Gespräch im Cockpit: Merle. Ja. Mädchen auf schwarzem Pferd bei zwei Uhr.
 
Judd kommt mit dem Christmatech-Van. Als er mein Gesicht sieht, zuckt er zusammen. Ach ja. Ich habe lauter blaue Flecke. Von seiner Treppe. Tut’s weh, fragt er.
Ja.
Judd bugsiert die Schnauze seines Vans vor die Schnauze des LeBaron und hantiert mit den Starterkabeln.
Ich werfe einen Blick in den Van. Pizzakartons voller Lichterketten. Ein Wollknäuel. Eine Leiter. He, mein Cowboyhut!
Ist der Cowboyhut für mich.
Er wendet den Kopf. Nö.
Ich öffne die Tür und schnappe ihn mir.
Wolltest du jemanden abholen, sagt er mit dem Kopf unter der Motorhaube des LeBaron.
Nein, ich hab jemanden weggebracht. Meinen Dad. Und meinen Onkel.
Er hält inne.
Was, sage ich.
Nichts. Ich musste nur gerade überlegen. Plus an Plus. Minus an Minus.
Klingt plausibel.
Wo fliegen sie denn hin.
England.
Er richtet sich auf. Sieht mir scharf in die Augen. Was, sage ich noch einmal.
Nichts. Spring rein. Warte, bis ich dir ein Zeichen gebe, und dann wirf ihn an.
Okay.
Und so steige ich mit dem Cowboyhut auf dem Kopf in meinen LeBaron, und er steigt in seinen Van. Er startet den Motor und lässt ihn laufen. So sitzen wir eine Weile da. Und beobachten einander durch die Windschutzscheiben.
Das mit deinem Vater und deinem Onkel war gelogen.
Ja.
Warum.
Weil es wehtut.
Und warum sagst du mir das nicht.
Hab ich doch.
Ja. Aber warum sprichst du nicht mit mir darüber.
Weil ich jemanden im Ungewissen lassen möchte.
Er nickt. Soll heißen: Okay. Dieser Jemand bin dann wohl ich. Soll heißen: Okay, jetzt wirf den Motor an.
Ich werfe den Motor an. Danke, danke.
Gern geschehen.
Und wieder fahre ich langsam, in viel zu kleinem Gang nach Hause.
 
Ich habe zwei Flugzeugabsturzträume: Der eine spielt am Boden, der andere in der Luft. Im einen beobachte ich vom Boden aus ein Flugzeug, und in dem Moment, als ich das Wörtchen Absturz denke, gerät es auch schon ins Trudeln. Im anderen sitze ich in einem Flugzeug, und eine Party ist im Gang – alle amüsieren sich prächtig -, als mir auffällt, dass die Piloten auch mitfeiern. In der Kabine. Ähm. Und in dem Moment, als ich das Wörtchen Absturz denke, geraten wir auch schon ins Trudeln.
Nachdem Onkel Thoby zu uns gezogen war, hörten diese Träume eine Zeit lang auf. Aber nachdem ich den Hangar mit den von Gott dort abgelegten Flugzeugsitzen entdeckt hatte, fingen sie wieder an.
Mein Dad reagierte auf meine bösen Träume, indem er mir lang und breit erklärte, beim sogenannten Nachtschreck handele es sich um eine evolutionäre Anpassung.
Was auch sonst.
Stell dir vor, zwei Männer liegen im Wald und schlafen. Als plötzlich irgendwo ein Zweig bricht, fahren sie erschrocken hoch. Sie setzen sich auf, schauen sich um, horchen in die Dunkelheit. Doch alles scheint wie immer. Der eine Mann zuckt die Achseln und schläft weiter. Der andere liegt wach und fürchtet sich. Warum fürchtet er sich. Er weiß es nicht. Darum erfindet er einen Grund. Oder zwei. Oder drei. Er malt sich all die schrecklichen Dinge aus, die ihm am nächsten Tag zustoßen könnten. Vielleicht lässt sein Gefährte ihn allein zurück. Oder lernt jemanden kennen, der ihm sympathischer ist. Vor lauter Sorge ist der Mann hellwach und auf der Hut. Als der Löwe, der sich durch den brechenden Zweig verraten hat, eine halbe Stunde später schließlich auf der Lichtung erscheint, springt der Mann, der sich vor Angst fast in die Hosen macht, blitzschnell auf einen Baum und überlebt. Der schlafende Mann hingegen wird gefressen.
Ich habe aber nicht von einem Löwen geträumt.
Schlaf weiter. Nein – in deinem eigenen Bett. Morgen früh ist deine Angst verflogen.
Aber der Mann, der weitergeschlafen hat, wurde gefressen.
Schon. Aber die Zeit, in der wir in den Wäldern hausten, ist lange vorbei. Nur dein Körper erinnert sich noch daran.
Was ich nicht besonders tröstlich finde.
Mein Körper erinnert sich daran, dass er in einem Flugzeug saß. Und will mir sagen: Mach das bloß nie wieder.
 
Onkel Thoby hatte ein anderes Rezept gegen böse Träume. Er meinte, ich solle den Traum verändern. Was ich anfangs für völlig unmöglich hielt. Dazu war der Traum viel zu realistisch. Er schien wahr und unumstößlich, und wenn ich daraus erwachte, hatte ich nur deshalb solche Angst, weil mein Körper insgeheim wusste, dass ich in Wirklichkeit in einem abstürzenden Flugzeug saß, und träumte, ich läge wohlbehalten in meinem Bett.
Onkel Thoby sagte: Denk dran, was ich dir gesagt habe. Eine Montage ist nicht nur wahr, sondern auch schnell und wild gemischt. Du und nur du entscheidest, was darin vorkommt und was nicht.
Wie bei einer Biografie.
So ähnlich. Onkel Thoby sagte, das Leben bestehe hauptsächlich aus Nebensächlichkeiten. In einer Montage hingegen sehe man nur das, was wirklich wichtig sei. Wenn das hier ein Traum wäre, sagte er, würde ich weder die Pferde auf deiner Bettdecke wahrnehmen noch den Yoda im Regal. Ich würde auch nicht aus dem Fenster schauen und ein Auto in der Einfahrt stehen sehen. Es sei denn, all diese Dinge spielen früher oder später eine Rolle. Es sei denn, jemand steigt ins Auto und fährt davon. Das ist das Schöne an einem Traum. Du entscheidest, was wichtig ist. Du entscheidest, wie er ausgeht. Halt das Flugzeug in der Luft. Flieg das Flugzeug selbst, während die Piloten in der Ersten Klasse eine Party feiern. Lenk den Traum in eine andere Richtung.
 
Okay. Das ging eine Weile gut. Bis ich den Hangar entdeckte.
Onkel Thoby, sagte ich in den Heizungsschlitz. Mein Bett stürzt ab.
Zwei Sekunden später stand er in meinem Zimmer. Was gibt’s.
Ich habe ein Haus mit einem Flugzeugabsturz drin gefunden.
Was.
Er setzte sich auf den Sitzwürfel und hörte zu. Dann fragte er, wo sich dieses ominöse Haus befinde, wie viele Flugzeugsitze dort lägen und was in drei Teufels Namen ich mit Rambo auf dem Flughafengelände verloren hätte.
Kein Wort zu meinem Dad.
Er versprach es mir, erzählte es ihm aber trotzdem. Nicht, um mich in Schwierigkeiten zu bringen, sondern weil er eine Idee hatte. Er hatte die Idee zu einem Flugzeug im Keller.
Meine Flugangst und meine strikte Weigerung, je wieder einen Fuß in ein Flugzeug zu setzen, solange wir drei lebten, bereiteten ihm und meinem Dad anscheinend größere Sorgen, als sie sich hatten anmerken lassen.
Das ist denn doch etwas zu viel des Guten, sagte mein Dad.
Onkel Thoby sah das ähnlich. Damit bleiben ihr unendlich viele wohlbehaltene Abenteuer versagt.
Und so heckten sie einen Plan aus, um mich von meiner Flugangst zu befreien.
Mein Dad hatte den Keller in eine Wohnung für Onkel Thoby umbauen lassen. Genauer gesagt, in ein Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad. Eigentlich war der Keller viel zu groß für ihn. Im Grunde war er nichts weiter als ein langes Rechteck mit einem Bad an einem Ende. Na, woran erinnert Sie das.
Ach ja. Er war eisbergsalatfarben gestrichen, und durch das Grün schimmerte die Sonne.
Sie mieteten einen Truck und fuhren zum Flughafen. Ich war nicht dabei. Ich wusste nichts davon. Sie wollten mich zu ihrem gemeinsamen Geburtstag damit überraschen. Sie hatten Geburtstag, und ich bekam etwas geschenkt. Ein Flugzeug im Keller.
Sie hatten die Sitze und einen Getränkewagen aus dem Hangar mitgehen lassen.
Heiliger, sagte ich, als ich die Augenbinde abnahm. Ogottogott mit Fruchtkompott.
Sie sahen sich an. Der ist neu.
Die Sitze waren aufgereiht wie im Theater, mit dem Gesicht zur kurzen Seite des Kellerrechtecks. Sie waren marineblau mit Karomuster und, wo nötig, mit Isolierband bandagiert.
Ein Flugzeug, ein Flugzeug!
Ich vollführte ein kleines Freudentänzchen. Onkel Thoby tanzte mit. Mein Dad schlug mit dem Fuß den Takt.
Aber das war noch nicht alles. Vorn befand sich ein »Cockpit«, bestehend aus einem alten Schreibtisch, an den sie Knöpfe und Schalter geklebt hatten. An der Vorderseite des Schreibtisches war ein Lenkrad festgeschraubt. Wo habt ihr denn das Steuer gefunden.
In einem Vorgarten in der Logy Bay Road.
Großes Gelächter.
Ich starrte sie an. Sie waren Einbrecher und Diebe. Sie waren Piraten. Sie waren fantastisch.
Captain, sagte Onkel Thoby. Und wies mit ausgestrecktem Arm auf den Pilotensitz. Ich setzte mich. Mein Dad spielte den Passagier. Onkel Thoby setzte sich neben mich. Mein Copilot.
Ich wandte den Kopf und sah zu meinem Dad. Mit dem breitesten Grinsen aller Zeiten.
Ein Flugzeug. In unserem Keller.
 
Willkommen an Bord von Qantas-Flug 123. Hier spricht Ihr Captain.
Zugegeben, wir starrten beim Fliegen die ganze Zeit an die hellgrüne Wand, aber Herrgott, wir flogen. Und wie wir flogen. Wir flogen um die ganze Welt. Wir flogen nach China und Frankreich, und ich drehte an den Knöpfen und sagte: Verehrte Fluggäste, wir durchfliegen gleich einige leichte Turbulenzen. Als wir die Turbulenzen hinter uns gelassen hatten, stand Onkel Thoby auf und steuerte auf den Getränkewagen zu. Mein Dad sagte: Alles außer London. Als Onkel Thoby den Gang entlangging, tat er so, als würde er das Gleichgewicht verlieren. Immer schön waagerecht halten, Airbus 320.
Das hier ist eine 747.
Wie bitte. Soll das heißen, sie hat zwei Decks.
Jawoll!
Wir bauen aber nicht das ganze Haus zu einem Flugzeug um, sagte mein Dad, der in 1C saß und den Telegram las.
Onkel Thoby in 1D nippte an seinem Getränk.
Ich schaltete das Bitte-anschnallen-Zeichen ein.
Keine Reaktion.
Ich habe gerade das Bitte-anschnallen-Zeichen eingeschaltet.
Oh.
Daran müssen wir noch arbeiten, sagte Onkel Thoby und legte seinen Sicherheitsgurt an.
Manchmal wollte ich lieber Passagier sein, und dann übernahmen mein Dad und Onkel Thoby die Pilotenkanzel. Wenn mein Dad am Steuer saß, flogen wir an Orte wie Ouagadoudou, Shanghai und Dubai. Wenn Onkel Thoby am Steuer saß, flogen wir normalerweise nach Corner Brook.
Seit wann fliegt Qantas nach Corner Brook.
Seit die Australier massenhaft in dieses wunderhübsche Städtchen auswandern.
Aha. Okay.
Nur nach England flogen wir nie.
Wenn mein Dad und Onkel Thoby flogen, ging es an Bord zumeist etwas aufregender zu, weil sie mehr Flugerfahrung hatten und sich allerlei (Beinahe-)Katastrophen einfallen ließen. Während es bei mir immer nur zu a) Turbulenzen oder b) Fahrwerksfehlfunktionen kam.
Wenn mein Dad flog, verloren wir oft an Höhe. Aus rätselhaften Gründen. Mist, wir verlieren schon wieder an Höhe.
Was du nur immer mit der Höhe hast, sagte Onkel Thoby und legte einen Schalter um.
Ich lasse jetzt Treibstoff ab.
Von wegen.
Doch.
Nein.
Ins offene Meer. Es geht leider nicht anders. Pardon, liebe Meeresorganismen.
Ach du Scheiße.
 
An nur drei Plätzen waren die Klapptische intakt. Ich saß grundsätzlich auf einem Platz mit Klapptisch. Damit ich ihn immer wieder hoch- und runterklappen konnte. Bis zum Erbrechen. Apropos: Manchmal aßen wir auch im Keller. Dann saßen wir zu dritt in der Kabine, und das Cockpit blieb leer.
Was für ein widerlicher Flugzeugfraß. Darf ich um die Kotztüte bitten.
He.
Wer fliegt diese Maschine eigentlich!, fragte mein Dad mit einem Mal und sprang auf. Mein Gott, wer fliegt diese Maschine.
Großes Gelächter.
Die Flugzeugabsturzträume hörten auf.
 
