Gefahr, Angst und Gewalt

Die schönsten Gefahren sind jene, die man überstanden hat. (Pfiffiger Churchill: »Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden.«) Weil sie einen daran erinnern, wie verletzbar man ist und wie leicht unser kostbarster Besitz abhandenkommen kann: die Freiheit, der Körper, das ganze Leben. Mit einem Schlag erinnern wir uns hinterher daran, wie einmalig schön es ist, am Leben zu sein, heil, vollständig, frei.

Da wir das zuweilen vergessen, steckt in Gefahren ein ziemlicher Nutzwert. Sie wecken uns wieder auf. Damit wir nicht wie so viele werden, die kein Zwischenruf mehr erreicht: die Zombies, denen man täglich begegnet, stündlich. Mitmenschen, die von Amts wegen als unverstorben gelten, aber in der Wirklichkeit nur noch als scheinlebendig anwesend sind. Lauter Zeitgenossen, die vor der Angst vor dem Tod die Angst vor dem Leben erschreckt. Ich habe mich immer gefragt, wie jemand so werden kann. Werden will: tot sein, wenn man doch leben könnte. Unergründliches Menschenherz.

Natürlich schnürt man den Rucksack, weil man den thrill erfahren will, weil Reisen ganz nebenbei auch Intensität verspricht, ein bisschen Haare-zu-Berge-Stehen, ein paar Schweißausbrüche, ein Paar feuchte Hände. Gut, einige reisen ausschließlich, um sich zu erholen. Oder zu bilden. Oder saubere oder linke Geschäfte zu machen. Aber die brauchen keine Gebrauchsanweisung, die brauchen einschlägiges Material, das sich mit ihrem Thema beschäftigt. Das vorliegende Buch soll eher jenen zugeeignet sein, die den Kitzel verlangen.

Warum strömen jedes Jahr über eine Million Neugierige nach Pamplona, zur Fiesta San Fermín? Um den »Heiligen« anzubeten? Sicher nicht. Um die schöne Altstadt zu besichtigen? Ja, vielleicht. Aber vor allem wollen sie die Stierhatz erleben, wollen hinschauen, ja mitmachen, wenn ein halbes Dutzend Bullen durch die Straßen Richtung Arena getrieben wird. Tausende Besucher rennen vorneweg und riskieren ihre Haut, genießen die Angst, niedergetrampelt und/oder aufgespießt zu werden. Einen Amerikaner hörte ich einmal sagen, dass er den rush erleben wollte. Das kann man mit »Anschwellen«, mit »Ansturm« oder »Hochbetrieb« übersetzen, aber gemeint ist hier nur eins: der wilde Herzschlag, eben die Gefahr zu suchen und das Glück – das unversehrte Davonkommen – zu finden.

Verschafft das Abstottern eines Ford Fiesta einen Adrenalinstoß? Oder bei Aldi zwei Kilo Tomaten zu kaufen? Oder Politikern beim Diskutieren über das Haushaltsbudget zuzuschauen? Oder den Herrn Papst über christlichen Geschlechtsverkehr sülzen zu hören? Oder einen Antrag für Hartz IV auszufüllen? Oder nach Heidi Klums gesammeltem Stuss zu googeln? Nein, nie.

Wie viel Prozent unseres Lebens bestehen aus Routine? (Dieser euphemistische Ausdruck soll herhalten, um das grausige Wort »Langeweile« zu vermeiden.) Wie schnell würden wir Ja rufen, wenn das Leben ab sofort an Temperatur und Rasanz zulegen würde. Doch meist bleibt es beim Träumen. Weil wir wieder einmal begreifen, wie gefangen wir sind: von der Not, Geld zu verdienen, von der Sucht, noch mehr Geld zu verdienen, von unserem Kleinmut (kleiner Mut!), von unserer Kunst, das Leben auf die Zukunft zu verschieben, von unserer Begabung, der unverzeihlichsten, uns noch immer nicht des Werts unseres Lebens innezuwerden. Innen, drinnen, tief in uns.

