ACHT
Langsam wurde mir das schöne Wetter unheimlich. Blank geputztes Himmelsblau, eine emsige Sonne, ein leichter Wind und angenehme vierundzwanzig Grad, und das alles seit zwei Wochen. Nicht ein einziges graues Wölkchen verirrte sich zwischen den weißen Schäfchen, und Regen konnte man sich schon kaum mehr vorstellen. Diesem hartnäckigen Wetterhoch und natürlich meiner angeschlagenen Psyche verdankte ich es, dass Adela mir ihren kleinen Schwarzen für eine Fahrt ins Vorgebirge auslieh.
Und das nach einem Streit beim Frühstück, der nicht von schlechten Eltern war. Kuno, hinter seiner Zeitung verschanzt, grummelte etwas von zwanzig Komma neun Millionen Euro, die Köln in die defizitäre Stadtsparkasse KölnBonn investierte, womit der städtische Haushalt belastet wurde.
»Des ischd alles Vetterleswirtschaft hoch drei! Wenn ich nur dran denk, dass gegen den ehemaligen Sparkassenchef die Staatsanwaltschaft wegen dem Messe-Deal ermittelt. Da ischd hin und her g'schobe worden, dass es nur so kracht! Offiziell hat mer des dann Beratervertrag g'nannt. So Leut wie der Bietmann und der Müller, die han doch ihre Bürgermeisterpöschtle nur zum Abkassieren g'nutzt. Und jetzt: zwanzig Komma neun Millionen!«
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, verstummte Kuno und demonstrierte Unbeteiligtheit, während Adela von ihrem »All-inclusive«-Abend erzählte, wo es auch um Geld gegangen war. Denn Bause plagten Bauchschmerzen wegen seiner Beteiligung. Der IT- Unternehmer hatte auf Eilerts Drängen hunderttausend Euro in die »All-inclusive«-Aktiengesellschaft investiert, zweifelte aber jetzt schon am Erfolg des Unternehmens. Zwar brummte die Filiale im Belgischen Viertel, die in der Südstadt dagegen dümpelte vor sich hin. Die in Mülheim war noch gar nicht positioniert, und überhaupt schien Bause das Projekt zu groß aufgezogen. Er wollte auf gar keinen Fall in ein Abschreibungsobjekt investieren.
Ich fand, dass Leute, die so viel Geld übrig hatten, mit Zweifeln und Bauchschmerzen und auch mit Verlusten bestraft werden durften. Unternehmerisches Risiko nannte man das.
»Wenn wenigschtens sell auch für die korrupte Politiker gelte tät! Aber die machet nur Reibach!«, unterstützte mich Kuno, bevor er wieder in seine Zeitungslektüre versank. Und Adela fand das eigentlich auch.
Eilert dagegen, so hatte ihr Betty Bause erzählt, belächelte die Bedenken ihres Gatten. Er hielt sie für Anfängerschmerzen, die sich auf dem Weg zu noch größeren Finanzgeschäften verlieren würden. Auch reich sein will gelernt sein, hatte er gesagt. Und dazu gehöre neben Risikogeschäften auch, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiere. Die eigene Putzfrau als Gast zu einer Firmenfeier einzuladen würde da nicht von großem Stilgefühl zeugen.
»Er kennt Minka nicht nur persönlich, er weiß auch, dass sie bei Bauses geputzt hat«, unterbrach ich sie. »Wieso regt er sich darüber auf, dass sie auf dieser Feier war?«
»Sehr gute Frage«, stimmte mir Adela zu, ohne diese beantworten zu können. Damit waren unsere Gemeinsamkeiten bei diesem Frühstück zu Ende. Denn als ich von Eckis Anruf erzählte, zog mir Adelas Reaktion den Boden unter den Füßen weg. Für Adela war alles, was Ecki erzählt hatte, die Wahrheit. Wie Ecki glaubte sie, dass er als Sündenbock herhalten musste. Mich hielt sie für kleinlich, weil ich ihm nicht mehr über den Weg traute und ihm meine Hilfe verweigerte. Sie regte sich darüber auf, dass ich Ecki durch meine Grobheit verschreckt hatte und er sich deshalb nicht mehr melden würde.
»Der ist doch völlig durch den Wind«, hielt sie mir vor. »Wer weiß, was der noch an Unsinn anstellt.« Und überhaupt, warum ich Ecki nicht viel mehr gefragt hatte. Wo er jetzt steckte, was er nach dem Streit mit Minka getan hatte, wo Minka danach hingegangen sein könnte und so weiter.
Ich fasste es nicht, dass meine beste Freundin sich mehr um diesen Windhund sorgte als um mich! Weil er tiefer im Dreck steckte als ich, weil es bei ihm um alles oder nichts ging, argumentierte sie. Und was war mit mir? Brach um mich herum nicht auch alles zusammen? Hatte mich der Mistkerl nicht brutal betrogen? Und ich sollte mich jetzt mit ein bisschen Händetätscheln zufriedengeben, während Ecki ihre gesamte Fürsorge geschenkt bekam?
Ich regte mich auf, Adela regte sich auf, und dabei wurden wir so laut, dass Kuno, die Zeitung wie einen Schutzschild vor sich hertragend, im Wohnzimmer Zuflucht suchte. Bestimmt hätten wir uns noch länger beharkt, wenn Bauer Schneider nicht angerufen hätte, um mir mitzuteilen, dass die Lambadas reif waren. Weil sie wohl doch merkte, wie sehr sie mich durch ihre Haltung verletzte, hatte mir Adela ihren kleinen Schwarzen angeboten. Ihr Cabrio verlieh sie eigentlich nie. Ich nahm das Friedensangebot an und fuhr mit dem schnittigen Wagen ins Vorgebirge.
Bei der Ausfahrt Brühl verließ ich die Autobahn. Montag war Ruhetag in der »Weißen Lilie«, ich musste mich also nicht hetzen. Mit den Anlagen der Godorfer Raffinerien, die rechts von mir ausfransten, ließ ich die Stadt endgültig hinter mir, denn links hinter Brühl erhoben sich schon die ersten Hügel des Vorgebirges. Viel Weite und viel Grün, so wollte ich mir den Kopf durchpusten lassen.
Der Boden in der Kölner Bucht war fruchtbar, traditionell gab es hier viele Obst- und Gemüsebauern. Vor Brühl bog ich in Richtung Berzdorf ab und fuhr in gemächlichem Tempo eine Landstraße entlang. Wegen der guten Verkehrsanbindungen und des günstigen Baulandes war die Gegend auch zum Wohnen attraktiv. Neubaugebiete, die sich wie Spinnennetze um alte Ortskerne legten oder wie trotzige Bollwerke etwas abseits davon standen, bestimmten das Bild der Dörfer. Ihren bäuerlichen Charakter hatten diese längst verloren. Ich ließ mir den Fahrtwind durch die Haare wehen, passierte Apfelplantagen und Birnenspaliere und sah in den Erdbeerplantagen die Erntehelfer im Stroh zwischen den Erdbeerreihen knien. Wie wild wucherndes Unkraut schob sich in die Obstfelder immer wieder Mais, der hier wegen irrsinniger EU-Subventionen Jahr für Jahr mehr Ackerland auffraß.