Vor jedem Flug verlud Onkel Thoby unser Gepäck. Der Frachtraum befand sich unter seinem Bett. Jeder durfte nur ein Gepäckstück mitnehmen. Ich brachte normalerweise Wedge in seiner Kugel mit, der unweigerlich aus dem Frachtraum kullerte, wobei er mit den Händchen fuchtelte, als seien wir in höchster Not. Alles raus hier!
Mein Gepäck ist verloren gegangen, sagte ich und wandte den Kopf.
Wenn wir ihm doch nur beibringen könnten, den Getränkewagen zu schieben, sagte Onkel Thoby.
Wenn Onkel Thoby flog, herrschte meistens dichter Nebel. Die Sicht ist schlecht, sagte er dann. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Ich warte auf die Landegenehmigung vom Tower. Der Boden könnte sonstwo sein. Womöglich müssen wir umkehren und nach St. John’s zurückfliegen. Ja, ich glaube, wir müssen nach St. John’s zurück. Aus Corner Brook wird heute nichts. Aber ein Rundflug ist zur Abwechslung ja auch ganz schön.
Lass mich fliegen, sagte mein Dad dann.
Nein.
Doch.
Nein.
Ein Knuff gegen die Schulter.
Rauch im Cockpit, sagte mein Dad. Riecht ihr das auch. Schnupper. Ja. Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Wir müssen landen. Auf der Stelle.
Hast du das Pferd auf der Rollbahn gesehen, fragte ich meinen Copiloten Thoby.
Nein. Ich war gerade mit den Instrumenten beschäftigt.
Auf der Rollbahn stand ein schwarzes Pferd.
Er warf mir einen skeptischen Blick zu. Das hört sich aber gar nicht gut an, Captain Oddly.
Ich zwinkerte ihm zu. Halbsowild.
 
Mit der Zeit bauten wir das Flugzeug immer weiter aus. Das Cockpit bekam eine neue Beleuchtung. Ich flog gern im Dunkeln. Ovale Fenster mit einem Sonnenuntergang dahinter säumten die Wände. Das Cockpit bekam eine Windschutzscheibe. Wenn man genau hinsah, konnte man in der Ferne andere Flugzeuge am Himmel sehen.
Und das alles nur dank Onkel Thobys langem Arm und einem Pinsel.
Aber was ich mir am sehnlichsten wünschte, konnte er nicht malen, nämlich eine glitzernde Stadt, ein funkelndes Lichtermeer, in dem man versinken konnte. Wie New York. Oder Las Vegas. Captain Oddly flog gern und oft nach Las Vegas, das sie aus dem Fernsehen kannte. Die Lichter schillerten und flirrten. Wie die glühende Asche eines heruntergebrannten Lagerfeuers. Langsam, aber sicher fand sie Geschmack an großen, wohlbehaltenen Abenteuern.
Sehr geehrte Damen und Herren, in Kürze beginnen wir mit dem Landeanflug auf Las Vegas International Airport. Ich möchte Sie bitten, Ihre Sitzlehnen in eine senkrechte Position zu bringen und die Sicherheitsgurte …
Hier gibt es keine Damen, sagte Copilot Thoby und stärkte sich mit einem kräftigen Schluck.
 
Es war so eine Art Training. Damit ich Mut zur Neugier entwickelte. Und umgekehrt. Damit ich ein Flugzeug besteigen und zu neuen Ufern aufbrechen konnte. Und wenn ich dann eines Tages tatsächlich in der Lage wäre, ein Flugzeug zu besteigen, würde ich seelenruhig, aber mit hellwachen Sinnen Platz 12A, 14A oder 21F einnehmen. Ich würde vielleicht einen eigenen Klapptisch haben. Oder ein Geheimfach in meiner Armlehne. Vielleicht aber auch nicht. Auf keinen Fall jedoch würde ich ohne Not oder gegebenen Anlass Crashhaltung einnehmen oder gar eine Schwimmweste anlegen. Und wenn es zum Schlimmsten käme, würde ich nicht untätig dasitzen wie die Zuschauer im Theater.
Und im Falle einer echten Katastrophe – und mit Katastrophe meine ich nicht etwa einen Flugzeugabsturz, sondern, nun ja, sagen wir, ich fände mich allein, ganz allein auf einer einsamen Insel wieder – tja, dann würde ich mir wohl einfach ein eigenes Flugzeug bauen müssen. Und ich würde Starten und Landen üben. Genau wie im Keller. Und ich würde in einem weiten Kreis nach Corner Brook und wieder zurück fliegen. Denn ein Rundflug ist ja auch ganz schön. Und dann würde ich diesen Kreis erweitern. Immer weiter und weiter, bis ich den Ozean überquert habe. Denn vielleicht sitzt auf der anderen Seite des Ozeans ja noch jemand auf einer einsamen Insel fest. Und denkt, er sei allein. Aber sieh mal einer an. Da kommt sie geflogen, meine Boeing 747 mit einem großen Ahornblatt am Heck, wie eine offene Hand. Bonjour, bonjour. Und dieser Jemand hebt den Blick, beschirmt die Augen mit den Händen und sagt: Ogottogott mit Fruchtkompott. Ich bin gar nicht allein. Nein, du bist nicht allein. Und ich lege eine spiegelglatte Landung hin mit meinem Flugzeug Marke Eigenbau, steige ab, pardon, aus, und da steht er auf der Rollbahn und wartet.
ANTONIO.
 
Fürwahr1, ich weiß nicht, was mich traurig macht;
Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch.
Doch wie ich dran kam, wie mir’s angeweht,
Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt,
Das soll ich erst erfahren.
Und solchen Dummkopf2 macht aus mir die Schwermut,
Ich kenne mit genauer Not mich selbst.3
Ich finde Shakespeares Einsatz von Exponenten, gelinde gesagt, kurios.
Ich verrichte meinen Dienst als Lesezeichen, während Chuck beharrlich aus dem Fenster starrt. Er trägt seit drei Tagen dieselben Boxershorts. Wieder murmelt er etwas von wegen wie einladend der Willamette doch sei. Ach, Chuck. Leg doch mal’ne andere Platte auf. Fürwahr hoch eins. Was, bitte, soll das heißen.
Beim Proben spricht Chuck die Exponenten weder mit. Noch sagt er: Ich kenne mit genauer Not mich selbst mal selbst mal selbst. Im Grunde sagt er heute eigentlich so gut wie gar nichts. Er sieht erbärmlich aus, von hinten, wie er da so am Fenster steht. Von hinten sehen eigentlich alle Menschen erbärmlich aus, aber Chuck ganz besonders.
Man kann nicht jeden Tag den Hamlet spielen. Oder vielleicht doch. Vielleicht spielt man den Hamlet gerade dann besonders gut, wenn man nicht weiß, dass man ihn spielt. Oder wenn man den Antonio spielt. An manchen Tagen jedenfalls.
Heute spielt er den Antonio. Aber er legt die Latte nicht so tief, dass er einen Salarino, Solario oder Salerio spielen würde. Es hat schließlich alles seine Grenzen. Als er mich eben auf die Antonio-Passage setzte, sagte er: Du bist so traurig, weil du ein Trottel bist.
Wer, ich.
Wie Chuck dort am Fenster steht, als ob er nur darauf warten würde, dass ihn jemand hochhebt und ihn sich unter die Achsel klemmt – das ist tatsächlich furchtbar traurig. Er wartet darauf, dass ihm jemand sagt, er sei kein Trottel. Dass ihm jemand sagt, er stelle etwas dar. Und habe auch noch andere Rollen im Repertoire als diesen Armleuchter Antonio, der nicht weiß, wer er ist, weil er gleich drei Dramatis Personae in sich vereint (sich selbst hoch drei). Und wenn er denn eines Tages sterben muss – heute, morgen, irgendwann -, so lasst uns hoffen, dass ihm sein Tod nicht gar zu dumm geraten wird.
Wenn man Chuck glauben darf, gab Shakespeare sämtlichen Figuren, die ihn nicht weiter interessierten, ähnlich klingende Namen. Aber Hamlet. Wenn das kein ausgefallener Name ist. Und hieß so ähnlich nicht auch Shakespeares abgöttisch geliebter Sohn, dessen allzu früher Tod den Schwan von Stratford zeit seines – selbst recht kurzen – Lebens grämte. Wie ich Im Bett mit Macbeth entnommen habe.
Draußen regnet es, und was denkt Chuck. Dass er über Bend und Boring, ja über Oregon wohl nie hinauskommen wird. Er öffnet das Fenster. Klettert auf die Heizung und lehnt sich hinaus. He. Leider habe ich gerade kein Salatblatt zur, äh, Hand, das ich fallen lassen könnte. He. Sei doch kein Dummkopf hoch zwei. Komm wieder rein.
Ach. Er raucht bloß. Er verstößt wissentlich gegen Lindas Regel und raucht, indem er sich, wie üblich, recht weit aus dem Fenster hängt.
Meinetwegen. Trotzdem. Wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt, nicht gerade wie eine Schildkröte gebaut ist (sodass auch der Rest des Körpers mühelos durchs Fenster passen würde) und sich noch dazu drei oder vier Stockwerke über dem Erdboden befindet, kann es meiner Meinung nach nicht schaden, ein Klettergeschirr anzulegen. Und fest angeseilt zu sein. Selbst Cliff, für den die Sicherheit sicherlich nicht an erster Stelle stand, war der Rolle, die er im richtigen Leben zu spielen hatte, nie auch nur annähernd so überdrüssig, dass er darauf verzichtet hätte, sich ordentlich anzuseilen, bevor er sich von der Feuerleiter abseilte. Aber Cliff war natürlich auch ein Equipmentfreak. Sprich jemand, den eine innige Liebe mit seiner Ausrüstung verband. Oft schlief er sogar in seinem Klettergeschirr.
Manchmal muss man natürlich in seinem Klettergeschirr schlafen, zum Beispiel wenn man in Begleitung eines zweiten Kletterers mit Gewalt eine mächtige Felswand bezwingen will. Wenn die mächtige Felswand so gewaltig ist, dass sie an einem Tag nicht zu bezwingen ist, muss man eine spezielle Hängematte im Fels verankern, damit man auch in circa 37 000 Fuß Höhe bequem übernachten kann, und Unmengen von Power Bars verdrücken, bis die Sonne morgens auf die Hängematte fällt und einen weckt. Was Cliff gleich mehrmals tat.
Nicht dass ich Cliff bei einem seiner Kletterabenteuer je begleitet hätte. Aber einmal habe ich einen Kletterausflug mitgemacht. Wir quetschten uns zu fünft in Cliffs Wagen (Cliff und Audrey vorn, Chuck und Linda hinten, ich auf dem AB) und verbrachten einen Tag am Lake Soupçon, dessen Name aus Audreys Mund reichlich suspekt klang, während die anderen in einem fort von einem leckeren Süppchen zu schwärmen schienen.
Zweck der Übung war es, Chuck die Grundlagen des Kletterns beizubringen. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass Chuck eigentlich nur lernen wollte, wie man sich abseilt. Weil er insgeheim davon träumte, sich auf Bühnen abzuseilen, auf denen er nichts verloren hatte, weil er in dem Stück, das dort gegeben wurde, im wahrsten Sinne des Wortes keine Rolle spielte.
Lake Soupçon ist ein flacher Kratersee, der an eine Suppenschüssel erinnert, mit Wänden, die selbst ein Neuling leicht zu bewältigen vermag. Sie sind nicht so hoch, dass man in ihnen übernachten müsste. Im Gegenteil. Wenn man oben ein Seil verankert hat, kann man daran Klettern und Abseilen üben bis zum Überdruss. Cliff hätte die Wände von Lake Soupçon im Schlaf erklimmen können. Was war diese Suppenschüssel schon gegen die Jalpen. Chuck, mit seinen dürren Ärmchen, hatte es da schon etwas schwerer. Denn obwohl Cliff oft und gern das Gegenteil behauptete, sind die Arme beim Klettern durchaus von Bedeutung. Will sagen, ohne raffinierte Prothesen könnte ein Armloser schwerlich einen Berg besteigen. Cliff wollte natürlich zum Ausdruck bringen, dass es beim Klettern vor allem auf die Beine ankommt. Man muss die Felswand hinaufgehen, selbst wenn sie senkrecht aufragt, statt sich mit den Händen hochzuziehen. Comprenez.
Unterdessen schaukelten Audrey, Linda und ich in einem gemieteten Ruderboot mitten auf dem Lake Soupçon. Linda legte den Kopf in den Nacken, damit sie Sommersprossen bekam. Audrey hatte Sommersprossen genug. Sie hielt die Riemen. Ich saß auf dem Armaturenbrett, das zwar nicht so hieß, aber was soll’s. Ich saß auf dem Armaturenbrett, streckte den Kopf über die Kante und bewunderte mein Spiegelbild im stillen braunen Wasser.
Vorsicht, Iris. Nimmst du sie mal da weg.
Linda packte mich mit beiden Händen und ließ mich in Audreys Schoß plumpsen. Ich drehte mich langsam um. Cliff war nur sehr schwer zu erkennen, er trug nämlich sein beigefarbenes ES-GEHT-DOCH-NICHTS-ÜBER-EIN-FUNDIER-TES-VORURTEIL-T-Shirt – was selbstredend ein Witz ist, den ich allerdings nicht besonders witzig finde -, das sich perfekt in die steinige Umgebung fügte. Man sah eigentlich nur das pinkfarbene Seil und Chuck am Fuß der Felswand, neben der Kühlbox.
Cliff wollte, glaube ich, eine sogenannte Traverse demonstrieren. Bei einer Traverse bewegt man sich seitlich die X-Achse entlang.
Chuck sicherte ihn. Sprich er hielt das Seil, das über eine Rolle an Cliffs Geschirr befestigt war. Kurz: Chuck hielt gleichsam Cliffs Leben in Händen, ein Umstand, der Audrey, ihren verkrampften Oberschenkeln nach zu urteilen, gar nicht behagte.
Cliff machte sich an den Aufstieg entlang der Y-Achse.
Plötzlich fiel Chuck ein, dass er Durst hatte. Was sich unschwer daran erkennen ließ, dass er plötzlich nur noch Augen für die Kühlbox hatte. Audreys Beine verkrampften sich so sehr, dass ich ihr beinahe vom Schoß gekippt wäre. Warum. Weil Chuck gegen die Regel Nummer Eins der Klettersicherung verstieß, welche da lautet: Lass die Person, deren Leben du in Händen hältst, unter keinen Umständen aus den Augen.
Und dann verstieß er auch noch gegen Regel Nummer Zwei, welche da lautet: Lass unter keinen Umständen das Seil los, wenn du das Leben eines anderen in Händen hältst.
Gefolgt von einem eklatanten Verstoß gegen Regel Nummer Drei, welche da lautet: Zische unter keinen Umständen ein kühles Blondes, während du das Leben eines anderen in Händen hältst.
Audrey legte sich in die Riemen und ruderte eilends ans Ufer.
Linda sagte: Das kann doch wohl nicht …
Aber seien wir ehrlich: Wozu war die Kühlbox da, wenn nicht, um Chuck in feinherbe Versuchung zu führen. Und hätte Cliff es nicht eigentlich besser wissen müssen. Aber, wie gesagt, stand Sicherheit für ihn nicht unbedingt an erster Stelle. Für Audrey hingegen schon. Obwohl die Chance, dass Cliff in den wenigen Sekunden, als Chuck nicht hinsah und sich anschickte, das Menschenleben, das er in Händen hielt, gegen ein Bierchen einzutauschen – nun ja, die Chance abzustürzen war nicht allzu groß, da die Kraterwände des Lake Soupçon, wie gesagt, nicht so rutschig waren, dass sich ein geübter Kletterer wie Cliff davon ernstlich aus der Ruhe hätte bringen lassen.
Audrey legte sich noch immer mächtig ins Zeug und in die Riemen. Wobei starke Arme durchaus von Vorteil sind.
Als wir das Ufer schließlich erreicht hatten oder uns selbigem so weit genähert hatten, dass Audrey ins Wasser hüpfen konnte, deponierte sie mich auf dem Armaturenbrett und stürzte auf den Fuß der Felswand zu.
Was macht sie denn da, fragte die ebenso ahnungs- wie sommersprossenlose Linda.
Audrey krabbelte bergauf. Sie stieß Chuck mit einem gezielten Hüftschwung beiseite und packte das Seil. Sie rief Cliff etwas zu, der daraufhin den Kopf wandte und die Felswand hinabstarrte. Jetzt hielten vier Hände das Seil, und aller Augen ruhten auf Cliff. Unten angekommen, drehte Cliff sich um – das T-Shirt ließ seinen albernen Spruch vom sprichwörtlichen Stapel, und Audrey ließ das Seil fallen und ging davon. Stampf, stampf, krabbel, platsch, kam sie zum Boot zurück, sammelte mich ein und marschierte zum Wagen. Im ersten Moment dachte ich, wir würden gemeinsam in den Sonnenuntergang fahren und die anderen zurücklassen. Aber nein. Das war nicht Audreys Stil. Stattdessen setzten wir uns auf die Kühlerhaube, richteten den Blick gen Himmel und warteten, bis die anderen die Ausrüstung zusammengepackt hatten. Was ewig dauerte. Der Himmel wurde dunkler, die Kühlerhaube kühler. Sie schob mich unter ihr T-Shirt. Warm genug, fragte sie.
Vierzehn Tage später kam sie mit sechs Schachteln Klettergriffen nach Hause und verwandelte unsere Wohnung in eine kleine Kletterhalle. Und unsere heimischen vier Wände in künstliche Klippen. Cliff zuliebe. Damit er, wenn er denn fiel, nicht tiefer fiel als maximal ein Meter achtzig.
 
