
Teil drei
DAS FLUGZEUG IM KELLER
Chuck hält mich in seiner ausgestreckten Hand und
sagt: Ach, armer Yorick!
Dabei zieht er eine
so übertriebene Grimasse, dass ich kaum hinsehen kann. Ein Bursch
von unendlichem Humor. Et cetera. Und so roch? Pah!
Es liegt ein gewisse
Ironie in der Tatsache, dass ich einen Schädel spielen muss, obwohl
ich Chuck vermutlich um mindestens ein Jahrhundert überleben werde.
Es sei denn natürlich, er macht seine Drohung wahr und wirft mich
in den Willamette.
Es klopft an der Tür.
Er setzt mich ab.
Vielleicht ist es
Julius von UPS mit einem neuen Geschenk. Ein Feuerlöscher. Eine
Straßenkarte inklusive Wegbeschreibung nach Kanada. Etwas, das mir
sagt, dass sie mich nicht vergessen hat. Dass sie an mich denkt.
Dass ich nicht völlig von der Bildfläche verschwunden
bin.
Aber es ist nicht
Julius. Es sind Chucks Schauspielerfreunde. Die Strolche kommen zur
Probe.
Diesen Sommer führen
die offiziellen Freiluft-Shakespeare-Mimen drei Antonio-Stücke auf:
Der Kaufmann von Venedig, Der Sturm und
noch eins, dessen Titel mir entfallen ist. Chuck will am anderen
Ende des Parks Hamlet auf die Bühne
bringen. In dem kein Antonio vorkommt. Er wirbt sogar damit.
Hamlet: Garantiert
Antonio-frei!
Ich mache mich zu
meinem Pool auf. Eins ist mir inzwischen klar. Wenn mein
Brustpanzer nass ist, brauche ich nicht als Lesezeichen Dienst zu
tun. Denn Chuck käme nie im Leben auf die Idee, mich abzutrocknen. Und heute kann Shakespeare mir, mit
Verlaub, den Buckel runterrutschen.
Operation
abgebrochen. Unterwegs liest Lucius, der einen besonders
pestilenzialen Gestank verströmt, mich auf.
Ich ziehe den Kopf
ein. Und so roch? Pah!
Er nennt mich
W-W-Wanda und tut, als wollte er mich fressen. Was die anderen
offenbar irre komisch finden. Sie klatschen sich buchstäblich auf
die Schenkel. Dann kommen sie zur Sache. Lucius hat für die Heart
and Stroke Foundation Geld gesammelt. Dabei hat er mit der Heart
and Stroke Foundation nicht das Geringste zu tun. Bislang hat er
vierhundert Dollar beisammen. Renard und Dicks
Discount-Dachdeckerei (»Bei jedem Wetter«) floriert. Sie haben sich
auf Flachdächer spezialisiert, wo man sie von der Straße aus nicht
sehen kann.
Früher, in der guten
alten Zeit, gehörten sie zu einer Wandertruppe, die Parks in
Oregon, Kalifornien und Nevada bespielte. In letzter Zeit jedoch
meucheln sie den Schwan von Stratford aufgrund chronischen
Geldmangels nur noch im Umkreis von Oregon City und kommen über
Bend und Boring nicht hinaus. Aber es blinkt ein Silberstreif am
Horizont, und an diesem regnerischen Winterabend ist die Rede
davon, ob man in der nächsten Saison nicht in die
Shakespeare-Hochburg Ashland fahren solle, wo die Stücke den ganzen
Sommer über laufen wie geschmiert, und das beileibe nicht nur im
Park. In Ashland boomt das Shakespeare-Business: An jeder Ecke gibt es ein Theater und
Läden, in denen man Stiefel und Stulphandschuhe kaufen
kann.
Chuck meint, in
Ashland würde er sich eventuell sogar dazu hinreißen lassen, einen
Antonio zu spielen. Ein Antonio in Ashland sei schließlich allemal
so gut wie ein Hamlet in Boring, wenn nicht besser.
Ich gleite in meinen
Pool. Lese das Rezept auf dem Grund, obwohl ich es auswendig kenne.
Ich liebe das Wort verquirlen.
Verquirlen, flüstere ich manchmal, wenn ich ins Wasser gleite.
Verquirlen Sie das Eigelb.
Einmal fuhren wir
durch Ashland. Ich erinnere mich an Männer in schimmernder Rüstung.
Funkelnde Waffen. Kettenhemden. Wir hielten an einer Tankstelle, wo
ein Mann sich einen Fechtkampf mit einer Tanksäule
lieferte.
Ich beobachtete ihn
durch die insektenverschmierte Windschutzscheibe.
Wie findest du seinen
Degen, fragte Audrey, als sie wieder in den Wagen
stieg.
Ich ließ ein
Salatblatt fallen.
Vergiss
es.
Und weiter ging es
Richtung Süden. Sie hatte das Zelt eingepackt. Transportables
Zimmer, komm, hatte sie gesagt, womit sie entweder mich meinte oder
das Zelt, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wir belasteten Cliffs
Kreditkarte. Kreditkartenkäufe sind wie Brotkrümel. Man hinterlässt
eine Spur. Aber wenn mich damals jemand gefragt hätte, ob diese
Strategie wohl aufgehen würde und unser maßloses Anhäufen von
Stiefeln und Stulphandschuhen, Meilen und Motels geeignet sei,
Cliff anzuziehen wie ein Magnet, dann hätte ich gesagt: Nie und
nimmer.
Ich fuhr auf dem
Armaturenbrett durchs Shakespeare-Land. Von dem Stress, den Cliffs
Verschwinden ihr verursachte, hatte sie ein Gerstenkorn am Auge.
Sie war mit Sommersprossen förmlich übersät. Wir überquerten die
Grenze nach Kalifornien, und das Radio rüttelte meinen Brustpanzer
gehörig durch. Wir sahen Windräder. Hunderte, ja Tausende von
Windrädern. Es war später Nachmittag, und Audrey sagte: Ich sehe
gar keine Berge.
Nein. Nur wogende
Hügel.
Ich finde, wir
sollten uns ein Motelzimmer gönnen.
Gut. Ja.
Wir hielten vor dem
Inn Stead, einem billigen, zweistöckigen Motel mit Pool. Unser
Zimmer lag im ersten Stock. Sie klemmte mich unter ihre Achsel und
trug mich nach oben. Im Zimmer war es kühl und dunkel, und der
Spalt unter der Tür war so groß, dass selbst eine Schildkröte
mühelos hätte hindurchkriechen können. Sie ließ ihre Tasche fallen
und sagte: Komm, Win.
Der Pool lag als
hellblaues Rechteck im Abendlicht. Sie setzte mich an den
Beckenrand und zog sich bis auf die Unterwäsche aus. Ich sah mich
um. Wir waren allein. Sie sprang hinein. Platsch.
Sie schwamm wie ein
Fisch. Tauchte neben mir auf. Krallte sich mit den Fingern am
Beckenrand fest. Grinste. Weil sie in
einem Pool war. Ha. Ich begriff. Sie ahmte mich nach. Ich sah ihr in die Augen. Nasse Wimpern.
Ob das Chlor ihrem Gerstenkorn wohl schadete. Die Windräder drehten
sich wie Flugzeugpropeller in der Ferne.
Wo fahren wir
hin.
Sie tauchte
unter.
Zwei Tage später
übernachteten wir auf einem Campingplatz bei Las Vegas. Sie grillte
Kartoffeln aus Idaho. Ich fraß Eisbergsalat aus einem Supermarkt
namens Skagway. Das Feuer prasselte. Die Sonne ging unter. Las
Vegas erhob sich strahlend aus der Wüste.
Die Familie im
Nebenzelt hatte vier Kinder. Das Kleinste lief ohne Hose umher und
hieß Wackelwürmchen. Sie erklärte Wackelwürmchen, ich sei eine
Schnappschildkröte, und er blieb auf Distanz. Ich durfte mich frei
auf dem Campingplatz bewegen. Ich fraß einen Käfer, der hilflos
strampelnd auf dem Rücken lag. Danach hatte ich ein schlechtes
Gewissen, weil es auch einer Schildkröte so ergehen kann. Auch wir
sind nicht immer standfest.
Das Zeltdach hatte
einen Reißverschluss. Wenn man ihn aufzog, konnte man durch ein
Moskitonetz den Sternenhimmel sehen. Guck mal, Win.
Wir durften nicht
traurig sein. Wir durften nicht an Cliff denken.
Der Himmel war mir
durchaus nicht unbekannt. Hundert Jahre zuvor hatte ich die Wüste
durchquert, lange bevor ich ich zu einem bloßen Gegenstand
verkümmerte, zu dem Menschen nicht Nein sagen können. Ich hatte
unzählige Sterne gesehen. Der Nachthimmel sieht so ähnlich aus wie
das Innere meines Panzers. Aber das wusste Audrey natürlich
nicht.
Wir kamen nach New
Mexico. Guck mal, Win. Der Rio Grande. Ich sah Leute, die mit
langen Stöcken wanderten, wie Pilger. Ich sah Friedhöfe am Fuße
roter Felsen. Wir überquerten einen Pass und kamen in einen Ort
namens Angel Fire. Nur eine Straße führte nach Angel Fire.
Einwohnerzahl: 1000. Warum wir nach Angel Fire fuhren. Weil Cliff
es einmal beiläufig erwähnt hatte. Und es dort einen Skihügel
gab.
Wir zuckelten mit
dreißig Meilen in der Stunde hinter einem Schulbus her. Sie
überholte ihn in dem Moment, als er sein Stoppschild ausklappte.
Dreimal dürfen Sie raten, wer hinter uns war. Der einzige Polizist
in Angel Fire. Der dem Schulbus täglich hinterherfuhr, weil er
nichts Besseres zu tun hatte. Er winkte uns rechts ran. Er sagte:
Was Sie da gerade getan haben. Und sah kopfschüttelnd in die Ferne,
als fehlten ihm die Worte.
Sie sagte, sie sei
eine exzellente Autofahrerin. Sie habe noch nie eine Kollision
gehabt. Sie hätte die kleinen Turnschuhe unter dem Bus bestimmt
gesehen.
Sie hätten unsere
Einwohnerzahl ohne weiteres auf 999 reduzieren können.
So etwas würde ich
nie tun. Ich würde nie zur Reduzierung der Einwohnerzahl
beitragen.
Trotzdem, sagte er.
Das Bußgeld war astronomisch.
Als der Polizist
endlich weg war, sagte sie: Jetzt muss ich mich erst mal
setzen.
Aber du sitzt doch
schon.
Sie stieg aus und
setzte sich auf den Standstreifen. Ich wartete auf dem
Armaturenbrett. Als sie zurückkam, sagte sie: Ich hätte die kleinen
Turnschuhe unter dem Bus vielleicht doch nicht gesehen. Ich war
viel zu sehr damit beschäftigt, den schneelosen Skihügel
anzustarren.
Der Grand Canyon war
ein Hologramm. Wir schlugen oben unser Zelt auf. Es war kalt. Ein
scharfer Wind. Ich finde, wir sollten hinuntersteigen, sagte sie
und meinte: in den Canyon. Aber das ließen wir erst einmal bleiben.
Stattdessen setzten wir uns an den Rand und ließen die Beine
baumeln. Der Canyon sah irgendwie unecht aus. Dann gingen wir zum
Zelt zurück und machten Wasser heiß. Ramen-Nudeln. Welker
Salat.
Wie ihr Plan aussah.
Ich glaube nicht, dass sie einen hatte. Ich glaube, sie fuhr bloß
ziellos in der Gegend und im Kreis herum, in der vagen Hoffnung,
dass Cliff irgendwann unseren Weg kreuzen und zu uns stoßen würde.
Oder umgekehrt.
Ich will mal so
sagen: Die erste Trennung hält nie. Früher lebte ich in Texas, in
einem seichten Fluss. Der Fluss war ein beliebtes Ausf lugsziel für
Liebespärchen. Die Pärchen, die tagsüber kamen, trennten sich. Die
Pärchen, die abends kamen, versöhnten sich. Meistens waren es
dieselben Pärchen. Ich habe unzählige Male mit ansehen müssen, wie
zwei Idioten sich in die Arme liefen, die Frau von links, der Mann
von rechts. Oder umgekehrt. Und bisweilen, wenn sie an
gegenüberliegenden Ufern standen, benutzen sie die Schildkröten
(von denen manche so groß waren wie Teller) als Trittsteine. Wir
nahmen es ihnen nicht übel.
Nein, ich habe nicht
annähernd die Ausmaße eines Tellers. Ich bin etwa so groß wie ein
handelsüblicher Feuermelder. Wenn Sie mich auf Ihre Handfläche
setzen, baumeln meine Beine über die Kante. Es sei denn, Sie sind
Cliff. Der Mann hat Hände wie ein Orang-Utan. Dann baumeln meine
Beine nicht.
Wenn man vom Affen
spricht, kommt er.
Noch hat Audrey ihn
nicht gesehen. Sie rührt in ihren Ramen-Nudeln. Komisch, dass sie
ihn nicht gehört hat. Der ganze Campingplatz macht Stielaugen und
glotzt. Kein Wunder, sitzt er doch auf einer knatternden Harley mit
flammrotem Tank. Angel Fire. Engelsfeuer. Das ist die Farbe. Ohne Helm. In
Arizona gibt es keine Helmpflicht. Wallendes blondes Haar.
Sonnenverbrannte Nase. Monsterhände.
Audrey kauert über
ihrem kleinen Kocher. Ihre Fersen ragen aus den
Sandalen.
Ich lasse ein
Salatblatt fallen. Ähem.
Sie blickt
auf.
Er bahnt sich einen
Weg zwischen den Zelten hindurch. Und es ist genau wie damals am
Fluss. Ihre Blicke finden sich, und dann läuft sie auf ihn zu.
Oder, besser, stolpert. Sie verliert eine Sandale. Und ich gebe es
nur ungern zu, aber der Kreditkartentrick war ein Geniestreich. Er
hat uns gefunden.
Alle sehen
zu.
Seine Arme wickeln
sich gleich fünfmal um ihren Körper.
Ende der Vorstellung,
flüstert er in ihren Pferdeschwanz.
Unser Zeltnachbar
stochert in seinem Lagerfeuer und sagt: Also, ich fand das
irgendwie rührend.
Cliff musste die
Harley kaufen, um sie zu finden. Uns zu finden. Hallo, Iris, sagt
er zu mir. Er bereut den Kauf der Harley nicht. Er schwärmt in den
höchsten Tönen von ihr. Die übrigens Fat Boy heißt. Obwohl sie eine
Sie ist.
Nachts im Zelt sagt
sie: Ich musste mir einreden, dass es dich gar nicht gibt. So weh
hat es getan.
Tut mir
leid.
Sehr bewegend, das
Ganze.
Am nächsten Tag
beschließen wir oder, besser, sie, in den Canyon hinabzusteigen.
Cliff sagt, er würde sich am liebsten einfach hineinfallen lasen.
Sie sagt: Bitte nicht.
Der Canyon ist also
doch kein Hologramm, sonst könnten wir ihn nicht begehen. Er ist
vielmehr ein umgedrehter Berg, wie ich einem Schild entnehme. Was
das heißt. Das heißt, Sie sollten bedenken, dass der Aufstieg,
anders als bei einem Berg, noch vor Ihnen liegt, wenn Sie längst
todmüde sind. Jetzt hüpfen Sie wie im Traum die engen Serpentinen
hinab in wärmere Gefilde. Aber denken Sie daran, dass Sie sich
später, wenn Sie längst todmüde sind, wieder nach oben schleppen
müssen.
Cliff kann über
derlei Warnungen nur lachen. Ich bin Kletterer, sagt er und schlägt
sich auf die Brust.
