LIEBER ARM AB ALS ARM DRAN DIE ONKEL-THOBY-STORY
Onkel Thoby arbeitete
als Gepäckabfertiger am Flughafen Heathrow, bis ihm die defekte
Frachtluke eines Flugzeugs eines Tages ohne sein Verschulden den
Arm abtrennte und dieser Arm versehentlich nach Dublin
flog.
Was!
Zunächst merkte
niemand, dass der Arm sozusagen auf eigene Faust nach Dublin
unterwegs war. Seine Kollegen schafften Onkel Thoby auf schnellstem
Weg ins Flughafengebäude und riefen einen Krankenwagen. Der
Blutverlust hatte ihn geschwächt, und sie plünderten den erstbesten
Koffer und versuchten die Blutung mit einem Bademantel zu stillen,
doch bevor er ohnmächtig wurde, bat er sie um einen Gefallen.
Rettet. Meinen. Arm. Seine Kollegen stürmten auf das Rollfeld, aber
die Maschine war leider schon weg. Die Gepäckabfertiger in Irland
staunten vermutlich nicht schlecht.
Es war eine ziemliche
Katastrophe, aber Onkel Thoby konnte nichts dafür. Die beiden
Metallstangen, die dazu dienten, die Frachtluke offen zu halten,
waren gebrochen. Alle beide. Nicht zu fassen. Es war technisches
Versagen. Doch weil er als Tollpatsch galt, gaben seine Arbeitgeber
ihm die alleinige Schuld an der Amputation. Außerdem konnten sie
auf die Dienste eines einarmigen Gepäckabfertigers gut verzichten.
Und so wurde er fristlos entlassen.
Ist Onkel Thoby denn
ein Tollpatsch.
Na, und wenn schon.
Zugegeben, er bringt es fertig und stolpert über seine eigenen
Füße. Einmal fiel er auf der Autobahn aus einem fahrenden Wagen und
brach sich das Bein. Dann ging er mit dem Beinbruch segeln, fiel
über Bord und wäre fast ertrunken, weil der Gips so schwer war. Und
einmal, als er eine Erkältung hatte, versuchte er, ein Glas Wick
VapoRub auf dem Herd zu erhitzen, damit sich die Dämpfe besser
entfalten konnten. Leider hatte er vergessen, dass das abscheuliche
Zeug hauptsächlich aus Fett besteht,
und es spritzte und verbrannte ihm das Gesicht. Aber konnte man ihm
allen Ernstes einen Vorwurf machen, weil die Frachtluke einer
Boeing 727 ihm den Arm abgetrennt hatte. Wohl kaum.
Jetzt lag er also
ohne Arm im Krankenhaus. Er hatte sich mit der Dubliner
Flughafenleitung in Verbindung gesetzt, doch die hatte bezüglich
seines Arms bereits »Maßnahmen« ergriffen, die es dauerhaft
unmöglich machten, dass er seinen Arm jemals zurückbekommen würde.
Was für Maßnahmen. Sie hatten ihn verbrannt. Aber was hätte er mit
seinem alten Arm auch anstellen sollen. Annähen konnte man ihn
ohnehin nicht mehr.
Er wusste natürlich,
dass man ihn nach so langer Zeit nicht wieder annähen konnte –
damit hatte er sich abgefunden. Was ihn jedoch zutiefst betrübte,
war der Umstand, dass ihm keinerlei Erinnerung an seinen alten Arm
geblieben war. Er war ihm nur mehr verschwommen im Gedächtnis.
Hatte er Sommersprossen gehabt. Ja. Aber hatten sie ein Muster
ergeben, und wenn ja, was für eins. Er hatte nie darauf geachtet.
Ein Missgeschick auf dem Lopper (einer Achterbahn) hatte eine Narbe
an seiner linken Hand hinterlassen. Diese Narbe würde er nie mehr
wiedersehen. Er hatte schlicht und einfach einen Teil von sich verloren.
Auch litt er nicht am
Phantomglied-Syndrom, von dem so viele Amputierte berichten. Wie
hätte er sich über ein Phantomglied gefreut! Aber er hatte nicht
das Gefühl, dass sein Arm noch existierte, weder hier noch in
Dublin noch sonst wo. Der Arm war schlicht und ergreifend nicht
mehr da.
Er bildete sich ein,
dass die Sommersprossen an seinem Arm eine chiffrierte Botschaft an
ihn enthielten, die er ohne Weiteres hätte entschlüsseln können,
wenn er ihr nur die nötige Beachtung geschenkt hätte. Aber er hatte
nicht darauf geachtet. Er starrte stundenlang erst auf seinen
gesunden Arm und dann dorthin, wo sich von Rechts wegen sein linker
Arm hätte befinden müssen.
Sein altes Leben war
vorbei. Er würde nie wieder Gepäck abfertigen. Seine Kollegen kamen
ihn besuchen, brachten ihm Geschenke mit – vorwiegend Fundstücke
aus Flugzeugen – und erzählten ihm lustige Geschichten von
Flugkatastrophen, um ihn aufzumuntern. Sie zeigten sich besorgt
über seine Zukunft. Was er denn jetzt anfangen wolle, als
einarmiger Gepäckabfertiger, der kein Gepäck mehr abfertigen
könne.
Da die
Fluggesellschaft sich weigerte, für den Schaden aufzukommen, boten
sie ihm an, mittels eines Kuchenbasars oder dergleichen Geld zu
sammeln, damit er sich eine moderne Armprothese leisten
könne.
Onkel Thoby ließ sich
die Sache durch den Kopf gehen und sagte: Vielen Dank, aber die
Vorstellung, mit einem nachgemachten Arm an der Schulter
herumlaufen zu müssen, behage ihm gar nicht.
Was.
Er wollte nicht mit
einem Arm herumlaufen, der sich als sein eigener ausgab, obwohl ein
Fremder ihn erfunden hatte.
Ach so.
Ich hätte vielleicht
erwähnen sollen, dass Onkel Thobys Arm hier oben abgeschnitten
wurde. (Mein Dad macht eine sägende Bewegung über seinem linken
Ellenbogen.)
Autsch. Ja, hättest
du.
Also. Onkel Thoby
beschloss, sich seine eigene
Armprothese zu bauen. Er hatte gehört, es gebe spezielle
Ausbildungszentren, wo Amputierte so etwas lernen konnten. Wer
solch ein Zentrum besuchte, musste natürlich mit einer provisorischen Prothese vorliebnehmen, bis seine
eigene fertig war. Schließlich kann man mit einer Hand schwerlich
eine neue anfertigen. Dazu braucht man schon zwei. Und selbst mit
beiden Händen ist es nicht ganz einfach. Von heute auf morgen geht
das nicht.
Aber wenn ein
Amputierter solch ein Zentrum Monate, manchmal sogar erst Jahre
später wieder verlässt, darf er ein selbstgebautes Ersatzkörperteil
sein Eigen nennen. Und das ist schon etwas ganz
Besonderes.
Und so taten sich die
Gepäckabfertiger mit den Flugzeugmechanikern und dem Putztrupp
zusammen und sammelten eifrig Geld, damit Onkel Thoby das Bein- und
Arm-Rekonstruktions-Centrum in jenem pittoresken Piratenstädtchen
besuchen konnte, das durch die Operette weltbekannt geworden ist:
Penzance.
Penzance lag
wunderschön am Meer. Mit Onkel Thobys Arm ging es nur langsam
voran. Wie sollte es auch anders sein. Stell dir vor, du müsstest
dir einen eigenen Arm bauen, und das von Grund auf, mit einer Hand,
die dir gehört, und einer zweiten, die nicht dir gehört und zu
allem Übel dumm und gefühllos ist, eher ein Stück Holz mit einer
Pinzette untendran als ein echter Arm mit einer echten Hand. Und
der Arm, den du dir mit diesem mangelhaften Werkzeug mühsam zu
bauen versuchst, muss nicht nur aussehen wie das Original, sondern
auch noch so konstruiert sein, dass sich damit sämtliche Bewegungen
des Originals ausführen lassen. Und er muss eine konstante
Körpertemperatur von 37 Grad Celsius aufweisen. Undsoweiter.
Undsofort. Bei dem bloßen Gedanken wird einem
schwindlig.
Kein Wunder, dass
manche Centrumsbewohner frustriert aufgaben. So auch Onkel Thoby.
Er schloss sich einer Gruppe zwielichtiger Einheimischer an, die
allesamt des einen oder anderen Körperteils verlustig gegangen
waren und diesen Umstand ausgiebig zu feiern pflegten. Nachdem er
es sich in Penzance eine Weile hatte wohlergehen lassen, kehrte
Onkel Thoby nach London zurück und sagte allen, allen voran sich
selbst, dass er mit seiner einarmigen Existenz im Grunde recht
zufrieden sei.
Seine Freunde vom
Flughafen waren stocksauer. Hatten Sie nicht extra Kuchen gebacken
und den Inhalt tausender herrenloser Koffer versteigert, damit
Onkel Thoby das BARC besuchen und sich wieder zu den Zweiarmigen
zählen konnte.
