Sie fuhren in die
Berge und frönten dem Extremsport. Das machte die Sache perfekt.
Als sie aus den Bergen kamen, waren sie voller blauer Flecke und
verliebt bis über beide Ohren. Sie mussten sich entscheiden. Würden
sie in seinem Land leben oder in ihrem Land oder doch im
Jalpen-Land. Sie einigten sich auf sein Land. Was rückblickend
vielleicht nicht unbedingt die beste Wahl war. Aber wie dem auch
sei, sie kamen in dieses Land, in diesen Staat und diese Wohnung,
wo ich in meinem Panasonic-Druckerkarton saß und wartete. Cliff hob
mich hoch. Und reichte mich an Audrey weiter. Sieh mal, sagte er.
Eine Schildkröte. Zu einer Schildkröte würde ich nicht Nein sagen,
sagte sie, und das beileibe nicht zum letzten Mal.
Nachdem Cliff sich
abgeseilt hatte, fing sie an, die Wände hochzugehen, umrundete, wie
sie zu sagen pflegte, ihre kleine, traurige Welt, die Wohnung, die
nun ohne Cliff auskommen musste. Ihr bedauernswerter Anblick hätte
selbst den härtesten Brustpanzer erweicht. Besonders als sie den
Halt verlor und stürzte. Nicht sehr tief zwar, aber
immerhin.
Vom Rasenschwarzmähen
hatte sie starke Arme, aber ein guter Kletterer braucht keine
starken Arme. Ein guter Kletterer braucht starke
Beine.
Große Hände können
auch nicht schaden. Große Füße schon eher.
Später reisten wir
gemeinsam, und ich durfte auf dem Armaturenbrett mitfahren. Das
machte die Sache perfekt.
Sie ist nicht die
Vormieterin. Sie ist die Mieterin.
Trotzdem frage ich
mich manchmal, wie lange es wohl dauert, bis ihr eine kanadische
Schildkröte über den Weg läuft, zu der sie nicht Nein sagen kann.
Und sie dieser Schildkröte ein neues, feuerfestes Schloss inklusive
hochmoderner Wärmelampe baut. Äh. Moment mal. Die kanadische
Schildkröte braucht gar keine
Wärmelampe, weil kanadische Schildkröten die Kälte lieben. O ja, ich sehe es förmlich vor mir. Auf dem
neuen Schloss weht die kanadische Flagge von einem schwer
entflammbaren Türmchen. Audrey und die neue Schildkröte toben
fröhlich im Schnee. Machen Schneeengel. Ja, die neue Schildkröte
ist eher Hund als Schildkröte.
Onkel Thoby ist jetzt schon seit drei Stunden weg. Er
ist trotz der Wetterbombe in ein Clint’s Cab gestiegen, um Toff vom
Flughafen abzuholen. Der Flug war erstaunlicherweise pünktlich.
Gott sei Dank sitze nicht ich in der Maschine, sagte ich. Sondern
Toff.
Warum Onkel Thoby
während einer Wetterbombe sein Leben aufs Spiel setzen müsse,
wollte ich wissen. Ob Toff denn nicht auch allein in sein Hotel
finden würde.
Onkel Thoby zog seine
grellorangenen Handschuhe an und sah müde aus.
Entschuldige, sagte
ich.
Eins will mir partout
nicht in den Kopf: Warum Onkel Thoby jedes Mal persönlich beleidigt
ist, wenn man etwas Beleidigendes über andere sagt.
Ich folgte ihm hinaus
auf die Veranda. Der Wind verwehte uns die Haare. Ich muss es Toff
sagen, sagte er. In persona.
Was. Ach so. Dass das
Komma vorbei ist.
Armer Onkel Thoby.
Also noch mal das Gleiche wie gestern. Toffs langsamer Landeanflug
via Rolltreppe. Walter ist tot. Punktum. Ob Toff wohl wacklig auf
den Beinen wird. Oder klappt er einfach seinen Aktenkoffer auf und
sagt: Dachte ich’s mir doch.
Ich nehme ein Taxi.
Ich will schließlich kein unnötiges Risiko eingehen.
Soll ich nicht
vielleicht doch mitkommen.
Möchtest du denn
mitkommen.
Ähm.
Nein.
Er küsste mich auf
die Stirn. Ein schwarzes Taxi hielt vor dem Haus. Es war nicht
Clint, aber der Fahrer trug einen Schnurrbart und sah Clint
ziemlich ähnlich.
Flieg Qantas, sagte
ich.
Ich ging wieder
hinein und dachte: Was, wenn so die Zukunft aussieht.
Da merkte ich, dass
ich das Haus riechen konnte. Man kann das eigene Haus nur riechen,
wenn der eigene Geruch plötzlich fehlt. Oder der Geruch eines
anderen. Oder wenn man den Müll nicht rausgebracht hat. Früher
konnte ich unseren Familiengeruch nicht riechen.
Ich beschloss, meine
Zeit sinnvoll zu nutzen. Und Wedges Laufrad zu schmieren. Ein wenig
WD-40, und fertig. Bald würde er aus seinem Mäuseschlummer erwachen
und, Wunder über Wunder, feststellen, dass sein Laufrad frisch
geölt war und nicht mehr quietschte!
Ich setzte mich mit
dem Laufrad an den Küchentisch. Dass aus der Spraydose so viel
herauskommt, hätte ich nicht gedacht. Scheiße. Alles voller WD-40.
Sogar die Metallsprossen des Laufrads. Jetzt würde Wedge seine
Hände und Füße mit einem Toxin besudeln und sich vergiften, wenn er
an den Nägeln kaute. Herrgott. Früher hat mein Dad das erledigt.
Wie hat er das bloß gemacht.
Du hättest ein Stück
Küchenkrepp damit einsprühen und dann die Radachse und nur die Radachse schmieren sollen.
Tja, ich habe eben
zwei linke Hände.
Mach das
sauber.
Gleich. Plötzlich
wurde mir ganz weinerlich zumute. Ich stützte den Ellenbogen auf
den Tisch, und er rutschte einfach weg.
Die Abzugshaube sang
ihr ominöses b. Der Teich hinter dem Haus war verschwunden. Die
Wetterbombe hatte ihn ausgelöscht. Ob es an dem Tag, als er nach
Hause ging, auch eine Wetterbombe gab. Das möchte ich mir lieber
gar nicht vorstellen. Trotzdem habe ich das Bild deutlich vor
Augen. Und mir wird klar, dass noch viele solcher Bilder kommen
werden und dass eins schmerzlicher sein wird als das andere. Eine
Wetterbombe droht über der Stadt zu explodieren, und er verlässt
das Obacht-Gebäude und wünscht Verlaine einen bon soir, die ihm anbietet, ihn nach Hause zu
fahren, was er dankend ablehnt, weil er das Wetter grundsätzlich
nicht persönlich nimmt. Dabei gibt es noch nicht mal ein Trottoir.
Trotzdem geht er zu Fuß. Und sein letztes Wort war vermutlich
bonsoir.
Onkel Thoby hat
gesagt, als Verlaine meinen Dad im Krankenhaus besucht habe, sei es
ihr gar nicht gut gegangen. Das kann ich mir zum Glück nicht
vorstellen.
Vor dem letzten
Gespräch mit meinem Dad hatte ich mir Notizen gemacht. Vor
wichtigen Telefongesprächen lege ich mir oft einen Notizzettel
zurecht. Damit ich mich nicht verzettele. Und dieses
Telefongespräch war wichtig, denn ich hatte soeben meine alte
Schulakte von der GOLEM (GOtt des
Lichts und der Ewigen Milde und
Barmherzigkeit) zugeschickt bekommen und lauter gute Neuigkeiten.
Dachte ich jedenfalls.
Es war die Sorte
Akte, die man, als Betroffener und Betreffender, normalerweise gar
nicht zu Gesicht bekommt. Andere (Lehrer, Arbeitgeber, Freunde,
Nachbarn) können bei der Schule einen Antrag auf Akteneinsicht
stellen. Alle, nur man selbst nicht. Der Inhalt soll einem auf ewig
und immerdar verschlossen bleiben. Vielleicht hing der Umstand,
dass ich diese Akte irrtümlich erhalten hatte, mit dem Niedergang
des katholischen Schulsystems und dem bevorstehenden Abriss des
GOLEM-Gebäudes zusammen.
Auf meinem Zettel hatte ich mir Folgendes
notiert:
1. Oregon, der enorme Graswuchs in.
2. Rauch- und Feuermelder, die Unterschiede zwischen.
3. Quecksilber in Dosentunfisch, die Gefahren von.
4. Französisch-Crashkurse, die Vor- und Nachteile von.
5. Mein IQ!
Die ersten vier
Punkte hakten wir relativ zügig ab. (Tunfisch ist ab sofort
gestrichen, Win.) Dann ließ ich die Bombe platzen. Der braune
Briefumschlag, den mein Dad mir nachgeschickt hatte. Ja. Halt dich
fest. Darin waren die Testergebnisse. Damals mussten wir unbedingt
nachweisen, dass wir auch nach unserem Französisch-Crashkurs noch
in der Lage waren, Englisch zu sprechen und einfache geometrische
Figuren zu erkennen. Und jetzt rate mal.
Was.
Wie hoch mein IQ
ist!
Pause.
Und.
Ich nannte ihnen die
Zahl.
Keine
Reaktion.
Ich sollte vielleicht
erwähnen, dass auch Onkel Thoby in der Leitung war.
Ist das nicht toll,
sagte ich. Wahnsinn, oder.
Nein, Blödsinn, sagte
mein Dad nach kurzem Zögern.
Warum. Warum ist das
Blödsinn. Für so intelligent hättet ihr mich wohl nicht
gehalten.
Wir halten dich sogar
für über alle Maßen intelligent, sagte Onkel Thoby
nachdrücklich.
Und …
Pass auf, Audrey. Du
weißt doch, was bei solchen Tests gemessen wird. Die
Übereinstimmung zwischen deinem Gehirn und dem Gehirn desjenigen,
der sich den Test ausgedacht hat.
Ja, sagte ich. Na
und. Da dämmerte es mir. Langsam. Dass der Wert, den ich für hoch
gehalten hatte, ganz und gar nicht hoch war. Er sah nur so aus.
Nicht übel, nein, eigentlich sogar ziemlich gut, jedenfalls besser,
als meine Schulnoten je ausgesehen hatten.
Oh. Er ist niedrig,
stimmt’s.
IQ ist ja noch nicht
mal ein richtiges Akronym, sagte Onkel Thoby. GOLEM ist ein
richtiges Akronym. SCUBA ist ein richtiges Akronym. IQ hingegen
kann man noch nicht mal aussprechen. Nimm’s nicht
persönlich.
Und ob man es
aussprechen kann. Man kann es Ick
aussprechen.
Na schön. Weil du’s
bist.
Mit Akronymen kannte
ich mich immer schon gut aus. Akronyme sind etwas für intelligente
Menschen mit Geheimnissen.
Mein Dad sagte: Was,
in drei Teufels Namen, haben sich die GOLEM-Leute dabei bloß
gedacht. Wie erleuchtet. Wie barmherzig.
Ich muss jetzt
Schluss machen, sagte ich.
Audrey.
Du wusstest es die
ganze Zeit, sagte ich. Du wusstest, dass ich einen niedrigen Ick
habe, und hast es mir nicht gesagt.
Oddly …
Genau darum kann ich
Telefone auf den Tod nicht ausstehen, sagte mein Dad. Ich kann ihr
Gesicht nicht sehen.
Warum konnten wir
nicht einfach plaudern wie sonst auch. Onkel Thoby jammert, er
könne sich die Portland’schen Dramatis Personae ums Verrecken nicht
merken – wer war gleich wieder dieser Chuck -, und mein Dad sagt:
Dramatis Personae, gibt’s so was bei uns etwa auch, und Onkel Thoby
sagt: Aber ja, nur vergisst man uns so leicht nicht wieder. Und ich
sage: Haha.
Ich legte den Hörer
auf und sagte: Niedriger IQ. Ce n’est pas
possible.
Winnifred ließ ein
Salatblatt fallen.
Das ist unmöglich,
übersetzte ich.
Dumm nur, dass es so
unmöglich vielleicht doch nicht war.
Onkel Thoby sitzt in
seiner Ecke und sagt: Bist du da. Das Telefon klingelt. Willst du
nicht drangehen. Du brauchst nicht dranzugehen, wenn du nicht
willst.
Nur dass Onkel Thoby
gar nicht da ist.
Ich lasse Wedges
Laufrad fallen.
Mein erster Gedanke
ist: Onkel Thoby ist tot, und das ist sein Geist. Beziehungsweise
seine Geister, Plural. Denn seine Stimme kommt nicht nur aus seiner
Ecke, sondern auch aus dem ersten Stock.
Bist du da. Das
Telefon klingelt.
Da fällt es mir
wieder ein. Das ist das neue Telefon. Das Hear Ye 3000. Das ich bis
jetzt nicht habe »klingeln« hören. Das also ist der
Klingelton.
Das Hear Ye 3000 hat
Onkel Thoby meinem Dad zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt. Ich
weiß noch, wie mir mein Dad davon erzählte. Er meinte, endlich ein
Telefon, das ihn nicht quält. Wenn das Telefon klingele, habe er
jedes Mal das Gefühl, erdolcht zu werden.
Woher willst du das
wissen, Dad. Oder bist du schon mal erdolcht worden.
Na schön, sagte er,
trotzdem. Immer wenn ich ein Telefon klingeln höre, wird mir ganz
flau im Magen.
Also hatte Onkel
Thoby ein Telefon gekauft, das eine Bach-Fuge spielte. Mein Dad
meinte, besagte »Fuge« bestehe aus lediglich drei Tönen und sei in
Wahrheit eindeutig ein Klingelton. Als Nächstes kaufte Onkel Thoby
ein Telefon mit Schnurrfunktion. Das Schnurren, meinte mein Vater,
sei nichts weiter als ein leiser Klingelton. Stilett statt
Schlachtermesser.
Und jetzt, wer hätte
das gedacht, das Hear Ye 3000! Mit dem man seinen eigenen
»Klingelton« aufnehmen kann. Jetzt wird man von der schmeichelnden
Stimme eines lieben und geliebten Menschen ans Telefon
gelockt.
Die Tastatur des Hear
Ye leuchtet golden. Ich lecke mir das Schmierfett von den Fingern.
Nehme ab.
Hallo.
Das Verwirrende am
Hear Ye 3000 ist: Man rechnet automatisch damit, dass es sich bei
dem Anrufer um dieselbe Person handelt, die einen an den Apparat
geholt hat. Aber es ist nicht dieselbe Stimme.
Kann ich Walter
Flowers sprechen.
Nein.
Schweigen am anderen
Ende. Der Anrufer wartet auf eine Erklärung. Es gibt aber keine
Erklärung, Anrufer.
Er hustet. Also, äh,
ich bin von der Firma Christmatech. Wir rufen unsere Lichterketten
Modell D-434 zurück. Wir haben Sie deshalb schon mehrmals
angeschrieben.
Zurückrufen. Sie
meinen vom Markt nehmen.
Pause. Äh, ja. Wir
würden diese Lichterketten gern gegen das Modell D-534 austauschen.
Und Ihnen einen Gutschein über zehn Dollar zukommen
lassen.
Das ist sehr nett von
Ihnen. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich glaube,
ich habe gerade eine giftige Substanz zu mir genommen.
Oh. Aber natürlich.
Selbstverständlich. Kann …
Ich lege auf. Spucke
ins Spülbecken. Wische mir den Mund am Ärmel ab. Meine Güte, nicht
zu fassen, dass ich mir eben tatsächlich WD-40 von den Fingern
geleckt habe. Jetzt wäre es ratsam, sich zu erbrechen. Wenn ich es
nur könnte.
Der LeBaron vor dem Haus verschwindet fast unter
einer Haube aus Schnee. Die Luft ist dunkelblau. Der Schnee
funkelt. Warum Schnee funkelt. Weil Schneeflocken Prismen
sind.
Die Wetterbombe ist
explodiert. Es ist vorbei. Onkel Thoby ist noch immer nicht zu
Hause. Zugegeben, die Straßen sind verschneit. Aber er ist jetzt
schon eine Ewigkeit weg. Und wenn ihm jemand etwas angetan hat. Wer
weiß, vielleicht ist er entführt oder verschwunden
worden.
Von wem.
Toff.
Sei nicht
albern.
Ich beschließe, meine
Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich werde die Einfahrt freischaufeln. Ich
gehe hinaus zum Schuppen und hole meine alte Blümchenschaufel, die
sogenannte Flower Shovel. An der Unterseite hat die Flower Shovel
eine aufgeprägte Blume, mit der man im Schnee Blümchenmuster machen
kann. Was übrigens am besten funktioniert, wenn man auf den Schnee
eindrischt, statt ihn zu schaufeln.
Die Idee zur Flower
Shovel hatte ich, als mir auffiel, dass 08/15-Schaufeln hässliche
senkrechte Kerben im Schnee hinterlassen. Ich dachte, wie viel
schöner wäre es doch, wenn man den Schnee beim Schaufeln
dekorieren könnte. Zum Beispiel mit
einer Blume! Onkel Thoby meinte, ich sei ein Genie. Also ging er zu
Murph’s Turf, Lock and Key und ließ die Flower Shovel für mich
anfertigen. Onkel Thoby meinte, ich solle mir die Idee patentieren
lassen. Ich wusste nicht, was patentieren heißt. Es heißt, dass die
Idee dir gehört, sagte er. Aber es ist doch schon meine, sagte ich.
Nicht in den Augen der Welt, sagte er. Oha. In den Augen der
Welt.