Ich habe nur Sandalen
an, sagte sie.
Ich werde
getragen.
Die Leute, die uns
entgegenkommen, pfeifen auf dem letzten Loch und legen bei jeder
sich bietenden Gelegenheit eine Pause ein. Sie lehnen sich an die
kühle Canyonwand. O Gott, eine Schildkröte. Haben Sie die im Canyon
gefunden.
Ja, sagt Audrey
dummerweise.
Die können Sie aber
nicht einfach mitnehmen.
Das war ein Scherz.
Sie ist ein Haustier.
Wenn Sie Teil des
Ökosystems ist, sagen sie mit aggressivem Unterton, können Sie sie
nicht mitnehmen.
Oje, sagt
Cliff.
Sie ist aber nicht
Teil des Ökosystems.
Die müden Wanderer
setzen sie feierlich davon in Kenntnis, dass sie den Diebstahl der
Schildkröte melden werden. Wenn sie denn jemals oben ankommen
sollten.
Tun Sie, was Sie
nicht lassen können.
Wir setzen unseren
Abstieg fort.
Wir begegnen einer
Eselskarawane. Die Reiter sind laut und dumm. Die Esel haben
schwarze Augen und runzlige Nüstern. Da der Pfad sehr schmal ist,
kommen wir ihnen ziemlich nahe. Einer tritt nach Cliff. Cliff lacht
bloß und gibt ihm einen Klaps aufs Hinterteil.
Natürlich verliebt
sie sich in die Tiere. Sie geht neben einem Esel her und hält mich
hoch, damit ich ihm in die Augen sehen kann.
Ich sehe den Grand
Canyon auf dem Kopf und mich darin.
Als wir wieder oben
ankamen, ging bereits die Sonne unter. Sie hatte schlimme Blasen an
den Füßen. Cliffs Blick war stumpf und ausdruckslos, als ob ihm
seine Harley fehlen würde. Wir kraxelten über die Felskante und
wurden von der Parkpolizei in Empfang genommen. Mit blinkendem
Signallicht.
Ist diese Schildkröte
im Canyon heimisch.
Diese Schildkröte ist
bei mir heimisch, sagte sie.
Wir kamen in
Untersuchungshaft.
In einem
beigefarbenen Gebäude wurden wir getrennt. Zwei beige gekleidete
Park Rangers untersuchten mich. Alles in Arizona ist beige, aus
Rücksicht auf das Beige des Canyons.
Sie stellten mich auf
den Kopf. In jedem Sinne.
Ich bin weder in
Arizona zu Hause. Noch in Texas. Aber waren die Männer in Beige
auch intelligent genug, das zu bemerken.
Waren sie. Sie
brauchten bloß ein Weilchen. Als ich aus dem Untersuchungszimmer
kam, saß sie allein da und wartete. Wo ist Cliff.
Cliff hatte sich nach
Colorado aufgemacht. Und seine Kreditkarte
mitgenommen.
Als ich aufwache, sind meine Arme zu einer
Doppelhelix verschlungen, und meine Handrücken berühren sich. Regel
Nummer Eins für Richtigen Schlaf. Liegen Sie in
Korkenziehersprungstellung. Ja. Dann haben Sie richtig
geschlafen.
Das Erste, was ich
sehe, ist der Baum an meiner Wand, dessen kahle Äste mich
umschließen wie die Rippen das Herz. Es ist noch nicht ganz hell.
Ich gebe die Sprungstellung auf und strecke die Beine. Ich habe das
Gefühl, endlich gelandet, endlich zu Hause zu sein. Vielleicht ist
man immer erst richtig irgendwo angekommen, wenn man dort eine
Nacht geschlafen hat. Kurze Montagen am Küchentisch nicht
mitgerechnet.
Die oberen Äste des
Baumes sind an den Deckenkanten geknickt wie ein Löffel in einem
Glas Wasser. Wie heißt das noch gleich. Refraktion. Onkel Thoby hat den Baum mit der linken
Hand gemalt. Der Pinsel war ziemlich weit weg. Er meinte, er sei
kurzarmigen Malern gegenüber eindeutig im Vorteil, weil er beim
Malen das große Ganze im Auge behalten könne. Die Äste gabelten und
gabelten sich. Der Baum schoss an nur einem Nachmittag aus dem
Boden. Onkel Thoby brachte die Klettknospen an. Dann bastelte er
das Zubehör: grüne Blätter für den Sommer, rote und gelbe Blätter
für den Herbst, Schneef locken für den Winter, rosa Blüten für den
Frühling.
Regel Nummer Eins,
sagte er. Du kannst den Baum nur zu den Tag- und Nachtgleichen und
den Sonnenwenden umdekorieren.
Ist gut.
Weißt du was, fragte
er. Wenn es keine Schalttage gäbe, würden die Jahreszeiten immer
weiterwandern, und bald wäre Weihnachten im Juli.
Dann ist Weihnachten
also nur meinetwegen im Dezember.
Nein. Aber
deinetwegen liegt der Dezember im Winter.
Ich steckte mir ein
Blatt ins Haar. Ich sorge dafür, dass die Jahreszeiten bleiben, wo
sie sind. Moi.
Ich entknote die Arme
und drehe mich zum Fenster. Demnächst ist Sonnenwende. Heute oder
morgen. Wenn man an einem Schalttag geboren ist, hat man das im
Gefühl. Das ist wie eine Superkraft. Zugegeben, keine besonders
aufregende Superkraft, aber immerhin. Eine Sonnenwende erkennt man
daran, dass das Licht am Ende ist. Die Sonne setzt uns quasi auf
Diät. Auch die Tag- und Nachtgleiche erkenne ich am Licht. Wenn die
Sonne mitten über dem Äquator steht.
Und weil die
Wintersonnenwende kurz bevorsteht, hat die Sonne das Begräbnis
gestern so früh verlassen. Darum ist es so dunkel. Darum ist es so
still.
Moment mal. Warum ist
es so still. Ich beuge mich über die Bettkante und sage Onkel
Thobys Namen in den Heizungsschlitz. Keine Antwort. Noch so etwas,
das ich auf Anhieb erkenne. Ein leeres Haus.
Ich stehe auf. Rufe
nach Onkel Thoby. Noch immer keine Antwort. Wieder rufe ich. Und
wieder, als ich nach unten gehe. Bist du da. Warum antwortest du
nicht. An der Kellertreppe bleibe ich stehen. Onkel
Thoby.
Da unten ist er
nicht.
Auf der
Küchenanrichte liegt ein Zettel. Ich starre ihn von Weitem an. O
nein. Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen. Lies den Zettel. Ich
kann nicht. Und ob ich kann. Nein, ich kann nicht. Ich kann nicht
lesen. Mein Herz fängt an zu hämmern.
Ich kann dem Zettel
beim bestem Willen keinen Sinn abringen. Dummes dummes Hirn. Selbst
im Licht der Abzugshaube erkenne ich nur das eine oder andere Wort.
Onkel Thoby hat aber auch eine Sauklaue. Es könnte Süße oder Füße heißen.
Ich weiß es nicht. Ich entziffere Clipart. Hä. Ich entziffere Schlagsahne. Ich entziffere demnächst. Servus.
Aha. Ich blicke auf.
Er ist Schlagsahne kaufen gegangen, um sich die Füße zu vertreten.
Und ist demnächst wieder da.
Am Fuß der Seite
steht in Druckbuchstaben Toff. Das kann
ich lesen. Und dahinter eine Telefonnummer und eine Adresse. Eine
Londoner Adresse.
Da steht nicht
Clipart, sondern Airport.
Ich schnappe mir
Zettel, Schlüssel, Mantel. Und renne mit offenen Schnürsenkeln nach
draußen. Schnell, schnell ins Auto. Spring schon an. Mein Atem ist
überall. Als ich den Wagen rückwärts aus der Einfahrt setze, fällt
mir ein, wie Onkel Thoby gestern Abend auf der Veranda stand. Als
er glaubte, er sei allein. Allein mit sich und seiner
Trauer.
Was hat Toff ihm
angetan.
Mit Bleifuß zum
Flughafen. Ich fahre schlecht, unvorsichtig, und starre dabei die
ganze Zeit auf Onkel Thobys Zettel zwischen meinen Fingern. Beim
Fahren versuche ich zu lesen. Ab und zu blicke ich auf, und die
Straße ist leer. Leer, leer, leer. Wie auf einer verlassenen Insel.
Ich überfahre eine rote Ampel nach der anderen.
Heißt das London oder
Libanon. London. Und er schreibt noch nicht einmal, warum. Er
schreibt auch nicht Auf Wiedersehen. Nur Servus. Bis
demnächst.
Als ich aufblicke,
bin ich schon auf dem Parkway über der Stadt. Das Confederation
Building links von mir sieht aus wie eine Treppe, die auf der einen
Seite hoch- und auf der anderen wieder runtergeht. Rechts von mir,
in weiter Ferne, trägt der Signal Hill einen leuchtenden
Weihnachtssheriffstern. Fröhliche Weihnachten und den Führerschein
bitte.
Hinter mir Blaulicht
und Sirene. Mist. Ich fahre rechts ran.
Fröhliche Weihnachten
und den Führerschein bitte.
Guten Morgen,
Sheriff. Aber den Führerschein habe ich leider nicht
dabei.
Ich bin kein
Sheriff.
Aber ich habe einen.
Irgendwo.
Der Wind bläht seine
Jacke. Er starrt auf den Zettel zwischen meinen Fingern. Sie sind
Schlangenlinien gefahren, sagte er.
Dabei bin ich eine
exzellente Autofahrerin.
Sie hätten jemanden
umbringen können.
Es war doch kaum
jemand unterwegs, den ich hätte umbringen können.
Er wird langsam, aber
sicher nervös. Kaum jemand unterwegs.
Ja, die Straßen waren
so gut wie leer.
Und da wollten Sie
die Zeit zum Lesen nutzen.
Wir starren beide auf
den Zettel. Ich entziffere die Wörter Tut mir
leid. Und sehe sie plötzlich überall. Der Zettel ist
förmlich übersät damit.
Ich schaue ihn
an.
Er hat es auch
gesehen.
Ich muss so schnell
wie möglich zum Flughafen, Sheriff.
Er nickt und klopft
mit der flachen Hand aufs Dach. Fahren Sie, sagt er. Blöde
Kuh.
Plötzlich kommt mir
ein Gedanke. Onkel Thoby schreibt nicht: Ich fliege dann zurück
nach London. Tschüs. Warum auch. Nein, er schreibt vielmehr: Ich
bringe Toff dann weg und bis demnächst. Servus. Weil Toff heute
Vormittag wieder nach London fliegt. Genau. Toff. Toff fliegt zurück nach London. Und nicht
Onkel Thoby. Onkel Thoby bringt Toff bloß fort. Zum Airport. Fort
zum Airport. Das klingt gut.
Nur: Warum sollte er
so etwas tun. Und warum das viele Tut mir leid. Warum Toffs
Adresse.
Füße, tut mir leid,
dass ich zum Clipart musste. Soundso soundso Schlagsahne soundso
London. Bis demnächst. Servus.
Ich klammere mich an
das Wort Servus. Denn das ist Onkel
Thobys Wort. Und er benutzt es ständig, egal ob er in den Keller
geht, eine Runde um den Teich dreht oder einem Nachbarn einen
Gefallen tut und ihm beispielsweise die Einfahrt freischaufelt oder
eine Glühbirne auswechselt, an die man nur schwer herankommt. Er
hat es noch nie benutzt, wenn er nach London geflogen ist. Weil er
nie wieder nach London geflogen ist. Nicht ein einziges Mal. Weiter
als bis zum Civil Manor ist er nie gekommen. Und an wem lag
das.
Weil der Flughafen
wegen einer Granate evakuiert worden ist, komme ich nicht hinein.
Die Leute stehen draußen herum und essen Donutbällchen. Bitte
zurücktreten, gleich geht hier alles in die Luft.
Was, der ganze
Flughafen.
Die Drehtür würde mir
schon reichen.
Ich lasse den Blick
über die Menge schweifen. Kein Onkel Thoby weit und breit. Von
einem Mann mit ähnlicher, wenn auch symmetrischer Figur erfahre
ich, dass diejenigen Passagiere, die die Sicherheitskontrolle schon
durchlaufen hatten, woandershin evakuiert worden
seien.
Ach. Ich stelle mich
neben ihn, weil er so ähnlich aussieht wie Onkel
Thoby.
Wenn Onkel Thoby nicht auf dem Parkplatz ist,
heißt das:
a. Er ist ein Passagier und hat die Sicherheitskontrolle bereits durchlaufen, oder
b. er ist kein Passagier, hat sich von Toff jedoch bereits verabschiedet und ist mit einem Clint’s Cab unterwegs nach Hause, oder
c. er kauft in einem 24-Stunden-Laden Cliparts.
Zwanzig Minuten
später bekommen wir grünes Licht. Die Granate war doch nicht echt,
sondern nur eine Gürtelschnalle in Granatenform in einem
Gepäckstück. Es ist alles in bester Ordnung. Gehen Sie
weiter.
Und so strömen wir
massenweise in die geradezu obszön langsame Drehtür. Die natürlich
sofort blockiert. O Gott, hat sich jemand was eingeklemmt. Keine
Panik. Ruhe ist die erste Bürgerpf licht.
Wer berührt die
verdammte Scheibe, fragt jemand.
Wir rücken enger
zusammen. Wir sitzen fest.
Und das alles nur
wegen einer Granatengürtelschnalle aus dem kleinen Ramschladen
gleich neben der Fressmeile in der Mall. Die Ramschigkeit eines
Ladens verhält sich direkt proportional zu seiner Entfernung von
der Fressmeile, sagt jemand. Wir alle starren diesen Jemand an. Ach
ja. So billig kann die Granatengürtelschnalle schlecht gewesen
sein, sonst hätten sich die Sicherheitsbeamten des St. John’s
International Airport wohl kaum täuschen lassen. Die im Übrigen
seit Beginn ihrer dubiosen Karriere auf diesen Moment gewartet
haben. Und dann so etwas. Eine Blamage.
Wenigstens
durchsuchen sie das Gepäck überhaupt nach Granaten, sagt
jemand.
Da bin ich aber
beruhigt.
Die Tür dreht sich.
Wir sind drin.
Ich renne die Treppe
hoch. Ich werde einfach ohne Bordkarte durch die
Sicherheitskontrolle marschieren. Aus dem Weg, Fettsack mit Knarre
und Nikolausmütze.
Oben an der Treppe
steht ein Schild mit der Aufschrift DEMNÄCHST HIER:
SPÜRHUNDE.
Fettsack packt mich
von hinten unter den Achseln und schleppt mich zurück durch das
freistehende Rechteck, worauf der Alarm losgeht. Weil er bewaffnet
ist. Da kann doch was nicht stimmen. Er, mit Knarre, darf
passieren. Ich, ohne Knarre, nicht.
Besorgen Sie sich
eine Bordkarte, Frollein, dann reden wir weiter, sagt
er.
Aber ich möchte mich
doch nur von jemandem verabschieden.
Oben können Sie sogar
schalldicht und kugelsicher Winkewinke machen.
Oben.
Auf der
Aussichtsplattform.
Ich nehme immer zwei
Stufen auf einmal.
Er ist am Flugsteig.
Er steht am Fenster und sieht zu seiner Maschine hinaus. Ich liebe
seine asymmetrische Silhouette.
Ich klopfe an die
Scheibe. Keine Reaktion.
Da sehe ich Toff. Er
sitzt nicht ganz so weit entfernt, genauer gesagt, direkt unter
mir, und liest Zeitung.
Sie nehmen denselben
Flug.
