Das Häschen hatte etwas furchtbar Verletzendes.
Und auch die Trauerseife hat etwas Verletzendes. War sie in einem früheren Leben vielleicht ein Stück Irischer Frühling.
Ist dir aufgefallen, dass ich seinen Namen richtig geschrieben habe, sagt Patience. Eine Anspielung auf meinen Nachruf.
Ich nicke. Weißt du, was ich wirklich fantastisch fände, Patience. Wenn mein Dad, sobald die Worte WALTER FLOWERS IST TOT verschwunden sind, aufhören würde, tot zu sein.
Wieder tätschelt sie mir den Arm. Und wieder sagt sie: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
 
Manche Witze finde ich völlig in Ordnung, andere nicht. Das Duracell-Häschen geht nicht in Ordnung. Aber Patience ärgert sich vermutlich über den Nachruf. Genau wie Toff. Vielleicht lassen sich die Menschen, die meinen Dad geliebt haben, in zwei Kategorien einteilen: Die einen stören sich an meinem Nachruf, die anderen an dem Hasen.
Ich schwimme durch das Meer von Menschen und entdecke Onkel Thoby auf Clints Insel. Wie schön. Hier bin ich sicher. Wo ist Toff, frage ich ihn.
Er sieht sich um.
Schon gut, sage ich. Dann bleibt er eben verschollen.
Er fragt, was in der Schachtel ist. Ich zeige ihm die Trauerseife. Er macht ein verärgertes Gesicht, bis ich ihm sage, dass ich sie von Patience bekommen habe. Ah. Ja, das passt.
Das ist doch Irischer Frühling, oder.
Er schnuppert und sagt leise: Die herzhafte Frische für jeden Tag.
Clint nimmt mich in den Arm. O mein Entchen, o mein Schatz. Ich klemme unter seiner dunkelgrauen Achsel. Auf seiner Brusttasche ist ein Clint’s Cab. Clint ist ganz mollig und warm. Kann ich auch so ein Hemd haben, murmele ich.
Nur, wenn du für mich fährst. Wir stellen ein.
Seit wann bist du eigentlich Politiker, Clint.
Seit dieser Wahl.
Du willst aber doch nicht ernsthaft nach Ottawa ziehen, oder.
Die Frage wird sich wohl kaum stellen, Schätzchen.
Dabei kam heute Morgen erst eine von Clints Wahlkampfbroschüren mit der Post. Vorne drauf war ein Bild von einem Clint’s Cab, das in den Sonnenuntergang fuhr, und aus dem Fenster wehte ein langer, orangener Schal – wohin wollte dieses Taxi wohl, wenn nicht nach Ottawa.
Der Sonnenuntergang ist von hier, sagt Clint.
Trotzdem, ein komisches Bild für eine Wahlkampfbroschüre. Ich musste vorhin, auf dem Friedhof daran denken, als die Sonne schräg durch die kahlen Bäume fiel. Es war kaum zwei, und schon ging die Sonne unter. Ich muss heute ein bisschen früher weg. Alle Hände voll zu tun. Und flupp, versank sie dottergelb im Schnee.
Ich schloss die Hand um die Broschüre in meiner Tasche und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass Sonnenuntergänge einzig und allein dazu da sind, dass man in sie hineinfährt. Oder hineinstirbt.
Bevor wir zum Friedhof fuhren, schaute ich nach der Post, weil ich immer nach der Post schaue, und warum sollte das heute anders sein. Als Toff nach der Post schauen wollte, brüllte ich ihn an. Worauf Onkel Thoby zusammenzuckte und Toff vor dem Briefkasten zurückwich, als ob eine Bombe darin läge. Aber bis auf die Wahlkampfbroschüre hatten wir keine Post.
Ich klammerte mich während der gesamten Beerdigung an die Broschüre.
Mein Dad hätte Clint gewählt, und sollte Clint der Sonnenuntergang von Ottawa verwehrt bleiben, weil ihm eine Stimme fehlt, liegt das daran, dass mein Dad ihn nicht mehr wählen kann.
 
Das Loch in der Erde am besten einfach ignorieren.
Ich ignorierte das Loch in der Erde. Und schaute mir stattdessen das Gefängnis an, das an den Friedhof grenzt. Wie finde ich denn das, dass die Füße von meinem Dad bis in alle Ewigkeit auf ein Gefängnis zeigen. Hm.
Ich hatte immer angenommen, dieser Friedhof sei nur für Gefangene. Aber nein, versicherte mir Onkel Thoby, dieser Friedhof steht allen offen und liegt nur zufällig gleich neben dem Gefängnis. Ach. Und wenn die Gefangenen aus ihren Fenstern, pardon, Schlitzen gucken, sehen sie ein Stück Beerdigung. Oder ein Stück vom Veni-Vidi Lake. (Friedhof, Gefängnis und See bilden ein Dreieck.) Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich die Regatta durch ein Fenster anschauen, das so schmal ist, dass Sie nicht einmal ein ganzes Boot sehen können. Sondern immer nur eine Scheibe Boot. Ein veni-vidiwinziges Stückchen Boot.
Die armen Gefangenen. Die Rückseite des Gefängnisses ist babyblau. Ob sie wissen, dass ihr Gefängnis hinten babyblau ist.
Die Sonne ging unter, und mir lief die Nase. Da ich kein Taschentuch zur Hand hatte, musste ich mir mit der Wahlkampfbroschüre behelfen. Woraufhin mir gleich zehn Trauergäste ein Papiertaschentuch anboten. Danke, danke. Sehr freundlich.
Sie denken, ich weine.
Kann ich meinen Dad wirklich so hier liegen lassen, wo seine Füße doch bis in alle Ewigkeit auf das Gefängnis zeigen, und mit den anderen zum Leichenschmus oder wie das heißt nach Hause gehen.
Onkel Thobys orangener Handschuh legt sich auf meine Schulter.