Seit meinem Treppensturz habe ich Zahnprobleme. Was heißt eigentlich impaktiert, ich bin nämlich ziemlich sicher, dass meine Zähne genau das sind. Impaktiert, erkläre ich der Sprechstundenhilfe in Dr. Overli-Domes’ Praxis.
Sie hört auf zu tippen. Alle, fragt sie.
Ja.
Bitte nehmen Sie Platz.
Ich setze mich. Im Reader’s Digest steht ein Artikel über Introvertierte. Sie werden interviewt und gezwungen, ihre größten Geheimnisse preiszugeben. Ich wollte, ich wäre introvertiert. Und hätte einen Extrovertierten, der mir diesen Zahn samt Wurzel zieht. Wo ist mein Extrovertierter.
Da tritt Dr. Overli-Domes auch schon kahlköpfig und weißgewandet hinter einer geschlossenen Tür hervor.
Audrey Flowers!
Ich stehe auf.
Ogottogott mit Fruchtkompott. Du bist ja richtig groß geworden. Oder muss ich Sie sagen.
Nein, nein. Ich versuche, mich etwas kleiner zu machen.
Komm.
Ich folge ihm zu dem orangenen Stuhl. Ah, der gute alte orangene Stuhl. Das Behandlungszimmer ist unverändert, bis auf den in die Decke eingelassenen Fernseher, in dem Zeichentrickfilme laufen. Sieh einfach ein wenig fern und entspann dich, sagt er und verschwindet.
Frohe Weihnachten, Charlie Brown! Ich gähne.
Ich setze mich auf. Hoffentlich ist er nicht hinausgegangen, um das Röntgengerät anzuwerfen. Das haben Zahnärzte nämlich so an sich. Einfach aus dem Zimmer zu gehen und einen zu röntgen. Jetzt bitte nicht bewegen – ich bin gleich wieder da.
Nein, nix Röntgen. Er hat sich von Ingrid nur meine Akte geben lassen.
Wo brennt’s denn, sagt er. Man sieht dich ja nur alle Jubeljahre einmal.
Ich war verreist.
Das sagen alle.
Ich erkläre ihm, ich sei gestürzt, und jetzt seien meine Zähne impaktiert.
Gestürzt. Vom Pferd, fragt er, ohne aus meiner Akte aufzublicken.
Nein.
Letztes Mal war es ein Pferd.
Ja. Aber kein Sturz.
Hier steht: Huftiertritt ins Gesicht.
Er sieht mir in den Mund. Schnappt nach Luft. Greift sich ans Herz. Ah ja, die Schweizer Brücke. Die Schweizer Brücke hatte ich ganz vergessen. Was für ein Prachtstück. Wenn ich mich recht entsinne, hat dein Dad für das Ersatzteil seinerzeit eine hübsche Stange Geld springen lassen. Das war weiß Gott kein Pappenstiel.
Schnipp schnapp, machen seine Handschuhe.
Ich starre in seine Brille. Das Schöne ist: Wenn man auf einem Zahnarztstuhl sitzt und sich nicht gerade von den Zeichentrickfilmen in der Decke ablenken lässt, hat man die seltene Gelegenheit, seinem Gegenüber lange und tief in die Augen zu schauen, ohne dass es sich dem entziehen kann. Fast scheinen seine Augen den Blick zu erwidern. Aber eben nur fast. Denn in Wirklichkeit blicken sie einem natürlich in den Mund. Sie sind ganz hingerissen von der Schweizer Brücke. Sie sind in die Schweizer Brücke regelrecht vernarrt. Und merken nicht, dass man das merkt.
Impaktiert. Wo, fragt er.
 
Dr. Overli-Domes flickte mich zusammen, nachdem Rambo mich getreten hatte. Dabei summte er die ganze Zeit »All I Want for Christmas Is My Two Front Teeth« und zwinkerte mir heimlich zu. Hinterher dankte ihm mein Dad, weil er die Praxis extra für mich an den Feiertagen geöffnet hatte. Und Dr. Overli-Domes sagte: Warum, in drei Teufels Namen, muss sich die Kleine auch ausgerechnet an Weihnachten von einem Gaul ins Gesicht treten lassen.
Dr. Overli-Domes gehört zu jenen Ärzten, die zu Kindern ausgesprochen nett sind, deren Eltern aber auf den Tod nicht ausstehen können.
Mein Dad ließ den Kopf hängen.
Er, Onkel Thoby und Verlaine saßen im Wartezimmer und ließen den Kopf hängen.
Ich habe Rambos Hinterhuf ausgekratzt, erklärte ich. Und »O Tannenbaum« gesungen. Dabei bin ich seinem Hinterhuf wohl etwas zu nahe gekommen.
Dr. Overli-Domes sah lächelnd zu mir herab.
Es war bestimmt keine Absicht, setzte ich hinzu.
Die provisorische Brücke fühlte sich an wie eine Highway-Überführung. Riesengroß und aus Beton. Keine Sorge, sagte er. Wir bestellen dir in der Schweiz schöne neue Zähne, nicht wahr, Dad.
Mein Dad nickte.
Verlaine horchte auf. Es ging doch nichts über echte Schweizer Wertarbeit.
Als ich die neue Brücke schließlich im Mund hatte, fand ich die Vorstellung, dass meine Zähne aus einem Land kamen, in dem ich nie gewesen war, plötzlich sehr, sehr komisch. Worauf ich mit dem Flugzeug im Keller das erste Mal nach Zürich flog.
 
Jetzt sagt Dr. Overli-Domes: Ist das ein Gerstenkorn.
Hat er mir also doch heimlich in die Augen geschaut.
Ja.
Er rollt mit seinem Stuhl zum Waschbecken und wäscht sich die Hände. Mit einem Antibiotikum ist das ein Klacks.
Zu einem Antibiotikum würde ich nicht Nein sagen, wenn Sie mir eins verschreiben würden.
Ich bin Zahnarzt. Und kein Augenarzt.
Na und.
Das wäre unethisch.
Ach.
Ich kann dir höchstens raten, die Finger davon zu lassen. Und drück nicht daran herum.
Ich habe aber schon daran herumgedrückt. Ich drücke gern daran herum.
Gerstenkörner gehen oft mit Depressionen einher, sagt er. Bist du deprimiert. Fühlst du dich manchmal wie erschlagen.
Mein Dad ist von einem Weihnachtsbaum erschlagen worden.
Er wendet den Kopf.
 
Ein Maschendrahtzaun hält die GOLEM gefangen. Falls sie sich heimlich aus dem Staub machen will, bevor sie abgerissen werden kann. Sie sieht aus, als hätte man ihr die Augen verbunden und sie geschlagen. Sie sieht klein aus. Jenseits des Zauns fletschen Neubauten die Zähne. Du bist die Nächste, höhnen sie. Du bist die Nächste.
An den Wänden der Schule steht GANGSTA LIFE, in Großbuchstaben. Ein paar selbsternannte Gangster, die es vermutlich nicht ganz leicht haben im Leben, sind mit Sprühfarbe über den Zaun geklettert.
Mein Auge tränt.
Stämmig steht Judd neben mir. Wir halten uns am Zaun fest und verschränken die Ellenbogen gegen den Wind, der uns ein Maschendrahtmuster ins Gesicht beizen möchte. Die einzigen Farbtupfer sind Judds rote Haare. Und sein Van. Und die Synkopen der Warnblinkanlage.
He. Jesus steckt noch immer wie ein Korkenzieher im Dach.
Seit wann ist die Schule eigentlich keine katholische mehr. Darauf wurde früher so viel Wert gelegt.
Judd und ich schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen an unsere GOLEM-Zeit. Wir erinnern uns an die Cafeteria im Heizungskeller. (Er zeigt mir seine Narbe, die von der schmerzhaften Begegnung mit einem Rohr herrührt.) Wir erinnern uns an Direktor Pouvoir, der in Wirklichkeit Dave Power hieß. Wir erinnern uns an Miss Daken und ihre Mathe-Biografien. Wir erinnern uns an das Lied »Gott ist ein Wunder!« (Wunder o Wunder! Gott ist ein Wunder! Er zeigt sich in allen Dingen! Drum woll’n wir ihm ein Loblied singen!)
Und an den roten Fallschirm.
Ach ja, der rote Fallschirm. Der rote Fallschirm war das Größte. Wie er sich bauschte und die gesamte Turnhalle ausfüllte. Und wie man sich darunterstellen und sich einbilden konnte, die rote Decke nehme und nehme kein Ende. Judd sagt, er habe einmal versucht, ihn zu stehlen. Leider habe man ihn auf frischer Tat ertappt. Er habe damit auf den Signal Hill steigen und ihn fliegen lassen wollen.
Heiliger. Er hätte dich aufs offene Meer hinausgetragen.
Und da wäre ich wohl heute noch.
Ich sehe ihn von der Seite an. Weihnachten steht vor der Tür. Ob er denn keine Verpflichtungen habe.
Meine Familie ist in Florida, sagt er.
Sie haben dich über Weihnachten alleingelassen.
Wir feiern kein Weihnachten, sagt er.
Wieso.
Wir sind Juden.
Seit wann.
Immer schon.
Und trotzdem warst du auf der GOLEM.
Du doch auch.
Ich dachte, ich wäre die einzige Nicht-Katholikin.
Nö.
Eigentlich bin ich Atheistin, sage ich. Eine Atheistin mit Französisch-Crashkurs.
Ich auch. Ein atheistischer Jude mit Französisch-Crashkurs.
Und mit einer Firma namens Christmatech. Interessant.
Er lächelt. Stimmt.
 
