ACHTES KAPITEL
Wie in einem Spinnennetz gefangen
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Bei strahlendem Sonnenschein marschieren wir über den Dammweg, mitten durch den leuchtend blauen See. Kanus schießen pfeilschnell über das Gewässer, das so weitläufig ist wie ein kleines Meer. Wellen schlagen gegen den Damm, allenfalls eine Lanzenlänge unter unseren Füßen. Höchstens noch eine Meile vor uns, auf der gewaltig großen Insel, liegt Tenochtitlan. Flimmernd und gleißend in der Mittagssonne wie ein ungeheurer Schatz – oder wie die Ausgeburt eines Fieberwahns.
In einem Städtchen namens Ayotzingo, am südlichen Seeufer gelegen, wurden wir heute früh von einem Abgesandten Montezumas erwartet. Ein noch junger Mann mit einnehmenden Gesichtszügen entstieg einer Sänfte, die mit Federn, Gold und Silber verschwenderisch geschmückt war. Er war überaus kostbar gekleidet und stellte sich als Cacama, König von Texcoco, vor. »Mein Onkel, der Große Montezuma«, sprach er, nachdem er vor unserem Herrn den Boden geküsst hatte, »bittet Euch, ihn mit Eurem Besuch in Tenochtitlan zu beehren. Er ist durch eine Krankheit geschwächt und kann Euch deshalb leider nicht persönlich in seine Stadt geleiten. Aber wie Ihr sicher wisst, bilden unsere Königreiche Tenochtitlan, Tlacopan und Texcoco zusammen den ehrwürdigen Dreibund.«
Er deutete nacheinander auf den See hinaus nach Norden, dann nach Westen und schließlich zum Ostufer, während er die Namen der verbündeten Städte nannte. »Drei Könige bitten Euch, ihr Gast zu sein, bärtiger Statthalter eines mächtigen Herrschers«, fügte Cacama hinzu, »und ich wurde ausgewählt, um Euch nach Tenochtitlan zu geleiten.«
Etwas Düsteres umgibt den jungen König. Ich spürte deutlich, dass er uns gegen seine Überzeugung so gastfreundlich willkommen hieß. Offenbar empfindet er eine starke Abneigung gegen Cortés und uns alle, die er nur mit großer Anstrengung zu verbergen vermag.
Nachdem ihm Cortés mit einer kurzen Rede gedankt hatte, stieg Cacama wieder in seine Sänfte. Inmitten einer Schar von Dienern und Wächtern ließ er sich uns vorantragen – zu dem Städtchen Itzapalapa, dessen Häuser zur Hälfte auf Pfählen im Wasser stehen, und von dort auf einem schmalen Damm durch den südlichsten Seeausläufer etwa anderthalb Meilen weit nach Westen. Auf einer Halbinsel namens Culhuacan beginnt dort der gewaltige Hauptdamm, der in nördlicher Richtung durch den See führt – nach Tenochtitlan und darüber hinaus bis zum acht Meilen entfernten Nordufer des Sees.
Der Damm ist so breit, dass acht Reiter bequem nebeneinander reiten können. Seine Oberfläche ist mit jenem hellen, ebenmäßigen Material überzogen, das wie Stuck aussieht, jedoch so hart ist, dass es weder unter dem Hufschlag unserer Pferde noch unter den eisenbeschlagenen Rädern unserer zentnerschweren Geschütze zerbricht. Während wir über den Damm marschierten, zogen neben uns am linken Ufer kleinere Städte von unwirklicher Schönheit vorüber. Blendend weiße Bauten reihen sich aneinander, gesäumt von blühenden Bäumen und von Pyramiden im Innern der Städte überragt. Zwischen den Städten dehnen sich Mais- und Bohnenfelder, alles wirkt wohlgeordnet.
Wieder einmal grübelte ich über einem Gedanken, der mich seit unserer Ankunft in der Neuen Welt beschäftigt: Der Satan liebt das Chaos! Das hat Fray Bartolomé erst neulich wieder in seiner Predigt verkündet. Das Bestreben des Teufels ist es, die göttliche Ordnung zu zerstören – also kann alles das hier, diese so reich und friedlich wirkende Indianerwelt, auch nicht vom Satan erschaffen worden sein!
Mittlerweile schwebt die Mittagssonne am Himmel und Tenochtitlan liegt zum Greifen nah vor uns. Unsere Kolonne ist so lang, dass sie sich gut zwei Meilen weit auf dem Dammweg dahinzieht. Auf Cortés’ Befehl haben sich unsere Männer wie zu einem Siegesmarsch formiert: Vorneweg reiten vier Konquistadoren in eiserner Rüstung. Ihnen folgt Juan Corral, unser Hauptfähnrich, der die königliche Flagge schwenkt. Dahinter marschiert eine Abteilung Fußsoldaten mit gezogenen Schwertern, gefolgt von weiteren Reitern, den Armbrustschützen, die ihre Helme mit Federbusch tragen, und den Gewehrschützen, die ihre Waffen präsentieren. Unser Herr reitet in der Nachhut, umgeben von seinen Vertrauten und weiteren Flaggen schwenkenden Fähnrichen. Diego und ich marschieren hinter ihm und die Tlaxcalteken in unserem Rücken stoßen unaufhörlich gellende Kriegsschreie und -triller aus.
Diego ruft mir etwas zu, doch ich verstehe kein Wort. Seine Augen blitzen, seine Wangen sind gerötet. Er sieht aus, als ob er vor Stolz gleich platzen würde. Mir dagegen schlägt das Herz bis in die Schläfen hinauf. Wir sind am Ziel! Ein Schrei steckt in meiner Kehle, doch ich halte meine Kiefer fest zusammengepresst. Ist es ein Jubel- oder ein Angstschrei? Ich weiß es selbst nicht und ich will es lieber auch nicht ausprobieren. Wir marschieren mitten hinein in das geöffnete Herz des Aztekenreichs – und ich bin mir keineswegs sicher, ob es uns wieder freilassen oder ganz einfach zerquetschen wird.
Zum wiederholten Mal werfe ich einen Blick über meine Schulter nach hinten. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich Carlita von hier aus nicht sehen kann – selbst wenn ich mir den Hals verrenken würde! Sie marschiert ganz am Ende unseres Zugs, zusammen mit den tlaxcaltekischen Dienerinnen. Auf Cortés’ Befehl ist sie auch wie eine Tlaxcaltekin gekleidet – in einen schmucklosen Wickelrock und eine ebenso einfache Bluse aus Pflanzenfasern, wie die Mädchen und Frauen in Tlaxcala sie tragen.
Seitdem Cortés diesen Befehl erteilt hat, sind meine allerletzten Zweifel verfolgen. Unser Herr weiß offenkundig, dass Carlita aus einer bedeutenden Adelsfamilie in Tenochtitlan stammen muss. Und er hat Vorsorge getroffen, damit sie von niemandem vorzeitig erkannt wird – bevor sie uns preisgegeben hat, wo Montezumas Schätze versteckt sind! Alles hat er wieder einmal vorausplant. Sogar ihr Taufkettchen mit dem libellenzarten goldenen Kruzifix musste Carlita abnehmen und Marina übergeben. Nur an eines hat er anscheinend nicht gedacht: dass wir drauf und dran sind, Carlita zu einem Verrat an ihrem eigenen Volk zu zwingen, der ihr das Herz vollends zerreißen wird.
Als ich wieder nach vorne schaue, bekomme ich gerade noch mit, wie Alvarado auf die Balkenbrücke deutet, die einige Schritte vor uns in den Dammweg eingelassen ist. Er und Cortés wenden einander im Reiten die Köpfe zu und schauen sich bedeutungsvoll an. Ich spüre, dass diese Holzbrücken ihnen überhaupt nicht gefallen – und ich kann mir auch leicht zusammenreimen, aus welchem Grund. Es sind sinnreiche Konstruktionen, hauptsächlich wohl dazu bestimmt, Booten die Durchfahrt zu ermöglichen. Wenn man jedoch einen solchen Brückeneinsatz aus seiner Verankerung entfernt, dann ist der Dammweg unüberwindlich blockiert! Jede dieser Balkenbrücken ist rund sieben Schritte lang – die Lücke wäre viel zu groß, um sie zu Fuß oder selbst mit dem Pferd zu überspringen. Und seit Itzapalapa haben wir mindestens ein Dutzend solcher hölzernen Einsätze überquert.
Schließlich lassen wir den Dammweg hinter uns und erreichen die große Insel. Hier gerät unsere Kolonne ins Stocken. Einige Hundert Schritte voraus erkenne ich die Umrisse einer gewaltigen Festung mit einem Torturm über der Straße und einem zweiten Turm, dessen Brustwehr drohend auf den See hinausblickt.
König Cacama schickt einen Boten von der Spitze des Zuges zu uns und bittet unseren Herrn, zu ihm nach vorne zu kommen. Begleitet von Portocarrero, Sandoval und Alvarado reitet Cortés zwischen unseren Männern hindurch. Diego und ich, Marina und der unglückliche Cuitlalpitoc eilen hinter den Reitern her, so schnell unsere Füße uns tragen. In Cholollan haben Montezumas beide Gesandte das Schlachten von dem Fenster der Kammer aus mit angesehen, in der Guerrero sie eingesperrt hatte. Der eine Gesandte wurde dort durch einen Pfeil getötet – und sein Gefährte Cuitlalpitoc beteuerte seitdem unaufhörlich, dass weder sein Herrscher noch er selbst in irgendwelche Mordpläne der Chololla eingeweiht gewesen seien. Doch Cortés antwortete ihm immer nur: »Das will ich von Montezuma persönlich hören.«
Als wir endlich auf dem weiten Platz vorn beim Torturm angekommen sind, ist von Montezuma allerdings nichts zu sehen. Das Tor steht weit offen und dahinter drängen sich Hunderte Männer, einer kostbarer gekleidet als der andere.
Auf der Torschwelle steht Cacama und blickt uns düster lächelnd entgegen. »Die edelsten Männer Tenochtitlans«, sagt er zu Cortés, »bitten untertänigst um die Erlaubnis, Euch an diesem ehrwürdigen Ort willkommen zu heißen, Herr.«
Auf seinem schneeweißen Hengst sitzend, nimmt Cortés die Huldigungen von mindestens fünf hundert aztekischen Edelmännern entgegen. Einige von ihnen tragen anstelle von Federschmuck ganze ausgehöhlte Jaguarschädel auf dem Kopf, andere sind in Umhänge aus Adlerfedern gekleidet. Um den Hals tragen sie kunstvoll gearbeitete Goldketten, auch ihre Hand- und Fußgelenke sind mit goldenen und silbernen Ketten geschmückt. Es dauert mehr als zwei Stunden, bis der Letzte von ihnen vor unserem Herrn den Boden geküsst und eine Begrüßungsfloskel gemurmelt hat.
Wahrscheinlich weiß jeder von ihnen, schießt es mir durch den Kopf, was wir in Cholollan angerichtet haben. Zu Hunderten haben wir dort die Würdenträger niedergemacht, als diese im Tempelhof versammelt waren – und bestimmt waren nicht wenige der hochgestellten Indianer, die sich nun demütig vor Cortés verneigen, mit den Mächtigen von Cholollan befreundet oder verwandt. Ich beobachte sie aufmerksam, doch ob sie unserem Herrn grollen, ihn fürchten oder vielleicht auch bewundern, ist ihnen nicht anzumerken. Ihre Gesichter sind reglos, wie aus kupferfarbenem Holz geschnitzt.
»Auf diesem Platz werden normalerweise die Helden willkommen geheißen, die aus einer Schlacht zurückgekehrt sind«, erzählt Cacama in harmlosem Tonfall. »Aber seit Langem heißt der Platz nur noch Malcuitlapilco, ›das Ende der Gefangenenkolonne‹. Als nämlich vor gut dreißig Jahren die große Huitzilopochtli-Pyramide im Herzen von Tenochtitlan eingeweiht wurde, da reichte die Schlange der Gefangenen, die zu ihrer Opferung anstanden, gerade bis hierher.«
Diego und ich wechseln einen Blick. Nicht einmal er kann seine Bestürzung sogleich verbergen. Es war eine Drohung, das ist uns beiden klar – die Drohung, dass es uns genauso ergehen könnte.
»Diese stinkenden Teufelsanbeter!«, beginnt Portocarrero wieder einmal loszuschreien, nachdem Marina übersetzt hat. Doch Cortés gebietet ihm mit einer Handbewegung zu schweigen.
»Der Große Montezuma!«, sagt Cacama und tritt ehrerbietig zur Seite.
- 2 -
Von der Stadt her bewegt sich die feierliche Prozession auf uns zu. Ihren Mittelpunkt bildet eine Sänfte von den Ausmaßen eines seetüchtigen Frachtschiffs, die mit einem Baldachin aus grünen Federn überdacht ist. Die Sänfte ist mit Gold- und Silberstickereien verziert, mit Blumengirlanden und Goldketten geschmückt. Die sechs Träger schauen so hochnäsig drein und tragen so kostbare Umhänge aus schimmernd weißem Tuch, dass sie selbst mindestens Prinzen sein müssen. Ihnen voran schreitet ein junger Adliger, der einen mit Gold und Edelsteinen verzierten Stab trägt – eine Art Zepter, wird mir klar.
Die Sänfte schwebt durch das Tor zu uns auf den Platz heraus und wird einige Schritte vor Cortés abgesetzt. Ein schlanker, doch kräftig gebauter Mann steigt heraus, ungefähr so alt wie unser Herr und etwa auch so groß gewachsen. Er trägt einen Umhang, der mit goldenen Stickereien verziert ist, einen hoch aufgetürmten Kopfschmuck aus türkisfarbenen Federn und vergoldete Sandalen, die mit Edelsteinen übersät sind. Sein Gesicht ist ernst, aber offen und freundlich. Allerdings wird es durch einen Pflock aus türkisblauem Stein entstellt, der seine Unterlippe durchbohrt. Auch seine Ohrläppchen sind von solchen Pflöcken verunziert und türkisfarbene Ornamente glitzern in seinen Nasenflügeln.
Unser Herr steigt von seinem Pferd und eilt Montezuma entgegen. Beide wirken bewegt, ja aufgewühlt. Cortés breitet seine Arme aus – anscheinend will er den Aztekenherrscher mit einer ritterlichen Umarmung begrüßen. Doch der Adlige mit dem Edelsteinstab tritt ihm in den Weg und zischt einige Silben hervor.
»Reicht ihm die Hand, Herr!«, übersetzt Marina.
Cortés macht noch einen Schritt auf sein Gegenüber zu. »Seid Ihr es wirklich, Montezuma?«, fragt er.
Der reich Geschmückte neigt bejahend seinen Kopf. Einen Augenblick lang kommt er mir fast verlegen vor, aber das bilde ich mir bestimmt nur ein. Dabei hätte er einen guten Grund, um bei dieser Frage peinlich berührt zu sein.
Noch vor drei Tagen, als wir vom Kamm der Hochebene aus schon den See mit der großen Stadt unter uns im Tal schimmern sahen, da versuchte Montezuma ein letztes Mal, uns von einem Besuch in Tenochtitlan abzuhalten. Er schickte uns einen adligen Azteken, der sich als der Große Montezuma ausgab und weitere Goldgeschenke mitbrachte. Nun, da unser Herr ihn von Angesicht gesehen habe, erklärte er, könnten wir auch wieder auf unsere schwimmenden Inseln steigen und in das Land zurückkehren, aus dem wir gekommen seien. Doch Prinz Xicotencatl, der Anführer unserer tlaxcaltekischen Verbündeten, lachte ihm ins Gesicht und rief aus, er habe Montezuma schon mehr als einmal gesehen und wisse ganz genau, dass dieser da sich nur als Aztekenherrscher ausgebe. Da entriss Portocarrero dem falschen Montezuma die goldenen Schmuckstücke und Sandoval jagte ihn und sein Gefolge mit gezogenem Schwert davon.
»Ich verbeuge mich vor Euch und küsse Euch die Füße«, sagt nun der echte Montezuma zu unserem Herrn.
Marina übersetzt diese erstaunlichen Worte, fügt jedoch gleich hinzu: »Das sagt man so bei uns. Er würde das eine wie das andere niemals tun.«
Cortés zieht eine Schatulle mit drei pflaumengroßen blauen Perlen hervor und winkt Cuitlalpitoc herbei. »Überreiche dieses Geschenk deinem Herrn!«, befiehlt er, und der unglückliche Gesandte beeilt sich zu gehorchen. Vor drei Tagen, als jener falsche Aztekenherrscher bei uns erschien, beteuerte auch Cuitlalpitoc zuerst, dass es der wirkliche Montezuma sei. Portocarrero hatte seine Hände schon um Cuitlalpitocs Hals geschlossen, als Cortés ihm befahl, das Leben des listenreichen Lügners zu schonen. »Ich will, dass Montezuma ihn hinrichten lässt«, sagte er.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, betrachtet Montezuma die taubenblauen Perlen mit offenbarem Entzücken. Auf einen Wink von ihm bringt ein Diener zwei ineinander verflochtene Halsketten aus roten Schneckenhäusern herbei. An jeder Kette hängen acht goldene Garnelen, die leise gegeneinander klirren, als Montezuma höchstselbst unserem Herrn das eigenartige Schmuckstück umhängt.