Konzertrier dich auf die babyblaue Rückseite des Gefängnisses und die Pfeilschießschartenfenster. Was würde sonst auch durch diese Fenster passen außer einem Pfeil. Na, ein Zettel. Eine Botschaft. Und kaum habe ich Botschaft gedacht, sehe und bekomme ich auch schon eine. Ich sehe einen Zettel aus einem Fenster fallen. Der Wind erfasst ihn und trägt ihn in meine Richtung. Ich recke die Arme. Ein Zettel, ein Zettel. Doch ach, er verfängt sich im Stacheldraht auf der Dornenkrone der Gefängnismauer.
Ich laufe natürlich auf die Gefängnismauer zu. Auf die Gefängnismauer und den Zettel, der eigentlich gar kein Zettel ist. Und an den ich, selbst wenn es ein Zettel wäre, niemals herankommen würde, weil die Mauer fünf Mann hoch ist. Ich laufe zur Mauer, und mein Schatten ist so lang, dass er bis zum Zettel reicht, ich selber bin es leider nicht. Trotzdem hüpfe ich wie eine Ballerina in die Höhe. Ein Zettel, ein Zettel.
Da trifft mich die Erkenntnis. Es ist die Verpackung eines Piety-Törtchens. Früher mochte ich Piety-Törtchen für mein Leben gern. Zehn Jahre lang habe ich in der GOLEM-Cafeteria täglich eins gegessen.
Eine Botschaft ist mir nicht vergönnt.
 
Ich stehe am Fenster, einer Insel ganz für mich allein, als ein Auto, das mir irgendwie bekannt vorkommt, in Jim Ryans Einfahrt hält. Ein klobiger kleiner Lada (der Motor läuft noch!), und wer springt heraus. Verlaine. Wahnsinn. Sie parkt ohne Erlaubnis auf Jim Ryans Hörnchen. Und hat keinen Mantel an.
Sie trabt gemächlich über den Rasen.
Ich laufe zur Tür, um sie zu begrüßen. Sie drückt mich. Mit bloßen Armen. Haare zerzaust und auf der Hut. Audray. Sie küsst mich à la Suisse. Rechte Wange, linke Wange, rechte Wange.
Ich glaube, die Schweizer küssen sich nur deshalb so, weil sie den Blickkontakt mit dem Neuankömmling möglichst lange hinauszögern möchten.
Sie sagt, sie habe es nicht zur Beerdigung geschafft, weil es im Obacht-Gebäude zu einer Taubenkrise gekommen sei, die ihre unbedingte Aufmerksamkeit erforderte.
Sie schaut mich immer noch nicht an.
Taubenkrise.
Sie trägt ein weißes Polohemd mit einem schwarzen Pferd auf der Brust. Auf fast allen ihren Hemden sind Pferde. Sie kauft sie extra wegen der Pferde. Aber wenn man sie fragt, wer Ralph Lauren ist, hat sie keine Ahnung.
Du siehst müde aus, sagt sie.
Jetzt schaut sie mich an. Na also, geht doch.
Im Wohnzimmer drängeln wir uns zu Wedges Terrarium vor.
Ah, da ist es ja, sagt sie. Mein kleines Sandwich. Mein kleiner Sand-Wedge. Sie tätschelt sich den Bauch. Ich könnte ein Häppchen zu essen vertragen, Audray.
Der Witz ist uralt.
Apropos Witz, sagte sie. Die Biografie in der Zeitung.
Der Nachruf.
Ja, genau.
Hinter uns löst sich die Schlange auf. Wir haben nämlich nicht vor, unseren Platz zu räumen. Wedge wendet den Kopf und sieht mich an, als ob er sagen wollte: Was soll der Quatsch.
Verlaine gratuliert mir zu dem Nachruf. Daumen hoch. Steckst du dahinter, fragt sie.
Ja und nein.
Oui ou non.
Oui.
Walter hätte das bestimmt gefallen.
Jim Ryan (Gehört Ihnen die bezaubernde russische Antiquität in meiner Einfahrt), Byrne Doyle, Dr. O’Leery und ein Fremder gesellen sich zu uns an den Kaminsims. He, sucht euch eine eigene Insel.
Dr. O’Leery bewundert Wedges glänzendes Fell. Womit füttern Sie ihn.
Lakritz.
Großes Gelächter.
Im Ernst.
Byrne Doyle will wissen, was eigentlich aus der Kugel geworden sei, in der Wedge immer durch die Gegend kullerte. Ob ich noch wisse, wie Wedge in seiner Kugel auf die Straße gekullert sei und er, Byrne, ihn vor Jim Ryan habe in Sicherheit bringen müssen, als der im Affenzahn (und vorwärts, ja) aus seiner Einfahrt geschossen kam.
Sie muss hier irgendwo sein. Wir haben sie immer Wedges Kristallkugel genannt.
Ladas werden natürlich nicht mehr gebaut, sagt Verlaine. Und die Amerikaner wissen gar nicht, dass es diese Marke jemals gab. Jeder Amerikaner würde das rundweg bestreiten.
Dr. O’Leery sagt, er arbeite jetzt auch mit Mäusen. Wobei mir, ehrlich gesagt, nicht ganz wohl ist. Er steckt einen Finger durch das Gitterdach von Wedges Terrarium.
Ähm. Würden Sie das bitte lassen.
Mein Dad war kein Fan von Dr. O’Leery. Im Gegenteil. Er war mit dafür verantwortlich, dass Dr. O’Leery ein »verlängertes Sabbatical« einlegen musste. Also was will der Kerl hier.
Mit Mäusen und, äh, Rhomben, oder wie.
Er starrt mich verständnislos an.
Denn wenn mich nicht alles täuscht, ging es bei einem von Dr. O’Leerys Experimenten darum, Katzen mit Hilfe von Kreisen Elektroschocks zu verpassen (angeblich um einen psychologischen und nicht etwa einen geometrischen Beweis zu führen), und mein Dad hatte deshalb eine Beschwerde eingereicht.