Das Möbelhaus, das den einen magisch und wundersam vorkommen mag, ist für andere die Hölle auf Erden. Insbesondere wenn diese anderen Oberlicht nicht ausstehen können. Und Judd kann Oberlicht auf den Tod nicht ausstehen. Ja, es sind lauter verschiedene Zimmer unter einem Dach, aber das Licht ist in allen Zimmern gleich.
Stellen Sie sich vor, Sie leben unter einem Dach mit vielen Einzelzimmern, wo es ständig zwölf Uhr mittags ist und alle naselang jemand zur Tür hereinspaziert kommt, den Sie am liebsten niederschießen würden, was selbstverständlich streng verboten ist. Ebenso verboten wie das Essen von den ausgestellten Möbeln.
Judd hat schon früh eine Vorliebe für die Dunkelheit, für Schokolade, für Verkehrsampeln entwickelt.
Er weiß noch, wie er eines Tages im Auto saß, genüsslich ein Milky Way verdrückte und sich am Grün der Ampel erfreute. Und am Rot. Das Gelb war zu schwach, es hatte zu wenig Pixel. Und noch während er dasaß, erfand er eine neue Ampel, die das gesamte Farbspektrum umfasste. Ein Rot, das sich erst lila, dann blau und schließlich grün verfärbte. Damit man wusste, wann es grün wird. Und ein Grün, das über blasses Gelb und tiefes Orange langsam in ein sattes Rot überging.
Von da an sagte er an jeder roten Ampel: Die Ampel ist blau. Gleich wird es grün.
Er sagt, Vögel und manche Reptilienarten haben vier verschiedene Zapfen zur Farbwahrnehmung in den Augen. Wir hingegen haben nur drei. Das heißt, sie können Farben sehen, die wir nicht sehen können.
Kannst du dir vorstellen, wie ein Pfau für einen Pfau aussieht.
Wenn er ein Superheld wäre und sich eine Superkraft aussuchen könnte, dann die. Den zusätzlichen Zapfen.
Selbst seine Warnblinkanlage macht ihn glücklich.
Oder Verkehrsstaus bei Sonnenuntergang.
Und natürlich Weihnachtslichterketten.
Oben in seinem Zimmer über dem Schauraum arbeitet er so lange wie möglich ohne Kunstlicht, bis das Blau der Dämmerung das Zimmer erfüllt. Nur so kann man Weihnachtslichterketten erfinden.
Gut, er hat eine Halogenschreibtischlampe. Aber die steht immer auf dem Boden.
Was er gegen Oberlicht habe. Ich weiß auch nicht. Aber es ist so seelenlos. Denk an die Innenraumbeleuchtung eines Autos. Denk an die Mittagssonne an einem Sommertag. Seelenlos.
Ich nicke. Das finde ich auch.
Obwohl es dunkel ist, scheint die GOLEM in weißes Licht getaucht. Gestrecktes Baseballstadionlicht. Das unsere Gesichter hell und unsere Augen dunkel werden lässt.
Der Van, der denkt, mein Dad sei noch am Leben, blinkt immer noch im Rhythmus seines Herzens.
Judd sagt, jetzt könne er sich an meinen Dad erinnern. Er, Judd, stand mit seinem Van vor Canadian Tire und hatte seine Lichterketten (Modell D-434) an den Zigarettenanzünder angeschlossen. Mein Dad kam mit einem tanzenden Schneemann, der die Hüften schwingt, wenn man ihn einschaltet, aus dem Laden. Der Schneemann tanzte in der Tüte.
Manche Leute scheint der Van geradezu magisch anzuziehen.
Mein Dad blieb stehen, stellte sich vor und bestaunte die Lichterketten. Er fragte, ob das LED-Leuchten seien, und Judd sagte: Licht emittierende Dioden sind das Ding vom letzten Jahr.
Was meinem Dad ein Lächeln entlockte. Christmatech, las er den Schriftzug auf Judds Van. Er kaufte drei Stück.
 
Ist dir kalt, fragt Judd. Viens ici.
Ich lasse meine Hände seitwärts den Zaun hochklettern (Cliff nannte das eine Traverse), bis Judds rechter Arm mich von hinten umschließt wie eine Mauer. Der Wind lässt nach.
Warum wir hier sind. Weil es die Schule bald nicht mehr geben wird. Und wir unsere Erinnerungen auffrischen müssen.
Als ich den Kopf in den Nacken lege, landet mein Pferdeschwanz auf seiner Schulter, und seine Wange berührt meine Wange. Unsere Wangen sind eiskalt. Er flüstert mir ins Ohr, will wissen, wie es meinem Kinn, meiner Stirn, meinen Zähnen, meinem Auge geht. Es tue ihm ja so leid, dass ich die Treppe hinuntergefallen bin.
Mein Zahnarzt hat mir ein Antibiotikum verschrieben.
Ich brauche mich nur umzudrehen, und schon beginnt ein neues Kapitel. Kennen Sie dieses Gefühl. Wenn man nur loszulassen und sich umzudrehen braucht.
Meine Schildkröte ist noch in Oregon, sage ich.
Das lässt sich ändern, oder.
 
Heiligabend, und Onkel Thoby hat noch immer nicht angerufen. Dafür rufen andere Leute an und imitieren ihn. Wenn auch unfreiwillig. Aber der Hear Ye 3000 klingelt nun einmal mit seiner Stimme: Bist du da. Ja! Willst du nicht drangehen. Doch! Und ob ich drangehen will!
Im Laufschritt zum Telefon. Und dann der Stich ins Herz, als er es doch nicht ist. Es ist Murph, der wissen will, wie mir mein neues Schloss gefällt. Also wirklich, man kann es mit dem Dienst am Kunden auch übertreiben.
Immer wenn ich es anfasse, bekomme ich einen Schlag, sage ich.
Dann ist ja alles in bester Ordnung.
Soso. Danke der Nachfrage.
Man muss diesen Klingelton doch irgendwie abschalten können.
Verlaine ruft an, um sich zu entschuldigen – oder was sie dafür hält. Sie sagt, da Onkel Thoby es vorgezogen habe, de foutre le camp, sei ich ja nun allein, und bei diesem Gedanken sei ihr gar nicht wohl.
Foutre le camp. Das verwechsele ich immer mit coup de foudre. Foutre le camp ist das, was Cliff getan hat. Einen coup de foudre hingegen verspüre ich, wenn ich Judds rote Haare sehe.
Onkel Thoby hat das Camp keineswegs Hals über Kopf verlassen, sage ich. Außerdem campe ich nicht allein.
Ich trage das CRYNOT-Armband von meinem Dad und klimpere damit, laut, während Verlaine mir klarzumachen versucht, dass sie mich mitnichten habe kränken wollen, als ich samt meinem Cluedo-Punktezettel mit der Liste der Verdächtigen im Fall Wedge bei ihr aufgekreuzt sei, aber … was ist denn das für ein Geräusch, Audrey.
Nichts.
Klingt wie Glöckchen.
Ich stecke mitten in den Ermittlungen. Ich muss Schluss machen.
Aber es ist Heiligabend.
Je. Nun.
Und sie beschwört den Geist der vergangenen Weihnacht und die damit verbundene Tradition: Am ersten Weihnachtsfeiertag (nachdem die Flowers ihre Strümpfe geplündert und die Fernsehansprache der Queen verfolgt und veralbert hatten) holte sie mich immer ab, und dann fuhren wir gemeinsam erst ins Obacht-Gebäude, um die Versuchstiere zu füttern, und dann zum Stall hinaus, um Rambo zu striegeln. Und wenn ich nach Hause kam und meine Zähne noch intakt waren, saßen Onkel Thoby und mein Dad schlafend auf dem Sofa, weil ich seit sechs Uhr früh ein solches Energiebündel gewesen war, dass sie dringend Erholung brauchten. Wacht auf! Wacht auf!
Ich falle ihr ins Wort. Ich hätte keine Lust, diese Weihnachtstradition zu pflegen. Nicht heute. Und nicht mit ihr. Ich trüge mich sogar mit dem Gedanken, Weihnachten künftig ganz ausfallen zu lassen. So tief sitzt der Schmerz. Darum wäre es mir lieb, wenn wir das Obacht-Gebäude auf den zweiten Feiertag verschieben könnten.
Aber Audray.
Ich muss Schluss machen.
Ich lege auf.
Ich lese noch einmal, was auf dem Armband steht. Was ist Heparin. Hier steht, wir hätten meinem Dad eine Heparinspritze geben sollen.
Ich setze mich an den Tisch. Mir tun die Beine weh. Das kommt vom Warten. Und davon, dass ich am liebsten weglaufen würde.
Wieder klingelt das Telefon, und da es vermutlich Verlaine ist, gehe ich nicht dran. Aber es nicht Verlaine. Es ist Patience. Sie hinterlässt eine Nachricht. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sagen würde: Ich habe deine Maus. Wie viel ist sie dir wert. Aber nein. Sie sagt: Hat dir die Trauerseife geholfen.
Ach. Die Trauerseife hatte ich ganz vergessen. Ich gehe nach oben. Und lege sie zu den anderen Sachen, die ich mit ins Civil Manor nehme. Wo ich Weihnachten verbringen werde.
 
Ich bin der einzige Gast. Quelle surprise. Doreen sitzt noch immer vor dem Fernseher, demselben alten Fernseher wie damals, so tief wie breit. Als ich einchecke, läuft Eine Weihnachtsgeschichte. Das Original. Mit Alastair Sim und Byrne Doyle. Als ich Doreen auf die Ähnlichkeit zwischen Jacob Marley und unserem konservativen Kandidaten hinweise, wendet sie den Kopf und sagt: Gütiger Jesus, du hast recht.
Wir befinden uns am Anfang des Films, in der vergangenen Weihnacht, wo Scrooge und Marley über die Hälfte der Anteile von Fezziwigs Firma erwerben, und Marley sagt: Stets zu Diensten, Mr. Scrooge, und deutet eine Verbeugung an.
Er ist Byrne Doyle wie aus dem Gesicht geschnitten.
Welches Zimmer hättest du denn gern.
Kann ich 205 haben.
Aber ja, Schätzchen.
Nr. 203.
Ihre Hand wandert nach links.
Wie hat Doreen nur all die Jahre durchgehalten. Es ist alles noch genau wie früher. Der orangene Teppich mit dem Mittelscheitel. Ich schleife meine Reisetasche den Gang entlang.
Ich habe versucht, Toff auf seinem Handy zu erreichen, ohne Erfolg. Nichts. Nicht einmal eine Bandansage. Nichts als Rauschen und ein leiser Sirenenton. Jetzt probiere ich es noch einmal. Und noch einmal. Ich lasse mich aufs Bett fallen. Die Decke erinnert mich noch immer an Toffs Bart.
Ich stelle mir vor, wie Toff und Onkel Thoby sich einen endlosen Faustkampf liefern. Der am Flughafen Montreal begonnen hat und nun in London fortgesetzt wird. Ein Faustkampf wie im Zeichentrickfilm: ein wild wirbelnder Zyklon, aus dem hier und da eine Faust oder ein Bein hervorschnellt. Darum geht Toff nicht ans Telefon. Er hat sein Handy im Zyklon verloren.
Derweil Großmutter gesund und munter in ihrem Krankenzimmer sitzt und sich Patiencen legt.
Ich schlafe ein und habe eine kurze Montage von Onkel Thoby, über dessen Schulter eine Drosophila melanogaster schwebt. Er wendet den Kopf und betrachtet sie mit liebevoller Resignation. Du schon wieder.
Das Schrillen des Telefons reißt mich aus dem Schlaf. Es ist Doreen. Hier ist ein junger Mann für dich.
Hat er rote Haare.
Und wie.
 
Knutschen auf dem Bett und so.
Pullover aus.
Judds weißes T-Shirt leuchtet im Schein des PIETY-Schriftzugs und der Lichterketten (Modell D-634), die sich auf dem Tisch türmen und aussehen wie Zürich aus der Ferne.
Seine Hand an meinem Pferdeschwanz. Seine Lippen an meiner Wange. Sein Weihnachtsgeschenk, der rote Fallschirm. Wie er da rangekommen ist. Er hat ein Loch in den Zaun geschnitten und ist in die GOLEM eingestiegen. Der kleine Gangster.
Meine Finger krümmen sich um sein Schulterblatt.
Ich küsse jemanden, der glaubt, dass mein Dad noch am Leben ist. Oder auch nicht. Judd musste Clints Taxizentrale nämlich mit den neuen Lichterketten ausstatten, und da hat Clint es ihm gesagt. Clint hat ihm gesagt, dass mein Dad tot ist, und jetzt gibt es niemanden mehr, der mir etwas bedeutet und es nicht weiß.
T-Shirts aus.
Er fragt nicht, warum ich gelogen habe.
Auf meiner Schulter Kassiopeia. Er kartografiert die Sternbilder auf meiner Haut. Kassiopeia hat die Form eines W. Da, da, da, da, da. Er verbindet die Sommersprossen. Er wolle meine Schultern in seine Sternenkarte eintragen, sagt er.
Sag was Astronomisches.
Gelber Zwerg der Spektralklasse G2V.
Was ist das.
Die Sonne.
Komm her.
Ich bin hier.
Komm näher.
Wenn ich mit dir zusammen bin, habe ich ein starkes Déjà-vu-Gefühl, sage ich.
Wenn das Déjà-vu-Gefühl anhalten soll, musst du einfach ganz still liegen.
Ach ja. Im Ernst.
 
Unter der Dusche bemerkt Judd die Trauerseife. Ich will sie vor ihm verstecken, aber sie flutscht mir aus den Händen und bleibt zwischen seinen Füßen liegen. Bei dem Versuch, sie wieder aufzuheben, rutsche ich aus und falle hin. Wenn auch in zwei Etappen. Ich schlage um mich. Judd versucht, mich aufzufangen. Aber ich bin zu glitschig. Und lande krachend auf dem Wannenboden.
Ich schäme mich ja so, sage ich.
Ach was. Judd geht in die Knie.
Aber nicht lesen, was auf der Seife steht.
Baby, ich weiß längst Bescheid.
 
