Sie fuhren in die Berge und frönten dem Extremsport. Das machte die Sache perfekt. Als sie aus den Bergen kamen, waren sie voller blauer Flecke und verliebt bis über beide Ohren. Sie mussten sich entscheiden. Würden sie in seinem Land leben oder in ihrem Land oder doch im Jalpen-Land. Sie einigten sich auf sein Land. Was rückblickend vielleicht nicht unbedingt die beste Wahl war. Aber wie dem auch sei, sie kamen in dieses Land, in diesen Staat und diese Wohnung, wo ich in meinem Panasonic-Druckerkarton saß und wartete. Cliff hob mich hoch. Und reichte mich an Audrey weiter. Sieh mal, sagte er. Eine Schildkröte. Zu einer Schildkröte würde ich nicht Nein sagen, sagte sie, und das beileibe nicht zum letzten Mal.
Nachdem Cliff sich abgeseilt hatte, fing sie an, die Wände hochzugehen, umrundete, wie sie zu sagen pflegte, ihre kleine, traurige Welt, die Wohnung, die nun ohne Cliff auskommen musste. Ihr bedauernswerter Anblick hätte selbst den härtesten Brustpanzer erweicht. Besonders als sie den Halt verlor und stürzte. Nicht sehr tief zwar, aber immerhin.
Vom Rasenschwarzmähen hatte sie starke Arme, aber ein guter Kletterer braucht keine starken Arme. Ein guter Kletterer braucht starke Beine.
Große Hände können auch nicht schaden. Große Füße schon eher.
Später reisten wir gemeinsam, und ich durfte auf dem Armaturenbrett mitfahren. Das machte die Sache perfekt.
Sie ist nicht die Vormieterin. Sie ist die Mieterin.
Trotzdem frage ich mich manchmal, wie lange es wohl dauert, bis ihr eine kanadische Schildkröte über den Weg läuft, zu der sie nicht Nein sagen kann. Und sie dieser Schildkröte ein neues, feuerfestes Schloss inklusive hochmoderner Wärmelampe baut. Äh. Moment mal. Die kanadische Schildkröte braucht gar keine Wärmelampe, weil kanadische Schildkröten die Kälte lieben. O ja, ich sehe es förmlich vor mir. Auf dem neuen Schloss weht die kanadische Flagge von einem schwer entflammbaren Türmchen. Audrey und die neue Schildkröte toben fröhlich im Schnee. Machen Schneeengel. Ja, die neue Schildkröte ist eher Hund als Schildkröte.
 
Onkel Thoby ist jetzt schon seit drei Stunden weg. Er ist trotz der Wetterbombe in ein Clint’s Cab gestiegen, um Toff vom Flughafen abzuholen. Der Flug war erstaunlicherweise pünktlich. Gott sei Dank sitze nicht ich in der Maschine, sagte ich. Sondern Toff.
Warum Onkel Thoby während einer Wetterbombe sein Leben aufs Spiel setzen müsse, wollte ich wissen. Ob Toff denn nicht auch allein in sein Hotel finden würde.
Onkel Thoby zog seine grellorangenen Handschuhe an und sah müde aus.
Entschuldige, sagte ich.
Eins will mir partout nicht in den Kopf: Warum Onkel Thoby jedes Mal persönlich beleidigt ist, wenn man etwas Beleidigendes über andere sagt.
Ich folgte ihm hinaus auf die Veranda. Der Wind verwehte uns die Haare. Ich muss es Toff sagen, sagte er. In persona.
Was. Ach so. Dass das Komma vorbei ist.
Armer Onkel Thoby. Also noch mal das Gleiche wie gestern. Toffs langsamer Landeanflug via Rolltreppe. Walter ist tot. Punktum. Ob Toff wohl wacklig auf den Beinen wird. Oder klappt er einfach seinen Aktenkoffer auf und sagt: Dachte ich’s mir doch.
Ich nehme ein Taxi. Ich will schließlich kein unnötiges Risiko eingehen.
Soll ich nicht vielleicht doch mitkommen.
Möchtest du denn mitkommen.
Ähm. Nein.
Er küsste mich auf die Stirn. Ein schwarzes Taxi hielt vor dem Haus. Es war nicht Clint, aber der Fahrer trug einen Schnurrbart und sah Clint ziemlich ähnlich.
Flieg Qantas, sagte ich.
 
Ich ging wieder hinein und dachte: Was, wenn so die Zukunft aussieht.
Da merkte ich, dass ich das Haus riechen konnte. Man kann das eigene Haus nur riechen, wenn der eigene Geruch plötzlich fehlt. Oder der Geruch eines anderen. Oder wenn man den Müll nicht rausgebracht hat. Früher konnte ich unseren Familiengeruch nicht riechen.
Ich beschloss, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Und Wedges Laufrad zu schmieren. Ein wenig WD-40, und fertig. Bald würde er aus seinem Mäuseschlummer erwachen und, Wunder über Wunder, feststellen, dass sein Laufrad frisch geölt war und nicht mehr quietschte!
Ich setzte mich mit dem Laufrad an den Küchentisch. Dass aus der Spraydose so viel herauskommt, hätte ich nicht gedacht. Scheiße. Alles voller WD-40. Sogar die Metallsprossen des Laufrads. Jetzt würde Wedge seine Hände und Füße mit einem Toxin besudeln und sich vergiften, wenn er an den Nägeln kaute. Herrgott. Früher hat mein Dad das erledigt. Wie hat er das bloß gemacht.
Du hättest ein Stück Küchenkrepp damit einsprühen und dann die Radachse und nur die Radachse schmieren sollen.
Tja, ich habe eben zwei linke Hände.
Mach das sauber.
Gleich. Plötzlich wurde mir ganz weinerlich zumute. Ich stützte den Ellenbogen auf den Tisch, und er rutschte einfach weg.
Die Abzugshaube sang ihr ominöses b. Der Teich hinter dem Haus war verschwunden. Die Wetterbombe hatte ihn ausgelöscht. Ob es an dem Tag, als er nach Hause ging, auch eine Wetterbombe gab. Das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen. Trotzdem habe ich das Bild deutlich vor Augen. Und mir wird klar, dass noch viele solcher Bilder kommen werden und dass eins schmerzlicher sein wird als das andere. Eine Wetterbombe droht über der Stadt zu explodieren, und er verlässt das Obacht-Gebäude und wünscht Verlaine einen bon soir, die ihm anbietet, ihn nach Hause zu fahren, was er dankend ablehnt, weil er das Wetter grundsätzlich nicht persönlich nimmt. Dabei gibt es noch nicht mal ein Trottoir. Trotzdem geht er zu Fuß. Und sein letztes Wort war vermutlich bonsoir.
Onkel Thoby hat gesagt, als Verlaine meinen Dad im Krankenhaus besucht habe, sei es ihr gar nicht gut gegangen. Das kann ich mir zum Glück nicht vorstellen.
 
Vor dem letzten Gespräch mit meinem Dad hatte ich mir Notizen gemacht. Vor wichtigen Telefongesprächen lege ich mir oft einen Notizzettel zurecht. Damit ich mich nicht verzettele. Und dieses Telefongespräch war wichtig, denn ich hatte soeben meine alte Schulakte von der GOLEM (GOtt des Lichts und der Ewigen Milde und Barmherzigkeit) zugeschickt bekommen und lauter gute Neuigkeiten. Dachte ich jedenfalls.
Es war die Sorte Akte, die man, als Betroffener und Betreffender, normalerweise gar nicht zu Gesicht bekommt. Andere (Lehrer, Arbeitgeber, Freunde, Nachbarn) können bei der Schule einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Alle, nur man selbst nicht. Der Inhalt soll einem auf ewig und immerdar verschlossen bleiben. Vielleicht hing der Umstand, dass ich diese Akte irrtümlich erhalten hatte, mit dem Niedergang des katholischen Schulsystems und dem bevorstehenden Abriss des GOLEM-Gebäudes zusammen.
Auf meinem Zettel hatte ich mir Folgendes notiert:
1. Oregon, der enorme Graswuchs in.
2. Rauch- und Feuermelder, die Unterschiede zwischen.
3. Quecksilber in Dosentunfisch, die Gefahren von.
4. Französisch-Crashkurse, die Vor- und Nachteile von.
5. Mein IQ!
Die ersten vier Punkte hakten wir relativ zügig ab. (Tunfisch ist ab sofort gestrichen, Win.) Dann ließ ich die Bombe platzen. Der braune Briefumschlag, den mein Dad mir nachgeschickt hatte. Ja. Halt dich fest. Darin waren die Testergebnisse. Damals mussten wir unbedingt nachweisen, dass wir auch nach unserem Französisch-Crashkurs noch in der Lage waren, Englisch zu sprechen und einfache geometrische Figuren zu erkennen. Und jetzt rate mal.
Was.
Wie hoch mein IQ ist!
Pause. Und.
Ich nannte ihnen die Zahl.
Keine Reaktion.
Ich sollte vielleicht erwähnen, dass auch Onkel Thoby in der Leitung war.
Ist das nicht toll, sagte ich. Wahnsinn, oder.
Nein, Blödsinn, sagte mein Dad nach kurzem Zögern.
Warum. Warum ist das Blödsinn. Für so intelligent hättet ihr mich wohl nicht gehalten.
Wir halten dich sogar für über alle Maßen intelligent, sagte Onkel Thoby nachdrücklich.
Und …
Pass auf, Audrey. Du weißt doch, was bei solchen Tests gemessen wird. Die Übereinstimmung zwischen deinem Gehirn und dem Gehirn desjenigen, der sich den Test ausgedacht hat.
Ja, sagte ich. Na und. Da dämmerte es mir. Langsam. Dass der Wert, den ich für hoch gehalten hatte, ganz und gar nicht hoch war. Er sah nur so aus. Nicht übel, nein, eigentlich sogar ziemlich gut, jedenfalls besser, als meine Schulnoten je ausgesehen hatten.
Oh. Er ist niedrig, stimmt’s.
IQ ist ja noch nicht mal ein richtiges Akronym, sagte Onkel Thoby. GOLEM ist ein richtiges Akronym. SCUBA ist ein richtiges Akronym. IQ hingegen kann man noch nicht mal aussprechen. Nimm’s nicht persönlich.
Und ob man es aussprechen kann. Man kann es Ick aussprechen.
Na schön. Weil du’s bist.
Mit Akronymen kannte ich mich immer schon gut aus. Akronyme sind etwas für intelligente Menschen mit Geheimnissen.
Mein Dad sagte: Was, in drei Teufels Namen, haben sich die GOLEM-Leute dabei bloß gedacht. Wie erleuchtet. Wie barmherzig.
Ich muss jetzt Schluss machen, sagte ich.
Audrey.
Du wusstest es die ganze Zeit, sagte ich. Du wusstest, dass ich einen niedrigen Ick habe, und hast es mir nicht gesagt.
Oddly …
Genau darum kann ich Telefone auf den Tod nicht ausstehen, sagte mein Dad. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen.
 
Warum konnten wir nicht einfach plaudern wie sonst auch. Onkel Thoby jammert, er könne sich die Portland’schen Dramatis Personae ums Verrecken nicht merken – wer war gleich wieder dieser Chuck -, und mein Dad sagt: Dramatis Personae, gibt’s so was bei uns etwa auch, und Onkel Thoby sagt: Aber ja, nur vergisst man uns so leicht nicht wieder. Und ich sage: Haha.
Ich legte den Hörer auf und sagte: Niedriger IQ. Ce n’est pas possible.
Winnifred ließ ein Salatblatt fallen.
Das ist unmöglich, übersetzte ich.
Dumm nur, dass es so unmöglich vielleicht doch nicht war.
 
Onkel Thoby sitzt in seiner Ecke und sagt: Bist du da. Das Telefon klingelt. Willst du nicht drangehen. Du brauchst nicht dranzugehen, wenn du nicht willst.
Nur dass Onkel Thoby gar nicht da ist.
Ich lasse Wedges Laufrad fallen.
Mein erster Gedanke ist: Onkel Thoby ist tot, und das ist sein Geist. Beziehungsweise seine Geister, Plural. Denn seine Stimme kommt nicht nur aus seiner Ecke, sondern auch aus dem ersten Stock.
Bist du da. Das Telefon klingelt.
Da fällt es mir wieder ein. Das ist das neue Telefon. Das Hear Ye 3000. Das ich bis jetzt nicht habe »klingeln« hören. Das also ist der Klingelton.
Das Hear Ye 3000 hat Onkel Thoby meinem Dad zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt. Ich weiß noch, wie mir mein Dad davon erzählte. Er meinte, endlich ein Telefon, das ihn nicht quält. Wenn das Telefon klingele, habe er jedes Mal das Gefühl, erdolcht zu werden.
Woher willst du das wissen, Dad. Oder bist du schon mal erdolcht worden.
Na schön, sagte er, trotzdem. Immer wenn ich ein Telefon klingeln höre, wird mir ganz flau im Magen.
Also hatte Onkel Thoby ein Telefon gekauft, das eine Bach-Fuge spielte. Mein Dad meinte, besagte »Fuge« bestehe aus lediglich drei Tönen und sei in Wahrheit eindeutig ein Klingelton. Als Nächstes kaufte Onkel Thoby ein Telefon mit Schnurrfunktion. Das Schnurren, meinte mein Vater, sei nichts weiter als ein leiser Klingelton. Stilett statt Schlachtermesser.
Und jetzt, wer hätte das gedacht, das Hear Ye 3000! Mit dem man seinen eigenen »Klingelton« aufnehmen kann. Jetzt wird man von der schmeichelnden Stimme eines lieben und geliebten Menschen ans Telefon gelockt.
 
Die Tastatur des Hear Ye leuchtet golden. Ich lecke mir das Schmierfett von den Fingern. Nehme ab.
Hallo.
Das Verwirrende am Hear Ye 3000 ist: Man rechnet automatisch damit, dass es sich bei dem Anrufer um dieselbe Person handelt, die einen an den Apparat geholt hat. Aber es ist nicht dieselbe Stimme.
Kann ich Walter Flowers sprechen.
Nein.
Schweigen am anderen Ende. Der Anrufer wartet auf eine Erklärung. Es gibt aber keine Erklärung, Anrufer.
Er hustet. Also, äh, ich bin von der Firma Christmatech. Wir rufen unsere Lichterketten Modell D-434 zurück. Wir haben Sie deshalb schon mehrmals angeschrieben.
Zurückrufen. Sie meinen vom Markt nehmen.
Pause. Äh, ja. Wir würden diese Lichterketten gern gegen das Modell D-534 austauschen. Und Ihnen einen Gutschein über zehn Dollar zukommen lassen.
Das ist sehr nett von Ihnen. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich glaube, ich habe gerade eine giftige Substanz zu mir genommen.
Oh. Aber natürlich. Selbstverständlich. Kann …
Ich lege auf. Spucke ins Spülbecken. Wische mir den Mund am Ärmel ab. Meine Güte, nicht zu fassen, dass ich mir eben tatsächlich WD-40 von den Fingern geleckt habe. Jetzt wäre es ratsam, sich zu erbrechen. Wenn ich es nur könnte.
 
