VIER
Der Ostfriedhof lag weit draußen. Da, wo sich das Städtische schon völlig verlor und schmale Häuser, kleine Marktplätze und bescheidene Kirchen zeigten, dass Köln an seinen Rändern nichts weiter war als eine Kette eingemeindeter Dörfer. Der Brücker Mauspfad markierte das Ende der Besiedlung. Dahinter erstreckten sich die weitläufigen Wälder des Königsforstes, in die der Friedhof eingebettet war.
Ich parkte den Wagen. Wieder ließ ein strahlender Frühsommertag die Welt leicht und luftig erscheinen. Als ich den Wegweiser entdeckte, wusste ich, dass ich schon mal hier gewesen war. Auch an einem Sommertag, aber an einem glühend heißen. Wo es Erlösung bedeutet hatte, dem überhitzten Beton der Stadt zu entfliehen und ein wenig frische Waldluft zu atmen.
Nicht auf dem Friedhof war ich gewesen, sondern im schattigen Biergarten des Restaurants »Zu den sieben Wegen«, zu dem das Schild wies und das, durch ein paar Bäume versteckt, schräg gegenüber dem Friedhofseingang lag. Der Biergarten hatte Kühle versprochen, und das Restaurant eine vorzügliche Küche. Spielmann hatte mich zum Essen eingeladen. Noch in den guten Zeiten. An eine ausgezeichnete Tomatenterrine erinnerte ich mich, an einen leichten Wind auf der feuchten Haut und daran, wie ich an Spielmanns Lippen gehangen, wie ich während des ganzen Essens nach seinen Berührungen gegiert hatte.
Damals wäre ich für ihn durchs Feuer, sogar durch die Hölle gegangen. Der große Spielmann, mein Held, mein Ein und Alles. Völlig verrückt nacheinander hatten wir nach dem Essen nicht warten können und noch auf einem von Büschen mäßig geschützten Rasenstück wild und riskant miteinander geschlafen. Danach nackt und schweißgebadet nebeneinander gelegen und in einen von milchigen Wolken verhangenen Nachthimmel geguckt.
Lang, lang vorbei. Das Restaurant war verschwunden, es gab nur noch ein Hotel, Spielmann gab es nicht mehr und auch die Katharina nicht, die ich damals gewesen war.
Es tat nicht gut, an die Vergänglichkeit der Liebe zu denken, nicht nach diesem Vormittag. Da hatte ich mich mit einem verkaterten Ecki gestritten, der von einer gemeinsamen Wohnung nichts wissen wollte. »Ich brauch keine eigene Wohnung und kein eigenes Zimmer, ich brauch meine Freiheit, Kathi. So eine enge Zweierwirtschaft ist nichts für mich. Weißt, was ich dann denk? Sonntags zur Messe, vorm Fernsehkastl hocken, raus mit dem Dackel, und jeder Satz fängt mit einem ›Wir‹ an …«
Immer, wirklich immer, wenn ich in unserer Beziehung etwas verändern wollte, drängte er mich in diese miese Spießerecke. Ich hätte heulen mögen, stattdessen war ich arbeiten gefahren. Hatte in der »Weißen Lilie« Streuselkuchen gebacken, Brötchen geschmiert und den Tisch für den Leichenschmaus gedeckt.
Ich lief hinüber zu dem von einer Bruchsteinmauer umsäumten Eingang des Friedhofs. Gestern der Besuch von Dany, heute die Wiederentdeckung dieses Restaurants, ich wollte nicht, dass die Erinnerung an Spielmann so viel Raum beanspruchte.
Spielmann war Vergangenheit, und die Fehler, die ich mit ihm gemacht hatte, brauchte ich nicht zu wiederholen. Nie mehr würde ich mich einem Mann ganz hingeben, mich für ihn aufgeben. Was ich wollte, war so wichtig wie das, was Ecki wollte.
Was Nähe und Distanz anging, waren wir beide empfindlich. Die Spießerecke, in die er mich stellte, nichts als Abwehr und Angst seinerseits. Also mussten wir um einen gemeinsamen Weg ringen, Kompromisse finden. Was die gemeinsame Wohnung betraf, wollte ich allerdings nicht so schnell klein beigeben. Zugegeben, es war kein guter Zeitpunkt gewesen, den zerzausten, unausgeschlafenen, Aspirin schlürfenden Mann damit zu überraschen.
Heute, nach der Arbeit, in der Kasemattenstraße ohne Adela und Kuno würde ich einen weiteren Versuch starten. Ich atmete tief durch. Die Bäume, die Sonne, die Wärme stimmten mich optimistisch.
Kiefern mit ungewöhnlich schlanken, langen Stämmen reckten sich in den blauen Himmel. Sie wirkten ein wenig exotisch. So als wären sie nicht von hier, so als hätte man sie aus südlicheren Gefilden hierher verpflanzt. Sie gaben dem Ort eine Leichtigkeit, die das filigrane Schattenspiel ihrer Äste auf dem englischen Rasen, in den man sie gepflanzt hatte, verstärkte. Neben diesen Exotenkiefern wuchs auf dem Friedhof die ganze Palette einheimischer Laubbäume. Die Gräber duckten sich unter ihnen hinweg oder wurden von ihren Blättern verdeckt.
Als ob sie wüssten, wie klein und mickrig sie im Vergleich zu dem sich ewig wandelnden Wald waren. Ein ungewöhnlicher Friedhof. Hatte sich der alte Mombauer diesen ausgesucht? Oder war es die Entscheidung seiner Tochter gewesen, ihn hier zu beerdigen?
Ein paar Mülheimer Schützen in Uniform liefen an mir vorbei in Richtung Trauerhalle. Ernst dreinblickende alte Männer, die es für ihre Pflicht hielten, Mombauer das letzte Geleit zu geben. Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle, immer waren die Schützen zur Stelle. Ich wartete noch auf Arîn und Eva, wir hatten uns hier am Eingang verabredet. Die Luft roch unverwechselbar nach Wald. Mit einem Mal kam es mir vor, als wäre ich viel weiter weg von der Stadt, als ich tatsächlich war. Der Himmel, die Erde, die Luft, alles war anders hier. Mein Blick folgte einem aufgeregten Vogelpärchen, das sich zwischen den Bäumen jagte.
Ein Blick auf die Uhr, nicht mehr viel Zeit. Wo blieben Arîn und Eva? Ich beschloss, den Schützen hinterherzugehen, sah sie schon in der garagenähnlichen Trauerhalle verschwinden und fand auch mich wenig später in dem kühlen Raum wieder. Der aufgebockte Sarg, Sabine Mombauer, Irmchen Pütz, ein paar alte Männer, die Schützen. Nicht viele, die dem alten Mombauer die letzte Ehre erwiesen. Kein Wunder bei dem Einsiedlerleben, das er geführt hatte.
Ich nickte den Anwesenden zu und setzte mich in eine Bank weit hinten, in der Hoffnung, dass Arîn und Eva gleich kommen würden und sich dann zu mir setzen könnten. Auch nach den allgemeinen Worten des Pastors, der Mombauer wohl niemals begegnet war, tauchten die zwei nicht auf. Schon wurde der Sarg nach draußen gerollt. Die spärliche Gästeschar, inklusive mir selbst, folgte. Vielleicht hatten sich Eva und Arîn verpasst, vielleicht hatte Evas altes Auto mal wieder gestreikt, vielleicht hatten sie den Ostfriedhof nicht gefunden, vielleicht hatten sie sich in der Zeit geirrt.
Während ich mit den Trauergästen dem Sarg folgte, dachte ich an die anderen Toten, die ich in den letzten Jahren zu Grabe getragen hatte: Jupp Schwertfeger, der Adelas Leidenschaft für alte Autos teilte. Konrad Hils, der Mann meiner Freundin Teresa, den ich erschlagen in einem Steinbruch unterhalb der Schwarzwaldhochstraße gefunden hatte. Und Rosa, meine Patentante.
Immer wenn ich mir in Erinnerung an sie ihr Lieblingsstück von Billie Holiday, »Travelin' Light«, auflegte, schmerzte es mich, dass ich sie in den letzten Jahren vor ihrem Tod so selten besucht hatte, dass wir beide stur wie alte Schwarzwaldbauern nach unserem letzten Streit nicht mehr miteinander geredet hatten.
Ob Sabine Mombauer auch bedauerte, dass sie sich mit ihrem Vater nicht ausgesöhnt hatte? Sie trug dieselbe Hose und dieselbe Bluse, die sie bereits gestern und vorgestern getragen hatte. War sie so durch den Wind, dass sie nicht mehr die Kleidung wechselte? Oder war es ihr der Vater nicht wert, etwas Neues anzuziehen? Warum hatten weder Zeit noch Distanz bei ihr den Groll auf den Vater versiegen lassen? Was nahm sie ihm so übel?