Ist es sehr merkwürdig, einen Mann dafür zu lieben, dass er meinem Vater Lichterketten verkauft hat.
Nicht komischer, als eine Frau dafür zu lieben, dass sie die Treppe hinuntergefallen ist und ihren Cowboyhut wieder aufgesetzt hat, obwohl ihr das Blut übers Kinn lief und sie Tränen in den Augen hatte.
Wir holen uns im Swiss Chalet etwas zu essen. Er fragt, wie ich mit meinen Ermittlungen vorankäme. Ich erzähle ihm von Humouse House und Leonel de Tigrel, dem Erzfeind von meinem Dad. Ich habe auch ein paar Leute aus St. John’s unter Verdacht. Verlaine denkt, ich sei nicht ganz dicht. Sie meint, ich hätte kein Motiv.
Eine Maus, die zwei Millionen wert ist, sagt Judd und leckt sich die Finger ab. Und eine Reise nach Stockholm. Wenn das kein Motiv ist.
Es tut so gut, das zu hören!
Wir trinken aus blauen Pappbechern.
Prost.
Hast du auch deine GOLEM-Akte mit der Post bekommen, frage ich.
Ja.
Mein IQ war enttäuschend.
Meiner auch.
Aber du bist Lichterkettenerfinder.
Ich weiß. Denen hab ich’s echt gezeigt.
Zwinker zwinker.
Ehrlich gesagt, meiner war mehr als enttäuschend.
Das liegt daran, dass man Menschen wie dich nicht messen kann.
Ich höre auf zu kauen. Ach ja. Was bin ich denn für ein Mensch.
Ich weiß auch nicht. Aber ich wünschte, es gäbe mehr von deiner Sorte.
Judd legt seine starken Arme auf den Tisch. Und wenn ich möchte, darf ich sie berühren. Und er meine. Und ich darf ihn an diesen Armen aufs Bett ziehen.
 
Ich rufe zu Hause an und höre den Anruf beantworter ab. Vielleicht hat Onkel Thoby ja eine Nachricht hinterlassen. Nichts. Der Strom schwankt. Der Wind singt sein b. Judd sagt: Der Wind zerrt an dem Kabel auf dem Isthmus.
Dem was.
Dem Isthmus.
Du meinst, à la was gut ist, muss nicht teuer sein.
Nein, ich meine den schmalen Streifen Land, der uns mit dem Rest der Insel verbindet. Auf dem Isthmus ist es immer windig. Und über diese Landenge kommt unser gesamter Strom. In einem Kabel.
In einem Kabel!
Darum spürst du einen Windstoß erst ein paar Minuten nach der Stromschwankung. So lange braucht der Wind vom Isthmus hierher.
Wir liegen still und horchen.
Judd sagt, das Geräusch des Windes sei das Geräusch der Erde, die durchs All rast.
Ich glaube, heute Nacht werde ich schlafen. Mein Kopf auf Judds Bauch. Meine Haare noch feucht. Er strickt etwas Blaues. Ich betrachte die ferne Stadt auf dem Tisch und sage: Für deine Lichterketten verdienst du eine Reise nach Stockholm.
Die Stricknadeln hören auf zu klappern. Eine Hand auf meiner Schulter.
Danke für meinen Fallschirm, sage ich.
 
Eine Kette winziger, batteriebetriebener Weihnachtslichter schmückt meine Schlossmauer. Hübsche Idee. Ich inspiziere die Neun-Volt-Batterie in einer Ecke meiner unbescheidenen Behausung, und als gerade niemand hinsieht, versuche ich sie zu fressen. Nein. Daraus wird wohl nichts werden.
Chuck und Linda schmeißen eine Weihnachtsparty. Lucius, Dick & Co. sind eingeladen, samt ihrer holden Dämlichkeit. Linda hat sich in Schale geworfen und klimpert mit ihren Klunkern. Bald werden die Schritte der Schauspieler im Treppenhaus zu hören sein. Chuck Blut-Stiller, ruft sie. Bist du so weit.
Gleich, gute Amme.
Sie verdreht die Augen und gießt sich einen kleinen Baileys ein. Was soll’s, sagt sie und genehmigt mir auch einen. Frohe Weihnachten, Winnifred.
Wenn das so weitergeht, kann ich mich am Ende vielleicht doch noch für sie erwärmen. Als Chuck vorhin die Mauer dekorierte, sagte er: Du hast ein wunderschönes Schloss, Winnifred.
Ich ließ ein Salatblatt fallen. Das Schloss hat einen Namen. Pappmaché.
Und es ist in der Tat wunderschön, auch wenn ich die Artikel, die durch den lila Anstrich schimmern, längst in- und auswendig kenne. Zum Beispiel den Artikel über die hündischen Heldentaten an der Nordwand. Seufz.
Ich nippe an meinem Getränk und sinniere über vergangene Weihnachtsfeste.
Apropos Hunde: Einmal haben wir über Weihnachten Cliffs Eltern besucht, die in Boring eine Blindenhundschule betreiben. Cliffs Eltern besitzen acht Hektar Land in Boring und über hundert Golden Retriever. Auf dem Weg nach Boring äußerte Audrey einige Bedenken hinsichtlich des bevorstehenden Zusammentreffens mit Cliffs Eltern und ihren vielen Hunden.
Ich, auf dem Armaturenbrett, teilte diese Bedenken.
Cliff sagte: Im Grunde sind sie sterbenslangweilig. Wart’s ab. Spätestens wenn wir uns Lawrence von Arabien anschauen müssen, möchtest du dich am liebsten erschießen.
Audrey sagte, es gebe eine Regel, die da lautet: Wer einen Hund hat, der ist traurig. Was also ist jemand, der hundert Hunde hat?
Lebensmüde, schlug ich vor.
Cliff sagte: Meine Eltern sind alles andere als traurig. Das Einzige, was sie ein wenig traurig stimmt, ist die Tatsache, dass ihr älterer Sohn auf jeden verfügbaren Felsen klettert und unbedingt Stuntman werden will.
Audrey tätschelte ihm den Schenkel und sah aus dem Fenster. Sie machte eine Bemerkung über die Unmengen von Efeu.
Cliff sagte: Wenn du in Oregon vorsätzlich Efeu ziehst, wanderst du umgehend in den Knast.
Ach, geh, sagte sie.
Im Ernst, sagte er.
Also, wenn ich einen Efeuableger in ein Glas Wasser stellen würde …
Müsste ich dich anzeigen.
Was ihr ein Lächeln entlockte. Alles war in bester Ordnung. Sie entspannte sich.
Wir kamen zur Ranch, und die Blindenhunde waren überall und golden. Heilige Mutter Gottes, lass die Tür zu. Sie öffnete die Tür. Die Hunde schnupperten und schlugen Purzelbäume, was mich in dem Verdacht bestärkte, dass meine Gegenwart sie regelrecht berauschte und ich ihnen einen langgehegten Hundetraum erfüllen würde, wenn sie mich schnappen und mit mir im Garten herumtollen dürften. Zögernd zog ich mich in mein Privatgemach zurück.
Sie sprangen um uns herum. Sie versuchten, uns zu Fall zu bringen. Welcher aufrechte Blindenhund würde versuchen, einen Menschen zu Fall zu bringen.
Auf der Veranda standen Cliffs Mutter, Cliffs Vater und Cliffs Bruder Ridge, die allesamt hervorragend sehen konnten. Ich hatte eigentlich erwartet, wenigstens einer von ihnen sei blind. Audrey balancierte mich auf Schulterhöhe wie eine Schüssel auf einem Tablett.
Cliffs Vater machte einen Witz: Ist das der Nachtisch.
 
Die Schauspieler haben eine Tomatenpf lanze mitgebracht. (Was Chuck aus irgendeinem Grunde komisch findet. Er keckert keck.) Und ihre Freundinnen. Sind die Freundinnen echt, oder sind auch sie Schauspieler. Zumindest eine ist auf keinen Fall Schauspielerin, weil sie Krankenschwester ist, eben vom Dienst kommt und noch ihre Tracht anhat, die für meinen Geschmack wie ein Schlafanzug aussieht. Die Comicstrips auf ihrem Schlafanzug erinnern mich stark an die auf meinem Schlossfußboden. Ich würde ihr meinen Schlossfußboden ja gern zeigen, wenn sie nur einmal in meine Richtung sehen würde. Sie heißt ebenfalls Linda (verwirrend) und arbeitet auf der Entbindungsstation. Sie hat heute ein Weihnachtsbaby zur Welt gebracht. Die Eltern haben es Lametta genannt. Soll das ein Witz sein, fragt Linda. Nein, sagt Linda.
Im Wohnzimmer lässt Chuck sich über Kenneth Branagh aus, der nicht unbedingt zu seinen Favoriten gehört.
Scheiße, wer hat bloß wieder mit Kenneth Branagh angefangen, sagt meine Linda und deponiert die Tomatenpflanze auf der Anrichte.
Prost, sage ich fröhlich in die Runde.
Zwei Lindas und eine Twyla beugen sich über mein Schloss.
Der Baileys scheint ihr zu schmecken, sagt Linda.
Du hast einer Schildkröte Baileys gegeben.
Ich deute auf den Fußboden. Ja, sie nicken. Sie haben die Comicstrips bemerkt, und sie sehen in der Tat genau so aus wie die auf Lindas Schlafanzug. Charlie Brown bleibt ewig jung, meint Twyla.
Bei Charlie Brown kamen auch nie Erwachsene vor, sagt Entbindungslinda.
Gab es da nicht eine Lehrerin, sagt Twyla.
Die war nur eine Quäkstimme, sagt meine Linda.
Fernunterricht, sagt Twyla.
Ich fand Charlie Brown immer irgendwie gruselig, sagt Entbindungslinda.
Ich trete den Rückzug in meinen Panzer an, der involutiert ist wie eine Galaxie. Involutiert heißt spiralförmig, aber auch potenziert mit X. X wie Exponent. Wie: Ich kenne mit genauer Not mich selbst mal selbst mal selbst. Kurz, die Innenseite meines Panzers ist so unendlich wie gemütlich. Wie kann etwas Unendliches gemütlich sein, fragen Sie. Dann sind Sie garantiert keine Schildkröte.
Im Wohnzimmer sagt Chuck: Was ist dir denn angeweht.
Über mir wabert das All.
 
Knutschen auf der Veranda und so.
Ich saß auf dem Geländer. Die Hunde hatten die Augen zugemacht. Drinnen lief Lawrence von Arabien. Es war warm. Kein Wind. Sie fand den Anfang des Films unerträglich. Wie lange braucht der Kerl auf seinem blöden Kamel eigentlich noch.
Das ist in Echtzeit gedreht, sagte Cliff.
Knutschen auf der Veranda.
Der Himmel war klar und voller Sterne.
Cliff sprach von der Schweiz, er wolle unbedingt noch einmal in die Jalpen. Hatte sich Madame Mourou am Ende nicht doch für ihn erwärmt. Immerhin hatte sie aufgehört, ihn Hollywood zu nennen. Vielleicht könnten sie ja bei ihr wohnen.
Ich ließ die Schultern hängen. Drohte mir ein zweites Dubai. Würde ich wieder dem Nachmieter überlassen. Wieder verlassen.
Sie hat dich nur deshalb nicht mehr Hollywood genannt, weil sie ein schlimmeres Wort gefunden hatte, sagte Audrey.
Ach, sagte er. Stimmt ja. Wie hat sie mich noch genannt.
Ivrogne.
Cliff, der zwar die Französische Skala geklettert war, aber nur ein paar Brocken Französisch sprach, sagte: Und das heißt.
Sie zögerte. Stuntman.
Cliffs Eltern wollten, dass er ins Blindenhundgeschäft einstieg. Sie waren es leid, seine Stuntman-Eskapaden zu finanzieren. Weshalb Cliff ihnen einen Kompromiss vorschlug: Er würde in den Jalpen Spürhunde zur Bergung von Verschütteten ausbilden. Und Lawinenexperte werden.
Audrey sagte: Aber muss ein Lawinenexperte denn nicht auch, wie sagt man noch gleich, hors piste gehen.
Äh, ja.
Also, dazu würde ich, glaube ich, eher Nein sagen.
Das Schöne am Leben in den Jalpen ist: Es ist alles andere als langweilig. Weißt du noch, sagte Cliff, wie ich dir auf dem Gipfel des Mont Dieu zu Hilfe gekommen bin. Du hattest dich auf den Arsch gesetzt und beide Ski verloren, weißt du noch. Und …
Und du hast dich zu mir gesetzt und dein Studentenfutter mit mir geteilt.
Ja. Das waren Zeiten.
Diese Geschichte kannte ich. Wie er ihr zu Hilfe kam, ihre Ski zurückholte und sagte, er sei aus Boring, Oregon. Aber keine Angst, so langweilig bin ich gar nicht, sagte er.
Wohl wahr.
Und als sie wieder im Tal waren, hatte sie ihn Madame Mourou vorgestellt, die sich über den Namen Cliff wunderte. Ein Name wie aus Reich und schön, hatte sie gesagt, wobei es sich um eine Seifenoper handelte, die sie mit höchster Inbrunst und tiefster Verachtung verfolgte.
Worauf Audrey erwidert hatte: Er ist vielleicht nicht reich, aber schön. Und sie hatte Cliff in ihr Zimmer geschmuggelt, das direkt über einer Kneipe lag, die sich Pauvre Jean-Jacques! nannte, nach einem berühmten französischen Philosophen, der als Sensibelchen galt und zum Jammern neigte. Sie schmuggelte ihn in ihr Zimmer, die Musik aus dem Pauvre Jean-Jacques! drang durch den Fußboden herauf, und sie tanzten, bis ihnen die Kleider vom Leibe fielen, und sie sagte Sachen wie: Mann, bist du gut gebaut.
Außerdem konnte Cliff die Treppe hinunterfallen, ohne sich wehzutun. Er nannte das den Wasserfall. Das sei ein klassischer Stunt, erklärte er ihr. Ein Stuntman müsse fallen können, ohne sich wehzutun.
Ja, aber wenn man auf einen Berg steigt und herunterfällt, dann ist der Ofen aus. Und wenn man von einer Lawine verschüttet wird, ist der Ofen auch aus, Stuntman hin oder her.
 