Vielleicht ist das der Grund, warum Religionen erfunden wurden. Die wiederum ein »second life« erfunden haben. Nachdem wir, hier unten, unsere erste Chance verschlafen haben, dürfen wir anschließend, dort oben, weiterschlafen. Diesmal eine ganze Ewigkeit. »Das Leben«, schrieb der 1937 bei Wien geborene Elazar Benyoëtz, »will belebt, die Seele beseelt, der Geist begeistert werden.« Mich wundert, warum dieser poetische, so sinnfällige Satz so vielen nicht einleuchtet. Das scheint umso rätselhafter, als es doch viel mehr Kraft fordert, das Lauwarme zu ertragen, das »Normale«, den tagtäglichen Hochsicherheitstag (in Deutschland allerdings mit biologischer Vollwertkost). Wie deprimierend muss die Ahnung sein, dass keine weiteren Überraschungen mehr eintreffen. Deshalb klingt es – das Verwelken – so ungemein fordernd: weil eben nichts mehr antreibt, nichts mehr belebt, beseelt und begeistert. Das Leben auf Sparflamme. Statt befeuert zu werden. Von Vielfalt, von Herausforderungen, vom Wissen, wie endlich wir sind.

In Indien sah ich den Hindugott Shiva einmal als Nataraja dargestellt, als König des Tanzes. Es hieß, dass er – tanzend – die vier wichtigsten Aspekte allen menschlichen Daseins repräsentiere: Bewegung, Energie, Lust und Ordnung. Nein, der Begriff »Ordnung« stört mich keinesfalls. Solange die andere Hälfte des Lebens aus Unordnung, sprich Kreativität und Bereitschaft zum Risiko besteht, kann sie durchaus regulierend wirken. Ich mag auch Ordnung, sie befriedigt mein Verlangen nach Übersicht und Klarheit. Immer nur Chaos? Sicher so zermürbend wie ewiglich himmlische Ruh.

Zurück zum Thema, zurück zur Gefahr, Angst, Gewalt. Zur Klarstellung: Auch wenn einer als »Amateur« reist, weil Ferien sind und er sich eine Sehnsucht erfüllen will, besteht die Möglichkeit, den drei Phänomenen zu begegnen. »Hoffentlich«, merke ich noch roh an. Denn dann lernt einer etwas über den Zustand der Welt, über Frauen und Männer, die es die meiste Zeit nicht so bequem haben wie der Besucher. Weil sie wehrloser leben und somit zwangsweise mit den Fährnissen des Lebens in Berührung kommen.

Reist einer als Profi, in meinem Fall als Reporter, dann wird er der Willkür häufiger begegnen. Weil er ja nicht – um sich von der Journaille zu unterscheiden – über die (angebliche) Cellulite von Salma Hayek berichten will, sondern über einen konfliktreichen Globus. Und Konflikte bedeuten Stress. Wahrscheinlich wollen wir (Schreiber) es nicht anders, denn eine brave Welt hört sich so harmlos an wie die Beichtstunde einer Neunzigjährigen. Und darüber wäre kein Wort zu verlieren. Zudem: Arbeitslos müssten wir uns auch melden. Denn wir nähren uns ja von der Unruhe, der Unbill.

Ich will es gleich loswerden: Ich habe nicht ein Jota Tollkühnheit in mir, habe nicht die geringste Absicht, blindlings mein Leben zu riskieren. Keine einzige Zeile von mir ist es wert, für sie zu sterben. In Tibet band mir ein Mönch einen Baumwollfussel um mein linkes Handgelenk, damit ich, so erklärte er, »nicht den roten Faden des Lebens« verlöre. Elegante Geste: jemanden an das Unersetzlichste zu gemahnen. Aber in meinem Fall war der Aufruf eher überflüssig. Ich habe mir als Reporter – von Anfang an – genau überlegt, ob ich mich auf eine Gefahr einlasse oder nicht. Habe sie »taxiert«, sie vorausgedacht, sie zu Ende bedacht. Und meist den Plan aufgegeben, wenn er zu heiß wurde. Manche zogen sich schneller als ich zurück, manche waren mutiger und gingen weiter. Ein paar von ihnen sind heute tot.