Wie gesagt, mir ist bei der Sache nicht ganz wohl.
Der Fremde sagt: Und diese Maus war das Haustier Ihres Vaters.
Er spricht mit Akzent – Deutsch, vielleicht auch Holländisch – und hat ein großes Löwengesicht. Er trinkt aus einem Kelchglas, das ich noch nie gesehen habe.
Unser Haustier, sage ich. Wir haben die Maus schon, seit ich ein kleines Mädchen war.
Das findet er anscheinend amüsant. Er zwinkert Dr. O’Leery zu.
Was ist, sage ich.
Das Gespräch über den Lada ist im Sande verlaufen, und Verlaine sagt: Und, Audray, wo ist der Wein.
Dann sind Sie wohl sehr viel jünger, als Sie aussehen, sagt der Löwe und trinkt einen Schluck, wobei er mich mit todernstem Blick über den Rand seines Glases hinweg anstarrt.
Ich sehe zu Wedge. Warum.
Verlaine fährt dazwischen. Im Unterschied zu uns Normalsterblichen wird Audray nur alle vier Jahre ein Jahr älter. So ähnlich wie ein Pferd. Wo ist der Wein.
Sie packt mich am Ellenbogen.
Ich hatte schon sechs Mal Geburtstag, sage ich zu dem Löwen. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren.
Wie bitte.
Rechnen werden Sie ja wohl können.
Verlaine lotst mich in Richtung Küche.
Er legt seinen großen Kopf schief, kratzt sich am Ohr. Ah. Sie sind ein leapling.
 
Ein was. Hast du eine Ahnung, wer das ist.
Verlaine schleicht die Anrichte entlang. Liest Flaschenetiketten. Schüttelt den Kopf. Aber ich glaube, er ist Belgier. Was Belgier angeht, habe ich einen sechsten Sinn.
Ich nicke. Leapling klingt in der Tat wie etwas, das man in Belgien zum Frühstück verspeist.
Ich setze mich. Reibe mir die Augen. Was für ein Tag. Jeder Kontakt ein Schlagabtausch. Zack, bumm und vorbei. Und sieh mal einer an. Die Studenten sitzen auf der Veranda und rauchen.
Sieh an, da ist ja auch Toff.
Soso. Hockt mit den Studenten auf der Veranda und qualmt. Obwohl, nein, eigentlich hockt er nicht bei den Studenten. Sondern ganz allein in einer Ecke. Er hat den Kragen hochgeklappt. Das lila Halstuch flattert im Wind. Nach ein paar Tagen wirkt so ein Outfit nicht mehr extravagant. Sondern nur noch traurig.
Verlaine gießt mir einen Schluck Wein in ein Kelchglas, das ich noch nie gesehen habe. Ich schiebe es von mir. Sie stellt es mir wieder hin.
Du siehst müde aus, wiederholt sie.
Ich habe hier geschlafen.
Wo.
Am Tisch.
Warum.
Ich habe meine Gründe.
Aber heute Nacht schlafe ich vielleicht doch in meinem Zimmer. Unter meinem Baum. Plötzlich scheint alles möglich. Vielleicht akklimatisiere ich mich langsam und gewöhne mich an dieses Haus, in dem mein Dad jetzt nicht mehr lebt. Die fremden Menschen helfen mir dabei. Sie werden das Haus aller unschönen Assoziationen berauben und dann verschwinden.
Am besten gar nicht daran denken, wo mein Dad jetzt ist.
Heute Morgen hat meine Tante angerufen, sagt Verlaine. Sie lässt ihr herzliches Beileid ausrichten.
Hoppla. Madame Mourou hat angerufen. Da ist Haltung gefragt. Ich richte mich auf.
Sie hat sich nach dem Amerikaner erkundigt. Ich habe ihr gesagt, das mit dem Amerikaner ist vorbei, und du gehst nicht zurück. Stimmt doch, oder.
Ich starre auf ihr weißes Polohemd. Komisch, dass Ralph Laurens Pferde immer aussehen, als ob sie jeden Moment umkippen würden. Und einen Augenblick lang ist der einzige Amerikaner, der mir einfällt, der Winzling, der im Galopp aus ihrer Brust geritten kommt und einen Poloschläger schwingt.
 
Es klingelt an der Tür. Eigentlich ist es meine Aufgabe, die Gäste zu empfangen, aber Verlaine sagt Nein, ich mach das schon. Und so bleibe ich allein am Küchentisch zurück. Allein mit mir und Toff, der draußen vor dem Fenster steht. Die Studenten haben sich zerstreut, und er hat die spitzen Schultern bis zu seinem Halstuch hochgezogen. Warum hat er eigentlich keinen Mantel an. Ich presse die Lippen zusammen. Er tut es mir nach. Jeder Mensch hat sein ganz eigenes, ganz und gar unglückliches Lächeln. Das ist meins. Komisch nur, dass Toffs genauso aussieht. Wir schürzen die Lippen und ziehen die Augenbrauen hoch. Was kommt als Nächstes, sagen unsere Augenbrauen. Was kann jetzt überhaupt noch kommen.
Ich verzeihe dir den Nachruf, sagen die Augenbrauen. Ich verzeihe dir, dass du das Testament deines Vaters in den Brunnen des Fairfont geworfen hast. Ich verzeihe dir, dass du mich zwingst, zum Rauchen auf die Veranda zu gehen, und das bei diesem Massenvernichtungswetter. Mir geht es genauso elend wie dir.
Aber warum denn, Toff. Und warum musstest du mir vorwerfen, mich über den Namen von meinem Dad lustig gemacht und ihn auf eine bloße Medulla Oblongata auf dem Gehsteig reduziert zu haben.
Okay. Ich bitte um Entschuldigung. In aller Form. Aber warum musstest du die Beerdigung ruinieren und dich wie eine Irre gegen die Gefängnismauer werfen.
Okay. Aber warum stört dich das so sehr.
