cliff ist also wieder da. Wohlbehalten in
der alten Wohnung. Mit Winnie. Und ich gehe nicht
zurück.
Ich bin erschöpft und
voller Schrammen. Mein Auge pocht. So ähnlich habe ich mich auch
gefühlt, als ich das letzte Mal in einem Atomotel übernachtet habe,
nach einem Tag »Skifahren« in den Alpen. Ich weiß nicht, wie oft
ich damals hingefallen bin.
Das Etagenbett in
unserem Zimmer war ein Novum. Ich lernte ein paar interessante
Sextricks. Zum Beispiel wie man sich möglichst elegant an der
Zimmerdecke abstützt.
Wir gingen essen, und
ich erinnere mich vor allem an Cliffs dampfenden Drink und wie der
Dampf über den Glasrand quoll, während er mir Geschichten über
Oregon erzählte. Oregon mit seinen Alice-im-Wunderland-Wäldern,
seinen Hochwüsten und Mittelgebirgen, in denen lauwarmer Regen
fällt. Später dann, im Etagenbett, fragte er: Würdest du Nein
sagen, wenn ich dich bitten würde, mit mir nach Amerika
zurückzugehen.
Dazu würde ich nicht
Nein sagen, nein.
Heute würde ich dazu
Nein sagen.
Ich fange an zu
zittern. In meinem Atom ist es eiskalt. Da fällt mir ein, dass in
Europa häufig auch die Heizung ausgeht, wenn man das Licht
ausschaltet. Entweder hat man es bei Licht mollig warm oder muss im
Dunkeln frieren. Schlaf gut, Nukleus. Ich stehe auf und ziehe meine
Jeans an. Meine Beine haben mich ja so satt. Ich hole den
Fallschirm aus meiner Tasche und breite ihn über die Bettdecke.
Danke, Judd.
Er hat meinen Flug
über den Ozean verfolgt.
Du kannst doch nicht einfach »die Schildkröte
abholen«. Chuck und Cliff stehen sich Auge in Auge gegenüber. Sehr
schmeichelhaft. Wer hätte gedacht, dass Chuck das Zeug dazu hat.
Aber natürlich hat er das Zeug dazu: Er ist schließlich nicht
umsonst Faustkämpfer. Trotzdem, wegen mir. Einer bloßen
Schildkröte. Korrigiere: Shakespeares Schildkröte.
Ich drehe mich
langsam um.
Chuck hat seinen
nackten Oberkörper zwischen mich und Cliff geschoben. Du kannst sie
nicht mitnehmen, sagt er.
Cliff lässt seinen
Motorradhelm locker am Zeigefinger baumeln. Er will sich nicht
streiten. Audrey hat nichts dagegen, sagt er.
Hast du mit ihr
gesprochen.
Sie hat mir eine
E-Mail geschickt.
Ich will eine
Unterschrift sehen.
Cliff lacht. Komm
schon, Chuck.
Ich meine es
ernst.
Cliff späht Chuck
über die Schulter. He, Kiddo, sagt er und winkt mit seiner freien
Hand.
Redest du mit
mir.
Ich rede mit
Iris.
Sie heißt nicht
Iris.
Seit
wann.
Seit du weg bist. Ich
rufe Linda an. Er greift zum Telefon.
Cliff tritt näher,
bückt sich. Zwinkert mir zu. Er sieht reichlich mitgenommen aus. Am
Reißverschluss seiner Jacke hängt ein Plastikkärtchen mit der
Aufschrift ANGEL FIRE. Er war offensichtlich
Skifahren.
Du benutzt meine
Schildkröte als Briefbeschwerer, sagt er.
Lesezeichen, sagt
Chuck. Ich wüsste nicht, seit wann das als Schildkrötenquälerei
gilt.
Cliff nimmt mich von
dem Buch herunter, von der Seite, auf der ich sitze – und
stehe. Der Seite mit der Schildkröte
hoch sechzig. Und setzt mich auf seine riesige Hand. Sie sieht
durstig aus, sagt er.
Was bist du doch für
ein einfühlsamer Mensch.
He, sagt Chuck,
vermutlich zu Linda. Du wirst nicht glauben, wer gerade hier
reingeschneit ist.
Hast du Lust auf eine
Spritztour, sagt Cliff zu mir. Mit meiner Harley.
Hehe, sagt Chuck.
Immer mit der Ruhe. Hier. Sprich mit Linda.
Widerwillig
vertauscht Cliff mich mit dem Telefon. Chuck trägt mich zu meinem
Schloss zurück. Keine Sorge, Winnifred.
Sehe ich aus, als ob
ich mir Sorgen machen würde.
Solange es keine
Helme für Schildkröten gibt, steigst du mir nicht auf eine Harley.
Ich glaub, es hackt.
Er deponiert mich in
meinem Pool. Ich stecke den Kopf unter Wasser. Trinke. Als ich
wieder auftauche, sagt Cliff: Das hat sie nicht geschrieben. Sie
hat nur geschrieben, dass die Wohnung frei ist und die Schildkröte
bei euch. Und dass ihr Dad …
Schweigen.
O Mann.
Ich klettere aus dem
Pool. Stecke den Kopf durchs Fenster. Cliff sitzt zusammengesunken
auf dem Sofa. Er streicht sich das Haar zurück. Nein, das wusste
ich nicht. Ja, okay. Er sieht zu mir herüber. Macht große Augen. Er
zeigt auf mich.
Was ist, sagt
Chuck.
Das ist das
bezauberndste … ja, okay, sagt er zu Linda und gibt Chuck das
Telefon zurück.
Staunend umrundet er
mein Schloss. Und das hat sie tatsächlich selbst gebaut, sagt
er.
Ich schaue zu ihm
hoch. Na klar. Was dachtest du denn.
Chuck lässt mich
mitfahren, aber nicht auf dem Motorrad. Da kennt er kein Pardon. Er
werde mich und mein Schloss in den Wagen packen und Cliff
hinterherfahren. Okay.
Cliff sagt
okay.
Chuck zieht sich
etwas an. Cliff setzt seinen Helm auf. Chuck schnappt sich seine
Kippen. Cliff schnappt sich mich und Pappmaché. Wir gehen die vier
Treppen hinunter. Bei Chucks Wagen angekommen, sagt Cliff: Sie
sitzt am liebsten auf dem Armaturenbrett.
Ich weiß, was sie am
liebsten hat, sagt Chuck.
Gut, sagt
Cliff.
Gut, sagt
Chuck.
Chuck setzt mich auf
das Armaturenbrett. Durch die Windschutzscheibe beobachte ich, wie
Cliff seine orangefarbene Harley besteigt. Eine blonde Haarsträhne
hängt ihm aus dem Helm. Der Helm ist funkelnd blau.
Fahre ich wirklich
nach Hause. In die alte Wohnung. Mit dem umgedrehten
Berg.
Ich wende den Kopf
und mustere Chuck. Eine Zigarette hängt ihm aus dem Mund. Als er
den Wagen anlässt, kneift er die Augen zusammen,
Wir verlassen die
Taft, und ich zähle die Präsidenten rückwärts. Cleveland, Harrison,
Cleveland, Arthur. Wenn wir bei Washington angekommen sind, ist
Oregon City zu Ende. Taylor, Polk, Tyler, Harrison. Ich sehe die
Brücke. So viele Präsidenten, so wenige Namen. Wie sollen
Autofahrer die nur alle auseinanderhalten.
Cliffs Haar flattert
im Wind. Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht. Beim zweiten
Adams gerät der Verkehr plötzlich ins Stocken. Dann sind wir auf
der Brücke. Und tief unten sehe ich den Willamette. Sehr tief
unten. Er sieht alles andere als einladend aus. Mir sinkt das Herz in die
Kniekehlen. Ich schaue Chuck fragend an. Ob er Shakespeares
Schildkröte hauruck über das Geländer befördern wird. Freut er sich
darauf nicht schon seit Wochen.
Er sieht zu mir, dann
wieder auf die Straße.
Dezent mache ich mich
daran, das Armaturenbrett zu überqueren.
Wo willst du denn
hin.
Und dann kurbelt er
das Fenster herunter! Doch nein. Er wirft nur die Zigarettenkippe
hinaus.
Was ist, sagt er und
kurbelt das Fenster wieder hoch.
Der Verkehr kriecht
über die Brücke. Chuck macht ein verkniffenes Gesicht. Ich muss
daran denken, dass man seine gebrochene Rippe sehen kann, wenn er
nackt ist. Ich muss daran denken, wie er aus dem Fenster starrt.
Und wieder kriege ich es mit der Angst zu tun. Die erst verfliegt,
als wir vor unserem alten Haus in Portland halten. Chuck setzt mich
in mein Schloss und überreicht mich Cliff. Sie heißt Winnifred,
sagt er. Nicht Iris.
Cliff nickt. Das mit
dem Briefbeschwerer tut mir leid.
Schon
gut.
Und einen Augenblick
lang stehen wir unschlüssig auf dem Gehsteig. Dann sagt Chuck:
Gehab dich wohl, Winnifred. Und verbeugt sich. Was er sonst nie
tut. Oder will er nur sein Gesicht verbergen. Ich strecke den Kopf
aus dem Fenster und sehe ihm nach, während Cliff mich
davonträgt.
Cliff klettert die
Wände hoch. Es ist genau wie früher, nur dass ohne Audrey nichts
genau wie früher ist. Die Wohnung wirkt muffiger und kälter. Cliff
entdeckt die Wärmelampe und montiert sie wie eine zweite Sonne über
meinem Schloss. Damit du es mollig warm hast, Winnifred, sagt er
und versucht sich zum ersten Mal an meinem neuen
Namen.
Er serviert mir mein
Abendessen und nimmt das seine auf dem Boden sitzend ein. Vom
Klettern sind seine Hände kreideweiß. In einer Hand die
Fünf-Minuten-Terrine. In der anderen einen winzigen Löffel. Neben
sich eine große Flasche. Er bewundert mein Schloss und sagt:
Handwerklich war sie immer schon begabt.
Wir denken daran, wie
sie die Wohnung in einen Berg verwandelte. Weißt du noch, wie sie
die Klettergriffe auf dem Boden ausbreitete und meinte, sie sähen
aus wie Utah aus der Luft. Ja. Weißt du noch, wie sie die ersten
Griffe in den Gips zu schrauben versuchte und sie ihr unter den
Fingern wegbrachen. Ja. Und dann kam sie auf die Idee, alles mit
Sperrholz zu verkleiden. Wodurch die ganze Wohnung auf jeder Seite
zwei, drei Zentimeter kleiner wurde. Die Wände rückten näher
zusammen. Aber man konnte an ihnen klettern. Ja. Man konnte an
ihnen klettern.
Warum bist du
fortgegangen, Cliff.
Er schlürft seine
Fünf-Minuten-Terrine. Seine dritte
Fünf-Minuten-Terrine.
Folgendes ist dir
eventuell entfallen. An dem Abend, bevor du fortgegangen bist, hast
du dir den Kopf am Überhang gestoßen, was offen gestanden schon des
Öfteren vorgekommen war, und du hast geblutet. An der Stirn. Und
sie holte ein Stück Küchenkrepp und legte es auf die Wunde, und
dann saßt ihr zu zweit auf dem Futon, und sie presste ihre Stirn an
deine Stirn und sagte: Fehlt dir etwas. Und ihr saht so erbärmlich
aus, wie ihr dasaßt, die Stirnen aneinandergepresst und dazwischen
ein Stück Küchenkrepp. Und sie sagte: Rück mal eben, dann mache ich
das Bett. Und so rücktest du mal eben, und sie verwandelte das Sofa
in ein Bett, was ich übrigens schon immer faszinierend
fand.