Einer starb aus Versehen, in der Nähe von Johannesburg. Eine Kugel traf ihn, die nicht für ihn bestimmt war. Reines Pech. Ein anderer war im Auftrag eines deutschen Boulevardmagazins unterwegs, um über den Rückzug der Taliban in Afghanistan zu berichten. Und geriet in einen Hinterhalt. Ruhmsucht? Gedankenlosigkeit? Fünf Minuten Abwägen, vorher, hätten ihm sagen müssen, dass die Chancen eins zu nichts standen. Aber er wollte trotzdem mit. Und fiel erschossen vom Panzerwagen. Im Auftrag eines bunten Heftchens, das ihm anschließend einen Nachruf von zehn Zeilen spendierte. Dafür sterben? Als Vierzigjähriger? Ich nicht. Ein Dritter, ein Fotograf, beging Selbstmord. Aus mehreren Gründen. Wegen Drogen und Schulden, aber auch wegen der herzzerreißenden Szenen, mit denen er auf seinen Reisen konfrontiert worden war. Gastod mit 33. Zu viel Gewalt und Angst zu begegnen tut auch nicht gut.

Der amerikanische Reporter Sebastian Junger schreibt in seinem Buch War. Ein Jahr im Krieg: »Krieg muss als schlecht gelten, denn im Krieg geschehen zweifellos schlechte Dinge, aber ein Neunzehnjähriger am Abzug eines .50 Maschinengewehrs während eines Feuergefechts, das alle überstehen, erlebt den Krieg als einen so extremen Nervenkitzel, wie sich niemand ihn vorstellen kann. In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie in einem ganzen Dasein zusammenkratzen kann.«

Auch klar, ich schreibe hier keine Kriegsfibel und auch keine Rezeptsammlung, um unverkrüppelt ein Stahlgewitter zu überstehen. Wie denn? Habe ich es doch nicht einmal zum Gefreiten in die Bundeswehr geschafft. Außerdem finde ich die Vorstellung ziemlich anstrengend, nur ein gutes Viertelstündchen lang den Rausch erfahren zu dürfen und die restliche Zeit meines Hierseins rauschlos absitzen zu müssen. Nebenbei fragt man sich natürlich, wie versaut einer sein muss, wenn ihn der ultimative Kick erst dann einholt, wenn er andere auslöscht. Und das nicht einmal, weil er sich dafür entschieden hat, nein, er knallt ab, weil ein »Befehlshaber« ihn dazu auffordert. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Ich muss nicht töten, um mich am Leben zu spüren. Und umgekehrt: Ich will mich auch nicht foltern lassen, um zu wissen, was dabei passiert. Nicht viel, vermute ich, denn ich würde bald singen und alle verraten. Schon wieder tauge ich nicht als Vorbild.

Ich will in diesem Kapitel eher davon reden, dass man den haarsträubenderen Begegnungen nicht grundsätzlich aus dem Weg gehen soll. Sondern sie akzeptieren. Auch sie machen reicher. Konfuzius notierte einst: »Der echte Reisende ist immer ein Landstreicher, mit Freuden und Versuchungen.« Ah, über ein Land streichen und auf freudige Weise versucht werden. Wenn das nicht als Aufforderung wirkt, sich davonzuschleichen, aus der Tristesse der Vorhersehbarkeit. Ist es da nicht fair, im Gegenzug ein wenig Angst und Schrecken auszuhalten? Damit nie – auch nicht auf Erden – zeitlos ewiger Frieden ausbricht. Mit sieben Milliarden Gutmenschen. Die jeden Tag lieb sind, brav sind, von früh bis spät sich streicheln, kuscheln und abends vor der untergehenden Sonne – Händchen haltend und weiß gewandet – frohlocken: »Wir alle sind eins. Du und ich und ich und du, wir alle, alle, allerlei!« Dann doch lieber in den Krieg ziehen.

In der Geschichte der deutschen Sprache gibt es eine interessante Fußnote, die zum Thema passt: Früher war der Lebenskreis auf den Wohnort und die nähere Umgebung beschränkt. Jenseits davon begann das »Ausland« und dort zu sein hieß, »elibenti« zu sein. Unser Elend stammt von diesem althochdeutschen Wort ab. Auf Reisen ging nur, wer unbedingt musste. Die wenigen »Fernstraßen« waren raue Pisten, und der Wald – damals noch überall – erschien als feindseliger Urwald. Wer dort hineinmusste, fühlte sich »elendiglich«. Reisen hatte einen gefährlichen Beigeschmack.