Von der zauberhaften Schönheit der Ausläufer des Schwarzwaldes, an denen ich groß wurde, war diese Landschaft weit entfernt. Keine prächtigen Weinfelder, die sich sanft ansteigend aus der Rheinebene schoben, keine Kirschbaumhügel, die die Gegend im Frühjahr in ein weißes Blütenmeer verzauberten. Dennoch hüpfte mein Herz, als ich hier im Vorgebirge den ersten Kirschbaumacker sah. Kirschbäume!
Mein Heimatdorf war ein Kirschenort, auf allen Feldern in Richtung Mösbach und Önsbach, auch auf denen in Richtung Achertal standen nichts als Kirschbäume. Bei der Ernte half jeder, der auf Leitern steigen konnte. So schön, wie das Wetter in den letzten Wochen gewesen war, ernteten sie im Badischen bestimmt schon die ersten Kirschen. In Kirschbäume zu klettern, mir den Bauch mit Kirschen vollzuschlagen, mich mit meinem Bruder im Weitspucken zu messen und zum Mittag Marthas Kirschplotzer zu essen, das alles zählte zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Martha! Wann hatte sich meine Mutter zuletzt bei mir gemeldet? Vor drei Wochen oder vor vier? Seit sie Großmutter war, schüttete Martha ihre herrische Fürsorge mehr über meinen Bruder und seine Familie aus und ließ mich im Gegenzug für längere Zeit in Ruhe. Jetzt vermisste ich sie, selbst ihre nervigen Anrufe. Oh Gott, wie mies musste es mir gehen, wenn ich Martha vermisste!
Im Augenblick jedenfalls konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mit ihr und der Familie im Feld bei der Kirschenernte zu sein. Stattdessen bog ich in den Kiesweg ab, der zum Obstbauernhof Schneider führte.
Ich parkte das Cabrio neben dem staubbedeckten Fendt-Trecker der Schneiders und lief hinüber zu der großen Halle, wo Erntehelfer Paletten mit Früchten stapelten. Schneider baute Lambadas an, eine besonders aromatische Erdbeersorte, die es auf dem Großmarkt nicht zu kaufen gab. Selbst als tiefgefrorenes Püree bewahrten diese Früchte einen wunderbaren, ganz intensiven Geschmack. Wir benutzten sie in der »Weißen Lilie« das ganze Jahr über, um daraus Fruchtsoßen oder Sorbet zu machen.
Mit einem Pfund Erdbeeren im Bauch und zehn Kilo davon im Kofferraum machte ich mich eine Stunde später auf den Rückweg. Wieder dachte ich an Ecki. Hatte Adela recht? Konnte ich meine Verletzungen hintanstellen, bis klar war, ob er Minka umgebracht hatte oder nicht? Adela war von Eckis Unschuld felsenfest überzeugt, so wie auch ich lange nicht geglaubt hatte, dass Ecki einen Mord begehen könnte. Aber je mehr ich über ihn und Minka erfuhr, desto mehr erinnerte ich mich an ein Erlebnis, dass ich bis heute erfolgreich verdrängt hatte.
Brüssel im Sommer 2002. Ich arbeitete dort im »La Maison du Cygne«, Ecki in der »Taverne du Passage«. Das sollten unsere letzten Stationen in fremden Küchen sein, bevor wir uns mit einem eigenen Restaurant selbstständig machen wollten. Der Tag, an dem diese Pläne wie ein Kartenhaus zusammenstürzten, war ein Sonntag.
Ecki und ich hatten gemeinsam frei, was in unserer Branche selten genug vorkam. Das strahlende Sommerwetter empfanden wir als i-Tüpfelchen. Wir machten, was viele Brüsseler an einem schönen Sonntag taten. Wir spazierten durch den Parc de Bruxelles, kauften uns in einer der Buden eine belgische Waffel und schlenderten dann zu dem alten Jugendstil-Pavillon in der Mitte des Parks, wo es wie jeden Sonntag »Tango avec Rashid« gab. Aus einer schmalbrüstigen Verstärkeranlage knisterten argentinische Tangoklänge, und für ein paar Euro konnte jedes Paar hoch in den Pavillon klettern und mittanzen. Rashid erklärte die Schrittfolge im Schnelldurchlauf, und dann ging es los.
»Komm, Kathi, wir probieren's«, schlug Ecki vor, klopfte sich die Puderzuckerfinger an der Hose ab, griff nach meiner Hand, und eh ich mich versah, schoben wir uns über die Tanzfläche. Eine kantige Angelegenheit, weil ich mich nicht von Ecki führen ließ und wir deshalb immer wieder aus dem Takt gerieten. Was soll's?, dachte ich. Nicht jedes Paar muss Tango tanzen können.
Mich drängte es schnell von der Bühne runter, doch Ecki nahm das Angebot von Rashids Partnerin zu einem neuen Tanz an. Als Zuschauerin sah ich nicht ohne Neid, wie sich die beiden, einander tief in die Augen blickend, im Takt wiegten. War ich eifersüchtig gewesen? Vielleicht ein bisschen, vielleicht war ich aus diesem Anlass auf dem Heimweg auf unsere Zukunftspläne zu sprechen gekommen.
»Geh, Kathi, wieso kannst nicht einmal den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Wir haben frei, das Wetter ist schön, Brüssel wunderbar. Was willst mehr?« Solche Sprüche hörte ich nicht zum ersten Mal. Unser Jahr in Brüssel war fast vorbei, Angebote für ein Lokal in Wien lagen vor, wir mussten Entscheidungen treffen.
»Geh, lass uns ein Schwarzbier im ›A Mort Subite‹ trinken«, war Eckis Antwort.
Der »plötzliche Tod« unserer Beziehung kam schnell und war furchtbar. Nach dem Schwarzbier stritten wir uns den ganzen Weg bis zu unserer kleinen Wohnung in der Rue de la Loi. Dort angekommen, nuschelte Ecki etwas von Bombay und der Sehnsucht nach fernen Ländern, und als ich nachbohrte, gestand er, dass er eine Stelle im »Taj Lands End« angenommen hatte. Eine Stelle in Bombay, wo wir seit Monaten über das gemeinsame Beisel in Wien redeten!