Onkel Thoby
entschuldigte sich und ließ beschämt den Kopf hängen. Er habe es
einfach nicht fertiggebracht, sich
einen Arm zu bauen. Ihm fehlten die technischen
Fähigkeiten.
Aber der Besuch des
BARC diene doch einzig und allein dem Zweck, diese Fähigkeiten zu
erwerben.
Schon. Aber. Ihm
fehle einfach die Geduld. Es sei hoffnungslos.
Unsinn, sagte seine
beste Freundin, eine Flugzeugreinigerin. Sie setzte ihn in ihren
Wagen, schnallte ihn an (denn sie wusste, dass er bisweilen dazu
neigte, aus fahrenden Autos zu fallen) und chauffierte ihn
höchstpersönlich nach Penzance zurück. Er dürfe nicht aufgeben,
sagte sie.
Sie saßen zusammen
auf der Terrasse des BARC, und er zeigte ihr, wie weit sein
zukünftiger Arm gediehen war. Mehr als das Gehäuse hatte er nicht
vorzuweisen. Es war nicht verdrahtet. Aber es war hautfarben, und
die Flugzeugreinigerin meinte, es sei wunderschön, und er dürfe
sich nicht unterkriegen lassen, selbst wenn es noch Jahre dauern
würde.
Sie sagte: Eines
Tages wirst du mit diesem Arm die schwersten Koffer
stemmen.
Onkel Thoby lächelte
traurig. Er wusste genau, dass das nicht stimmte. Zumindest wusste
er, dass er nie wieder Koffer stemmen würde, jedenfalls nicht beruf
lich. Aber vielleicht gab es für ihn ja noch ein anderes Leben. Ein
Leben nach der Gepäckabfertigung.
Zeit für eine kleine
Pause.
War Onkel Thoby im
BARC, als Großvater gestorben ist. War er deswegen nicht bei der
Beerdigung.
Mein Dad blickt von
seinen Cornflakes auf. Über Biografien wird am Frühstückstisch
normalerweise nicht gesprochen. In dieser Hinsicht sind sie wie
Träume.
Grognard Man
nickt.
Warum hat Großmutter
für das Zentrum nicht bezahlt.
Großmutter wusste
nichts davon.
Wusstest du es
denn.
Erst seit
Kurzem.
Bist du deshalb nach
England geflogen.
Warte doch das Ende
der Geschichte ab.
Der Arm, den er sich
baut, klingt verdächtig nach dem von Luke Skywalker in Das Imperium schlägt zurück.
Ach ja.
Erinnerst du dich,
wie Darth Vader Luke mit dem Lichtschwert die Hand abhaut, und die
Hand fällt in den Weltraum und ist für immer verloren.
Dunkel.
Dunkel!
Onkel Thoby hat
seinen Arm fertig. Er ist ein wahres Prachtstück. Ein Meisterwerk.
Er ist von einem echten Arm praktisch nicht zu unterscheiden. Mit
einer Ausnahme. Er ist größer als ein echter Arm. Wesentlich
größer. Aber das liegt an all der Technik, die Onkel Thoby in ihn
hineingestopft hat. Allerhand Mechanik, Unmengen von Drähten und
einen Wärmegenerator.
Wie viel
größer.
Nun ja, so groß, dass
sein Anblick vielen Leuten Angst einjagt. Für sie ist er ein
Monsterarm. Und sie denken: Wer so einen Arm hat, muss ein Monster
sein. Sie sehen nur den Arm. Das ist so, als ob ich dich anschauen
würde und nur deinen Pferdeschwanz, pardon, dein Haarnetz
sähe.
Aber das ist doch
nicht so schlimm.
Und ob das schlimm
ist. Weil ich mir nämlich gar nicht erst die Mühe machen würde, die
übrige Audrey zu sehen. Und wenn ich obendrein noch Angst vor
Haarnetzen hätte. Was übrigens tatsächlich der Fall
ist.
Warum!
Weil sie mich an
Spinnweben erinnern. Aber wie dem auch sei, wegen meiner Abneigung
gegen deine Haare würde ich deine wahre Geschichte vermutlich nie
erfahren. Und genau so ergeht es den Leuten, wenn sie Onkel Thobys
Arm sehen. Sie kennen seine wahre Geschichte nicht. Sie wissen
nicht, was er durchlitten und verloren hat und wie schwer es ihm
gefallen ist, sich wiederherzustellen. Sie glauben, ein Mann mit
einem solchen Arm könne unmöglich eine grundanständige Biografie
haben, sondern bestenfalls den Schurken in der Biografie eines
anderen spielen.
Armer Onkel Thoby.
Ich würde so etwas nie denken.
Das will ich doch
stark hoffen.
Kann man den Arm
abnehmen.
Ich weiß
nicht.
In jeder Biografie
gibt es die eine große Hürde. Aber obwohl Onkel Thoby die große
Hürde überwunden hat, die der Verlust seines Arms für ihn
bedeutete, ist das nicht die große
Hürde seines Lebens. Es kommt eine noch größere. Das habe ich im
Gefühl.
Warten wir’s ab. Die
große Hürde kommt bestimmt.
Ich muss dauernd an
ihn denken. Das ist wie im Fernsehen. Wenn sie zeigen wollen, dass
zwei Dinge gleichzeitig passieren, schneiden sie das Bild in der
Mitte durch, in eine obere und eine untere Hälfte. In der unteren
Hälfte reite ich auf Rambo und werde von meinem Dad ins Bett
gebracht, während Onkel Thoby in der oberen Hälfte an seinem Arm
arbeitet. Er ist ein Tollpatsch und haut sich immer wieder mit dem
Hammer auf den rechten Daumen (der provisorische Arm hat mehrere
Aufsätze, Pinzette, Hammer undsoweiter), und dann flucht er eine
Reihe von Symbolen (<£⅞Ö%@♯ ̂). Oder er geht an einem Strand
entlang, ein Arm wesentlich größer als der andere, und die Leute
glotzen, und er würde für sein Leben gern schwimmen gehen, aber das
Salz schadet der Mechanik. Oder er hilft im BARC beim Streichen der
Terrasse, und braune Farbe spritzt auf seinen neuen Arm, und weil
die Spritzer nicht mehr abgehen, bricht er in Tränen aus. Die
anderen BARCianer mit ihren halbfertigen Ersatzextremitäten scharen
sich um ihn und sagen: Keine Sorge, mit ein wenig
Nagellackentferner kriegst du das spielend wieder ab. Was ist denn
los.
Was los ist. Seine
Familie fehlt ihm, das ist los. Er hat so viel durchgemacht, und
seine Familie ist nicht da.
Er betrachtet seinen
neuen Arm. Jetzt hat er Sommersprossen.
Statt mich mit Jim
Ryans Biografie zu befassen, befasse ich mich mit meinen Armen. Ich
zeichne eine Karte meiner Sommersprossen in ein Schulheft, für alle
Fälle. Die Abstände vermesse ich mit einem Lineal. Als mein Dad das
sieht, sagt er: Um die genauen Werte zu ermitteln, brauchst du
einen Winkelmesser. Er zeigt mir, wie man mit einem Winkelmesser
umgeht.
Bleib mir mit deinem
blöden Messer vom Leib, sage ich.
Ich verbinde die
Punkte an meinem Arm mit blauem Filzstift. Dreiecke. Der Buchstabe
W, immer und immer wieder. Dann übertrage ich das Ganze in mein
Heft. Die Sommersprossen unterhalb der Schulter zu kartografieren,
ist ein Klacks, aber auf den Schultern geht es gar nicht, denn da
habe ich Millionen Sommersprossen. Das ist ein bisschen so, als
würde man vier oder fünf Sterne am Himmel sehen, und dann macht man
das Verandalicht aus, und zack, kommen hinter den Sternen, die man
zuvor gesehen hat, Millionen andere zum Vorschein.
Als Jim Ryan seine
Terrasse mit einem Holzschutzmittel strich, das bekanntermaßen
Krebs verursacht, war das der Nagel zum Sarg seiner Biografie. Mein
Dad ging hinaus, und prompt kam es zum Streit. Pardon, zum
Tête-à-tête. Mein Dad ging nach draußen und warnte Jim Ryan vor den
Gefahren der fraglichen Substanz, außerdem wehten die Dämpfe zu uns
herüber, und das gefalle ihm ganz und gar nicht. Jim Ryan fuchtelte
mit seinem Pinsel und sagte, mein Dad solle sich nicht so
anstellen. Mein Dad zitierte diverse Studien. Jim Ryan warf ihm ein
Schimpfwort an den Kopf. Leider habe ich es nicht gehört, sonst
würde ich es Ihnen garantiert nicht vorenthalten. Aber mein Dad kam
ins Haus und sagte, Jim Ryan habe ihn beschimpft.
Jetzt reicht’s. Ich
knallte meinen Filzstift auf den Tisch. Jim Ryans Biografie ist
gestorben. Regel Nummer Eins für Biografien: Leg dich nie mit dem
Vater des Biografen an.
Gute Regel, sagte
mein Dad.
Und Regel Nummer
Zwei, für die Väter von Biografen: Mische dich nie ein, wenn dein
Kind eine Biografie schreibt.
Habe ich das denn
getan, fragte mein Dad.