Ich dachte an die Fotos von der jugendlichen Sabine, an das von dem lachenden Mombauer zwischen den zwei Frauen. Bilder von einem fröhlichen Familienleben, Sabine, ein aufgeweckter Teenager, Mombauer, ein lebensfroher Mann. Für beide musste es irgendwann danach einen Bruch gegeben haben. Mombauer war knurrig und bissig geworden, hatte sich in seiner dunklen Wohnung eingeigelt. Seine Kontakte, sah man von Arîn ab, auf das Allernötigste beschränkt. Und Sabine wirkte, als hätte sie schon lange den sicheren Boden unter den Füßen verloren.
Was war geschehen? Hatte der Tod von Frau und Mutter Vater und Tochter auseinandergebracht? Mombauer war erst Anfang vierzig, Sabine siebzehn gewesen. Ein schwieriges Alter für ein Kind, um die Mutter zu verlieren.
Was machte ich mir überhaupt Gedanken über sie? Bevor ich nicht mit Ecki über die Wohnung geredet hatte, konnte ich sowieso nicht mit Sabine Mombauer weiter verhandeln. Warum musste Ecki immer alles so kompliziert machen? Warum konnte er nicht ein einziges Mal von den gleichen Dingen begeistert sein wie ich? Alles wird gut, redete ich mir zu, bevor mein Ärger wieder hochkochte. Heute Abend, in Ruhe.
Unser Leichenzug passierte ein großes Feld nummerierter Bäume.
»Baumgräber«, flüsterte mir Irmchen Pütz zu, »gibt es erst seit zwei Jahren hier.«
An Mombauers Grabstelle stand eine dieser dem Himmel zustrebenden Kiefern. Die Totengräber ließen den Sarg nach unten, die Schützen rollten ihre Fahne aus und ließen sie über dem offenen Grab hängen, bis der Pastor mit seinen Gebeten fertig war. Ich lauschte dem Rauschen des Waldes und sah zum lichten Geäst der Fichte hoch. Möge Mombauers Seele in helle Weiten getragen werden, nachdem sie im Leben in einer so düsteren Wohnung gefangen gewesen war.
In der Ferne bellten Hunde und störten die Ruhe des Waldes und der Toten. So als wäre die Stille des Friedhofs eine Täuschung, so als wäre dies hier kein friedlicher Ort. Je näher ich dem Eingang kam, desto mehr verstummte das Bellen. Noch einmal betrachtete ich die schlanken Kiefern, die Himmel und Erde miteinander verbanden, und atmete tief durch.
Die Hunde irrten sich. Dies war ein Ort der Ruhe und des Friedens.
Vom Eingang her sah ich Eva und Arîn eiligen Schritts auf mich zukommen.
»Ihr seid viel zu spät«, rief ich ihnen zu. »Habt ihr euch in der Zeit vertan?«
Dann erst bemerkte ich Evas ungewöhnlich ernsten Blick und Arîns rot geheulte Augen. Die Hunde hatten doch recht. Es waren keine friedlichen Zeiten.
»Was ist passiert?«, wollte ich wissen.
Statt einer Antwort rupfte Arîn hastig einen zerlesenen Express aus ihrer Handtasche, hielt ihn mir unter die Nase und deutete auf einen Artikel im Lokalteil. Ich erkannte Minka auf dem Foto sofort.
»Wer ist diese Frau?«, las ich und erfuhr, dass man sie bei Stammheim tot aus dem Rhein gezogen hatte. Die Polizei bat um Mithilfe, weil bei der Toten nichts gefunden worden war, was auf ihre Identität schließen ließ.
Ich gab Arîn die Zeitung zurück. Da hatte ich grade einen Toten beerdigt, und noch bevor ich den Friedhof verlassen hatte, wurde mir die nächste Leiche präsentiert. Minka war tot. Ich muss einen Kranz bestellen, dachte ich, was ziemlicher Blödsinn war.
»Selbstmord«, murmelte Eva. »Ich hätte nie gedacht, dass Minka sich wegen einer unglücklichen Liebe umbringt.«
»Wieso hat sie mich nicht angerufen? Wieso bringt sie sich um? Wieso hat sie nicht um Hilfe geschrien?«
Noch viele weitere Wieso-Fragen brüllte Arîn uns wütend und verzweifelt entgegen. Eva blickte unvermindert ernst, und ich stand einfach nur da. Die Sonne schien immer noch, Vögel tschilpten, Bienen summten, von irgendwoher zog mir der Duft von Jasmin und jungen Tannen in die Nase. So als wäre die Welt licht und leicht, als ginge das Leben weiter. Und natürlich tat es das.
Die Schützen zogen mit zusammengerollter Fahne an uns vorbei. Irmchen Pütz fragte, ob ich sie mitnehmen könnte, und Sabine Mombauer blickte besorgt und fragte: »Das geht doch klar mit dem Leichenschmaus?«
Wir müssen bei der Polizei anrufen, dachte ich. Aber das kann warten. Eines nach dem anderen.
»Es ist alles vorbereitet«, sagte ich. »Wir müssen nur noch Kaffee kochen.«
Und so schickte ich Arîn und Eva zu Evas Auto, packte Irmchen Pütz in meinen Wagen und startete den Motor.
»Nimm nicht die Bergisch Gladbacher«, empfahl Irmchen. »Die ist immer verstopft.«
Ihrem Rat folgend irrte ich ein wenig durch die östlichen Stadtviertel, um dann auf der Zufahrt zur Zoobrücke in einem Messestau zu landen.
»Ich möchte so ein Baumgrab«, erklärte Irmchen. »Am liebsten eine Linde, die duftet im Frühjahr so schön.«
Alle warteten schon, als ich eine halbe Stunde später den Wagen vor der »Weißen Lilie« parkte.
Kaffee kochen, Streuselkuchen schneiden, Schnittchen auftragen. Geübte Griffe, Alltagsgeschäft. Nicht lange, und die Trauergäste waren mit allem versorgt. Während Eva sich um Getränkenachschub kümmerte, ging ich zurück in die Küche, wo Arîn am Fenster stand und hinaus auf die Keupstraße starrte, wo die Sonne ihr lustiges Spiel mit Licht und Schatten trieb.
»Gib mir noch mal die Zeitung«, sagte ich.
»Ich versteh das nicht«, meinte sie, als sie mir den Express reichte. »Minka hatte doch Pläne, die war kein Sensibelchen, die konnte sich durchbeißen. Ich bitte dich, Katharina. Wegen eines verheirateten Typen!«
»Ein Moment abgrundtiefer Verzweiflung? Der Wunsch, dem Schmerz ein rasches Ende zu bereiten? Die Anziehungskraft des Wassers?«
Arîn sah mich an, als ob ich kompletten Unsinn reden würde.
»Alle Erklärungen dafür sind unzulänglich«, gab ich zu.
»Und was ist mit ihrer kleinen Tochter? Die war ihr Ein und Alles, die hat sie sehr geliebt. Hält dich die eine Liebe nicht am Leben, selbst wenn dich die andere zu vernichten droht? Oder wiegen Lieben unterschiedlich schwer?«
Das Gewicht der Liebe! Auf dieses Terrain wagte ich mich besser nicht. Lieber hielt ich mich an den Fakten fest.
»Minka hatte eine Tochter?«
»Ja. Sie muss jetzt drei oder vier sein. Der Vater war total in Minka verknallt, wollte sie unbedingt heiraten. Minka hat die Panik gepackt. Wollte nicht, dass ihr Leben mit Anfang zwanzig gelaufen war. Hat dem Typen den Laufpass gegeben und das Kind allein gekriegt. Es lebt bei Minkas Eltern in Krakau. Minka ist nach Deutschland gegangen. Wegen des Geldverdienens, aber vor allem weil sie sich in Massagetechniken fortbilden wollte. Sie hatte einen Traum, verdammt! Deshalb kapiere ich nicht, dass sie wegen eines Typen derart durchdreht. Wie geht das? Vergisst man, wer man ist? Hast du Ahnung von so was? Wolltest du dich wegen einer Liebe jemals umbringen?«
Sie funkelte mich an, als hätte ich ihr bisher eine wichtige Lektion des Lebens vorenthalten.
Da war sie wieder, die Erinnerung an Spielmann. Das furchtbare Ende unserer Geschichte. Wie ich tagelang in der Kasemattenstraße die weiße Wand angestarrt hatte. Wie ich mich wie ein roher Klumpen Fleisch gefühlt hatte. Wie ich nicht mehr schlafen konnte.