Der LeBaron vor dem Haus verschwindet fast unter einer Haube aus Schnee. Die Luft ist dunkelblau. Der Schnee funkelt. Warum Schnee funkelt. Weil Schneeflocken Prismen sind.
Die Wetterbombe ist explodiert. Es ist vorbei. Onkel Thoby ist noch immer nicht zu Hause. Zugegeben, die Straßen sind verschneit. Aber er ist jetzt schon eine Ewigkeit weg. Und wenn ihm jemand etwas angetan hat. Wer weiß, vielleicht ist er entführt oder verschwunden worden.
Von wem.
Toff.
Sei nicht albern.
Ich beschließe, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich werde die Einfahrt freischaufeln. Ich gehe hinaus zum Schuppen und hole meine alte Blümchenschaufel, die sogenannte Flower Shovel. An der Unterseite hat die Flower Shovel eine aufgeprägte Blume, mit der man im Schnee Blümchenmuster machen kann. Was übrigens am besten funktioniert, wenn man auf den Schnee eindrischt, statt ihn zu schaufeln.
Die Idee zur Flower Shovel hatte ich, als mir auffiel, dass 08/15-Schaufeln hässliche senkrechte Kerben im Schnee hinterlassen. Ich dachte, wie viel schöner wäre es doch, wenn man den Schnee beim Schaufeln dekorieren könnte. Zum Beispiel mit einer Blume! Onkel Thoby meinte, ich sei ein Genie. Also ging er zu Murph’s Turf, Lock and Key und ließ die Flower Shovel für mich anfertigen. Onkel Thoby meinte, ich solle mir die Idee patentieren lassen. Ich wusste nicht, was patentieren heißt. Es heißt, dass die Idee dir gehört, sagte er. Aber es ist doch schon meine, sagte ich. Nicht in den Augen der Welt, sagte er. Oha. In den Augen der Welt.
Er sagte, Murph’s Augen hätten vor Unternehmergeist förmlich gesprüht, als er Onkel Thoby die Flower Shovel überreichte.
Vor Unternehmergeist gesprüht, sagte mein Dad. Tun meine Augen das etwa auch.
Aber ja.
Es könnte sogar sein, dass Onkel Thoby die Patentformulare für mich angefordert hat. Womöglich ist die Schaufel längst in meinem Namen zum Patent angemeldet. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. Für einen sonst so gesetzestreuen Menschen ist Onkel Thoby erstaunlich skrupellos, wenn es darum geht, anderer Leute Unterschriften zu fälschen. Ich nehme mir fest vor, ihn zu fragen, ob er die Schaufel hat patentieren lassen. Dann wäre ich nämlich eine echte Erfinderin.
Wir haben uns damals auch noch andere Schaufeldesigns ausgedacht. Onkel Thoby meinte, Eisblumen wären bestimmt sehr beliebt. Herzen zum Valentinstag. Man könnte auch Wörter nehmen, sagte ich. Sie müssten auf der Schaufel natürlich in Spiegelschrift geschrieben werden, damit sie nachher richtigrum im Schnee stehen. FROHE WEIHNACHTEN, zum Beispiel, oder LEBENDIG BEGRABEN.
Mein Dad meinte, Porno würde sich gewiss hervorragend verkaufen.
Walter.
Ich meine ja nur.
Möchtest du wirklich, dass deine Tochter sich eine Pornoschaufel patentieren lässt.
Lukrativ wäre es in jedem Fall.
Das ist mit lauter Nackten drauf, stimmt’s.
Aber auf meine Schaufel musste natürlich eine Blume, sonst wäre sie ja keine Flower Shovel. Außerdem heißen wir Flowers.
Ich bin seit einer Viertelstunde damit beschäftigt, mit meiner Flower ShovelTM den Schnee zu lockern, als sich Byrne Doyle und Jim Ryan nähern, Byrne aus Nummer 11 gleich gegenüber und Jim von nebenan. Beide schwingen Schaufeln, die genauso lang sind wie sie selbst.
008
 
Es tue ihnen leid. Gott, es tue ihnen ja so leid. Byrne Doyle umarmt mich. Geht es dir gut. Schön, dass du da bist.
Byrne sieht Jacob Marley noch ähnlicher als sonst. Er trägt einen langen Wollmantel und einen Button mit der Aufschrift WÄHLEN SIE BYRNE DOYLE am Revers. Der Button ist schon ein wenig angerostet, als ob er noch von der letzten Wahl stammte und Byrne sich gar nicht erst die Mühe gemacht hätte, ihn abzunehmen. Die Falten rings um seinen Mund sind tiefer geworden.
Jim Ryan zeigt auf die Flower ShovelTM und sagt: Ist die nicht von Fisher Price.
Quatsch. Die hat Murph für mich gemacht.
Oh.’tschuldigung.
Ich erinnere mich noch genau an diese Schaufel, sagt Byrne mit zärtlicher Stimme.
Ich stemme sie in die Höhe. Damit kann man prima Muster machen.
Soso, sagt Byrne. Ziemliches MVW, was.
Was.
Massenvernichtungswetter.
Ich dachte, das heißt Wetterbombe.
Geht beides, wenn man dem Wetterkanal glauben darf.
Ich freue mich immer, wenn der Wetterkanal klare Sicht voraussagt, sagt Jim. Dann weiß ich, es wird ein schöner Tag.
Byrne Doyle legt mir die Hand auf die Schulter und fragt, wo mein Onkel sei.
Er holt jemanden vom Flughafen ab.
Aber heute gehen doch mit Sicherheit keine Flüge.
Doch, sage ich, heute gehen sehr wohl Flüge, und sie sind alle pünktlich.
Byrne schüttelt den Kopf. Die Piloten von heute kann anscheinend nichts mehr schrecken.
Unsinn. Die Piloten von heute sind größenwahnsinnig, sagt Jim.
Am besten gar nicht hinhören, sagt Byrne.
Jim Ryans Einfahrt ist schon freigeschaufelt. Byrne Doyles nicht. Ich rieche Schweiß. Das kann eigentlich nur Jim sein. Bitte, sage ich, als die beiden sich anschicken, die Einfahrt in Angriff zu nehmen. Bitte, macht euch keine Umstände.
Sie winken mich beiseite.
Byrne Doyles Mantel ist völlig unpraktisch. Wie eine Zwangsjacke aus Wolle.
Dein Onkel, sagt er keuchend. Hat meine Einfahrt schon tausendmal freigeschaufelt. Wenn nicht öfter.
Ich wollte, ich hätte seine Arme, sagt Jim.
Was für meinen Geschmack an eine Beleidigung grenzt.
 
Onkel Thoby schaufelt seit Jahren Byrne Doyles Einfahrt frei, als Entschädigung dafür, dass mein Dad ihn nicht gewählt hat. Politik ist im Hause Flowers ein kompliziertes Thema. Das heißt, es wurde kompliziert, als Onkel Thoby und Byrne Doyle sich kennenlernten. Bis dahin war eigentlich alles ganz einfach. Wir wählten orange. Wenn einem seine Mitmenschen am Herzen lagen, wählte man orange. Jetzt gab es da ein klitzekleines Problem: Was tun, wenn einem ein blauer Kandidat am Herzen liegt.
Ich weiß noch, wie ich Byrne Doyle einmal am Wednesday Pond über den Weg lief, als er für einen Posten kandidierte – bei einer Provinzwahl, wenn mich nicht alles täuscht. Er ging gern am Teich spazieren, bis über beide Ohren in Wahlkampfgedanken vertieft, in Begleitung eines kleinen, definitiv nicht in Wahlkampfgedanken vertieften Hundes. Onkel Thoby hatte mich von der Schule abgeholt, und wir blieben stehen und hielten ein Schwätzchen. Das heißt, Onkel Thoby blieb stehen und hielt ein Schwätzchen. Ich spielte derweil mit dem Hund. Der Hund hieß Page. Page hatte ganz schwarze Augen, die man aber nur sehen konnte, wenn man seinen Pony zur Seite schob.
Jedenfalls hatte Byrne Doyle gesagt, den Umfrageergebnissen zufolge werde das Wahlvolk ihn am langen Arm verhungern lassen, und später sagte Onkel Thoby, er habe ein schlechtes Gewissen. Byrne habe vermutlich schon an der Farbe seiner, Onkel Thobys, Handschuhe erkannt, dass wir ihn nicht wählen würden. Die orangenen Handschuhe waren ein Geschenk von meinem Dad und hoben sich grell gegen das Eruptivgestein ab.
Byrne Doyles Handschuhe waren natürlich blau.
Wir gingen noch ein Stück am Ufer entlang, und Onkel Thoby sagte: Armer Byrne Doyle.
Wieso arm. Weil ihn das Volk verhungern lässt.
Was.
Scroooooooooge, brüllte ich.
Psst, Oddly.
Aber er sieht genau aus wie Jacob Marley.
Ich weiß. Trotzdem. Dann seufzte er und sagte: Leute mit Hunden. Sind im Allgemeinen. Traurig.
Traurig! Aber Page hat wie wild mit dem Schwanz gewedelt, als ich ihn auf den Arm genommen habe. Er hat sich ganz toll gefreut.
Ja. Page schon.
Da begriff ich, was er meinte. Byrne Doyle hatte seine Freude ausgelagert. Weil er innerlich furchtbare Angst hatte, dass die Wähler ihn verhungern ließen. Darum hatte er seine ganze Freude ausgelagert in seinen knuddeligen kleinen Hund.
 
Am selben Abend sagte mein Vater: Deiner Meinung nach soll ich also Jacob Marley wählen.
Immer nur orange ist doch auch eintönig, sagte ich.
Worauf Dad stinkwütend wurde. Kommt nicht in die Tüte, sagte er.
Wir machten Abendessen. Maccaroni mit Käse. Aber nicht aus der Tüte. Sondern die echten mit drei Sorten Käse, den man (beziehungsweise Onkel Thoby) selber reibt, und Hummerstückchen drin.
Warum sind Hummer eigentlich sommersprossig wie meine Schultern.
Keine Antwort.
Mit meinen Alphabetmagneten schrieb ich WÄHLEN SIE BYRNE DOYLE UND PAGE an die Kühlschranktür.
Mein Dad machte den Kühlschrank auf. Er hielt inne. Wieso Page. Hat der edle Herr am Ende einen Knappen.
Ich dachte, wir sind eine Demokratie, sagte Onkel Thoby.
Da hatte er nicht ganz unrecht. Angeblich waren wir eine Demokratie in einer Demokratie. Onkel Thoby durfte in Kanada nicht wählen, und ich war noch zu jung, darum war die Stimme meines Vaters tripartite.
Trippeltritt, sagte ich zum Kühlschrank.
Draußen hatte es zu schneien begonnen, und der Schnee schimmerte golden im Schein der Straßenlampen. Der Wind blies durch die Abzugshaube. Mein Dad machte seine übliche Bemerkung über das b und wartete darauf, dass Onkel Thoby mit seinem ais konterte. Aber Onkel Thoby konterte nicht.
Oje.
Das Essen dauerte länger als sonst. Mein Dad hatte sein Besteck bereits in Acht-Uhr-Stellung auf seinen Teller gelegt, zum Zeichen dafür, dass er jetzt vorlesen wollte, rührte das Buch aber nicht an. Wir lasen gerade eine Biografie von Marchese Marconi, dem Mann, der auf dem Signal Hill die ersten Funksignale aus Übersee empfangen hatte und dafür zum Telegrafen geadelt worden war.
Diese Marconi Marchese sind ziemlich lecker, sagte ich und spießte eine Nudel auf meine Gabel. Ich meine Maccaroni mit Käse.
Keine Antwort. Auch gut.
Wenn ich richtig verstanden hatte, blieben uns also folgende Wahlmöglichkeiten:
a. Wir stimmen für den blauen Kandidaten, weil er unser Nachbar ist, wie Jacob Marley aussieht und das Volk ihn sonst verhungern lässt. Außerdem hat er einen Hund namens Page.
b. Wir stimmen für den orangenen Kandidaten, tragen in Gegenwart unseres blauen Nachbarn aber keine orangenen Handschuhe mehr.
c. Wir machen dem blauen Kandidaten klar, dass nur eine Person im Hause Flowers wahlberechtigt ist, obwohl gerechterweise drei Stimmen abgegeben werden sollten. Das ist das endgültige Ende der Demokratie im Hause Flowers.
d. Wir stimmen für den orangenen Kandidaten, weil uns andere Menschen am Herzen liegen, schaufeln aber die Einfahrt des blauen Kandidaten frei, wenn der, wie üblich, mal wieder bis in die Puppen versucht, gewählt zu werden.
Schließlich einigten wir uns auf letztere Möglichkeit. Onkel Thoby jedenfalls. Und er schaffte es sogar, die ganze Familie Flowers dazu zu bewegen, Byrne Doyles Einfahrt freizuschaufeln (beziehungsweise mit Blümchenmustern zu verzieren).
009
 
Jim Ryan prahlt mit seiner Einfahrt. Sie ist nämlich sichelförmig wie ein Hörnchen, worauf er sehr stolz ist, aber das ewige Schneeschippen sei eine Qual. Für ein Hörnchen ist sie nämlich ganz schön groß. Trotzdem wolle er ums Verrecken keine gerade Einfahrt mehr haben. Ein Sichelhörnchen sei das einzig Wahre. Ungelogen. Endlich Schluss mit diesem leidigen Rückwärtseinparken. Vorwärts rein, vorwärts raus.
Wir haben’s kapiert, sagt Byrne Doyle.
Du verbringst nicht annähernd so viel Zeit mit Rasenmähen, sagt Jim und hält Byrne seine Schaufel unter die Nase, wie ich mit Schneeschippen.
Was, sagt Byrne. Was.
Ich frage Byrne nach der Wahl.
Ach, Kind, sagt er.
Ja.
Sie nimmt kein Ende.
Gott bewahre, sagt Jim.
Die Arbeit nimmt kein Ende, setzt er hinzu. Die Wahl natürlich schon.
Ich dresche ein paar Blümchen in den Schnee.
Plötzlich hören wir ein leises Grollen. Wir blicken auf.
Ach du Scheiße, sagt Jim.
Oha, sagt Byrne.
Was denn, frage ich.
Der Pflug.
Mist, sagt Jim, rast quer über unseren Rasen und hechtet über die Hecke.
Jetzt versucht er, seine Einfahrt freizuhalten, sagt Byrne grinsend. Das Dumme ist nur, das man keine zwei Zufahrten gleichzeitig freihalten kann. Wenn der Pflug einmal durch ist, sind beide zu.
Der Pflug kommt langsam die Straße entlang und schiebt eine eisige Schneewelle vor sich her. Er sieht aus wie ein Dinosaurier. Wie ein gemütlicher Dinosaurier. Der Mann im Führerhäuschen lächelt freundlich zu uns herab. Er trägt nur ein T-Shirt. Bei der Kälte! Und prostet uns mit einem Becher Tim-Hortons-Kaffee zu. Haben Sie das gesehen, rufe ich Byrne Doyle über die Schulter zu.
Tritt ein Stück zurück, Kleine.
Nebenan drischt Jim Ryan auf eine Schneewehe ein, und das nicht etwa, um sie mit einem Blümchenmuster zu verzieren, sondern um negative Energie abzubauen.
 
Onkel Thoby stößt die Tür mit einem ordentlichen Nordwestschubs auf, und ich möchte ihn eigentlich gar nicht umarmen, umarme ihn dann aber doch. Hallo, sagt er. Er riecht süß und nach Kälte.
Du warst ja Stunden weg. Stunden.
Er bückt sich, um seine Schuhe auszuziehen und braucht ewig, um seine Schnürsenkel zu lösen. Als er sich wieder aufrichtet, ist er puterrot. He! Irre ich mich, oder habe ich draußen im Schnee Blumen gesehen.
Ja, ja, hast du, hast du.
Ich halte mich an seinem Ärmel fest. Er sieht mich an, berührt meinen Pferdeschwanz – Odd -, und dann wird er plötzlich ganz wacklig auf den Beinen. Hält sich am Treppengeländer fest.
Immer schön senkrecht halten.
Ich ziehe jetzt den Mantel aus.
Gut. Ich mache mich von seinem Ärmel los. Wie hat er reagiert, frage ich.
Wer.
Der Vollstrecker.
Onkel Thoby reibt sich die Stirn. Musst du ihn unbedingt so nennen.
War er gemein zu dir.
Nein.
Wir wärmen die Hühnersuppe auf, die Byrne Doyle vorbeigebracht hat. Onkel Thoby steht gegen die Anrichte gelehnt und sagt: Ich glaube, ich habe Fieber. Ich auch, sage ich und rühre.
Er sieht mich zweifelnd an. Seit wann.
Seit du gesagt hast, du hättest welches.
Aber das ist keine drei Sekunden her.
Ich wusste nicht genau, was ich habe, bis du es gesagt hast, aber Fieber, ja, das muss es sein. Fühl mal. Ich lege den Kopf in den Nacken.
Hast du seit der Orange etwas gegessen, fragt er.
Ein bisschen WD-40.
Er nickt und holt zwei tiefe Teller aus dem Küchenschrank, einen normalen für mich und den Fliegenteller für sich. Der Fliegenteller hat eine Fliege am Rand. Keine echte, nur gemalt.
Der gute Byrne Doyle hat also Suppe vorbeigebracht, sagt er.
Ich nicke. Und er hat mir geholfen, die Einfahrt freizuschaufeln, ergänze ich.
Der Mann ist ein Heiliger.
Ich nicke. Die ist selbstgekocht, sage ich. Das sieht man.
Köstlich.
Nicht zu fassen, dass jemand Suppe selber kocht.
Der Mann schläft nie.
Bis-in-die-Puppen-Suppe. He, auf deinem Teller sitzt eine Fliege.
Wir sprechen unsere Familiengeheimsprache. Ich liebe unsere Familiengeheimsprache.
Onkel Thobys Glas rutscht ein paar Zentimeter nach links. Warum ist der Tisch so glitschig, fragt er.
Brot, frage ich zurück.
Bitte.
Da plötzlich sagt Onkel Thoby aus seiner Ecke: Das Telefon klingelt. Willst du nicht drangehen …
Ich quetsche mir den Brotlaib an die Brust.
Ich weiß, sagt Onkel Thoby und steht auf. Mir geht’s genauso. Aber dein Dad war davon ganz begeistert. Hallo.
Es ist Toff.
Onkel Thoby verzieht keine Miene und weicht meinem Blick beharrlich aus.
Wenn Sie wissen wollen, wie aufrichtig jemand ist, empfehle ich Ihnen folgendes kleine Experiment. Versuchen Sie, ihm beim Telefonieren in die Augen zu schauen. Wenn er aufrichtig ist, wird er ihrem Blick ausweichen. Denn der Blickkontakt wäre ein Verrat an seinem Gesprächspartner, der ja nichts sehen kann. Das ist, als ob ein Blinder mit im Zimmer wäre. Würden Sie mit einem Sehenden Blickkontakt aufnehmen, während Sie mit einem Blinden sprechen. Nicht, wenn Sie aufrichtig sind. Nicht, wenn Sie Mr. Ehrlich sind. Wenn Sie Mr. Ehrlich sind, schauen Sie beim Telefonieren woandershin. Weil Sie sich auf die Person konzentrieren, die Sie nicht sehen können. Ein ehrlicher Mensch vermeidet ironische Blicke, wenn die anderen keine Möglichkeit haben, diese Ironie auch zu bemerken.
Aber ist Ironie überhaupt noch Ironie, wenn jeder sie bemerkt. Gute Frage. Da kommt man doch ins Grübeln.
Onkel Thoby verabredet sich mit Toff für den nächsten Tag zum Mittagessen. Dann dreht er sich zu mir um und sagt: Ja. Möchtest du sie sprechen. Ich schüttele den Kopf und schiebe mir einen Klumpen Brot in den Mund. Er sieht mir einen Moment lang in die Augen. Dann sagt er, offen und ehrlich: Sie kaut gerade. Das kann eine Weile dauern.
Nachdem er aufgelegt hat und ich geschluckt habe, sage ich: Müssen wir uns unbedingt schon morgen mit ihm treffen. Können wir nicht warten.
Wie lange.
So lange wie möglich.
Er sieht mich lächelnd an. Ich lächle nicht zurück. Ich lege den plattgequetschten Brotlaib auf den Tisch.
Du scheinst keine Ahnung zu haben, was es noch alles zu regeln gibt.
Darüber müssen wir aber jetzt nicht reden, oder.
Nein, deshalb reden wir ja morgen beim Mittagessen darüber. Einverstanden.
Ich nicke und lasse den Löffel in meiner Suppe verschwinden. Ob Onkel Thoby schon einmal gehört habe, wie das Wort verschwinden neuerdings gebraucht wird.
Nämlich wie.
Nämlich so: Kanadische Entwicklungshelfer sind im Irak verschwunden worden, sage ich. Ziemlich gruselig. Bilde einen Satz damit.
Mir fällt aber keiner …
Schon gut. Ich weiß einen. Mein Dad ist verschwunden worden.
Sein Löffel hängt wie erstarrt in der Luft.
Das ist schlimmer als Mord, sage ich. Nicht.
Er gibt keine Antwort. Darum nicke ich für ihn.
 