Mein Dad klopft an
meine Tür und sagt: Entschuldige die Störung.
Ich lege mein
Audreys-Arme-Heft beiseite.
Wie läuft’s, fragt
er.
Gut, gut. Kann ich
dir irgendwie behilflich sein.
Es macht Spaß, so zu
reden, wenn man an einem Schreibtisch sitzt. Probieren Sie’s
aus.
Mein Dad setzt sich
auf den kleinen Sitzwürfel. Er ist zu groß dafür, und seine Knie
berühren fast die Brust.
Ich habe dir etwas
Wichtiges mitzuteilen, sagt er und spielt mein Spielchen
mit.
Bitte, sage ich. Soll
heißen: Teile es mir mit.
Onkel Thoby kommt uns
besuchen.
Ich gerate völlig aus
dem Häuschen. Freude. Ich empfinde nichts als Freude. Es ist, als
ob ein berühmter Star die Stadt besuchen würde. Als ob man samstags
Post bekäme.
Ich springe auf, lege
die Hände auf die Knie von meinem Dad und vollführe ein kleines
Tänzchen.
Was machst du denn,
du Armleuchter, sagt er. Das ist sein neues Lieblingswort. Er
wackelt unbeholfen mit den Knien, was bei ihm schon fast als Tanzen
durchgeht.
Es freut mich, dass
du dich freust, sagt er nach einer Weile. Wie es aussieht, bleibt
er nämlich etwas länger.
Ich notiere mir eine
Reihe von Fragen zu Onkel Thoby, und beim Frühstück steht mein Dad
mir Rede und Antwort. Interviews werden normalerweise nicht am
Frühstückstisch geführt. In dieser Hinsicht sind sie wie Träume und
Biografien. Ich: Ich hätte da noch ein paar Fragen. Bist du bereit.
Los geht’s. Wo soll er schlafen.
Dad:
Wer.
Ich: Onkel
Thoby.
Dad: Ach so. Im
Gästezimmer. Vorerst.
Ich: Würdest du mir
freundlicherweise erklären, was du mit »vorerst«
meinst.
Dad: Ich meine, dass
wir, falls Onkel Thoby länger bleibt, den Keller eventuell zu einer
Wohnung umbauen.
Ich: Würdest du mir
freundlicherweise erklären, wen du mit »wir« meinst.
Dad: Nein. Was
schreibst du denn da.
Ich: Deine Antworten
auf.
Dad: Für mich sieht
das wie bloßes Gekrakel aus.
Ich: Das ist ja auch
eine Geheimschrift.
Dad: Bist du unter
die Journalisten gegangen.
Ich: Vielleicht. Mal
sehen.
Dad: Mal sehen. Ich
dachte, du wolltest Biografin werden.
Ich: Diese Karriere
hast du ja erfolgreich ruiniert.
Dad: Ach, Audrey. Ich
habe eine Biografie ruiniert. Und für
das Trara mit Jim Ryan habe ich mich entschuldigt.
Ich:
Trari-trara-trarulalla. Sehr witzig. Haha. Alte Trulla. Ja. Kann
man den Arm abnehmen.
Dad: Was. Haben wir
das nicht bereits ausführlich erörtert.
Ich: Ich dachte, du
hättest inzwischen vielleicht neue Erkenntnisse über den verlorenen
Arm gewonnen.
Dad: Nein. Nächste
Frage.
Ich: Meinst du, Onkel
Thoby kriegt den Nordwestschubs hin. Mit seinem abben
Arm.
Dad: Den werden wir
ihm schon beibringen.
Ich: Würdest du mir
freundlicherweise erklären, wen du mit »wir« meinst.
Dad:
Herrgottnochmal.
Ich: Na schön. Weiter
im Text. Spielt Onkel Thoby gern Cluedo.
Dad: Onkel Thoby
spielt sogar sehr gern Cluedo.
Ich: Und welche Figur
ist er am liebsten.
Dad: Direktor
Grün.
Ich: Und was hält
Direktor Grün von Fräulein Ming.
Dad: Du meinst
Fräulein Garstig.
Ich: Sehr witzig.
Haha. Alte Trulla. Nein. Ich meine moi,
Fräulein Ming.
Dad: Ah. Toi. Er findet Fräulein Ming recht sprunghaft. Vor
allem, wenn sie ohne zu würfeln kreuz und quer über das Spielbrett
hüpft. Das beunruhigt Herrn Direktor Grün, der im Übrigen panische
Angst vorm Fliegen hat.
Ich: Onkel Thoby hat
Angst vorm Fliegen.
Dad: Die hättest du
vermutlich auch, wenn dir im Flugzeug ein Arm abhandengekommen
wäre.
Ich: Heiliger Lada,
ja.
Dad: Kann ich jetzt
endlich in Ruhe meinen Kaffee trinken.
Ich: Was ist sein
Lieblingsessen.
Dad: Shepherd’s
Pie.
Ich: Was ist denn
das.
Dad: Willst du das
Rezept.
Ich: Nein. Gibt es
das auch von Piety Pie.
Dad: Wohl
kaum.
Ich: Liest du mir
nach dem Essen trotzdem weiter vor. Dad: Wenn Onkel Thoby nichts
dagegen hat.
Ich: Warum. Meinst
du, er hat was dagegen.
Dad: Nein. Aber er
hat unter Umständen etwas gegen Shirley MacLaine.
Ich: Aber er hat doch
sicher nichts dagegen, wenn Shirley das Fenster offen
hält.
Dad: Sicher
nicht.
Ich: Weiß er von
mir.
Dad: Natürlich weiß
er von dir.
Ich: Hast du ihm
meine Biografie erzählt.
Dad: Mehr oder
weniger, ja.
Ich: Und wie höre ich
mich an.
Eine Woche vor Onkel Thobys Ankunft fahren mein Dad
und ich in Julian-Brown’s Möbelhaus. Wir suchen einen Couchtisch.
Wir suchen ein Bett fürs Gästezimmer. Wir suchen keinen
Drehspiegel.
Aber der Drehspiegel
stiehlt allen anderen Möbeln im Schauraum die Schau!
Je nun.
Es ist natürlich
Liebe auf den ersten Blick. Und natürlich möchte ich ihn haben.
Probieren Sie Folgendes. Stellen Sie sich neben einen Drehspiegel
und bewegen Sie einen Arm und ein Bein vor dem Spiegel auf und ab,
sodass es aussieht, als ob Ihr Spiegelbild schweben
würde.
Mein Dad hat keine
Lust, das zu probieren. Er probiert lieber Betten aus. Auch
gut.
Vor dem Spiegel steht
ein Baby, das offenbar zum Laden gehört. Es ist ganz fasziniert von
meinem Schwebetrick.
Bonjour bébé, sage ich und winke ihm im Spiegel zu.
Der Kleine erinnert mich an Beaker aus der Muppet-Show, den stummen
Assistenten von Dr. Honigtau Bunsenbrenner mit seiner roten Tolle.
Stellen Sie sich vor, Sie wachsen in Julian-Brown’s Möbelhaus auf.
Fünfzig Zimmer in einem! Und jedes Zimmer ist wie der Set einer
Fernsehserie. Man hat die Wahl zwischen einer Sitcom, einer
Liebesszene oder einem Mord. Der Kleine kann sich aussuchen, in
welchem Zimmer er aufwachsen möchte. Er kann sich seine
Fernsehserie aussuchen.
Er watschelt in ein
Wohnzimmer mit Blümchentapete und krabbelt unter einen Couchtisch.
Er sieht durch die Glasplatte zu mir hoch. Das ist sein Trick. Ich
kann vielleicht im Spiegel schweben, dafür kann er unter den Tisch
krabbeln.
Ich presse die Finger
gegen das Glas wie eine Spinne, die Liegestütze macht. Mein Dad
sagt: Sollen wir den nehmen.
Was hältst du davon,
wenn wir auf den Couchtisch verzichten und uns stattdessen einen
Drehspiegel ins Wohnzimmer stellen. Ich würde dazu jedenfalls nicht
Nein sagen.
Mein Dad schneidet
dem Baby drollige Grimassen. Aber ich, sagt er. Und damit
basta.
Ich wende ein, dass
der Drehspiegel sehr wohl als Tisch dienen könne, man brauche ihn
nur waagerecht zu stellen.
Worauf mein Dad
einwendet, dass solch ein Tisch doch eine recht wacklige
Angelegenheit sei.
Worauf ich einwende,
dass der Tisch keineswegs wackeln würde, wenn man ihn an beiden
Enden entsprechend stützt.
Worauf mein Dad
einwendet, er habe keine Lust, darüber nachzudenken, ob und wie
sich ein Drehspiegel als Couchtisch zweckentfremden ließe, wenn er
auch gleich einen Couchtisch kaufen könne.
Wogegen sich
schwerlich etwas einwenden lässt.
Ein paar Tage später
werden das neue Bett und der Drehspiegel geliefert.