Ich saß nicht in
meinem Panasonic-Druckerkarton. Ich saß auf dem Couchtisch, denn
als du dir den Kopf gestoßen hast, war sie gerade dabei, die Comics
auf dem Boden meines Schlosses in spe auszutauschen. Ich saß auf
dem Couchtisch und sah dein Spiegelbild im Fernseher. Im
dunkelgrauen Glas des Bildschirms, der das ganze Zimmer konvex
verzerrte und die Klettergriffe wie Zähne aussehen
ließ.
Und kaum war das Bett
gemacht, bist du auch schon hineingekrochen und warst in
Sekundenschnelle weg. Sie hingegen. Weißt du, was sie getan hat.
Sie ging nach draußen und setzte den Wagen um, damit du ihn nicht
finden würdest. Sie war knapp eine halbe Stunde weg. Sie machte das
auch nicht zum ersten Mal. Als sie wiederkam, war sie klatschnass.
Sie hatte den Wagen also anscheinend gut versteckt. Als sie ihre
nassen Kleider auszog und mich auf dem Couchtisch sitzen sah, sagte
sie: Ach du Scheiße, Iris. Tut mir leid.
Macht
nichts.
Sie setzte mich
wieder in den Panasonic-Druckerkarton, den sie mit neuen Comics
ausgelegt hatte, und machte das Licht aus.
Weil du nachts gern
einmal wach wurdest und ins Auto stiegst. Weil du gern
wegwolltest.
Und am nächsten
Morgen bist du ja dann auch gegangen, nur hattest du diesmal keinen
Fluchtwagen. Also bist du vermutlich entweder getrampt oder hast
Ridge angerufen. Ich weiß es nicht. Du standest in der Küche und
sagtest: Die Berge rufen. In voller Klettermontur. Samt Seilen. Und
sie sagte nicht: Und was wird aus mir. Sie sagte: Und was wird aus
Iris.
Lange
Pause.
Und du sagtest:
Möchtest du eine Schildkröte. Womit du sagen wolltest: Diesmal gehe
ich ganz. Denn genau das hatte auch euer Vormieter gesagt, bevor er
auszog: Möchtet ihr eine Schildkröte.
Worauf sie gesagt
hatte: Zu einer Schildkröte würde ich nicht Nein sagen. Und genau
das sagte sie jetzt wieder.
Und obwohl wir beide
wussten, dass du zum Vormieter geworden warst, warteten wir
geduldig darauf, dass du zurückkamst. Aber wir warteten umsonst. Du
kamst nicht zurück. Und sie ging buchstäblich die Wände hoch. Und
ich fror, die Wärmelampe hat nämlich die unselige Neigung,
Schlösser in Brand zu setzen, und sie musste sie
abbauen.
Den Rest der
Geschichte kennst du ja. Wie sie sich auf die Suche nach dir machte
und diese Suche »Urlaub« nannte. Wie du im Grand Canyon aufgekreuzt
bist und dich bei Nacht und Nebel davongestohlen hast. Während sie
im Wartezimmer des Labors saß, in dem Schildkröten darauf
untersucht werden, ob sie im Canyon heimisch sind – du hast sie
einfach dort sitzen lassen, und weißt du, was sie sagte, als wir
auf den Campingplatz zurückkamen. Sie sagte: Warum gibt es in
Arizona eigentlich keine Helmpflicht. Haben Amerikaner keine Angst
um die Gehirne ihrer Mitbürger.
Sie sorgte sich immer
noch um deine Sicherheit.
Großmutter wohnt in Knightsbridge. In der Nähe von
Harrods, wie ich meinem explodierenden Stadtplan entnehme, aus dem
einem Harrods in 3-D entgegenspringt. Großmutters Straße liegt
sogar buchstäblich im Schatten von Harrods.
Ich dachte, bei
Harrods bekommt man Shortbread in Doppeldeckerbusdosen. Aber im
Schaufenster ist alles ägyptisch. Beziehungsweise zartägyptisch
angehaucht. Stühle mit Sphinx-Armlehnen. Schaufensterpuppen mit
schwarzen Embryonenaugen und gebrochenen Handgelenken. Türstopper
in Pyramidenform.
Großmutter hat eine
Wohnung und kein Haus. Also nichts mit Treppensteigen. Im Parterre
gibt es einen alten Fahrstuhl, der von einem Mann mit goldenen
Knöpfen namens Hillings betätigt wird. Hillings sagt, er verehre
Mrs. Flowers und Hilly geradezu.
Wen.
Hilly, ihre
Pflegerin.
Und Sie
sind.
Hillings.
Wir gleiten nach
oben, und die Außenmauer gleitet nach unten. In den meisten
Fahrstühlen kann man die Außenmauer nicht sehen.
Quietschend öffnet
sich das Gitter. Danke, Hillings.
Stets zu
Diensten.
Als ich sie vom
Atomotel aus anrief, sagte Großmutter: Ja, unbedingt. Komm. Und
legte auf.
Hilly macht mir die
Tür auf. Sie ist winzig und hat O-Beine und eine kahlen Stelle am
Hinterkopf. Sie rückt die Fußmatte vor der Tür zurecht und sagt
(zur Matte): Willst du dich etwa schon wieder davonmachen, du
kleiner Teufel.
Ich betrete eine
dunkle Diele.
Sie nimmt mir den
Mantel ab. Ihre Großmutter ist im Salon.
Mir kommt der
Gedanke, dass Hilly eventuell eine verlässlichere
Informationsquelle ist als Großmutter oder Toff. Ich berühre sie am
Arm. Ich suche meinen Onkel, sage ich.
Haben Sie schon mal
im Telefonbuch nachgesehen.
Der »Salon« ist mit
minzegrünem Teppich ausgelegt und hat eine weiße Säule in der
Mitte. Die Säule stellt eine Griechin dar. Sie trägt die Decke auf
dem Kopf. Ich stutze. So etwas begegnet einem in Innenräumen ja
eher selten. Rings um die Säule stehen zierliche Tische mit
spindeldürren Beinchen, die pfotenförmig enden. Auf den Tischen
drängen sich Nippes und andere Kleinigkeiten.
Vorsicht mit den
Tischen.
Großmutter sitzt am
Fenster. Mit einem Gips am rechten Arm. Komm her, sagt sie, ohne
mich anzusehen. Mir fällt ein, dass sie nicht sehen
kann.
Komm her und lass
dich anschauen, sagt sie.
Ich mache einen Bogen
um die Tische und setze mich in den Sessel ihr gegenüber. Keine
Umarmung. Kein Kuss.
Audrey.
Hallo.
Sie ist gealtert.
Aber natürlich ist sie gealtert. Ihre Haare sind stumpf und dünn
geworden. Sie hat sie mit diesen komischen Kämmen nach hinten
gesteckt, die einem die Kopfhaut zerkratzen. Aber sie scheint noch
genauso groß zu sein wie früher. Wenn sie aufstehen würde, könnte
sie der Säule glatt Paroli bieten.
Ich brauche Licht zum
Sehen, sagt sie. Komm ein wenig näher.
Ich beuge mich vor.
Ihre Augen blitzen. Wie die eines Nachttiers. Tapetum lucidum nennt
man das. Wenn die Netzhäute das Licht reflektieren. Ihre Netzhäute
schillern wie Perlmutt.
Du hast dich gar
nicht verändert, sagt sie.
Sie ist anscheinend
wirklich blind, denn mein Gesicht sieht aus wie ein
Schlachtfeld.
Hilly bringt ein
Tablett mit Tee und Keksen. Ich erinnere mich dunkel an die Kekse
aus dem Cluedospielbretthaus. Staubtrocken. Hilly führt Großmuters
Hand zu ihrer Tasse. Ja, ich hab sie, sagt sie.
Was macht dein
Arm.
Was soll er schon
groß machen. Er ist schließlich gebrochen.
Aber sonst geht es
dir gut.
Sie macht ein
grimmiges Gesicht.
Ich entferne
Keksreste aus meinen Backenzähnen. Wir sitzen uns schweigend
gegenüber. Ich sage, die Säule sei sehr schön. Was für
Muskeln.
Abscheulich. Zum
Glück bin ich blind.
Na, das kann ja
heiter werden.
Das nennt man eine
Karyatide, sagt sie nach einer kurzen Pause.
Was.
Die
Säule.
Ach. Tide ist vermutlich ein anderes Wort für
Zimmerdecke. Daher der Ausdruck Tidenhub. Interessant. Was hältst du davon, wenn
ich deinen Gipsarm signiere. In Kanada signieren wir
Gipsarme.
Ich will meinen Arm
aber nicht signieren lassen.
Unsinn. Ich sehe mich
nach einem Stift um.
Stimmt es, was ich
über deinen Vater gehört habe, Audrey.
Ich erstarre. Was
hast du denn gehört.
Dass er von einem
Auto angefahren worden ist.
Ja,
stimmt.
Ich bin auch von
einem Auto angefahren worden. Komisch, nicht wahr. Sie nippt an
ihrem Tee.
Hilly, die Servietten
gebracht hat, sagt: Sie sind vom Bordstein gegen ein parkendes Auto
gefallen.
Das kommt in den
besten Familien vor, sage ich. Haben Sie vielleicht einen Kuli,
Hilly. Oder einen Filzstift.
Sie
nickt.
Glaub ihr kein Wort,
flüstert Großmutter dem Fenster zu. Sie ist eine notorische
Lügnerin.
Aber eine gute
Pflegerin, hoffe ich.
Wieder zieht
Großmutter eine Grimasse.
Ich habe mir
vorgenommen, Onkel Thoby möglichst beiläufig zu erwähnen. Etwa so:
Und, hat Onkel Thoby dich besucht. Danke, Hilly. Gib mir mal deinen
Arm.
Erst wehrt sie sich.
Dann gibt sie nach.
Wer, fragt
sie.
Thoby.
Ach. Ja.
Wann.
Keine Ahnung.
Gestern. Vorgestern. Was weiß ich.
Wo wollte er hin. Hat
er gesagt, wo er hinwollte.
Nach Hause, glaube
ich.
Ich lehne mich
zurück. Nach Hause.
Wenn mich nicht alles
täuscht.
Womöglich haben sich
unsere Wege über dem Atlantik gekreuzt. Ich stelle mir vor, dass
wir beide dieselbe Sherlock-Holmes-
Folge sehen, »Die tanzenden Männchen«, nur dass seine Folge
rückwärtsläuft, weil er ja nach Hause fliegt.
Ob er schon wieder zu
Hause ist und gerade zu einem kräftigen Nordwestschubs ansetzt, als
er merkt, dass sich die Tür nicht öffnen lässt. Wo ist Oddly. Oddly
ist in London, um Nachforschungen anzustellen, um jemanden zu
retten, aber sie ist leider ein klitzekleines bisschen
durcheinander.
Ich lasse Großmutters
Arm sinken und sehe zur Tide hoch. Wie weiter. Was
nun.
Ging es ihm
gut.
Keine
Antwort.
Großmuter.
Ja.
Hattest du den
Eindruck, dass es ihm gut ging.
Wem.
Onkel
Thoby.
Sie nickt. Dein Onkel
war hier.
