019
 
Teil drei
 
DAS FLUGZEUG IM KELLER
 
Chuck hält mich in seiner ausgestreckten Hand und sagt: Ach, armer Yorick!
Dabei zieht er eine so übertriebene Grimasse, dass ich kaum hinsehen kann. Ein Bursch von unendlichem Humor. Et cetera. Und so roch? Pah!
Es liegt ein gewisse Ironie in der Tatsache, dass ich einen Schädel spielen muss, obwohl ich Chuck vermutlich um mindestens ein Jahrhundert überleben werde. Es sei denn natürlich, er macht seine Drohung wahr und wirft mich in den Willamette.
Es klopft an der Tür. Er setzt mich ab.
Vielleicht ist es Julius von UPS mit einem neuen Geschenk. Ein Feuerlöscher. Eine Straßenkarte inklusive Wegbeschreibung nach Kanada. Etwas, das mir sagt, dass sie mich nicht vergessen hat. Dass sie an mich denkt. Dass ich nicht völlig von der Bildfläche verschwunden bin.
Aber es ist nicht Julius. Es sind Chucks Schauspielerfreunde. Die Strolche kommen zur Probe.
Diesen Sommer führen die offiziellen Freiluft-Shakespeare-Mimen drei Antonio-Stücke auf: Der Kaufmann von Venedig, Der Sturm und noch eins, dessen Titel mir entfallen ist. Chuck will am anderen Ende des Parks Hamlet auf die Bühne bringen. In dem kein Antonio vorkommt. Er wirbt sogar damit. Hamlet: Garantiert Antonio-frei!
Ich mache mich zu meinem Pool auf. Eins ist mir inzwischen klar. Wenn mein Brustpanzer nass ist, brauche ich nicht als Lesezeichen Dienst zu tun. Denn Chuck käme nie im Leben auf die Idee, mich abzutrocknen. Und heute kann Shakespeare mir, mit Verlaub, den Buckel runterrutschen.
Operation abgebrochen. Unterwegs liest Lucius, der einen besonders pestilenzialen Gestank verströmt, mich auf.
Ich ziehe den Kopf ein. Und so roch? Pah!
Er nennt mich W-W-Wanda und tut, als wollte er mich fressen. Was die anderen offenbar irre komisch finden. Sie klatschen sich buchstäblich auf die Schenkel. Dann kommen sie zur Sache. Lucius hat für die Heart and Stroke Foundation Geld gesammelt. Dabei hat er mit der Heart and Stroke Foundation nicht das Geringste zu tun. Bislang hat er vierhundert Dollar beisammen. Renard und Dicks Discount-Dachdeckerei (»Bei jedem Wetter«) floriert. Sie haben sich auf Flachdächer spezialisiert, wo man sie von der Straße aus nicht sehen kann.
Früher, in der guten alten Zeit, gehörten sie zu einer Wandertruppe, die Parks in Oregon, Kalifornien und Nevada bespielte. In letzter Zeit jedoch meucheln sie den Schwan von Stratford aufgrund chronischen Geldmangels nur noch im Umkreis von Oregon City und kommen über Bend und Boring nicht hinaus. Aber es blinkt ein Silberstreif am Horizont, und an diesem regnerischen Winterabend ist die Rede davon, ob man in der nächsten Saison nicht in die Shakespeare-Hochburg Ashland fahren solle, wo die Stücke den ganzen Sommer über laufen wie geschmiert, und das beileibe nicht nur im Park. In Ashland boomt das Shakespeare-Business: An jeder Ecke gibt es ein Theater und Läden, in denen man Stiefel und Stulphandschuhe kaufen kann.
Chuck meint, in Ashland würde er sich eventuell sogar dazu hinreißen lassen, einen Antonio zu spielen. Ein Antonio in Ashland sei schließlich allemal so gut wie ein Hamlet in Boring, wenn nicht besser.
Ich gleite in meinen Pool. Lese das Rezept auf dem Grund, obwohl ich es auswendig kenne. Ich liebe das Wort verquirlen. Verquirlen, flüstere ich manchmal, wenn ich ins Wasser gleite. Verquirlen Sie das Eigelb.
 
Einmal fuhren wir durch Ashland. Ich erinnere mich an Männer in schimmernder Rüstung. Funkelnde Waffen. Kettenhemden. Wir hielten an einer Tankstelle, wo ein Mann sich einen Fechtkampf mit einer Tanksäule lieferte.
Ich beobachtete ihn durch die insektenverschmierte Windschutzscheibe.
Wie findest du seinen Degen, fragte Audrey, als sie wieder in den Wagen stieg.
Ich ließ ein Salatblatt fallen.
Vergiss es.
Und weiter ging es Richtung Süden. Sie hatte das Zelt eingepackt. Transportables Zimmer, komm, hatte sie gesagt, womit sie entweder mich meinte oder das Zelt, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wir belasteten Cliffs Kreditkarte. Kreditkartenkäufe sind wie Brotkrümel. Man hinterlässt eine Spur. Aber wenn mich damals jemand gefragt hätte, ob diese Strategie wohl aufgehen würde und unser maßloses Anhäufen von Stiefeln und Stulphandschuhen, Meilen und Motels geeignet sei, Cliff anzuziehen wie ein Magnet, dann hätte ich gesagt: Nie und nimmer.
Ich fuhr auf dem Armaturenbrett durchs Shakespeare-Land. Von dem Stress, den Cliffs Verschwinden ihr verursachte, hatte sie ein Gerstenkorn am Auge. Sie war mit Sommersprossen förmlich übersät. Wir überquerten die Grenze nach Kalifornien, und das Radio rüttelte meinen Brustpanzer gehörig durch. Wir sahen Windräder. Hunderte, ja Tausende von Windrädern. Es war später Nachmittag, und Audrey sagte: Ich sehe gar keine Berge.
Nein. Nur wogende Hügel.
Ich finde, wir sollten uns ein Motelzimmer gönnen.
Gut. Ja.
Wir hielten vor dem Inn Stead, einem billigen, zweistöckigen Motel mit Pool. Unser Zimmer lag im ersten Stock. Sie klemmte mich unter ihre Achsel und trug mich nach oben. Im Zimmer war es kühl und dunkel, und der Spalt unter der Tür war so groß, dass selbst eine Schildkröte mühelos hätte hindurchkriechen können. Sie ließ ihre Tasche fallen und sagte: Komm, Win.
Der Pool lag als hellblaues Rechteck im Abendlicht. Sie setzte mich an den Beckenrand und zog sich bis auf die Unterwäsche aus. Ich sah mich um. Wir waren allein. Sie sprang hinein. Platsch.
Sie schwamm wie ein Fisch. Tauchte neben mir auf. Krallte sich mit den Fingern am Beckenrand fest. Grinste. Weil sie in einem Pool war. Ha. Ich begriff. Sie ahmte mich nach. Ich sah ihr in die Augen. Nasse Wimpern. Ob das Chlor ihrem Gerstenkorn wohl schadete. Die Windräder drehten sich wie Flugzeugpropeller in der Ferne.
Wo fahren wir hin.
Sie tauchte unter.
 
Zwei Tage später übernachteten wir auf einem Campingplatz bei Las Vegas. Sie grillte Kartoffeln aus Idaho. Ich fraß Eisbergsalat aus einem Supermarkt namens Skagway. Das Feuer prasselte. Die Sonne ging unter. Las Vegas erhob sich strahlend aus der Wüste.
Die Familie im Nebenzelt hatte vier Kinder. Das Kleinste lief ohne Hose umher und hieß Wackelwürmchen. Sie erklärte Wackelwürmchen, ich sei eine Schnappschildkröte, und er blieb auf Distanz. Ich durfte mich frei auf dem Campingplatz bewegen. Ich fraß einen Käfer, der hilflos strampelnd auf dem Rücken lag. Danach hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es auch einer Schildkröte so ergehen kann. Auch wir sind nicht immer standfest.
Das Zeltdach hatte einen Reißverschluss. Wenn man ihn aufzog, konnte man durch ein Moskitonetz den Sternenhimmel sehen. Guck mal, Win.
Wir durften nicht traurig sein. Wir durften nicht an Cliff denken.
Der Himmel war mir durchaus nicht unbekannt. Hundert Jahre zuvor hatte ich die Wüste durchquert, lange bevor ich ich zu einem bloßen Gegenstand verkümmerte, zu dem Menschen nicht Nein sagen können. Ich hatte unzählige Sterne gesehen. Der Nachthimmel sieht so ähnlich aus wie das Innere meines Panzers. Aber das wusste Audrey natürlich nicht.
Wir kamen nach New Mexico. Guck mal, Win. Der Rio Grande. Ich sah Leute, die mit langen Stöcken wanderten, wie Pilger. Ich sah Friedhöfe am Fuße roter Felsen. Wir überquerten einen Pass und kamen in einen Ort namens Angel Fire. Nur eine Straße führte nach Angel Fire. Einwohnerzahl: 1000. Warum wir nach Angel Fire fuhren. Weil Cliff es einmal beiläufig erwähnt hatte. Und es dort einen Skihügel gab.
Wir zuckelten mit dreißig Meilen in der Stunde hinter einem Schulbus her. Sie überholte ihn in dem Moment, als er sein Stoppschild ausklappte. Dreimal dürfen Sie raten, wer hinter uns war. Der einzige Polizist in Angel Fire. Der dem Schulbus täglich hinterherfuhr, weil er nichts Besseres zu tun hatte. Er winkte uns rechts ran. Er sagte: Was Sie da gerade getan haben. Und sah kopfschüttelnd in die Ferne, als fehlten ihm die Worte.
Sie sagte, sie sei eine exzellente Autofahrerin. Sie habe noch nie eine Kollision gehabt. Sie hätte die kleinen Turnschuhe unter dem Bus bestimmt gesehen.
Sie hätten unsere Einwohnerzahl ohne weiteres auf 999 reduzieren können.
So etwas würde ich nie tun. Ich würde nie zur Reduzierung der Einwohnerzahl beitragen.
Trotzdem, sagte er. Das Bußgeld war astronomisch.
Als der Polizist endlich weg war, sagte sie: Jetzt muss ich mich erst mal setzen.
Aber du sitzt doch schon.
Sie stieg aus und setzte sich auf den Standstreifen. Ich wartete auf dem Armaturenbrett. Als sie zurückkam, sagte sie: Ich hätte die kleinen Turnschuhe unter dem Bus vielleicht doch nicht gesehen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, den schneelosen Skihügel anzustarren.
 
Der Grand Canyon war ein Hologramm. Wir schlugen oben unser Zelt auf. Es war kalt. Ein scharfer Wind. Ich finde, wir sollten hinuntersteigen, sagte sie und meinte: in den Canyon. Aber das ließen wir erst einmal bleiben. Stattdessen setzten wir uns an den Rand und ließen die Beine baumeln. Der Canyon sah irgendwie unecht aus. Dann gingen wir zum Zelt zurück und machten Wasser heiß. Ramen-Nudeln. Welker Salat.
Wie ihr Plan aussah. Ich glaube nicht, dass sie einen hatte. Ich glaube, sie fuhr bloß ziellos in der Gegend und im Kreis herum, in der vagen Hoffnung, dass Cliff irgendwann unseren Weg kreuzen und zu uns stoßen würde. Oder umgekehrt.
Ich will mal so sagen: Die erste Trennung hält nie. Früher lebte ich in Texas, in einem seichten Fluss. Der Fluss war ein beliebtes Ausf lugsziel für Liebespärchen. Die Pärchen, die tagsüber kamen, trennten sich. Die Pärchen, die abends kamen, versöhnten sich. Meistens waren es dieselben Pärchen. Ich habe unzählige Male mit ansehen müssen, wie zwei Idioten sich in die Arme liefen, die Frau von links, der Mann von rechts. Oder umgekehrt. Und bisweilen, wenn sie an gegenüberliegenden Ufern standen, benutzen sie die Schildkröten (von denen manche so groß waren wie Teller) als Trittsteine. Wir nahmen es ihnen nicht übel.
Nein, ich habe nicht annähernd die Ausmaße eines Tellers. Ich bin etwa so groß wie ein handelsüblicher Feuermelder. Wenn Sie mich auf Ihre Handfläche setzen, baumeln meine Beine über die Kante. Es sei denn, Sie sind Cliff. Der Mann hat Hände wie ein Orang-Utan. Dann baumeln meine Beine nicht.
Wenn man vom Affen spricht, kommt er.
Noch hat Audrey ihn nicht gesehen. Sie rührt in ihren Ramen-Nudeln. Komisch, dass sie ihn nicht gehört hat. Der ganze Campingplatz macht Stielaugen und glotzt. Kein Wunder, sitzt er doch auf einer knatternden Harley mit flammrotem Tank. Angel Fire. Engelsfeuer. Das ist die Farbe. Ohne Helm. In Arizona gibt es keine Helmpflicht. Wallendes blondes Haar. Sonnenverbrannte Nase. Monsterhände.
Audrey kauert über ihrem kleinen Kocher. Ihre Fersen ragen aus den Sandalen.
Ich lasse ein Salatblatt fallen. Ähem.
Sie blickt auf.
Er bahnt sich einen Weg zwischen den Zelten hindurch. Und es ist genau wie damals am Fluss. Ihre Blicke finden sich, und dann läuft sie auf ihn zu. Oder, besser, stolpert. Sie verliert eine Sandale. Und ich gebe es nur ungern zu, aber der Kreditkartentrick war ein Geniestreich. Er hat uns gefunden.
Alle sehen zu.
Seine Arme wickeln sich gleich fünfmal um ihren Körper.
Ende der Vorstellung, flüstert er in ihren Pferdeschwanz.
Unser Zeltnachbar stochert in seinem Lagerfeuer und sagt: Also, ich fand das irgendwie rührend.
Cliff musste die Harley kaufen, um sie zu finden. Uns zu finden. Hallo, Iris, sagt er zu mir. Er bereut den Kauf der Harley nicht. Er schwärmt in den höchsten Tönen von ihr. Die übrigens Fat Boy heißt. Obwohl sie eine Sie ist.
Nachts im Zelt sagt sie: Ich musste mir einreden, dass es dich gar nicht gibt. So weh hat es getan.
Tut mir leid.
Sehr bewegend, das Ganze.
Am nächsten Tag beschließen wir oder, besser, sie, in den Canyon hinabzusteigen. Cliff sagt, er würde sich am liebsten einfach hineinfallen lasen. Sie sagt: Bitte nicht.
Der Canyon ist also doch kein Hologramm, sonst könnten wir ihn nicht begehen. Er ist vielmehr ein umgedrehter Berg, wie ich einem Schild entnehme. Was das heißt. Das heißt, Sie sollten bedenken, dass der Aufstieg, anders als bei einem Berg, noch vor Ihnen liegt, wenn Sie längst todmüde sind. Jetzt hüpfen Sie wie im Traum die engen Serpentinen hinab in wärmere Gefilde. Aber denken Sie daran, dass Sie sich später, wenn Sie längst todmüde sind, wieder nach oben schleppen müssen.
Cliff kann über derlei Warnungen nur lachen. Ich bin Kletterer, sagt er und schlägt sich auf die Brust.
Ich habe nur Sandalen an, sagte sie.
Ich werde getragen.
Die Leute, die uns entgegenkommen, pfeifen auf dem letzten Loch und legen bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Pause ein. Sie lehnen sich an die kühle Canyonwand. O Gott, eine Schildkröte. Haben Sie die im Canyon gefunden.
Ja, sagt Audrey dummerweise.
Die können Sie aber nicht einfach mitnehmen.
Das war ein Scherz. Sie ist ein Haustier.
Wenn Sie Teil des Ökosystems ist, sagen sie mit aggressivem Unterton, können Sie sie nicht mitnehmen.
Oje, sagt Cliff.
Sie ist aber nicht Teil des Ökosystems.
Die müden Wanderer setzen sie feierlich davon in Kenntnis, dass sie den Diebstahl der Schildkröte melden werden. Wenn sie denn jemals oben ankommen sollten.
Tun Sie, was Sie nicht lassen können.
Wir setzen unseren Abstieg fort.
Wir begegnen einer Eselskarawane. Die Reiter sind laut und dumm. Die Esel haben schwarze Augen und runzlige Nüstern. Da der Pfad sehr schmal ist, kommen wir ihnen ziemlich nahe. Einer tritt nach Cliff. Cliff lacht bloß und gibt ihm einen Klaps aufs Hinterteil.
Natürlich verliebt sie sich in die Tiere. Sie geht neben einem Esel her und hält mich hoch, damit ich ihm in die Augen sehen kann.
Ich sehe den Grand Canyon auf dem Kopf und mich darin.
 
