LIEBER ARM AB ALS ARM DRAN DIE ONKEL-THOBY-STORY

 
Onkel Thoby arbeitete als Gepäckabfertiger am Flughafen Heathrow, bis ihm die defekte Frachtluke eines Flugzeugs eines Tages ohne sein Verschulden den Arm abtrennte und dieser Arm versehentlich nach Dublin flog.
Was!
Zunächst merkte niemand, dass der Arm sozusagen auf eigene Faust nach Dublin unterwegs war. Seine Kollegen schafften Onkel Thoby auf schnellstem Weg ins Flughafengebäude und riefen einen Krankenwagen. Der Blutverlust hatte ihn geschwächt, und sie plünderten den erstbesten Koffer und versuchten die Blutung mit einem Bademantel zu stillen, doch bevor er ohnmächtig wurde, bat er sie um einen Gefallen. Rettet. Meinen. Arm. Seine Kollegen stürmten auf das Rollfeld, aber die Maschine war leider schon weg. Die Gepäckabfertiger in Irland staunten vermutlich nicht schlecht.
Es war eine ziemliche Katastrophe, aber Onkel Thoby konnte nichts dafür. Die beiden Metallstangen, die dazu dienten, die Frachtluke offen zu halten, waren gebrochen. Alle beide. Nicht zu fassen. Es war technisches Versagen. Doch weil er als Tollpatsch galt, gaben seine Arbeitgeber ihm die alleinige Schuld an der Amputation. Außerdem konnten sie auf die Dienste eines einarmigen Gepäckabfertigers gut verzichten. Und so wurde er fristlos entlassen.
Ist Onkel Thoby denn ein Tollpatsch.
Na, und wenn schon. Zugegeben, er bringt es fertig und stolpert über seine eigenen Füße. Einmal fiel er auf der Autobahn aus einem fahrenden Wagen und brach sich das Bein. Dann ging er mit dem Beinbruch segeln, fiel über Bord und wäre fast ertrunken, weil der Gips so schwer war. Und einmal, als er eine Erkältung hatte, versuchte er, ein Glas Wick VapoRub auf dem Herd zu erhitzen, damit sich die Dämpfe besser entfalten konnten. Leider hatte er vergessen, dass das abscheuliche Zeug hauptsächlich aus Fett besteht, und es spritzte und verbrannte ihm das Gesicht. Aber konnte man ihm allen Ernstes einen Vorwurf machen, weil die Frachtluke einer Boeing 727 ihm den Arm abgetrennt hatte. Wohl kaum.
Jetzt lag er also ohne Arm im Krankenhaus. Er hatte sich mit der Dubliner Flughafenleitung in Verbindung gesetzt, doch die hatte bezüglich seines Arms bereits »Maßnahmen« ergriffen, die es dauerhaft unmöglich machten, dass er seinen Arm jemals zurückbekommen würde. Was für Maßnahmen. Sie hatten ihn verbrannt. Aber was hätte er mit seinem alten Arm auch anstellen sollen. Annähen konnte man ihn ohnehin nicht mehr.
Er wusste natürlich, dass man ihn nach so langer Zeit nicht wieder annähen konnte – damit hatte er sich abgefunden. Was ihn jedoch zutiefst betrübte, war der Umstand, dass ihm keinerlei Erinnerung an seinen alten Arm geblieben war. Er war ihm nur mehr verschwommen im Gedächtnis. Hatte er Sommersprossen gehabt. Ja. Aber hatten sie ein Muster ergeben, und wenn ja, was für eins. Er hatte nie darauf geachtet. Ein Missgeschick auf dem Lopper (einer Achterbahn) hatte eine Narbe an seiner linken Hand hinterlassen. Diese Narbe würde er nie mehr wiedersehen. Er hatte schlicht und einfach einen Teil von sich verloren.
Auch litt er nicht am Phantomglied-Syndrom, von dem so viele Amputierte berichten. Wie hätte er sich über ein Phantomglied gefreut! Aber er hatte nicht das Gefühl, dass sein Arm noch existierte, weder hier noch in Dublin noch sonst wo. Der Arm war schlicht und ergreifend nicht mehr da.
Er bildete sich ein, dass die Sommersprossen an seinem Arm eine chiffrierte Botschaft an ihn enthielten, die er ohne Weiteres hätte entschlüsseln können, wenn er ihr nur die nötige Beachtung geschenkt hätte. Aber er hatte nicht darauf geachtet. Er starrte stundenlang erst auf seinen gesunden Arm und dann dorthin, wo sich von Rechts wegen sein linker Arm hätte befinden müssen.
Sein altes Leben war vorbei. Er würde nie wieder Gepäck abfertigen. Seine Kollegen kamen ihn besuchen, brachten ihm Geschenke mit – vorwiegend Fundstücke aus Flugzeugen – und erzählten ihm lustige Geschichten von Flugkatastrophen, um ihn aufzumuntern. Sie zeigten sich besorgt über seine Zukunft. Was er denn jetzt anfangen wolle, als einarmiger Gepäckabfertiger, der kein Gepäck mehr abfertigen könne.
Da die Fluggesellschaft sich weigerte, für den Schaden aufzukommen, boten sie ihm an, mittels eines Kuchenbasars oder dergleichen Geld zu sammeln, damit er sich eine moderne Armprothese leisten könne.
Onkel Thoby ließ sich die Sache durch den Kopf gehen und sagte: Vielen Dank, aber die Vorstellung, mit einem nachgemachten Arm an der Schulter herumlaufen zu müssen, behage ihm gar nicht.
Was.
Er wollte nicht mit einem Arm herumlaufen, der sich als sein eigener ausgab, obwohl ein Fremder ihn erfunden hatte.
Ach so.
Ich hätte vielleicht erwähnen sollen, dass Onkel Thobys Arm hier oben abgeschnitten wurde. (Mein Dad macht eine sägende Bewegung über seinem linken Ellenbogen.)
Autsch. Ja, hättest du.
Also. Onkel Thoby beschloss, sich seine eigene Armprothese zu bauen. Er hatte gehört, es gebe spezielle Ausbildungszentren, wo Amputierte so etwas lernen konnten. Wer solch ein Zentrum besuchte, musste natürlich mit einer provisorischen Prothese vorliebnehmen, bis seine eigene fertig war. Schließlich kann man mit einer Hand schwerlich eine neue anfertigen. Dazu braucht man schon zwei. Und selbst mit beiden Händen ist es nicht ganz einfach. Von heute auf morgen geht das nicht.
Aber wenn ein Amputierter solch ein Zentrum Monate, manchmal sogar erst Jahre später wieder verlässt, darf er ein selbstgebautes Ersatzkörperteil sein Eigen nennen. Und das ist schon etwas ganz Besonderes.
Und so taten sich die Gepäckabfertiger mit den Flugzeugmechanikern und dem Putztrupp zusammen und sammelten eifrig Geld, damit Onkel Thoby das Bein- und Arm-Rekonstruktions-Centrum in jenem pittoresken Piratenstädtchen besuchen konnte, das durch die Operette weltbekannt geworden ist: Penzance.
 
Penzance lag wunderschön am Meer. Mit Onkel Thobys Arm ging es nur langsam voran. Wie sollte es auch anders sein. Stell dir vor, du müsstest dir einen eigenen Arm bauen, und das von Grund auf, mit einer Hand, die dir gehört, und einer zweiten, die nicht dir gehört und zu allem Übel dumm und gefühllos ist, eher ein Stück Holz mit einer Pinzette untendran als ein echter Arm mit einer echten Hand. Und der Arm, den du dir mit diesem mangelhaften Werkzeug mühsam zu bauen versuchst, muss nicht nur aussehen wie das Original, sondern auch noch so konstruiert sein, dass sich damit sämtliche Bewegungen des Originals ausführen lassen. Und er muss eine konstante Körpertemperatur von 37 Grad Celsius aufweisen. Undsoweiter. Undsofort. Bei dem bloßen Gedanken wird einem schwindlig.
Kein Wunder, dass manche Centrumsbewohner frustriert aufgaben. So auch Onkel Thoby. Er schloss sich einer Gruppe zwielichtiger Einheimischer an, die allesamt des einen oder anderen Körperteils verlustig gegangen waren und diesen Umstand ausgiebig zu feiern pflegten. Nachdem er es sich in Penzance eine Weile hatte wohlergehen lassen, kehrte Onkel Thoby nach London zurück und sagte allen, allen voran sich selbst, dass er mit seiner einarmigen Existenz im Grunde recht zufrieden sei.
Seine Freunde vom Flughafen waren stocksauer. Hatten Sie nicht extra Kuchen gebacken und den Inhalt tausender herrenloser Koffer versteigert, damit Onkel Thoby das BARC besuchen und sich wieder zu den Zweiarmigen zählen konnte.
Onkel Thoby entschuldigte sich und ließ beschämt den Kopf hängen. Er habe es einfach nicht fertiggebracht, sich einen Arm zu bauen. Ihm fehlten die technischen Fähigkeiten.
Aber der Besuch des BARC diene doch einzig und allein dem Zweck, diese Fähigkeiten zu erwerben.
Schon. Aber. Ihm fehle einfach die Geduld. Es sei hoffnungslos.
Unsinn, sagte seine beste Freundin, eine Flugzeugreinigerin. Sie setzte ihn in ihren Wagen, schnallte ihn an (denn sie wusste, dass er bisweilen dazu neigte, aus fahrenden Autos zu fallen) und chauffierte ihn höchstpersönlich nach Penzance zurück. Er dürfe nicht aufgeben, sagte sie.
Sie saßen zusammen auf der Terrasse des BARC, und er zeigte ihr, wie weit sein zukünftiger Arm gediehen war. Mehr als das Gehäuse hatte er nicht vorzuweisen. Es war nicht verdrahtet. Aber es war hautfarben, und die Flugzeugreinigerin meinte, es sei wunderschön, und er dürfe sich nicht unterkriegen lassen, selbst wenn es noch Jahre dauern würde.
Sie sagte: Eines Tages wirst du mit diesem Arm die schwersten Koffer stemmen.
Onkel Thoby lächelte traurig. Er wusste genau, dass das nicht stimmte. Zumindest wusste er, dass er nie wieder Koffer stemmen würde, jedenfalls nicht beruf lich. Aber vielleicht gab es für ihn ja noch ein anderes Leben. Ein Leben nach der Gepäckabfertigung.
Zeit für eine kleine Pause.
 