Er sagte, Murph’s
Augen hätten vor Unternehmergeist förmlich gesprüht, als er Onkel
Thoby die Flower Shovel überreichte.
Vor Unternehmergeist
gesprüht, sagte mein Dad. Tun meine Augen das etwa
auch.
Aber ja.
Es könnte sogar sein,
dass Onkel Thoby die Patentformulare für mich angefordert hat.
Womöglich ist die Schaufel längst in meinem Namen zum Patent
angemeldet. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. Für einen sonst
so gesetzestreuen Menschen ist Onkel Thoby erstaunlich skrupellos,
wenn es darum geht, anderer Leute Unterschriften zu fälschen. Ich
nehme mir fest vor, ihn zu fragen, ob er die Schaufel hat
patentieren lassen. Dann wäre ich nämlich eine echte
Erfinderin.
Wir haben uns damals
auch noch andere Schaufeldesigns ausgedacht. Onkel Thoby meinte,
Eisblumen wären bestimmt sehr beliebt. Herzen zum Valentinstag. Man
könnte auch Wörter nehmen, sagte ich. Sie müssten auf der Schaufel
natürlich in Spiegelschrift geschrieben werden, damit sie nachher
richtigrum im Schnee stehen. FROHE WEIHNACHTEN, zum Beispiel, oder
LEBENDIG BEGRABEN.
Mein Dad meinte,
Porno würde sich gewiss hervorragend verkaufen.
Walter.
Ich meine ja
nur.
Möchtest du wirklich,
dass deine Tochter sich eine Pornoschaufel patentieren
lässt.
Lukrativ wäre es in
jedem Fall.
Das ist mit lauter
Nackten drauf, stimmt’s.
Aber auf meine
Schaufel musste natürlich eine Blume, sonst wäre sie ja keine
Flower Shovel. Außerdem heißen wir Flowers.
Ich bin seit einer
Viertelstunde damit beschäftigt, mit meiner Flower
ShovelTM den Schnee zu lockern, als
sich Byrne Doyle und Jim Ryan nähern, Byrne aus Nummer 11 gleich
gegenüber und Jim von nebenan. Beide schwingen Schaufeln, die
genauso lang sind wie sie selbst.

Es tue ihnen leid.
Gott, es tue ihnen ja so leid. Byrne Doyle umarmt mich. Geht es dir
gut. Schön, dass du da bist.
Byrne sieht Jacob
Marley noch ähnlicher als sonst. Er trägt einen langen Wollmantel
und einen Button mit der Aufschrift WÄHLEN SIE BYRNE DOYLE am
Revers. Der Button ist schon ein wenig angerostet, als ob er noch
von der letzten Wahl stammte und Byrne sich gar nicht erst die Mühe
gemacht hätte, ihn abzunehmen. Die Falten rings um seinen Mund sind
tiefer geworden.
Jim Ryan zeigt auf
die Flower ShovelTM und sagt: Ist die
nicht von Fisher Price.
Quatsch. Die hat
Murph für mich gemacht.
Oh.’tschuldigung.
Ich erinnere mich
noch genau an diese Schaufel, sagt Byrne mit zärtlicher
Stimme.
Ich stemme sie in die
Höhe. Damit kann man prima Muster machen.
Soso, sagt Byrne.
Ziemliches MVW, was.
Was.
Massenvernichtungswetter.
Ich dachte, das heißt
Wetterbombe.
Geht beides, wenn man
dem Wetterkanal glauben darf.
Ich freue mich immer,
wenn der Wetterkanal klare Sicht voraussagt, sagt Jim. Dann weiß
ich, es wird ein schöner Tag.
Byrne Doyle legt mir
die Hand auf die Schulter und fragt, wo mein Onkel
sei.
Er holt jemanden vom
Flughafen ab.
Aber heute gehen doch
mit Sicherheit keine Flüge.
Doch, sage ich, heute
gehen sehr wohl Flüge, und sie sind alle pünktlich.
Byrne schüttelt den
Kopf. Die Piloten von heute kann anscheinend nichts mehr
schrecken.
Unsinn. Die Piloten
von heute sind größenwahnsinnig, sagt Jim.
Am besten gar nicht
hinhören, sagt Byrne.
Jim Ryans Einfahrt
ist schon freigeschaufelt. Byrne Doyles nicht. Ich rieche Schweiß.
Das kann eigentlich nur Jim sein. Bitte, sage ich, als die beiden
sich anschicken, die Einfahrt in Angriff zu nehmen. Bitte, macht
euch keine Umstände.
Sie winken mich
beiseite.
Byrne Doyles Mantel
ist völlig unpraktisch. Wie eine Zwangsjacke aus
Wolle.
Dein Onkel, sagt er
keuchend. Hat meine Einfahrt schon tausendmal freigeschaufelt. Wenn
nicht öfter.
Ich wollte, ich hätte
seine Arme, sagt Jim.
Was für meinen
Geschmack an eine Beleidigung grenzt.
Onkel Thoby schaufelt
seit Jahren Byrne Doyles Einfahrt frei, als Entschädigung dafür,
dass mein Dad ihn nicht gewählt hat. Politik ist im Hause Flowers
ein kompliziertes Thema. Das heißt, es wurde kompliziert, als Onkel
Thoby und Byrne Doyle sich kennenlernten. Bis dahin war eigentlich
alles ganz einfach. Wir wählten orange. Wenn einem seine
Mitmenschen am Herzen lagen, wählte man orange. Jetzt gab es da ein
klitzekleines Problem: Was tun, wenn einem ein blauer Kandidat am
Herzen liegt.
Ich weiß noch, wie
ich Byrne Doyle einmal am Wednesday Pond über den Weg lief, als er
für einen Posten kandidierte – bei einer Provinzwahl, wenn mich
nicht alles täuscht. Er ging gern am Teich spazieren, bis über
beide Ohren in Wahlkampfgedanken vertieft, in Begleitung eines
kleinen, definitiv nicht in Wahlkampfgedanken vertieften Hundes.
Onkel Thoby hatte mich von der Schule abgeholt, und wir blieben
stehen und hielten ein Schwätzchen. Das heißt, Onkel Thoby blieb
stehen und hielt ein Schwätzchen. Ich spielte derweil mit dem Hund.
Der Hund hieß Page. Page hatte ganz schwarze Augen, die man aber
nur sehen konnte, wenn man seinen Pony zur Seite
schob.
Jedenfalls hatte
Byrne Doyle gesagt, den Umfrageergebnissen zufolge werde das
Wahlvolk ihn am langen Arm verhungern lassen, und später sagte
Onkel Thoby, er habe ein schlechtes Gewissen. Byrne habe vermutlich
schon an der Farbe seiner, Onkel Thobys, Handschuhe erkannt, dass
wir ihn nicht wählen würden. Die orangenen Handschuhe waren ein
Geschenk von meinem Dad und hoben sich grell gegen das
Eruptivgestein ab.
Byrne Doyles
Handschuhe waren natürlich blau.
Wir gingen noch ein
Stück am Ufer entlang, und Onkel Thoby sagte: Armer Byrne
Doyle.
Wieso arm. Weil ihn
das Volk verhungern lässt.
Was.
Scroooooooooge,
brüllte ich.
Psst,
Oddly.
Aber er sieht genau
aus wie Jacob Marley.
Ich weiß. Trotzdem.
Dann seufzte er und sagte: Leute mit Hunden. Sind im Allgemeinen.
Traurig.
Traurig! Aber Page
hat wie wild mit dem Schwanz gewedelt, als ich ihn auf den Arm
genommen habe. Er hat sich ganz toll gefreut.
Ja. Page
schon.
Da begriff ich, was
er meinte. Byrne Doyle hatte seine Freude ausgelagert. Weil er
innerlich furchtbare Angst hatte, dass die Wähler ihn verhungern
ließen. Darum hatte er seine ganze Freude ausgelagert in seinen
knuddeligen kleinen Hund.
Am selben Abend sagte
mein Vater: Deiner Meinung nach soll ich also Jacob Marley
wählen.
Immer nur orange ist
doch auch eintönig, sagte ich.
Worauf Dad
stinkwütend wurde. Kommt nicht in die Tüte, sagte er.
Wir machten
Abendessen. Maccaroni mit Käse. Aber nicht aus der Tüte. Sondern
die echten mit drei Sorten Käse, den man (beziehungsweise Onkel
Thoby) selber reibt, und Hummerstückchen drin.
Warum sind Hummer
eigentlich sommersprossig wie meine Schultern.
Keine
Antwort.
Mit meinen
Alphabetmagneten schrieb ich WÄHLEN SIE BYRNE DOYLE UND PAGE an die
Kühlschranktür.
Mein Dad machte den
Kühlschrank auf. Er hielt inne. Wieso Page. Hat der edle Herr am
Ende einen Knappen.
Ich dachte, wir sind
eine Demokratie, sagte Onkel Thoby.
Da hatte er nicht
ganz unrecht. Angeblich waren wir eine Demokratie in einer
Demokratie. Onkel Thoby durfte in Kanada nicht wählen, und ich war
noch zu jung, darum war die Stimme meines Vaters tripartite.
Trippeltritt, sagte
ich zum Kühlschrank.
Draußen hatte es zu
schneien begonnen, und der Schnee schimmerte golden im Schein der
Straßenlampen. Der Wind blies durch die Abzugshaube. Mein Dad
machte seine übliche Bemerkung über das b und wartete darauf, dass
Onkel Thoby mit seinem ais konterte. Aber Onkel Thoby konterte
nicht.
Oje.
Das Essen dauerte
länger als sonst. Mein Dad hatte sein Besteck bereits in
Acht-Uhr-Stellung auf seinen Teller gelegt, zum Zeichen dafür, dass
er jetzt vorlesen wollte, rührte das Buch aber nicht an. Wir lasen
gerade eine Biografie von Marchese Marconi, dem Mann, der auf dem
Signal Hill die ersten Funksignale aus Übersee empfangen hatte und
dafür zum Telegrafen geadelt worden war.
Diese Marconi
Marchese sind ziemlich lecker, sagte ich und spießte eine Nudel auf
meine Gabel. Ich meine Maccaroni mit Käse.
Keine Antwort. Auch
gut.
Wenn ich richtig verstanden hatte, blieben
uns also folgende Wahlmöglichkeiten:
a. Wir stimmen für den blauen Kandidaten, weil er unser Nachbar ist, wie Jacob Marley aussieht und das Volk ihn sonst verhungern lässt. Außerdem hat er einen Hund namens Page.
b. Wir stimmen für den orangenen Kandidaten, tragen in Gegenwart unseres blauen Nachbarn aber keine orangenen Handschuhe mehr.
c. Wir machen dem blauen Kandidaten klar, dass nur eine Person im Hause Flowers wahlberechtigt ist, obwohl gerechterweise drei Stimmen abgegeben werden sollten. Das ist das endgültige Ende der Demokratie im Hause Flowers.
d. Wir stimmen für den orangenen Kandidaten, weil uns andere Menschen am Herzen liegen, schaufeln aber die Einfahrt des blauen Kandidaten frei, wenn der, wie üblich, mal wieder bis in die Puppen versucht, gewählt zu werden.
Schließlich einigten
wir uns auf letztere Möglichkeit. Onkel Thoby jedenfalls. Und er
schaffte es sogar, die ganze Familie Flowers dazu zu bewegen, Byrne
Doyles Einfahrt freizuschaufeln (beziehungsweise mit
Blümchenmustern zu verzieren).

Jim Ryan prahlt mit
seiner Einfahrt. Sie ist nämlich sichelförmig wie ein Hörnchen,
worauf er sehr stolz ist, aber das ewige Schneeschippen sei eine
Qual. Für ein Hörnchen ist sie nämlich ganz schön groß. Trotzdem
wolle er ums Verrecken keine gerade Einfahrt mehr haben. Ein
Sichelhörnchen sei das einzig Wahre. Ungelogen. Endlich Schluss mit
diesem leidigen Rückwärtseinparken. Vorwärts rein, vorwärts
raus.
Wir haben’s kapiert,
sagt Byrne Doyle.
Du verbringst nicht
annähernd so viel Zeit mit Rasenmähen, sagt Jim und hält Byrne
seine Schaufel unter die Nase, wie ich mit
Schneeschippen.
Was, sagt Byrne.
Was.
Ich frage Byrne nach
der Wahl.
Ach, Kind, sagt
er.
Ja.
Sie nimmt kein
Ende.
Gott bewahre, sagt
Jim.
Die Arbeit nimmt kein Ende, setzt er hinzu. Die Wahl
natürlich schon.
Ich dresche ein paar
Blümchen in den Schnee.
Plötzlich hören wir
ein leises Grollen. Wir blicken auf.
Ach du Scheiße, sagt
Jim.
Oha, sagt
Byrne.
Was denn, frage
ich.
Der
Pflug.
Mist, sagt Jim, rast
quer über unseren Rasen und hechtet über die Hecke.
Jetzt versucht er,
seine Einfahrt freizuhalten, sagt Byrne grinsend. Das Dumme ist
nur, das man keine zwei Zufahrten gleichzeitig freihalten kann.
Wenn der Pflug einmal durch ist, sind beide zu.
Der Pflug kommt
langsam die Straße entlang und schiebt eine eisige Schneewelle vor
sich her. Er sieht aus wie ein Dinosaurier. Wie ein gemütlicher
Dinosaurier. Der Mann im Führerhäuschen lächelt freundlich zu uns
herab. Er trägt nur ein T-Shirt. Bei der Kälte! Und prostet uns mit
einem Becher Tim-Hortons-Kaffee zu. Haben Sie das gesehen, rufe ich
Byrne Doyle über die Schulter zu.
Tritt ein Stück
zurück, Kleine.
Nebenan drischt Jim
Ryan auf eine Schneewehe ein, und das nicht etwa, um sie mit einem
Blümchenmuster zu verzieren, sondern um negative Energie
abzubauen.
Onkel Thoby stößt die
Tür mit einem ordentlichen Nordwestschubs auf, und ich möchte ihn
eigentlich gar nicht umarmen, umarme ihn dann aber doch. Hallo,
sagt er. Er riecht süß und nach Kälte.
Du warst ja Stunden
weg. Stunden.
Er bückt sich, um
seine Schuhe auszuziehen und braucht ewig, um seine Schnürsenkel zu
lösen. Als er sich wieder aufrichtet, ist er puterrot. He! Irre ich
mich, oder habe ich draußen im Schnee Blumen gesehen.
Ja, ja, hast du, hast
du.
Ich halte mich an
seinem Ärmel fest. Er sieht mich an, berührt meinen Pferdeschwanz –
Odd -, und dann wird er plötzlich ganz wacklig auf den Beinen. Hält
sich am Treppengeländer fest.
Immer schön senkrecht
halten.
Ich ziehe jetzt den
Mantel aus.
Gut. Ich mache mich
von seinem Ärmel los. Wie hat er reagiert, frage ich.
Wer.
Der
Vollstrecker.
Onkel Thoby reibt
sich die Stirn. Musst du ihn unbedingt so nennen.
War er gemein zu
dir.
Nein.
Wir wärmen die
Hühnersuppe auf, die Byrne Doyle vorbeigebracht hat. Onkel Thoby
steht gegen die Anrichte gelehnt und sagt: Ich glaube, ich habe
Fieber. Ich auch, sage ich und rühre.
Er sieht mich
zweifelnd an. Seit wann.
Seit du gesagt hast,
du hättest welches.
Aber das ist keine
drei Sekunden her.
Ich wusste nicht
genau, was ich habe, bis du es gesagt hast, aber Fieber, ja, das
muss es sein. Fühl mal. Ich lege den Kopf in den
Nacken.
Hast du seit der
Orange etwas gegessen, fragt er.
Ein bisschen
WD-40.
Er nickt und holt
zwei tiefe Teller aus dem Küchenschrank, einen normalen für mich
und den Fliegenteller für sich. Der Fliegenteller hat eine Fliege
am Rand. Keine echte, nur gemalt.
Der gute Byrne Doyle
hat also Suppe vorbeigebracht, sagt er.
Ich nicke. Und er hat
mir geholfen, die Einfahrt freizuschaufeln, ergänze
ich.
Der Mann ist ein
Heiliger.
Ich nicke. Die ist
selbstgekocht, sage ich. Das sieht man.
Köstlich.
Nicht zu fassen, dass
jemand Suppe selber kocht.
Der Mann schläft
nie.
Bis-in-die-Puppen-Suppe. He, auf deinem Teller sitzt
eine Fliege.
Wir sprechen unsere
Familiengeheimsprache. Ich liebe unsere
Familiengeheimsprache.
Onkel Thobys Glas
rutscht ein paar Zentimeter nach links. Warum ist der Tisch so
glitschig, fragt er.
Brot, frage ich
zurück.
Bitte.
Da plötzlich sagt
Onkel Thoby aus seiner Ecke: Das Telefon klingelt. Willst du nicht
drangehen …
Ich quetsche mir den
Brotlaib an die Brust.
Ich weiß, sagt Onkel
Thoby und steht auf. Mir geht’s genauso. Aber dein Dad war davon
ganz begeistert. Hallo.
Es ist
Toff.
Onkel Thoby verzieht
keine Miene und weicht meinem Blick beharrlich aus.
Wenn Sie wissen
wollen, wie aufrichtig jemand ist, empfehle ich Ihnen folgendes
kleine Experiment. Versuchen Sie, ihm beim Telefonieren in die
Augen zu schauen. Wenn er aufrichtig ist, wird er ihrem Blick
ausweichen. Denn der Blickkontakt wäre ein Verrat an seinem
Gesprächspartner, der ja nichts sehen kann. Das ist, als ob ein
Blinder mit im Zimmer wäre. Würden Sie mit einem Sehenden
Blickkontakt aufnehmen, während Sie mit einem Blinden sprechen.