Onkel Thobys Ankunft
steht kurz bevor, und in Wednesday Place Nummer 3 herrscht eine
gespannte Atmosphäre. Mein Dad ist zu einem Modernen Generalmajor
mutiert, so ähnlich wie der aus der Oper, pardon, Operette, der
einen Winkelmesser schwingt und auf die Schnelle Sinus, Tangens,
Kosinus berechnet. Er lässt seinen wundersamen geometrischen
Vorlieben freien Lauf und stellt das Wohnzimmermobiliar unter
Wedges prüfenden Blicken im Halbkreis auf, in Form eines Gnomons.
Wobei es sich übrigens um eine Sonnenuhr handelt und nicht etwa um
einen Zwerg. Wenn jemand darin sitzt, zeigen seine Füße jetzt zur
Mitte.
Aber ist denn
überhaupt noch Platz zum Sitzen. Bien
sûr, denn mein Dad hat sich dazu durchgerungen, den
Leonel-de-Tigrel-Stapeln mit den – was ist das, Audrey – Eiscremesandwichflecken endgültig
Ade zu sagen. Das ist ja ekelhaft. Aber das habe ich doch nur für
dich getan. Na, vielen Dank. Gern geschehen. Mit den
Leonel-de-Tigrel-Artikeln und bizarren Geschenken von Patience ist
jedenfalls Schluss. Der ganze Kram fliegt raus, und wenn die Sonne
durchs Fenster scheint, wird sie mit Hilfe des Mobiliars künftig
die Zeit anzeigen.
Das Zimmer zeigt aber
nicht nur die Zeit an, sondern auch die Unendlichkeit, denn da an
der Wand hinter Wedge ein Spiegel hängt und der Drehspiegel direkt
gegenüber steht, spielen die beiden Spiegel jetzt Tennis, mit Wedge
als Ball, und graben einen Tunnel aus lauter Wedges in die
Ewigkeit.
Als mein Dad die
vielen Wedges sieht, sagt er, das sei entweder sein schlimmster
Albtraum oder aber das höchste der Gefühle, er könne sich nicht
recht entscheiden.
Die Stereoanlage
spielt Die Piraten von Penzance. Die
Geschichte ist eigentlich ganz gut. Man kann ihr folgen, trotz der
vielen Lieder zwischendrin. Ein Junge, der am selben Tag Geburtstag
hat wie ich, muss eine große Hürde überwinden. Er lässt sich mit
den falschen Leuten ein, die sich am Ende als die richtigen
erweisen. Die Piraten haben ein großes Herz, und wenn man es
erobern will, braucht man nur »Ich bin ein armes Waisenkind« zu
sagen. Das Lieblingslied von meinem Dad ist das über Sinus,
Tangens, Kosinus. Immer wenn er es hört, kichert er leise vor sich
hin. In den Piraten von Penzance gibt
es Tausende von Witzen. Von denen ich natürlich nur zwanzig Prozent
verstehe. Immerhin habe ich verstanden, dass Frederic aus Versehen nicht in eine private, sondern in die Piraten-Lehre geschickt
wurde, und das nur, weil sich seine Kinderfrau verhört hatte.
Ziemlich witzig, nicht.
Und dass er
einundzwanzig ist, in Wahrheit aber erst fünf und ein
bisschen.
Was die gespannte
Atmosphäre angeht. Also. Zu ersten Spannungen kam es, als mich der
Generalmajor dazu rekrutierte, das Wohnzimmer aufzuräumen. Wir
rückten das Sofa ab und fanden einen Kartenmischer, ein Geschenk
von Patience. Ein idiotisches Geschenk, sagte mein Dad. Obwohl er
gar nicht mischen kann.
Ich wandte ein, dass
ein Einarmiger schlecht mischen könne.
Mein Dad machte ein
betretenes Gesicht. Stimmt, sagte er.
Dann fanden wir ein
Pilzholz. Es lag in einer Schachtel, auf dem SCHIETE stand. Ich
lachte über das Wort Schiete, bis mein
Dad sagte, ich solle aufhören, mich wie ein Armleuchter zu
benehmen. Es heiße Shiitake, sagte er. Auf dem Holz könne man
Shiitake-Pilze züchten. Auch ein Geschenk von
Patience.
Schietekacke, sagte
ich. Holz.
Mein Dad fand das
ganz und gar nicht witzig. Er warf das Shiitake-Holz, den
Kartenmischer und einen Kaffeebecher mit der Charta der Rechte
darauf in den Müll. Bloß weg damit.
Warte. Ich schnappte
mir den Kartenmischer. Dafür habe ich noch Verwendung.
Nein, sagte mein Dad.
Der braucht eine Neun-Volt-Batterie.
Na und.
Das heißt, er macht
Krach.
Na und.
Wir haben keine
Neun-Volt-Batterien.
Ich glaube
doch.
Nicht die
Feuermelder.
Ich machte mich auf
die Suche nach einer Neun-Volt-Batterie. Und wurde in einem
Feuermelder fündig. Ich stieg auf einen Hocker. Einen Feuermelder
abzuschalten, ist wirklich kinderleicht. Ein Klacks. Ich nahm den
Kartenmischer und die Batterie mit in mein Zimmer. Als ich am
Wohnzimmer vorbeikam, sagte mein Dad: He, kannst du mir mal eben
helfen.
Klar, sagte
ich.
Ich legte die
Neun-Volt-Batterie ein. Ich liebe Neun-Volt-Batterien. Vor allem,
weil ich so gern Neun Volt sage. Und weil sie rechteckig sind. Am
liebsten hätte ich immer eine in der Tasche, damit ich sie
herzeigen kann. Oder auch nicht. Und in die Hand nehmen. Was hast
du denn da.
Ach, nichts. Nur eine
Neun-Volt-Batterie.
Hat sie gerade
Neun-Volt-Batterie gesagt.
Zu dem Kartenmischer
gehörte auch ein Kartenspiel. Wie praktisch. Die Gebrauchsanweisung
warf ich weg. Also echt. So blöd kann man doch gar nicht sein. Man
teilt das Spiel in zwei Hälften, legt die eine auf die eine Seite,
die andere auf die andere und drückt den roten Knopf. Dann wird es
laut. Das Ding klingt wie ein Rasenmäher, der über einen Stein
fährt. Und dann, ta-tah, fliegen die Karten durchs ganze
Zimmer.
Ist das der
Kartenmischer, rief mein Dad von unten.
Kein
Kommentar.
Woher hast du die
Neun-Volt-Batterie.
Und so muss ich mich
anbrüllen lassen, weil wir alle bei lebendigem Leib in unseren
Betten und Terrarien verbrennen könnten, ohne dass der Feuermelder
unseren gleichnamigen Tod mit seinem süßen Klang
begleitet.
Apropos Betten. Wegen
dem neuen Bett gibt es reichlich Trara. Das neue Bett hat auf allen
vier Pfosten Kugelknäufe. Ich habe Smileys auf die Knäufe gemalt.
Damit Onkel Thoby sich auch bei uns auch richtig
wohlfühlt.
Mein Dad sieht die
komischen Gesichter und findet das gar nicht komisch. Er schüttelt
den Kopf.
Ich schüttele auch
den Kopf. Was.
Diese Knäufe sind
aber nicht sehr schön.
Ich finde sie
schön.
Du hast sein Bett
verschandelt.
Ich trete gegen das
Bett. Böses Bett.
Ab in dein
Zimmer.
Und so gehe ich ab
durch die Mitte, in mein Zimmer und trete wütend nach den Karten,
die auf dem Fußboden verstreut liegen. Später nehme ich einen
dicken Filzstift, schleiche mich ins Gästezimmer und male den
Smileys Vampirzähne.
An dem Tag, an dem
Onkel Thoby endlich kommen soll, kauft mein Dad lauter Pflanzen.
Was ich nun wieder komisch finde. Wir haben nämlich noch nie
Pflanzen im Haus gehabt. Und jetzt müssen wir plötzlich zu Canadian
Tire hetzen, Pflanzen kaufen, die aussehen, als hätte man sie
scheibchenweise aus einer Hecke gesäbelt, und sie in allen vier
Ecken des Wohnzimmers, auf der Treppe und dem Flur im ersten Stock
aufstellen.
Onkel Thoby mag
Pflanzen, sagt mein Dad. Das kann ja heiter werden.
Der Countdown hat
begonnen. Das Gästezimmer ist fertig. Wedge ist gekämmt und
toupiert. Ich bin gekämmt, benetzt und behelmt. Ich stelle mich mit
dem Rücken zum Drehspiegel und sehe mir über die
Schulter.
Spieglein, Spieglein
fern der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land.
Mein Dad kommt
vorbei. Bleibt stehen. Zeigt mir einen Vogel. Wir fahren zum
Flughafen, nicht in den Pferdestall.
Der Pferdestall ist
gleich neben dem Flughafen.
Ach ja.
Ja.
Gut. Er verschwindet
in der Küche. Es ist halb drei. Fahren wir.
Halb drei –
zweifelsfrei, sage ich, als wir ins Auto steigen, aber nicht einmal
das vermag ihm ein Lächeln zu entlocken. Er sagt nur: Anschnallen,
und lässt den Motor an.
