026
 
Teil vier
 
SCHILDKRÖTE, KOMM
 
Wieder bin ich Shakespeares Türstopper. Pardon, Lesezeichen. Während Chuck sich aus den Tomaten vom Weihnachtsgeschenk der Strolche ein leckeres Sandwich zubereitet. Das wird Linda gar nicht schmecken.
Ich schließe die Augen. Lasse den Kopf hängen. Ich habe mich von meinen weihnachtlichen Exzessen noch immer nicht erholt. Ich habe höllischen Durst. Und denke pausenlos an meinen Pool, der unerreichbar fern ist, solange ich als Lesezeichen Dienst tun muss.
Kopf hoch, Winnifred, sagt Chuck und lässt ein Salatblatt in das Buch fallen.
Zu gütig, Mr. Stiller.
Ob sich diesem erbärmlichen, verwelkten Fetzen Grünzeug wohl ein Tröpfchen Feuchtigkeit abtrotzen lässt. Wir werden sehen. Ich beiße hinein und ziehe es zu mir heran. Es gleitet langsam seitab und offenbart folgende Worte:
Schildkröte, komm!60
Wobei mir der Bissen buchstäblich im Halse stecken bleibt. Jungejunge. Stand das etwa schon immer da. Wie konnte mir das bloß entgehen.
Ich werfe das Salatblatt beiseite und tippe mir auf die Brust. Ich.
Ja, du.
Kommen. Wohin.
Ich würde ja gern wissen, wie es weitergeht, aber wenn ich noch weiterlese, laufe ich Gefahr, erst vom Buch und dann vom Tisch zu fallen.
Mist. Ich blicke Hilfe suchend zu Chuck. Der völlig darin aufgeht, den Tomatenstrauch zu plündern.
Ich widme mich wieder den Worten zwischen meinen Füßen.
Schildkröte, komm, und das hoch sechzig!
 
Ich bin eben doch eine besondere Schildkröte. Einst, vor etwa hundert Jahren, habe ich die Wüste durchquert. Den ganzen langen Weg von Texas. Langsam wie das Kamel in Lawrence von Arabien. Von Durst kann ich ein Lied singen. Zitronentortenpools gab es damals noch nicht. Am Wegesrand stieß ich immer wieder auf umgestülpte, von Vögeln ausgepickte Schildkrötenpanzer. Ziemlich entmutigend. Aber ich marschierte wacker weiter. Warum. Weil ich von dreißig Meter hohen Bäumen gehört hatte. Und von Regen. Und warum sollte nicht auch eine Schildkröte in den Genuss von Regen kommen. Ich war neugierig. Ich war noch ziemlich jung. Und ich war abenteuerlustig.
Schildkröte, komm!
Nicht zu fassen, dass bei Shakespeare eine Schildkröte vorkommt. Das ändert natürlich alles.
Jedenfalls wachte ich am fünfzigsten Morgen in der Wüste auf, nachdem ich am Vortag nur unwesentlich vorangekommen war, und dachte: O Gott, werde ich je wieder Farben sehen. Denn so weit das Auge reichte, sah ich nur Braun und das heiße, endlose Blau des Himmels, und das zählte nicht.
Ich war der Verzweiflung nahe. Ich würde niemals Bäume sehen. Ich würde niemals Regen spüren. Erlöse mich von meinem Elend. Ich reckte die Faust gen Himmel. Ich versuchte sogar, mich auf den Rücken zu wälzen. Doch just, als ich mich auf die Seite hieven wollte, landete ein roter Schmetterling auf einem Stein direkt vor meiner Nase.
Langsam hob und senkte er die Flügel, wie zwei Fächer.
Na, du.
Am liebsten hätte ich diesen Schmetterling gefressen, so schön war er, so rot. Ich saß eine kleine Ewigkeit ganz still (was mir nicht weiter schwerfällt) und ließ seine Schönheit auf mich wirken. Was diese Sonnenbrillenaugen wohl sahen. Eine braune Schildkröte. Ich schämte mich meines unscheinbaren Äußeren.
Ich schäme mich meines unscheinbaren Äußeren, sagte ich.
Ich auch, sagte der Schmetterling.
Ich war verblüfft. Was! Aber weißt du denn nicht, was für ein Kunstwerk du auf dem Rücken trägst.
Wieso Kunstwerk.
Tja. Das war ein erhellender Moment. Denn wenn selbst ein Schmetterling ein solches Kunstwerk auf dem Rücken tragen konnte, ohne es zu wissen, was trug dann erst eine Schildkröte auf ihrem Rücken.
Offenbar Kunstwerk genug, um Shakespeare zu inspirieren.
Ein Jahrhundert später durchquerte ich die Wüste noch einmal auf dem Armaturenbrett eines Autos. Was ich nur empfehlen kann. Es dauerte zwei Tage. Zwei äußerst geruhsame Tage.
 
Der Tomatenstrauch verliert Tomaten. Bisweilen fallen sie erstaunlich weit vom Stamm. Und als Chuck vorhin den Prospero gespielt hat, fiel eine Tomate auffallend weit vom Stamm. Sie warf sich Chuck förmlich entgegen. Was Shakespeares Schildkröte überaus witzig fand. Sie lachte sich fast kaputt. Endlich begriff sie, was der Tomatenstrauch im Schilde führte.
Jetzt rächt Chuck sich an dem armen Strauch, indem er sämtliche Tomaten auf einmal isst, selbst die grünen.
Er wird sich allenfalls den Magen verderben, dieser Trottel. Was ist er heute doch für ein Antonio.
Es klopft an der Tür.
Chuck bleibt der Bissen buchstäblich im Halse stecken. Er hustet. Wischt sich die Hände an seiner nackten Brust ab. Was ich ziemlich eklig finde. Macht die Tür auf.
Ich wollte die Schildkröte abholen, sagt eine vertraute Stimme.
Ich wende den Kopf und werfe einen Blick über die Schulter. Cliff!
 
Mitten in London kommt ein weißes Pferd im leichten Galopp aus dem Nebel und rennt mich fast über den Haufen.
Das ist der Reitweg, Miss.
Reitwege. Mitten in der Stadt.
Und vor kaum fünf Minuten habe ich in einer Starbucks-Filiale nach dem Weg gefragt.
London: Menschenmassen, Starbucks und scheußliche Handtaschen. Und ein Pferd, das mittendurch galoppierte. Der Nebel ist weiß. Wenn man ganz nahe an den Rosenstock herangeht, kann man die müden gelben Rosen sehen. Schrecklich blass.
 
Onkel Thoby hat einmal gesagt, ich würde die U-Bahn lieben. Wie man sich doch irren kann. Den Stadtplan finde ich super. In Heathrow habe ich mir einen Stadtplan gekauft, der sich wie eine Blume öffnete, mit sechs Blütenblättern. Man konnte entweder ein oder zwei oder alle sechs Blütenblätter auf einmal öffnen. Ich fand es super, dass die underground auf dem Plan wie ein großes Spinnennetz aussah. Und das Wort underground fand ich auch super. Aber wie voll die U-Bahn war, das fand ich überhaupt nicht super. Ich konnte noch nicht einmal ein Blumenblatt meines Stadtplans öffnen.
Ich geriet mitten in den morgendlichen Berufsverkehr. Was ich erwartet hatte. Na, dass sich die Klaustrophobiker vereinen! Ich hatte erwartet, dass jemand aufsteht und sich zur Wehr setzt gegen dieses grässliche Gedränge. Pustekuchen. Und gerade, als ich dachte, jetzt passt nun wirklich niemand mehr hinein, quetschten sich zehn grauuniformierte Schulmädchen in den Waggon. Nach drei Stationen stiegen neun Schulmädchen aus. Ein Mädchen hatte wohl etwas Besseres vor.
Das war mein erster Eindruck von London.
Und dass alle nur Augen für die Tasche haben, die man spazieren trägt, und für die Sachen, die man anhat, bloß nicht für einen selbst.
Voller Freude stürzte ich aus dem Zug und sah ein Warnschild mit der Aufschrift 195 STUFEN. Also entweder 195 Stufen oder ein Lift, der derart überfüllt war, dass die Leute sich bis unter die Decke stapelten. Klare Sache.
Als ich die Treppe erfolgreich bewältigt hatte, musste ich mich erst mal setzen. Ein Polizist strich ständig um mich herum. Ich rechnete fest damit, dass er sagen würde: Der Aufenthalt mit großem Gepäck ist hier verboten. Stattdessen bot er mir seine Hilfe an. Hoppla, junge Frau. Wo soll’s denn hingehen.
Ich sah auf meinen Stadtplan. Eins der Blumenblätter fehlte. Ausgerechnet das mit Toffs Haus darauf. Mist. Ob mir in der U-Bahn jemand diesen Teil Londons gestohlen hatte. An einem Kiosk kaufte ich mir einen neuen Stadtplan. Nach unten lief er spitz zu wie ein Kaffeefilter. Der obere Teil hingegen explodierte einem förmlich in den Händen.
Ich ging ohne nach rechts und links zu schauen über die Straße, weil ich in das explodierte London so vertieft war, und ein Wagen wieherte mich an. Das Hupen klang wie ein Wiehern.
Ich fand Toffs House in einer mews. Auf einer mews. Dem Namen nach zu urteilen, hatte ich eigentlich mit Katzenmiau gerechnet. Aber es war nichts zu hören. Alle Häuser waren weiß, wie Zähne. Ich überprüfte die Adresse. Dann klopfte ich. Keine Reaktion. Ich klopfte, klingelte und klopfte wieder.
Kurz hämmerte ich sogar mit den Fäusten gegen die Tür.
Irgendwo in London fingen Glocken an zu läuten. Irgendjemand schlug blindlings auf eine Glocke ein.
Ich setzte mich auf Toffs Vortreppe. Die Sonne war herausgekommen. Eine schrecklich grelle Sonne, die mir in den Augen stach.
Eine Frau mit nassen Haaren trat auf ihre Vortreppe hinaus. Sie telefonierte. Das Wort blendend gellte die mews entlang. Als sie mich bemerkte, schien sie not amused. Sie ließ mich nicht aus den Augen, während sie in den Hörer plapperte. Nein, Soundso werde sie keinesfalls einladen, weil er sich schon seit einer Ewigkeit das Rauchen abgewöhnen wolle und an seinem Image als Leid- und Stressgeplagter, ehrlich gesagt, mindestens genauso hänge wie an seinen Zigaretten. Dann bringst du … blendend. Ja, blendend. Okay.
Sie schaute mich an, als ob sie sehen wollte, wie lange ich ihrem Blick standhalten konnte, darum sprang ich auf und ging.
 
Ich ging die Oxford Street entlang und sah Unmengen scheußlicher Handtaschen. Ich ging zu Starbucks, trank einen tall (sprich small) coffee und spazierte durch den Hyde Park, als der Nebel kam. Das weiße Pferd galoppierte mich über den Haufen. Bei uns zu Hause ist der Nebel grau, nicht weiß. Hier sieht er aus wie Trockeneisnebel.
Im Nebel stieß ich auf einen schwarzen Klotz, der sich als Peter Pan und seine Bande herausstellte. Ich umrundete die Statue auf der Suche nach dem Neufundländer, denn kommt in Peter Pan nicht ein Neufundländer vor. Kein Hund, nirgends. Mit Hund fände ich die Statue besser. Und in Farbe müsste sie sein. Der Junge ganz oben sieht wie der Anführer aus.
Vorwärts. Es gibt einen künstlich angelegten Fluss, eher ein Flüsschen, das von oben betrachtet den Schriftzug PRINCESS DIANA ergibt. Ein goldener Prinz Albert sitzt auf einem Thron. Er sieht ziemlich zerknittert aus und erinnert mich irgendwie an Judd.
Was suche ich eigentlich. Den Stall, aus dem das weiße Pferd stammt. Das bestimmt von erstklassigem Stammbaum ist.
Es fängt an zu hageln. Golf ballgroße weiße Hagelkörner. Ist das normal. Ich schaue nach oben, und ein Korn trifft mich zielsicher ins Auge. Nicht das mit dem Gerstenkorn. Das ungekörnte. Einen Augenblick lang sehe ich nur noch Weiß.
Ich finde einen Baum unweit der blassgelben Rosen, dessen verwachsene Äste eine Art Vogelkäfig bilden. Ich krieche hinein. Die Äste haben keine Blätter. In der Nähe des Stammes setze ich mich auf den Boden und ziehe den Kopf ein. Plötzlich bebt der Boden. Das weiße Pferd galoppiert vorbei. Zum Schutz gegen das Wetter hält es die Schnauze gesenkt. Pferd und Reiter galoppieren nach Hause.
 
Der Flug verlief ereignislos, außer dass ich im Cockpit eine Piñata sah, als ich an Bord ging. Ich fragte meine Sitznachbarin in 34J: Was möchten Sie auf keinen Fall in einem Cockpit sehen.
Terroristen, sagte sie und kämpfte mit ihrem Gurt.
Und eine Piñata.
Der schlaffe Gurt fiel ihr aus der Hand.
Eben, sagte ich.
Die Maschine hob ab, und ich hatte das Gefühl, dass sie nach Westen flog. Was natürlich Unsinn war. Sie flog nach Osten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie nach Westen flog, und mein Gehirn machte mir das Umdenken schwer. Ich dachte nach. Wenn man dasitzt wie ein Theaterpublikum, verlangt das Gehirn automatisch nach einem Gegenüber. Und so erfindet es eine Richtung. Diese Richtung ist willkürlich und hat mit der tatsächlichen Flugroute nichts zu tun.
34J las ein Buch: Raupe mit Schmetterlingsflügeln von – wer hätte das gedacht – Shirley MacLaine. Auf der Rückseite steht Shirley wie üblich an einem Strand, aber das Foto war von oben aufgenommen, und sie hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit eine Raupe, wenn auch ohne Schmetterlingsflügel. Darunter stand ein Zitat von Shirley: »Wenn ich zwei Monate am Stück gedreht hatte, schien mein Wagen wie von selbst zum Flughafen zu finden.« Du sprichst mir aus der Seele, Shirley.
34J blätterte nicht um.
Sie sind nicht zufällig ein Air Marshal, fragte ich.
Pardon.
Vergessen Sie’s. Entschuldigen Sie die Störung. Ich stellte meinen Sitz nach hinten und schaute eine Folge Sherlock Holmes.
Ich war erstaunlich ruhig. Warum. Weil ich in geheimer Mission unterwegs war. Ich wollte Onkel Thoby und Wedge nach Hause holen. Dazu musste ich wie Sherlock Holmes vorgehen, Schritt für Schritt. Ich musste meine nicht allzu ausgeprägten deduktiven Fähigkeiten dazu benutzen, jeden Irrtum auszuschließen, bis die Wahrheit und nichts als die Wahrheit übrig blieb.
Außerdem hatte ich den roten Fallschirm eingepackt.
 
Ich machte mir den Spaß, in Gedanken zwei Szenarien durchzuspielen, während die anderen Fluggäste ein Nickerchen hielten.
 