Nun, dank weltweiter Anstrengungen, unser Leben zu einem Schnullerleben – mit Sicherheitsknöpfen, Sicherheitssteckdosen, Sicherheitsschuhen, Sicherheitsschlössern, Sicherheitsdatenblättern, Sicherheitsbeauftragten, Sicherheitsbedenken, Sicherheitsaufrufen und Sicherheits-Sofortmaßnahmen – kleinzuschrumpfen, wurde der Beigeschmack inzwischen schaler. Für Leute jedoch, die als Erwachsene gern wie Erwachsene aussehen und ohne rutschsichere Strampelhose morgens ihre Wohnung verlassen wollen, gibt es noch ein paar Ecken auf den fünf Kontinenten, die ohne Sicherheitscheckliste und panic button hinter jeder Türklinke auskommen. Wie beruhigend.

Wenn ich heute das Dossier durchsehe, in dem ich alle heiklen Momente eingetragen habe, die mir – als ahnungslosem Reisenden oder als alarmiertem Reporter – begegnet sind, dann überkommen mich verschiedene Gefühle. Zuerst ein Blick in Kategorie A, Stichwort Naivität. Noch jetzt schüttle ich den Kopf über die eigene Ignoranz. Oder den Mangel an Vorstellungsgabe. Ich wäre sicher nicht in diese Situationen hineingegangen, wenn ich weniger sorglos gewesen wäre, weniger blauäugiger Hansdampf. Ich war unbedarft, nicht mutig. Aber ich hatte Glück. Dumme, heißt es, haben mehr davon als andere. Dann bin ich gern einer, denn ohne das kommt keiner über die Runden. Nicht der Klügste, nicht der Erfahrenste, auch nicht der, der jeden Atemzug vorauskalkuliert. Die Wirklichkeit hegt eben Hintergedanken, von denen keiner vorher weiß. Die Glücklosen können davon berichten. Wenn sie es noch können.

Hier eine eher harmlose Geschichte, die böse hätte enden können. Wenn nicht der Zufall – nur ein anderes Wort für Glück – eingegriffen hätte: Frühe Nachtstunde in Kinshasa, damals noch Hauptstadt von Zaire. Ich wollte nur streunen, nur sehen, nur riechen. Aber in einem Land, in dem ein als Präsident wiedergeborenes Raubtier sich vorgenommen hatte, sein Reich leerzuplündern, in einem solchen Land kann man nicht »nur« streunen. Und erst recht nicht mit einer prallen Börse, am Gürtel befestigt. Zur Rechtfertigung meines Idiotismus könnte ich einzig sagen, dass es nicht denkbar gewesen wäre, in einer Unterkunft – auch nicht im feinen Memling Hotel, wo ich wohnte – irgendwelche Wertgegenstände zu lassen. Immerhin hing mein Hemd lose über meiner Reisekasse.

Ich war keine zehn Minuten unterwegs, als ich einen scharfen Zuruf hörte. Ein Soldat trat hinter einer Mauer hervor und wollte wissen, was ich hier zu suchen hätte. Die Frage war so schwachsinnig, wie sich danach zu erkundigen, warum am nächsten Tag Mittwoch sei. Es gab keine Ausgangssperre, ich war mitten in der Stadt, fotografierte keine militärischen Einrichtungen, mein Visum stimmte, ich war also hundert Prozent »rechtens«. Doch nicht in Afrika, nicht in der Nähe von Raubritter Mobutu und seiner Soldateska. Sekunden später standen sechs Mann in voller Kriegsmontur um mich herum. Da sie schlecht und unregelmäßig bezahlt wurden, waren sie hungrig. Auf den Besitz des weißen Mannes. Der Wortführer deutete auf die Ausbuchtung an meiner Hüfte, er wusste Bescheid.