Mich beschleicht das
Gefühl, dass hier irgendetwas faul ist, und zwar oberoberfaul. Ein
ungutes Gefühl, was jedoch durchaus sein Gutes hat, denn jetzt weiß
ich: Toff steckt hinter der ganzen Sache. Toff hat alles
arrangiert. Ich nicke.
Von wegen
Bis demnächst und Servus. Hier geht es nicht um einen Spaziergang um
den Teich. Sondern um einen Flug über den Ozean. Via Montreal. Von
der Dummheit von Air Canada mal abgesehen. Onkel Thoby f liegt via
Montreal über den Großen Teich. Warum.
Weil auf dem Zettel
nicht Schlagsahne, sondern Schlaganfall steht.
Deine Großmutter
hatte einen Schlaganfall. Sie wartet darauf, dass ich ihr die Augen
öffne. Muss nach Hause.
Ach. Also darum geht
es. Großmutters Anfall. Von Wahnsinn. Von Genialität. Das Ganze ist
ein Trick. Ein Komplott. Um uns auseinanderzumischen. Zu
entzweien.
Ich klopfe an die
Scheibe. Keine Reaktion. Bumm, bumm.
Die
Aussichtsplattform hat eine nach außen geneigte Fensterfront,
sodass man sich mit dem ganzen Körper über die Boarding Area
hinauslehnen und so tun kann, als ob man mit dem Fallschirm
abspringen würde. Was selbstredend verboten ist, wie ich dem
entsprechenden Schild entnehme.
Des Weiteren wollen
Flug 623 nach Montreal besteigen: drei junge Männer in
Armeeuniform, die in ihre Handys lachen. Wahrscheinlich haben sie
ihren Kameraden soeben von dem Granatengürtelschnallendebakel
berichtet. Vielleicht gehört der Gürtel sogar einem von ihnen. Es
würde mich jedenfalls nicht wundern. Denn wenn man tagtäglich mit
Granaten umgeht und damit den einen oder anderen Feind vernichtet
hat, entwickelt man vielleicht eine ästhetische Vorliebe für
Granaten und damit das dringende Verlangen, ein Exemplar oberhalb
des Schritts zur Schau zu tragen.
Ich beneide sie um
ihre Handys. Onkel Thoby und mein Dad haben beziehungsweise hatten
für Handys wenig übrig. Mein Dad aus einem ebenso einfachen wie
einleuchtenden Grund: Weil ihre Besitzer ständig klingeln. Und Onkel Thoby ist
dagegen, weil Handybenutzer dazu neigen, ihre Mitmenschen zu
übersehen. Aber allmählich dämmert mir, dass ein Handy zwei
Menschen auf ähnliche Weise verbindet wie ein Heizungsschlitz. Und
nichts wünsche ich mir sehnlicher als einen Heizungsschlitz, in den
ich Onkel Thobys Namen sagen kann.
Toff hebt den Kopf.
Langsam. Und sieht zu mir herauf. Als hätte er die ganze Zeit
gewusst, dass ich über ihm an der Decke schwebe, was ihn jedoch
mitnichten davon abgehalten hat, erst einmal seinen Artikel zu Ende
zu lesen. Ich zeige auf Onkel Thoby. Holst du ihn mir
her.
Er krault sich den
Bart. Und widmet sich wieder seiner Zeitung.
Ich haue mit der
flachen Hand gegen die Scheibe. Warum. Warum macht er
das.
Ein Mann, der die
Aussicht, die ihm die Aussichtsplattform bietet, vermutlich weitaus
erträglicher findet als ich, sagt: Verzeihung, aber halten Sie es
für ratsam, sich auf die Scheibe zu legen.
Nein, aber es handelt
sich um einen Notfall.
Oh. Na, dann will ich
nicht weiter stören.
Ich schleiche die
Fensterfront entlang. Wenn ich mich bewege, falle ich vielleicht
eher auf. Ich komme mir vor wie eine Stepptänzerin. Dreh dich um,
Onkel Thoby. Dreh dich um.
Er dreht sich nicht
um. Jetzt gehen sie an Bord. Onkel Thoby greift mit seinem langen
Arm nach seiner Tasche. Er sieht aus wie ein abgeschobener
Flüchtling. Oder wie jemand, der vor Kurzem seinen Bruder verloren
hat. Er und Toff bleiben jeder für sich. Die kanadische Armee steht
zwischen ihnen.
Die Spürhunde bringen
hoffentlich ein bisschen Leben in die Bude, meint jemand hinter
mir. Am besten gelbe Labradore.
Ich sehe ihm nach,
bis er verschwunden ist. Verschwunden worden ist.
Ich fahre im zweiten Gang nach Hause. Ich halte an
jeder roten Ampel. Und an jeder grünen noch dazu. Was war das
gerade. Ist Onkel Thoby entführt worden. Oder ist er von selbst auf
die Idee gekommen, Großmutter zu besuchen. Warum hat er mich nicht
geweckt. Weil er genau wusste, dass ich ihn nie und nimmer hätte
gehen lassen. Weshalb er ja auch bei Nacht und Nebel ins Civil
Manor gezogen ist.
Ja, aber das Civil
Manor ist nicht London.
Was die beiden
gestern Abend auf der Veranda wohl besprochen haben. Mit
Flüsterstimmen.
Es klopft ans
Fenster. Ich zucke zusammen.
Fröhliche Weihnachten
und den Führerschein bitte.
Guten Morgen,
Sheriff. Wie ist das werte Befinden.
Er schaut auf seine
Uhr. Nachmittag.
Schon.
Gibt es einen
bestimmten Grund, warum Sie mitten auf der Kreuzung stehen. Will
der Wagen nicht.
Ich schüttele den
Kopf. Ich sammle nur meine Gedanken.
Er wirft einen
verstohlenen Blick auf den Zettel, der jetzt auf dem Beifahrersitz
liegt. Mir scheint, Sie haben jede Menge Gedanken zu sammeln, sagt
er.
Eigentlich nur ein
oder zwei. Zwei, um genau zu sein.
Na, dann will ich mal
nicht so sein. Aber hätten Sie wohl die Güte, die Warnblinkanlage
einzuschalten, wenn Sie schon die Kreuzung blockieren.
Natürlich. Danke,
Sheriff. Ich schalte die Warnblinkanlage ein. Und kurbele das
Fenster hoch.
Wieder klopft er.
Eins noch.
Ja.
Wo wollen Sie
eigentlich hin, fragt er.
Und so begleitet er
mich nach Hause. Was ich unglaublich nett finde. So muss ich
nämlich nur seinen Rücklichtern hinterherfahren, bremsen, wenn er
bremst, und Gas geben, wenn er Gas gibt. Ich brauche ihm bloß zu
folgen. Ohne ihn wäre ich vermutlich nicht vor Mitternacht zu Hause
angekommen.
Nicht so voreilig.
Denn als ich schließlich zu Hause bin und die Tür mit einem
kräftigen Nordwestschubs aufstoßen will, habe ich plötzlich den
Messingknauf in der Hand. Ich versuche, ihn wieder anzuschrauben,
aber er lässt sich nicht schrauben. Ich knie mich auf die Veranda.
Immer langsam. Mit der Tür, meine ich. Immer langsam mit der Tür.
Ich gebe ihr einen Schubs. Sie geht nicht auf. Ohne Knauf kein
NWS.
War ich zu grob. Habe
ich vielleicht versehentlich nach Osten geschubst statt nach
Westen. Ich hämmere einmal kurz gegen die Tür.
Jim Ryan, der seine
Einfahrt »auf Vordermann bringt«, ruft: Wo brennt’s
denn.
Ich hebe den Türknauf
hoch.
Er winkt mich mit
seiner Schaufel zu sich. Er bittet mich herein. Er werde mal eben
bei Murph’s Turf, Lock and Key anrufen. Er, Murph, werde sie
bestimmt in null Komma nix wieder hinkriegen.
Sie ist die Tür,
nehme ich an.
Wie dunkel es ist,
merke ich erst, als ich in Jim Ryans Küche sitze und er den
Kühlschrank aufmacht. Das grelle Licht blendet mich, und ich muss
blinzeln. Wieso ist es schon dunkel.
Ich fürchte, ich kann
dir nicht allzu viel anbieten, sagt er. Wie wär’s mit ein paar
Oliven.
Gern.
Und einem Kaffee,
sagt er.
Mir wird warm ums
Herz. Zu einem Kaffee würde ich nicht Nein sagen.
Jim sagt, Mrs. Ryan
sei unterwegs, um die Leere des Kühlschranks zu
beheben.
Dass sich das Innere
eines fremden Hauses in ihm spiegelt, scheint den Türknauf über die
Maßen zu erstaunen. Er liegt da, als sei er ohnmächtig
geworden.
Murph ist ein alter
Freund von mir, sagt Jim.
Murph hat meine
Flower Shovel™ gebaut.
Das hast du schon mal
gesagt. Ein echter Tausendsassa, dieser Murph.
Das Kaffeewasser
gurgelt. Der Duft gibt mir Hoffnung. Im Türknauf habe ich eine
spitze Nase. Das kommt von der konvexen Oberfläche. Das Fenster
hinter mir ist golden und verzerrt. Der Schnee fällt
quer.
Steckst du in
Schwierigkeiten, fragt Jim.
Bitte.
Ich habe einen
Streifenwagen gesehen …
Ach. Der Sheriff. Er
hat mich nur nach Hause begleitet.
Der Sheriff, sagt
Jim.
Ich
nicke.
Das Haus der Ryans
erinnert mich an eins von Mrs. Ryans geblümten Kleidern. Ich habe
ein bisschen das Gefühl, ihr unter den Rock gekrochen zu sein.
Warum haben wir eigentlich keine geblümte Tapete, und warum trage
ich keine geblümten Kleider. Weil das des Guten entschieden zu viel
wäre. Ja. Aber die Flower Shovel™ ist des Guten nicht zu viel.
Nein. Warum. Weil ich die Schaufel schließlich nicht wie ein
Markenzeichen durch die Gegend schleppe. Und selbst wenn, es gibt
schließlich Grenzen. Man muss das Augenmerk nicht ständig auf den
eigenen Namen lenken. Am besten gar nicht daran
denken.
Natürlich bezeichnete
mein Dad uns – uns drei – manchmal als den Blumenstrauß. Ich finde,
dem Blumenstrauß könnte eine Mütze Schlaf nicht schaden, sagte er.
Der Blumenstrauß wird welk. Eine Blume jedenfalls. Kümmere dich
gefälligst um deinen eigenen Kram, Welker.
Jim bringt zwei
dampfende Becher Kaffee, ein Glas Oliven und zwei Gabeln auf den
Tisch. Das Glas öffnet sich mit einem Hicks.
Olive Oliven, sage ich. Kapiert.
Er nickt. Du liebst
Oliven.
An Jims rechtem
Mittelfinger steckt ein großer Ring. Was es damit wohl auf sich
hat. Was macht Jim Ryan eigentlich beruflich. Beziehungsweise
machte. Inzwischen ist er Rentner. Der Ring sieht aus wie ein
Bischofsring. Aber Bischof wird er wohl kaum gewesen sein. Das
wüsste ich. Oder doch. Warum weiß ich als seine Biografin, pardon,
Ex-Biografin nicht, ob Jim Ryan Bischof ist. Wir spießen unsere
Oliven auf wie bei einem gemütlichen Fondue. Wenn, dann allenfalls
ein anglikanischer Bischof. Er ist schließlich
verheiratet.
Unterdessen hält er
mir einen Vortrag über Schlösser. Er könne es nicht fassen, dass
wir unsere Haustür nicht abschließen. Ich erkläre ihm, dass die Tür
für Uneingeweihte durchaus ein Hindernis darstelle. Für Diebe sei
sie mit Sicherheit kein Hindernis. Mit einem Doppelzylinderschloss
hingegen, fährt er fort. Jim Ryan ist ein erklärter Fan des
Doppelzylinderschlosses.
Bei einem
Doppelzylinderschloss braucht man anscheinend für beide Seiten
einen Schlüssel, sonst kommt man weder rein noch raus. Und das
möchte ich auf keinen Fall. Mich von innen ausschließen. Oder doch.
Vielleicht hätte ich ja das Gefühl, dass die Welt da draußen mir
gehört, wenn ich einen Schlüssel zu ihr hätte.

Onkel Thoby brauchte
drei Monate, um den NWS zu meistern. Mein Dad unterzog ihn einem
regelrechten Intensivtraining. Du musst den Knauf festhalten und
mit den Zehenspitzen auf die Schwelle treten. Du musst der Tür in
die Augen sehen, sagte er. In welche Augen, fragte Onkel Thoby. Na,
dahin, wo die Augen säßen, wenn sie welche hätte. Dann musst du sie
nach links oben ziehen und ihr gleichzeitig mit dem linken Knie
zwischen die Beine treten, sonst pariert sie nicht.
Onkel Thoby fiel
lachend hintenüber.
Es war nicht leicht,
in unser Haus zu gelangen. Umso leichter war es, wieder
rauszukommen. Und genau das wünscht man sich doch eigentlich von
einem Haus. Das Doppelzylinderschloss stellt eindeutig ein
Sicherheitsrisiko dar. Zum Beispiel, wenn es brennt. Stellen Sie
sich vor, Sie müssten erst mal Ihren Schlüssel suchen, um aus Ihrem
brennenden Haus zu kommen. Wo ist mein Schlüssel zur Außenwelt, die
nicht in Flammen steht. Wo ach wo. Brutzel.
In Sachen Brandschutz
bin ich Expertin. Onkel Thoby installierte vier verschiedene
Feuerlöscher im Haus. Jeder für eine bestimmte Art von Feuer. Einen
für Haare und Fell. Dringend notwendig, weil ich bei dem Versuch,
meine Aura mit Hilfe einer Kerze im Badezimmerspiegel zu
betrachten, meinen Pferdeschwanz in Brand gesetzt hatte. Der Haar-
und Fell-Feuerlöscher bekam den Namen Oddly-Löscher. Dann einen für
Eis- und Fettbrände. Einen für Vorhänge. Und einen für
Zimmerpflanzen (Weihnachtsbäume, Hecken).
Eisbrände, sagte mein
Dad beim Lesen der Gebrauchsanweisung. Soll das ein Witz
sein.
Wenn man Speiseeis
frittiert.
Was wir ja
bekanntlich regelmäßig tun.
Wenn man Speiseeis
frittiert, passiert es in neun von zehn Fällen.
Was.
Das Haus brennt
ab.
Wenn ich nicht ins
Bett gehen wollte, tat mein Dad, als suche er den Oddly-Löscher. Wo
steckt das Ding bloß. Ich will dich löschen. Dann hat die liebe
Seele Ruh. Und zwar sofort.
Gleich.
Sofort.
Gleich.
Onkel Thoby führte
auch Übungen durch. Manchmal ging mitten in der Nacht sein
»Mundharmonikaalarm« los. Ich brauchte mich nur um mich selbst zu
kümmern. Und das hieß raus aus dem Haus, und zwar dalli. Mein Dad
kümmerte sich um Wegde. Und Onkel Thoby blies die Mundharmonika.
Erst wenn alle wohlbehalten auf dem Rasen vor dem Haus standen,
holte er Luft. Ob Jim Ryan sich an diese Übungen erinnert. Wissen
Sie noch, wie wir alle mitten in der Nacht in unserem Vorgarten
standen und Onkel Thobys Mundharmonika plärrte wie eine
Sirene.
O ja, sagt er. Gott,
ja.
Mrs. Ryan kommt mit
Plastiktüten bepackt nach Hause und will wissen, warum wir im
Dunkeln sitzen.
Audreys Türknauf ist
abgegangen.
Ja, aber warum sitzt
ihr im Dunkeln.