SZENARIO 1:
Ich fahre nach Cambridge und warte in den frühen Morgenstunden vor dem Humouse House. Hoffentlich ist ein Starbucks in der Nähe. Ich warte auf Leonel de Tigrel. Als er schließlich auftaucht, stelle ich ihn zur Rede. Seine Löwenohren zucken. Der leapling, stößt er hervor. Genau. Sie haben etwas, das mir gehört, n’est-ce pas. Er will sich mir in den Weg stellen, doch ich, nicht faul und vom Kaffee berauscht, hüpfe federleicht über ihn hinweg und lande schnurstracks in seinem Labor. Dort, in güldenes Licht getaucht, steht ein Terrarium. Wedge! Er richtet sich auf, rüttelt am Gitter. Hier bin ich, Audrey!
 
SZENARIO 2:
Ich warte in den frühen Morgenstunden vor Toffs Haus. Hoffentlich ist ein Starbucks in der Nähe. Als Toff aus dem Haus kommt, stelle ich ihn zur Rede. Seine Wolfsaugen blitzen. Der leapling, stößt er hervor. Genau. Du hast etwas, das mir gehört, n’est-ce pas. Er will sich mir in den Weg stellen, doch ich, nicht faul und vom Koffein beflügelt, hüpfe federleicht über ihn hinweg und lande schnurstracks in seinem Haus. Dort, in güldenes Licht getaucht, sitzt Onkel Thoby an einen Stuhl gefesselt. Onkel Thoby! Ich löse den Knebel. Oddly!
 
Vor dem Flugzeugfenster war nichts zu sehen, bis der Pilot nach endlosen Stunden sagte: Verehrte Fluggäste, wir befinden uns derzeit über Belfast. Es war noch dunkel, nur am Horizont schimmerte zart ein rosa Saum. Belfast bestand aus ein paar vereinzelten Lichtpunkten. Von Belfast hätte ich eigentlich mehr Lichter, um nicht zu sagen ein Lichtermeer erwartet. Aber wir flogen ja auch ziemlich hoch.
Der rosa Saum wurde langsam, aber sicher breiter.
Die Schiebeklappe meines Fensters war ein halb geschlossenes Augenlid. Wach auf, kleines Auge. In der zartrosa Ferne sah ich andere Flugzeuge. So viele, dass ich sie nicht zählen konnte. Na schön, ich konnte sie zählen. Elf. Von meinem Fenster aus zählte ich elf Flugzeuge. War das normal.
34J sagte: Wir befinden uns im verkehrsreichsten Luftraum der Welt. Natürlich ist das normal.
Noli me tangere, all ihr anderen Flugzeuge. Sie kreisten. Genau wie wir. Wir zeichneten ein vermutlich recht hübsches Muster aus sich überlappenden Kreisen an den Himmel. Wir mussten warten, bis wir an der Reihe waren und auf dem Fluchhafen Heathrow landen durften.
Flugzeuge aus aller Welt. Als wir zum Terminal rollten, sah ich ein echtes Qantas-Flugzeug. Was ich für ein gutes Omen hielt. Ich sah AUP Air. OP Air. Ich bin ein Berlin Air. Mutt Air. Vat Air. Brood Air. Ich war ziemlich aufgeregt. Trotz der Ernsthaftigkeit meiner Mission.
Ich zurrte meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Ich hatte wieder sicheren Boden unter den Füßen. Sicheren Boden, aber unsicheres Terrain. Neues Terrain.
Wir hatten unser Gate erreicht. Ich zappelte nervös auf meinem Sitz und sah den Gepäckabfertigern zu. Sie waren allesamt symmetrisch.
 
Als ich unter dem Baum erwache, hat der Nebel sich verzogen. Die Sonne geht unter. Heiliger Strohsack. Ich will aufspringen, aber meine Glieder sagen: Warte. Wir sind stocksteif, in Embryonalstellung erstarrt. Wir müssen uns langsam recken und strecken. Dem Licht entgegen wie eine Blume. Drauf geschissen. Keine Zeit. Meine Jeans und meine Beine darin machen ein knarzendes Geräusch. Ich humple mit meiner Tasche im Schlepptau aus dem Vogelkäfig.
Und stehe in einem völlig anderen Park. Die Sonne ist gleißendes Gold. Die Skyline ist von geradezu absurder Putzigkeit. Mir kommen fast die Tränen, wenn ich daran denke, dass ich den ganzen Weg zu Toffs mews zu Fuß zurücklegen muss. Meine Beine machen nicht mehr mit. Sie sind heute 195 Stufen hinaufgestiegen. Sie sind stocksteif. Sie nehmen mir den langen Flug via Montreal noch immer übel. Ich stehe ihnen bis hier (Hüfthöhe). Setzen wir uns doch ein Weilchen auf die Bank da drüben.
Nein.
 
Als ich bei Toff ankomme, ist es dunkel. Es brennt Licht. Ich kann ins Wohnzimmer sehen. Pardon, in den Salon. Er ist in tristes Unterwassergrün getaucht. Ich habe den dunklen Verdacht, eine Deckenleuchte ist der Übeltäter.
Toff erscheint am Fenster. Da steht er. Und telefoniert. Ein offener, sehr offener Kragen. Kein Halstuch. Beim Sprechen trommelt er mit den Fingern den Takt auf seinem Schlüsselbein. Er hat also tatsächlich ein Schlüsselbein. Und ein intaktes Telefon.
Gleich erlebt der triste, unterwassergrüne Toff sein blaues Wunder.
Klopf klopf an die Scheibe. Er macht vor Schreck einen Satz rückwärts. Ich winke.
Der leapling, stößt er hervor.
In der Tat. Du hast etwas, das mir gehört, n’est-ce pas.
Wir starren uns einen Moment lang an. Er sieht aus wie jemand, der den Fluch seines Daseins durch sein eigenes Spiegelbild betrachtet. Schließlich deutet er zur Tür. Ich durchquere den Vorgarten und steige die gleichnamige Treppe hinauf.
Er ist nicht gerade außer sich vor Freude. Audrey, Audrey. Er bittet mich herein. Was ist denn mit deinem Gesicht passiert. Gott, was machst du hier. Wann bist du angekommen. Undsoweiter.
Ich parke meine Reisetasche. Und sehe an ihm vorbei. Wo sind der Stuhl, das güldene Licht und die Fesseln.
Was ist denn mit meinem Gesicht, sage ich.
Er zeigt mit dem Finger. Links von mir hängt ein Spiegel, in dem ich ein blaues Auge habe. Und ein Gerstenkorn. Das eigentlich schon am Abheilen war, bis ich mein Antibiotikum zu Hause liegen ließ. Von meinen anderen Blessuren ganz zu schweigen.
Hat dich jemand geschlagen.
Nein. Ein Hagelkorn.
Du bist in den Hagelschauer geraten. Er kratzt sich heftig am Kopf.
Ich starre auf seine Brust. Sie ist so. Sichtbar. Mit Brust sieht er ganz anders aus.
Wie bist du hierhergekommen.
Ich breite die Arme aus. Geflogen.
Nein, ich meine …
Air Canada.
Nein, ich meine …
Onkel Thoby hat diese Adresse hinterlassen. Ich habe x-mal versucht, dich anzurufen. Warum bist du nicht drangegangen. Und komm mir nicht mit der Landesvorwahl-Nummer.
Mit welcher Nummer.
Hinter ihm ist eine dunkle Treppe. Ich schaue hinauf.
Hast du etwas gegessen, sagt er und nimmt mir den Mantel ab. Ich habe Käse, sagt er. Wie wär’s mit etwas Käse.
Ich packe ihn am Arm. Ist er hier.
Er macht ein ratloses Gesicht. Wer.
Onkel Thoby.
Nein.
 
Ein Sofa teilt den Salon in zwei Hälften. Toff ist eifrig damit beschäftigt, auf dem Esstisch eine Käseskyline zu errichten.
Hast du Hunger, fragt er, als er fertig ist.
Eigentlich nicht.
Oh.
Und so holt er mir ein Glas Orangensaft und sich etwas Hochprozentiges, und wir sitzen uns gegenüber.
Wann hast du ihn zuletzt gesehen, frage ich.
Am Flughafen.
An welchem.
Montreal.
Nicht Heathrow.
Wir sind getrennt geflogen.
Warum.
Was ist das, ein Verhör.
Ich schaue nach oben. Es ist tatsächlich eine Deckenleuchte. Mit grünem Glasschirm. Ein schauriges Licht. In dem Toff noch pockennarbiger und schauriger aussieht als ohnehin schon. Aber vermutlich nicht halb so schaurig wie ich. Ob er lügt.
Ja, sage ich.
Was, ja.
Das ist ein Verhör.
Er sieht so hilflos aus mit seinem Schlüsselbein.
Ich weiß, dass Großmutter nicht an der Schwelle des Todes steht. Ich habe mit ihr gesprochen. Das Spiel ist aus.
Welches Spiel. Nein. Lass mich raten. Du hast den Cluedo-Revolver in der Tasche.
Haha. Ich sage, es gebe viele Rätsel. Sehr viele sogar, die ich momentan zu lösen versuche. Na schön, zwei. Im einen sei er der Hauptverdächtige. Im anderen Leonel de Tigrel.
Leonel de Tigrel. Seine Wolfsaugen blitzen.
Dann kennst du ihn also.
Nein.
Du siehst aus wie jemand, der ihn kennt.
Und wie sieht jemand aus, der ihn kennt.
Wie du. Wedge ist verschwunden.
Er scheint perplex. Nicht weil Wedge verschwunden ist, sondern weil mir das so viel bedeutet. Entschuldige, aber was hat das …
Bei der Beerdigung von meinem Dad hat Leonel de Tigrel den armen Wedge gekidnappt. So ähnlich, wie du Onkel Thoby gekidnappt hast.
Audrey.
Was.
Beruhige dich. Und hör mir zu.
Ich lehne mich zurück. Okay. Ich bin die Ruhe selbst. Und obendrein ganz Ohr. Sprich.
Leonel de Tigrel war nicht auf der Beerdigung deines Vaters.
Ich glaube doch. So’n Dicker. Belgier. Löwe.
Leonel de Tigrel ist kein Belgier.
Ich glaube doch.
Er stellt sein Glas ab. Geht aus dem Zimmer. Kommt mit einer Zeitschrift zurück. War der vielleicht auf der Beerdigung deines Vaters.
In der Zeitschrift ist das Foto eines Mannes mit langem Rumpelstoffzchenbart und Hawaiihemd. Darunter steht: Hanswurst oder Heilsbringer.
Nein, nicht dass ich wüsste.
Das ist Leonel de Tigrel.
Ich lache. Unsinn.
Doch. Hier. Lies.
Ich lese nicht gern.
Audrey.
Na schön, dann ist das eben Leonel de Tigrel. Komisch. Er sieht ganz anders aus als der Leonel de Tigrel auf der Beerdigung von meinem Dad.
Dass es zwei Leonel de Tigrels gibt, halte ich für äußerst unwahrscheinlich, sagt Toff und setzt sich wieder.
Meinetwegen. Auch egal. Verdächtig ist er trotzdem.
Inwiefern. Pass auf, Audrey …
Ein Geräusch im Flur lässt ihn verstummen. Ein bedächtiges Klick, Klick, Klick. Schritte. Auf Zehenspitzen.
Tja, sagt Toff. Da will uns wohl jemand mit seiner Anwesenheit beehren.
In der Tür erscheint ein Gesicht.
Ich schreie. Oder, besser, kläffe. Weil ich nicht sofort erkenne, dass das Gesicht nicht menschlich ist. Das Gesicht ist so ernst. Und außerdem auf Menschenhöhe.
Aber es ist kein Mensch. Sondern ein Hund. Eine Dänische Dogge.
Ich klettere zögernd von der Sofalehne.
Der Hund mustert mich mit ruhigem Blick. Wir haben doch nicht etwa Besuch. Er klickt ins Zimmer wie auf Stelzen. Er sieht aus wie ein Pferd. Mein Gott.
Das ist Hamlet, sagt Toff. Sitz, Hamlet.
Hamlet macht Sitz. Dabei beugt er die Hinterbeine wie eine Ballerina beim Plié, wenn auch auf etwas, nein, auf sehr viel unanständigere Art und Weise.
Ich weiß, was du jetzt denkst, sagt Toff.
Das glaube ich kaum.
Du denkst, wie viele Dänische Doggen namens Hamlet es wohl gibt.
Nicht direkt.
Während wir uns unterhalten, wandert Hamlets Kopf aufmerksam von rechts nach links. Sein Gesicht ist so schmal und ernst. Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Er ist ganz grau. Seine flach anliegenden Ohren bilden perfekte Dreiecke.
Komm her, Hamlet, flüstere ich.
Hamlet sieht Toff fragend an.
Toff nickt.
Hamlet schreitet würdevoll durchs Zimmer.
Auf meinem Sofa komme ich mir schrecklich klein vor.
Er beschnuppert meine Augen. Er segnet meine Stirn. Seine Unterlippe ist feucht und schlaff.
Ich schlinge ihm die Arme um den Hals.
 
Später, im Taxi zum Atomotel, wird mir klar, was für ein brillantes Ablenkungsmanöver dieser verdammte Köter war. Ein echter Geniestreich. Das muss man Toff lassen. Denn solange ich bei ihm war, hatte ich nur noch Augen für Hamlet. Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Ich versuchte, Toff Informationen über seine Beziehung zu Leonel de Tigrel zu entlocken, die er beharrlich leugnete. Über Großmutters Gesundheit, um die es, wie er zugeben musste, nicht annähernd so schlimm steht, wie er befürchtet hatte (leichter Schlaganfall, gebrochenes Handgelenk). Und über Onkel Thoby, dessen Aufenthaltsort ihm angeblich unbekannt ist.
Derweil nahm Hamlet die Käseskyline auf dem Esstisch hinter Toff genüsslich auseinander.
Ein ganzer Camembert verschwand in seinem Schlund.
Ein ganzer Schinken. Heimlich, still und leise.
Wobei er, Hamlet, immer wieder flehentlich zu mir herüberblickte, als ob er sagen wollte: Kein Wort zu Toff.
Toff saß mir nichts Böses ahnend gegenüber.
Wetten, Sherlock Holmes hätte sich von einem Hund niemals so sehr becircen lassen, dass er darüber seine Ermittlungen vernachlässigt hätte. Eine wichtige Information allerdings konnte ich Toff abringen: den Weg zu Großmutter.
Ich würde dir empfehlen, sie vorher anzurufen.
Ich rufe sie aber nicht gern an.
Ruf sie an, sagte er. Und geh sie vormittags besuchen.
Warum.
Weil sie vormittags bei klarem Verstand ist.
Er meinte, ich sei wahnsinnig, in einem Atomotel meilenweit vor der Stadt zu übernachten. Das Taxi sei ja teurer als das Zimmer.
Ich bin eine treue Atomotel-Kundin, sagte ich. Und danke für das Angebot.
Angebot, sagte er.
 