Gegen ein halbes Dutzend Maschinenpistolen gibt es keine Argumente. Nach Hilfe rufen wäre eine komische Idee gewesen, denn afrikanische Innenstädte sind um diese Zeit vollkommen ausgestorben. (Und wer etwas hörte, würde erst recht zu Hause bleiben, aus wohlbegründeter Angst.) Widerstand leisten? So debil war ich dann doch nicht. Davonlaufen? Einer Flintenkugel? Nein, die Chancen standen eine Million zu null, dass ich hier ungeschoren davonkommen würde.

Während ich umständlich am Verschluss des Lederbeutels hantierte (Zeitschinden war mein einziger Impuls) und der Rädelsführer schon ungeduldig mit den Fingern schnappte, um die Bündel entgegenzunehmen, bog ein Wagen auf den Boulevard du 30 Juin ein, den Tatort. Und ich trat blitzschnell vom Trottoir (dem Rest eines Trottoirs) auf die Straße und winkte. Vollkommen von der Nutzlosigkeit der Geste überzeugt. Aber ich tat es. Und sofort erkannte ich, dass es sich um ein Diplomatenfahrzeug handelte, an der Standarte auf dem Kotflügel und – Sekunden später – am Corps-Diplomatique-Zeichen auf dem Nummernschild. Belgier! Die ehemaligen Kolonialherren, die beispiellos grausam »ihr« Belgisch-Kongo ausgebeutet hatten.

Nun, jetzt war keine Zeit, um ein Gerichtsverfahren wegen historischer Schuld zu inszenieren. Ich winkte heftiger und das Wunder fand statt: Der Wagen hielt und gleichzeitig – schon überraschend – nahm die Sechserbande Haltung an. Hinten rechts ging das Fenster herunter und jemand fragte, ob ich nicht einsteigen wolle. Wie in einem hübschen Politthriller. Und ich stieg ein. Mit all meinen 3300 Deutschmark, 2000 US-Dollar und etwa 10 000 Zaire, meinem gesamten Geld für die geplante Reportage.

Ein ranghoher Angestellter der Botschaft war mein Schutzengel. Als Old Africa Hand wusste er, ein Blick genügte, dass ich mich in Schwierigkeiten befand. Mobutus Söldner waren jedem, Ausländern wie Zairern, als Ausbund gesetzloser Halunken bekannt. Wie ihr Chef.

Mein Retter, der Ranghohe, blieb diskret, er bat mich nur, den Vorfall nicht gleich beim Frühstück an die Presse zu kabeln. Denn laut offiziellem Protokoll hätte er die Polizei rufen müssen. Als er das sagte, mussten wir beide grinsen. Mit dem erhebenden Gefühl, der Gier anderer entronnen zu sein, erreichte ich mein Hotel. Herzlicher Abschied. Soll keiner sagen, ich wäre nicht doof gewesen und hätte kein Glück gehabt. Aber Adrenalin floss und ich war dankbar.

Natürlich habe ich die Konsequenzen gezogen und ein paar neue Punkte aus der Gebrauchsanweisung fürs Reisen auswendig gelernt. Und sie umgesetzt: mehr Misstrauen, ja doch. Und heller sein. Ich will eben kein Hans im Glück aus Grimms Märchen werden, der froh ist, als ihm der letzte Besitz abhandenkommt. So viel Glück ist zu viel des Guten. Ein bisschen Last, Geldscheine zum Beispiel, trage ich gern. Konkret: Ich habe lange nachgedacht, wie man ein so wertvolles Gut in der Kleidung verbergen kann. Selbst vor den habsüchtigsten Händen. Und ließ mit Unterstützung eines begabten Schneiders Schlupflöcher in meine Hosen einnähen, die bis heute von niemandem entdeckt wurden. Und ich bin, die Götter sind Zeuge, schon reichlich oft befingert worden.