Da wir eine
Dreiviertelstunde zu früh sind, bleibt noch genügend Zeit für eine
Portion fetttriefende Fritten mit Bratensoße aus dem IM BISS. Mein
Dad mag keinen IM-BISS-Imbiss. Ich fuchtele ein paarmal mit einer
Fritte vor seiner Nase herum, und er schlägt danach, als sei die
Fritte eine Fliege.
Meine Damen und
Herren. Die Maschine aus London ist gelandet.
Mein Dad springt auf.
Er ist ein Herr. Ich bin eine Dame. Ich stopfe mir die restlichen
fünf Fritten in den Mund und renne ihm hinterher.
Ich hüpfe auf das
Gepäckkarussell und werde prompt wieder heruntergehoben. Was steht
auf dem Schild.
FAHRTEN MIT DEM
GEPÄCKKARUSSELL SIND STRENG VERBOTEN, AUCH WENN ES KARUSSELL
HEISST.
Mein Dad trägt Jeans
und dazu ein elegantes weißes Hemd. Seine Haare sind ganz weich und
flauschig. Ich drücke ihn ganz fest, bevor er mich absetzt. Ich
rülpse Bratensoße.
Ein paar Damen und
Herren lächeln über meine Kopf bedeckung. Ich lege zum Gruß die
Hand an den Schirm.
Okay, ich habe mir
vorgenommen, Onkel Thoby nicht nach seinem Arm zu fragen, sonst
kriegt er am Ende noch ein Trauma. Ich werde den Arm gar nicht
beachten. Oder allerhöchstens ein klitzekleines
bisschen.
Die Passagiere aus
England kommen nicht den ziegelrot gefliesten, mit einem Seil auf
Stelzen abgesperrten Gang herunter. Stattdessen kommen sie hinter
einer Wand hervor, wenn sie durch den Zoll sind. Ich habe
vergessen, was der Zoll ist. Der Zoll, sagt mein Dad, ist eine
Polizei, die dafür sorgt, dass man keine gefährlichen Sachen aus
dem nicht-kanadischen Ausland nach Kanada schmuggelt.
Was zum
Beispiel.
Äh. Zum Beispiel
Fleisch.
Fleisch! Aber in
Kanada haben wir doch auch Fleisch.
Schon. Aber nur unser
eigenes.
Aha.
Apropos Fleisch,
haben wir die Shepherd’s Pie aus dem Gefrierfach
geholt.
Ja.
Das habe ich dich
schon mal gefragt, nicht.
Ja.
Die Wand, die uns vor
dem nicht-kanadischen Ausland schützt, ist aus dünnem Holz. Man
kann sogar die Nägel und so sehen. Ich klopfe vorsichtig
dagegen.
Audrey.
Was.
Lass
das.
Ich lächele und
klopfe gleich noch einmal.
Keiner klopft zurück.
Ich kann die Leute sprechen hören. Erst denke ich, sie wollen sich
lustig machen über meinen Dad. Ich balle die Fäuste. Dann fällt mir
ein: Nein, so reden in England alle.
Koffer plumpsen auf
das Karussell.
Das Karussell legt
Eier, sage ich zu meinem Dad. Das soll ein Witz sein, irgendwie,
aber er lächelt nicht.
Diese Eier stammen
aus einer anderen Maschine, sagt er.
Ach so.
Er vergräbt die Hände
in den Taschen und starrt auf die Stelle, wo die Wand aufhört und
Kanada anfängt. Bis jetzt hatten alle, die durch die Wand gekommen
sind, zwei gleichlange Arme.
Unterdessen beugt
sich ständig jemand über das Karussell und zerrt sein Gepäck vom
Band, als sei es das Normalste von der Welt: Flugzeug, Karussell
und ab nach Hause, durch die Mitte. Sie rollen davon.
Ich ziehe die Hand
von meinem Dad aus seiner Tasche und halte mich daran fest. Ich
vollführe eine halbe Drehung und stecke mein Gesicht zwischen
seinen Arm und seine Hüfte. Er riecht nach Dad.
Hör auf zu klammern,
Audrey.
Wir warten.
Schließlich setzen wir uns auf den Rand des Karussells, obwohl das
streng verboten ist. Es sind nur noch drei Koffer übrig. Ich lese
die Anhänger. Auf keinem davon steht Onkel Thoby.
Er war nicht im
Flugzeug, sage ich.
Vielleicht kommt er
nicht durch den Zoll.
Warum. Ist er so
dick.
Blödsinn.
Aber wäre sein Koffer
dann nicht auf dem Karussell.
Habe ich dir nicht
gesagt, dass die Koffer aus einer anderen Maschine
stammen.
Ist ja gut.
Herrje.
Mein Dad rauft sich
die Haare. Herrje. Weißt du eigentlich, was das heißt. Herr
Jesus.
Allmählich habe ich
das Gefühl, da will uns jemand auf den Arm nehmen. Uns einen
Streich spielen. Am liebsten würde ich meinen Dad umarmen und
beschützen. Aber genauso gern würde ich ihn treten.
Hinter der Wand lacht
jemand. Nicht zu fassen. Ich beschließe, mich schnurstracks ins
nicht-kanadische Ausland aufzumachen und marschiere
los.
Warte,
Audrey.
Zwei Männer in
Uniform. Sie lachen sich fast kaputt.
Haha, belle ich unter
meinem schwarzen Schirm hervor.
Ihre Münder gehen
zu.
Kommen da noch mehr
Nicht-Kanadier.
Sie wechseln einen
Blick.
Nein, Mäuschen, sagt
der eine und beugt sich zu mir herunter. Vermisst du
jemanden.
Meinen
Onkel.
Audrey, sagt mein Dad
und tritt hinter mich. Er entschuldigt sich bei den
Zollbeamten.
Kein
Problem.
Er nimmt meine Hand.
Wir gehen nach Hause.
Im Auto sortiere ich
meine Gefühle. Am liebsten würde ich meinen Dad umarmen. Und
stattdessen Onkel Thoby treten. Warum war er nicht im
Flugzeug.
Mein Dad sagt kein
Wort. Er fährt langsam, was er sonst nie tut. Er fährt, als ob ein
Gummiband an unserer hinteren Stoßstange befestigt wäre, das uns
mit dem Flughafen verbindet, und wir können dieses Gummiband zwar
dehnen, aber nicht zerreißen.
Dad, schalte um
Himmels willen endlich in den Vierten.
Er sieht mich an, als
ob er sagen wollte: Den vierten was.
Gang.
Er
schaltet.
Ich wusste nicht,
dass Herrje die Abkürzung von Jesus ist, sage ich und starre aus
dem Fenster.
Das ist nicht die
Abkürzung von, sondern ein Euphemismus für Jesus.
Aha.
Spar dir deinen
Sarkasmus. Ein Euphemismus …
Ich weiß, was ein
Vermissmus ist.
Weißt du
nicht.
Wahrscheinlich wenn
man eins sagt, aber in Wahrheit was ganz anderes
meint.
Äh, ja.
Also dasselbe wie
Sarkasmus.
Nein.
Jetzt hat er sich
verheddert. Sehr gut. Das lenkt ihn ab.
Ich weiß nicht, wie viel Mal Onkel Thoby nicht
gekommen ist. Es kommt mir vor wie fünf. Aber vielleicht waren es
auch nur drei. Raus zum Flughafen. Klopf klopf an die
Wer-ist-da-Wand. Keine Antwort. Kein Onkel Thoby. Im viel zu
kleinen Gang nach Hause. Keine Shepherd’s Pie zum
Essen.
Für mich ist Onkel
Thoby so etwas wie eine Kreuzung zwischen einem Schäfer, der gern
Fleischpasteten isst, und einem schwarzen Schaf. Schwarzes Schaf,
befinde ich, ist ein Vermissmus für den weniger geliebten
Sohn.
Wenn ich ins Bett
gegangen bin, telefoniert mein Dad oft stundenlang. Seine nervige
Telefonstimme kommt aus dem Heizungsschlitz. Am nächsten Morgen
erzählt er mir, dass Onkel Thoby die Grippe habe. Darum sei er
nicht gekommen. Er sei schon in Heathrow gewesen und habe eben an
Bord der Maschine gehen wollen, als ihm schlecht geworden sei und
er sich auf der Toilette habe übergeben müssen.
Fluchhafen
Heathrow.
Mein Dad lacht und
nippt an seinem Kaffee. Ich bin anscheinend wieder witzig. Die
letzten Tage war ich nämlich gar nicht witzig.
Die Grippe hat ihn
fest im Griff, sage ich und trete unter dem Tisch gegen Onkel
Thobys Stuhl. Am liebsten würde ich ihm die Beine absägen, damit
von Onkel Thoby, wenn er denn jemals kommt, nur noch der Kopf über
die Tischplatte schaut. Ich denke an die Vampirsmileys an seinen
Bettpfosten und grinse selbst wie ein Vampir.
Was grinst du denn
so.
Kriegt der Arm
eigentlich auch Fieber, wenn Onkel Thoby welches hat.
Mein Dad will seine
Ruhe haben. Folglich hefte ich mich an seine Fersen. Ich gehe mit
ihm ins Obacht-Gebäude. Verlaine will mit mir zum Pferdestall, aber
ich sage Nein. Ich weiche meinem Dad nicht von der Seite. Ich ziehe
höchstens meinen Reithelm an und radle um die Veranda. Ich fahre im
Kreis und übe Leichttrab, ohne Takt. Ich fahre die Stufen hinunter
und tue so, als wären sie ein Hindernis.
