Der Abschied
Wer »Anfang« sagt, muss auch »Abschied« sagen. Weil einer schon verloren hat, wenn er von der Ewigkeit träumt. Ewig gibt’s nicht, es gibt nur Vergänglichkeit. Das allerdings ist eine ewige Wahrheit. Die einzige. Als ich als Junge bei einer Hochzeit zum ersten Mal den Satz »… bis dass der Tod euch scheidet!« hörte, bin ich erschrocken. Er hat nie, wie bei so vielen anderen, ein romantisches Sehnen in mir ausgelöst. Ich fand die Aussicht erschütternd. Später wurde mir klar, dass man niemandem einen unerträglicheren Spruch fürs Leben mitgeben kann als eine solche Aufforderung: ewig zusammenbleiben, nein, ewig zusammenbleiben müssen! In der spanischen Sprache findet sich ein hinreißendes Wortspiel: »esposar« bedeutet zum einen »heiraten«, zum anderen »Handschellen anlegen«. Schonungsloser kann man es nicht aufzeigen.
Ja, immer ja: Zustände hören auf. Müssen aufhören. Weil die conditio humana so ist. So hat auch die Liebe ein Ende. Leider. Dramatisch freilich wird es erst, wenn die Beteiligten nicht darauf reagieren. Weil sie weiter per Handschellen aneinandergekettet sind. Statt sich mit Respekt und Umsicht um eine Trennung zu kümmern. Damit sich die Ex-Eheleute – und jetzt kommt wieder Leben ins Spiel – nach jemandem umsehen können, den sie lieben und begehren, ja, an den sie mit Freude denken können. Klar gibt es Auserwählte, die über Jahrzehnte hinweg die Wärme und Nähe zum anderen retten. Sie sind die Ausnahme, der Rest schleppt die Ehe wie eine Ruine mit sich herum. In einem John-Ford-Film hörte ich einmal den Helden sagen: »Forever is a hell of a long time.« Wobei mir das Wort hell das klügste schien. »Ewig« klingt höllisch.
Was zum Teufel hat das alles mit dem Reisen zu tun? Ich gebe zu, der Zusammenhang funktioniert nicht schnurstracks, er geht um ein Eck. Aber dann ist er unübersehbar: Vor nicht langer Zeit begegnete ich wieder einmal dem Vertreter eines Stammes, der mich immer in Erstaunen versetzt: der Stamm der Ewig-Unterwegs. Ich habe Leute getroffen, deren Pass wie eine Ziehharmonika aussah, voll extra eingeklebter Seiten, zugestempelt von vorne bis hinten. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass sie zu den geistlosesten aller Reisenden gehören. Sie wollen – ich verallgemeinere, ich weiß – kein Bewusstsein erweitern, auch nicht das Herz. Sie wollen den Rekord. Meist sitzen sie in der weiten Fremde vor ihrem DVD-Player oder spielen Snooker, dabei stets, wenn irgendwie möglich, von ihren Landsleuten umgeben. Damit sie nicht in Versuchung kommen, eine neue Sprache zu lernen. Zur Not schaffen sie ein gehobenes Volkschulenglisch. Sie fühlen sich wie zu Hause, nur noch gemütlicher, denn hier scheint die Sonne.
In den modernen Zeiten twittern diese Helden. In jedem dritten ihrer Tweets steht (die 140 Anschläge reichen längst für das bisschen, was sie zu sagen haben), dass sie jetzt in XY angekommen sind, alles echt cool ist und sie gerade das Visum für ihr hundertdreiundzwanzigstes Land erhalten haben. Das 123.! In siebzehn Wochen! Ich übertreibe schon wieder, aber nicht sehr. Reisen wie Skalpesammeln. Immerhin schneiden sie niemandem mehr die Kopfhaut herunter. Haben die Jäger Glück, dann landen sie in einer Talkshow. Solche Großtaten sprechen sich herum. Sie talken dann über ihre Rekordjagd. Wie ein germanischer Weiberheld, der kürzlich »In 80 Frauen um die Welt« jettete. (Wie geschmackvoll vom Verlag, die schriftlichen Erbaulichkeiten nicht unter dem Titel »In 80 Mösen um die Welt« anzubieten.) Wie Rocco Siffredi, Europas regsamster Pornostar. Der verkündete, auch im Fernsehen, dass er »Pussys« sammle. Nicht Frauen, nur deren »Tiefgarage« (das Wort fiel in einem seiner Streifen). Bis jetzt, sagt Rocco, der »italienische Hengst«, habe er knapp viertausend Unterleiber kennengelernt.