Im Schein der Innenraumbeleuchtung des Taxis, das Toff mir spendiert hat, überfliege ich den Artikel über Leonel de Tigrel. Vom Autofahren wird mir langsam, aber sicher schlecht. Meine Ermittlungen führen zu nichts. Dem Artikel zufolge will Leonel de Tigrel in spätestens zehn Jahren eine Heilmethode gegen das Altern entwickelt haben. Zehn Jahre! Mein Dad hatte diese Heilmethode längst. Warum also steht in dieser Zeitschrift – wie heißt sie noch gleich: Hourglass – kein Wort über meinen Dad. Warum hatte 60 Minutes meinen Dad nicht um ein Interview gebeten, wie vor ein paar Wochen Leonel de Tigrel.
Und warum habe ich Leonel de Tigrels Gesicht noch nie gesehen, wo er doch anscheinend allgegenwärtig ist. Mangelhafte Recherche. Typisch. Na ja, was soll’s. Leonel de Tigrel hat Wedge also nicht entführt. Jedenfalls nicht eigenhändig. Aber da er so berühmt ist, könnte er ohne Weiteres einen Helfershelfer beauftragt haben. Den Belgier. Er könnte den Belgier beauftragt haben, Wedge zu entführen. Weil Wedge so alt ist und doch so jung. Und weil Walter Flowers eine ehrliche Haut ist und Leonel de Tigrel ein Schwindler, der meinen Dad zeitlebens um seinen Erfolg beneidet hat.
Ich nicke vor mich hin und schaue aus dem Fenster, um das flaue Gefühl im Magen zu bekämpfen.
Und ist es nicht seltsam, dass Toff aschfahl wurde, als ich ihm eröffnete, dass ich nach Cambridge fahren wolle, um den Löwen persönlich zu befragen.
Atomotel ist eine Kette. Cliff und ich haben in den Alpen in einem Atomotel gewohnt. Atomotels sind relativ preiswert, weil die Zimmer so winzig sind. Manche haben sogar Etagenbetten. Alles ist sauber und weiß. Ich habe mein Zimmer mit der Kreditkarte von meinem Dad gebucht. Ohne Probleme. Oder gar lästige Fragen. Willkommen, Nukleus, sagte der Empfangschef beim Einchecken. Denn so lautet das Motto von Atomotel: Der Kunde ist der Nukleus! Griffiger Slogan.
Im Fahrstuhl sagte eine Computerstimme die Stockwerke an, für Blinde und Leute mit verbundenen Augen. Im zehnten Stock stieg ich aus. Zimmer 1006.
Mein Atom hat kein Etagenbett. Pech. Es hat ein kleines, wie ein Elektron geformtes Bett mit weißer Decke. Das Kissen ist zu einer Pyramide aufgeschlagen. Interessant.
Ich rufe zu Hause an. Zwei Nachrichten. Eine von Linda. Sie sagt, Cliff sei dagewesen und habe Winnifred mitgenommen. Was mir hoffentlich recht sei. Die beiden seien nämlich schon weg. Wahrscheinlich zurück in die alte Wohnung.
Moment mal. Was. Nachricht wiederholen.
Tja. Hast du sie nicht genau deshalb dort gelassen. Damit sie da ist, falls Cliff zurückkommt. Damit überhaupt jemand da ist. Hast du ihn nicht quasi aufgefordert, sie zu holen. Ja, aber damals dachte ich auch noch, dass ich zurückgehen würde.
Und das willst du jetzt nicht mehr.
Nein.
Das ist ja ganz was Neues. Ich gehe nicht zurück nach Portland.
Die zweite Nachricht ist von Judd. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht, dass jemand zärtlich an dich denkt. Und deinen Flug online verfolgt. He, du bist gerade über Irland.
Ich schalte das Licht aus und steige ins Bett. Versetze der Pyramide einen kräftigen Knuff. Bette mein Haupt. Cliff ist also wieder da. Wohlbehalten in der alten Wohnung. Mit Winnie. Und ich gehe nicht zurück.
Ich bin erschöpft und voller Schrammen. Mein Auge pocht. So ähnlich habe ich mich auch gefühlt, als ich das letzte Mal in einem Atomotel übernachtet habe, nach einem Tag »Skifahren« in den Alpen. Ich weiß nicht, wie oft ich damals hingefallen bin.
Das Etagenbett in unserem Zimmer war ein Novum. Ich lernte ein paar interessante Sextricks. Zum Beispiel wie man sich möglichst elegant an der Zimmerdecke abstützt.
Wir gingen essen, und ich erinnere mich vor allem an Cliffs dampfenden Drink und wie der Dampf über den Glasrand quoll, während er mir Geschichten über Oregon erzählte. Oregon mit seinen Alice-im-Wunderland-Wäldern, seinen Hochwüsten und Mittelgebirgen, in denen lauwarmer Regen fällt. Später dann, im Etagenbett, fragte er: Würdest du Nein sagen, wenn ich dich bitten würde, mit mir nach Amerika zurückzugehen.
Dazu würde ich nicht Nein sagen, nein.
Heute würde ich dazu Nein sagen.
Ich fange an zu zittern. In meinem Atom ist es eiskalt. Da fällt mir ein, dass in Europa häufig auch die Heizung ausgeht, wenn man das Licht ausschaltet. Entweder hat man es bei Licht mollig warm oder muss im Dunkeln frieren. Schlaf gut, Nukleus. Ich stehe auf und ziehe meine Jeans an. Meine Beine haben mich ja so satt. Ich hole den Fallschirm aus meiner Tasche und breite ihn über die Bettdecke. Danke, Judd.
Er hat meinen Flug über den Ozean verfolgt.
 
Du kannst doch nicht einfach »die Schildkröte abholen«. Chuck und Cliff stehen sich Auge in Auge gegenüber. Sehr schmeichelhaft. Wer hätte gedacht, dass Chuck das Zeug dazu hat. Aber natürlich hat er das Zeug dazu: Er ist schließlich nicht umsonst Faustkämpfer. Trotzdem, wegen mir. Einer bloßen Schildkröte. Korrigiere: Shakespeares Schildkröte.
Ich drehe mich langsam um.
Chuck hat seinen nackten Oberkörper zwischen mich und Cliff geschoben. Du kannst sie nicht mitnehmen, sagt er.
Cliff lässt seinen Motorradhelm locker am Zeigefinger baumeln. Er will sich nicht streiten. Audrey hat nichts dagegen, sagt er.
Hast du mit ihr gesprochen.
Sie hat mir eine E-Mail geschickt.
Ich will eine Unterschrift sehen.
Cliff lacht. Komm schon, Chuck.
Ich meine es ernst.
Cliff späht Chuck über die Schulter. He, Kiddo, sagt er und winkt mit seiner freien Hand.
Redest du mit mir.
Ich rede mit Iris.
Sie heißt nicht Iris.
Seit wann.
Seit du weg bist. Ich rufe Linda an. Er greift zum Telefon.
Cliff tritt näher, bückt sich. Zwinkert mir zu. Er sieht reichlich mitgenommen aus. Am Reißverschluss seiner Jacke hängt ein Plastikkärtchen mit der Aufschrift ANGEL FIRE. Er war offensichtlich Skifahren.
Du benutzt meine Schildkröte als Briefbeschwerer, sagt er.
Lesezeichen, sagt Chuck. Ich wüsste nicht, seit wann das als Schildkrötenquälerei gilt.
Cliff nimmt mich von dem Buch herunter, von der Seite, auf der ich sitze – und stehe. Der Seite mit der Schildkröte hoch sechzig. Und setzt mich auf seine riesige Hand. Sie sieht durstig aus, sagt er.
Was bist du doch für ein einfühlsamer Mensch.
He, sagt Chuck, vermutlich zu Linda. Du wirst nicht glauben, wer gerade hier reingeschneit ist.
Hast du Lust auf eine Spritztour, sagt Cliff zu mir. Mit meiner Harley.
Hehe, sagt Chuck. Immer mit der Ruhe. Hier. Sprich mit Linda.
Widerwillig vertauscht Cliff mich mit dem Telefon. Chuck trägt mich zu meinem Schloss zurück. Keine Sorge, Winnifred.
Sehe ich aus, als ob ich mir Sorgen machen würde.
Solange es keine Helme für Schildkröten gibt, steigst du mir nicht auf eine Harley. Ich glaub, es hackt.
Er deponiert mich in meinem Pool. Ich stecke den Kopf unter Wasser. Trinke. Als ich wieder auftauche, sagt Cliff: Das hat sie nicht geschrieben. Sie hat nur geschrieben, dass die Wohnung frei ist und die Schildkröte bei euch. Und dass ihr Dad …
Schweigen.
O Mann.
Ich klettere aus dem Pool. Stecke den Kopf durchs Fenster. Cliff sitzt zusammengesunken auf dem Sofa. Er streicht sich das Haar zurück. Nein, das wusste ich nicht. Ja, okay. Er sieht zu mir herüber. Macht große Augen. Er zeigt auf mich.
Was ist, sagt Chuck.
Das ist das bezauberndste … ja, okay, sagt er zu Linda und gibt Chuck das Telefon zurück.
Staunend umrundet er mein Schloss. Und das hat sie tatsächlich selbst gebaut, sagt er.
Ich schaue zu ihm hoch. Na klar. Was dachtest du denn.
 
Chuck lässt mich mitfahren, aber nicht auf dem Motorrad. Da kennt er kein Pardon. Er werde mich und mein Schloss in den Wagen packen und Cliff hinterherfahren. Okay.
Cliff sagt okay.
Chuck zieht sich etwas an. Cliff setzt seinen Helm auf. Chuck schnappt sich seine Kippen. Cliff schnappt sich mich und Pappmaché. Wir gehen die vier Treppen hinunter. Bei Chucks Wagen angekommen, sagt Cliff: Sie sitzt am liebsten auf dem Armaturenbrett.
Ich weiß, was sie am liebsten hat, sagt Chuck.
Gut, sagt Cliff.
Gut, sagt Chuck.
Chuck setzt mich auf das Armaturenbrett. Durch die Windschutzscheibe beobachte ich, wie Cliff seine orangefarbene Harley besteigt. Eine blonde Haarsträhne hängt ihm aus dem Helm. Der Helm ist funkelnd blau.
Fahre ich wirklich nach Hause. In die alte Wohnung. Mit dem umgedrehten Berg.
Ich wende den Kopf und mustere Chuck. Eine Zigarette hängt ihm aus dem Mund. Als er den Wagen anlässt, kneift er die Augen zusammen,
Wir verlassen die Taft, und ich zähle die Präsidenten rückwärts. Cleveland, Harrison, Cleveland, Arthur. Wenn wir bei Washington angekommen sind, ist Oregon City zu Ende. Taylor, Polk, Tyler, Harrison. Ich sehe die Brücke. So viele Präsidenten, so wenige Namen. Wie sollen Autofahrer die nur alle auseinanderhalten.
Cliffs Haar flattert im Wind. Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht. Beim zweiten Adams gerät der Verkehr plötzlich ins Stocken. Dann sind wir auf der Brücke. Und tief unten sehe ich den Willamette. Sehr tief unten. Er sieht alles andere als einladend aus. Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen. Ich schaue Chuck fragend an. Ob er Shakespeares Schildkröte hauruck über das Geländer befördern wird. Freut er sich darauf nicht schon seit Wochen.
Er sieht zu mir, dann wieder auf die Straße.
Dezent mache ich mich daran, das Armaturenbrett zu überqueren.
Wo willst du denn hin.
Und dann kurbelt er das Fenster herunter! Doch nein. Er wirft nur die Zigarettenkippe hinaus.
Was ist, sagt er und kurbelt das Fenster wieder hoch.
Der Verkehr kriecht über die Brücke. Chuck macht ein verkniffenes Gesicht. Ich muss daran denken, dass man seine gebrochene Rippe sehen kann, wenn er nackt ist. Ich muss daran denken, wie er aus dem Fenster starrt. Und wieder kriege ich es mit der Angst zu tun. Die erst verfliegt, als wir vor unserem alten Haus in Portland halten. Chuck setzt mich in mein Schloss und überreicht mich Cliff. Sie heißt Winnifred, sagt er. Nicht Iris.
Cliff nickt. Das mit dem Briefbeschwerer tut mir leid.
Schon gut.
Und einen Augenblick lang stehen wir unschlüssig auf dem Gehsteig. Dann sagt Chuck: Gehab dich wohl, Winnifred. Und verbeugt sich. Was er sonst nie tut. Oder will er nur sein Gesicht verbergen. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster und sehe ihm nach, während Cliff mich davonträgt.
 
Cliff klettert die Wände hoch. Es ist genau wie früher, nur dass ohne Audrey nichts genau wie früher ist. Die Wohnung wirkt muffiger und kälter. Cliff entdeckt die Wärmelampe und montiert sie wie eine zweite Sonne über meinem Schloss. Damit du es mollig warm hast, Winnifred, sagt er und versucht sich zum ersten Mal an meinem neuen Namen.
Er serviert mir mein Abendessen und nimmt das seine auf dem Boden sitzend ein. Vom Klettern sind seine Hände kreideweiß. In einer Hand die Fünf-Minuten-Terrine. In der anderen einen winzigen Löffel. Neben sich eine große Flasche. Er bewundert mein Schloss und sagt: Handwerklich war sie immer schon begabt.
Wir denken daran, wie sie die Wohnung in einen Berg verwandelte. Weißt du noch, wie sie die Klettergriffe auf dem Boden ausbreitete und meinte, sie sähen aus wie Utah aus der Luft. Ja. Weißt du noch, wie sie die ersten Griffe in den Gips zu schrauben versuchte und sie ihr unter den Fingern wegbrachen. Ja. Und dann kam sie auf die Idee, alles mit Sperrholz zu verkleiden. Wodurch die ganze Wohnung auf jeder Seite zwei, drei Zentimeter kleiner wurde. Die Wände rückten näher zusammen. Aber man konnte an ihnen klettern. Ja. Man konnte an ihnen klettern.
Warum bist du fortgegangen, Cliff.
Er schlürft seine Fünf-Minuten-Terrine. Seine dritte Fünf-Minuten-Terrine.
Folgendes ist dir eventuell entfallen. An dem Abend, bevor du fortgegangen bist, hast du dir den Kopf am Überhang gestoßen, was offen gestanden schon des Öfteren vorgekommen war, und du hast geblutet. An der Stirn. Und sie holte ein Stück Küchenkrepp und legte es auf die Wunde, und dann saßt ihr zu zweit auf dem Futon, und sie presste ihre Stirn an deine Stirn und sagte: Fehlt dir etwas. Und ihr saht so erbärmlich aus, wie ihr dasaßt, die Stirnen aneinandergepresst und dazwischen ein Stück Küchenkrepp. Und sie sagte: Rück mal eben, dann mache ich das Bett. Und so rücktest du mal eben, und sie verwandelte das Sofa in ein Bett, was ich übrigens schon immer faszinierend fand.
Ich saß nicht in meinem Panasonic-Druckerkarton. Ich saß auf dem Couchtisch, denn als du dir den Kopf gestoßen hast, war sie gerade dabei, die Comics auf dem Boden meines Schlosses in spe auszutauschen. Ich saß auf dem Couchtisch und sah dein Spiegelbild im Fernseher. Im dunkelgrauen Glas des Bildschirms, der das ganze Zimmer konvex verzerrte und die Klettergriffe wie Zähne aussehen ließ.
Und kaum war das Bett gemacht, bist du auch schon hineingekrochen und warst in Sekundenschnelle weg. Sie hingegen. Weißt du, was sie getan hat. Sie ging nach draußen und setzte den Wagen um, damit du ihn nicht finden würdest. Sie war knapp eine halbe Stunde weg. Sie machte das auch nicht zum ersten Mal. Als sie wiederkam, war sie klatschnass. Sie hatte den Wagen also anscheinend gut versteckt. Als sie ihre nassen Kleider auszog und mich auf dem Couchtisch sitzen sah, sagte sie: Ach du Scheiße, Iris. Tut mir leid.
Macht nichts.
Sie setzte mich wieder in den Panasonic-Druckerkarton, den sie mit neuen Comics ausgelegt hatte, und machte das Licht aus.
Weil du nachts gern einmal wach wurdest und ins Auto stiegst. Weil du gern wegwolltest.
Und am nächsten Morgen bist du ja dann auch gegangen, nur hattest du diesmal keinen Fluchtwagen. Also bist du vermutlich entweder getrampt oder hast Ridge angerufen. Ich weiß es nicht. Du standest in der Küche und sagtest: Die Berge rufen. In voller Klettermontur. Samt Seilen. Und sie sagte nicht: Und was wird aus mir. Sie sagte: Und was wird aus Iris.
Lange Pause.
Und du sagtest: Möchtest du eine Schildkröte. Womit du sagen wolltest: Diesmal gehe ich ganz. Denn genau das hatte auch euer Vormieter gesagt, bevor er auszog: Möchtet ihr eine Schildkröte.
Worauf sie gesagt hatte: Zu einer Schildkröte würde ich nicht Nein sagen. Und genau das sagte sie jetzt wieder.
Und obwohl wir beide wussten, dass du zum Vormieter geworden warst, warteten wir geduldig darauf, dass du zurückkamst. Aber wir warteten umsonst. Du kamst nicht zurück. Und sie ging buchstäblich die Wände hoch. Und ich fror, die Wärmelampe hat nämlich die unselige Neigung, Schlösser in Brand zu setzen, und sie musste sie abbauen.
Den Rest der Geschichte kennst du ja. Wie sie sich auf die Suche nach dir machte und diese Suche »Urlaub« nannte. Wie du im Grand Canyon aufgekreuzt bist und dich bei Nacht und Nebel davongestohlen hast. Während sie im Wartezimmer des Labors saß, in dem Schildkröten darauf untersucht werden, ob sie im Canyon heimisch sind – du hast sie einfach dort sitzen lassen, und weißt du, was sie sagte, als wir auf den Campingplatz zurückkamen. Sie sagte: Warum gibt es in Arizona eigentlich keine Helmpflicht. Haben Amerikaner keine Angst um die Gehirne ihrer Mitbürger.
Sie sorgte sich immer noch um deine Sicherheit.
 