Nächster Punkt, Rubrik B: Darunter fallen die Minuten, die mich schwer amüsieren. Weil sie einen Touch Irrsinn enthalten. Auch daran erinnern, wie verrückt die Realität bisweilen spielt, wie schnell sich die Regeln der Logik auflösen und eine Gefahr als herzhaftes Gelächter verpuffen kann. Wie im hintersten Louisiana, als mir – ich war als Reporter unterwegs, spielte aber den tumben Bewunderer – ein Mitglied des Ku-Klux-Klans sein Haifischmesser an die rechte Pulsader hielt und mit lauter Prolostimme fragte: »Do you believe in Adolf Hitler?« Und ich, wunderbar erleichtert, ebenfalls lautstark antwortete: »Yes, I do believe in Adolf Hitler!« Und wir anschließend Tränen lachten. Wobei ich noch heute nicht recht verstanden habe, warum Brandon so begeistert reagierte. Aus Freude darüber, einen solchen Fang, einen echten deutschen Nazi – blond und voller Rassenhass – gemacht zu haben? Oder weil er seine Überlegenheit genoss? Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, ob er hineingeschnitten hätte, wenn ich ihm zugerufen hätte, dass er ein hirnkranker Bimbo ist, a stinky piece of white trash, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Denn ich diskutiere nie mit Bewaffneten, ich mache immer das, was sie erwarten. Aber immerhin begriff ich, warum ich Tränen der schieren Lebenslust vergoss: Weil wieder einmal klar wurde, wie flugs man unauslotbare Geistesschwäche aushebeln kann. Deshalb mein Eingeständnis, ein Hitlerfan zu sein. Weil ich dann gewiss sein konnte, dass er mich nicht zerstückeln würde. Ja, mich der Mordskerl umgehend zu »his best German friend« erklärte. Nun, auch diese trübe Ehre nahm ich in Kauf. Einfach, weil Brandon mir jetzt vertraute und ich seine verstecktesten (braunen) Träume erfuhr. Und noch etwas habe ich bei ihm gelernt: Fleischgewordene Dummheit kann auch zu Veitstänzen der Seligkeit führen. Das klingt beruhigend, da ihr das nicht oft gelingt. Denn meist will ich mich in ihrer Gegenwart entleiben.

Die Regel fürs Reisen durch die Welt? Schlagfertigkeit üben! Nicht den Edlen aufführen, sondern den Gegner aufs Glatteis führen! Etwa – im übertragenen Sinne – wie es Aikido vorschlägt, die japanische Kampfkunst: defensiv, dem potenziellen Schläger ausweichen, ihn austricksen und ins Leere laufen lassen. Mit der eigenen Intelligenz die Brutalität des anderen kaltstellen. Geist gegen Dunkelheit, Hirn gegen Bizeps, ein Ausfallschritt gegen den Vorschlaghammer.

In die dritte Gattung fallen die Um-ein-Haar-Fälle: Bei Punkt C geht es um kalten Schweiß, um nackte Ängste, um Intensitäten, die einen noch lange verfolgen, noch lange in einem nachzittern. Hier Fall eins: Fotograf Rolf Nobel und ich recherchierten über »Gewalt in den Cape Flats«, einem Stadtteil von Kapstadt, der zu den Problemzonen Südafrikas gehörte. Wir erfuhren von unserem Informanten, dass in Manenberg – laut Statistik die gefährlichste Township – ein Polizeieinsatz stattfand. Wir brausten los. Aldino – Ex-Killer (»Ich schwöre, es war Notwehr!«), Ex-Juwelenschmuggler, Ex-Zuchthäusler – hatten wir als Fahrer, facilitator (Erleichterer) und Alleswisser angeheuert. Seit einer Woche arbeiteten wir mit ihm. Der zehnfache Vater hatte eine Gangsterehre im Leib, auf die er nachdrücklich Wert legte. Einen Zuverlässigeren als ihn hätten wir nicht finden können.

Ein riesiges Wandgemälde von Tupac Shakur, dem »King of Rap«, gab hier den Ton an. Seine heiseren Aufrufe zum Abschießen aller »enemies« – er selbst war in Las Vegas liquidiert worden – wurden hier gern gehört. Wir waren rechtzeitig zur Stelle. Als wir in die Manenberg Avenue einbogen, sahen wir hundert Meter weiter drei Casspir stehen, gepanzerte Truppentransporter, eingekeilt von atemlosem Gebrüll. Wir kamen näher und gingen die letzten zwei Blocks zu Fuß. Aldino sollte mit laufendem Motor auf uns warten.