Weil ich ihm die Luft abschnürte, weil ich sein Leben verplante, weil ich eine dominante herrschsüchtige Frau war, weil ich immer nur die Arbeit und nie das Vergnügen sah, erklärte er trotzig. Ich war so wütend, dass ich ihm eine knallte. Und da rastete Ecki aus. Er schlug zurück, und dann prügelte er los wie ein aus dem Ruder laufender Boxer. Erst nachdem er mich gegen einen Bettpfosten geknallt und ich für einen Moment die Besinnung verloren hatte, wehrte ich mich. Irgendwie schaffte ich es, ihn vor die Tür zu drängen und hinter ihm abzusperren.
Ich spürte diese beschämende Demütigung wieder, die ich damals empfunden hatte, genau wie das Entsetzen über Eckis Gewaltausbruch.
Ein Hupen stieß mich zurück in die Gegenwart. Ein überholendes Auto drängte mich auf die rechte Fahrspur, die ich, ohne es zu merken, überfahren hatte. Ebenfalls ohne es zu merken, war ich schon wieder in Köln angelangt. Ich fuhr auf der Rheinuferstraße stadteinwärts. Meine Hände am Lenkrad zitterten, und neue Hitzewellen brandeten durch meinen Körper. Ich zwang mich, mich aufs Fahren zu konzentrieren. Rechts vor mir pflügte ein mit Containern hoch beladener Frachtkahn flussabwärts unter der Südbrücke hindurch. Links von mir überholte mich jetzt ein Gemüselaster. Sehr zum Ärger der Autofahrer hinter mir hielt ich die ganze Strecke über das vorgeschriebene Tempo fünfzig ein, selbst als ich über die Mülheimer Brücke fuhr. Ich war froh, als ich Adelas Cabrio heil vor der »Weißen Lilie« abstellte.
In der Brüsseler Horrornacht hatte Ecki tausendmal angerufen und reuige Entschuldigungen auf den AB geschluchzt. Ich rief nicht zurück und tauschte am nächsten Tag das Wohnungsschloss aus. Als er seine Klamotten abholte, hatte ich einen schwedischen Kollegen, stark wie ein alter Wikinger, als Schutzschild dabei. Ende und aus, mit einem Mann, der mich schlug, wollte ich nie mehr etwas zu schaffen haben.
Ich fuhr das Dach hoch, dann stemmte ich mich schwerfällig aus dem Auto und schaffte die Erdbeeren in die Küche. Ich wusch sie, zupfte die kleinen grünen Fruchtansätze ab und warf sie in den Mixer. Aber so beruhigend diese Alltagsarbeiten sonst wirkten, heute vertrieben sie die schmerzhaften Erinnerungen nicht. Ich hatte die Büchse der Pandora geöffnet und konnte sie nicht mehr verschließen.
Wieso hatte ich Ecki diese Ungeheuerlichkeit verziehen und danach komplett verdrängt? So genau konnte ich das gar nicht mehr sagen. Vielleicht wegen der Briefe, die aus Bombay kamen. Briefe voller Reue und Erklärungen. Briefe voller Versprechungen, so etwas nie wieder zu tun. Vielleicht weil Wunden heilten, Wut verrauchte und Sehnsucht Erinnerungen weichzeichnete? Oder schlicht aus Liebe? Ich wusste es nicht mehr, aber ich weiß noch genau, wie sehr ich mich freute, als Ecki zum ersten Mal unangemeldet aus Bombay nach Köln kam.
Außer dem schwedischen Kollegen, den ich schon lange aus den Augen verloren hatte, wusste niemand von diesem Abend. Ecki und ich sprachen nie davon, und Ecki hatte mich auch nie mehr geschlagen. Die Sache war so lange verziehen, dass ich seine finstere Seite fast vergessen hatte. Ecki, mein lässiger Ecki, dem Nonchalance ein zweiter Vorname war, konnte zum Tier werden. Und alles, was ich über ihn und Minka hörte, deutete darauf hin, dass er erneut ausgerastet war. Und dass die zarte Minka es, im Gegensatz zu mir, nicht geschafft hatte, ihn rechtzeitig vor die Tür zu setzen.
Brandt rief an, als die Erdbeeren alle schon püriert und tiefgefroren waren und ich mit Papier und Bleistift im Kühlraum stand, um die Einkaufsliste zu erstellen. Neue Woche, neuer Speiseplan.
»Ich fürchte, ich habe keine guten Neuigkeiten«, begann er, während ich den Kühlraum verließ und in die Küche zurückkehrte. Gute Neuigkeiten von Brandt hätten mich auch wirklich überrascht.
»Gerade habe ich von der Gerichtsmedizin erfahren, dass Frau Mombauer von einer Kobra gebissen wurde. Die Spurensicherung hat auf dem staubigen Boden in Mombauers Wohnung deutliche Hinweise auf eine Schlange gefunden. Aber keiner in Ihrem Haus hält Reptilien. Und Frau Mombauer wird nicht nur von Ihnen eine ausgeprägte Schlangenphobie attestiert. Es ist also davon auszugehen, dass sie das Tierchen nicht selbst gehalten hat und beim Streicheln gebissen wurde.«
»Oh Gott! Sie hat die Schlange gesehen, ist in Panik geraten und hat sich aus dem Fenster gestürzt.« Wieder stieg eine dieser Hitzewellen in mir hoch.
»Ein mögliches Szenario neben einigen anderen.« Brandt war wie immer vorsichtig. »Ich erzähle Ihnen aber aus einem anderen Grund davon. Die Monokelkobra ist sehr klein, wenn sie sich zusammenrollt, grade mal handtellergroß. So ein Tier kann sich überall verstecken und überall auftauchen. Ihr Biss ist extrem giftig und, wenn nicht schnell das richtige Gegenmittel geimpft wird, immer tödlich.«
Nicht nur die Hitzewellen meines Kapriolen schlagenden Körpers drückten mich auf einen Stuhl nieder. Eine hochgiftige Schlange irgendwo im Haus, eine Schlange, die überall auftauchen konnte, das war Horror pur.
»Feuerwehr und THW sind auf dem Weg zu Mombauers Wohnung, um nach dem Tier zu suchen. Bis die Suche erfolgreich abgeschlossen ist, werden alle Bewohner evakuiert, und Sie müssen die ›Weiße Lilie‹ schließen«, machte Brandt weiter.
»Und wie lange kann das dauern?«, stammelte ich und merkte, wie ich automatisch die Füße hochzog und meinen Blick panisch über den Küchenfußboden gleiten ließ.