War Onkel Thoby im BARC, als Großvater gestorben ist. War er deswegen nicht bei der Beerdigung.
Mein Dad blickt von seinen Cornflakes auf. Über Biografien wird am Frühstückstisch normalerweise nicht gesprochen. In dieser Hinsicht sind sie wie Träume.
Grognard Man nickt.
Warum hat Großmutter für das Zentrum nicht bezahlt.
Großmutter wusste nichts davon.
Wusstest du es denn.
Erst seit Kurzem.
Bist du deshalb nach England geflogen.
Warte doch das Ende der Geschichte ab.
Der Arm, den er sich baut, klingt verdächtig nach dem von Luke Skywalker in Das Imperium schlägt zurück.
Ach ja.
Erinnerst du dich, wie Darth Vader Luke mit dem Lichtschwert die Hand abhaut, und die Hand fällt in den Weltraum und ist für immer verloren.
Dunkel.
Dunkel!
 
Onkel Thoby hat seinen Arm fertig. Er ist ein wahres Prachtstück. Ein Meisterwerk. Er ist von einem echten Arm praktisch nicht zu unterscheiden. Mit einer Ausnahme. Er ist größer als ein echter Arm. Wesentlich größer. Aber das liegt an all der Technik, die Onkel Thoby in ihn hineingestopft hat. Allerhand Mechanik, Unmengen von Drähten und einen Wärmegenerator.
Wie viel größer.
Nun ja, so groß, dass sein Anblick vielen Leuten Angst einjagt. Für sie ist er ein Monsterarm. Und sie denken: Wer so einen Arm hat, muss ein Monster sein. Sie sehen nur den Arm. Das ist so, als ob ich dich anschauen würde und nur deinen Pferdeschwanz, pardon, dein Haarnetz sähe.
Aber das ist doch nicht so schlimm.
Und ob das schlimm ist. Weil ich mir nämlich gar nicht erst die Mühe machen würde, die übrige Audrey zu sehen. Und wenn ich obendrein noch Angst vor Haarnetzen hätte. Was übrigens tatsächlich der Fall ist.
Warum!
Weil sie mich an Spinnweben erinnern. Aber wie dem auch sei, wegen meiner Abneigung gegen deine Haare würde ich deine wahre Geschichte vermutlich nie erfahren. Und genau so ergeht es den Leuten, wenn sie Onkel Thobys Arm sehen. Sie kennen seine wahre Geschichte nicht. Sie wissen nicht, was er durchlitten und verloren hat und wie schwer es ihm gefallen ist, sich wiederherzustellen. Sie glauben, ein Mann mit einem solchen Arm könne unmöglich eine grundanständige Biografie haben, sondern bestenfalls den Schurken in der Biografie eines anderen spielen.
Armer Onkel Thoby. Ich würde so etwas nie denken.
Das will ich doch stark hoffen.
Kann man den Arm abnehmen.
Ich weiß nicht.
 
In jeder Biografie gibt es die eine große Hürde. Aber obwohl Onkel Thoby die große Hürde überwunden hat, die der Verlust seines Arms für ihn bedeutete, ist das nicht die große Hürde seines Lebens. Es kommt eine noch größere. Das habe ich im Gefühl.
Warten wir’s ab. Die große Hürde kommt bestimmt.
Ich muss dauernd an ihn denken. Das ist wie im Fernsehen. Wenn sie zeigen wollen, dass zwei Dinge gleichzeitig passieren, schneiden sie das Bild in der Mitte durch, in eine obere und eine untere Hälfte. In der unteren Hälfte reite ich auf Rambo und werde von meinem Dad ins Bett gebracht, während Onkel Thoby in der oberen Hälfte an seinem Arm arbeitet. Er ist ein Tollpatsch und haut sich immer wieder mit dem Hammer auf den rechten Daumen (der provisorische Arm hat mehrere Aufsätze, Pinzette, Hammer undsoweiter), und dann flucht er eine Reihe von Symbolen (<£⅞Ö%@♯ ̂). Oder er geht an einem Strand entlang, ein Arm wesentlich größer als der andere, und die Leute glotzen, und er würde für sein Leben gern schwimmen gehen, aber das Salz schadet der Mechanik. Oder er hilft im BARC beim Streichen der Terrasse, und braune Farbe spritzt auf seinen neuen Arm, und weil die Spritzer nicht mehr abgehen, bricht er in Tränen aus. Die anderen BARCianer mit ihren halbfertigen Ersatzextremitäten scharen sich um ihn und sagen: Keine Sorge, mit ein wenig Nagellackentferner kriegst du das spielend wieder ab. Was ist denn los.
Was los ist. Seine Familie fehlt ihm, das ist los. Er hat so viel durchgemacht, und seine Familie ist nicht da.
Er betrachtet seinen neuen Arm. Jetzt hat er Sommersprossen.
 
Statt mich mit Jim Ryans Biografie zu befassen, befasse ich mich mit meinen Armen. Ich zeichne eine Karte meiner Sommersprossen in ein Schulheft, für alle Fälle. Die Abstände vermesse ich mit einem Lineal. Als mein Dad das sieht, sagt er: Um die genauen Werte zu ermitteln, brauchst du einen Winkelmesser. Er zeigt mir, wie man mit einem Winkelmesser umgeht.
Bleib mir mit deinem blöden Messer vom Leib, sage ich.
Ich verbinde die Punkte an meinem Arm mit blauem Filzstift. Dreiecke. Der Buchstabe W, immer und immer wieder. Dann übertrage ich das Ganze in mein Heft. Die Sommersprossen unterhalb der Schulter zu kartografieren, ist ein Klacks, aber auf den Schultern geht es gar nicht, denn da habe ich Millionen Sommersprossen. Das ist ein bisschen so, als würde man vier oder fünf Sterne am Himmel sehen, und dann macht man das Verandalicht aus, und zack, kommen hinter den Sternen, die man zuvor gesehen hat, Millionen andere zum Vorschein.
 
Als Jim Ryan seine Terrasse mit einem Holzschutzmittel strich, das bekanntermaßen Krebs verursacht, war das der Nagel zum Sarg seiner Biografie. Mein Dad ging hinaus, und prompt kam es zum Streit. Pardon, zum Tête-à-tête. Mein Dad ging nach draußen und warnte Jim Ryan vor den Gefahren der fraglichen Substanz, außerdem wehten die Dämpfe zu uns herüber, und das gefalle ihm ganz und gar nicht. Jim Ryan fuchtelte mit seinem Pinsel und sagte, mein Dad solle sich nicht so anstellen. Mein Dad zitierte diverse Studien. Jim Ryan warf ihm ein Schimpfwort an den Kopf. Leider habe ich es nicht gehört, sonst würde ich es Ihnen garantiert nicht vorenthalten. Aber mein Dad kam ins Haus und sagte, Jim Ryan habe ihn beschimpft.
Jetzt reicht’s. Ich knallte meinen Filzstift auf den Tisch. Jim Ryans Biografie ist gestorben. Regel Nummer Eins für Biografien: Leg dich nie mit dem Vater des Biografen an.
Gute Regel, sagte mein Dad.
Und Regel Nummer Zwei, für die Väter von Biografen: Mische dich nie ein, wenn dein Kind eine Biografie schreibt.
Habe ich das denn getan, fragte mein Dad.
 