»Ja«, antwortete ich ehrlich. »Es gab Momente … Aber da war ich so verzweifelt, dass mir die Energie gefehlt hätte, es wirklich zu tun. Ein Selbstmord ist kein Sich-fallen-Lassen, kein Hinübergleiten, sondern ein Kraftaufwand, eine verzweifelte Bündelung von Energie. Und bei mir ging die Energie zum Glück in eine andere Richtung. Mich packte der Trotz: Kein Mann ist es wert, dass man sich seinetwegen das Leben nimmt.«
»Genau«, bestätigte Arîn eifrig. »So hat das Minka bestimmt auch gesehen. Die hat gern gelebt, die hatte keine Todessehnsucht oder so. In der Wohnung gab es keinen Abschiedsbrief. Warum ist sie ins Wasser gegangen?«
»Wir haben in ihrer Wohnung nach keinem Abschiedsbrief gesucht«, korrigierte ich sie. »Und jetzt müssen wir unbedingt die Polizei anrufen. Du oder ich?«
»Du.« Wieder drehte sie den Kopf dem Fenster zu. »Ich lass das mit der Liebe«, murmelte sie. »Ist viel zu gefährlich.«
Während ich die angegebene Telefonnummer wählte, betrachtete ich meine kleine Köchin. Der wehe Blick auf die Straße, die verschränkten Arme, die trotzig zusammengeklemmten Lippen. Ich hätte ihr gern erzählt, dass Schmerz und Verlust zur Liebe gehörten und es sich trotzdem lohnte, sich auf sie einzulassen, aber jetzt wollte sie das bestimmt nicht hören.
Arîn hatte in einer Woche zwei Menschen verloren, die sie mochte. Für eine knapp Zwanzigjährige starker Tobak. In diesem Alter ging man davon aus, dass sich der Tod noch viele Jahre Zeit ließ, bis er einen aus dem eigenen Umfeld holte. Da empfand man ihn noch als persönliche Beleidigung.
Am Telefon meldete sich ein Kriminalhauptkommissar Brandt. Ich erzählte ihm, dass es sich bei der Toten aus der Zeitung um Minka Nowak handelte. Er fragte nach meinem Verhältnis zu ihr und bat mich vorbeizukommen.
»Ich werde auf Sie warten«, meinte er, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich nicht genau wusste, wann ich kommen könnte.
»Gehst du mit?«, fragte ich Arîn, aber die schüttelte panisch den Kopf. Ich wusste, dass ihre Erfahrungen mit Polizisten nicht die besten waren. »Gibst du mir Minkas Schlüssel? Dann muss die Polizei ihre Wohnung nicht aufhebeln.«
Als sie den Schlüssel aus der Tasche zog, schossen ihr Tränen in die Augen. Ich reichte ihr die Haushaltsrolle, wartete, bis sie sich geschnäuzt hatte, und starrte dann mit ihr eine Weile gemeinsam auf die Schattenspiele der Keupstraße.
Mit Kaffeetassen und Kuchentellern brachte Eva Alltag und Arbeit zurück in die Küche.
»Kann ich heute Abend an den Außentischen Menü anbieten?«, fragte sie. »Ich habe eine Anfrage für einen Sechsertisch am Telefon.«
Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Arîn war heute sicher nicht ganz einsatzfähig, Ecki noch nicht aufgetaucht, Gülbahar zum ersten Mal auf dem Spülposten, ein eindeutiges Nein.
»Was ist, wenn ich die restlichen Schnittchen serviere? Es wird wieder so ein lauer Sommerabend, wäre doch schade drum, wenn die Leute draußen nichts zu essen kriegen.«
»Wieso nicht?«, stimmte ich zu und wunderte mich, dass mir die Idee nicht selbst gekommen war.
»Apropos Schnittchen«, ergänzte Eva. »Frau Mombauer will dich noch sprechen.«
»Fang mit dem Gemüse an«, sagte ich zu Arîn, bevor ich Eva ins Restaurant folgte.
Die Schützen und die alten Männer waren gegangen, nur noch Irmchen Pütz und Sabine Mombauer saßen verloren an einer Ecke meiner großen Tafel. Irmchen rührte müde in ihrem Kaffee, und Frau Mombauer wandte mir den Rücken zu und trommelte mit den Fingern auf das alte Eichenholz. Auf dem Weg zu ihnen brühte ich mir einen kleinen Espresso, den ich mit zum Tisch nahm.
»War alles recht?«, fragte ich und setzte mich.
»Ja, ja«, murmelte sie hastig, dann gab sie sich einen Ruck: »Ich habe es mir überlegt«, verkündete sie. »Ich vermiete Ihnen die Wohnung meines Vaters und verlängere die Pacht für Ihr Restaurant. Aber ich möchte, dass wir das sofort tun. Ich lauf schnell rüber zum Wiener Platz und besorg mir in einem Schreibwarengeschäft so einen vorgedruckten Mietvertrag, und wir unterschreiben ihn beide. Um wie viele Jahre wollen Sie den Pachtvertrag verlängern? Fünf? Dann machen wir das. Sie entrümpeln Vaters Wohnung. Kann alles weg. Ich will gar nichts. Also, machen wir's so?«
Ich spürte genau, dass ich jetzt nicht zögern durfte, aber ich konnte ihr nicht sofort zusagen. Ich musste erst mit Ecki reden.
»Das ist alles wunderbar, und so werden wir es machen«, haspelte ich. »Aber den Mietvertrag würde ich gerne mit meinem Freund gemeinsam unterschreiben. Und einmal sollten wir schon zusammen durch die Wohnung Ihres Vaters gehen, um ein Bestandsprotokoll zu machen. Können wir das Ganze nicht auf einen der nächsten Tage verschieben?«
»Wenn, dann morgen. Ich möchte die Angelegenheit erledigt wissen.« Ihre Stimme schraubte sich ins Hysterische. Sie war eingeschnappt und machte sich keine Mühe, dies zu verbergen.
»Morgen, früher Nachmittag?«, schlug ich vor.
Ihr Nicken war gnädig und beleidigt zugleich. Mit einem Mal kam sie mir wie eine zu früh aus dem Nest gefallene Prinzessin vor, die man zudem bei der Thronfolge übersehen hatte.
»Wenn wir die Sache morgen nicht über die Bühne kriegen, dann soll sich mein Cousin Tommi um den Verkauf des Hauses kümmern. Ich kann das nicht, mir ist das alles zu viel. Das Angebot an Sie ist schon ein großes Entgegenkommen«, klagte sie weiter.
Ich riss mich zusammen. Die Frau ging mir schwer auf die Nerven mit ihren billigen Drohungen, ihrer Unberechenbarkeit, ihrem Mich-hat-das-Leben-gründlich-betrogen-Nimbus. Aber wenn die Verträge unterschrieben waren, dann würde sich unser Kontakt nur noch auf monatliche Überweisungen beschränken.
»Tommi, wo ist der denn heute gewesen? Wollte der nicht auch zur Beerdigung?«, fragte Irmchen, plötzlich wieder wacher.
»Es ist ihm was Geschäftliches dazwischengekommen«, beschied Sabine Mombauer sie spitz. Dieser Vetter verhielt sich offenbar auch nicht so, wie sie es von ihm erwartete.
»Und das nach allem, was du für ihn getan hast«, streute Irmchen Salz in die Wunde. »Da steht er dir wegen was Geschäftlichem nicht mal bei der Beerdigung von deinem Vater bei. Der weiß doch, wie schwer das für dich ist.«
»Tommi ist schon immer unberechenbar gewesen. Nie hat er das getan, was man von ihm erwartet«, verteidigte die Mombauer den Vetter, weil sie wohl auch nicht leiden mochte, dass ein anderer ihn kritisierte.
Irmchen schnaubte, die Mombauer presste die Lippen zusammen, aber dann zauberte ein Handyklingeln Erleichterung in ihren Blick. Sie nahm das Gespräch an und nutzte es zu einem eiligen Aufbruch.
»Ja, ich habe es überstanden«, hörten wir sie auf dem Weg zur Tür sagen. »Und nein, ich weiß nicht, ob ich dir jemals verzeihen kann, dass du mich im Stich gelassen hast, Tommi. – Abendessen in der Südstadt? Warum nicht?«
Die Tür fiel ins Schloss, die Mombauer war weg. Ich atmete auf, sammelte die restlichen Kaffeetassen ein und fragte Irmchen, ob sie noch etwas brauchte.