Nicht, wenn Sie aufrichtig sind. Nicht, wenn Sie Mr. Ehrlich sind.
Wenn Sie Mr. Ehrlich sind, schauen Sie beim Telefonieren
woandershin. Weil Sie sich auf die Person konzentrieren, die Sie
nicht sehen können. Ein ehrlicher Mensch vermeidet ironische
Blicke, wenn die anderen keine Möglichkeit haben, diese Ironie auch
zu bemerken.
Aber ist Ironie
überhaupt noch Ironie, wenn jeder sie bemerkt. Gute Frage. Da kommt
man doch ins Grübeln.
Onkel Thoby
verabredet sich mit Toff für den nächsten Tag zum Mittagessen. Dann
dreht er sich zu mir um und sagt: Ja. Möchtest du sie sprechen. Ich
schüttele den Kopf und schiebe mir einen Klumpen Brot in den Mund.
Er sieht mir einen Moment lang in die Augen. Dann sagt er, offen
und ehrlich: Sie kaut gerade. Das kann eine Weile
dauern.
Nachdem er aufgelegt
hat und ich geschluckt habe, sage ich: Müssen wir uns unbedingt
schon morgen mit ihm treffen. Können wir nicht warten.
Wie
lange.
So lange wie
möglich.
Er sieht mich
lächelnd an. Ich lächle nicht zurück. Ich lege den
plattgequetschten Brotlaib auf den Tisch.
Du scheinst keine
Ahnung zu haben, was es noch alles zu regeln gibt.
Darüber müssen wir
aber jetzt nicht reden, oder.
Nein, deshalb reden
wir ja morgen beim Mittagessen darüber. Einverstanden.
Ich nicke und lasse
den Löffel in meiner Suppe verschwinden. Ob Onkel Thoby schon
einmal gehört habe, wie das Wort verschwinden neuerdings gebraucht
wird.
Nämlich
wie.
Nämlich so:
Kanadische Entwicklungshelfer sind im Irak verschwunden worden, sage ich. Ziemlich gruselig.
Bilde einen Satz damit.
Mir fällt aber keiner
…
Schon gut. Ich weiß
einen. Mein Dad ist verschwunden worden.
Sein Löffel hängt wie
erstarrt in der Luft.
Das ist schlimmer als
Mord, sage ich. Nicht.
Er gibt keine
Antwort. Darum nicke ich für ihn.
In Zeichentrickfilmen erkennt man die Bösen immer an
den Augenbrauen. Wenn die Augenbrauen auf der Stirn ein V bilden,
ist Vorsicht geboten. Und wenn die Augenbrauen umgekehrt wie ein
accent circonflexe ausschauen, wird
alles gut. Sehen Sie sich doch nur einmal das Wort bientôt an. Sehen Sie, wie glücklich und voller
Hoffnung diese Augenbrauen sind.
Das ist eine herrlich
einfache Formel. Warum also sollte sie nicht auch im richtigen
Leben gelten.
Onkel Thoby
beispielsweise hat accent-circonflexe-Augenbrauen. Sogar wenn er
schläft. Auch mein Dad hat, pardon, hatte accent-circonflexe-Augenbrauen, außer morgens beim
Aufwachen. Wenn er morgens aufwachte, sah er aus wie ein alter
Griesgram, und man wusste nie, wie lange sich dieses
Grognard-Gesicht hielt. Von anderer Leute Träume wollte er sowieso
nichts wissen. Kann ich nicht wenigstens in Ruhe meinen Kaffee
trinken. Aber ein V bildeten seine Augenbrauen nie. Sie waren eher
gerade wie bei Bert. Onkel Thobys Brauen hingegen erinnern mich an
Ernie. Das ist ein guter Vergleich. So lieb und reizend Bert sonst
auch ist, morgens sollte man sich vor ihm in Acht
nehmen.
Ein Grognard ist
jemand, der eben aufgewacht und darüber nicht sonderlich erfreut
ist.
Früher fand ich es
seltsam, wie sehr das Grognard-Gesicht von meinem Dad sich von
seinem Tagesgesicht unterschied. Ich war morgens zwar auch ein
Grognard. Meine Augen waren kleiner. Aber mein Dad hatte nicht nur
kleinere Augen und dunklere Augenbrauen, sondern sein ganzes
Gesicht war so ernst, dass er sich nur schwer zum Lachen bringen
ließ. Und wenn er dann doch einmal lachte, wirkte es gequält und
angestrengt, als ob es wehtäte.
Er begleitete mich
jeden Morgen zur Schule. Bei jedem Wetter. Das Auto war nur für
Schwertransporte. Er sagte, ich dürfe das Wetter nicht persönlich
nehmen. Hinaus mit dir, sagte er. Du bist schließlich
wasserdicht.
Ach ja.
Du könntest
stundenlang im Regen stehen und würdest dich nicht mit Wasser
vollsaugen.
Aber meine Haare
schon.
Dann schneid sie ab.
Wie ich.
Mein Dad hatte kurze,
glatte Igelhaare. Ich hatte einen Pferdeschwanz, den ich über alles
liebte und nie im Leben abgeschnitten hätte. Mein Dad nannte meinen
Pferdeschwanz mein Fragezeichen. Schneid das Fragezeichen
ab!
Onkel Thoby hingegen
nahm das Wetter sehr persönlich. Bei
Schnee oder Eisregen sagte er: Rufen wir lieber bei Clint an.
Folglich kam Onkel Thoby, zu dessen Aufgaben es gehörte, mich von
der Schule abzuholen, nicht selten in einem Clint’s Cab
vorgefahren. Aber mein Dad. Nie. Mein Dad brachte mich zu Fuß zur
Schule, und dann ging er weiter zur Universität. Immer. Ob es
regnete oder schneite. Ob es ein Trottoir gab oder nicht. Das war
eine seiner vielen Regeln.
Clint. Ohne mich,
sagte er.
Clint. Ohne mich,
echote ich.
Wenn der Wind
zunimmt, hältst du dich einfach an einem Stein fest, sagte
er.
Ist gut.
Oder an mir, wenn ich
dabei bin.
Wenn wir uns vor der
GOLEM voneinander verabschiedeten, hatte er noch immer sein
Grognard-Gesicht. À bientôt, sagte ich
hoffnungsvoll.
À bientôt.
Nachts werden meine
Augen größer und schöner. Das kommt daher, dass wir Säugetiere sind
und in grauer Vorzeit alles nachts erledigen mussten, weil die
Dinosaurier dann schliefen. Und dazu mussten wir so gut wie möglich
aussehen.
Am schönsten war es
abends, wenn wir am Tisch saßen und Kerzen brannten, weil es einen
besonderen Anlass gab – zum Beispiel Weihnachten oder der
Geburtstag von meinem Dad und Onkel Thoby -, und unsere Augen waren
große schwarze Punkte.
Oder der Strom war
ausgefallen, und Wedge durfte auf den Tisch, weil mein Dad eine
Glühbirne an sein Laufrad angeschlossen hatte. Die Glühbirne
leuchtete schwach und flackerte wie eine Kerze. Sie war nicht
besonders hell, aber das machte nichts, schließlich aßen wir bei
Mäuselicht!
Dann las mein Dad uns
aus der Biografie von jemandem mit guten Augenbrauen vor. Obwohl.
Manchmal auch von jemandem mit bösen Augenbrauen. Das machte das
Buch zu einem ganz besonderen Vergnügen, weil wir dann alle einen
gemeinsamen Feind hatten, alle außer Onkel Thoby, der von
gemeinsamen Feinden wenig hielt, es sei denn, der Feind war lange
tot und lebte nur noch in einem Buch.
Womit wir bei meiner
Großmuter wären und bei Toff und meiner ersten Begegnung mit bösen
Augenbrauen im richtigen Leben. Sie kamen im Sommer, ein Jahr
nachdem Onkel Thoby zu uns gezogen war. Kaum waren sie dem Flugzeug
entstiegen, prangte auch schon ein großes V auf ihrer Stirn. Ihnen
gefiel weder unser Flughafen. Noch unser lustiges Gepäckkarussell,
das jemand in GEBÄCKKARUSSELL umbenannt hatte.
Habe ich mich
verlesen, oder steht das wirklich da, fragte Großmutter und kniff
die Augen zusammen.
Hallo,
Mum.
Großmutter küsste
erst meinen Dad. Und dann mich, fest, auf beide Wangen. Du bist
größer geworden, sagte sie.
Und du
schärfer.
Ich war ihr erst
einmal begegnet. In England, bei der Beerdigung meines Großvaters.
Damals hatte sie vom vielen Weinen ganz verschwommen
ausgesehen.
Ihr Koffer war
verloren gegangen. Sie sah aus, als ob sie ihm am liebsten einen
Tritt gegeben hätte. Die kriegen hier aber auch gar nichts
gebacken, sagte sie.
Onkel Thoby, der am
Flughafen Heathrow in der Gepäckabfertigung gearbeitet hatte,
meinte (wobei seine Brauen ihre Giebelform beibehielten), sie solle
sich keine Sorgen machen. Der Koffer werde mit der nächsten
Maschine aus London kommen.
Und wann ist das,
sagte Großmutter. Nächsten Monat.
Hinter ihr suchte
Toff wölfisch den Blickkontakt mit meinem Dad und sagte, er brauche
dringend eine Zigarette.
Toffs Bart verfing
sich in der Schnalle des Sicherheitsgurtes. Sein Bart war
unglaublich lang. Genau wie er. Er musste beim Einsteigen Kopf,
Bauch und Beine einziehen. Großmutter quetschte sich zu mir und
Onkel Thoby auf den Rücksitz. Ich hockte auf Onkel Thobys Knie, und
er schlang seinen langen Arm wie einen Sicherheitsgurt um mich. Ich
starrte auf Großmutters Haare, die auf ihrem Kopf saßen wie ein
Hut. Erst zündete sie sich eine Zigarette an. Dann Toff. Danach
rauchten sie in einer Tour. Beim Rauchen legten sie den Kopf in den
Nacken, und ihre Augenbrauen bildeten einen noch spitzeren Winkel
als sonst.
Seit Großmutter und
Toff da waren, herrschte bei uns dicke Luft. Was nicht nur an ihrem
ständigen Gequalme lag. Die Atmosphäre war irgendwie drückend. Aber
vielleicht war ich auch einfach nur müde und erschöpft. Ich hatte
Toff mein Zimmer überlassen und schlief auf einer Liege am Fußende
von meinem Dad.
Es ist anstrengend,
seinem Dad beim Schlafen zuzusehen. Ich kann davon nur abraten. Es
ist nicht schön, dabei sein zu müssen, wenn der eigene Dad zwar
anwesend, aber eigentlich doch abwesend ist. Ich gab mir alle Mühe
einzuschlafen, bevor er heraufkam, um ins Bett zu gehen, aber
leider blieb mir immer nur Zeit für eine schnelle Montage, bevor er
die Tür aufmachte.
Na, noch wach, alte
Zimtzicke.
Verdammt noch mal.
Ich setzte mich auf. Die Liege war aus rotem Metall und
quietschte.
Kann ich das Licht
anmachen.
Ja. Ich hielt mir die
Augen zu. Dad.
Hm.
Die wollen doch nicht
für immer bleiben, oder.
Audrey …
Weil Onkel Thoby doch
bei uns geblieben ist.
Ich spähte zwischen
meinen Fingern hindurch. Das Zimmer war knallgelb.
Mein Dad setzte sich
auf die Bettkante. Aber es macht dir doch nichts aus, dass Onkel
Thoby bei uns ist, oder.
Nein! Nein. Wie
sollte ich ihm das erklären. Also gut. Ich schlafe nicht gern in
deinem Zimmer, wenn deine nackten Füße auf mich zeigen. Ich will
dich nicht mit nackten Füßen sehen. Sonst hast du doch auch keine
nackten Füße. Kannst du im Bett bitte bitte Socken
anziehen.
Warum.
Kannst
du!
Ja, gut.

Es war Sommer. Aber
wir saßen auf der Veranda und hatten Gänsehaut. Sogar mein Gesicht
hatte Gänsehaut. Mein Dad band Heliumballons ans Verandageländer,
weil Onkel Thoby und er Geburtstag hatten. Wir saßen da und
zitterten. Der Teich schwappte wie schwarzer Kaffee. Alle tranken
schwarzen Kaffee. Toff und Großmutter hatten (von mir) jeder einen
eigenen Kaffeebecher zugewiesen bekommen. Auf Toffs Becher war eine
anstößige Karikatur der Queen. Auf dem von Großmutter stand LONDON.
Vielleicht kriegten sie davon Heimweh.
Meine Augen fühlten
sich klein an und blieben klein. Auch nachts.
Als ich sagte, ich
friere im Gesicht, sagte Toff, sein Bart sei wie eine warme Decke.
Dann hob er ihn hoch und sagte: Na, wie wär’s.
Ich wurde fast
ohnmächtig vor Schreck.
Außerdem: Waren Toff
und Großmutter nicht extra zu Dads und Onkel Thobys Geburtstag
gekommen. Trotzdem hatten sie ihnen heute Morgen keinen Happy
Doozoo gewünscht, nicht einmal nachdem ich es gesagt hatte,
dreimal, laut und deutlich.
Verzeihung, sagte
Toff. Aber der Doozoo ist …
Heute, sagte
ich.
Der zwölfte August,
sagte Onkel Thoby.
Le douze août, sagte ich langsam.
Ach ja.
Natürlich.
Und warum hatten sie
ihnen nichts geschenkt. Großmutter schien verwirrt. Sie sagte, die
Geschenke seien in ihrem verlorengegangenen Koffer. Wenn du es
sagst, sagte ich. Audrey, sagte mein Dad. So gab es nur die
Heliumballons (von mir), weil Onkel Thoby Helium toll fand. Und ein
neues Telefon für meinen Dad (von Onkel Thoby). Und einen tiefen
Teller mit einer sehr realistisch gemalten Fliege auf dem Rand für
Onkel Thoby (von meinem Dad). Und eine Flasche Sherry für Onkel
Thoby (von meinem Dad).
Schenkt ein den
Piratensherry, sang Onkel Thoby in der Küche. Seine Piratenhaare
fielen ihm in die Stirn.
Er vertauschte seinen
Kaffeebecher mit einem kleinen roten Glas.
Zum Abendessen gab es
Hühnchenlasagne. Ich stand auf und brachte einen Trinkspruch auf
Andrew Toti auf, den Erfinder der
Hühnchenrupfmaschine.
Großmutter und Toff
zogen die Augenbrauen hoch.
Und der Schwimmweste,
setzte ich hinzu.
Amen, sagte mein
Dad.
Die Lasagne hatte
drei Stockwerke, und man konnte jedes Stockwerk in zwölf Parkplätze
zerschneiden und jeden Parkplatz einzeln essen. Ab und zu machte
ich eine Pause und spielte mit dem Korkenzieher.
Mal hat er Haare
unter den Armen, sagte ich, und hob seine Arme.
Und mal auf den
Schultern.

Du sollst doch nicht
dazwischenreden, sagte mein Dad.
Was wäre euch lieber,
fragte ich in die Runde.
Schweigen. Dann sagte
Onkel Thoby: Ich habe beides.
Ich tastete seinen
Arm ab. Du hast aber doch gar keine Haare auf den Schultern, sagte
ich.
Doch, ein paar, sagte
er.
Ich widmete mich
wieder meiner Lasagne.
Jetzt hatte ich Toff
bei seiner Geschichte über seine Jugendjahre als Chorknabe
unterbrochen (wofür sie mir eigentlich hätten dankbar sein müssen).
Ich blickte verstohlen auf und sah, wie über meinen Kopf hinweg
Blickkontakte geknüpft wurden. Außer mir aß niemand
mehr.
Was ist, sagte
ich.
Lass dir ruhig Zeit,
Liebes, sagte Onkel Thoby.
Vor dem Essen war ich
in mein Zimmer geschickt worden, um den Korkenzieher zu suchen, den
ich in meiner untersten Schublade versteckt hatte. Ich fand den
Korkenzieher toll, weil er halb Ballerina und halb Waffe
war.
Wo ist der verfluchte
Korkenzieher. Audrey!
Oui. Ich tänzelte in die Küche.
Der Korkenzieher
hängt nicht am Brett.
Non.
Wo ist
er.
Nimm doch den an
Onkel Thobys Messer.
Ich will aber den
richtigen.
Darf ich in mein
Zimmer.
Ja,
natürlich.
Also trampelte ich
die Treppe hoch. Ich war seit zwei Tagen nicht mehr in meinem
Zimmer gewesen. Denn darin hauste ja jetzt Toff. Und wie. Böses
Erwachen. Erstens stank es wie die Pest. Auf dem Tisch stand ein
Aschenbecher (voll), und auf meiner Kommode lag eine Bürste mit
Barthaaren darin. Und der gemalte Baum an meiner Wand schien zu
verdorren. Armer Baum, flüsterte ich und berührte ein Blatt. Dann
sagte ich es noch einmal, laut. Armer Baum, jammerte
ich.
Onkel Thoby steckte
den Kopf zur Tür herein. Was ist denn los.
Mein Baum
stirbt.
Der kann doch gar
nicht sterben. Er ist nicht echt.
Nein, aber sterben
tut er trotzdem.