Ist mir gar nicht
aufgefallen.
Wie geht’s dir,
Schätzchen. Sie streicht mir über die Wange. Die Schneeflocken an
ihrem Mantel verschwinden eine nach der anderen.
Gut.
Hast du Murph
angerufen, fragt sie Jim über meine Schulter hinweg.
Ja.
Mrs. Ryan zieht ihre
Stiefel aus. Sie spricht mit Jim in einem anderen Tonfall als mit
mir. Mein Tonfall ist mir lieber. Als sie sich wieder aufrichtet,
ist sie puterrot. Wo ist dein Onkel, fragt sie.
Der musste nach
London.
Den Arm voller
Plastiktüten, bleibt Jim auf halbem Wege zwischen Küchentisch und
Anrichte stehen.
London, sagt Mrs.
Ryan. England.
Ich schürze die
Lippen. Nicke.
Herrgott, Jim, nun
mach doch endlich Licht.
Er gehorcht. Die
Deckenleuchte geht an.
Wann ist er
abgereist.
Ich sehe auf meine
Uhr. Ähm.
Aber Weihnachten steht vor der Tür, flüstert Mrs. Ryan
mit heiserer Stimme. Am liebsten würde ich mich auf den Boden
werfen und mir die Ohren zuhalten. Sag so etwas nicht. Sag nichts
gegen ihn, sonst muss ich dich hassen. Großmutter habe einen
Schlaganfall gehabt, erkläre ich. Dabei sei sie gestürzt. Und jetzt
geht sie auf dem Zahnfleisch, sage ich, obwohl ich mir da nicht
ganz sicher bin.
Ach. Das tut mir aber
…
Ich müsste mal kurz
aufs Klo.
Natürlich.
Ich nehme den
Türknauf mit. Komisch, nicht.
Ich steige die Treppe
hinauf und überlege, wie man wohl auf dem Zahnfleisch geht. Wenn
die Beine mal nicht mehr wollen. Auf dem Absatz bleibe ich stehen.
An der Wand hängt ein Bild des jungen Jim Ryan in Polizeiuniform.
Des Rätsels Lösung.
Im Bad zurre ich
meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Reibe mir das linke Auge.
Pinkle. Starre beim Pinkeln mein Spiegelbild im Türknauf an. Mein
Auge ist rot. Suche das Klopapier. Es steht hinter mir, unter dem
Rock einer Barbiepuppe. Ihre Beine stecken in der Rolle, und der
Rock ist darübergebreitet, sodass man ihn hochheben muss, um an das
Klopapier zu kommen.
Verzeihung, darf ich
mal.
Barbie fletscht die
Zähne. Ist das normal.
Als ich die Treppe
hinunterkomme, höre ich Mrs. Ryan sagen: Sie ist ganz allein. Und
Jim sagt: Die Russin ist ja auch noch da.
Warum wird es
eigentlich schon wieder dunkel. Ich habe das Gefühl, als ob die
Sonne sich nur ein paar Minuten hätte sehen lassen – als Onkel
Thobys Maschine startete – und dann gleich wieder verschwunden
wäre.
Ich stand am
Maschendrahtzaun. Seine Maschine war hellblau mit einem zerknüllten
Ahornblatt am Heck. Seit wann sind die Flugzeuge von Air Canada
hellblau. Wie Bonbonpapier, das zu lange in der Sonne gelegen
hat.
Die Sonne kam heraus,
ging an wie eine Deckenleuchte, grell und hässlich, und mir kamen
die Tränen. Eigentlich ist es Quatsch, dass einem bei grellem Licht
die Tränen kommen, weil die Tränen wie eine Vergrößerungslinse
wirken. Komisches natürlich selektiertes Merkmal. Ich spielte mit
dem Gedanken, über den Zaun zu klettern und die Rollbahn zu
blockieren. Ob man ein Flugzeug anhalten kann, wenn es erst einmal
rollt. Wenn es bereits seine Gedanken sammelt und an England denkt.
Oder an Montreal. Kann man sich an die Räder hängen und es am Boden
festhalten.
Du darfst nicht nach
Osten fliegen. Denn da vorne ist der Osten zu Ende. Österlicher
geht es nicht.
Eine Taube kam
angewatschelt und betrachtete das Flugzeug. Dann wandte sie den
Kopf, als ob sie sagen wollte: Ich habe doch nicht etwa das Licht
angelassen. Worauf ich sicherheitshalber auch noch einmal nachsah.
Aber es war zum Glück aus.
Du könntest über
diesen Zaun fliegen, sagte ich zu ihr.
Viel zu
anstrengend.
Aber Tauben können
doch fliegen.
Ich hab den Bauch
voll Donutbällchen.
Ach so.
Mein Dad hat mir
einmal erzählt, dass Tiere, die fliegen können – Vögel, Fledermäuse
und dergleichen – ein kleineres Genom haben als Tiere, die nicht
fliegen können. Als ob ihnen ein Teil des genetischen Codes fehlen
würde. Und genau dieser fehlende Teil
ermöglicht ihnen das Fliegen. Eigentlich würde man das Gegenteil
erwarten. Nämlich dass ein Tier, das fliegen kann, ein größeres
Genom besitzt. Einen zusätzlichen, quasi hintendrangeklebten Code,
der besagt: Du Kannst Fliegen. Aber nein. Stattdessen haben
wir einen zusätzlichen Code. Und dieser
zusätzliche Code besagt: Du Kannst Nicht Fliegen. Ein nicht
unerheblicher Teil unsres Genoms dient allein dazu, uns am Boden
festzuhalten.
Als Onkel Thobys
Flugzeug das Ende der Rollbahn erreicht hatte, wendete es langsam.
Jetzt gürtete es die Lenden. Ach bitte bitte bitte. Flieg
Qantas.
Murph kommt in
Latzhosen und strahlt über das ganze Gesicht. Er geht in die Hocke,
auf Augenhöhe mit dem Knauf, und sagt, das alte Schloss müsse raus.
Er werde ein Sicherheitsschloss einbauen. Er flitzt zu seinem Van
und kommt mit dem Sicherheitsschloss zurück. Industriegrau. Ich
schüttele den Kopf. Wir mögen Messing. Wir mögen unser altes
Schloss. Das vielleicht nicht ganz so sicher, dafür aber umso
schöner sei.
Ich drücke Murph den
alten Türknauf in die Hand. Lasse ihn für sich sprechen. Sieh mich
an. Sieh dich selbst in mir. Reparier mich.
Murph sagt, man könne
das Schloss nicht reparieren. Man könne es nur auswechseln. Das
alte Schloss sei mindestens vierzig Jahre alt. Die nötigen
Ersatzteile seien in alle vier Winde zerstreut.
Wie
bitte.
Nicht mehr
aufzutreiben.
Ich erkläre ihm, mein
Dad und Onkel Thoby seien verreist, und da sie an die alte Tür
gewöhnt seien, die sich nur mit einem geheimen Familienschubs
aufstoßen lasse, sei mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass
sie, wenn sie bei ihrer Rückkehr das neue Schloss vorfänden, nicht
wüssten, wie sie ins Haus gelangen sollen. Darum wäre es mir lieb,
wenn ich das alte Schloss behalten könnte.
Das mit deinem Vater
tut mir leid, sagt Murph, ohne mich anzusehen. Jim hat mir erzählt,
dass er gestorben ist.
Ich setze mich auf
die Verandatreppe.
Habt ihr eine
Hintertür.
Nein.
Es schneit. Mit einem
zähneknirschenden Geräusch bricht Murph das alte Schloss aus der
Tür. Als ich das höre, kommen mir die Tränen. Murph hält inne,
wendet den Kopf und wirft mir einen Blick zu. Ich stehe auf und
gehe hinters Haus. Ich schaue durchs Küchenfenster. Das Telefon
blinkt. Eine Nachricht.
Ich drehe eine Runde.
Sehe die Post durch. Schon wieder eine Rückrufnotiz für meinen Dad
und ein Brief von der Kriegsversehrtenhilfe für Mr. Rudder, den
Vorbesitzer, der tot ist. Der auch tot
ist.
Murph erzählt mir,
dass Jim Ryan bei der Stab gewesen sei. Der was. Der Constabulary.
Ach. Murph habe der Polizei schon des Öfteren geholfen. Wobei.
Einbrüche. Mehr dürfe er mir leider nicht verraten. Daher kenne er
Jim. Außerdem habe er ein Doppelzylinderschloss in die Haustür der
Ryans eingebaut.
Das da ist aber kein
Doppelzylinderschloss.
Nein,
Kleine.
Ich lehne entspannt
am Geländer. Ich erzähle, dass ich eine Biografie über Jim Ryan
geschrieben hätte. Die exakt zwei Sätze lang gewesen sei. Damals
hätte ich noch nicht gewusst, dass er bei der Polizei gewesen sei.
Sonst wäre mein Werk vermutlich drei Sätze lang
gewesen.
Die Idee, eine
Biografie über seinen Nachbarn zu schreiben, findet Murph
urkomisch.
Warum.
Achselzuckend kramt
er in seinem Werkzeugkoffer. Warum schreibst du nicht auch eine
über mich. Ich habe interessante Kinder.
Mit Biografien bin
ich durch.
Wenn du wieder mal
was schreibst, kannst du mich ja darin erwähnen.
Gut, dann schreibe
ich Ihnen einen Scheck.
Er
lacht.
Im Haus riecht es
nach vergammeltem Essen. Der Leichenschmus. Ich schleppe Sägemehl
durchs Haus. Bitte, lass die Nachricht von Onkel Thoby sein: Ich
bin in Montreal. Es war ein Irrtum. Ich komme nach
Hause.
Aber nein. Sie ist
von Judd Julian-Brown, dem »Leiter« der hiesigen
Christmatech-Filiale. Er ruft auch die D-534-Lichterketten zurück.
Ein Rückruf im doppelten Sinne. Um es noch einmal ganz klar zu
sagen: Weder das Modell D-434 noch das Modell D-534 taugen zum
Einsatz in Innenräumen. Im Außenbereich, eventuell. Aber auf keinen
Fall in Innenräumen. Wir möchten Sie herzlich bitten, uns die
beiden Modelle zurückzubringen, dann erhalten Sie von uns im
Austausch das fabrikneue Modell D-634.
Schon wieder dieses
Wir. Pluralis Majestatis. Ich bitte dich, Judd. Seien wir ehrlich.
Du sitzt allein in irgendeinem Kellerloch, nicht wahr.
Keine weiteren
Nachrichten. Ich schleudere meine Stiefel von den Füßen. Von der
Tür-OP ist alles voller Sägemehl. Das Sicherheitsschloss sieht aus
wie eine Hand, die der Tür den Mund zuhält.
Das alte Schloss hat
wahrscheinlich der Vorbesitzer Mr. Rudder eingebaut. Er war
Schreiner. Leider kein besonders guter. Er hat auch die leicht
wacklige Veranda gezimmert. Mein Dad ist ihm nie begegnet. Mr.
Rudder fand nämlich ein frühzeitiges Ende, das den Verkauf des
Hauses erforderlich machte. Wir werden also nie erfahren, ob Mr.
Rudder den Nordwestschubs erfunden hat oder mittels einer anderen
Methode über die Schwelle gelangte.
Mr. Rudder starb
folgendermaßen. Er baute eine Mauer, und ihm gingen die Steine aus.
Er hatte von einer Insel vor der Südküste gehört, wo es
erstklassige Steine gab. Also stach er mit einem kleinen Boot in
See. Jawohl, mit einem Ruderboot. Mr. Rudder ruderte zu besagter
Insel und belud sein Boot mit Steinen. Dann versuchte er
zurückzurudern, der alte Trottel, das Boot sank, und er
ertrank.
Natürlich lachten
wir. Der alte Mr. Rudder. Der nicht schnell genug rudern konnte, um
sein Boot voller Steine sicher ans Ufer zu bringen. Es war wie eine
Parabel. Er hatte es verdient. Also
lachten wir. Es sprach schließlich nichts dagegen. Der Mann war
eine Witzfigur. Eine lächerliche Witzfigur. Die sterben musste,
damit wir ihr Haus bekamen. Denn es war immer schon unser Haus gewesen. Es hatte nur auf uns
gewartet.
Onkel Thoby hingegen
lachte nicht, als wir ihm die Geschichte erzählten. Der arme Mr.
Rudder, sagte er. Hört auf, ihr beiden.
Aber der Name, der
Name!
Hört auf, ihr
beiden.
Okay, ich höre ja
schon auf. Mr. Rudder war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Dessen
Hand diesen Messingknauf unzählige Male hin und her gedreht hat.
Dessen Körper sich jedes Mal darin spiegelte, wenn er ein und aus
ging. In seinem Haus. Mr. Rudder fand ein frühzeitiges Ende. Und
die Moral von der Geschicht. Verdient hatte er’s jedenfalls
nicht.
Je nun. Ein Boot mit
Steinen zu beladen, könnte mir schließlich auch
passieren.
Ich setze mich mit
den Füßen zur Zimmermitte ins Wohnzimmer und lasse mir den
Messingknauf über die Brust kullern. Eines Tages wird eine andere
Familie hier sitzen und über das frühzeitige Ende von Walter
Flowers lachen, der von einem Weihnachtsbaum niedergemäht wurde.
Frühzeitig für ihn. Rechtzeitig für uns. Jetzt ist es unser
Haus.
Nur über meine
niedergemähte Leiche.
Oder – ich richte
mich auf – gibt es womöglich irgendwo eine Familie, die jetzt um
den Weihnachtsbaum sitzt, der ihn erschlagen hat. Heiliger. Die
jetzt, in diesem Augenblick um genau denselben Baum sitzt, der
meinen Dad erschlagen hat, und über das frühzeitige Ende eines
gewissen Walter Flowers lacht, der noch dazu in der Lebensverlängerungsbranche tätig war. Haha. Ich
presse mir den Messingknauf an die Stirn. Natürlich. Seine Mörder.
Zum ersten Mal sehe ich ihnen ins Gesicht. Oder versuche es
zumindest. Wer sind sie. Wo sind sie. Mich beschleicht, pardon,
bestürmt ein äußerst ungutes Gefühl.
Das noch unguter
wird, als ich im Drehspiegel ein leeres Terrarium erblicke. Der
schwarze Trauerf lor schlingt sich noch immer um das Laufrad. Ich
stehe auf. Langsam.
Wedge ist
weg.
Mein erster Gedanke:
Jemand hat meine Maus gestohlen!
Wer stiehlt schon
eine Maus. Ich bitte dich.
In ihrem Terrarium
ist sie jedenfalls nicht. Also.
Das Gitterdach steht
zwar nicht offen, aber richtig geschlossen ist es auch nicht.
Vielleicht ist Wedge von selbst hinausgeklettert. Vielleicht hat er
am Gitterdach Klimmzüge gemacht – um seine Oberkörpermuskulatur zu
trainieren, wie er es häufiger zu tun pflegt, da das Laufrad in
dieser Hinsicht keine große Hilfe ist -, vielleicht hat er seine
Oberkörpermuskulatur trainiert, dabei zufällig entdeckt, dass das
Dach nicht richtig eingehakt war, und sich durch den Spalt
gezwängt.
Wie ist er vom
Kaminsims heruntergekommen. Gesprungen. Gefallen. O
Gott.
Ich setze mich auf
den Boden und rufe nach ihm. Er brauchte wahrscheinlich dringend
etwas Auslauf. Armer Wedge. Ich habe vergessen, den Trauerflor
abzumachen, er brauchte dringend Auslauf, und darum ist er
geflohen.
Oder doch nicht. Wann
habe ich ihn zuletzt gesehen. Nach der Beerdigung. Da sah er fix
und fertig aus. Kein Wunder, nachdem die Leute vor seinem Terrarium
Schlange standen. Oder nennen wir das Kind beim Namen. Nachdem die
Verdächtigen vor seinem Terrarium
Schlange standen.