»Da legen sich die Fachleute nicht fest. Es kann schnell gehen, kann aber auch sechs bis acht Wochen dauern.«
»Sechs bis acht Wochen?«, kreischte ich. »Und wer zahlt mir den Verdienstausfall?«
»Darüber können sicher die Kollegen von der Feuerwehr Auskunft geben. Auf den Halter des Tieres, wenn wir ihn ermitteln, würde ich nicht bauen. Die wenigsten Reptilienfreunde sind gut bei Kasse«, wusste Brandt. »Haben Sie eine Versicherung? Höhere Gewalt vielleicht?«
»Höhere Gewalt? Da kann ich ja gleich Konkurs anmelden.«
»Jetzt gehen Sie mal nicht vom schlimmsten Fall aus«, versuchte Brandt mich zu trösten.
Von was sollte ich denn sonst ausgehen? Von Tag zu Tag wurde meine Pechsträhne länger und mein Elend größer. Die Schlange gab mir wirklich den Rest. Ich hasste Schlangen. Mich grauste allein die Vorstellung davon.
»Es muss doch irgendwas geben, um das verdammte Viech aus seinem Versteck zu locken«, raunzte ich Brandt an. »Mäuse, Duftstoffe, feines Futter, irgendwas.«
»Die Fachleute tun ihr Möglichstes. Ich gebe Ihnen die Nummer des Einsatzleiters. Rufen Sie ihn an«, versuchte mich Brandt zu beruhigen.
Ich schloss die Augen und sah Mombauers Wohnung vor mir. Wie war die Schlange dorthin gekommen? Wenn man wie ich eine Schlangenphobie hatte, dann las man alle Horrorberichte über Reptilien. Die füllten in regelmäßigen Abständen die Seite »Vermischtes« der Zeitungen. Alligatoren in Baggerseen, Anakondas in Abwasserrohren, Pythons in Kloschüsseln, all das hatte es schon gegeben. Jedes Mal verfluchte ich die Idioten, die sich solche Viecher in ihren Wohnungen hielten und nicht auf sie aufpassen konnten. Bis zu vier Millionen Deutsche hielten sich Reptilien oder andere giftige Tiere, viele hatten keine Ahnung von fachgerechter Haltung. Über diese Zahl – vier Millionen – durfte ich gar nicht weiter nachdenken, weil ich sonst in jedem Pappkarton, den ein Sitznachbar in der Straßenbahn auf dem Schoß hielt, oder hinter der Wohnungstür jedes zweiten Nachbarn eine Schlange vermuten würde. Überall konnte so ein entwischtes Mistviech auftauchen.
Hatte die Schlange schon in irgendeinem Winkel gelauert, als Irmchen und Sabine Mombauer nach dem Testament suchten? Oder hatte sie jemand danach in die Wohnung geschafft? Aber wer? Ich dachte an die Albumbilder, die Sabine Mombauer uns gezeigt, und an das, was sie über ihren Cousin erzählt hatte. Tommi Mombauer. Ich fand, dass sich Brandt den einmal vorknöpfen sollte.
»Es gibt einen Vetter von Sabine«, erzählte ich ihm. »Der war zumindest als Kind ein großer Reptilienfreund. Es sind Bilder von ihm in Mombauers Album, auf denen er sich eine Schlange um den Hals gelegt hat. Wenn Irmchen recht hat, erbt er das Haus.«
»Interessant«, murmelte Brandt und stellte dann die Frage, die er mir bei jedem Gespräch stellte.
Sofort kehrten die Erinnerungen an die Nacht in Brüssel zurück, und mein Bauch zog sich zusammen. Was für eine ungeheure Demütigung es gewesen war, geschlagen zu werden. Im Gegensatz zu mir war Ecki nicht die Hand ausgerutscht, der hatte wie in einem Rausch auf mich eingedroschen. Nein, davon würde ich Brandt nichts erzählen, entschied ich und ärgerte mich gleichzeitig, weil ich Ecki immer noch schützen wollte.
»Frau Schweitzer?«
Das Telefonat, na klar. Darüber konnte ich locker berichten: »Ecki sagt, er war's nicht. Und er sagt, dass Minkas Kette auf dem Zeitungsfoto fehlt. Silbern mit einem kleinen Rubinsteinanhänger. Die hat sie getragen, als Ecki sie nach dem Streit im ›All-inclusive‹ verließ.«
Brandt wartete, ob ich noch mehr erzählen würde, und sagte, als ich das nicht tat: »Als Mensch kann ich verstehen, wenn Sie das Gespräch mit ihm schnell beendet haben, als Polizist hoffe ich, Sie haben ihn mit Fragen gelöchert und mehr erfahren als den Hinweis auf eine fehlende Kette.«
Doch damit konnte ich wirklich nicht dienen.
»Ich melde mich, sowie es etwas Neues gibt«, versprach er und wollte das Gespräch schon beenden, als ihm noch etwas einfiel. »In einem harmlosen Punkt müssen Sie meine Neugierde noch befriedigen«, schickte er hinterher. »Haben Sie mit dem Waldmeister etwas Kulinarisches zaubern können?«
Den Waldmeister hatte ich komplett vergessen. Der war vorhin gelb und verwelkt im Müll gelandet, gestand ich dem Kommissar.
»Das macht nichts«, meinte Brandt. »In meinem Schrebergarten gibt es noch viel mehr. Ich kann Ihnen jederzeit welchen vorbeibringen.«
Jederzeit? Das klang so, als ob ich, nach der Horrormeldung, die er vor ein paar Minuten verkündet hatte, fröhlich vor mich hin kochen könnte.
»Ach ja?«, pflaumte ich ihn an und klapperte mit ein paar Pfannen. »Und dann mache ich uns ein Schlangenragout in Waldmeistersoße?«
»Sind Sie nicht zu Hause? Ist Ihr Restaurant montags nicht geschlossen?«, fragte Brandt alarmiert. »Sind Sie etwa an Ihrem freien Tag in der ›Weißen Lilie‹? Machen Sie bloß, dass Sie da rauskommen!«
Ich hatte kaum die Off-Taste des Handys gedrückt, als ein Feuerwehrwagen auf der Keupstraße stoppte. Ich hörte Türen klappern, und schon standen zwei vermummte Männer mit hohen Stiefeln und langen Handschuhen in meiner Küche.
»Was machen Sie denn hier? Los, raus hier«, brüllte mich einer an.
»Aber«, stammelte ich.
»Erst mal raus, los, schnell, schnell«, machte der Mann Druck und zog mich aus der Küche durch das Restaurant nach draußen auf die Straße.
»Aber die Kühlräume müssen noch zugesperrt werden«, beschwerte ich mich. »Und meine Handtasche ist auch noch drinnen, die liegt auf dem Pass.«
»Machen wir, machen wir«, bellte der Feuerwehrmann. »Ist sonst noch jemand im Haus?«
»Irmchen Pütz, erste Etage.«
Die beiden Floriansjünger klingelten und stürmten dann ins Haus. Ein Wagen des THWs fuhr vor, Gerätschaften wurden ausgepackt. Jemand rief: »Die zweite Etage!«
Schwere Stiefel klackten auf der Straße, Wagentüren schlugen auf und zu, Bewohner des Altenheimes näherten sich neugierig, Passanten hielten an.