Ja. Und hat gesagt,
er will nach Hause.
Tapetum-lucidum-Augen. Unergründlich.
Ich versuche es noch
einmal. War er verärgert. Oder aufgebracht.
Sie macht eine
comme-ci-comme-ça-Geste. Er wollte sich
entschuldigen, sagt sie.
Wofür.
Warum.
Lange Pause. Das muss
er dir schon selber sagen, sagt sie.
Am liebsten würde ich
ihr auch den anderen Arm noch brechen.
Audrey.
Was.
Ich bin müde und
finde, du solltest jetzt gehen.
Du bist meine
Großmutter. Eigentlich müsstest du mich immer um dich haben
wollen.
Will ich aber
nicht.
Hast du ihm
verziehen.
Wem.
Verdammt. Das weißt
du ganz genau, sage ich.
Bei dem Wort
verdammt zuckt sie zusammen. Nein, sagt
sie nach kurzem Zögern.
Sprich du hast ihm
nicht verziehen.
Nein.
Ich stehe auf. Lege
ihr die Hand auf die Schulter.
Au.
Ich gehe
jetzt.
Ich liebe meine
Söhne, Audrey. Alle beide.
Als ich meinen Mantel
anziehe, höre ich Hilly sagen: Sie hat Oddly auf Ihren Arm
geschrieben.
Ich fahre mit dem
Taxi zurück ins Atomotel. Die Taxis hier haben keine großen
Napoleonhüte auf. Sondern ein flaches, kleines Mützchen in die
Stirn gezogen.
Von wegen, sie liebt
ihre beiden Söhne.
London rast vorüber.
Wir wiehern Passanten an. Ich muss daran denken, was ein Clint’s
Cab mit leuchtendem Hut doch für ein beruhigender Anblick ist, und
frage mich, was ich in London suche, wenn Onkel Thoby längst wieder
zu Hause in St. John’s ist. Nur ist er leider nicht zu Hause in St.
John’s.
Ein paar Meter
weiter, vor einer Kirche, hat es eine Kollision gegeben. Ein Mann
in einem weißen Laster streitet mit einem Mann auf der Straße. Der
Mann auf der Straße ist ganz in Schwarz. Er ist entweder Chauffeur
oder trägt Trauer. Der Mann in Weiß ist eine Art
Lieferant.
Der Verkehr kommt zum
Erliegen, bis die Sache geklärt ist. Oder auch nicht.
Warum gibt der Laster
nicht endlich nach, sagt der Taxifahrer und reibt sich verdrossen
die Stirn.
Komisch, ich weiß
genau, dass sie sich streiten, obwohl ich kein Wort verstehe. Ihre
Körperhaltung sagt alles. Das scheint banal – natürlich gibt es so
etwas wie Körpersprache -, aber woran erkennt man schon von Weitem,
dass sich zwei Leute streiten. Woran erkennt das Gehirn so
etwas.
Genau wie man schon
von Weitem sehen kann, dass jemand eine Bedrohung darstellt. Man
erkennt das daran, wie seine Silhouette sich gegen den Himmel
abhebt.
Man kann zwei Leuten
sogar ansehen, wie lange sie sich kennen. Dazu braucht man nur zu
beobachten, wie sie gemeinsam die Straße entlanggehen, und das
Gehirn weiß sofort Bescheid. Plusminus ein Jahr.
Das Gehirn
registriert so viele Anhaltspunkte, ohne dass man etwas davon
merkt.
Der Mann in Schwarz
verzieht sich. Beziehungsweise das Gesicht. Am besten gar nicht
hinsehen. Er war auf einer Beerdigung. Und jetzt das. Der weiße
Laster hat seinen Wagen gerammt. Und das ausgerechnet heute. Das
Maß ist voll. Er setzt sich auf die Kirchentreppe. Der
Lastwagenfahrer schreibt etwas auf einen Zettel. Er sträubt sich
gegen sein Mitleid. Seine Hand fährt unwirsch über das
Papier.
Ich weiß noch, wie
Onkel Thoby einmal von einem Ölzweig sprach. Den er England
anbieten wollte. Und mein Dad sagte: Drauf geschissen. Aus seinen
Worten sprach solcher Hass, dass Onkel Thoby sich erst mal setzen
musste. Mein Dad ergriff normalerweise für niemanden Partei, es sei
denn natürlich bei Wahlen. Aber diesmal machte er eine Ausnahme und
schlug sich auf eine Seite. Nämlich unsere. Unsere Seite des
Atlantiks gegen ihre. Und das nicht etwa sich selbst, sondern Onkel
Thoby zuliebe. Ich hob den Blick vom Fußboden, wo ich mit Wedge
spielte.
Er hatte vergessen,
dass ich da war.
Onkel Thoby warf mir
einen besorgten Blick zu.
Mein Dad zuckte die
Achseln, als ob er sagen wollte: Meinetwegen kann sie das ruhig
hören.
Was ist ein
Ölzweig.
Ein Zweig von einem
Olivenbaum.
Was ist eine
Ilove.
Olive.
Olive you.
Olive you too.
Es gab bei uns zu
Hause keine Regel, was den Gebrauch schmutziger Wörter anging, aber
es gab die Regel, dass man mit schmutzigen Wörtern niemanden
verletzen durfte. Das gehörte sich einfach nicht. Aber da er das
schmutzige Wort stellvertretend für uns alle ausgesprochen hatte,
brauchte mein Dad kein schlechtes Gewissen zu haben. Und wir
brauchten uns keine Sorgen zu machen, weil mein Dad eine Waffe auf
England gerichtet und laut und deutlich gesagt hatte: Noli me tangere.
Ich
nickte.
Aber Onkel Thoby
nickte nicht. Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass er
am liebsten ganze Olivenbäume nach England geschickt
hätte.
England war ein
anderes Wort für Großmutter.
Ich schlage meinen
Kaffeefilter-Stadtplan auf und frage den Taxifahrer, ob er nicht
einen kleinen Umweg machen könne.
An der nächsten roten
Ampel wirft er einen Blick auf den Plan. Das ist aber ein ziemlich
großer Umweg.
Ja, aber können wir
vielleicht trotzdem vorbeifahren.
Klar können wir. Er
blinkt.
Gut. Ich lehne mich
zurück.
Er sieht in den
Rückspiegel. Sind Sie sicher, dass Sie da hinwollen, fragt
er.
Warum.
Er zuckt die
Achseln.
Ich lege die Füße auf
den Notsitz. Das gefällt mir an englischen Taxis: Man sitzt wie zu
Hause im Wohnzimmer. Pardon, Salon.
Eine halbe Stunde
später biegen wir in eine von heruntergekommenen kleinen Läden
gesäumte Straße. Die bis auf einen Autoersatzteilladen allesamt
geschlossen sind. Das Taxi bremst.
138 Welkin Way Road
beherbergt eine Staubsaugerreparaturwerkstatt. Auf die Ziegelmauer
links neben dem Schild hat jemand mit Sprühfarbe ASCHE ZU ASCHE, STAUB ZU geschrieben. Die Fenster
sind blind. Mag sein, dass hier früher mal jemand gewohnt hat, aber
jetzt steht das Haus leer.
Was wollten Sie denn
hier.
Gar nichts. Fahren
Sie.
Das mit den Schornsteinen ist vermutlich Zufall.
Trotzdem. Hier der grobe Umriss des Humouse House:

Woran erinnert Sie
das.
Cambridge liegt unter
einer dünnen Schneedecke. Sämtliche Fahrradfahrer haben
Metallklammern um die Hosenbeine. Ihre Vorderräder schlackern, weil
sie beim Fahren entweder rauchen oder lesen. Wenn man sie nach dem
Weg zum Humouse House fragt, antworten sie mit dem Akzent von
meinem Dad, sie hätten keinen Schimmer. Oder sie sagen, das sei da
drüben, über den Cam. Ah ja. Der Cam ist der Fluss, der Toff nur
bis zur Hüfte reicht. Vielen Dank. Es ist zwar alles sehr nett,
aber grau, und die intensive Farbe einer glühenden Zigarettenspitze
raubt einem regelrecht den Atem.
Kein Starbucks weit
und breit.
Ob Wedge da drin
ist.
Als ich Leonel de
Tigrel anrief, teilte mir sein Assistent Michael mit, Leonel sei
bis Mai komplett ausgebucht.
Ich warf einen Blick
auf die Liste in meiner Hand. Ähm. Sagen Sie ihm, wessen Tochter
ich bin.
Wessen Tochter sind
Sie denn.
Michael bat mich zu
warten. In der Warteschleife lief Werbung für
Duracell.
Und jetzt treffe ich
mich mit Leonel de Tigrel, in demselben Pub, in dem Watson und
Crick die DNA entdeckten. Die meisten Leute wissen nicht, dass die
DNA in einem Pub entdeckt wurde – und was für eine wichtige Rolle
Bier bei dieser Entdeckung spielte.
Ich wollte mich im
Humouse House mit ihm treffen, aber er sagte Nein, er könne mich
unmöglich ins Gebäude lassen, denn erstens habe er sich eine
scheußliche Erkältung, wenn nicht gar eine unheilbare Form der
Tuberkulose zugezogen, und zweitens hätten viele Mäuse menschliche
Immunsysteme.
Wie praktisch. Ach
übrigens: Ich habe auch ein menschliches Immunsystem.
Aber wir könnten uns
in seinem Lieblingspub treffen, wo er jeden Tag ein flüssiges
Mittagessen zu sich nehme.
Okay, sagte
ich.
Er klang überdreht.
Und verschnupft. Und ganz und gar nicht belgisch.
Dem Artikel habe ich
entnommen, dass Leonel de Tigrel sich hauptsächlich von Bier und
KitKat-Riegeln ernährt. Also habe ich ihm ein KitKat mitgebracht.
Ich lege das KitKat vor mir auf den Tisch und bestelle eine Tasse
Kaffee. Dann überfliege ich meine korrigierte Liste:
Audrey Flowers,
Tochter von.
Wedge, erstaunliches
Alter von.
Wedge, Herzfrequenz
von, Oberkörperkraft von, umwerfendes Potenzial von.
Belgier, Komplize
von.
Walter Flowers, Ihr
Rachefeldzug gegen.
Toff, Ihre
Bekanntschaft mit.
Sechs Punkte müsste
ich eigentlich im Kopf behalten können, oder. Ja. Ich falte die
Liste wieder zusammen und stecke sie in meine Tasche.
Abgesehen von einer
Plakette auf dem Weg zum Klo prahlt das Pub nicht eben mit seiner
ruhmreichen Vergangenheit. Ich versuche, mir vorzustellen, wie die
Entdeckung der DNA vonstattenging. Haben sie Mikroskope mit ins Pub
genommen. Oder war es reine Rechnerei. Haben Watson und Crick
lediglich eine Gleichung gelöst, vielleicht sogar auf einer
Serviette. Oder öffnete am Nebentisch jemand eine Flasche Wein, und
als sie sahen, wie der Korkenzieher im Korken verschwand, hatten
sie eine Vision der Doppelhelix. Aha!
An dem Tisch links
von mir sitzen drei Stricker. Zwei junge Frauen und ein Mann.
Studenten. Sie plaudern, ohne die Nadeln aus den Augen zu lassen.