Als wir wieder oben ankamen, ging bereits die Sonne unter. Sie hatte schlimme Blasen an den Füßen. Cliffs Blick war stumpf und ausdruckslos, als ob ihm seine Harley fehlen würde. Wir kraxelten über die Felskante und wurden von der Parkpolizei in Empfang genommen. Mit blinkendem Signallicht.
Ist diese Schildkröte im Canyon heimisch.
Diese Schildkröte ist bei mir heimisch, sagte sie.
Wir kamen in Untersuchungshaft.
In einem beigefarbenen Gebäude wurden wir getrennt. Zwei beige gekleidete Park Rangers untersuchten mich. Alles in Arizona ist beige, aus Rücksicht auf das Beige des Canyons.
Sie stellten mich auf den Kopf. In jedem Sinne.
Ich bin weder in Arizona zu Hause. Noch in Texas. Aber waren die Männer in Beige auch intelligent genug, das zu bemerken.
Waren sie. Sie brauchten bloß ein Weilchen. Als ich aus dem Untersuchungszimmer kam, saß sie allein da und wartete. Wo ist Cliff.
Cliff hatte sich nach Colorado aufgemacht. Und seine Kreditkarte mitgenommen.
 
Als ich aufwache, sind meine Arme zu einer Doppelhelix verschlungen, und meine Handrücken berühren sich. Regel Nummer Eins für Richtigen Schlaf. Liegen Sie in Korkenziehersprungstellung. Ja. Dann haben Sie richtig geschlafen.
Das Erste, was ich sehe, ist der Baum an meiner Wand, dessen kahle Äste mich umschließen wie die Rippen das Herz. Es ist noch nicht ganz hell. Ich gebe die Sprungstellung auf und strecke die Beine. Ich habe das Gefühl, endlich gelandet, endlich zu Hause zu sein. Vielleicht ist man immer erst richtig irgendwo angekommen, wenn man dort eine Nacht geschlafen hat. Kurze Montagen am Küchentisch nicht mitgerechnet.
Die oberen Äste des Baumes sind an den Deckenkanten geknickt wie ein Löffel in einem Glas Wasser. Wie heißt das noch gleich. Refraktion. Onkel Thoby hat den Baum mit der linken Hand gemalt. Der Pinsel war ziemlich weit weg. Er meinte, er sei kurzarmigen Malern gegenüber eindeutig im Vorteil, weil er beim Malen das große Ganze im Auge behalten könne. Die Äste gabelten und gabelten sich. Der Baum schoss an nur einem Nachmittag aus dem Boden. Onkel Thoby brachte die Klettknospen an. Dann bastelte er das Zubehör: grüne Blätter für den Sommer, rote und gelbe Blätter für den Herbst, Schneef locken für den Winter, rosa Blüten für den Frühling.
Regel Nummer Eins, sagte er. Du kannst den Baum nur zu den Tag- und Nachtgleichen und den Sonnenwenden umdekorieren.
Ist gut.
Weißt du was, fragte er. Wenn es keine Schalttage gäbe, würden die Jahreszeiten immer weiterwandern, und bald wäre Weihnachten im Juli.
Dann ist Weihnachten also nur meinetwegen im Dezember.
Nein. Aber deinetwegen liegt der Dezember im Winter.
Ich steckte mir ein Blatt ins Haar. Ich sorge dafür, dass die Jahreszeiten bleiben, wo sie sind. Moi.
 
Ich entknote die Arme und drehe mich zum Fenster. Demnächst ist Sonnenwende. Heute oder morgen. Wenn man an einem Schalttag geboren ist, hat man das im Gefühl. Das ist wie eine Superkraft. Zugegeben, keine besonders aufregende Superkraft, aber immerhin. Eine Sonnenwende erkennt man daran, dass das Licht am Ende ist. Die Sonne setzt uns quasi auf Diät. Auch die Tag- und Nachtgleiche erkenne ich am Licht. Wenn die Sonne mitten über dem Äquator steht.
Und weil die Wintersonnenwende kurz bevorsteht, hat die Sonne das Begräbnis gestern so früh verlassen. Darum ist es so dunkel. Darum ist es so still.
Moment mal. Warum ist es so still. Ich beuge mich über die Bettkante und sage Onkel Thobys Namen in den Heizungsschlitz. Keine Antwort. Noch so etwas, das ich auf Anhieb erkenne. Ein leeres Haus.
Ich stehe auf. Rufe nach Onkel Thoby. Noch immer keine Antwort. Wieder rufe ich. Und wieder, als ich nach unten gehe. Bist du da. Warum antwortest du nicht. An der Kellertreppe bleibe ich stehen. Onkel Thoby.
Da unten ist er nicht.
Auf der Küchenanrichte liegt ein Zettel. Ich starre ihn von Weitem an. O nein. Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen. Lies den Zettel. Ich kann nicht. Und ob ich kann. Nein, ich kann nicht. Ich kann nicht lesen. Mein Herz fängt an zu hämmern.
Ich kann dem Zettel beim bestem Willen keinen Sinn abringen. Dummes dummes Hirn. Selbst im Licht der Abzugshaube erkenne ich nur das eine oder andere Wort. Onkel Thoby hat aber auch eine Sauklaue. Es könnte Süße oder Füße heißen. Ich weiß es nicht. Ich entziffere Clipart. Hä. Ich entziffere Schlagsahne. Ich entziffere demnächst. Servus.
Aha. Ich blicke auf. Er ist Schlagsahne kaufen gegangen, um sich die Füße zu vertreten. Und ist demnächst wieder da.
Am Fuß der Seite steht in Druckbuchstaben Toff. Das kann ich lesen. Und dahinter eine Telefonnummer und eine Adresse. Eine Londoner Adresse.
Da steht nicht Clipart, sondern Airport.
Ich schnappe mir Zettel, Schlüssel, Mantel. Und renne mit offenen Schnürsenkeln nach draußen. Schnell, schnell ins Auto. Spring schon an. Mein Atem ist überall. Als ich den Wagen rückwärts aus der Einfahrt setze, fällt mir ein, wie Onkel Thoby gestern Abend auf der Veranda stand. Als er glaubte, er sei allein. Allein mit sich und seiner Trauer.
Was hat Toff ihm angetan.
Mit Bleifuß zum Flughafen. Ich fahre schlecht, unvorsichtig, und starre dabei die ganze Zeit auf Onkel Thobys Zettel zwischen meinen Fingern. Beim Fahren versuche ich zu lesen. Ab und zu blicke ich auf, und die Straße ist leer. Leer, leer, leer. Wie auf einer verlassenen Insel. Ich überfahre eine rote Ampel nach der anderen.
Heißt das London oder Libanon. London. Und er schreibt noch nicht einmal, warum. Er schreibt auch nicht Auf Wiedersehen. Nur Servus. Bis demnächst.
Als ich aufblicke, bin ich schon auf dem Parkway über der Stadt. Das Confederation Building links von mir sieht aus wie eine Treppe, die auf der einen Seite hoch- und auf der anderen wieder runtergeht. Rechts von mir, in weiter Ferne, trägt der Signal Hill einen leuchtenden Weihnachtssheriffstern. Fröhliche Weihnachten und den Führerschein bitte.
Hinter mir Blaulicht und Sirene. Mist. Ich fahre rechts ran.
Fröhliche Weihnachten und den Führerschein bitte.
Guten Morgen, Sheriff. Aber den Führerschein habe ich leider nicht dabei.
Ich bin kein Sheriff.
Aber ich habe einen. Irgendwo.
Der Wind bläht seine Jacke. Er starrt auf den Zettel zwischen meinen Fingern. Sie sind Schlangenlinien gefahren, sagte er.
Dabei bin ich eine exzellente Autofahrerin.
Sie hätten jemanden umbringen können.
Es war doch kaum jemand unterwegs, den ich hätte umbringen können.
Er wird langsam, aber sicher nervös. Kaum jemand unterwegs.
Ja, die Straßen waren so gut wie leer.
Und da wollten Sie die Zeit zum Lesen nutzen.
Wir starren beide auf den Zettel. Ich entziffere die Wörter Tut mir leid. Und sehe sie plötzlich überall. Der Zettel ist förmlich übersät damit.
Ich schaue ihn an.
Er hat es auch gesehen.
Ich muss so schnell wie möglich zum Flughafen, Sheriff.
Er nickt und klopft mit der flachen Hand aufs Dach. Fahren Sie, sagt er. Blöde Kuh.
 
Plötzlich kommt mir ein Gedanke. Onkel Thoby schreibt nicht: Ich fliege dann zurück nach London. Tschüs. Warum auch. Nein, er schreibt vielmehr: Ich bringe Toff dann weg und bis demnächst. Servus. Weil Toff heute Vormittag wieder nach London fliegt. Genau. Toff. Toff fliegt zurück nach London. Und nicht Onkel Thoby. Onkel Thoby bringt Toff bloß fort. Zum Airport. Fort zum Airport. Das klingt gut.
Nur: Warum sollte er so etwas tun. Und warum das viele Tut mir leid. Warum Toffs Adresse.
Füße, tut mir leid, dass ich zum Clipart musste. Soundso soundso Schlagsahne soundso London. Bis demnächst. Servus.
Ich klammere mich an das Wort Servus. Denn das ist Onkel Thobys Wort. Und er benutzt es ständig, egal ob er in den Keller geht, eine Runde um den Teich dreht oder einem Nachbarn einen Gefallen tut und ihm beispielsweise die Einfahrt freischaufelt oder eine Glühbirne auswechselt, an die man nur schwer herankommt. Er hat es noch nie benutzt, wenn er nach London geflogen ist. Weil er nie wieder nach London geflogen ist. Nicht ein einziges Mal. Weiter als bis zum Civil Manor ist er nie gekommen. Und an wem lag das.
 
Weil der Flughafen wegen einer Granate evakuiert worden ist, komme ich nicht hinein. Die Leute stehen draußen herum und essen Donutbällchen. Bitte zurücktreten, gleich geht hier alles in die Luft.
Was, der ganze Flughafen.
Die Drehtür würde mir schon reichen.
Ich lasse den Blick über die Menge schweifen. Kein Onkel Thoby weit und breit. Von einem Mann mit ähnlicher, wenn auch symmetrischer Figur erfahre ich, dass diejenigen Passagiere, die die Sicherheitskontrolle schon durchlaufen hatten, woandershin evakuiert worden seien.
Ach. Ich stelle mich neben ihn, weil er so ähnlich aussieht wie Onkel Thoby.
Wenn Onkel Thoby nicht auf dem Parkplatz ist, heißt das:
a. Er ist ein Passagier und hat die Sicherheitskontrolle bereits durchlaufen, oder
b. er ist kein Passagier, hat sich von Toff jedoch bereits verabschiedet und ist mit einem Clint’s Cab unterwegs nach Hause, oder
c. er kauft in einem 24-Stunden-Laden Cliparts.
Zwanzig Minuten später bekommen wir grünes Licht. Die Granate war doch nicht echt, sondern nur eine Gürtelschnalle in Granatenform in einem Gepäckstück. Es ist alles in bester Ordnung. Gehen Sie weiter.
Und so strömen wir massenweise in die geradezu obszön langsame Drehtür. Die natürlich sofort blockiert. O Gott, hat sich jemand was eingeklemmt. Keine Panik. Ruhe ist die erste Bürgerpf licht.
Wer berührt die verdammte Scheibe, fragt jemand.
Wir rücken enger zusammen. Wir sitzen fest.
Und das alles nur wegen einer Granatengürtelschnalle aus dem kleinen Ramschladen gleich neben der Fressmeile in der Mall. Die Ramschigkeit eines Ladens verhält sich direkt proportional zu seiner Entfernung von der Fressmeile, sagt jemand. Wir alle starren diesen Jemand an. Ach ja. So billig kann die Granatengürtelschnalle schlecht gewesen sein, sonst hätten sich die Sicherheitsbeamten des St. John’s International Airport wohl kaum täuschen lassen. Die im Übrigen seit Beginn ihrer dubiosen Karriere auf diesen Moment gewartet haben. Und dann so etwas. Eine Blamage.
Wenigstens durchsuchen sie das Gepäck überhaupt nach Granaten, sagt jemand.
Da bin ich aber beruhigt.
Die Tür dreht sich. Wir sind drin.
Ich renne die Treppe hoch. Ich werde einfach ohne Bordkarte durch die Sicherheitskontrolle marschieren. Aus dem Weg, Fettsack mit Knarre und Nikolausmütze.
Oben an der Treppe steht ein Schild mit der Aufschrift DEMNÄCHST HIER: SPÜRHUNDE.
Fettsack packt mich von hinten unter den Achseln und schleppt mich zurück durch das freistehende Rechteck, worauf der Alarm losgeht. Weil er bewaffnet ist. Da kann doch was nicht stimmen. Er, mit Knarre, darf passieren. Ich, ohne Knarre, nicht.
Besorgen Sie sich eine Bordkarte, Frollein, dann reden wir weiter, sagt er.
Aber ich möchte mich doch nur von jemandem verabschieden.
Oben können Sie sogar schalldicht und kugelsicher Winkewinke machen.
Oben.
Auf der Aussichtsplattform.
Ich nehme immer zwei Stufen auf einmal.
 