Okay. Aber warum hasst du mich.
Okay. Aber warum musstest du neulich beim Abendessen vom Civil Manor anfangen, als wäre es eine amüsante Anekdote. Als wären die Sorgen und Ängste, die mein Dad und Onkel Thoby meinetwegen ausgestanden haben, nichts weiter als eine amüsante Anekdote.
Okay. Aber warum bist du damals ausgerissen.
Weil ich Großmutter und dich gehasst habe. Und weil ich Onkel Thoby liebe.
Okay. Warte einen Augenblick, ich will mir nur rasch die vierhundertste Zigarette heute anstecken. Warum hast du uns gehasst.
 
Okay, schwelgen wir ein bisschen in unseren wenigen gemeinsamen Erinnerungen, solange Onkel Thoby in sicherer Entfernung weilt. Es gab viele Gründe, warum ich euch gehasst habe. Sehr viele sogar. Von denen ich nur eine Handvoll kenne. Aber Onkel Thoby ist euretwegen ins Hotel gezogen . Wegen dir und Großmutter und euren stets pikierten Augenbrauen. Und darum bin ich ihm heimlich gefolgt. Um ihn vor euch zu beschützen. Weil ihr ihn nach England entführen wolltet. Wo er todsicher verschwunden worden wäre. Was bedauerlicherweise zur Folge hatte, dass mein Dad vor Angst fast wahnsinnig wurde und Onkel Thoby hinterher den Vorwurf machte, mich verloren zu haben. Obwohl ich mich weder verlaufen hatte. Noch ertrunken oder gar überfahren worden war. Aber das wussten sie natürlich nicht.
Ich war in Zimmer 205 des Civil Manor eingeschlafen und wachte erst auf, als nebenan in Zimmer 203 das Telefon klingelte. Dreimal darfst du raten, wer das war. Mein Dad. Der Onkel Thoby fragen wollte: Wo ist Audrey. Aber Onkel Thoby war noch im Bebe’s, deshalb nahm niemand ab. Ich wusste, dass es mein Dad war. Ich hörte es an dem besorgten Klingeln. Ich setzte mich im Dunkeln auf. Es war schrecklich. Das Telefon klingelte und klingelte. Und ich streckte meine Fühler aus, in eine Welt, in der mein Dad sich Sorgen machte. Mein Dad war hinter der Wand und rief nach mir, und ich konnte ihm keine Antwort geben.
Also stand ich auf und stellte mich an die Wand.
Schließlich hörte es auf. Dad, sagte ich in den Heizungsschlitz. Ich wollte doch gar nicht nicht nach Hause kommen.
Da ging mir ein Licht auf. Ich hatte ja ein Telefon im Zimmer. He! Ich konnte ihn anrufen.
Aber du bist drangegangen.
Wo steckst du, sagtest du.
Im Civil Manor, sagte ich.
Dein Vater ist außer sich.
Dann gib ihn mir doch mal.
Er ist gerade zur Tür raus.
Oje.
Ich legte auf. Ich setzte mich aufs Bett. Das würde Ärger geben. Ob er wohl hierherkommen würde. Ja. Und zwar schnurstracks, auf schnellstem Wege. Er würde mit Doreen sprechen. O ja, Ihr Töchterchen war hier. Im Regenmantel, als die Dinosauriersendung lief.
Und mein Dad würde sich sehr beherrschen müssen, um nicht zu brüllen: Und wann lief die Dinosauriersendung.
Dann würde er einen Blick auf das Schlüsselbrett werfen und feststellen, dass der Schlüssel zu Zimmer 205 fehlte. Ah. Und er würde vor sich hin nicken und murmeln: Danke, Doreen.
Oder er würde zuerst am Teich nachsehen. Vielleicht war ich ja hineingefallen. Ja, er geht einmal um den Wednesday Pond herum und ruft meinen Namen. Und als ich keine Antwort gebe, springt er hinein. Die Polizei will den Teich mit Tauchern absuchen, aber siehe da, der Teich hat keinen Grund. Und mein Dad ist verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Aber wohin. Wohin führt der grundlose Teich. Ob er woanders wieder auftaucht.
Und all das nur, weil mein Dad zu Hause auf mich wartete und ich nicht kam.
Aber so war es nicht. Weil mein Dad, als in Onkel Thobys Zimmer niemand abnahm, schnurstracks und auf schnellstem Wege ins Bebe’s ging.
Das muss ein unschöner Moment gewesen sein. Den ich mir lieber nicht vorstellen möchte.
Aber ich habe sie doch nach Hause gebracht.
Ach ja. Und warum ist sie dann nicht zu Hause.
Onkel Thoby lässt seinen Billardstock sinken. Pardon, sein Queue. In Zeitlupe. Und seinen Piratensherry.
Armer Onkel Thoby.
Ich kann mir die beiden lebhaft vorstellen, ganz wacklig auf den Beinen und nur einen einzigen Gedanken im Kopf: Wo ach wo ist sie geblieben. Sie suchen die Straßen rings um den Wednesday Pond ab. Und rufen Oddly.
Ich ließ sie lange nach mir suchen. Ich sah mir eine ganze Folge Love Boat an. Das ist eine Serie, die man sich eigentlich nicht ansehen muss, weil man in dem Moment, wo die Gesichter im Lenkrad des Schiffes auftauchen, schon weiß, wer sich in wen verlieben wird. Ich sah fern und stellte mir vor, wie mein Dad und Onkel Thoby nach mir suchten. Ich vergoss die eine oder andere Träne. Dann kamen die Nachrichten, und ich machte den Fernseher aus, denn wer weiß, vielleicht kam ich ja darin vor.
Ich zerrte einen Sessel ans Fenster. Aus PIETY war PITY geworden, denn das E war ausgegangen.
Schließlich hielt der LeBaron vor dem Hotel. Mein Dad und Onkel Thoby stiegen aus.
Dad!
Er blieb schlagartig stehen. Sah zu mir herauf.