»Schneckenhäuser gegen echte Perlen – dieser verfluchte …!«
Diesmal ist es Alvarado, der den »Dröhnenden« mit einer Handbewegung zum Schweigen bringt. »Rote Schneckenhäuser«, korrigiert er. »Quetzalcoatls Farbe! Jede Wette, dass auch die Garnelen irgendetwas mit diesem Götzen zu tun haben, den sie in dir sehen, Hernán.«
Cortés starrt Montezuma ausdruckslos an. Er scheint weder den Fluch des einen noch die Erklärungen seines anderen Vertrauten mitbekommen zu haben. Seine Finger tasten über die goldenen Garnelen vor seiner Brust, doch auch von jenem fiebrigen Glitzern in seinen Augen ist nichts zu sehen. »Unlängst träumte mir«, sagt er, »dass ich auf einem Floß über das Meer trieb und beinahe hungers gestorben wäre. Da plötzlich regnete es Garnelen wie diese hier auf mich herab. Ich brach ihre Schalen auf, schlang das zarte Fleisch in mich hinein – und war gerettet!«
Marina übersetzt und Montezumas Augen werden immer größer. Er wechselt einen Blick mit seinem Zepterträger und murmelt ihm etwas zu. »Quetzalcoatl …«, meine ich zu verstehen – und da wird mir klar, dass Cortés eben keinen Traum erzählt hat, sondern eine Geschichte, die wirklich von Quetzalcoatl überliefert worden ist.
Er kann sie von Marina gehört haben, überlege ich, von unserem Totonaken-Häuptling Mamexi, von Xicotencatl oder von den Herrschern in Cempoallan, bevor er sie umbringen ließ. Oder ist es möglich, dass er diese Geschichte zuerst gehört und anschließend noch einmal geträumt hat – nur dass er in seinem Traum wahrhaftig Quetzalcoatl war? Ich starre ihn an, während er durch Montezuma hindurchstarrt und der Aztekenherrscher um Worte ringt. Oh ja, es ist möglich, sage ich mir – und Bewunderung erfüllt mich für unseren Herrn, für seine so bewegliche Einbildungskraft und seinen einzigartigen Mut. Schließlich, wer außer ihm würde es wagen, sich als wiedergekehrte Gottheit auszugeben – vor dem Herrscher desjenigen Volkes, das diese Gottheit von ihrem Thron gestoßen hat?
Mit sichtlicher Mühe gelingt es Montezuma, seine Fassung zurückzuerlangen. Er knurrt seinem Zepterträger Befehle zu und kurz darauf erscheinen mehrere weitere aztekische Fürsten. Sie nennen ihre Namen, murmeln unterwürfige Begrüßungsfloskeln und küssen die Erde vor Cortés’ Füßen. Einer von ihnen heißt Cuitláhuac, er ist ein jüngerer Bruder von Montezuma und der militärische Oberbefehlshaber der Azteken. Er schaut nicht nur düster wie König Cacama, sondern unverhohlen feindselig drein. Cuitláhuac versucht nicht einmal zu verbergen, dass er den Entschluss seines Bruders nicht gutheißt, uns in Tenochtitlan gastfreundlich aufzunehmen. Offensichtlich glaubt er so wenig wie König Cacama, dass Cortés ein wiedergekehrter Gott sein könnte – oder auch nur irgendein Nachkomme des sagenhaften Volkes der Tolteken, das vor den Azteken dieses Tal beherrscht hat. Doch Montezuma ist der Herrscher, und so bleibt Cuitláhuac nichts anderes übrig, als unseren Herrn mit vorgetäuschter Freundlichkeit willkommen zu heißen.
Auf Montezumas Geheiß ergreifen er und Cacama sogar jeder einen Strohbesen, mit dem sie vor Cortés und Montezuma den Boden fegen, während die beiden nebeneinander durch den Torturm in die Stadt schreiten. Die Träger mit der leeren Sänfte eilen ihnen voraus und Diego zieht Cortés’ unruhig tänzelnden Hengst am Zügel hinter sich her.
Das feinfühlige Tier verspürt bestimmt genauso wie ich den Drang, sich herumzuwerfen und über den Damm davonzurennen, solange diese Möglichkeit noch besteht. Solange wir noch am Leben und bei guter Gesundheit sind. Und solange die Azteken die Holzbrücken noch nicht aus der Dammstraße herausgerissen haben, um alle Fluchtwege aus der Stadt zu blockieren.
Aber Cortés’ Hengst bleibt so wenig wie uns allen eine Wahl. Wir marschieren hinter unserem Herrn und dem Herrscher der Azteken her in die Stadt, und am Ende unserer Kolonne beginnen die Tlaxcalteken aufs Neue, markerschütternd zu schreien und zu trillern. Für sie muss es ein ungeheurer Triumph sein, in die Stadt ihrer unerbittlichsten Feinde einzuziehen. Doch auch ihnen kann nicht ganz wohl sein bei dem Gedanken, dass sie nicht einmal zweitausend Krieger zählen – und Montezuma allein hier in Tenochtitlan fünfzigtausend Mann unter Waffen haben soll!
Unsere totonakischen Verbündeten hat Cortés in Cholollan mit Geschenken überhäuft und nach Hause zurückgeschickt. Ein Teil von mir beneidet ihren Häuptling Mamexi, weil er mit den Seinen rechtzeitig das Weite suchen konnte – doch der weitaus stärkere Teil von mir kann es kaum erwarten, endlich die Pracht und den Reichtum von Tenochtitlan mit eigenen Augen zu sehen.
Und jene kühle Stimme in meinem Innern flüstert: »Was kann dir schon passieren? Du bist der Page von Quetzal-Cortés! Niemand wird es wagen, dir auch nur ein Härchen zu krümmen.«
- 3 -
Die Straße ins Innere der Hauptstadt ist von zweigeschossigen Häusern gesäumt. Ihre Fassaden sind weiß getüncht und mit Tier- oder Pflanzenmustern bunt bemalt. Zwischen den Bauwerken erstrecken sich kleine Gemüsebeete und hinter den Häusern zur Rechten der Straße glitzert der See. Kanus jagen über das Gewässer oder treiben gemächlich dahin. Einige von ihnen sind so lang wie hundertjährige Bäume und bieten fünfzig oder sogar sechzig Ruderern Platz. Andere sind so schwer beladen, mit Mais oder Brennholz, Tuchballen oder Netzen voll zappelnder Fische, dass die Ruderer sie kaum mehr voranbewegen können.
In jedem Tor, jedem Fenster drängen sich Menschen, doch niemand sagt ein Wort. Auch auf den Flachdächern sämtlicher Häuser kauern die Indianer in reglosen Klumpen und starren zu uns herab. Vielleicht ist es bei ihnen ja Brauch, in der Nähe ihres Herrschers ehrerbietig zu schweigen – aber ich spüre, dass sie sich nicht deshalb so still verhalten. In ihren Gesichtern kann ich lesen, dass wir ihnen unheimlich sind. Sie scheinen eine Art Grauen vor uns zu empfinden, so als wären wir Teufel – dabei sind wir doch gekommen, um sie von ihren teuflischen Götzen zu befreien! Und allerdings auch von dem Gold, das in dieser Stadt gewiss in größeren Mengen gehortet wird als irgendwo sonst in der Welt.
Bald schon weichen die einfachen Häuser prachtvollen Palästen, die sich drei- und viergeschossig in die Höhe türmen. An beiden Seiten säumen Gehwege die Straße, die zur Mitte hin abfällt und an ihrer tiefsten Stelle von einer Rinne durchzogen ist. Die Fassaden der Paläste sind mit Reliefmustern geschmückt und kunstvoll bemalt. Bewaffnete Wächter stehen vor den Toren und halten mit starren Gesichtern ihre schwarz gezähnten Holzschwerter in die Höhe, als Montezuma in seiner Sänfte an ihnen vorüberschwebt.
»Ihr habt ein häupterreiches Gefolge, Don Hernando«, sagt Montezuma zu unserem Herrn, während wir auf einen quadratischen Platz von ungeheuren Ausmaßen zumarschieren. »Aber der Palast, den wir für Euch vorbereitet haben, bietet Platz für alle Eure Hauptleute und Soldaten, Diener und Sklaven. Und notfalls noch für etliche mehr.«
Er geleitet uns zu einem gewaltigen Bauwerk an der vorderen Stirnseite des großen Platzes. Der Platz misst in der Länge wenigstens vierhundert Schritte und an seinem anderen Ende ragt eine gewaltige Pyramide in den Himmel empor. Eine Vielzahl weiterer Bauten von kolossalen Ausmaßen säumt den Platz, und sie alle sind so strahlend weiß wie der marmorartige Belag, der die weite Fläche zwischen den Palästen überzieht. Nur die Pyramide dort drüben hebt sich dunkel, fast schwarz von der schimmernd weißen Umgebung ab.
Mit einem plötzlichen Schauder wird mir klar, dass es die Huitzilopochtli-Pyramide sein muss, auf deren First damals achtzigtausend Menschen hingeschlachtet wurden. Dieser dunkle Überzug auf den mehr als hundert Stufen, schießt es mir durch den Kopf – das sind unzählige Schichten von getrocknetem Menschenblut! Wenn es nach König Cacama von Texcoco oder nach Montezumas Bruder Cuitláhuac ginge, würden sie bei der nächsten Gelegenheit auch noch unser Blut da oben auf der Pyramide ihres gierigen Kriegsgottes vergießen! Und wer weiß schon, ob Montezuma nicht insgeheim genauso denkt? Vielleicht verstellt er sich ja und hat uns nur deshalb hierhergelockt, weil seine Stadt die unentrinnbarste Falle auf der ganzen Welt ist!
Was für ein Wahnsinn!, denke ich und das Herz hämmert mir wieder angstvoll in der Brust. Wie konnten wir es nur wagen, mit dreihundert Mann und einigen indianischen Verbündeten hierherzukommen – in eine feindliche Stadt, die wie eine Festung ausgebaut ist und in der eine Viertelmillion Menschen leben, davon mindestens fünfzigtausend kampferprobte Krieger? »Montezuma ist sich nicht sicher, ob er uns töten lassen kann, ohne dadurch den Zorn seiner Götzen herabzubeschwören« – das hat Cortés selbst mir doch in Cholollan noch erklärt! »Falls es ihm aber gelingt, diese Zweifel zu überwinden, so wird er nicht zögern, die Schlinge zuzuziehen.« Jetzt haben wir ihm auch noch geholfen, diese Schlinge um unsere Hälse zu legen – und können nur noch hoffen, dass der Zweifel ihn niemals verlassen wird!
»In diesem Palast hat mein Vater gelebt und regiert, der weise und furchtlose König Axayácatl«, erklärt unterdessen Montezuma und deutet auf das prachtvolle Bauwerk vor uns. »Nur hochgestellte Gäste, für die ich besonders tiefe Freundschaft und Verehrung empfinde, dürfen hier wohnen.«
Bei diesen Worten schaut er unseren Herrn erwartungsvoll, ja geradezu flehentlich an. Ich blicke in sein Gesicht mit den großen, gefühlvollen Augen, den bebenden Nasenflügeln, den edel geschwungenen Lippen – und da dämmert mir, dass er wahrhaftig um die Freundschaft unseres Herrn wirbt. Was er gerade gesagt hat, war bestimmt nicht nur eine traditionelle Höflichkeitsfloskel – das spüre ich genau. Wie verzaubert schaut Montezuma unseren Herrn an. Kein Zweifel – der mächtige Herrscher der Azteken sehnt sich danach, ihn zum Freund zu gewinnen!
»Ich weiß die Ehre sehr zu schätzen, Großer Montezuma«, antwortet Cortés und jenes Lächeln kräuselt seine Lippen. »Ich lechze danach, Euch von meinem König und von unserem Glauben zu erzählen. Doch zuvor versprecht mir eines, mein hochherziger Freund.«
Marina übersetzt und Montezumas Antwort ist ein eifriges Lächeln und Nicken. »Was immer Ihr wollt, Don Hernando!«
Cortés wendet sich um und winkt abermals Cuitlalpitoc heran. Mit gesenktem Kopf nähert sich der todgeweihte Gesandte. »Nehmt diesen Verräter in Verwahrung, Montezuma!«, sagt unser Herr. »Er hat Verbrechen verübt, die Ihr gewiss verhindert hättet, wenn er nur seine Schliche nicht so tückisch vor Euch verborgen hätte.«
Unser Herr beobachtet Montezuma aufmerksam. Das eben noch rotgoldene Gesicht des Aztekenherrschers ist mit einem Mal aschgrau geworden. »Was werft Ihr ihm vor?«, fragt Montezuma.
Cortés schüttelt den Kopf, dass die roten Federn an seinem Hut erzittern. »Ihr wisst, dass ich unnötige Gewalt verabscheue«, antwortet er. »Doch der Verräter Cuitlalpitoc hat Verbrechen begangen, die keinesfalls ungesühnt bleiben dürfen. Er hat uns in Cholollan in eine Falle gelockt, aus der wir uns nur dank der Gnade Jesu Christi und der heiligen Madonna Maria wieder befreien konnten. Und er hat noch vor wenigen Tagen einen Mann zu mir geschickt, der sich als Montezuma, König der Azteken, ausgab und mich aufforderte, Euer Land auf dem schnellsten Weg wieder zu verlassen.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung. »Lasst uns heute nicht weiter davon sprechen«, fährt er fort. »Morgen werde ich Euch, wenn Ihr erlaubt, in Eurem Thronsaal aufsuchen und von Euch erfahren, welches Urteil Ihr über den Verräter Cuitlalpitoc gesprochen habt. Doch nun will ich mich erst einmal von den Strapazen der Reise erholen.«
Montezumas Gesichtsausdruck verrät, dass er über diesen Zwischenfall nicht gerade glücklich ist. Unser Herr hat ihn vor aller Augen geradezu genötigt, seinen eigenen Gesandten zum Tode zu verurteilen. Doch Montezuma kann sich auch nicht offen gegen diese Erpressung wehren – schließlich hat Cuitlalpitoc stets nur seine Befehle ausgeführt.
Der Herrscher stößt einen Knurrton aus und zwei seiner Wachen treten vor. Sie packen den unglücklichen Cuitlalpitoc bei den Armen und schleifen ihn davon, quer über den Platz.
»Ihr werdet mit allem zufrieden sein, Don Hernando!«, beteuert Montezuma und bittet unseren Herrn mit einer ehrerbietigen Handbewegung, vor ihm in den ehemaligen Königspalast zu treten.
Das Innere des Bauwerks ist noch überwältigender, als die kühne Architektur und die kunstvolle Gestaltung der Fassade erwarten ließen. Auch in diesem Palast gibt es einen Thronsaal, und Montezuma führt unseren Herrn in den gewaltig großen Raum, dessen Wände tatsächlich mit vergoldeten Tapeten bedeckt sind. Er bittet Cortés, auf dem Thron seines Vaters Platz zu nehmen, während er selbst sich darum kümmern werde, dass wir alle eine reichhaltige Mahlzeit bekämen. Wenn wir uns gestärkt hätten, werde er zurückkehren und uns mit einer Ansprache begrüßen, wie es so bedeutenden Gästen gezieme.
So geschieht es tatsächlich: Während Diego und ich den ungeheuer großen Palast erkunden, tragen Scharen aztekischer Diener in einem halben Dutzend gigantischer Säle ein reichhaltiges Abendessen auf. Der Palast verfügt über zahllose Säle und Vorzimmer und jeder einzelne Raum ist mit kostbaren Lederkissen, Baumwoll- und Federdecken, Pelzroben und Flechtmatten ausgestattet. Es gibt Unmengen an kunstvoll geschnitzten Schränken und Holzsesseln und in den einfacher ausgestatteten Nebengebäuden finden auch unsere sämtlichen indianischen Verbündeten Platz. Die Geschütze postieren wir wiederum in den Palasttoren, wie schon in Cempoallan und Cholollan, sodass sie den Tempelplatz in seiner gesamten Länge und Breite bedrohen.
Doch vorerst denkt niemand von uns mehr an irgendwelche Bedrohungen. Nachdem wir uns gesättigt und unseren Durst gestillt haben, feuern unsere Gewehrschützen und Artilleristen donnernde Freudensalven in die Luft ab. Wir laufen nach draußen, in den weitläufigen Hinterhof des Palastes, der einem üppigen Park ähnelt, und schreien und rufen alle durcheinander. Auch ich lasse endlich die Schreie heraus, die mir seit heute früh in der Kehle steckten – und zumindest in meinen eigenen Ohren hören sie sich wie Jubelrufe an.