Großmutter wohnt in Knightsbridge. In der Nähe von Harrods, wie ich meinem explodierenden Stadtplan entnehme, aus dem einem Harrods in 3-D entgegenspringt. Großmutters Straße liegt sogar buchstäblich im Schatten von Harrods.
Ich dachte, bei Harrods bekommt man Shortbread in Doppeldeckerbusdosen. Aber im Schaufenster ist alles ägyptisch. Beziehungsweise zartägyptisch angehaucht. Stühle mit Sphinx-Armlehnen. Schaufensterpuppen mit schwarzen Embryonenaugen und gebrochenen Handgelenken. Türstopper in Pyramidenform.
Großmutter hat eine Wohnung und kein Haus. Also nichts mit Treppensteigen. Im Parterre gibt es einen alten Fahrstuhl, der von einem Mann mit goldenen Knöpfen namens Hillings betätigt wird. Hillings sagt, er verehre Mrs. Flowers und Hilly geradezu.
Wen.
Hilly, ihre Pflegerin.
Und Sie sind.
Hillings.
Wir gleiten nach oben, und die Außenmauer gleitet nach unten. In den meisten Fahrstühlen kann man die Außenmauer nicht sehen.
Quietschend öffnet sich das Gitter. Danke, Hillings.
Stets zu Diensten.
Als ich sie vom Atomotel aus anrief, sagte Großmutter: Ja, unbedingt. Komm. Und legte auf.
 
Hilly macht mir die Tür auf. Sie ist winzig und hat O-Beine und eine kahlen Stelle am Hinterkopf. Sie rückt die Fußmatte vor der Tür zurecht und sagt (zur Matte): Willst du dich etwa schon wieder davonmachen, du kleiner Teufel.
Ich betrete eine dunkle Diele.
Sie nimmt mir den Mantel ab. Ihre Großmutter ist im Salon.
Mir kommt der Gedanke, dass Hilly eventuell eine verlässlichere Informationsquelle ist als Großmutter oder Toff. Ich berühre sie am Arm. Ich suche meinen Onkel, sage ich.
Haben Sie schon mal im Telefonbuch nachgesehen.
 
Der »Salon« ist mit minzegrünem Teppich ausgelegt und hat eine weiße Säule in der Mitte. Die Säule stellt eine Griechin dar. Sie trägt die Decke auf dem Kopf. Ich stutze. So etwas begegnet einem in Innenräumen ja eher selten. Rings um die Säule stehen zierliche Tische mit spindeldürren Beinchen, die pfotenförmig enden. Auf den Tischen drängen sich Nippes und andere Kleinigkeiten.
Vorsicht mit den Tischen.
Großmutter sitzt am Fenster. Mit einem Gips am rechten Arm. Komm her, sagt sie, ohne mich anzusehen. Mir fällt ein, dass sie nicht sehen kann.
Komm her und lass dich anschauen, sagt sie.
Ich mache einen Bogen um die Tische und setze mich in den Sessel ihr gegenüber. Keine Umarmung. Kein Kuss.
Audrey.
Hallo.
Sie ist gealtert. Aber natürlich ist sie gealtert. Ihre Haare sind stumpf und dünn geworden. Sie hat sie mit diesen komischen Kämmen nach hinten gesteckt, die einem die Kopfhaut zerkratzen. Aber sie scheint noch genauso groß zu sein wie früher. Wenn sie aufstehen würde, könnte sie der Säule glatt Paroli bieten.
Ich brauche Licht zum Sehen, sagt sie. Komm ein wenig näher.
Ich beuge mich vor. Ihre Augen blitzen. Wie die eines Nachttiers. Tapetum lucidum nennt man das. Wenn die Netzhäute das Licht reflektieren. Ihre Netzhäute schillern wie Perlmutt.
Du hast dich gar nicht verändert, sagt sie.
Sie ist anscheinend wirklich blind, denn mein Gesicht sieht aus wie ein Schlachtfeld.
Hilly bringt ein Tablett mit Tee und Keksen. Ich erinnere mich dunkel an die Kekse aus dem Cluedospielbretthaus. Staubtrocken. Hilly führt Großmuters Hand zu ihrer Tasse. Ja, ich hab sie, sagt sie.
Was macht dein Arm.
Was soll er schon groß machen. Er ist schließlich gebrochen.
Aber sonst geht es dir gut.
Sie macht ein grimmiges Gesicht.
Ich entferne Keksreste aus meinen Backenzähnen. Wir sitzen uns schweigend gegenüber. Ich sage, die Säule sei sehr schön. Was für Muskeln.
Abscheulich. Zum Glück bin ich blind.
Na, das kann ja heiter werden.
Das nennt man eine Karyatide, sagt sie nach einer kurzen Pause.
Was.
Die Säule.
Ach. Tide ist vermutlich ein anderes Wort für Zimmerdecke. Daher der Ausdruck Tidenhub. Interessant. Was hältst du davon, wenn ich deinen Gipsarm signiere. In Kanada signieren wir Gipsarme.
Ich will meinen Arm aber nicht signieren lassen.
Unsinn. Ich sehe mich nach einem Stift um.
Stimmt es, was ich über deinen Vater gehört habe, Audrey.
Ich erstarre. Was hast du denn gehört.
Dass er von einem Auto angefahren worden ist.
Ja, stimmt.
Ich bin auch von einem Auto angefahren worden. Komisch, nicht wahr. Sie nippt an ihrem Tee.
Hilly, die Servietten gebracht hat, sagt: Sie sind vom Bordstein gegen ein parkendes Auto gefallen.
Das kommt in den besten Familien vor, sage ich. Haben Sie vielleicht einen Kuli, Hilly. Oder einen Filzstift.
Sie nickt.
Glaub ihr kein Wort, flüstert Großmutter dem Fenster zu. Sie ist eine notorische Lügnerin.
Aber eine gute Pflegerin, hoffe ich.
Wieder zieht Großmutter eine Grimasse.
Ich habe mir vorgenommen, Onkel Thoby möglichst beiläufig zu erwähnen. Etwa so: Und, hat Onkel Thoby dich besucht. Danke, Hilly. Gib mir mal deinen Arm.
Erst wehrt sie sich. Dann gibt sie nach.
Wer, fragt sie.
Thoby.
Ach. Ja.
Wann.
Keine Ahnung. Gestern. Vorgestern. Was weiß ich.
Wo wollte er hin. Hat er gesagt, wo er hinwollte.
Nach Hause, glaube ich.
Ich lehne mich zurück. Nach Hause.
Wenn mich nicht alles täuscht.
Womöglich haben sich unsere Wege über dem Atlantik gekreuzt. Ich stelle mir vor, dass wir beide dieselbe Sherlock-Holmes- Folge sehen, »Die tanzenden Männchen«, nur dass seine Folge rückwärtsläuft, weil er ja nach Hause fliegt.
Ob er schon wieder zu Hause ist und gerade zu einem kräftigen Nordwestschubs ansetzt, als er merkt, dass sich die Tür nicht öffnen lässt. Wo ist Oddly. Oddly ist in London, um Nachforschungen anzustellen, um jemanden zu retten, aber sie ist leider ein klitzekleines bisschen durcheinander.
Ich lasse Großmutters Arm sinken und sehe zur Tide hoch. Wie weiter. Was nun.
Ging es ihm gut.
Keine Antwort.
Großmuter.
Ja.
Hattest du den Eindruck, dass es ihm gut ging.
Wem.
Onkel Thoby.
Sie nickt. Dein Onkel war hier.
Ja. Und hat gesagt, er will nach Hause.
Tapetum-lucidum-Augen. Unergründlich.
Ich versuche es noch einmal. War er verärgert. Oder aufgebracht.
Sie macht eine comme-ci-comme-ça-Geste. Er wollte sich entschuldigen, sagt sie.
Wofür. Warum.
Lange Pause. Das muss er dir schon selber sagen, sagt sie.
Am liebsten würde ich ihr auch den anderen Arm noch brechen.
Audrey.
Was.
Ich bin müde und finde, du solltest jetzt gehen.
Du bist meine Großmutter. Eigentlich müsstest du mich immer um dich haben wollen.
Will ich aber nicht.
Hast du ihm verziehen.
Wem.
Verdammt. Das weißt du ganz genau, sage ich.
Bei dem Wort verdammt zuckt sie zusammen. Nein, sagt sie nach kurzem Zögern.
Sprich du hast ihm nicht verziehen.
Nein.
Ich stehe auf. Lege ihr die Hand auf die Schulter.
Au.
Ich gehe jetzt.
Ich liebe meine Söhne, Audrey. Alle beide.
Als ich meinen Mantel anziehe, höre ich Hilly sagen: Sie hat Oddly auf Ihren Arm geschrieben.
 
Ich fahre mit dem Taxi zurück ins Atomotel. Die Taxis hier haben keine großen Napoleonhüte auf. Sondern ein flaches, kleines Mützchen in die Stirn gezogen.
Von wegen, sie liebt ihre beiden Söhne.
London rast vorüber. Wir wiehern Passanten an. Ich muss daran denken, was ein Clint’s Cab mit leuchtendem Hut doch für ein beruhigender Anblick ist, und frage mich, was ich in London suche, wenn Onkel Thoby längst wieder zu Hause in St. John’s ist. Nur ist er leider nicht zu Hause in St. John’s.
Ein paar Meter weiter, vor einer Kirche, hat es eine Kollision gegeben. Ein Mann in einem weißen Laster streitet mit einem Mann auf der Straße. Der Mann auf der Straße ist ganz in Schwarz. Er ist entweder Chauffeur oder trägt Trauer. Der Mann in Weiß ist eine Art Lieferant.
Der Verkehr kommt zum Erliegen, bis die Sache geklärt ist. Oder auch nicht.
Warum gibt der Laster nicht endlich nach, sagt der Taxifahrer und reibt sich verdrossen die Stirn.
Komisch, ich weiß genau, dass sie sich streiten, obwohl ich kein Wort verstehe. Ihre Körperhaltung sagt alles. Das scheint banal – natürlich gibt es so etwas wie Körpersprache -, aber woran erkennt man schon von Weitem, dass sich zwei Leute streiten. Woran erkennt das Gehirn so etwas.
Genau wie man schon von Weitem sehen kann, dass jemand eine Bedrohung darstellt. Man erkennt das daran, wie seine Silhouette sich gegen den Himmel abhebt.
Man kann zwei Leuten sogar ansehen, wie lange sie sich kennen. Dazu braucht man nur zu beobachten, wie sie gemeinsam die Straße entlanggehen, und das Gehirn weiß sofort Bescheid. Plusminus ein Jahr.
Das Gehirn registriert so viele Anhaltspunkte, ohne dass man etwas davon merkt.
Der Mann in Schwarz verzieht sich. Beziehungsweise das Gesicht. Am besten gar nicht hinsehen. Er war auf einer Beerdigung. Und jetzt das. Der weiße Laster hat seinen Wagen gerammt. Und das ausgerechnet heute. Das Maß ist voll. Er setzt sich auf die Kirchentreppe. Der Lastwagenfahrer schreibt etwas auf einen Zettel. Er sträubt sich gegen sein Mitleid. Seine Hand fährt unwirsch über das Papier.
 
Ich weiß noch, wie Onkel Thoby einmal von einem Ölzweig sprach. Den er England anbieten wollte. Und mein Dad sagte: Drauf geschissen. Aus seinen Worten sprach solcher Hass, dass Onkel Thoby sich erst mal setzen musste. Mein Dad ergriff normalerweise für niemanden Partei, es sei denn natürlich bei Wahlen. Aber diesmal machte er eine Ausnahme und schlug sich auf eine Seite. Nämlich unsere. Unsere Seite des Atlantiks gegen ihre. Und das nicht etwa sich selbst, sondern Onkel Thoby zuliebe. Ich hob den Blick vom Fußboden, wo ich mit Wedge spielte.
Er hatte vergessen, dass ich da war.
Onkel Thoby warf mir einen besorgten Blick zu.
Mein Dad zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte: Meinetwegen kann sie das ruhig hören.
Was ist ein Ölzweig.
Ein Zweig von einem Olivenbaum.
Was ist eine Ilove.
Olive.
Olive you.
Olive you too.
Es gab bei uns zu Hause keine Regel, was den Gebrauch schmutziger Wörter anging, aber es gab die Regel, dass man mit schmutzigen Wörtern niemanden verletzen durfte. Das gehörte sich einfach nicht. Aber da er das schmutzige Wort stellvertretend für uns alle ausgesprochen hatte, brauchte mein Dad kein schlechtes Gewissen zu haben. Und wir brauchten uns keine Sorgen zu machen, weil mein Dad eine Waffe auf England gerichtet und laut und deutlich gesagt hatte: Noli me tangere.
Ich nickte.
Aber Onkel Thoby nickte nicht. Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass er am liebsten ganze Olivenbäume nach England geschickt hätte.
England war ein anderes Wort für Großmutter.
 