Onkel Thoby legte ihm die Hand auf die Schulter. Mein Dad schloss die Augen. Sie waren in null Komma nichts draußen auf dem Flur. Ich riss die Tür auf. Hallo.
Mein Dad schloss mich in seine Arme.
 
Als wir nach Hause kamen, spielten Großmutter und du Karten. Weißt du noch. Ich trampelte nach oben in mein Zimmer. Mein Bett stank nach Rauch, darum holte ich das Lysol-Spray aus dem Bad und desinfizierte das gesamte Zimmer (und mich versehentlich gleich mit). Dann, auf dem Weg zurück ins Bad, hörte ich von unten Großmutters Stimme. Wieder betonte sie fast jedes Wort. Ich blieb stehen.
Weißt du eigentlich, was du diesem Kind antust, hörte ich sie sagen.
Und mein Dad sagte: Nein, warum.
Ich hatte einen ekligen Geschmack im Mund (Lysol). Ich ging in mein Zimmer und machte die Tür hinter mir zu. Ich legte mich ins Bett. Meine Augen brannten.
Weißt du eigentlich, was du diesem Kind antust.
Ich wusste, worauf sie anspielte. Der andere Elternteil. Wo ist der andere Elternteil. Und du hast offenbar nicht die geringste Ahnung, was du diesem Kind antust, Walter. Normale Familien bestehen aus einem König, einer Dame und einem Buben. Und nicht aus einem Dad, einem Piraten und einem Kind, das noch nicht mal weiß, wie alt es ist.
Aber mein Dad hatte mir das ganz genau erklärt. Dass es in manchen Familien nur ein Elternteil gibt. Und in anderen zwei. Letztlich aber gehe es einzig und allein um die Frage, wer zum Elternsein bereit sei und wer nicht. Und wenn jemand nicht dazu bereit sei, könne man ihn auch nicht zwingen. Und wenn jemand dazu bereit sei, wie mein Dad, der immer schon ein Kind hatte haben wollen (und das hoffentlich auch noch wollte, obwohl ich ins Civil Manor abgehauen war und er Todesängste um mich ausgestanden hatte), oder wie Onkel Thoby, dann sollte man es ihm auch erlauben. Ob ich damit einverstanden sei.
Und wie ich damit einverstanden war.
Durch den Lysol-Tränenschleier erkannte ich, dass damit längst nicht alle einverstanden waren. Unsere englischen Gäste beispielsweise waren damit ganz und gar nicht einverstanden. Sie behandelten uns wie ein Kartenspiel. Sie mischten uns auseinander. Entzweiten uns. Umso dringender musste ich uns beschützen.
England hatte Buben, pardon, Bauern, Damen und Könige. Dafür hatten wir die Joker. Nein, wir waren die Joker. Die jenseits des Atlantiks wider alle Regeln ihr kleines Freudentänzchen aufführten.
 
Verlaine legt mir die Hand auf die Schulter. Vor der Tür steht ein junger Mann. Er möchte zu deinem Vater.
Was.
Ich habe ihm gesagt, er soll warten.
Das ist so ähnlich wie mit Onkel Thobys Stimme auf dem Hear Ye 3000. Man gibt sich der Illusion hin, dass tatsächlich er es ist, der anruft. Und geht voller Hoffnung an den Apparat. Ebenso rede ich mir ein, dass der Mann auf der Veranda, der denkt, dass mein Dad noch lebt, vielleicht wirklich eine Fahrkarte in eine andere Welt in Händen hält, eine Welt, in der mein Dad nicht tot ist. Womöglich weiß er etwas, das ich nicht weiß.
Und so gehe ich über den Flur, ganz langsam, um den entscheidenden Moment hinauszuzögern. Meine Fingerspitzen gleiten an der Wand entlang. Immer schön senkrecht halten. Er steht an der Treppe, mit dem Rücken zum Haus. Ich öffne die Fliegentür. Er dreht sich um. Knallrote Haare. Wollpullover. Stiefel wie Kanonenrohre. Auf der Straße steht ein roter Van mit eingeschalteter Warnblinkanlage.
Ich gehe auf Socken auf die Veranda hinaus.
Ich möchte zu Walter Flowers, sagt er.
Er ist dick. Ein fünfstrangiges Zopfmuster ziert seinen Pullover. Darunter wölbt sich sein mächtiger Bauch.
Ich bin seine Tochter.
Er streckt die Hand aus. Judge Julian Brown.
Judge. Sie sind Richter. Dafür ist er eigentlich viel zu jung. Nun ja, vielleicht ist er Punktrichter bei einem Skateboardwettbewerb.
Judd, verbessert er.
Ah. Judd. Ohne Dsch.
Ja.
Julian Brown.
Mit Bindestrich.
Von der Möbel-Dynastie Julian-Brown!
Dynastie würde ich das nicht unbedingt nennen, aber na ja.
Okay. Verstanden. Was kann ich für Sie tun.
Ihr Vater hat Lichterketten gekauft. Die wir nun zurückrufen. Wir würden sie gern abholen.
Auf dem blinkenden Van hinter ihm steht Christmatech. Ach, Sie sind das.
Sie haben mehrere Rückrufschreiben von uns erhalten.
Ja, das ist uns nicht entgangen. Aber ich finde, das geht über bloßen Kundenservice hinaus. Sie sind aufdringlich.
Wir nennen es lieber gewissenhaft.
Wir.
Wir würden das Modell D-434 Ihres Vaters gern gegen das Modell D-534 umtauschen.
Offensichtlich.
Die Lichterketten sind doch nicht in Gebrauch, oder, sagt er und späht über meine Schulter hinweg ins Haus.
Nein. Was ist eigentlich in diesen Lichterketten, Judd. Plutonium.