Mein Dad klopft an meine Tür und sagt: Entschuldige die Störung.
Ich lege mein Audreys-Arme-Heft beiseite.
Wie läuft’s, fragt er.
Gut, gut. Kann ich dir irgendwie behilflich sein.
Es macht Spaß, so zu reden, wenn man an einem Schreibtisch sitzt. Probieren Sie’s aus.
Mein Dad setzt sich auf den kleinen Sitzwürfel. Er ist zu groß dafür, und seine Knie berühren fast die Brust.
Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen, sagt er und spielt mein Spielchen mit.
Bitte, sage ich. Soll heißen: Teile es mir mit.
Onkel Thoby kommt uns besuchen.
Ich gerate völlig aus dem Häuschen. Freude. Ich empfinde nichts als Freude. Es ist, als ob ein berühmter Star die Stadt besuchen würde. Als ob man samstags Post bekäme.
Ich springe auf, lege die Hände auf die Knie von meinem Dad und vollführe ein kleines Tänzchen.
Was machst du denn, du Armleuchter, sagt er. Das ist sein neues Lieblingswort. Er wackelt unbeholfen mit den Knien, was bei ihm schon fast als Tanzen durchgeht.
Es freut mich, dass du dich freust, sagt er nach einer Weile. Wie es aussieht, bleibt er nämlich etwas länger.
 
Ich notiere mir eine Reihe von Fragen zu Onkel Thoby, und beim Frühstück steht mein Dad mir Rede und Antwort. Interviews werden normalerweise nicht am Frühstückstisch geführt. In dieser Hinsicht sind sie wie Träume und Biografien. Ich: Ich hätte da noch ein paar Fragen. Bist du bereit. Los geht’s. Wo soll er schlafen.
Dad: Wer.
Ich: Onkel Thoby.
Dad: Ach so. Im Gästezimmer. Vorerst.
Ich: Würdest du mir freundlicherweise erklären, was du mit »vorerst« meinst.
Dad: Ich meine, dass wir, falls Onkel Thoby länger bleibt, den Keller eventuell zu einer Wohnung umbauen.
Ich: Würdest du mir freundlicherweise erklären, wen du mit »wir« meinst.
Dad: Nein. Was schreibst du denn da.
Ich: Deine Antworten auf.
Dad: Für mich sieht das wie bloßes Gekrakel aus.
Ich: Das ist ja auch eine Geheimschrift.
Dad: Bist du unter die Journalisten gegangen.
Ich: Vielleicht. Mal sehen.
Dad: Mal sehen. Ich dachte, du wolltest Biografin werden.
Ich: Diese Karriere hast du ja erfolgreich ruiniert.
Dad: Ach, Audrey. Ich habe eine Biografie ruiniert. Und für das Trara mit Jim Ryan habe ich mich entschuldigt.
Ich: Trari-trara-trarulalla. Sehr witzig. Haha. Alte Trulla. Ja. Kann man den Arm abnehmen.
Dad: Was. Haben wir das nicht bereits ausführlich erörtert.
Ich: Ich dachte, du hättest inzwischen vielleicht neue Erkenntnisse über den verlorenen Arm gewonnen.
Dad: Nein. Nächste Frage.
Ich: Meinst du, Onkel Thoby kriegt den Nordwestschubs hin. Mit seinem abben Arm.
Dad: Den werden wir ihm schon beibringen.
Ich: Würdest du mir freundlicherweise erklären, wen du mit »wir« meinst.
Dad: Herrgottnochmal.
Ich: Na schön. Weiter im Text. Spielt Onkel Thoby gern Cluedo.
Dad: Onkel Thoby spielt sogar sehr gern Cluedo.
Ich: Und welche Figur ist er am liebsten.
Dad: Direktor Grün.
Ich: Und was hält Direktor Grün von Fräulein Ming.
Dad: Du meinst Fräulein Garstig.
Ich: Sehr witzig. Haha. Alte Trulla. Nein. Ich meine moi, Fräulein Ming.
Dad: Ah. Toi. Er findet Fräulein Ming recht sprunghaft. Vor allem, wenn sie ohne zu würfeln kreuz und quer über das Spielbrett hüpft. Das beunruhigt Herrn Direktor Grün, der im Übrigen panische Angst vorm Fliegen hat.
Ich: Onkel Thoby hat Angst vorm Fliegen.
Dad: Die hättest du vermutlich auch, wenn dir im Flugzeug ein Arm abhandengekommen wäre.
Ich: Heiliger Lada, ja.
Dad: Kann ich jetzt endlich in Ruhe meinen Kaffee trinken.
Ich: Was ist sein Lieblingsessen.
Dad: Shepherd’s Pie.
Ich: Was ist denn das.
Dad: Willst du das Rezept.
Ich: Nein. Gibt es das auch von Piety Pie.
Dad: Wohl kaum.
Ich: Liest du mir nach dem Essen trotzdem weiter vor. Dad: Wenn Onkel Thoby nichts dagegen hat.
Ich: Warum. Meinst du, er hat was dagegen.
Dad: Nein. Aber er hat unter Umständen etwas gegen Shirley MacLaine.
Ich: Aber er hat doch sicher nichts dagegen, wenn Shirley das Fenster offen hält.
Dad: Sicher nicht.
Ich: Weiß er von mir.
Dad: Natürlich weiß er von dir.
Ich: Hast du ihm meine Biografie erzählt.
Dad: Mehr oder weniger, ja.
Ich: Und wie höre ich mich an.
 
Eine Woche vor Onkel Thobys Ankunft fahren mein Dad und ich in Julian-Brown’s Möbelhaus. Wir suchen einen Couchtisch. Wir suchen ein Bett fürs Gästezimmer. Wir suchen keinen Drehspiegel.
Aber der Drehspiegel stiehlt allen anderen Möbeln im Schauraum die Schau!
Je nun.
Es ist natürlich Liebe auf den ersten Blick. Und natürlich möchte ich ihn haben. Probieren Sie Folgendes. Stellen Sie sich neben einen Drehspiegel und bewegen Sie einen Arm und ein Bein vor dem Spiegel auf und ab, sodass es aussieht, als ob Ihr Spiegelbild schweben würde.
Mein Dad hat keine Lust, das zu probieren. Er probiert lieber Betten aus. Auch gut.
Vor dem Spiegel steht ein Baby, das offenbar zum Laden gehört. Es ist ganz fasziniert von meinem Schwebetrick.
Bonjour bébé, sage ich und winke ihm im Spiegel zu. Der Kleine erinnert mich an Beaker aus der Muppet-Show, den stummen Assistenten von Dr. Honigtau Bunsenbrenner mit seiner roten Tolle. Stellen Sie sich vor, Sie wachsen in Julian-Brown’s Möbelhaus auf. Fünfzig Zimmer in einem! Und jedes Zimmer ist wie der Set einer Fernsehserie. Man hat die Wahl zwischen einer Sitcom, einer Liebesszene oder einem Mord. Der Kleine kann sich aussuchen, in welchem Zimmer er aufwachsen möchte. Er kann sich seine Fernsehserie aussuchen.
Er watschelt in ein Wohnzimmer mit Blümchentapete und krabbelt unter einen Couchtisch. Er sieht durch die Glasplatte zu mir hoch. Das ist sein Trick. Ich kann vielleicht im Spiegel schweben, dafür kann er unter den Tisch krabbeln.
Ich presse die Finger gegen das Glas wie eine Spinne, die Liegestütze macht. Mein Dad sagt: Sollen wir den nehmen.
Was hältst du davon, wenn wir auf den Couchtisch verzichten und uns stattdessen einen Drehspiegel ins Wohnzimmer stellen. Ich würde dazu jedenfalls nicht Nein sagen.
Mein Dad schneidet dem Baby drollige Grimassen. Aber ich, sagt er. Und damit basta.
Ich wende ein, dass der Drehspiegel sehr wohl als Tisch dienen könne, man brauche ihn nur waagerecht zu stellen.
Worauf mein Dad einwendet, dass solch ein Tisch doch eine recht wacklige Angelegenheit sei.
Worauf ich einwende, dass der Tisch keineswegs wackeln würde, wenn man ihn an beiden Enden entsprechend stützt.
Worauf mein Dad einwendet, er habe keine Lust, darüber nachzudenken, ob und wie sich ein Drehspiegel als Couchtisch zweckentfremden ließe, wenn er auch gleich einen Couchtisch kaufen könne.
Wogegen sich schwerlich etwas einwenden lässt.
Ein paar Tage später werden das neue Bett und der Drehspiegel geliefert.
 