Der Baum war das Werk
von Onkel Thoby. Die Äste waren lang und erstreckten sich über die
beiden benachbarten Wände und die Decke, sodass sie das Bett, das
darunter stand, förmlich zu umarmen schienen. An den Ästen waren
kleine braune Klettknospen. Da wir Sommer hatten, war an jeder
Knospe ein grünes Blatt aus Filz befestigt. Im Herbst würden sie
durch rote und gelbe Blätter ersetzt werden. Pünktlich zur Winter-
und Sommersonnenwende feierten Onkel Thoby und ich eine Zeremonie,
die wir Bäumchen-wechsle-dich nannten.
Ich löste ein Blatt
von einem Ast und roch daran. Stinkt, sagte ich.
Er verzog das
Gesicht. So schlimm ist es nun auch wieder nicht.
Nein, aber stinken
tut es trotzdem.
Ich weiß. Aber das
lässt sich vorerst leider nicht ändern. Und jetzt komm. Was willst
du überhaupt hier drin.
Den Korkenzieher
holen.
Er wunderte sich kein
bisschen. Na, dann mach voran und komm.
Nach dem Essen gingen
Onkel Thoby und ich nach draußen und banden die Ballons los. Ich
stampfte auf die Dielen und sagte: Toff will meinen Dad zum Rauchen
verführen.
Onkel Thoby seufzte.
Unsinn.
Trotzdem will er
meinen Dad umbringen. Er ist wie der Mann in dem Buch, aus dem mein
Dad uns nach dem Essen nicht mehr vorliest, weil wir Gäste
haben.
Wie wer.
Ich stampfte auf und
ab. Na, wie der Mann aus Russland, der auch einen Bart hatte, der
bis unter den Tisch ging. Rumpels toffzchen.
Rasputin.
Ich nickte. Rasputin
hatte (bislang) nichts und niemand etwas anhaben können. Weder Gift
noch Pistolenkugeln. Wollen wir Toffs Kaffee vergiften, sagte
ich.
Lieber nicht, sagte
er. Er beugte sich über das Geländer und band eine Ballonschnur
los. Möchtest du mir nicht helfen.
Ich legte ihm die
Hand auf den Arm.
Ha.
Die Ballons zerrten
an ihren Schnüren und wehten in Richtung Teich.
Ich drehe eine Runde,
sagte ich und sprang über die federnden Dielen davon. Als ich am
Esszimmerfenster vorbeikam, hörte ich Großmutter sagen: Weiß der
Kuckuck.
Als ich zu Onkel
Thoby zurückkam, erwartete er mich mit offenen Armen. Das machten
wir immer so. Ich drehte eine Runde, und er wartete. Er hob mich
hoch und setzte mich auf das Verandageländer. Ganz schön
anstrengend, sagte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
Ich lehnte mich zurück. Er hielt mich an den Fußgelenken fest. Ich
lehnte mich so weit zurück, bis der Teich auf dem Kopf
stand.
Ich muss dich was
fragen, sagte er.
Ich muss dich was
fragen.
Okay, du
zuerst.
Ich richtete mich
auf. Ich sah mich um. Hinter ihm, in der Küche, wippten die Ballons
auf und ab.
Du hast eigentlich
gar keine Frage, sagte er.
Doch. Los geht’s.
Bist du bereit. Ich bin ganz Ohr. Okay. Meine Frage lautet. Hattest
du einen schönen Happy Doozoo.
Er lächelte. Ein sehr
schönen sogar.
Ich ging ganz nah an
ihn heran, bis sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Ich strich
ihm die Haare aus dem Gesicht, damit ich ihm in die Augen schauen
und sehen konnte, ob er lügt. Er log. Ich nahm ihn in die Arme. Und
drückte ihn ganz fest. Er hob mich hoch, und wir spazierten einmal
rings um die Veranda. Was ist denn los, flüsterte er mir ins Ohr.
Du benimmst dich ziemlich merkwürdig in letzter Zeit.
Ich drückte mein
Gesicht an seine Wange. Ich kann Gäste nicht leiden.
Ich war aber doch
auch mal Gast.
Das ist was anderes,
murmelte ich. Toff und Großmutter sind très
méchants.
Très méchants.
Sie haben gemeine
Augenbrauen.
Er gab keine Antwort.
Was wolltest du mich denn fragen.
Ach ja. Meine Frage.
Bist du bereit. Los geht’s. Habe ich dich vorhin zufällig Kaffee
trinken sehen.
Nein.
Ich glaube doch. Und
ich glaube, da liegt der krumme Hund begraben. Bist du
müde.
Nein.
Ich glaube
doch.
Nein.
Ich glaube, es ist
höchste Zeit fürs Bett, sagte er.
Du meinst, für die
Liege.
Auf der Liege machte ich eine kleine
Kummerliste:
1. Mich hat genervt, wie Großmutter mir beim Essen zugeguckt hat. Immer wenn die anderen geredet haben, hat sie auf meinen Teller geglotzt. Außerdem hat mich gestört, wie sie und Toff Blickkontakt aufgenommen haben, als wär ich blind. Onkel Thoby hat mir später erklärt, dass sie ganz hippelig waren, weil sie rauchen wollten und es sich nicht gehört, am Tisch zu rauchen, solange noch jemand isst. Dabei hätte ich auch nicht schneller essen können, wenn ich gewollt hätte, was ich aber gar nicht wollte. Stattdessen habe ich langsam gegessen. Mein Dad hat schnell gegessen. Und Onkel Thoby mittelschnell. Wenn mein Dad aufgegessen hat, liest er uns normalerweise aus der Biografie vor, bis ich aufgegessen habe. So geht die Regel. Und nur weil er bei Tisch nicht liest, wenn wir Gäste haben, brauche ich noch lange keine liebgewonnene Angewohnheit über Bord zu werfen. Weil, was dann. Was, wenn ich eine liebgewonnene Angewohnheit über Bord werfe und mir stattdessen angewöhne, schnell zu essen. Was wird dann aus dem Vorlesen. Dann müsste ich nämlich nicht nur früher abwaschen. Sondern auch früher ins Bett.
2. Ich fand es blöd, wie Toff sich lang und breit über Cambridge ausgelassen hat. Lächerlich. Er wollte die ganze Zeit mit meinem Dad in Erinnerungen schwelgen. Man müsste ihn eigentlich viel öfter unterbrechen. Beziehungsweise ich, weil sonst macht es ja keiner. Genau darum habe ich ja auch den Korkenzieher genommen. Außerdem habe ich ihn gefragt: Wie tief war denn der Fluss, in den du über Bord gefallen bist. Nur hüfttief, sagte er. Ich lachte. Unser Teich hat keinen Grund, sagte ich. Willst du nicht mal darin schwimmen gehen. Audrey, sagte mein Dad. Aber es war ja auch nicht nett Onkel Thoby gegenüber, dieses Geschwelge in Erinnerungen, Onkel Thoby war nämlich nicht in Cambridge, sondern ist in London geblieben und wurde Gepäckabfertiger und das schwarze Schaf der Familie.
3. Großmutter hat Onkel Thoby am Flughafen keinen Kuss gegeben.
4. Onkel Thoby kam in keiner einzigen Erinnerung vor.
5. Ich fand es blöd, wie genervt Großmutter war, als sie von den Experimenten erzählte, die mein Dad als kleiner Junge gemacht hat. Zum Beispiel, wie er verletzte Insekten gerettet und gesund gepflegt hat, obwohl sie nur drei Beine hatten. Einen dreibeinigen Käfer hat er jahrelang in einem Marmeladenglas gehalten. Du übertreibst, sagte mein Dad. Wedge fand Großmutter mindestens genauso nervig (eklig).
6. Während ihres Besuchs durfte Wedge nicht auf den Tisch. Nicht mal, um eine Glühbirne zum Glühen zu bringen.
7. Als ich Toff nach seinem Lieblingsspiel fragte, sagte er Katz und Maus. Was ist denn das, fragte ich. Ein Kartenspiel. Und dann zeigte er mir, wie es geht. Man muss die Karten in der richtigen Reihenfolge übereinanderstapeln, Bube, Dame, König undsoweiter undsofort. Das fand ich total doof. Dann fragte ich Großmutter nach ihrem Lieblingsspiel. Solitaire, sagte sie. Was ist denn das. Ein Kartenspiel. Und dann zeigte sie mir, wie es geht. Man muss die Karten in der richtigen Reihenfolge übereinanderstapeln, Bube, Dame, König undsoweiter undsofort.
8. Meine Güte, spielt denn keiner gern Cluedo.
Mein Dad machte die
Tür auf und sagte: Na, noch wach, alte Zimtzicke.
Verdammt noch
mal.
Et
cetera.
Und als meine Augen
sich endlich an das grelle Licht gewöhnt hatten und ich hellwach
war und ihm mein Herz ausschütten und meinen Kummer beichten
wollte, da legte er sich ins Bett und machte das Licht aus. Ich
konnte seine Füße zwar noch nicht sehen, aber wenn es so weit war,
hatte er hoffentlich entweder Socken an oder die Füße unter der
Decke.
Mein Dad arbeitete
sich normalerweise von über der Decke unter die Decke vor. Er sagte
immer, er wüsste auch nicht, wie er das macht. Jetzt kannte ich des
Rätsels Lösung, denn ich hatte gesehen,
wie er mitten in der Nacht unter die Decke schlüpfte. Mit Zauberei
hatte das jedenfalls nichts zu tun.
Ich bin blind, sagte
ich.
Lass ihnen einen
Augenblick Zeit, sagte er und meinte meine Pupillen.
Ich drehte mich um.
Meine Liege quietschte.
Erzähl mir die
Geschichte von den beiden Männern und dem Löwen.
Warum. Hast du
schlecht geträumt.
Ja.
Und das fällt dir
jetzt ein.
Nein, es ist mir
gerade eben eingefallen, als ich mich wieder genau so hingelegt
habe wie vorhin.
Audrey, ich bin
hundemüde.
Ach, sagte
ich.
Was ach.
Ich
nicht.
Wenn ich schlecht
träumte, durfte ich meinen Dad nachts wecken, um ihm meine
Albmontage – ganz kurz, ohne alle überflüssigen Details – zu
schildern, und dann erzählte mein Dad mir die Geschichte von den
beiden Männern und dem Löwen.
Darf ich dir meinen
Traum jetzt erzählen oder nicht.
Wovon handelte er
denn. Von einem Flugzeug.
Nein. Von
Gästen.
Wieso. Was war denn
gestern.
Nicht gestern.
Gästen.
Schlaf
weiter.
Meine Augen hatten
sich an die Dunkelheit gewöhnt. Ich konnte seinen Fuß erkennen. Ich
stupste ihn ganz leicht. Er hatte einen Socken an. Ich stupste ihn
noch mal.
Schluss
jetzt.
Ich hatte schon
Cluedo spielen wollen, seit Toff und Großmutter bei uns waren, und
am nächsten Abend wurde mein Wunsch endlich erhört. Wir
versammelten uns um den Tisch. Ich war Fräulein Ming. Das machte
ich von Anfang an klar. Mein Dad war Professor Bloom, und Onkel
Thoby war Direktor Grün. Alles comme
d’habitude. Nur dass jetzt noch zwei Figuren mehr
mitspielten. Baronin von Porz und Oberst von Gatow. Es waren also
alle Cluedo-Figuren vergeben. Bis auf Frau Weiß.
Die Lage spitzt sich
zu, sagte ich und nickte.
Welche Lage, sagte
Toff.
Ihr habt dieselbe
Farbe wie eure Figuren, sagte ich. Und in der Tat. Er war ganz
gelb, besonders die Finger, zwischen denen seine Zigarette
klemmte.
Willst du dich denn
nicht setzen, sagte Großmutter.
Nein. Ich spiele
immer im Stehen.
Seit wann, sagte mein
Dad.
Seit
heute.
Da hat doch nicht
etwa jemand C-A-F-F-E-E, begann Onkel Thoby.
Das gehört sich
nicht, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf ihn.
Mit dem Finger zeigen
gehört sich nicht, sagte er.
Ich klappte das
Spielbrett auseinander. Das sieht aus wie Großmutters Haus, sagte
ich, bloß plattgewalzt. Schweigend sannen sie über meine Worte
nach.
Eigentlich nicht,
sagte Toff.
Wohl, sagte ich.
Immer wenn ich mir Großmutters Haus ins Gedächtnis rufen wollte,
hatte ich das Cluedo-Spielbrett vor Augen.
Der Kerzenleuchter
fehlte, und wir nahmen stattdessen den Korkenzieher. Meine
Idee.
Gut, sagte
Toff.
Und los
ging’s.
Toff und Großmutter
benutzten die Wörter anklagen und
verdächtigen synonym, was ich etwas
verwirrend fand.
Ich lief hektisch auf
und ab, mit meinen Karten in der einen und dem Revolver in der
anderen Hand. Ich sagte: Sehr interessant, auch wenn es das
eigentlich gar nicht war. Nachdem ich gewürfelt hatte, rannte ich
ein paarmal wegen dringender Geschäfte aus dem Zimmer.
Audrey, komm sofort
zurück. Ich dachte, du wolltest spielen.
Will ich ja
auch.
Dann komm zurück oder
es hat sich ausgespielt.
Ich trampelte zum
Tisch zurück. Ich war erst nach viermal Würfeln wieder dran. Also
drehte ich ein paar Runden um den Tisch.
Sie schaut mir in die
Karten, sagte Baronin von Porz.
Ich tippte mir mit
dem Finger auf die Brust. Moi.
Dann stellte ich mich
hinter Toff und setzte ihm den Revolver an die Schläfe, ohne dass
er etwas davon merkte.
Onkel Thoby zog einen
Stuhl unter dem Tisch hervor. Setz dich, sagte er.
Sofort.
Ich setzte mich. Erst
mal.
Toff sagte: Warum
gibt es eigentlich kein zweistöckiges Cluedo-Brett. Mit
Schlafzimmern. Und einem Bad mit Whirlpool.
Eine
Erwachsenenausgabe, sagte mein Dad. Mit scharfen
Waffen.
Langes
Schweigen.
Also wirklich,
Walter, sagte Onkel Thoby.
Was meinen Vater auf
die Palme brachte: dass ich nie richtig würfelte. Dabei war das gar
nicht nötig. Wenn man in ein Eckzimmer kam, konnte man einfach quer
über das Brett in die gegenüberliegende Ecke hüpfen, ohne zu
würfeln. Deshalb beschränkte sich meine Strategie darauf, ständig
hin und her zu springen.
Warst du eigentlich
schon mal im Billardzimmer, fragte Toff.
Nö.
Du hüpfst also
ständig zwischen Salon und Wintergarten hin und her.
Ja.
Und wie willst du
dann den Tatort ermitteln.
Ich habe da so meine
Methoden.
Und sind die auch
koscher.
Bien sûr.
Großmutter
verdächtigte jetzt Direktor Grün mit dem Kerzenleuchter in der
Küche.
Du meinst
Korkenzieher!
Pardon,
Korkenzieher.
Der Korkenzieher war
zu groß. Er passte in kein einziges Zimmer.
Du bist einfach zu
faul, zu würfeln und die ganzen Zimmer abzuklappern, sagte mein
Vater und schaute andächtig in seine Karten. Ich kann dir nicht
helfen, sagte er zu Großmutter.
Also, dann, sagte
sie. Dann klage ich jetzt an.
Halt halt halt, sagte
ich. Willst du wirklich anklagen. Oder nur
verdächtigen.
Anklagen, sagte sie.
Und zwar Direktor Grün mit dem Korkenzieher in der
Küche.
Ich richtete den
Revolver auf sie. Falsch, sagte ich.
Großmutter griff nach
dem Umschlag mit der Lösung.
Halt! Erst musst du
eine Runde aussetzen.
Da benimmt sich aber
jemand nicht seinem Alter entsprechend, sagte
Großmutter.
Wer, fragte ich und
blickte in die Runde.
Mum, sagte mein
Dad.
Walter, ich finde
…
Ich bin doch erst ein
Jahr alt, sagte ich.
Unsinn, sagte
sie.
Ich habe aber erst
einmal Geburtstag gehabt, sagte ich und hielt einen Finger hoch.
Schreib dir das hinter die Ohren.
Also, sagte Onkel
Thoby und stand auf. Ich glaube, es ist höchste Zeit für die
Liege.
Sie meint
Schaltgeburtstag, sagte mein Dad.
Ich weiß, was sie
meint, sagte Großmutter. Du bist sieben, Audrey.
Wie sie das Wort
sieben betonte, gefiel mir gar
nicht.
Onkel Thoby nahm mir
den Revolver aus der Hand. Und jetzt nach oben mit dir, sagte er.
Nacht.
Als ich am nächsten Morgen nach unten kam, war der
Kaffee noch nicht fertig. Es roch jedenfalls nicht nach Kaffee.
Mein Dad holte den neuen Fliegenteller aus dem Geschirrspüler. Der
gehört nicht in den Geschirrspüler, sagte er. Und seine Augenbrauen
sahen aus wie die von Bert.
Ich zeigte auf die
Kaffeemaschine. Wo ist Ernie.
Audrey. Komm mal
einen Augenblick hierher.
Ich war schon auf der
Kellertreppe. Ich sah nach oben. Da unten ist er nicht, sagte mein
Dad.
Warum.
Komm
her.
Ich stieg die Treppe
langsam wieder hoch. Normalerweise machte Onkel Thoby morgens
Kaffee. Er war immer als Erster auf.
Mein Dad erklärte
mir, dass Onkel Thoby in ein Hotel gezogen sei. Vorübergehend.
Wegen der beengten Wohnverhältnisse. Ich könne mein Zimmer
zurückhaben. Toff werde nach unten in Onkel Thobys Zimmer ziehen.
