Fragen

Dieses Kapitel muss sein, weil ich oft eine seltsame Erfahrung mache: Ich bin mit jemanden unterwegs – sagen wir in einem Auto – und wir kommen in eine uns beiden unbekannte Stadt. Irgendwo in Deutschland oder irgendwo weit weg. Und der Fahrer findet die gesuchte Adresse nicht. Da ich auch keine Ahnung habe, schlage ich sogleich vor, zu halten und jemanden nach dem Weg zu fragen. Schlichter und einleuchtender kann eine Anregung nicht sein. Von wegen. Acht von zehn Zeitgenossen antworten darauf mit Nein. Sie wollen nicht fragen, sie wollen lieber eine Stunde im Kreis fahren und irregehen. Da ich aber zu Höherem geboren bin, als unnütz in einem Faradaykäfig zu sitzen, versuche ich inständig, den anderen zu überzeugen. Mit lausigem Erfolg.

Was, zum Teufel, ist der Grund für dieses Brett im Hirn? Ich habe geforscht und nichts gefunden. Bohre ich nach, sind die Erklärungen vage und flüchtig. Schüchternheit? Hm, einst ersetzte man dieses Wort durch »Blödheit«. Das klingt knallhart, hat aber was. Faulheit? Hm, grotesker kann man nicht träge sein. Denn eine klare Frage würde enorm viel Arbeit sparen. Gesichtsverlust? Hm, nicht erkennen wollen, dass man bisweilen ohne die Hilfe anderer nicht zurechtkommt? Weil einer gern als Weltmeister unterwegs ist und nie eine Schwäche zeigen will? Ob so jemandem noch zu helfen ist?

Das soll ein schmales Kapitel werden, so sei der kurzen Rede kurzer Sinn: Frag, Mensch! Das gilt tausend Mal dringlicher für Leute, die hinaus in alle fünf Kontinente fliegen: Frag, Reisender! Und wäre es mit dem Lexikon in der Hand. Oder mit einem vom Hotelportier vollgekritzelten Zettel. Oder mit den fünfzig eingetrichterten Wörtern, die man auswendig kann. Erkundige dich nach allem, was dir fehlt. Was hat einer in der großen weiten Welt verloren, wenn er sich weigert, sich nach ihr zu erkundigen? Nichts! Einleuchtender scheint es, wenn so ein Nachtwächter zu Hause bliebe, hinterm Ofen, schüchtern oder faul oder größenwahnsinnig. Denn die Welt gehört den Neugierigen, den Suchern und Unzufriedenen. Allen eben, die jeden Tag über das viele erschrecken, von dem sie noch nie gehört haben. So soll als Vorbild jener gelten, der auf jede Antwort eine Frage weiß: der Unersättliche! Er lebe hoch!