Onkel Thobys Ankunft steht kurz bevor, und in Wednesday Place Nummer 3 herrscht eine gespannte Atmosphäre. Mein Dad ist zu einem Modernen Generalmajor mutiert, so ähnlich wie der aus der Oper, pardon, Operette, der einen Winkelmesser schwingt und auf die Schnelle Sinus, Tangens, Kosinus berechnet. Er lässt seinen wundersamen geometrischen Vorlieben freien Lauf und stellt das Wohnzimmermobiliar unter Wedges prüfenden Blicken im Halbkreis auf, in Form eines Gnomons. Wobei es sich übrigens um eine Sonnenuhr handelt und nicht etwa um einen Zwerg. Wenn jemand darin sitzt, zeigen seine Füße jetzt zur Mitte.
Aber ist denn überhaupt noch Platz zum Sitzen. Bien sûr, denn mein Dad hat sich dazu durchgerungen, den Leonel-de-Tigrel-Stapeln mit den – was ist das, Audrey – Eiscremesandwichflecken endgültig Ade zu sagen. Das ist ja ekelhaft. Aber das habe ich doch nur für dich getan. Na, vielen Dank. Gern geschehen. Mit den Leonel-de-Tigrel-Artikeln und bizarren Geschenken von Patience ist jedenfalls Schluss. Der ganze Kram fliegt raus, und wenn die Sonne durchs Fenster scheint, wird sie mit Hilfe des Mobiliars künftig die Zeit anzeigen.
Das Zimmer zeigt aber nicht nur die Zeit an, sondern auch die Unendlichkeit, denn da an der Wand hinter Wedge ein Spiegel hängt und der Drehspiegel direkt gegenüber steht, spielen die beiden Spiegel jetzt Tennis, mit Wedge als Ball, und graben einen Tunnel aus lauter Wedges in die Ewigkeit.
Als mein Dad die vielen Wedges sieht, sagt er, das sei entweder sein schlimmster Albtraum oder aber das höchste der Gefühle, er könne sich nicht recht entscheiden.
Die Stereoanlage spielt Die Piraten von Penzance. Die Geschichte ist eigentlich ganz gut. Man kann ihr folgen, trotz der vielen Lieder zwischendrin. Ein Junge, der am selben Tag Geburtstag hat wie ich, muss eine große Hürde überwinden. Er lässt sich mit den falschen Leuten ein, die sich am Ende als die richtigen erweisen. Die Piraten haben ein großes Herz, und wenn man es erobern will, braucht man nur »Ich bin ein armes Waisenkind« zu sagen. Das Lieblingslied von meinem Dad ist das über Sinus, Tangens, Kosinus. Immer wenn er es hört, kichert er leise vor sich hin. In den Piraten von Penzance gibt es Tausende von Witzen. Von denen ich natürlich nur zwanzig Prozent verstehe. Immerhin habe ich verstanden, dass Frederic aus Versehen nicht in eine private, sondern in die Piraten-Lehre geschickt wurde, und das nur, weil sich seine Kinderfrau verhört hatte. Ziemlich witzig, nicht.
Und dass er einundzwanzig ist, in Wahrheit aber erst fünf und ein bisschen.
 
Was die gespannte Atmosphäre angeht. Also. Zu ersten Spannungen kam es, als mich der Generalmajor dazu rekrutierte, das Wohnzimmer aufzuräumen. Wir rückten das Sofa ab und fanden einen Kartenmischer, ein Geschenk von Patience. Ein idiotisches Geschenk, sagte mein Dad. Obwohl er gar nicht mischen kann.
Ich wandte ein, dass ein Einarmiger schlecht mischen könne.
Mein Dad machte ein betretenes Gesicht. Stimmt, sagte er.
Dann fanden wir ein Pilzholz. Es lag in einer Schachtel, auf dem SCHIETE stand. Ich lachte über das Wort Schiete, bis mein Dad sagte, ich solle aufhören, mich wie ein Armleuchter zu benehmen. Es heiße Shiitake, sagte er. Auf dem Holz könne man Shiitake-Pilze züchten. Auch ein Geschenk von Patience.
Schietekacke, sagte ich. Holz.
Mein Dad fand das ganz und gar nicht witzig. Er warf das Shiitake-Holz, den Kartenmischer und einen Kaffeebecher mit der Charta der Rechte darauf in den Müll. Bloß weg damit.
Warte. Ich schnappte mir den Kartenmischer. Dafür habe ich noch Verwendung.
Nein, sagte mein Dad. Der braucht eine Neun-Volt-Batterie.
Na und.
Das heißt, er macht Krach.
Na und.
Wir haben keine Neun-Volt-Batterien.
Ich glaube doch.
Nicht die Feuermelder.
Ich machte mich auf die Suche nach einer Neun-Volt-Batterie. Und wurde in einem Feuermelder fündig. Ich stieg auf einen Hocker. Einen Feuermelder abzuschalten, ist wirklich kinderleicht. Ein Klacks. Ich nahm den Kartenmischer und die Batterie mit in mein Zimmer. Als ich am Wohnzimmer vorbeikam, sagte mein Dad: He, kannst du mir mal eben helfen.
Klar, sagte ich.
Ich legte die Neun-Volt-Batterie ein. Ich liebe Neun-Volt-Batterien. Vor allem, weil ich so gern Neun Volt sage. Und weil sie rechteckig sind. Am liebsten hätte ich immer eine in der Tasche, damit ich sie herzeigen kann. Oder auch nicht. Und in die Hand nehmen. Was hast du denn da.
Ach, nichts. Nur eine Neun-Volt-Batterie.
Hat sie gerade Neun-Volt-Batterie gesagt.
Zu dem Kartenmischer gehörte auch ein Kartenspiel. Wie praktisch. Die Gebrauchsanweisung warf ich weg. Also echt. So blöd kann man doch gar nicht sein. Man teilt das Spiel in zwei Hälften, legt die eine auf die eine Seite, die andere auf die andere und drückt den roten Knopf. Dann wird es laut. Das Ding klingt wie ein Rasenmäher, der über einen Stein fährt. Und dann, ta-tah, fliegen die Karten durchs ganze Zimmer.
Ist das der Kartenmischer, rief mein Dad von unten.
Kein Kommentar.
Woher hast du die Neun-Volt-Batterie.
Und so muss ich mich anbrüllen lassen, weil wir alle bei lebendigem Leib in unseren Betten und Terrarien verbrennen könnten, ohne dass der Feuermelder unseren gleichnamigen Tod mit seinem süßen Klang begleitet.
Apropos Betten. Wegen dem neuen Bett gibt es reichlich Trara. Das neue Bett hat auf allen vier Pfosten Kugelknäufe. Ich habe Smileys auf die Knäufe gemalt. Damit Onkel Thoby sich auch bei uns auch richtig wohlfühlt.
Mein Dad sieht die komischen Gesichter und findet das gar nicht komisch. Er schüttelt den Kopf.
Ich schüttele auch den Kopf. Was.
Diese Knäufe sind aber nicht sehr schön.
Ich finde sie schön.
Du hast sein Bett verschandelt.
Ich trete gegen das Bett. Böses Bett.
Ab in dein Zimmer.
Und so gehe ich ab durch die Mitte, in mein Zimmer und trete wütend nach den Karten, die auf dem Fußboden verstreut liegen. Später nehme ich einen dicken Filzstift, schleiche mich ins Gästezimmer und male den Smileys Vampirzähne.
 