Ich schlage meinen Kaffeefilter-Stadtplan auf und frage den Taxifahrer, ob er nicht einen kleinen Umweg machen könne.
An der nächsten roten Ampel wirft er einen Blick auf den Plan. Das ist aber ein ziemlich großer Umweg.
Ja, aber können wir vielleicht trotzdem vorbeifahren.
Klar können wir. Er blinkt.
Gut. Ich lehne mich zurück.
Er sieht in den Rückspiegel. Sind Sie sicher, dass Sie da hinwollen, fragt er.
Warum.
Er zuckt die Achseln.
Ich lege die Füße auf den Notsitz. Das gefällt mir an englischen Taxis: Man sitzt wie zu Hause im Wohnzimmer. Pardon, Salon.
Eine halbe Stunde später biegen wir in eine von heruntergekommenen kleinen Läden gesäumte Straße. Die bis auf einen Autoersatzteilladen allesamt geschlossen sind. Das Taxi bremst.
138 Welkin Way Road beherbergt eine Staubsaugerreparaturwerkstatt. Auf die Ziegelmauer links neben dem Schild hat jemand mit Sprühfarbe ASCHE ZU ASCHE, STAUB ZU geschrieben. Die Fenster sind blind. Mag sein, dass hier früher mal jemand gewohnt hat, aber jetzt steht das Haus leer.
Was wollten Sie denn hier.
Gar nichts. Fahren Sie.
 
Das mit den Schornsteinen ist vermutlich Zufall. Trotzdem. Hier der grobe Umriss des Humouse House:
027
 
Woran erinnert Sie das.
Cambridge liegt unter einer dünnen Schneedecke. Sämtliche Fahrradfahrer haben Metallklammern um die Hosenbeine. Ihre Vorderräder schlackern, weil sie beim Fahren entweder rauchen oder lesen. Wenn man sie nach dem Weg zum Humouse House fragt, antworten sie mit dem Akzent von meinem Dad, sie hätten keinen Schimmer. Oder sie sagen, das sei da drüben, über den Cam. Ah ja. Der Cam ist der Fluss, der Toff nur bis zur Hüfte reicht. Vielen Dank. Es ist zwar alles sehr nett, aber grau, und die intensive Farbe einer glühenden Zigarettenspitze raubt einem regelrecht den Atem.
Kein Starbucks weit und breit.
Ob Wedge da drin ist.
Als ich Leonel de Tigrel anrief, teilte mir sein Assistent Michael mit, Leonel sei bis Mai komplett ausgebucht.
Ich warf einen Blick auf die Liste in meiner Hand. Ähm. Sagen Sie ihm, wessen Tochter ich bin.
Wessen Tochter sind Sie denn.
Michael bat mich zu warten. In der Warteschleife lief Werbung für Duracell.
Und jetzt treffe ich mich mit Leonel de Tigrel, in demselben Pub, in dem Watson und Crick die DNA entdeckten. Die meisten Leute wissen nicht, dass die DNA in einem Pub entdeckt wurde – und was für eine wichtige Rolle Bier bei dieser Entdeckung spielte.
Ich wollte mich im Humouse House mit ihm treffen, aber er sagte Nein, er könne mich unmöglich ins Gebäude lassen, denn erstens habe er sich eine scheußliche Erkältung, wenn nicht gar eine unheilbare Form der Tuberkulose zugezogen, und zweitens hätten viele Mäuse menschliche Immunsysteme.
Wie praktisch. Ach übrigens: Ich habe auch ein menschliches Immunsystem.
Aber wir könnten uns in seinem Lieblingspub treffen, wo er jeden Tag ein flüssiges Mittagessen zu sich nehme.
Okay, sagte ich.
Er klang überdreht. Und verschnupft. Und ganz und gar nicht belgisch.
 
Dem Artikel habe ich entnommen, dass Leonel de Tigrel sich hauptsächlich von Bier und KitKat-Riegeln ernährt. Also habe ich ihm ein KitKat mitgebracht. Ich lege das KitKat vor mir auf den Tisch und bestelle eine Tasse Kaffee. Dann überfliege ich meine korrigierte Liste:
Audrey Flowers, Tochter von.
Wedge, erstaunliches Alter von.
Wedge, Herzfrequenz von, Oberkörperkraft von, umwerfendes Potenzial von.
Belgier, Komplize von.
Walter Flowers, Ihr Rachefeldzug gegen.
Toff, Ihre Bekanntschaft mit.
Sechs Punkte müsste ich eigentlich im Kopf behalten können, oder. Ja. Ich falte die Liste wieder zusammen und stecke sie in meine Tasche.
Abgesehen von einer Plakette auf dem Weg zum Klo prahlt das Pub nicht eben mit seiner ruhmreichen Vergangenheit. Ich versuche, mir vorzustellen, wie die Entdeckung der DNA vonstattenging. Haben sie Mikroskope mit ins Pub genommen. Oder war es reine Rechnerei. Haben Watson und Crick lediglich eine Gleichung gelöst, vielleicht sogar auf einer Serviette. Oder öffnete am Nebentisch jemand eine Flasche Wein, und als sie sahen, wie der Korkenzieher im Korken verschwand, hatten sie eine Vision der Doppelhelix. Aha!
An dem Tisch links von mir sitzen drei Stricker. Zwei junge Frauen und ein Mann. Studenten. Sie plaudern, ohne die Nadeln aus den Augen zu lassen. Hin und wieder halten sie inne und trinken einen Schluck Bier oder zupfen an ihren Wollknäueln herum. In dem Pub, in dem die DNA entdeckt wurde, sitzen Studenten und stricken. In dem Pub, in dem Leonel de Tigrel, Hanswurst, Heilsbringer oder was auch immer, jeden Tag ein flüssiges Mittagessen zu sich nimmt, sitzen Studenten und stricken.
Die Fülle des Lebens ist mitunter überwältigend.
 
Da kommt er. Er putzt sich die Nase. Ich winke. Er hebt den Ellenbogen zum Gruß. Geht schnurstracks zur Theke.
Er trägt ein Hawaiihemd und darüber einen dünnen grauen Pulli.
Scheußliche Erkältung, sagt er und setzt sich.
Ja, das haben Sie schon am Telefon gesagt.
Das mit Ihrem Vater tut mir leid.
Er trägt einen Pferdeschwanz, der aussieht, als sei er seit einem Monat nicht gebürstet worden. Und einen Bart, der aussieht, als habe er ihn vor der Tür erst gebürstet. Die Stricker interessieren ihn nicht die Bohne. Das KitKat dafür umso mehr.
Für Sie, sage ich und schiebe es ihm über den Tisch.
Wie aufmerksam.
Er ist spindeldürr. In dem Artikel stand, er praktiziere strikte Kalorienrestriktion. Anscheinend bringt beschränkte Nahrungszufuhr den Körper erst so richtig in Fahrt. Mit Hoffnung als Motor. Außerdem erhöht sich dadurch die körperliche Aktivität. Man entdeckt enorme Vorräte an ungenutzter Energie. Daher der unentwegte Hamsterdrang des Körpers.
Fressgierig ist das richtige Wort für seinen Blick.
Er lässt das KitKat in seinem Beutel verschwinden.
Das also ist der Erzfeind von meinem Dad.
Ja, sagt er, er habe meinen Dad recht gut gekannt. Sie hätten zusammen studiert. Einmal hätten sie sich zu Halloween als Watson und Crick verkleidet. Aber das sei ewig her.
Und hatten Sie noch Kontakt.
Nur in Form von Veröffentlichungen. Ich habe die Arbeit Ihres Vaters aufmerksam verfolgt.
Ach ja. Er Ihre nicht.
Er sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an, als fände er mich irgendwie komisch. Okay, Audrey. Sie sagten etwas von einer zwanzig Jahre alten Maus.
Als ich am Telefon erwähnte, ich hätte eine Maus, die fünf Mal so alt ist wie die älteste Maus im Humouse House, brach er nicht in schallendes Gelächter aus. Er sagte gar nichts und lud mich stattdessen zum Mittagessen ein.
Jetzt erzähle ich ihm alles über Wedge. Wie niedrig seine Herzfrequenz und wie kräftig sein Oberkörper sei. Dass er eine Glühbirne zum Glühen bringen könne. Dass ein Belgier, vermutlich sein, Tigrels, Komplize, zur Beerdigung von meinem Dad gekommen sei, und nun sei Wedge verschwunden.
Er nickt, als habe er nichts anderes erwartet. Dann sagt er: Es gibt keine zwanzig Jahre alten Mäuse, Audrey. Nein – er hebt die Hand -, ich will es anders ausdrücken. Vor zwanzig Jahren verfügten wir noch nicht über die nötige Technologie, um das Leben einer Maus um das Doppelte, geschweige denn das Fünf- oder Sechsfache zu verlängern. In zwanzig Jahren werden wir zwanzig Jahre alte Mäuse haben.
Mein Dad hatte die Technologie.
Ausgeschlossen.
Und wenn doch. Angenommen, Sie würden in den Besitz einer zwanzig Jahre alten Maus gelangen, zum Beispiel über einen belgischen Komplizen, könnten Sie dann feststellen, wie alt sie ist.
Seine Augen leuchten. Als sei urplötzlich ein KitKat am Horizont erschienen. Ja, sagt er.
 
Das Humouse House war ursprünglich ein Drosophila-melanogaster -Zentrum.
So eins hatten wir auch.
Leider sind Fruchtfliegen nicht unbedingt geeignet, die Fantasie der Öffentlichkeit zu beflügeln.
Da bin ich anderer Ansicht.
Die Spendabilität privater Sponsoren beflügeln sie jedenfalls nicht. Niemand hat auch nur das geringste Interesse daran, das Leben einer Fruchtfliege zu verlängern. Wenn man hingegen unverhohlen von menschlicher Unsterblichkeit spricht, und das nicht etwa im übertragenen Sinne, sondern von echter menschlicher Unsterblichkeit, dann werden die Leute nervös. Aber eine Maus. Eine Maus ist in Ordnung. Eine Maus ist niedlich. Wir haben Micky. Wir haben Mighty. Und wir haben Wedge, setzt er hinzu und prostet mir zu.
Bier Nummer drei.
Um Ihre Frage zu beantworten, sagt er – dabei habe ich gar keine gestellt -, ich verstehe das durchaus. Denken Sie doch nur einmal daran, welchen Aufwand wir getrieben haben, um mit dem Tod fertig zu werden, wie man so sagt. Religion und Kunst, und das seit Tausenden von Jahren. Und dann kommt plötzlich so ein bärtiges Kerlchen daher und sagt, es war alles umsonst. All die geistigen Purzelbäume über dem Abgrund. Überflüssig. Oder sagen wir so. Stellen Sie sich vor, sie werden von einem Mann mit Pistole verfolgt und finden sich am Rande einer hohen Klippe wieder. Sie können entweder springen oder sich erschießen lassen. Sie beschließen zu springen. Und kaum haben Sie diesen Entschluss in die Tat umgesetzt und rudern hilflos mit den Beinen, sagt jemand am Rand der Klippe – nicht der Mann mit der Pistole, sondern ein freundliches Kerlchen mit Bart: Ach übrigens, das hätten Sie sich sparen können.
Er hält inne.
Ich hätte wahrscheinlich nicht übel Lust, das bärtige Kerlchen zu erschießen, sage ich.
Leonel de Tigrel lacht und zieht ein Papiertaschentuch aus dem Ärmel. Also, mir hätte es vollauf genügt, wenn Sie ihn einen Quatschkopf nennen. Aber gut. Wenn Sie ihn lieber erschießen möchten. Da plötzlich. Auftritt: die Maus. Die Maus versetzt Sie blitzartig in das natürlich-Stadium. Im natürlich-Stadium wird Ihnen bewusst – oder, besser, erinnerlich -, dass man natürlich gar nicht sterben muss. Hatten Sie nicht schon immer den Verdacht, dass es da einen Ausweg gibt, ein Hintertürchen. Haben Sie nicht schon als Kind gehofft, dass noch zu Ihren Lebzeiten ein technologisches Wunder geschieht, das es Ihnen erspart, den Weg allen Fleisches zu gehen. Den Weg, den Milliarden vor Ihnen gegangen sind. Natürlich gibt es eine Zauberformel. Und natürlich wird ein bärtiges Kerlchen wie ich diese Formel eines Tages finden. Wenn nämlich Leben prinzipiell möglich ist, warum soll es dann nicht auch möglich sein, am Leben zu bleiben. Letzteres ist unter Umständen sogar leichter zu bewerkstelligen als Ersteres.
Er putzt sich die Nase. Er spricht ziemlich laut. Vielleicht sind seine Ohren verstopft.
Und diese Prognose ist mitnichten aus der Luft gegriffen, fährt er fort. Denn Leben ist letztlich das Einzige, worauf der Körper sich versteht. Mehr noch, der Körper trägt die Erinnerung an seine Jugend in sich. Und dieses Wissen um das Geheimnis der Jugend ist in jeder unserer Zellen gespeichert. Wir müssen lediglich ihr Gedächtnis auf Trab bringen und die Zellen dazu animieren, in ein früheres Stadium zurückzukehren.
Ja, aber was ist, wenn der Körper auch die Erinnerung an seinen Tod in sich trägt.
Er lehnt sich stöhnend zurück, als ob er sagen wollte: Jetzt haben Sie’s mir aber echt gegeben, Audrey Flowers. Warum sollte der Körper sich erinnern können, wie es ist, nicht zu existieren.
Ich kann mich dunkel erinnern, wie es ist, nicht zu existieren.
Blödsinn. Aber egal. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen, dass Sterben etwas Natürliches ist. Und dass es unnatürlich ist, das Leben zu verlängern.
Wollte ich das wirklich sagen. Ich glaube nicht, dass ich das sagen wollte.
Ich hingegen sage Ihnen: Wenn ich vor fünfhundert Jahren gelebt hätte, wäre ich längst tot. Spätestens mit vierzig hätte mein Körper sich »erinnert«, wie man stirbt. Heute »erinnert« er sich erst mit achtzig. Was ist in der Zwischenzeit passiert. Haben wir vergessen, wie man rechtzeitig stirbt. Oder haben wir gelernt, länger zu leben.
Die Stricker am Nebentisch haben das Stricken eingestellt. Zum Wohl, sagt Leonel und hebt sein Glas.
 
