Der Körper
Ohne Körper geht keiner auf Reisen. Für einen Reisenden ist er sein Ein und (fast) Alles. Vorbildlich wäre, wenn er, der Body, sich in Bombenform befände. Damit er es mit den Zumutungen des Weg und Davon aufnehmen kann: der Schlaflosigkeit, dem Jetlag, den Abgasschluchten, den fünfzehn Kilo Rückenlast, der Hitze, der Enge, der Kälte, der Nässe, den Läusen, dem Lärm, den fünf Millionen Viren, der Drangsal der Massen, den freien Radikalen, den Taschendieben, den Halsabschneidern, den Schafsköpfinnen und Schafsköpfen, dem Alleinsein, dem Paarsein, dem On-the-road-Sein, mit allem eben aufnimmt, was – einschüchtert. Wohl der Grund dafür, warum sich so viele als Gesamtpaket über einem Strand mit Hotelanschluss abwerfen lassen. Da lauern keine bösen Überraschungen. Aber auch keine bestechenden.
Die anderen aber, die Reisen als Betreten einer – für sie – neuen Welt begreifen, als ein unschlagbares Mittel, zumindest einen Teil vom abersinnigen Reichtum des Lebens zu erfahren, die sollten darauf achten, dass ihr Leib beweglich bleibt. Dass die vier Gliedmaßen funktionieren, sie rennen können (weg von beißenden Kötern), springen können (auf abfahrende Züge), ja, ihnen zusätzliche Muskeln zur Verfügung stehen (um als Gentleman Damen beim Verstauen des Gepäcks zu helfen). Biegsam sein, behände, reaktionsschnell, lauter Wunder, um deren Erhalt sich einer kümmern muss. Vor dem Losgehen. Damit er anschließend – on tour – das Glück begreift, über Reserven zu verfügen, von denen er bis zur Stunde nichts wusste.
Zuletzt: den Körper bisweilen erschöpfen, auch das ist Glück. Weil man ihm zuschauen darf, wie er einknickt, wie er den Kampf aufgibt. Das sind wundersame Übungen der Demut, der Dankbarkeit, der Einsicht in die eigene Verwundbarkeit. Kaum auszuhalten die Freude dann, wenn man – nach dem Absturz – wieder auftaucht, Stunden oder Tage später wieder einen Körper vorfindet, der stark ist, der einen nicht verlassen hat. Wie einen Freund nimmt man ihn in diesen Augenblicken wahr.
Three little storys. Die erste spielt in Äthiopien: sechzehn Kilometer Fußmarsch, rucksackbepackt, auf den Mount Ziqualla zu. Der nächtliche Regen hatte die Erde aufgeweicht, bei jedem Schritt hafteten dicke Klumpen an den Stiefeln. Man ging wie durch tiefen Pappschnee ohne Schneeschuhe. Am frühen Nachmittag begann der Aufstieg, 2989 Meter hoch. Infolge irriger Auskünfte nahm ich die falsche Route. Umkehren und neu anfangen. Ich rauchte, um die Fliegenpest zu vertreiben. Nach sechs Stunden – jede fünfzig Meter waren ein Triumph – landete ich oben. Ich halluzinierte und sah eine kleine verbuckelte Frau in weißen Kleidern. Ich zitterte und hörte mich flüstern: »Shai, shai.« Und die Bucklige lächelte und antwortete: »Yes, yes, shai, shai«, nahm mich bei der Hand und führte mich durch das Dorf zu ihrer Lehmhütte. Auf jede Tür war ein Kreuz gemalt. Nein, keine Schimäre jagte mich, hier lebte die uralte orthodoxe Kirchengemeinde, die ich besuchen wollte. Hier oben, dreitausend Meter näher dem Himmel, beteten und fasteten sie. Und retteten gerade einen Wildfremden. Sadal sperrte auf und zwei Mönche legten mich auf die einzige Holzpritsche, Feuer wurde gemacht, jemand suchte zwei Wolldecken für meinen jetzt schüttelfrostigen Körper, der Tee kochte irgendwann, einer reichte Bohnen und drei hart gekochte Eier. Als ich flachlag, zogen sie mir behutsam die Stiefel aus und Bruder Mariam wusch sanft die blasengeschundenen Füße. Er tat es so achtsam und mit so viel Leichtigkeit, dass ich es ohne Scham annehmen konnte. »No problem here«, zwitscherte er heiter, »everything happy.«