An dem Tag, an dem Onkel Thoby endlich kommen soll, kauft mein Dad lauter Pflanzen. Was ich nun wieder komisch finde. Wir haben nämlich noch nie Pflanzen im Haus gehabt. Und jetzt müssen wir plötzlich zu Canadian Tire hetzen, Pflanzen kaufen, die aussehen, als hätte man sie scheibchenweise aus einer Hecke gesäbelt, und sie in allen vier Ecken des Wohnzimmers, auf der Treppe und dem Flur im ersten Stock aufstellen.
Onkel Thoby mag Pflanzen, sagt mein Dad. Das kann ja heiter werden.
Der Countdown hat begonnen. Das Gästezimmer ist fertig. Wedge ist gekämmt und toupiert. Ich bin gekämmt, benetzt und behelmt. Ich stelle mich mit dem Rücken zum Drehspiegel und sehe mir über die Schulter.
Spieglein, Spieglein fern der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land.
Mein Dad kommt vorbei. Bleibt stehen. Zeigt mir einen Vogel. Wir fahren zum Flughafen, nicht in den Pferdestall.
Der Pferdestall ist gleich neben dem Flughafen.
Ach ja.
Ja.
Gut. Er verschwindet in der Küche. Es ist halb drei. Fahren wir.
Halb drei – zweifelsfrei, sage ich, als wir ins Auto steigen, aber nicht einmal das vermag ihm ein Lächeln zu entlocken. Er sagt nur: Anschnallen, und lässt den Motor an.
Da wir eine Dreiviertelstunde zu früh sind, bleibt noch genügend Zeit für eine Portion fetttriefende Fritten mit Bratensoße aus dem IM BISS. Mein Dad mag keinen IM-BISS-Imbiss. Ich fuchtele ein paarmal mit einer Fritte vor seiner Nase herum, und er schlägt danach, als sei die Fritte eine Fliege.
Meine Damen und Herren. Die Maschine aus London ist gelandet.
Mein Dad springt auf. Er ist ein Herr. Ich bin eine Dame. Ich stopfe mir die restlichen fünf Fritten in den Mund und renne ihm hinterher.
Ich hüpfe auf das Gepäckkarussell und werde prompt wieder heruntergehoben. Was steht auf dem Schild.
FAHRTEN MIT DEM GEPÄCKKARUSSELL SIND STRENG VERBOTEN, AUCH WENN ES KARUSSELL HEISST.
Mein Dad trägt Jeans und dazu ein elegantes weißes Hemd. Seine Haare sind ganz weich und flauschig. Ich drücke ihn ganz fest, bevor er mich absetzt. Ich rülpse Bratensoße.
Ein paar Damen und Herren lächeln über meine Kopf bedeckung. Ich lege zum Gruß die Hand an den Schirm.
Okay, ich habe mir vorgenommen, Onkel Thoby nicht nach seinem Arm zu fragen, sonst kriegt er am Ende noch ein Trauma. Ich werde den Arm gar nicht beachten. Oder allerhöchstens ein klitzekleines bisschen.
Die Passagiere aus England kommen nicht den ziegelrot gefliesten, mit einem Seil auf Stelzen abgesperrten Gang herunter. Stattdessen kommen sie hinter einer Wand hervor, wenn sie durch den Zoll sind. Ich habe vergessen, was der Zoll ist. Der Zoll, sagt mein Dad, ist eine Polizei, die dafür sorgt, dass man keine gefährlichen Sachen aus dem nicht-kanadischen Ausland nach Kanada schmuggelt.
Was zum Beispiel.
Äh. Zum Beispiel Fleisch.
Fleisch! Aber in Kanada haben wir doch auch Fleisch.
Schon. Aber nur unser eigenes.
Aha.
Apropos Fleisch, haben wir die Shepherd’s Pie aus dem Gefrierfach geholt.
Ja.
Das habe ich dich schon mal gefragt, nicht.
Ja.
Die Wand, die uns vor dem nicht-kanadischen Ausland schützt, ist aus dünnem Holz. Man kann sogar die Nägel und so sehen. Ich klopfe vorsichtig dagegen.
Audrey.
Was.
Lass das.
Ich lächele und klopfe gleich noch einmal.
Keiner klopft zurück. Ich kann die Leute sprechen hören. Erst denke ich, sie wollen sich lustig machen über meinen Dad. Ich balle die Fäuste. Dann fällt mir ein: Nein, so reden in England alle.
Koffer plumpsen auf das Karussell.
Das Karussell legt Eier, sage ich zu meinem Dad. Das soll ein Witz sein, irgendwie, aber er lächelt nicht.
Diese Eier stammen aus einer anderen Maschine, sagt er.
Ach so.
Er vergräbt die Hände in den Taschen und starrt auf die Stelle, wo die Wand aufhört und Kanada anfängt. Bis jetzt hatten alle, die durch die Wand gekommen sind, zwei gleichlange Arme.
Unterdessen beugt sich ständig jemand über das Karussell und zerrt sein Gepäck vom Band, als sei es das Normalste von der Welt: Flugzeug, Karussell und ab nach Hause, durch die Mitte. Sie rollen davon.
Ich ziehe die Hand von meinem Dad aus seiner Tasche und halte mich daran fest. Ich vollführe eine halbe Drehung und stecke mein Gesicht zwischen seinen Arm und seine Hüfte. Er riecht nach Dad.
Hör auf zu klammern, Audrey.
Wir warten. Schließlich setzen wir uns auf den Rand des Karussells, obwohl das streng verboten ist. Es sind nur noch drei Koffer übrig. Ich lese die Anhänger. Auf keinem davon steht Onkel Thoby.
Er war nicht im Flugzeug, sage ich.
Vielleicht kommt er nicht durch den Zoll.
Warum. Ist er so dick.
Blödsinn.
Aber wäre sein Koffer dann nicht auf dem Karussell.
Habe ich dir nicht gesagt, dass die Koffer aus einer anderen Maschine stammen.
Ist ja gut. Herrje.
Mein Dad rauft sich die Haare. Herrje. Weißt du eigentlich, was das heißt. Herr Jesus.
Allmählich habe ich das Gefühl, da will uns jemand auf den Arm nehmen. Uns einen Streich spielen. Am liebsten würde ich meinen Dad umarmen und beschützen. Aber genauso gern würde ich ihn treten.
Hinter der Wand lacht jemand. Nicht zu fassen. Ich beschließe, mich schnurstracks ins nicht-kanadische Ausland aufzumachen und marschiere los.
Warte, Audrey.
Zwei Männer in Uniform. Sie lachen sich fast kaputt.
Haha, belle ich unter meinem schwarzen Schirm hervor.
Ihre Münder gehen zu.
Kommen da noch mehr Nicht-Kanadier.
Sie wechseln einen Blick.
Nein, Mäuschen, sagt der eine und beugt sich zu mir herunter. Vermisst du jemanden.
Meinen Onkel.
Audrey, sagt mein Dad und tritt hinter mich. Er entschuldigt sich bei den Zollbeamten.
Kein Problem.
Er nimmt meine Hand. Wir gehen nach Hause.
 
Im Auto sortiere ich meine Gefühle. Am liebsten würde ich meinen Dad umarmen. Und stattdessen Onkel Thoby treten. Warum war er nicht im Flugzeug.
Mein Dad sagt kein Wort. Er fährt langsam, was er sonst nie tut. Er fährt, als ob ein Gummiband an unserer hinteren Stoßstange befestigt wäre, das uns mit dem Flughafen verbindet, und wir können dieses Gummiband zwar dehnen, aber nicht zerreißen.
Dad, schalte um Himmels willen endlich in den Vierten.
Er sieht mich an, als ob er sagen wollte: Den vierten was.
Gang.
Er schaltet.
Ich wusste nicht, dass Herrje die Abkürzung von Jesus ist, sage ich und starre aus dem Fenster.
Das ist nicht die Abkürzung von, sondern ein Euphemismus für Jesus.
Aha.
Spar dir deinen Sarkasmus. Ein Euphemismus …
Ich weiß, was ein Vermissmus ist.
Weißt du nicht.
Wahrscheinlich wenn man eins sagt, aber in Wahrheit was ganz anderes meint.
Äh, ja.
Also dasselbe wie Sarkasmus.
Nein.
Jetzt hat er sich verheddert. Sehr gut. Das lenkt ihn ab.
 
Ich weiß nicht, wie viel Mal Onkel Thoby nicht gekommen ist. Es kommt mir vor wie fünf. Aber vielleicht waren es auch nur drei. Raus zum Flughafen. Klopf klopf an die Wer-ist-da-Wand. Keine Antwort. Kein Onkel Thoby. Im viel zu kleinen Gang nach Hause. Keine Shepherd’s Pie zum Essen.
Für mich ist Onkel Thoby so etwas wie eine Kreuzung zwischen einem Schäfer, der gern Fleischpasteten isst, und einem schwarzen Schaf. Schwarzes Schaf, befinde ich, ist ein Vermissmus für den weniger geliebten Sohn.
Wenn ich ins Bett gegangen bin, telefoniert mein Dad oft stundenlang. Seine nervige Telefonstimme kommt aus dem Heizungsschlitz. Am nächsten Morgen erzählt er mir, dass Onkel Thoby die Grippe habe. Darum sei er nicht gekommen. Er sei schon in Heathrow gewesen und habe eben an Bord der Maschine gehen wollen, als ihm schlecht geworden sei und er sich auf der Toilette habe übergeben müssen.
Fluchhafen Heathrow.
Mein Dad lacht und nippt an seinem Kaffee. Ich bin anscheinend wieder witzig. Die letzten Tage war ich nämlich gar nicht witzig.
Die Grippe hat ihn fest im Griff, sage ich und trete unter dem Tisch gegen Onkel Thobys Stuhl. Am liebsten würde ich ihm die Beine absägen, damit von Onkel Thoby, wenn er denn jemals kommt, nur noch der Kopf über die Tischplatte schaut. Ich denke an die Vampirsmileys an seinen Bettpfosten und grinse selbst wie ein Vampir.
Was grinst du denn so.
Kriegt der Arm eigentlich auch Fieber, wenn Onkel Thoby welches hat.
 