Erst einmal müssen
wir die Möglichkeit ausschließen, dass er sich noch im Haus
befindet. Also, erstens Haus durchsuchen. Zweitens Möglichkeit
ausschließen. Und drittens eine Liste der Verdächtigen
erstellen.
Wenn manche Leute
etwas verlieren, glauben sie sofort, es sei ihnen gestohlen worden.
À la: Jemand hat meinen Handschuh geklaut. Solche Leute finde ich
lächerlich. Andere Leute wiederum sehen, dass ihr Auto nicht in der
Einfahrt steht, und reden sich ein, sie hätten es versehentlich
woanders abgestellt. Der Trick ist, die goldene Mitte zu
finden.
Wenn ich ganz still
sitze, höre ich ihn vielleicht scharren.
Kein Scharren,
nirgends. Ich beginne mit der Durchsuchung. Dabei gehe ich nicht
besonders systematisch vor. Ich stampfe vielmehr panisch durchs
Haus oder lege mich flach auf den Bauch, damit ich auch unter die
Möbel schauen kann, und rufe dabei Wedges Namen. Der kleine
Scheißer sitzt wahrscheinlich starr vor Schreck in einer Ecke und
kaut an seinen Nägeln. Vielleicht hinter dem Kühlschrank. Na schön.
Rücke ich den Kühlschrank eben ab. Und siehe da, irgendwie gelingt
mir das sogar. Ich staune über meine eigene Kraft. Die Macht ist
mit mir. Wedge ist nicht hinter dem Kühlschrank. Ich rücke ihn
nicht wieder an die Wand. Wer sagt denn, dass ein Kühlschrank
gerade stehen muss.

Es klopft an der Tür.
Das Geräusch holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Mein
Pferdeschwanz ist weg. Genauer gesagt, aufgegangen. Wann ist denn
das passiert. Ich bin ganz aufgeladen, wie ein Muppet. Als ich das
neue Türschloss anfasse, bekomme ich einen Schlag. Verdammt. Es ist
Byrne Doyle mit einem Kuchen von Piety Pie. Nicht Zitrone. Sondern
Blaubeer. Trotzdem, nett von ihm. Kommen Sie rein.
Jim Ryan hat mir
erzählt, beginnt er.
Meine Maus ist
weg.
Dass dein Onkel weg
ist.
Ja, der auch. Ich
trage den Kuchen in die Küche.
Byrne schlurft mir
hinterdrein. Jacob Marley. Den keine Ketten am Fortkommen hindern,
sondern ein Mantel.
In einem anderen
Mantel könnten Sie größere Schritte machen, sage ich.
Er ist
warm.
Der
Kuchen.
Nein, der
Mantel.
Ja, aber auch mit
erheblichen Nachteilen verbunden.
An deinen Haaren sehe
ich, dass du gestresst bist, sagt er. Setz dich, und iss ein
Stückchen Kuchen.
Ich setze mich. Byrne
streift seinen Mantel ab. Wirft einen scheelen Blick auf den
Kühlschrank. Schnuppert. Der Müll muss raus.
Ja.
Da es keine sauberen
Teller mehr gibt, greift er erst einmal zu Spülmittel und
Bürste.
Danke,
Byrne.
Stets zu Diensten,
sagt er.
Ich sehe ihm beim
Essen zu. Mit der Gabelkante schneidet er kleine geometrische
Figuren ab und arbeitet sich so langsam von der Spitze zum Teigrand
vor. Als würde er eine Einfahrt freischaufeln. Ich hingegen esse
meinen Kuchen von oben nach unten. Ich hebe den Deckel mit der
Gabel an. Das kann schon mal eine Stunde dauern. So viele
Blaubeeren.
Haben Sie vielleicht
gesehen, wie jemand Wedge aus seinem Terrarium geholt
hat.
Hm.
Meine Maus. Nach der
Beerdigung.
Er schüttelt den Kopf
und schluckt.
Da kommt mir ein
Gedanke: Vielleicht ist jemand bei uns eingebrochen. Vielleicht war
der Türknauf deshalb lose. Vielleicht ist jemand, der mit dem
Nordwestschubs nur unzureichend vertraut war, in unser Haus
eingedrungen und hat Wedge entführt.
Brr, brr, macht Byrne
und legt seine Gabel beiseite. Immer langsam mit den jungen
Pferden, Fräulein.
Schon gut. Ich zurre
meinen Pferdeschwanz zurecht.
Er erklärt sich
bereit, mir bei der Suche nach Wedge zu helfen. Aber er warnt mich
davor, in eine Die-ganze-Welt-willmich-verschaukeln-Haltung zu
verfallen. Denn von dort gebe es kein Zurück. Er sei Politiker. Er
kenne sich aus.
Ich überlege, wer ihn
wohl verschaukelt hat. Vielleicht das Wahlvolk, das ihn am langen
Arm verhungern lässt.
Ich schnappe mir eine
Tüte Lakritz und renne die Treppe hoch.
Wie sollte eine Maus
da raufkommen.
Über die
Scheuerleiste.
Aha. Ich bringe dann
mal eben den Müll raus, sagt Byrne.
Oben angekommen, sehe
ich unter meinem Bett nach. Spitze die Ohren. Kein Scharren,
nirgends. Der Heizungsschlitz. O nein. Wenn Wedge ins
Lüftungssystem geraten ist. Immer mit der Ruhe. Das Lüftungssystem
ist ein Labyrinth wie jedes andere. Einfach ein Lakritz vor einen
Ausgang legen und abwarten.
Auf dem Flur bleibe
ich stehen.
Ich müsste nicht im
Zimmer von meinem Dad nachschauen, wenn zwischen Türkante und
Fußboden nicht ein mausbreiter Spalt klaffen würde.
Ich öffne die
Tür.
Das Zimmer riecht
immer noch nach Dad. Ich mache Licht. Das Bett ist gemacht, hat
aber eine Delle. Am besten gar nicht hinsehen. Die Delle ist genau
da, wo er sich immer hingesetzt hat, um sich die Socken anzuziehen.
Sylvester Stallone hängt zwar noch an der Wand, wellt sich aber an
den Rändern.
Das Buch neben dem
Bett heißt Repulsive Gravitation: Der
Urknall. Klingt irgendwie bedrohlich. In der Ecke steht der
dänische Schreibtisch, und das von ganz allein.
Wedge, rufe ich
leise.
Mäuse kommen nicht,
wenn man sie ruft, du Gnomon.
Unter dem Bett: ein
Stapel alter Leonel-de-Tigrel-Artikel, die eine Ecke stützen. Die
alte rote Liege, auf der ich geschlafen habe, als Toff und
Großmutter zu Besuch waren, die Beine eingeklappt wie bei einem
toten Käfer.
Auf dem Schreibtisch:
Laptop. Zauberwürfel.
Ob er es wusste. Oder
doch zumindest ahnte. Ich meine, wenn man zum letzten Mal auf
seinem Bett sitzt und sich die Socken anzieht, und die Zukunft, in
die man sich normalerweise tagtäglich hineinbegibt, ist bald nicht
mehr da. Ob man das spürt.
Reiß dich zusammen,
Wobbly.
Der Zauberwürfel ist
gelöst. Logisch. Konzentration. Wenn man den Zauberwürfel lösen
möchte, muss man sich alle sechs Seiten auf einmal vorstellen
können. Mein Dad konnte das. Ich nicht. Ich schaffte immer nur eine
Seite auf einmal. Wie oft hast du denn auch nur eine Seite eines Zauberwürfels gelöst. Okay,
keinmal. Aber einmal habe ich ein Messer zwischen die Quadrate
geschoben, den Würfel in seine Einzelteile zerlegt und wieder
zusammengesetzt. Voilà.
Gelöst.
Gilt
nicht.
Ich nehme den Würfel
in die Hand. Stellen Sie sich vor, man könnte alle sechs Seiten des
Würfels auf einmal sehen. Und ihn in Gedanken drehen. Statt darin
gefangen zu sein.
Ich lege ihn wieder
auf den Schreibtisch.
Was habe ich
eigentlich hier gesucht.
Wedge.
Schön blöd. Hier ist
er nämlich nicht. Und jetzt hast du deinen Dad hier totgemacht. Und
nicht nur hier. In jedem neuen Zimmer, das du betrittst, wirst du
deinen Dad totmachen. Jetzt ist er auch im ersten Stock tot. Im
Parterre war er schon tot. Bleibt nur noch ein Stockwerk
übrig.
Gefunden, ruft Byrne
Doyle von unten herauf.
Nein.
Onkel Thoby hatte
kein Stockwerk mehr übrig.
Der rote Christmatech-Van steht vor Julian-Brown’s
Möbelhaus. Davon abgesehen weist nichts auf Christmatech hin. Ich
überprüfe den Absender auf dem Briefumschlag und stoße die Tür auf.
Es ist fast genau, wie ich es in Erinnerung habe. Lauter wundersame
Zimmer unter einem Dach. Ein Set für jede Szene, die man spielen
möchte. Liebe, Krimi, Komödie. Etwas mehr schwarzes Leder als
damals, wie mir scheint. Keine Drehspiegel. Auch keine Kunden. Ich
drücke die Klingel. Die Schachtel mit den Lichterketten (Modell
D-534) klemmt unter meinem Arm.
Wenn ich mir hier und
jetzt ein Zimmer aussuchen müsste, würde ich mich für die
Country-and-Western-Küche dort drüben entscheiden. Die mit den
Hufeisengriffen an den Schränken und dem Cowboyhut auf dem
Kleiderständer. Hübsche Idee.
Zu einem Cowboyhut
würde ich nicht Nein sagen.
Ich setze den
Cowboyhut auf und lasse mich am Küchentisch nieder. Trommle mit den
Fingern. Ich glaube, so etwas nennt man eine Küche im Ranchstil.
Auf einer Ranch heißt der Herd range.
Oder heißt die ganze Ranch range. À la
Home on the. Es gibt sogar ganze Häuser im Ranchstil, die in der
Regel aus nur einem weitläufigen Geschoss bestehen. Kaum zu
glauben, dass es tatsächlich Leute gibt, die in treppenlosen,
einstöckigen Häusern wohnen.
Holterdiepolter geht
irgendwo im hinteren Teil des Ladens eine Tür auf, und Judd
Julian-Brown betritt ohne Dsch, dafür mit Bindestrich den
Verkaufsraum wie ein Richter den Gerichtssaal. Bitte erheben Sie
sich.
Derselbe graue Pulli.
Glattes rotes Haar. Schwerfälliger Gang. In Richtung
Theke.
Howdy,
Pardner.
Er blickt
auf.
Ich halte meinen
recycelten Pizzakarton hoch. Ich beantworte Ihren
Rückruf.
Er strahlt über alle
vier Backen.
Gestern Abend habe
ich das Modell D-534 wider besseres Wissen in Betrieb genommen.
Noch dazu im Innenraumbereich, genauer gesagt, in meinem Zimmer.
Als die Lichter angingen, hatte ich das Gefühl, ich fliege über
Vegas. Sie sahen aus wie Vegas aus der Luft. Sie hinterließen ein
Bild auf meiner Netzhaut, das mich noch lange verfolgen wird.
Während sie auf meinem Bett lagen und brannten, schlief ich ein.
Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen. Was ist an diesen
Lichterketten eigentlich so gefährlich, Judd. Gehen sie in Flammen
auf, oder macht ihr Anblick blind. Wie auch immer. Ich bin
jedenfalls nicht in Flammen aufgegangen. Und wenn meine Netzhäute
Schaden genommen haben, wenn ich radioaktiv verseucht bin, habe ich
eben Pech gehabt.
Die anderen
Lichterketten (Modell D-434) konnte ich leider nicht finden. Sie
sind wahrscheinlich im Keller. Mein Dad bringt sie Ihnen demnächst
zurück. Wenn’s recht ist, Pardner. Wie auch immer. Hier sind Ihre
Lichterketten. Ich würde sie gern gegen das Modell D-634
eintauschen. Damit die nächste Generation zu ihrem Recht
kommt.
Judd setzt sich mir
gegenüber an den Tisch. Lächelt leise über meinen Cowboyhut. Obwohl
ihm die Vorstellung, dass ich mit dem Modell D-534 geschlafen habe,
gar nicht behagt.
Gehört Ihnen der
Laden.
Meinen
Eltern.
Ich nicke. Und Sie
betreiben Christmatech von hier aus.
Christmatech ist im
ersten Stock.
Ich sehe mich um.
Hier haben wir unseren Drehspiegel gekauft.
Ein Drehspiegel ist
nie verkehrt.
Haben Sie den Pulli
selbst gestrickt.
Na klar.
Wie sich
herausstellt, hat Judd wie ich die GOLEM und einen
Französisch-Crashkurs absolviert, aber er war vier Klassen unter
mir, deshalb sind wir uns eigentlich nie groß über den Weg
gelaufen. Trotzdem beschließen wir, uns zu duzen. Wir hatten beide
Miss Daken in Mathe. Gott. Miss Daken mit ihren hohen Absätzen und
der Flechtfrisur. Judd fällt ein, dass er total verknallt war in
Miss Daken. Weißt du noch, wie sie ihre Schüler immer in ihren
Textaufgaben untergebracht hat, sagt er.
Ihre Textaufgaben
waren wie kleine Biografien.
Ich schwebte immer
entweder schwerelos in einer Rakete, sagt er. Oder musste zwanzig
Treppen steigen.
Ich war immer eine
russische Bäuerin, die Werst in Kilometer umrechnen wollte. Ich
frage mich, weshalb. Ob sie Verbindungen nach Russland
hatte.
Das glaube ich kaum,
sagt Judd. Aber ihre Textaufgaben hatten immer eine
Botschaft.
Und was, meinst du,
wollte sie mir damit sagen, wenn sie mich auf ein Feld in Sibirien
verfrachtete, wo ich ausrechnen musste, wie weit es nach Hause
war.
Keine Ahnung. Mir
wollte sie jedenfalls sagen, dass ich eine Diät machen
sollte.
Und trotzdem warst du
in sie verknallt.
Ich fand es
unheimlich scharf, dass sie immer auf Zehenspitzen ging, sagt
er.
Wegen der hohen
Absätze.
Als wir sie hatten,
trug sie schon lange keine hohen Absätze mehr, aber ihre
Wadenmuskeln waren irgendwie verkürzt, sodass sie nicht mehr normal
laufen konnte. Darum ging sie auf Zehenspitzen.
Er steht auf und
dreht das GESCHLOSSEN-Schild an der Tür herum. Jetzt steht dort
OFFEN. Offen für uns. Für alle anderen geschlossen.
Wer auf Zehenspitzen
geht, ist entweder voller Liebe. Oder voller Hass, sagt
er.
Ich lasse mir seine
Worte durch den Kopf gehen. Meinst du.
Komm mal
mit.
Eine Eisentreppe
hoch. Sie ist löchrig, und sie wackelt. Judds Stiefel donnern wie
Kanonenrohre. Wir kommen zu einer Tür. Noch immer kein
Christmatech-Schild. Er macht die Tür auf.
Willkommen in der
Christmatech-Werkstatt. Bitte pass auf, wo du
hintrittst.
Ich betrete einen
kleinen, rechteckigen Raum. Auf dem Boden Kabelrollen (grün).
Dunkle Glühbirnen. Stapelweise Pizzakartons. Aber das sind doch
keine Pizzakartons, sagt er beleidigt. Keine Pizza hat sie je von
innen gesehen. Ja, sie sind aus recycelter Pappe. Ja, sie sind
ursprünglich für Pizza bestimmt gewesen. Aber was soll’s. Jetzt
sind sie keine Pizzakartons mehr. Sondern
Christmatech-Kartons.