Schauplatz Asien. Ich fieberte in einem drittklassigen Hotelzimmer, in Indien. Rapider Herzschlag, Hitzewallungen, Gliederschmerzen, das Thermometer stieg auf 39,7°, ich dampfte. Zweimal schaute ein Arzt vorbei, jedes Mal gab es eine Antibiotika-Spritze in den Hintern. Ohne Wirkung. Ich schien zu schwach, um ein Buch in die Hand zu nehmen (die unverzeihlichste Schwäche) und jede Nacht kam der Keuchhusten. Mit Auswurf, gelbgrün, dazwischen Blut. Neben dem Bett stand ein Kilo Medikamente, die ich seit drei Tagen schluckte. Mit dem Ergebnis, dass ich glühend und feucht wie ein Bettnässer auf dem Leintuch lag.
Ein anderer Arzt klopfte an (der erste hatte mich aufgegeben), ein stiller Herr. Ich sah nun aus wie einer, der sich aufs Abkratzen vorbereitete. Der freundliche Onkel Doktor verpasste die obligate Spritze und empfahl Orangensaft. Indien ist voller Geheimnisse. Ich deutete mit den Augen auf meine Börse. Er sollte sich bedienen und verschwinden. Als er den Schein herausnahm, fielen mir seine schönen Hände auf. Für Sekunden war ich versöhnt. Dann donnerte in der Lobby eine Musikkapelle los, eine Hochzeit begann. Ich wurde sarkastisch und dachte, nur Verheiratetsein müsse grässlicher sein als mein Zustand.
In der vierten Nacht nochmals der Versuch, mich zu entleeren. Da ich die Woche zuvor Opium geraucht hatte, ließen sich die Schließmuskeln nur schwer überreden. Wie ein todmüdes Krokodil glitt ich aus dem Bett, kroch bäuchlings – mit dem rechten Fuß einen Stuhl nachziehend – Richtung Bad. Es gab keine Kloschlüssel, nur ein Loch im Boden. Da ich über keine Kräfte verfügte, mich per Hocke einzurichten, brauchte ich das Sitzmöbel. Als ich endlich auf ihm saß, raste mein Herz vor Anstrengung, wieder der bellende, den Torso schindende Husten. Eine kleine Todesangst meldete sich, plötzlich der Gedanke, ohnmächtig zu werden. Und ich wurde ohnmächtig. Als ich aufwachte, lag ich neben dem Loch, die Oberschenkel voller Urin.
Am nächsten Morgen fuhr ich, bleich und welk wie ein Wiedergänger, ins Krankenhaus. Dort gab es den einen, der sich auskannte. Er nahm mir Blut ab und weissagte, was sich später als richtig herausstellen sollte: Erschöpfung, Dengue-Fieber, zu viel Leben, zu viel Indien.
Die letzte Szene, diesmal in Deutschland. Ich war seit knapp einem Monat von Paris nach Berlin unterwegs, zu Fuß und ohne Geld. Jeden Tag vierzig Kilometer weit. Auf einer solchen Reise bekommt man es mit vielen Problemen zu tun, doch als das brennendste – teuflisch wörtlich zu verstehen – erwiesen sich die Füße. Sie winselten, sie jaulten, jeder Schritt war ein Tritt in ein Flammenmeer. Und irgendwann, an einem sechsten Juli, war das Ende erreicht, die Grenze des Zumutbaren. Nach jedem halben Meter raste ein Elektroschock hinauf ins Hirn. Wie vegetierende Fleischstummel nahm ich meine Zehen wahr, wie in kochendem Wasser schwimmend die Sohlen. Als ich die Stadtgrenze nach Artern (etwa fünfzig Kilometer nördlich von Weimar) überschritt, beschloss ich, das nächste Hospital aufzusuchen, mich auf die Knie zu werfen und tränenreich um eine Morphiumspritze zu flehen. Ich suchte Erlösung, ich war bereit für den Offenbarungseid.