Mein Dad will seine Ruhe haben. Folglich hefte ich mich an seine Fersen. Ich gehe mit ihm ins Obacht-Gebäude. Verlaine will mit mir zum Pferdestall, aber ich sage Nein. Ich weiche meinem Dad nicht von der Seite. Ich ziehe höchstens meinen Reithelm an und radle um die Veranda. Ich fahre im Kreis und übe Leichttrab, ohne Takt. Ich fahre die Stufen hinunter und tue so, als wären sie ein Hindernis.
Manchmal fahren wir zum Flughafen und kommen ohne Onkel wieder. Es ist demütigend. Wir sind gedemütigt. Und fühlen uns allein gelassen, wie ein vergessener Koffer auf dem Gepäckkarussell.
Weißt du noch, wie Bibo den anderen Sesamstraßenbewohnern Mr. Snuff leupagus vorstellen wollte. Mr. Snuff leupagus hat ihn jedes Mal versetzt.
Mein Dad und ich spielen Cluedo. Cluedo spielt man eigentlich nicht zu zweit, aber das weiß ich noch nicht.
Weißt du noch, wie Bibo …
Ich verdächtige Oberst von Gatow mit dem Revolver – wo ist denn schon wieder der Revolver – im Billardzimmer.
Ich schaue in meine Karten. Nö. Weißt du noch, wie Mr. Snuffleupagus in der alten Sesamstraße Bibo jedes Mal versetzt hat.
Mein Dad notiert etwas auf seinem Punktezettel. Onkel Thoby ist nicht Mr. Snuffleupagus.
Ist er wohl. Oder warum ruft er nicht an, bevor wir zum millionsten Mal zum Flughafen fahren. Will er uns demütigen.
Der Revolver fehlt, sagt mein Dad und schaut unter dem Spielbrett nach. Wo ist der Revolver.
Als mein Dad ins Bett gegangen ist, schleiche ich mich wieder nach unten. Wedges Laufrad bleibt stehen. Was machst du da.
Das geht dich nix an.
Das Laufrad dreht sich wieder, wenn auch nicht ganz so schnell wie vorher.
Es ist ein Klacks, ein Verbrechen aufzuklären. Ein Kinderspiel. Man nimmt einfach den Hörer ab und drückt die Wahlwiederholungstaste. Dann wickelt man sich in einen Vorhang, um die Stimme zu dämpfen.
Das Tuten klingt wie das Piratenlied. Schenkt ein den Piratensherry.
Hallo.
Du, mit deiner tiefsten Stimme: Ist da Thoby Flowers.
Wie bitte.
Ich habe gesagt, ist da Thoby Flowers.
Wer ist da.
Ich glaube, du weißt genau, wer hier ist.
Ja, ich glaube auch.
Pass auf, du brauchst nicht in ein Flugzeug zu steigen, weder morgen noch übermorgen oder sonst wann. Mir ist es egal, ob du kommst. Meinem Dad übrigens auch. Du und dein selbstgemachter Arm können meinetwegen bleiben, wo ihr seid. Ich habe einen Revolver. Wenn du kommst, könnte es sein, dass ich dich erschieße.
Schweigen.
Hast du mich verstanden, Gnomon.
Gnomon. Tja. Es tut mir leid, dass wir uns auf diese Weise kennenlernen mussten, Oddly.
Wie hast du mich genannt.
Am liebsten würde ich jetzt auflegen. Ich versuche aufzulegen. Aber ich habe mich in dem verdammten Vorhang verheddert. Ich trete um mich, bis ich den Vorhangspalt gefunden habe. Wedge hat aufgehört zu laufen. Er beobachtet mich. Es ist totenstill. Ich lege den Hörer wieder auf die Gabel.
Ich werfe einen monströsen Schatten an die Wand.
Wedge presst seine Händchen gegen das Glas. Soll ich dich in den Arm nehmen.
Ich schüttele den Kopf.
 
Eigentlich saß ich diesmal schon fast im Flugzeug – ja, danke, Walter, ich bin wieder gesund -, aber dann, um sechs Uhr morgens unserer Zeit, bekam ich einen Anruf von deiner Tochter, die mir dringend nahelegte hierzubleiben, falls ich nicht gleich nach der Landung ermordet werden wolle.
Du musst dich irren, lieber Bruder.
Ungefähr so stelle ich mir die Unterhaltung vor. Ich habe schreckliche Angst. Ich radle langsam um die Veranda, immer rundherum. Mein Dad ist oben und macht ein Nickerchen. Er ist müde vom vielen Telefonieren.
Ich kann Telefone auf den Tod nicht ausstehen.
Onkel Thobys Maschine soll um halb vier landen. Ob er diesmal wohl im Flugzeug sitzt. Ich soll meinen Dad um zwei Uhr wecken. Und wenn nicht. Wenn ich ihn die Landung glatt verschlafen lasse. Was dann. Dann ist zur Abwechslung Onkel Thoby der Gedemütigte. Dann wartet er neben dem Gepäckkarussell wie ein vergessener Koffer. Wenn er denn kommt.
Aber da fällt mir seine Biografie wieder ein, und mein Gewissen meldet sich. Denn vielleicht ist das ja die große Hürde in seiner Biografie. In ein Flugzeug zu steigen und hierherzukommen. Und jetzt habe ich diese Hürde noch erhöht. Ist doch klar, dass er Angst hat, in ein Flugzeug zu steigen. Ist doch klar.
 
Im Haus ist alles ruhig. Ich ziehe meine Turnschuhe aus. Tapse auf Zehenspitzen in die Küche. Trinke ein Glas Milch. Setze meinen Reithelm ab. Kratze mich am Kopf. Setze den Reithelm wieder auf. Starre den Tisch und die drei Stühle an.
Eine Fruchtfliege surrt vorbei. Auf dem Weg zur Hecke im Wohnzimmer. Verzeihung, darf ich mal.
Ich mache ihr Platz.
Einer der Stühle, Onkel Thobys Stuhl, sieht leer aus. Früher hat er nicht so leer ausgesehen. Warum jetzt. Und überhaupt. Wie kann jemand einen eigenen Stuhl haben, obwohl er noch nie hier gewesen ist.
Taps, taps, die Treppe hoch. Vorbei an der Mini-Hecke auf dem Absatz. Drei Fruchtfliegen kreisen in Formation. Weiter zum Zimmer von meinem Dad. Ich mache die Tür auf. Er schläft auf der Seite. Wie kann man am frühen Nachmittag schlafen. Nicht zu fassen. Aber solange er noch schläft, werde ich ein Stück Schokolade aus seiner Tortenschublade stibitzen.
Mein Dad hat einen Schreibtisch aus Dänemark ganz ohne Nägel oder Leim, der nur durch ein Wunder der Schwerkraft zusammengehalten wird. Die Schubladen sind rund wie eine Torte, wenn man sie herauszieht. Ich ziehe die oberste Schublade heraus, in der die dunkle Schokolade wohnt.
Warum atmet er im Schlaf eigentlich so komisch und so tief, als ob es ihm egal wäre, wenn ich ihm seine Schokolade klaue. Ich schleiche zum Bett und lege mich neben ihn. Ich drücke die Schokolade mit der Zunge gegen den Gaumen. Sylvester Stallone über dem Bett sieht mächtig musklig aus.
Ich lege mein Ohr an den Rücken von meinem Dad, zwischen seine Schulterblätter, vielleicht höre ich dann, was er träumt. Er trägt ein blaues Hemd, das heute Morgen noch ziemlich elegant aussah. Jetzt ist es eher feucht. Ich lausche. Nichts.
Ich will gerade aufgeben, da wälzt er sich auf den Rücken. Ich stoße einen spitzen Schrei aus. Zum Glück habe ich keinen Reithelm auf.
Er setzt sich auf und sagt: Herrgott, Audrey.
Hallo.
Was machst du denn.
Mich ein bisschen hinlegen.
Er kratzt sich am Kopf. Das macht er immer, wenn er aufwacht. Seine Haare wecken.
Wie spät ist es, fragt er, plötzlich erschrocken.
Halb zwei.
Er sinkt wieder aufs Bett. Du hast da was.
Wo.
Er zeigt auf sein Gesicht. Was hast du denn genascht.
Nichts. Ich schwinge die Beine über die Bettkante und bücke mich, um mir die Strümpfe hochzuziehen. Ich ziehe ziemlich lange.
Na, dann auf zum Flughafen, sagt er. Bist du so weit.
Ich halte den Kopf gesenkt. Jetzt muss ich es ihm beichten: Dad, heute Früh um halb drei – zweifelsfrei – habe ich Onkel Thoby angerufen, den Cluedo-Revolver auf das Telefon gerichtet und ihm gesagt, dass er nicht kommen soll. Ich war stinkwütend. Es tut mir leid.
Aber das sage ich nicht. Stattdessen ziehe ich weiter meine Strümpfe hoch. Ja. Bin so weit.
 