Wir einigen uns darauf, dass Judd mir das neue Modell sofort aushändigt und ich meinem Dad ausrichte, dass es wenig ratsam sei, das alte zu benutzen. Ich erkläre mich bereit, meinen Dad zu bitten, das alte Modell in Judds Filiale vorbeizubringen. Morgen. Aber jetzt passe es gerade nicht, da wir eine Party feiern, wie Judd an den vielen Autos unschwer erkennen könne, und da wolle ich meinen Dad ungern mit dieser leidigen, wenn auch dringenden Rückrufaktion behelligen. Die Gefahr halte sich allerdings in Grenzen, weil wir die Lichterketten derzeit nicht benutzten. Und die Lichterketten seien doch sicher nicht gefährlich, solange man sie nicht in die Steckdose steckt, oder.
Sie sind auch in unbenutztem Zustand nicht ganz ungefährlich.
Wir sehen uns an. Er zwinkert.
Ich lache.
Woher kennt mein Dad den Burschen bloß. Okay. Gut. Lassen wir’s erst mal draufankommen.
Judd sagt, er habe das neue Modell im Wagen.
Okay. Dann mal los.
Er marschiert die Einfahrt hinunter, und ich rufe ihm nach: Wer ist eigentlich wir.
Er dreht sich um, geht rückwärts. Tippt sich auf die Brust. Ich. Kracht gegen einen Seitenspiegel. Autsch.
Seine Haare heben sich leuchtend rot gegen den blau schimmernden Schnee ab. Der Van blinkt einen synkopierten Rhythmus.
Ich schlinge die Arme um mich. Und vollführe im Takt mit dem Van ein kleines Tänzchen. Kalt.
Schritte bringen die Dielen zum Federn. Toff kommt um die Ecke. Mit hochgeklapptem Kragen. Seine Lippen haben die gleiche Farbe wie sein Halstuch. Seiner Miene nach zu urteilen hat er es zumindest teilweise mit angehört, mein Gespräch mit dem Mann von Christmatech. Den ich in dem Glauben gelassen habe, mein Dad sei noch am Leben.
Ich versuche, mein ganz eigenes, ganz und gar unglückliches Lächeln aufzusetzen. Nur ist es weder ganz noch gar.
Toff geht an mir vorbei ins Haus.
 
In puncto Weihnachtsbeleuchtung kannte mein Dad keine Hemmungen. Trotzdem gilt es auch dabei, die eine oder andere Regel zu beachten:
Im Haus muss es dunkel sein – kein Licht in den Zimmern -, bevor man sie einschaltet. Zwei Mitglieder der Familie Flowers (Oddly und Thoby) müssen zur anderen Seite des Teiches marschieren, um zu sehen, ob sich die Beleuchtung von Wednesday Place Nummer 3 auch richtig in der Wasseroberfläche spiegelt. Mehr Licht fürs Geld. Doppelte Leistung. Et cetera.
Während sie warten, stampfen Oddly und Thoby mit den Füßen und vollführen ein kleines Tänzchen. Los jetzt, Walter, sagt Onkel Thoby. Los jetzt. Und zack. Gehen die Lichter an. Potzblitz. Uns bleibt jedes Mal die Luft weg. Auch die Beleuchtungstechnik macht von Jahr zu Jahr Fortschritte. Wissen Sie noch, als die Lichterketten aus richtigen Glühbirnen bestanden, die noch dazu unglaublich heiß wurden. Wissen Sie noch. So heiß, dass sie allen anderen Weihnachtsschmuck zum Schmelzen brachten. Dann wurden sie kleiner. Heller und stärker. Wenn eine ausging, brannten die anderen wacker weiter. Sie leuchteten wie Edelsteine. In allen Farben. Und wenn man sie in die Hand nahm, strahlten sie wie eine kleine Kirche. Sie gingen nicht in Flammen auf. Und wenn man sie sich in den Mund steckte, brachten sie die Wangen regelrecht zum Glühen. (Lass das, Audrey. Warum. Wie lautet die Regel Nummer Eins für den Umgang mit allem, was unter Strom steht. Ach ja.)
Jetzt warten die beiden Flowers auf das dritte Familienmitglied. Onkel Thoby summt das »Halleluja«. Die Ganzjahresschwäne gleiten majestätisch durch die schillernden Fluten. Schließlich hören wir Schritte. Es ist Walter. Er hält sich mit einer Hand die Augen zu, damit er das Haus nicht sehen kann, und sagt: Und.
Ach Walt.
Ja. Sprich weiter. Sag es.
Du hast dich wieder mal selbst übertroffen.
Soso. Und er lässt die Scheuklappenhand sinken und dreht sich um, um den Anblick zu genießen. Und wenn er das nicht furchtbar albern fände, würde er jetzt ein Freudentänzchen aufführen. Ja, er hat sich selbst übertroffen. Wie viel Watt es diesmal sind, verrate ich euch nicht, sagt er.
Warum.
Weil ihr vor Schreck tot umfallen würdet.
Ha.
Und die Schwäne stecken den Kopf unter Wasser und sagen: Kannst du bis auf den Grund sehen. Nein. Du. Nein.
Und Oddly sagt: Irgendwo guckt jemand in seinen Teich ohne Grund und sieht unsere Beleuchtung!
Was für ein schöner Gedanke, sagt Onkel Thoby und legt Oddly einen orangenen Handschuh auf den Kopf.
Nur dass der Teich sehr wohl einen Grund hat, sagt Walter.
Und wie erklärst du dir dann, dass er nie zufriert, Walter.
Er war durchaus schon einmal zugefroren, sagt mein Dad.
Wann, sagt Onkel Thoby.
Vor deiner Zeit.
Das ist zwar sehr lieb von dir, aber …
Was soll das heißen. Lieb von mir.
 
Judds Van kriecht davon. Ich stelle mir vor, wie das von oben aussieht. Ein rotes Rechteck in einem weißen Straßenlabyrinth. Ich fühle mich eigentlich ganz gut. Ich sitze mit einer Schachtel Lichterketten (Modell D-534) auf der Veranda. Die Schachtel könnte ein recycelter Pizzakarton sein. Als Judd sie mir gab, sagte er, er fände es komisch, dass in der ganzen Straße kein einziges Haus beleuchtet sei.