»Ein verwöhnter Bengel, ein Tunichtgut«, schimpfte sie. »Nicht zur Beerdigung kommen! Wo er doch genau weiß, wie Sabine unter dem Vater gelitten hat.«
»Ja, ja«, stimmte ich ihr zur. Ich reichte ihr den Stock und half ihr beim Aufstehen. »Da musst du mir später mal mehr erzählen, wenn Zeit dafür ist.«
Nicht dass mich das damals interessierte. Ich sagte das nur, um das Gespräch schnell beenden zu können. Schließlich brauchte man mich in der Küche. Ein ausgebuchtes Haus musste bespielt werden.
Arîn war mit den Vorbereitungen erstaunlich weit vorangekommen. Entweder riss sie sich am Riemen und war zäher, als ich dachte, oder sie empfand die Arbeit als willkommene Ablenkung von Trauer und Schmerz. Wie auch immer, es erleichterte mich, dass ich auf sie zählen konnte. Mein Handy klingelte. Eckis Nummer.
»Brauchst nicht schimpfen, ich bin in zwei Minuten da, Kathi. Heut Morgen hast mich auf dem falschen Fuß erwischt. Lass mir halt ein bissl Zeit, ich brauch immer eine Weil', bis ich mich mit was Neuem anfreunden kann.«
Das war jetzt keine Zusage, aber immerhin ein Verhandlungsangebot. Ecki! Ja, wir würden das schaffen. Eine gemeinsame Wohnung, ein gemeinsames Leben. Es würde nie einfach sein, aber es würde gut gehen mit uns beiden.
»Heute Abend, nach der Arbeit, könnten wir doch in Ruhe drüber sprechen, oder?«
»Lockerlassen kannst halt nicht.«
»Dafür bist du bei uns zuständig.« Wir lachten beide.
Wenn Ecki gleich zu Arîn stieß, machte es Sinn, dass ich jetzt zur Polizei fuhr. Während der Vorbereitungszeit konnte man in der Küche am ehesten einen entbehren. In spätestens einer Stunde würde ich zurück sein. Bestimmt würde ich dann erleichtert sein, weil ich diese traurige Pflicht erfüllt hatte. Alle Wogen würden sich glätten, alles würde wieder irgendwie ins Lot kommen. Beschwingt von dieser Ecki'schen Salzburger-Nockerln-Leichtigkeit griff ich mir die Autoschlüssel. An der Eingangstür lief ich meinem Liebsten direkt in die Arme.
»Geh her, Kathi. Hast mich so vermisst oder nur was vergessen?«
Der Augenblick freudigen Wiedersehens war vorbei, als ich Ecki erzählte, was passiert war.
»Minka? Minka ist tot?«, wiederholte er ein ums andere Mal. »Mit so was macht man keine Scherze, Kathi. Ins Wasser gegangen? Na, das glaub i ned! Wieso hätt's ins Wasser gehen sollen?«
»Lass dir von Arîn die Zeitung zeigen. Wir haben sie alle eindeutig erkannt.« Erstaunt stellte ich fest, dass Ecki die Nachricht von Minkas Tod mehr mitnahm, als sie mich mitgenommen hatte.
»Und Polizei? Warum gehst zur Polizei? Ich versteh das nicht.«
»Hör zu. Ich mach da jetzt meine Zeugenaussage und bin so schnell als möglich zurück. Dich habe ich wieder auf dem Fischposten eingeplant. Und bitte, fass Arîn mit Samthandschuhen an, die ist mit Minka befreundet gewesen und deshalb ziemlich durch den Wind.«
»Die zwei waren Freundinnen? Wieso weiß ich nicht, dass die zwei befreundet waren?«, echote er wirr.
»Ecki! Tief durchatmen. Bis gleich.«
So schnell sie gekommen war, so schnell war die Salzburger-Nockerln-Leichtigkeit wieder verflogen. Da versuchte ich, den Laden und meine Leute zusammenzuhalten, aber alles zerfranste. So als hätte die Mombauer ihren wackeligen Boden zu uns hereingebracht. So als würde meine Welt aus den Fugen geraten.
Es war nicht weit von Mülheim nach Kalk, nur leider die falsche Uhrzeit. Das Nadelöhr zwischen Messe und Stadthaus verstopft wie immer zur Rushhour. Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich den Wagen vor dem neuen Polizeipräsidium parkte. Ich meldete mich sofort beim Empfang, schließlich war ich nicht zum ersten Mal hier. Erinnerungen an pampige Befragungen und zermürbende Verhöre kehrten zurück. Meine Erfahrungen mit der Kölner Polizei waren nicht besonders gut. Brandt musste mich hier unten abholen, wusste ich. Ich stellte mich in die Nähe des Aufzuges und wartete.
Ein ungewaschener Dicker in Trainingshose, dem wohl der vor der Tür zurückgelassene Rottweiler gehörte, erklärte dem Wachhabenden am Empfang, dass man ihn eigentlich schon für gestern vorgeladen hatte.
»Nee, ich weiß nicht, wie der heißt, der mir die Vorladung geschickt hat«, erklärte er, »aber es war 17 Uhr 15, dat weiß ich genau.«
Brandt ließ sich Zeit, und es dauerte auch, bis der Wachhabende den für den Dicken zuständigen Kollegen fand. Das wiederum machte den Mann, der schon hinter dem Dicken wartete, nervös. Um die vierzig, südländischer Typ, ein Verlierer zwischen Trotz und Melancholie. Weißes Hemd, öliges Haar, fettiger Schweiß auf der Haut, in der Hand ein Stock, dessen Griff er unentwegt so hart drehte, dass das Weiß seiner Fingerknöchel zum Vorschein kam. Ich sah auf die Uhr.
Endlich wurde der Dicke von einem Polizisten abgeholt. Der Aufzug verschluckte die beiden, nicht aber den Gestank. Den ließ der Dicke im Foyer zurück. Wo blieb nur Brandt? Ich musste zurück in die »Weiße Lilie«, die Warterei machte mich nervös.
Am Empfang trat jetzt der Mann mit dem Stock vor. Er erklärte, dass er nur eine Nummer habe: 2235785. Nein, er wisse nicht, zu wem er musste, aber 2235785. Ja, da sei er ganz sicher: 2235785. Stoisch nickend griff der Wachhabende wieder zum Telefon. Ich beneidete den Mann nicht um diesen Job. Nerven wie Drahtseile, ohne die würde er hier wohl keinen Tag überstehen.
»Frau Schweitzer?«
Ich drehte mich um und blickte in ein Gesicht auf Augenhöhe. Brandt war sogar noch ein wenig größer als ich. Raspelkurze Haare in Pfeffer und Salz, Augen in einem erdigen Braun, ein paar Bartstoppeln am Kinn, die ihm etwas zart Verwegenes gaben.
»Es tut mir leid, dass Sie warten mussten.«
Brandt hielt mir die Aufzugtür auf und drückte auf die Zwei. Die Fahrt über blickten wir beide die Decke des Fahrstuhls an.
»Folgen Sie mir.«
Der lange, gerade Flur mit Wartestühlchen vor den Türen wollte kein Ende nehmen. Brandts Büro war das allerletzte. Vollgestellt mit Regalen, ein schlauchiges Kabuff, kaum breiter als der Schreibtisch, der vor dem Fenster stand.
Wieso dachte ich sofort an einen Patissier? Weil die Süßspeisen-Köche in einer Küchenbrigade immer in die hintersten und finstersten Winkel der Küche verbannt wurden. Als wunderliche Gesellen gebrandmarkt, standen sie auf der untersten Stufe der Küchenhierarchie. War Brandt ein Sonderling? Oder hatte ihm das Los dieses unwirtliche Büro zugewiesen? Beherzt und keineswegs sonderbar griff er sich jetzt einen der Flurstühle, balancierte ihn über dem Kopf bis zum Schreibtisch und bat mich, darauf Platz zu nehmen.
Auf der Fensterbank blühten rote Tulpen in orangefarbenen Töpfen, dahinter blickte man auf das Parkhaus der Köln-Arcaden. Ich verstand das mit den Tulpen sofort. Draußen zeigte die Welt Brandt nur Blech und Beton.
»Möchten Sie einen Tee? ›Innere Balance‹ kann ich Ihnen anbieten. Der wird gern getrunken hier bei der Polizei.«
Ich erzählte ihm, dass ich nur wenig Zeit hatte, zum Kochen zurück in die »Weiße Lilie« musste.
»Sie kochen in der ›Weißen Lilie‹?«, fragte Brandt sichtlich interessiert.
»Kennen Sie mein Lokal?« Unglaublich, dass ein Polizist mich damit überraschen konnte.