In Zeichentrickfilmen erkennt man die Bösen immer an den Augenbrauen. Wenn die Augenbrauen auf der Stirn ein V bilden, ist Vorsicht geboten. Und wenn die Augenbrauen umgekehrt wie ein accent circonflexe ausschauen, wird alles gut. Sehen Sie sich doch nur einmal das Wort bientôt an. Sehen Sie, wie glücklich und voller Hoffnung diese Augenbrauen sind.
Das ist eine herrlich einfache Formel. Warum also sollte sie nicht auch im richtigen Leben gelten.
Onkel Thoby beispielsweise hat accent-circonflexe-Augenbrauen. Sogar wenn er schläft. Auch mein Dad hat, pardon, hatte accent-circonflexe-Augenbrauen, außer morgens beim Aufwachen. Wenn er morgens aufwachte, sah er aus wie ein alter Griesgram, und man wusste nie, wie lange sich dieses Grognard-Gesicht hielt. Von anderer Leute Träume wollte er sowieso nichts wissen. Kann ich nicht wenigstens in Ruhe meinen Kaffee trinken. Aber ein V bildeten seine Augenbrauen nie. Sie waren eher gerade wie bei Bert. Onkel Thobys Brauen hingegen erinnern mich an Ernie. Das ist ein guter Vergleich. So lieb und reizend Bert sonst auch ist, morgens sollte man sich vor ihm in Acht nehmen.
Ein Grognard ist jemand, der eben aufgewacht und darüber nicht sonderlich erfreut ist.
Früher fand ich es seltsam, wie sehr das Grognard-Gesicht von meinem Dad sich von seinem Tagesgesicht unterschied. Ich war morgens zwar auch ein Grognard. Meine Augen waren kleiner. Aber mein Dad hatte nicht nur kleinere Augen und dunklere Augenbrauen, sondern sein ganzes Gesicht war so ernst, dass er sich nur schwer zum Lachen bringen ließ. Und wenn er dann doch einmal lachte, wirkte es gequält und angestrengt, als ob es wehtäte.
Er begleitete mich jeden Morgen zur Schule. Bei jedem Wetter. Das Auto war nur für Schwertransporte. Er sagte, ich dürfe das Wetter nicht persönlich nehmen. Hinaus mit dir, sagte er. Du bist schließlich wasserdicht.
Ach ja.
Du könntest stundenlang im Regen stehen und würdest dich nicht mit Wasser vollsaugen.
Aber meine Haare schon.
Dann schneid sie ab. Wie ich.
Mein Dad hatte kurze, glatte Igelhaare. Ich hatte einen Pferdeschwanz, den ich über alles liebte und nie im Leben abgeschnitten hätte. Mein Dad nannte meinen Pferdeschwanz mein Fragezeichen. Schneid das Fragezeichen ab!
Onkel Thoby hingegen nahm das Wetter sehr persönlich. Bei Schnee oder Eisregen sagte er: Rufen wir lieber bei Clint an. Folglich kam Onkel Thoby, zu dessen Aufgaben es gehörte, mich von der Schule abzuholen, nicht selten in einem Clint’s Cab vorgefahren. Aber mein Dad. Nie. Mein Dad brachte mich zu Fuß zur Schule, und dann ging er weiter zur Universität. Immer. Ob es regnete oder schneite. Ob es ein Trottoir gab oder nicht. Das war eine seiner vielen Regeln.
Clint. Ohne mich, sagte er.
Clint. Ohne mich, echote ich.
Wenn der Wind zunimmt, hältst du dich einfach an einem Stein fest, sagte er.
Ist gut.
Oder an mir, wenn ich dabei bin.
Wenn wir uns vor der GOLEM voneinander verabschiedeten, hatte er noch immer sein Grognard-Gesicht. À bientôt, sagte ich hoffnungsvoll.
À bientôt.
 
Nachts werden meine Augen größer und schöner. Das kommt daher, dass wir Säugetiere sind und in grauer Vorzeit alles nachts erledigen mussten, weil die Dinosaurier dann schliefen. Und dazu mussten wir so gut wie möglich aussehen.
Am schönsten war es abends, wenn wir am Tisch saßen und Kerzen brannten, weil es einen besonderen Anlass gab – zum Beispiel Weihnachten oder der Geburtstag von meinem Dad und Onkel Thoby -, und unsere Augen waren große schwarze Punkte.
Oder der Strom war ausgefallen, und Wedge durfte auf den Tisch, weil mein Dad eine Glühbirne an sein Laufrad angeschlossen hatte. Die Glühbirne leuchtete schwach und flackerte wie eine Kerze. Sie war nicht besonders hell, aber das machte nichts, schließlich aßen wir bei Mäuselicht!
Dann las mein Dad uns aus der Biografie von jemandem mit guten Augenbrauen vor. Obwohl. Manchmal auch von jemandem mit bösen Augenbrauen. Das machte das Buch zu einem ganz besonderen Vergnügen, weil wir dann alle einen gemeinsamen Feind hatten, alle außer Onkel Thoby, der von gemeinsamen Feinden wenig hielt, es sei denn, der Feind war lange tot und lebte nur noch in einem Buch.
 
Womit wir bei meiner Großmuter wären und bei Toff und meiner ersten Begegnung mit bösen Augenbrauen im richtigen Leben. Sie kamen im Sommer, ein Jahr nachdem Onkel Thoby zu uns gezogen war. Kaum waren sie dem Flugzeug entstiegen, prangte auch schon ein großes V auf ihrer Stirn. Ihnen gefiel weder unser Flughafen. Noch unser lustiges Gepäckkarussell, das jemand in GEBÄCKKARUSSELL umbenannt hatte.
Habe ich mich verlesen, oder steht das wirklich da, fragte Großmutter und kniff die Augen zusammen.
Hallo, Mum.
Großmutter küsste erst meinen Dad. Und dann mich, fest, auf beide Wangen. Du bist größer geworden, sagte sie.
Und du schärfer.
Ich war ihr erst einmal begegnet. In England, bei der Beerdigung meines Großvaters. Damals hatte sie vom vielen Weinen ganz verschwommen ausgesehen.
Ihr Koffer war verloren gegangen. Sie sah aus, als ob sie ihm am liebsten einen Tritt gegeben hätte. Die kriegen hier aber auch gar nichts gebacken, sagte sie.
Onkel Thoby, der am Flughafen Heathrow in der Gepäckabfertigung gearbeitet hatte, meinte (wobei seine Brauen ihre Giebelform beibehielten), sie solle sich keine Sorgen machen. Der Koffer werde mit der nächsten Maschine aus London kommen.
Und wann ist das, sagte Großmutter. Nächsten Monat.
Hinter ihr suchte Toff wölfisch den Blickkontakt mit meinem Dad und sagte, er brauche dringend eine Zigarette.
 
Toffs Bart verfing sich in der Schnalle des Sicherheitsgurtes. Sein Bart war unglaublich lang. Genau wie er. Er musste beim Einsteigen Kopf, Bauch und Beine einziehen. Großmutter quetschte sich zu mir und Onkel Thoby auf den Rücksitz. Ich hockte auf Onkel Thobys Knie, und er schlang seinen langen Arm wie einen Sicherheitsgurt um mich. Ich starrte auf Großmutters Haare, die auf ihrem Kopf saßen wie ein Hut. Erst zündete sie sich eine Zigarette an. Dann Toff. Danach rauchten sie in einer Tour. Beim Rauchen legten sie den Kopf in den Nacken, und ihre Augenbrauen bildeten einen noch spitzeren Winkel als sonst.
Seit Großmutter und Toff da waren, herrschte bei uns dicke Luft. Was nicht nur an ihrem ständigen Gequalme lag. Die Atmosphäre war irgendwie drückend. Aber vielleicht war ich auch einfach nur müde und erschöpft. Ich hatte Toff mein Zimmer überlassen und schlief auf einer Liege am Fußende von meinem Dad.
Es ist anstrengend, seinem Dad beim Schlafen zuzusehen. Ich kann davon nur abraten. Es ist nicht schön, dabei sein zu müssen, wenn der eigene Dad zwar anwesend, aber eigentlich doch abwesend ist. Ich gab mir alle Mühe einzuschlafen, bevor er heraufkam, um ins Bett zu gehen, aber leider blieb mir immer nur Zeit für eine schnelle Montage, bevor er die Tür aufmachte.
Na, noch wach, alte Zimtzicke.
Verdammt noch mal. Ich setzte mich auf. Die Liege war aus rotem Metall und quietschte.
Kann ich das Licht anmachen.
Ja. Ich hielt mir die Augen zu. Dad.
Hm.
Die wollen doch nicht für immer bleiben, oder.
Audrey …
Weil Onkel Thoby doch bei uns geblieben ist.
Ich spähte zwischen meinen Fingern hindurch. Das Zimmer war knallgelb.
Mein Dad setzte sich auf die Bettkante. Aber es macht dir doch nichts aus, dass Onkel Thoby bei uns ist, oder.
Nein! Nein. Wie sollte ich ihm das erklären. Also gut. Ich schlafe nicht gern in deinem Zimmer, wenn deine nackten Füße auf mich zeigen. Ich will dich nicht mit nackten Füßen sehen. Sonst hast du doch auch keine nackten Füße. Kannst du im Bett bitte bitte Socken anziehen.
Warum.
Kannst du!
Ja, gut.
010
 
Es war Sommer. Aber wir saßen auf der Veranda und hatten Gänsehaut. Sogar mein Gesicht hatte Gänsehaut. Mein Dad band Heliumballons ans Verandageländer, weil Onkel Thoby und er Geburtstag hatten. Wir saßen da und zitterten. Der Teich schwappte wie schwarzer Kaffee. Alle tranken schwarzen Kaffee. Toff und Großmutter hatten (von mir) jeder einen eigenen Kaffeebecher zugewiesen bekommen. Auf Toffs Becher war eine anstößige Karikatur der Queen. Auf dem von Großmutter stand LONDON. Vielleicht kriegten sie davon Heimweh.
Meine Augen fühlten sich klein an und blieben klein. Auch nachts.
Als ich sagte, ich friere im Gesicht, sagte Toff, sein Bart sei wie eine warme Decke. Dann hob er ihn hoch und sagte: Na, wie wär’s.
Ich wurde fast ohnmächtig vor Schreck.
Außerdem: Waren Toff und Großmutter nicht extra zu Dads und Onkel Thobys Geburtstag gekommen. Trotzdem hatten sie ihnen heute Morgen keinen Happy Doozoo gewünscht, nicht einmal nachdem ich es gesagt hatte, dreimal, laut und deutlich.
Verzeihung, sagte Toff. Aber der Doozoo ist …
Heute, sagte ich.
Der zwölfte August, sagte Onkel Thoby.
Le douze août, sagte ich langsam.
Ach ja. Natürlich.
Und warum hatten sie ihnen nichts geschenkt. Großmutter schien verwirrt. Sie sagte, die Geschenke seien in ihrem verlorengegangenen Koffer. Wenn du es sagst, sagte ich. Audrey, sagte mein Dad. So gab es nur die Heliumballons (von mir), weil Onkel Thoby Helium toll fand. Und ein neues Telefon für meinen Dad (von Onkel Thoby). Und einen tiefen Teller mit einer sehr realistisch gemalten Fliege auf dem Rand für Onkel Thoby (von meinem Dad). Und eine Flasche Sherry für Onkel Thoby (von meinem Dad).
Schenkt ein den Piratensherry, sang Onkel Thoby in der Küche. Seine Piratenhaare fielen ihm in die Stirn.
Er vertauschte seinen Kaffeebecher mit einem kleinen roten Glas.
 
Zum Abendessen gab es Hühnchenlasagne. Ich stand auf und brachte einen Trinkspruch auf Andrew Toti auf, den Erfinder der Hühnchenrupfmaschine.
Großmutter und Toff zogen die Augenbrauen hoch.
Und der Schwimmweste, setzte ich hinzu.
Amen, sagte mein Dad.
Die Lasagne hatte drei Stockwerke, und man konnte jedes Stockwerk in zwölf Parkplätze zerschneiden und jeden Parkplatz einzeln essen. Ab und zu machte ich eine Pause und spielte mit dem Korkenzieher.
Mal hat er Haare unter den Armen, sagte ich, und hob seine Arme.
Und mal auf den Schultern.
011
 
Du sollst doch nicht dazwischenreden, sagte mein Dad.
Was wäre euch lieber, fragte ich in die Runde.
Schweigen. Dann sagte Onkel Thoby: Ich habe beides.
Ich tastete seinen Arm ab. Du hast aber doch gar keine Haare auf den Schultern, sagte ich.
Doch, ein paar, sagte er.
Ich widmete mich wieder meiner Lasagne.
Jetzt hatte ich Toff bei seiner Geschichte über seine Jugendjahre als Chorknabe unterbrochen (wofür sie mir eigentlich hätten dankbar sein müssen). Ich blickte verstohlen auf und sah, wie über meinen Kopf hinweg Blickkontakte geknüpft wurden. Außer mir aß niemand mehr.
Was ist, sagte ich.
Lass dir ruhig Zeit, Liebes, sagte Onkel Thoby.
Vor dem Essen war ich in mein Zimmer geschickt worden, um den Korkenzieher zu suchen, den ich in meiner untersten Schublade versteckt hatte. Ich fand den Korkenzieher toll, weil er halb Ballerina und halb Waffe war.
Wo ist der verfluchte Korkenzieher. Audrey!
Oui. Ich tänzelte in die Küche.
Der Korkenzieher hängt nicht am Brett.
Non.
Wo ist er.
Nimm doch den an Onkel Thobys Messer.
Ich will aber den richtigen.
Darf ich in mein Zimmer.
Ja, natürlich.
Also trampelte ich die Treppe hoch. Ich war seit zwei Tagen nicht mehr in meinem Zimmer gewesen. Denn darin hauste ja jetzt Toff. Und wie. Böses Erwachen. Erstens stank es wie die Pest. Auf dem Tisch stand ein Aschenbecher (voll), und auf meiner Kommode lag eine Bürste mit Barthaaren darin. Und der gemalte Baum an meiner Wand schien zu verdorren. Armer Baum, flüsterte ich und berührte ein Blatt. Dann sagte ich es noch einmal, laut. Armer Baum, jammerte ich.
Onkel Thoby steckte den Kopf zur Tür herein. Was ist denn los.
Mein Baum stirbt.
Der kann doch gar nicht sterben. Er ist nicht echt.
Nein, aber sterben tut er trotzdem.
Der Baum war das Werk von Onkel Thoby. Die Äste waren lang und erstreckten sich über die beiden benachbarten Wände und die Decke, sodass sie das Bett, das darunter stand, förmlich zu umarmen schienen. An den Ästen waren kleine braune Klettknospen. Da wir Sommer hatten, war an jeder Knospe ein grünes Blatt aus Filz befestigt. Im Herbst würden sie durch rote und gelbe Blätter ersetzt werden. Pünktlich zur Winter- und Sommersonnenwende feierten Onkel Thoby und ich eine Zeremonie, die wir Bäumchen-wechsle-dich nannten.
Ich löste ein Blatt von einem Ast und roch daran. Stinkt, sagte ich.
Er verzog das Gesicht. So schlimm ist es nun auch wieder nicht.
Nein, aber stinken tut es trotzdem.
Ich weiß. Aber das lässt sich vorerst leider nicht ändern. Und jetzt komm. Was willst du überhaupt hier drin.
Den Korkenzieher holen.
Er wunderte sich kein bisschen. Na, dann mach voran und komm.
 