Schade, dass es keine 4000 Länder gibt, sicher würde sich ein Weltmeister finden, der durch alle gerauscht ist. Wäre ich TV-Mann, ich würde den 4000-Pussy-Mann und den 4000-Länder-Mann einladen. Wir Zuschauer würden zwar nichts über Eros und nichts über die Welt erfahren, aber so viele Geschlechtsteile und so viele Stempel und so viele Rekorde wären sicher ein Quotenhit.
Stichwort Abschied. Es geht noch immer um ihn. Ich meine nicht den Mann-Frau-Abschied, bei dem (künftige) Witwen ihren Kriegshelden nachschauen, wie sie das Panzerschiff besteigen, meine nicht jenen, bei dem Humphrey Bogart am Flughafen von Casablanca – in Hollywood nachgebaut – der bezaubernden Ingrid Bergman zuraunte: »Ich schau dir in die Augen, Kleines.« (Vielleicht der weltberühmteste Abschied.) Ich denke auch nicht darüber nach, ob die Viel-Länder-Protzer je verstehen werden, dass man nichts kapiert von einem Land, wenn man es im 24-Stunden-Rhythmus heimsucht. Egal auch, ob unser römischer Dauersteher je bereit sein wird, eines Tages von seinem frenetischen Reinundraus zu lassen. Ich rede – und das klingt höchst bizarr in einem Buch über das Entdecken der Welt – über den Abschied vom Reisen.
Ich will mich erklären. Denn Nichtmehr-Reisen meine ich nicht. Nie, nimmer. Weil ich das bleiben will, was ich seit Kindheitstagen bin: ein bekennender Flüchtling. Nein, ich will hier nur behaupten, dass immer reisen so träge machen kann wie nie die eigene Klitsche verlassen. Dass ein Heimweh so wehtun kann wie ein Fernweh. Und dass ein vernunftbegabter Reisender den Zeitpunkt spürt, an dem er umkehren muss. Weil er sich nicht mehr bei jeder Begegnung sagen hören will: »Déjà vu, déjà écouté, déjà senti«, schon gesehen, schon gehört, schon gefühlt! Weil er erkannt hat, dass irgendwann der Tag gekommen ist, an dem er den Weg nach Hause antreten sollte.
Beispiel: Nach vier Monaten in Südamerika, immer on the road, immer auf der Suche, immer Sonne oder Wind oder Regen, immer ein Hotelbett, das ganz anders war und doch so austauschbar, immer ein Dutzend Leute fragen, um eine richtige Auskunft zu bekommen, immer früher aufstehen, als dem Leib wohltat, immer, ja immer, seine Siebensachen im Auge behalten, immer wieder Storys hören, die einem (meist) das Herz zerschneiden, immer wieder eine Frau vorbeigehen sehen, die man gern an der Hand genommen hätte (um der Einsamkeit zu entkommen), immer wieder auf eine Welt blicken, deren Anblick an ein Fegefeuer auf Erden erinnert – nach all der Zeit, nach all den langen 120 Tagen und Nächten, kam der Blues, der Reiseblues.
Angefangen bei »Äußerlichkeiten«: Die linkeste Zehe ächzte, ein Backenzahn rumorte, ein Fersendorn kündigte sich an (vom vielen Gehen), der Mac ermüdete. Und die Ohren hingen durch: Ansonsten zügellos hellhörig, waren sie nun faul und schwerhörig geworden. Verstopft vom bisher Gehörten, von den Geschichten menschlicher Glorie und den anderen, voll von unmenschlicher Ruchlosigkeit. Jetzt verweigerten sie die Aufnahme, absolvierten nur noch das Pflichtprogramm. Der Enthusiasmus war hin.
Noch dramatischer erwischte es die Augen. Sie waren blind geworden. Sie sahen und sahen doch nicht, weigerten sich, neue Bilder aufzunehmen. Sie waren vollgeladen wie der digitale Speicher einer Kamera. Doch im Gegensatz zu dem Hightechgerät hat das menschliche Hirn keinen Ersatzchip, um das (nächste) belichtete Material aufzunehmen. Auch kann man die (belanglosen) Bilder im Kopf nicht löschen, um Platz zu schaffen. Sie bleiben, wie Sperrmüll. Meine Augen streikten. Noch überraschender: Selbst die »schönen« Anblicke, die zauberischen, wie sie so zahllos auf diesem Kontinent vorkommen, wischten nur noch wie ferne Schatten an mir vorbei. Ich kam mir vor wie ein mit Tonnen von Nahrung Zwangsernährter, den die Angst zu explodieren jagte. Keinen Bissen (Welt) wollte ich mehr. Nur noch verdauen.