Dabei versuchte er, einen Kaffeefilter aus der Packung zu fummeln.
Ohne Erfolg. Scheiße, sagte er, warf die Packung auf die Anrichte
und zeigte mit dem Finger darauf. Kannst du mal, sagte
er.
War das vielleicht
meine Schuld. Weil ich einen Revolver auf Toff und Großmutter
gerichtet hatte. Weil ich mich nicht meinem Alter entsprechend
verhielt, was auch immer das heißen mochte.
Das war meine größte
Angst. Dass ich eines Morgens aufwachen würde, und Onkel Thoby wäre
nicht mehr da, und wir würden die Kaffeefilter nicht aus der
Packung kriegen. Plötzlich wäre alles anders. Stellen Sie sich vor,
in Dickens’ Weihnachtsgeschichte wacht
Scrooge morgens auf und ist nicht etwa glücklich und zufrieden,
sondern todtraurig, weil er sich in einen der Geister verliebt hat.
Und jetzt kann er die echten Menschen noch weniger leiden, weil sie
alle Schweine sind. Alle außer seinem Dad.
Mein Dad versuchte,
sich nichts anmerken zu lassen, dabei hätte er wegen so einer
Kleinigkeit normalerweise nicht Scheiße gesagt. Jetzt kannst du
dein Zimmer wiederhaben, sagte er.
Aber wozu. Damit Toff
in Onkel Thobys neue Kellerwohnung ziehen und die grünen Wände
verstinken konnte.
Oben ging eine
Toilettenspülung. Scheiße, sagte ich und sah meinen Dad verstohlen
an.
Gut jetzt, sagte er.
Soll heißen: Es reicht.
Aber besonders
logisch konnte ich das nicht finden. Wenn es einzig und allein um
die Zimmerverteilung ging, wieso war Onkel Thoby dann mitten in der
Nacht verschwunden, als ich im Bett, pardon, auf meiner Liege lag.
Warum die Eile.
Vielleicht ist das
der Schlüssel zu des Rätsels Lösung. Großmutters /Toffs Reaktion
auf die Nachricht, dass Onkel Thoby heute und auch an allen anderen
Tagen nicht mit uns frühstücken werde, weil er ins Civil Manor
gezogen sei: Sie zogen die Augenbrauen hoch. Zwei Sekunden lang.
Dann ließen sie sie wieder sinken.
Hoppla. Macht doch
nicht so ein trauriges Gesicht, sagte ich.
Das war der Tropfen,
der das Fass von meinem Dad zum Überlaufen brachte. Auf dein
Zimmer, sagte er.
Ich habe aber gar
kein Zimmer, sagte ich und schlürfte meinen fünffach gefilterten
Kaffee.
Dann hilf mir,
Audrey.
Toff stand auf und
sagte, er werde seine Sachen nach unten schaffen. Zugegeben, er sah
vielleicht doch ein bisschen traurig aus, als er sich durch den
Bart strich und aus dem Zimmer ging.
Mir wurde gesagt, das
Civil Manor sei dans les environs. Und
ich dürfe Onkel Thoby jederzeit besuchen. Ja, gut, dann jetzt
gleich. Ich dürfe sogar die Heliumballons mitnehmen, um ihn
aufzumuntern.
Dann muss er also
aufgemuntert werden!
Das habe ich nicht
gesagt.
Hast du
wohl.
Hol die Ballons und
komm.
Was sind eigentlich
environs, und gefällt es Onkel Thoby
da. Meine Güte. Darf ich Wedge mitnehmen.
Nein.
Bitte.
Zieh deinen
Regenmantel an.
Wedge und die
Heliumballons gingen offenbar als Schwertransport durch, denn wir
fuhren mit dem Auto. Die Ballons wippten auf dem Rücksitz. Endlich
rauchfrei, wippten sie. Endlich rauchfrei. Wedge sah leicht
benommen aus. Er war die ganze Nacht aktiv gewesen, und jetzt
hatten wir ihn geweckt, damit er auch tagsüber herumturnte. Er
drückte seine kleinen Händchen gegen das Plastik. Was ist denn hier
los.
Ich zeigte auf ein
paar Barthaare, die sich im Gurt verfangen hatten. Igitt, sagte
ich.
Damit eins klar ist,
Audrey. Ich möchte weder über Toffs Bart noch über Großmutters
Augenbrauen sprechen.
Du hast es also auch
gemerkt!
Nein,
du.
Nein, du.
Mein Dad hatte heute
keine Lust auf das Nein-du-Spiel.
Wie dem auch sei,
sagte er nach einer Weile. Meinst du, du könntest dich zur
Abwechslung einmal wie ein zivilisierter Mensch
benehmen.
Ha! Ich hab’s
kapiert. Ich hab den Witz kapiert.
Das Civil Manor sah
aus wie eine umgekippte Piety-Pie-Fabrik. Die Fabrik war ein
liegendes Rechteck. Das Civil Manor war ein stehendes Rechteck.
Beide waren weiß und um die Augen rostig.
Natürlich gab es ein
paar himmelweite Unterschiede:
Die Piety-Pie-Fabrik
hatte fünf Schornsteine, die Kuchenduft in die Luft pusteten.
Dieser Duft war köstlich, und wenn der Wind richtig stand, konnte
man ihn bis zum Wednesday Place riechen. Das Civil Manor hatte
keine Schornsteine. Die Piety-Pie-Fabrik hatte fünf rosa
Leuchtbuchstaben auf dem Dach, die das Wort PIETY bildeten. Am
Civil Manor hing nur ein kleines Schild mit einem Butler drauf. Der
Butler hielt ein Tablett in Händen, und auf dem Tablett stand
ZIMMER FREI.
Als ich ausstieg,
hatte ich das Gefühl, die Piety-Pie-Fabrik und das Civil Manor sind
verliebt. Leider lag zwischen ihnen eine stark befahrene
Straße.
Mein Dad trug die
Ballons. Ich trug Wedge. Es war niemand an der Rezeption. Die Lobby
war klein und muffig. Hallo, Doreen, sagte mein Dad. Wer. Ich
stellte mich auf die Zehenspitzen. In dem Zimmer hinter der
Rezeption saß eine Frau und guckte Seifenopern. Dass es Seifenopern
waren, erkannte ich an der Musik. Gehen Sie ruhig rauf, sagte sie.
In ihrem Ohrensessel saß sie anscheinend sehr bequem.
Hä. Wer ist
Doreen.
Psst. Na,
sie.
Das machte mich
nervös. Woher kannte mein Dad jemanden, den ich nicht
kannte.
Hinter der Rezeption
hing außerdem ein Brett mit Haken dran. An allen außer einem Haken
hingen Schlüssel. Zimmer 203. Das war Onkel Thobys Zimmer. Dann war
er also der einzige Gast im Civil Manor. Es zerriss mir fast das
Herz. Doreen hingegen trug es offenbar mit Fassung.
Mein Dad sagte, er
werde nicht lange bleiben. Er werde mich nur zu Onkel Thobys Zimmer
begleiten und sich dann wieder unseren Gästen widmen, damit sie
sich nicht so verloren vorkämen. Verloren, sagte ich. Einsam, sagte
er. Ich glaube nicht, dass sie sich einsam fühlen.
Warum
nicht.
Kein Kommentar. Wie
man so sagt, wenn man ein Geheimnis hat. Ich hatte zwar keins, aber
es konnte ja nicht schaden, schon mal zu üben.
Wir gingen einen mit
orangenem Teppich ausgelegten Gang entlang. Der orangene Teppich
hatte einen Mittelscheitel. Bis zur Sohle. Plötzlich standen wir
vor Nummer 203. Na los, klopf an, sagte mein Dad.
Nein, du. Ich drückte
mir Wedges Kugel an die Brust. Mein Dad klopfte an. Ich war noch
nie in einem richtigen Hotel gewesen und konnte mir beim besten
Willen nicht vorstellen, dass Onkel Thoby, unser Onkel Thoby, tatsächlich hinter dieser Tür
war. Obwohl es zum Civil Manor eigentlich nicht allzu weit war, kam
ich mir vor wie in einem anderen Universum. Zum Beispiel Doreen.
Wer war sie. Nur eine Frau im Ohrensessel. Und doch spielte sie in
unserem Leben plötzlich eine Rolle.
Keine
Reaktion.
Ich nahm all meinen
Mut zusammen und versetzte der Tür einen Tritt.
Na also, sagte mein
Dad.
Und die Tür ging auf.
Vor mir stand Onkel Thoby. Und meine Nervosität war wie
weggeblasen, weil ich bei ihm war und er seinen knallgelben Pulli
mit den roten Karos anhatte. Als er mich und Wedge und die Ballons
sah, führte er ein kleines Freudentänzchen auf. Was wird das, eine
Party, sagte er.
Ich jubelte mit und
sah mich im Zimmer um. Gott, wie klein, sagte ich. Klein, aber
fein, setzte ich hinzu.
Da ist aber jemand
todtraurig, sagte mein Vater, während ich auf Erkundung
ging.
Unter dem Fenster von
Zimmer 203 stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Wir setzten uns. Ich
legte die Füße in Onkel Thobys Schoß und machte eine Brücke. Da
hörte ich das Auto anspringen. Ich sprang auf und winkte meinem Dad
zum Abschied. Dann setzte ich mich wieder. Und machte eine neue
Brücke.
Da ist aber jemand
nervös, sagte Onkel Thoby.
Da ist aber jemand
todtraurig, sagte ich.
Onkel Thoby
verschränkte die Hände hinterm Kopf.
Ich tat es ihm
nach.
Fräulein Garstig
kann’s nicht lassen.
Wedge kullerte auf
dem Weg ins Bad in seiner Kugel an uns vorbei. Ihm gefällt’s hier,
sagte ich.
Sieht ganz so
aus.
Und dir.
Aber ja.
Plötzlich gab es
einen lauten Knall. Ein Ballon klatschte auf den Boden. Ich sah
nach oben.
Die Decke ist ja
spitz, kreischte ich.
Stuck, sagte Onkel
Thoby. Scheiße. Er stand auf und band die anderen Ballons am
Türknauf fest.
Die Decke von Zimmer
203 fand ich doof, aber der Rest war eigentlich ganz nett. Klein,
hübsch und transportabel. Nein, transportabel wohl doch nicht. Aber
es erinnerte mich an meinen Traum von einem transportablen Zimmer.
Das transportable Zimmer konnte man überall dranhängen, zum
Beispiel an einen Truck oder Zug. Jeder hatte so ein transportables
Zimmer. Mit einem Bett, einem Bad und blauem Teppich. Sonst
nichts.
Als ich Onkel Thoby
von meiner Montage erzählte, sagte er: So etwas nennt man
Wohnmobil, Oddly.
Quatsch. Kein
Wohnmobil. Meine Güte. Als ob ich nicht wüsste, was ein Wohnmobil
ist. Nein, ein transportables
Zimmer.
Wir beschlossen,
einen Ballon zu ermorden, einen weißen. Wir hatten schon des
Öfteren heimlich Ballons ermordet. Wir stachen ein Loch in einen
Ballon und atmeten das Helium ein. Das machten wir, seit wir bei
einer Hochzeitsfeier vor einer Kirche sechs Ballons gerettet
hatten. Alle Gäste hielten rosa Ballons in der Hand, und als das
Brautpaar im Portal erschien, ließen sie die Ballons fliegen. Onkel
Thoby und ich kamen gerade vorbei und trauten unseren Augen nicht.
Heliumballons! Umsonst! Onkel Thoby sprang in die Luft wie eine
Ballerina, um so viele wie möglich zu ergattern. Braut und
Bräutigam machten ein verdutztes Gesicht, als ob sie sagen wollten:
Wer hat denn den langarmigen Mann eingeladen.
Wir nahmen die
Ballons mit nach Hause, und Onkel Thoby zeigte mir, was Helium mit
der Stimme macht. Ein Hauch von Helium, und die Stimme klingt wie
Wedge. Beziehungsweise so, wie ich mir Wedges Stimme
vorstelle.
Wir sagten meinem Dad
nichts davon, weil er bestimmt etwas dagegen hätte, ein
Versuchstier wie Wedge mit einer Versuchssubstanz wie Helium zum
Sprechen zu bringen.
Als Wedge jetzt aus
dem Bad gekullert kam, quiekte Onkel Thoby: Die Badewanne muss
dringend neu verfugt werden.
Ich
kicherte.
Wedge sah unheimlich
süß aus, wenn er so auf einen zugekullert kam, mit den Händen
fuchtelte und sich über die Badewanne beschwerte. Wenn man es recht
bedenkt, war seine Plastikkugel ein transportables Zimmer. Ich
wollte, ich hätte auch so eine Plastikkugel. Dann könnte ich gegen
die Wände kullern, ohne mir wehzutun. Das Einzige, woran ich mir
wehtun könnte, wären Treppen.
Onkel Thoby gab mir
den Ballon, und ich fragte ihn, mit Wedges Stimme, warum er jetzt
im Civil Manor wohne.
Einer muss doch hier
wohnen, quiekte er.
Warum, quiekte ich
zurück. Zu Hause ist doch genug Platz.
Nein. Denk nur an die
arme Doreen. Einer muss doch hier wohnen.
Ich hätte da ein paar
Fragen.
Schieß
los.
Ich nahm noch einen
Zug aus dem Ballon. Wie ist Doreen eigentlich so.
Ich habe nicht den
leisesten Schimmer.
Okay, hier kommt
meine eigentliche Frage. Bist du bereit. Bist du meinetwegen aus Wednesday Place Nummer 3
ausgezogen. Oder wegen Toffund
Großmutter. Sag wegen Toff und
Großmutter.
Onkel Thoby wurde
ernst. Weder noch.
Ich glaube
doch.
Nein, Liebes. Seine
Mäusestimme verflüchtigte sich. Es klang furchtbar
traurig.
Willst du noch. Ich
hielt ihm den Ballon hin.
Danke.
Bist du ausgezogen,
weil Großmutter und Toff très méchants
zu dir waren.
Sie waren nicht
gemein zu mir.
Ich
nickte.
Was will mir dieses
Nicken sagen.
Dass sie wohl gemein
waren zu dir.
Es regnete gegen das
Fenster. Platsch. Als hätten Toff und Großmutter den Regen
geschickt.
Sie machen sich
Sorgen, sagte Onkel Thoby schließlich.
Wieso.
Sie denken, ich liege
deinem Dad auf der Tasche.
Hä.
Weil ich keine Arbeit
habe.
Na und. Ich doch auch
nicht. Oder Doreen.
Er
lächelte.
Pfff, machte ich.
So’n Quatsch. Warum kann Toff denn nicht ins Civil Manor ziehen.
Die Decke hat genau dieselbe Farbe wie sein Bart.
Weil Toff Gast ist,
seufzte er.
Und Gäste wohnen in
Hotels. Dazu sind Hotels schließlich da.
Oddly.
Er ist ein blöder
Umweltverschmutzer.
Onkel Thoby zog die
Augenbrauen noch höher als sonst.
Na schön. Weiter im
Text. Ich weiß, dass du dans les
environs bist. Aber environs.
Was heißt das eigentlich.
In der Nähe. Weiter
nichts.
Ich weiß, was es
heißt.
Onkel Thobys Stimme
klang jetzt wieder ganz erwachsen. Weißt du noch, wie ich vom
Gästezimmer in den Keller umgezogen bin. Du hast gejammert, das
wäre viel zu weit weg. Weißt du noch, was ich darauf gesagt habe.
Ich habe gesagt: Alle Zimmer im Haus sind über Heizungsschlitze
miteinander verbunden, wie durch Geheimgänge. Dein Zimmer ist mit
meinem verbunden. Mein Zimmer mit dem von deinem Dad. Und das von
deinem Dad wieder mit deinem. Das musst du immer im Hinterkopf
behalten, sagte er.
Ich nickte. Der
Gedanke gefiel mir. Es war einer der schönsten Gedanken in meinem
Hinterkopf.
Gut. Also, das mit
den Geheimgängen gilt nach wie vor. Egal ob ich im Keller wohne.
Oder im Civil Manor.
Er zeichnete mit der
Fingerspitze ein Dreieck auf den Tisch. Zwischen deinem und meinem
Zimmer und dem Zimmer von deinem Dad. Geheimgänge.
Platsch, machte der
Regen.
Sie wollen, dass du
mit ihnen nach England zurückgehst, stimmt’s.
Er lehnte sich
zurück. Sie würden wahrscheinlich nicht Nein sagen, wenn ich mit
ihnen nach England zurückginge.
Mich packte die Wut.
Diese Schweine.
Aber ich würde Nein
sagen, verkündete ich. Ich sage Nein.
Er brachte mich
rechtzeitig zum Abendessen nach Hause. Er hatte sich eine kleine
Tragevorrichtung für Wedges Kugel ausgedacht. Man nimmt ein
Handtuch, setzt Wedge genau in die Mitte und verknotet die vier
Handtuchzipfel. Ta-tah. Eine atmungsaktive Tasche.
Es regnete noch
immer. Onkel Thoby trug seinen grünen Regenmantel, der dieselbe
Farbe hatte wie die Flechten auf den Steinen. Er nannte ihn seinen
Chlorophyll-Mantel. Onkel Thoby mochte Grün. Er hatte den ganzen
Keller eisbergsalatfarben gestrichen, und durch das Grün schimmerte
ein Sonnenuntergang. Eines Abends hatte er an der Küchenspüle
gestanden, ein Salatblatt hochgehalten und gesagt: In dieser Farbe
streiche ich die Wände.
Jetzt qualmte Toff
die Wände braun.