Doch Carlita, die sich im allgemeinen Trubel zu mir herangepirscht hat, schaut mich erschrocken an. »Was ist mit dir, Orte?«, flüstert sie mir zu. »Du schreist, als ob dir jemand ans Leben will!«
»Gar nichts ist mit mir!«, beteuere ich und verschließe Carlitas Mund mit einem hastigen Kuss. »Unser Herr und Montezuma sind schon dabei, Freundschaft zu schließen«, fahre ich fort, nachdem sich Carlita wieder aus meinen Armen befreit hat. »Alles wird gut ausgehen, Carlita«, behaupte ich und weiche ihrem Blick aus. »Das spüre ich ganz genau!«
Später am Abend kommt Montezuma wie angekündigt noch einmal zu uns in den Palast. Er wird von seinen Wächtern und Ratgebern begleitet, und Cortés führt ihn wie selbstverständlich in den Thronsaal und winkt seinen Vertrauten, ihm zu folgen. Im Fackellicht schimmern die Goldtapeten wahrhaftig wie in einem Fiebertraum.
Montezuma wartet, bis Cortés auf dem Thron Platz genommen hat, auf dem in früheren Zeiten Montezumas Vorgänger gesessen haben. Der Thron ist ein kunstvoll geschnitzter Sessel, der verschwenderisch mit Gold und Silberketten geschmückt ist. Auch die Füße des Sessels sind mit Gold überzogen. Montezuma nimmt unserem Herrn gegenüber auf einem bescheideneren Sitzmöbel Platz und beginnt zu sprechen. Schon nach wenigen Sätzen bin ich drauf und dran, meinen eigenen Beteuerungen zu glauben, mit denen ich vorhin Carlita beruhigen wollte. Alles wird gut ausgehen, ja wie denn sonst!
»Betrachtet Tenochtitlan als Eure Stadt, Don Hernando, und diesen Palast als Euer Haus!«, ruft Montezuma aus. »Versichert Eurem König, dass ich sein ergebenster Diener bin!«
Marina übersetzt, und Cortés sagt halblaut zu Alvarado: »Ergebenster Diener – das heißt doch, dass er sich zum treuen Vasallen von König Karl erklärt.«
Der »Durchtriebene« grinst verschlagener denn je. Zusammen mit Cortés’ anderen Vertrauten steht er hinter dem Thron. Gerade beugt er sich nach vorn, um unserem Herrn etwas zuzuraunen, doch da redet Montezuma schon weiter.
»Seid Ihr der wiedergekehrte Quetzalcoatl, bärtiger Herr?«, fragt der Herrscher in unterwürfigem Tonfall. »Meine Hohepriester und meine weisesten Ratgeber sind seit vielen Monden bemüht, dieses Geheimnis zu erforschen. Noch haben wir die Antwort nicht gefunden, doch ich fühle in der tiefsten Tiefe meines Herzens, dass Ihr ein Herrscher und Gott seid. Also zögert nicht, ich flehe Euch an, im ganzen Land in meinem Namen Befehle zu erteilen, als ob dies Euer eigenes Land wäre! Und verfügt über all mein Hab und Gut, wie es Euch gefällt!«
Nachdem Marina diese Worte übersetzt hat, kommt mir sogar unser Herr beeindruckt, ja bewegt vor. »Oder waren das auch wieder nur Höflichkeitsfloskeln?«, fragt er Marina. »Mir schien es, als meinte er das wirklich so!«
Marina zuckt mit den Schultern. »Ich bin nur die Tochter eines Dorfkönigs«, sagt sie. »Montezuma und seine Edelleute sprechen ein so vornehmes Nahuatl, dass ich sowieso schon Mühe habe, alles zu verstehen. Einige Höflichkeitsformeln wie ›Ich küsse Eure Füße‹ kennt bei uns jedes Kind. Aber ob der Große Montezuma Euch eben tatsächlich sein Land und Eigentum zu Füßen gelegt hat, vermag ich nicht zu sagen.«
Cortés starrt durch sie hindurch. »Aber ich!«, sagt er in abwesendem Tonfall und erhebt sich.
Montezuma richtet sich gleichfalls auf. Erwartungsvoll, mit einem fast kindlichen Gesichtsausdruck schaut er Cortés an.
»Seid bedankt für Eure freundlichen Worte, Großer Montezuma«, sagt unser Herr in seinem sanftesten Tonfall, »und für die gastfreundliche Aufnahme in diesem Palast Eures ehrwürdigen Vaters. Seid versichert, dass ich Euch liebe, Montezuma. Mein Herz ist heute zufrieden. Seit so langer Zeit wünschte ich, Euch zu sehen und mit Euch zu sprechen. Dieser Wunsch beginnt sich nun zu erfüllen. Fürchtet nichts!«, sagt Cortés und bemüht sich um ein warmes Lächeln. »So lange schon sehnt sich Euer Herz nach mir und nun kann uns nichts mehr trennen.«
Sichtlich gerührt dankt Montezuma unserem Herrn und wünscht ihm und uns allen eine gute Nacht. Bevor er uns verlässt, lädt er »Don Hernando, seine Hauptleute und Ratgeber« für morgen Abend in seinen Palast ein.
- 4 -
Als ich am nächsten Tag erwache, ist meine Hochstimmung vom Vorabend verflogen. Diego steht am Fenster unserer Kammer, das auf den großen Platz hinausgeht. Als er sieht, dass ich meine Augen geöffnet habe, winkt er mich aufgeregt zu sich her.
Ich werfe meine wunderbar leichte Federdecke zur Seite und rappele mich von der weichen Matratze auf. Sogar unsere Pagenkammer ist bequemer und kostbarer ausgestattet als die Königsgemächer in Cempoallan! Unser Herr ruht nebenan auf schneeweißen Pelzroben, unter einem Betthimmel aus roten Vogelfedern, und die Wände seines Schlafgemachs sind mit Blattgold überzogen. Zumindest waren sie das gestern Abend noch, sage ich mir – gut möglich allerdings, dass der »Dröhnende« unterdessen jeden goldenen Krümel von den Wänden abgekratzt hat.
»Sieh dir das an, Orte!«, sagt Diego mit gepresster Stimme.
Ich trete neben ihn und spähe durch das Lukenfenster hinaus. Da draußen auf dem Platz ist alles schwarz vor Menschen. Männer und Frauen, kleine Kinder und Greise. Manche stehen in Gruppen beisammen, die meisten aber kauern am Boden, wie es bei den Indianern üblich ist: die Arme um die Knie geschlungen, reglos wie Pilze.
»Sie starren alle hierher!«, flüstert Diego. »Das ist unheimlich, findest du nicht? Noch unheimlicher als in Cholollan – da haben sie uns wenigstens gezeigt, dass sie uns für ihre Feinde halten!«
Die Sonne steht schon hoch über der Stadt. Anscheinend haben wir den halben Tag verschlafen – kein Wunder nach den Strapazen der letzten Zeit. »Bestimmt sind sie einfach nur neugierig«, sage ich. »Wir sind die Gäste ihres Königs! Montezuma hat Cortés als seinen Freund bezeichnet. Glaub mir nur, hier ist alles anders als in Cholollan!«
Diego schaut mich an und plötzlich beginnt er zu grinsen. »Du hast recht, Orte – ich sehe Gespenster«, sagt er und schlägt mir auf die Schulter. »Weißt du, ich bin eben ein Soldat! ›Lieber von Feinden umzingelt als zwischen Leuten sein, die freundlich tun und denen ich nicht über den Weg traue.‹ So hat sich Guerrero neulich in Cholollan ausgedrückt – und ich empfinde es genauso.«
»Aber lass dir nichts anmerken!«, gebe ich zurück und täusche einen Faustschlag in seine Magengrube vor. »Wenn uns Montezuma aus irgendeinem Grund plötzlich für seine Feinde statt für seine Gäste hält, kann er uns in seiner Faust zerquetschen.«
Ich mache es ihm mit meiner linken Hand vor, während ich mit der rechten nach meinem Obergewand angele. Diego lacht auf und wendet sich vom Fenster ab. Zu meinem Erstaunen scheint er mir tatsächlich zu glauben – dafür bin nun ich von kribbelnder Unruhe erfüllt. Nur mit Mühe gelingt es mir, meinen Blick von der geisterhaft schweigsamen Menge da draußen abzuwenden. Meinen Blick – und vor allem meine ahnungsvollen Gedanken.
»Ich schaue mal rasch nach Carlita«, sage ich und fahre mir mit gespreizten Fingern durch mein Haar. »Bestimmt muss sie schon wieder mit den tlaxcaltekischen Dienerinnen Tortillas backen!«
»Das arme Adelsfräulein!«, antwortet Diego und grinst noch breiter. »Willst du mir nicht endlich mal erzählen, wer sie in Wirklichkeit ist?«
Ich schnalle mir meinen Gürtel um und schlüpfe in meine Stulpenstiefel. »Ein Mädchen aus einer einfachen Kleinadelsfamilie«, sage ich. »Das habe ich dir doch schon hundertmal erklärt.«
Diego verschränkt die Arme vor der Brust und macht schmale Augen. »Und warum hat Cortés dann angeordnet, dass sie sich als tlaxcaltekische Dienerin verkleiden soll? Kannst du mir das vielleicht auch noch erklären, Orte? Das kann doch nur bedeuten, dass irgendjemand aus Montezumas Gefolge sie erkennen könnte, wenn sie sich in Cortés’ Nähe aufhält!«
Ich starre durch ihn hindurch, bis Diego gereizt auflacht. »Du machst ihn nach, Orte, merkst du das eigentlich?«, ruft er aus.
Bevor Diego sehen kann, wie mir das Blut in die Wangen schießt, fahre ich herum und stürze aus der Tür. »Keine Ahnung, wovon du redest!«, sage ich über die Schulter – dabei weiß ich ganz genau, dass Diego recht hat. Auch diese Gewohnheit, über die Schulter zu sprechen, ohne mich richtig umzuwenden, habe ich von Cortés abgeschaut.
Die Königsgemächer, in denen Cortés logiert, liegen im ersten Stock des Palastes. Gerade eile ich den mit Pelzteppichen und Baumwollmatten ausgelegten Flur entlang zur Treppe, da fliegt eine Tür auf und Sandoval tritt heraus. »Ah, Orteguilla!«, sagt er. »Gut, dass ich dich hier erwische – wir versammeln uns unten im Thronsaal. Große Lagebesprechung – und du sollst auch dabei sein!«
»Jetzt sofort?«, frage ich und gebe mir Mühe, meine Enttäuschung zu verbergen.
Sandoval lacht auf. »Ja – jetzt gleich! Die Liebe muss warten, Junge!« Er tritt näher zu mir heran, zieht schnüffelnd die Luft ein und rümpft die Nase. »Unten im Palast gibt es übrigens ein vorzügliches Bade- und Schwitzhaus. Was hältst du davon, erst einmal dorthin zu gehen, bevor du deine Schöne das nächste Mal umarmst?«
Vor Empörung atme ich heftig ein und da steigt mir ein seltsamer Duft in die Nase: Der »Tollkühne« riecht nach Rosen und Veilchen wie ein ganzes Blumenbeet!
»Ich habe es schon ausprobiert«, sagt er und lässt sein unbekümmertes Lachen ertönen. »Man fühlt sich wirklich besser danach. Die Indianer hier sind erstaunlich, findest du nicht?«, fährt er fort, während wir den Flur entlang zur Treppe gehen. »Sie sind reinlich wie Jungfrauen, sie waschen sich ihre Haare sogar mit Seife, die sie aus Avocadokernen gewinnen. Ihre Stadt und ihr Land sind allem Anschein nach so wohlgeordnet wie bei uns zu Hause nicht einmal ein dominikanisches Klostergut – und gleichzeitig beten sie diese Teufelsgötzen an! Das passt doch nicht zusammen, Junge – findest du nicht auch?«
Darauf fällt mir nicht gleich eine Antwort ein. Aber wie denn auch – es ist ja dieselbe Frage, mit der ich mich seit Wochen immer wieder herumschlage! Während ich über Sandovals Worten brüte, eilen wir die breite Treppe hinab ins Erdgeschoss und unten durch die prachtvolle Vorhalle zum Thronsaal. Dort sitzt Cortés schon auf dem mit Goldketten geschmückten Thronsessel – in der gleichen stolzen Haltung wie gestern Abend, als Montezuma ihm sein Reich zu Füßen gelegt hat. Er sieht aus, als würde er dort am liebsten für immer sitzen bleiben – oder nein: als ob er dort eigentlich immer schon gethront hätte. Was ja in gewisser Weise auch zutrifft: In seinen Träumen ist unser Herr seit Langem ein König, mächtig und reich.
Außer seinen engsten Vertrauten, Marina und Fray Bartolomé hat er etliche weitere unserer Hauptleute herbeibefohlen. Ich entdecke Cristóbal de Tapia, den narbigen Guerrero und sogar die beiden Franciscos – Montejo und Morla. Gut zwanzig Männer sind hier versammelt und die Stimmung ist angespannt. Auch Geronimo de Aguilar schlüpft zuletzt noch in den Saal. Was hat der Tätowierte hier zu suchen? Seit unser Herr ihn nicht mehr als Übersetzer braucht, habe ich den einstigen Minoritenmönch kein einziges Mal mehr in Cortés’ Nähe gesehen.
Auf einen Wink von Alvarado hin schließen die Wachen die Tür. Cortés beginnt sofort zu sprechen. »Wir sind kurz vor dem Ziel, Männer«, sagt er, »aber wir haben es noch nicht ganz erreicht. Wir sind weiter, viel weiter gekommen, als manch einer es uns zugetraut hätte – aber wir sind nun in der Lage des bewundernswerten Antoine de Ville, der auf Befehl seines Königs im Jahr 1492 den Mont Aiguille bestiegen hat: Kurz vor dem Gipfel klammerte sich de Ville an die überhängende Felswand, zitternd vor Erschöpfung und Schwindelgefühl. Doch kurz darauf gewann er seine Selbstbeherrschung zurück. Er hatte einen wohldurchdachten Plan, so beschwor er sich, und er würde niemandem erlauben, diesen Plan zu durchkreuzen. Nicht einmal sich selbst, so kurz vor seinem Ziel!«, ruft Cortés aus.
Er erhebt sich von seinem Thron und starrt in der üblichen Weise durch die Umstehenden hindurch. »Antoine de Ville hat den Gipfel bezwungen – und damit seine eigene Angst und Schwäche«, fährt er fort. »Und in derselben Lage sind nun auch wir. Ihr habt es gestern mit euren eigenen Ohren gehört: Montezuma hat mir sein Reich zu Füßen gelegt – und jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass er diesen Worten auch Taten folgen lässt. Er muss mir die Herrschaft über sein Reich wahrhaftig in die Hände geben – kampflos und sozusagen freiwillig, sodass seine Untertanen gegen diesen Umschwung nicht aufbegehren. Wenn uns auch dieser Schritt mit der gnädigen Hilfe der Muttergottes noch geglückt ist, sind wir am Ziel. Aber bis dahin dürft ihr alle keine Sekunde lang vergessen, wie unsicher unsere Lage jetzt noch ist. Wie jener Bergbezwinger Antoine de Ville werden wir schmählich abstürzen, wenn wir einen Fehlgriff tun – oder aber uns auf den höchsten Punkt hinaufschwingen, wenn wir unsere Kaltblütigkeit bewahren. Und das bedeutet …«
Er unterbricht sich und sieht einige der Umstehenden durchbohrend an. »Niemand von euch«, fährt er fort, »darf sich in irgendwelche Kampfhandlungen verwickeln lassen. Niemand von euch darf sich auch nur die kleinsten Übergriffe erlauben. Brecht keinen Streit mit den Azteken vom Zaun und lasst euch von ihnen nicht provozieren! Lasst die Frauen und Mädchen in der Stadt zufrieden! Lasst die Finger auch von den Besitztümern der Leute – ihrem Gold, Silber, Schmuck oder was auch immer! Wir sind die Gäste ihres Königs, vergesst das nie. Sie halten uns für Götter oder zumindest für eine Art übermächtiger Wesen – unterlasst alles, was sie auf den Gedanken bringen könnte, dass wir gewöhnliche Räuber wären! Wer gegen diese Gebote verstößt, muss auf strengste Bestrafung gefasst sein! Habt ihr das verstanden?«
Wieder sieht er einen nach dem anderen durchdringend an. So ernst hat unser Herr schon lange nicht mehr zu uns gesprochen. Wir alle murmeln, dass wir verstanden haben und alles so ausführen werden, wie er es uns aufgetragen hat.