Er nutzte nur bedingt. Die zuständige Ärztin im Krankenhaus besaß kein Wundermittel, ja nicht einmal Tetanus stand im Regal. Aber sie mutete sich die (sicher nicht geruchsfreien) Füße zu, das Blut, den Eiter, den Schmutz, das Gegreine des Patienten. Und reinigte und stillte und wickelte und füllte eine Tüte mit Schmerzmitteln, Verband und Pflaster. Und organisierte acht Wurstbrote und acht Gurken und eine Kanne Tee, zum sofortigen Verzehr. Und schrieb einen Überweisungsschein für den »Verrückten«. Mit dem Kompliment zog ich weiter und stand am nächsten Tag wieder vor einer Frau. Einer Frau mit einer Tetanusspritze. Eine Woche später lief ich in Berlin ein. Wieder mit brüllenden Füßen. Aber am Ziel. Sicher haben sie geweint vor Glück.
Was verbindet die drei Geschichten mit einer Gebrauchsanweisung für die Welt? Alles, na ja, vieles immerhin. Weil einer sich mitunter aufreiben muss. Denn das Aufreibende ist der Eintrittspreis für die Welt. Sie ist eine launische Geliebte und sie will erobert werden. Das Buch heißt ja nicht »Gebrauchsanweisung für drei Wochen Vollpension«, sondern ist für jene geschrieben, die bereit sind, »bar« zu bezahlen. Eben auch mit Schweiß, mit Verzicht, mit dem tief verinnerlichten Wissen, dass einer etwas hergeben muss, um etwas – die Welt! – zu bekommen. Verfügt folglich jemand über einen Kopf mit Hirn und einen folgsamen Leib (der die Befehle des Hirns erledigt), dann ist er nicht schlecht gerüstet. Nur das Wichtigste fehlt noch, das immer Entscheidende: das Herz, das Beherzte, dieses unsichtbar Wesentliche, das wie eine Peitsche darüber wacht, wachen sollte, dass das Leben nicht im bürgerlichen Trott absäuft, nicht zuschanden kommt im Getriebe rastlos-sinnloser Betriebsamkeit. Das Leben soll glänzen und das Herz soll dafür Sorge tragen, dass der Glanz nicht schwindet.
Die drei Episoden haben aber noch etwas, wieder einmal, demonstriert. Eine Erfahrung, die jeden Reisenden versöhnt: Immer tauchte zuletzt jemand auf, der Hilfe anbot. Jemand, der sich rühren ließ von der Not eines anderen. Wärme passierte, das anrührende Gefühl, dass andere mitfühlen.
Ein Nachtrag. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich brauche Vorbilder. Zeitgenossen, an die ich denke, wenn ich ermatte. Wenn ich davonlaufen und brav sein will. Ich hole mir diese Vorbilder, indem ich mich ganz bewusst an Leute erinnere, die körperlich behindert sind. Nun, kaputt zu sein, ist noch kein Verdienst. Außergewöhnlich wurden diese Männer und Frauen erst, da sie an der Behinderung nicht zerbrachen, sondern wuchsen. Eben über eine Kraft verfügen, eben das Innige, das es mit ihrem Handicap aufnahm. Sie besitzen etwas, vermute ich, an dem wir anderen – wir Unversehrten – nicht teilhaben. Quellen, an die jemand womöglich nur rankommt, weil ihm etwas fehlt.