Als ich eincheckte, war ich ein glücklicher Mensch. Jetzt begann die Diät. Sie musste sein, denn ich war von der schlimmsten Krankheit geschlagen, die einem Reisenden zustoßen kann: Ich war satt! Hatte keinen Hunger mehr, spürte nicht mehr die Gier nach allem. Die Festplatten meiner fünf Sinne liefen über. Sogar mein Mitgefühl war verschwunden, wie ein unwirscher Zeitgenosse führte ich mich auf. Für einen Schreiber ist das ein doppelt unguter Zustand. Weil er damit die Fähigkeit verlernt, »wahr«-zunehmen, er sich nur noch halbherzig und halbhirnig auf die Wirklichkeit einlässt. Und weil er Monate danach – ganz indiskutabel – ein herzloses, hirnloses Buch abliefern würde.
Exempel: George Rodger, berühmt geworden unter anderem mit seinen Fotos der Nuba-Ringer, betrat April 1945 mit der englischen Armee das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Und begann im Auftrag von Life, den Tod zu fotografieren, die Skelettmenschen und die Skelettberge. Das Ende einer wahnwitzigen Idee.
Später erzählte Rodger, dass er mitten in seiner Arbeit innehielt, denn ein Schock überkam ihn. Nicht über das Grauen, nein, über ihn, der wie ein kalter Profi nach ästhetisch befriedigenden Perspektiven gesucht hatte, um »gute Bilder« zu schießen. Er erklärte seine Kaltschnäuzigkeit mit der Tatsache, dass er inzwischen zu viel Bestialität gesehen hatte und »blasé« geworden war (die englische Sprache benutzt das französische Wort). Als Schutzmaßnahme, um sich vor zu viel Barbarei abzuschirmen. Der Schreck fuhr so tief in ihn, dass er seine Karriere als Kriegsfotograf aufgab. Er wollte sein verwüstetes Herz retten. Er fing an, durch den Sudan zu reisen, und entdeckte die schönen Nuba.
Ein Extrembeispiel, dem wir Glücklichen nie ausgesetzt waren. Dennoch, das Zuviel an ununterbrochener Intensität kann – auf Dauer – schaden und sich in sein Gegenteil verkehren. Gerade dann, wenn die Erfahrungen das Zumutbare überschreiten. Deshalb muss der Reisende – um beim Thema zu bleiben – zwischendurch wieder heimkehren. Dort muss er warten, würden die Indianer sagen, bis seine Seele nachgekommen ist. Um wieder ganz zu werden.
In Thailand stieg ich kurz nach der Katastrophe vom 26. Dezember 2004 in einem Küstendorf ab, in dem ein »Hellseher« schon einen nächsten Tsunami vorausgesagt hatte. Die Bevölkerung war in Aufregung, viele verließen den Ort. Da ich noch nie an Propheten geglaubt habe, blieb ich. Natürlich zog kein Sturm über uns hinweg. Wochen später las ich ein Interview mit einem Geologieprofessor, einem anerkannten Wissenschaftler des Landes. Er sagte: »Die Erde muss sich von dem Desaster ausruhen. Sie hat jetzt nicht die Kraft, um sofort wieder mit solcher Heftigkeit zuzuschlagen.« Mir gefiel die metaphorische Erklärung. Selbst der mächtige Planet braucht Erholung, muss stillstehen und sich »besinnen«.
Ich gestehe, nach den vier Monaten Südamerika – oder den vier Monaten Australien oder Asien oder Afrika – habe ich mit einem kleinen hellen Glücksschrei meine Wohnung betreten. Ich war reif. Für vier Wände, die ich nicht schon morgen wieder, um fünf Uhr früh, verlassen musste. Für meinen Futon, der breit genug war, lang genug. Für meine Dusche, in der sich noch nie ein Ungeziefer befunden hatte. »Home is a magic word«, meinte Jack Kerouac, und der hat sich gewiss auch herumgetrieben.