Nach dem Essen gingen Onkel Thoby und ich nach draußen und banden die Ballons los. Ich stampfte auf die Dielen und sagte: Toff will meinen Dad zum Rauchen verführen.
Onkel Thoby seufzte. Unsinn.
Trotzdem will er meinen Dad umbringen. Er ist wie der Mann in dem Buch, aus dem mein Dad uns nach dem Essen nicht mehr vorliest, weil wir Gäste haben.
Wie wer.
Ich stampfte auf und ab. Na, wie der Mann aus Russland, der auch einen Bart hatte, der bis unter den Tisch ging. Rumpels toffzchen.
Rasputin.
Ich nickte. Rasputin hatte (bislang) nichts und niemand etwas anhaben können. Weder Gift noch Pistolenkugeln. Wollen wir Toffs Kaffee vergiften, sagte ich.
Lieber nicht, sagte er. Er beugte sich über das Geländer und band eine Ballonschnur los. Möchtest du mir nicht helfen.
Ich legte ihm die Hand auf den Arm.
Ha.
Die Ballons zerrten an ihren Schnüren und wehten in Richtung Teich.
Ich drehe eine Runde, sagte ich und sprang über die federnden Dielen davon. Als ich am Esszimmerfenster vorbeikam, hörte ich Großmutter sagen: Weiß der Kuckuck.
Als ich zu Onkel Thoby zurückkam, erwartete er mich mit offenen Armen. Das machten wir immer so. Ich drehte eine Runde, und er wartete. Er hob mich hoch und setzte mich auf das Verandageländer. Ganz schön anstrengend, sagte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ich lehnte mich zurück. Er hielt mich an den Fußgelenken fest. Ich lehnte mich so weit zurück, bis der Teich auf dem Kopf stand.
Ich muss dich was fragen, sagte er.
Ich muss dich was fragen.
Okay, du zuerst.
Ich richtete mich auf. Ich sah mich um. Hinter ihm, in der Küche, wippten die Ballons auf und ab.
Du hast eigentlich gar keine Frage, sagte er.
Doch. Los geht’s. Bist du bereit. Ich bin ganz Ohr. Okay. Meine Frage lautet. Hattest du einen schönen Happy Doozoo.
Er lächelte. Ein sehr schönen sogar.
Ich ging ganz nah an ihn heran, bis sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Ich strich ihm die Haare aus dem Gesicht, damit ich ihm in die Augen schauen und sehen konnte, ob er lügt. Er log. Ich nahm ihn in die Arme. Und drückte ihn ganz fest. Er hob mich hoch, und wir spazierten einmal rings um die Veranda. Was ist denn los, flüsterte er mir ins Ohr. Du benimmst dich ziemlich merkwürdig in letzter Zeit.
Ich drückte mein Gesicht an seine Wange. Ich kann Gäste nicht leiden.
Ich war aber doch auch mal Gast.
Das ist was anderes, murmelte ich. Toff und Großmutter sind très méchants.
Très méchants.
Sie haben gemeine Augenbrauen.
Er gab keine Antwort. Was wolltest du mich denn fragen.
Ach ja. Meine Frage. Bist du bereit. Los geht’s. Habe ich dich vorhin zufällig Kaffee trinken sehen.
Nein.
Ich glaube doch. Und ich glaube, da liegt der krumme Hund begraben. Bist du müde.
Nein.
Ich glaube doch.
Nein.
Ich glaube, es ist höchste Zeit fürs Bett, sagte er.
Du meinst, für die Liege.
 
Auf der Liege machte ich eine kleine Kummerliste:
1. Mich hat genervt, wie Großmutter mir beim Essen zugeguckt hat. Immer wenn die anderen geredet haben, hat sie auf meinen Teller geglotzt. Außerdem hat mich gestört, wie sie und Toff Blickkontakt aufgenommen haben, als wär ich blind. Onkel Thoby hat mir später erklärt, dass sie ganz hippelig waren, weil sie rauchen wollten und es sich nicht gehört, am Tisch zu rauchen, solange noch jemand isst. Dabei hätte ich auch nicht schneller essen können, wenn ich gewollt hätte, was ich aber gar nicht wollte. Stattdessen habe ich langsam gegessen. Mein Dad hat schnell gegessen. Und Onkel Thoby mittelschnell. Wenn mein Dad aufgegessen hat, liest er uns normalerweise aus der Biografie vor, bis ich aufgegessen habe. So geht die Regel. Und nur weil er bei Tisch nicht liest, wenn wir Gäste haben, brauche ich noch lange keine liebgewonnene Angewohnheit über Bord zu werfen. Weil, was dann. Was, wenn ich eine liebgewonnene Angewohnheit über Bord werfe und mir stattdessen angewöhne, schnell zu essen. Was wird dann aus dem Vorlesen. Dann müsste ich nämlich nicht nur früher abwaschen. Sondern auch früher ins Bett.
2. Ich fand es blöd, wie Toff sich lang und breit über Cambridge ausgelassen hat. Lächerlich. Er wollte die ganze Zeit mit meinem Dad in Erinnerungen schwelgen. Man müsste ihn eigentlich viel öfter unterbrechen. Beziehungsweise ich, weil sonst macht es ja keiner. Genau darum habe ich ja auch den Korkenzieher genommen. Außerdem habe ich ihn gefragt: Wie tief war denn der Fluss, in den du über Bord gefallen bist. Nur hüfttief, sagte er. Ich lachte. Unser Teich hat keinen Grund, sagte ich. Willst du nicht mal darin schwimmen gehen. Audrey, sagte mein Dad. Aber es war ja auch nicht nett Onkel Thoby gegenüber, dieses Geschwelge in Erinnerungen, Onkel Thoby war nämlich nicht in Cambridge, sondern ist in London geblieben und wurde Gepäckabfertiger und das schwarze Schaf der Familie.
3. Großmutter hat Onkel Thoby am Flughafen keinen Kuss gegeben.
4. Onkel Thoby kam in keiner einzigen Erinnerung vor.
5. Ich fand es blöd, wie genervt Großmutter war, als sie von den Experimenten erzählte, die mein Dad als kleiner Junge gemacht hat. Zum Beispiel, wie er verletzte Insekten gerettet und gesund gepflegt hat, obwohl sie nur drei Beine hatten. Einen dreibeinigen Käfer hat er jahrelang in einem Marmeladenglas gehalten. Du übertreibst, sagte mein Dad. Wedge fand Großmutter mindestens genauso nervig (eklig).
6. Während ihres Besuchs durfte Wedge nicht auf den Tisch. Nicht mal, um eine Glühbirne zum Glühen zu bringen.
7. Als ich Toff nach seinem Lieblingsspiel fragte, sagte er Katz und Maus. Was ist denn das, fragte ich. Ein Kartenspiel. Und dann zeigte er mir, wie es geht. Man muss die Karten in der richtigen Reihenfolge übereinanderstapeln, Bube, Dame, König undsoweiter undsofort. Das fand ich total doof. Dann fragte ich Großmutter nach ihrem Lieblingsspiel. Solitaire, sagte sie. Was ist denn das. Ein Kartenspiel. Und dann zeigte sie mir, wie es geht. Man muss die Karten in der richtigen Reihenfolge übereinanderstapeln, Bube, Dame, König undsoweiter undsofort.
8. Meine Güte, spielt denn keiner gern Cluedo.
Mein Dad machte die Tür auf und sagte: Na, noch wach, alte Zimtzicke.
Verdammt noch mal.
Et cetera.
Und als meine Augen sich endlich an das grelle Licht gewöhnt hatten und ich hellwach war und ihm mein Herz ausschütten und meinen Kummer beichten wollte, da legte er sich ins Bett und machte das Licht aus. Ich konnte seine Füße zwar noch nicht sehen, aber wenn es so weit war, hatte er hoffentlich entweder Socken an oder die Füße unter der Decke.
Mein Dad arbeitete sich normalerweise von über der Decke unter die Decke vor. Er sagte immer, er wüsste auch nicht, wie er das macht. Jetzt kannte ich des Rätsels Lösung, denn ich hatte gesehen, wie er mitten in der Nacht unter die Decke schlüpfte. Mit Zauberei hatte das jedenfalls nichts zu tun.
Ich bin blind, sagte ich.
Lass ihnen einen Augenblick Zeit, sagte er und meinte meine Pupillen.
Ich drehte mich um. Meine Liege quietschte.
Erzähl mir die Geschichte von den beiden Männern und dem Löwen.
Warum. Hast du schlecht geträumt.
Ja.
Und das fällt dir jetzt ein.
Nein, es ist mir gerade eben eingefallen, als ich mich wieder genau so hingelegt habe wie vorhin.
Audrey, ich bin hundemüde.
Ach, sagte ich.
Was ach.
Ich nicht.
Wenn ich schlecht träumte, durfte ich meinen Dad nachts wecken, um ihm meine Albmontage – ganz kurz, ohne alle überflüssigen Details – zu schildern, und dann erzählte mein Dad mir die Geschichte von den beiden Männern und dem Löwen.
Darf ich dir meinen Traum jetzt erzählen oder nicht.
Wovon handelte er denn. Von einem Flugzeug.
Nein. Von Gästen.
Wieso. Was war denn gestern.
Nicht gestern. Gästen.
Schlaf weiter.
Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Ich konnte seinen Fuß erkennen. Ich stupste ihn ganz leicht. Er hatte einen Socken an. Ich stupste ihn noch mal.
Schluss jetzt.
 
Ich hatte schon Cluedo spielen wollen, seit Toff und Großmutter bei uns waren, und am nächsten Abend wurde mein Wunsch endlich erhört. Wir versammelten uns um den Tisch. Ich war Fräulein Ming. Das machte ich von Anfang an klar. Mein Dad war Professor Bloom, und Onkel Thoby war Direktor Grün. Alles comme d’habitude. Nur dass jetzt noch zwei Figuren mehr mitspielten. Baronin von Porz und Oberst von Gatow. Es waren also alle Cluedo-Figuren vergeben. Bis auf Frau Weiß.
Die Lage spitzt sich zu, sagte ich und nickte.
Welche Lage, sagte Toff.
Ihr habt dieselbe Farbe wie eure Figuren, sagte ich. Und in der Tat. Er war ganz gelb, besonders die Finger, zwischen denen seine Zigarette klemmte.
Willst du dich denn nicht setzen, sagte Großmutter.
Nein. Ich spiele immer im Stehen.
Seit wann, sagte mein Dad.
Seit heute.
Da hat doch nicht etwa jemand C-A-F-F-E-E, begann Onkel Thoby.
Das gehört sich nicht, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf ihn.
Mit dem Finger zeigen gehört sich nicht, sagte er.
Ich klappte das Spielbrett auseinander. Das sieht aus wie Großmutters Haus, sagte ich, bloß plattgewalzt. Schweigend sannen sie über meine Worte nach.
Eigentlich nicht, sagte Toff.
Wohl, sagte ich. Immer wenn ich mir Großmutters Haus ins Gedächtnis rufen wollte, hatte ich das Cluedo-Spielbrett vor Augen.
Der Kerzenleuchter fehlte, und wir nahmen stattdessen den Korkenzieher. Meine Idee.
Gut, sagte Toff.
Und los ging’s.
Toff und Großmutter benutzten die Wörter anklagen und verdächtigen synonym, was ich etwas verwirrend fand.
Ich lief hektisch auf und ab, mit meinen Karten in der einen und dem Revolver in der anderen Hand. Ich sagte: Sehr interessant, auch wenn es das eigentlich gar nicht war. Nachdem ich gewürfelt hatte, rannte ich ein paarmal wegen dringender Geschäfte aus dem Zimmer.
Audrey, komm sofort zurück. Ich dachte, du wolltest spielen.
Will ich ja auch.
Dann komm zurück oder es hat sich ausgespielt.
Ich trampelte zum Tisch zurück. Ich war erst nach viermal Würfeln wieder dran. Also drehte ich ein paar Runden um den Tisch.
Sie schaut mir in die Karten, sagte Baronin von Porz.
Ich tippte mir mit dem Finger auf die Brust. Moi.
Dann stellte ich mich hinter Toff und setzte ihm den Revolver an die Schläfe, ohne dass er etwas davon merkte.
Onkel Thoby zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. Setz dich, sagte er. Sofort.
Ich setzte mich. Erst mal.
Toff sagte: Warum gibt es eigentlich kein zweistöckiges Cluedo-Brett. Mit Schlafzimmern. Und einem Bad mit Whirlpool.
Eine Erwachsenenausgabe, sagte mein Dad. Mit scharfen Waffen.
Langes Schweigen.
Also wirklich, Walter, sagte Onkel Thoby.
Was meinen Vater auf die Palme brachte: dass ich nie richtig würfelte. Dabei war das gar nicht nötig. Wenn man in ein Eckzimmer kam, konnte man einfach quer über das Brett in die gegenüberliegende Ecke hüpfen, ohne zu würfeln. Deshalb beschränkte sich meine Strategie darauf, ständig hin und her zu springen.
Warst du eigentlich schon mal im Billardzimmer, fragte Toff.
Nö.
Du hüpfst also ständig zwischen Salon und Wintergarten hin und her.
Ja.
Und wie willst du dann den Tatort ermitteln.
Ich habe da so meine Methoden.
Und sind die auch koscher.
Bien sûr.
Großmutter verdächtigte jetzt Direktor Grün mit dem Kerzenleuchter in der Küche.
Du meinst Korkenzieher!
Pardon, Korkenzieher.
Der Korkenzieher war zu groß. Er passte in kein einziges Zimmer.
Du bist einfach zu faul, zu würfeln und die ganzen Zimmer abzuklappern, sagte mein Vater und schaute andächtig in seine Karten. Ich kann dir nicht helfen, sagte er zu Großmutter.
Also, dann, sagte sie. Dann klage ich jetzt an.
Halt halt halt, sagte ich. Willst du wirklich anklagen. Oder nur verdächtigen.
Anklagen, sagte sie. Und zwar Direktor Grün mit dem Korkenzieher in der Küche.
Ich richtete den Revolver auf sie. Falsch, sagte ich.
Großmutter griff nach dem Umschlag mit der Lösung.
Halt! Erst musst du eine Runde aussetzen.
Da benimmt sich aber jemand nicht seinem Alter entsprechend, sagte Großmutter.
Wer, fragte ich und blickte in die Runde.
Mum, sagte mein Dad.
Walter, ich finde …
Ich bin doch erst ein Jahr alt, sagte ich.
Unsinn, sagte sie.
Ich habe aber erst einmal Geburtstag gehabt, sagte ich und hielt einen Finger hoch. Schreib dir das hinter die Ohren.
Also, sagte Onkel Thoby und stand auf. Ich glaube, es ist höchste Zeit für die Liege.
Sie meint Schaltgeburtstag, sagte mein Dad.
Ich weiß, was sie meint, sagte Großmutter. Du bist sieben, Audrey.
Wie sie das Wort sieben betonte, gefiel mir gar nicht.
Onkel Thoby nahm mir den Revolver aus der Hand. Und jetzt nach oben mit dir, sagte er. Nacht.
 