Er ist am Flugsteig. Er steht am Fenster und sieht zu seiner Maschine hinaus. Ich liebe seine asymmetrische Silhouette.
Ich klopfe an die Scheibe. Keine Reaktion.
Da sehe ich Toff. Er sitzt nicht ganz so weit entfernt, genauer gesagt, direkt unter mir, und liest Zeitung.
Sie nehmen denselben Flug.
Mich beschleicht das Gefühl, dass hier irgendetwas faul ist, und zwar oberoberfaul. Ein ungutes Gefühl, was jedoch durchaus sein Gutes hat, denn jetzt weiß ich: Toff steckt hinter der ganzen Sache. Toff hat alles arrangiert. Ich nicke.
Von wegen Bis demnächst und Servus. Hier geht es nicht um einen Spaziergang um den Teich. Sondern um einen Flug über den Ozean. Via Montreal. Von der Dummheit von Air Canada mal abgesehen. Onkel Thoby f liegt via Montreal über den Großen Teich. Warum.
Weil auf dem Zettel nicht Schlagsahne, sondern Schlaganfall steht.
Deine Großmutter hatte einen Schlaganfall. Sie wartet darauf, dass ich ihr die Augen öffne. Muss nach Hause.
Ach. Also darum geht es. Großmutters Anfall. Von Wahnsinn. Von Genialität. Das Ganze ist ein Trick. Ein Komplott. Um uns auseinanderzumischen. Zu entzweien.
Ich klopfe an die Scheibe. Keine Reaktion. Bumm, bumm.
Die Aussichtsplattform hat eine nach außen geneigte Fensterfront, sodass man sich mit dem ganzen Körper über die Boarding Area hinauslehnen und so tun kann, als ob man mit dem Fallschirm abspringen würde. Was selbstredend verboten ist, wie ich dem entsprechenden Schild entnehme.
Des Weiteren wollen Flug 623 nach Montreal besteigen: drei junge Männer in Armeeuniform, die in ihre Handys lachen. Wahrscheinlich haben sie ihren Kameraden soeben von dem Granatengürtelschnallendebakel berichtet. Vielleicht gehört der Gürtel sogar einem von ihnen. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. Denn wenn man tagtäglich mit Granaten umgeht und damit den einen oder anderen Feind vernichtet hat, entwickelt man vielleicht eine ästhetische Vorliebe für Granaten und damit das dringende Verlangen, ein Exemplar oberhalb des Schritts zur Schau zu tragen.
Ich beneide sie um ihre Handys. Onkel Thoby und mein Dad haben beziehungsweise hatten für Handys wenig übrig. Mein Dad aus einem ebenso einfachen wie einleuchtenden Grund: Weil ihre Besitzer ständig klingeln. Und Onkel Thoby ist dagegen, weil Handybenutzer dazu neigen, ihre Mitmenschen zu übersehen. Aber allmählich dämmert mir, dass ein Handy zwei Menschen auf ähnliche Weise verbindet wie ein Heizungsschlitz. Und nichts wünsche ich mir sehnlicher als einen Heizungsschlitz, in den ich Onkel Thobys Namen sagen kann.
Toff hebt den Kopf. Langsam. Und sieht zu mir herauf. Als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass ich über ihm an der Decke schwebe, was ihn jedoch mitnichten davon abgehalten hat, erst einmal seinen Artikel zu Ende zu lesen. Ich zeige auf Onkel Thoby. Holst du ihn mir her.
Er krault sich den Bart. Und widmet sich wieder seiner Zeitung.
Ich haue mit der flachen Hand gegen die Scheibe. Warum. Warum macht er das.
Ein Mann, der die Aussicht, die ihm die Aussichtsplattform bietet, vermutlich weitaus erträglicher findet als ich, sagt: Verzeihung, aber halten Sie es für ratsam, sich auf die Scheibe zu legen.
Nein, aber es handelt sich um einen Notfall.
Oh. Na, dann will ich nicht weiter stören.
Ich schleiche die Fensterfront entlang. Wenn ich mich bewege, falle ich vielleicht eher auf. Ich komme mir vor wie eine Stepptänzerin. Dreh dich um, Onkel Thoby. Dreh dich um.
Er dreht sich nicht um. Jetzt gehen sie an Bord. Onkel Thoby greift mit seinem langen Arm nach seiner Tasche. Er sieht aus wie ein abgeschobener Flüchtling. Oder wie jemand, der vor Kurzem seinen Bruder verloren hat. Er und Toff bleiben jeder für sich. Die kanadische Armee steht zwischen ihnen.
Die Spürhunde bringen hoffentlich ein bisschen Leben in die Bude, meint jemand hinter mir. Am besten gelbe Labradore.
Ich sehe ihm nach, bis er verschwunden ist. Verschwunden worden ist.
 
Ich fahre im zweiten Gang nach Hause. Ich halte an jeder roten Ampel. Und an jeder grünen noch dazu. Was war das gerade. Ist Onkel Thoby entführt worden. Oder ist er von selbst auf die Idee gekommen, Großmutter zu besuchen. Warum hat er mich nicht geweckt. Weil er genau wusste, dass ich ihn nie und nimmer hätte gehen lassen. Weshalb er ja auch bei Nacht und Nebel ins Civil Manor gezogen ist.
Ja, aber das Civil Manor ist nicht London.
Was die beiden gestern Abend auf der Veranda wohl besprochen haben. Mit Flüsterstimmen.
Es klopft ans Fenster. Ich zucke zusammen.
Fröhliche Weihnachten und den Führerschein bitte.
Guten Morgen, Sheriff. Wie ist das werte Befinden.
Er schaut auf seine Uhr. Nachmittag.
Schon.
Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie mitten auf der Kreuzung stehen. Will der Wagen nicht.
Ich schüttele den Kopf. Ich sammle nur meine Gedanken.
Er wirft einen verstohlenen Blick auf den Zettel, der jetzt auf dem Beifahrersitz liegt. Mir scheint, Sie haben jede Menge Gedanken zu sammeln, sagt er.
Eigentlich nur ein oder zwei. Zwei, um genau zu sein.
Na, dann will ich mal nicht so sein. Aber hätten Sie wohl die Güte, die Warnblinkanlage einzuschalten, wenn Sie schon die Kreuzung blockieren.
Natürlich. Danke, Sheriff. Ich schalte die Warnblinkanlage ein. Und kurbele das Fenster hoch.
Wieder klopft er. Eins noch.
Ja.
Wo wollen Sie eigentlich hin, fragt er.
Und so begleitet er mich nach Hause. Was ich unglaublich nett finde. So muss ich nämlich nur seinen Rücklichtern hinterherfahren, bremsen, wenn er bremst, und Gas geben, wenn er Gas gibt. Ich brauche ihm bloß zu folgen. Ohne ihn wäre ich vermutlich nicht vor Mitternacht zu Hause angekommen.
 
Nicht so voreilig. Denn als ich schließlich zu Hause bin und die Tür mit einem kräftigen Nordwestschubs aufstoßen will, habe ich plötzlich den Messingknauf in der Hand. Ich versuche, ihn wieder anzuschrauben, aber er lässt sich nicht schrauben. Ich knie mich auf die Veranda. Immer langsam. Mit der Tür, meine ich. Immer langsam mit der Tür. Ich gebe ihr einen Schubs. Sie geht nicht auf. Ohne Knauf kein NWS.
War ich zu grob. Habe ich vielleicht versehentlich nach Osten geschubst statt nach Westen. Ich hämmere einmal kurz gegen die Tür.
Jim Ryan, der seine Einfahrt »auf Vordermann bringt«, ruft: Wo brennt’s denn.
Ich hebe den Türknauf hoch.
Er winkt mich mit seiner Schaufel zu sich. Er bittet mich herein. Er werde mal eben bei Murph’s Turf, Lock and Key anrufen. Er, Murph, werde sie bestimmt in null Komma nix wieder hinkriegen.
Sie ist die Tür, nehme ich an.
Wie dunkel es ist, merke ich erst, als ich in Jim Ryans Küche sitze und er den Kühlschrank aufmacht. Das grelle Licht blendet mich, und ich muss blinzeln. Wieso ist es schon dunkel.
Ich fürchte, ich kann dir nicht allzu viel anbieten, sagt er. Wie wär’s mit ein paar Oliven.
Gern.
Und einem Kaffee, sagt er.
Mir wird warm ums Herz. Zu einem Kaffee würde ich nicht Nein sagen.
Jim sagt, Mrs. Ryan sei unterwegs, um die Leere des Kühlschranks zu beheben.
Dass sich das Innere eines fremden Hauses in ihm spiegelt, scheint den Türknauf über die Maßen zu erstaunen. Er liegt da, als sei er ohnmächtig geworden.
Murph ist ein alter Freund von mir, sagt Jim.
Murph hat meine Flower Shovel™ gebaut.
Das hast du schon mal gesagt. Ein echter Tausendsassa, dieser Murph.
Das Kaffeewasser gurgelt. Der Duft gibt mir Hoffnung. Im Türknauf habe ich eine spitze Nase. Das kommt von der konvexen Oberfläche. Das Fenster hinter mir ist golden und verzerrt. Der Schnee fällt quer.
Steckst du in Schwierigkeiten, fragt Jim.
Bitte.
Ich habe einen Streifenwagen gesehen …
Ach. Der Sheriff. Er hat mich nur nach Hause begleitet.
Der Sheriff, sagt Jim.
Ich nicke.
Das Haus der Ryans erinnert mich an eins von Mrs. Ryans geblümten Kleidern. Ich habe ein bisschen das Gefühl, ihr unter den Rock gekrochen zu sein. Warum haben wir eigentlich keine geblümte Tapete, und warum trage ich keine geblümten Kleider. Weil das des Guten entschieden zu viel wäre. Ja. Aber die Flower Shovel™ ist des Guten nicht zu viel. Nein. Warum. Weil ich die Schaufel schließlich nicht wie ein Markenzeichen durch die Gegend schleppe. Und selbst wenn, es gibt schließlich Grenzen. Man muss das Augenmerk nicht ständig auf den eigenen Namen lenken. Am besten gar nicht daran denken.
Natürlich bezeichnete mein Dad uns – uns drei – manchmal als den Blumenstrauß. Ich finde, dem Blumenstrauß könnte eine Mütze Schlaf nicht schaden, sagte er. Der Blumenstrauß wird welk. Eine Blume jedenfalls. Kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Kram, Welker.
Jim bringt zwei dampfende Becher Kaffee, ein Glas Oliven und zwei Gabeln auf den Tisch. Das Glas öffnet sich mit einem Hicks.
Olive Oliven, sage ich. Kapiert.
Er nickt. Du liebst Oliven.
An Jims rechtem Mittelfinger steckt ein großer Ring. Was es damit wohl auf sich hat. Was macht Jim Ryan eigentlich beruflich. Beziehungsweise machte. Inzwischen ist er Rentner. Der Ring sieht aus wie ein Bischofsring. Aber Bischof wird er wohl kaum gewesen sein. Das wüsste ich. Oder doch. Warum weiß ich als seine Biografin, pardon, Ex-Biografin nicht, ob Jim Ryan Bischof ist. Wir spießen unsere Oliven auf wie bei einem gemütlichen Fondue. Wenn, dann allenfalls ein anglikanischer Bischof. Er ist schließlich verheiratet.
Unterdessen hält er mir einen Vortrag über Schlösser. Er könne es nicht fassen, dass wir unsere Haustür nicht abschließen. Ich erkläre ihm, dass die Tür für Uneingeweihte durchaus ein Hindernis darstelle. Für Diebe sei sie mit Sicherheit kein Hindernis. Mit einem Doppelzylinderschloss hingegen, fährt er fort. Jim Ryan ist ein erklärter Fan des Doppelzylinderschlosses.
Bei einem Doppelzylinderschloss braucht man anscheinend für beide Seiten einen Schlüssel, sonst kommt man weder rein noch raus. Und das möchte ich auf keinen Fall. Mich von innen ausschließen. Oder doch. Vielleicht hätte ich ja das Gefühl, dass die Welt da draußen mir gehört, wenn ich einen Schlüssel zu ihr hätte.
020
 
Onkel Thoby brauchte drei Monate, um den NWS zu meistern. Mein Dad unterzog ihn einem regelrechten Intensivtraining. Du musst den Knauf festhalten und mit den Zehenspitzen auf die Schwelle treten. Du musst der Tür in die Augen sehen, sagte er. In welche Augen, fragte Onkel Thoby. Na, dahin, wo die Augen säßen, wenn sie welche hätte. Dann musst du sie nach links oben ziehen und ihr gleichzeitig mit dem linken Knie zwischen die Beine treten, sonst pariert sie nicht.
Onkel Thoby fiel lachend hintenüber.
Es war nicht leicht, in unser Haus zu gelangen. Umso leichter war es, wieder rauszukommen. Und genau das wünscht man sich doch eigentlich von einem Haus. Das Doppelzylinderschloss stellt eindeutig ein Sicherheitsrisiko dar. Zum Beispiel, wenn es brennt. Stellen Sie sich vor, Sie müssten erst mal Ihren Schlüssel suchen, um aus Ihrem brennenden Haus zu kommen. Wo ist mein Schlüssel zur Außenwelt, die nicht in Flammen steht. Wo ach wo. Brutzel.
In Sachen Brandschutz bin ich Expertin. Onkel Thoby installierte vier verschiedene Feuerlöscher im Haus. Jeder für eine bestimmte Art von Feuer. Einen für Haare und Fell. Dringend notwendig, weil ich bei dem Versuch, meine Aura mit Hilfe einer Kerze im Badezimmerspiegel zu betrachten, meinen Pferdeschwanz in Brand gesetzt hatte. Der Haar- und Fell-Feuerlöscher bekam den Namen Oddly-Löscher. Dann einen für Eis- und Fettbrände. Einen für Vorhänge. Und einen für Zimmerpflanzen (Weihnachtsbäume, Hecken).
Eisbrände, sagte mein Dad beim Lesen der Gebrauchsanweisung. Soll das ein Witz sein.
Wenn man Speiseeis frittiert.
Was wir ja bekanntlich regelmäßig tun.
Wenn man Speiseeis frittiert, passiert es in neun von zehn Fällen.
Was.
Das Haus brennt ab.
Wenn ich nicht ins Bett gehen wollte, tat mein Dad, als suche er den Oddly-Löscher. Wo steckt das Ding bloß. Ich will dich löschen. Dann hat die liebe Seele Ruh. Und zwar sofort.
Gleich.
Sofort.
Gleich.
Onkel Thoby führte auch Übungen durch. Manchmal ging mitten in der Nacht sein »Mundharmonikaalarm« los. Ich brauchte mich nur um mich selbst zu kümmern. Und das hieß raus aus dem Haus, und zwar dalli. Mein Dad kümmerte sich um Wegde. Und Onkel Thoby blies die Mundharmonika. Erst wenn alle wohlbehalten auf dem Rasen vor dem Haus standen, holte er Luft. Ob Jim Ryan sich an diese Übungen erinnert. Wissen Sie noch, wie wir alle mitten in der Nacht in unserem Vorgarten standen und Onkel Thobys Mundharmonika plärrte wie eine Sirene.
O ja, sagt er. Gott, ja.
 
