Wüste
Die einen wollen aufs Meer, die anderen – wie ich – in die Wüste. Vielleicht suchen wir dasselbe: Stille, Tiefenschärfe, Konzentration. Warum? Weil die Welt, jenseits der Wüste, am horror vacui leidet, dem Grauen vor der Leere. Und wäre sie nicht größer als ein halber Quadratzentimeter.
Um diese Krankheit zu bannen, haben die meisten beschlossen, jede frei stehende Fläche vollzumachen. Unglaublich, was man alles in ein Wohnzimmer türmen kann. Einst betrat ich ein Apartment, in dem sogar das Sofa besetzt war. Nicht von den Sofabesitzern, sondern von achtzehn (in Ziffern: 18) Kissen. Als ich begann, mir einen Platz freizuschaufeln, stellte ich fest, dass es keine andere Fläche in dem Raum gab, um die Stoffballen zu deponieren. Es war eine bestechend symbolische Szene: ja zu Dingen, nein zur Leichtigkeit. Ich setzte mich auf den Boden. Mit angezogenen Beinen. Der Rest war versperrt.
Deshalb die Wüste. Erstaunlich, mit welcher Hingabe man dort in die Endlosigkeit starren will. Dabei den eigenen Herzschlag hören, die winzigen Geräusche der Luft, den Windhauch über den Dünen. Hier kann man meditieren. Oder kontemplieren. Oder nur sitzen. Nur schauen. Nur die Augen schließen. Wie ein Katalysator treibt die Leere in ein Hochgefühl, diese leichte, friedfertige Trance. Ich bin in diesem Augenblick eben nicht – Himmel, was für ein dümmliches Klischee – das nichtige Sandkorn im Universum, nein, ich fühle mich »ganz«, eher unverwundbar, meiner Existenz sicherer als irgendwo sonst. Auf seltsame Weise beschützt die Wüste. Sie ist melancholisch. Wie in der Nähe von melancholischen Zeitgenossen werde ich milder. Endloses Wasser macht mir Angst, endloser Sand treibt sie mir aus.
Meine Lieblingswüste ist die Sahara. Das war. Denn nun ist das Sanfte verschwunden. Um Platz zu machen für das Gewaltsame. Natürlich, Menschenschmuggel nach Europa gab es schon lange, aber heute ist er zu einer Industrie geworden. Schwarzafrika – ich behaupte das jetzt provokant – hat keine Zukunft. Am genauesten wissen das die Afrikaner, die in Heeresstärke ihre Länder verlassen, um nach Europa zu fliehen. Für ein paar Tausend Euro pro Flüchtling dürfen sich zwanzig Männer und Frauen auf einen Pick-up drängen. Um drei Monate oder drei Jahre – manchen geht das Geld aus und sie müssen jobben – unterwegs zu sein.
Zweites Minus: die Wüste als Transportscheibe für Schmuggelware. Früher kaum störend, doch heute hat sich auch hier die Lage dramatisiert. Schleuste man einst Benzin, Zigaretten, Maschinenpistolen und Haschisch, so wird heute – mit aller Brutalität, die solche Unternehmen mit sich bringen – im großen Stil Kokain verschoben. Per Kamel, per Landrover, per Flugzeug.
Zuletzt das ewig gleiche Problem, die ewig gleiche afrikanische Krankheit: Tribalismus. Sie ist fast so alt wie der Kontinent: bewaffnete Konflikte zwischen ethnisch verschiedenen Gruppen. Um Land, um Leben, um Frauen, um Wasser, um Vieh, um den einen und wahren Herrgott. Dass die Kämpfe an Schärfe gewinnen, liegt an einer unfehlbaren Logik: der dortigen Bevölkerungsexplosion, weltweit unschlagbar. Waren es 1950 etwa 220 Millionen, so werden es hundert Jahre später zwei Milliarden Afrikaner sein. Die heutigen Zahlen, 850 Millionen, bestätigen den Trend.
Doch bedrohlicher als die erwähnten Probleme klingt für Reisende die Nachricht, dass inzwischen El Kaida hier eingezogen ist, unter dem lokalen Firmennamen AQMI (Al-Qaïda au Maghreb islamique). Radikalislamistische Todesengel, die gern in Blut baden. Wer ihnen als Tourist – und Touristen sind immer weiß und »ungläubig« – in die Hände fällt, hat nichts zu lachen. So gilt das Herz der Sahara heute als unbetretbar.
Die einzig gute Nachricht: Sogar die Rallye Paris – Dakar wurde vertrieben. Vollgasdeppen brettern jetzt nicht mehr durch afrikanische Dörfer. Aus Angst, enthauptet zu werden. O.k., ein »von Allah geweihtes Schwert« – benutzt als Guillotine – hätten sie nicht verdient, aber zehn Peitschenhiebe auf ihren arroganten Arsch zweifellos. Auch sie sind Reisende, die Rennfahrer, aber von einer Gebrauchsanweisung für die Welt wollen sie nichts wissen. Sie gebrauchen die Welt, korrumpieren mit Koffern voller Scheine die zuständigen Präsidenten-Clans, um – mit Lastwagen (!), Motorrädern und Autos – mitten durch die »Vierte Welt« rasen zu dürfen. Wie Wildsäue – Tote und Verletzte, auch unter den Zuschauern, auch unter Kindern – räuberten sie durch Länder, die von vielem profitieren könnten, nur nicht von Herrenreitern, die noch immer nicht begriffen haben, dass Afrika nicht mehr ihr Leibeigentum ist.