»Gelegentlich trinke ich einen Milchkaffee an einem Ihrer Außentische und studiere die Speisekarte. Rhabarberchutney zu Lammkarree stelle ich mir sehr interessant vor.«
»Wieso probieren Sie es dann nicht einmal?«
»Fröhliche Tischgemeinschaften sind nicht so mein Ding. Und bei Ihnen müssen alle Gäste gemeinsam am Tisch essen.«
»Manchmal sind sie gar nicht fröhlich.«
»Dann sind sie noch weniger mein Ding. Wissen Sie, ich bin eher so der Typ einsamer Esser.«
»Heißt das, Sie essen am liebsten allein?«
»Ich esse gerne allein, und am liebsten esse ich zu zweit.«
Ein sanftes Lächeln, fast ein bisschen entschuldigend. Weil er meine Tafelrunde nicht mochte?
»Aha«, sagte ich.
»Leider sind wir nicht hier, um über Essen zu reden«, bedauerte Herr Brandt.
»Minka Nowak«, sagte ich. »Wir alle haben sie auf dem Foto in der Zeitung erkannt. Sie ist seit zwei Tagen nicht bei der Arbeit erschienen, besonders Arîn Kalay, die bei mir kocht, hat sich große Sorgen um Minka gemacht. Gestern bin ich mit ihr zu Minkas Wohnung gefahren, für die Arîn einen Schlüssel hat, aber Minka war nicht zu Hause.«
»Einen Schlüssel …?«, fragte Brandt.
»Habe ich Ihnen mitgebracht.« Ich schob ihn über den Tisch.
»Wie umsichtig!« Brandt steckte den Schlüssel mit einem dankbaren Lächeln ein. »Wissen Sie, das befreit mich von meiner nächsten Frage, ob Frau Nowak DNA-taugliches Material bei Ihnen hinterlassen haben könnte. In ihrer Wohnung werden wir genügend finden. Gibt es eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden?«
Ich erzählte ihm von dem namenlosen verheirateten Geliebten, den Arîn als Grund für Minkas Verzweiflung vermutete. Auch davon, dass der Mann mit dem auffälligen Schal, Keanu Chidamber, gestern nach ihr gefragt hatte.
»Ein seltsamer Name.«
»Ein Meister der Lomi-Lomi-Massage.«
»Lomi-Lomi?«
Brandt schien genau wie ich kein Kenner von Massage-Techniken zu sein.
»Ja«, ergänzte ich. »Minkas Traum war ein eigener Massage-Salon. In ihrer Wohnung gibt es viele Bücher und andere Dinge zu Wellness und Massage.« Mir fiel wieder das erotische Vulva-Plakat über ihrem Bett ein. Aber dazu sollte sich Brandt beim Besuch in Minkas Wohnung seine eigenen Gedanken machen.
»Wann genau haben Sie Frau Nowak zum letzten Mal gesehen?«
Auf dem Bause-Fest. Altrosa Spitzen, Spaghettiträger, die blonden Locken offen. Lachend in der fröhlichen Runde der jungen Leute. Pulsierend vor Leben, sehr verführerisch. Was hatte Adela über sie gesagt? Dass sie bei Bauses putzte, genau. Und noch etwas: »Die Kleine hat die Männer angezogen wie Motten das Licht.«
»Dann hatten Sie auch privat Kontakt miteinander?«
»Nein, überhaupt nicht, unsere Beziehung war rein geschäftlich. Minka arbeitete viermal die Woche bei uns auf dem Spülposten. Wissen Sie, wie es in einer Küche bei Hochbetrieb zugeht? Wie auch immer, da gibt es keine Zeit zum Plaudern. Es hat mich sehr überrascht, Minka auf dem Bause-Fest zu treffen …«
»Über wen komme ich an die Besucherliste von diesem Fest?«, wollte Brandt wissen.
Die Frage erstaunte mich. »Versuchen Sie denn auch bei einem Selbstmord herauszufinden, was das Motiv war?«
»Selbstmord?« In Brandts Stimme war ein alarmierendes Zögern. »Minka Nowak hat sich nicht selbst getötet. Wir müssen leider davon ausgehen, dass sie ermordet wurde.«
Die Tulpen, das Parkhaus, der Schock. Die Regale, der Schreibtisch, der Schock. Der falsche Pulsschlag, das Ohrensausen, der Schock.
Eine Stimme aus weiter Ferne: »Trinken Sie, es wird Ihnen guttun.«
Der heiße Dampf von »Innerer Balance«, der harte Klang des Teelöffels auf dem Tassenboden. Wie ein apportiertes Häschen trank ich einen Schluck.
»Minka Nowak war schon tot, als man sie in den Rhein geworfen hat. Sie ist durch einen Genickbruch gestorben. Ein Sturz, möglicherweise nach einem harten Schlag. Hämatome an Hals und Wange. Ein Überfall oder ein Kampf. Möglich sind auch andere Szenarien. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen. Dank Ihnen sind wir aber einen großen Schritt weiter. Wir wissen jetzt, wer die Tote ist.«
Nachdem er zu Ende geredet hatte, betrachtete er mich besorgt wie ein Arzt, der nicht wusste, was seine Diagnose bei der Patientin auslösen würde.
»Ich muss zurück in die ›Weiße Lilie‹«, stammelte ich. »Wir sind ausgebucht heute Abend.«
»Wie sind Sie hier? Mit dem Wagen? Wollen Sie den nicht lieber stehen lassen? Trinken Sie in Ruhe den Tee aus. Ich kann eine Streife bitten, Sie zu fahren. Der Schock, wissen Sie, ich will nicht, dass Ihnen etwas passiert.«
Dieser besorgte Blick machte mich wahnsinnig. Ich wünschte mir einen eiskalten Bullen herbei, dem es egal war, was er mit seinen Horrornachrichten auslöste. Ein eiskalter Bulle, auf den ich schimpfen konnte, weil er so gefühllos war.
»Ich muss los«, wiederholte ich. »Machen Sie sich keine Umstände.«
Wieder dieser endlose Flur, wieder dieser enge Aufzug. Ein hastiger Händedruck zum Abschied, die gläserne Eingangstür als Erlösung. Frischluft in die Lungen pumpen, die Sonne nicht sehen, den Blick auf den Boden richten. Trügerischer Beton, unter dem die Erde bebte.
Ich fuhr wie in Trance. Mir fiel ein, dass ich Brandt nichts von Minkas Notizbuch erzählt hatte. Als ob das jetzt noch wichtig wäre! Beim Halt an einer roten Ampel unter dem Stadthaus griff ich nach dem Handy.
»Minka ermordet«, simste ich an Ecki.
So schickte ich die Hiobsbotschaft voraus, weigerte mich, die direkte Überbringerin zu sein.
Als ich die »Weiße Lilie« betrat, war der große Tisch schon zur Hälfte besetzt. Ein Blick in Evas Gesicht und ich wusste, dass Ecki meine Nachricht weitergegeben hatte.
»Wie furchtbar«, flüsterte sie mir leise zu, dann setzte sie ein Lächeln auf und begrüßte neue Gäste. The show must go on.
Ich beeilte mich, in die Küche zu kommen. Ecki und Arîn sahen kurz hoch, tausend Fragen im Blick, aber keiner machte den Mund auf.
»Full House«, sagte ich. Die beiden nickten, als würden ihnen diese zwei Worte zur Erklärung der Situation völlig ausreichen. Auch Arîn, meine so leicht aufbrausende Arîn, gab sich wie Ecki professionell, abgebrüht. Ausgebucht war ausgebucht. Die Gäste interessierte nicht, was mit Minka passiert war, die wollten gut essen und einen schönen Abend verbringen. Ich schlüpfte in meine karierte Hose, panzerte mich mit meiner Kochjacke, ging im Kopf Gerichte und Arbeitsabläufe durch.
Die Amuse-Bouche brauchte Eva subito. In der Kühlung fand ich einen Rest Hirschschinken, aber keinen grünen Spargel mehr. Heute rächte es sich, dass ich mir immer auf den letzten Drücker überlegte, was ich an einem Abend als kleinen Gruß der Küche servierte. Normalerweise kein Problem, aber heute war mein Kopf leer und löchrig, präsentierte mir nicht den Funken einer Idee.
Ein paar Oliven tun's auch mal, fuhr ich meine Ansprüche herunter, aber wie ein stimmgewaltiges schlechtes Gewissen dröhnte da die Stimme von Spielmanns Küchenchef durch meinen Kopf. »Das Amuse-Bouche ist das Aushängeschild unseres Hauses«, hatte er uns Abend für Abend eingebläut. So eindringlich, dass ich dieses Credo ganz selbstverständlich für die »Weiße Lilie« übernommen hatte. Und dann fiel mir der Meckerfritze von gestern Abend wieder ein, diese Dreckschleuder Eimert oder wie er hieß. Das Amuse-Bouche, der erste Appetithappen für die Hungrigen, der Türöffner für die Gourmets, setzte sich im kulinarischen Gedächtnis fest, das merkte man sich immer, wenn nicht gerade Kräuterbutter oder Oliven serviert wurden.