Jetzt küsste er sie. Und ich hätte mich am liebsten verdrückt, damit sie ungestört sein konnten, aber das ging leider nicht. Ich hockte rittlings auf dem Handlauf. Mein Brustpanzer schmiegte sich an das Holz, und meine Füße hingen in der Luft.
Cliffs Bruder Ridge hatte mich mit Hallo, Kröte begrüßt, worauf Audrey einwand, ich sei erstens kein Frosch und lebe zweitens nicht im Wasser, was sich schon daran erkennen ließe, dass ich keine Flossen hätte, sondern Füße. Und ihn folgendermaßen korrigierte: Eine Kröte verhält sich zu einer Schildkröte wie eine Meerjungfrau zu mir.
Das schmerzte. Ein wenig.
Mir blieb nichts anderes übrig, als diskret wegzusehen und den Mond mit seinen verfluchten Skihügeln anzustarren.
Cliffs Bruder Ridge steckte den Kopf durch die Tür und sagte: Die Anfangsszene ist vorbei. Das Kamel ist angekommen.
 
Erster Weihnachtsfeiertag, und ich sitze mit geballten Fäusten auf der Vortreppe des Obacht-Gebäudes. Der Wind schlägt mir buchstäblich ins Gesicht. Herrgott, ich könnte ihn nach Strich und Faden vermöbeln, den Trottel, der den Campus ausgerechnet so gestaltet hat, dass der Wind mühelos Orkangeschwindigkeit erreicht. Meine Augen tränen, und mein Gerstenkorn juckt.
Da kommt der Lada.
Verlaine bleibt noch einen Moment sitzen und starrt mich durch die Windschutzscheibe an. Ich winke.
Sie hat natürlich keine Jacke an.
Guten Morgen, sage ich, als sie die Treppe heraufkommt.
Sie wirft mir einen finsteren Blick zu. Non.
Bitte. Ich rappele mich hoch.
Sie schließt die Tür auf. Ich bin doch kein Museumsführer.
Und was war vergangene Weihnacht. Von der vorvergangenen ganz zu schweigen. Bist du sauer, weil ich einfach aufgelegt habe.
Non.
Ich möchte doch nur rasch einen Blick in Dr. O’Leerys Folterkammer werfen, damit ich ihn von meiner Liste streichen kann.
Ich folge ihr hinein. Sie wendet den Kopf und schaut mich an. Du siehst besser aus, sagt sie.
Wirklich. Ich streiche mir durch den Pony.
Aber du klingst genau so détraquée wie immer.
Détraquée.
Neben der Spur.
Ja, ich weiß. Ich folge ihr einen Gang entlang. Ich brauche bloß dreißig Sekunden.
Wenn Wedge in O’Leerys Labor wäre, hätte ich das längst gemerkt.
Hast du denn nachgesehen.
Bien sûr habe ich nachgesehen.
Vielleicht nicht gründlich genug.
Wie ich aus eigener Anschauung weiß, schenkt Verlaine den Tieren in ihrer Obhut keine allzu große Beachtung. Sie achtet lediglich darauf, dass sie ausreichend Trinkwasser, Trockenfutter und Sägespäne bekommen.
Wir kommen zu einer Tür, die Verlaines Fingerabdruck scannt. Hoi, das ist neu. Aber sind diese Sicherheitsvorkehrungen nicht ein klein bisschen übertrieben.
Mit Sicherheit nicht.
Hm. Sie hat nicht gesagt, dass ich hier draußen stehen bleiben soll. Also folge ich ihr. Wir kommen am Labor von meinem Dad vorbei. Sein Name steht noch an der Tür.
Dreißig Sekunden, sagt Verlaine und schließt Dr. O’Leerys Labor auf.
 
Die Mäuse in Dr. O’Leerys Labor haben ein gebrochenes Rückgrat. Ich gehe an den Käfigen entlang. Trotz ihres gebrochenen Rückgrats sind die Mäuse lebendig. Sie ziehen ihren gelähmten Unterkörper nach.
Ein leises Mäuseschluchzen steigt mir in die Kehle. Was wird denn hier erforscht.
Ich habe dir doch gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist.
Ich dachte, Dr. O’Leery ist Psychologe.
Keine Ahnung, was der Kerl hier treibt. Pass auf, Audray. Wenn du tatsächlich davon überzeugt wärst, dass Wedge hier ist, hättest du schon vor fünf Tagen die Tür eingetreten. Er ist aber nicht hier. Also gehen wir.
Die Mäuse haben alphanumerische Codes an den Ohren, wie Autokennzeichen. Keine einfachen Nummern.
Wie wird ihnen das Rückgrat gebrochen.
Keine Antwort. Sie hält die Tür auf. Und ihre dicken Arme fest verschränkt. Okay. Weiter im Text. Wer tätowiert ihnen die Ohren. Du, nicht wahr.
Wie bitte.
Wie viele Mäuseohren hast du tätowiert.
Tätowieren kann man das nicht unbedingt nennen.
Wie viele.
Sie macht das Licht aus. Über die Jahre, keine Ahnung. Unendlich viele.
 
Was habe ich da drinnen eigentlich erwartet. Ich weiß auch nicht. Wenn schon nicht Wedge, dann vielleicht ein Bild von meinem Dad, das als Dartscheibe herhalten muss. Irgendetwas. Vor der Tür des Labors von meinem Dad bleibe ich stehen. Darf ich.
Verlaine zögert einen Augenblick. Dann zieht sie den Schlüssel aus der Tasche.
Es ist leer, aber es riecht regelrecht nach Hirnschmalz. He. Das Blumenkohlgehirn! Es ist ein Mensch, dieses Gehirn. Mein Gehirn kann diesen Gedanken immer noch nicht fassen. Was wird eigentlich aus Mr. Blumenkohl. Wird er ein neues Zuhause finden. Ich nehme ihn aus dem Regal.
Nicht, Audray. Das ist giftig.
Ich würde es gern mitnehmen.
Sie setzt sich auf den Stuhl von meinem Dad. Also darum das ganze Theater.
Welches Theater.
Warum hast du nicht gleich gesagt, dass du dir das Labor deines Vaters ansehen willst.
Weil ich gar nicht wusste, dass ich es mir ansehen will.
Du kannst das Gehirn nicht mitnehmen. Geschweige denn behalten. Aber du kannst es besuchen.
Die Vorstellung, ein Gehirn zu besuchen, bringt mich zum Lachen.
Sie mustert mich.
Was ist.
Wie sagt ihr noch gleich für œillères, sagt sie. Wenn man … Sie wölbt die Hände um die Augen.
Scheuklappen.
Ja. Scheuklappen.
Ich wende mich von ihr ab.
Ich habe mit meiner Tante gesprochen, sagt sie. Sie hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich dich über Weihnachten alleingelassen habe.
Ich war nicht allein.
Non.
Non. Erinnerst du dich an den Weihnachtslichterkettenerfinder.
Der junge Mann, der deinen Vater sprechen wollte. Bitte stell das Gehirn zurück, Audray.
Gleich.
Du hast Weihnachten mit einem Weihnachtslichterkettenerfinder verbracht.
Mit wem könnte man Weihnachten besser verbringen.
In der Tat.
Ich betrachte das Gehirn von allen Seiten. Wo ist die Medulla oblongata. Wo.
Verlaine klopft sich auf die Schenkel. Na schön, sagt sie. Allons-y.
Ich hätte da noch eine Frage.
Sie steht in der Tür und hat die Hand schon am Lichtschalter.
Onkel Thoby hat gesagt, du warst im Krankenhaus.
Sie lässt die Hand sinken. Am besten gar nicht hinsehen.
Meine Frage lautet: Hast du eine bewegende Rede gehalten. Am Bett von meinem Dad.
Eine bewegende Rede.
Hast du mit ihm gesprochen.
Schon möglich.
Über mich.
Non.
Hast du insgeheim über mich gesprochen.
Wie soll ich das verstehen.
Hast du insgeheim über mich gesprochen und nur so getan, als ob nicht.
Non.
Insgeheim. Ich werfe ihr einen verstohlenen Blick zu.
Keine Antwort.
Ich meine ja nur. Vielleicht hätte er die Augen geöffnet, wenn du über mich gesprochen hättest.
Er hat sie aber nicht geöffnet.
Aber du hast es versucht.
Ich habe es versucht.
Ich nicke. Ich stelle das Gehirn ins Regal zurück. Auf dem Weg nach draußen sehe ich, dass die Stoppuhr von meinem Dad am Kleiderständer hängt. Sie ist bei 10:02:48 stehengeblieben. Mein Dad hat bei 10:02:48 die Stopptaste gedrückt. Kann ich die mitnehmen. Und behalten, frage ich.
Die kannst du behalten, ja.
 
Im Civil Manor liegt Judd mit den Armen über der Decke im Bett und schläft. Ich lege mich auf ihn. Seine Arme umschließen mich wie eine Mauer. Draußen lässt der Wind nach.
Hast du ihn gefunden.
Nein.
Das lässt doch hoffen.
Ich nicke an seinem Hals.
Die Stoppuhr piekst. Was ist denn das, fragt er.
Ich ziehe sie heraus. Die Uhr läuft wieder. Ein Verdächtiger weniger, sage ich.
 
Ich treffe mich im Snark, der Cafeteria des Fachbereichs, mit Patience zum Mittagessen und frage sie nach dem Humouse House und Leonel de Tigrel. Ob sie je davon gehört habe.
Sie verdreht die Augen. Hör mir bloß auf.
Also ja.
Nein. Aber die Namen sind schon schlimm genug.
Ich teile ihr mit, dass Wedge, die kostbare Hausmaus meiner Kindheit, verschwunden ist. Und wenn ich kostbar sage, meine ich kostbar. Zwei Millionen Dollar, wenn nicht mehr. Ich hebe die Augenbraue, als ob ich sagen wollte: Bist du sicher, dass du mir nichts zu beichten hast.
Sie sitzt mir im Schneidersitz gegenüber und hört mich an. Die Sessel sind riesig und aus Leder. Sie will wissen, ob ich schon einmal vom Victim Impact Statement gehört hätte.
Nein. Was ist das.
Eine Stellungnahme vor Gericht, bei der das Opfer einer Straftat Gelegenheit erhält, die Konsequenzen sozusagen aus erster Hand zu schildern.
Ich bin noch immer so sehr auf Wedge fixiert, dass ich denke, es gehe um ihn.
Es kann vielleicht nicht schaden, wenn du ein solches Statement aufsetzt.
Da wird mir klar, dass sie von meinem Dad spricht. Und den Leuten, die ihn niedergemäht haben. Und von mir.
Letzten Endes musst du irgendwie damit fertigwerden.
Ich nicke. Ich überfliege meine Liste von Verdächtigen. Letzten Endes, sage ich, brauche ich die E-Mail-Adressen der Studenten von meinem Dad.
023
 
Mein Dad sagte immer, ich sei chalant. Ein verlorengegangener Positiv. Nonchalance, sagte er, sei die Gleichgültigkeit gegenüber dem Rätselhaften und Geheimnisvollen. Und damit eine der schlimmsten Eigenschaften, die ein Mensch überhaupt haben könne. Also lass dir deine Chalance nicht nehmen.
Je nun. Patience ist reichlich nonchalant. Aber davon lasse ich mich nicht beirren. Gleichgültig gegenüber dem Rätselhaften und Geheimnisvollen ist so ziemlich das Letzte, was ich bin.
Noch am selben Nachmittag schicke ich sämtlichen Studenten auf der Liste eine E-Mail. Betreff: C’est-difficile-Epidemie
Hiermit möchte ich Euch darauf aufmerksam ma-
chen, dass das antibiotikaresistente Superbakte-
rium C’est difficile derzeit unter den Versuchsna-
getieren im Raum St. John’s zirkuliert. Falls Ihr in
den vergangenen sieben Tagen mit einem Versuchs-
tier (Haustiere inbegriffen) in Kontakt gekommen
seid, möchte ich Euch bitten, morgen früh um 10
zur ambulanten Behandlung beim Studentischen
Gesundheitsdienst vorstellig zu werden.
Schönen Gruß,
Denise Cavalier-Smith
Beauftragte für Studentengesundheit
Ich reibe mir die Hände. Was für eine clevere kleine Mausefalle. Mon Dieu, que c’est facile!
Bis die erste Antwort eintrudelt. Und dann noch eine. Und noch eine.
Es heißt C. difficile, du Schwachkopf.
So kann es kommen, wenn die Verdächtigen einen höheren IQ haben als man selbst.
Dessen ungeachtet warte ich am nächsten Morgen vor dem Studentischen Gesundheitsdienst, in der Hoffnung, dass vielleicht doch jemand aufkreuzt, der das Handtuch wirft und ein Geständnis ablegt: Ich war’s. Ich habe deinen Dad geliebt und wollte seine Maus haben. Ich kümmere mich liebevoll um sie.
Das glaube ich dir. Trotzdem kannst du sie nicht behalten.
Ich warte und warte, aber niemand kommt.
 