»Dann geht jetzt und schärft euren Männern ein, wie sie sich zu verhalten haben!«, fährt Cortés fort. »Erinnert sie an den Galgen in Vera Cruz. Und an das Gold in Montezumas Schatzkammern, von dem jeder von ihnen seinen gerechten Anteil bekommen wird, wenn diese Stadt und das Land erst in meine Hände gefallen sind! Geht jetzt! Ihr nicht – mit euch habe ich noch zu sprechen«, fügt er hinzu und winkt Fray Bartolomé und den Tätowierten zu sich heran. »Und mit dir, Orteguilla, auch.«
- 5 -
Als die anderen gegangen sind, schließen unsere Wachen erneut die Tür. Cortés hat wieder auf dem Thron Platz genommen. Außer seinen drei Vertrauten, den beiden Geistlichen, Marina und mir ist niemand mehr in dem weitläufigen Saal. Obwohl es hier drinnen stickig heiß ist, trägt Cortés seinen goldbesetzten Umhang und sogar den Hut mit den roten Federn. Er sieht grau und übernächtigt aus. Doch seine Augen funkeln vor Zuversicht und Tatendrang.
»Du hast ihnen einen ganz schönen Schrecken eingejagt«, sagt Alvarado zu Cortés. »Aber du hast recht, es ging nicht anders – jeder muss sich darüber klar sein, dass wir hier nicht mehr lebendig rauskommen, wenn Montezuma das nicht will.«
»Oder sein verdreckter Bruder«, grollt Portocarrero, »dieser Cuitlá-kack oder wie der verdammte Oberkrieger heißt!«
»Cuitláhuac«, korrigiert Sandoval mit einem Lachen und verströmt Veilchenduft. »So schwer finde ich ihre Namen gar nicht zu merken. Gib dir einfach mal ein bisschen Mühe!«
Er schlägt dem »Dröhnenden« aufmunternd auf die Schulter und der prallt zurück und hält sich sogar die Nase zu. »Bist du auch waschsüchtig geworden?«, schreit er. »Wie diese verweichlichten Wilden?«
Sandoval lacht noch lauter. »Du musst dich schon entscheiden, Alonso«, sagt er, »wie du die Indianer beschimpfen willst: dreckig oder waschsüchtig, wild oder verweichlicht – beides zusammen geht nicht!«
Alvarado bricht gleichfalls in schallendes Gelächter aus. »So wenig wie gottesfürchtig und teufelsgläubig!«, bringt er prustend hervor.
Schlagartig werden alle wieder ernst. Ich schaue Sandoval erwartungsvoll an, doch er schüttelt nur leicht den Kopf. Offenbar hat er nicht die Absicht, vor aller Ohren zu wiederholen, was er vorhin zu mir gesagt hat. Aber warum nicht?
»Kommen wir zur Sache«, sagt unser Herr. »Auch wenn wir noch nicht in sämtlichen Einzelheiten wissen, wie dieses Königreich und seine Vasallenstaaten organisiert sind, liegt doch klar zutage, dass sie alles vortrefflich eingerichtet haben. So vorzüglich sogar, wie das eigentlich gar nicht sein kann in einem Land, dessen Bewohner doch offenbar vom Teufelsglauben verblendet sind.« Er wendet sich an Fray Bartolomé. »Pater, erklärt uns diesen Widerspruch!«
Fray Bartolomé streckt seine gedrungene Gestalt und räuspert sich. Anscheinend fühlt er sich mit diesem Thema nicht allzu behaglich. »Nun, das ist im Grunde wirklich nicht möglich«, antwortet er und räuspert sich nochmals ausgiebig. »Der Heilige Vater hat in seiner Bulle über die Eroberung der Neuen Welten dargelegt, dass eine Welt, in der der Satan herrscht, notwendigerweise einem teuflischen Tohuwabohu verfallen sein muss. Denn wo der Teufel herrscht, herrscht auch das Chaos. Alle Harmonie und Ordnung dagegen ist göttlich.«
Er zieht ein Tuch unter seiner Kutte hervor und fährt sich damit über die Stirn. »Demzufolge muss entweder die Ordnung ihrer Lebensverhältnisse«, fährt er fort, »die uns auf den ersten Blick so vortrefflich scheint, eine bloß oberflächliche und scheinbare sein – oder … oder …« Fray Bartolomé verstummt und schaut Cortés unglücklich an.
»Oder?«, wiederholt unser Herr in strengem Tonfall. »Sprecht weiter, Pater!«
»Oder … oder dasselbe trifft auf ihren Glauben zu«, setzt der Priester mit bebender Lippe erneut an. »Dann nämlich müsste der teuflische Aberglaube, dem diese Indianer ganz und gar verfallen scheinen, bloß eine oberflächliche und scheinbare Abirrung sein – während sie in der Tiefe ihrer Herzen dem wahren Glauben anhängen würden!«
Er wischt sich abermals mit dem Tuch über sein Gesicht. Portocarrero hat sich drohend vor ihm aufgebaut, aber Fray Bartolomé scheint ihn gar nicht zu bemerken. »In diesem Fall hätten wir keinerlei Recht, dieses Land für die spanische Krone zu erobern«, fügt er murmelnd wie im Selbstgespräch hinzu. »In seiner Bulle hat der Heilige Vater unserem König ausdrücklich nur solche neu entdeckten Länder zum Lehen gegeben, die dem Satan verfallen sind und durch die Entdecker zum wahren Glauben bekehrt werden. Hier aber …«
Weiter kommt er nicht. Portocarrero hat die Schultern des Paters mit seinen Pranken gepackt und schüttelt Fray Bartolomé hin und her. »Aber sie sind ja dem Satan verfallen, du Weihrauchrülpser!«, schreit er. »Oder was glaubst du, wen sonst sie da draußen mit Tausenden zuckender Menschenherzen mästen – wenn nicht den Teufel?«
»Lass ihn los!«, geht Sandoval dazwischen. »Auch wenn ich dir recht gebe, Alonso: Sie sind offensichtlich dem Teufel verfallen und dürfen sich glücklich schätzen, dass wir uns die Mühe machen, sie vom Leibhaftigen zu befreien.«
»Und von ihren Goldvorräten«, stimmt Alvarado mit wölfischem Grinsen zu.
Ich starre Sandoval entgeistert an. Habe ich ihn vorhin falsch verstanden? Als er meinen Blick bemerkt, hebt er die Schultern und setzt sein strahlendstes Lächeln auf. Da wird mir klar, dass es auch ihm ganz egal ist, so egal wie Alvarado oder Portocarrero, ob wir hier Recht oder Unrecht tun. Hauptsache, die Indianer geben uns ihr Gold!
»Also hört auf herumzustreiten, Caballeros«, fährt Alvarado fort. »Lasst uns lieber zu dem Punkt kommen, um den es hier wirklich geht: Wir müssen Montezuma und seine Oberpriester dazu bringen, ihren Teufelsgötzen abzuschwören und zu unserem Glauben überzutreten. Sonst wird man uns zu Hause den Prozess machen, weil wir die Indianer angeblich nur ausgeplündert haben, anstatt ihre Seelen für das himmlische Jenseits zu retten. Aber gleichzeitig dürfen wir Montezuma nicht so sehr erzürnen, dass er uns ein paar Hunderttausend von seinen zwei oder drei Millionen Kriegern vorbeischickt – dann nämlich wären wir es, deren Seelen vorzeitig ins Jenseits hinüberflattern.«
Er winkt Fray Bartolomé näher zu sich heran. »Mit diesem Widerspruch haben wir es hier zu tun, Pater, und hierzu benötigen wir Euren Rat! Nicht zu irgendwelchen theologischen Spitzfindigkeiten!«
Der »Durchtriebene« wirft Cortés einen Blick zu, der seine Verärgerung verrät. Unser Herr aber sitzt starr auf seinem Thron und schaut nachdenklich vor sich hin – und in diesem Moment wird mir noch etwas klar: Ihm ist es keineswegs egal, ob die Azteken tatsächlich dem Teufelsglauben verfallen sind! Ganz im Gegenteil, sage ich mir, Cortés ist wirklich von dem Wunsch erfüllt, den Indianern den wahren Glauben zu bringen! Deshalb hat er selbst schon in Potonchan die Priesterrobe übergestreift und zu Ostern von der Auferstehung unseres Erlösers gepredigt! Und deshalb hat er sogar eigens für die Tlaxcalteken-Herrscher einen theologischen Traktat verfasst – obwohl natürlich auch er wissen musste, dass sie seine Worte nicht lesen konnten! Doch es war ihm eben ein Herzensanliegen, sage ich mir, und das unterscheidet ihn so sehr von Alvarado, Portocarrero und sogar von Sandoval! Diesen dreien ist es immer nur ums Gold gegangen – für Cortés aber gehört das alles untrennbar zusammen: der Thron, der ihm durch prophetische Träume vorherbestimmt ist, die Bekehrung der Indianer und das Gold!
Ich starre Cortés unverwandt an und steigere mich geradezu in einen Rausch der Begeisterung hinein. So und nicht anders verhält es sich!, sage ich mir. Und aus allen diesen Gründen muss sich ihm ja auch die Frage aufdrängen, ob die Indianer nicht ursprünglich einem Glauben anhingen, der unserem Glauben keineswegs so sehr fernsteht! Diese Frage muss ihn umso mehr beschäftigen, seit er begonnen hat, sich in die Rolle des gütigen Quetzalcoatl hineinzuversetzen! Hat Quetzalcoatl nicht große Ähnlichkeit mit unserem Erlöser Jesus Christus – so wie seine Schwester Xochiquetal unserer gütigen Madonna Maria gleicht?
»He, Orteguilla, du träumst ja mit offenen Augen!« Sandoval hat mich von hinten bei den Schultern gepackt und schiebt mich auf den Thron zu. »Du kannst es wohl nicht erwarten, deine Kleine zu sehen?«
Das Blut schießt mir in die Wangen. Alle starren mich an und lachen – sogar der Tätowierte und Fray Bartolomé. Nur Cortés bleibt vollkommen ernst.
»Hör mir gut zu, Orteguilla!«, sagt er. »Nachher werde ich Montezuma in seinem Palast einen Besuch abstatten – und du sollst mich begleiten. Du verstehst doch mittlerweile ihre Sprache?«
Ich hebe unsicher die Schultern. »Nicht besonders gut, Herr.«
Doch das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. »Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, wie ich vorgehen werde«, sagt er in geistesabwesendem Tonfall. »Möglicherweise werde ich ihm vorschlagen, dass er und ich deine Pagendienste gemeinsam in Anspruch nehmen könnten.«
Meine Augen werden so groß wie Kanonenkugeln, jedenfalls fühlt es sich so an. »Gemeinsam, Herr?«, wiederhole ich. »Wie meint Ihr das?«
»Das wird sich zeigen«, antwortet Cortés. »Mir träumte, dass Montezuma und ich zusammen auf seinem Thron säßen und gemeinsam über sein Reich herrschten. Und dann wieder, im gleichen Traum, sah ich dich, Orteguilla, wie du zu Montezumas Füßen kauerst – und er erzählt dir in unaufhörlichem Redestrom alles, was wir von ihm zu wissen begehren!«
Ich muss krampfhaft schlucken. »Wollt Ihr, Herr, dass ich bei ihm bleibe – in seinem Palast?«
Cortés hat sich schon halb von mir abgewendet. Er winkt den Tätowierten zu sich heran, während er mir über die Schulter noch zuruft: »Vielleicht mache ich dich ihm zum Geschenk – natürlich nur zum Schein! Aber du selbst hast es in der Hand, Orteguilla!« Er wirft mir einen durchbohrenden Blick zu, und mit einem Schlag wird mir klar, wie er diese Worte gemeint hat: Finde heraus, wo Montezumas Schätze sind – wenn du nicht willst, dass wir Carlita befragen!
Ich verbeuge mich und weiche ein paar Schritte vom Thron zurück. »Ich sehe mit Freuden«, sagt Cortés eben zu Aguilar, »dass Ihr die Priesterrobe angezogen habt, die Fray Bartolomé Euch auf meinen Wunsch überlassen hat. Das ist gut so, denn Eure geistlichen Dienste werden bald schon gebraucht werden.«
Er winkt den Tätowierten näher zu sich heran. Mit dem Schildkrötenmuster an Gesicht, Hals und Händen, die aus der schwarzen Robe hervorschauen, sieht Aguilar wunderlich aus. »Haltet Euch in meiner Nähe, Fray Geronimo!«, fährt unser Herr fort. »Sehr bald schon werden wir dem Satan den großen Teufelstempel da drüben auf der anderen Seite des Platzes entreißen. Wir werden die Götzenbilder zertrümmern und in die Tiefe schleudern, wo sie hingehören! Wir werden den Tempel säubern und unserem Erlöser und der Muttergottes weihen – und Ihr, Fray Geronimo, sollt diese Aktion anführen und von da an der verantwortliche Priester dieses Heiligtums sein!«
Trotz des Schildkrötenmusters in seinem Gesicht kommt es mir vor, als ob Aguilar erbleicht wäre. Cortés hat auch ihn in der Hand, sage ich mir – genauso wie mich! Wenn er Aguilars Geheimnis verrät, dann ist dem abtrünnigen Minoritenmönch ein Prozess vor der Heiligen Inquisition gewiss! Schließlich hat der Tätowierte jahrelang die Teufelsgötzen angebetet und die Teufelspriester haben ihn und seine heidnische Geliebte zu Mann und Frau erklärt!
»Wie Ihr befehlt, Herr«, stammelt Aguilar. Sein Blick irrt zu mir herüber. So unsicher hat er mich schon unzählige Male angesehen, seit wir ihn vor dem Messer jenes Opferpriesters gerettet haben. Doch kein einziges Mal hat es der Tätowierte gewagt, mich offen zu fragen: Was habe ich damals in meinem Fieberwahn verraten? Und was davon hast du Cortés weitererzählt?
Genauso wie immer nicke ich ihm nur kurz zu und wende meinen Blick wieder von ihm ab. Er tut mir leid, aber ich bin viel zu durcheinander, um mich in meinen Gedanken noch länger mit ihm abzugeben. Unser Herr will, dass ich Montezumas Geheimnisse erforsche, sage ich mir – und wenn der Aztekenherrscher darauf eingeht und bemerkt, dass ich ihn ausspioniere, dann wird er mich seinem blutdürstigen Kriegsgott opfern! Das Herz hämmert mir in der Brust. Aber wenn ich herausfinde, wo die Goldschätze der Azteken versteckt sind, schießt es mir im nächsten Moment durch den Kopf – dann braucht Carlita ihr eigenes Volk nicht zu verraten und dann bleibt ihr auch die grässliche Befragung durch Fray Bartolomé erspart! Also muss ich nicht nur machen, was Cortés von mir verlangt – ich muss sogar alles in meinen Kräften Stehende tun, um Montezumas Vertrauen zu gewinnen und ihn so gründlich wie überhaupt möglich auszuhorchen!
Für dich, sage ich mir, während ich mit weichen Knien aus dem Thronsaal taumele – für uns, Carlita!
- 6 -
Am Nachmittag erscheint Montezumas Bruder Cuitláhuac mit einem Gefolge kostbar gekleideter und geschmückter königlicher Beamter. In ausgesucht höflichen Worten bittet er Cortés, ihn in den Königspalast zu begleiten. Doch dazu blickt er so finster drein wie gestern, als er uns am Stadttor begrüßt hat.
Unser Herr dankt ihm mit einem Lächeln und gibt vor, Cuitláhuacs Feindseligkeit nicht zu bemerken. Aber ich spüre, dass sie ihn beunruhigt, und wie könnte es auch anders sein: Montezumas Bruder ist schließlich der oberste aztekische Armeekommandeur, Herr über Millionen kampferprobter Krieger!
Cortés hat schon vorher angeordnet, dass ihn außer Marina und mir nur vier seiner Hauptleute begleiten sollen – Alvarado und Sandoval sowie die beiden Velazquez-Getreuen Montejo und Morla. Zwanzig Mann nehmen wir außerdem als unsere Leibwache mit. Als wir aus dem Tor hinaustreten, ist der Platz noch immer schwarz vor Menschen.
Cuitláhuac und sein Gefolge bahnen uns einen Weg durch die Menge. Die meisten kauern wie seit Stunden reglos am Boden. Träge weichen sie zurück, gerade weit genug, um keinen Fußtritt abzubekommen. Alle starren uns an, niemand spricht ein Wort. Wieder meine ich eine Art Grauen in ihren Gesichtern zu sehen. Wenn sie überhaupt einmal eine Miene verziehen, dann rümpfen sie höchstens angewidert die Nase.
Vor mir können sie allerdings keinen Abscheu empfinden – ich war vorhin tatsächlich in den Baderäumen in einem Nebengebäude unseres Palastes, um mich auf Sandovals Geheiß zu säubern. Ein halbes Dutzend aztekischer Diener wusch und schnitt mir die Haare, schnitt mir Finger- und Fußnägel und walkte mich durch, bis ich mich so sauber und wohlig müde fühlte wie ein Baby. Währenddessen wuschen weitere Diener sogar meine Kleidung, die in der Sonne bereits wieder getrocknet war, als sie endlich mit mir fertig waren. »Duftend wie eine jungfräuliche Braut«, behauptete Sandoval, kam ich schließlich wieder aus Dampf und Dunst hervor – und ein wenig fühle ich mich auch wie eine Braut, die an Montezuma verschachert werden soll, während wir über den Platz zu seinem Palast marschieren.