Heimat ist ein wunderbares Wort. Doch »Bleibe« klingt vielleicht noch schöner. Weil es gleich den Zustand ausdrückt: bleiben. Das wäre da, wo man sich beschützt fühlt. Auch nicht zu leugnen: Jeder versteht darunter etwas anderes. Albert Camus notierte einmal, dass es die französische Sprache sei, wo er sich zu Hause fühle. Und George Steiner, der englische uomo universale, wird überall da heimisch, »wo meine Schreibmaschine und daneben ein Kaffeehaus steht«. Und Stefan Zweig, der flüchtende Jude, brachte sich im fernen Brasilien um. Auch aus Sehnsucht nach Deutsch und europäischem Geist – eben Heimat. Und würde ich – weder Nobelpreisträger noch gehetzt von einem dramatischen Schicksal – gefragt, warum ich in Paris lebe, dann lautete die Antwort schlicht: Weil es dort schön aussieht! Da Schönheit bekanntlich mit den Gemeinheiten des Lebens versöhnt.
Dazu eine kleine Geschichte. Bei einer Zwischenlandung in London-Heathrow kaufte ich für eine Freundin eine Cartier, so verliebt war ich. Das Modell »Tank«, viereckig, wie in den 30er-Jahren. Die Verkäuferin fragte mich, warum genau diese Uhr. Und ich erzählte ihr, dass ich in Russland bei einer Reportage einen Satz von Dostojewski entdeckt hatte: »Schönheit wird die Welt retten.« Und die Juwelierin konterte clever: »Nicht die Welt, aber mich.« Der Satz ist vielleicht noch weiser. Und so gibt es Leute (wie die 2,2 Millionen Einwohner von Paris), die sich für eine Heimat entschieden haben, deren Anblick sie jeden Tag tröstet. Hinwegtröstet über die Manifestationen der Hässlichkeit, mit der die (modernen) Barbaren so tatkräftig die Welt überziehen. Heimat als Trostpflaster.
Gewiss: Jeden Umtriebigen werden die Gesten der Routine, bisweilen, beruhigen. Der Gang zum Bäcker. Der Weg um drei Ecken ins Kino. Der Freund ein paar Metrostationen weiter. Die Freunde im Quartier. Das warme Gefühl, sich auszukennen, dazuzugehören. Die leise Befriedigung, für jedes Problem eine Telefonnummer parat zu haben. Heimat als ideale Gegend, um seine Brennstäbe aufzuladen. Und dabei zu erkennen, wie dankbar man wieder wird. Weil die Wasserhähne funktionieren. Weil kein Abort überquillt. Und weil niemand – auch nicht die chinesische Spitzelpolizei in Lanzhou – um zwei Uhr früh an die Hotelzimmertür pocht und wissen will, ob man mit einem Chinesen (!) im Bett liegt.
Heimat – ich rede jetzt als Europäer – verschafft einem die beschwingende Sicherheit, dass man sich zu jeder Zeit an jeden schmiegen darf (einverstanden sollte der andere sein, das schon). Und dass die Schlaflosigkeit aufhört, weil niemand nachts per Lautsprecher »Allah Akbar« brüllen darf. Und dass man sich, ganz allgemein geredet, weniger intensiv als Heuchler aufführen muss (weil das Weltreich der religiösen Frömmler jeder Couleur bei uns schon längere Zeit in Schranken verwiesen wurde). Und dass man Politiker, »Würdenträger« und alle anderen talking heads beschimpfen darf, ohne dafür gesteinigt oder am ersten Laternenpfahl der Hauptstadt aufgehängt zu werden. Und dass man einen Salat essen kann und hinterher nicht – mit Luftanhalten – auf eine Toilette wetzen muss. Und dass man einigermaßen pünktlich ablegt und nicht – wie in Kinshasa passiert – drei Wochen warten muss, weil der Kapitän und seine Bande einen Teil des Schiffsmotors auf dem Schwarzmarkt verkauft hatten. Und dass man nicht von der Überlegung geplagt wird, ob man um 13 Uhr oder – auf Empfehlung des bolivianischen Bankdirektors – erst um 17 Uhr zum Geldwechseln am Schalter vorbeikommen soll (um von der Inflation zu profitieren). Und dass man keine Lebenszeit verschleudert – wie beim Irren durch kubanische Restaurants, die erst wieder »mañana« servieren – bei der Suche nach einem Mittagessen. Und dass man kein gepanschtes Milchpulver bekommt – wie in einer Apotheke in Brasilien –, obwohl man Aspirin verlangt hat. Und dass man nicht in einem Krankenhaus – erlebt in Hinterindien – die eigens aus der Heimat mitgeschleppten Spritzen an das Personal abtreten muss (um gegen Tetanus geimpft und dabei nicht mit der letzten, in einer großen Schuhschachtel gefundenen, Nadel infiziert zu werden). Und dass man nie wieder einen Polizeiverschlag in Khartum verlassen muss, um auf dem Markt ein paar weiße Blätter zu kaufen, die gerade für das Ausstellen einer – völlig unnützen – »Aufenthaltserlaubnis« fehlten.