Ich hab’s
kapiert.
Das einzige
Möbelstück im Raum ist ein runder Tisch ohne Platte. Letztere hat
er durch ein Metallgitter ersetzt, an dem Kabel und Drähte
baumeln.
Was ist denn
das.
Ein
Tisch.
Sieht aber gar nicht
aus wie ein Tisch.
Wenn er fertig ist,
kann man die Sterne darin sehen.
Er bückt sich und
wickelt Kabel um das Tischgestell. Im Ernst, sagt er und deutet mit
einem Nicken zur Wand. Dort hängt eine Sternenkarte.
Oha.
Dann baut Judd also
einen Himmelstisch. Also, wenn einer das schafft, dann der Erfinder
der D-534-Lichterketten. Dein Blau, sage ich.
Ja.
So ein schönes Blau
habe ich noch nie gesehen.
Danke.
Bunsenbrennerblau.
Ich liebe
Bunsenbrenner.
Ich
auch.
Die
Christmatech-Werkstatt hat nur ein kleines Schiebefenster. Die
Sonne sinkt schnell, als würde jemand den Dimmer
herunterdrehen.
Judd packt eine neue
Lichterkette in einen Karton.
Wie ist mein Dad auf
dich gekommen.
Auf mich
gekommen.
Oder wo hat er die
D-434er gekauft.
Canadian
Tire.
Bei Canadian Tire
gibt es Christamatech-Lichterketten.
Er kniet, von
Glühbirnen und Pizzakartons umgeben, auf dem Boden. Sieht zu mir
hoch. Zwinkert. Also, ehrlich gesagt, gibt es sie nur auf dem
Parkplatz von Canadian Tire. Und auch das nur, wenn ich zufällig
dort stehe.
Ich lache. Ich frage
ihn, ob er sich an meinen Dad erinnert. Er sagt Nein. Ich gehe
neben ihm in die Hocke. Aber du musst dich an ihn erinnern. Ein
Engländer.
Er verdreht einen
Bindedraht. Und wie er ihn verdreht.
Gut, das reicht. Ich
lege meine Hand auf seine. Denk nach. Erinnerst du dich an
ihn.
Ein Engländer. Hm,
ja, kann sein.
Gut. Mehr wollte ich
gar nicht. Ich richte mich wieder auf.
Eine letzte Frage.
Als du neulich auf der Party warst …
Ich war nicht
auf der Party.
Hast du da zufällig
jemanden mit einer Maus aus dem Haus kommen sehen.
Du meinst, mit einer
Computermaus.
Nein, mit einer
echten Maus. Einer weihnachtsfarbenen Maus.
Weihnachtsfarben.
Weiß. Mit roten
Augen. Und der Zahl 18 auf dem linken Ohr.
Nein.
Er reicht mir einen
Pizzakarton, auf den er mit schwarzem Filzstift D-634 geschrieben
hat.
Als wir die
Eisentreppe wieder hinuntersteigen, erst ich, dann Judd, sehe ich
durch die Stufen (die hauptsächlich aus Luft zu bestehen scheinen
und weniger aus Eisen, nichts als Ringe aus Metall, die zittern und
beben wie riesige Atome) nach unten und denke darüber nach, was
meine Füße tun. Was man tunlichst unterlassen sollte, insbesondere
wenn man Wobbly Flowers heißt. Auf einer Treppe verbietet es sich
geradezu, darüber nachzudenken, was die eigenen Füße tun. Oder auch
nicht.
Ich
stolpere.
Ich merke, dass ich
falle, wie im Traum. Ganz langsam. Kennen Sie das Gefühl. Man fällt
wie in Zeitlupe, bis man plötzlich auf hört zu fallen. Und fliegt.
Oder schwebt. Ich habe mich schon oft gefragt, warum das so ist,
warum wir solche Träume haben sollten, wenn unser Gehirn nicht
wüsste, wie man fliegt. Wenn wir uns
nicht an eine Zeit erinnern könnten, als unser Genom noch sehr viel
kleiner war und wir Fliegen lernten, indem wir langsamer von den
Bäumen fielen. Treppen sind die Bäume von heute.
Aber ich fliege
nicht. Ich falle. Sechzehn Stufen hinunter. Dann: Aufprall. Oder
Impakt, wie der Fachmann sagt.
Wie kann eine Treppe
aus Luft bloß so wehtun.
Wobbly Flowers hat
heute zu viel C-A-F-F-E-E getrunken und zu wenig geschlafen, und
von windigen Larifaritreppen wird ihr schwindlig, ihre Netzhäute
sind verbrannt, und ihre Fantasie ist im Innern eines Zauberwürfels
gefangen, und sie versucht, sechs Rätsel auf einmal zu lösen, von
denen sie fünf nicht einmal sehen kann. Kein Wunder, dass sie
gefallen ist.
Und Judd kommt
hinterdreingepurzelt.
Nein, er steht wie
eine Eins. Eilt aber immer zwei Stufen auf einmal die Treppe
hinunter.
O Gott. Er schiebt
mir die Hände unter die Achseln. Immer schön senkrecht
halten.
Auf dem Treppenabsatz
liegt ein Cowboyhut. Dass ich den aufhatte, war mir glatt
entfallen.
Links von mir setzt Jim Ryan seinen Wagen vorwärts
aus seiner Einfahrt. Er kurbelt sein Fenster herunter. Ich das
meine.
Alles
klar.
Ich strecke den
Daumen hoch.
Was um Himmels willen
ist denn mit deinem Gesicht passiert.
Halbsowild.
Ich sitze in der
Einfahrt, im LeBaron, und rühre mich nicht von der Stelle. Normal
ist das nicht.
Du hast den neuen
Türknauf doch hoffentlich nicht auch schon wieder
abgebrochen.
Nö.
Bist du sicher, dass
dir nichts fehlt.
Ja. Fahren Sie
nur.
Er fährt. Wenn auch
widerwillig. Was wollte er mir damit sagen. Dass ich den alten
Türknauf absichtlich abgebrochen habe. Ich betrachte mein Gesicht
im Rückspiegel. An meinem linken Auge keimt ein Gerstenkorn. Was
den Rest angeht: am besten gar nicht hinsehen.
Onkel Thoby hat nicht
angerufen. Wedge ist immer noch verschollen. Die Lakritzen, die ich
vor sämtliche Heizungsschlitze und die Kellertür gelegt habe,
weisen keine Bissspuren auf. Ich habe ihm Untertassen mit Wasser
hingestellt. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich starre auf das
dunkle Haus. Na los. Geh schon. Rein mit dir.
Gleich.
Was, wenn ich für die
Menschen, die ich liebe, der Tropfen bin, der das Fass zum
Überlaufen bringt, und nicht der Böttcher, der rechtzeitig den
Spind zieht. Oder wie das heißt. Was, wenn ich alles immer nur noch
schlimmer mache und nicht besser. Und jetzt ist Onkel Thoby zu
allem Überfluss auch noch in England, wo er von Toff und Großmutter
als Geisel gehalten wird. Aber vielleicht geißelt ihn ja auch der
Zoll und lässt ihn nicht telefonieren. Und ich bin schuld daran,
weil ich seinen Stresslevel erhöht habe, statt ihn zu
senken.
Und weil ich
eingeschlafen bin und ihn nicht aufgehalten habe.
Genau das haben ich
und mein Dad immer befürchtet, auch wenn er das niemals zugegeben
hätte: dass Onkel Thoby nach England zurückgeht. Und wir ihn
verlieren. Weil er sich vorkam wie ein Preis, den wir zufällig in
der Lotterie gewonnen hatten. Nach unserer dritten Fahrt zum
Flughafen hatten wir schlicht und einfach Schwein
gehabt.
Eines Tages, als mein
Dad bei der Arbeit war, bat ich Onkel Thoby, mich zum Stall
hinauszufahren. Ich wusste, dass er weder Auto fahren konnte noch
wollte. Trotzdem fragte ich ihn. Warum. Weil er mir damit in den
Ohren gelegen hatte, wie »effizient« die Londoner U-Bahn doch sei,
was wiederum den Schluss nahelegte, dass unsere Metrobusse
»ineffizient« waren, und das konnte ich unmöglich durchgehen
lassen. Wir haben schließlich Clint. Die Qantas unter den
Taxis.
Ja, ja. Clint ist ein
Juwel. Aber du würdest die U-Bahn lieben, Odd. Geheime Tunnels. Wie
Heizungsschlitze. Die dich bringen, wohin du auch willst. Wenn du
eines Tages verreist, wirst du schon sehen.
Ich will aber nicht
verreisen.
Jetzt lag er auf dem
Sofa und las ein Buch über London und die Londoner. Auch das konnte
ich unmöglich durchgehen lassen. Also schlüpfte ich in meine
Reitmontur, stampfte ins Wohnzimmer und bat ihn, mich zum Stall
hinauszufahren.
Er legte sich das
Buch mit aufgeschlagenen Flügeln auf die Brust. Vielleicht fährt
Verlaine dich nach der Arbeit.
Nein,
du.
Ich kann
nicht.
Ich warf ihm die
Schlüssel in den Schoß. Sie landeten unter der Gürtellinie. Autsch.
Das Buch rutschte ihm von der Brust.
Ich kann nicht,
Odd.
Gut, dann fahre ich
eben mit dem Rad.
Obwohl ich unmöglich
mit dem Rad zum Stall fahren konnte. Der Stall war draußen beim
Flughafen, um Himmels willen. Trotzdem marschierte ich auf die
Veranda und stieg auf mein Rad, als sei es Rambo.
Wenn du unbedingt
fahren willst, sagte Onkel Thoby, rufe ich rasch bei Clint
an.
Ich schielte unter
meinem Schirm hervor. Ich will aber, dass du mich fährst.
Ich kann dich aber
nicht fahren, Liebes.
Wohl.
Ein für alle Mal:
Nein.
Wie du willst. Ich
strampelte die Verandatreppe hinunter.
Oddly.
Ich schaltete auf
Durchzug.
Wie es das Schicksal
wollte, setzte Jim Ryan just in diesem Augenblick aus seiner
Einfahrt. Er sah mich nicht. Ich musste eine Vollbremsung hinlegen.
Seine Stoßstange verfehlte mich um Armeslänge. Sie streifte
praktisch meinen Reifen. Zuerst hätte ich am liebsten die Hand
ausgestreckt und der Stoßstange einen kräftigen Schlag versetzt.
Stattdessen streckte ich die Hand aus und hielt mich an ihr fest.
He, Freifahrt, dachte ich.
Nicht, hörte ich
Onkel Thoby sagen.
Doch, dachte ich bei
mir.
Ich wurde gezogen und
brauchte nicht zu strampeln. Ich musste nur aufpassen, dass ich
nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Die eine Hand am Lenker, die
andere um Jim Ryans Heckstoßstange. Datsun. Bronzefarben. Am Ende
des Wednesday Place wendeten wir. Gar nicht so einfach. In die
Kurve legen. Und noch einmal. Jetzt sausten wir den Blackbog Drive
entlang, vorbei am Civil Manor und der Piety-Pie-Fabrik. Eine Nase
Kuchenduft. So schnell war ich mit dem Rad sonst nie. Die Straße
jagte unter mir dahin wie unter dem Loch in Verlaines
Auto.
Ich nahm eine
aerodynamische Haltung ein.
Autos hupten. Jim
glaubte, sie wollten ihn freundlich grüßen. Er hupte
zurück.
Sie zeigten auf
mich.
Er zeigte auf
sie.
Du hast eine
Ex-Biografin am Arsch hängen, Jim. Mit einem englischen Reithelm
auf dem Kopf.
Wir wurden immer
schneller. Jetzt erst kam ich auf die Idee, mich zu fragen, wohin
Jim Ryan wohl fuhr. Ähm. Zum Stall wohl kaum. Nein, auf keinen
Fall. Ob er überhaupt wusste, wo der Stall war. Nein. Er wollte
vermutlich zur Trans-Canada. Die trotz ihres Namens nicht quer
durch Kanada verlief, schließlich lebten wir auf einer Insel. Sie
endete kurz vor dem Flughafen. Wenn Jim Ryan tatsächlich zum
Flughafen wollte, brauchte ich mit dem Rad nur über die Rollbahn zu
fahren, und schon war ich beim Stall.
Allmählich taten mir
die Hände weh. Ich dachte daran, wie Onkel Thoby die Einfahrt
entlanggestolpert war. Wie er Nicht gerufen hatte. Ich bekam ein
schlechtes Gewissen. Ich ging in Crashhaltung. Die sich von der
aerodynamischen Haltung übrigens nur unwesentlich
unterscheidet.
Links überholte uns
ein Pick-up Truck, und ein Junge schrie: Lass los, du
Schwachkopf.
Ich hasste
ihn.
Ich hasste Jim
Ryan.
Auf dem Blackbog
Drive gab es keine Ampeln. Wir fuhren und fuhren. Und hielten nicht
ein einziges Mal an. Ich hätte beim besten Willen nicht loslassen
können. Nicht zuletzt, weil ich erbärmlich fror. Wann war es
eigentlich so kalt geworden. Meine Hand klebte an der Stoßstange
fest. Mir liefen die Tränen.
Plötzlich hörte ich
ein vertrautes, langgezogenes Hupen. Dieses Hupen kannte ich doch.
Ich wandte den Kopf. Und was sah ich. Onkel Thoby in unserem
kleinen braunen LeBaron! Mit offenen Fenstern. Und grotesk
verzerrter Miene. Anhalten. Anhalten.
Da schaute Jim Ryan
zum ersten Mal in den Rückspiegel. Das hatte er sich vermutlich
abgewöhnt, seit er vorwärts aus seinem Hörnchen fahren konnte.
Rückspiegel waren nur etwas für Menschen ohne
Hörnchen.
Er stieg so heftig
auf die Bremse, dass der Wagen nach rechts ausscherte, was erstens
ziemlich unvernünftig war und zweitens ohne Weiteres zu einem
Unfall hätte führen können.
Extravehikuläre
Ablenkung. In Form meiner Wenigkeit. Ich hob ab. Und flog mit
meinem Fahrrad in hohem Bogen durch die Luft. Dann plötzlich war
das Rad verschwunden. Und ich flog solo weiter. Platsch, landete
ich zwischen Straße und Trottoir. Nicht in der Gosse. Oder doch.
Doch in der Gosse. Das passte. Wie angegossen. Ich landete mit dem
Gesicht voran. Einen Augenblick lang war alles mollig still und
warm. Und raten Sie mal, was mein Gesicht vor Schlimmerem bewahrte.
Mein schwarzer Schirm. Mein Helm. Links war der schwarze Samt
gerissen. Ich hatte gehört oder vielmehr gespürt, wie er gerissen
war.
Nach einer Weile
hörte ich jemanden fluchen. Jim Ryan auf dem Gehsteig. Ich wurde
auf den Rücken gedreht. Onkel Thoby betastete meine Beine. Autos
bremsten. Mir war kalt, obwohl die Sonne schien. Im ersten Moment
wusste ich nicht, welche Jahreszeit wir hatten. Haben wir
Sommer.
Spürst du
das.
Ich
nickte.
Und das.
Ich bin vom Rad
gefallen. Wo ist mein Rad.
Onkel Thoby dachte,
ich sei gelähmt. Aber ich war nur ganz wacklig auf den Beinen, wie
jemand, der gerade einen Geschwindigkeitsweltrekord gebrochen
hat.
Onkel Thoby kroch,
immer hart am Seitenstreifen entlang, über den Blackbog Drive und
sagte: So war das mit dem Verreisen aber nicht
gemeint.
Ich: Ich
weiß.