Hin und wieder halten sie inne und trinken einen Schluck Bier oder
zupfen an ihren Wollknäueln herum. In dem Pub, in dem die DNA
entdeckt wurde, sitzen Studenten und stricken. In dem Pub, in dem
Leonel de Tigrel, Hanswurst, Heilsbringer oder was auch immer,
jeden Tag ein flüssiges Mittagessen zu sich nimmt, sitzen Studenten
und stricken.
Die Fülle des Lebens
ist mitunter überwältigend.
Da kommt er. Er putzt
sich die Nase. Ich winke. Er hebt den Ellenbogen zum Gruß. Geht
schnurstracks zur Theke.
Er trägt ein
Hawaiihemd und darüber einen dünnen grauen Pulli.
Scheußliche
Erkältung, sagt er und setzt sich.
Ja, das haben Sie
schon am Telefon gesagt.
Das mit Ihrem Vater
tut mir leid.
Er trägt einen
Pferdeschwanz, der aussieht, als sei er seit einem Monat nicht
gebürstet worden. Und einen Bart, der aussieht, als habe er ihn vor
der Tür erst gebürstet. Die Stricker interessieren ihn nicht die
Bohne. Das KitKat dafür umso mehr.
Für Sie, sage ich und
schiebe es ihm über den Tisch.
Wie
aufmerksam.
Er ist spindeldürr.
In dem Artikel stand, er praktiziere strikte Kalorienrestriktion.
Anscheinend bringt beschränkte Nahrungszufuhr den Körper erst so
richtig in Fahrt. Mit Hoffnung als Motor. Außerdem erhöht sich
dadurch die körperliche Aktivität. Man entdeckt enorme Vorräte an
ungenutzter Energie. Daher der unentwegte Hamsterdrang des
Körpers.
Fressgierig ist das richtige Wort für seinen
Blick.
Er lässt das KitKat
in seinem Beutel verschwinden.
Das also ist der
Erzfeind von meinem Dad.
Ja, sagt er, er habe
meinen Dad recht gut gekannt. Sie hätten zusammen studiert. Einmal
hätten sie sich zu Halloween als Watson und Crick verkleidet. Aber
das sei ewig her.
Und hatten Sie noch
Kontakt.
Nur in Form von
Veröffentlichungen. Ich habe die Arbeit Ihres Vaters aufmerksam
verfolgt.
Ach ja. Er Ihre
nicht.
Er sieht mich aus
zusammengekniffenen Augen an, als fände er mich irgendwie komisch.
Okay, Audrey. Sie sagten etwas von einer zwanzig Jahre alten
Maus.
Als ich am Telefon
erwähnte, ich hätte eine Maus, die fünf Mal so alt ist wie die
älteste Maus im Humouse House, brach er nicht in schallendes
Gelächter aus. Er sagte gar nichts und lud mich stattdessen zum
Mittagessen ein.
Jetzt erzähle ich ihm
alles über Wedge. Wie niedrig seine Herzfrequenz und wie kräftig
sein Oberkörper sei. Dass er eine Glühbirne zum Glühen bringen
könne. Dass ein Belgier, vermutlich sein, Tigrels, Komplize, zur
Beerdigung von meinem Dad gekommen sei, und nun sei Wedge
verschwunden.
Er nickt, als habe er
nichts anderes erwartet. Dann sagt er: Es gibt keine zwanzig Jahre
alten Mäuse, Audrey. Nein – er hebt die Hand -, ich will es anders
ausdrücken. Vor zwanzig Jahren verfügten wir noch nicht über die
nötige Technologie, um das Leben einer Maus um das Doppelte,
geschweige denn das Fünf- oder Sechsfache zu verlängern. In zwanzig
Jahren werden wir zwanzig Jahre alte Mäuse haben.
Mein Dad hatte die
Technologie.
Ausgeschlossen.
Und wenn doch.
Angenommen, Sie würden in den Besitz einer zwanzig Jahre alten Maus
gelangen, zum Beispiel über einen belgischen Komplizen, könnten Sie
dann feststellen, wie alt sie ist.
Seine Augen leuchten.
Als sei urplötzlich ein KitKat am Horizont erschienen. Ja, sagt
er.
Das Humouse House war
ursprünglich ein Drosophila-melanogaster -Zentrum.
So eins hatten wir
auch.
Leider sind
Fruchtfliegen nicht unbedingt geeignet, die Fantasie der
Öffentlichkeit zu beflügeln.
Da bin ich anderer
Ansicht.
Die Spendabilität
privater Sponsoren beflügeln sie jedenfalls nicht. Niemand hat auch
nur das geringste Interesse daran, das Leben einer Fruchtfliege zu
verlängern. Wenn man hingegen unverhohlen von menschlicher
Unsterblichkeit spricht, und das nicht etwa im übertragenen Sinne,
sondern von echter menschlicher
Unsterblichkeit, dann werden die Leute nervös. Aber eine Maus. Eine
Maus ist in Ordnung. Eine Maus ist niedlich. Wir haben Micky. Wir
haben Mighty. Und wir haben Wedge, setzt er hinzu und prostet mir
zu.
Bier Nummer
drei.
Um Ihre Frage zu
beantworten, sagt er – dabei habe ich gar keine gestellt -, ich
verstehe das durchaus. Denken Sie doch nur einmal daran, welchen
Aufwand wir getrieben haben, um mit dem Tod fertig zu werden, wie
man so sagt. Religion und Kunst, und das seit Tausenden von Jahren.
Und dann kommt plötzlich so ein bärtiges Kerlchen daher und sagt,
es war alles umsonst. All die geistigen Purzelbäume über dem
Abgrund. Überflüssig. Oder sagen wir so. Stellen Sie sich vor, sie
werden von einem Mann mit Pistole verfolgt und finden sich am Rande
einer hohen Klippe wieder. Sie können entweder springen oder sich
erschießen lassen. Sie beschließen zu springen. Und kaum haben Sie
diesen Entschluss in die Tat umgesetzt und rudern hilflos mit den
Beinen, sagt jemand am Rand der Klippe – nicht der Mann mit der
Pistole, sondern ein freundliches Kerlchen mit Bart: Ach übrigens,
das hätten Sie sich sparen können.
Er hält
inne.
Ich hätte
wahrscheinlich nicht übel Lust, das bärtige Kerlchen zu erschießen,
sage ich.
Leonel de Tigrel
lacht und zieht ein Papiertaschentuch aus dem Ärmel. Also, mir
hätte es vollauf genügt, wenn Sie ihn einen Quatschkopf nennen.
Aber gut. Wenn Sie ihn lieber erschießen möchten. Da plötzlich.
Auftritt: die Maus. Die Maus versetzt Sie blitzartig in das
natürlich-Stadium. Im natürlich-Stadium wird Ihnen bewusst – oder,
besser, erinnerlich -, dass man natürlich gar nicht sterben muss. Hatten Sie nicht
schon immer den Verdacht, dass es da einen Ausweg gibt, ein
Hintertürchen. Haben Sie nicht schon als Kind gehofft, dass noch zu
Ihren Lebzeiten ein technologisches Wunder geschieht, das es Ihnen
erspart, den Weg allen Fleisches zu gehen. Den Weg, den Milliarden
vor Ihnen gegangen sind. Natürlich gibt
es eine Zauberformel. Und natürlich
wird ein bärtiges Kerlchen wie ich diese Formel eines Tages finden.
Wenn nämlich Leben prinzipiell möglich ist, warum soll es dann
nicht auch möglich sein, am Leben zu
bleiben. Letzteres ist unter Umständen sogar leichter zu
bewerkstelligen als Ersteres.
Er putzt sich die
Nase. Er spricht ziemlich laut. Vielleicht sind seine Ohren
verstopft.
Und diese Prognose
ist mitnichten aus der Luft gegriffen, fährt er fort. Denn Leben
ist letztlich das Einzige, worauf der Körper sich versteht. Mehr
noch, der Körper trägt die Erinnerung an seine Jugend in sich. Und
dieses Wissen um das Geheimnis der
Jugend ist in jeder unserer Zellen gespeichert. Wir müssen
lediglich ihr Gedächtnis auf Trab bringen und die Zellen dazu
animieren, in ein früheres Stadium zurückzukehren.
Ja, aber was ist,
wenn der Körper auch die Erinnerung an seinen Tod in sich
trägt.
Er lehnt sich
stöhnend zurück, als ob er sagen wollte: Jetzt haben Sie’s mir aber
echt gegeben, Audrey Flowers. Warum sollte der Körper sich erinnern
können, wie es ist, nicht zu existieren.
Ich kann mich dunkel
erinnern, wie es ist, nicht zu existieren.
Blödsinn. Aber egal.
Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen, dass Sterben
etwas Natürliches ist. Und dass es unnatürlich ist, das Leben zu
verlängern.
Wollte ich das
wirklich sagen. Ich glaube nicht, dass ich das sagen
wollte.
Ich hingegen sage
Ihnen: Wenn ich vor fünfhundert Jahren gelebt hätte, wäre ich
längst tot. Spätestens mit vierzig hätte mein Körper sich
»erinnert«, wie man stirbt. Heute »erinnert« er sich erst mit
achtzig. Was ist in der Zwischenzeit passiert. Haben wir vergessen,
wie man rechtzeitig stirbt. Oder haben wir gelernt, länger zu
leben.
Die Stricker am
Nebentisch haben das Stricken eingestellt. Zum Wohl, sagt Leonel
und hebt sein Glas.
Ich stütze den Kopf
in die Hand und höre ihm zu. Mein Kaffee ist kalt. Er kommt mir vor
wie eine überlebensgroße Ausgabe von meinem Dad. Die Palmen am
Kragen, der seinen Bart umrahmt, machen mich ganz kirre. Ich
versuche, das Gespräch wieder auf Mäuse zu lenken, insbesondere auf
Wedge, und er lässt einen Vortrag zur Herkunft des Wortes
Muskel vom Stapel. Das von Mus musculus
kommt. Weil die alten Römer offenbar der Ansicht waren, dass der
Oberarmmuskel im angespannten Zustand aussieht, als ob eine kleine
Maus unter der Haut gefangen sei.
O Gott, hoffentlich
führt er mir das nicht auch noch vor.
Da kommt Bier Nummer
vier.
Doch, er zieht seinen
dünnen grauen Pulli aus, unter dem das kurzärmelige Hawaiihemd zum
Vorschein kommt. Seine Arme sind spindeldürr. Am besten gar nicht
hinsehen. Trotzdem bringt er eine winzige Mus musculus zustande. Um
Himmels willen. Schauen Sie. Die alten Römer glaubten, diese Sehne
ähnele einem Mäuseschwanz. Er deutet auf ein seilartiges Etwas an
der Innenseite seines Ellenbogens. Sehen Sie.
Ja, ich seh’s, sage
ich. Ziehen Sie Ihren Pullover wieder an. Sonst holen Sie sich noch
den Tod.
Er zieht seinen
Pullover wieder an und stiert in sein Bier. Wenn eine Maus
Schmerzen hat oder im Sterben liegt, versteckt sie sich, sagt er
nach einer kurzen Pause. Sie gräbt sich ein.
Was.
Früher haben Ihr
Vater und ich nächtelang diskutiert.
Worüber.
Nichts
Metaphysisches. Methoden. Er hielt nichts von
Kalorienrestriktion.
Mein Glück, sage ich.
Ich wende den Kopf. Zu einem zweiten Kaffee würde ich nicht Nein
sagen, gesetzt den Fall, es käme jemand vorbei und böte mir einen
an.
Aber dass er
ausgerechnet Psychologe werden musste.