Versprechen Sie mir, dass Sie das alte Modell nicht benutzen, sagte er.
Ich presste mir die Schachtel an die Brust. Indianerehrenwort.
Stellen Sie sich vor, Sie wären Lichterkettenerfinder. Ich hebe den Deckel. In der Schachtel liegt eine zusammengerollte Schlingpflanze aus grünen Kabeln mit verheißungsvollen dunklen Knospen.
Ein dicker Mantel legt sich um meine Schultern. Ich blicke auf. Toff. Er geht wieder hinein. Ja. Ich bin noch nicht so weit, wieder hineinzugehen.
 
Verlaines Lada will nicht anspringen. Jim Ryan stampft wütend um den Wagen herum und stößt Flüche und Verwünschungen aus. Ein antikes sowjetisches Vehikel verstopft und verschandelt meine Einfahrt. Welche Farbe hatte er ursprünglich. Dunkelbeige. Und welche Farbe hat er jetzt. Dunkelbeige. Komisch, aber er rostet ja gar nicht.
Lassen Sie mich mal probieren.
Verlaine steigt aus. Jim steigt ein. Der Anlasser dreht, aber der Motor zündet nicht. Und wie es sich anhört, wird er das in naher Zukunft auch nicht tun.
Ich halte mir die Ohren zu.
Als Kind fing ich bei diesem Geräusch – dem Geräusch eines Autos, das nicht anspringen will – auf der Stelle an zu weinen. Es klang nach Schmerzen, nach Fieber, nach dem Gefühl, sich übergeben zu müssen und es nicht zu können.
Clint geht an mir vorbei die Treppe hinunter. Er sieht meine Lichterkettenschachtel und sagt: He, Christmas Boy war hier.
Ich nehme die Hände von den Ohren. Was.
Christmas Boy.
Du meinst Judd ohne Dsch. Julian-Brown mit Bindestrich.
Hast du in letzter Zeit mal meine Taxizentrale gesehen.
Heiliger. Das war er.
Ja, Gott vergelt’s ihm.
Rings um den Lada hat sich eine Menschentraube gebildet. Der Mond steht hoch und hell. Sie sehen aus, als ob sie ein Theaterstück aufführen würden. Jim Ryan kann es nicht lassen und dreht ein weiteres Mal den Zündschlüssel herum.
Schließlich kommt Mrs. Ryan aus dem Haus und kreischt: Verflixt noch mal, Jim Ryan, hör endlich auf, die Kiste zu malträtieren.
Hört hört.
Jim steigt aus. Knallt die Tür zu. Nur dass sie nicht knallt. Sondern nur ein dumpfes Ploppen von sich gibt. Er klopft dagegen. Das Ding ist ja aus Pappe, sagt er angewidert.
Clint und Onkel Thoby werfen einen fachmännischen Blick unter die Motorhaube. Clint zeigt mit dem Finger. Was haben sich die Russen dabei bloß gedacht.
Verlaine beißt sich einen Fingernagel ab und spuckt ihn in den Schnee.
Oddly, gehst du mal das Isolierband holen.
Ich lasse die Schultern hängen. Einerseits würde ich gern hingehen und den Lada trösten. Schließlich ist er ein alter Freund. Andererseits möchte ich am liebsten hier auf der Treppe sitzen bleiben. Für immer. Jedenfalls habe ich nicht die geringste Lust, das Isolierband holen zu gehen.
Ich habe keine Stiefel an, rufe ich zurück.
Onkel Thoby wendet den Kopf und wirft mir einen bösen Blick zu. Das lässt sich ändern, oder.
Wenn’s unbedingt sein muss. Mir geht’s beschissen. Ich brauche dringend einen Kaffee.
Onkel Thoby rollt gleich meterweise Isolierband ab, und ich stehe mit der Schere bei Fuß. Ich bin das Scherenmädchen.
Byrne Doyle und Clint plaudern miteinander. Haben sie also doch noch zueinandergefunden. Clint trägt eine kurze Lederjacke mit dem Schriftzug MIT PFEFFERMINZ IST CLINT’S DEIN PRINZ auf dem Rücken. Byrne Doyle trägt seine Wollzwangsjacke. Sie stehen Schulter an Schulter, so ähnlich wie ihre Plakate hinter ihnen.
Unerhört, dass sie dem armen Noel Horne ein Paar Hörner verpasst haben, was.
Auf einem Plakat in der Empire Street steht doch tatsächlich JOYEUX NOEL HORNE.
Sie kichern. Und kichern. O Gott. Byrne Doyle wischt sich eine Träne aus dem Auge.
Er kann sich wahrhaftig nicht beschweren. Wenn überhaupt, bringt ihm das ein paar Sympathiepunkte extra.
In den Umfragen liegt er jedenfalls vorn.
Horne liegt vorn.
Wieder lachen sie.
Hinter den Kulissen sagt Jim Ryan: Dieses Auto macht eine politische Aussage, die mir nicht behagt.
Verlaine sagt: Va t’en.
Pardonnez moy.
Ich spähe ins Wageninnere. Hallo, alter Freund. Welche politische Aussage machst du denn, mit dem Loch im Boden, den beiden Piety-Pie-Kartons (einer davon zur Hälfte leergefuttert) und dem Hufkratzer auf dem Rücksitz.
Das Loch wird ja immer größer, sage ich zu Verlaine.
Sie liegt in einer Schneewehe ausgestreckt. Entweder macht sie einen Schneeengel oder eine politische Aussage.
Früher dachte ich, das Loch sei Absicht. Diese tollkühnen Russen.
Während der Fahrt bitte weder Hände noch Füße durch das Loch stecken, ermahnte mich Verlaine.
Hältst du mich für bescheuert.