Als ich am nächsten Morgen nach unten kam, war der Kaffee noch nicht fertig. Es roch jedenfalls nicht nach Kaffee. Mein Dad holte den neuen Fliegenteller aus dem Geschirrspüler. Der gehört nicht in den Geschirrspüler, sagte er. Und seine Augenbrauen sahen aus wie die von Bert.
Ich zeigte auf die Kaffeemaschine. Wo ist Ernie.
Audrey. Komm mal einen Augenblick hierher.
Ich war schon auf der Kellertreppe. Ich sah nach oben. Da unten ist er nicht, sagte mein Dad.
Warum.
Komm her.
Ich stieg die Treppe langsam wieder hoch. Normalerweise machte Onkel Thoby morgens Kaffee. Er war immer als Erster auf.
Mein Dad erklärte mir, dass Onkel Thoby in ein Hotel gezogen sei. Vorübergehend. Wegen der beengten Wohnverhältnisse. Ich könne mein Zimmer zurückhaben. Toff werde nach unten in Onkel Thobys Zimmer ziehen. Dabei versuchte er, einen Kaffeefilter aus der Packung zu fummeln. Ohne Erfolg. Scheiße, sagte er, warf die Packung auf die Anrichte und zeigte mit dem Finger darauf. Kannst du mal, sagte er.
War das vielleicht meine Schuld. Weil ich einen Revolver auf Toff und Großmutter gerichtet hatte. Weil ich mich nicht meinem Alter entsprechend verhielt, was auch immer das heißen mochte.
Das war meine größte Angst. Dass ich eines Morgens aufwachen würde, und Onkel Thoby wäre nicht mehr da, und wir würden die Kaffeefilter nicht aus der Packung kriegen. Plötzlich wäre alles anders. Stellen Sie sich vor, in Dickens’ Weihnachtsgeschichte wacht Scrooge morgens auf und ist nicht etwa glücklich und zufrieden, sondern todtraurig, weil er sich in einen der Geister verliebt hat. Und jetzt kann er die echten Menschen noch weniger leiden, weil sie alle Schweine sind. Alle außer seinem Dad.
Mein Dad versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, dabei hätte er wegen so einer Kleinigkeit normalerweise nicht Scheiße gesagt. Jetzt kannst du dein Zimmer wiederhaben, sagte er.
Aber wozu. Damit Toff in Onkel Thobys neue Kellerwohnung ziehen und die grünen Wände verstinken konnte.
Oben ging eine Toilettenspülung. Scheiße, sagte ich und sah meinen Dad verstohlen an.
Gut jetzt, sagte er. Soll heißen: Es reicht.
Aber besonders logisch konnte ich das nicht finden. Wenn es einzig und allein um die Zimmerverteilung ging, wieso war Onkel Thoby dann mitten in der Nacht verschwunden, als ich im Bett, pardon, auf meiner Liege lag. Warum die Eile.
 
Vielleicht ist das der Schlüssel zu des Rätsels Lösung. Großmutters /Toffs Reaktion auf die Nachricht, dass Onkel Thoby heute und auch an allen anderen Tagen nicht mit uns frühstücken werde, weil er ins Civil Manor gezogen sei: Sie zogen die Augenbrauen hoch. Zwei Sekunden lang. Dann ließen sie sie wieder sinken.
Hoppla. Macht doch nicht so ein trauriges Gesicht, sagte ich.
Das war der Tropfen, der das Fass von meinem Dad zum Überlaufen brachte. Auf dein Zimmer, sagte er.
Ich habe aber gar kein Zimmer, sagte ich und schlürfte meinen fünffach gefilterten Kaffee.
Dann hilf mir, Audrey.
Toff stand auf und sagte, er werde seine Sachen nach unten schaffen. Zugegeben, er sah vielleicht doch ein bisschen traurig aus, als er sich durch den Bart strich und aus dem Zimmer ging.
 
Mir wurde gesagt, das Civil Manor sei dans les environs. Und ich dürfe Onkel Thoby jederzeit besuchen. Ja, gut, dann jetzt gleich. Ich dürfe sogar die Heliumballons mitnehmen, um ihn aufzumuntern.
Dann muss er also aufgemuntert werden!
Das habe ich nicht gesagt.
Hast du wohl.
Hol die Ballons und komm.
Was sind eigentlich environs, und gefällt es Onkel Thoby da. Meine Güte. Darf ich Wedge mitnehmen.
Nein.
Bitte.
Zieh deinen Regenmantel an.
Wedge und die Heliumballons gingen offenbar als Schwertransport durch, denn wir fuhren mit dem Auto. Die Ballons wippten auf dem Rücksitz. Endlich rauchfrei, wippten sie. Endlich rauchfrei. Wedge sah leicht benommen aus. Er war die ganze Nacht aktiv gewesen, und jetzt hatten wir ihn geweckt, damit er auch tagsüber herumturnte. Er drückte seine kleinen Händchen gegen das Plastik. Was ist denn hier los.
Ich zeigte auf ein paar Barthaare, die sich im Gurt verfangen hatten. Igitt, sagte ich.
Damit eins klar ist, Audrey. Ich möchte weder über Toffs Bart noch über Großmutters Augenbrauen sprechen.
Du hast es also auch gemerkt!
Nein, du.
Nein, du.
Mein Dad hatte heute keine Lust auf das Nein-du-Spiel.
Wie dem auch sei, sagte er nach einer Weile. Meinst du, du könntest dich zur Abwechslung einmal wie ein zivilisierter Mensch benehmen.
Ha! Ich hab’s kapiert. Ich hab den Witz kapiert.
Das Civil Manor sah aus wie eine umgekippte Piety-Pie-Fabrik. Die Fabrik war ein liegendes Rechteck. Das Civil Manor war ein stehendes Rechteck. Beide waren weiß und um die Augen rostig.
Natürlich gab es ein paar himmelweite Unterschiede:
Die Piety-Pie-Fabrik hatte fünf Schornsteine, die Kuchenduft in die Luft pusteten. Dieser Duft war köstlich, und wenn der Wind richtig stand, konnte man ihn bis zum Wednesday Place riechen. Das Civil Manor hatte keine Schornsteine. Die Piety-Pie-Fabrik hatte fünf rosa Leuchtbuchstaben auf dem Dach, die das Wort PIETY bildeten. Am Civil Manor hing nur ein kleines Schild mit einem Butler drauf. Der Butler hielt ein Tablett in Händen, und auf dem Tablett stand ZIMMER FREI.
Als ich ausstieg, hatte ich das Gefühl, die Piety-Pie-Fabrik und das Civil Manor sind verliebt. Leider lag zwischen ihnen eine stark befahrene Straße.
 
Mein Dad trug die Ballons. Ich trug Wedge. Es war niemand an der Rezeption. Die Lobby war klein und muffig. Hallo, Doreen, sagte mein Dad. Wer. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen. In dem Zimmer hinter der Rezeption saß eine Frau und guckte Seifenopern. Dass es Seifenopern waren, erkannte ich an der Musik. Gehen Sie ruhig rauf, sagte sie. In ihrem Ohrensessel saß sie anscheinend sehr bequem.
Hä. Wer ist Doreen.
Psst. Na, sie.
Das machte mich nervös. Woher kannte mein Dad jemanden, den ich nicht kannte.
Hinter der Rezeption hing außerdem ein Brett mit Haken dran. An allen außer einem Haken hingen Schlüssel. Zimmer 203. Das war Onkel Thobys Zimmer. Dann war er also der einzige Gast im Civil Manor. Es zerriss mir fast das Herz. Doreen hingegen trug es offenbar mit Fassung.
Mein Dad sagte, er werde nicht lange bleiben. Er werde mich nur zu Onkel Thobys Zimmer begleiten und sich dann wieder unseren Gästen widmen, damit sie sich nicht so verloren vorkämen. Verloren, sagte ich. Einsam, sagte er. Ich glaube nicht, dass sie sich einsam fühlen.
Warum nicht.
Kein Kommentar. Wie man so sagt, wenn man ein Geheimnis hat. Ich hatte zwar keins, aber es konnte ja nicht schaden, schon mal zu üben.
Wir gingen einen mit orangenem Teppich ausgelegten Gang entlang. Der orangene Teppich hatte einen Mittelscheitel. Bis zur Sohle. Plötzlich standen wir vor Nummer 203. Na los, klopf an, sagte mein Dad.
Nein, du. Ich drückte mir Wedges Kugel an die Brust. Mein Dad klopfte an. Ich war noch nie in einem richtigen Hotel gewesen und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Onkel Thoby, unser Onkel Thoby, tatsächlich hinter dieser Tür war. Obwohl es zum Civil Manor eigentlich nicht allzu weit war, kam ich mir vor wie in einem anderen Universum. Zum Beispiel Doreen. Wer war sie. Nur eine Frau im Ohrensessel. Und doch spielte sie in unserem Leben plötzlich eine Rolle.
Keine Reaktion.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und versetzte der Tür einen Tritt.
Na also, sagte mein Dad.
Und die Tür ging auf. Vor mir stand Onkel Thoby. Und meine Nervosität war wie weggeblasen, weil ich bei ihm war und er seinen knallgelben Pulli mit den roten Karos anhatte. Als er mich und Wedge und die Ballons sah, führte er ein kleines Freudentänzchen auf. Was wird das, eine Party, sagte er.
Ich jubelte mit und sah mich im Zimmer um. Gott, wie klein, sagte ich. Klein, aber fein, setzte ich hinzu.
Da ist aber jemand todtraurig, sagte mein Vater, während ich auf Erkundung ging.
 
Unter dem Fenster von Zimmer 203 stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Wir setzten uns. Ich legte die Füße in Onkel Thobys Schoß und machte eine Brücke. Da hörte ich das Auto anspringen. Ich sprang auf und winkte meinem Dad zum Abschied. Dann setzte ich mich wieder. Und machte eine neue Brücke.
Da ist aber jemand nervös, sagte Onkel Thoby.
Da ist aber jemand todtraurig, sagte ich.
Onkel Thoby verschränkte die Hände hinterm Kopf.
Ich tat es ihm nach.
Fräulein Garstig kann’s nicht lassen.
Wedge kullerte auf dem Weg ins Bad in seiner Kugel an uns vorbei. Ihm gefällt’s hier, sagte ich.
Sieht ganz so aus.
Und dir.
Aber ja.
Plötzlich gab es einen lauten Knall. Ein Ballon klatschte auf den Boden. Ich sah nach oben.
Die Decke ist ja spitz, kreischte ich.
Stuck, sagte Onkel Thoby. Scheiße. Er stand auf und band die anderen Ballons am Türknauf fest.
Die Decke von Zimmer 203 fand ich doof, aber der Rest war eigentlich ganz nett. Klein, hübsch und transportabel. Nein, transportabel wohl doch nicht. Aber es erinnerte mich an meinen Traum von einem transportablen Zimmer. Das transportable Zimmer konnte man überall dranhängen, zum Beispiel an einen Truck oder Zug. Jeder hatte so ein transportables Zimmer. Mit einem Bett, einem Bad und blauem Teppich. Sonst nichts.
Als ich Onkel Thoby von meiner Montage erzählte, sagte er: So etwas nennt man Wohnmobil, Oddly.
Quatsch. Kein Wohnmobil. Meine Güte. Als ob ich nicht wüsste, was ein Wohnmobil ist. Nein, ein transportables Zimmer.
Wir beschlossen, einen Ballon zu ermorden, einen weißen. Wir hatten schon des Öfteren heimlich Ballons ermordet. Wir stachen ein Loch in einen Ballon und atmeten das Helium ein. Das machten wir, seit wir bei einer Hochzeitsfeier vor einer Kirche sechs Ballons gerettet hatten. Alle Gäste hielten rosa Ballons in der Hand, und als das Brautpaar im Portal erschien, ließen sie die Ballons fliegen. Onkel Thoby und ich kamen gerade vorbei und trauten unseren Augen nicht. Heliumballons! Umsonst! Onkel Thoby sprang in die Luft wie eine Ballerina, um so viele wie möglich zu ergattern. Braut und Bräutigam machten ein verdutztes Gesicht, als ob sie sagen wollten: Wer hat denn den langarmigen Mann eingeladen.
Wir nahmen die Ballons mit nach Hause, und Onkel Thoby zeigte mir, was Helium mit der Stimme macht. Ein Hauch von Helium, und die Stimme klingt wie Wedge. Beziehungsweise so, wie ich mir Wedges Stimme vorstelle.
Wir sagten meinem Dad nichts davon, weil er bestimmt etwas dagegen hätte, ein Versuchstier wie Wedge mit einer Versuchssubstanz wie Helium zum Sprechen zu bringen.
Als Wedge jetzt aus dem Bad gekullert kam, quiekte Onkel Thoby: Die Badewanne muss dringend neu verfugt werden.
Ich kicherte.
Wedge sah unheimlich süß aus, wenn er so auf einen zugekullert kam, mit den Händen fuchtelte und sich über die Badewanne beschwerte. Wenn man es recht bedenkt, war seine Plastikkugel ein transportables Zimmer. Ich wollte, ich hätte auch so eine Plastikkugel. Dann könnte ich gegen die Wände kullern, ohne mir wehzutun. Das Einzige, woran ich mir wehtun könnte, wären Treppen.
Onkel Thoby gab mir den Ballon, und ich fragte ihn, mit Wedges Stimme, warum er jetzt im Civil Manor wohne.
Einer muss doch hier wohnen, quiekte er.
Warum, quiekte ich zurück. Zu Hause ist doch genug Platz.
Nein. Denk nur an die arme Doreen. Einer muss doch hier wohnen.
Ich hätte da ein paar Fragen.
Schieß los.
Ich nahm noch einen Zug aus dem Ballon. Wie ist Doreen eigentlich so.
Ich habe nicht den leisesten Schimmer.
Okay, hier kommt meine eigentliche Frage. Bist du bereit. Bist du meinetwegen aus Wednesday Place Nummer 3 ausgezogen. Oder wegen Toffund Großmutter. Sag wegen Toff und Großmutter.
Onkel Thoby wurde ernst. Weder noch.
Ich glaube doch.
Nein, Liebes. Seine Mäusestimme verflüchtigte sich. Es klang furchtbar traurig.
Willst du noch. Ich hielt ihm den Ballon hin.
Danke.
Bist du ausgezogen, weil Großmutter und Toff très méchants zu dir waren.
Sie waren nicht gemein zu mir.
Ich nickte.
Was will mir dieses Nicken sagen.
Dass sie wohl gemein waren zu dir.
Es regnete gegen das Fenster. Platsch. Als hätten Toff und Großmutter den Regen geschickt.
Sie machen sich Sorgen, sagte Onkel Thoby schließlich.
Wieso.
Sie denken, ich liege deinem Dad auf der Tasche.
Hä.
Weil ich keine Arbeit habe.
Na und. Ich doch auch nicht. Oder Doreen.
Er lächelte.
Pfff, machte ich. So’n Quatsch. Warum kann Toff denn nicht ins Civil Manor ziehen. Die Decke hat genau dieselbe Farbe wie sein Bart.
Weil Toff Gast ist, seufzte er.
Und Gäste wohnen in Hotels. Dazu sind Hotels schließlich da.
Oddly.
Er ist ein blöder Umweltverschmutzer.
Onkel Thoby zog die Augenbrauen noch höher als sonst.
Na schön. Weiter im Text. Ich weiß, dass du dans les environs bist. Aber environs. Was heißt das eigentlich.
In der Nähe. Weiter nichts.
Ich weiß, was es heißt.
Onkel Thobys Stimme klang jetzt wieder ganz erwachsen. Weißt du noch, wie ich vom Gästezimmer in den Keller umgezogen bin. Du hast gejammert, das wäre viel zu weit weg. Weißt du noch, was ich darauf gesagt habe. Ich habe gesagt: Alle Zimmer im Haus sind über Heizungsschlitze miteinander verbunden, wie durch Geheimgänge. Dein Zimmer ist mit meinem verbunden. Mein Zimmer mit dem von deinem Dad. Und das von deinem Dad wieder mit deinem. Das musst du immer im Hinterkopf behalten, sagte er.
Ich nickte. Der Gedanke gefiel mir. Es war einer der schönsten Gedanken in meinem Hinterkopf.
Gut. Also, das mit den Geheimgängen gilt nach wie vor. Egal ob ich im Keller wohne. Oder im Civil Manor.
Er zeichnete mit der Fingerspitze ein Dreieck auf den Tisch. Zwischen deinem und meinem Zimmer und dem Zimmer von deinem Dad. Geheimgänge.
Platsch, machte der Regen.
Sie wollen, dass du mit ihnen nach England zurückgehst, stimmt’s.
Er lehnte sich zurück. Sie würden wahrscheinlich nicht Nein sagen, wenn ich mit ihnen nach England zurückginge.
Mich packte die Wut. Diese Schweine.
Aber ich würde Nein sagen, verkündete ich. Ich sage Nein.
 
