Der magische Moment: Asien 2

Wenn ich ein Land betrete, gehört es mir. Je schöner das Land, desto beharrlicher meine Besitzansprüche. Das ist ein Naturrecht, von dem ich zum ersten Mal bei Walt Whitman las: »The East and the West are mine/The North and the South are mine.« So will ich es machen wie er. Nicht Amerikaner sein und nicht Deutscher, nur Mitinhaber dieser Erde. Durchaus überzeugt, dass sie mir so unwiderruflich gehört wie den anderen, die sie mit mir teilen. Wie belanglos dann, ob es sich um Vietnam oder Botswana, Frankreich oder El Salvador handelt. Oder eben Kirgisien, wo die nächste Geschichte spielt. Wie ein Narr bin ich in dieses Land verliebt.

Wladimir war mein Übersetzer und Pfadfinder. Er kannte die Pfade in die Hirne jener Menschengattung, die vor Jahren noch – mit dem besonderen Kennzeichen »Betonkopf« im Parteibuch – die kirgisische »SSR« zur drittärmsten Sowjetrepublik heruntergewirtschaftet hatte. Jetzt war das Land unabhängig, aber nach wie vor begraben unter der Erblast kommunistischer Ineffizienz. Wladimir hinterging das System. Damit wir vom Fleck kamen und drei Mal pro Tag etwas zu essen hatten. Der 37-Jährige war gerissen.

Unrettbar verfallen bin ich ihm aber wegen seines Umgangs mit der deutschen Sprache. Er war perfekt. Fast. Und diesem Fast verdankte ich Luftsprünge des Entzückens, denn was nicht makellos war, erwies sich in den spektakulärsten Momenten als schlichtweg genial. Diese Momente verschafften Einblick in Wladimirs männliches Unterbewusstsein, sein so originelles Denken und Fühlen, sein leidgeprüftes Verständnis sozialistischer Befindlichkeiten.

Und so fing es an: Als wir in der Hauptstadt Bischkek unser Hotel verließen, um eine Adresse aufzusuchen, bei der man unter Umständen ein Auto mieten konnte, meinte er, todernst und so nah der Wirklichkeit: »Komm, lass uns ein Taxi fangen.«

Wir fingen eines, wir fanden den Verleiher, wir bekamen einen Wagen, einen Lada, und wir fuhren los. Ich übergehe alle anderen Wunder, mit denen Kirgisien uns überhäufte, und will nur das wunderlichste von allen erwähnen. Das aus zwei Teilen bestand, wobei der erste unerlässlich ist, um den zweiten zu begreifen.

Wir fuhren Richtung Osten. Am späten Nachmittag erreichten wir das ehemalige Bonzen-Sanatorium Awrora, hier stiegen wir ab. Schon die Rezeption war monumental hässlich. Wie man sich angesichts so viel architektonischer Gnadenlosigkeit, so viel Bombastik, erholen konnte, blieb ein Rätsel. So lange, bis das Abendessen vorbei war und plötzlich eine Frau auftrat und zu singen begann. Und mit allem Schmalz in ihrer Stimme den schauerlich-falschen Marmor verschwinden ließ. Kirgisische Liebeslieder als Dessert. »Wenn ich an dich denke, hüpft mein Herz den Busen rauf und runter, so verrückt ist es nach dir«, kritzelte Wladimir auf einen Zettel. Eine Textzeile, die gerade wie ein Regenbogen durch die Eingangshalle schwebte, wie der Duft eines Körpers, nach dem man sich sehnte. Ein einziger Mensch stand da und hinter ihm, unsichtbar, spielte ein Sinfonieorchester mit tausend Geigen, mit tausend Harfen.

So fulminant konnte Liebe klingen. Wie eine Sirene lehnte die runde Guldschan neben der Treppe und verdrehte uns die Sinne. Lied um Lied. Die meisten Gäste hatten die Augen geschlossen. Um das auszuhalten, diesen Drang der Gefühle. Niemand klatschte nach der Stunde. Wie benebelt saßen wir da, wie lahmgelegt von einer Überdosis Schönheit. Wir waren still und vollkommen versöhnt mit der Welt.