Dann standen Sie sich
also nahe.
Nahe wäre zu viel
gesagt.
Aber Sie haben sich
als Watson und Crick verkleidet.
Watsons und Cricks
gab es viele.
Ich frage mich, was
das heißen soll. An Halloween. Oder was. Ich stelle mir zwei zu
einer Doppelhelix verschlungene Männer vor. Ob ich einen Watson und
Crick erkennen würde, wenn er mir auf der Straße
entgegenkäme.
Leonel geht noch
einmal zur Theke. Er verspricht, mir einen Kaffee
mitzubringen.
Eine Strickerin beugt
sich zu mir herüber und fragt: Ist das der Typ aus 60 Minutes.
Ich
nicke.
Hab ich’s dir nicht
gesagt, sagt sie und gibt ihrer Freundin unter dem Tisch einen
Tritt.
Klick klick, machen
die Nadeln.
Ich lege die Hände um
eine dampfende Tasse frischen Kaffee, und schon geht es mir besser.
Ich setze mich aufrecht hin. Während Leonel nach seinem fünften
Bier langsam wieder nüchtern wird. Er scheint mich gerade erst
bemerkt zu haben.
Walter Flowers’
Tochter, sagt er kopfschüttelnd.
Ich hebe die Hand.
Hallo.
Er starrt auf meine
Brust. Was wollen Sie denn mit der Stoppuhr.
Die ist ein
Erbstück.
Was ihn nicht weiter
zu verwundern scheint. Tja. Er sieht auf seine Armbanduhr. Dann
will ich mal wieder. Die Arbeit ruft.
Arbeit.
Er leert sein
Bierglas.
Kannten Sie den
Bruder von meinem Dad.
Er wischt sich mit
dem Ärmel über den Mund. Nickt. Wir sind uns ein paar Mal über den
Weg gelaufen. Jurastudent.
Nein.
Groß und schlaksig.
Immer wie aus dem Ei gepellt.
Thoby.
Ja. Er zeigt auf
mich. Aber damals hatte er so einen komischen
Spitznamen.
Wie lange dauert es eigentlich, sich mit Tuberkulose
anzustecken, ich bin nämlich ziemlich sicher, dass ich mir eine
gefangen habe.
In der kleinen
Spielzeugeisenbahn von Cambridge nach London sitze ich an einem
Fenster, das nicht richtig schließt, aber statt mir einen anderen
Platz zu suchen, hülle ich mich in den roten Fallschirm, was andere
Fahrgäste als Zeichen der Solidarität mit einer Sportmannschaft zu
deuten scheinen. Gereckte Fäuste. Schulterklopfen.
Im Gang steht ein
Blindenhund mit einem Schild um den Hals: BITTE LENKEN SIE MICH
NICHT AB.
Meine Augen brennen,
und ich habe einen steifen Hals. Ich starre in den Himmel. Die
Oberleitungen fließen ineinander und trennen sich auf wundersame
Weise wieder. Das ist irgendwie schön.
Als ich aufwache,
spüre ich keine Zukunft. Ich weiß nicht, wo ich bin. Piccadilly
Circus oder Paddington Bär. Ich hasse diese Spielzeugnamen. In
einem dunklen Winkel eines dunklen Bahnhofs steige ich aus. Tauben
schieben sich durch das Gedränge wie Geschäftsreisende. Verzeihung,
darf ich mal.
In meinen roten
Fallschirm gehüllt, mache ich große Schritte. Die Frage ist nur:
große Schritte wohin. Das kommt davon, wenn man nachmittags ein
Schläfchen macht. Weshalb ich auf ein Nickerchen im Zug
grundsätzlich verzichte. Ein schreckliches Gefühl. King’s Cross. Es
ist schon ein Kreuz. Mit dem König. Und überhaupt.
Über Lautsprecher
sagt eine Stimme: Haben Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt gelassen.
Wenn ja, dann.
Scheiße. Mein Gepäck.
Ich hetze zur Spielzeugeisenbahn zurück, wo meine Reisetasche mit
sorgenvoller Miene auf mich wartet. Wo ist meine
Besitzerin.
Hier. Tut mir
leid.
Zurück in die
Bahnhofshalle. Mit großen Schritten zu den Münztelefonen mit ihren
überdimensionalen Hörern und bleischweren Telefonbüchern. Die
Lautsprecherstimme sagt: Wenn Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt
gelassen haben, werden wir es konfiszieren, und der König wird es
foltern.
Eine Taube reitet auf
einem Koffer an mir vorbei.
Was hat Hilly noch
gleich gesagt. Als ich ihr mitteilte, dass ich meinen Onkel suche,
sagte sie: Haben Sie schon mal im Telefonbuch nachgesehen. Was ich
damals leidlich amüsant fand. Haha. Wenn es doch nur so einfach
wäre. Hilly, alte Trulla. Was weißt du schon von meinem
komplizierten Dasein.
Und wenn es
tatsächlich so einfach ist. Denn wozu sind Bücher schließlich gut,
wenn nicht zum Nachschlagen. Ich bin allein in London und habe
bislang nichts und niemanden gefunden.
Ich schlage das
Telefonbuch auf und schaue unter F. Flowers, T. Es gibt sechs T.
Flowers. Einer wohnt nicht nur in Toffs mews. Sondern sogar in Toffs Haus.
Das Komische ist: Je
näher man der Lösung eines Rätsels kommt, desto mehr hat man das
Gefühl, dass man eigentlich nur alte Erinnerungen ausgräbt, statt
neue Entdeckungen zu machen. Als würde man lediglich sein
Gedächtnis auf Trab bringen.
Natürlich. Toff hat
sich als Onkel Thoby ausgegeben. Natürlich.
Not amused, trabe ich Toffs mews entlang. Mit wehendem Fallschirm. Ich mache
mir gar nicht erst die Mühe zu klopfen. Sondern falle gleich mit
der Tür ins Haus.
Toff, brülle ich.
Oder wie auch immer du richtig heißt.
Nur dass ich nicht
bei Toff gelandet bin. Sondern bei Miss Blendend. Ich erkenne sie
sofort, obwohl ihre Haare inzwischen trocken sind. Hoppla. Bitte
vielmals um Entschuldigung. Diese Häuser sehen aber auch wirklich
alle gleich aus. Wie Zähne. Finden Sie nicht.
Verpiss dich, aber
dalli.
Gern. Aber wenn Sie
etwas gegen Besuch aus Übersee haben, sollten Sie vielleicht die
Tür abschließen.
Rums.
Toff wohnt drei
Häuser weiter. Trab, trab. Mein Fallschirm erhöht den
Luftwiderstand. Kein Wunder, dazu ist er schließlich da. Aber das
erschwert die Sache doch erheblich.
Ich stoße die Tür
auf. Toff! Oder wie auch immer du richtig heißt.
Hamlet kommt über den
Flur auf mich zugetrottet. Das Knurren bleibt ihm im Halse stecken.
Ach, du bist’s. Ja, ich bin’s. Sei brav. Er versperrt mir den Weg.
Wendet den Kopf. Wirft einen Blick über die Schulter.
Toff kommt aus der
Küche. Er trocknet sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und
sieht aus, als habe er Besuch aus Übersee erwartet. Dann warst du
also in Cambridge, sagt er.
Ja, ich war in
Cambridge. Was willst du damit sagen.
Gar
nichts.
Mist, verfluchter. Er
überschätzt meine deduktiven Fähigkeiten. Er denkt, ich wüsste
etwas, das ich nicht weiß. Das wirkt wie das sprichwörtliche rote
Tuch auf den gleichnamigen Stier. Apropos: Er trägt wieder Halstuch
und ein rotes noch dazu. Ich will ihn am halsbetuchten
Schlafittchen packen und bekomme stattdessen sein Schlüsselbein zu
fassen. Gibst du dich neuerdings als der Bruder von meinem Dad aus,
weil du immer schon sein Bruder sein wolltest. Du hast wohl
gedacht, weil Onkel Thoby in Neufundland ist, kommt dir niemand auf
die Schliche.
Er steht mit dem
Rücken zur Wand. Gütiger Himmel, Audrey.
Was.
Du erschreckst den
Hund.
Ich schaue nach
unten. Allzu weit muss ich nicht schauen. Hamlet ist praktisch auf
Augenhöhe, mit gefletschten Zähnen. Ich lasse das Schlüsselbein
seines Herrchens los. Und schon wedelt er wieder mit dem Schwanz.
Hunde sind eben schlichte Gemüter.
Toff zupft sein
Halstuch zurecht.
Ich lasse von ihm ab.
Tut mir leid.
Das ist selbst für
deine Verhältnisse ein ziemlich starkes Stück. Was willst du denn
mit dem Umhang.
Das ist ein
Fallschirm.
Na, dann ist ja alles
klar.
Ich drücke mir die
Handballen in die Augen. Ich fühle mich nicht gut.
Eine trockene Hand
auf meiner Stirn. Du hast Fieber.
Ich nicke.
Wahrscheinlich eine unheilbare Form der Tuberkulose.
Schau mich mal an,
Audrey.
Ich schaue. Erst sehe
ich nur schwarze Flecken. Dann rot. Was.
Warum sollte ich so
etwas tun.
Was.
Mich als dein Onkel
ausgeben.
Weil du meinen Dad
geliebt hast und gern sein Bruder gewesen wärst.
Ja, das stimmt, sagt
er. Das stimmt.

Toff bringt mir etwas
Warmes zu trinken. Auf meine Frage, was das sei, sagt er: Erinnerst
du dich noch an die Reklame mit dem Bernhardiner.
Dem was.
Schon gut. Das ist
gegen Grippe und Erkältung. Und Tuberkulose.
Ich nehme die Tasse
beidhändig entgegen.
Wir setzen uns aufs
Sofa. Er fragt, wie es mit Großmutter gelaufen sei.
Mäßig.
Und mit Leonel de
Tigrel.
Mäßig.
Ach,
Audrey.
Ich sehe ihn an. Du
bist alles, was mir noch geblieben ist, Toff. Du musst mir sagen,
wo er ist.
Ich weiß es
nicht.
Du siehst aus wie
jemand, der es weiß.
Hast du schon mal
daran gedacht, dass er vielleicht gar nicht gefunden werden
will.
Unsinn. Tu nicht so,
als ob du ihn besser kennen würdest als ich. Ich warne
dich.
Hamlet steckt seine
Nase in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen. Toff stößt ihn
beiseite.
Großmutter hat
gesagt, er ist nach Hause gefahren.
Dann hat er das
vermutlich auch getan.
Nach Hause mit seinem
Ölzweig. Eine Träne fällt in mein Zitronengetränk.
Nein, nicht, sagt
Toff. Weinen. Bitte.
Mein Gerstenkorn,
mein blaues Auge und nicht zuletzt dieses Gebräu treiben mir die
Tränen in die Augen. Ich weine nicht.
Er drückt mir ein
Papiertaschentuch in die Hand.
Danke. Zu
gütig.
Ich bin ein Esel,
sagt er nach einer kurzen Pause.
Ja. Je nun.
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.
Er sieht mich an.
Nickt. Langsam.
Wo ist zu Hause. Sein
Zuhause.
In Cornwall. Verzeih
mir, geliebter Bruder.
In Toffs Gästezimmer
ist es warm. Ich krieche unter die Decke. Ich bin auf einmal so
müde. Vielleicht hat er mich vergiftet. Er hat gesagt, er würde
morgen mit mir kommen. Ans Ende von England. Morgen. Denn erstens
fahren heute Abend keine Züge mehr. Und zweitens muss ich schlafen.