Er brachte mich rechtzeitig zum Abendessen nach Hause. Er hatte sich eine kleine Tragevorrichtung für Wedges Kugel ausgedacht. Man nimmt ein Handtuch, setzt Wedge genau in die Mitte und verknotet die vier Handtuchzipfel. Ta-tah. Eine atmungsaktive Tasche.
Es regnete noch immer. Onkel Thoby trug seinen grünen Regenmantel, der dieselbe Farbe hatte wie die Flechten auf den Steinen. Er nannte ihn seinen Chlorophyll-Mantel. Onkel Thoby mochte Grün. Er hatte den ganzen Keller eisbergsalatfarben gestrichen, und durch das Grün schimmerte ein Sonnenuntergang. Eines Abends hatte er an der Küchenspüle gestanden, ein Salatblatt hochgehalten und gesagt: In dieser Farbe streiche ich die Wände.
Jetzt qualmte Toff die Wände braun.
Komm vom Ufer weg, Oddly.
Wir gingen am Wednesday Pond entlang auf unser Haus zu.
Den ganzen Weg hatte ich versucht, ihn zu triezen, ihn dazu zu bringen, etwas Gemeines über Toff und Großmutter zu sagen. Ohne Erfolg. Er sagte nur immer wieder, sie machten sich Sorgen seinetwegen. Und das war nicht gemein. Sondern nett.
Aber ich konnte mir weder vorstellen, dass Toff und Großmuter sich Sorgen machten, noch dass sie sich einsam fühlten. Leute, die sich Sorgen machen, haben accent-circonflexe-Augenbrauen. Nein, sie schmiedeten heimlich Pläne. Sie wollten uns das Haus wegnehmen und Onkel Thoby und, wer weiß, vielleicht auch meinen Dad nach England entführen. Und wer würde allein zurückbleiben. Ich. Die Kanadierin.
Direktor Grün.
Ja.
Kommst du mit rein.
Nein. Aber ich bleibe dans les environs.
Ich stieg die Verandatreppe hinauf und winkte ihm zum Abschied. Er hatte die Kapuze hochgezogen. Ich sah ihm nach, wie er den Uferweg entlangging. Wedge rumorte in seiner atmungsaktiven Tasche. Ich lehnte mich gegen das Haus und zählte bis 60. Dann nahm ich die Verfolgung auf.
Er ging nicht zurück ins Civil Manor, denn er ließ den Blackbog Drive links liegen und bog stattdessen in die Manche Street. Oh. Er wollte ins Bebe’s in der Manche Street.
Ich duckte mich hinter ein geparktes Auto. Dann schlich ich mich möglichst unauffällig an und spähte durchs Fenster. Im Bebe’s gab es einen offenen Kamin. Das Feuer loderte im Bauch meines Spiegelbildes und erinnerte mich an einen Werbespot für Tabletten gegen Sodbrennen. Ich hängte mir Wedge über die Schulter, benutzte die Hände als Scheuklappen und starrte auf den Billardtisch. Clint beugte sich im Lichtkegel über den Filz und wollte eben einen Stoß anbringen, als Onkel Thoby hereinkam und seine Kapuze absetzte. Clint richtete sich auf und sagte etwas. Er lächelte, aber dann sah er Onkel Thobys Gesicht und hörte auf zu lächeln. Er rief etwas und zeigte auf Onkel Thoby.
Ich trat den Rückzug an.
Ein Clint’s Cab stand am Straßenrand.
 
Zimmer 205 sah genauso aus wie Zimmer 203, nur dass der Teppich ein frisches Staubsaugermuster hatte. Ich öffnete das Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen. Die Brautschleiergardinen bauschten sich im Wind. Das E in PIETY auf der anderen Straßenseite flackerte.
Ich machte den Fernseher an und suchte das Programm, das Doreen eingeschaltet hatte, aber es gab nur zwei Programme, beide ohne Dinosaurier. Doreen hatte mehr Programme.
Es war kinderleicht gewesen. Ich war hineingegangen. Hatte die Kapuze abgesetzt. Und Hallo, Doreen gesagt. Doreen hatte sich in ihrem Ohrensessel vorgebeugt. Ach, hallo, Schätzchen. Und sich wieder zurückgelehnt. Ich dachte, ein Ohrensessel ist wie ein kleines Zimmer, dem eine Wand fehlt. Im Fernseher sagte jemand: Die Dinosaurier lernten fliegen, indem sie immer langsamer von den Bäumen fielen.
Was ich, trotz meiner Nervosität, bemerkenswert und wichtig fand. Also: abspeichern. Ich fackelte nicht lange. Ich ging hinter den Tresen, stellte mich auf die Zehenspitzen und schnappte mir den Schlüssel von Zimmer 205. Ein Klacks.
Es ist wirklich nicht schwer, im Civil Manor Gast zu werden.
Ob ich einen Plan hatte. Irgendwie schon. Ich wollte warten, bis Onkel Thoby aus dem Bebe’s wiederkam, worauf ich:
a. in den Gang hinausspringen und laut Aha! rufen wollte, wenn er die Tür aufmachte, oder
b. seinen Namen in den Heizungsschlitz sagen wollte, wenn er es sich gemütlich gemacht hatte, oder
c. einfach nebenan schlafen und in seiner Nähe bleiben wollte.
Bis dahin war ich Hotelgast und wollte mich auch wie einer benehmen. Ich hängte meinen Mantel auf und zog meine Turnschuhe aus. Ich ließ Wedge aus der Tasche. Ich hüpfte auf dem Bett herum. Ich packte die Seife im Badezimmer aus und probierte ein Stück. Ich trat ans Fenster und schnupperte. Es duftete nicht mehr nach Kuchen.
Wedge kullerte vorbei.
Hoppla, dieses Zimmer kommt mir irgendwie bekannt vor.
Das könnte daran liegen, dass es genauso aussieht wie das nebenan.
Ach.
Ich sah mich um. Ich war noch nie allein gewesen, ganz allein, ohne dass jemand wusste, wo ich war. Es war aufregend. Aber auch ein bisschen unheimlich. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass ich totipotent war. Totipotent nannte mein Dad mich immer, wenn ich eine schlechte Note aus der Schule mit nach Hause brachte. Es bedeutet: dass im Grunde alles aus mir werden konnte, was zum Repertoire gehörte.
Repertoire.
Also. Zum Beispiel. Meerjungfrau konnte ich nicht werden. Weil das nicht zum Repertoire gehörte.
Gast im Civil Manor hingegen gehörte offenbar zum Repertoire.
Ich stand eine Weile am Fenster und wartete. Ich dachte, er würde jeden Moment kommen. Bis auf den PIETY-Schriftzug war es jetzt dunkel. Wer den PIETY-Schriftzug nicht kennt, weiß nicht, was pink ist. Ich glaube, Piety hat dieses Pink erfunden. Und wenn der Himmel hinter dem Schriftzug schwarz ist, und wenn die Sterne am Himmel stehen, kriegt man plötzlich einen Bärenhunger. Vor allem auf Kuchen.
Hunger, Wedge.
Wedge wurde immer nachtaktiver und war unters Bett gekullert. Ich legte mich auf den Bauch und gab ihm einen Stups. Er kullerte wieder ins Freie. Er hatte in seine Kugel gepinkelt und gekackt, deshalb ging ich mit ihm ins Bad und ließ ihn in der Wanne (die dringend neu verfugt werden musste) herumlaufen, während ich seine Kugel saubermachte.
Nicht nur sauber, sondern rein.
Ich hüpfte noch ein wenig auf dem Bett herum, was ich zu Hause nicht durfte. Beim Hüpfen behielt ich das Fenster im Auge. Ich stellte mir vor, wie Onkel Thoby im Taxi vorfährt und meinen Kopf im Fenster auf und ab hüpfen sieht. Das war ein komisches Bild.
Ich klammerte mich an dieses Bild, während ich es langsam, aber sicher mit der Angst zu tun bekam. Die Stuckdecke war hässlich. Onkel Thoby hatte gesagt, Stuck sei zur Schalldämmung da. Die Stuckberge schluckten den Schall.
Stuckberge, sagte ich laut. Schluckberge.
Und mir fiel ein, was die Stimme in Doreens Fernseher übers Fliegen gesagt hatte. Dass man fliegt, indem man langsamer fällt, und nicht etwa, indem man abhebt.
Ob Fliegen auch zu meinem Repertoire gehörte.
Und so stellte ich mich ans Fußende des Bettes in Zimmer 205 und ließ mich langsam rückwärtsfallen. Immer wieder, immer langsamer, bis ich schließlich liegen blieb. Wie ein vom Baum gefallener Dinosaurier. Ich hatte seit zwölf Stunden keinen Kaffee mehr getrunken.
 
Wir treffen uns mit Toff zum Mittagessen in seinem Hotel. Wo ist er denn abgestiegen, frage ich Onkel Thoby und binde mir die Schuhe zu. Doch wohl nicht im Civil Manor.
Im Fairfont.
Wo auch sonst.
Ich sehe im Briefkasten nach und finde eine Rückrufnotiz. Christmatech. Da hat jemand angerufen, sage ich zu Onkel Thoby. Ein Typ, der seine Lichterketten wiederhaben will.
Er nickt. Ich glaube, der hat schon mal angerufen.
Es ist fünf nach halb eins, und außer Onkel Thobys Handschuhen ist alles farblos. Sein Gesicht ist weiß wie Schnee. Er quetscht sich auf den Beifahrersitz. Zieht die Tür zu.
Keine Angst, das Kratzen übernehme ich, rufe ich ihm zu.
Ich hole den Kratzer aus dem Kofferraum und kratze dem LeBaron den Schlaf aus den viereckigen Augen. Immer erst die Augen sauberkratzen. Heutzutage haben Autos keine viereckigen Augen mehr, oder. Nein. Sie haben Panoramaaugen, wie Embryos. Und Scheinwerfer, die automatisch angehen, wenn es dunkel wird. Dabei macht es mir gar nichts aus, die Scheinwerfer selber einzuschalten. Im Gegenteil. Ich kratze die Stirn frei.
Tut mir leid, aber das Kratzen habe ich ganz vergessen, sagt Onkel Thoby, als ich einsteige. Ich war in Gedanken ganz woanders. Ich bin in Gedanken ganz woanders.
Macht nichts.
Der langarmige Mann kratzt die Scheiben frei, trällert er leise vor sich hin. Was übrigens die erste Zeile eines Liedes ist, das ich mir ausgedacht habe, als ich noch klein war und zum Kratzen auf die Kühlerhaube klettern musste.
Er sieht müde aus, und das ist meine Schuld. Weil ich gestern Nacht am Küchentisch einen unserer Feuermelder getestet habe, der plötzlich losging und gar nicht mehr aufhören wollte, worauf Onkel Thoby aus dem Keller gestürzt kam, während ich hektisch versuchte, die Batterie herauszureißen.
Dachte ich’s mir doch, sagte ich und hielt ihm die Neun-Volt-Batterie hin. Defekt.
Was machst du denn da. Es ist drei Uhr morgens.
’tschuldigung. Aber der Feuermelder hat geblinkt.
Das tut er immer.
Wirklich.
Ja. Kritisch wird es erst, wenn er anfängt zu pfeifen.
Ach.
Oddly. Er setzte sich mir gegenüber. Seine Piratenhaare standen in die Höhe.
Kann ich mir den leihen.
Was. Den Feuermelder.
Ja, hier unten gibt es doch schon drei.
Warum …
Ich beugte mich über den Tisch und drückte seine Haare platt. So ist’s besser. Ich stellte die Neun-Volt-Batterie auf den Tisch. Die Königin der Batterien. Weißt du, was ich in den Nachrichten gehört habe, fragte ich. Und zwar in echt. Nicht in einer Montage.
Was denn. Er rieb sich die Augen.
4A-Batterien. Es gibt jetzt 4A-Batterien. Die sind noch kleiner als die Dreier. Ungefähr so groß, zeigte ich mit Daumen und Zeigefinger. Total süß.
Wenn ich dir Gesellschaft leisten soll, brauchst du doch bloß meinen Namen in den Heizungsschlitz zu rufen.
Die halten ewig. Länger als Lithium.
Willst du denn nicht in deinem alten Bett schlafen.
Ich dachte an mein Zimmer mit den Pferden auf der Tagesdecke, dem kahlen Baum an der Wand, den Charlie-Brown-Kissen. Der Tisch hier ist mein neues Hauptquartier, sagte ich und gab ihm einen Klaps.
Ja, sagte er. Aber warum.
Ich zuckte die Achseln. Weil der Rest des Hauses wehtut.
Er nickte. Tja, sagte er. Ich weiß.
 
Am Steuer bin ich tapfer. Die Straßen sind weiße Tunnels. Ich singe »Die Ballade vom langarmigen Mann«:
Der langarmige Mann kratzt die Scheiben frei
weil er da besser rankommt als ich.
Er klebt die Blätter ganz oben dran
Beim Bäumchen-wechsle-dich!
 
Die kaputte Batterie im Feuermelder
Wechselt der Langarmige auch immer aus
Aber dazu braucht er weder Stuhl noch Leiter
Sondern bloß seinen Arm auszustrecken.
Was ich total super finde, sind die kleinen aus dem Schnee gegrabenen Nischen für die Hydranten. Sie sehen so süß aus, wie sie da stehen und auf ein Unglück warten. Ich finde es super, wie wir vorausdenken und Unglücke verhindern. Dafür liebe ich uns Menschen.
Was noch. Zum Beispiel das Schild NACHBARSCHAFTS-WACHE, wo jemand das Wort WACHE mit gelbem Isolierband überklebt und VERTRAUEN darübergeschrieben hat. So etwas finde ich ganz wunderbar.
Aus dem Handbuch der Young Drivers of Canada: Dann und wann werden Sie etwas Wunderbares am Straßenrand entdecken, sich davon magisch angezogen fühlen und das Steuer versehentlich in die entsprechende Richtung …
Ähm, macht Onkel Thoby.
Tut mir leid. Ich steuere gegen. Extravehikuläre Ablenkung.
Außer Schnee kann ich eigentlich nicht allzu viel Extravehikuläres entdecken, sagt er.
Schon, aber genau darum lenkt mich alles, was nicht Schnee ist, so sehr ab. Keine Angst. Ich habe alles im Griff.
Außer Clint’s Cabs sind keine anderen Autos unterwegs. Immer wenn uns eins entgegenkommt, hupe ich Sturm. Keiner der Fahrer ist der echte Clint.
Onkel Thobys Knie wackeln. Statt zu zittern. Zittern hat eine höhere Frequenz als Wackeln und lässt sich nicht so leicht abstellen. Insofern ist das Wackeln vermutlich ein Fortschritt gegenüber unserer letzten gemeinsamen Fahrt. Ich habe den Eindruck, dass er vor diesem Treffen mit Toff noch mehr Angst hat als ich. Vielleicht wackelt er aber auch bloß mit den Knien, weil wir einer Kollision mit dem NACHBARSCHAFTSVERTRAUEN-Schild nur um Haaresbreite entgangen sind.
Toff ist nicht der Feind, sagt er nach einer Weile. Klar.
Ich nicke.
Er mustert mich scharf. Was will mir dieses Nicken sagen.
Dass Toff sehr wohl der Feind ist.
Oddly.
Der Feind Nummer Eins. Heißt Toff.
Der linke Scheibenwischer ist an einem Stückchen Eis hängengeblieben. Ich kurbele das Fenster herunter, um ihn zu befreien. Der Scheibenwischer ist dünn wie ein Insektenbein.
Wenn Toff irgendetwas tut oder sagt, gibst du mir ein Zeichen, und ich gehe mit ihm raus.
Onkel Thoby macht ein besorgtes Gesicht. Raus wohin.
Erst vor die Tür. Und dann vor die Hunde.
Was soll denn das nun wieder heißen.
Weiß ich auch nicht. Aber wenn man es sich so vorstellt. Ist doch ein schönes Bild.
Der schwächelnde Scheibenwischer ist nach wie vor auf meine Hilfe angewiesen. Wir halten an einer roten Ampel. Ich steige aus. Befreie den Scheibenwischer. Bitte sehr. Steige wieder ein. Der Scheibenwischer hat einen Platz in meinem Herzen. Eigentlich hat so ziemlich alles einen Platz in meinem Herzen, außer Toff. So ist das, wenn man Feinde hat. Und das ist auch gut so.
Als ich gestern nach dem Abendessen aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass kein einziges Haus am Wednesday Place mit Lichterketten geschmückt ist. Onkel Thoby sagte, das sei ihm auch schon aufgefallen. Ich sagte: Aber es hingen doch sonst überall Lichterketten, oder. Er sagte: Ich weiß nicht genau, aber ich glaube ja. Vielleicht hat sie dieser Kerl von Christmatech zurückgerufen.
Wohl kaum. Am Wednesday Place hingen vielmehr deshalb keine Lichterketten mehr, weil mein Dad tot war, pardon, ist. Und wegen der Umstände, unter denen er sein Leben gelassen hat. Und dafür liebe ich unsere Nachbarn. Ich liebe sie und rekrutiere sie hiermit für mein Heer im Kampf gegen Toff, den Henker und Vollstrecker meines Vaters.
 
Onkel Thoby sagt immer, Angst sei ein Zeichen mangelnder Neugier. Mag sein. Aber Angst ist auch ein Zeichen für mangelnden Schutz.
Es ist glatt und geht bergab. Nicht bremsen. Federn lassen. Unten blockiert ein quer stehender Streifenwagen die Fahrbahn. Eine Stromleitung ist gerissen, und der Streifenwagen bewacht die Unglücksstelle mit blitzendem Signallicht. Mir wird ganz warm ums Herz. Komm, wir parken gleich hier, sage ich. Es ist nicht mehr weit.
Und so steigen wir aus und stapfen durch den Schnee. Bei dem Streifenwagen angekommen, frage ich die Polizisten, ob sie denn auch genug Kaffee hätten oder vielleicht irgendetwas bräuchten, ich stände jederzeit zu ihrer Verfügung.
Onkel Thoby sieht auf die Uhr.
Danke, junge Frau. Wir sind versorgt.
Ich danke Ihnen.
Wir gehen weiter zum Hotel. Die Straßen sind tief verschneit. Ich sage: Hast du den Monitor am Armaturenbrett gesehen. Die haben ein Videospiel gespielt.
Das war ein Stadtplan von St. John’s, sagt Onkel Thoby.
Nein. Oder doch.
 