Ich will eine Geschichte erzählen. Eine von Millionen, die in der Sahara geschehen sind. Eine gute. Und die, sobald die religiösen Mordgesellen vertrieben sind, wieder geschehen wird. Nicht als dieselbe, aber eine, die ähnlich klingt. Nach Sehnsucht, romance und unvergleichlicher Welt. Wenn ich heute an sie denke, weitet sich mein Herz. So innig begann die Story, so voller Versprechen.
Ich reiste von der Hauptstadt Algier Richtung Süden. Von einer Oase zur nächsten. Als ich in El Golea, irgendwo mittendrin, neben ein paar Dattelpalmen auf den Bus wartete, kam ich mit zwei jungen Frauen ins Gespräch. Sie wollten ebenfalls nach Tamanrasset. Wir vereinbarten, dass sie sich in das Vehikel stürzen und ich mich um das Verstauen unserer Rucksäcke kümmern würde. Die Arbeitsteilung als Maßnahme, um im Gewühl drei Sitzplätze zu beschlagnahmen. Das funktionierte, bei der Abfahrt belegten wir die hinterste Bank, den aussichtsreichsten Platz. Als der Beifahrer kam, um das Fahrgeld zu kassieren, sah ich in seine Augen. Tuareg-Augen. Ich glaube, ich hielt den Atem an, so beneidenswert waren sie. Wie schwarze Glut sprühten sie in die Nacht.
Féline war die Schöne von den beiden Französinnen. Zudem ein warmer, gesprächiger Mensch. Unsere Nähe wurde durch die Tatsache beschleunigt, dass Corinne, ihre Freundin, krank wurde. Noch in der ersten Stunde. Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Wir richteten die Bank als Liege her und kauerten uns auf den Boden. Féline war stark, keine Silbe Missmut entkam ihr. Wir versorgten die Fiebrige mit kalten Umschlägen, Antibiotika und kühler Luft. Die Algerier blieben gelassen, auch wenn wir jede halbe Stunde um einen Stopp baten. Damit sich die Kranke erlösen konnte.
Nach zwei Nächten erreichten wir In Ecker, 120 Kilometer vor unserem Ziel. Neben einem Palmenhain stellten wir das kleine Zelt auf, den Unterschlupf für Corinne. Als sie eingeschlafen war, setzten Féline und ich uns vor den Eingang und redeten leise, vertraulich. Irgendwann breitete sie ihr Schlafsack-Inlet aus und schlüpfte hinein. Um mir anschließend die Sachen zu reichen, die sie ausgezogen hatte. Fünfzehn Schritt weiter brannte ein Lagerfeuer, um das die Männer saßen, die mit uns unterwegs waren. Vorsicht war geboten. Dann machte sie ein Zeichen, ihr zu folgen. Und ich schlüpfte dazu. Die ersten Minuten wurde es besonders eng, denn wir beide zogen mich aus. Für Hemd und Hose war die Nacht noch immer zu warm.
An einem Ort, an dem das französische Militär noch vor zwanzig Jahren seine unterirdischen Atombombenversuche gezündet hatte, waren wir beide entschlossen, entschieden menschenfreundlichere Dinge zu unternehmen. Wir hörten das Feuer knistern, wir sahen die Saharasterne glitzern, wir flüsterten wie zwei, die genau wussten, dass das »Augenblicksglück« gerade über sie kam. Und wir waren klug genug, es anzunehmen und keine Minute davon zu versäumen. Als ahnten wir, dass so viel Zufall, Funkeln, Wüstennacht, Schönheit und Auserwähltsein nicht dauern würden. Dass sie nur jenen gehörten, die von der Gunst der Stunde wussten. Und ihrer Vergänglichkeit.
Und so geschah es. Am nächsten Morgen schon kam die andere Wirklichkeit zurück: Corinne zog, obwohl noch immer gebeutelt von Krämpfen und Fieber, gegen mich in den Krieg. Den Krieg der Eifersüchtigen. Sie wollte ihre Freundin zurück. Ganz für sich zurück. Und somit galt ich von jetzt als der Feind. Das war umso überraschender, als dass ich mich beharrlich bemüht hatte, ihren desolaten Zustand zu lindern. Ohne Hintergedanken. Einfach, weil es mir selbstverständlich schien.
Aber gegen Blindwütigkeit helfen keine Tatsachen. Auch Félines Vermittlungsversuche scheiterten. Eifersucht, sprich, Macht über einen anderen auszuüben, ist ein hartnäckiges Übel. Albert Camus kam mir in den Sinn, der behauptete, dass es kein Glück gäbe, das kein Unglück über einen anderen brächte. Ich war mir nicht sicher, ob der Satz grundsätzlich stimmte. Aber jetzt stimmte er. Unser Glück, so arglos es auch gewesen sein mochte, war einer Dritten nicht geheuer. Dabei verband die beiden Frauen nichts körperlich Intimes, sie waren bloß enge Freundinnen.