Und den Fallschirm ausziehen.
Ich habe die Tür
angelehnt gelassen.
Ich weiß nicht, wie
Toff mit Nachnamen heißt. Das wusste ich noch nie. Nur ist mir bis
heute nicht aufgefallen, dass ich es nicht weiß. Ist das normal.
Und werde ich morgen früh noch wissen, dass ich es nicht weiß. Oder
ist die Tatsache, dass es mir aufgefallen ist, nur eine
Nebenwirkung des Heißgetränks. Ich übernachte bei jemandem, dessen
Nachnamen ich nicht kenne. Ich schließe die Augen und sehe Onkel
Thoby auf dem imaginären Stuhl sitzen, mit Stricken gefesselt und
in güldenes Licht getaucht. Oddly!
Ich werde dich
finden.
Und wie üblich
registriere ich erst mit beträchtlicher Verspätung, was Leonel de
Tigrel gesagt hat. Denn er hat zwar zwei Stunden pausenlos geredet,
aber eigentlich nur das gesagt, was jetzt, zehn Stunden später,
endlich bei mir ankommt: Wenn eine Maus Schmerzen hat oder im
Sterben liegt, versteckt sie sich. Sie gräbt sich ein.
Knarrend öffnet sich
die Tür. Und Hamlet kommt herein. Wie ich insgeheim gehofft hatte.
Er wird doch wohl nicht zu mir aufs Bett klettern. Das könnte
nämlich ungemütlich werden. Nein. Er steht einfach da, legt das
Kinn auf meine Brust. Und schläft ein.
Die südenglische Landschaft sieht aus wie eine
zerknitterte Decke, bei der die Nähte durchschimmern. Hecken
gehören ins Freie, Dad. Warum wusstest du das nicht. Ponys
galoppieren im Wolkenschatten. Mal scheint die Sonne, mal regnet
es. Der Zug zuckelt gen Süden, zum Fußende des Bettes.
Ziel:
Penzance.
Als Toff Penzance
sagte, hielt ich das zunächst für einen Scherz. Penzance. À la die
Piraten von.
Ja.
Aber Penzance gibt es
doch gar nicht wirklich, oder.
Toff sitzt mir
gegenüber und trägt ein gelbes Halstuch mit kleinen blauen Tupfen.
Wir sitzen im Speisewagen. Wenn er aus dem Fenster sieht, ist er
eine Spielkarte. Ein an der Hüfte abgeschnittener Bube, pardon,
Bauer.
Meine Stirnhöhlen
sind zu. Wir bestellen Kaffee. Auf der anderen Seite des Ganges
spricht ein Mann laut in sein Handy.
Toff hat einen Brief
geschrieben. Er verschließt ihn in einem Umschlag, ohne diesen zu
adressieren. Ist der pour moi. Nein.
Pour qui. Er liegt zwischen uns auf dem
Tisch.
Der Mann mit dem
Handy nennt seine Kreditkartennummer. Dem gesamten Speisewagen. Ich
schnappe mir Toffs Stift und notiere sie auf meiner Serviette. Ob
er auch noch das Ablaufdatum nennt. Ja. Was für ein
Trottel.
Audrey.
Was.
Accent-grave-Augenbrauen.
Kann man vielleicht
noch mal gebrauchen, sage ich.
Wir müssen uns über
Geld unterhalten.
Nein.
Du bist bestens
versorgt.
Wenn du mir schon
wieder mit so einem blöden Testament kommst, schütte ich meinen
Kaffee darüber.
Wie du
willst.
Ein heftiger Windstoß
erfasst den Zug. Das Fußende des Bettes ist jetzt nicht mehr weit.
Wer hätte gedacht, dass es in England Palmen gibt. Wir halten vor
einer gelb getünchten Backsteinmauer mit der Aufschrift St.
Erth.
Toff sagt: Ich gehe
nur eben eine rauchen.
Von wegen. Ich greife
über den Tisch, um ihn an seinem Halstuch festzuhalten, und stoße
stattdessen seinen Kaffee um. Scheiße.
Ich bitte dich,
Audrey. Oder hast du Angst, dass ich vom St. Erthboden
verschwinde.
Haha.
Er verlässt den
Waggon.
Ich wische den Kaffee
auf. Er hat seinen Aktenkoffer mitgenommen. Und den Umschlag liegen
lassen. Moment mal. Ich stehe auf.
Er steht draußen und
zündet sich eine Zigarette an. Und macht wie alle Raucher eine
hohle Hand. Sein Halstuch flattert im Wind. Ich ziehe das Fenster
herunter. Steig wieder ein.
Er blickt
auf.
Steig wieder
ein.
Ich warte hier auf
dich.
Was soll das heißen,
du wartest hier auf mich.
In St. Erth, sagt
er.
Wie
lange.
So lange wie
nötig.
Das ist wirklich lieb
von dir, Toff. Aber jetzt steig wieder ein.
Der Zug setzt sich in
Bewegung.
Aber ich weiß doch
gar nicht, wohin.
Es ist nur noch eine
Station, sagt er. Steig an der nächsten Station aus.
Ich setze mich wieder
und sehe ihm nach, bis er verschwunden ist. Ich nehme den Umschlag.
Pour moi. Für wen sonst. Endlich kommen
wir der Sache auf den Grund. Bin ich bereit, der Sache auf den
Grund zu gehen.
Liebe Audrey,
Du hast mich gefragt, ob ich Deinen Onkel ent-
führt, ihm gedroht oder eventuell etwas gesagt
habe, das ihn bewogen haben könnte, Dich zu ver-
lassen. Ich habe diese Frage verneint. Dabei ist es
durchaus möglich, dass ich das eine oder andere ge-
sagt habe – Drohungen und Gemeinheiten, die ich
inzwischen bereue. Wenn Du ihn besuchst, richte
ihm bitte aus, dass es mir leidtut und ich das, was
ich für ihn und Walter getan habe, jederzeit wie-
der tun würde. Er weiß dann schon, was ich meine.
Ich bin immer für Dich da.
Dein
Toff
Penzance liegt am
Ende von England. Kaum hat man St. Erth verlassen, ist man auch
schon in Penzance. Hier gibt es weiße Strände mit Palmen, die
aussehen wie umgestülpte Schirme. Das Meer streut einem weiße
Perlen vor die Füße. Willkommen, willkommen, armes
Waisenkind.
Penzance gibt es also
wirklich. Ich bin in der Onkel-Thoby-Biografie von meinem Dad
gelandet. Folglich muss Onkel Thoby hier sein. Biografie-Regel
Nummer Eins.
Ich gehe durch die
verschlungenen Straßen, die aus der Luft betrachtet das Wort
PENZANCE ergeben. Ich beschirme die Augen mit der Hand. Und suche
die Strände nach einer asymmetrischen Silhouette ab. Der Wind ist
kalt und stürmisch. Der Himmel färbt sich dunkel. Wo. Wo ach wo
soll ich nur suchen.
Ich komme zu einem
Pub namens’Tis Mabel’s. Es erinnert mich an das Bebe’s bei uns zu
Hause. Im Kamin brennt ein Feuer. Die Frau hinter der Theke hat
Puffärmel. Sie trocknet ein Glas ab. Sie stellt das Glas weg und
sieht mich an. Arme Wandergesellin, sagt sie.
Wie
bitte.
Sie sehen so verloren
aus.
Je nun. Ich suche
jemanden.
An der Theke sitzt
niemand, aber durch einen Türbogen gelangt man in einen Nebenraum,
wo eine Gruppe von Männern Darts spielt. Ich schlendere in den
Nebenraum. Schenkt ein den Piratensherry. Füllet das Piratenglas.
Sie alle klingen wie Onkel Thoby. Aber er ist nicht
dabei.
Da plötzlich schwant
mir etwas: Wenn in Cambridge alle klingen wie mein Dad und in
Penzance alle klingen wie Onkel Thoby, und wenn die Leute in
Cambridge anders klingen als die Leute in Penzance, dann klingen
mein Dad und Onkel Thoby ganz verschieden. Das nennt man einen
Syllogismus.
Mabel, nehme ich
einfach mal an, tritt neben mich. Wen suchen Sie denn,
Schätzchen.
Ein Mann, bei dem ein
Arm länger ist als der andere.
Sie legt den Kopf
schief. Wilfred.
Ich setze mich an die
Theke, während sie mir eine Skizze zeichnet. Hier, essen Sie. Sie
stellt mir einen Teller Suppe hin. Is’n langer Weg, sagt sie, und
es liegt Schnee.
Schnee. Wie kann
Schnee liegen, wenn hier Palmen wachsen.
Volle fünf
Zentimeter, sagt sie. Und wir haben nur drei Pflüge.
Reicht das
nicht.
Drei für ganz
Cornwall, sagt sie.
Ich schaue auf die
Skizze. Tremorden Lane. Sie liegt am äußersten Ende des E in
PENZANCE. Auf einem Hügel. Mit Blick auf einen Strand.
Obwohl ich sie nicht
angerührt habe, bezahle ich die Suppe.
Draußen fängt es an
zu schneien. Große, wunderschöne Flocken. Ob ich je wieder Schnee
sehen werde, der auf Palmen fällt. Dazu müsste ich mir schon eine
Penzance-Schneekugel kaufen. Aber wie soll ich diese Schneekugel
nach Hause kriegen.
Es ist dunkel. Die Straßenlaternen gehen an.
Mein Schatten flattert über das Kopfsteinpflaster. Meine Tasche
schaukelt. Über einem Laden weht eine Piratenflagge. Um mir Mut zu
machen, summe ich das Lieblingslied von meinem Dad, das Lied des
Modernen Generalmajors:
Ich kalkuliere auf die Schnelle Sinus, Tangens,KosinusUnd rechne spielend Grade um von Fahrenheit inCelsius.
Sofort hebt sich
meine Laune. Ich werde ihn finden, Dad. Er ist hier. Er hat sich
eingegraben, aber es ist noch nicht zu spät. Ich beschleunige meine
Schritte.
Es ist ein steiler
Aufstieg zur Tremorden Lane. Oben stehen eine Feldsteinmauer und
eine Reihe dunkler Häuser. Sommerhäuser. Sind die überhaupt
beheizt. Keine Nummern. Ich werde an jede Haustür klopfen
müssen.
Unter mir liegt der
Strand. Das Meer markiert den starken Mann. Schneeflocken
wirbeln.
Ich finde es
unvorstellbar, dass Onkel Thoby, unser
Onkel Thoby, in einem dieser dunklen Häuser sein soll. Trotzdem.
Möglich ist es. Er ist hier. Er muss hier sein. Ich klopfe an die
erste Tür. Keine Reaktion. Weiter zur nächsten. Keine Reaktion. Und
zur nächsten. Es sind insgesamt acht Häuser, aber nirgends macht
jemand auf.
Nur nicht den Mut
verlieren.
Ich gehe zurück zum
ersten Haus und versuche, die Tür zu öffnen. Verschlossen. Die
nächste. Verschlossen. Die dritte. Unverschlossen. Ich gebe der Tür
einen Schubs und komme in eine Küche. Flaschen klirren über den
Boden. Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt
haben. Auf der Anrichte liegt ein orangenes Handschuhpaar. Onkel
Thoby, rufe ich.