Tage später erreichten Wladimir und ich Sheker, im Talas-Tal, im Westen des Landes. Eine Kuh schlief auf der Hauptstraße des Dorfes. Hundert Meter von ihr entfernt war am 12. Dezember 1928 Tschingis Aitmatow geboren worden. Dreißig Jahre später würde er ein Buch schreiben, von dem der französische Schriftsteller Louis Aragon behaupten sollte, dass es »die schönste Liebesgeschichte der Welt« sei. In über achtzig Sprachen wurde sie veröffentlicht. Die Geschichte von Dshamilja – so auch der Titel – und Danijar. Die hier spielte, hier während eines längst vergangenen Sommers.

Ich ging hinunter zum Fluss, wo noch vieles so war wie damals, vor langer Zeit, als ich den Schauplatz gefilmt hatte. Damals in meinem Kopf, während der Lektüre. Der Getreidespeicher, die Pferde, die Wälder, das Geräusch des Wassers, die Einsamkeit eines so riesigen Landes.

Flashback, die Story: Es war das dritte Kriegsjahr und viele im Dorf wurden zum Erntedienst abkommandiert. Stalin orderte, denn die Truppen mussten versorgt werden. Die schöne Dshamilja wurde hofiert und war nicht zu haben, auch wenn sich ihr Mann an der Front befand. Jeder musste hart arbeiten, auch der versonnene Danijar, der kriegsverletzt hierher versetzt worden war. Jeden Tag fuhren die beiden den Weizen von den Feldern zum Bahnhof.

Danijar war kein Mann zum Träumen, kein Sieger, er war verschlossen, er hinkte und stand eher abseits der anderen. Die Nähe zwischen den beiden fing erst an, als der junge Kerl eines Abends – die Zügel des Heuwagens in der Hand – zu singen begann. Ein Lied über die Leidenschaft zum Leben und die Liebe zu dieser Landschaft. »Bald«, schrieb Aitmatow, »schwang es sich empor wie die kirgisischen Berge, bald dehnte es sich frei und weit wie die Kasachensteppe.« Wie ein Feuer, so scheint es, kamen Melodie (und Worte) über Dshamilja. Die sie verzehrten. Und sie bannten. Sie begriff in diesen Augenblicken, dass der unscheinbare Mensch neben ihr über einen Gefühlsreichtum verfügte, der ihrem eigenen Empfinden so genau, so tief entsprach.

Ja, ich hatte beim Lesen der Geschichte meine Bedenken. Und nun wusste ich, warum: Weil ich diese Lieder nicht gehört, nicht den Zauber und die Verwüstungen vermutet hatte, die sie anrichten konnten. Nun aber lag ich mit dem Rücken auf einer Wiese und sah – blauschwarz unter blauem Himmel – einen Raben ziehen. Und ich schloss die Augen und flog in Kopfgeschwindigkeit zurück ins Panzerschiff-Sanatorium. Wo Guldschan schon wartete und mich von Neuem überflutete. Jetzt begann ich zu verstehen, jetzt war Dshamilja die schönste Liebesgeschichte der Welt.

Dieser Nachmittag auf der Wiese in Sheker war der magische Moment. Ich war randvoll von der Idee einer Liebe, die alles niederriss, alle Angst, alle Moral. Und jeden Kampf gewann gegen die Anwürfe der Spießer, der schiefmäuligen Ungeliebten. Ich lag nicht mehr auf dem Gras, ich flirrte. So luftleicht war ich, so überschwänglich, so mitgenommen vom Schicksal zweier anderer.

Irgendwann fand mich Wladimir. Er hatte eine Schwarzmarkt-Spelunke ausfindig gemacht, es war Zeit zum Abendessen. Eine halbe Stunde später wusste ich, dass es Tage gibt, da kann man das Glück kaum aushalten. Weil es in einer Intensität auftritt, die nur noch schwächt. Wie jetzt: Wladimir erzählte von den Sowjetjahren und dem täglichen Gerangel, um genug Rubel für den Unterhalt der Familie zu organisieren.

So fragte ich ihn, was er denn mit viel Geld unternehmen würde. Sollte es eines Tages auftauchen. Und der Russe, wieder staubtrocken und uneinholbar begnadet: »Als erstes würde ich meine Frau neu verkleiden.«

An diesem Abend in Kirgisien liebte ich alle. Den russischen Schriftsteller, seine beiden Liebenden, Wladimir und seinen märchenhaften Umgang mit der deutschen Sprache. Wie aus einer Wundertüte zauberte er Sätze und schenkte sie der Welt.