Ich habe zwei Dutzend Namen im Kopf, aber ich habe sie nie persönlich getroffen, nur ergriffen von ihnen gelesen. Und meist geheult vor Bewunderung und Fassungslosigkeit. Wie bei der Geschichte von Philippe Croizon, dessen Körper 20 000 Volt durchrasten und der nach drei Monaten Intensivstation als Torso – ohne Arme und Beine – zu seiner Familie zurückkehrte, ja wie ein Übermenschlicher dieses namenlose Desaster annahm. Und sechzehn Jahre später durch den Ärmelkanal schwamm, immer auf der Suche nach Beweisen: dass er lebt! Nicht als Siecher, sondern als Mensch, der sich nicht besiegen lässt. Das Unbändige an ihm, dieses Sich-nicht-bändigen-Lassen, das scheint mir das Packendste an diesem Franzosen.
Und jetzt noch zwei Tapfere, die ich persönlich kenne: zuerst Tessy, die wilde Tessy. Sie schrieb mir einmal als Leserin und heute ist sie eine Freundin. Seit fünf Jahren, seit einer Operation (Gehirnblutung), sitzt sie im Rollstuhl, halbseitig links gelähmt, unheilbar. Wie ihre nächtlichen Spasmen in den Beinen. Wie ihre Schmerzen (dank Voltaren immerhin erträglich). Damit der Körper nicht weiter verkümmert, kommen viermal die Woche vier Engel zu ihr und behandeln sie, physiotherapeutisch, ergotherapeutisch.
Um jedoch den Geist beweglich zu halten, liest sie, denkt sie, »beutet« jeden aus, der ihr in die Quere kommt. Und fragt nach seinen Gedanken. Oder lässt sich ins Theater schieben, in Konzerte, ins Kino, in Lesungen. Seltsam viele Leute gibt es, die ihr nah sein wollen, sie abholen, sie raufhieven, sie runterhieven, sie chauffieren. Wenn wir uns sehen, dann rauchen wir einen Joint, erzählen uns schlechte Witze und reden über das Wunder von Literatur und Sprache. Jedes Mal staune ich darüber – und ähnlich geht es wohl all ihren Freunden und Bekannten –, dass man in ihrer Nähe nie den Ergriffenen vorführen, nie die Betroffenheitsvisage aufsetzen muss. Ihr dreckiges Lachen schützt uns vor den falschen Gesten, dem falschen Ton. Tessy will kein Opfer sein, sie will Frau sein und sie will leben.
Von einem dritten Außergewöhnlichen soll zuletzt die Rede sein, einem Kollegen, einem Schreiber: Andreas Pröve. Als junger Kerl flog er vor dreißig Jahren mitsamt seiner Yamaha aus der Kurve. Und blieb querschnittgelähmt liegen. Viele Monate mussten vergehen, bis er begriffen hatte, dass sein altes Leben nie wieder zurückkehren würde. Und er irgendwann beschloss, als Ex-Tischler auf Rollstuhlfahrer, Weltreisender und Schriftsteller umzusatteln. Als Autor habe ich ihn über sein Buch »Erleuchtung gibt’s im nächsten Leben« kennengelernt. Viele Szenen seines Trips durch Indien sind so hanebüchen und aberwitzig, ja auf so grandios absurde Weise von ihm, dem (praktisch) Beinlosen, gemeistert, dass ich immer wieder mit schallendem Gelächter aufhören musste zu lesen: um den Irrwitz der Situation zu genießen, um mir bildlich vorzustellen, wie anders man mit dem Leben und seinen Tücken umgehen kann. Dass Pröve zudem sein Handwerk beherrscht und mit Sätzen überrascht, die wie Lichterketten durch das Herz des Lesers ziehen, macht die Lektüre doppelt erfreulich. Und dass er, zuallerletzt, sich als Mensch, im direkten Kontakt, frei von Dünkel und Pose bewegt, das sichert ihm alle fünf Sterne. Wer ihn liest und sieht, der lernt etwas über den »Gebrauch« der Welt, lernt etwas von einem, der mit seinem halben Körper zu mehr Leben und Neugierde inspiriert als Heerscharen fad-mutloser, ganz und gar intakter Zweibeiner.