Ich komme in ein
Wohnzimmer. Er liegt auf dem Sofa und schläft. Tief und fest. Aber
er atmet.
Ich sinke neben ihm
auf die Knie. Im schummrigen Licht sieht er irgendwie bläulich aus.
Mit dunklen Ringen um die Augen. Ich streiche ihm die Haare zurück.
Er sieht aus wie jemand, der gerade seinen Bruder verloren hat. Er
sieht aus wie jemand, der gerade seine große Liebe verloren
hat.
Onkel Thoby. Es tut mir leid, dass ich so lange
gebraucht habe. Öffne die Augen. Bitte. Es tut mir leid. Ich bin in
ein Abenteuer geraten. Ich musste ein Rätsel lösen. Ich hatte
Angst.
Sei nicht wie die
Maus, die sich zum Sterben eingräbt. Oder wie der Pilot, der seine
Maschine mit letzter Kraft zu einer einsamen Insel fliegt, um dort
heimlich, still und leise abzustürzen. Flieg Qantas. Sei
vorsichtig. Sei Onkel Thoby.
Wach
auf.
Übrigens, ich hätte
da noch eine Frage. Bist zu bereit. Los geht’s. Warum hast du mich
verlassen.
Weil ich der Tropfen
war, der dein Fass zum Überlaufen brachte, oder
weil Toff gesagt hat:
Genug ist genug, das Spiel ist aus, oder
weil du dich mit
Großmutter versöhnen wolltest oder
weil du dich an einen
Ort zurückziehen musstest, wo mein toter Dad nicht um dich war,
oder
weil du Angst
hattest, vor meinen Augen abzustürzen.
Beantworte meine
Frage.
Es ist meinetwegen,
stimmt’s. Es ist meine Schuld.
Wenn es aber
nicht meine Schuld ist – und ich eine
Falschaussage treffe -, dann musst du sofort aufwachen und mich
korrigieren. Dann musst du sofort aufwachen und mir sagen, dass es
nicht meine Schuld ist.
Direktor Grün, weißt
du noch, wenn wir Cluedo spielten, und mein Dad klagte jemanden an
– zum Beispiel Frau Weiß -, und er sah in den Umschlag, und es war
gar nicht Frau Weiß, dann wurde er fuchsteufelswild und
unterstellte uns, Frau Weiß gestohlen und versteckt zu haben. Weißt
du noch. Dabei hatte gar niemand Frau Weiß. Niemand hatte
geschummelt. Okay, manchmal habe ich schon geschummelt. Manchmal
machte es einem dein langer Arm nicht allzu schwer, dir in die
Karten zu schauen. Und manchmal, wenn ich wegen dringender
Geschäfte aus dem Zimmer ging, warf ich unterwegs einen
verstohlenen Blick auf den Punktezettel. Aber sonst ging alles mit
rechten Dingen zu. Sonst war alles koscher. Und ich war eine
ziemlich gute Cluedo-Spielerin, obwohl ich mich standhaft weigerte,
zu würfeln und die fünf Zimmer abzuklappern, in die ich nicht
springen konnte.
Weißt du
noch.
Aber manchmal
verschwand auch eine Karte. Manchmal fiel eine Karte auf den Boden.
Und wir waren so sehr in das Spiel auf dem Tisch vertieft, in das
nudelholzplattgewalzte Haus, das dem Haus in England, dem mein Dad
entkommen war, so ähnlich sah, dass wir alles um uns herum
vergaßen, den Fußboden, das Haus, ja sogar die Welt unter dem
Tisch, die womöglich neue, unbekannte Rätsel barg.
Ich
jedenfalls.
Denn ich war in
Gedanken ganz und gar auf dem Brett. Ich hüpfte. Und ich gebe es
zu: Ich schummelte. Wenn auch nur ein klitzekleines
bisschen.
Und wo war Frau
Weiß.
Ich rutschte von
meinem Stuhl, und da lag sie, auf dem Boden. Als ich mich bückte,
um sie aufzuheben, sah ich, wie meine beiden Gegenspieler unter dem
Tisch Händchen hielten. Was nicht zum Spiel gehörte.
Ich schnappte mir die
Karte und sprang von Freude überwältigt auf. Was war der Grund für
diese Freude. Die Entdeckung der verschollenen Karte, dachte ich.
Guckt mal! Guckt mal, was ich gefunden habe! Aber mit der
Entdeckung der verschollenen Karte hatte diese Freude nichts zu
tun. Verstehst du. Ich war aus einem ganz anderen Grund so
froh.
Ich schüttele den
Kopf. Weißt du, als ich deine Nachricht das erste Mal gelesen habe,
dachte ich, du wärst nur rasch Schlagsahne oder Clipart kaufen
gegangen. Ist das nicht komisch. Ich meine, wer kauft schon
Clipart. Deine Schrift ist aber auch wirklich schwach. Oder hat
zumindest ihre Schwächen. Das Einzige, was ich entziffern konnte,
war demnächst. Das konnte ich
entziffern. Nur: Wie lange ist demnächst. Wie lange würde es
dauern, bis du wiederkommst. Oder stand Wiederkommen nicht auf
deiner Liste.
Warum stand
Wiederkommen nicht auf deiner Liste.
Ich schaue aus dem
Fenster. Der Schnee sprenkelt die Luft mit weißen Tupfen. Sieh mal,
Schnee, der auf Palmen fällt. Sieh doch, Onkel Thoby. Hast du so
etwas schon mal gesehen.
Keine
Antwort.
Warum gibst du mir
keine Antwort.
Langsam hebt und
senkt sich seine Brust.
Ein altes Sprichwort
lautet: Lenk das Flugzeug in eine andere Richtung. Lenk das
Flugzeug in meine Richtung. Weißt du
noch.
Du wirst es nicht
glauben, aber Wedge ist verschwunden. Wedge ist weg, und ich habe
eine internationale Suchaktion gestartet und mich allerhand
Gefahren ausgesetzt. Ich bin mit Schrammen und blauen Flecken
förmlich übersät. Sieh mich an. Sieh mir ins Gesicht. Ich bin fast
genauso ein Wrack wie du. Sieh mich an. Bitte wach
auf.
Okay, letzte
Karte.
Ich weiß, wer du
bist, Direktor Grün. Mr. Moss. Ich weiß, dass du meinen Dad
überhaupt nur meinetwegen kennengelernt hast. Ich weiß, dass du
meinen Brief beantwortet hast. Danke, dass du meinen Dad geliebt
hast. Danke, dass du zu uns gezogen bist.
Spätestens jetzt
müsstest du eigentlich die Augen öffnen. Öffne die Augen, Onkel
Thoby.
Er öffnet die Augen
nicht.
Ich schlafe auf dem
Boden vor dem Sofa ein, mit dem Kinn auf seinem Arm, so ähnlich wie
Hamlet gestern Nacht. Ich spüre seinen Puls im Unterkiefer. Eisige
Luft sickert durch die Wände. Es gibt keine Heizung. Keine
Heizungsschlitze. Hast du mich deswegen nicht rufen
hören.
Ich wache auf, als die Schaufel eines Schneepflugs
über das Kopfsteinpflaster schrammt. Beten Sie, dass Sie dieses
Geräusch niemals hören müssen.
Onkel Thoby bewegt
den Arm. Öffnet die Augen. Schließt sie wieder. Macht sie wieder
auf, weiter diesmal. Wir starren uns an. Er sagt kein Wort. Dann
zieht er sich an der Rückenlehne des Sofas hoch.
Hallo.
Herr im
Himmel.
Du bist
wach.
Ich habe eine
Montage, dass Oddly Flowers hier ist.
Von wegen
Montage.
Fräulein Ming im
roten Umhang.
Fallschirm, um genau
zu sein.
Wie, um alles in der
Welt …
Ich stehe auf und
schlinge ihm die Arme um den Kopf. Ich erzähle ihm, dass ich eine
bewegende Rede an seinem Sofa gehalten habe. Ob er sich daran
erinnern könne.
Er schüttelt den
Kopf.
Ich glaube
doch.
Und ich glaube, mir
wird schlecht, sagt er. Er steht auf und geht ins Badezimmer. Ich
horche auf entsprechende Geräusche, aber es bleibt alles
ruhig.
Die Sonne fällt
durchs Vorderfenster und spiegelt sich funkelnd in den vielen
Flaschen. Wenn ihr Anblick mir nicht solche Angst einjagen würde,
fände ich sie schön. Ich schaue mich um. Neben dem Wohnzimmer ist
das Schlafzimmer. Das Bett sieht aus wie ein Bett, in dem schon
lange niemand mehr geschlafen hat. Auf dem Boden steht ein
Heizlüfter, die Sorte mit Spiralen, die orange glühen, wenn sie
heiß werden. Ich schaue an die Decke. Kein
Feuermelder.
Onkel
Thoby.
Aus dem Badezimmer:
Alles in Ordnung.
Als er wiederkommt,
sind seine Augenbrauen ganz struppig und zerzaust.
Ach,
Odd.
Schon
gut.
Mit dir habe ich nun
gar nicht gerechnet.
Hättest du mich je
angerufen.
Nicht in diesem
Zustand.
In diesem Zustand.
Und wie lange hält dieser Zustand schon an. Wie lange hält man
diesen Zustand aus. Ob er denn nicht wisse, dass ich eine Karyatide
sei. Eine was. Eine Karyatide. Eine Säule der Gesellschaft. Eine
starke Stütze. Ach so, Liebes, ja, jetzt weiß ich, was du meinst.
Dann lass mich die Tide heben. Die Tide. Die Decke.
Er setzt sich neben
mich. Hält sich die Augen zu. Oddly.
Ja.
Was ist mit deinem
Gesicht passiert.
Ein
Gerstenkorn.
Aber wer hat dich
geschlagen.
London.
Ach,
Liebes.
Nicht
weinen.
Ich weine
nicht.
Doch, du weinst.
Außerdem habe ich Tuberkulose. Aber keine Angst.
Es tut mir leid, sagt
er. Es tut mir leid, dass ich nicht da war, um auf dich
aufzupassen.
Und was ist mit dir,
sage ich. Wer passt auf dich auf in diesem Pulverfass ohne
Feuermelder.
Penzance liegt
wunderschön am Meer, hieß es in der Onkel-Thoby-Biografie von
meinem Dad. Er hatte recht. Der Strand unterhalb von Onkel Thobys
Haus ist breit und weiß. Fünf Zentimeter Schnee bedecken den Sand.
Die Palmen flattern schwarz. Wir gehen erst ein Stück die Tremorden
Lane entlang und folgen dann einem schmalen Pfad hinab zum
Strand.
Er will wissen, wie
ich ihn gefunden habe. Deduktives Denken, sage ich. Oder auch
induktives. Er sieht mich fragend an. Was, sagt er. Vergiss es.
Sagen wir einfach, ich habe aus dem Füllhorn der Weisheit
getrunken, und belassen wir’s dabei. Stimmt, sagt er.
Okay.
Es ist windig und
kalt. Ich bin in meinen Fallschirm gehüllt. Onkel Thoby trägt einen
Mantel, den ich noch nie gesehen habe, und seine orangenen
Handschuhe.
Am Strand gibt es
zwei ausgewaschene Felsbrocken, die wie riesige Schildkröten
aussehen. Man kann in ihnen sitzen wie in einem Lehnsessel. Sie
sind sanft und glatt wie das Meer. Dabei ist das Meer heute weder
sanft noch glatt. Im Gegenteil. Es ist grün und aufgewühlt wie ein
verdorbener Magen.