Also keine Oliven. Aber was dann? Eigentlich brauchte ich ein Lebensmittel nur anzugucken, und sofort sprangen mich Ideen an, mit deren Hilfe ich etwas zaubern konnte, aber heute war ich wie gelähmt. Ein ganzes Schlaraffenland vor Augen, doch ich konnte nicht zugreifen. Aber ich brauchte jetzt eine Idee, verdammt.
»Was haben wir heute als Amuse-Bouche?«, hörte ich Eva von der Küche her rufen.
Nichts, gar nichts, heiße Luft, hätte ich am liebsten zurückgeschrien, atmete aber stattdessen tief durch. Dir wird doch wohl noch so ein blödes Amuse-Bouche einfallen, Schweitzer! Tausende hast du schon gemacht, jetzt brauchst du bloß eines!
»Katharina?«, rief Eva.
Mit geschlossenen Augen ließ ich eine Hand an den Gläsern, Dosen und Säckchen entlanggleiten und griff irgendwann kamikazemäßig zu. Als ich die Augen öffnete, hielt ich eine Tube Wasabi in der Hand. Japanischer Meerrettich, äußerst speziell, keine gute Idee. Beim Zurückstellen stach mir der Pumpernickel ins Auge. Na endlich!
»Erbsenschaum mit Wasabi, dazu Pumpernickelbrösel und Hirschschinken«, rief ich zurück. »Gib mir fünf Minuten.«
Ich sammelte alle Zutaten ein, raste zurück in die Küche. Hühnerbrühe für die Erbsen, zwei Minuten kochen lassen, Butter für den Pumpernickel, Erbsen pürieren, mit dem Wasabi würzen, Pumpernickel rösten, Zitronenschale dazu reiben. Eine hauchdünne Scheibe Hirschschinken obendrauf, einmal mit der Pfeffermühle drüber und ab dafür.
Erfinden musste ich an dem Abend nichts mehr, Lamm, Spargel, Aprikosen, die jungen Radieschen seit Tagen vertraut, ein Glück, dass ich die Speisekarte nur einmal die Woche änderte.
»Zweimal Carpaccio, einmal Thunfisch, einmal Lamm«, gab Eva die ersten Bestellungen durch. Ich verteilte die Aufgaben, und los ging's.
Bald schwitzten wir im üblichen Küchendampf, der heute der Küche etwas Verschwommenes, Irrlichternes gab. Durch diesen Dampf bewegte ich mich mechanisch wie ein Roboter, der unbeirrt seine Aufgaben erfüllte. Auch Ecki und Arîn wirkten wie maschinengesteuert. Wie auf einem Schlachtfeld bellten wir uns durch den Nebel die notwendigen Befehle zu, ansonsten redeten wir kein Wort miteinander. Es war gut, dass wir nicht mehr redeten. Die Schlacht musste geschlagen, der Abend überstanden werden.
Als ich die letzten Lammkarrees nach draußen geschickt hatte und der Druck nachließ, kehrte die ermordete Minka in meinen Kopf zurück. Diese beiden letzten Bilder von ihr. Das der lächelnden Schönheit auf dem Bause-Fest und das starre, fahle Zeitungsbild von ihr. Brandt hatte von einem Kampf gesprochen. Mit diesem geckigen Typen, der gestern hier war? Oder war der geheimnisvolle Liebhaber ein ganz anderer? Und dann fielen mir die Informationen ein, die Minka über die »Weiße Lilie« gesammelt hatte. Konnten sie etwas mit ihrer Ermordung zu tun haben?
Jetzt dreh mal nicht durch, Schweitzer, schimpfte ich mich, nimm dein Restaurant nicht wichtiger, als es ist. Die »Weiße Lilie« ist niemals ein Grund dafür, jemanden umzubringen. Nein, das nicht, aber ich merkte, dass ich es Minka über den Tod hinaus übel nahm, dass sie bei mir spioniert hatte. Dass es mich ärgerte, sie deswegen nicht mehr zur Rede stellen zu können, dass sie ein Geheimnis mit ins Grab nahm, das ich unbedingt lüften wollte.
»Geh, Kathi, wo bleibt dein Mitgefühl? Kannst an gar nichts anders als dein Beisel denken?«, würde mich Ecki schimpfen, erzählte ich ihm von diesen Gedanken.
Ecki? Er hatte heute keine Fischköpfe durch die Küche geschleudert, sondern diese brav zu einem Fischfond zerkocht. Der stand schon zugedeckt etwas abseits, bereit, gleich in die Kühlung gestellt zu werden. Ecki wandte mir den Rücken zu und schrubbte seinen Arbeitsplatz sauber. Der Fischposten war durch. Brauchte Eva ihn noch im Service?
Arîn und Gülbahar, die tapfer den Spül gemeistert hatte, standen neben der Spülmaschine und teilten sich eine Flasche Wasser. Erschöpfung lag in der Luft, aber noch waren die letzten Nachtische nicht raus. Das war Arîns Job.
»Kannst du mal den Eschbachs Guten Tag sagen?« Eva schob sich die letzten Lammkarrees und zwei Nachtische auf den Arm. »Am besten sofort, die wollen gleich gehen.«
Natürlich. Treue Stammgäste, bares Gold für ein Restaurant. Auf dem Weg nach draußen griff ich mir hinter dem Tresen eine Flasche von Anna Gallis Kirschwasser und drei Gläser. Zehn Minuten, signalisierte ich Eva, mehr Small Talk konnte ich heute nicht verkraften. Ich spendierte Kirschwasser, hörte zu, plauderte über alles und nichts, notierte mir gern, dass Frau Eschbach ihren Fünfzigsten bei mir feiern wollte. Nach zwölf Minuten erlöste mich Eva, indem sie mir für die Eschbachs hörbar zuflüsterte, dass ich in der Küche gebraucht würde.
Am Pass warteten die letzten Nachtische auf Eva, daneben stellte Arîn die Reste des Abends für uns zusammen.
»Willst du die Wasabi-Erbsen aufheben oder sind die zum Jetzt-Essen?«, fragte sie.
»Jetzt-Essen. Wo ist Ecki?«, fragte ich zurück.
»Er ist schon gegangen. Er ruft dich an.« Arîn ließ sich heißes Wasser in einen Eimer laufen. Dann begann sie, ihren Arbeitsplatz sauber zu machen, und rief dabei Gülbahar etwas auf Kurdisch zu.
Der geht oft früher, der kann sich das erlauben, weil er der Freund der Chefin ist. Teilte sie das Gülbahar mit? Ich war mir sicher, dass Arîn das dachte, aber natürlich sagte sie es mir nicht. Ecki, die Arbeit und ich. So viele Baustellen!
Aber heute regte ich mich nicht über sein Verschwinden auf, weil mir überhaupt keine Zeit blieb, mich darüber aufzuregen. Denn Eva führte einen Mann in die Küche, mit dem ich zumindest heute nicht mehr gerechnet hatte.
»Es tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe«, entschuldigte sich Brandt nach einem bewundernden Blick auf die Küche. »Aber wir haben in Frau Nowaks Wohnung aktuelle Fotos gefunden. Ich möchte Sie bitten, sich diese anzusehen. Vielleicht erkennen Sie den einen oder anderen. Damit wäre uns sehr geholfen.«
Arîn warf mir einen panischen Blick zu, das bemerkte auch Brandt.
»Nichts Schlimmes, machen Sie sich keine Sorgen. Entschuldigung, ich habe mich Ihnen noch nicht vorgestellt.« Er nannte seinen Namen und gab Arîn und Gülbahar die Hand. »Ich hätte mir wirklich einen anderen Anlass für einen Besuch bei Ihnen gewünscht.«
Diesmal glitt sein Blick sehnsuchtsvoll über die Batterie an Schöpfkellen und Schneebesen, die über dem Herd hingen.
»Möchten Sie etwas mitessen?«, fragte ich. »Oder sind vier weitere Leute am Tisch für Sie als einsamen Esser eine Zumutung?«
»Es wäre mir eine Freude!« Dankbar blickte er in die Runde, bezog auch Eva mit ein, die mit einem Korb voller Brotreste aus dem Restaurant kam.
Jeder nahm sich, was er wollte. Ein schweigsames Mahl, was uns betraf, einzig Brandt redete.