Unsere Liebelei schaffte es noch nach Tamanrasset. Anschließend aber erwies sich Corinne als Kriegerin effizienter als ich als Liebhaber von Féline. Die betrübt war – und mich im Stich ließ. Immerhin konnten wir noch drei heimliche Stunden in einem Hotelzimmer organisieren. Dann wurde sie schwach und flog mit der Herrischen davon.
Kein Drama folgte, kein Blitz fuhr durch mein Herz. Im Gegenteil, diese Reise – eine meiner ersten monatelangen – war ungemein lehrreich. Ich lernte gleich ein paar Regeln auf einmal. Die erste hatte ich nun verstanden. Sie gilt für jeden, doch für den Reisenden soll sie doppelt zählen: Nimm nur, was man dir schenkt! Ich nahm, was Féline mir »beschert« hatte. Nie forderte ich. Und ließ los, als sie mit dem Geben aufhörte. Klar, sie fehlte, nachdem ich von ihr wusste. Aber ich wollte sie nicht festhalten, nicht raufen um ihre Gunst. Ich glaube nicht an den Besitz von Frauen (Männern). Vielleicht sind andere gerissener, aber ich will keinen »haben« und will niemandem gehören. Wer diese Anweisung – keine Forderungen verlautbaren, nur Geschenke annehmen! – verinnerlicht hat, hat etwas vom Tao des Reisens (und Lebens) verstanden. Wer nicht, der wird seine eigene Anleitung zum Unglücklichsein schreiben. Unter Höllenqualen.
Es gab noch ein Nachspiel. Ein Jahr später ging ich nach Paris. Indirekt war Féline dafür verantwortlich, mitverantwortlich. Denn mit ihr hatte ich nur englisch geredet. Und mich bei jedem Satz geärgert, weil ich kein Französisch sprach. Die Wut über meinen Provinzialismus tat mir gut, sie war der letzte Funke, um mich nach Frankreich zu treiben.
Das eben war die zweite Regel, an die mich die Wüste erinnert hatte: Wer reist, wer etwas wissen will von der Welt, der soll reden können: polyglott. Also zog ich um und schindete mich an der Alliance Française.
Als ich ein paar Sätze beherrschte, rief ich sie an. Und Féline kam, aus Roubaix. Ich war leicht irritiert, denn die in Afrika noch Ranke war inzwischen weniger rank geworden. (Um es verhalten auszudrücken.) Und, gar unverzeihlich: eine Spur behäbig. Wie sich herausstellte, segelte sie schon Richtung Ehehafen. Ein potenzieller Gatte befand sich bereits in der Warteschleife. Noch unverständlicher, da sie mir unterm strahlenden Firmament von ihrer Zukunft erzählt hatte. Die bewegt sein sollte, eher fern von ihrem Geburtsort, eher neugierig auf das Ferne und Fremde. Nein, schon mit 26 schien sie den Lockrufen einer faden Zufriedenheit zu erliegen. Mitten in einem trostlosen Vorort einer trostlosen Stadt. Als ich sie an der Bushaltestelle in El Golea getroffen hatte, trug sie zwei Leuchtraketen mit sich herum: ihre Jugend und ihre Schönheit. Mit seltsamer Nonchalance hatte sie die zwei inzwischen losgelassen. Sie sprudelte nicht mehr und sie hatte angefangen, ihren Körper zu verraten. »Youth is wasted on youth«, notierte George Bernard Shaw einmal, sprich: Wer jung ist, begreift nicht, dass er jung ist. Er trödelt, er verscherbelt sie. So eine war Féline geworden. Sie tauschte die Welt gegen ein trautes Heim. Ein miserables Geschäft.
Irgendwann, während wir in einem Café Nähe Bastille saßen, fiel mir die dritte Regel für die Gebrauchsanweisung ein. Die letzte, die ich aus der Wüste mitgebracht hatte: Trägheit, sprich, der Kampf gegen sie. Denn plötzlich schoben sich über das Bild von Féline das Gesicht und das Körperprofil von Lunis, dem Busfahrer mit den Diamantaugen. Mit dem ich mich damals mehrere Male unterhalten hatte. Ich bemerkte erst jetzt, dass er nicht gealtert war. Obwohl weit über fünfzig. Natürlich älter geworden, aber nicht auf senile Weise, nicht gezeichnet von den Verwüstungen eines schwunglosen Lebens. Nicht am Leib, nicht zu reden von seinen Augen. Seine klaren, federnden Bewegungen passten wunderbar zu der Weltgegend, in der er sich herumtrieb. Irgendein Geheimnis hatte er der Sahara entrissen. Eines, das ihm Lebensmut gab, das ihn schön und hell wie sie werden ließ. Jeder, der ihm zuschaute, konnte es sehen: Er leuchtete.