Heimat tut gut. Für einen Schreiber vielfach gut. Die Steckdose wackelt nicht, der Strom strömt immer, ich muss nicht – Tatort Peru – zwei Tage investieren, um ein gestohlenes Computerkabel zu besorgen, muss nur die fünf Meter vom Futon zum Schreibtisch zurücklegen: um loszulegen, um die Halden meiner Notizen der letzten Reise abzutragen, um mit dem elend schönen, elend anstrengenden Geschäft zu beginnen, die über Monate erfahrene Welt in Worte zu übersetzen.
Das ist, in aller Bescheidenheit, ein herkulisches Unternehmen. Sieben Tage die Woche. Und so singe ich täglich das Lied der Dankbarkeit über die Wohnung in der Heimat. Alles – die Stille, die Lage in einer Sackgasse, das flohfreie Bettzeug, das Treppenhaus ohne Fledermäuse, die zuverlässige Müllabfuhr, ah, die Putzfrau, ah, die Wäschefrau. Alles das und alle sie helfen mir beim Schreiben. Weil ich nur Bergmann sein muss, nur einer, der (fast) nichts anderes tut, als in sein Unbewusstes – das Synonym für Stollen, für Meer, für Unendlichkeit – hinabzusteigen: um mit einer Beute, einem Beutewort, zurückzukehren. Hoffentlich.
Und bin ich jeden Nachmittag fertig, ja fertig, dann muss ich nicht rucksackbehindert und in persönlicher Rekordzeit einem Bus hinterherrennen, der – das staublungenförderliche Katmandu ist mein Zeuge – zu früh (!) abfuhr, sondern packe Zigarillos, Zeitungen und Bücher ein und schlendere in mein Café. Und kein einziger freier Radikale saust. Und kein Dutzend Armseliger mit zwei oder drei übrig gebliebenen Leprafingern stellt sich mir in den Weg. Auch muss ich nirgends den Anblick schwer schuftender Kinder ertragen. Auch pfeift mich kein Polizist zu sich hinüber, um mich zu schröpfen, weil ich – passiert in Mombasa – angeblich zur falschen Zeit die Straße überquerte. Nein, völlig unbelästigt von den Schrecken und Schreckgespenstern dieser Welt erreiche ich die Terrasse, lächle dem Patron zu, setze mich und darf lesen und rauchen und denken. Mitten in Paris.
Jeder hat seine Gründe, warum er auf Heimat – wo immer sie sein mag, was immer der Mensch darunter versteht – nicht verzichten will. Ob er nun schreibt oder eine Fensterputzerei betreibt oder auf dem Bauernhof seines Vaters wirtschaftet. Wie eine stille Glut, wie ein Teil seiner DNA gehört die Sehnsucht nach ihr zu unserer Seelenlandschaft. Knapp achtzig Prozent der Deutschen sterben in der Gegend, in der sie geboren wurden. (Nun, in meinem Fall werde ich das verhindern. Ich gehöre zu denen, die sich eine neue Heimat gesucht haben, weil sie die alte nicht mehr ertrugen.)
Egal, ob alt oder neu, irgendeinen Ort gibt es, der uns immer wieder an seine Gegenwart erinnert. Wie eine Magnetnadel, die immer nur nach Norden ausschlägt. Wir ahnen, dass er unser Leben reicher macht. »Freundschaft«, schrieb Tucholsky, »klingt wie Heimat.« Liest man den Satz von hinten, stimmt er auch. Wie einen Freund will man sie nicht aus den Augen verlieren, will sie behüten und von ihr behütet werden.