Mrs. Ryan kommt mit Plastiktüten bepackt nach Hause und will wissen, warum wir im Dunkeln sitzen.
Audreys Türknauf ist abgegangen.
Ja, aber warum sitzt ihr im Dunkeln.
Ist mir gar nicht aufgefallen.
Wie geht’s dir, Schätzchen. Sie streicht mir über die Wange. Die Schneeflocken an ihrem Mantel verschwinden eine nach der anderen.
Gut.
Hast du Murph angerufen, fragt sie Jim über meine Schulter hinweg.
Ja.
Mrs. Ryan zieht ihre Stiefel aus. Sie spricht mit Jim in einem anderen Tonfall als mit mir. Mein Tonfall ist mir lieber. Als sie sich wieder aufrichtet, ist sie puterrot. Wo ist dein Onkel, fragt sie.
Der musste nach London.
Den Arm voller Plastiktüten, bleibt Jim auf halbem Wege zwischen Küchentisch und Anrichte stehen.
London, sagt Mrs. Ryan. England.
Ich schürze die Lippen. Nicke.
Herrgott, Jim, nun mach doch endlich Licht.
Er gehorcht. Die Deckenleuchte geht an.
Wann ist er abgereist.
Ich sehe auf meine Uhr. Ähm.
Aber Weihnachten steht vor der Tür, flüstert Mrs. Ryan mit heiserer Stimme. Am liebsten würde ich mich auf den Boden werfen und mir die Ohren zuhalten. Sag so etwas nicht. Sag nichts gegen ihn, sonst muss ich dich hassen. Großmutter habe einen Schlaganfall gehabt, erkläre ich. Dabei sei sie gestürzt. Und jetzt geht sie auf dem Zahnfleisch, sage ich, obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin.
Ach. Das tut mir aber …
Ich müsste mal kurz aufs Klo.
Natürlich.
Ich nehme den Türknauf mit. Komisch, nicht.
Ich steige die Treppe hinauf und überlege, wie man wohl auf dem Zahnfleisch geht. Wenn die Beine mal nicht mehr wollen. Auf dem Absatz bleibe ich stehen. An der Wand hängt ein Bild des jungen Jim Ryan in Polizeiuniform. Des Rätsels Lösung.
Im Bad zurre ich meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Reibe mir das linke Auge. Pinkle. Starre beim Pinkeln mein Spiegelbild im Türknauf an. Mein Auge ist rot. Suche das Klopapier. Es steht hinter mir, unter dem Rock einer Barbiepuppe. Ihre Beine stecken in der Rolle, und der Rock ist darübergebreitet, sodass man ihn hochheben muss, um an das Klopapier zu kommen.
Verzeihung, darf ich mal.
Barbie fletscht die Zähne. Ist das normal.
Als ich die Treppe hinunterkomme, höre ich Mrs. Ryan sagen: Sie ist ganz allein. Und Jim sagt: Die Russin ist ja auch noch da.
 
Warum wird es eigentlich schon wieder dunkel. Ich habe das Gefühl, als ob die Sonne sich nur ein paar Minuten hätte sehen lassen – als Onkel Thobys Maschine startete – und dann gleich wieder verschwunden wäre.
Ich stand am Maschendrahtzaun. Seine Maschine war hellblau mit einem zerknüllten Ahornblatt am Heck. Seit wann sind die Flugzeuge von Air Canada hellblau. Wie Bonbonpapier, das zu lange in der Sonne gelegen hat.
Die Sonne kam heraus, ging an wie eine Deckenleuchte, grell und hässlich, und mir kamen die Tränen. Eigentlich ist es Quatsch, dass einem bei grellem Licht die Tränen kommen, weil die Tränen wie eine Vergrößerungslinse wirken. Komisches natürlich selektiertes Merkmal. Ich spielte mit dem Gedanken, über den Zaun zu klettern und die Rollbahn zu blockieren. Ob man ein Flugzeug anhalten kann, wenn es erst einmal rollt. Wenn es bereits seine Gedanken sammelt und an England denkt. Oder an Montreal. Kann man sich an die Räder hängen und es am Boden festhalten.
Du darfst nicht nach Osten fliegen. Denn da vorne ist der Osten zu Ende. Österlicher geht es nicht.
Eine Taube kam angewatschelt und betrachtete das Flugzeug. Dann wandte sie den Kopf, als ob sie sagen wollte: Ich habe doch nicht etwa das Licht angelassen. Worauf ich sicherheitshalber auch noch einmal nachsah. Aber es war zum Glück aus.
Du könntest über diesen Zaun fliegen, sagte ich zu ihr.
Viel zu anstrengend.
Aber Tauben können doch fliegen.
Ich hab den Bauch voll Donutbällchen.
Ach so.
Mein Dad hat mir einmal erzählt, dass Tiere, die fliegen können – Vögel, Fledermäuse und dergleichen – ein kleineres Genom haben als Tiere, die nicht fliegen können. Als ob ihnen ein Teil des genetischen Codes fehlen würde. Und genau dieser fehlende Teil ermöglicht ihnen das Fliegen. Eigentlich würde man das Gegenteil erwarten. Nämlich dass ein Tier, das fliegen kann, ein größeres Genom besitzt. Einen zusätzlichen, quasi hintendrangeklebten Code, der besagt: Du Kannst Fliegen. Aber nein. Stattdessen haben wir einen zusätzlichen Code. Und dieser zusätzliche Code besagt: Du Kannst Nicht Fliegen. Ein nicht unerheblicher Teil unsres Genoms dient allein dazu, uns am Boden festzuhalten.
Als Onkel Thobys Flugzeug das Ende der Rollbahn erreicht hatte, wendete es langsam. Jetzt gürtete es die Lenden. Ach bitte bitte bitte. Flieg Qantas.
 
Murph kommt in Latzhosen und strahlt über das ganze Gesicht. Er geht in die Hocke, auf Augenhöhe mit dem Knauf, und sagt, das alte Schloss müsse raus. Er werde ein Sicherheitsschloss einbauen. Er flitzt zu seinem Van und kommt mit dem Sicherheitsschloss zurück. Industriegrau. Ich schüttele den Kopf. Wir mögen Messing. Wir mögen unser altes Schloss. Das vielleicht nicht ganz so sicher, dafür aber umso schöner sei.
Ich drücke Murph den alten Türknauf in die Hand. Lasse ihn für sich sprechen. Sieh mich an. Sieh dich selbst in mir. Reparier mich.
Murph sagt, man könne das Schloss nicht reparieren. Man könne es nur auswechseln. Das alte Schloss sei mindestens vierzig Jahre alt. Die nötigen Ersatzteile seien in alle vier Winde zerstreut.
Wie bitte.
Nicht mehr aufzutreiben.
Ich erkläre ihm, mein Dad und Onkel Thoby seien verreist, und da sie an die alte Tür gewöhnt seien, die sich nur mit einem geheimen Familienschubs aufstoßen lasse, sei mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass sie, wenn sie bei ihrer Rückkehr das neue Schloss vorfänden, nicht wüssten, wie sie ins Haus gelangen sollen. Darum wäre es mir lieb, wenn ich das alte Schloss behalten könnte.
Das mit deinem Vater tut mir leid, sagt Murph, ohne mich anzusehen. Jim hat mir erzählt, dass er gestorben ist.
Ich setze mich auf die Verandatreppe.
Habt ihr eine Hintertür.
Nein.
Es schneit. Mit einem zähneknirschenden Geräusch bricht Murph das alte Schloss aus der Tür. Als ich das höre, kommen mir die Tränen. Murph hält inne, wendet den Kopf und wirft mir einen Blick zu. Ich stehe auf und gehe hinters Haus. Ich schaue durchs Küchenfenster. Das Telefon blinkt. Eine Nachricht.
Ich drehe eine Runde. Sehe die Post durch. Schon wieder eine Rückrufnotiz für meinen Dad und ein Brief von der Kriegsversehrtenhilfe für Mr. Rudder, den Vorbesitzer, der tot ist. Der auch tot ist.
 
Murph erzählt mir, dass Jim Ryan bei der Stab gewesen sei. Der was. Der Constabulary. Ach. Murph habe der Polizei schon des Öfteren geholfen. Wobei. Einbrüche. Mehr dürfe er mir leider nicht verraten. Daher kenne er Jim. Außerdem habe er ein Doppelzylinderschloss in die Haustür der Ryans eingebaut.
Das da ist aber kein Doppelzylinderschloss.
Nein, Kleine.
Ich lehne entspannt am Geländer. Ich erzähle, dass ich eine Biografie über Jim Ryan geschrieben hätte. Die exakt zwei Sätze lang gewesen sei. Damals hätte ich noch nicht gewusst, dass er bei der Polizei gewesen sei. Sonst wäre mein Werk vermutlich drei Sätze lang gewesen.
Die Idee, eine Biografie über seinen Nachbarn zu schreiben, findet Murph urkomisch.
Warum.
Achselzuckend kramt er in seinem Werkzeugkoffer. Warum schreibst du nicht auch eine über mich. Ich habe interessante Kinder.
Mit Biografien bin ich durch.
Wenn du wieder mal was schreibst, kannst du mich ja darin erwähnen.
Gut, dann schreibe ich Ihnen einen Scheck.
Er lacht.
 
Im Haus riecht es nach vergammeltem Essen. Der Leichenschmus. Ich schleppe Sägemehl durchs Haus. Bitte, lass die Nachricht von Onkel Thoby sein: Ich bin in Montreal. Es war ein Irrtum. Ich komme nach Hause.
Aber nein. Sie ist von Judd Julian-Brown, dem »Leiter« der hiesigen Christmatech-Filiale. Er ruft auch die D-534-Lichterketten zurück. Ein Rückruf im doppelten Sinne. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Weder das Modell D-434 noch das Modell D-534 taugen zum Einsatz in Innenräumen. Im Außenbereich, eventuell. Aber auf keinen Fall in Innenräumen. Wir möchten Sie herzlich bitten, uns die beiden Modelle zurückzubringen, dann erhalten Sie von uns im Austausch das fabrikneue Modell D-634.
Schon wieder dieses Wir. Pluralis Majestatis. Ich bitte dich, Judd. Seien wir ehrlich. Du sitzt allein in irgendeinem Kellerloch, nicht wahr.
Keine weiteren Nachrichten. Ich schleudere meine Stiefel von den Füßen. Von der Tür-OP ist alles voller Sägemehl. Das Sicherheitsschloss sieht aus wie eine Hand, die der Tür den Mund zuhält.
Das alte Schloss hat wahrscheinlich der Vorbesitzer Mr. Rudder eingebaut. Er war Schreiner. Leider kein besonders guter. Er hat auch die leicht wacklige Veranda gezimmert. Mein Dad ist ihm nie begegnet. Mr. Rudder fand nämlich ein frühzeitiges Ende, das den Verkauf des Hauses erforderlich machte. Wir werden also nie erfahren, ob Mr. Rudder den Nordwestschubs erfunden hat oder mittels einer anderen Methode über die Schwelle gelangte.
Mr. Rudder starb folgendermaßen. Er baute eine Mauer, und ihm gingen die Steine aus. Er hatte von einer Insel vor der Südküste gehört, wo es erstklassige Steine gab. Also stach er mit einem kleinen Boot in See. Jawohl, mit einem Ruderboot. Mr. Rudder ruderte zu besagter Insel und belud sein Boot mit Steinen. Dann versuchte er zurückzurudern, der alte Trottel, das Boot sank, und er ertrank.
Natürlich lachten wir. Der alte Mr. Rudder. Der nicht schnell genug rudern konnte, um sein Boot voller Steine sicher ans Ufer zu bringen. Es war wie eine Parabel. Er hatte es verdient. Also lachten wir. Es sprach schließlich nichts dagegen. Der Mann war eine Witzfigur. Eine lächerliche Witzfigur. Die sterben musste, damit wir ihr Haus bekamen. Denn es war immer schon unser Haus gewesen. Es hatte nur auf uns gewartet.
Onkel Thoby hingegen lachte nicht, als wir ihm die Geschichte erzählten. Der arme Mr. Rudder, sagte er. Hört auf, ihr beiden.
Aber der Name, der Name!
Hört auf, ihr beiden.
Okay, ich höre ja schon auf. Mr. Rudder war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Dessen Hand diesen Messingknauf unzählige Male hin und her gedreht hat. Dessen Körper sich jedes Mal darin spiegelte, wenn er ein und aus ging. In seinem Haus. Mr. Rudder fand ein frühzeitiges Ende. Und die Moral von der Geschicht. Verdient hatte er’s jedenfalls nicht.
Je nun. Ein Boot mit Steinen zu beladen, könnte mir schließlich auch passieren.
Ich setze mich mit den Füßen zur Zimmermitte ins Wohnzimmer und lasse mir den Messingknauf über die Brust kullern. Eines Tages wird eine andere Familie hier sitzen und über das frühzeitige Ende von Walter Flowers lachen, der von einem Weihnachtsbaum niedergemäht wurde. Frühzeitig für ihn. Rechtzeitig für uns. Jetzt ist es unser Haus.
Nur über meine niedergemähte Leiche.
Oder – ich richte mich auf – gibt es womöglich irgendwo eine Familie, die jetzt um den Weihnachtsbaum sitzt, der ihn erschlagen hat. Heiliger. Die jetzt, in diesem Augenblick um genau denselben Baum sitzt, der meinen Dad erschlagen hat, und über das frühzeitige Ende eines gewissen Walter Flowers lacht, der noch dazu in der Lebensverlängerungsbranche tätig war. Haha. Ich presse mir den Messingknauf an die Stirn. Natürlich. Seine Mörder. Zum ersten Mal sehe ich ihnen ins Gesicht. Oder versuche es zumindest. Wer sind sie. Wo sind sie. Mich beschleicht, pardon, bestürmt ein äußerst ungutes Gefühl.
Das noch unguter wird, als ich im Drehspiegel ein leeres Terrarium erblicke. Der schwarze Trauerf lor schlingt sich noch immer um das Laufrad. Ich stehe auf. Langsam.
Wedge ist weg.
Mein erster Gedanke: Jemand hat meine Maus gestohlen!
Wer stiehlt schon eine Maus. Ich bitte dich.
In ihrem Terrarium ist sie jedenfalls nicht. Also.
Das Gitterdach steht zwar nicht offen, aber richtig geschlossen ist es auch nicht. Vielleicht ist Wedge von selbst hinausgeklettert. Vielleicht hat er am Gitterdach Klimmzüge gemacht – um seine Oberkörpermuskulatur zu trainieren, wie er es häufiger zu tun pflegt, da das Laufrad in dieser Hinsicht keine große Hilfe ist -, vielleicht hat er seine Oberkörpermuskulatur trainiert, dabei zufällig entdeckt, dass das Dach nicht richtig eingehakt war, und sich durch den Spalt gezwängt.
Wie ist er vom Kaminsims heruntergekommen. Gesprungen. Gefallen. O Gott.
Ich setze mich auf den Boden und rufe nach ihm. Er brauchte wahrscheinlich dringend etwas Auslauf. Armer Wedge. Ich habe vergessen, den Trauerflor abzumachen, er brauchte dringend Auslauf, und darum ist er geflohen.
Oder doch nicht. Wann habe ich ihn zuletzt gesehen. Nach der Beerdigung. Da sah er fix und fertig aus. Kein Wunder, nachdem die Leute vor seinem Terrarium Schlange standen. Oder nennen wir das Kind beim Namen. Nachdem die Verdächtigen vor seinem Terrarium Schlange standen.
Erst einmal müssen wir die Möglichkeit ausschließen, dass er sich noch im Haus befindet. Also, erstens Haus durchsuchen. Zweitens Möglichkeit ausschließen. Und drittens eine Liste der Verdächtigen erstellen.
Wenn manche Leute etwas verlieren, glauben sie sofort, es sei ihnen gestohlen worden. À la: Jemand hat meinen Handschuh geklaut. Solche Leute finde ich lächerlich. Andere Leute wiederum sehen, dass ihr Auto nicht in der Einfahrt steht, und reden sich ein, sie hätten es versehentlich woanders abgestellt. Der Trick ist, die goldene Mitte zu finden.
Wenn ich ganz still sitze, höre ich ihn vielleicht scharren.
Kein Scharren, nirgends. Ich beginne mit der Durchsuchung. Dabei gehe ich nicht besonders systematisch vor. Ich stampfe vielmehr panisch durchs Haus oder lege mich flach auf den Bauch, damit ich auch unter die Möbel schauen kann, und rufe dabei Wedges Namen. Der kleine Scheißer sitzt wahrscheinlich starr vor Schreck in einer Ecke und kaut an seinen Nägeln. Vielleicht hinter dem Kühlschrank. Na schön. Rücke ich den Kühlschrank eben ab. Und siehe da, irgendwie gelingt mir das sogar. Ich staune über meine eigene Kraft. Die Macht ist mit mir. Wedge ist nicht hinter dem Kühlschrank. Ich rücke ihn nicht wieder an die Wand. Wer sagt denn, dass ein Kühlschrank gerade stehen muss.
021
 