»Was glauben Sie, wie lange ich schon davon träume, mal eine Restaurantküche von innen zu sehen. Und ausrechnet durch diesen traurigen Mordfall geht nun mein Wunsch in Erfüllung. Ihnen gestehe ich es gerne: Kochen und Kochgeschichte gehört meine ganze Leidenschaft.«
Brandt schnupperte an dem Schwarzwälder Schinken, bevor er eine Scheibe davon aufrollte und in den Mund steckte. Eva reichte ihm das Brot, um das er bat. Gülbahar griff auch nach dem Brot und betrachtete Brandt interessiert. Arîn verzehrte mit großer Konzentration ihr Marzipansoufflé. Wahrscheinlich weil sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie Brandt zuhören oder ihre Ohren auf Durchzug stellen sollte. Ich dagegen dachte, dass das Plaudern über Be- langloses für Polizisten eine gute Möglichkeit war, die Zungen von Zeugen zu lockern.
»In letzter Zeit habe ich mich sehr mit der Tradition des Leichenschmauses beschäftigt«, fuhr Brandt fort, nachdem er den Erbsen-Wasabi-Schaum getestet hatte.
Ein verständnisloser Blick von Gülbahar, ein irritierter von Eva, keiner von Arîn.
»Klingt merkwürdig, ich weiß«, erklärte Brandt. »Aber für einen Polizisten doch verständlich, oder? Wenn man mit Mord und Totschlag zu tun hat, dann ist es tröstlich, sich mit den Ritualen der Überlebenden zu beschäftigen. Wussten Sie, dass die Chinesen bei einem Leichenschmaus nur weiße Speisen essen? Weil für sie Weiß die Farbe der Trauer ist. Oder dass man bei einem jüdischen Trostmahl, dem seudat hawra'a, nur runde Gerichte serviert? Eier, Bagels, Linsen und so weiter, weil das Runde den ewigen Kreislauf von Leben und Tod symbolisiert. In der Ukraine isst man eine Suppe aus Weizenschrot, Honig und Trauben. Wichtig ist, dass die Suppe noch dampft, weil der Dampf die verstorbene Person nährt. ›Der Dampf ist für dich, das Essen für mich‹, sagt man. ›Wo die Seele hingeht, da geht auch der Dampf hin.‹ – Oh, langweile ich Sie?«
Trotz des Redens bemerkte Brandt, dass Eva mehrfach auf die Uhr gesehen hatte.
»Mein Babysitter will Feierabend machen«, erklärte sie. »Und weil Sie doch noch wollten, dass wir uns Fotos ansehen …«
»Aber natürlich. Wie unaufmerksam von mir«, entschuldigte er sich wieder.
War dieses ewige Sichentschuldigen eine Taktik? Oder war Brandt auch als Polizist ein höflicher Mensch geblieben? Ihm fehlte so jegliche Bullenraubeinigkeit.
»Ich räume den Tisch ab«, sagte ich. »Ich kenne wahrscheinlich sowieso keinen von Minkas Bekannten.«
Brandt wischte mit der Serviette den Platz vor sich sauber, bevor er eine Fototasche aus der Jacke zog und diese auf den Tisch legte. Ich stapelte Teller und Schüsseln, während Brandt Arîn und Eva die ersten Bilder zeigte.
»Die sind alle in der Bar des ›All-inclusive‹ aufgenommen«, erkannte Arîn und gab die ersten Bilder an Eva weiter, ohne jemanden darauf zu erkennen. Eva schüttelte bei allen Fotos den Kopf.
»Das sind Lotte und Annika, die zwei bedienen dort.« Arîn deutete bei einem weiteren Foto auf zwei brünette Mädchen, die nebeneinanderstanden und sich an den Hüften fassten.
Das »All-inclusive« kannte ich nicht, die Menschen auf den Fotos kannte ich nicht, also räumte ich das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine und machte mich auf den Weg zum Kühlraum, um aufzulisten, was ich für morgen nachbestellen musste. Ich hörte Brandt sagen, dass sie die Fotos in Minkas Nachttisch gefunden hatten.
Sofort tauchte wieder das Vulva-Plakat vor mir auf, das Brandt auch aufgefallen sein musste. Ich versuchte, mir seine Reaktion darauf auszumalen, aber es gelang mir nicht. Hatte es ihn peinlich berührt oder aufgegeilt? Oder hatte er dafür nur einen kühlen Polizistenblick gehabt? Wie sollte man einen Mann einschätzen können, dessen Hobby es war, Mahlzeiten für Tote zu studieren? Ob er wohl auch einen polnischen Leichenschmaus kannte?
Ich würde Brandt später danach fragen. Den zu kochen wäre doch eine gute Möglichkeit, wie wir in der »Weißen Lilie« von Minka Abschied nehmen konnten.
»Nein, das kann nicht wahr sein!« Schrille, hüpfende Obertöne schmerzten meine Ohren. Ich wusste genau, in welch unangenehmen Höhen sich Arîns Stimme verlor, wenn sie sich aufregte oder wütend war. Ich lief zurück in die Küche.
»Katharina!«
Eva, weiß wie ein chinesisches Totenmahl, kam auf mich zu. Sie hielt ein Foto zwischen zwei Fingern, weit von sich weg, so als wäre es vergiftet. Ich riss es ihr aus der Hand. Ein Blick darauf genügte, damit sich ein Schwert in meinen Bauch bohrte. Hitze und Kälte in rasendem Wechsel, Herzstillstand. Ich wollte kein zweites Mal hinsehen, tat es dann aber doch, weil ich nicht glauben konnte, was ich gesehen hatte.
Ecki war immer noch auf dem Bild. Ecki, gemeinsam mit Minka. Die zwei küssten sich. Leidenschaftlich.
»Sie alle kennen diesen Mann?«, fragte Brandt in die Runde.
Keine antwortete, alle sahen nur mich an, warteten darauf, dass ich etwas sagte. Aber wie sollte ich? Mein Herz stand nicht mehr still, es raste, gleichzeitig schnappte ich wie eine Ertrinkende nach Luft.
»Das ist Ecki Matuschek«, brachte ich, ich weiß nicht wie, heraus. »Er ist mein Freund.«
Wenn Brandt jetzt seinen mitleidigen Hundeblick aufgesetzt oder wieder sein Bedauern geäußert hätte, wäre eine Bratpfanne in seine Richtung geflogen, oder ich hätte ihn schreiend vor die Tür gesetzt. Aber Brandt blickte mich gar nicht an. Er stand auf, nahm mir das Foto aus der Hand und ging ohne ein Wort des Abschieds.
Auch Gülbahar hatte sich schon unbemerkt verdrückt, dafür rührten sich Arîn und Eva nicht vom Fleck. Ich fühlte mich, als hätte man mir alle Kleider vom Leib gerissen.
»Ihr habt es gewusst«, kreischte ich. »Ihr wart zu feige, es mir zu sagen.«
»Katharina!« Eva, Mitleid im Blick, kam auf mich zu, wollte mich umarmen.
»Lasst mich allein«, brüllte ich. »Haut bloß ab!«
»Soll ich dich nach Hause fahren?« Eva, voller Sorge.
»Ihr sollt abhauen!«
Die zwei bewegten sich erst, als ich nach einer Bratpfanne griff. Als sie endlich verschwunden waren, ließ ich die Bratpfanne fallen. Ich wusste nicht mehr, was ich mit ihr gewollt hatte. Ich wusste gar nichts mehr.
Schmerz, dunkler als das Schwarz der Nacht. Mülheims Straßen leer. Frost in der Sommerluft. Traurige Akkordeonklänge von irgendwoher. Das ferne Rauschen der Autos auf der Mülheimer Brücke. Alleinsein auf immer und ewig, die Liebe verraten und verkauft, nur noch Kummer und Sorgen, nimmer endendes Leid, die Welt durch Untreue verseucht.
War ich tatsächlich noch Auto gefahren in jener Nacht? Musste ich, denn ich hatte mich irgendwann in der Kasemattenstraße wiedergefunden und erst, als der Schlüssel in der Haustür steckte, überlegt, was ich tun würde, wenn Ecki zu Hause wäre. Rausschmeißen auf der Stelle, großer Auftritt, opernhaft aufgeblähte Emotionen inklusive Zahnbürstehinterherwerfen? Ein winziges Gefühl der Genugtuung beschlich mich bei der Vorstellung, dass er winseln würde: »Kathi, tu's nicht!«
Aber Ecki war nicht da, niemand war da. Adela und Kuno in ihrem Friedenscamp, Ecki in einer Ich-weiß-nicht-wo-Bar, auf einem Ich-weiß-nicht-wo-Schiff, in einem Ich-weiß-nicht-wo-Flieger. Wenn's schwierig wurde, verdrückte er sich. Gründlich, endgültig, ich traute ihm alles zu. Was für ein Fehler, ihm nicht immer alles zugetraut zu haben.