»Was ist denn los?«, rief einer von ihnen. Er erhielt keine Antwort.
Festgenagelt auf dem Beton stand ich da und bewegte robotermäßig den Kopf hin und her. Ich fühlte mich wie im Kino, und sofort fielen mir Schlangenszenen aus Filmen ein. Die Ouvertüre von »Jäger des verlorenen Schatzes«, wo Indiana Jones in eine Schlangengrube fällt. Die Riesenanakonda in »Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten«, die Joan Wilder erdrosseln will, oder das Schlangennest in »True Grit«, das Mattie Ross den Arm kostet. Erst als zwei Feuerwehrleute Irmchen in der Affenschaukel auf die Straße trugen, landete ich wieder in der Wirklichkeit.
»Ich will hier nicht raus«, hörte ich Irmchen schimpfen und sah, wie sie mit ihrem Stock durch die Luft fuchtelte. »Das ist Freiheitsberaubung. Soll mich die Schlange halt beißen, ich will sowieso bald auf den Ostfriedhof.«
»Schlange!« Ein erschrockenes Raunen wehte durch die Reihen der Altenheimbewohner, Passanten liefen eilig weiter, neue blieben neugierig stehen.
»Irmchen«, rief ich und stolperte auf sie zu.
»Katharina! Sag ihnen, dass ich mich nicht vertreiben lasse. Die sollen nicht so einen Aufstand um mich machen.«
Die Feuerwehrleute setzten Irmchen vor mir ab.
»Sie kennen die Frau?«, fragte der, der mich vorhin auf die Straße geschoben hatte. »Brandmeister Angermann«, las ich auf seiner Jacke. »Sie kann vorübergehend im Altenheim gegenüber unterkommen. Das hat ein Kollege gerade geklärt.«
»Da geh ich nicht hin«, polterte Irmchen mit glühenden Backen. »Das ist eine Einbahnstraße. Da komm ich nur mit den Füßen zuerst wieder raus.«
Irgendwo in mir wurde ein neues Feuer entfacht, und mein Kreislauf spielte so verrückt, dass er bald zusammenbrechen würde, wenn ich ihn nicht schnell mit Koffein fütterte. Irmchen wollte auch Kaffee, die Feuerwehrleute wollten weiterarbeiten, und mein Verstand arbeitete tatsächlich noch so gut, dass ich darauf bestand, mir Handtasche und Reservierungsbuch aus der »Weißen Lilie« holen zu lassen, und Brandmeister Angermann persönlich für meine Weinvorräte verantwortlich machte.
»Die sind bei uns so sicher wie in Abrahams Schoß«, versicherte er mir mit vertrauenswürdigem Grinsen. »Das ist nicht das erste Haus, das wir evakuieren.«
»Evakuieren!«, echote Irmchen neben mir böse. »Das klingt wie im Krieg. Ich brauche keinen Kaffee, Katharina, ich brauch was Stärkeres.«
Von mir aus konnte Irmchen saufen, so viel sie wollte, ich brauchte jetzt Kaffee, sonst würde ich hier zum medizinischen Notfall werden. So packte ich sie unter dem Arm und zog sie in Richtung »Café Vreiheit«. Unterwegs rief ich Arîn und Eva an. Ich las Eva die Namen und Telefonnummern aus dem Reservierungsbuch vor und bat sie, den Gästen für heute und morgen abzusagen. Auch beim Metzger stornierte ich die Bestellungen. Ich funktionierte wie am Schnürchen.
»Einen großen Milchkaffee«, rief ich der Bedienung schon von der Wallstraße her zu, bevor ich Irmchen zum letzten freien der drei Außentische direkt vor dem Eingang lotste.
»Einen Sechsämtertropfen«, rief diese der Bedienung hinterher.
»Jetzt sind sie alle tot«, raunte mir Irmchen zu, als wir beide saßen, und krallte ihre Hand in meinen Arm. »Wie Pech hat das Unglück an jedem Familienmitglied geklebt. Aber das Pech ist mit den Mombauers nicht aus dem Haus gegangen, das hat sich wie ein Parasit neue Wirte gesucht und uns gefunden.«
Ich sehnte den Kaffee herbei, hörte Irmchen nur mit halbem Ohr zu und überlegte, was es noch zu regeln galt. Denn Regeln war schön, man konnte etwas tun, man war beschäftigt, man musste nicht nachdenken.
»Nur an Tommi ist immer jedes Pech abgeperlt«, sinnierte Irmchen weiter und griff eilig nach dem Schnapsglas, das ihr die Bedienung vor meinem Kaffee brachte. »Mit seinen schönen Augen hat der allen den Kopf verdreht, besonders Sabine. Der Junge war ihr Ein und Alles! Als Kind hat sie ihre Sparbüchse für ihn geplündert. Ich weiß nicht, was sie ihm später noch alles zugeschustert hat.« Sie pausierte nur kurz, um das Glas anzusetzen und den ersten Schluck zu nehmen, dann redete sie sofort weiter: »Der ist nur auf Dolce Vita aus. Ein fauler Hund, ein aufgeplusterter Windbeutel, so einer ist das. Auf den hätte das Unglück springen müssen, nicht auf uns.« Irmchen leerte das Glas, als würde sie Wasser trinken, und bestellte sofort einen neuen Sechsämtertropfen, als endlich mein Kaffee kam. »Ich geh nicht aus dem Haus raus. Ich geh nicht ins Altersheim.«
Mit Trotz und eisernem Willen in der Stimme wiederholte sie die zwei Sätze immer wieder. Aber ich konnte sie nicht von diesen Übeln erlösen, dafür half mir der erste Schluck Kaffee gegen das Umkippen. Ich trank gierig die halbe Tasse leer und merkte, wie wohltuend das Koffein durch meine Blutbahnen gurgelte und sofort den Blick für das Treiben auf der Straße weitete.
Zum kleinen Biergarten gegenüber und zum Turm der Friedenskirche daneben, dem in freundlichem Gelb gestrichenen Wahrzeichen Mülheims. Die erste protestantische Kirche auf Kölner Stadtgebiet, die letztes Jahr ihr vierhundertjähriges Bestehen feiern konnte. Bei vielen Veranstaltungen zu diesem Fest hatte Irmchens Frauenkreis die Verpflegung übernommen. Kaum hatte ich das Wort »Frauenkreis« gedacht, da dämmerte mir eine Lösung für Irmchens Problem. Sicher würde sie bei der einen oder anderen aus dem Kreis für ein paar Tage wohnen können. Schon wieder etwas, was ich regeln konnte.