Das Fairfont begrüßt seine Besucher mit Schildern, deren extrem kursive Beschriftung zu extrem kuriosen Verwechslungen führen kann. So gibt es auf dem Hotelgelände beispielweise eine Sauna oder Fauna und einen Frisiersalon, der sich entweder Haarfein oder Haarklein nennt. Alles ist verschnörkelt und golden.
Onkel Thoby und ich sitzen in der Lobby, pardon, dem Atrium. Es ist der reinste Dschungel. Es gibt mehrere Terrassen. Zwischen denen sich ein kleines Bächlein hindurchschlängelt. Von oben ergießt sich ein Wasserfall, der aussieht wie Haare in einem Shampoo-Werbespot, in ein Becken mit Unterwasserleuchten. Auf einem flachen Podest steht ein Flügel.
Überragt wird das Ganze von einem kastanienbraun geschmückten, gut sechs Meter hohen Weihnachtsbaum.
Ich klopfe den Schnee von meinen Stiefeln. Der Baum kann unmöglich echt sein, sage ich.
Vielleicht ist er ja nicht aus Kanada.
Wer macht denn so was. Bäume importieren.
Onkel Thoby zuckt die Achseln und putzt sich die Nase. Er trägt einen schwarzen Anzug und ist unrasiert. Er sieht aus wie ein Chauffeur. Oder wie jemand, der gerade seinen Bruder verloren hat. Sein Mantel liegt über der Sessellehne. Die orangenen Handschuhe ragen wie Hahnenkämme aus den Taschen.
Er verströmt die Aura eines Menschen, der eben erst zur Tür hereingekommen ist. Worin besteht diese Aura. Sagen wir, Sie ständen einer Reihe von Leuten gegenüber, und einer von ihnen wäre gerade erst zur Tür hereingekommen, während die anderen schon seit einer Stunde hier herumstehen. Würden Sie denjenigen erkennen, der gerade erst gekommen ist. Ja. Aber woran. An seinen rosigen Wangen. Den feuchten Augen. Den zerzausten Haaren. Oder ist da noch etwas anderes. Und wie lange dauert es, bis dieses andere wieder verschwindet. Wann wird Onkel Thoby aussehen, als hätte er sich akklimatisiert. Ich berühre meine Wange. Sie ist noch kalt. Wann werden wir aussehen, als würden wir ins Fairfont passen.
Ein Uhr, hat Toff gesagt. Jetzt ist es drei Minuten vor. Mir graut vor ihm. Was auch eine Art Angst ist. Was wiederum ein Zeichen ist für mangelnde Neugier beziehungsweise mangelnden Schutz.
Aus welcher Richtung er wohl kommt. Der Baum. Er kommt bestimmt hinter dem geschmackvollen Baum hervor. Es gibt einen Punkt, an dem das Geschmackvolle (sprich Kastanienbraun) geschmacklos wird. Wo ist dieser Punkt. Der Baum hat ihn eindeutig überschritten.
Ich lasse den Blick über den Dschungel schweifen und halte nach jemand Interessantem Ausschau. Nichts. Nichts. Nichts. Ich sehe zum Wasserfall hinauf. He, habe ich da etwa einen Goldfisch den Wasserfall hinunterspringen sehen!
Ich springe auf. Ich muss mal eben dringend telefonieren.
Nicht weglaufen, Oddly.
Halt mir den Platz frei.
 
Eine Terrasse weiter oben finde ich ein Münztelefon. Ich durchwühle meine Taschen. Finde aber nur den Toonie vom Kurzzeitparklatz. Ob das wohl reicht. Nein. Aber da ist ja der Brunnen. Mit lauter Münzen drin. Tausenden von Münzen. Und nicht bloß Pennies. Vierteldollars. Und sogar eine Eindollarmünze. Die Gäste im Fairfont haben teure Wünsche. Ich kremple den Ärmel hoch und greife hinein. Das Wasser ist warm. Das kommt wahrscheinlich von den Unterwasserleuchten. Winnie fände diesen Brunnen bestimmt super. Halt durch, Win. Keine Panik.
Ich sehe gar keine Goldfische. Habe ich mir den Goldfisch etwa nur eingebildet. Ich schnappe mir die Dollarmünze. Jemand mit dem verschnörkelten Fairfont-Schriftzug auf der Brust kommt vorbei und schimpft.
Das ist ein Notfall, sage ich.
Ich gehe zum Telefon zurück, werfe das ganze Geld auf einmal ein und wähle Lindas Nummer. Es klingelt zweimal. Dreimal.
Rechts von mir ist eine Bar namens Sans Serif. Darin sitzen zwei Air-Canada-Piloten in Uniform an einem niedrigen Tisch und trinken aus hohen Gläsern.
Das vierte Klingeln.
Sie lachen. Der eine gibt dem anderen einen Klaps aufs Schulterstück.
Lindas Anrufbeantworter springt an.
Hallo Linda. Du bist wahrscheinlich bei der Arbeit. Mir ist da gerade was eingefallen. Eiweiß. Winnifred braucht Fischeiweiß. Gelegentlich. Seetang. Hatte ich dir die Proteinmischung gegeben. Ja, doch, habe ich. Ich wollte dich nur daran erinnern.
Eine Computerstimme fährt dazwischen und sagt: Bitte zwei Dollar und fünfundsiebzig Cent einwerfen.
Was.
Die verbleibende Gesprächsdauer beträgt zehn Sekunden.
Zehn Sekunden. Der Schildkröt lebt nicht vom Salat allein!, platze ich heraus. Aber keinen Tunfisch. See-Aus.
Ich halte mir den Hörer noch eine Weile ans Ohr. Als einer der Piloten in meine Richtung schaut, winke ich ihm zu, aber er sieht mich nicht.
 
Unten sitzt Toff wölfisch auf meinem Platz. Sein Bart ist kürzer und spitzer, wie ein Pik. Und er trägt einen lila Schal. Pardon, ein lila Halstuch. Irgendeinen Seidenfetzen, den er sich in den Hemdkragen gestopft hat. Onkel Thoby nickt. Neben meinem Sessel steht ein Aktenkoffer.
Mein Dad nannte Leute mit einem Hang zu extravaganter Garderobe Weihnachten auf Stelzen. Und es tut mir leid, aber ein lila Halstuch ist extravagant. Es ist Weihnachten auf Stelzen. Und damit mindestens genauso geschmacklos wie der kastanienbraune Weihnachtsbaum. Zumal sein »bester Kumpel« gerade gestorben ist.
Ich gehe langsam die Treppe hinunter.
Toff breitet die Arme aus. Ach, sagt er. Du liebe Güte. Er umarmt mich. Tritt mir auf den Fuß. Es tut mir sehr leid.
Schon gut. Stiefel mit Stahlkappen.
Das mit deinem Vater, meine ich. Er starrt mich an und sagt: Du bist erwachsen geworden.
Ja und nein.
Onkel Thoby tut so, als habe er einen steifen Nacken und lässt den Kopf kreisen, damit er uns nicht ansehen muss. Es ist aber auch wirklich furchtbar peinlich. Toffs Hände liegen immer noch auf meinen Schultern. Als wollte er sich mein Gesicht fotografisch einprägen. Also lege auch ich ihm die Hände auf die Schultern. Pitsch, patsch. Sie sind hoch und knochig. Toffs Schultern.
Seine hellen Augen blinzeln im Pitsch-patsch-Takt. Ich finde das irgendwie lustig. Und beunruhigend, denn der Wolf hat Tränen in den Augen. Muss man ihn nun fürchten oder bemitleiden. Ich weiß es nicht. Hör auf, ihn anzustarren. Zieh dich zurück.
In ein Restaurant wie dieses nimmt man keinen Aktenkoffer mit. Es ist champagnerfarben, weihnachtlich und rappelvoll. Eine Harfenistin spielt. Wir traben im Gänsemarsch, wie Kettensträflinge, zu unserem Tisch. Die Harfenistin sitzt in der Ecke hinter Toff. Die Saiten verschwimmen förmlich unter ihren Fingern. Faszinierend.
Ob es Toff nichts ausmache, dass ihm eine Harpyie im Nacken sitzt.
Du meinst eine Harfenistin.
Hab ich doch gesagt.
Die Harfenistin spielt »What Child Is This«, das zu jeder anderen Jahreszeit schlicht »Greensleeves« hieße.
Onkel Thoby fragt Toff nach seinem Zimmer – bist du zufrieden -, und Toff sagt Ja, es erinnere ihn an eine Schiffskabine. Es habe ein Bullauge und einen Balkon, und über dem Bett hänge ein Bild von Männern in einem kenternden Boot.
Wie schön, sagt Onkel Thoby und studiert die Weinkarte.
Ich nehme mein Brotmesser, dessen Griff ein viktorianisches Figürchen mit Schlittschuhen darstellt. Wenn man damit an der Tischkante entlanggleitet, sieht es aus, als ob es auf einem zugefrorenen Teich Schlittschuh laufen würde.
Die Bedienung kommt an unseren Tisch und lächelt mich an. Da sind Sie nicht die Erste, sagt sie. Das machen viele.
Ich lege das Messer wieder hin.
Was kann ich Ihnen zu trinken bringen.
Onkel Thoby bestellt eine Flasche Hauswein. Toff zupft leicht verstört an seinem Halstuch herum, sagt dann aber doch: Okay.
Für mich bitte Kaffee.
Ich habe den Moment verpasst, als Onkel Thobys Gesicht sich akklimatisiert hat. Da war ich wahrscheinlich telefonieren. Es war wahrscheinlich der Moment, als er Toff erblickte. Sein Gesicht wurde ganz blass und vergaß darüber, wie kalt es draußen war. Ich lege die Hand an meine Wange. Zimmerwarm.
Wie spitz sein Bart ist.
Wenn er so dasitzt, auf Brusthöhe abgeschnitten, sieht Toff aus wie ein Pik-Bube. Besonders wenn er den Kopf ins Profil wendet, damit er die Harpyie besser hören kann. Die jetzt »Away in a Manger« spielt, die Version, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Ich wollte, sie würde aufhören, so zu tun, als wären wir im Himmel.
Toff möchte mit mir in Erinnerungen schwelgen. Und da unsere gemeinsamen Erinnerungen nicht besonders zahlreich sind und es folglich nicht allzu viel zu schwelgen gibt, reitet er natürlich auf der legendären Nacht herum, in der ich von zu Hause ausriss und mir im Civil Manor heimlich ein Zimmer nahm. Ganz allein. Und klitzeklein.
Ja, damals war ich bestenfalls drei Käse hoch. Aber jetzt, Toff. Sitzt eine veritable Königin vor dir. Na ja, wenn schon keine Königin, dann doch wenigstens ein ausgewachsener Hofnarr.
Er ergeht sich in grotesken Verrenkungen, während er die Qualen schildert, die sie meinetwegen durchleiden mussten, die Telefonanrufe, die Suchmannschaft.
Ich blicke zu Onkel Thoby, der bei der Erinnerung ganz kleine, traurige Augen kriegt. Okay. Genug. Ich werde das im Keim ersticken, bevor es sich zu einer Epidemie auswächst. Können wir das nicht auf später verschieben, Toff.
Er stutzt, sieht zu Onkel Thoby, nickt und steckt die Nase in die Speisekarte.
Ich frage, wie es Großmutter geht. Nicht gut, sagt er. Dann weiß sie, dass das Komma vorbei ist. Ja. Er habe sie heute Morgen angerufen.
Wäre das nicht eher unsere Aufgabe gewesen, frage ich Onkel Thoby.
Onkel Thobys Nacken scheint ihn von Neuem zu plagen.
Sie war darauf vorbereitet, sagt Toff.
Ach ja. Wie interessant. Hast du sie darauf vorbereitet.
Sie wusste von der Krankheit deines Vaters, ja.
Krankheit kann man das ja wohl kaum nennen. Wir haben schließlich alle eine Medulla oblongata, die einen Knacks bekommen könnte.
Die Harpyie überspielt das peinliche Schweigen. Na schön, weiter im Text. Dann bist du also in Großmutters Auftrag hier.
So würde ich das nicht sagen.
Aber du bist ihr Anwalt.
Ich bin hier als Freund und Testamentsvollstrecker deines Vaters.
Interessant. Dann wusstest du also schon bei deiner Abreise aus England, dass es etwas zu vollstrecken gibt.
Oddly, sagt Onkel Thoby. Was soll denn das. Ich habe dir das doch alles ausführlich erklärt.
Ach ja. Komisch, aber daran kann ich mich gar nicht erinnern. Mal sehen, was Toff dazu zu sagen hat.
Toff greift nach seinem Aktenkoffer und sagt, mein Vater habe ihn beziehungsweise seine Kanzlei vor einigen Jahren gebeten, ein Testament für ihn aufzusetzen.
Darüber muss ich lachen. Wenn auch nur ganz leise, nur für mich.
Was, sagt er.
Ich bitte dich. Ich stoße Onkel Thoby in die Seite. So etwas würde mein Dad niemals tun. Niemals.
Anscheinend doch, Oddly. Anscheinend doch.
 
Toffs Suppe kommt. Und das angebliche Testament von meinem Dad liegt gleich neben dem Teller – ich glaube, es ist Hummercreme. Toff redet in einer Tour. Er blättert mit spitzen Fingern, während er mit der anderen Hand die Suppe löffelt. Aktien. Anleihen. Ich höre nur mit halbem Ohr hin. So etwas würde mein Dad niemals tun. Ich sehe zu Onkel Thoby. Ich versuche, mich mit ihm per Blickkontakt gegen Toff zu verbünden. Genau das brauche ich jetzt. Denn nur der Blickkontakt wider den gemeinsamen Feind gibt uns die nötige Kraft. Wir müssen übereinkommen, dass Toff der Teufel ist und uns einen Pakt andrehen will, und darum müssen wir auf der Hut sein.
Aber Onkel Thoby sitzt einfach da und lauscht andächtig.
Darf ich mal.
Ich greife nach dem Testament.
Toff fällt der Löffel aus der Hand.
Ich schaffe das Testament außer Reichweite und überf liege einen Absatz:
d) alles meiner Tochter Audrey Flowers zu übertragen und zu übereignen, sofern diese am zehnten Tag nach meinem Tode noch am Leben ist … Sofern sie noch am Leben ist!
Das ist eine Standardklausel, sagt Toff.
Genau das meine ich. Mein Dad hätte diese Standardklausel niemals hingenommen. Er hat sein Leben lang dafür gekämpft, solche Klauseln nicht hinnehmen zu müssen.
Toff sieht Onkel Thoby an.
Wir müssten noch das eine oder andere ins Reine bringen, sagt Toff.
Onkel Thoby schüttelt den Kopf. Jetzt nicht. Dann sagt er: Gib das Testament zurück, Oddly.
Ich lese weiter. Mein Dad würde so etwas niemals … Ich halte abrupt inne. Die Harfenistin spielt »O Tannenbaum«. Als ob mich so ein Baum je wieder hoch erfreuen könnte.
Ich springe auf.
Oje, sagt Onkel Thoby.
 