Ich stütze den Kopf in die Hand und höre ihm zu. Mein Kaffee ist kalt. Er kommt mir vor wie eine überlebensgroße Ausgabe von meinem Dad. Die Palmen am Kragen, der seinen Bart umrahmt, machen mich ganz kirre. Ich versuche, das Gespräch wieder auf Mäuse zu lenken, insbesondere auf Wedge, und er lässt einen Vortrag zur Herkunft des Wortes Muskel vom Stapel. Das von Mus musculus kommt. Weil die alten Römer offenbar der Ansicht waren, dass der Oberarmmuskel im angespannten Zustand aussieht, als ob eine kleine Maus unter der Haut gefangen sei.
O Gott, hoffentlich führt er mir das nicht auch noch vor.
Da kommt Bier Nummer vier.
Doch, er zieht seinen dünnen grauen Pulli aus, unter dem das kurzärmelige Hawaiihemd zum Vorschein kommt. Seine Arme sind spindeldürr. Am besten gar nicht hinsehen. Trotzdem bringt er eine winzige Mus musculus zustande. Um Himmels willen. Schauen Sie. Die alten Römer glaubten, diese Sehne ähnele einem Mäuseschwanz. Er deutet auf ein seilartiges Etwas an der Innenseite seines Ellenbogens. Sehen Sie.
Ja, ich seh’s, sage ich. Ziehen Sie Ihren Pullover wieder an. Sonst holen Sie sich noch den Tod.
Er zieht seinen Pullover wieder an und stiert in sein Bier. Wenn eine Maus Schmerzen hat oder im Sterben liegt, versteckt sie sich, sagt er nach einer kurzen Pause. Sie gräbt sich ein.
Was.
Früher haben Ihr Vater und ich nächtelang diskutiert.
Worüber.
Nichts Metaphysisches. Methoden. Er hielt nichts von Kalorienrestriktion.
Mein Glück, sage ich. Ich wende den Kopf. Zu einem zweiten Kaffee würde ich nicht Nein sagen, gesetzt den Fall, es käme jemand vorbei und böte mir einen an.
Aber dass er ausgerechnet Psychologe werden musste.
Dann standen Sie sich also nahe.
Nahe wäre zu viel gesagt.
Aber Sie haben sich als Watson und Crick verkleidet.
Watsons und Cricks gab es viele.
Ich frage mich, was das heißen soll. An Halloween. Oder was. Ich stelle mir zwei zu einer Doppelhelix verschlungene Männer vor. Ob ich einen Watson und Crick erkennen würde, wenn er mir auf der Straße entgegenkäme.
Leonel geht noch einmal zur Theke. Er verspricht, mir einen Kaffee mitzubringen.
Eine Strickerin beugt sich zu mir herüber und fragt: Ist das der Typ aus 60 Minutes.
Ich nicke.
Hab ich’s dir nicht gesagt, sagt sie und gibt ihrer Freundin unter dem Tisch einen Tritt.
Klick klick, machen die Nadeln.
 
Ich lege die Hände um eine dampfende Tasse frischen Kaffee, und schon geht es mir besser. Ich setze mich aufrecht hin. Während Leonel nach seinem fünften Bier langsam wieder nüchtern wird. Er scheint mich gerade erst bemerkt zu haben.
Walter Flowers’ Tochter, sagt er kopfschüttelnd.
Ich hebe die Hand. Hallo.
Er starrt auf meine Brust. Was wollen Sie denn mit der Stoppuhr.
Die ist ein Erbstück.
Was ihn nicht weiter zu verwundern scheint. Tja. Er sieht auf seine Armbanduhr. Dann will ich mal wieder. Die Arbeit ruft.
Arbeit.
Er leert sein Bierglas.
Kannten Sie den Bruder von meinem Dad.
Er wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. Nickt. Wir sind uns ein paar Mal über den Weg gelaufen. Jurastudent.
Nein.
Groß und schlaksig. Immer wie aus dem Ei gepellt.
Thoby.
Ja. Er zeigt auf mich. Aber damals hatte er so einen komischen Spitznamen.
 
Wie lange dauert es eigentlich, sich mit Tuberkulose anzustecken, ich bin nämlich ziemlich sicher, dass ich mir eine gefangen habe.
In der kleinen Spielzeugeisenbahn von Cambridge nach London sitze ich an einem Fenster, das nicht richtig schließt, aber statt mir einen anderen Platz zu suchen, hülle ich mich in den roten Fallschirm, was andere Fahrgäste als Zeichen der Solidarität mit einer Sportmannschaft zu deuten scheinen. Gereckte Fäuste. Schulterklopfen.
Im Gang steht ein Blindenhund mit einem Schild um den Hals: BITTE LENKEN SIE MICH NICHT AB.
Meine Augen brennen, und ich habe einen steifen Hals. Ich starre in den Himmel. Die Oberleitungen fließen ineinander und trennen sich auf wundersame Weise wieder. Das ist irgendwie schön.
 
Als ich aufwache, spüre ich keine Zukunft. Ich weiß nicht, wo ich bin. Piccadilly Circus oder Paddington Bär. Ich hasse diese Spielzeugnamen. In einem dunklen Winkel eines dunklen Bahnhofs steige ich aus. Tauben schieben sich durch das Gedränge wie Geschäftsreisende. Verzeihung, darf ich mal.
In meinen roten Fallschirm gehüllt, mache ich große Schritte. Die Frage ist nur: große Schritte wohin. Das kommt davon, wenn man nachmittags ein Schläfchen macht. Weshalb ich auf ein Nickerchen im Zug grundsätzlich verzichte. Ein schreckliches Gefühl. King’s Cross. Es ist schon ein Kreuz. Mit dem König. Und überhaupt.
Über Lautsprecher sagt eine Stimme: Haben Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt gelassen. Wenn ja, dann.
Scheiße. Mein Gepäck. Ich hetze zur Spielzeugeisenbahn zurück, wo meine Reisetasche mit sorgenvoller Miene auf mich wartet. Wo ist meine Besitzerin.
Hier. Tut mir leid.
Zurück in die Bahnhofshalle. Mit großen Schritten zu den Münztelefonen mit ihren überdimensionalen Hörern und bleischweren Telefonbüchern. Die Lautsprecherstimme sagt: Wenn Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt gelassen haben, werden wir es konfiszieren, und der König wird es foltern.
Eine Taube reitet auf einem Koffer an mir vorbei.
Was hat Hilly noch gleich gesagt. Als ich ihr mitteilte, dass ich meinen Onkel suche, sagte sie: Haben Sie schon mal im Telefonbuch nachgesehen. Was ich damals leidlich amüsant fand. Haha. Wenn es doch nur so einfach wäre. Hilly, alte Trulla. Was weißt du schon von meinem komplizierten Dasein.
Und wenn es tatsächlich so einfach ist. Denn wozu sind Bücher schließlich gut, wenn nicht zum Nachschlagen. Ich bin allein in London und habe bislang nichts und niemanden gefunden.
Ich schlage das Telefonbuch auf und schaue unter F. Flowers, T. Es gibt sechs T. Flowers. Einer wohnt nicht nur in Toffs mews. Sondern sogar in Toffs Haus.
 
Das Komische ist: Je näher man der Lösung eines Rätsels kommt, desto mehr hat man das Gefühl, dass man eigentlich nur alte Erinnerungen ausgräbt, statt neue Entdeckungen zu machen. Als würde man lediglich sein Gedächtnis auf Trab bringen.
Natürlich. Toff hat sich als Onkel Thoby ausgegeben. Natürlich.
Not amused, trabe ich Toffs mews entlang. Mit wehendem Fallschirm. Ich mache mir gar nicht erst die Mühe zu klopfen. Sondern falle gleich mit der Tür ins Haus.
Toff, brülle ich. Oder wie auch immer du richtig heißt.
Nur dass ich nicht bei Toff gelandet bin. Sondern bei Miss Blendend. Ich erkenne sie sofort, obwohl ihre Haare inzwischen trocken sind. Hoppla. Bitte vielmals um Entschuldigung. Diese Häuser sehen aber auch wirklich alle gleich aus. Wie Zähne. Finden Sie nicht.
Verpiss dich, aber dalli.
Gern. Aber wenn Sie etwas gegen Besuch aus Übersee haben, sollten Sie vielleicht die Tür abschließen.
Rums.
Toff wohnt drei Häuser weiter. Trab, trab. Mein Fallschirm erhöht den Luftwiderstand. Kein Wunder, dazu ist er schließlich da. Aber das erschwert die Sache doch erheblich.
Ich stoße die Tür auf. Toff! Oder wie auch immer du richtig heißt.
Hamlet kommt über den Flur auf mich zugetrottet. Das Knurren bleibt ihm im Halse stecken. Ach, du bist’s. Ja, ich bin’s. Sei brav. Er versperrt mir den Weg. Wendet den Kopf. Wirft einen Blick über die Schulter.
Toff kommt aus der Küche. Er trocknet sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und sieht aus, als habe er Besuch aus Übersee erwartet. Dann warst du also in Cambridge, sagt er.
Ja, ich war in Cambridge. Was willst du damit sagen.
Gar nichts.
Mist, verfluchter. Er überschätzt meine deduktiven Fähigkeiten. Er denkt, ich wüsste etwas, das ich nicht weiß. Das wirkt wie das sprichwörtliche rote Tuch auf den gleichnamigen Stier. Apropos: Er trägt wieder Halstuch und ein rotes noch dazu. Ich will ihn am halsbetuchten Schlafittchen packen und bekomme stattdessen sein Schlüsselbein zu fassen. Gibst du dich neuerdings als der Bruder von meinem Dad aus, weil du immer schon sein Bruder sein wolltest. Du hast wohl gedacht, weil Onkel Thoby in Neufundland ist, kommt dir niemand auf die Schliche.
Er steht mit dem Rücken zur Wand. Gütiger Himmel, Audrey.
Was.
Du erschreckst den Hund.
Ich schaue nach unten. Allzu weit muss ich nicht schauen. Hamlet ist praktisch auf Augenhöhe, mit gefletschten Zähnen. Ich lasse das Schlüsselbein seines Herrchens los. Und schon wedelt er wieder mit dem Schwanz. Hunde sind eben schlichte Gemüter.
Toff zupft sein Halstuch zurecht.
Ich lasse von ihm ab. Tut mir leid.
Das ist selbst für deine Verhältnisse ein ziemlich starkes Stück. Was willst du denn mit dem Umhang.
Das ist ein Fallschirm.
Na, dann ist ja alles klar.
Ich drücke mir die Handballen in die Augen. Ich fühle mich nicht gut.
Eine trockene Hand auf meiner Stirn. Du hast Fieber.
Ich nicke. Wahrscheinlich eine unheilbare Form der Tuberkulose.
Schau mich mal an, Audrey.
Ich schaue. Erst sehe ich nur schwarze Flecken. Dann rot. Was.
Warum sollte ich so etwas tun.
Was.
Mich als dein Onkel ausgeben.
Weil du meinen Dad geliebt hast und gern sein Bruder gewesen wärst.
Ja, das stimmt, sagt er. Das stimmt.
028
 
Toff bringt mir etwas Warmes zu trinken. Auf meine Frage, was das sei, sagt er: Erinnerst du dich noch an die Reklame mit dem Bernhardiner.
Dem was.
Schon gut. Das ist gegen Grippe und Erkältung. Und Tuberkulose.
Ich nehme die Tasse beidhändig entgegen.
Wir setzen uns aufs Sofa. Er fragt, wie es mit Großmutter gelaufen sei.
Mäßig.
Und mit Leonel de Tigrel.
Mäßig.
Ach, Audrey.
Ich sehe ihn an. Du bist alles, was mir noch geblieben ist, Toff. Du musst mir sagen, wo er ist.
Ich weiß es nicht.
Du siehst aus wie jemand, der es weiß.
Hast du schon mal daran gedacht, dass er vielleicht gar nicht gefunden werden will.
Unsinn. Tu nicht so, als ob du ihn besser kennen würdest als ich. Ich warne dich.
Hamlet steckt seine Nase in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen. Toff stößt ihn beiseite.
Großmutter hat gesagt, er ist nach Hause gefahren.
Dann hat er das vermutlich auch getan.
Nach Hause mit seinem Ölzweig. Eine Träne fällt in mein Zitronengetränk.
Nein, nicht, sagt Toff. Weinen. Bitte.
Mein Gerstenkorn, mein blaues Auge und nicht zuletzt dieses Gebräu treiben mir die Tränen in die Augen. Ich weine nicht.
Er drückt mir ein Papiertaschentuch in die Hand.
Danke. Zu gütig.
Ich bin ein Esel, sagt er nach einer kurzen Pause.
Ja. Je nun. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.
Er sieht mich an. Nickt. Langsam.
Wo ist zu Hause. Sein Zuhause.
In Cornwall. Verzeih mir, geliebter Bruder.
 
In Toffs Gästezimmer ist es warm. Ich krieche unter die Decke. Ich bin auf einmal so müde. Vielleicht hat er mich vergiftet. Er hat gesagt, er würde morgen mit mir kommen. Ans Ende von England. Morgen. Denn erstens fahren heute Abend keine Züge mehr. Und zweitens muss ich schlafen. Und den Fallschirm ausziehen.
Ich habe die Tür angelehnt gelassen.
Ich weiß nicht, wie Toff mit Nachnamen heißt. Das wusste ich noch nie. Nur ist mir bis heute nicht aufgefallen, dass ich es nicht weiß. Ist das normal. Und werde ich morgen früh noch wissen, dass ich es nicht weiß. Oder ist die Tatsache, dass es mir aufgefallen ist, nur eine Nebenwirkung des Heißgetränks. Ich übernachte bei jemandem, dessen Nachnamen ich nicht kenne. Ich schließe die Augen und sehe Onkel Thoby auf dem imaginären Stuhl sitzen, mit Stricken gefesselt und in güldenes Licht getaucht. Oddly!
Ich werde dich finden.
Und wie üblich registriere ich erst mit beträchtlicher Verspätung, was Leonel de Tigrel gesagt hat. Denn er hat zwar zwei Stunden pausenlos geredet, aber eigentlich nur das gesagt, was jetzt, zehn Stunden später, endlich bei mir ankommt: Wenn eine Maus Schmerzen hat oder im Sterben liegt, versteckt sie sich. Sie gräbt sich ein.
Knarrend öffnet sich die Tür. Und Hamlet kommt herein. Wie ich insgeheim gehofft hatte. Er wird doch wohl nicht zu mir aufs Bett klettern. Das könnte nämlich ungemütlich werden. Nein. Er steht einfach da, legt das Kinn auf meine Brust. Und schläft ein.
 