Irmchen reagierte zuerst nicht begeistert, aber nach einigem Hin und Her legte sie die Namen von drei Frauen auf den Tisch, bei denen sie sich vorstellen konnte, für ein paar Tage Asyl zu finden. Die telefonierten wir durch, bei allen war sie herzlich willkommen. Irmchen entschied sich für Käthe, die im Hochparterre auf der Mülheimer Freiheit, keine fünf Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt, wohnte. Käthe kam zehn Minuten später vorbei.
Ich ließ die beiden alten Damen mit weiteren Sechsämtertropfen allein und hetzte mit einer langen Liste von Dingen, die Irmchen aus ihrer Wohnung brauchte, zur »Weißen Lilie« zurück.
Auf der Straße vor dem Haus herrschte kein Auflauf mehr, von Feuerwehr und THW war außer deren Autos nichts zu sehen. Nur ein paar Altenheimbewohner harrten hartnäckig mit ihren Rollatoren aus. Brandmeister Angermann befand sich in Mombauers Wohnung, als ich ihn anrief, aber er wollte herunterkommen, um mit mir zu reden. Als er durch die Tür trat, näherten sich die Senioren dem Feuermann sofort, zogen sich aber zurück, als dieser den Kopf schüttelte. So erfuhr auch ich, bevor Angermann den Mund aufmachte, dass die Schlange noch nicht gefunden war.
Ich lief mit ihm ein paar Schritte vor dem Haus auf und ab, wie Feldherren dies in Filmen vor großen Schlachten zu tun pflegten, und zumindest Angermann kam mir auch ein wenig wie ein kleiner Feldherr vor. In der Mombauer'schen Wohnung arbeiteten sie auf Hochtouren, erzählte er. Die Altbauwohnung der pure Horror, so viele Ritzen, Kamine, Kabelschächte, Fußleistenöffnungen, tausend Orte also, wo die winzige Giftspritze stecken könnte. Mehl verteile man, um ihre Spuren sichtbar zu machen, Klebestreifen zudem, damit die Schlange darauf haften bleibe. Ob ich vor ein paar Monaten von dem Fall in Mülheim an der Ruhr gelesen habe, wollte er wissen.
Natürlich erinnerte ich mich als Schlangenphobistin sofort, wunderte mich sogar, dass ich nicht früher daran gedacht hatte. Aber wie sollte ich, wo alles so Schlag auf Schlag ging? Auch dort war eine hochgiftige Kobra ausgebüchst, und es hatte drei Wochen gedauert, bis man das entkräftete Tier auf einem der Klebestreifen gefunden hatte. Drei Wochen! Was das für die »Weiße Lilie« hieß, wollte ich mir gar nicht ausmalen.
Mit den Kollegen aus Mülheim sei man natürlich im Dauerkontakt, deshalb habe man auch sofort das THW mit diesem endoskopischen Spezialgerät angefordert, mit dem man in alle Winkel und Ecken hineinleuchten könne, berichtete Angermann weiter. Leider, leider bisher ohne Erfolg. Für heute würden sie die Arbeit beenden. Morgen, wenn die Schlange verschwunden bleibe, wolle man ein paar junge Mäuse als Lockmittel einsetzen, und wenn das nicht helfe, dann vielleicht wie im anderen Mülheim die komplette Bude auseinandernehmen. Alle Möbel raus, alle Dielen raus, alle Schlupflöcher freilegen.
»Und was ist mit der ›Weißen Lilie‹?«, wollte ich wissen.
Um die sollte ich mir keine Sorgen machen, die bleibe von allem unberührt, ein Dornröschenschlaf auf unbestimmte Zeit, nichts würde verändert, nichts weggenommen, da könne ich ganz sicher sein. Sie dürfe aus Sicherheitsgründen eben nur nicht mehr betreten werden. Zum Schluss empfahl er mir, ein paar Tage freizunehmen. Er versprach, sich um Irmchens Wunschliste zu kümmern, und verabschiedete sich mit einem markanten Händedruck, um aufs Schlachtfeld zurückzukehren.
Und dann war er weg, auch die Rentner waren weg, und ich stand zurückgelassen auf der Keupstraße und blinzelte benommen in eine Abendsonne, die in feurigem Rot hinter dem Rhein unterging. Vom Spielplatz hinten drang das Siegesgeheul der Fußballer auf die Straße, in den Bäumen lärmten die Spatzen. Auf dem seit Jahren wasserlosen Drei-Königs-Brunnen turnten kleine Mädchen herum und lutschten Eis. In der Küche des Altenheims klapperten die Teekannen. Ein leichter Sommerwind spielte mit der Glyzinie, die sich um die Eingangstür der »Weißen Lilie« rankte. Alles wie immer. Aber für mich war nichts wie immer.
Wieder vermisste ich Curt. Zu gern wäre ich jetzt an seinen Tresen in der »Vielharmonie« getrabt, hätte mir ein frisches Kölsch zapfen lassen und mit ihm diesen irren Tag, ach was, diese irren Tage bequatscht. Zu gern hätte ich mich durch seine lakonischen Wirt-Antworten beruhigen lassen.
Ohne eindeutigen Befehl bewegten sich meine Füße in Richtung Mülheimer Freiheit. Vor dem Eingang des Altenheims klingelte mein Telefon. Ich wühlte in meiner Handtasche, suchte es in den Hosentaschen, merkte nicht, dass ich dabei jemanden anrempelte.
»'tschuldigung«, murmelte ich, ohne aufzusehen.
»Kein Problem.«
Die Stimme erkannte ich sofort. Ich blickte auf und sah in ein Paar melancholische Mädchenaugen. Auch Pfeifer wirkte überrascht.
»Sie hier?«, fragte ich dämlich.
»Köln ist ein Dorf.«
Pfeifer schenkte mir ein charmantes Schulterzucken. Heute trug er ein T-Shirt. Das Tattoo, das am Hals endete, konnte ich jetzt deutlicher sehen. Eindeutig eine Schlange. Oder sah ich jetzt schon überall Schlangen? Und was suchte er hier?
»Aber nach Mülheim verirrt man sich nicht zufällig«, erwiderte ich. »Was treibt Sie –?«
»Ihr Telefon klingelt«, unterbrach er mich.
Wieder wühlte ich in meiner Tasche.
»Moment«, murmelte ich, als ich es endlich in Händen hielt und aufgeklappt hatte. Pfeifer war schon weitergegangen. »Tomasz!«, rief ich ihm hinterher.
Er drehte sich nicht um, steckte nur die Hände in die Hosentasche und lief einfach weiter.
»Ja?«, kläffte ich in das Handy. Adela war dran und wollte wissen, wo ich und ihr Cabrio blieben. Ich stammelte eine Kurzfassung der Ereignisse zusammen.
»Soll ich dich abholen?«, fragte sie besorgt.