Manchmal nimmt Chuck mich mit zum Fenster und sagt: Sieht der Willamette nicht einladend aus. Ich habe keine Ahnung, was er mir damit sagen möchte. Vielleicht will er mir einen neuen Namen verpassen. Wie die meisten Mieter. Früher oder später. Wenn sie mich erst einmal näher kennen, haben sie plötzlich das Gefühl, dass mein Name nicht zu mir passt. Draußen regnet es in Strömen.
Jetzt hebt er mich schon wieder hoch.
Sehe ich für ihn eher nach Willamette aus als nach Winnifred. Wer weiß. Aus der Nähe betrachtet sind seine Wangen vom Rasieren stark gerötet. Heute Morgen hat er sich rasiert, weil Linda gestern Abend sagte, er sehe aus wie ein gemeiner Strolch. Bart oder nicht Bart, das ist hier die Frage, deklamierte er, worauf sie sagte: Ob’s edler im Gesicht, die spitzen Stoppeln zu erdulden. Ich finde nicht. Darum hat er ihn heute Morgen abrasiert, und ich hörte, wie er vor dem Spiegel über den Verlust eines Herzogtums sinnierte.
Wir stehen zusammen am Fenster. In der einen Hand hält er mich, in der anderen Im Bett mit Macbeth. Er schaut in das Buch, dann schließt er die Augen und sagt, er wolle seinen Stab brechen und begraben und danach sein Buch ertränken. Der Stab bin dann wohl ich.
Er verhaspelt sich. Lässt die Schultern hängen. Ich sinke auf Hüfthöhe.
Ich geh nach draußen, eine rauchen, sagt er.
Er legt Im Bett mit Macbeth aufgeklappt auf den Couchtisch und stellt mich darauf ab. Bin ich etwa schon so weit gesunken, dass ich mich jetzt als schnödes Lesezeichen missbrauchen lassen muss. Shakespeare hin oder her.
Obwohl Chuck in der Wohnung nicht rauchen darf, fragte er Linda gestern Abend, als er sich seine Zigaretten schnappte und zufällig mitbekam, wie ich den Kopf aus dem Fenster meines Schlosses streckte, warum er es nicht einfach wie die Scheißschildkröte halten und den Kopf zum Rauchen aus dem Fenster strecken könne.
Seit wann rauche ich, fragte ich mich.
Linda sagte: Wir wollen doch den Nachbarn keinen Schreck einjagen.
Chuck zieht seinen langen Mantel über seine Boxershorts und geht nach draußen, eine rauchen, während ich Lesezeichen spiele. Da klingelt das Telefon.
Das Telefon klingelt, und niemand nimmt ab. Ich zähle die Klingelzeichen. Vier. Dann springt der Anrufbeantworter an, und sie ist es.
Ich hebe den Kopf.
Sie ist es, und sie hinterlässt eine Nachricht, und ich kann sogar ihre Stimme hören, weil Linda und Chuck keine geheime Voicemail haben, die im Telefon bleibt, sondern eine echte Voicemail, die ihre Stimme ins Zimmer überträgt. Das zufällig das Zimmer ist, in dem ich mich befinde.
Hallo Linda. Du bist wahrscheinlich bei der Arbeit.
Sie ist es wirklich. Sie sagt meinen Namen. Sie sagt etwas Fischiges. Dann fällt das Wort Seetang. Ihre Stimme wird ganz fischig, wenn sie Seetang sagt. Sie fängt an zu zittern.
Dann: Der Schildkröt lebt nicht vom Salat allein!
Was du nicht sagst. Komm zurück.
See. Und dann nichts mehr.
Shakespeares Verse verschwimmen unter meinen Füßen.
Sie klang eigentlich wie immer, nur anders. Kommt sie mir vielleicht nur deshalb anders vor, weil ich mich inzwischen so sehr an Chucks Shakespeare-Englisch gewöhnt habe, dass er allmählich zum neuen Mieter zu werden droht. Gott behüte. Wehe mir.
Mich dünkt, ich brauche einen Plan. Ich muss nach Kanada. Ich könnte zu Fuß gehen. Ich habe das Land schon mal zu Fuß durchquert. Zumindest teilweise. Warum sollte mir das nicht ein zweites Mal gelingen. Vielleicht finde ich ja auch ein Armaturenbrett, dass mich gen Osten trägt.
Ich blicke zur Tür.
 
Nachdem sie eine Zeit lang die Wände hochgegangen war, unternahmen wir spontane »Ausf lüge«, die uns in erster Linie an Orte führten, wo Andrey Berge vermutete. Und damit Cliff. Zuerst klapperten wir Oregon ab. Wir fuhren in die Wüste. Was es in Oregon nicht alles gibt. Wir machten in einem Städtchen namens Bend Station und wohnten in einem Motel mit dem schönen Namen Swerve Right Inn. Das Swerve wurde gerade renoviert, deshalb bekam sie einen Preisnachlass, musste dafür allerdings einen Teil des Badezimmers kacheln. Aus unserem Zimmer blickte man auf drei Berge namens The Three Sisters. Während sie kachelte, bewunderte ich die Aussicht und fragte mich, ob Cliff womöglich gerade dabei war, eine der drei Schwestern zu besteigen. Tags darauf fuhren wir durch ein Gewitter in die Berge, aber kein Cliff weit und breit. Ich fuhr auf dem Armaturenbrett, und sie sagte: Wenn am Horizont ein Blitz einschlägt, sieht es aus, als würde er in deinen Panzer fahren.
War das nicht ein Mordsspaß, sagte sie, als wir nach Hause kamen.
Dann fuhren wir ans Meer. Es ging die ganze Zeit bergab. Wir überholten Radfahrer, die nicht ein einziges Mal in die Pedale treten mussten. Wir kamen an einen Strand voller Hunde. Sie verliebte sich in einen Basset und überlegte, ob sie sich einen Hund anschaffen sollte. Etwas mit langen Ohren, die im Winde flattern.
Zugegeben, damit kann ich nicht aufwarten.
Ein Bassetwelpe, sagte sie.
Sie war offensichtlich nicht ganz dicht. Ein Welpe würde mir die Beine abbeißen und meinen Pool leersaufen.
Am Strand gab es Klippen mit Tunnels, die zu anderen Stränden führten. Aber es gab auch Schilder mit der Aufschrift WISSEN SIE, WANN DIE FLUT KOMMT. Wir hatten keine Ahnung. Sie schlug sich den Welpen aus dem Kopf.
In Krisenzeiten geht man vielleicht die Wände hoch oder dreht sich im Kreis, aber nach und nach werden die Kreise immer größer, bis man erst seine vier Wände und dann auch die Staatsgrenze hinter sich gelassen hat. Und so landeten wir schließlich in Kalifornien. Nevada. New Mexico. Arizona. Wir arbeiteten uns langsam nach Osten vor – zogen immer weitere Kreise in der Hoffnung, Cliff zu finden -, bis wir eines Tages vielleicht auch den Kontinent hinter uns lassen würden.
Aber daraus wurde nichts. Stattdessen setzte sie sich ab. Setzte an zu einem Sprung über den Kontinent, mit Überschildkrötengeschwindigkeit. Und jetzt ist sie in einer anderen Zeitzone und braucht Seetang. Und Hilfe.
Ich hocke immer noch auf Im Bett mit Macbeth, wende den Kopf und denke: He, ich sitze ja gar nicht in meinem Schloss. Und mir wird klar, dass das der erste Schritt ist. Schritt eins: Komm raus aus deinem Schloss. Schritt zwei: Erweitere deine Kreise. Und deinen Horizont. Schritt drei: Such dir ein Armaturenbrett, dass dich gen Osten trägt.
 
Als Linda nach Hause kommt, hört sie Audreys Nachricht ab und lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen. Bei dem Wort Seetang stecke ich den Kopf unter Wasser.
Ich glaube, wir haben keinen Seetang mehr, höre ich Chuck sagen, als ich Luft hole.
Mein Gott, sagt Linda. Hörst du das.
Was.
Ihre Stimme klingt so komisch.
Ich klettere aus meinem Pool und mache mich zur Trauerecke meines Schlosses auf. Das ist die Ecke, die von der Heizung am weitesten entfernt liegt.
Und ob wir Seetang haben, sagt Linda. Sie hat uns extra welchen dagelassen.
Wo.
Sie öffnet den Kühlschrank. Da.
Du liebe Zeit, das ist Seetang, sagt Chuck.
So eine Art Seetangpaste, ja.
Ich dachte, es wär Hummus.
Äh, nö.
Ach du Scheiße. Und Chuck spuckt in die Spüle und gibt übertriebene Würgelaute von sich, die ich nachgerade als Beleidigung empfinde.
Du Hornochse, sagt Linda.
Ich muss doch sehr bitten.
Sie liest das Etikett und sagt: Frag mich lieber nicht.
Ich würde ohnehin ein Blatt Salat vorziehen. Saftiger Eisbergsalat. Knackig und frisch. Davon allein könnt’ ich glatt leben.
 
In dem von meiner Wenigkeit verfassten Nachruf heißt der Verstorbene Water Flowers. Blumen gießen. Ziemlich witzig, wenn Sie mich fragen. Onkel Thoby fand es auch sehr witzig. Heute Morgen vor der Beerdigung haben wir so sehr gelacht, dass wir uns an der Küchenanrichte festhalten mussten, was ein sicheres Zeichen für Fastkaputtgelächter ist. Regel Nummer Eins des Fastkaputtgelächters: Müssen Sie sich irgendwo festhalten. Zum Beispiel an der Anrichte oder der Schulter eines lieben und geliebten Menschen. Müssen Sie Ihr Getränk abstellen. Kommen Ihnen die Tränen. Dann lachen Sie sich fast kaputt. Oder heulen sich die Augen aus.
Wir lachten uns fast kaputt, bis Toff aufkreuzte, mit seiner eigenen Zeitung unter dem Arm, die er auf seine ganz eigene Art zu falten pflegt, und sagte: So etwas tut man nicht. So etwas tut man einfach nicht. Sein Gesicht war genauso lila wie sein Halstuch. Klatsch, landete die Zeitung auf der Anrichte.
Was tut man nicht, fragte ich.
Sich über den Namen eines Menschen lustig machen.
Beruhige dich, sagte Onkel Thoby.
Tut man doch, sagte ich.
Was.
Sich lustig machen.
Oddly.
So kommt es auch auf den Grabstein, sagte ich, wobei sich meine Stimme in ungeahnte Höhen schraubte. Ob’s dir passt oder nicht.
Onkel Thoby trat zwischen uns und sagte: Sie macht nur Spaß. Es war ein Druckfehler. Aber einer, der Walter bestimmt gefallen hätte.
Er hätte ihm bestimmt nicht gefallen, meinte Toff.
Worauf ich zwischen Toff und Onkel Thoby trat und sagte: Ich glaube, wir wissen besser, was meinem Dad gefallen hätte, als du, Mr. Vollstrecker.
Toff schwieg einen Moment. Er nahm die Zeitung. »Alles andere als friedlich«, zitierte er. Musste das unbedingt sein.
Ja.
Kollision. Herrgott, hättest du nicht einfach Unfall schreiben können. Oder, noch besser, überhaupt nichts. Und warum erwähnst du die Medulla oblongata.
Warum nicht.
Okay, aber warum schreibst du beide Wörter groß.
Regel Nummer Eins der Großschreibung, sagte ich. Wenn etwas eine große Rolle spielt, schreibe es in Großbuchstaben. Vielleicht kannst du es irgendwann noch mal als Akronym gebrauchen.
Toff starrte mich verständnislos an. Dann fuhr er fort: Das liest sich, als wäre er – als wäre Walter weiter nichts als ein Gehirn auf dem Gehsteig.
Über dieses Bild musste ich lachen. Ich knuffte Onkel Thoby in die Seite. Aber er lachte nicht mit. Warum lachst du nicht mit, fragte ich.
 
Ich habe einen Trauerflor um Wedges Rad gebunden, damit er heute nicht laufen kann. Er sieht ganz elend aus, wie er so mit dem Rücken zum Zimmer in einer Ecke seines Terrariums sitzt. Es ist komisch, aber er scheint die Leute magisch anzuziehen. Als ob sie Wedge die letzte Ehre erweisen müssten und nicht meinem Dad.
Das Haus ächzt unter dem Gewicht von Leuten, die ich nicht kenne. Kollegen, Studenten. Selbstverständlich sind auch einige darunter, die ich kenne. Alle stehen in Grüppchen beieinander. Clint hat eine eigene Insel von Leuten. Ebenso Byrne Doyle. Doch sie werden zusammen nicht kommen. Außer in unserem Vorgarten, natürlich, wo ein Clint-Plakat und ein Byrne-Doyle-Plakat Schulter an Schulter stehen. Onkel Thoby hat sie aufgestellt.
Irgendwie habe ich Onkel Thoby aus den Augen verloren. In unserem eigenen Haus. Und wo steckt eigentlich Toff.
Es wird viel über die Wahl geredet. In der Schlange vor Wedges Terrarium sagt jemand: Der arme Byrne Doyle. Wenn man den Umfragen glauben darf, werden die Wähler ihn am langen Arm verhungern lassen.
Auf Umfragen ist kein Verlass.
Ja, vor dem Kaminsims hat sich eine regelrechte Schlange gebildet.
Jemand berührt mich am Arm.
Patience steht nicht in der Schlange. Sie hat für Mäuse generell nicht sehr viel übrig. Obwohl sie selbst ein wenig wie eine Maus aussieht. Sie ist klein, mit weißen Haaren und runden, schwarzen Augen. Sie drückt mir eine kleine Schachtel in die Hand.
Was ist das.
Ich habe es selbstgemacht.
In der Schachtel liegt ein Stück Seife, in das sie die Worte WALTER FLOWERS IST TOT graviert hat.
Oh.
Das ist eine Trauerseife, sagt sie. Du wäschst dich damit, und nach einer Weile wird mit den Worten auch deine Trauer verschwinden.
Ich atme langsam aus. Das ist doch Blödsinn, Patience.
Sie tätschelt mir den Arm. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Patience ist die Sekretärin von meinem Dad, und das schon, seit ich denken kann. Sie ist mit ihm von Fachbereich zu Fachbereich gezogen, von der Psychologie zur Biologie, von der Biologie zur Neurowissenschaft, von der Neurowissenschaft zu Biogerontologie. Ich glaube, das ist die richtige Reihenfolge. Die Biogerontologie kommt auf jeden Fall zum Schluss. Der gesamte Fachbereich bestand aus einer einzigen Person. Nämlich meinem Dad. Der die Universitätsleitung allen Ernstes davon überzeugen konnte, dass er eine eigene Vollzeitsekretärin brauchte.
Manchmal, wenn mein Dad unterrichtete, durfte ich die Füße auf seinen Schreibtisch legen und Sprechstunde halten. Es kam nie jemand. Außer Patience. Sie setzte sich auf den Studentenstuhl und fragte mich, weshalb sie bei der letzten Klausur so schlecht abgeschnitten habe.
Tja, Patience. Sie sind eben totipotent.
Was soll das heißen.
Dass im Prinzip alles Mögliche aus Ihnen werden kann, nur keine Meerjungfrau.
Aha.
Geben Sie sich beim nächsten Mal etwas mehr Mühe.
Dafür liebte ich sie. Und dafür, dass sie meinen Dad mit anderen Augen sah. Dass er für sie etwas Jungenhaftes hatte. Der gute Walter, albern, aber liebenswert. Der nur Unfug trieb in seinem komischen Labor. Mit seinen langlebigen Mäusen. Letzten Endes konnte man gar nicht anders, als sich ein klein bisschen in ihn zu verlieben. Genau das tat Patience denn auch. Und sie zeigte ihm diese Liebe, indem sie ihn nicht allzu ernst nahm und ihn wie ein Rottweiler bewachte. Sie schlug sich stets auf seine Seite und ergriff für ihn Partei. Dass es weder Seiten noch Parteien gab, störte sie nicht im Geringsten. Sie unterstützte ihn in seinem Kampf gegen die Psychologen (die keine Seele hatten), gegen die Biologen (die kein Rückgrat hatten), gegen die Neurowissenschaftler (die kein Herz hatten). Mein Dad tue recht daran, ihnen den Rücken zu kehren. Er tue recht daran, sich sein eigenes kleines Nest zu bauen.
Mein eigenes Nest, sagte mein Dad. Soso.
Wenn du es baust, werden sie kommen, sagte sie.
Wer, fragte mein Dad, der die Anspielung nicht verstanden hatte. Und wollen wir sie überhaupt haben.
Sie drohte mit dem Finger.
Sie sagte oft, mein Dad habe das Herz am rechten Fleck. Aber letzten Endes – und auch das sagte sie oft und gern -, letzten Endes sei er harmlos.
Was sie offenbar für einen Vorzug hielt.
Weshalb ich mich letzten Endes bei der Frage ertappte: Wie harmlos ist Patience eigentlich.
Einmal schenkte sie meinem Dad ein pinkfarbenes Duracell-Häschen zu Weihnachten, nur dass es statt einer Trommel ein Schild mit der Aufschrift METHUSALEM-HASE in Händen hielt. Ziemlich witzig. Nicht.
Ich habe keine Ahnung, weil ich es nämlich nicht verstand. Wir kaufen immer Energizer, sagte ich. Andere Batterien kommen uns nicht ins Haus.
Aber mein Dad fand das Häschen witzig. Sagte er jedenfalls. Und gab ihm einen Ehrenplatz auf seinem Schreibtisch. Man sah es sofort, wenn man in sein Büro kam.
Mir jedoch war das Häschen nicht geheuer. Und manchmal, wenn ich die Füße auf den Schreibtisch legte, gab ich ihm einen Tritt. Wenn auch keinen allzu festen. Denn wie gesagt, ich liebte Patience, aber mein Dad war doch kein Wunschtraumtänzer oder wie das heißt. Er war doch kein Häschen, das auf ein blödes Schild eintrommelt.
Und manchmal, wenn ich mit meinem albernen, liebenswerten, harmlosen Dad nach Hause ging, war ich ganz geknickt. Seinetwegen. Dann bat ich ihn, mich aufzurichten. Hochzuheben. Huckepack zu nehmen. Und mir zu verzeihen. Weil sein Gehirn Lichtjahre tief war und Patience das nicht begriff. Weil er uns ewiges Leben schenken würde, Patience. Und nicht irgendeine blöde Batterie.