Mon Dieu, que c’est facile, die Namen der Leute zu ermitteln, die meinen Dad auf dem Gewissen haben. Ich frage Jim Ryan, und er verrät sie mir. Er wusste von Anfang an Bescheid. Er hat diese Information seit der Kollision für sich behalten. Als er von der Sache mit meinem Dad erfuhr, rief er als Erstes einen seiner alten Kollegen von der Stab an.
Die Namen: Gill und Tina Tilley.
Ich brauche sie für das Victim Impact Statement, erkläre ich. Betonung auf Impact. Impakt. Aufprall. Kollision. Mit allen Konsequenzen.
Hältst du das für eine gute Idee.
Keine Sorge.
Und so finden Judd und ich uns bald darauf im Garten der Tilleys in Mount Paler wieder. Wir schaukeln auf ihrer Schaukel und warten darauf, dass sie nach Hause kommen.
Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie zu Hause sind.
Während wir warten, lese ich Judd mein Victim Impact Statement vor. Er weint.
Ich springe auf und halte seine Schaukel an. O nein. Das wollte ich nicht.
Das wird sie umbringen, sagt Judd, und wischt sich mit seinem blauen Fäustling die Tränen aus den Augen.
Genau das soll es auch. Nur zum Weinen bringen sollte es dich nicht. Ich schlinge die Arme um seinen Kopf. Er wehrt sich nicht.
In meinem VIS steht, dass mein Dad Weihnachten und Wahlen liebte. Und dass die Tilleys nicht nur meinem Dad das Leben und sein demokratisch verbrieftes Wahlrecht genommen, sondern die gesamte Menschheit ihrer potenziellen Unsterblichkeit beraubt haben, weil Walter Flowers ein bahnbrechender Wissenschaftler war, der so kurz (was ich an dieser Stelle mit Daumen und Zeigefinger zu veranschaulichen gedenke) davorstand, uns allen ewiges Leben zu schenken, abgesehen von Unfällen und Mord (anklagender Blick zu Gill Tilley, der am Steuer saß).
Das mit der Unsterblichkeit ist vielleicht ein bisschen übertrieben, sage ich zu Judd und falte das Statement zusammen.
Es wird langsam dunkel. Wir stapfen durch den Schnee zu einem Hinterfenster ohne Gardinen. Judd hebt mich hoch. Durch eine offene Tür kann ich den Baum sehen.
Hat er eine Delle.
Das ganze Lametta an seiner Mordwaffe würde meinem Dad bestimmt nicht gefallen. Heiliger Strohsack. Ich muss lachen.
Judd lässt mich herunter.
Ich drehe mich um und lehne mich gegen die Hauswand. Ich lache mich fast kaputt. Judd hält mir mit einem Fäustling den Mund zu. In der Einfahrt hält ein Auto.
Eine Frau ruft: Reenie, bring deine Dora rein.
Ein kleines Mädchen mit baumelnden Fäustlingen und Korkenzieherlocken kommt um die Ecke. Zuerst sieht sie die Fußspuren im Schnee. Die schnurstracks zu ihrer Schaukel führen. Eigentlich hatte sie vor dem Abendessen noch rasch ein wenig schaukeln wollen. Jetzt wendet sie den Kopf. Langsam. Judd winkt ihr mit der Hand, die nicht auf meinem Mund liegt. Reenie (kurz für was, Sabrina, Marina, Irena) Tilleys Augen werden immer größer, und ich weiß, dass ich ein VIS, das aus ihrem lamettageschmückten Weihnachtsbaum einen Totschläger macht, an dem Haare, Hirn und Knochensplitter kleben, nicht werde verlesen können. So weit reicht mein Mut denn doch nicht.
Sie schreit.
Mir sinkt das Herz in die Kniekehlen. Judd lässt die Hand sinken. Gill Tilley kommt um die Ecke gerannt.
Er sieht nicht wie ein Mörder aus. Kein bisschen.
Hallo, sage ich.
Hallo.
Sein Blick verrät keinerlei Misstrauen. Er verzieht den Mund zu einem konfusen Grinsen, das eher Willkommen in meinem Garten zu bedeuten scheint als Wer, zum Teufel, seid ihr, potenzielle Einbrecher.
Wir haben nur Ihre rosa Außenwandverkleidung bewundert, sagt Judd.
Gill sieht an seinem Haus empor.
 
Ich wollte, ich hätte nicht an das Wort Hirn gedacht. Denn in meiner Fantasie ist der Baum jetzt über und über damit behängt. Was natürlich gar nicht sein kann. Der Baum hat meinem Dad nicht den Schädel gespalten. Oder doch. Und will ich das überhaupt wissen.
Nein.
Es ist vermutlich nicht einmal derselbe Baum. Die Tilleys würden einen Baum, der einen Menschen erschlagen hat, niemals behalten oder gar schmücken. Sie würde die neue Dora-Puppe ihrer Tochter niemals unter einen solchen Baum legen. So pervers sind sie nicht. Herrgott, das sieht man doch schon an der Frisur des Mädchens.
Wir steigen in den Van.
Das war komplette Zeitverschwendung, sage ich.
Nein, das finde ich nicht.
Ich knülle mein Victim Impact Statement zusammen.
Das Dumme ist: Wenn man einmal angefangen hat, Detektiv zu spielen, kann man nur schwer wieder damit aufhören. Ich sehe aus dem Fenster, und da, in der Einfahrt der Tilleys, steht der Pick-up Truck. Ich bin an ihm vorbeigelaufen, ohne ihn zu bemerken. Moment mal, sage ich zu Judd.
Der Truck ist ein alter Ford. Marineblau mit rechteckigen Scheinwerfern. Ich umrunde ihn einmal und gehe dann zum Van zurück.
Okay, fragt Judd.
Okay.
 
Wir sind gerade auf der Harbour Arterial, als ich sage: Müsste er nicht eigentlich zwei Außenspiegel haben. Du hast schließlich auch zwei Außenspiegel.
Judd sieht mich fragend an.
In die Fahrbahn der Harbour Arterial sind schmale Metallstreifen eingelassen, und wenn man darüberfährt, pumpern die Reifen wie ein Herz. Ba-bam. Ba-bam.
Und wäre ein Baum, der von der Ladefläche dieses Trucks hängt, tatsächlich auf einer Höhe mit der Medulla oblongata. Ba-bam. Ich frage nur.
Kommt auf die Höhe der Medulla oblongata an, meint Judd.
Ich nicke. Ba-bam.
Soll ich umdrehen, fragt er.
Ich nicke.
 
Eigentlich habe ich etwas gegen Leute, die gleich nach Weihnachten ihre Tannenbäume entsorgen. Aber heute will ich eine Ausnahme machen. Wir fahren noch einmal durch Mount Paler, und es dauert keine Viertelstunde, bis wir einen Weihnachtsbaum gefunden haben, der bäuchlings in der Gosse liegt.
Hältst du das für eine gute Idee, sagt Judd, als wir ihn in den Van hieven. Vielleicht sollten wir erst mal darüber nachdenken, ob das wirklich eine gute Idee ist.
Ich sehe ihn an. Okay.
Und so machen wir es uns mit dem Baum im Laderaum des Vans gemütlich und denken scharf nach. Warum soll das keine gute Idee sein.
Zum Beispiel weil du damit die Grenze zwischen Ermittlung und Nachstellung des Tathergangs überschreitest.
Ich nicke. Ich überfliege meine Liste. Gestern noch lag die Zahl meiner hiesigen Verdächtigen bei null. Aber mit Gill Tilley ist sie auf eins gestiegen. Zugegeben, er ist in einem anderen Fall verdächtig. Oder doch nicht. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.
Ich falte meine Liste zusammen.
Warm genug.
Ja. Ich hole tief Luft. Riechst du den Baum.
Er riecht fantastisch.
Judd erzählt mir, dass er als kleiner Junge einmal einen Tannenbaum gerettet habe, der einen Tag nach Weihachten die Straße entlangwehte. Er wollte ihn behalten. Seine Eltern hatten nichts dagegen. Dabei sind Weihnachtsbäume, äh, eigentlich nicht koscher.
Du hast einen Tannenbaum gerettet.
Er war noch grün und lebendig, sagt er. Er hatte bloß Durst.
Hast du ihn mit Lichterketten geschmückt.
Und ob.
Ich starre zur Ladeklappe hinaus. Es ist dunkel. Das Problem ist: Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wir können natürlich noch einmal zu den Tilleys fahren, den Baum auf die Ladefläche ihres Trucks legen und uns ausmalen, wie er sich heimlich, still und leise von hinten angeschlichen hat an den Kopf von meinem Dad. Und ich kann mir den fehlenden Spiegel aus der Nähe ansehen. Und vielleicht kann Judd sich neben den Truck stellen. Seine Medulla oblongata müsste mit der von meinem Dad ungefähr auf einer Höhe liegen. Und vielleicht kommt Gill Tilley sogar aus seinem rosa Haus und muss erkennen, dass wir keine bloßen Bewunderer seiner Außenwandverkleidung sind. Ihm wird klar, was wir im Schilde führen. Und selbst wenn er dann sagt: Ja, Ihr Dad wurde nicht von einem Weihnachtsbaum, sondern von einem Außenspiegel erschlagen, oder: Er wurde von beidem erschlagen, oder: Ja, der Weihnachtsbaum lag ein wenig höher als eine Medulla oblongata, aber Ihr Dad befand sich gerade auf einer Schneewehe. Und ich hatte keine Ahnung, dass der Baum in Mordwaffenstellung von meinem Truck hing. Ich hatte keinen blassen Schimmer. Es war ein Unfall. Ein dummer Zufall. So was kommt vor.
Ich weiß.
Trotzdem komme ich der Lösung damit keinen Schritt näher.
Fahren wir nach Hause, sagt Judd.
Würdest du mir freundlicherweise erklären, was du mit »nach Hause« meinst.
Zimmer 203.
Und was ist mit dem Tannenbaum.
Den bringe ich in den Laden.
Wir können ihn ja wohl schlecht wieder auf die Straße werfen.
024
 
Alle übrigen Verdächtigen sind nicht von hier. Noch immer keine Nachricht von Onkel Thoby. Ich hole tief Luft und beschließe, Großmutter anzurufen. Was kann es schon schaden. Ich tippe die Nummer ein. Kein Klingelzeichen. Nichts. Genau wie bei Toff.
Ich lasse den Kopf hängen.
Haben Sie die Landesvorwahl gewählt, sagt eine matte Stimme.
Ich hebe den Kopf. Hallo.
Hier ist die Vermittlung.
Vermittlung. So was gibt’s noch.
Die Landesvorwahl, sagt sie. Und sie klingt entnervt, als habe sie all meine fehlgeschlagenen Versuche, in England anzurufen, mitverfolgt und zu guter Letzt das Handtuch geworfen und eingegriffen, wenn auch nicht allzu beherzt.
Ähm. Die Landesvorwahl. Eine Landesvorwahl habe ich, glaube ich, noch nie gewählt.
Das ist Ihr Problem.
Ich habe einen niedrigen IQ, sage ich.
Das tut mir leid.
 
Ich rechne eigentlich nicht damit, dass sie da ist. Uneigentlich schon. Und sie ist da. Sie klingt außer Atem, als sei sie gerade eine Treppe heraufgekommen, aber sonst scheint sie gesund und munter.
Hallo. Wer ist da. Sprechen Sie.
Was sagt man in so einem Moment. Ach, ich dachte, du stehst an der Schwelle des Todes, liegst im Koma oder doch wenigstens im Krankenhaus und legst Patiencen. Dabei bist du zu Hause. Steigst Treppen. Welch ein Glück. Ich bin ja so froh. Übrigens, wo steckt eigentlich dein ungeliebter Sohn. Der Sohn, der noch am Leben ist. Hast du ihn gesehen. Hast du Weihnachten mit ihm gefeiert.
Was hast du mit ihm gemacht.
Sie wohnt jetzt in London. Sie sieht schlecht. Und hat eine Pflegerin, die anscheinend nicht ans Telefon geht. Mein Dad hat mir irgendwann erzählt, sie habe das Cluedospielbretthaus verkaufen müssen, weil es ihr zu viel geworden sei. Wann habe ich das letzte Mal mit ihr gesprochen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. St. John’s und London haben nur selten miteinander telefoniert. Ich wollte, ich hätte mir einen Notizzettel zurechtgelegt. Damit ich mich nicht verzettele. Zu spät.
Hier ist Audrey, Großmutter.
Schweigen.
Hol erst mal tief Luft, sage ich aufmunternd.
Ich brauche nicht tief Luft zu holen.
Du klingst völlig …
Ich habe gerade einen Tisch umgeworfen.
… aus der Puste. Wie geht’s dir.
Ich lebe noch.
Ach. Schön.
Wen möchtest du sprechen. Mich ja wohl kaum.
Meine Güte.
Onkel Thoby, sage ich stockend. Ist er da. Hast du ihn gesehen.
Wen.
Oje, das hört sich gar nicht gut an.
Onkel Thoby, wiederhole ich.
Lange Pause.
Pass auf, wer auch immer du bist. Ich bin verwirrt. Ich bin alt. Ich bin zu alt, um mich daran zu erinnern, was du nicht wissen darfst.
Ähm, ja. Also, wenn du Onkel Thoby siehst, würdest du ihm dann bitte ausrichten, dass er mich anrufen soll.
Gern. Ich schreib’s mir auf.
 
Das Bett ist ungemacht. Ich krieche unter die Decke. Das muss eins der schlimmsten Gefühle aller Zeiten sein: In Jeans unter der Bettdecke zu liegen. Dann steh auf und zieh die Jeans aus. Nein.
Okay, ein noch schlimmeres Gefühl: dass mir von meiner Familie nur noch Großmutter und Toff geblieben sind. Dass die Menschen, auf die es ankommt, die ich liebe, verschwunden worden und meine einzigen Verwandten Menschen sind, die ich hasse und die mich hassen.
Ich habe das untrügliche Gefühl, dass ich mir den Kampf zwischen Toff und Onkel Thoby nicht nur eingebildet habe, sondern dass dieser Kampf tatsächlich stattgefunden und Onkel Thoby ihn verloren hat. Und dass ich das falsche Rätsel lösen wollte, das eigentliche oder die eigentlichen Rätsel meine deduktiven Detektivfähigkeiten jedoch so sehr übersteigen, dass ich sie nicht nur niemals lösen, sondern sie noch nicht einmal als Rätsel erkennen werde, die es zu lösen gilt.
Ich bin zu alt, um mich daran zu erinnern, was du nicht wissen darfst. Ich glaub, ich spinne.
 