Manchmal fahren wir
zum Flughafen und kommen ohne Onkel wieder. Es ist demütigend. Wir
sind gedemütigt. Und fühlen uns allein gelassen, wie ein
vergessener Koffer auf dem Gepäckkarussell.
Weißt du noch, wie
Bibo den anderen Sesamstraßenbewohnern Mr. Snuff leupagus
vorstellen wollte. Mr. Snuff leupagus hat ihn jedes Mal
versetzt.
Mein Dad und ich
spielen Cluedo. Cluedo spielt man eigentlich nicht zu zweit, aber
das weiß ich noch nicht.
Weißt du noch, wie
Bibo …
Ich verdächtige
Oberst von Gatow mit dem Revolver – wo ist denn schon wieder der
Revolver – im Billardzimmer.
Ich schaue in meine
Karten. Nö. Weißt du noch, wie Mr. Snuffleupagus in der alten
Sesamstraße Bibo jedes Mal versetzt hat.
Mein Dad notiert
etwas auf seinem Punktezettel. Onkel Thoby ist nicht Mr.
Snuffleupagus.
Ist er wohl. Oder
warum ruft er nicht an, bevor wir zum
millionsten Mal zum Flughafen fahren. Will er uns
demütigen.
Der Revolver fehlt,
sagt mein Dad und schaut unter dem Spielbrett nach. Wo ist der
Revolver.
Als mein Dad ins Bett
gegangen ist, schleiche ich mich wieder nach unten. Wedges Laufrad
bleibt stehen. Was machst du da.
Das geht dich nix
an.
Das Laufrad dreht
sich wieder, wenn auch nicht ganz so schnell wie
vorher.
Es ist ein Klacks,
ein Verbrechen aufzuklären. Ein Kinderspiel. Man nimmt einfach den
Hörer ab und drückt die Wahlwiederholungstaste. Dann wickelt man
sich in einen Vorhang, um die Stimme zu dämpfen.
Das Tuten klingt wie
das Piratenlied. Schenkt ein den Piratensherry.
Hallo.
Du, mit deiner
tiefsten Stimme: Ist da Thoby Flowers.
Wie
bitte.
Ich habe gesagt, ist
da Thoby Flowers.
Wer ist
da.
Ich glaube, du weißt
genau, wer hier ist.
Ja, ich glaube
auch.
Pass auf, du brauchst
nicht in ein Flugzeug zu steigen, weder morgen noch übermorgen oder
sonst wann. Mir ist es egal, ob du kommst. Meinem Dad übrigens
auch. Du und dein selbstgemachter Arm können meinetwegen bleiben,
wo ihr seid. Ich habe einen Revolver. Wenn du kommst, könnte es
sein, dass ich dich erschieße.
Schweigen.
Hast du mich
verstanden, Gnomon.
Gnomon. Tja. Es tut
mir leid, dass wir uns auf diese Weise kennenlernen mussten,
Oddly.
Wie hast du mich
genannt.
Am liebsten würde ich
jetzt auflegen. Ich versuche aufzulegen. Aber ich habe mich in dem
verdammten Vorhang verheddert. Ich trete um mich, bis ich den
Vorhangspalt gefunden habe. Wedge hat aufgehört zu laufen. Er
beobachtet mich. Es ist totenstill. Ich lege den Hörer wieder auf
die Gabel.
Ich werfe einen
monströsen Schatten an die Wand.
Wedge presst seine
Händchen gegen das Glas. Soll ich dich in den Arm
nehmen.
Ich schüttele den
Kopf.
Eigentlich saß ich
diesmal schon fast im Flugzeug – ja, danke, Walter, ich bin wieder
gesund -, aber dann, um sechs Uhr morgens unserer Zeit, bekam ich
einen Anruf von deiner Tochter, die mir dringend nahelegte
hierzubleiben, falls ich nicht gleich nach der Landung ermordet
werden wolle.
Du musst dich irren,
lieber Bruder.
Ungefähr so stelle
ich mir die Unterhaltung vor. Ich habe schreckliche Angst. Ich
radle langsam um die Veranda, immer rundherum. Mein Dad ist oben
und macht ein Nickerchen. Er ist müde vom vielen
Telefonieren.
Ich kann Telefone auf
den Tod nicht ausstehen.
Onkel Thobys Maschine
soll um halb vier landen. Ob er diesmal wohl im Flugzeug sitzt. Ich
soll meinen Dad um zwei Uhr wecken. Und wenn nicht. Wenn ich ihn
die Landung glatt verschlafen lasse. Was dann. Dann ist zur
Abwechslung Onkel Thoby der
Gedemütigte. Dann wartet er neben dem Gepäckkarussell wie ein
vergessener Koffer. Wenn er denn kommt.
Aber da fällt mir
seine Biografie wieder ein, und mein Gewissen meldet sich. Denn
vielleicht ist das ja die große Hürde in seiner Biografie. In ein
Flugzeug zu steigen und hierherzukommen. Und jetzt habe ich diese
Hürde noch erhöht. Ist doch klar, dass er Angst hat, in ein
Flugzeug zu steigen. Ist doch klar.
Im Haus ist alles
ruhig. Ich ziehe meine Turnschuhe aus. Tapse auf Zehenspitzen in
die Küche. Trinke ein Glas Milch. Setze meinen Reithelm ab. Kratze
mich am Kopf. Setze den Reithelm wieder auf. Starre den Tisch und
die drei Stühle an.
Eine Fruchtfliege
surrt vorbei. Auf dem Weg zur Hecke im Wohnzimmer. Verzeihung, darf
ich mal.
Ich mache ihr
Platz.
Einer der Stühle,
Onkel Thobys Stuhl, sieht leer aus. Früher hat er nicht so leer
ausgesehen. Warum jetzt. Und überhaupt. Wie kann jemand einen
eigenen Stuhl haben, obwohl er noch nie hier gewesen
ist.
Taps, taps, die
Treppe hoch. Vorbei an der Mini-Hecke auf dem Absatz. Drei
Fruchtfliegen kreisen in Formation. Weiter zum Zimmer von meinem
Dad. Ich mache die Tür auf. Er schläft auf der Seite. Wie kann man
am frühen Nachmittag schlafen. Nicht zu fassen. Aber solange er
noch schläft, werde ich ein Stück Schokolade aus seiner
Tortenschublade stibitzen.
Mein Dad hat einen
Schreibtisch aus Dänemark ganz ohne Nägel oder Leim, der nur durch
ein Wunder der Schwerkraft zusammengehalten wird. Die Schubladen
sind rund wie eine Torte, wenn man sie herauszieht. Ich ziehe die
oberste Schublade heraus, in der die dunkle Schokolade
wohnt.
Warum atmet er im
Schlaf eigentlich so komisch und so tief, als ob es ihm egal wäre,
wenn ich ihm seine Schokolade klaue. Ich schleiche zum Bett und
lege mich neben ihn. Ich drücke die Schokolade mit der Zunge gegen
den Gaumen. Sylvester Stallone über dem Bett sieht mächtig musklig
aus.
Ich lege mein Ohr an
den Rücken von meinem Dad, zwischen seine Schulterblätter,
vielleicht höre ich dann, was er träumt. Er trägt ein blaues Hemd,
das heute Morgen noch ziemlich elegant aussah. Jetzt ist es eher
feucht. Ich lausche. Nichts.
Ich will gerade
aufgeben, da wälzt er sich auf den Rücken. Ich stoße einen spitzen
Schrei aus. Zum Glück habe ich keinen Reithelm auf.
Er setzt sich auf und
sagt: Herrgott, Audrey.
Hallo.
Was machst du
denn.
Mich ein bisschen
hinlegen.
Er kratzt sich am
Kopf. Das macht er immer, wenn er aufwacht. Seine Haare
wecken.
Wie spät ist es,
fragt er, plötzlich erschrocken.
Halb
zwei.
Er sinkt wieder aufs
Bett. Du hast da was.
Wo.
Er zeigt auf sein
Gesicht. Was hast du denn genascht.
Nichts. Ich schwinge
die Beine über die Bettkante und bücke mich, um mir die Strümpfe
hochzuziehen. Ich ziehe ziemlich lange.
Na, dann auf zum
Flughafen, sagt er. Bist du so weit.
Ich halte den Kopf
gesenkt. Jetzt muss ich es ihm beichten: Dad, heute Früh um halb
drei – zweifelsfrei – habe ich Onkel Thoby angerufen, den
Cluedo-Revolver auf das Telefon gerichtet und ihm gesagt, dass er
nicht kommen soll. Ich war stinkwütend. Es tut mir
leid.
Aber das sage ich
nicht. Stattdessen ziehe ich weiter meine Strümpfe hoch. Ja. Bin so
weit.
Und siehe da, als ich diesmal an die Wer-ist-da-Wand
klopfe, klopft jemand zurück.
Er ist
da!