Letztes Beispiel: Nach tagelanger Fahrt durch die Wüste erreichten wir – wir alle auf der Landefläche eines Trucks – Nyala, die Provinzhauptstadt Darfurs. Das Erste, was ich sah, waren abgerissene Kinder und Greise, die über einen Abfallhaufen wimmelten und nach Nahrung suchten. Und Azen, der hier wohnte und mit dem ich mich die letzten Tage über angefreundet hatte, sagte den unfasslichen Satz: »It’s a beautiful city, isn’t it?« Ein Wüstenloch, geschlagen von allen tausend afrikanischen Sünden. Aber hier lebten die Männer und Frauen, die Azen liebte. Hier musste es schön sein.
Mag alles sein. Und die Hymnen auf das Zuhause könnten ewig weitergehen. Doch irgendwann passiert das gerade noch Unvorstellbare: Der Überdruss kommt zurück. Lang lebe die Heimat, aber jetzt reicht es. Jetzt öffnet sich wieder die Herzkammer, die eine Weile stillhielt, jetzt sprudelt wieder das Fernweh. Und die Heimat nervt. Man kann sie nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen. Und die Bäckerin auch nicht. Und nicht die Freunde, nicht den Briefträger, nicht die fette Nachbarin, nicht den Wichtigtuer, der im Hinterhof für die Mülltonnen verantwortlich ist, nicht das Blabla der Handy-Schwadroneure im Café, nicht die zermürbten Visagen, nicht die Voraussehbarkeit, nicht die Abwesenheit von Aufregung, nicht die Reden der Erste-Welt-Menschen, nicht das Wohlstandsgreinen, ja die plötzliche Erkenntnis, dass man auch greint, ja, selbst fürchten muss, vom Keim der Verdrossenheit niedergestreckt zu werden. Lebenslänglich lang. Bis man, ganz faul, ganz tot, liegen bleibt.
Um das zu vereiteln, haben die Götter die Sehnsucht erfunden. Dieses Ziehen im Herzmuskel, diesen Stachel, der uns daran erinnert, dass hinter der Heimat die Welt nicht aufhört.
Ich muss an Shane denken, einen Nordiren, den ich in Australien traf, wohin er in den Siebzigerjahren ausgewandert war. Der ehemalige Elektriker ist ein Lehrmeister an Radikalität. Als ich ihn nach dem Grund für den weiten Weg fragte, meinte er trocken: »Belfast stank mir«, und dann: »das Wetter, der Terror, die ewig gleichen Buddies mit den ewig gleichen Sprüchen.« Klar, Shane ist ein Sonderfall, er rannte davon, er gehörte zu jenen, die mit fliegenden Fahnen die Treue brachen. Um nie mehr zurückzukehren. Oder doch, einmal alle fünf Jahre. Um zu sehen, dass die Zurückgebliebenen »immer noch dort herumstehen, wo ich sie stehen ließ, in den Pubs, den hässlichen Straßen und Häusern«. Und er hat die Lehren gezogen. Denn auch in Australien kann einem das Leben verloren gehen. Im Trubel der Zeit-Totschlag-Industrie. Also verkaufte er eines Tages sein Business und besorgte sich ein Wohnmobil. Um mobil den Kontinent zu durchforsten. Er wollte sich bewegen. Und wieder stillstehen. Und wieder bewegen. Shane hatte so vieles verstanden.
Der Mann ist eines meiner Vorbilder. Damit ich rechtzeitig packe und nicht im Treibsand der Wiederholung versinke. Aber nicht das trostlose Wetter über Nordirland verjagt mich, auch nicht die Furcht vor einer Autobombe. Seit ein paar Jahren peitscht mich eine verbale Stinkbombe nach draußen. Sie ist das Zünglein an der Waage, die letzte Lunte, die fehlt, um mich loszueisen von der Heimat, um das Gesetz der Erdanziehung mit Rigorosität außer Kraft zu setzen: wenn mir das Unwort »Spaß« zu oft begegnet, ja, mir am Ende jeder zweiten Mail »viel Spaß« gewünscht wird. Die vier Buchstaben lösen eine Gefühlsallergie in mir aus. Weil es nicht viele andere Laute gibt, die den Verdacht aufkommen lassen, dass ich mich schon wieder zu lange im Reich des Lauwarmen befinde. Umzingelt von Lauwarmen (und Sprachbehinderten), denen nichts anderes mehr einfällt, als anderen – und sich, so ist zu vermuten – Spaß zu wünschen. Mein Leben als Spaßkanone, als grinning idiot, als 08/15-Zweibeiner, der von nichts anderem mehr träumt, als zur Großfamilie der Spaßvögel zu gehören.