Minka hatte ich ihm nicht zugetraut, eine Affäre direkt vor meiner Nase hätte ich ihm niemals zugetraut. Das war ins Gesicht gespuckt, in den Bauch geschlagen, in die Kniekehlen getreten.
Die Fotos im Flur ein weiterer Schlag ins Gesicht. Wir vier beim Fondue-Essen an Neujahr, Kuno und Ecki im Biergarten des Deutzer Bahnhofs, Ecki und ich im Stammheimer Schlosspark, wir zwei an Karneval, Ecki als Gigolo und ich als Freiheitsstatue verkleidet. Gigolo! Bei dieser Kostümierung hätten bei mir doch alle Alarmglöckchen läuten sollen. Taten sie aber nicht, vertraut hatte ich dem Mistkerl.
Bei dem Bild von uns beiden auf der Hohenzollernbrücke schossen mir die Tränen in die Augen. Ein namenloser Tourist hatte das Foto von uns gemacht, an dem Tag, als Ecki mir erzählte, dass er bleiben wollte. Wir hatten uns vor die stetig wachsende Schlössersammlung am Zaun der Brücke postiert, wo Tausende von Liebenden seit einigen Jahren ein Schloss anbringen und den Schlüssel dazu in den Rhein werfen.
Ecki hatte sich darüber lustig gemacht. »Bei so viel Liebesschwür'n auf den Schultern ist's ein Wunder, dass die Brück' noch steht, Kathi!« Ecki! Ach, Ecki!
Taschentücher fand ich in der Küche, im Kühlschrank auch ein Bier, aber es schmeckte nicht. Stattdessen überfiel mich ein gieriges Verlangen nach Zigaretten, am liebsten hätte ich mich vollständig eingenebelt. Dabei hasste ich Zigaretten.
Wieso hatte ich nichts bemerkt? Frauen merken doch immer, wenn ihre Männer sie betrügen. Wieso ich nicht? Dabei war es doch direkt vor meiner Nase passiert. Unter meinen Augen in der Küche der »Weißen Lilie«.
Hatten sie sehnsüchtige Blicke getauscht, während ich mein Fleisch anbriet? Sich kleine Zettelchen mit neckischen Liebesbotschaften zugeschoben, während ich Bestelllisten schrieb? Im Dampf der Spülmaschine heimliche Berührungen gewagt, während ich keine zwei Meter weiter den Herd sauber schrubbte? Es in der Kühlung miteinander getrieben, während ich Small Talk mit den Gästen machte? Ich wollte es mir nicht vorstellen, ich konnte es mir nicht vorstellen. Zu ungeheuerlich.
Wie lange hatte die Affäre gedauert? Einen Monat? Ein halbes Jahr? Ich versuchte mich zu erinnern, ob es einen Wendepunkt in unserer Beziehung gegeben hatte, ab dem alles anders oder zumindest ein bisschen anders geworden war. Ich fand nichts. War Ecki ein so guter Schauspieler oder ich eine so lausige Beobachterin?
Die Küche, in der wir so oft fröhlich gefrühstückt hatten, mutierte zu einem feindlichen Raum, ich floh in mein Zimmer. Der süßlich schwere Duft der weißen Lilien schnürte mir die Luft ab. Die Lilien, ein Geschenk von Ecki als Morgengabe für eine Liebesnacht, nicht mal zwei Tage her. Ich riss sie aus der Vase, öffnete das Fenster und warf sie in den Hinterhof. Der Duft blieb zurück, genau wie die Bilder in meinem Kopf.
Wie Ecki von hinten nach meinen Brüsten greift, mir seinen heißen Atem ins Ohr bläst, mir zuflüstert, dass es das Größte sei, mit mir zu »mausen«, wie er es so gern auf Österreichisch ausdrückte. Hatte er mit ihr auch so geschlafen? Am selben Tag vielleicht? Nur ein paar Stunden zuvor? Ich rannte ins Bad und kotzte das Bier aus.
Auch mein Zimmer war jetzt vermintes Gelände, ich suchte im Wohnzimmer Asyl. Fernseher an, Zappen durchs Nachtprogramm. Kabarett auf WDR, Boxen auf Eurosport, Talkshow im Ersten, Wichsvorlagensex auf den Privaten. Ich sehnte mich nach Rieselbildern, dem Testbild von früher, einer Doku über die Karpaten oder einem Kriegsfilm mit viel Haudrauf ohne Liebesgeschichte. Wünsche, die das Fernsehen mir nicht erfüllte, keiner erfüllte mir irgendwelche Wünsche.
Was war mit Schlaf? Wenigstens für ein paar Stunden. Loslassen, abtauchen, süß schlummern, aufwachen in der Hoffnung, dass dies alles ein furchtbarer Alptraum war. Nicht dran zu denken.
In der Verzweiflung ist der Schlaf kein Verbündeter. Er verweigert dir den Eintritt in sein Reich, für ihn bist du eine Aussätzige, eine Kainsmalbefleckte ohne Anspruch auf Erlösung. Ich wälzte mich auf dem Sofa hin und her, zerknüllte Kissen, entwirrte die Decke, dann stieg ein Feuer in mir auf und bescherte mir eine völlig unbekannte fiebrige Körperhitze. Zweimal wechselte ich das schweißnasse T-Shirt, endlich ebbten die Wallungen ab.
Gegen fünf rief ich Ecki an. Ich sprach mit der Mailbox. »Warum tust du mir das an? Warum tust du mir das an?«, wiederholte ich so oft, bis ich nur noch ein Piepen hörte.
Irgendwann rumpelte die erste Bahn über den Gotenring, frühes Morgenlicht schmerzte die müden Augen, die Vögel im Hinterhof zwitscherten sich fröhlich in den neuen Tag. Vergiften, abknallen, jeden Einzelnen.
Dann, völlig erschöpft, wurde ich in ein Zwischenreich ohne Kontrolle über die Bilder, die mich heimsuchten, hineingezogen: der Drachenfels im Nebel verborgen, Ecki und ich, Arm in Arm, auf dem steilen Weg nach oben. Herbstlaub raschelt unter den Füßen, welke Lindenblätter wehen wie Schneeflocken durch die Luft, am Himmel lärmen Vogelschwärme und üben ihre Formation für den Weg in den Süden. Oben angelangt, hat sich der Nebel verzogen. Alles ist licht und klar. Küsse zwischen den kühlen Ruinen, davonlaufen und sich einfangen auf den schmalen Wegen zwischen den Mauerresten, ganz oben sein und hinunterschauen auf die Welt zu unseren Füßen. Auf die Insel Nonnenwerth, die wie ein großes gülden gefärbtes Blatt im silbernen Band des Rheins glänzt. Der Fluss und die Weite für Ecki, die feste Burg und den Boden unter den Füßen für mich. Sich an den Händen halten, still sein, die Zeit vergessen, wissen, dass dies Glück ist. Weil nichts fehlt, weil alles gut ist.
Der Geschmack von Salz vertrieb die Bilder. Ich schreckte hoch und merkte, dass ich meine Tränen abgeleckt hatte, doch zumindest das T-Shirt klebte mir nicht wieder am Leib, und mit einem Mal wusste ich: Die Hitzewallungen waren keine Boten der Wechseljahre, und dieses Foto von Ecki und Minka war falsch. Eine Montage, ein Fake, heute ließ sich so etwas problemlos machen. Alles ließ sich heute fälschen. Angela Merkel mit Adenauer am Frühstückstisch, Lenin mit Hitler Arm in Arm, Osama bin Laden zu Füßen von Barack Obama, Minka mit Ecki im Kuss vereint, alles kein Problem für einen, der geschickt war. Jemand wollte Ecki und mich auseinanderkriegen. Jemand trieb ein verdammt mieses Spiel mit uns. Aber so leicht ließ ich mich nicht ins Bockshorn jagen.
Noch einmal telefonierte ich mit Eckis Mailbox. »Ich weiß, dass man uns linken will, mein Liebster. Wir haben schon so viel miteinander durchgestanden. Wir klären das. Ruf mich an, uns kann niemand auseinanderbringen.«
Bestimmt war sein Akku leer. In der Hoffnung, dass Ecki vielleicht bei ihm untergekrochen war, rief ich Benedikt, Eckis einzigen Wiener Kumpel in Köln, an. Der war nicht ausgeschlafen und mies gelaunt. So erfuhr ich nur, dass er seit Wochen nichts von Ecki gehört hatte und jetzt wieder ins Bett musste. Ich dagegen schleppte mich unter die Dusche, rüstete mich mit frischen Kleidern, kochte Kaffee und briet mir Speckeier. Ich brauchte Kraft für den Tag.