Ich nähere mich dem
nicht-kanadischen Ausland im Leichttrab bis auf wenige Zentimeter
und linse um die Ecke. Er redet mit dem Zollbeamten. Er muss es
sein, denn er hat keine zwei gleichlangen Arme.
Heiliger Lada. Ich
wirbele herum, mit dem Rücken zur Wand.
Mein Dad sieht mich
an, als ob er sagen wollte: Was hast du denn.
Er ist da, sage
ich.
Bist du
sicher.
Ich schließe die
Augen. Ja.
Er tritt hinter der
Wand hervor, und es ist wahre Liebe. Er sieht sich um, mit
hochgezogenen Augenbrauen. Auch wenn man nur eine Braue sehen kann,
weil die andere sich hinter einer Haarlocke versteckt. Außerdem hat
er einen kurzen, struppigen Bart. Er zerrt einen Koffer an seinem
langen Arm hinter sich her.
Er sieht
uns.
Mein Dad sagt: Hast
du es also doch noch geschafft, gab es irgendwelche
Schwierigkeiten, hattest du einen guten Flug et cetera pp. Und
Onkel Thoby sagt: Der Zoll. Der Zoll war eine echte Geißel. Er
lacht. Kratzt sich den Bart.
Sie reden
durcheinander. Die Wörter fliegen hin und her.
Ich verstecke mich
hinter meinem Dad.
Oddly. Jemand klopft
auf meinen Reithelm.
Ich hebe den Blick.
Da ist er, unter meinem Schirm.
Aus dem Klopfen wird
eine ausgestreckte Hand. Endlich lernen wir uns kennen, sagt
er.
Hm. Er wird mich
nicht verpetzen.
Als ich seine Hand
ergreife, seine linke Hand, um ihn durchs Haus zu führen, fühlt sie
sich an wie eine ganz normale Hand. Sie fühlt sich an wie 37 Grad
Celsius.
Er riecht süßlich,
wie Parfüm.
Ich mache ihn mit
Wedge bekannt. Hallo, kleiner Mann, sagt er. Wedge trinkt unbeirrt
aus seinem Fläschchen und sieht ausnehmend einnehmend aus. Beim
Trinken hält Wedge sich mit beiden Händen an der Flasche fest.
Onkel Thoby ist ausnehmend eingenommen. Er fragt mich nach der 18
an Wedges Ohr.
Die stammt noch aus
seiner Zeit als Versuchsmaus, sage ich. Verlaine hat sie ihm
tätowiert.
Soso, sagt
er.
Ich kann reiten, sage
ich. Aber das wusstest du ja schon aus meiner
Biografie.
Außerdem habe ich es
an deinem Helm erkannt.
Ah. Ja. Ich trage
meine volle Reitmontur. Und dazu eine weiße Bluse mit Knöpfen an
den Ärmeln, die man nicht aufmachen kann. Am Kragen hat sie einen
IM-BISS-Fleck.
Ich zeige ihm die
unendlich vielen Wedges im Drehspiegel.
Huch, sagt
er.
Dann zeige ich ihm
meinen Spiegelschwebetrick. Und jetzt du, sage ich, denn meinen
Trick darf jeder wissen.
Onkel Thoby stellt
sich links neben den Spiegel und bewegt den rechten Arm und das
rechte Bein. Plötzlich ist seine Haarlocke verschwunden. Er hat
zwei gleichlange Arme. Im Spiegel ist er nicht er selbst. Im
Spiegel ist er der Symmetrische Onkel Thoby. Ich zerre an ihm. Gut
jetzt, das ist mein Trick, sage ich, nicht deiner.
Wir gehen nach oben.
Vor den Vampirbettpfosten vollführe ich ein kleines Tänzchen, um
ihn abzulenken.
Er lässt sich nicht
zweimal bitten und tanzt mit. Warum tanzen wir.
Essen fassen, ruft
mein Dad von unten. Seine Stimme klingt so fröhlich, dass ich es
sofort mit der Angst zu tun bekomme.
Gehen wir, sage ich.
Ich nehme seine Hand.
Als wir uns zum Gehen
wenden, fällt Onkel Thobys Blick auf einen
Bettpfosten.
Ja. Tut mir
leid.
Es ist Liebe. Aber es
ein Unterschied, ob du jemanden schon am Flughafen liebst oder wenn
du ihn durchs Haus führst, oder ob du ihn liebst, auch wenn dein
Dad dabei ist, der allein und ausschließlich mit ihm
spricht.
Künftig wird es also
Gespräche geben, an denen du nicht beteiligt bist.
Du gehst die Post
durch, laut. Sehr laut sogar. Du wedelst mit einer Wahlbroschüre.
Byrne Doyle, verkündest du und verdrehst die Augen, ohne Onkel
Thoby zu erklären, wer das ist.
Du erwähnst Jim Ryan.
Und beiläufig auch deine im Werden begriffene Biografie, obwohl sie
das schon lange nicht mehr ist.
Dein Dad erzählt die
Geschichte von der krebserregenden Holzschutzlasur. Er erzählt, wie
ihm Jim Ryan mit einem teeröltriefenden Pinsel vor der Nase
herumgefuchtelt hat. Ach wirklich. Daran kann ich mich gar nicht
entsinnen. Dein Dad erzählt die Geschichte wie einen Witz. Onkel
Thoby lehnt am Kühlschrank und lacht.
Du sagst: Geh mal weg
da, weil du die Milch aus dem Kühlschrank holen
willst.
Und du wirst dein
Lebtag nicht vergessen, wie er aufhört zu lachen, wie er höflich
beiseitetritt und hilfesuchend um sich blickt, weil er nicht recht
weiß, wohin.
Beim Essen erkundigt
Onkel Thoby sich nach der Biografie, an der ich gerade schreibe.
Ich sage, die hätte ich vorerst auf Eis gelegt.
Soso. Auf
Eis.
Mein Dad und er
zwinkern sich zu. Jetzt machen sie sich schon hinter meinem Rücken
über mich lustig. Auch das ist neu.
Mein Dad erzählt
weitere Jim-Ryan-Anekdoten. Wespen. Hörncheneinfahrt. Vorwärts
rein, vorwärts raus. Mein Dad imitiert Jim Ryan. Täuschend echt.
Seit wann denn das.
Das ist aber nicht
sehr nett, sage ich.
Und schon ist Ruhe im
Karton.
Ich ramme die Gabel
so fest in meine Shepherd’s Pie, dass sie darin stehen bleibt, und
hole das Ketchup aus dem Kühlschrank. Warum schreibe ich eigentlich
nicht eine komische Biografie über Jim Ryan. So wie die
Geschichten, die mein Dad erzählt, voller Witze und Parodien. Die
eine oder andere Verfolgungsjagd könnte sicher auch nicht
schaden.
Wir sitzen lange am
Tisch und vergessen, das Licht anzumachen. Eine Farbe nach der
anderen verschwindet. Onkel Thoby stellt den Ellenbogen auf den
Tisch und stützt den Kopf in die Hand. Streicht sich die Haare nach
hinten. Er sieht glücklich und zufrieden aus.
Langsam, aber sicher
fallen mir die Augen zu. Ihre Stimmen klingen unendlich weit
entfernt. Onkel Thoby bringt sein Erstaunen darüber zum Ausdruck,
dass Shirley MacLaine das Küchenfenster offen hält.
Dann plötzlich, rums,
liege ich auf dem Boden.
Die beiden schnappen
erschrocken nach Luft.
Fehlt dir etwas,
Schätzchen.
Ich rappele mich hoch
und hebe ta-tah-mäßig die Arme. Aber auf einmal bin ich ganz
durcheinander und weiß nicht mehr, wer Onkel Thoby ist. Ich
vergrabe mein Gesicht am Bauch von meinem Dad. Da ist aber jemand
müde, sagt er.
Er nimmt mich auf den
Arm und trägt mich nach oben. Schnurstracks ins Bett, samt
Rüschenbluse, falschen Knöpfen und IM-BISS-Fleck.
Gute Nacht, Oddly
Flowers mit den Wackelpudding-Beinen, sagt er.
So heiße ich nun
also. Ich kuschele mich unter die Decke. Und schlafe sofort ein.
Oder fast sofort. Ich spüre, wie er an meinem Haarnetz zupft. Ich
drehe den Kopf, damit er es mir leichter ausziehen kann. Und als
ich den Kopf drehe und die Arme wie ein Korkenzieher verschlinge,
sodass sich meine Handrücken berühren, entdecke ich zufällig die
beste Schlafstellung aller Zeiten. Wenn sich die Handrücken
berühren, fühlen sie sich an wie fremde Hände, aber trotzdem schön.
Sie fühlen sich an wie man selbst, nur von außen. Meine Beine sind
in Sprungstellung. Ich schlafe in Korkenziehersprungstellung ein.
Mein letzter Gedanke ist: Merk dir diese Stellung, damit du sie
morgen Abend wiederfindest.
Am nächsten Morgen
ist er weg. Auf der Anrichte liegt ein Zettel. Bin spazieren. Bis
demnächst. Servus.
Grognard Man hat
Probleme mit den Kaffeefiltern.
Ich laufe zum
Fenster. Es regnet quer. Die Abzugshaube pfeift. O nein. Er ist
abgehauen.