Onkel Thoby: Gegen
Abenteuer ist prinzipiell nichts einzuwenden, aber es kann nicht
schaden, wenn man sie wohlbehalten übersteht.
Ich: Ich
weiß.
Onkel Thoby wischte
sich mit dem Ärmel die Tränen ab.
Ich: Warum fahren wir
eigentlich so langsam.
Er: Tun wir gar
nicht. Du bist bloß tempogeschädigt.
Ich, nach einer
kurzen Pause: Ich will nicht, dass du weggehst.
Er: Ich habe nicht
die Absicht wegzugehen.
Ich: Nie
wieder.
Er:
Nein.
Ich: Wie,
nein.
Er: Nein, ich gehe
nie wieder weg.
Ich:
Indianerehrenwort.
Er: Ja.
Ich: Und du willst
wirklich keine großen wohlbehaltenen Abenteuer in U-Bahnen mehr
bestehen.
Er: Das hier ist mein
großes wohlbehaltenes Abenteuer.
Ich: Was,
das.
Er: Du. Dein Dad. Das
alles.
Verlaine macht mir die Tür auf. Ihre Haare sehen aus
wie eine gezackte Klinge. Was ist denn mit deinem Gesicht
passiert.
Meinst du die
Schramme am Kinn oder das Gerstenkorn.
Du siehst aus wie der
ehemalige russische Präsident.
Ach ja. Der
Bluterguss an der Stirn. Das ist noch gar nichts. Meine Zähne
fühlen sich an, als hätte sie mir jemand noch ein Stückchen tiefer
in den Kiefer gerammt. Ich bin die Treppe
runtergefallen.
Sie wirkt nicht
sonderlich erstaunt und bietet mir eine Tasse Tee an.
In Verlaines
Wohnzimmer ist es kalt und zugig. Es hat ein Fenster, das in
vierundfünfzig Karos unterteilt ist. Mit zwei Flügeln, wie ein
aufgeschlagenes Buch. Es gibt keine Weihnachtsdekoration im
eigentlichen Sinne. Verlaines Vorstellung von Weihnachtsdekoration
scheint sich darin zu erschöpfen, dass sie den Pferden, die ohnehin
jeden freien Zentimeter mit Hufbeschlag belegen, kleine
Rentiergeweihe aufsetzt.
Ich habe eine Liste
gemacht, rufe ich und ziehe den Cluedo-Punktezettel aus meiner
Hintertasche. Dr. O’Leery. Patience. Die Studenten von meinem Dad.
Leonel de Tigrel.
Sie kommt mit zwei
Bechern Tee zurück. Ich setze mich in den Schaukelstuhl. Sie setzt
sich aufs Sofa. In meinem Becher tobt ein Zyklon. Ich puste ihn
weg. Er kommt wieder.
Ziemlich kühl hier
drin.
Sie trägt ein
T-Shirt, was auch sonst. Darauf steht PSYCHO-NEUROENDOKRINOLOGIE.
Das OLOGIE verschwindet unter ihrer Achsel. Sie sagt, sie habe es
geschenkt bekommen. Von wem. Irgendeinem Idioten von der
Arbeit.
Ich popele an meinem
Gerstenkorn herum. Also, was die Verdächtigen angeht.
Sie weiß, dass Wedge
verschwunden ist. Als ich ihr am Telefon erzählte, welch üble
Machenschaften ich hinter der Sache vermute, kam kein Kommentar.
Also sagte ich: Kann ich vorbeikommen.
Sie hört sich meine
Theorie an. Genauer gesagt, meine Theorien. Entweder: Dr. O’Leery,
der neuerdings mit Mäusen arbeitet, leidet an akuter
Mäuseknappheit, und da kam ihm Wedge gerade recht. Oder eine der
liebestrunkenen Studentinnen von meinem Dad hat beschlossen, sich
mit einem lebenden Andenken davonzustehlen. Oder Patience. Ich weiß
auch nicht. Aber sie könnte es gewesen sein. Oder Leonel de
Tigrel.
Wer.
Der Erzfeind von
meinem Dad. Erinnerst du dich noch an die ganzen Artikel im
Wohnzimmer.
Dunkel.
Dunkel!
Dein Vater hatte
keine Feinde, Audray.
Das ehrt dich, aber
glaub mir. Leonel de Tigrel. Ich falte meine Liste wieder
zusammen.
Ich habe auch eine
Theorie, sagt Verlaine.
Ich bin ganz
Ohr.
Der kleine Croque
monsieur ist noch im Haus.
Ich habe das ganze
Haus auf den Kopf gestellt.
Audray.
Was. Ich gebe gern
zu, dass die Beweislage im Fall Patience etwas dürftig ist. Aber
was die anderen angeht. Also habe ich beschlossen, zuerst die
hiesigen Verdächtigen auszuschließen und meine Ermittlungen dann,
nachdem ich sie von meinem Punktezettel gestrichen habe, auf das
nicht-kanadische Ausland auszuweiten.
Das nicht-kanadische
Ausland.
England.
Hat dein Onkel sich
noch immer nicht gemeldet.
Blinzel.
Audray.
Was. Leonel de Tigrel
ist mein heißester Kandidat. Ich habe ein bisschen nachgeforscht.
In Cambridge gibt es ein Labor namens Humouse House. Es wird von
Duracell gesponsert und von Leonel de Tigrel geleitet. Wenn er eine
Maus länger am Leben …
Eine mechanische
Maus.
Nein, eine
echte.
Aber sie läuft mit
Batterien.
Nein. Humouse House
wird von den Batterien gesponsert.
Leonel de Tigrel arbeitet mit Supermäusen. Was vermutlich einer der
Gründe ist, weshalb er es auf Wedge abgesehen hatte. Wegen seines
kräftigen Oberkörpers. Aber das tut nichts zur Sache. Sein wahres
Motiv ist Wedges Langlebigkeit. Von
seiner lebenslangen Fehde mit meinem Dad ganz zu
schweigen.
Verlaine kratzt sich
beidhändig am Kopf. Wo hast du das nur her.
Fragst du mich oder
dich selbst.
Sie blickt auf.
Dich.
Ich habe mir den
Laptop von meinem Dad geschnappt und ein paar Nachforschungen
angestellt. Ich weiß, was du denkst. Du denkst: Wie kann Leonel de
Tigrel unseren Wedge gekidnappt haben, wenn er zur Tatzeit in
Cambridge weilte.
Sie runzelt die
Stirn.
Gute Frage. Erinnerst
du dich an den Belgier.
Beim Leichenschmus
von meinem Dad.
Beim
was.
Der Typ, der mich
leapling genannt hat.
Ach ja.
Der.
Wer war
das.
Keine
Ahnung.
Eben. Ich lehne mich
zurück.
Sie
schweigt.
Eben, wiederhole ich.
Er ist extra hierhergekommen, um Wedge zu entführen.
Aus
Belgien.
Aus
England.
Aus England. Nur, um
eine Maus zu stehlen.
Ja. Weil mein Dad
nämlich eine erfolgreiche Strategie zur Heilung des menschlichen
Alterns entwickelt hatte, und das wusste Leo der Tiger. Und wer
weiß, vielleicht hatte mein Dad ja vor, sich sein eigenes Humouse
House zu bauen und die zwei Millionen Dollar und die Reise nach
Stockholm zu gewinnen.
Was. Moment. Willst
du damit sagen, der Mann bei der Beerdigung deines Vaters kam von
Humouse House.
Ja.
Leonel de
Tigrel.
Ja.
Dann ist Leonel de
Tigrel also Belgier.
Möglich wär’s. Weißt
du noch, was er für große Augen machte, als ich ihm sagte, wir
hätten Wegde schon, seit ich ein kleines Mädchen war.
Einen Augenblick lang
scheint Verlaine von dem Gedanken wie hypnotisiert. Dann platzt der
Ballon. Audray.
Was.
Sie zögert. Die
durchschnittliche Lebenserwartung einer Maus.
Ich schaukele in
meinem Stuhl. Ich weiß.
Wirklich.
Vier Jahre, sage
ich.
Eher zwei. Zwei und
zwanzig sind ein himmelweiter Unterschied.
Eben. Schaukel,
schaukel. Was will sie mir damit sagen. Dass Wedge nicht Wedge ist.
Dass Wedge gar nicht Wedge sein kann. Das will sie mir damit
sagen.
Glaubt Sie im Ernst,
ich würde meine eigene Maus nicht kennen. Ich, die ich Wedge
eigenhändig wieder aufgepäppelt habe, nachdem er beinahe in einem
Canadian-Tire-Fass ertrunken wäre. Ich, die ich fast mein ganzes
Leben lang Seite an Seite mit ihm unter einem Dach gehaust habe.
Das wäre, als ob Verlaine Rambo nicht von, sagen wir, Sylvester
Stallone unterscheiden könnte.
An dem Tag, als wir
Wedge mit nach Hause nahmen, fror und zitterte er, deshalb setzten
wir ihn in eine kleine, mit Kleenex ausgeschlagene Schachtel. Er
mümmelte sich ein. Dann stellten wir die Schachtel unter eine
Schreibtischlampe, damit er es mollig warm hatte. Er wollte nicht
fressen, und so fütterte ich ihn mit Milch aus einem
Augentropfer.
Mein Dad warnte mich,
mit Wedge stimme etwas nicht. Er sei irgendwie nicht ganz
normal.
Wedge wurde gern auf
den Arm genommen. Also nahm ich ihn mehrmals täglich auf den Arm.
Mein Dad sagte, jüngste Untersuchungen (nicht seine) hätten
ergeben, dass Mäuse, die in jungen Jahren häufig liebkost und
geknuddelt werden, länger leben. Er wusste nicht recht, ob er das
glauben sollte. Er hielt nichts davon, Versuchstiere zu knuddeln.
Aber sie mit einem Handtuch hinter den Ohren abzutrocknen, sodass
sie ganz verträumt werden vor Glück, dagegen hast du
nichts.
Das ist ja auch etwas
ganz anderes.
Nämlich.
Jedenfalls nicht
knuddeln.
Manchmal waren die
Milchtropfen so groß, dass Wedge sie nicht schlucken konnte, und
die Milch kleckerte auf seine Barthaare. Ich weiß noch, wie seine
Nase aussah, wenn sie feucht war. Ich weiß, wie seine Augen
aussahen, wenn er sie geschlossen hielt. Ich weiß, dass er keine
Augenbrauen hatte.
Nach zwei Wochen ging
es ihm allmählich besser, und er kletterte das erste Mal aus seiner
Schachtel. Also verlegten wir ihn ins Terrarium.
Von dort hatte er das
ganze Wohnzimmer im Blick, und er kratzte sich am Kopf und
überlegte, wie man die Möbel umstellen könnte.
Wie er sich an seiner
Wasserf lasche festhielt, damit er nicht umfiel. Wie er mit den
Händchen fuchtelte. Wie er seinen Pony toupierte, wenn wir Gäste
hatten. Wie er Geige spielte, wenn der Name Byrne Doyle
fiel.
Wenn Wedge nicht
Wedge wäre, wüsste ich das.
Die 18 auf seinem Ohr
nicht zu vergessen.
Du musst mich in Dr.
O’Leerys Labor einschmuggeln, sage ich zu Verlaine. Damit ich ihn
von meiner Liste streichen kann. Als Erstes muss ich die hiesigen
Verdächtigen ausschließen.
Sie sieht mich
zweifelnd an. Und dann.
Wedge war topfit. Ein
normales Mäuseherz schlägt circa 700 mal in der Minute. Wedge hat
es geschafft, seine Herzfrequenz auf 500 bpm zu reduzieren.
Erstaunlich.
Mein Puls liegt bei
61. Im Ruhezustand. Wenn ich mit Vollgas um die Veranda sprintete,
stieg er auf 75. Mein Dad brachte mir bei, wie man die Herzfrequenz
berechnet, und eine Zeit lang drehte sich bei mir alles um die HF.
Meine eigene und die anderer.
Wie hoch ist dein
Ruhepuls, fragte ich jeden, der ruhte und seine Ruhe haben wollte.
Soll ich mal fühlen.
Mein Dad sagte,
Wedges Gene seien mit den unseren weitgehend identisch. So gebe es
zum Beispiel die Familie der sogenannten tinman-Gene, und dreimal
dürfen Sie raten, was diese Gene bauen. Genau. Herzen. Stellen Sie
sich ein winziges Männchen mit Bauarbeiterhelm vor. Und nun stellen
Sie sich vor, wie es den Spaten in Ihrem Herzensgrund versenkt und
sagt: Hier bauen wir ein Herz.
Bei Wedge sagt der
kleine Bauarbeiter: Hier bauen wir ein Mäuseherz.
Und bei mir sagt er:
Hier bauen wir ein Menschenherz.
Mein Dad meinte, es
sei durchaus denkbar, dass sich der kleine Bauarbeiter austricksen
oder verändern lässt.
Die Gene von Menschen
und Mäusen stimmen zu 80 Prozent überein. Genetisch stehen wir den
Mäusen näher als Katzen, Hunden oder Pferden. Trotzdem, wenn man
mich mit dem Nudelholz plattwalzen würde – mein Herz, mein Gehirn,
meine Zellen, alles, millimeterdünn gewalzt -, würde ich eine
Fläche von circa 80 Hektar bedecken und Wedge ungefähr einen
halben. Immerhin.
Mein Dad sagte, meine
Herzschläge verhielten sich zu Wedges Herzschlägen wie ganze Noten
zu Achtelnoten. Das verstand ich nicht. Er sagte: Sagen wir so.
Wedges Herz füllt die Lücken in deinem Herzen.
Diese Vorstellung
gefiel mir.
Er sagte: Es gibt
aber auch Tiere, deren Herz sehr langsam schlägt.
Zum
Beispiel.
Schildkröten.
Schildkröten!
Mein Dad sagte, er
habe in London ein Konzert besucht, wo die »Ode an die Freude« so
langsam gespielt wurde, dass es einen lieben langen Tag dauerte.
Ode an die Zeitlupe. Das entspricht in etwa dem Tempo einer
Schildkröte, sagte er.
Und wie hat sich das
angehört.
Wie ein rotierender
Planet.
Kurz: Wedge konnte
mit seinen Zwei-Zentimeter-Beinchen zwanzig Kilometer täglich
laufen. Er war topfit. Herrgott, er konnte eine Glühbirne zum
Glühen bringen.
Und Onkel Thoby
fütterte ihn mit Lakritzen, die angeblich besondere
Anti-Aging-Eigenschaften besaßen.
Und ich knuddelte
ihn.
Bald wurde mir eines
klar: Je niedriger die HF, desto länger kann man seinen LHS
hinauszögern. Das Komische ist nur: Immer wenn ich über meinen LHS
oder den LHS eines lieben und geliebten Menschen nachdachte,
schnellte meine HF in die Höhe.
Mein Dad wollte
wissen, wo ich diese Abkürzung aufgeschnappt hätte.
Keine Ahnung. Hab ich
mir ausgedacht.
Er sagte: Angenommen,
dein LHS ließe sich unendlich hinauszögern.
Verlaine sagt, Dr.
O’Leery habe Mäuse genug, und wenn er Nachschub brauche, müsse er
sie, Verlaine, nur fragen, warum also sollte er Wedge gestohlen
haben.
Um sich an meinem Dad
zu rächen.
Sie starrt mich
ungläubig an. Aus Rache. An einem Toten.
Weil er seinetwegen
ein verlängertes Sabbatical einlegen musste.
Ach komm,
Audray.
Kommen.
Wohin.
Sie sagt, ich sei
nicht ganz dicht.
Ich sehe an mir
herunter. Tropfe ich.