Der Platz heißt »Herz Unserer Welt«, erklärt uns Cuitláhuac. Er misst vierhundert Schritte in der Länge und ebenso viele in der Breite. Zahlreiche Pyramiden und Paläste säumen die gewaltige Fläche, dessen weißes Steinpflaster blassrot geädert ist. Die Bauwerke sind allesamt strahlend weiß getüncht und die meisten von ihnen laufen nach oben spitz zu. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir wie im Innern eines gigantischen Mauls vorkomme, dessen Zähne drohend über uns emporragen. Mitten auf dem Platz klafft überdies ein gewaltiger Abgrund im Boden, der von kunstvoll gemeißelten und bemalten Statuen und sonstigen Steingebilden umgeben ist. »Der Tempel des Unterweltgottes Mixcoatl«, erklärt uns Cuitláhuac, »und der Eingang zur Welt der Schatten und der Toten.«
Während wir in den schlundartigen Abgrund blicken, pirscht sich ein alter Indianer zu uns heran. Er schaut Alvarado furchtsam an, dann nimmt er anscheinend all seinen Mut zusammen und fasst dem »Durchtriebenen« an den Bart.
Alvarado fährt zurück und ballt die Fäuste. »Verschwinde, du Knochenbündel!«, murmelt er. Doch dann nimmt er sich zusammen und schiebt den Alten bloß sachte von sich weg.
Nicht die geringsten Übergriffe dürften wir uns erlauben, hat Cortés uns ermahnt – und wohl deshalb hat er Portocarrero bei diesem ersten Besuch in Montezumas Palast lieber nicht mitgenommen. Der »Dröhnende« wäre bestimmt schon auf dem Weg dorthin mehrfach aus der Haut gefahren.
Wir anderen dagegen mustern nur mit stummen Blicken die gigantischen Schädelgerüste, die vor jedem einzelnen Tempel stehen, beladen mit sonnengebleichten Totenköpfen und Oberschenkelknochen. Ein flaches, lang gezogenes Bauwerk weist im Erdgeschoss eine Reihe eng vergitterter Fenster auf.
»Was befindet sich in diesem Haus?«, will Cortés wissen.
»Die Opferzellen«, antwortet Cuitláhuac bereitwillig. »Es sind drei Räume, der linke für weibliche Opfer, der größte in der Mitte für die männlichen und der dritte für die Kinder, die wir Tlaloc opfern. Momentan sind sie leer, werft ruhig einen Blick hinein!«, ermuntert er unseren Herrn. »Diese Räume sind sinnreich ausgestattet, überzeugt Euch nur selbst! Sie dienen als Kerker und gleichzeitig als Küchen, in denen die Gliedmaßen der Geopferten zubereitet werden.«
Cortés ist dicht an eines der Fenster herangetreten und wirft einen raschen Blick ins Innere. Ich folge seinem Beispiel und pralle regelrecht zurück. Als Erstes ist mein Blick auf einen Bottich voller Knochen gefallen, an denen noch Fleischstücke kleben.
»Gleichzeitig?«, wiederholt Alvarado, nachdem Marina übersetzt hat. »Wer noch nicht geopfert worden ist, muss also zusehen, wie diese Teufel die Überreste seiner Leidensgefährten kochen und braten?«
Cortés macht Marina ein Zeichen, und anstatt die Frage zu übersetzen, beantwortet sie sie selbst. »Die Opfer bekommen vorher alle vom ›Fleisch der Götter‹ zu essen – das sind heilige Rauschpilze, nach deren Genuss man keinen Schrecken und keinen Schmerz mehr spürt.«
Unser Herr starrt Cuitláhuac grimmig an. Wenn der Tätowierte jetzt bei uns wäre, sage ich mir – vielleicht würde Cortés ihm in seinem Zorn befehlen, augenblicklich die Huitzilopochtli-Pyramide hinaufzustürmen und die Götzenbilder in den Tempelbauten dort oben zu zertrümmern! So aber marschieren wir nur schweigsam hinter Montezumas Bruder her, der uns ohne weitere Erklärungen an der gewaltigen Pyramide vorbeiführt. Wahrscheinlich spürt er, wie sehr uns der Anblick des Opferkerkers erschüttert hat – und vielleicht wollte er ja gerade das mit seiner Vorführung erreichen.
Der Königspalast zieht sich die gesamte Nordseite des gigantischen Platzes entlang. Er ist größer als jedes andere Bauwerk im Herz Unserer Welt, auch wenn ihn die blutverkrustete Huitzilopochtli-Pyramide überragt. Seine Außenmauern sind schimmernd weiß und mit Jaguar- und Adlermotiven in leuchtenden Farben geschmückt. Vor siebzehn Jahren, erklärt Cuitláhuac, wurde dieser neue Königspalast erbaut, nachdem durch eine verheerende Überschwemmung große Teile von Tenochtitlan zerstört worden waren. Es ist gleichsam eine eigene kleine Stadt, mit Hundert Sälen, Dutzenden Nebengebäuden, Gärten und Parks in den zahlreichen Hinterhöfen. Der Königspalast beherbergt die gesamte Reichsverwaltung, Werkstätten für Goldschmiede, Federarbeiter und Bildhauer, Schatz- und Waffenkammern, Speicher und Magazine, Tempel für zahlreiche Götter und natürlich die Wohnungen für die häupterreiche königliche Familie.
»Wie viele Häupter zählt seine Familie denn?«, frage ich und beiße mir auf die Unterlippe, als mich Cuitláhuacs finsterer Blick trifft. Aber nun ist es zu spät – die Frage ist heraus.
»Der ehrwürdige Montezuma hat siebzehn Frauen«, antwortet sein Bruder, »und hunderteinundzwanzig Kinder, davon siebenundsiebzig Söhne.«
Der Mund bleibt mir beinahe offen stehen.
»Vielleicht schenkt er dir ja ein paar Töchter, Hernán«, sagt Sandoval und zwinkert mir zu. »Ich meine, so als kleine Gegengabe – falls ihm dein Geschenk gefällt.« Er beugt sich zu mir herüber, schnüffelt an meiner Halsbeuge und grinst mir anerkennend zu.
Bei dem Gedanken, dass sie mich vielleicht wirklich allein in Montezumas Palast zurücklassen werden, wird mir ganz elend vor Bangigkeit. Aber kurz darauf habe ich meine Angst zumindest für den Moment wieder vergessen: An den Wachen vorbei, die mit Speer und Schwert bewaffnet sind und ausgehöhlte Jaguarschädel als Kopfschmuck tragen, treten wir in die Vorhalle des Palastes. Dieser Raum ist so gewaltig groß und kunstvoll ausgeschmückt, dass es mir fast den Atem verschlägt. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst anstaunen soll – die aus Holz geschnitzten und aus Stein gemeißelten Jaguare und Adler, die grimmig dreinblickenden Könige und Krieger auf den übergroßen Wandgemälden oder die unzähligen lebenden Kolibris, Quetzal-Vögel und Papageien, die in riesengroßen Volieren unter der Decke umherfliegen.
Cuitláhuac führt uns eine breite Treppe hinauf, danach durch ein Labyrinth von Sälen und Fluren. Einige Säle sind mit Landschaftsbildern ausgemalt, andere mit kunstvollen Holzdecken geschmückt. Die Flure sind mit Matten aus Fell und Federn ausgelegt. Überall begegnen wir Scharen von Dienern und Wächtern.
Endlich erreichen wir den Thronsaal. Einen prächtigeren Raum habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen und es kann auch auf der ganzen Welt nichts Prachtvolleres geben. Nicht einmal in Venedig oder in Konstantinopel – ja nicht einmal im Palast des Kaisers von China!
- 7 -
Montezuma sitzt auf einem Thron von gewaltigen Ausmaßen, der mit Gold, Silber und Edelsteinen übersät ist. Er trägt einen Umhang aus türkisblauen Vogelfedern und sein Kopf ist mit einem hoch aufgetürmten Federputz in der gleichen Farbe geschmückt. Um den Hals hat er eine Goldkette mit nahezu daumenlangen Gliedern und einem türkisblauen Edelstein, der wie ein starres, übergroßes Auge aussieht. Wenigstens zwei Dutzend seiner Ratgeber stehen im Halbkreis hinter seinem Thron. Die meisten von ihnen sind alte Männer, die uns aus verrunzelten Gesichtern ausdruckslos anstarren. Ob auch sie uns für Götter oder andere »übermächtige Wesen« halten? Montezuma dagegen schaut uns freundlich und fast ein wenig scheu entgegen.
Sein Thronsaal ist noch sehr viel prächtiger als der alte Thronsaal drüben in unserem Palast. Sämtliche Wände und sogar die Decke sind mit Gold überzogen. Jaguarfelle, weiße Bärenpelze und andere kostbare Tierfelle liegen in verschwenderischer Fülle um den Thron herum verstreut – das einzige Sitzmöbel in dem riesigen Saal, der gewiss fünfzig auf fünfzig Schritte misst.
An der Wand hinter dem Thron, hoch über alle Köpfe erhoben, hängen eine gigantische goldene Scheibe und ein ebenso großes Rad aus Silber. Genau solche Scheiben hat Montezuma unserem Herrn vor vielen Monaten durch seinen Tributeintreiber Teudile schenken lassen – nur sind diese hier drei- oder sogar viermal so groß. Die Goldscheibe stellt offenbar die Sonne dar, die silberne den Mond. Beide Räder sind mit Bildzeichen verziert und schimmern fast so hell wie ihre himmlischen Ebenbilder.
»Ich eile und spute mich, um Euch ehrenvoll willkommen zu heißen!«, ruft Montezuma aus.
Doch dabei bleibt er ruhig auf seinem Thron sitzen, sein Zepter in der Hand. Erst als unser Herr fast schon vor ihm steht, erhebt er sich und reicht ihm beide Hände. Cortés ergreift sie und Montezuma zieht ihn zu sich heran, als wollte er die gestern verweigerte Umarmung nun doch noch nachholen. »Nehmt den Platz ein, der Euch gebührt!«, sagt er und zieht Cortés neben sich auf den Thron.
Unser Herr wirft Alvarado einen Blick zu und jenes Lächeln kräuselt seine Lippen. »Mein Herz hat sich nach Euch gesehnt, edler Freund«, sagt er und schaut Montezuma aufmerksam von der Seite an. »Letzte Nacht träumte mir, dass ich ganz genauso wie jetzt neben Euch auf diesem Thron saß. Lasst Euch sagen, Montezuma, dass Gott selbst mir durch solche Träume Seinen Willen kundtut.«
Marina übersetzt und Montezuma wechselt Blicke stummer Bestürzung mit seinen Ratgebern. Doch ehe er etwas erwidern kann, redet Cortés bereits weiter.
»Wie lange schon lechze ich danach, Euch von Gott dem Herrn, von Seiner Macht und den Wundern zu erzählen, die er durch Seinen Sohn Jesus Christus auf Erden gewirkt hat. Und nun endlich habe ich dazu Gelegenheit!«
In leidenschaftlichen Worten und bewegtem Tonfall beginnt er zu erzählen. Von der Jungfrau Maria, die den Gottessohn zur Welt gebracht hat, von der Frohen Botschaft, die Gott uns durch Seinen Sohn gesandt hat, von der Kreuzigung Jesu und Seiner Auferstehung am dritten Tag. »Und Gott selbst«, verkündet unser Herr schließlich, »hat mich zu Seinem Statthalter ernannt und mir durch jene Träume befohlen, mich hierher zu Euch zu begeben, edler Freund, um Euch den wahren Glauben und die Frohe Botschaft zu bringen.«
Montezuma hat sich das alles aufmerksam und mit einem Gesichtsausdruck angehört, der zwischen Erschrecken und Entzücken gewitterhaft zu wechseln scheint. »Was Ihr von Euren Göttern kündet, klingt wundersam in meinen Ohren«, erklärt er, nachdem er sich mit seinen Ältesten beraten hat. »Mit Freuden werde ich Euren Priestern einen Tempel anweisen lassen, in dem Ihr Eure Götter anbeten könnt, sooft Euch und Euren Leuten danach ist, Don Hernando!«
Cortés wechselt einen Blick mit Sandoval und Alvarado und beide nicken ihm heftig zu. Doch ich bin mir sicher, dass unser Herr ihrem Ratschlag nicht folgen wird. »Ich danke Euch für Eure Großzügigkeit, Montezuma«, sagt er, »aber ein einziger Tempel ist bei Weitem nicht genug! Es gibt nur einen Gott – unseren Herrgott! Was Ihr Eure Götter nennt, sind bloß Dämonen, hässliche und unheilbringende Wesen, die dem Teufel untertan sind. Ihnen müsst Ihr abschwören, und ich hoffe sehr, dass Ihr das bald einsehen werdet. Alle Tempel im ganzen Land müssen von den Teufelsgötzen gesäubert und in Anbetungsstätten für den einzigen und allmächtigen Gott umgewandelt werden! Als Erstes aber müsst Ihr Euren Priestern verbieten, Euren Götzen weitere Menschenopfer zu bringen. Der Mensch ist das edelste Geschöpf Gottes – und in Seinem Zorn wird der Herr einen jeden strafen, der dem Teufel Seine kostbarsten Kreaturen in den Rachen wirft!«
Montezuma starrt ihn mit großen Augen an. Wieder berät er sich mit seinen Ältesten und schließlich winkt er einen seiner Diener zu sich her. Der Diener, ein kräftiger, hochgewachsener Mann, nähert sich mit demütig gesenktem Kopf dem Thron. Er trägt eine Art Topf vor sich her, eine flache Kupferschale mit einem hoch gewölbten Deckel darauf.
Auf ein weiteres Zeichen von Montezuma bleibt der Diener stehen und reißt den Deckel in die Höhe. Alvarado stößt einen Pfiff aus und Sandoval zieht zischend Luft durch die Zähne ein. Auch die beiden Franciscos stöhnen, so wie ich, unwillkürlich auf. Nur Cortés gibt keinen Laut von sich. Die Augenbrauen in die Stirn gezogen, schaut er starr auf das schaurige Etwas, das unter dem Kupferdeckel zum Vorschein gekommen ist.
Es ist Cuitlalpitoc – oder, besser gesagt, der Kopf des unglücklichen Gesandten, und das bluttriefende Fleischstück, das ihm aus dem Mund hängt, ist höchstwahrscheinlich sein eigenes Herz!
»Jetzt bin ich mir ganz und gar sicher«, sagt Montezuma mit einem scheuen Lächeln, »dass Ihr jener Erhabene seid, Don Hernando, dessen Wiederkehr aus der Richtung des Sonnenaufgangs uns prophezeit worden ist. Bitte verzeiht, dass ich Euch nicht gleich erkannt und freudig willkommen geheißen habe. Ich wurde schlecht beraten – und überdies hintergangen von Lügnern und Verrätern wie Cuitlalpitoc!«
Er macht eine Handbewegung zu seinem Diener hin. Der stellt die Schale mit dem Schädel zwischen Cortés’ und Montezumas Füßen vor den Thron, bevor er sich rückwärts zur Tür hin entfernt.
»Zweifelt nicht länger an meiner Freundschaft und der Verehrung, die ich für Euch empfinde«, sagt Montezuma in bittendem Tonfall. »Erlaubt meinem Neffen Plicocatl, Euch mit Tränen des Sonnengottes zu verzieren!«
Cortés bekundet mit einem huldvollen Nicken sein Einverständnis. Daraufhin tritt ein junger Azteke von edlem Aussehen aus der Menge der runzligen Ratgeber hervor. Er hält etliche Goldketten mit eingelassenen Edelsteinen in der linken Hand. So tritt er vor Cortés, verbeugt sich ehrfürchtig und hängt ihm die prunkvollste Kette um den Hals. Dann geht er zu Alvarado und Sandoval, zu Morla und Montejo und jeder von ihnen wird mit einer kostbaren Goldkette geschmückt.
Unser Herr dankt Montezuma, aber an seinem gleichgültigen, nahezu leiernden Tonfall merke ich, dass ihn wieder einmal jener kalte Zorn erfüllt. Zu seinen Füßen steht noch immer der abgeschlagene Kopf des armen Cuitlalpitoc, mit seinem eigenen Herzen zwischen den Zähnen. »Ihr seid mir noch eine Antwort schuldig, edler Freund«, sagt Cortés schließlich und sieht Montezuma durchbohrend an. »Wann werdet Ihr Euren Priestern befehlen, von ihren schändlichen Riten abzulassen?«
Marina übersetzt, und im nächsten Moment wird Montezumas Miene so düster, dass mir der Schrecken in die Glieder fährt. Jeder Anschein von Freundlichkeit, von Scheu oder gar Furcht ist mit einem Mal von ihm abgefallen. Grimmig starrt er unseren Herrn an, und es bereitet ihm ersichtlich Mühe, seinen Zorn wieder herunterzuschlucken.
