Essen

Einen Nutzloseren als mich könnte man zu diesem Thema nicht finden. Ich habe noch nie gekocht, noch nie eine Wohnung mit Herd gemietet, noch nie ein Kochbuch aufgeschlagen, noch nie einen Kochtopf gekauft, noch nie – seit dreißig Jahren – mehr als zwei Teller, zwei Tassen, zwei Gläser, zwei Messer, Gabeln und Löffel besessen. Und eine Vorrichtung, um Wasser heiß zu machen. Für den Kaffee. Bei mir gibt es immer nur bed & breakfast. Zu mehr Serviceleistungen fehlt mir die Kraft.

Ach ja, ich will viel sein. Und viel weniger haben. (Geld schon, aber Scheine sind leicht, sie zu schleppen hinterlässt keine Spuren.) Der französische Sänger und Komponist Serge Gainsbourg meinte einmal, dass stets genug auf seinem Konto lag, um sich alle Dinge »leihen« zu können. So konnte er sie hinterher wieder hergeben, sorglos, unbekümmert. Das ist ein unglaublich schlauer Lebensentwurf.

So mache ich es, Stichwort Essen, immer. Zu Hause in Paris. Und – noch häufiger – auf Reisen. Ich gehe dann drei Mal pro Tag in ein Restaurant und leihe mir für etwa eine halbe Stunde das nötige Geschirr aus. Dann brauche ich es nicht mehr und lasse es seelenruhig stehen. Für diese außergewöhnliche Freundlichkeit des Wirts, mir ein solches Verhalten nachzusehen, bezahle ich gern. Er sorgt für Speis und Trank, bringt es her, bringt es weg, spült alles ab, trocknet alles ab, räumt alles ein. Eine Heldentat nach der anderen. Auf geheimnisvolle Weise haben sich alle Wirte weltweit auf diese Gesten geeinigt: Ich komme rein und jeder von ihnen tut, was ich will. Klar, nachdem ich sie höflich darum gebeten habe.

Ich bin ein schnell zufriedener Kunde, bin schon mit der einfachsten Kost einverstanden. Ich esse alles, was man mir hinstellt. Nur zweimal, wenn ich mich recht erinnere, war ich zu schwach für das Gebotene: In London habe ich die Fish & Chips stehen gelassen. Nachdem ich blau angelaufen war, neonblau wie die Pommes. Und in Tunesien bin ich nach einem halben Teller Couscous vor dem Restaurant eingeknickt. Niedergestreckt von bestialischen Magenschmerzen. Aber sonst habe ich alles weggesteckt. Ich glaube, das ist eine brauchbare Eigenschaft für einen Reisenden: seine Bescheidenheit in Nahrungsfragen. Denn bisweilen treibt er sich in Weltgegenden herum, wo nur eine Manioksuppe auf ihn wartet. Deshalb freuen sich die Einheimischen, wenn die Verzogenen zu Hause bleiben. Jene Anspruchswürstchen aus reichen Landen, denen das Beste nicht genug ist. Schon in ihrer Heimat sind sie anstrengend genug.

Wer kennt sie nicht, die notorischen Nörgler, die es noch in Hinterindien besser wissen als das zuständige Personal. Da ich gar nichts weiß, bin ich ein gern gesehener Gast. Und da ich oft nicht einmal die Speisekarte verstehe, aus Mangel an Sprachkenntnissen oder aus gastronomischer Ahnungslosigkeit, lasse ich mir das Menü vorlesen und entscheide nach dem Klang. Was gut klingt, muss gut schmecken. Oder ich gehe in die Küche und schaue in die Töpfe. Duft kann auf unschlagbare Weise den Appetit verdoppeln. Und während die anderen schuften, darf ich dasitzen und schauen. Oder denken und lesen. Oder zuhören und reden. Und verliere kein Gramm Lebenszeit mit Kartoffeln-Schälen, Müllsäcke-Wegtragen und Vorratskammern-Scheuern.

Ich habe inzwischen verstanden, dass Köche beneidenswerte Männer sind. Ihre Ausstrahlung auf Frauen scheint enorm. Vor Jahren war ich in Big Sur unterwegs, dem Garten Eden an der kalifornischen Küste. Im Esalen Institut, einem Therapiezentrum zum Besänftigen weltweiter Neurosen, lernte ich den Amerikaner Charlie Cascio kennen. Er war dort Chefkoch. Ein heiterer, gänzlich unprätentiöser Mensch. Wir mochten uns auf Anhieb. So luden er und seine Freundin Marion mich zu sich nach Hause ein. Wir fuhren den Highway One entlang, kurvten irgendwo rechts ab, sperrten eine Privatstraße auf und landeten nach haarigen Serpentinen ganz oben. Wo sich ihr leichtes Haus befand, das sie mit rastlosem Eifer hochgestemmt hatten. Mitsamt allen Büchern und einer großen Badewanne, die nun vor dem großen Fenster stand. Mit dem Pazifik davor, der wie ein Weltwunder in der Abendsonne strahlte.

Und der Meister bat zu Tisch. Nachdem er in der Küche den Wunderlöffel geschwungen hatte. Ein Mahl für Könige. Wir aßen, nein, wir speisten, und ich habe selten eine Frau wie Marion gesehen, die – immerhin kannten sich die zwei seit fünf Jahren – so haltlos verliebt war. Natürlich wusste ich nicht, woher das Tändeln kam, aber ich vermute, dass nun das, was Charlie gerade (wieder) gezaubert hatte, wie ein Botenstoff reiner Seligkeit durch den Leib seiner Freundin wanderte. Und sie deshalb aus schierer Dankbarkeit den Koch mit Liebesblicken überhäufte. Wer rührt einen inniger an als ein Mensch, der die Glücksgefühle in unserem Körper erhöht?

Wann immer ich an dieses Dinner unter einem hell glitzernden Sternenzelt in Kalifornien denke, muss ich grinsen. Zwei haltlos Entflammte nahmen daran teil. Und ein ganz und gar Überflüssiger, ich. Schade, dass mir jede Begabung zur Bisexualität fehlt. Sonst hätte nichts mich aufgehalten, nach dem Koch zu greifen und ihn zu streicheln.