Onkel Thoby befreit
die Felsbrocken vom Schnee, und wir setzen uns.
Seine Beine zittern.
Der Wind verweht seine Piratenhaare. Er sieht aus, als ob er
abgenommen hätte. Isst er richtig. Als wir aus dem Haus kamen,
stand ein Korb mit Lebensmitteln draußen auf der Treppe. Von Mabel,
sagte er. Penzance hegt und verpflegt seine Piraten.
Schön. Und vielleicht
sogar ganz gut. Aber wer ist Mabel. Nicht ich. Nicht verwandt und
nicht verschwägert. Und hier ist nicht zu Hause.
He, guck mal, sage
ich und zeige mit ausgestrecktem Arm zum Horizont. Guck mal, da ist
Neufundland.
Frankreich, um genau
zu sein.
Und wenn schon. Ich
klopfe den Schnee von meinen Stiefeln.
Oddly …
Ich komme mir vor wie
am Ende einer Shirley-MacLaine-Biografie.
Er nickt. Dann: Hast
du überhaupt eine Shirley-MacLaine-Biografie zu Ende
gelesen.
Nein. Aber sie kann
eigentlich gar nicht anders aufhören. Wir beide am Strand, nachdem
ich dich gerettet habe. Und dann gehen wir nach Hause.
Seine orangenen
Handschuhe wandern langsam Richtung Knie. Oddly.
Fehlt eigentlich nur
ein Hund. Dessen Ohren im Wind flattern.
Odd.
Wehe, du sagst, was
ich denke, dass du sagen willst.
Ich kann nicht mit
nach Hause kommen.
Dann gehe ich auch
nicht.
Odd.
Du glaubst doch nicht
im Ernst, dass ich dich hier allein lasse, damit du dich in der
Delirium Tremens Lane eingraben kannst.
Vor vielen Jahren ist
mein Dad genauso hierhergekommen wie ich, nur ohne den roten
Umhang. Quasi über Nacht. Weil Onkel Thoby ein kleines Problem
hatte. Weißt du noch. Ja. Also, eigentlich war es sogar ein
ziemlich großes Problem. Er hatte nämlich seinen Job verloren. In
Heathrow. Ja, in Heathrow. Außerdem hatte er Ärger mit der Polizei.
Was denn für Ärger. Nun ja. Ich hatte meinen Führerschein abgeben
müssen. Belassen wir’s dabei.
Damals wohnte er in
London und versuchte, sein Leben in den Griff zu kriegen. Und eine
Zeit lang schien tatsächlich alles gut zu gehen. Eine Zeit lang
dachte er, er könne es schaffen. Er korrespondierte mit meinem Dad,
und diese Korrespondenz hielt ihn über Wasser.
Aber dann hatte er
einen Rückfall. Er stürzte ab. Er ging nach Penzance zurück. Er
schlief tagaus, tagein. Und so kam mein Dad quasi über Nacht
hierher. Und wenn der Richtige ans Bett des Schlafenden tritt,
öffnet der Schlafende die Augen. Regel Nummer Eins.
Mein Dad hat dich
gerettet.
Nein, ihr beide, sagt
er. Ihr beide habt mich gerettet.
Die Schatten der
Palmen werden länger. Wir sitzen da und sehen aufs Wasser. Komisch,
wie bequem so ein Felsbrocken sein kann.
Du musst mit mir nach
Hause kommen, sage ich. Wedge ist verschwunden.
Onkel Thobys
Augenbrauen schnellen himmelwärts.
Ja, sage ich. Wedge
ist verschwunden. Entführt. Gekidnappt. Leonel de Tigrel war mein
letzter Verdächtiger, und er war leider nicht der, für den ich ihn
gehalten hatte. Ich dachte, er wäre dieser komische Löwenheini auf
der Beerdigung von meinem Dad.
Welcher
Löwenheini.
Eben. Ich habe keine
Ahnung.
Onkel Thoby sagt,
Wedge sei sicher irgendwo im Haus.
Aber ich habe alles
auf den Kopf gestellt.
Sieht Verlaine zu
Hause nach dem Rechten.
Ich schaue ihn an.
Nicke.
Er taucht schon
wieder auf.
Und du, frage ich.
Wann tauchst du wieder auf.
Er steht auf. Komm,
sagt er.
Gleich.
Er marschiert los.
Komm.
Nein.
Ich sitze in meinem
Felsen und warte darauf, dass er zurückkommt. Aber er kommt nicht.
Er kommt nicht. Er geht einfach weiter. Und weil ich das auf den
Tod nicht ausstehen kann, springe ich auf und laufe ihm nach. Aber
jetzt habe ich Gegenwind, und der bauscht meinen Fallschirm. Hilfe.
Er will mich in den Himmel heben und ohne dich nach Hause tragen.
Und das kannst du doch unmöglich wollen. Dass er mich ohne dich
nach Hause trägt.
Ich strecke die Hand
aus und ergreife seinen Arm. Ist es wegen Toff. Dann tut es ihm
nämlich leid. Er hat gesagt, ich soll dir sagen, dass es ihm
leidtut. Er wartet in St. Erth auf uns.
Onkel Thoby bleibt
stehen. Was.
Er wartet in St. Erth
mit einem Ölzweig.
Toff ist in St.
Erth.
Ich
nicke.
Seit
wann.
Ich schaue auf meine
Stoppuhr. Ähm. Keine Ahnung. Gestern Nachmittag.
Ach,
Oddly.
Ach,
was.
Gib endlich Ruhe und
fahr nach Hause.
Nicht ohne
dich.
Er rafft mir den
Fallschirm um die Schultern.
Ich sehe in sein
Gesicht. Klammere mich an seine Arme. Du bist hierhergekommen, um
unterzutauchen. Zu verschwinden.
Er schüttelt den
Kopf. Nein.
Ich nicke.
Doch.
Er lässt den Kopf
hängen.
Warum, frage
ich.
Er sieht mich nicht
an.
Schon gut. Ich
weiß.
Ich brauche schlicht
und einfach etwas Zeit, Oddly.
Ich sehe ihm ins
Gesicht. Tief in die Augen. Ich will nicht, dass du verschwunden
wirst. Versprich mir, dass du wiederkommst. Du musst es mir
versprechen.
Wir gehen zurück zum
Haus. Meine Reisetasche habe ich in einer Ecke des Wohnzimmers
geparkt. Durch das Vorderfenster sehe ich Onkel Thoby, der draußen
auf der Feldsteinmauer sitzt und wartet. Und wenn ich mich einfach
weigere, nach Hause zu fahren. Und mich an den Couchtisch kette.
Vielleicht klappt es dann.
Aber damit wäre ihm
nicht geholfen. Ich kann ihm nur helfen, wenn ich
gehe.
Genau wie mein Dad.
Auch mein Dad fuhr wieder nach Hause, nachdem er Onkel Thoby zu
Hilfe gekommen war. Er fuhr wieder nach Hause und überließ es Onkel
Thoby, wann er kommen wollte. Wir mussten warten.
Ich öffne das
Außenfach meiner Tasche und hole den Zettel hervor, den ich aus St.
John’s mitgebracht habe. Ich lege ihn auf den Couchtisch, mit der
Skizze nach oben.

Es gibt verschiedene Stufen von erfunden. Die
Onkel-Thoby-Biografie von meinem Dad kommt mir vor wie eine
Montage, die wir uns zusammen ausgedacht haben. Sie war erfunden.
Aber sie war auch wahr. Sie war schnell und wahr und wild gemischt.
Es gibt kein Bein- und Arm-Rekonstruktions-Centrum in Penzance.
Aber es gibt Palmen und Schnee. Und herzensgute Piraten. Penzance
ist nicht nur eine Biografie. Nicht nur eine Operette. Sondern
echt.
Mir ist schon recht
früh klargeworden, dass Onkel Thobys Arm nicht erfunden war. Es war
zwar nicht wahr, dass er einen Teil seiner selbst verloren und
eigenhändig rekonstruiert hatte. Aber wahr war es doch. Nach vielen Abstürzen und
Rückfallen hatte er sich mit Müh und Not
wiederhergestellt.
Lassen Sie mich ein
wenig in Erinnerungen schwelgen. Walter, Onkel Thoby und Oddly
sitzen auf unserer Rundumveranda. Es ist September, und die Sonne
hat sich längst der anderen Erdhalbkugel zugewendet. Es ist kühl,
aber nicht so kühl, dass man sich nach dem Abendessen nicht auf die
Veranda setzen und im schwindenden Licht genüsslich ein Stück Piety
Pie verdrücken könnte. Es weht kein Wind. Nur eine Mücke schwirrt.
Meinen Dad hat sie bereits gestochen. Er hat sie weggewischt. Auch
mich hat sie bereits gestochen, was ich jedoch erst bemerke, als
der unwiderrufliche Beweis an meinem Knöchel nicht mehr zu
übersehen ist. Mist. Ein Mückenstich.
Jetzt schwebt sie
über Onkel Thobys Schulter wie ein Exponent. Er sieht sie an. Sie
sieht ihn an. Sie landet auf seinem Arm. Seinem linken Arm,
sieh.
Derweil bin ich damit
beschäftigt, die Mitte zwischen dem 14. Juli und dem 10. September
zu berechnen. Ich zähle sie an den Fingern ab.
Gleich werde ich den
Doozoo erfinden.
Und ich beobachte die
Mücke auf Onkel Thobys Arm. Die er natürlich nicht erschlägt. Er
lässt sich von ihr stechen.
Mein Dad sagt: Wie
Donnes Floh.
Wessen Floh, frage
ich.
Vergiss
es.
Und in diesem Moment
begreife ich, dass Onkel Thobys Arm aus Fleisch und Blut ist, weil
ihn eine Mücke sticht. Ich weiß, dass wir in der Mücke wild
gemischt sind. Ich weiß, dass wir im zwölften August wild gemischt
sind. Trotzdem habe ich kein Aha-Erlebnis. Ich springe nicht von meinem Stuhl
und rufe: Beim Jupiter, ich hab’s! Ich hab’s kapiert. Denn was man
schon weiß, kann man auch nicht kapieren, selbst wenn man nicht
weiß, dass man es weiß.
Der Zug fährt in den
Bahnhof von St. Erth ein, und da steht er, an die gelbe
Backsteinmauer gelehnt. Als wäre keine Zeit vergangen. Ich ziehe
mein Fenster herunter. Toff.
Er hebt die
Hand.
Steig
ein.
Er steigt ein. Lässt
den Blick durch den leeren Waggon schweifen.
Er ist noch nicht so
weit, sage ich.
Verstehe. Aber sonst
ist alles Ordnung.
Mehr oder
weniger.
Er setzt sich mir
gegenüber. Rückt sein Halstuch zurecht.
Hast du da draußen
übernachtet, frage ich.
Auf dem nackten
Erthboden, sagt er und lächelt. Nein. Ich habe den letzten Zug
abgewartet und mir dann eine Pension gesucht.
Ah. Gut.
Der Zug fährt wieder
an. Ein Sonnendreieck erscheint auf dem Tisch.
Ich habe dir eine
Schneekugel mitgebracht, sage ich.
Wie
nett.
Palmen und
Schnee.
Ja. Sehr
schön.
Danke,
Toff.
War mir ein
Vergnügen.
Weißt du, wofür ich
dir danke.
Blick aus dem
Fenster: Ja.