»Nun, davon kann gar keine Rede sein«, sagt er schließlich mit einem mühsamen Lächeln. »Geht jetzt, mein Freund«, fügt er hinzu, »und erfreut Euch des schmackhaften Abendessens, das meine Diener im Palast meines Vaters für Euch zubereitet haben.«
Nur die barsche Handbewegung, mit der er uns aus dem Saal weist, lässt noch erahnen, wie heiß der Zorn weiterhin in ihm kocht. Doch ich bin unendlich erleichtert, als Cortés mir zu verstehen gibt, dass ich ihm folgen soll.
Dem Herrn sei Dank, ich muss nicht allein bei Montezuma bleiben!
»Wir haben unsere Pflicht getan«, sagt Cortés im Hinausgehen zu Sandoval. »Natürlich war das hier nur der erste Versuch.«
»Mit dem nächsten sollten wir uns nicht übereilen«, antwortet Sandoval.
Still für mich stimme ich ihm zu. Auch ohne mich noch einmal umzuwenden, sehe ich den unglücklichen Cuitlalpitoc vor mir, wie er uns von seiner Kupferplatte aus hinterherstarrt.
- 8 -
Die Große Pyramide ist so hoch wie ein kleiner Berg und beinahe so steil wie eine Hauswand. Hundertunddreizehn Stufen führen an jeder Seite zum First mit der Tempelanlage hinauf.
Montezuma persönlich führt unseren Herrn zum Allerheiligsten der Azteken empor. Es ist der zweite Tag nach unserer Ankunft in Tenochtitlan. Der Aztekenherrscher trägt auch diesmal ein Gewand aus türkisblauen Vogelfedern und seine Füße stecken in goldenen Schnürsandalen. Eine unabsehbar große Schar von Dienern und Wächtern, Ratgebern und Priestern umgibt ihn. Doch als zwei Diener ihn beim Aufstieg stützen wollen, stößt er sie zurück und erklimmt die kolossalen Stufen so leichtfüßig wie ein junger Geißbock.
Cortés bleibt nichts anderes übrig, als seinem Beispiel zu folgen. Auch er weist die hilfreichen Hände der Diener zurück und klettert eilends hinter dem Aztekenherrscher her. »Ihr seid in guter Verfassung!«, lobt er Montezuma. »Ihr steigt wohl öfter hier hinauf?«
Sein Atem geht ein wenig keuchend. Montezuma wirft ihm von der Seite einen Blick zu, der beinahe kindlichen Stolz verrät. »Fast jeden Tag«, bestätigt er. »Aber mehr noch als durch diese Übung kräftige ich mich durch den Krieg.« Er schießt einen weiteren Seitenblick auf Cortés ab, doch der verzieht keine Miene. Ohnehin hat unser Herr seine liebe Mühe, um mit Montezuma auf der nahezu senkrechten Treppe Schritt zu halten.
Marina musste auf dem Platz zurückbleiben, bewacht von einem halben Dutzend unserer Männer und ebenso vielen aztekischen Wächtern. Nun steht sie unten am Fuß der Pyramide, neben einem kunstvollen Bodenrelief, und schaut uns mit weit in den Nacken gelegtem Kopf hinterher. Das Relief stellt Coyolxauhqui dar, die Schwester von Huitzilopochtli – so jedenfalls hat es uns Montezuma eben erklärt. Der schreckliche Kriegsgott hat seiner Schwester einst den Kopf abgerissen und ihn in den Himmel emporgeschleudert, wo er seither als Mond um die Erde kreist.
»Huitzilopochtli duldet keine Frauen in seinem Tempel!«, hat Montezuma verkündet. »Er verschmäht weibisches Geschwätz genauso wie weibliches Opferfleisch!«
Atemlos klettere ich hinter unserem Herrn und dem Aztekenherrscher her. Alvarado und Sandoval, Fray Bartolomé und etliche unserer Wachsoldaten stapfen hinterdrein. Mir ist ein wenig übel vor Aufregung, weil ich zwischen Cortés und Montezuma dolmetschen muss. Eigentlich sollte Fray Geronimo diese Aufgabe übernehmen, aber der Tätowierte hat mit Schwindelanfällen zu kämpfen. Von vier Dienern mehr getragen als geleitet, schleppt er sich weit hinter uns die Treppe hoch. Mit Montezumas vornehmem Nahuatl komme ich besser zurecht, als ich selbst das erwartet hatte. Aber manche aztekischen Wörter sind einfach Zungenbrecher, die ich beim besten Willen nicht über meine Lippen bringen kann.
»Das Relief unten vor der Pyramide, Don Hernando« sagt Montezuma und schaut Cortés erwartungsvoll an, »heißt bei den einfachen Leuten ›Huitzilopochtlis Esstisch‹.« Er deutet zum First der Pyramide hinauf. »Unsere Priester werfen die Überreste der Geopferten von dort oben die Stufen hinunter – die Köpfe und Gliedmaßen werden natürlich vorher abgetrennt«, fährt er in harmlosem Plauderton fort. »So schlagen nur die Rümpfe unten auf ›Huitzilopochtlis Esstisch‹ auf. Kadavereinsammler laden sie dann in ihre Tragen und bringen sie in die königliche Menagerie. Dort werden sie meinen Jaguaren und Alligatoren zum Fraß vorgeworfen.«
Cortés wirft mir über die Schulter einen Blick zu. Seine Lippen sind zusammengepresst. Ich kann mir leicht zusammenreimen, was in ihm vorgeht – bestimmt ist er wieder von jenem kalten Zorn erfüllt. Doch auch er fragt sich gewiss, was Montezuma mit seinen auftrumpfenden Reden bezweckt. Hat er plötzlich beschlossen, unserem Herrn doch noch die Stirn zu bieten?
Endlich haben wir den First der Pyramide erreicht. Die Tempelanlage besteht aus zwei verwinkelten, anscheinend fensterlosen Bauwerken mit einem freien Platz dazwischen. Von den Opferaltären vor den Tempeltüren verlaufen Rinnen über das flache Dach zu den Treppen. Alles ist mit Blut verkrustet und aus den höhlenartigen Tempeln quillt ein süßlicher Geruch nach Verwesung.
Doch der Ausblick von hier oben ist überwältigend. Von diesem gigantischen Bauwerk aus kann man ganz Tenochtitlan und den großen See ringsherum überblicken, an dessen Ufern unzählige kleinere Städte wie Perlen aufgefädelt liegen.
»Dieses Land ist groß und reich und wunderschön, edler Freund«, sagt Cortés. Er wirkt aufrichtig beeindruckt, und er gibt sich weiterhin friedfertig, auch wenn jedes Wort, das Montezuma über den blutdurstigen Huitzilopochtli gesagt hat, seinen Zorn angefacht haben muss.
»Dort hinten«, erklärt Montezuma eifrig, »liegt mein Tierpark – auch meine kostbaren Jaguare und Ozelots will ich Euch bald einmal zeigen, Don Hernando.« Er nimmt Cortés beim Arm, zieht ihn zur Nordseite des Bauwerks und deutet auf einen weitläufigen Park. Kleine Seen und die Dächer der Tierhäuser schimmern dort in der Abendsonne – eines dieser Bauwerke, denke ich schaudernd, muss das Menschentierhaus sein, von dem Carlita immer nur zitternd, in geflüsterten Halbsätzen spricht. Die Stätte des äußersten Grauens.
Montezuma zeigt auf weitere Punkte in seiner Stadt und erklärt, was es damit auf sich hat. »Dort hinten, ganz im Norden, das ist Tlatelolco – ursprünglich war es eine eigene Stadt auf einer eigenen Insel. Aber mein Vater Axayacatl hat den Herrscher von Tlatelolco vor mehr als vierzig Jahren besiegt. Der Zwischenraum zwischen beiden Inseln wurde mit Schutt, Schlamm und Dammwegen aufgefüllt. Heute ist Tlatelolco nur noch der fünfte Stadtbezirk von Tenochtitlan. Auch dort solltet Ihr Euch einmal umsehen, Don Hernando – in Tlatelolco findet Ihr den größten Markt der Welt.«
Unaufhörlich erklärt und erzählt er und zieht Cortés von einer Pyramidenseite zur anderen. Ich komme mit dem Übersetzen kaum noch nach und bald schon dröhnt mir vor Anstrengung der Schädel. Aber mir entgeht keineswegs, dass mir Montezuma immer öfter anerkennende Blicke zuwirft. Anscheinend ist er mit meinen Bemühungen als Dolmetscher recht zufrieden.
»Nun lasst mich aber einen Blick dort hinein werfen!«, sagt schließlich Cortés. Er deutet auf den düsteren Tempel an der Südseite der Pyramide.
Der Tempel ist mit einem Strohdach versehen, die Außenwände sind weiß getüncht, mit blutroten und leuchtend blauen Mustern bemalt. Wenigstens zwanzig Priester kauern vor dem Heiligtum, weitere kommen mit schleppenden Schritten aus dem lichtlosen Innern hervorgeschlurft. Mit ihren schwarzen Roben ähneln sie unseren Priestern, aber nur auf den ersten Blick. Ihre Gesichter sind aschfahl, ihre Ohrläppchen hängen in Fetzen herunter – jeder von ihnen, erklärt uns Montezuma, opfert den Göttern mehrmals am Tag von seinem eigenen Blut. Sie zapfen es sich aus den Ohren, den Fingerspitzen und anderen Körperteilen ab. Aber die fingerdicke Schorfkruste, die ihre Arme und Gewänder überzieht, stammt von dem Blut der Opfer, die sie auf den Steintischen vor ihren Tempeln schlachten.
»Willst du wirklich da hinein, Hernán?«, fragt Alvarado.
»Um Jesu Christi willen«, mischt sich Fray Bartolomé ein, »hütet diesmal Eure Zunge, Herr! Wenn wir ihre Götzen schmähen, reizen wir nur ihren Zorn. Wir müssen den rechten Zeitpunkt abwarten!«
»Und wann kommt der Eurer Meinung nach – der rechte Zeitpunkt?«, gibt Cortés in jenem kalten, scheinbar gleichgültigen Tonfall zurück.
Fray Bartolomé macht eine unbestimmte Handbewegung und Cortés wendet sich an den Tätowierten. »Was sagt Ihr, Fray Geronimo? Wie lange muss ich – muss unsere Liebe Frau Maria sich noch gedulden?«
Aguilar läuft der Schweiß über die Schildkrötenwangen. Er klammert sich krampfhaft an zwei aztekischen Dienern fest. »Ich bin bereit«, presst er hervor. »Wenn der Herr mich ruft, werde ich meine Ohren nicht verschließen!«
Cortés sieht ihn durchbohrend an und macht dann einen Schritt auf den Tempel zu. Sofort erheben sich wenigstens zehn Götzenpriester und stellen sich schützend vor den Eingang ihres Heiligtums.
»Geht Ihr voraus, Montezuma!«, sagt unser Herr, und ich beeile mich, seine Worte zu übersetzen. Die Teufelspriester mögen durch die ständigen Blutopfer geschwächt sein, doch in ihren Gürteln stecken spitzzahnige Opfermesser, in deren Gebrauch sie zweifellos geübt sind.
Montezuma wedelt sie mit einer Hand beiseite. Hinter dem Herrscher und Cortés trete ich in den stockfinsteren Tempel und der Verwesungsgeruch würgt mich in der Kehle.
- 9 -
»In diesem Heiligtum«, erklärt Montezuma, »verehren wir unsere Kriegsgötter Huitzilopochtli und Tezcatlipoca.« Unaufhörlich erzählt er weiter – von Tezcatlipoca, dem alten Kriegsgott, und von dem jungen, wilden Huitzilopochtli, der die alte Gottheit an Blutdurst und Kriegsgeist weit übertrifft.
Nur allmählich gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Doch schließlich kann ich zwei Altarsteine unterscheiden, die einander gegenüber an den Schmalseiten des Tempelraums stehen. Neben jedem Altar ragt eine kolossale Steinskulptur empor. Das Bildnis des Huitzilopochtli ist eine hünenhafte Kriegergestalt mit weit aufgerissenem Mund und drohend erhobener Faust. Die Augen des schrecklichen Götzen bestehen aus blauen Edelsteinen. Sein Kopf ist mit unzähligen türkisblauen Federn geschmückt – genauso wie der Kopf des Großen Montezuma, der überdies einen Umhang aus blauen Vogelfedern trägt. Der Name Huitzilopochtli, das wird mir in diesem Moment klar, bedeutet »Kolibri des Südens«.
In den geöffneten Mund des Götzenbildes, erklärt uns Montezuma eifrig, stecken die Priester bei den Opferfesten die noch zuckenden, bluttriefenden Herzen der Hingeschlachteten. Die Skulptur ist hohl und so passen etliche Hundert Herzen hinein. Man lässt sie im Innern des Steins verwesen – daher also kommt der grauenvolle Fäulnisgeruch in diesem Tempelraum.
Aber nicht allein daher. Ich folge Cortés, der hinter das Götzenbildnis getreten ist – und diesmal kann nicht einmal er sein Erschrecken gänzlich verbergen. Er atmet krampfhaft ein und dann längere Zeit nicht wieder aus.
Die gesamte Rückseite des Götzenbildes hat das täuschend echte Aussehen eines jungen Mannes. Sein Gesicht ist verzerrt, seine Brust gewölbt, die Beine sind stark und starr wie Säulen. Doch es ist nur die Haut eines Geopferten, die von grässlich kunstfertigen Priestern abgezogen und über die Rückseite des Götzenbildes gestreift worden ist. Faulige Fleischfetzen quellen unter den Hauträndern hervor.
Cortés starrt die schaurige Reliquie mindestens eine halbe Minute lang an, dann wendet er sich um und geht mit großen Schritten zurück ins Freie. Ich eile hinter ihm her und weiß im Voraus, dass er seinen Zorn nun nicht länger unterdrücken wird.
»Montezuma, hört mich an!«, sagt er, kaum dass uns der Herrscher auf das Pyramidendach hinaus gefolgt ist. »Diejenigen, die Ihr hier anbetet, mein Freund, sind keine Götter, sondern Dämonen – teuflische Geister, die Euch zu teuflischen Untaten verleiten! Darum bitte ich Euch noch einmal von Herzen: Gestattet uns, die Götzenbilder zu zertrümmern und diesen Tempel stattdessen dem einen und allmächtigen Gott, Seinem Sohn Jesus Christus und der gütigen Muttergottes Maria zu weihen!«
Alvarado, Fray Bartolomé und Sandoval schütteln abwehrend ihre Köpfe in meine Richtung. Doch Cortés wölbt seine Brust heraus und reckt das Kinn vor. »Wiederhole ihm meine Worte, Orteguilla!«, befiehlt er.
Mein Mund ist staubtrocken, vor Angst falle ich fast in Ohnmacht – und doch jubelt mein Herz Cortés zu! Seinem Wagemut und seiner unbedingten Treue zu allem, was ihm lieb und teuer ist. Und dazu zählt eben nicht das Gold allein! Sondern auch sein Glaube und sein Stolz.
Doch ich habe Cortés’ Worte noch nicht zu Ende übersetzt, da verzerrt sich Montezumas Antlitz erneut in maßlosem Zorn. Seine Wachen reißen ihre Waffen hervor und dringen von allen Seiten gleichzeitig auf uns ein. Auch unsere Männer ziehen ihre Schwerter und nehmen Kampfstellung ein.
Zweifellos hätte im nächsten Moment ein schreckliches Gemetzel begonnen, doch da hebt Montezuma beide Hände und ruft aus: »Lasst die Waffen schweigen! Wer an diesem heiligen Ort sein Schwert erhebt, gehört den Göttern! Jeder, ausnahmslos! Wer er auch sei oder zu sein vorgibt – er wird geopfert werden!«
Cortés und Montezuma messen sich mit Blicken. Unser Herr macht keinerlei Anstalten, irgendetwas zu erwidern. Doch sein Gesichtsausdruck und seine ganze starre, stolze Haltung drücken aus, dass er nichts bereut und niemals zurückweichen wird. Ganz im Gegenteil, das kann Montezuma so gut wie jeder andere von seinem Gesicht ablesen: Bei der nächsten Gelegenheit wird er das Gleiche aufs Neue versuchen.