Es klopft an der Tür. Das Geräusch holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Mein Pferdeschwanz ist weg. Genauer gesagt, aufgegangen. Wann ist denn das passiert. Ich bin ganz aufgeladen, wie ein Muppet. Als ich das neue Türschloss anfasse, bekomme ich einen Schlag. Verdammt. Es ist Byrne Doyle mit einem Kuchen von Piety Pie. Nicht Zitrone. Sondern Blaubeer. Trotzdem, nett von ihm. Kommen Sie rein.
Jim Ryan hat mir erzählt, beginnt er.
Meine Maus ist weg.
Dass dein Onkel weg ist.
Ja, der auch. Ich trage den Kuchen in die Küche.
Byrne schlurft mir hinterdrein. Jacob Marley. Den keine Ketten am Fortkommen hindern, sondern ein Mantel.
In einem anderen Mantel könnten Sie größere Schritte machen, sage ich.
Er ist warm.
Der Kuchen.
Nein, der Mantel.
Ja, aber auch mit erheblichen Nachteilen verbunden.
An deinen Haaren sehe ich, dass du gestresst bist, sagt er. Setz dich, und iss ein Stückchen Kuchen.
Ich setze mich. Byrne streift seinen Mantel ab. Wirft einen scheelen Blick auf den Kühlschrank. Schnuppert. Der Müll muss raus.
Ja.
Da es keine sauberen Teller mehr gibt, greift er erst einmal zu Spülmittel und Bürste.
Danke, Byrne.
Stets zu Diensten, sagt er.
Ich sehe ihm beim Essen zu. Mit der Gabelkante schneidet er kleine geometrische Figuren ab und arbeitet sich so langsam von der Spitze zum Teigrand vor. Als würde er eine Einfahrt freischaufeln. Ich hingegen esse meinen Kuchen von oben nach unten. Ich hebe den Deckel mit der Gabel an. Das kann schon mal eine Stunde dauern. So viele Blaubeeren.
Haben Sie vielleicht gesehen, wie jemand Wedge aus seinem Terrarium geholt hat.
Hm.
Meine Maus. Nach der Beerdigung.
Er schüttelt den Kopf und schluckt.
Da kommt mir ein Gedanke: Vielleicht ist jemand bei uns eingebrochen. Vielleicht war der Türknauf deshalb lose. Vielleicht ist jemand, der mit dem Nordwestschubs nur unzureichend vertraut war, in unser Haus eingedrungen und hat Wedge entführt.
Brr, brr, macht Byrne und legt seine Gabel beiseite. Immer langsam mit den jungen Pferden, Fräulein.
Schon gut. Ich zurre meinen Pferdeschwanz zurecht.
Er erklärt sich bereit, mir bei der Suche nach Wedge zu helfen. Aber er warnt mich davor, in eine Die-ganze-Welt-willmich-verschaukeln-Haltung zu verfallen. Denn von dort gebe es kein Zurück. Er sei Politiker. Er kenne sich aus.
Ich überlege, wer ihn wohl verschaukelt hat. Vielleicht das Wahlvolk, das ihn am langen Arm verhungern lässt.
Ich schnappe mir eine Tüte Lakritz und renne die Treppe hoch.
Wie sollte eine Maus da raufkommen.
Über die Scheuerleiste.
Aha. Ich bringe dann mal eben den Müll raus, sagt Byrne.
Oben angekommen, sehe ich unter meinem Bett nach. Spitze die Ohren. Kein Scharren, nirgends. Der Heizungsschlitz. O nein. Wenn Wedge ins Lüftungssystem geraten ist. Immer mit der Ruhe. Das Lüftungssystem ist ein Labyrinth wie jedes andere. Einfach ein Lakritz vor einen Ausgang legen und abwarten.
Auf dem Flur bleibe ich stehen.
Ich müsste nicht im Zimmer von meinem Dad nachschauen, wenn zwischen Türkante und Fußboden nicht ein mausbreiter Spalt klaffen würde.
Ich öffne die Tür.
Das Zimmer riecht immer noch nach Dad. Ich mache Licht. Das Bett ist gemacht, hat aber eine Delle. Am besten gar nicht hinsehen. Die Delle ist genau da, wo er sich immer hingesetzt hat, um sich die Socken anzuziehen. Sylvester Stallone hängt zwar noch an der Wand, wellt sich aber an den Rändern.
Das Buch neben dem Bett heißt Repulsive Gravitation: Der Urknall. Klingt irgendwie bedrohlich. In der Ecke steht der dänische Schreibtisch, und das von ganz allein.
Wedge, rufe ich leise.
Mäuse kommen nicht, wenn man sie ruft, du Gnomon.
Unter dem Bett: ein Stapel alter Leonel-de-Tigrel-Artikel, die eine Ecke stützen. Die alte rote Liege, auf der ich geschlafen habe, als Toff und Großmutter zu Besuch waren, die Beine eingeklappt wie bei einem toten Käfer.
Auf dem Schreibtisch: Laptop. Zauberwürfel.
Ob er es wusste. Oder doch zumindest ahnte. Ich meine, wenn man zum letzten Mal auf seinem Bett sitzt und sich die Socken anzieht, und die Zukunft, in die man sich normalerweise tagtäglich hineinbegibt, ist bald nicht mehr da. Ob man das spürt.
Reiß dich zusammen, Wobbly.
Der Zauberwürfel ist gelöst. Logisch. Konzentration. Wenn man den Zauberwürfel lösen möchte, muss man sich alle sechs Seiten auf einmal vorstellen können. Mein Dad konnte das. Ich nicht. Ich schaffte immer nur eine Seite auf einmal. Wie oft hast du denn auch nur eine Seite eines Zauberwürfels gelöst. Okay, keinmal. Aber einmal habe ich ein Messer zwischen die Quadrate geschoben, den Würfel in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Voilà. Gelöst.
Gilt nicht.
Ich nehme den Würfel in die Hand. Stellen Sie sich vor, man könnte alle sechs Seiten des Würfels auf einmal sehen. Und ihn in Gedanken drehen. Statt darin gefangen zu sein.
Ich lege ihn wieder auf den Schreibtisch.
Was habe ich eigentlich hier gesucht.
Wedge.
Schön blöd. Hier ist er nämlich nicht. Und jetzt hast du deinen Dad hier totgemacht. Und nicht nur hier. In jedem neuen Zimmer, das du betrittst, wirst du deinen Dad totmachen. Jetzt ist er auch im ersten Stock tot. Im Parterre war er schon tot. Bleibt nur noch ein Stockwerk übrig.
Gefunden, ruft Byrne Doyle von unten herauf.
Nein.
Onkel Thoby hatte kein Stockwerk mehr übrig.
 
Der rote Christmatech-Van steht vor Julian-Brown’s Möbelhaus. Davon abgesehen weist nichts auf Christmatech hin. Ich überprüfe den Absender auf dem Briefumschlag und stoße die Tür auf. Es ist fast genau, wie ich es in Erinnerung habe. Lauter wundersame Zimmer unter einem Dach. Ein Set für jede Szene, die man spielen möchte. Liebe, Krimi, Komödie. Etwas mehr schwarzes Leder als damals, wie mir scheint. Keine Drehspiegel. Auch keine Kunden. Ich drücke die Klingel. Die Schachtel mit den Lichterketten (Modell D-534) klemmt unter meinem Arm.
Wenn ich mir hier und jetzt ein Zimmer aussuchen müsste, würde ich mich für die Country-and-Western-Küche dort drüben entscheiden. Die mit den Hufeisengriffen an den Schränken und dem Cowboyhut auf dem Kleiderständer. Hübsche Idee.
Zu einem Cowboyhut würde ich nicht Nein sagen.
Ich setze den Cowboyhut auf und lasse mich am Küchentisch nieder. Trommle mit den Fingern. Ich glaube, so etwas nennt man eine Küche im Ranchstil. Auf einer Ranch heißt der Herd range. Oder heißt die ganze Ranch range. À la Home on the. Es gibt sogar ganze Häuser im Ranchstil, die in der Regel aus nur einem weitläufigen Geschoss bestehen. Kaum zu glauben, dass es tatsächlich Leute gibt, die in treppenlosen, einstöckigen Häusern wohnen.
Holterdiepolter geht irgendwo im hinteren Teil des Ladens eine Tür auf, und Judd Julian-Brown betritt ohne Dsch, dafür mit Bindestrich den Verkaufsraum wie ein Richter den Gerichtssaal. Bitte erheben Sie sich.
Derselbe graue Pulli. Glattes rotes Haar. Schwerfälliger Gang. In Richtung Theke.
Howdy, Pardner.
Er blickt auf.
Ich halte meinen recycelten Pizzakarton hoch. Ich beantworte Ihren Rückruf.
Er strahlt über alle vier Backen.
Gestern Abend habe ich das Modell D-534 wider besseres Wissen in Betrieb genommen. Noch dazu im Innenraumbereich, genauer gesagt, in meinem Zimmer. Als die Lichter angingen, hatte ich das Gefühl, ich fliege über Vegas. Sie sahen aus wie Vegas aus der Luft. Sie hinterließen ein Bild auf meiner Netzhaut, das mich noch lange verfolgen wird. Während sie auf meinem Bett lagen und brannten, schlief ich ein. Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen. Was ist an diesen Lichterketten eigentlich so gefährlich, Judd. Gehen sie in Flammen auf, oder macht ihr Anblick blind. Wie auch immer. Ich bin jedenfalls nicht in Flammen aufgegangen. Und wenn meine Netzhäute Schaden genommen haben, wenn ich radioaktiv verseucht bin, habe ich eben Pech gehabt.
Die anderen Lichterketten (Modell D-434) konnte ich leider nicht finden. Sie sind wahrscheinlich im Keller. Mein Dad bringt sie Ihnen demnächst zurück. Wenn’s recht ist, Pardner. Wie auch immer. Hier sind Ihre Lichterketten. Ich würde sie gern gegen das Modell D-634 eintauschen. Damit die nächste Generation zu ihrem Recht kommt.
Judd setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Lächelt leise über meinen Cowboyhut. Obwohl ihm die Vorstellung, dass ich mit dem Modell D-534 geschlafen habe, gar nicht behagt.
Gehört Ihnen der Laden.
Meinen Eltern.
Ich nicke. Und Sie betreiben Christmatech von hier aus.
Christmatech ist im ersten Stock.
Ich sehe mich um. Hier haben wir unseren Drehspiegel gekauft.
Ein Drehspiegel ist nie verkehrt.
Haben Sie den Pulli selbst gestrickt.
Na klar.
 
Wie sich herausstellt, hat Judd wie ich die GOLEM und einen Französisch-Crashkurs absolviert, aber er war vier Klassen unter mir, deshalb sind wir uns eigentlich nie groß über den Weg gelaufen. Trotzdem beschließen wir, uns zu duzen. Wir hatten beide Miss Daken in Mathe. Gott. Miss Daken mit ihren hohen Absätzen und der Flechtfrisur. Judd fällt ein, dass er total verknallt war in Miss Daken. Weißt du noch, wie sie ihre Schüler immer in ihren Textaufgaben untergebracht hat, sagt er.
Ihre Textaufgaben waren wie kleine Biografien.
Ich schwebte immer entweder schwerelos in einer Rakete, sagt er. Oder musste zwanzig Treppen steigen.
Ich war immer eine russische Bäuerin, die Werst in Kilometer umrechnen wollte. Ich frage mich, weshalb. Ob sie Verbindungen nach Russland hatte.
Das glaube ich kaum, sagt Judd. Aber ihre Textaufgaben hatten immer eine Botschaft.
Und was, meinst du, wollte sie mir damit sagen, wenn sie mich auf ein Feld in Sibirien verfrachtete, wo ich ausrechnen musste, wie weit es nach Hause war.
Keine Ahnung. Mir wollte sie jedenfalls sagen, dass ich eine Diät machen sollte.
Und trotzdem warst du in sie verknallt.
Ich fand es unheimlich scharf, dass sie immer auf Zehenspitzen ging, sagt er.
Wegen der hohen Absätze.
Als wir sie hatten, trug sie schon lange keine hohen Absätze mehr, aber ihre Wadenmuskeln waren irgendwie verkürzt, sodass sie nicht mehr normal laufen konnte. Darum ging sie auf Zehenspitzen.
Er steht auf und dreht das GESCHLOSSEN-Schild an der Tür herum. Jetzt steht dort OFFEN. Offen für uns. Für alle anderen geschlossen.
Wer auf Zehenspitzen geht, ist entweder voller Liebe. Oder voller Hass, sagt er.
Ich lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen. Meinst du.
Komm mal mit.
Eine Eisentreppe hoch. Sie ist löchrig, und sie wackelt. Judds Stiefel donnern wie Kanonenrohre. Wir kommen zu einer Tür. Noch immer kein Christmatech-Schild. Er macht die Tür auf.
Willkommen in der Christmatech-Werkstatt. Bitte pass auf, wo du hintrittst.
Ich betrete einen kleinen, rechteckigen Raum. Auf dem Boden Kabelrollen (grün). Dunkle Glühbirnen. Stapelweise Pizzakartons. Aber das sind doch keine Pizzakartons, sagt er beleidigt. Keine Pizza hat sie je von innen gesehen. Ja, sie sind aus recycelter Pappe. Ja, sie sind ursprünglich für Pizza bestimmt gewesen. Aber was soll’s. Jetzt sind sie keine Pizzakartons mehr. Sondern Christmatech-Kartons.
Ich hab’s kapiert.
Das einzige Möbelstück im Raum ist ein runder Tisch ohne Platte. Letztere hat er durch ein Metallgitter ersetzt, an dem Kabel und Drähte baumeln.
Was ist denn das.
Ein Tisch.
Sieht aber gar nicht aus wie ein Tisch.
Wenn er fertig ist, kann man die Sterne darin sehen.
Er bückt sich und wickelt Kabel um das Tischgestell. Im Ernst, sagt er und deutet mit einem Nicken zur Wand. Dort hängt eine Sternenkarte.
Oha.
Dann baut Judd also einen Himmelstisch. Also, wenn einer das schafft, dann der Erfinder der D-534-Lichterketten. Dein Blau, sage ich.
Ja.
So ein schönes Blau habe ich noch nie gesehen.
Danke.
Bunsenbrennerblau.
Ich liebe Bunsenbrenner.
Ich auch.
Die Christmatech-Werkstatt hat nur ein kleines Schiebefenster. Die Sonne sinkt schnell, als würde jemand den Dimmer herunterdrehen.
Judd packt eine neue Lichterkette in einen Karton.
Wie ist mein Dad auf dich gekommen.
Auf mich gekommen.
Oder wo hat er die D-434er gekauft.
Canadian Tire.
Bei Canadian Tire gibt es Christamatech-Lichterketten.
Er kniet, von Glühbirnen und Pizzakartons umgeben, auf dem Boden. Sieht zu mir hoch. Zwinkert. Also, ehrlich gesagt, gibt es sie nur auf dem Parkplatz von Canadian Tire. Und auch das nur, wenn ich zufällig dort stehe.
Ich lache. Ich frage ihn, ob er sich an meinen Dad erinnert. Er sagt Nein. Ich gehe neben ihm in die Hocke. Aber du musst dich an ihn erinnern. Ein Engländer.
Er verdreht einen Bindedraht. Und wie er ihn verdreht.
Gut, das reicht. Ich lege meine Hand auf seine. Denk nach. Erinnerst du dich an ihn.
Ein Engländer. Hm, ja, kann sein.
Gut. Mehr wollte ich gar nicht. Ich richte mich wieder auf.
Eine letzte Frage. Als du neulich auf der Party warst …
Ich war nicht auf der Party.
Hast du da zufällig jemanden mit einer Maus aus dem Haus kommen sehen.
Du meinst, mit einer Computermaus.
Nein, mit einer echten Maus. Einer weihnachtsfarbenen Maus.
Weihnachtsfarben.
Weiß. Mit roten Augen. Und der Zahl 18 auf dem linken Ohr.
Nein.
Er reicht mir einen Pizzakarton, auf den er mit schwarzem Filzstift D-634 geschrieben hat.
 