Komm vom Ufer weg,
Oddly.
Wir gingen am
Wednesday Pond entlang auf unser Haus zu.
Den ganzen Weg hatte
ich versucht, ihn zu triezen, ihn dazu zu bringen, etwas Gemeines
über Toff und Großmutter zu sagen. Ohne Erfolg. Er sagte nur immer
wieder, sie machten sich Sorgen seinetwegen. Und das war nicht
gemein. Sondern nett.
Aber ich konnte mir
weder vorstellen, dass Toff und Großmuter sich Sorgen machten, noch
dass sie sich einsam fühlten. Leute, die sich Sorgen machen, haben
accent-circonflexe-Augenbrauen. Nein,
sie schmiedeten heimlich Pläne. Sie wollten uns das Haus wegnehmen
und Onkel Thoby und, wer weiß, vielleicht auch meinen Dad nach
England entführen. Und wer würde allein zurückbleiben. Ich. Die
Kanadierin.
Direktor
Grün.
Ja.
Kommst du mit
rein.
Nein. Aber ich bleibe
dans les environs.
Ich stieg die
Verandatreppe hinauf und winkte ihm zum Abschied. Er hatte die
Kapuze hochgezogen. Ich sah ihm nach, wie er den Uferweg
entlangging. Wedge rumorte in seiner atmungsaktiven Tasche. Ich
lehnte mich gegen das Haus und zählte bis 60. Dann nahm ich die
Verfolgung auf.
Er ging nicht zurück
ins Civil Manor, denn er ließ den Blackbog Drive links liegen und
bog stattdessen in die Manche Street. Oh. Er wollte ins Bebe’s in
der Manche Street.
Ich duckte mich
hinter ein geparktes Auto. Dann schlich ich mich möglichst
unauffällig an und spähte durchs Fenster. Im Bebe’s gab es einen
offenen Kamin. Das Feuer loderte im Bauch meines Spiegelbildes und
erinnerte mich an einen Werbespot für Tabletten gegen Sodbrennen.
Ich hängte mir Wedge über die Schulter, benutzte die Hände als
Scheuklappen und starrte auf den Billardtisch. Clint beugte sich im
Lichtkegel über den Filz und wollte eben einen Stoß anbringen, als
Onkel Thoby hereinkam und seine Kapuze absetzte. Clint richtete
sich auf und sagte etwas. Er lächelte, aber dann sah er Onkel
Thobys Gesicht und hörte auf zu lächeln. Er rief etwas und zeigte
auf Onkel Thoby.
Ich trat den Rückzug
an.
Ein Clint’s Cab stand
am Straßenrand.
Zimmer 205 sah
genauso aus wie Zimmer 203, nur dass der Teppich ein frisches
Staubsaugermuster hatte. Ich öffnete das Fenster. Es hatte
aufgehört zu regnen. Die Brautschleiergardinen bauschten sich im
Wind. Das E in PIETY auf der anderen Straßenseite
flackerte.
Ich machte den
Fernseher an und suchte das Programm, das Doreen eingeschaltet
hatte, aber es gab nur zwei Programme, beide ohne Dinosaurier.
Doreen hatte mehr Programme.
Es war kinderleicht
gewesen. Ich war hineingegangen. Hatte die Kapuze abgesetzt. Und
Hallo, Doreen gesagt. Doreen hatte sich in ihrem Ohrensessel
vorgebeugt. Ach, hallo, Schätzchen. Und sich wieder zurückgelehnt.
Ich dachte, ein Ohrensessel ist wie ein kleines Zimmer, dem eine
Wand fehlt. Im Fernseher sagte jemand: Die Dinosaurier lernten
fliegen, indem sie immer langsamer von den Bäumen
fielen.
Was ich, trotz meiner
Nervosität, bemerkenswert und wichtig fand. Also: abspeichern. Ich
fackelte nicht lange. Ich ging hinter den Tresen, stellte mich auf
die Zehenspitzen und schnappte mir den Schlüssel von Zimmer 205.
Ein Klacks.
Es ist wirklich nicht
schwer, im Civil Manor Gast zu werden.
Ob ich einen Plan hatte. Irgendwie schon. Ich
wollte warten, bis Onkel Thoby aus dem Bebe’s wiederkam, worauf
ich:
a. in den Gang hinausspringen und laut Aha! rufen wollte, wenn er die Tür aufmachte, oder
b. seinen Namen in den Heizungsschlitz sagen wollte, wenn er es sich gemütlich gemacht hatte, oder
c. einfach nebenan schlafen und in seiner Nähe bleiben wollte.
Bis dahin war ich
Hotelgast und wollte mich auch wie einer benehmen. Ich hängte
meinen Mantel auf und zog meine Turnschuhe aus. Ich ließ Wedge aus
der Tasche. Ich hüpfte auf dem Bett herum. Ich packte die Seife im
Badezimmer aus und probierte ein Stück. Ich trat ans Fenster und
schnupperte. Es duftete nicht mehr nach Kuchen.
Wedge kullerte
vorbei.
Hoppla, dieses Zimmer
kommt mir irgendwie bekannt vor.
Das könnte daran
liegen, dass es genauso aussieht wie das nebenan.
Ach.
Ich sah mich um. Ich
war noch nie allein gewesen, ganz allein, ohne dass jemand wusste,
wo ich war. Es war aufregend. Aber auch ein bisschen unheimlich.
Ich rief mir ins Gedächtnis, dass ich totipotent war. Totipotent
nannte mein Dad mich immer, wenn ich eine schlechte Note aus der
Schule mit nach Hause brachte. Es bedeutet: dass im Grunde alles
aus mir werden konnte, was zum Repertoire gehörte.
Repertoire.
Also. Zum Beispiel.
Meerjungfrau konnte ich nicht werden. Weil das nicht zum Repertoire
gehörte.
Gast im Civil Manor
hingegen gehörte offenbar zum Repertoire.
Ich stand eine Weile
am Fenster und wartete. Ich dachte, er würde jeden Moment kommen.
Bis auf den PIETY-Schriftzug war es jetzt dunkel. Wer den
PIETY-Schriftzug nicht kennt, weiß nicht, was pink ist. Ich glaube,
Piety hat dieses Pink erfunden. Und wenn der Himmel hinter dem
Schriftzug schwarz ist, und wenn die Sterne am Himmel stehen,
kriegt man plötzlich einen Bärenhunger. Vor allem auf
Kuchen.
Hunger,
Wedge.
Wedge wurde immer
nachtaktiver und war unters Bett gekullert. Ich legte mich auf den
Bauch und gab ihm einen Stups. Er kullerte wieder ins Freie. Er
hatte in seine Kugel gepinkelt und gekackt, deshalb ging ich mit
ihm ins Bad und ließ ihn in der Wanne (die dringend neu verfugt
werden musste) herumlaufen, während ich seine Kugel
saubermachte.
Nicht nur sauber,
sondern rein.
Ich hüpfte noch ein
wenig auf dem Bett herum, was ich zu Hause nicht durfte. Beim
Hüpfen behielt ich das Fenster im Auge. Ich stellte mir vor, wie
Onkel Thoby im Taxi vorfährt und meinen Kopf im Fenster auf und ab
hüpfen sieht. Das war ein komisches Bild.
Ich klammerte mich an
dieses Bild, während ich es langsam, aber sicher mit der Angst zu
tun bekam. Die Stuckdecke war hässlich. Onkel Thoby hatte gesagt,
Stuck sei zur Schalldämmung da. Die Stuckberge schluckten den
Schall.
Stuckberge, sagte ich
laut. Schluckberge.
Und mir fiel ein, was
die Stimme in Doreens Fernseher übers Fliegen gesagt hatte. Dass
man fliegt, indem man langsamer fällt,
und nicht etwa, indem man abhebt.
Ob Fliegen auch zu
meinem Repertoire gehörte.
Und so stellte ich
mich ans Fußende des Bettes in Zimmer 205 und ließ mich langsam
rückwärtsfallen. Immer wieder, immer langsamer, bis ich schließlich
liegen blieb. Wie ein vom Baum gefallener Dinosaurier. Ich hatte
seit zwölf Stunden keinen Kaffee mehr getrunken.
Wir treffen uns mit Toff zum Mittagessen in seinem
Hotel. Wo ist er denn abgestiegen, frage ich Onkel Thoby und binde
mir die Schuhe zu. Doch wohl nicht im Civil Manor.
Im
Fairfont.
Wo auch
sonst.
Ich sehe im
Briefkasten nach und finde eine Rückrufnotiz. Christmatech. Da hat
jemand angerufen, sage ich zu Onkel Thoby. Ein Typ, der seine
Lichterketten wiederhaben will.
Er nickt. Ich glaube,
der hat schon mal angerufen.
Es ist fünf nach halb
eins, und außer Onkel Thobys Handschuhen ist alles farblos. Sein
Gesicht ist weiß wie Schnee. Er quetscht sich auf den
Beifahrersitz. Zieht die Tür zu.
Keine Angst, das
Kratzen übernehme ich, rufe ich ihm zu.
Ich hole den Kratzer
aus dem Kofferraum und kratze dem LeBaron den Schlaf aus den
viereckigen Augen. Immer erst die Augen sauberkratzen. Heutzutage
haben Autos keine viereckigen Augen mehr, oder. Nein. Sie haben
Panoramaaugen, wie Embryos. Und Scheinwerfer, die automatisch
angehen, wenn es dunkel wird. Dabei macht es mir gar nichts aus,
die Scheinwerfer selber einzuschalten. Im Gegenteil. Ich kratze die
Stirn frei.
Tut mir leid, aber
das Kratzen habe ich ganz vergessen, sagt Onkel Thoby, als ich
einsteige. Ich war in Gedanken ganz woanders. Ich bin in Gedanken
ganz woanders.
Macht
nichts.
Der langarmige Mann
kratzt die Scheiben frei, trällert er leise vor sich hin. Was
übrigens die erste Zeile eines Liedes ist, das ich mir ausgedacht
habe, als ich noch klein war und zum Kratzen auf die Kühlerhaube
klettern musste.
Er sieht müde aus,
und das ist meine Schuld. Weil ich gestern Nacht am Küchentisch
einen unserer Feuermelder getestet habe, der plötzlich losging und
gar nicht mehr aufhören wollte, worauf Onkel Thoby aus dem Keller
gestürzt kam, während ich hektisch versuchte, die Batterie
herauszureißen.
Dachte ich’s mir
doch, sagte ich und hielt ihm die Neun-Volt-Batterie hin.
Defekt.
Was machst du denn
da. Es ist drei Uhr morgens.
’tschuldigung. Aber
der Feuermelder hat geblinkt.
Das tut er
immer.
Wirklich.
Ja. Kritisch wird es
erst, wenn er anfängt zu pfeifen.
Ach.
Oddly. Er setzte sich
mir gegenüber. Seine Piratenhaare standen in die Höhe.
Kann ich mir den
leihen.
Was. Den
Feuermelder.
Ja, hier unten gibt
es doch schon drei.
Warum …
Ich beugte mich über
den Tisch und drückte seine Haare platt. So ist’s besser. Ich
stellte die Neun-Volt-Batterie auf den Tisch. Die Königin der
Batterien. Weißt du, was ich in den Nachrichten gehört habe, fragte
ich. Und zwar in echt. Nicht in einer Montage.
Was denn. Er rieb
sich die Augen.
4A-Batterien. Es gibt
jetzt 4A-Batterien. Die sind noch kleiner als die Dreier. Ungefähr
so groß, zeigte ich mit Daumen und Zeigefinger. Total
süß.
Wenn ich dir
Gesellschaft leisten soll, brauchst du doch bloß meinen Namen in
den Heizungsschlitz zu rufen.
Die halten ewig.
Länger als Lithium.
Willst du denn nicht
in deinem alten Bett schlafen.
Ich dachte an mein
Zimmer mit den Pferden auf der Tagesdecke, dem kahlen Baum an der
Wand, den Charlie-Brown-Kissen. Der Tisch hier ist mein neues
Hauptquartier, sagte ich und gab ihm einen Klaps.
Ja, sagte er. Aber
warum.
Ich zuckte die
Achseln. Weil der Rest des Hauses wehtut.
Er nickte. Tja, sagte
er. Ich weiß.
Am Steuer bin ich tapfer. Die Straßen sind
weiße Tunnels. Ich singe »Die Ballade vom langarmigen Mann«:
Der langarmige Mann kratzt die Scheiben frei
weil er da besser rankommt als ich.
Er klebt die Blätter ganz oben dran
Beim Bäumchen-wechsle-dich!Die kaputte Batterie im Feuermelder
Wechselt der Langarmige auch immer aus
Aber dazu braucht er weder Stuhl noch Leiter
Sondern bloß seinen Arm auszustrecken.
Was ich total super
finde, sind die kleinen aus dem Schnee gegrabenen Nischen für die
Hydranten. Sie sehen so süß aus, wie sie da stehen und auf ein
Unglück warten. Ich finde es super, wie wir vorausdenken und
Unglücke verhindern. Dafür liebe ich uns Menschen.
Was noch. Zum
Beispiel das Schild NACHBARSCHAFTS-WACHE, wo jemand das Wort WACHE
mit gelbem Isolierband überklebt und VERTRAUEN darübergeschrieben
hat. So etwas finde ich ganz wunderbar.
Aus dem Handbuch der
Young Drivers of Canada: Dann und wann werden Sie etwas Wunderbares
am Straßenrand entdecken, sich davon magisch angezogen fühlen und
das Steuer versehentlich in die entsprechende Richtung
…
Ähm, macht Onkel
Thoby.
Tut mir leid. Ich
steuere gegen. Extravehikuläre Ablenkung.
Außer Schnee kann ich
eigentlich nicht allzu viel Extravehikuläres entdecken, sagt
er.
Schon, aber genau
darum lenkt mich alles, was nicht
Schnee ist, so sehr ab. Keine Angst. Ich habe alles im
Griff.
Außer Clint’s Cabs
sind keine anderen Autos unterwegs. Immer wenn uns eins
entgegenkommt, hupe ich Sturm. Keiner der Fahrer ist der echte
Clint.
Onkel Thobys Knie
wackeln. Statt zu zittern. Zittern hat eine höhere Frequenz als
Wackeln und lässt sich nicht so leicht abstellen. Insofern ist das
Wackeln vermutlich ein Fortschritt gegenüber unserer letzten
gemeinsamen Fahrt. Ich habe den Eindruck, dass er vor diesem
Treffen mit Toff noch mehr Angst hat als ich. Vielleicht wackelt er
aber auch bloß mit den Knien, weil wir einer Kollision mit dem
NACHBARSCHAFTSVERTRAUEN-Schild nur um Haaresbreite entgangen
sind.
Toff ist nicht der
Feind, sagt er nach einer Weile. Klar.
Ich
nicke.
Er mustert mich
scharf. Was will mir dieses Nicken sagen.
Dass Toff sehr wohl
der Feind ist.
Oddly.
Der Feind Nummer
Eins. Heißt Toff.
Der linke
Scheibenwischer ist an einem Stückchen Eis hängengeblieben. Ich
kurbele das Fenster herunter, um ihn zu befreien. Der
Scheibenwischer ist dünn wie ein Insektenbein.
Wenn Toff irgendetwas
tut oder sagt, gibst du mir ein Zeichen, und ich gehe mit ihm
raus.
Onkel Thoby macht ein
besorgtes Gesicht. Raus wohin.
Erst vor die Tür. Und
dann vor die Hunde.
Was soll denn das nun
wieder heißen.
Weiß ich auch nicht.
Aber wenn man es sich so vorstellt. Ist doch ein schönes
Bild.
Der schwächelnde
Scheibenwischer ist nach wie vor auf meine Hilfe angewiesen. Wir
halten an einer roten Ampel. Ich steige aus. Befreie den
Scheibenwischer. Bitte sehr. Steige wieder ein. Der Scheibenwischer
hat einen Platz in meinem Herzen. Eigentlich hat so ziemlich alles
einen Platz in meinem Herzen, außer Toff. So ist das, wenn man
Feinde hat. Und das ist auch gut so.
Als ich gestern nach
dem Abendessen aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass kein
einziges Haus am Wednesday Place mit Lichterketten geschmückt ist.
Onkel Thoby sagte, das sei ihm auch schon aufgefallen. Ich sagte:
Aber es hingen doch sonst überall Lichterketten, oder. Er sagte:
Ich weiß nicht genau, aber ich glaube ja. Vielleicht hat sie dieser
Kerl von Christmatech zurückgerufen.
Wohl kaum. Am
Wednesday Place hingen vielmehr deshalb keine Lichterketten mehr,
weil mein Dad tot war, pardon, ist. Und wegen der Umstände, unter
denen er sein Leben gelassen hat. Und dafür liebe ich unsere
Nachbarn. Ich liebe sie und rekrutiere sie hiermit für mein Heer im
Kampf gegen Toff, den Henker und Vollstrecker meines
Vaters.
Onkel Thoby sagt
immer, Angst sei ein Zeichen mangelnder Neugier. Mag sein. Aber
Angst ist auch ein Zeichen für mangelnden Schutz.
Es ist glatt und geht
bergab. Nicht bremsen. Federn lassen. Unten blockiert ein quer
stehender Streifenwagen die Fahrbahn. Eine Stromleitung ist
gerissen, und der Streifenwagen bewacht die Unglücksstelle mit
blitzendem Signallicht. Mir wird ganz warm ums Herz. Komm, wir
parken gleich hier, sage ich. Es ist nicht mehr weit.
Und so steigen wir
aus und stapfen durch den Schnee. Bei dem Streifenwagen angekommen,
frage ich die Polizisten, ob sie denn auch genug Kaffee hätten oder
vielleicht irgendetwas bräuchten, ich stände jederzeit zu ihrer
Verfügung.