»Ich hatte gehofft, dass Ihr unsere Götter nicht noch einmal beleidigen würdet, Don Hernando«, sagt schließlich Montezuma, »sonst hätte ich Euch niemals hier heraufgeführt.« Einen Augenblick lang ringt er noch mit sich, dann kehrt jenes scheue Lächeln in sein Gesicht zurück. »Jeden anderen Wunsch will ich Euch von Herzen gern erfüllen«, fährt er fort, »nur das, was Ihr eben verlangt habt, kann Euch niemals gewährt werden. Also sprecht auch nie wieder davon! Wenn Ihr aber im Palast meines Vaters einen Tempel für Eure Götter errichten wollt, so bin ich gerne bereit, Euch Zimmerer und Bildhauer und alles andere zur Verfügung zu stellen, was Ihr dafür benötigt.«
Unser Herr schaut sinnend vor sich hin. »Ich werde darüber nachdenken«, sagt er schließlich nur und stürmt ohne ein weiteres Wort die Stufen hinab.
Ich folge ihm, so rasch ich es auf der halsbrecherisch steilen Treppe wage. Hinter mir höre ich behände Schritte und im nächsten Moment legt sich eine Hand auf meine Schulter.
»Warte noch, Junge«, sagt Montezuma.
Vor Schreck wäre ich fast die Treppe hinuntergefallen. Der König der Azteken spricht mit mir – nicht nur durch mich, einen beliebigen Dolmetscher, sondern mit mir, Orteguilla de Villafuerte!
Auf wachsweichen Knien wende ich mich um. »J-ja, Euer Gnaden?«, stammele ich. »Womit kann ich Euch dienen?«
Montezuma sieht mich durchdringend an. »Bist du sein Sohn, Junge?«, fragt er. »Ist Don Hernando dein Vater?«
Ich schüttele meinen Kopf. »Nein, Euer Gnaden«, murmele ich. »Aber ich wünschte, er wäre es.«
Das Blut schießt mir in die Wangen. Habe ich das wirklich gerade gesagt?
»Er ist ein großer Mann!«, sagt Montezuma und starrt mich noch durchdringender an. »Und er wird mein Bruder sein, weil ich das so wünsche!«
Damit lässt er mich stehen und eilt behände weiter die Stufen hinab. Ich aber denke immer noch über seine Worte nach, als ich mit Sandoval und den anderen längst wieder in unserem Palast bin.
- 10 -
In Windeseile hat sich unter unseren Männern herumgesprochen, dass Montezuma und Cortés oben auf der Großen Pyramide heftig zusammengestoßen sind. Von der Siegeszuversicht, die uns alle bei unserem Einmarsch in die Stadt beflügelt hat, ist seitdem nur noch wenig zu spüren.
Ganz im Gegenteil: Mehr und mehr beschleicht uns das Gefühl, dass wir in einer ausweglosen Falle sitzen. Montezuma hat unserem Herrn schon vor Tagen eine Botschaft geschickt, unmittelbar nach jenem Zwischenfall auf der Pyramide: Eilige Regierungsgeschäfte zwängen ihn, die Stadt für unbestimmte Zeit zu verlassen. Sein Bruder Cuitláhuac werde unterdessen »wie ein Vater« für unsere Bequemlichkeit sorgen. Ausgerechnet der grimmige Militärkommandeur, der seine Feindseligkeit nicht einmal vor uns versteckt!
Zu Tausenden belagern die Azteken nach wie vor unseren Palast, und wir wagen es kaum noch, vor die Tür zu gehen. Sie verhalten sich weder freundlich noch abweisend – sie starren uns an, als ob wir Geister wären, Spukerscheinungen, die irgendwann wieder verblassen werden. Nach wie vor versorgen uns Montezumas Diener mit Nahrung und allem, was wir von ihnen verlangen – und währenddessen beobachten sie uns auf Schritt und Tritt. »Dreihundert Diener hat Montezuma uns geschickt«, sagte Cristóbal de Tapia erst unlängst zu mir, »und dreihundertfünfzig davon sind Späher und Spione! Ich komme mir vor wie in einem Spinnennetz, mein Retter!«
Der »Würdevolle« ist keineswegs der Einzige, der immer tiefer in düsteren Gedanken versinkt. »Wie soll das alles weitergehen, Hernán?«, fragt nun sogar Sandoval. »Wir haben es zwar bis ins Herz des Aztekenreichs geschafft, aber jetzt stehen wir vor drei turmhohen Hürden.«
Es ist die Mittagsstunde am fünften Tag nach unserer Ankunft in Tenochtitlan. Wieder einmal haben wir uns im Thronsaal unseres Palastes versammelt. Cortés sitzt auf dem Thron, wir anderen auf den kunstvoll geschnitzten Holzsesseln im Halbkreis davor. Nur Sandoval geht ruhelos auf und ab.
»Erstens«, sagt er und reckt den Daumen seiner rechten Hand empor, »wie finden wir heraus, wo Montezuma seine Goldschätze hortet? Zweitens« – der Zeigefinger – »wie bringen wir ihn dazu, uns sein Gold zu übergeben?« Er lässt seinen Mittelfinger hervorschnellen. »Und drittens: Wie schaffen wir es, dieses Schlangennest wieder zu verlassen – und zwar lebendig und mitsamt den Goldschätzen, die wir dann hoffentlich zusammengerafft haben?«
Cortés schüttelt missbilligend den Kopf. Die roten Federn an seinem Hut wogen hin und her. »Wir sind keine Räuber, Gonzalo, muss ich dich wirklich daran erinnern?«, fragt er. »Montezuma muss unseren Glauben annehmen und die Herrschaft über sein Reich in meine Hände legen«, fährt er fort, »alles andere ergibt sich dann von selbst.«
»Und wie willst du diesen verschissenen Teufelsanbeter dazu bringen?«, brüllt Portocarrero und springt auf. »Würdest du uns das bitte mal verraten, Quetzal-Cortés?« Sein Gesicht wird erst feuerrot und dann so blau wie Kolibrifedern.
Unser Herr schaut geistesabwesend vor sich hin. Außer seinen Vertrauten, den beiden Fratres, Marina und mir ist glücklicherweise niemand anwesend, der diesen Streit mit anhören könnte. Aber natürlich spüren auch unsere Soldaten und sogar unsere tlaxcaltekischen Verbündeten, dass es für unsere Sache nicht zum Besten steht. Wir sitzen fest und können weder voran noch zurück!
»Letzte Nacht träumte mir wieder, dass ich mit Montezuma auf dem Thron sitze und Orteguilla uns beiden Pagendienste leistet«, sagt Cortés zu niemand Bestimmtem. Abermals schaut er mindestens eine Minute lang ins Leere. »Wenn wir nur an unserem Glauben unerschütterlich festhalten, kann uns der Teufel mit all seinen Heerscharen nichts anhaben«, verkündet er schließlich. »Wir werden eine Marienkapelle bauen – hier im Palast!«
Portocarrero, Alvarado und Sandoval wechseln grimmige Blicke.
»Denkt darüber nach, wo wir die Kapelle errichten sollten!«, weist Cortés uns an. »Betet um Erleuchtung, damit wir den richtigen Ort finden! Heute Abend bei Sonnenuntergang will ich eure Vorschläge hören. Auch deinen, Orteguilla«, fügt er hinzu und sieht mich durchbohrend an.
Verwirrt nicke ich ihm zu – ich habe keine Ahnung, was er jetzt von mir erwartet. Oder überhaupt, warum es so wichtig sein soll, wo wir die Kapelle errichten. Natürlich, es wird unseren Mut und unsere Zuversicht stärken, wenn wir uns an einem geweihten Ort versammeln und die Muttergottes anflehen können, uns den rechten Weg zu weisen. Aber ob der Zimmerer Mendoza unseren Altar nun neben dem Thronsaal aufstellt oder in einem der Nebengebäude – das kann doch eigentlich keine Rolle spielen!
Unter diesen Gedanken gehe ich hinaus in den Innenhof und suche nach Carlita. Seit wir hier in Tenochtitlan sind, habe ich sie nur noch selten zu sehen bekommen – und auch dann jedes Mal nur für ein paar heimliche Minuten. Schließlich ist sie jetzt eine tlaxcaltekische Sklavin und Montezumas Diener beobachten uns alle auf Schritt und Tritt. Und wie groß ist die Gefahr, dass einer von ihnen sie wiedererkennen könnte!
Solange sie sich immer nur bei den tlaxcaltekischen Mädchen und Frauen aufhält, wird wohl keiner von Montezumas Spähern auf den Gedanken kommen, dass sie in Wahrheit die junge Edeldame Carapitzli ist, die sich vor zwei Jahren eines todeswürdigen Verbrechens schuldig gemacht hat. Ohnehin müssen sie hier ja alle glauben, dass keine der Priesterinnen, die an der »Ringelblumen-Verschwörung« beteiligt waren, jene Nacht überlebt hat. Aber noch als Mädchen von zwölf und dreizehn Jahren war Carlita mit zwei Nichten Montezumas befreundet und ging in seinem Palast aus und ein. Da könnte ein einziger Moment genügen, in dem ein königlicher Späher den Pagen von Cortés mit der vermeintlichen Tlaxcaltekin heimlichtun sieht – und schon würden alle sie mit anderen Augen sehen! Zu ihrer Entlarvung als jene Todgeweihte wäre es dann nur noch ein winziger Schritt, aber dahin darf und wird es niemals kommen.
Ich schlendere durch den Innenhof, wo die tlaxcaltekischen Frauen und Mädchen unter dem Baldachin damit beschäftigt sind, unser Abendessen vorzubereiten. Ohne auch nur zu ihnen hinüberzuschielen, mache ich Carlita das vereinbarte Zeichen – Zeige- und Mittelfinger meiner herabhängenden rechten Hand zu einem kopfstehenden V gespreizt. Ich durchquere den Hof und gehe zwischen dem Badehaus und einem Lagerschuppen hindurch in den kleinen Park. Mein Herz klopft schneller, und in meinem Bauch spüre ich ein höchst angenehmes Ziehen, wie jedes Mal, wenn ich sie auf diese Weise anzulocken versuche. Nicht immer kann sich Carlita dann auch tatsächlich unter irgendeinem Vorwand davonstehlen – mehr als einmal schon habe ich in unserem Versteck vergeblich auf sie gewartet. Aber diesmal wird sie kommen, das spüre ich.
Ich schlüpfe in die kleine Rundhütte. Durch Ritzen und Astlöcher sickert Dämmerlicht herein. Es riecht nach warmem Holz und frisch geschnittenem Gras. Ich setze mich auf eines der Heubündel, die in dieser Hütte gelagert werden. Mein Herzschlag ist immer noch beschleunigt. Ich sehne mich so sehr nach ihr!
Im nächsten Moment kommt sie durch die Tür gehuscht und fliegt in meine Arme. »Carlita!«, flüstere ich und küsse sie und will sie gar nicht wieder loslassen. »Wie sehr ich dich vermisst habe!«, flüstere ich. »Du kannst es dir gar nicht vorstellen!«
Sie kauert vor mir im Heu, hält meinen Kopf zwischen ihren Händen und lacht mich lautlos an. »Und wie ich es mir vorstellen kann!«, flüstert sie und küsst mich aufs Neue. »Aber sag, Orte«, fordert sie dann, »weshalb hast du mir das Zeichen gemacht? Doch nicht nur, weil du mich küssen wolltest?«
»Auch umarmen und streicheln und fühlen, wie dein Herz unter meinen Fingern schlägt!«, flüstere ich in ihr Ohr. Wir küssen uns noch zärtlicher. Vom Hof her höre ich die tlaxcaltekischen Frauen rufen und singen.
»Ich muss zurück!«, murmelt atemlos Carlita und schiebt mich um Armesbreite von sich fort. »Also sag schnell, was ist bei euch da oben los?«
Ich berichte ihr alles, so gut mir das mit meinem hämmernden Herzen und dem Geschmack ihrer Lippen auf meinem Mund gelingt. »Wie recht du hattest!«, sage ich zu ihr. »Tenochtitlan ist eine Falle, tausendmal schlimmer als Cholollan! Unser Herr hatte ja bestimmt irgendeinen Plan, wie wir weiter vorgehen sollten, wenn wir erst hier bei Montezuma wären. Aber der hat die Stadt vor Tagen verlassen – vielleicht bereiten sie sogar schon einen Überfall auf uns vor! Und Cortés hat nun befohlen, dass wir hier im Palast eine Marienkapelle errichten sollen, um unseren Glauben zu stärken. Wir alle sollen überlegen, wo die Kapelle am besten erbaut werden soll – und dabei hat er gerade mich so bedeutungsvoll angesehen! Aber woher soll ich denn wissen …«, flüstere ich und die Verzweiflung überwältigt mich mit jedem Wort noch etwas mehr.
Carlita legt ihre Arme um mich und zieht meinen Kopf an ihre Schulter. »Wie gut ich dich verstehen kann!«, flüstert sie. »Aber wie gut auch ihn, deinen Herrn! Was gäbe ich nicht darum, wenn ich wieder in unserem Xochiquetal-Tempel wäre und vor dem blumengeschmückten Altar der gütigen Göttin tanzen und singen und beten könnte! Und was ist eine Marienkapelle schon anderes als ein Tempel für die Liebesgöttin?«, flüstert Carlita und verschließt ihren und meinen Mund mit einem weiteren zärtlichen Kuss.
»In früheren Zeiten muss es hier im Palast sogar einen Xochiquetal-Tempel gegeben haben«, fährt sie geraume Zeit später fort, »im Südflügel neben dem ›Klingenden Schrein‹, in dem damals die Muscheltrompeten und andere Musikinstrumente auf bewahrt wurden. Doch der einstige Tempelraum ist seit Langem zugemauert und dient nur noch als geheimes Lager für Bildnisse der verbotenen und entthronten Gottheiten. Ich weiß es von Tante Ixhuicatli«, raunt Carlita und klingt immer aufgeregter. »Sie selbst und einige andere Ringelblumen-Verschwörerinnen haben ja unsere Xochiquetal-Statue damals bei Nacht aus jenem Versteck geholt. Natürlich nicht sie allein, sie hatten Helfer im Königspalast, die die Wachen bestachen …«
So flüstert Carlita atemlos in mein Ohr. Dabei umarmen und streicheln wir einander immer leidenschaftlicher – bis plötzlich ein großer, blau gefiederter Papagei in unsere Hütte gestelzt kommt und misstönend krächzt. Erschrocken fahren wir auseinander und müssen im nächsten Moment losprusten: Er sieht aus wie Montezuma, so würdevoll, so eitel, so türkisblau!
Carlita ordnet Haare und Gewand, haucht mir einen Abschiedskuss auf den Mund und schlüpft wieder nach draußen. Ich warte noch ein paar Augenblicke, bis sich mein Herzschlag beruhigt hat und ihre Schritte draußen im Park verklungen sind. »Komm schon, komm her, Montezuma!«, locke ich den Papagei an, doch der grämliche Vogel würdigt mich keines Blickes.
Ich springe auf und scheuche ihn mit einem angedeuteten Fußtritt davon. Er gibt ein empörtes Krächzen von sich – und erst in diesem Moment wird mir so richtig bewusst, was Carlita eben zwischen Küssen und Umarmungen zu mir gesagt hat: Im Südflügel unseres Palastes gibt es ein Schatzversteck, das einst ein Xochiquetal-Tempel war – und dort sollen wir die Marienkapelle errichten!
- 11 -
Als wir uns bei Sonnenuntergang erneut im Thronsaal versammeln, sind Cortés’ Vertraute in noch gewittrigerer Stimmung als bei unserem letzten Treffen. Offenbar haben sie miteinander gestritten – jetzt jedenfalls suchen sie sich weit voneinander entfernte Sitzplätze und werfen einander wütende Blicke zu.
»Lasst hören!«, sagt unser Herr und starrt in seiner üblichen Art ins Leere. »An welchem Ort wollen wir künftig zum Gebet niederknien?«
»Das ist doch so egal wie ein Furz!«, schreit Portocarrero. »Um hier lebendig wieder herauszukommen, brauchen wir mehr Männer und verdammte Kanonen, aber keine Kapellen!«
Cortés schenkt ihm keinerlei Beachtung. Er sitzt aufrecht auf seinem Thron und nickt dem »Durchtriebenen« auffordernd zu.
»Lass Mendoza meinetwegen einen Altar bauen und irgendwo aufstellen, wenn es dir so wichtig ist!«, sagt Alvarado mit müder Stimme. »Aber in der Falle sitzen wir dann trotzdem noch – nur eben in einer Falle mit Kapelle!«
»Das ist auch meine Meinung«, pflichtet Sandoval bei.
»Ihr enttäuscht mich, alle drei«, sagt Cortés und schaut sinnend vor sich hin. »Und was ist mit dir, Orteguilla?«
Ich erhebe mich von meinem Stuhl und muss erst einmal krampfhaft schlucken. Seit mehr als einer Stunde habe ich hin und her überlegt, was und wie viel ich offenbaren kann, ohne Carlita in Gefahr zu bringen.
Ich recke mein Kinn vor und starre durch Cortés hindurch. »Früher, als das hier noch der Königspalast war«, sage ich in gleichgültigem Tonfall, »da gab es im Südflügel anscheinend einen Tempel für Xochiquetal. Der Raum soll seit Ewigkeiten zugemauert sein – jedenfalls laut Carlita, die das alles natürlich auch nur vom Hörensagen weiß. Vielleicht könnten wir dort die Marienkapelle errichten? Die gütige Göttin Xochiquetal erinnert ja wirklich ein wenig an unsere Muttergottes«, füge ich hinzu.