Er tickt noch nach
englischer Zeit, sagt mein Dad. Als ob das irgendwas erklären
würde.
Komm, wir gehen ihn
suchen, sage ich.
Nein, gehen wir
nicht.
Und wer ist
eigentlich Servus.
Niemand. Servus ist
eine Grußformel und heißt so viel wie Guten Tag und Auf
Wiedersehen.
Auf meinem Platz
steht eine in sechzehn Stücke geschnittene Orange. Ich klettere auf
meinen Stuhl. Eine Fruchtfliege kreist wie ein Hubschrauber summend
über meinem Teller. Ich vertreibe sie. Sie kommt wieder. Und kracht
im Sturzflug in meine Orange.
Mist,
verdammter.
Was.
Fruchtf
liege.
Haben wir ein
Drosophila-melanogaster-Problem, sagt
mein Dad. Kannst du mal. Er reicht mir die Filter.
Die Fliegen saßen in
den Hecken, sagte ich.
Du sollst doch nicht
Hecken sagen.
Ich klaube zwei oder
drei Kaffeefilter aus der Packung. Wie denn sonst.
Zimmerpf
lanzen.
Als ich Onkel Thoby
gestern durchs Haus führte, sagte er, er hätte noch nie
Zimmerhecken gesehen. Die sind für dich, sagte ich.
Sie sind
wunderschön.
Die Fruchtfliegen
wohnen in den Hecken, unternehmen aber täglich Erkundungsflüge in
die Küche und suchen nach Essbarem. Sie mögen auch Zahnpasta, was
ich ziemlich eklig finde. Mindestens eine Fruchtfliege wohnt im
Bad. Nicht zu fassen, dass mein Dad das noch nicht gemerkt hat.
Wenn ich in den Badezimmerspiegel sehe, vollführt in neun von zehn
Fällen eine Fruchtf liege ein Freudentänzchen knapp über meiner
Schulter.
Willst du dir nicht
endlich die Zähne putzen.
Nein. Hau
ab.
Okay. Sag mir
Bescheid, wenn du fertig bist.
Summ,
summ.
Sieh dich doch nur
mal an, sage ich. Du mit deinen kleinen Fühlern. Du mit deiner
Zahnpastasucht. Traurig. Wirklich traurig.
Ich klatsche über
meiner Schulter in die Hände, aber sie ist längst in sicherere
Höhen entschwunden.
Der Regen hört sich
an, als würde er ins Fenster beißen. Ich gleite von meinem Stuhl.
Da ist er ja! Auf der anderen Seite des Teichs. Und schlägt sich
mit einem Schirm herum. Guck mal, Dad.
Keine Minute später
sitze ich auf meinem Fahrrad und fahre holterdiepolter die
Verandastufen hinunter. Ich trete fest in die Pedale und halte den
Kopf gesenkt wie ein Jockey, um den Luftwiderstand möglichst gering
zu halten. Ich stelle mir vor, das Rad sei Rambo. Nach zwei
Sekunden bin ich klitschnass. Der Weg ist steinig und matschig
zugleich. Ein paar Schnecken mit transportablen Zimmern machen
knack. Bitte vielmals um Entschuldigung.
Ich bin die Rettung
auf Rädern. Das ist mein Teich. Mein Regen. In Sachen Regenschirme
in Neufundland hättest du mich um Rat fragen und eine richtige
Führung abwarten sollen.
Er sieht mich. Hebt
die Hand. Der Wind hat den Regenschirm umgestülpt. Ich bremse.
Locker und lässig. Hallo, sage ich.
Er zeigt auf meine
Füße. Du hast ja gar keine Schuhe an.
Vergessen.
Seine Wangen sind
rot, rau und nass. Seine angeklatschte Haarlocke sieht aus wie ein
Pfeil. Er sieht anders aus als gestern Abend.
Ich zeige auf mein
Kinn. Wo ist denn dein …
Habe ich
abrasiert.
Warum.
Er hat
gejuckt.
Ich schiebe mein Rad
neben ihm her. Vorsicht, Schnecken. Tun dir denn nicht die Füße
weh. Nein. Er trägt seinen Schirm wie einen toten Freund. Blödes
Neufundland, Regenschirmmörder. Ich gebe Neufundland einen
barfüßigen Tritt.
Er
lacht.
Ich
auch.
Einer eurer Schwäne
hat mich verfolgt.
Diese Schwäne sind
zugewandert. Sie kommen hier oben normalerweise gar nicht vor.
Siehst du, was sie für leuchtend rote Schnäbel haben. Du hättest
warten sollen, bis ich dich herumgeführt habe.
Er starrt besorgt auf
meine Füße. Der Regen pladdert uns so fest ins Kreuz, dass wir fast
vornüberfallen. Heilige Mutter Gottes, sagt er.
Nimm’s nicht
persönlich.
Als wir nach Hause
kommen, liegen fünf tote Drosophila melanogaster in meiner Orange.
Onkel Thoby sagt: Die armen Kleinen.
Arm. Blöd. Sie bleiben an ihrem eigenen Futter
kleben.
Mein Dad weist mich
darauf hin, dass die DNA der Drosophila melanogaster mit der des
Menschen zu neunzig Prozent identisch ist.
Onkel Thoby will mir
eine frische Orange aufschneiden. Ach übrigens, haben wir zufällig
Alka-Seltzer im Haus. Der Kaffee gurgelt. Ja, sagt mein Dad, oben
im Bad.
Irgendwie kommt mir
alles unglaublich normal vor.
Ich rase die Treppe
hoch und hole das Alka-Seltzer. Die Treppe wieder runter. Auf dem
Absatz bleibe ich stehen. Ich höre erst die Abzugshaube pfeifen,
dann meinen Dad.
B, sagt mein
Dad.
Ais, sagt Onkel
Thoby.
An meinem Platz steht
ein kleines Kunstwerk. Es nennt sich Orange im Schloss. Die
Schnitze ragen über die Schlossmauer.
Du musst bei
Mitternacht anfangen und im Uhrzeigersinn essen, sagt Onkel
Thoby.
Warum.
Weil sich die Orange
sonst wieder schließt.
Wie sich
herausstellt, hat eine Orange genau elf Schnitze. Fünf auf der
einen Seite und sechs auf der anderen. Eine Stunde fehlt. Das ist
mir bislang nie aufgefallen, weil mein Dad die Orange immer in
sechzehn Stücke schneidet, die ich dann aus der Schale lutsche.
Aber eigentlich ist eine Orange innen gar nicht
symmetrisch.
Nach dem Frühstück
baut Onkel Thoby eine Falle für die Fruchtfliegen und nennt sie die
Drosophila-melanogaster-Haftanstalt. Die DMHA ist ein Glas mit
einem Orangenschnitz darin, über das er ein Stück Zellophan
gespannt hat. In das Zellophan hat er winzige, fruchtfliegengroße
Löcher gebohrt. Die Fliegen kriechen durch die Löcher, um an die
Orange heranzukommen. Erst feiern sie. Sie tanzen Tango. Aber dann
finden sie nicht mehr raus. Und so bleiben sie einfach drin und
fliegen immer auf und ab, bis sie ganz perplex und aus der Puste
sind.
Als die DMHA
schließlich voll ist, tragen wir die Drosophila auf die Veranda und
entlassen sie feierlich in die Freiheit. So flieget denn hin, seid
fruchtbar und vermehret euch, sagt Onkel Thoby.
Wir machen eine
Stadtrundfahrt mit Onkel Thoby und landen schließlich auf dem
Signal Hill. Unsere Jacken knattern im Wind, als wollten sie jeden
Moment explodieren. Überall hängen Schilder mit der Geschichte von
Telegraf Marconi und seinen Funksignalen.
Auf dem Signal Hill
gibt es einen rechteckigen Parkplatz. Auf der einen Seite kann man
deutlich Neufundland erkennen. Auf der anderen undeutlich England.
Ich versuche, Onkel Thoby zur Neufundland-Seite zu
lotsen.
Ich zeige ihm, wo
meine Schule ist. GOLEM, brülle ich.
Was.
Gott des Lichts und
der Ewigen Milde und Barmherzigkeit. Siehst du den
Korkenzieher-Jesus auf dem Dach.
Onkel Thoby lacht.
Seine Piratenhaare klappen nach oben.
Mein Dad möchte ihm
Cape Spear zeigen, was auf der Meerseite liegt. Cape Spear ist der
östlichste Punkt des nordamerikanischen Kontinents. Siehst du, wie
der Leuchtturm blinkt. Nein, du sollst dir nicht das Meer
anschauen, denn das ist eine breite blaue Straße, die schnurstracks
zurück nach England führt. Sondern den Leuchtturm, habe ich gesagt.
Da vorne ist der Osten zu Ende.
Onkel Thoby
nickt.
Österlicher geht es
nicht.
Soso.
Ich klettere auf die
Steinmauer. Er hält meine Hand und geht neben mir her. Ich habe dir
eine Geheimbotschaft geschickt, sage ich. Ist sie bei dir
angekommen.
Er guckt mich komisch
an. Dann sagt er: Ja, Oddly.