Ich weiß noch, wie ich eines Nachts, als Toff und Großmutter zu Besuch waren, wach wurde, und außer ihnen war niemand im Haus. Onkel Thoby war im Civil Manor. Das wusste ich. Toff lag im Keller und schlief. Großmutter schnaufte im Gästezimmer. Aber wo war mein Dad. Mein Dad war nicht in seinem Zimmer.
Ich ging nach unten.
Ich fragte Wedge: Hast du ihn gesehen.
Wedge kaute an seinen Nägeln.
Ich holte eine Taschenlampe aus dem Küchenschrank und schlich die Kellertreppe hinunter. Ich hörte Toffs albernes Geschnarche. Ich ließ den Strahl der Taschenlampe durchs Zimmer wandern. An den Wänden hingen gleich fünf RAUCHEN-VERBOTEN-Schilder. Meiner Wenigkeit sei Dank.
Damals war der Keller noch kein Flugzeug. Höchstens ein Flugzeugembryo.
Ich leuchtete Toff ins Gesicht. Er schlief auf dem Rücken, und sein Bart lag über der Decke. Igitt.
Keine Spur von meinem Dad.
Ich ging in sein Zimmer. Ich sah unter dem Bett nach. Allmählich kriegte ich es mit der Angst. Ich weinte in den Heizungsschlitz. Wo war er.
Wo bist du.
Ich ging wieder in mein Zimmer und kroch ins Bett. Es roch immer noch nach dem Lysol, mit dem ich den Toffgestank beseitigt hatte. Ich zog mir die Decke mit den galoppierenden Pferden über den Kopf und versuchte, ans Galoppieren zu denken. Wie ich eines Tages auf Rambo dahinjagen und keiner seiner vier Hufe den Boden berühren würde. Schließlich schlief ich ein.
Am nächsten Morgen war mein Dad in der Küche und kämpfte wie üblich erfolglos mit den Kaffeefiltern.
Kannst du mal. Er zeigte auf die Packung.
Nein.
Am liebsten hätte ich ihn getreten. Stattdessen rammte ich ihm den Kopf in den Magen.
Was soll denn das.
Ich trat ihm auf den bestrumpften Fuß, und zwar fest.
Au.
Ich hatte eine Montage, in der ich ein armes Waisenkind war.
Er legte mir behutsam die Hände auf den Kopf. Ach, Schätzchen.
 
Ich rufe Verlaine an. Ich sage, ich sei bei den Leuten gewesen, die meinen Dad auf dem Gewissen haben, aber sie seien keine Mörder.
Schweigen.
Ich sage, ich sei der Lösung des Rätsels keinen Schritt näher.
Welches Rätsel, Audray.
Eben. Welches Rätsel. Der Rätsel sind so viele. Ich erzähle ihr, was Großmutter gesagt hat.
Darf ich dir einen Vorschlag machen.
Okay.
Mach dich auf die Suche.
Nach Wedge.
Nach deinem Onkel.
Du meinst, ich soll in ein Flugzeug steigen.
Ich meine, du sollst in ein Flugzeug steigen.
 
Abnach unten. Auf halber Treppe bleibe ich stehen und setze mich auf eine Stufe. Zurre meinen Pferdeschwanz ein wenig fester. Gürte meine Lenden. Und besteige tapfer das Flugzeug im Keller.
Es sieht unverändert aus. Leere Sitze. Gemalte ovale Fenster. Der Getränkewagen steht im Mittelgang. Die einzige Neuerung ist der Pilotensessel. Der neue Sessel dreht sich. Ich starre in die Ferne, wie Onkel Thoby sie sah. So viele Flugzeuge, so weit weg und doch so nah. Noli me tangere.
Ich wirbele herum und lasse den Blick über die leeren Sitzreihen schweifen. Wedge, rufe ich. Vielleicht geschieht ein Wunder, und er erscheint und kommt mit offenen Armen angerannt.
Hier spricht Ihr Pilot. Äh. Wo sind meine Passagiere. Wo seid ihr. Wedge. Onkel Thoby. Dad. Wo.
Man löst ein Rätsel nicht, indem man zu den gewonnenen Erkenntnissen immer neue hinzuaddiert. Man löst ein Rätsel, indem man das subtrahiert, was man bereits zu wissen glaubt. Man zieht eine Vermutung nach der anderen ab, bis die Wahrheit und nichts als die Wahrheit übrig bleibt. Dann stellt man noch einmal die Frage: Wo seid ihr.
Und von irgendwo kommt unverhofft ein Stimmlein her. Da drüben.
Ich öffne die Tür des Getränkewagens. Flaschen, Flaschen, überall. In jeder Schublade. Leer, kreuz und quer. Wie Kraut und Rüben durcheinander. Schenkt ein den Piratensherry.
Ach, armer, armer Onkel Thoby.
 
Irgendwo hier muss sie sein. Onkel Thoby hat gesagt, die Tasche mit den »Effekten« von meinem Dad sei hier im Keller. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Dabei sind die »Effekten« offenbar weiter nichts als das, was mein Dad zum Zeitpunkt der Kollision an- beziehungsweise bei sich hatte. Das CRYNOT-Armband war in der Tasche. In der Nacht, als ich ankam, musste Onkel Thoby das Armband aus der Tasche kramen. Warum. Damit ich Darren Lipseed anrufen und mich von ihm darüber belehren lassen konnte, dass es verschiedene Stufen des Totseins gibt.
Die Tasche mit den Effekten ist unter einem Flugzeugsitz versteckt. Verstaut. Handgebäck.
Nicht hineinschauen. Nur hineingreifen. Feucht. Die Kleider sind noch feucht. Wie kann das sein.
So lange ist es doch noch gar nicht her.
Doch.
Nein.
Ich greife ein zweites Mal hinein. Taste nach dem Portemonnaie von meinem Dad. Ist es da. Ja. Eigentlich wollten wir das längst ins Reine bringen, haben es aber nicht getan. Die Effekten sind bis heute nicht im Reinen.
Ich nehme das Portemonnaie, verstaue die Tasche und laufe durch den Mittelgang ins Bad. Ich muss mich erbrechen. Ich muss den Kopf in die Toilettenschüssel stecken und mich erbrechen. Die Stoppuhr um meinen Hals ist mir im Weg. Aus dem Weg. Ich will mich erbrechen. Oh, pardon. Endlich, nachdem ich Seife, WD-40, hektoliterweise Kaffee und Gottweißwas zu mir genommen habe, kann ich mich erbrechen.
Oder auch nicht. Wahrscheinlich würden sich die meisten Leute erbrechen, wenn sie auf eine Tasche mit den Effekten von ihrem Dad gestoßen wären. Die meisten Leute würden sich erbrechen, wenn sie das letzte noch verbliebene Stockwerk des Hauses betreten und ihren Dad darin endgültig tot gemacht hätten. Aber was ich auch zu mir genommen habe, es ist nicht erbrechbar. Vielleicht bin aber auch einfach nicht der klassische Erbrecher.
Ich setze mich auf den Badezimmerfußboden. Die Stoppuhr läuft vorwärts, wird aber früher oder später zwangsläufig wieder bei null landen und von vorn beginnen. Immer und immer wieder. Vorwärts und doch im Kreis. Jetzt habe ich die Uhr, das Armband und das Portemonnaie von meinem Dad. Ich fliege nach England. Schenk mir Mut, Flugzeug im Keller. Mut und Neugier.
Durch die offene Tür kann ich Onkel Thobys Bett sehen und darunter, unter anderem, drei Pizzakartons. Die Lichterketten Modell D-434. Wieder ein Rätsel gelöst.
Das Bett sieht aus wie ein Bett, in dem schon lange niemand mehr geschlafen hat. Und ich frage mich, ob er vielleicht hier unten im Flugzeug saß und nicht geschlafen hat, während ich am Küchentisch saß und nicht geschlafen habe.
Ach, armer, armer Onkel Thoby.
Subtrahiere, was du zu wissen glaubst.
Ich rappele mich hoch. Neben dem Bett steht ein gerahmtes Foto von meinem Dad. Die Qualität ist nicht besonders gut. Es ist ein Polaroid. In dem Rahmen steckt ein ovales Passepartout, aus dem sein Gesicht hervorschaut wie aus einem Flugzeugfenster. Das Oval scheint meinem Dad ganz und gar nicht zu behagen. Trotzdem sieht er mich liebevoll an. Weil ich das Foto gemacht habe. Das weiß ich genau. Er liest. Am unteren Rand des Ovals schimmert das Weiß der Seiten.
Wann habe ich dieses Bild geknipst.
Mit der Kamera habe ich unendlich viele Fotos geschossen. Eine Zeit lang gab es für mich nichts Schöneres als Polaroids.
Wo ist er. Ich versuche, über die Grenzen des Ovals hinauszublicken. Das Foto steht seit Jahren hier, und ich habe noch nie über die Grenzen des Ovals hinausgeblickt.
Eins ist mir inzwischen klar: Man kann ein Bild aus einem Rahmen nehmen. Als Kind hätte ich das nicht gewagt. Befand sich ein Bild einmal hinter Glas, war es dort zu Hause. Um es herauszuholen, musste man dem Foto in den Rücken fallen. Und das war nicht ganz einfach. Denn am Rücken des Fotos gab es einen Mechanismus, und wie funktionierte der. Dazu war ich nicht intelligent genug. Ich hätte natürlich, wie beim Zauberwürfel, eine Waffe zu Hilfe nehmen und das Ding aufstemmen können. Aber während ich dem Zauberwürfel ohne Zögern mit einer Waffe zu Leibe rückte, mochte ich meinem Dad oder Onkel Thoby das nicht antun.
Wie albern. Eine Waffe ist doch gar nicht nötig. Ja, jeder Rahmen ist anders. Manche sind mit Samt überzogen und haben drehbare Verschlussclips. Andere wieder sind aus Pappe, mit kleinen Nägeln, die man aufbiegen muss. Aber das ist eigentlich alles kein Problem. So difficile ist ein Rahmen nun auch wieder nicht.
Wenn Sie die Rückseite entfernt haben, werden Sie vermutlich eine Schicht aus anderem Material vorfinden, bevor Sie an das Bild gelangen. Wellpappe, zum Beispiel, oder hauchdünnen Schaumstoff. Das Hochglanzfoto eines gelben Labradors, das ab Werk im Rahmen steckte. Oder ein zusammengefaltetes Stück Papier, das auf einer Seite bedruckt und auf der anderen mit einer groben Lageskizze des Wednesday Pond versehen ist, mit einem Pfeil, der auf Ihr Haus zeigt. Und einer Notiz in Ihrer krakeligen Kinderschrift. Bitte nicht abstürzen. Bitte schreib zurück. Weil Sie wussten: Wenn jemand diese Botschaft fand, dann waren Sie noch am Leben. Waren wir noch am Leben.
025
 
Auf der Rückseite steht der Anfang eines Artikels. »Anstieg der Mortalitätsrate bei alternden Mus musculus ähnlich langsam wie beim Menschen.« Autor: Leonel de Tigrel. Nun ja, er ist einer der kleineren Autoren. Aber er ist vermutlich immer einer der Autoren, egal welchen Artikel man sich anschaut.
Weiter im Text. Ich löse das Foto vorsichtig von dem Oval. Mein Dad sitzt in einem Flugzeug.
Was mich, ehrlich gesagt, nicht weiter wundert.
Aber er sitzt nicht im Flugzeug im Keller. Die Sitze sehen anders aus. Die Sitze im Keller sind blau mit schwarzen Karos. Der Sitz auf dem Foto hat keine Karos.
Er sitzt in einem richtigen Flugzeug. Ich habe dieses Foto gemacht. Ich erinnere mich genau. Aber wie kommt es hierher. Ich habe es doch an Bord gelassen. Ich habe diesen Brief und zwei Fotos in meiner Armlehne versteckt.
Wo ist das andere Foto.
Ich gehe im Mittelgang auf und ab. Rüttele an sämtlichen Armlehnen. Nein, nein, nein. Erste Reihe, Fensterplatz. Links. Und tatsächlich. Die Armlehne lässt sich öffnen!
Wenn auch erst nach zwanzig Minuten und unter Zuhilfenahme eines Schraubenziehers.
Und siehe da, ein Geheimfach. Und es ist nicht leer. Nein, es ist etwas darin. Das andere Foto, auf dem mein Dad sich in die Kotztüte erbricht. Und Briefe. Etwa fünfzig Briefe mit einem Gummiband darum. Ich setze mich. Schnalle mich an. Und ziehe den ersten Brief heraus.
Wilfred Moss
138 Welkin Way Road
London W12 2RU
United Kingdom
 
Sehr geehrter Mr. Moss, Sie haben hoffentlich Verständnis dafür, dass ich Ihren mit »Das Flugzeug« unterzeichneten Brief an meine Tochter abgefangen habe. Welche »Botschaft« meinen Sie. Ihre Absichten sind zweifelsohne löblich. Ihre Situation hingegen scheint mir höchst bedauerlich. Soweit das Ihren Zeilen zu entnehmen ist. Wie habe ich mir Ihre Situation denn vorzustellen. Was für ein sonderbares Schreiben. Was Sie da schildern, scheint mir eine Form der Hemihypertrophie zu sein.
Verzeihen Sie einem fürsorglichen Vater, der hiermit um Erklärung bittet.
 
Walter Flowers
Ich sitze eine Zeit lang still. Dann falte ich den Brief zusammen und stecke ihn in die Armlehne zurück. Klappe sie zu. Öffne meinen Sicherheitsgurt. Schraube die Armlehne wieder fest. Das ist nicht mein Geheimfach.
Ach komm, Audrey.
Kommen. Wohin.
Hoch mit dir. Und los.