Onkel Thoby sieht auf
die Uhr.
Danke, junge Frau.
Wir sind versorgt.
Ich danke
Ihnen.
Wir gehen weiter zum
Hotel. Die Straßen sind tief verschneit. Ich sage: Hast du den
Monitor am Armaturenbrett gesehen. Die haben ein Videospiel
gespielt.
Das war ein Stadtplan
von St. John’s, sagt Onkel Thoby.
Nein. Oder
doch.
Das Fairfont begrüßt
seine Besucher mit Schildern, deren extrem kursive Beschriftung zu
extrem kuriosen Verwechslungen führen kann. So gibt es auf dem
Hotelgelände beispielweise eine Sauna
oder Fauna und einen Frisiersalon, der
sich entweder Haarfein oder
Haarklein nennt. Alles ist
verschnörkelt und golden.
Onkel Thoby und ich
sitzen in der Lobby, pardon, dem Atrium. Es ist der reinste
Dschungel. Es gibt mehrere Terrassen. Zwischen denen sich ein
kleines Bächlein hindurchschlängelt. Von oben ergießt sich ein
Wasserfall, der aussieht wie Haare in einem Shampoo-Werbespot, in
ein Becken mit Unterwasserleuchten. Auf einem flachen Podest steht
ein Flügel.
Überragt wird das
Ganze von einem kastanienbraun geschmückten, gut sechs Meter hohen
Weihnachtsbaum.
Ich klopfe den Schnee
von meinen Stiefeln. Der Baum kann unmöglich echt sein, sage
ich.
Vielleicht ist er ja
nicht aus Kanada.
Wer macht denn so
was. Bäume importieren.
Onkel Thoby zuckt die
Achseln und putzt sich die Nase. Er trägt einen schwarzen Anzug und
ist unrasiert. Er sieht aus wie ein Chauffeur. Oder wie jemand, der
gerade seinen Bruder verloren hat. Sein Mantel liegt über der
Sessellehne. Die orangenen Handschuhe ragen wie Hahnenkämme aus den
Taschen.
Er verströmt die Aura
eines Menschen, der eben erst zur Tür hereingekommen ist. Worin
besteht diese Aura. Sagen wir, Sie ständen einer Reihe von Leuten
gegenüber, und einer von ihnen wäre gerade erst zur Tür
hereingekommen, während die anderen schon seit einer Stunde hier
herumstehen. Würden Sie denjenigen erkennen, der gerade erst
gekommen ist. Ja. Aber woran. An seinen rosigen Wangen. Den
feuchten Augen. Den zerzausten Haaren. Oder ist da noch etwas
anderes. Und wie lange dauert es, bis dieses andere wieder
verschwindet. Wann wird Onkel Thoby aussehen, als hätte er sich
akklimatisiert. Ich berühre meine Wange. Sie ist noch kalt. Wann
werden wir aussehen, als würden wir ins Fairfont
passen.
Ein Uhr, hat Toff
gesagt. Jetzt ist es drei Minuten vor. Mir graut vor ihm. Was auch
eine Art Angst ist. Was wiederum ein Zeichen ist für mangelnde
Neugier beziehungsweise mangelnden Schutz.
Aus welcher Richtung
er wohl kommt. Der Baum. Er kommt bestimmt hinter dem
geschmackvollen Baum hervor. Es gibt einen Punkt, an dem das
Geschmackvolle (sprich Kastanienbraun) geschmacklos wird. Wo ist
dieser Punkt. Der Baum hat ihn eindeutig
überschritten.
Ich lasse den Blick
über den Dschungel schweifen und halte nach jemand Interessantem
Ausschau. Nichts. Nichts. Nichts. Ich sehe zum Wasserfall hinauf.
He, habe ich da etwa einen Goldfisch den Wasserfall
hinunterspringen sehen!
Ich springe auf. Ich
muss mal eben dringend telefonieren.
Nicht weglaufen,
Oddly.
Halt mir den Platz
frei.
Eine Terrasse weiter
oben finde ich ein Münztelefon. Ich durchwühle meine Taschen. Finde
aber nur den Toonie vom Kurzzeitparklatz. Ob das wohl reicht. Nein.
Aber da ist ja der Brunnen. Mit lauter Münzen drin. Tausenden von
Münzen. Und nicht bloß Pennies. Vierteldollars. Und sogar eine
Eindollarmünze. Die Gäste im Fairfont haben teure Wünsche. Ich
kremple den Ärmel hoch und greife hinein. Das Wasser ist warm. Das
kommt wahrscheinlich von den Unterwasserleuchten. Winnie fände
diesen Brunnen bestimmt super. Halt durch, Win. Keine
Panik.
Ich sehe gar keine
Goldfische. Habe ich mir den Goldfisch etwa nur eingebildet. Ich
schnappe mir die Dollarmünze. Jemand mit dem verschnörkelten
Fairfont-Schriftzug auf der Brust kommt vorbei und
schimpft.
Das ist ein Notfall,
sage ich.
Ich gehe zum Telefon
zurück, werfe das ganze Geld auf einmal ein und wähle Lindas
Nummer. Es klingelt zweimal. Dreimal.
Rechts von mir ist
eine Bar namens Sans Serif. Darin sitzen zwei Air-Canada-Piloten in
Uniform an einem niedrigen Tisch und trinken aus hohen
Gläsern.
Das vierte
Klingeln.
Sie lachen. Der eine
gibt dem anderen einen Klaps aufs Schulterstück.
Lindas
Anrufbeantworter springt an.
Hallo Linda. Du bist
wahrscheinlich bei der Arbeit. Mir ist da gerade was eingefallen.
Eiweiß. Winnifred braucht Fischeiweiß. Gelegentlich. Seetang. Hatte
ich dir die Proteinmischung gegeben. Ja, doch, habe ich. Ich wollte
dich nur daran erinnern.
Eine Computerstimme
fährt dazwischen und sagt: Bitte zwei Dollar und fünfundsiebzig
Cent einwerfen.
Was.
Die verbleibende
Gesprächsdauer beträgt zehn Sekunden.
Zehn Sekunden. Der
Schildkröt lebt nicht vom Salat allein!, platze ich heraus. Aber
keinen Tunfisch. See-Aus.
Ich halte mir den
Hörer noch eine Weile ans Ohr. Als einer der Piloten in meine
Richtung schaut, winke ich ihm zu, aber er sieht mich
nicht.
Unten sitzt Toff
wölfisch auf meinem Platz. Sein Bart ist kürzer und spitzer, wie
ein Pik. Und er trägt einen lila Schal. Pardon, ein lila Halstuch.
Irgendeinen Seidenfetzen, den er sich in den Hemdkragen gestopft
hat. Onkel Thoby nickt. Neben meinem Sessel steht ein
Aktenkoffer.
Mein Dad nannte Leute
mit einem Hang zu extravaganter Garderobe Weihnachten auf Stelzen.
Und es tut mir leid, aber ein lila Halstuch ist extravagant. Es ist
Weihnachten auf Stelzen. Und damit mindestens genauso geschmacklos
wie der kastanienbraune Weihnachtsbaum. Zumal sein »bester Kumpel«
gerade gestorben ist.
Ich gehe langsam die
Treppe hinunter.
Toff breitet die Arme
aus. Ach, sagt er. Du liebe Güte. Er umarmt mich. Tritt mir auf den
Fuß. Es tut mir sehr leid.
Schon gut. Stiefel
mit Stahlkappen.
Das mit deinem Vater,
meine ich. Er starrt mich an und sagt: Du bist erwachsen
geworden.
Ja und
nein.
Onkel Thoby tut so,
als habe er einen steifen Nacken und lässt den Kopf kreisen, damit
er uns nicht ansehen muss. Es ist aber auch wirklich furchtbar
peinlich. Toffs Hände liegen immer noch auf meinen Schultern. Als
wollte er sich mein Gesicht fotografisch einprägen. Also lege auch
ich ihm die Hände auf die Schultern. Pitsch, patsch. Sie sind hoch
und knochig. Toffs Schultern.
Seine hellen Augen
blinzeln im Pitsch-patsch-Takt. Ich finde das irgendwie lustig. Und
beunruhigend, denn der Wolf hat Tränen in den Augen. Muss man ihn
nun fürchten oder bemitleiden. Ich weiß es nicht. Hör auf, ihn
anzustarren. Zieh dich zurück.
In ein Restaurant wie
dieses nimmt man keinen Aktenkoffer mit. Es ist champagnerfarben,
weihnachtlich und rappelvoll. Eine Harfenistin spielt. Wir traben
im Gänsemarsch, wie Kettensträflinge, zu unserem Tisch. Die
Harfenistin sitzt in der Ecke hinter Toff. Die Saiten verschwimmen
förmlich unter ihren Fingern. Faszinierend.
Ob es Toff nichts
ausmache, dass ihm eine Harpyie im Nacken sitzt.
Du meinst eine
Harfenistin.
Hab ich doch
gesagt.
Die Harfenistin
spielt »What Child Is This«, das zu jeder anderen Jahreszeit
schlicht »Greensleeves« hieße.
Onkel Thoby fragt
Toff nach seinem Zimmer – bist du zufrieden -, und Toff sagt Ja, es
erinnere ihn an eine Schiffskabine. Es habe ein Bullauge und einen
Balkon, und über dem Bett hänge ein Bild von Männern in einem
kenternden Boot.
Wie schön, sagt Onkel
Thoby und studiert die Weinkarte.
Ich nehme mein
Brotmesser, dessen Griff ein viktorianisches Figürchen mit
Schlittschuhen darstellt. Wenn man damit an der Tischkante
entlanggleitet, sieht es aus, als ob es auf einem zugefrorenen
Teich Schlittschuh laufen würde.
Die Bedienung kommt
an unseren Tisch und lächelt mich an. Da sind Sie nicht die Erste,
sagt sie. Das machen viele.
Ich lege das Messer
wieder hin.
Was kann ich Ihnen zu
trinken bringen.
Onkel Thoby bestellt
eine Flasche Hauswein. Toff zupft leicht verstört an seinem
Halstuch herum, sagt dann aber doch: Okay.
Für mich bitte
Kaffee.
Ich habe den Moment
verpasst, als Onkel Thobys Gesicht sich akklimatisiert hat. Da war
ich wahrscheinlich telefonieren. Es war wahrscheinlich der Moment,
als er Toff erblickte. Sein Gesicht wurde ganz blass und vergaß
darüber, wie kalt es draußen war. Ich lege die Hand an meine Wange.
Zimmerwarm.
Wie spitz sein Bart
ist.
Wenn er so dasitzt,
auf Brusthöhe abgeschnitten, sieht Toff aus wie ein Pik-Bube.
Besonders wenn er den Kopf ins Profil wendet, damit er die Harpyie
besser hören kann. Die jetzt »Away in a Manger« spielt, die
Version, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Ich wollte, sie
würde aufhören, so zu tun, als wären wir im Himmel.
Toff möchte mit mir
in Erinnerungen schwelgen. Und da unsere gemeinsamen Erinnerungen
nicht besonders zahlreich sind und es folglich nicht allzu viel zu
schwelgen gibt, reitet er natürlich auf der legendären Nacht herum,
in der ich von zu Hause ausriss und mir im Civil Manor heimlich ein
Zimmer nahm. Ganz allein. Und klitzeklein.
Ja, damals war ich
bestenfalls drei Käse hoch. Aber jetzt, Toff. Sitzt eine veritable
Königin vor dir. Na ja, wenn schon keine Königin, dann doch
wenigstens ein ausgewachsener Hofnarr.
Er ergeht sich in
grotesken Verrenkungen, während er die Qualen schildert, die sie
meinetwegen durchleiden mussten, die Telefonanrufe, die
Suchmannschaft.
Ich blicke zu Onkel
Thoby, der bei der Erinnerung ganz kleine, traurige Augen kriegt.
Okay. Genug. Ich werde das im Keim ersticken, bevor es sich zu
einer Epidemie auswächst. Können wir das nicht auf später
verschieben, Toff.
Er stutzt, sieht zu
Onkel Thoby, nickt und steckt die Nase in die
Speisekarte.
Ich frage, wie es
Großmutter geht. Nicht gut, sagt er. Dann weiß sie, dass das Komma
vorbei ist. Ja. Er habe sie heute Morgen angerufen.
Wäre das nicht eher
unsere Aufgabe gewesen, frage ich Onkel Thoby.
Onkel Thobys Nacken
scheint ihn von Neuem zu plagen.
Sie war darauf
vorbereitet, sagt Toff.
Ach ja. Wie
interessant. Hast du sie darauf vorbereitet.
Sie wusste von der
Krankheit deines Vaters, ja.
Krankheit kann man
das ja wohl kaum nennen. Wir haben schließlich alle eine Medulla
oblongata, die einen Knacks bekommen könnte.
Die Harpyie
überspielt das peinliche Schweigen. Na schön, weiter im Text. Dann
bist du also in Großmutters Auftrag hier.
So würde ich das
nicht sagen.
Aber du bist ihr
Anwalt.
Ich bin hier als
Freund und Testamentsvollstrecker deines Vaters.
Interessant. Dann
wusstest du also schon bei deiner Abreise aus England, dass es
etwas zu vollstrecken gibt.
Oddly, sagt Onkel
Thoby. Was soll denn das. Ich habe dir das doch alles ausführlich
erklärt.
Ach ja. Komisch, aber
daran kann ich mich gar nicht erinnern. Mal sehen, was Toff dazu zu
sagen hat.
Toff greift nach
seinem Aktenkoffer und sagt, mein Vater habe ihn beziehungsweise
seine Kanzlei vor einigen Jahren gebeten, ein Testament für ihn
aufzusetzen.
Darüber muss ich
lachen. Wenn auch nur ganz leise, nur für mich.
Was, sagt
er.
Ich bitte dich. Ich
stoße Onkel Thoby in die Seite. So etwas würde mein Dad niemals
tun. Niemals.
Anscheinend doch,
Oddly. Anscheinend doch.
Toffs Suppe kommt.
Und das angebliche Testament von meinem Dad liegt gleich neben dem
Teller – ich glaube, es ist Hummercreme. Toff redet in einer Tour.
Er blättert mit spitzen Fingern, während er mit der anderen Hand
die Suppe löffelt. Aktien. Anleihen. Ich höre nur mit halbem Ohr
hin. So etwas würde mein Dad niemals tun. Ich sehe zu Onkel Thoby.
Ich versuche, mich mit ihm per Blickkontakt gegen Toff zu
verbünden. Genau das brauche ich jetzt. Denn nur der Blickkontakt
wider den gemeinsamen Feind gibt uns die nötige Kraft. Wir müssen
übereinkommen, dass Toff der Teufel ist und uns einen Pakt andrehen
will, und darum müssen wir auf der Hut sein.
Aber Onkel Thoby
sitzt einfach da und lauscht andächtig.
Darf ich
mal.
Ich greife nach dem
Testament.
Toff fällt der Löffel
aus der Hand.
Ich schaffe das Testament außer Reichweite
und überf liege einen Absatz:
d) alles meiner Tochter Audrey Flowers zu übertragen und zu übereignen, sofern diese am zehnten Tag nach meinem Tode noch am Leben ist … Sofern sie noch am Leben ist!
Das ist eine
Standardklausel, sagt Toff.
Genau das meine ich.
Mein Dad hätte diese Standardklausel niemals hingenommen. Er hat
sein Leben lang dafür gekämpft, solche Klauseln nicht hinnehmen zu müssen.
Toff sieht Onkel
Thoby an.
Wir müssten noch das
eine oder andere ins Reine bringen, sagt Toff.
Onkel Thoby schüttelt
den Kopf. Jetzt nicht. Dann sagt er: Gib das Testament zurück,
Oddly.
Ich lese weiter. Mein
Dad würde so etwas niemals … Ich halte
abrupt inne. Die Harfenistin spielt »O Tannenbaum«. Als ob mich so
ein Baum je wieder hoch erfreuen könnte.
Ich springe
auf.
Oje, sagt Onkel
Thoby.
Manchmal nimmt Chuck mich mit zum Fenster und sagt:
Sieht der Willamette nicht einladend aus. Ich habe keine Ahnung,
was er mir damit sagen möchte. Vielleicht will er mir einen neuen
Namen verpassen. Wie die meisten Mieter. Früher oder später. Wenn
sie mich erst einmal näher kennen, haben sie plötzlich das Gefühl,
dass mein Name nicht zu mir passt. Draußen regnet es in
Strömen.
Jetzt hebt er mich
schon wieder hoch.
Sehe ich für ihn eher
nach Willamette aus als nach Winnifred. Wer weiß. Aus der Nähe
betrachtet sind seine Wangen vom Rasieren stark gerötet. Heute
Morgen hat er sich rasiert, weil Linda gestern Abend sagte, er sehe
aus wie ein gemeiner Strolch. Bart oder nicht Bart, das ist hier
die Frage, deklamierte er, worauf sie sagte: Ob’s edler im Gesicht,
die spitzen Stoppeln zu erdulden. Ich finde nicht. Darum hat er ihn
heute Morgen abrasiert, und ich hörte, wie er vor dem Spiegel über
den Verlust eines Herzogtums sinnierte.
Wir stehen zusammen
am Fenster. In der einen Hand hält er mich, in der anderen
Im Bett mit Macbeth. Er schaut in das
Buch, dann schließt er die Augen und sagt, er wolle seinen Stab
brechen und begraben und danach sein Buch ertränken. Der Stab bin
dann wohl ich.
Er verhaspelt sich.