»Nicht nötig.«
»Dann hol ich mir den kleinen Schwarzen ab, weil ich morgen früh das Auto brauche.«
»Klar doch.«
Ich überließ mich meinen Füßen, die schlafwandlerisch zu Curts ehemaliger Kneipe schlurften. Dort starrte ich eine Weile die lachenden Kinderbuddhas des Massagesalons an und zählte die bunten Lampions vor und zurück. Nie mehr würde ich hier ein Bier kriegen. Aber ein Bier brauchte ich jetzt.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite leuchtete das rote Astra-Schild des »Limes«. Es musste kein Kölsch sein, ein Hamburger Bier tat es auch.
Ein alter Gastraum, mit Sankt-Pauli-Fahnen geschmückt, ein runder Tresen, hinter dem ein Typ mit Piercings und Kapitän-Heinrich-Mütze bediente. Ich hatte schon gehört, dass das »Limes« der Treffpunkt für Exil-Hamburger war. Rechts neben dem Eingang ein verwaister Kicker, die Blicke der Gäste an den Tischen waren alle auf eine Leinwand im hinteren Teil der Kneipe gerichtet. Auf der Leinwand Fußball, ich hatte keine Ahnung, wer gegen wen. Gläser wurden über die Tische geschoben, Erdnusstüten raschelten. Gemeinschaftliches schmerzhaftes Aufstöhnen, dann wieder gespannte Ruhe. FC Sankt Pauli null, Fortuna Düsseldorf eins, las ich auf dem Bildschirm. Nicht schön, wusste ich. Dieser Spielstand einte Hamburger und Kölner Fans im Schmerz. Keiner nahm von mir Notiz, alle folgten gebannt dem Spiel. Der kreisförmige Tresen lag in gnädigem Schummerlicht. Auf der Zapfanlage thronte ein Wackelhund, der jedes Mal nickte, wenn ein Bier gezapft wurde. Es gab nicht nur Astra, es gab auch Kölsch, und nicht nur das, es gab auch Tannenzäpfle. Erfreut bestellte ich mir ein Bier aus der Heimat.
»Du musstest dir also auch einen anderen Ort für dein Feierabendbier suchen.«
»Taifun«, rief ich überrascht, als ich mir meinen Thekennachbarn ansah. »Monatelang sehen wir uns nicht und jetzt zweimal hintereinander.«
»Irgendwie vermisse ich Curt«, seufzte er.
Bei Curt hatten wir zwei uns kennengelernt. Zu Zeiten, als noch mehr als fünf Leute in der »Vielharmonie« ihre Abende verbrachten.
»Ich auch.«
»Wie geht es dir?« Den Ellenbogen auf die Theke gestützt, das Kinn in die Hand geschmiegt, betrachtete er mich. Er war allein hier, genau wie ich.
»Das willst du gar nicht wissen.«
»So schlimm?« In seinem Blick blitzte Spott auf.
»Vergiss es.« Ich trank einen Schluck Bier und wusste, dass ich sofort gehen würde, wenn Taifun versuchte, nachzuhaken. Mir war nicht nach Herzausschütten oder Problemewälzen, mir war nach Betäuben.
»Und selbst?«, fragte ich.
»Ich bin letzte Woche von einer Reise aus Ordu zurückgekommen«, erzählte er, deutlich auskunftswilliger als ich. »Das liegt am Schwarzen Meer, eine Region, in der man Haselnüsse anbaut. Drei Viertel aller Haselnüsse, die in Deutschland verwendet werden, stammen aus Ordu. Ich habe für eine Reportage über Kinderarbeit in der Türkei recherchiert. Zur Ernte werden kurdische Saisonarbeiter eingesetzt. Zwölf-, Dreizehnjährige, sogar einen erst achtjährigen Jungen habe ich dort getroffen.«
Ein ärgerliches Aufstöhnen der Fußballfans übertönte Taifun. Die Düsseldorfer führten jetzt mit zwei Toren. Taifun interessierte das nicht.
»Es ist der übliche Kreislauf«, fuhr er fort. »Die Schokoladenkonzerne diktieren den Preis, die Zwischenhändler drücken den Preis, die Bauern zahlen den Erntehelfern magere Löhne, die kurdischen Familien müssen ihre Kinder zum Arbeiten mitbringen, weil sie jeden Cent brauchen, um überleben zu können. Dabei haben alle großen Schokoladenkonzerne schon vor Jahren eine Petition unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, keine Ware zu kaufen, die durch Kinderarbeit hergestellt wird. In der Türkei ist Kinderarbeit selbstverständlich offiziell verboten. Aber Papier ist geduldig, Gewinnmaximierung alles, unsere Nuss-Nougat-Cremes nur deshalb so billig, weil kurdische Kinderhände zehn Stunden am Tag Haselnüsse in Ordu pflücken.«
»Ja«, stimmte ich ihm zu. »Und nicht nur das. Ich habe gelesen, dass in Afrika Kinder sogar entführt und versklavt werden, um Kakaobohnen zu ernten. Die Liste der Verbrechen der Lebensmittelindustrie ist lang!«
»Das kannst du laut sagen!« Taifun nahm einen Schluck Bier und starrte den nickenden Hund an, bevor er sagte: »Vergiss nicht die Privatisierung der Wasserrechte in Bolivien auf Druck der Weltbank.«
»Oder die weltweite Monopolisierung von Saatgut durch Monsanto«, ergänzte ich, und dann fiel mir noch der Ackerlandkauf in Entwicklungsländern nur zum Zweck der Spekulation ein.
»Stimmt«, erinnerte sich Taifun. »Die dunkle Seite der Lebensmittelbranche hat dich als Köchin schon früher interessiert. Was macht denn die ›Weiße Lilie‹?«
Ich bestellte ein neues Tannenzäpfle und schwieg.
»Gut, gut«, lenkte Taifun ein. »Ich will es gar nicht wissen. Hast du dich wenigstens auf dem Schützenfest noch amüsiert?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Als ob man sich auf einem Schützenfest amüsieren kann!«
»Natürlich kann man sich auf einem Schützenfest amüsieren«, widersprach er lachend. »Ich kann das. Das ist ein bisschen wie Karneval, zumindest der Samstagabend im Festzelt. Man darf nur nicht alleine losziehen. So was geht nur in der Gruppe gut.«
»Könnt ihr mal ein bisschen leiser quatschen.« Ein Typ mit dem schwarzen Totenkopf-T-Shirt von St. Pauli, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tresens stand, schickte uns einen wütenden Blick.