Cortés sieht mich durchdringend an und einen Moment lang wirkt er fast ein wenig beeindruckt. Der »Dröhnende« fängt natürlich wieder an herumzuschreien, dass verdreckte Teufelsgötzinnen nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Madonna Maria aufweisen könnten. Aber Cortés bringt ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
»Gonzalo«, sagt er zu Sandoval, »lass dir von Orteguilla zeigen, wo dieser zugemauerte Tempel sein soll. Verständige unsere Handwerker, aber sorge dafür, dass Montezumas Späher nichts mitbekommen! Sie sollen den Raum nur so weit öffnen, dass man einen Blick hineinwerfen kann – und dann ruft mich herbei!«
Genauso geschieht es. Ich eile Sandoval voraus in den Südflügel des Palastes. In einem entlegenen Flur im Erdgeschoss künden Bildzeichen an Wänden und Türsturz noch davon, wo sich einst der »Klingende Schrein« befunden hat. Dieser Raum aber, in dem ehemals Muscheltrompeten, Rasseln und Trommeln aufbewahrt wurden, ist deutlich kleiner, als es der davor verlaufende Flur erwarten ließe.
Sandoval befiehlt unseren Handwerkern, mit Hämmern und Eisenstangen eine Bresche in die Mauer zu stemmen. Dann schickt er die Männer wieder weg und zündet die bereitliegende Fackel an.
Wenigstens eine Minute lang starrt er in die dunkle Höhle hinter dem Wandloch. »Sieh dir das an!«, sagt er in ergriffenem Tonfall. »Da drinnen ist der größte Schatz der Welt versteckt!«
Seine Wangen sind gerötet, sein Atem geht keuchend. In seinen Augen bemerke ich jenes irrsinnige Glitzern – kein Zweifel, das Goldfieber hat ihn gepackt! Beinahe bereue ich, dass ich Carlitas Ratschlag gefolgt bin – dieser Goldschatz wird die Begierde in den Herzen der Männer nur noch heißer entfachen, das weiß ich genau!
Zögernd nehme ich die Fackel, die mir der »Tollkühne« reicht, und leuchte damit in das Mauerloch hinein. Und dann vergesse ich vor Staunen wieder einmal zu atmen. Der Raum hinter der Bresche ist mit kostbaren Bildnissen regelrecht vollgestopft! Goldene Götzenköpfe starren mich aus dem Halbdunkel an, schaurige Dämonen grinsen silbrig. In Regalen sind goldene Teller und Schalen zu Dutzenden aufgestapelt. An den Wänden hängen golddurchwirkte Umhänge und Hunderte goldener Ketten säuberlich nebeneinander aufgereiht. Auf einem kniehohen Steinsockel aber steht ein Bottich, so groß, dass drei ausgewachsene Männer sich nebeneinander darin ausstrecken könnten – bis zum Rand mit »Tränen des Sonnengottes« gefüllt!
»Hole Cortés – mach schon!«, sagt Sandoval und ein irrsinnig anmutendes Grinsen verzerrt seine Züge. »Ich weiß wahrhaftig nicht, worüber ich mehr staunen soll«, ruft er mit überkippender Stimme aus, »über ihn, weil er die Eingebung hatte, eine Kapelle zu errichten – oder über deine Kleine!«
Mir wird immer mulmiger zumute. »Von dem Gold wusste sie bestimmt nichts«, versichere ich. »Carlita hatte nur damals von den anderen Priesterinnen aufgeschnappt, dass es gerade hier in früheren Zeiten einen Xochiquetal-Tempel gab. Das ist alles!«, füge ich hinzu, und Sandovals Blick verrät mir, dass er gar nicht zugehört hat.
Niedergeschlagen mache ich mich auf die Suche nach Cortés. Doch bereits auf der Treppe hinauf zum Thronsaal kommt er mir entgegen. »Was habt ihr gefunden?«, fragt er. »Einen Schatz, nicht wahr? Deine Kleine hat uns den Weg zu einem Schatzversteck gewiesen!« Er legt mir einen Arm um die Schultern. »Sie ist der Schlüssel, Orteguilla – erinnerst du dich?«
Ich nicke unbehaglich und versuche, mich aus seinem Griff zu befreien. Aber Cortés zieht mich mit sich, die Treppe wieder hinab und in den Gang, der in den Südflügel führt.
»Alle meine Träume haben sich erfüllt – bis auf den einen«, sagt unser Herr. »Und der wird sich auch noch erfüllen – du weißt schon, Orteguilla: Montezuma und ich zusammen auf dem Thron und du bist unser gemeinsamer Page.« Er schaut mich von der Seite an, und obwohl er das Gold noch gar nicht erblickt hat, glitzern seine Augen fiebriger als jemals zuvor.
Dann steht er vor der Mauerbresche und nimmt Sandoval die Fackel aus der Hand. Er leuchtet nur kurz in die Höhle hinein, wendet sich gleich wieder ab und befiehlt in seinem kältesten, gleichgültigsten Tonfall: »Reißt die Mauer weg und schafft den Schatz in den großen Saal neben meinen Gemächern! Aber verstaut alles in Körben und umhüllt diese mit Tüchern und Teppichen, damit niemand auch nur ein Funkeln zu sehen oder ein Klirren zu hören bekommt! Und sorgt dafür, dass der Saal Tag und Nacht bewacht wird!«
Noch einmal wendet er sich um, greift durch das Mauerloch und nimmt eine goldene Götzenfigur an sich, kaum größer als seine Hand. Er verstaut sie in seinem Gewand und winkt mir, ihm zu folgen. »Du begleitest mich in den Königspalast«, befiehlt er mir. »Ich werde Montezuma von unserem Fund erzählen – und er wird mir den gesamten Schatz vor den Augen und Ohren seiner Ratgeber schenken.«
Verwirrt schaue ich ihn an. »Aber ich dachte, er wäre auf Reisen?«, sage ich.
»Nicht mehr«, antwortet mir unser Herr. »Guerrero hat vom Dach aus beobachtet, wie er in der Abenddämmerung zurückgekehrt ist.«
- 12 -
Die Nacht ist schon hereingebrochen, als wir über den weiten Platz zum Königspalast hinübergehen. Auf den Pyramiden brennen Feuer, und überall auf dem Platz stehen Becken voll glühender Kohlen, an denen man seine Fackel anbrennen kann. Auch die Wächter vor den Tempeln und Pyramiden haben Lichter angezündet – dennoch kommt mir diese Nacht so schwarz vor wie das Innere eines Grabes.
Ich bin unruhig und von bösen Vorahnungen erfüllt. Warum will Cortés unbedingt noch heute Abend Montezuma sprechen? Von unserem Schatzfund könnte er ihm ja genauso gut morgen berichten. Ginge es nach Alvarado oder Portocarrero, dann würde Montezuma ohnehin niemals erfahren, was wir in jenem vermauerten Winkel gefunden haben: Dutzende goldener Bildnisse von so bewundernswerter Kunstfertigkeit, wie sie gewiss die besten Goldschmiede in Valladolid oder sogar in Venedig niemals zustande bekämen. Dazu Körbe voll kostbaren Geschmeides – und sogar die Goldklümpchen in jenem Bottich sind sorgsam zu Tränen geformt!
Unser Herr eilt mit großen Schritten voran, gefolgt von seinen drei Vertrauten und Marina, von mir und einem Dutzend bewaffneter Fußsoldaten. Am Tor des Königspalastes wollen die Wachen uns nicht einlassen. Sie entsenden einen Boten hinauf in den Thronsaal und nach wenigen Minuten erscheint Cuitláhuac und bittet uns einzutreten. »Der Große Montezuma erwartet Euch, Herr«, sagt er zu Cortés und ein Ausdruck grimmiger Zufriedenheit fliegt über sein Gesicht.
Wir werden in den Thronsaal des Aztekenherrschers hinaufgeführt, und tatsächlich wirkt Montezuma erfreut, unseren Herrn wiederzusehen. »Ich eile und spute mich, um Euch ehrenvoll willkommen zu heißen!«, ruft er wiederum aus und macht abermals keine Anstalten, sich auch nur von seinem Thron zu erheben. Doch als Cortés vor ihm steht, ergreift er wie beim letzten Mal seine Hände und zieht ihn neben sich auf den Thron.
Zahlreiche Ratgeber, greise und jüngere, stehen im Halbkreis hinter seinem Thron. Fackeln erhellen den Saal. Ihr flackernder Schein wird von den goldenen Wänden zurückgeworfen und färbt auch den Qualm, der von den Fackeln ausgeht, mattgolden ein.
»Ich habe eine Neuigkeit für Euch, die Euch freuen wird«, sagt Cortés, nachdem sie etliche Höflichkeitsformeln ausgetauscht haben. »Wir haben begonnen, einen Tempel für unsere Muttergottes Maria zu errichten, drüben im Palast Eures Vaters. Und dabei sind wir auf etwas gestoßen …«, will Cortés fortfahren, nachdem Marina übersetzt hat, doch Montezuma fällt ihm ins Wort.
»Ich habe auch eine Neuigkeit für Euch, Don Hernando«, sagt er und schaut unseren Herrn auf eigenartige Weise an. Er kommt mir aufgewühlt vor, zugleich freudig erregt und zutiefst erschreckt. »Sie hängt mit meiner Reise zusammen«, fügt er hinzu, »aber erst vorhin habe ich Gewissheit erhalten.«
Cortés scheint nicht zu bemerken, wie durcheinander Montezuma ist. Ein Diener tritt zu Cuitláhuac und übergibt ihm verstohlen einen Gegenstand, den der Heerführer hinter seinem Rücken verbirgt. Aber auch dieser kleine Vorfall scheint der Aufmerksamkeit unseres Herrn zu entgehen.
Er zieht die handtellergroße Goldfigur unter seinem Umhang hervor und überreicht sie Montezuma. »Kennt Ihr dieses Bildnis, edler Freund?«, fragt er. Seine Augen glitzern fiebrig.
Es ist ein Bildnis der Göttin Xochiquetal und sie sieht wirklich ganz genau wie unsere Liebe Frau Maria aus. Ihren Blick und ihr lächelndes Gesicht hat sie ein wenig zum Himmel erhoben. Ihre ganze Haltung strahlt Güte und Sanftmut aus.
»Das ist Xochiquetal«, sagt Montezuma und auf einmal wirkt er nur noch verstört. »Woher habt Ihr diese Figur – und warum bringt Ihr sie mir so spät in der Nacht?«
»Es drängte mich, Euch meiner Freundschaft zu versichern«, antwortet Cortés so herzlich, wie er das hinbekommen kann. »Deshalb musste ich Euch unbedingt heute noch sehen. Unlängst, als Ihr mich in Euren Götzentempel führtet, da war ich zu ungeduldig mit Euch – und das schmerzt mich sehr. Bitte verzeiht mir, edler Freund! Ich muss Euch nur beharrlich weiter vom Glanz unseres Glaubens und von der Macht des einzigen Gottes berichten – dann werdet Ihr freudig Euren Götzen abschwören, das weiß ich genau! Deshalb habe ich auch beschlossen, Euer Angebot anzunehmen. Und kaum hatten wir begonnen, den Tempel für unsere Muttergottes zu errichten, da stießen wir auf einen Hohlraum, der unzählige Kleinodien wie dieses hier enthält.«
Er umschließt Montezumas Hand, die die Göttin umklammert, mit seinen beiden Händen. Es sieht beinahe aus, als würden sie gemeinsam beten. »Macht mir den Schatz zum Geschenk, Großer Montezuma!«, ruft Cortés aus. »Zum Zeichen, dass Ihr mir verzeiht und dass Ihr mich weiterhin anhören wollt, wenn ich Euch von Gott dem Herrn erzähle!«
Montezuma wechselt einen Blick mit seinem Bruder. Cuitláhuac nickt ihm mit großen Augen und hoch in die Stirn gezogenen Brauen zu. »Habt Ihr wirklich an meiner Freundschaft gezweifelt, Don Hernando?«, fragt der Aztekenherrscher und schaut Cortés mit scheuem Lächeln von der Seite an. »Natürlich verzeihe ich Euch, und den Schatz dürft Ihr gerne behalten – auch wenn Ihr nicht Quetzalcoatl seid!«
Er befreit seine Hand aus Cortés’ Umklammerung und reicht unserem Herrn die goldene Statuette zurück. »Und auch wenn diese Göttin hier folglich nicht Eure Schwester ist!«, fügt er hinzu und schaut seinen Bruder halb ängstlich, halb erwartungsvoll an.
Cuitláhuac zieht seinen Arm, den er die ganze Zeit über verborgen hatte, blitzschnell hinter seinem Rücken hervor. Da stöhnen Portocarrero und Alvarado, Sandoval und selbst Marina wie aus einem Mund auf! Auch ich kann mein Entsetzen nicht verbergen und sogar Cortés gibt einen schmerzerfüllten Seufzer von sich.
Was da an blutverkrusteten Strähnen von Cuitláhuacs Hand herunterhängt, das ist ein abgehackter Menschenkopf! Das Gesicht ist in tödlichem Schrecken verzerrt, die Augen sind weit aufgerissen. Und wir alle kennen dieses gutmütig runde Gesicht nur zu genau! Es gehört einem unserer Fußsoldaten, die wir bei Juan de Escalante in Vera Cruz zurückgelassen haben – einem noch jungen Mann namens Juan de Argüello.
Cortés starrt ihn an, und ein Zucken überläuft ihn, als erwache er aus einem süßen, trügerischen Traum. Er steckt das goldene Bildnis in sein Gewand zurück und steht auf. Sein Gesicht ist aschgrau, er bewegt sich ruckartig und ungelenk. »Ihr habt unsere Stadt Vera Cruz angegriffen, Montezuma«, sagt er in jenem kalten Tonfall, als ob nichts auf der Welt ihm gleichgültiger wäre, »aus welchem Grund?«
Montezuma sieht ihn nur mit bebenden Lippen und weit aufgerissenen Augen an und bringt kein Wort hervor.
»Eure Männer haben uns angegriffen!«, antwortet stattdessen Cuitláhuac. »Unsere Gesandten suchten wie üblich die Totonaken in Cempoallan auf, um den Tribut einzutreiben. Doch ihr König Pazinque behauptete, er sei uns keinen Tribut mehr schuldig, und rief Eure Männer zu Hilfe. Der Hauptmann Eurer Siedlung griff unsere Soldaten an, aber seine Bataillone wurden von unserer Streitmacht aufgerieben. Er musste überstürzt den Rückzug befehlen und dabei wurde dieser hier von einem unserer Krieger gefangen genommen.«
Als Cuitláhuac »dieser hier« sagt, schwenkt er den Kopf des armen Argüello an seinen blutverschmierten Haaren hin und her. »Er wurde noch am selben Tag geopfert«, fährt er fort. »Ich habe eine genaue Untersuchung angeordnet, und falls einer unserer Männer einen Fehler gemacht hat, wird er dafür büßen müssen. Aber was auch immer diese Untersuchung ergeben wird – eines wissen wir jetzt schon: Ihr seid keine Götter, keine Geister oder irgendeine andere Art von übernatürlichen Wesen. Ihr seid sterbliche Menschen wie wir!«
Er wirft Cortés die makabre Trophäe zu – und diesmal bin ich es, der sie mit einem tollkühnen Sprung auffängt. Dann allerdings stehe ich wie erstarrt vor Ekel und Grauen da. Ich habe den Kopf mit einer Hand im schmierigen Haar, mit der anderen an der Unterseite zu fassen bekommen, wo vom Hals des unglücklichen Argüello nur ein paar verkrustete Knorpelstücke übrig geblieben sind. Besonders diese Seite fühlt sich unglaublich ekelhaft an, aber aus Respekt vor dem Toten und mehr noch vor Grauen schaffe ich es einfach nicht, meine Hand von ihm wegzuziehen und ihn einfach an seinen Haaren festzuhalten, wie es Cuitláhuac gemacht hat.
»Montezuma hat Euch erlaubt, den Schatz zu behalten, den Ihr im Palast unseres Vaters gefunden habt«, sagt Cuitláhuac und verzieht sein Gesicht zu einer verachtungsvollen Grimasse. »Also sputet Euch, Eure Beute zusammenzuraffen, bärtige Fremde! Die Gastfreundschaft ist uns heilig, und so dürft Ihr Euch noch eine letzte Nacht in unseren Mauern sicher fühlen. Aber morgen müsst Ihr unsere Stadt wieder verlassen – oder Ihr alle werdet enden wie er!«
Cuitláhuac deutet auf den Kopf, der zwischen meinen Händen erbebt, als ob doch noch ein wenig Leben in ihm wäre – genug jedenfalls, um zu zittern vor Todesangst.