Das Deprimierendste: die Mail eines Zeitgenossen, der weiß, dass ich mich in Marsch setze und mir für die Reise – ja, ich will in Tränen ausbrechen – »superviel Spaß« wünscht. Warum wünscht mir der Einfaltspinsel nicht Intensität, nicht einen thrill nach dem anderen? Oder blitzgescheite Gedanken? Oder Geldkisten? Oder wahnsinnigen Sex? Oder erschütternde Begegnungen? Oder wilde Freuden? Oder das Glück der Hingabe? Oder die schönsten Himmelsfarben? Oder Zauber? Oder Glücksmomente der Erkenntnis? Oder die Tiefen der Trauer? Der Einsamkeit? Der Mutlosigkeit? Der Sinnlosigkeit? Oder alles zusammen? Warum soll ich – wie er – nur als Flachkopf, als eindimensionaler Zombie, der Welt begegnen? Warum darf nichts anderes mein Innerstes bewegen als die Schmalkost spaßiger Dünnmänner und Dünnfrauen?
Für einen (reisenden) Schriftsteller klingt eine solche Mitgift (Gift!) wie eine Aufforderung zum Pfusch. Denn er muss 99,99 Prozent aller Phänomene, Emotionen und Gedanken, die ihm die Welt schenkt (oder aufbürdet), übersehen, überhören, überfühlen. Nur die 0,01 Prozent bleiben ihm. Sie reichen, um von den Wohlfühloasen zu berichten, in die nur jene dürfen, die sich rastlos wohlfühlen wollen. Die Spaßigen eben, die sich vor der Wirklichkeit schrecken wie der Teufel vor dem Weihwasser.
Die letzten Absätze sollen deshalb einer Frau gelten, deren Mut, Bestimmtheit und Lebensfreude über die Maßen erstaunen. Ihr Empfindungsvermögen lag so unendlich weit weg vom unheilbaren Gegrinse der Spaßguerilla: Linda Norgrove wurde 1974 auf einer Insel der Äußeren Hebriden geboren und mit ihrer Schwester von Eltern großgezogen, die mit den beiden Kindern – wann immer die Mittel es erlaubten – in ferne Länder zogen. Linda fing sogleich Feuer. Schon als Dreizehnjährige sah sie die Wunder und die Wunden dieser Welt, registrierte von Anfang an die Ungereimtheiten und Widersprüche. Sie sah immer beides, also immer alles: allen Reichtum und alle Schändung.
Sie studierte in England und Amerika, fuhr mit dem Rad von Oregon nach Washington, D. C., radelte durch China und Tibet, tauchte, jonglierte, trainierte Pferde, nahm an einem Kamelrennen teil und schloss mit einem Master in »environmental management« ab (und einem PhD in einer anderen Fakultät). Sie wollte die Welt, die Umwelt gestalten. Sie arbeitete in Afrika, in Südamerika und die letzten Jahre in Afghanistan. Dort stand sie bei einem Unternehmen unter Vertrag, das auf »Entwicklungsalternativen« spezialisiert war: Schulen, Infrastruktur, Ausbildung. Mit ihrem persönlichen Schwerpunkt: Unterricht für Mädchen.
Sie war in Jalalabat stationiert, sprach Dari, war überaus beliebt. Während einer Fahrt aufs Land wurde sie von Islamisten entführt. Zwölf Tage später versuchte die amerikanische Armee, die 36-Jährige in einer waghalsigen Nachtaktion zu befreien. Mithilfe der Navy Seals, ihrer besttrainierten Soldaten. Der Versuch scheiterte, Linda Norgrove kam dabei ums Leben. Durch »friendly fire«, durch eine fehlgegangene Granate der Befreier.
Bei ihrer Beerdigung auf der Isle of Lewis, wo Linda ihre Kindheit verbracht hatte, sprach ein Freund der Familie davon, dass ihr hier, an der wild verwehten Atlantikküste, »roots and wings« gewachsen waren. Poetischere zwei Worte für diese Frau hätte er nicht finden können: die Wurzeln als Symbol für die Liebe zur Heimat und die Flügel als Inbegriff für die Sehnsucht nach einer unbeschreiblichen Welt.