Und siehe da, als ich diesmal an die Wer-ist-da-Wand klopfe, klopft jemand zurück.
Er ist da!
Ich nähere mich dem nicht-kanadischen Ausland im Leichttrab bis auf wenige Zentimeter und linse um die Ecke. Er redet mit dem Zollbeamten. Er muss es sein, denn er hat keine zwei gleichlangen Arme.
Heiliger Lada. Ich wirbele herum, mit dem Rücken zur Wand.
Mein Dad sieht mich an, als ob er sagen wollte: Was hast du denn.
Er ist da, sage ich.
Bist du sicher.
Ich schließe die Augen. Ja.
Er tritt hinter der Wand hervor, und es ist wahre Liebe. Er sieht sich um, mit hochgezogenen Augenbrauen. Auch wenn man nur eine Braue sehen kann, weil die andere sich hinter einer Haarlocke versteckt. Außerdem hat er einen kurzen, struppigen Bart. Er zerrt einen Koffer an seinem langen Arm hinter sich her.
Er sieht uns.
Mein Dad sagt: Hast du es also doch noch geschafft, gab es irgendwelche Schwierigkeiten, hattest du einen guten Flug et cetera pp. Und Onkel Thoby sagt: Der Zoll. Der Zoll war eine echte Geißel. Er lacht. Kratzt sich den Bart.
Sie reden durcheinander. Die Wörter fliegen hin und her.
Ich verstecke mich hinter meinem Dad.
Oddly. Jemand klopft auf meinen Reithelm.
Ich hebe den Blick. Da ist er, unter meinem Schirm.
Aus dem Klopfen wird eine ausgestreckte Hand. Endlich lernen wir uns kennen, sagt er.
Hm. Er wird mich nicht verpetzen.
 
Als ich seine Hand ergreife, seine linke Hand, um ihn durchs Haus zu führen, fühlt sie sich an wie eine ganz normale Hand. Sie fühlt sich an wie 37 Grad Celsius.
Er riecht süßlich, wie Parfüm.
Ich mache ihn mit Wedge bekannt. Hallo, kleiner Mann, sagt er. Wedge trinkt unbeirrt aus seinem Fläschchen und sieht ausnehmend einnehmend aus. Beim Trinken hält Wedge sich mit beiden Händen an der Flasche fest. Onkel Thoby ist ausnehmend eingenommen. Er fragt mich nach der 18 an Wedges Ohr.
Die stammt noch aus seiner Zeit als Versuchsmaus, sage ich. Verlaine hat sie ihm tätowiert.
Soso, sagt er.
Ich kann reiten, sage ich. Aber das wusstest du ja schon aus meiner Biografie.
Außerdem habe ich es an deinem Helm erkannt.
Ah. Ja. Ich trage meine volle Reitmontur. Und dazu eine weiße Bluse mit Knöpfen an den Ärmeln, die man nicht aufmachen kann. Am Kragen hat sie einen IM-BISS-Fleck.
Ich zeige ihm die unendlich vielen Wedges im Drehspiegel.
Huch, sagt er.
Dann zeige ich ihm meinen Spiegelschwebetrick. Und jetzt du, sage ich, denn meinen Trick darf jeder wissen.
Onkel Thoby stellt sich links neben den Spiegel und bewegt den rechten Arm und das rechte Bein. Plötzlich ist seine Haarlocke verschwunden. Er hat zwei gleichlange Arme. Im Spiegel ist er nicht er selbst. Im Spiegel ist er der Symmetrische Onkel Thoby. Ich zerre an ihm. Gut jetzt, das ist mein Trick, sage ich, nicht deiner.
Wir gehen nach oben. Vor den Vampirbettpfosten vollführe ich ein kleines Tänzchen, um ihn abzulenken.
Er lässt sich nicht zweimal bitten und tanzt mit. Warum tanzen wir.
Essen fassen, ruft mein Dad von unten. Seine Stimme klingt so fröhlich, dass ich es sofort mit der Angst zu tun bekomme.
Gehen wir, sage ich. Ich nehme seine Hand.
Als wir uns zum Gehen wenden, fällt Onkel Thobys Blick auf einen Bettpfosten.
Ja. Tut mir leid.
Es ist Liebe. Aber es ein Unterschied, ob du jemanden schon am Flughafen liebst oder wenn du ihn durchs Haus führst, oder ob du ihn liebst, auch wenn dein Dad dabei ist, der allein und ausschließlich mit ihm spricht.
Künftig wird es also Gespräche geben, an denen du nicht beteiligt bist.
Du gehst die Post durch, laut. Sehr laut sogar. Du wedelst mit einer Wahlbroschüre. Byrne Doyle, verkündest du und verdrehst die Augen, ohne Onkel Thoby zu erklären, wer das ist.
Du erwähnst Jim Ryan. Und beiläufig auch deine im Werden begriffene Biografie, obwohl sie das schon lange nicht mehr ist.
Dein Dad erzählt die Geschichte von der krebserregenden Holzschutzlasur. Er erzählt, wie ihm Jim Ryan mit einem teeröltriefenden Pinsel vor der Nase herumgefuchtelt hat. Ach wirklich. Daran kann ich mich gar nicht entsinnen. Dein Dad erzählt die Geschichte wie einen Witz. Onkel Thoby lehnt am Kühlschrank und lacht.
Du sagst: Geh mal weg da, weil du die Milch aus dem Kühlschrank holen willst.
Und du wirst dein Lebtag nicht vergessen, wie er aufhört zu lachen, wie er höflich beiseitetritt und hilfesuchend um sich blickt, weil er nicht recht weiß, wohin.
 
Beim Essen erkundigt Onkel Thoby sich nach der Biografie, an der ich gerade schreibe. Ich sage, die hätte ich vorerst auf Eis gelegt.
Soso. Auf Eis.
Mein Dad und er zwinkern sich zu. Jetzt machen sie sich schon hinter meinem Rücken über mich lustig. Auch das ist neu.
Mein Dad erzählt weitere Jim-Ryan-Anekdoten. Wespen. Hörncheneinfahrt. Vorwärts rein, vorwärts raus. Mein Dad imitiert Jim Ryan. Täuschend echt. Seit wann denn das.
Das ist aber nicht sehr nett, sage ich.
Und schon ist Ruhe im Karton.
Ich ramme die Gabel so fest in meine Shepherd’s Pie, dass sie darin stehen bleibt, und hole das Ketchup aus dem Kühlschrank. Warum schreibe ich eigentlich nicht eine komische Biografie über Jim Ryan. So wie die Geschichten, die mein Dad erzählt, voller Witze und Parodien. Die eine oder andere Verfolgungsjagd könnte sicher auch nicht schaden.
Wir sitzen lange am Tisch und vergessen, das Licht anzumachen. Eine Farbe nach der anderen verschwindet. Onkel Thoby stellt den Ellenbogen auf den Tisch und stützt den Kopf in die Hand. Streicht sich die Haare nach hinten. Er sieht glücklich und zufrieden aus.
Langsam, aber sicher fallen mir die Augen zu. Ihre Stimmen klingen unendlich weit entfernt. Onkel Thoby bringt sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass Shirley MacLaine das Küchenfenster offen hält.
Dann plötzlich, rums, liege ich auf dem Boden.
Die beiden schnappen erschrocken nach Luft.
Fehlt dir etwas, Schätzchen.
Ich rappele mich hoch und hebe ta-tah-mäßig die Arme. Aber auf einmal bin ich ganz durcheinander und weiß nicht mehr, wer Onkel Thoby ist. Ich vergrabe mein Gesicht am Bauch von meinem Dad. Da ist aber jemand müde, sagt er.
Er nimmt mich auf den Arm und trägt mich nach oben. Schnurstracks ins Bett, samt Rüschenbluse, falschen Knöpfen und IM-BISS-Fleck.
Gute Nacht, Oddly Flowers mit den Wackelpudding-Beinen, sagt er.
So heiße ich nun also. Ich kuschele mich unter die Decke. Und schlafe sofort ein. Oder fast sofort. Ich spüre, wie er an meinem Haarnetz zupft. Ich drehe den Kopf, damit er es mir leichter ausziehen kann. Und als ich den Kopf drehe und die Arme wie ein Korkenzieher verschlinge, sodass sich meine Handrücken berühren, entdecke ich zufällig die beste Schlafstellung aller Zeiten. Wenn sich die Handrücken berühren, fühlen sie sich an wie fremde Hände, aber trotzdem schön. Sie fühlen sich an wie man selbst, nur von außen. Meine Beine sind in Sprungstellung. Ich schlafe in Korkenziehersprungstellung ein. Mein letzter Gedanke ist: Merk dir diese Stellung, damit du sie morgen Abend wiederfindest.
 