Als wir die Eisentreppe wieder hinuntersteigen, erst ich, dann Judd, sehe ich durch die Stufen (die hauptsächlich aus Luft zu bestehen scheinen und weniger aus Eisen, nichts als Ringe aus Metall, die zittern und beben wie riesige Atome) nach unten und denke darüber nach, was meine Füße tun. Was man tunlichst unterlassen sollte, insbesondere wenn man Wobbly Flowers heißt. Auf einer Treppe verbietet es sich geradezu, darüber nachzudenken, was die eigenen Füße tun. Oder auch nicht.
Ich stolpere.
Ich merke, dass ich falle, wie im Traum. Ganz langsam. Kennen Sie das Gefühl. Man fällt wie in Zeitlupe, bis man plötzlich auf hört zu fallen. Und fliegt. Oder schwebt. Ich habe mich schon oft gefragt, warum das so ist, warum wir solche Träume haben sollten, wenn unser Gehirn nicht wüsste, wie man fliegt. Wenn wir uns nicht an eine Zeit erinnern könnten, als unser Genom noch sehr viel kleiner war und wir Fliegen lernten, indem wir langsamer von den Bäumen fielen. Treppen sind die Bäume von heute.
Aber ich fliege nicht. Ich falle. Sechzehn Stufen hinunter. Dann: Aufprall. Oder Impakt, wie der Fachmann sagt.
Wie kann eine Treppe aus Luft bloß so wehtun.
Wobbly Flowers hat heute zu viel C-A-F-F-E-E getrunken und zu wenig geschlafen, und von windigen Larifaritreppen wird ihr schwindlig, ihre Netzhäute sind verbrannt, und ihre Fantasie ist im Innern eines Zauberwürfels gefangen, und sie versucht, sechs Rätsel auf einmal zu lösen, von denen sie fünf nicht einmal sehen kann. Kein Wunder, dass sie gefallen ist.
Und Judd kommt hinterdreingepurzelt.
Nein, er steht wie eine Eins. Eilt aber immer zwei Stufen auf einmal die Treppe hinunter.
O Gott. Er schiebt mir die Hände unter die Achseln. Immer schön senkrecht halten.
Auf dem Treppenabsatz liegt ein Cowboyhut. Dass ich den aufhatte, war mir glatt entfallen.
 
Links von mir setzt Jim Ryan seinen Wagen vorwärts aus seiner Einfahrt. Er kurbelt sein Fenster herunter. Ich das meine.
Alles klar.
Ich strecke den Daumen hoch.
Was um Himmels willen ist denn mit deinem Gesicht passiert.
Halbsowild.
Ich sitze in der Einfahrt, im LeBaron, und rühre mich nicht von der Stelle. Normal ist das nicht.
Du hast den neuen Türknauf doch hoffentlich nicht auch schon wieder abgebrochen.
Nö.
Bist du sicher, dass dir nichts fehlt.
Ja. Fahren Sie nur.
Er fährt. Wenn auch widerwillig. Was wollte er mir damit sagen. Dass ich den alten Türknauf absichtlich abgebrochen habe. Ich betrachte mein Gesicht im Rückspiegel. An meinem linken Auge keimt ein Gerstenkorn. Was den Rest angeht: am besten gar nicht hinsehen.
 
Onkel Thoby hat nicht angerufen. Wedge ist immer noch verschollen. Die Lakritzen, die ich vor sämtliche Heizungsschlitze und die Kellertür gelegt habe, weisen keine Bissspuren auf. Ich habe ihm Untertassen mit Wasser hingestellt. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich starre auf das dunkle Haus. Na los. Geh schon. Rein mit dir.
Gleich.
Was, wenn ich für die Menschen, die ich liebe, der Tropfen bin, der das Fass zum Überlaufen bringt, und nicht der Böttcher, der rechtzeitig den Spind zieht. Oder wie das heißt. Was, wenn ich alles immer nur noch schlimmer mache und nicht besser. Und jetzt ist Onkel Thoby zu allem Überfluss auch noch in England, wo er von Toff und Großmutter als Geisel gehalten wird. Aber vielleicht geißelt ihn ja auch der Zoll und lässt ihn nicht telefonieren. Und ich bin schuld daran, weil ich seinen Stresslevel erhöht habe, statt ihn zu senken.
Und weil ich eingeschlafen bin und ihn nicht aufgehalten habe.
Genau das haben ich und mein Dad immer befürchtet, auch wenn er das niemals zugegeben hätte: dass Onkel Thoby nach England zurückgeht. Und wir ihn verlieren. Weil er sich vorkam wie ein Preis, den wir zufällig in der Lotterie gewonnen hatten. Nach unserer dritten Fahrt zum Flughafen hatten wir schlicht und einfach Schwein gehabt.
 
Eines Tages, als mein Dad bei der Arbeit war, bat ich Onkel Thoby, mich zum Stall hinauszufahren. Ich wusste, dass er weder Auto fahren konnte noch wollte. Trotzdem fragte ich ihn. Warum. Weil er mir damit in den Ohren gelegen hatte, wie »effizient« die Londoner U-Bahn doch sei, was wiederum den Schluss nahelegte, dass unsere Metrobusse »ineffizient« waren, und das konnte ich unmöglich durchgehen lassen. Wir haben schließlich Clint. Die Qantas unter den Taxis.
Ja, ja. Clint ist ein Juwel. Aber du würdest die U-Bahn lieben, Odd. Geheime Tunnels. Wie Heizungsschlitze. Die dich bringen, wohin du auch willst. Wenn du eines Tages verreist, wirst du schon sehen.
Ich will aber nicht verreisen.
Jetzt lag er auf dem Sofa und las ein Buch über London und die Londoner. Auch das konnte ich unmöglich durchgehen lassen. Also schlüpfte ich in meine Reitmontur, stampfte ins Wohnzimmer und bat ihn, mich zum Stall hinauszufahren.
Er legte sich das Buch mit aufgeschlagenen Flügeln auf die Brust. Vielleicht fährt Verlaine dich nach der Arbeit.
Nein, du.
Ich kann nicht.
Ich warf ihm die Schlüssel in den Schoß. Sie landeten unter der Gürtellinie. Autsch. Das Buch rutschte ihm von der Brust.
Ich kann nicht, Odd.
Gut, dann fahre ich eben mit dem Rad.
Obwohl ich unmöglich mit dem Rad zum Stall fahren konnte. Der Stall war draußen beim Flughafen, um Himmels willen. Trotzdem marschierte ich auf die Veranda und stieg auf mein Rad, als sei es Rambo.
Wenn du unbedingt fahren willst, sagte Onkel Thoby, rufe ich rasch bei Clint an.
Ich schielte unter meinem Schirm hervor. Ich will aber, dass du mich fährst.
Ich kann dich aber nicht fahren, Liebes.
Wohl.
Ein für alle Mal: Nein.
Wie du willst. Ich strampelte die Verandatreppe hinunter.
Oddly.
Ich schaltete auf Durchzug.
Wie es das Schicksal wollte, setzte Jim Ryan just in diesem Augenblick aus seiner Einfahrt. Er sah mich nicht. Ich musste eine Vollbremsung hinlegen. Seine Stoßstange verfehlte mich um Armeslänge. Sie streifte praktisch meinen Reifen. Zuerst hätte ich am liebsten die Hand ausgestreckt und der Stoßstange einen kräftigen Schlag versetzt. Stattdessen streckte ich die Hand aus und hielt mich an ihr fest. He, Freifahrt, dachte ich.
Nicht, hörte ich Onkel Thoby sagen.
Doch, dachte ich bei mir.
Ich wurde gezogen und brauchte nicht zu strampeln. Ich musste nur aufpassen, dass ich nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Die eine Hand am Lenker, die andere um Jim Ryans Heckstoßstange. Datsun. Bronzefarben. Am Ende des Wednesday Place wendeten wir. Gar nicht so einfach. In die Kurve legen. Und noch einmal. Jetzt sausten wir den Blackbog Drive entlang, vorbei am Civil Manor und der Piety-Pie-Fabrik. Eine Nase Kuchenduft. So schnell war ich mit dem Rad sonst nie. Die Straße jagte unter mir dahin wie unter dem Loch in Verlaines Auto.
Ich nahm eine aerodynamische Haltung ein.
Autos hupten. Jim glaubte, sie wollten ihn freundlich grüßen. Er hupte zurück.
Sie zeigten auf mich.
Er zeigte auf sie.
Du hast eine Ex-Biografin am Arsch hängen, Jim. Mit einem englischen Reithelm auf dem Kopf.
Wir wurden immer schneller. Jetzt erst kam ich auf die Idee, mich zu fragen, wohin Jim Ryan wohl fuhr. Ähm. Zum Stall wohl kaum. Nein, auf keinen Fall. Ob er überhaupt wusste, wo der Stall war. Nein. Er wollte vermutlich zur Trans-Canada. Die trotz ihres Namens nicht quer durch Kanada verlief, schließlich lebten wir auf einer Insel. Sie endete kurz vor dem Flughafen. Wenn Jim Ryan tatsächlich zum Flughafen wollte, brauchte ich mit dem Rad nur über die Rollbahn zu fahren, und schon war ich beim Stall.
Allmählich taten mir die Hände weh. Ich dachte daran, wie Onkel Thoby die Einfahrt entlanggestolpert war. Wie er Nicht gerufen hatte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Ich ging in Crashhaltung. Die sich von der aerodynamischen Haltung übrigens nur unwesentlich unterscheidet.
Links überholte uns ein Pick-up Truck, und ein Junge schrie: Lass los, du Schwachkopf.
Ich hasste ihn.
Ich hasste Jim Ryan.
Auf dem Blackbog Drive gab es keine Ampeln. Wir fuhren und fuhren. Und hielten nicht ein einziges Mal an. Ich hätte beim besten Willen nicht loslassen können. Nicht zuletzt, weil ich erbärmlich fror. Wann war es eigentlich so kalt geworden. Meine Hand klebte an der Stoßstange fest. Mir liefen die Tränen.
Plötzlich hörte ich ein vertrautes, langgezogenes Hupen. Dieses Hupen kannte ich doch. Ich wandte den Kopf. Und was sah ich. Onkel Thoby in unserem kleinen braunen LeBaron! Mit offenen Fenstern. Und grotesk verzerrter Miene. Anhalten. Anhalten.
Da schaute Jim Ryan zum ersten Mal in den Rückspiegel. Das hatte er sich vermutlich abgewöhnt, seit er vorwärts aus seinem Hörnchen fahren konnte. Rückspiegel waren nur etwas für Menschen ohne Hörnchen.
Er stieg so heftig auf die Bremse, dass der Wagen nach rechts ausscherte, was erstens ziemlich unvernünftig war und zweitens ohne Weiteres zu einem Unfall hätte führen können.
Extravehikuläre Ablenkung. In Form meiner Wenigkeit. Ich hob ab. Und flog mit meinem Fahrrad in hohem Bogen durch die Luft. Dann plötzlich war das Rad verschwunden. Und ich flog solo weiter. Platsch, landete ich zwischen Straße und Trottoir. Nicht in der Gosse. Oder doch. Doch in der Gosse. Das passte. Wie angegossen. Ich landete mit dem Gesicht voran. Einen Augenblick lang war alles mollig still und warm. Und raten Sie mal, was mein Gesicht vor Schlimmerem bewahrte. Mein schwarzer Schirm. Mein Helm. Links war der schwarze Samt gerissen. Ich hatte gehört oder vielmehr gespürt, wie er gerissen war.
Nach einer Weile hörte ich jemanden fluchen. Jim Ryan auf dem Gehsteig. Ich wurde auf den Rücken gedreht. Onkel Thoby betastete meine Beine. Autos bremsten. Mir war kalt, obwohl die Sonne schien. Im ersten Moment wusste ich nicht, welche Jahreszeit wir hatten. Haben wir Sommer.
Spürst du das.
Ich nickte.
Und das.
Ich bin vom Rad gefallen. Wo ist mein Rad.
Onkel Thoby dachte, ich sei gelähmt. Aber ich war nur ganz wacklig auf den Beinen, wie jemand, der gerade einen Geschwindigkeitsweltrekord gebrochen hat.
 