Lässt die Schultern hängen. Ich sinke auf Hüfthöhe.
Ich geh nach draußen,
eine rauchen, sagt er.
Er legt Im Bett mit Macbeth aufgeklappt auf den Couchtisch
und stellt mich darauf ab. Bin ich etwa schon so weit gesunken,
dass ich mich jetzt als schnödes Lesezeichen missbrauchen lassen
muss. Shakespeare hin oder her.
Obwohl Chuck in der
Wohnung nicht rauchen darf, fragte er Linda gestern Abend, als er
sich seine Zigaretten schnappte und zufällig mitbekam, wie ich den
Kopf aus dem Fenster meines Schlosses streckte, warum er es nicht
einfach wie die Scheißschildkröte halten und den Kopf zum Rauchen
aus dem Fenster strecken könne.
Seit wann rauche ich,
fragte ich mich.
Linda sagte: Wir
wollen doch den Nachbarn keinen Schreck einjagen.
Chuck zieht seinen
langen Mantel über seine Boxershorts und geht nach draußen, eine
rauchen, während ich Lesezeichen spiele. Da klingelt das
Telefon.
Das Telefon klingelt,
und niemand nimmt ab. Ich zähle die Klingelzeichen. Vier. Dann
springt der Anrufbeantworter an, und sie ist es.
Ich hebe den
Kopf.
Sie ist es, und sie
hinterlässt eine Nachricht, und ich kann sogar ihre Stimme hören,
weil Linda und Chuck keine geheime Voicemail haben, die im Telefon
bleibt, sondern eine echte Voicemail, die ihre Stimme ins Zimmer
überträgt. Das zufällig das Zimmer ist, in dem ich mich
befinde.
Hallo Linda. Du bist
wahrscheinlich bei der Arbeit.
Sie ist es wirklich.
Sie sagt meinen Namen. Sie sagt etwas Fischiges. Dann fällt das
Wort Seetang. Ihre Stimme wird ganz
fischig, wenn sie Seetang sagt. Sie
fängt an zu zittern.
Dann: Der Schildkröt
lebt nicht vom Salat allein!
Was du nicht sagst.
Komm zurück.
See. Und dann nichts
mehr.
Shakespeares Verse
verschwimmen unter meinen Füßen.
Sie klang eigentlich
wie immer, nur anders. Kommt sie mir vielleicht nur deshalb anders
vor, weil ich mich inzwischen so sehr an Chucks
Shakespeare-Englisch gewöhnt habe, dass er allmählich zum neuen
Mieter zu werden droht. Gott behüte. Wehe mir.
Mich dünkt, ich
brauche einen Plan. Ich muss nach Kanada. Ich könnte zu Fuß gehen.
Ich habe das Land schon mal zu Fuß durchquert. Zumindest teilweise.
Warum sollte mir das nicht ein zweites Mal gelingen. Vielleicht
finde ich ja auch ein Armaturenbrett, dass mich gen Osten
trägt.
Ich blicke zur
Tür.
Nachdem sie eine Zeit
lang die Wände hochgegangen war, unternahmen wir spontane »Ausf
lüge«, die uns in erster Linie an Orte führten, wo Andrey Berge
vermutete. Und damit Cliff. Zuerst klapperten wir Oregon ab. Wir
fuhren in die Wüste. Was es in Oregon nicht alles gibt. Wir machten
in einem Städtchen namens Bend Station und wohnten in einem Motel
mit dem schönen Namen Swerve Right Inn. Das Swerve wurde gerade
renoviert, deshalb bekam sie einen Preisnachlass, musste dafür
allerdings einen Teil des Badezimmers kacheln. Aus unserem Zimmer
blickte man auf drei Berge namens The Three Sisters. Während sie
kachelte, bewunderte ich die Aussicht und fragte mich, ob Cliff
womöglich gerade dabei war, eine der drei Schwestern zu besteigen.
Tags darauf fuhren wir durch ein Gewitter in die Berge, aber kein
Cliff weit und breit. Ich fuhr auf dem Armaturenbrett, und sie
sagte: Wenn am Horizont ein Blitz einschlägt, sieht es aus, als
würde er in deinen Panzer fahren.
War das nicht ein
Mordsspaß, sagte sie, als wir nach Hause kamen.
Dann fuhren wir ans
Meer. Es ging die ganze Zeit bergab. Wir überholten Radfahrer, die
nicht ein einziges Mal in die Pedale treten mussten. Wir kamen an
einen Strand voller Hunde. Sie verliebte sich in einen Basset und
überlegte, ob sie sich einen Hund anschaffen sollte. Etwas mit
langen Ohren, die im Winde flattern.
Zugegeben, damit kann
ich nicht aufwarten.
Ein Bassetwelpe,
sagte sie.
Sie war
offensichtlich nicht ganz dicht. Ein Welpe würde mir die Beine
abbeißen und meinen Pool leersaufen.
Am Strand gab es
Klippen mit Tunnels, die zu anderen Stränden führten. Aber es gab
auch Schilder mit der Aufschrift WISSEN SIE, WANN DIE FLUT KOMMT.
Wir hatten keine Ahnung. Sie schlug sich den Welpen aus dem
Kopf.
In Krisenzeiten geht
man vielleicht die Wände hoch oder dreht sich im Kreis, aber nach
und nach werden die Kreise immer größer, bis man erst seine vier
Wände und dann auch die Staatsgrenze hinter sich gelassen hat. Und
so landeten wir schließlich in Kalifornien. Nevada. New Mexico.
Arizona. Wir arbeiteten uns langsam nach Osten vor – zogen immer
weitere Kreise in der Hoffnung, Cliff zu finden -, bis wir eines
Tages vielleicht auch den Kontinent hinter uns lassen
würden.
Aber daraus wurde
nichts. Stattdessen setzte sie sich ab. Setzte an zu einem Sprung
über den Kontinent, mit Überschildkrötengeschwindigkeit. Und jetzt
ist sie in einer anderen Zeitzone und braucht Seetang. Und
Hilfe.
Ich hocke immer noch
auf Im Bett mit Macbeth, wende den Kopf
und denke: He, ich sitze ja gar nicht in meinem Schloss. Und mir
wird klar, dass das der erste Schritt ist. Schritt eins: Komm raus
aus deinem Schloss. Schritt zwei: Erweitere deine Kreise. Und
deinen Horizont. Schritt drei: Such dir ein Armaturenbrett, dass
dich gen Osten trägt.
Als Linda nach Hause
kommt, hört sie Audreys Nachricht ab und lässt mich dabei keine
Sekunde aus den Augen. Bei dem Wort Seetang stecke ich den Kopf unter
Wasser.
Ich glaube, wir haben
keinen Seetang mehr, höre ich Chuck sagen, als ich Luft
hole.
Mein Gott, sagt
Linda. Hörst du das.
Was.
Ihre Stimme klingt so
komisch.
Ich klettere aus
meinem Pool und mache mich zur Trauerecke meines Schlosses auf. Das
ist die Ecke, die von der Heizung am weitesten entfernt
liegt.
Und ob wir Seetang
haben, sagt Linda. Sie hat uns extra welchen
dagelassen.
Wo.
Sie öffnet den
Kühlschrank. Da.
Du liebe Zeit,
das ist Seetang, sagt
Chuck.
So eine Art
Seetangpaste, ja.
Ich dachte, es wär
Hummus.
Äh, nö.
Ach du Scheiße. Und
Chuck spuckt in die Spüle und gibt übertriebene Würgelaute von
sich, die ich nachgerade als Beleidigung empfinde.
Du Hornochse, sagt
Linda.
Ich muss doch sehr
bitten.
Sie liest das Etikett
und sagt: Frag mich lieber nicht.
Ich würde ohnehin ein
Blatt Salat vorziehen. Saftiger Eisbergsalat. Knackig und frisch.
Davon allein könnt’ ich glatt leben.
In dem von meiner Wenigkeit verfassten Nachruf heißt
der Verstorbene Water Flowers.
Blumen gießen. Ziemlich witzig, wenn
Sie mich fragen. Onkel Thoby fand es auch sehr witzig. Heute Morgen
vor der Beerdigung haben wir so sehr gelacht, dass wir uns an der
Küchenanrichte festhalten mussten, was ein sicheres Zeichen für
Fastkaputtgelächter ist. Regel Nummer Eins des
Fastkaputtgelächters: Müssen Sie sich irgendwo festhalten. Zum
Beispiel an der Anrichte oder der Schulter eines lieben und
geliebten Menschen. Müssen Sie Ihr Getränk abstellen. Kommen Ihnen
die Tränen. Dann lachen Sie sich fast kaputt. Oder heulen sich die
Augen aus.
Wir lachten uns fast
kaputt, bis Toff aufkreuzte, mit seiner eigenen Zeitung unter dem
Arm, die er auf seine ganz eigene Art zu falten pflegt, und sagte:
So etwas tut man nicht. So etwas tut man einfach nicht. Sein
Gesicht war genauso lila wie sein Halstuch. Klatsch, landete die
Zeitung auf der Anrichte.
Was tut man nicht,
fragte ich.
Sich über den Namen
eines Menschen lustig machen.
Beruhige dich, sagte
Onkel Thoby.
Tut man doch, sagte
ich.
Was.
Sich lustig
machen.
Oddly.
So kommt es auch auf
den Grabstein, sagte ich, wobei sich meine Stimme in ungeahnte
Höhen schraubte. Ob’s dir passt oder nicht.
Onkel Thoby trat
zwischen uns und sagte: Sie macht nur Spaß. Es war ein Druckfehler.
Aber einer, der Walter bestimmt gefallen hätte.
Er hätte ihm bestimmt
nicht gefallen, meinte Toff.
Worauf ich zwischen
Toff und Onkel Thoby trat und sagte: Ich glaube, wir wissen besser, was meinem Dad gefallen hätte,
als du, Mr. Vollstrecker.
Toff schwieg einen
Moment. Er nahm die Zeitung. »Alles andere als friedlich«, zitierte
er. Musste das unbedingt sein.
Ja.
Kollision. Herrgott,
hättest du nicht einfach Unfall schreiben können. Oder, noch
besser, überhaupt nichts. Und warum erwähnst du die Medulla
oblongata.
Warum
nicht.
Okay, aber warum
schreibst du beide Wörter groß.
Regel Nummer Eins der
Großschreibung, sagte ich. Wenn etwas eine große Rolle spielt,
schreibe es in Großbuchstaben. Vielleicht kannst du es irgendwann
noch mal als Akronym gebrauchen.
Toff starrte mich
verständnislos an. Dann fuhr er fort: Das liest sich, als wäre er –
als wäre Walter weiter nichts als ein Gehirn auf dem
Gehsteig.
Über dieses Bild
musste ich lachen. Ich knuffte Onkel Thoby in die Seite. Aber er
lachte nicht mit. Warum lachst du nicht mit, fragte
ich.
Ich habe einen
Trauerflor um Wedges Rad gebunden, damit er heute nicht laufen
kann. Er sieht ganz elend aus, wie er so mit dem Rücken zum Zimmer
in einer Ecke seines Terrariums sitzt. Es ist komisch, aber er
scheint die Leute magisch anzuziehen. Als ob sie Wedge die letzte
Ehre erweisen müssten und nicht meinem Dad.
Das Haus ächzt unter
dem Gewicht von Leuten, die ich nicht kenne. Kollegen, Studenten.
Selbstverständlich sind auch einige darunter, die ich kenne. Alle
stehen in Grüppchen beieinander. Clint hat eine eigene Insel von
Leuten. Ebenso Byrne Doyle. Doch sie werden zusammen nicht kommen.
Außer in unserem Vorgarten, natürlich, wo ein Clint-Plakat und ein
Byrne-Doyle-Plakat Schulter an Schulter stehen. Onkel Thoby hat sie
aufgestellt.
Irgendwie habe ich
Onkel Thoby aus den Augen verloren. In unserem eigenen Haus. Und wo
steckt eigentlich Toff.
Es wird viel über die
Wahl geredet. In der Schlange vor Wedges Terrarium sagt jemand: Der
arme Byrne Doyle. Wenn man den Umfragen glauben darf, werden die
Wähler ihn am langen Arm verhungern lassen.
Auf Umfragen ist kein
Verlass.
Ja, vor dem Kaminsims
hat sich eine regelrechte Schlange gebildet.
Jemand berührt mich
am Arm.
Patience steht nicht
in der Schlange. Sie hat für Mäuse generell nicht sehr viel übrig.
Obwohl sie selbst ein wenig wie eine Maus aussieht. Sie ist klein,
mit weißen Haaren und runden, schwarzen Augen. Sie drückt mir eine
kleine Schachtel in die Hand.
Was ist
das.
Ich habe es
selbstgemacht.
In der Schachtel
liegt ein Stück Seife, in das sie die Worte WALTER FLOWERS IST TOT
graviert hat.
Oh.
Das ist eine
Trauerseife, sagt sie. Du wäschst dich damit, und nach einer Weile
wird mit den Worten auch deine Trauer verschwinden.
Ich atme langsam aus.
Das ist doch Blödsinn, Patience.
Sie tätschelt mir den
Arm. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Patience ist die
Sekretärin von meinem Dad, und das schon, seit ich denken kann. Sie
ist mit ihm von Fachbereich zu Fachbereich gezogen, von der
Psychologie zur Biologie, von der Biologie zur Neurowissenschaft,
von der Neurowissenschaft zu Biogerontologie. Ich glaube, das ist
die richtige Reihenfolge. Die Biogerontologie kommt auf jeden Fall
zum Schluss. Der gesamte Fachbereich bestand aus einer einzigen
Person. Nämlich meinem Dad. Der die Universitätsleitung allen
Ernstes davon überzeugen konnte, dass er eine eigene
Vollzeitsekretärin brauchte.
Manchmal, wenn mein
Dad unterrichtete, durfte ich die Füße auf seinen Schreibtisch
legen und Sprechstunde halten. Es kam nie jemand. Außer Patience.
Sie setzte sich auf den Studentenstuhl und fragte mich, weshalb sie
bei der letzten Klausur so schlecht abgeschnitten
habe.
Tja, Patience. Sie
sind eben totipotent.
Was soll das
heißen.
Dass im Prinzip alles
Mögliche aus Ihnen werden kann, nur keine
Meerjungfrau.
Aha.
Geben Sie sich beim
nächsten Mal etwas mehr Mühe.
Dafür liebte ich sie.
Und dafür, dass sie meinen Dad mit anderen Augen sah. Dass er für
sie etwas Jungenhaftes hatte. Der gute Walter, albern, aber
liebenswert. Der nur Unfug trieb in seinem komischen Labor. Mit
seinen langlebigen Mäusen. Letzten Endes konnte man gar nicht
anders, als sich ein klein bisschen in ihn zu verlieben. Genau das
tat Patience denn auch. Und sie zeigte ihm diese Liebe, indem sie
ihn nicht allzu ernst nahm und ihn wie ein Rottweiler bewachte. Sie
schlug sich stets auf seine Seite und ergriff für ihn Partei. Dass
es weder Seiten noch Parteien gab, störte sie nicht im Geringsten.
Sie unterstützte ihn in seinem Kampf gegen die Psychologen (die
keine Seele hatten), gegen die Biologen (die kein Rückgrat hatten),
gegen die Neurowissenschaftler (die kein Herz hatten). Mein Dad tue
recht daran, ihnen den Rücken zu kehren. Er tue recht daran, sich
sein eigenes kleines Nest zu bauen.
Mein eigenes Nest,
sagte mein Dad. Soso.
Wenn du es baust,
werden sie kommen, sagte sie.
Wer, fragte mein Dad,
der die Anspielung nicht verstanden hatte. Und wollen wir sie
überhaupt haben.
Sie drohte mit dem
Finger.
Sie sagte oft, mein
Dad habe das Herz am rechten Fleck. Aber letzten Endes – und auch
das sagte sie oft und gern -, letzten Endes sei er
harmlos.
Was sie offenbar für
einen Vorzug hielt.
Weshalb ich mich
letzten Endes bei der Frage ertappte: Wie harmlos ist Patience
eigentlich.
Einmal schenkte sie
meinem Dad ein pinkfarbenes Duracell-Häschen zu Weihnachten, nur
dass es statt einer Trommel ein Schild mit der Aufschrift
METHUSALEM-HASE in Händen hielt. Ziemlich witzig.
Nicht.
Ich habe keine
Ahnung, weil ich es nämlich nicht verstand. Wir kaufen immer
Energizer, sagte ich. Andere Batterien kommen uns nicht ins
Haus.
Aber mein Dad fand
das Häschen witzig. Sagte er jedenfalls. Und gab ihm einen
Ehrenplatz auf seinem Schreibtisch. Man sah es sofort, wenn man in
sein Büro kam.
Mir jedoch war das
Häschen nicht geheuer. Und manchmal, wenn ich die Füße auf den
Schreibtisch legte, gab ich ihm einen Tritt. Wenn auch keinen allzu
festen. Denn wie gesagt, ich liebte Patience, aber mein Dad war
doch kein Wunschtraumtänzer oder wie das heißt. Er war doch kein
Häschen, das auf ein blödes Schild eintrommelt.
Und manchmal, wenn
ich mit meinem albernen, liebenswerten, harmlosen Dad nach Hause
ging, war ich ganz geknickt. Seinetwegen. Dann bat ich ihn, mich
aufzurichten. Hochzuheben. Huckepack zu nehmen. Und mir zu
verzeihen. Weil sein Gehirn Lichtjahre tief war und Patience das
nicht begriff. Weil er uns ewiges Leben
schenken würde, Patience. Und nicht irgendeine blöde
Batterie.