Am nächsten Morgen ist er weg. Auf der Anrichte liegt ein Zettel. Bin spazieren. Bis demnächst. Servus.
Grognard Man hat Probleme mit den Kaffeefiltern.
Ich laufe zum Fenster. Es regnet quer. Die Abzugshaube pfeift. O nein. Er ist abgehauen.
Er tickt noch nach englischer Zeit, sagt mein Dad. Als ob das irgendwas erklären würde.
Komm, wir gehen ihn suchen, sage ich.
Nein, gehen wir nicht.
Und wer ist eigentlich Servus.
Niemand. Servus ist eine Grußformel und heißt so viel wie Guten Tag und Auf Wiedersehen.
Auf meinem Platz steht eine in sechzehn Stücke geschnittene Orange. Ich klettere auf meinen Stuhl. Eine Fruchtfliege kreist wie ein Hubschrauber summend über meinem Teller. Ich vertreibe sie. Sie kommt wieder. Und kracht im Sturzflug in meine Orange.
Mist, verdammter.
Was.
Fruchtf liege.
Haben wir ein Drosophila-melanogaster-Problem, sagt mein Dad. Kannst du mal. Er reicht mir die Filter.
Die Fliegen saßen in den Hecken, sagte ich.
Du sollst doch nicht Hecken sagen.
Ich klaube zwei oder drei Kaffeefilter aus der Packung. Wie denn sonst.
Zimmerpf lanzen.
Als ich Onkel Thoby gestern durchs Haus führte, sagte er, er hätte noch nie Zimmerhecken gesehen. Die sind für dich, sagte ich.
Sie sind wunderschön.
Die Fruchtfliegen wohnen in den Hecken, unternehmen aber täglich Erkundungsflüge in die Küche und suchen nach Essbarem. Sie mögen auch Zahnpasta, was ich ziemlich eklig finde. Mindestens eine Fruchtfliege wohnt im Bad. Nicht zu fassen, dass mein Dad das noch nicht gemerkt hat. Wenn ich in den Badezimmerspiegel sehe, vollführt in neun von zehn Fällen eine Fruchtf liege ein Freudentänzchen knapp über meiner Schulter.
Willst du dir nicht endlich die Zähne putzen.
Nein. Hau ab.
Okay. Sag mir Bescheid, wenn du fertig bist.
Summ, summ.
Sieh dich doch nur mal an, sage ich. Du mit deinen kleinen Fühlern. Du mit deiner Zahnpastasucht. Traurig. Wirklich traurig.
Ich klatsche über meiner Schulter in die Hände, aber sie ist längst in sicherere Höhen entschwunden.
 
Der Regen hört sich an, als würde er ins Fenster beißen. Ich gleite von meinem Stuhl. Da ist er ja! Auf der anderen Seite des Teichs. Und schlägt sich mit einem Schirm herum. Guck mal, Dad.
Keine Minute später sitze ich auf meinem Fahrrad und fahre holterdiepolter die Verandastufen hinunter. Ich trete fest in die Pedale und halte den Kopf gesenkt wie ein Jockey, um den Luftwiderstand möglichst gering zu halten. Ich stelle mir vor, das Rad sei Rambo. Nach zwei Sekunden bin ich klitschnass. Der Weg ist steinig und matschig zugleich. Ein paar Schnecken mit transportablen Zimmern machen knack. Bitte vielmals um Entschuldigung.
Ich bin die Rettung auf Rädern. Das ist mein Teich. Mein Regen. In Sachen Regenschirme in Neufundland hättest du mich um Rat fragen und eine richtige Führung abwarten sollen.
Er sieht mich. Hebt die Hand. Der Wind hat den Regenschirm umgestülpt. Ich bremse. Locker und lässig. Hallo, sage ich.
Er zeigt auf meine Füße. Du hast ja gar keine Schuhe an.
Vergessen.
Seine Wangen sind rot, rau und nass. Seine angeklatschte Haarlocke sieht aus wie ein Pfeil. Er sieht anders aus als gestern Abend.
Ich zeige auf mein Kinn. Wo ist denn dein …
Habe ich abrasiert.
Warum.
Er hat gejuckt.
Ich schiebe mein Rad neben ihm her. Vorsicht, Schnecken. Tun dir denn nicht die Füße weh. Nein. Er trägt seinen Schirm wie einen toten Freund. Blödes Neufundland, Regenschirmmörder. Ich gebe Neufundland einen barfüßigen Tritt.
Er lacht.
Ich auch.
Einer eurer Schwäne hat mich verfolgt.
Diese Schwäne sind zugewandert. Sie kommen hier oben normalerweise gar nicht vor. Siehst du, was sie für leuchtend rote Schnäbel haben. Du hättest warten sollen, bis ich dich herumgeführt habe.
Er starrt besorgt auf meine Füße. Der Regen pladdert uns so fest ins Kreuz, dass wir fast vornüberfallen. Heilige Mutter Gottes, sagt er.
Nimm’s nicht persönlich.
 
Als wir nach Hause kommen, liegen fünf tote Drosophila melanogaster in meiner Orange. Onkel Thoby sagt: Die armen Kleinen.
Arm. Blöd. Sie bleiben an ihrem eigenen Futter kleben.
Mein Dad weist mich darauf hin, dass die DNA der Drosophila melanogaster mit der des Menschen zu neunzig Prozent identisch ist.
Onkel Thoby will mir eine frische Orange aufschneiden. Ach übrigens, haben wir zufällig Alka-Seltzer im Haus. Der Kaffee gurgelt. Ja, sagt mein Dad, oben im Bad.
Irgendwie kommt mir alles unglaublich normal vor.
Ich rase die Treppe hoch und hole das Alka-Seltzer. Die Treppe wieder runter. Auf dem Absatz bleibe ich stehen. Ich höre erst die Abzugshaube pfeifen, dann meinen Dad.
B, sagt mein Dad.
Ais, sagt Onkel Thoby.
An meinem Platz steht ein kleines Kunstwerk. Es nennt sich Orange im Schloss. Die Schnitze ragen über die Schlossmauer.
Du musst bei Mitternacht anfangen und im Uhrzeigersinn essen, sagt Onkel Thoby.
Warum.
Weil sich die Orange sonst wieder schließt.
Wie sich herausstellt, hat eine Orange genau elf Schnitze. Fünf auf der einen Seite und sechs auf der anderen. Eine Stunde fehlt. Das ist mir bislang nie aufgefallen, weil mein Dad die Orange immer in sechzehn Stücke schneidet, die ich dann aus der Schale lutsche. Aber eigentlich ist eine Orange innen gar nicht symmetrisch.
Nach dem Frühstück baut Onkel Thoby eine Falle für die Fruchtfliegen und nennt sie die Drosophila-melanogaster-Haftanstalt. Die DMHA ist ein Glas mit einem Orangenschnitz darin, über das er ein Stück Zellophan gespannt hat. In das Zellophan hat er winzige, fruchtfliegengroße Löcher gebohrt. Die Fliegen kriechen durch die Löcher, um an die Orange heranzukommen. Erst feiern sie. Sie tanzen Tango. Aber dann finden sie nicht mehr raus. Und so bleiben sie einfach drin und fliegen immer auf und ab, bis sie ganz perplex und aus der Puste sind.
Als die DMHA schließlich voll ist, tragen wir die Drosophila auf die Veranda und entlassen sie feierlich in die Freiheit. So flieget denn hin, seid fruchtbar und vermehret euch, sagt Onkel Thoby.
 
Wir machen eine Stadtrundfahrt mit Onkel Thoby und landen schließlich auf dem Signal Hill. Unsere Jacken knattern im Wind, als wollten sie jeden Moment explodieren. Überall hängen Schilder mit der Geschichte von Telegraf Marconi und seinen Funksignalen.
Auf dem Signal Hill gibt es einen rechteckigen Parkplatz. Auf der einen Seite kann man deutlich Neufundland erkennen. Auf der anderen undeutlich England. Ich versuche, Onkel Thoby zur Neufundland-Seite zu lotsen.
Ich zeige ihm, wo meine Schule ist. GOLEM, brülle ich.
Was.
Gott des Lichts und der Ewigen Milde und Barmherzigkeit. Siehst du den Korkenzieher-Jesus auf dem Dach.
Onkel Thoby lacht. Seine Piratenhaare klappen nach oben.
Mein Dad möchte ihm Cape Spear zeigen, was auf der Meerseite liegt. Cape Spear ist der östlichste Punkt des nordamerikanischen Kontinents. Siehst du, wie der Leuchtturm blinkt. Nein, du sollst dir nicht das Meer anschauen, denn das ist eine breite blaue Straße, die schnurstracks zurück nach England führt. Sondern den Leuchtturm, habe ich gesagt. Da vorne ist der Osten zu Ende.
Onkel Thoby nickt.
Österlicher geht es nicht.
Soso.
Ich klettere auf die Steinmauer. Er hält meine Hand und geht neben mir her. Ich habe dir eine Geheimbotschaft geschickt, sage ich. Ist sie bei dir angekommen.
Er guckt mich komisch an. Dann sagt er: Ja, Oddly.