Ich öffne die Tür. Schnappe mir den Hufkratzer vom Rücksitz. Ich halte ihn hoch, damit ihn jeder sehen kann. Wer weiß, was das ist.
012
 
Byrne Doyle und Clint verstummen kurz und unterhalten sich dann weiter. Komisch, dass die Leute etwas, das sie nicht kennen, auch nicht sehen. Ich wette meinen letzten Dollar, dass Clint und Byrne Doyle ihr Lebtag noch keinen Hufkratzer gesehen haben. Aber sagen sie vielleicht: Welch überaus interessantes Utensil, liebe Audrey. Was ist denn das. Nein.
Aus dem Füllhorn der Weisheit hat der gute Noel jedenfalls nicht getrunken, sagt Clint.
Onkel Thoby steckt immer noch unter der Motorhaube.
Jim Ryan sagt: Ein silbernes Fragezeichen.
Ich sehe ihn an. Was sagt man dazu.
Nein, ein Hufkratzer.
Ach.
Ich lasse die Zungenspitze über meine Vorderzähne gleiten. Regel Nummer Eins des Hufkratzens. Beugen Sie sich nicht mit offenem Mund über den Huf. Singen Sie nicht O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter. Denn wenn das Pferd das Gewicht verlagert und den Huf dabei auch nur ein paar Zentimeter hebt: He, wo sind denn plötzlich meine Vorderzähne geblieben. Oha. Ich fürchte, die stecken mir im Hals.
Es ist nämlich erstaunlich leicht, die Vorderzähne zu verlieren.
Als Verlaine vor etlichen Jahren mein blutendes Zahnfleisch begutachtete, schüttelte sie den Kopf und sagte: Tja, besonders helle warst du ja noch nie.
Ich wollte eben in Tränen ausbrechen, als sie mir zuzwinkerte. Denn wir wussten schließlich beide, dass ich aus dem Füllhorn der Weisheit getrunken hatte.
 
Verlaine meint, der Lada ließe sich vielleicht starten, wenn er von ein paar stämmigen Männern, einer kräftigen jungen Frau und zwei Spitzenkandidaten angeschoben werde. Jim Ryan ist sofort einverstanden. Und wenn der Wagen partout nicht anspringen wolle, könne man ihn ja immer noch in Byrne Doyles Einfahrt schieben.
Onkel Thoby hat unter der Motorhaube Gottweißwas mit Isolierband geflickt. Jou, sagt er und nickt, als ob er sagen wollte: Meine Arbeit ist getan, hoffentlich sieht sie sich niemand aus der Nähe an. Alles Klärchen. Er knallt die Motorhaube zu.
Ich schiebe mir den Hufkratzer in die eine, die Schere in die andere Tasche. Ich bin ganz in meinem Element. Wir postieren uns wie folgt entlang der Heckstoßstange: erst Byrne Doyle, dann Clint, dann ich, dann Onkel Thoby, dann Jim Ryan. Wir wollen den Wagen in einem großen Bogen um Jims Hörnchen herum auf die Straße schieben, wobei er hoffentlich genügend Schwung kriegt. Dann schieben wir auf der Geraden weiter, und Verlaine lässt die Kupplung kommen.
Alle drängeln wie wild. Clint sagt: Kannst du in dem Schlafsack, den du einen Mantel schimpfst, überhaupt laufen.
Vielleicht ziehe ich ihn besser aus und lasse ihn hier liegen.
Ja, gute Idee.
Als wir den Wagen anschieben, sagt Jim: Gott, ist der leicht.
Er ist ja auch ziemlich bodenlos.
Kommt diese Verlaine eigentlich aus Russland, sagt Jim.
»Diese Verlaine« kann dich hören. Ihr Fenster ist offen.
Und. Kommt sie nun aus Russland oder nicht.
Warum.
Weil ich mich frage, weshalb sich jemand einen Wagen dieser Güteklasse anschafft.
Was denn für eine Güteklasse.
Na, osteuropäisch.
Jetzt reicht’s aber, Jim, sagt Onkel Thoby.
Langsam kommen wir in Fahrt. Was in der Einfahrt auch nicht allzu schwer ist. Auf der Straße ist es etwas mühsamer, auf der Straße liegt nämlich Schnee. Im Unterschied zu Jim Ryans blitzblankem Hörnchen. Wir geben alles. Wie schnell sind wir. Zehn, zwanzig, vierzig, sechzig Stundenkilometer! Nein, sechzig schafft nur ein Gepard. Höchstens zehn. Kurz hinter Byrne Doyles Haus springt der Wagen stotternd an. Wir spüren, wie er unseren Händen entgleitet. Ein fantastisches Gefühl. Verlaine steckt die Hand durchs Fenster und streckt den Daumen hoch. Am Ende der Straße biegt der Lada ab wie ein ganz normales Auto. Der Blinker blinkt. Als ob er sagen wollte: Dum-di-dum, Jim Ryans Verunglimpfungen meines Heimatlandes gehen mir an demselben Allerwertesten vorbei, den fünf Leute soeben eine stille Sackgasse entlangbugsiert haben. Und jetzt weiter im Text.
Ich bin die Letzte, die noch läuft, die Letzte, die den Wagen loslässt. Mein Gewissen regt sich. Ich wünschte, die Party wäre vorbei, aber die Leute würden noch ein wenig bleiben. Ein paar jedenfalls. Ich drehe mich um. Die anderen stehen unter einer Straßenlaterne. In seinen schlotternden Hemdsärmeln sieht Byrne Doyle aus wie ein Gespenst. Jim Ryan stützt die Hände auf die Knie, weil man dann schneller wieder zu Atem kommt. Weiß doch jeder.
Onkel Thoby strahlt. Zum ersten Mal, seit ich wieder da bin, sieht er aus wie er selbst. Seid umschlungen, Millionen, sagt er. Niemand rührt sich von der Stelle. Alle stehen da wie die Ölgötzen. Also laufe ich zu ihm und werfe mich in seine Arme.