Die südenglische Landschaft sieht aus wie eine zerknitterte Decke, bei der die Nähte durchschimmern. Hecken gehören ins Freie, Dad. Warum wusstest du das nicht. Ponys galoppieren im Wolkenschatten. Mal scheint die Sonne, mal regnet es. Der Zug zuckelt gen Süden, zum Fußende des Bettes.
Ziel: Penzance.
Als Toff Penzance sagte, hielt ich das zunächst für einen Scherz. Penzance. À la die Piraten von.
Ja.
Aber Penzance gibt es doch gar nicht wirklich, oder.
Toff sitzt mir gegenüber und trägt ein gelbes Halstuch mit kleinen blauen Tupfen. Wir sitzen im Speisewagen. Wenn er aus dem Fenster sieht, ist er eine Spielkarte. Ein an der Hüfte abgeschnittener Bube, pardon, Bauer.
Meine Stirnhöhlen sind zu. Wir bestellen Kaffee. Auf der anderen Seite des Ganges spricht ein Mann laut in sein Handy.
Toff hat einen Brief geschrieben. Er verschließt ihn in einem Umschlag, ohne diesen zu adressieren. Ist der pour moi. Nein. Pour qui. Er liegt zwischen uns auf dem Tisch.
Der Mann mit dem Handy nennt seine Kreditkartennummer. Dem gesamten Speisewagen. Ich schnappe mir Toffs Stift und notiere sie auf meiner Serviette. Ob er auch noch das Ablaufdatum nennt. Ja. Was für ein Trottel.
Audrey.
Was.
Accent-grave-Augenbrauen.
Kann man vielleicht noch mal gebrauchen, sage ich.
Wir müssen uns über Geld unterhalten.
Nein.
Du bist bestens versorgt.
Wenn du mir schon wieder mit so einem blöden Testament kommst, schütte ich meinen Kaffee darüber.
Wie du willst.
Ein heftiger Windstoß erfasst den Zug. Das Fußende des Bettes ist jetzt nicht mehr weit. Wer hätte gedacht, dass es in England Palmen gibt. Wir halten vor einer gelb getünchten Backsteinmauer mit der Aufschrift St. Erth.
Toff sagt: Ich gehe nur eben eine rauchen.
Von wegen. Ich greife über den Tisch, um ihn an seinem Halstuch festzuhalten, und stoße stattdessen seinen Kaffee um. Scheiße.
Ich bitte dich, Audrey. Oder hast du Angst, dass ich vom St. Erthboden verschwinde.
Haha.
Er verlässt den Waggon.
Ich wische den Kaffee auf. Er hat seinen Aktenkoffer mitgenommen. Und den Umschlag liegen lassen. Moment mal. Ich stehe auf.
Er steht draußen und zündet sich eine Zigarette an. Und macht wie alle Raucher eine hohle Hand. Sein Halstuch flattert im Wind. Ich ziehe das Fenster herunter. Steig wieder ein.
Er blickt auf.
Steig wieder ein.
Ich warte hier auf dich.
Was soll das heißen, du wartest hier auf mich.
In St. Erth, sagt er.
Wie lange.
So lange wie nötig.
Das ist wirklich lieb von dir, Toff. Aber jetzt steig wieder ein.
Der Zug setzt sich in Bewegung.
Aber ich weiß doch gar nicht, wohin.
Es ist nur noch eine Station, sagt er. Steig an der nächsten Station aus.
Ich setze mich wieder und sehe ihm nach, bis er verschwunden ist. Ich nehme den Umschlag. Pour moi. Für wen sonst. Endlich kommen wir der Sache auf den Grund. Bin ich bereit, der Sache auf den Grund zu gehen.
Liebe Audrey,
Du hast mich gefragt, ob ich Deinen Onkel ent-
führt, ihm gedroht oder eventuell etwas gesagt
habe, das ihn bewogen haben könnte, Dich zu ver-
lassen. Ich habe diese Frage verneint. Dabei ist es
durchaus möglich, dass ich das eine oder andere ge-
sagt habe – Drohungen und Gemeinheiten, die ich
inzwischen bereue. Wenn Du ihn besuchst, richte
ihm bitte aus, dass es mir leidtut und ich das, was
ich für ihn und Walter getan habe, jederzeit wie-
der tun würde. Er weiß dann schon, was ich meine.
Ich bin immer für Dich da.
Dein
Toff
Penzance liegt am Ende von England. Kaum hat man St. Erth verlassen, ist man auch schon in Penzance. Hier gibt es weiße Strände mit Palmen, die aussehen wie umgestülpte Schirme. Das Meer streut einem weiße Perlen vor die Füße. Willkommen, willkommen, armes Waisenkind.
Penzance gibt es also wirklich. Ich bin in der Onkel-Thoby-Biografie von meinem Dad gelandet. Folglich muss Onkel Thoby hier sein. Biografie-Regel Nummer Eins.
Ich gehe durch die verschlungenen Straßen, die aus der Luft betrachtet das Wort PENZANCE ergeben. Ich beschirme die Augen mit der Hand. Und suche die Strände nach einer asymmetrischen Silhouette ab. Der Wind ist kalt und stürmisch. Der Himmel färbt sich dunkel. Wo. Wo ach wo soll ich nur suchen.
Ich komme zu einem Pub namens’Tis Mabel’s. Es erinnert mich an das Bebe’s bei uns zu Hause. Im Kamin brennt ein Feuer. Die Frau hinter der Theke hat Puffärmel. Sie trocknet ein Glas ab. Sie stellt das Glas weg und sieht mich an. Arme Wandergesellin, sagt sie.
Wie bitte.
Sie sehen so verloren aus.
Je nun. Ich suche jemanden.
An der Theke sitzt niemand, aber durch einen Türbogen gelangt man in einen Nebenraum, wo eine Gruppe von Männern Darts spielt. Ich schlendere in den Nebenraum. Schenkt ein den Piratensherry. Füllet das Piratenglas. Sie alle klingen wie Onkel Thoby. Aber er ist nicht dabei.
Da plötzlich schwant mir etwas: Wenn in Cambridge alle klingen wie mein Dad und in Penzance alle klingen wie Onkel Thoby, und wenn die Leute in Cambridge anders klingen als die Leute in Penzance, dann klingen mein Dad und Onkel Thoby ganz verschieden. Das nennt man einen Syllogismus.
Mabel, nehme ich einfach mal an, tritt neben mich. Wen suchen Sie denn, Schätzchen.
Ein Mann, bei dem ein Arm länger ist als der andere.
Sie legt den Kopf schief. Wilfred.
Ich setze mich an die Theke, während sie mir eine Skizze zeichnet. Hier, essen Sie. Sie stellt mir einen Teller Suppe hin. Is’n langer Weg, sagt sie, und es liegt Schnee.
Schnee. Wie kann Schnee liegen, wenn hier Palmen wachsen.
Volle fünf Zentimeter, sagt sie. Und wir haben nur drei Pflüge.
Reicht das nicht.
Drei für ganz Cornwall, sagt sie.
Ich schaue auf die Skizze. Tremorden Lane. Sie liegt am äußersten Ende des E in PENZANCE. Auf einem Hügel. Mit Blick auf einen Strand.
Obwohl ich sie nicht angerührt habe, bezahle ich die Suppe.
 
Draußen fängt es an zu schneien. Große, wunderschöne Flocken. Ob ich je wieder Schnee sehen werde, der auf Palmen fällt. Dazu müsste ich mir schon eine Penzance-Schneekugel kaufen. Aber wie soll ich diese Schneekugel nach Hause kriegen.
Es ist dunkel. Die Straßenlaternen gehen an. Mein Schatten flattert über das Kopfsteinpflaster. Meine Tasche schaukelt. Über einem Laden weht eine Piratenflagge. Um mir Mut zu machen, summe ich das Lieblingslied von meinem Dad, das Lied des Modernen Generalmajors:
Ich kalkuliere auf die Schnelle Sinus, Tangens,
Kosinus
 
Und rechne spielend Grade um von Fahrenheit in
Celsius.
 
Sofort hebt sich meine Laune. Ich werde ihn finden, Dad. Er ist hier. Er hat sich eingegraben, aber es ist noch nicht zu spät. Ich beschleunige meine Schritte.
Es ist ein steiler Aufstieg zur Tremorden Lane. Oben stehen eine Feldsteinmauer und eine Reihe dunkler Häuser. Sommerhäuser. Sind die überhaupt beheizt. Keine Nummern. Ich werde an jede Haustür klopfen müssen.
Unter mir liegt der Strand. Das Meer markiert den starken Mann. Schneeflocken wirbeln.
Ich finde es unvorstellbar, dass Onkel Thoby, unser Onkel Thoby, in einem dieser dunklen Häuser sein soll. Trotzdem. Möglich ist es. Er ist hier. Er muss hier sein. Ich klopfe an die erste Tür. Keine Reaktion. Weiter zur nächsten. Keine Reaktion. Und zur nächsten. Es sind insgesamt acht Häuser, aber nirgends macht jemand auf.
Nur nicht den Mut verlieren.
Ich gehe zurück zum ersten Haus und versuche, die Tür zu öffnen. Verschlossen. Die nächste. Verschlossen. Die dritte. Unverschlossen. Ich gebe der Tür einen Schubs und komme in eine Küche. Flaschen klirren über den Boden. Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Auf der Anrichte liegt ein orangenes Handschuhpaar. Onkel Thoby, rufe ich.
Ich komme in ein Wohnzimmer. Er liegt auf dem Sofa und schläft. Tief und fest. Aber er atmet.
Ich sinke neben ihm auf die Knie. Im schummrigen Licht sieht er irgendwie bläulich aus. Mit dunklen Ringen um die Augen. Ich streiche ihm die Haare zurück. Er sieht aus wie jemand, der gerade seinen Bruder verloren hat. Er sieht aus wie jemand, der gerade seine große Liebe verloren hat.
 
Onkel Thoby. Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe. Öffne die Augen. Bitte. Es tut mir leid. Ich bin in ein Abenteuer geraten. Ich musste ein Rätsel lösen. Ich hatte Angst.
Sei nicht wie die Maus, die sich zum Sterben eingräbt. Oder wie der Pilot, der seine Maschine mit letzter Kraft zu einer einsamen Insel fliegt, um dort heimlich, still und leise abzustürzen. Flieg Qantas. Sei vorsichtig. Sei Onkel Thoby.
Wach auf.
Übrigens, ich hätte da noch eine Frage. Bist zu bereit. Los geht’s. Warum hast du mich verlassen.
Weil ich der Tropfen war, der dein Fass zum Überlaufen brachte, oder
weil Toff gesagt hat: Genug ist genug, das Spiel ist aus, oder
weil du dich mit Großmutter versöhnen wolltest oder
weil du dich an einen Ort zurückziehen musstest, wo mein toter Dad nicht um dich war, oder
weil du Angst hattest, vor meinen Augen abzustürzen.
Beantworte meine Frage.
Es ist meinetwegen, stimmt’s. Es ist meine Schuld.
Wenn es aber nicht meine Schuld ist – und ich eine Falschaussage treffe -, dann musst du sofort aufwachen und mich korrigieren. Dann musst du sofort aufwachen und mir sagen, dass es nicht meine Schuld ist.
Direktor Grün, weißt du noch, wenn wir Cluedo spielten, und mein Dad klagte jemanden an – zum Beispiel Frau Weiß -, und er sah in den Umschlag, und es war gar nicht Frau Weiß, dann wurde er fuchsteufelswild und unterstellte uns, Frau Weiß gestohlen und versteckt zu haben. Weißt du noch. Dabei hatte gar niemand Frau Weiß. Niemand hatte geschummelt. Okay, manchmal habe ich schon geschummelt. Manchmal machte es einem dein langer Arm nicht allzu schwer, dir in die Karten zu schauen. Und manchmal, wenn ich wegen dringender Geschäfte aus dem Zimmer ging, warf ich unterwegs einen verstohlenen Blick auf den Punktezettel. Aber sonst ging alles mit rechten Dingen zu. Sonst war alles koscher. Und ich war eine ziemlich gute Cluedo-Spielerin, obwohl ich mich standhaft weigerte, zu würfeln und die fünf Zimmer abzuklappern, in die ich nicht springen konnte.
Weißt du noch.
Aber manchmal verschwand auch eine Karte. Manchmal fiel eine Karte auf den Boden. Und wir waren so sehr in das Spiel auf dem Tisch vertieft, in das nudelholzplattgewalzte Haus, das dem Haus in England, dem mein Dad entkommen war, so ähnlich sah, dass wir alles um uns herum vergaßen, den Fußboden, das Haus, ja sogar die Welt unter dem Tisch, die womöglich neue, unbekannte Rätsel barg.
Ich jedenfalls.
Denn ich war in Gedanken ganz und gar auf dem Brett. Ich hüpfte. Und ich gebe es zu: Ich schummelte. Wenn auch nur ein klitzekleines bisschen.
Und wo war Frau Weiß.
Ich rutschte von meinem Stuhl, und da lag sie, auf dem Boden. Als ich mich bückte, um sie aufzuheben, sah ich, wie meine beiden Gegenspieler unter dem Tisch Händchen hielten. Was nicht zum Spiel gehörte.
Ich schnappte mir die Karte und sprang von Freude überwältigt auf. Was war der Grund für diese Freude. Die Entdeckung der verschollenen Karte, dachte ich. Guckt mal! Guckt mal, was ich gefunden habe! Aber mit der Entdeckung der verschollenen Karte hatte diese Freude nichts zu tun. Verstehst du. Ich war aus einem ganz anderen Grund so froh.
Ich schüttele den Kopf. Weißt du, als ich deine Nachricht das erste Mal gelesen habe, dachte ich, du wärst nur rasch Schlagsahne oder Clipart kaufen gegangen. Ist das nicht komisch. Ich meine, wer kauft schon Clipart. Deine Schrift ist aber auch wirklich schwach. Oder hat zumindest ihre Schwächen. Das Einzige, was ich entziffern konnte, war demnächst. Das konnte ich entziffern. Nur: Wie lange ist demnächst. Wie lange würde es dauern, bis du wiederkommst. Oder stand Wiederkommen nicht auf deiner Liste.
Warum stand Wiederkommen nicht auf deiner Liste.
Ich schaue aus dem Fenster. Der Schnee sprenkelt die Luft mit weißen Tupfen. Sieh mal, Schnee, der auf Palmen fällt. Sieh doch, Onkel Thoby. Hast du so etwas schon mal gesehen.
Keine Antwort.
Warum gibst du mir keine Antwort.
Langsam hebt und senkt sich seine Brust.
Ein altes Sprichwort lautet: Lenk das Flugzeug in eine andere Richtung. Lenk das Flugzeug in meine Richtung. Weißt du noch.
Du wirst es nicht glauben, aber Wedge ist verschwunden. Wedge ist weg, und ich habe eine internationale Suchaktion gestartet und mich allerhand Gefahren ausgesetzt. Ich bin mit Schrammen und blauen Flecken förmlich übersät. Sieh mich an. Sieh mir ins Gesicht. Ich bin fast genauso ein Wrack wie du. Sieh mich an. Bitte wach auf.
Okay, letzte Karte.
Ich weiß, wer du bist, Direktor Grün. Mr. Moss. Ich weiß, dass du meinen Dad überhaupt nur meinetwegen kennengelernt hast. Ich weiß, dass du meinen Brief beantwortet hast. Danke, dass du meinen Dad geliebt hast. Danke, dass du zu uns gezogen bist.
Spätestens jetzt müsstest du eigentlich die Augen öffnen. Öffne die Augen, Onkel Thoby.
Er öffnet die Augen nicht.
 
Ich schlafe auf dem Boden vor dem Sofa ein, mit dem Kinn auf seinem Arm, so ähnlich wie Hamlet gestern Nacht. Ich spüre seinen Puls im Unterkiefer. Eisige Luft sickert durch die Wände. Es gibt keine Heizung. Keine Heizungsschlitze. Hast du mich deswegen nicht rufen hören.
 