Onkel Thoby kroch, immer hart am Seitenstreifen entlang, über den Blackbog Drive und sagte: So war das mit dem Verreisen aber nicht gemeint.
Ich: Ich weiß.
Onkel Thoby: Gegen Abenteuer ist prinzipiell nichts einzuwenden, aber es kann nicht schaden, wenn man sie wohlbehalten übersteht.
Ich: Ich weiß.
Onkel Thoby wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab.
Ich: Warum fahren wir eigentlich so langsam.
Er: Tun wir gar nicht. Du bist bloß tempogeschädigt.
Ich, nach einer kurzen Pause: Ich will nicht, dass du weggehst.
Er: Ich habe nicht die Absicht wegzugehen.
Ich: Nie wieder.
Er: Nein.
Ich: Wie, nein.
Er: Nein, ich gehe nie wieder weg.
Ich: Indianerehrenwort.
Er: Ja.
Ich: Und du willst wirklich keine großen wohlbehaltenen Abenteuer in U-Bahnen mehr bestehen.
Er: Das hier ist mein großes wohlbehaltenes Abenteuer.
Ich: Was, das.
Er: Du. Dein Dad. Das alles.
 
Verlaine macht mir die Tür auf. Ihre Haare sehen aus wie eine gezackte Klinge. Was ist denn mit deinem Gesicht passiert.
Meinst du die Schramme am Kinn oder das Gerstenkorn.
Du siehst aus wie der ehemalige russische Präsident.
Ach ja. Der Bluterguss an der Stirn. Das ist noch gar nichts. Meine Zähne fühlen sich an, als hätte sie mir jemand noch ein Stückchen tiefer in den Kiefer gerammt. Ich bin die Treppe runtergefallen.
Sie wirkt nicht sonderlich erstaunt und bietet mir eine Tasse Tee an.
In Verlaines Wohnzimmer ist es kalt und zugig. Es hat ein Fenster, das in vierundfünfzig Karos unterteilt ist. Mit zwei Flügeln, wie ein aufgeschlagenes Buch. Es gibt keine Weihnachtsdekoration im eigentlichen Sinne. Verlaines Vorstellung von Weihnachtsdekoration scheint sich darin zu erschöpfen, dass sie den Pferden, die ohnehin jeden freien Zentimeter mit Hufbeschlag belegen, kleine Rentiergeweihe aufsetzt.
Ich habe eine Liste gemacht, rufe ich und ziehe den Cluedo-Punktezettel aus meiner Hintertasche. Dr. O’Leery. Patience. Die Studenten von meinem Dad. Leonel de Tigrel.
Sie kommt mit zwei Bechern Tee zurück. Ich setze mich in den Schaukelstuhl. Sie setzt sich aufs Sofa. In meinem Becher tobt ein Zyklon. Ich puste ihn weg. Er kommt wieder.
Ziemlich kühl hier drin.
Sie trägt ein T-Shirt, was auch sonst. Darauf steht PSYCHO-NEUROENDOKRINOLOGIE. Das OLOGIE verschwindet unter ihrer Achsel. Sie sagt, sie habe es geschenkt bekommen. Von wem. Irgendeinem Idioten von der Arbeit.
Ich popele an meinem Gerstenkorn herum. Also, was die Verdächtigen angeht.
Sie weiß, dass Wedge verschwunden ist. Als ich ihr am Telefon erzählte, welch üble Machenschaften ich hinter der Sache vermute, kam kein Kommentar. Also sagte ich: Kann ich vorbeikommen.
Sie hört sich meine Theorie an. Genauer gesagt, meine Theorien. Entweder: Dr. O’Leery, der neuerdings mit Mäusen arbeitet, leidet an akuter Mäuseknappheit, und da kam ihm Wedge gerade recht. Oder eine der liebestrunkenen Studentinnen von meinem Dad hat beschlossen, sich mit einem lebenden Andenken davonzustehlen. Oder Patience. Ich weiß auch nicht. Aber sie könnte es gewesen sein. Oder Leonel de Tigrel.
Wer.
Der Erzfeind von meinem Dad. Erinnerst du dich noch an die ganzen Artikel im Wohnzimmer.
Dunkel.
Dunkel!
Dein Vater hatte keine Feinde, Audray.
Das ehrt dich, aber glaub mir. Leonel de Tigrel. Ich falte meine Liste wieder zusammen.
Ich habe auch eine Theorie, sagt Verlaine.
Ich bin ganz Ohr.
Der kleine Croque monsieur ist noch im Haus.
Ich habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt.
Audray.
Was. Ich gebe gern zu, dass die Beweislage im Fall Patience etwas dürftig ist. Aber was die anderen angeht. Also habe ich beschlossen, zuerst die hiesigen Verdächtigen auszuschließen und meine Ermittlungen dann, nachdem ich sie von meinem Punktezettel gestrichen habe, auf das nicht-kanadische Ausland auszuweiten.
Das nicht-kanadische Ausland.
England.
Hat dein Onkel sich noch immer nicht gemeldet.
Blinzel.
Audray.
Was. Leonel de Tigrel ist mein heißester Kandidat. Ich habe ein bisschen nachgeforscht. In Cambridge gibt es ein Labor namens Humouse House. Es wird von Duracell gesponsert und von Leonel de Tigrel geleitet. Wenn er eine Maus länger am Leben …
Eine mechanische Maus.
Nein, eine echte.
Aber sie läuft mit Batterien.
Nein. Humouse House wird von den Batterien gesponsert. Leonel de Tigrel arbeitet mit Supermäusen. Was vermutlich einer der Gründe ist, weshalb er es auf Wedge abgesehen hatte. Wegen seines kräftigen Oberkörpers. Aber das tut nichts zur Sache. Sein wahres Motiv ist Wedges Langlebigkeit. Von seiner lebenslangen Fehde mit meinem Dad ganz zu schweigen.
Verlaine kratzt sich beidhändig am Kopf. Wo hast du das nur her.
Fragst du mich oder dich selbst.
Sie blickt auf. Dich.
Ich habe mir den Laptop von meinem Dad geschnappt und ein paar Nachforschungen angestellt. Ich weiß, was du denkst. Du denkst: Wie kann Leonel de Tigrel unseren Wedge gekidnappt haben, wenn er zur Tatzeit in Cambridge weilte.
Sie runzelt die Stirn.
Gute Frage. Erinnerst du dich an den Belgier.
Beim Leichenschmus von meinem Dad.
Beim was.
Der Typ, der mich leapling genannt hat.
Ach ja. Der.
Wer war das.
Keine Ahnung.
Eben. Ich lehne mich zurück.
Sie schweigt.
Eben, wiederhole ich. Er ist extra hierhergekommen, um Wedge zu entführen.
Aus Belgien.
Aus England.
Aus England. Nur, um eine Maus zu stehlen.
Ja. Weil mein Dad nämlich eine erfolgreiche Strategie zur Heilung des menschlichen Alterns entwickelt hatte, und das wusste Leo der Tiger. Und wer weiß, vielleicht hatte mein Dad ja vor, sich sein eigenes Humouse House zu bauen und die zwei Millionen Dollar und die Reise nach Stockholm zu gewinnen.
Was. Moment. Willst du damit sagen, der Mann bei der Beerdigung deines Vaters kam von Humouse House.
Ja.
Leonel de Tigrel.
Ja.
Dann ist Leonel de Tigrel also Belgier.
Möglich wär’s. Weißt du noch, was er für große Augen machte, als ich ihm sagte, wir hätten Wegde schon, seit ich ein kleines Mädchen war.
Einen Augenblick lang scheint Verlaine von dem Gedanken wie hypnotisiert. Dann platzt der Ballon. Audray.
Was.
Sie zögert. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Maus.
Ich schaukele in meinem Stuhl. Ich weiß.
Wirklich.
Vier Jahre, sage ich.
Eher zwei. Zwei und zwanzig sind ein himmelweiter Unterschied.
Eben. Schaukel, schaukel. Was will sie mir damit sagen. Dass Wedge nicht Wedge ist. Dass Wedge gar nicht Wedge sein kann. Das will sie mir damit sagen.
 
Glaubt Sie im Ernst, ich würde meine eigene Maus nicht kennen. Ich, die ich Wedge eigenhändig wieder aufgepäppelt habe, nachdem er beinahe in einem Canadian-Tire-Fass ertrunken wäre. Ich, die ich fast mein ganzes Leben lang Seite an Seite mit ihm unter einem Dach gehaust habe. Das wäre, als ob Verlaine Rambo nicht von, sagen wir, Sylvester Stallone unterscheiden könnte.
An dem Tag, als wir Wedge mit nach Hause nahmen, fror und zitterte er, deshalb setzten wir ihn in eine kleine, mit Kleenex ausgeschlagene Schachtel. Er mümmelte sich ein. Dann stellten wir die Schachtel unter eine Schreibtischlampe, damit er es mollig warm hatte. Er wollte nicht fressen, und so fütterte ich ihn mit Milch aus einem Augentropfer.
Mein Dad warnte mich, mit Wedge stimme etwas nicht. Er sei irgendwie nicht ganz normal.
Wedge wurde gern auf den Arm genommen. Also nahm ich ihn mehrmals täglich auf den Arm. Mein Dad sagte, jüngste Untersuchungen (nicht seine) hätten ergeben, dass Mäuse, die in jungen Jahren häufig liebkost und geknuddelt werden, länger leben. Er wusste nicht recht, ob er das glauben sollte. Er hielt nichts davon, Versuchstiere zu knuddeln. Aber sie mit einem Handtuch hinter den Ohren abzutrocknen, sodass sie ganz verträumt werden vor Glück, dagegen hast du nichts.
Das ist ja auch etwas ganz anderes.
Nämlich.
Jedenfalls nicht knuddeln.
Manchmal waren die Milchtropfen so groß, dass Wedge sie nicht schlucken konnte, und die Milch kleckerte auf seine Barthaare. Ich weiß noch, wie seine Nase aussah, wenn sie feucht war. Ich weiß, wie seine Augen aussahen, wenn er sie geschlossen hielt. Ich weiß, dass er keine Augenbrauen hatte.
Nach zwei Wochen ging es ihm allmählich besser, und er kletterte das erste Mal aus seiner Schachtel. Also verlegten wir ihn ins Terrarium.
Von dort hatte er das ganze Wohnzimmer im Blick, und er kratzte sich am Kopf und überlegte, wie man die Möbel umstellen könnte.
Wie er sich an seiner Wasserf lasche festhielt, damit er nicht umfiel. Wie er mit den Händchen fuchtelte. Wie er seinen Pony toupierte, wenn wir Gäste hatten. Wie er Geige spielte, wenn der Name Byrne Doyle fiel.
Wenn Wedge nicht Wedge wäre, wüsste ich das.
Die 18 auf seinem Ohr nicht zu vergessen.
 
Du musst mich in Dr. O’Leerys Labor einschmuggeln, sage ich zu Verlaine. Damit ich ihn von meiner Liste streichen kann. Als Erstes muss ich die hiesigen Verdächtigen ausschließen.
Sie sieht mich zweifelnd an. Und dann.
Wedge war topfit. Ein normales Mäuseherz schlägt circa 700 mal in der Minute. Wedge hat es geschafft, seine Herzfrequenz auf 500 bpm zu reduzieren. Erstaunlich.
Mein Puls liegt bei 61. Im Ruhezustand. Wenn ich mit Vollgas um die Veranda sprintete, stieg er auf 75. Mein Dad brachte mir bei, wie man die Herzfrequenz berechnet, und eine Zeit lang drehte sich bei mir alles um die HF. Meine eigene und die anderer.
Wie hoch ist dein Ruhepuls, fragte ich jeden, der ruhte und seine Ruhe haben wollte. Soll ich mal fühlen.
Mein Dad sagte, Wedges Gene seien mit den unseren weitgehend identisch. So gebe es zum Beispiel die Familie der sogenannten tinman-Gene, und dreimal dürfen Sie raten, was diese Gene bauen. Genau. Herzen. Stellen Sie sich ein winziges Männchen mit Bauarbeiterhelm vor. Und nun stellen Sie sich vor, wie es den Spaten in Ihrem Herzensgrund versenkt und sagt: Hier bauen wir ein Herz.
Bei Wedge sagt der kleine Bauarbeiter: Hier bauen wir ein Mäuseherz.
Und bei mir sagt er: Hier bauen wir ein Menschenherz.
Mein Dad meinte, es sei durchaus denkbar, dass sich der kleine Bauarbeiter austricksen oder verändern lässt.
Die Gene von Menschen und Mäusen stimmen zu 80 Prozent überein. Genetisch stehen wir den Mäusen näher als Katzen, Hunden oder Pferden. Trotzdem, wenn man mich mit dem Nudelholz plattwalzen würde – mein Herz, mein Gehirn, meine Zellen, alles, millimeterdünn gewalzt -, würde ich eine Fläche von circa 80 Hektar bedecken und Wedge ungefähr einen halben. Immerhin.
Mein Dad sagte, meine Herzschläge verhielten sich zu Wedges Herzschlägen wie ganze Noten zu Achtelnoten. Das verstand ich nicht. Er sagte: Sagen wir so. Wedges Herz füllt die Lücken in deinem Herzen.
Diese Vorstellung gefiel mir.
Er sagte: Es gibt aber auch Tiere, deren Herz sehr langsam schlägt.
Zum Beispiel.
Schildkröten.
Schildkröten!
Mein Dad sagte, er habe in London ein Konzert besucht, wo die »Ode an die Freude« so langsam gespielt wurde, dass es einen lieben langen Tag dauerte. Ode an die Zeitlupe. Das entspricht in etwa dem Tempo einer Schildkröte, sagte er.
Und wie hat sich das angehört.
Wie ein rotierender Planet.
Kurz: Wedge konnte mit seinen Zwei-Zentimeter-Beinchen zwanzig Kilometer täglich laufen. Er war topfit. Herrgott, er konnte eine Glühbirne zum Glühen bringen.
Und Onkel Thoby fütterte ihn mit Lakritzen, die angeblich besondere Anti-Aging-Eigenschaften besaßen.
Und ich knuddelte ihn.
Bald wurde mir eines klar: Je niedriger die HF, desto länger kann man seinen LHS hinauszögern. Das Komische ist nur: Immer wenn ich über meinen LHS oder den LHS eines lieben und geliebten Menschen nachdachte, schnellte meine HF in die Höhe.
Mein Dad wollte wissen, wo ich diese Abkürzung aufgeschnappt hätte.
Keine Ahnung. Hab ich mir ausgedacht.
Er sagte: Angenommen, dein LHS ließe sich unendlich hinauszögern.
 