»Ich habe mich übrigens wirklich gefreut, dich wiederzusehen.« Taifun schob seinen Barhocker etwas näher an meinen heran. »Weil ich nämlich ein paar Tage zuvor an dich denken musste. Da habe ich in einer schlaflosen Nacht ›Breathless‹ von Jim McBride angesehen. Erinnerst du dich an den Film?«
Und ob ich mich erinnerte. Der junge Richard Gere als Jesse Lujack, so sexy wie nie zuvor und nie danach. Verrückt, fiebrig, glühend, gefährlich, dämlich, verloren. Verliebt in Monica, die so kühl war wie er heiß. Wir hatten den Film bestimmt fünfmal gemeinsam gesehen. Meist in Taifuns Bett, vom dem man durch ein großes Dachfenster direkt in den Himmel gucken konnte. Manchmal vor, manchmal nach dem Sex.
»›Alles-oder-nichts-Sex‹, hast du immer gesagt«, flüsterte mir Taifun zu, sein Gesicht jetzt ganz nah bei meinem.
Ich konnte ihn riechen, so wie damals an unserem ersten Abend bei Curt. Seine herbe Zimtnote verdrängte alle Ausdünstungen dieser Kneipe.
»Weil der Kerl verrückt war. Der war so durchgeknallt, das hätte nie gut gehen können mit den beiden.«
»Du warst immer ein bisschen wie die Monica aus ›Breathless‹. Vorsichtig, die Zukunft im Blick, mit Was-wäre-wenn-Fragen gepanzert. Dabei war unser Sex nie so gut wie in den Momenten, wo du alles vergessen hast.«
»Diese Alles-oder-nichts-Nummer ist doch eine pubertäre Form der Liebe, die kann keiner ein Leben lang aufrechthalten«, widersprach ich wie zu unseren gemeinsamen Zeiten. »Deshalb gab es gar keinen anderen Ausweg aus der Geschichte, als dass er erschossen wird. Aber im wirklichen Leben will keiner der Liebe wegen erschossen werden.«
»Die praktische, die vernünftige Katharina!«, spottete Taifun leise in mein Ohr. »Aber ich weiß, dass es auch die andere gibt. Die, die trotz der Angst vor Verletzungen noch was riskiert in der Liebe. Die, die weiß, dass die Leidenschaft nie so hell lodert, der Sex nie so heiß ist, wie wenn man dabei direkt in den Abgrund blickt.«
Ich drehte ihm den Kopf zu. Unsere Nasenspitzen berührten sich fast. Der Zimtgeruch hüllte uns ein.
»Hast du noch die kleine Dachwohnung in der Regentenstraße?«, fragte ich.
»Lass uns gehen«, antwortete er und legte einen Schein auf die Theke. Er schob mich vor sich her aus der Kneipe.
Der kurze Weg bis zu seinem Haus viel zu weit. Wilde Küsse, gierige Zungen, die sich in den Mund des anderen bohrten. Fiebrige Hände, die nur nackte Haut fühlen wollten. Viel zu viele Treppen hoch zu seiner Wohnung. Brunftiges Schnauben und wildes Reißen an Kleidern. In der vierten Etage zerrte ich Taifun den Gürtel aus der Hose, er haspelte meine Bluse auf. Heißer Atem auf elektrisierter Haut. Endlich die Tür, schnell hinein, das große Bett. Die lästigen Kleider weg, Haut auf Haut, nur der Augenblick zählte. Der Sex wild und hektisch im ersten, sanft und genießerisch im zweiten Gang. Und dann lagen wir erschöpft auf dem feuchten Laken und blickten in den Sternenhimmel.
»Das war toll!«, flüsterte Taifun und drehte sich eine meiner Locken um den Finger. »Alles oder nichts. Jesse Lujack hat recht.«
»Für den Augenblick«, gab ich zurück.
»… tonight, will be fine, will be fine, will be fine, will be fine for a while …«, summte Taifun den alten Leonard-Cohen-Song. Dann umschlang er meinen Bauch und schmiegte sich an mich. »Ich habe nichts zum Frühstücken da«, nuschelte er schon halb im Wegdämmern. »Aber bis zur ›Weißen Lilie‹ ist es ja nicht weit.«
Falsches Stichwort, ganz falsch. Sofort verloren die Sterne über dem Fenster ihren Glanz. Ich wartete noch, bis ich Taifun leise schnarchen hörte, dann befreite ich mich aus seiner Umarmung, sammelte meine Kleider ein und zog mich an. Leise schloss ich die Tür und ging.
Mein Weg nach Hause führte an der »Weißen Lilie« vorbei. Der Nachtwind spielte unbefangen in den Glyzinien am Eingang, ansonsten wirkte das Haus dunkel und abweisend. Ich war mir sicher, dass sich die Monokelkobra darin quietschlebendig zwischen den Klebestreifen hindurchschlängelte und als neue Herrin des Hauses aufspielte. Ich verfluchte das Mistviech und machte, dass ich weiterkam. Am Clevischen Ring erwischte ich ein Taxi.
Als ich in unserem Hausflur den Lichtschalter drückte und die Fotowand mit den Bildern aus glücklicheren Zeiten vor mir aufleuchtete, kochte das ganze Elend wieder in mir hoch. Ich drehte das Bild von Ecki und mir auf der Hohenzollernbrücke gegen die Wand und ging Zähne putzen. In meinem Zimmer hing kein Geruch von frischem Heu, und den hätte ich mir heute auch verbeten. Mir reichte es. Eine kleine Affäre hätte ich Ecki vielleicht verzeihen können, aber einen Mord niemals.
Ich holte einen Müllsack aus der Küche und stopfte Eckis Habseligkeiten hinein. Im Schrank und in allen Schubladen waren die verteilt, wie bei einem Hund, der sein Revier markiert. Dann nahm ich mir den Aluminiumkoffer vor. Der Koffer war sein Allerheiligstes, der Tresor eines Heimatlosen; was darin lagerte, war ihm wirklich wichtig. Ich hebelte ihn mit einer Feile auf und durchsuchte alles, was Ecki darin gesammelt hatte. Ich kam mir ekelig vor, wie ich so unerlaubt Papiere, Postkarten, Erinnerungsstücke ans Licht zerrte.
»Geheimnisse«, hörte ich Ecki sagen, »darf ein jeder haben. Ein jeder hat ein Recht auf Privatsphäre.«
»Selber schuld«, kläffte ich den Koffer an und merkte doch nur, wie Selbstekel und Elend in alle Poren drangen. Ich stopfte den Müllsack in den Koffer, klappte ihn wieder zu und schob ihn in den Flur hinaus.
Ecki aus meinem Zimmer zu vertreiben verschaffte mir nur für kurze Zeit Erleichterung. Dann brannte das wunde Herz wieder so schmerzhaft, dass ich es mir am liebsten aus dem Leib gerissen hätte. Stattdessen holte ich mir eine Flasche Borbler aus der Küche und knockte mich mit einem Wasserglas davon für den Rest der Nacht aus.