Ich wache auf, als die Schaufel eines Schneepflugs über das Kopfsteinpflaster schrammt. Beten Sie, dass Sie dieses Geräusch niemals hören müssen.
Onkel Thoby bewegt den Arm. Öffnet die Augen. Schließt sie wieder. Macht sie wieder auf, weiter diesmal. Wir starren uns an. Er sagt kein Wort. Dann zieht er sich an der Rückenlehne des Sofas hoch.
Hallo.
Herr im Himmel.
Du bist wach.
Ich habe eine Montage, dass Oddly Flowers hier ist.
Von wegen Montage.
Fräulein Ming im roten Umhang.
Fallschirm, um genau zu sein.
Wie, um alles in der Welt …
Ich stehe auf und schlinge ihm die Arme um den Kopf. Ich erzähle ihm, dass ich eine bewegende Rede an seinem Sofa gehalten habe. Ob er sich daran erinnern könne.
Er schüttelt den Kopf.
Ich glaube doch.
Und ich glaube, mir wird schlecht, sagt er. Er steht auf und geht ins Badezimmer. Ich horche auf entsprechende Geräusche, aber es bleibt alles ruhig.
Die Sonne fällt durchs Vorderfenster und spiegelt sich funkelnd in den vielen Flaschen. Wenn ihr Anblick mir nicht solche Angst einjagen würde, fände ich sie schön. Ich schaue mich um. Neben dem Wohnzimmer ist das Schlafzimmer. Das Bett sieht aus wie ein Bett, in dem schon lange niemand mehr geschlafen hat. Auf dem Boden steht ein Heizlüfter, die Sorte mit Spiralen, die orange glühen, wenn sie heiß werden. Ich schaue an die Decke. Kein Feuermelder.
Onkel Thoby.
Aus dem Badezimmer: Alles in Ordnung.
Als er wiederkommt, sind seine Augenbrauen ganz struppig und zerzaust.
Ach, Odd.
Schon gut.
Mit dir habe ich nun gar nicht gerechnet.
Hättest du mich je angerufen.
Nicht in diesem Zustand.
In diesem Zustand. Und wie lange hält dieser Zustand schon an. Wie lange hält man diesen Zustand aus. Ob er denn nicht wisse, dass ich eine Karyatide sei. Eine was. Eine Karyatide. Eine Säule der Gesellschaft. Eine starke Stütze. Ach so, Liebes, ja, jetzt weiß ich, was du meinst. Dann lass mich die Tide heben. Die Tide. Die Decke.
Er setzt sich neben mich. Hält sich die Augen zu. Oddly.
Ja.
Was ist mit deinem Gesicht passiert.
Ein Gerstenkorn.
Aber wer hat dich geschlagen.
London.
Ach, Liebes.
Nicht weinen.
Ich weine nicht.
Doch, du weinst. Außerdem habe ich Tuberkulose. Aber keine Angst.
Es tut mir leid, sagt er. Es tut mir leid, dass ich nicht da war, um auf dich aufzupassen.
Und was ist mit dir, sage ich. Wer passt auf dich auf in diesem Pulverfass ohne Feuermelder.
 
Penzance liegt wunderschön am Meer, hieß es in der Onkel-Thoby-Biografie von meinem Dad. Er hatte recht. Der Strand unterhalb von Onkel Thobys Haus ist breit und weiß. Fünf Zentimeter Schnee bedecken den Sand. Die Palmen flattern schwarz. Wir gehen erst ein Stück die Tremorden Lane entlang und folgen dann einem schmalen Pfad hinab zum Strand.
Er will wissen, wie ich ihn gefunden habe. Deduktives Denken, sage ich. Oder auch induktives. Er sieht mich fragend an. Was, sagt er. Vergiss es. Sagen wir einfach, ich habe aus dem Füllhorn der Weisheit getrunken, und belassen wir’s dabei. Stimmt, sagt er. Okay.
Es ist windig und kalt. Ich bin in meinen Fallschirm gehüllt. Onkel Thoby trägt einen Mantel, den ich noch nie gesehen habe, und seine orangenen Handschuhe.
Am Strand gibt es zwei ausgewaschene Felsbrocken, die wie riesige Schildkröten aussehen. Man kann in ihnen sitzen wie in einem Lehnsessel. Sie sind sanft und glatt wie das Meer. Dabei ist das Meer heute weder sanft noch glatt. Im Gegenteil. Es ist grün und aufgewühlt wie ein verdorbener Magen.
Onkel Thoby befreit die Felsbrocken vom Schnee, und wir setzen uns.
Seine Beine zittern. Der Wind verweht seine Piratenhaare. Er sieht aus, als ob er abgenommen hätte. Isst er richtig. Als wir aus dem Haus kamen, stand ein Korb mit Lebensmitteln draußen auf der Treppe. Von Mabel, sagte er. Penzance hegt und verpflegt seine Piraten.
Schön. Und vielleicht sogar ganz gut. Aber wer ist Mabel. Nicht ich. Nicht verwandt und nicht verschwägert. Und hier ist nicht zu Hause.
He, guck mal, sage ich und zeige mit ausgestrecktem Arm zum Horizont. Guck mal, da ist Neufundland.
Frankreich, um genau zu sein.
Und wenn schon. Ich klopfe den Schnee von meinen Stiefeln.
Oddly …
Ich komme mir vor wie am Ende einer Shirley-MacLaine-Biografie.
Er nickt. Dann: Hast du überhaupt eine Shirley-MacLaine-Biografie zu Ende gelesen.
Nein. Aber sie kann eigentlich gar nicht anders aufhören. Wir beide am Strand, nachdem ich dich gerettet habe. Und dann gehen wir nach Hause.
Seine orangenen Handschuhe wandern langsam Richtung Knie. Oddly.
Fehlt eigentlich nur ein Hund. Dessen Ohren im Wind flattern.
Odd.
Wehe, du sagst, was ich denke, dass du sagen willst.
Ich kann nicht mit nach Hause kommen.
Dann gehe ich auch nicht.
Odd.
Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich hier allein lasse, damit du dich in der Delirium Tremens Lane eingraben kannst.
 
Vor vielen Jahren ist mein Dad genauso hierhergekommen wie ich, nur ohne den roten Umhang. Quasi über Nacht. Weil Onkel Thoby ein kleines Problem hatte. Weißt du noch. Ja. Also, eigentlich war es sogar ein ziemlich großes Problem. Er hatte nämlich seinen Job verloren. In Heathrow. Ja, in Heathrow. Außerdem hatte er Ärger mit der Polizei. Was denn für Ärger. Nun ja. Ich hatte meinen Führerschein abgeben müssen. Belassen wir’s dabei.
Damals wohnte er in London und versuchte, sein Leben in den Griff zu kriegen. Und eine Zeit lang schien tatsächlich alles gut zu gehen. Eine Zeit lang dachte er, er könne es schaffen. Er korrespondierte mit meinem Dad, und diese Korrespondenz hielt ihn über Wasser.
Aber dann hatte er einen Rückfall. Er stürzte ab. Er ging nach Penzance zurück. Er schlief tagaus, tagein. Und so kam mein Dad quasi über Nacht hierher. Und wenn der Richtige ans Bett des Schlafenden tritt, öffnet der Schlafende die Augen. Regel Nummer Eins.
Mein Dad hat dich gerettet.
Nein, ihr beide, sagt er. Ihr beide habt mich gerettet.
 
Die Schatten der Palmen werden länger. Wir sitzen da und sehen aufs Wasser. Komisch, wie bequem so ein Felsbrocken sein kann.
Du musst mit mir nach Hause kommen, sage ich. Wedge ist verschwunden.
Onkel Thobys Augenbrauen schnellen himmelwärts.
Ja, sage ich. Wedge ist verschwunden. Entführt. Gekidnappt. Leonel de Tigrel war mein letzter Verdächtiger, und er war leider nicht der, für den ich ihn gehalten hatte. Ich dachte, er wäre dieser komische Löwenheini auf der Beerdigung von meinem Dad.
Welcher Löwenheini.
Eben. Ich habe keine Ahnung.
Onkel Thoby sagt, Wedge sei sicher irgendwo im Haus.
Aber ich habe alles auf den Kopf gestellt.
Sieht Verlaine zu Hause nach dem Rechten.
Ich schaue ihn an. Nicke.
Er taucht schon wieder auf.
Und du, frage ich. Wann tauchst du wieder auf.
Er steht auf. Komm, sagt er.
Gleich.
Er marschiert los. Komm.
Nein.
Ich sitze in meinem Felsen und warte darauf, dass er zurückkommt. Aber er kommt nicht. Er kommt nicht. Er geht einfach weiter. Und weil ich das auf den Tod nicht ausstehen kann, springe ich auf und laufe ihm nach. Aber jetzt habe ich Gegenwind, und der bauscht meinen Fallschirm. Hilfe. Er will mich in den Himmel heben und ohne dich nach Hause tragen. Und das kannst du doch unmöglich wollen. Dass er mich ohne dich nach Hause trägt.
Ich strecke die Hand aus und ergreife seinen Arm. Ist es wegen Toff. Dann tut es ihm nämlich leid. Er hat gesagt, ich soll dir sagen, dass es ihm leidtut. Er wartet in St. Erth auf uns.
Onkel Thoby bleibt stehen. Was.
Er wartet in St. Erth mit einem Ölzweig.
Toff ist in St. Erth.
Ich nicke.
Seit wann.
Ich schaue auf meine Stoppuhr. Ähm. Keine Ahnung. Gestern Nachmittag.
Ach, Oddly.
Ach, was.
Gib endlich Ruhe und fahr nach Hause.
Nicht ohne dich.
Er rafft mir den Fallschirm um die Schultern.
Ich sehe in sein Gesicht. Klammere mich an seine Arme. Du bist hierhergekommen, um unterzutauchen. Zu verschwinden.
Er schüttelt den Kopf. Nein.
Ich nicke. Doch.
Er lässt den Kopf hängen.
Warum, frage ich.
Er sieht mich nicht an.
Schon gut. Ich weiß.
Ich brauche schlicht und einfach etwas Zeit, Oddly.
Ich sehe ihm ins Gesicht. Tief in die Augen. Ich will nicht, dass du verschwunden wirst. Versprich mir, dass du wiederkommst. Du musst es mir versprechen.
 
Wir gehen zurück zum Haus. Meine Reisetasche habe ich in einer Ecke des Wohnzimmers geparkt. Durch das Vorderfenster sehe ich Onkel Thoby, der draußen auf der Feldsteinmauer sitzt und wartet. Und wenn ich mich einfach weigere, nach Hause zu fahren. Und mich an den Couchtisch kette. Vielleicht klappt es dann.
Aber damit wäre ihm nicht geholfen. Ich kann ihm nur helfen, wenn ich gehe.
Genau wie mein Dad. Auch mein Dad fuhr wieder nach Hause, nachdem er Onkel Thoby zu Hilfe gekommen war. Er fuhr wieder nach Hause und überließ es Onkel Thoby, wann er kommen wollte. Wir mussten warten.
Ich öffne das Außenfach meiner Tasche und hole den Zettel hervor, den ich aus St. John’s mitgebracht habe. Ich lege ihn auf den Couchtisch, mit der Skizze nach oben.
029
 
Es gibt verschiedene Stufen von erfunden. Die Onkel-Thoby-Biografie von meinem Dad kommt mir vor wie eine Montage, die wir uns zusammen ausgedacht haben. Sie war erfunden. Aber sie war auch wahr. Sie war schnell und wahr und wild gemischt. Es gibt kein Bein- und Arm-Rekonstruktions-Centrum in Penzance. Aber es gibt Palmen und Schnee. Und herzensgute Piraten. Penzance ist nicht nur eine Biografie. Nicht nur eine Operette. Sondern echt.
Mir ist schon recht früh klargeworden, dass Onkel Thobys Arm nicht erfunden war. Es war zwar nicht wahr, dass er einen Teil seiner selbst verloren und eigenhändig rekonstruiert hatte. Aber wahr war es doch. Nach vielen Abstürzen und Rückfallen hatte er sich mit Müh und Not wiederhergestellt.
Lassen Sie mich ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Walter, Onkel Thoby und Oddly sitzen auf unserer Rundumveranda. Es ist September, und die Sonne hat sich längst der anderen Erdhalbkugel zugewendet. Es ist kühl, aber nicht so kühl, dass man sich nach dem Abendessen nicht auf die Veranda setzen und im schwindenden Licht genüsslich ein Stück Piety Pie verdrücken könnte. Es weht kein Wind. Nur eine Mücke schwirrt. Meinen Dad hat sie bereits gestochen. Er hat sie weggewischt. Auch mich hat sie bereits gestochen, was ich jedoch erst bemerke, als der unwiderrufliche Beweis an meinem Knöchel nicht mehr zu übersehen ist. Mist. Ein Mückenstich.
Jetzt schwebt sie über Onkel Thobys Schulter wie ein Exponent. Er sieht sie an. Sie sieht ihn an. Sie landet auf seinem Arm. Seinem linken Arm, sieh.
Derweil bin ich damit beschäftigt, die Mitte zwischen dem 14. Juli und dem 10. September zu berechnen. Ich zähle sie an den Fingern ab.
Gleich werde ich den Doozoo erfinden.
Und ich beobachte die Mücke auf Onkel Thobys Arm. Die er natürlich nicht erschlägt. Er lässt sich von ihr stechen.
Mein Dad sagt: Wie Donnes Floh.
Wessen Floh, frage ich.
Vergiss es.
Und in diesem Moment begreife ich, dass Onkel Thobys Arm aus Fleisch und Blut ist, weil ihn eine Mücke sticht. Ich weiß, dass wir in der Mücke wild gemischt sind. Ich weiß, dass wir im zwölften August wild gemischt sind. Trotzdem habe ich kein Aha-Erlebnis. Ich springe nicht von meinem Stuhl und rufe: Beim Jupiter, ich hab’s! Ich hab’s kapiert. Denn was man schon weiß, kann man auch nicht kapieren, selbst wenn man nicht weiß, dass man es weiß.
 
Der Zug fährt in den Bahnhof von St. Erth ein, und da steht er, an die gelbe Backsteinmauer gelehnt. Als wäre keine Zeit vergangen. Ich ziehe mein Fenster herunter. Toff.
Er hebt die Hand.
Steig ein.
Er steigt ein. Lässt den Blick durch den leeren Waggon schweifen.
Er ist noch nicht so weit, sage ich.
Verstehe. Aber sonst ist alles Ordnung.
Mehr oder weniger.
Er setzt sich mir gegenüber. Rückt sein Halstuch zurecht.
Hast du da draußen übernachtet, frage ich.
Auf dem nackten Erthboden, sagt er und lächelt. Nein. Ich habe den letzten Zug abgewartet und mir dann eine Pension gesucht.
Ah. Gut.
Der Zug fährt wieder an. Ein Sonnendreieck erscheint auf dem Tisch.
Ich habe dir eine Schneekugel mitgebracht, sage ich.
Wie nett.
Palmen und Schnee.
Ja. Sehr schön.
Danke, Toff.
War mir ein Vergnügen.
Weißt du, wofür ich dir danke.
Blick aus dem Fenster: Ja.