Du weißt genau, was
ich meine. Sie sagt: Du glaubst doch nicht im Ernst. Und hält
mitten im Satz inne. Macht eine wegwerfende Handbewegung. Als sei
sie mit ihrem Latein am Ende. Als sei das nicht ihr Problem. Sie
bringt meinen Becher in die Küche. Du hast deinen Tee nicht
getrunken, sagt sie.
Ich habe empfindliche
Zähne.
Sie kommt wieder und
bleibt in der Tür stehen. Sie verschränkt die Arme über
PSYCHONEUROENDOKRINOLO-GIE. Sie sagt, ich sähe das Laub vor lauter
Blättern nicht.
Was.
Ihre Worte gehen auf
Zehenspitzen. Sie zögert. Ich hatte großen Respekt vor deinem
Vater.
Ich
nicke.
Aber der Tod ist nun
mal nicht évitable, französelt sie. Und
seiner Tochter das Gegenteil vorzugaukeln, ist in meinen Augen eine
Form der Grausamkeit.
Diesen Fehdehandschuh hob ich nicht auf. Sie schloss
die Augen länger als ein Blinzeln, was normalerweise darauf
hindeutet, dass jemand in sich geht und bereut, was er gesagt hat.
Je nun. Gehe in dich und bereue, Verlaine. Ich faltete meine Liste
zusammen und ging.
Audray.
Ich ging ohne ein
Wort. Gewissermaßen hob ich den Fehdehandschuh also doch auf. Und
lief mit ihm davon, so schnell ich konnte.
Am Flughafen wimmelt
es von Weihnachtsurlaubern. Es kommen mehr Flüge an, als selbst der
weiseste Einweiser bewältigen könnte.
Miss, Abholer warten
bitte außerhalb des Ankunftsbereichs.
Sagt ein Mann, der
zwar nicht direkt Uniform, aber doch immerhin ein Namensschildchen
an der Krawatte trägt.
Abholer.
Sie holen doch
jemanden ab.
Das will ich
hoffen.
Wie auch immer, bitte
treten Sie zurück. Da drinnen herrscht das nackte
Chaos.
Natürlich.
Doch als die Schiebetür das nächste Mal
aufgeht, schiebe ich mich unauffällig hindurch. Wo ist das
Karussell. Ich dachte, ich warte am Gepäckkarussell, nur für den
Fall, dass tatsächlich jemand kommt. Aber es ist verschwunden. Das
gute alte Karussell-Karussell ist verschwunden, und an seiner
Stelle steht ein flaches Transportband, das etwa so aussieht,
mit einer Klappe an jedem Ende. Ich gehe neben einer Tasche her, an
der ein grüner Anhänger mit der Aufschrift DU SIEHST NICHT AUS WIE
MEIN BESITZER befestigt ist. Das versetzt mir einen kleinen Stich.
Ich schlendere weiter zur Rolltreppe, wo sich eine kleine
Menschenmenge versammelt hat. Ich bin anscheinend nicht der einzige
übereifrige Abholer. Hier stehen sie mit ihren Rentiergeweihen und
Weihnachtsspruchbändern. Zugegeben, nur ein paar tragen Geweihe.
Und niemand schwenkt ein Spruchband. Aber die Stimmung ist
entsprechend. Festlich. Es ist Weihnachten, und ihre Freunde und
Verwandten kommen nach Hause.

Ich lehne am Tresen
der Firma Hertz. Auch das ist neu. Die vielen Mietwagenstände. Ich
stibitze eine Zuckerstange vom Tresen.
Möchten Sie einen
Wagen.
Nein, danke. Ich habe
schon einen. Einen braunen LeBaron. Mit Schaltgetriebe. Ich bin
Abholer.
Abholer haben hier
eigentlich nichts verloren.
Ja, ich weiß, aber es
handelt sich um einen Notfall.
Oh. Na, dann will ich
nicht weiter stören.
Erstaunlich, wie
viele Leute mit Kinderwagen die Rolltreppe herunterkommen. Riesige
Kinderwagen mit Mountainbike-Reifen. Das ist doch garantiert ein
Sicherheitsrisiko. Ich halte nach bekannten Gesichtern Ausschau.
Nichts, nichts, nichts.
Die Leute fallen
einander um den Hals, schwenken ihre Spruchbänder und laufen
singend im Kreis. Es ist das nackte Chaos, wie der Mann mit dem
Namensschild ganz richtig sagte. Nach einer Weile beruhigen sie
sich und wandern zum Gepäckband hinüber. Denn gleich landet auch
schon die nächste Maschine, und dann die übernächste und die
überübernächste undsoweiter undsofort.
Ich suche nach der
Wand vor dem nicht-kanadischen Ausland. Wo ist diese verdammte
Sperrholzwand geblieben. Sie kann doch nicht spurlos verschwunden
sein. Aber ich finde nur eine bunt bemalte Nicht-Sperrholzwand. Ich
klopfe dagegen.
Keine
Reaktion.
Ich setze mich auf
einen herrenlosen Koffer.
Der Fußboden ist
nicht mehr ziegelrot gefliest, sondern plan und weiß. Wie
geschaffen für Rollkoffer. War der neue Fußboden auch schon hier,
als ich ankam. Ja. Der neue Flughafen. Jetzt fällt’s mir wieder
ein. Kein Karussell mehr. Und kein IM BISS. Es kommt mir vor, als
sei es Jahre her.
Ich weiß noch genau,
wie die Gepäckwagen klapperten, wenn man sie über den alten
Fußboden schob. So laut, dass einem die Zähne wehtaten. Wenn ich
den Wagen schob, sagte mein Dad immer: Du fährst mir gehörig an den
Karren.
Als ich fortging,
schob er den Wagen und sagte: Na, fahre ich dir gehörig an den
Karren, aber mir war nicht nach Scherzen zumute. Wir gaben meine
Koffer auf. Onkel Thoby trug mein Handgepäck. Wir setzten uns in
den IM BISS, aber ich brachte keinen Bissen hinunter. Mir war vor
Aufregung ganz schlecht.
Heute wünschte ich,
ich hätte über seinen dummen Scherz gelacht. Ich wünschte, ich
hätte mich mit meinem Dad beschäftigt, statt meine Lenden für den
Flug zu gürten. Warum habe ich keine Witze gemacht. Warum habe ich
ihn nicht auf die Ähnlichkeit zwischen dem Holzschnitt an der Wand
und Han Solo hingewiesen, wenn er von Darth Vader eingefroren wird.
Normalerweise wies ich ihn immer auf
die Ähnlichkeit zwischen dem Holzschnitt und Han Solo hin. Nur
diesmal nicht.
Tapferes Fräulein
Ming, sagte Onkel Thoby und knuffte meinen Dad zwischen die Rippen.
Gleich springt sie quer über das Brett.
Wie es so ihre Art
ist, sagte mein Dad.
Ich flog nach Europa.
Verlaine hatte ihre Tante in der Schweiz gebeten, mich bei sich
aufzunehmen. Von dort aus wollte ich in die Ferne schweifen und mit
dem TGV (train à grande vitesse)
fahren, wohin mein pochendes Herz mich trug. Nur die Schallmauer
konnte mich aufhalten!
Ängstliches Fräulein Ming, sagte ich.
Angst ist ein Zeichen
mangelnder Neugier, sagte Onkel Thoby. Und du bist viel zu
neugierig, um Angst zu haben, Oddly.
Willst du auch
wirklich nichts essen, fragte mein Dad. Fritten mit
Bratensoße.
Ich schüttelte den
Kopf. Dann brauche ich die Kotztüte.
Der Baum zu Hause an
meiner Zimmerwand war kahl und würde kahl bleiben, bis ich
wiederkam. Kein Bäumchen-wechsle-dich. Die Zeit sollte stillstehen,
solange ich mein wohlbehaltenes Abenteuer erlebte. Nichts sollte
sich ändern.
Stellen Sie sich
lieber nicht vor, wie sie am Maschendrahtzaun standen und winkten.
Und wie mein Dad ganz wacklig wurde auf den Beinen und sich aufs
Pflaster setzte. Und wie Onkel Thoby ihm die Hand auf die Schulter
legte. Und wie sie beide dachten, es wäre nicht für
immer.
Bis auf DU SIEHST
NICHT AUS WIE MEIN BESITZER ist das Transportband leer. Soll ich
dich mit nach Hause nehmen, frage ich. Auch wenn ich nicht dein
Besitzer bin.
Der Mann mit der
Krawatte und dem Namensschild ist im Anmarsch.
Miss.
Ja.
Vermissen Sie
jemanden.
Wie freundlich. Ich
dachte, Sie wollten mich aus dem Ankunftsbereich
verscheuchen.
Das steht als
Nächstes auf meiner Liste.
Oh.
Er streckt mir eine
Hand hin. Ich ergreife sie. Er zieht mich hoch. Ist doch alles halb
so schlimm, oder, sagt er.
Schön
wär’s.
Er geleitet mich
hinaus, mit den Händen in den Taschen, als würden wir nur einen
kleinen Spaziergang machen. Dann gute Nacht.
Wie. Schon so spät.
Und ob.
Die Nacht ist hell,
die Taxischlange lang, und der Kurzzeitparkplatz platzt aus allen
Nähten. Ich weiß nicht mehr, wo ich geparkt habe. Ich gehe die
Reihen entlang und popele an meinem Gerstenkorn herum. Diese ewige
Sucherei wird langsam lästig. Wird das jetzt zur Marotte. Wo bist
du, LeBaron. Wo ach wo. Da sehe ich ihn. Seine Augen leuchten
schwach. Sehr schwach.
Ach du
Scheiße.
Der LeBaron sieht
aus, wie ich mich fühle. Die Batterie ist so gut wie
leer.
Ich drehe den
Zündschlüssel, und er macht ein Geräusch zum Herzzerreißen. Okay,
das tu ich dir nicht an. Wir brauchen Starthilfe. Ich gehe noch
einmal hinein und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich bringe
mich mit einer Tasse Kaffee auf Touren, und dann rufe ich wen an?
Verlaine. Damit sie dich wieder auf Touren bringt. Nein. Selbst
wenn ich keinen Fehdehandschuh unter dem Herzen trüge, würde der
Lada noch nicht einmal eine mechanische Maus auf Touren bringen.
Also. Was tun. Lasse ich den LeBaron hier stehen und mich von einem
Clint’s Cab nach Hause kutschieren. Oder schleiche ich mich noch
einmal in den Ankunftsbereich und miete mir bei Hertz einen Wagen.
Ich kann den LeBaron unmöglich längere Zeit auf dem
Kurzzeitparkplatz stehen lassen. Wo er andere Leute kommen und
gehen sieht und denkt: Du siehst nicht aus wie mein Besitzer. Wo
ist mein Besitzer. Keine Angst, kleiner LeBaron. Deine Besitzerin
lässt dich nicht im Stich. Sie holt sich jetzt erst mal einen
Kaffee, und dann lässt sie sich etwas einfallen.
Als ich bei Tim
Hortons in meiner Tasche nach Kleingeld krame, finde ich den
Rückrufschrieb von Christmatech und darauf, dick und fett, die
Telefonnummer.
Während ich auf Judd warte, schlendere ich zum
Maschendrahtzaun hinüber und sehe einem Flugzeug bei der Landung
zu. Die Flugzeugfenster sind dunkel, und das nicht etwa, weil mit
der Elektrik etwas nicht stimmt, sondern weil die Piloten beim
Landeanflug das Licht ausgeschaltet haben. Auf dem Vorfeld steht
ein Einweiser und stampft mit den Füßen. Seine Hände
leuchten.
Die Maschine setzt
auf, zuerst mit den Hinterrädern, dann mit dem Vorderrad. Die
Landeklappen klappen nach oben. Immer langsam mit den jungen
Pferden. Wie heißt das noch gleich. Wenn man ins Rutschen gerät und
vom Weg abkommt. Schlingen. Nein. Schlingern. Aber die Maschine
schlingert nicht. Die Reifen greifen. Die Piloten haben die
Maschine fest im Griff. Jetzt rollt sie dahin wie ein Auto,
schnurstracks zum nächsten Gate. Dum-di-dum. Man würde nie auf die
Idee kommen, dass sie eben noch in der Luft gewesen
ist.
Am Telefon hatte ich
gesagt: Ist da Judd Julian-Brown, der berühmte
Weihnachtslichterkettenerfinder und
Elektronikspezialist.
Am
Apparat.
Ich setzte ihm meine
Notlage in dürren Worten auseinander.
Er sagte: Ich leiste
für mein Leben gern Starthilfe.
Ehrlich.
Ehrlich.
Ich klammere mich an
den Zaun. Jenseits der Rollbahn kann ich den Umriss des alten
Hangars ausmachen, auf dem Dach ein sanft gewellter Mond. In dem
Hangar war ich schon mal. Ich bin sogar hineingeritten. Ich entdeckte ihn bei einem meiner
Ausritte mit Rambo. Ich ritt bereits seit einiger Zeit allein und
hatte wochenlang nach einem Weg auf das Flughafengelände gesucht.
Man musste sich durch einen dichten Wald schlagen, und wenn man
(ziemlich zerschrammt) am anderen Ende wieder auftauchte, stand man
auf einem Feld neben der Rollbahn. Als Erstes sah ich ein altes
Gebäude mit einem Loch in der Wand. Ein Loch, das so groß war, dass
ein Pferd bequem hindurchging. Also gingen wir
hindurch.
Es war dunkel. Rambos
Hufe knirschten. Ich wartete, bis meine Augen sich an die
Dunkelheit gewöhnt hatten. Da sah ich sie. Alte Flugzeugsitze.
Nicht ordentlich aufgereiht wie im Theater. Sondern wie Kraut und
Rüben durcheinander. Als hätte Gott sie achtlos dort hingeworfen.
Und zerbrochene Bierflaschen auf dem Boden.
Vorsichtig wendete
ich Rambo. Man lässt ein Pferd nicht über Glasscherben laufen. Die
Unterseiten seiner Hufe sind wie freiliegende Herzen.
Draußen wehte der
Wind, und Rambo vollführte ein kleines Tänzchen.
Mein eigentliches
Begehr: ein Wettrennen mit einem Flugzeug entlang der
Rollbahn.
Wir warteten. Rambo
verschmähte das grüne Gras. Er hielt die Ohren gespitzt.
Schließlich setzte ein Flugzeug rückwärts aus einem Gate. Langsam,
widerwillig. Angeschoben von einem kleinen Auto. Los jetzt, sagte
das kleine Auto. Los.
Ich mag aber nicht
fliegen, sagte das Flugzeug. Wir sind fürs Fliegen nicht
gemacht.
Irrtum.
Rambo und ich trabten
langsam los. Im Leichttrab auf ein Flugzeug zu. Das muss man
unbedingt erlebt haben. Und im Leichttrab ist man notgedrungen
seelenruhig.
Wir kamen so nah
heran, dass ich die erstaunten Gesichter hinter den ovalen Fenstern
erkennen konnte. Das Flugzeug gürtete die Lenden. Ich zeigte mit
dem Finger die Rollbahn entlang. Auf die Plätze.
Fertig.
Der Lärm war
ohrenbetäubend. Was Rambo jedoch nicht schreckte. Er hatte also
wirklich immer nur so getan. Er platzte schier vor lauter Freude.
Ich wendete ihn in einem engen Kreis. Zwei engen Kreisen. Als ich
ihn losließ, konnte er es zunächst kaum fassen. Ich darf loslaufen.
Ja! Lauf los. Wir hielten uns auf dem Grasstreifen. Denn mit
freiliegenden Herzen galoppiert man nicht über Asphalt. Regel
Nummer Eins des Galoppierens.
Wir lieferten uns ein
Wettrennen mit der Maschine. Alle vier Hufe verließen den Boden.
Wir flogen.