Verlaine sagt, Dr. O’Leery habe Mäuse genug, und wenn er Nachschub brauche, müsse er sie, Verlaine, nur fragen, warum also sollte er Wedge gestohlen haben.
Um sich an meinem Dad zu rächen.
Sie starrt mich ungläubig an. Aus Rache. An einem Toten.
Weil er seinetwegen ein verlängertes Sabbatical einlegen musste.
Ach komm, Audray.
Kommen. Wohin.
Sie sagt, ich sei nicht ganz dicht.
Ich sehe an mir herunter. Tropfe ich.
Du weißt genau, was ich meine. Sie sagt: Du glaubst doch nicht im Ernst. Und hält mitten im Satz inne. Macht eine wegwerfende Handbewegung. Als sei sie mit ihrem Latein am Ende. Als sei das nicht ihr Problem. Sie bringt meinen Becher in die Küche. Du hast deinen Tee nicht getrunken, sagt sie.
Ich habe empfindliche Zähne.
Sie kommt wieder und bleibt in der Tür stehen. Sie verschränkt die Arme über PSYCHONEUROENDOKRINOLO-GIE. Sie sagt, ich sähe das Laub vor lauter Blättern nicht.
Was.
Ihre Worte gehen auf Zehenspitzen. Sie zögert. Ich hatte großen Respekt vor deinem Vater.
Ich nicke.
Aber der Tod ist nun mal nicht évitable, französelt sie. Und seiner Tochter das Gegenteil vorzugaukeln, ist in meinen Augen eine Form der Grausamkeit.
 
Diesen Fehdehandschuh hob ich nicht auf. Sie schloss die Augen länger als ein Blinzeln, was normalerweise darauf hindeutet, dass jemand in sich geht und bereut, was er gesagt hat. Je nun. Gehe in dich und bereue, Verlaine. Ich faltete meine Liste zusammen und ging.
Audray.
Ich ging ohne ein Wort. Gewissermaßen hob ich den Fehdehandschuh also doch auf. Und lief mit ihm davon, so schnell ich konnte.
 
Am Flughafen wimmelt es von Weihnachtsurlaubern. Es kommen mehr Flüge an, als selbst der weiseste Einweiser bewältigen könnte.
Miss, Abholer warten bitte außerhalb des Ankunftsbereichs.
Sagt ein Mann, der zwar nicht direkt Uniform, aber doch immerhin ein Namensschildchen an der Krawatte trägt.
Abholer.
Sie holen doch jemanden ab.
Das will ich hoffen.
Wie auch immer, bitte treten Sie zurück. Da drinnen herrscht das nackte Chaos.
Natürlich.
Doch als die Schiebetür das nächste Mal aufgeht, schiebe ich mich unauffällig hindurch. Wo ist das Karussell. Ich dachte, ich warte am Gepäckkarussell, nur für den Fall, dass tatsächlich jemand kommt. Aber es ist verschwunden. Das gute alte Karussell-Karussell ist verschwunden, und an seiner Stelle steht ein flaches Transportband, das etwa so aussieht,
022
mit einer Klappe an jedem Ende. Ich gehe neben einer Tasche her, an der ein grüner Anhänger mit der Aufschrift DU SIEHST NICHT AUS WIE MEIN BESITZER befestigt ist. Das versetzt mir einen kleinen Stich. Ich schlendere weiter zur Rolltreppe, wo sich eine kleine Menschenmenge versammelt hat. Ich bin anscheinend nicht der einzige übereifrige Abholer. Hier stehen sie mit ihren Rentiergeweihen und Weihnachtsspruchbändern. Zugegeben, nur ein paar tragen Geweihe. Und niemand schwenkt ein Spruchband. Aber die Stimmung ist entsprechend. Festlich. Es ist Weihnachten, und ihre Freunde und Verwandten kommen nach Hause.
Ich lehne am Tresen der Firma Hertz. Auch das ist neu. Die vielen Mietwagenstände. Ich stibitze eine Zuckerstange vom Tresen.
Möchten Sie einen Wagen.
Nein, danke. Ich habe schon einen. Einen braunen LeBaron. Mit Schaltgetriebe. Ich bin Abholer.
Abholer haben hier eigentlich nichts verloren.
Ja, ich weiß, aber es handelt sich um einen Notfall.
Oh. Na, dann will ich nicht weiter stören.
Erstaunlich, wie viele Leute mit Kinderwagen die Rolltreppe herunterkommen. Riesige Kinderwagen mit Mountainbike-Reifen. Das ist doch garantiert ein Sicherheitsrisiko. Ich halte nach bekannten Gesichtern Ausschau. Nichts, nichts, nichts.
Die Leute fallen einander um den Hals, schwenken ihre Spruchbänder und laufen singend im Kreis. Es ist das nackte Chaos, wie der Mann mit dem Namensschild ganz richtig sagte. Nach einer Weile beruhigen sie sich und wandern zum Gepäckband hinüber. Denn gleich landet auch schon die nächste Maschine, und dann die übernächste und die überübernächste undsoweiter undsofort.
Ich suche nach der Wand vor dem nicht-kanadischen Ausland. Wo ist diese verdammte Sperrholzwand geblieben. Sie kann doch nicht spurlos verschwunden sein. Aber ich finde nur eine bunt bemalte Nicht-Sperrholzwand. Ich klopfe dagegen.
Keine Reaktion.
Ich setze mich auf einen herrenlosen Koffer.
Der Fußboden ist nicht mehr ziegelrot gefliest, sondern plan und weiß. Wie geschaffen für Rollkoffer. War der neue Fußboden auch schon hier, als ich ankam. Ja. Der neue Flughafen. Jetzt fällt’s mir wieder ein. Kein Karussell mehr. Und kein IM BISS. Es kommt mir vor, als sei es Jahre her.
Ich weiß noch genau, wie die Gepäckwagen klapperten, wenn man sie über den alten Fußboden schob. So laut, dass einem die Zähne wehtaten. Wenn ich den Wagen schob, sagte mein Dad immer: Du fährst mir gehörig an den Karren.
Als ich fortging, schob er den Wagen und sagte: Na, fahre ich dir gehörig an den Karren, aber mir war nicht nach Scherzen zumute. Wir gaben meine Koffer auf. Onkel Thoby trug mein Handgepäck. Wir setzten uns in den IM BISS, aber ich brachte keinen Bissen hinunter. Mir war vor Aufregung ganz schlecht.
Heute wünschte ich, ich hätte über seinen dummen Scherz gelacht. Ich wünschte, ich hätte mich mit meinem Dad beschäftigt, statt meine Lenden für den Flug zu gürten. Warum habe ich keine Witze gemacht. Warum habe ich ihn nicht auf die Ähnlichkeit zwischen dem Holzschnitt an der Wand und Han Solo hingewiesen, wenn er von Darth Vader eingefroren wird. Normalerweise wies ich ihn immer auf die Ähnlichkeit zwischen dem Holzschnitt und Han Solo hin. Nur diesmal nicht.
Tapferes Fräulein Ming, sagte Onkel Thoby und knuffte meinen Dad zwischen die Rippen. Gleich springt sie quer über das Brett.
Wie es so ihre Art ist, sagte mein Dad.
Ich flog nach Europa. Verlaine hatte ihre Tante in der Schweiz gebeten, mich bei sich aufzunehmen. Von dort aus wollte ich in die Ferne schweifen und mit dem TGV (train à grande vitesse) fahren, wohin mein pochendes Herz mich trug. Nur die Schallmauer konnte mich aufhalten!
Ängstliches Fräulein Ming, sagte ich.
Angst ist ein Zeichen mangelnder Neugier, sagte Onkel Thoby. Und du bist viel zu neugierig, um Angst zu haben, Oddly.
Willst du auch wirklich nichts essen, fragte mein Dad. Fritten mit Bratensoße.
Ich schüttelte den Kopf. Dann brauche ich die Kotztüte.
Der Baum zu Hause an meiner Zimmerwand war kahl und würde kahl bleiben, bis ich wiederkam. Kein Bäumchen-wechsle-dich. Die Zeit sollte stillstehen, solange ich mein wohlbehaltenes Abenteuer erlebte. Nichts sollte sich ändern.
Stellen Sie sich lieber nicht vor, wie sie am Maschendrahtzaun standen und winkten. Und wie mein Dad ganz wacklig wurde auf den Beinen und sich aufs Pflaster setzte. Und wie Onkel Thoby ihm die Hand auf die Schulter legte. Und wie sie beide dachten, es wäre nicht für immer.
 
Bis auf DU SIEHST NICHT AUS WIE MEIN BESITZER ist das Transportband leer. Soll ich dich mit nach Hause nehmen, frage ich. Auch wenn ich nicht dein Besitzer bin.
Der Mann mit der Krawatte und dem Namensschild ist im Anmarsch.
Miss.
Ja.
Vermissen Sie jemanden.
Wie freundlich. Ich dachte, Sie wollten mich aus dem Ankunftsbereich verscheuchen.
Das steht als Nächstes auf meiner Liste.
Oh.
Er streckt mir eine Hand hin. Ich ergreife sie. Er zieht mich hoch. Ist doch alles halb so schlimm, oder, sagt er.
Schön wär’s.
Er geleitet mich hinaus, mit den Händen in den Taschen, als würden wir nur einen kleinen Spaziergang machen. Dann gute Nacht.
Wie. Schon so spät. Und ob.
Die Nacht ist hell, die Taxischlange lang, und der Kurzzeitparkplatz platzt aus allen Nähten. Ich weiß nicht mehr, wo ich geparkt habe. Ich gehe die Reihen entlang und popele an meinem Gerstenkorn herum. Diese ewige Sucherei wird langsam lästig. Wird das jetzt zur Marotte. Wo bist du, LeBaron. Wo ach wo. Da sehe ich ihn. Seine Augen leuchten schwach. Sehr schwach.
Ach du Scheiße.
Der LeBaron sieht aus, wie ich mich fühle. Die Batterie ist so gut wie leer.
Ich drehe den Zündschlüssel, und er macht ein Geräusch zum Herzzerreißen. Okay, das tu ich dir nicht an. Wir brauchen Starthilfe. Ich gehe noch einmal hinein und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich bringe mich mit einer Tasse Kaffee auf Touren, und dann rufe ich wen an? Verlaine. Damit sie dich wieder auf Touren bringt. Nein. Selbst wenn ich keinen Fehdehandschuh unter dem Herzen trüge, würde der Lada noch nicht einmal eine mechanische Maus auf Touren bringen. Also. Was tun. Lasse ich den LeBaron hier stehen und mich von einem Clint’s Cab nach Hause kutschieren. Oder schleiche ich mich noch einmal in den Ankunftsbereich und miete mir bei Hertz einen Wagen. Ich kann den LeBaron unmöglich längere Zeit auf dem Kurzzeitparkplatz stehen lassen. Wo er andere Leute kommen und gehen sieht und denkt: Du siehst nicht aus wie mein Besitzer. Wo ist mein Besitzer. Keine Angst, kleiner LeBaron. Deine Besitzerin lässt dich nicht im Stich. Sie holt sich jetzt erst mal einen Kaffee, und dann lässt sie sich etwas einfallen.
Als ich bei Tim Hortons in meiner Tasche nach Kleingeld krame, finde ich den Rückrufschrieb von Christmatech und darauf, dick und fett, die Telefonnummer.
 
Während ich auf Judd warte, schlendere ich zum Maschendrahtzaun hinüber und sehe einem Flugzeug bei der Landung zu. Die Flugzeugfenster sind dunkel, und das nicht etwa, weil mit der Elektrik etwas nicht stimmt, sondern weil die Piloten beim Landeanflug das Licht ausgeschaltet haben. Auf dem Vorfeld steht ein Einweiser und stampft mit den Füßen. Seine Hände leuchten.
Die Maschine setzt auf, zuerst mit den Hinterrädern, dann mit dem Vorderrad. Die Landeklappen klappen nach oben. Immer langsam mit den jungen Pferden. Wie heißt das noch gleich. Wenn man ins Rutschen gerät und vom Weg abkommt. Schlingen. Nein. Schlingern. Aber die Maschine schlingert nicht. Die Reifen greifen. Die Piloten haben die Maschine fest im Griff. Jetzt rollt sie dahin wie ein Auto, schnurstracks zum nächsten Gate. Dum-di-dum. Man würde nie auf die Idee kommen, dass sie eben noch in der Luft gewesen ist.
Am Telefon hatte ich gesagt: Ist da Judd Julian-Brown, der berühmte Weihnachtslichterkettenerfinder und Elektronikspezialist.
Am Apparat.
Ich setzte ihm meine Notlage in dürren Worten auseinander.
Er sagte: Ich leiste für mein Leben gern Starthilfe.
Ehrlich.
Ehrlich.
Ich klammere mich an den Zaun. Jenseits der Rollbahn kann ich den Umriss des alten Hangars ausmachen, auf dem Dach ein sanft gewellter Mond. In dem Hangar war ich schon mal. Ich bin sogar hineingeritten. Ich entdeckte ihn bei einem meiner Ausritte mit Rambo. Ich ritt bereits seit einiger Zeit allein und hatte wochenlang nach einem Weg auf das Flughafengelände gesucht. Man musste sich durch einen dichten Wald schlagen, und wenn man (ziemlich zerschrammt) am anderen Ende wieder auftauchte, stand man auf einem Feld neben der Rollbahn. Als Erstes sah ich ein altes Gebäude mit einem Loch in der Wand. Ein Loch, das so groß war, dass ein Pferd bequem hindurchging. Also gingen wir hindurch.
Es war dunkel. Rambos Hufe knirschten. Ich wartete, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Da sah ich sie. Alte Flugzeugsitze. Nicht ordentlich aufgereiht wie im Theater. Sondern wie Kraut und Rüben durcheinander. Als hätte Gott sie achtlos dort hingeworfen. Und zerbrochene Bierflaschen auf dem Boden.
Vorsichtig wendete ich Rambo. Man lässt ein Pferd nicht über Glasscherben laufen. Die Unterseiten seiner Hufe sind wie freiliegende Herzen.
Draußen wehte der Wind, und Rambo vollführte ein kleines Tänzchen.
Mein eigentliches Begehr: ein Wettrennen mit einem Flugzeug entlang der Rollbahn.
Wir warteten. Rambo verschmähte das grüne Gras. Er hielt die Ohren gespitzt. Schließlich setzte ein Flugzeug rückwärts aus einem Gate. Langsam, widerwillig. Angeschoben von einem kleinen Auto. Los jetzt, sagte das kleine Auto. Los.
Ich mag aber nicht fliegen, sagte das Flugzeug. Wir sind fürs Fliegen nicht gemacht.
Irrtum.
Rambo und ich trabten langsam los. Im Leichttrab auf ein Flugzeug zu. Das muss man unbedingt erlebt haben. Und im Leichttrab ist man notgedrungen seelenruhig.
Wir kamen so nah heran, dass ich die erstaunten Gesichter hinter den ovalen Fenstern erkennen konnte. Das Flugzeug gürtete die Lenden. Ich zeigte mit dem Finger die Rollbahn entlang. Auf die Plätze. Fertig.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Was Rambo jedoch nicht schreckte. Er hatte also wirklich immer nur so getan. Er platzte schier vor lauter Freude. Ich wendete ihn in einem engen Kreis. Zwei engen Kreisen. Als ich ihn losließ, konnte er es zunächst kaum fassen. Ich darf loslaufen. Ja! Lauf los. Wir hielten uns auf dem Grasstreifen. Denn mit freiliegenden Herzen galoppiert man nicht über Asphalt. Regel Nummer Eins des Galoppierens.
Wir lieferten uns ein Wettrennen mit der Maschine. Alle vier Hufe verließen den Boden. Wir flogen.