Der nackte Hass kochte, zwei Dutzend Polizisten umzingelten mit gezogener Waffe – Schrotflinten und Pistolen – ein Haus. Und die Bewohner und Nachbarn, weit über hundert, umzingelten die Polizei, brüllten ihnen die Verachtung ins Gesicht, nannten sie »a bunch of monkeys« und »a bunch of assholes«, beschuldigten sie als »corrupt and paid by Staggie«. Wir gehörten ab sofort ebenfalls zu den Arschlöchern, denn sie hielten uns für Vertreter der lokalen Presse, rissen an den Fotoapparaten, glaubten, dass wir für Rashid Staggie recherchierten: um ihn mit Bildern der Anwesenden zu versorgen, als Vorlage für nächste Hinrichtungen.

Was war passiert? Eine Straße weiter waren vor einer knappen Stunde drei Leichen weggeräumt worden. Alle drei gehörten zur hier ansässigen Bande der Clever Kids, alle drei waren von der Konkurrenz-Gang der Hard Livings – mit Rashid Staggie als Boss – exekutiert worden. Grund des barbarischen Standgerichts: Höchstwahrscheinlich ein turf fight, ein Kampf um Straßenzüge, wer wo »Schutzgelder« kassieren durfte. Denn Taxifahrer und Ladenbesitzer mussten zahlen. Um sich davor zu schützen, von ihren Beschützern über den Haufen geschossen zu werden.

Augenblicklich durchsuchte die Polizei die Wohnung mehrerer Clever Kids und konfiszierte die Waffen. Deshalb diese schäumende Wut der Anwohner. Sie hielten die Ordnungskräfte für Komplizen der Hard Livings, sahen sich um ihre Rache gebracht. Dass ein Teil der Gehassten tatsächlich nichts zur Aufrechterhaltung bürgerlicher Rechtsstaatlichkeit beitrug und vor Korruption stank: wie wahr. Jeden Tag berichteten die Medien darüber. Aber viele stanken nicht. Hier riskierten sie gerade ihr Leben. Denn der Mob rückte näher und schien zu allem bereit. Die Polizisten ließen die Schäferhunde los und luden ihre Pumpguns durch. Als die ersten Verhafteten aus der Wohnung geführt wurden, steigerte sich der Volkszorn zu kreischender Hysterie, erste Schüsse knallten, von beiden Seiten. Drei Handbreit neben dem Fotografen – ich stand immerhin einen Meter weiter weg – schlugen zwei Kugeln ein. Letzter Aufruf, die Flucht anzutreten. Gebückt hinter einem der Panzerwagen, die sich jetzt ebenfalls unter Feuerschutz zurückzogen, schafften wir die ersten fünfzig Meter. Dann rannten wir schreiend und deckungslos Richtung Aldino, der auf uns zuschoss. Sekunden später waren wir aus der Gefahrenzone.

Was jetzt ins Brevier der Weltkunde schreiben? Das: Versuchen, sich einen beweglichen Körper zu bewahren! Um im Bedarfsfall rechtzeitig in eine bleifreie Gegend zu gelangen. Und nebenbei üben: die Albträume aushalten, die sich monatelang wiederholen! Eine Spur genauer gezielt und ich hätte jetzt einen toten Freund mehr. Doch auch die folgenden Empfindungen sind unvermeidlich, nach überstandener Bedrohung: der rauschähnliche Überschwang und gleich anschließend diese geradezu überirdische Dankbarkeit, noch immer zu atmen, noch immer zu fühlen.

Ja, es kommt noch besser: Der euphorischen Lebensfreude folgte eine schöne, fast bodenlose Zufriedenheit. Denn natürlich hatten wir beim Einbiegen in die Manenberg Avenue einen Augenblick innegehalten und uns gefragt, ob wir uns das antun wollten. Da Rolf und ich schon öfter in Südafrika unterwegs gewesen waren, wussten wir, wie gemeingefährlich eine solche Situation ausarten konnte. Nach kurzer Bedenkzeit gaben wir wieder Gas, auf den Tatort zu, die Lage schien uns »berechenbar«. Eine Absage – uns eben der Angst vor der eigenen Feigheit zu fügen – wäre unverzeihlich gewesen. Wir wollten nicht peinlich verstummen, wenn wir eines Tages an die Szene erinnert würden. Wir wollten den fiebrigen Flow spüren, das sagenhafte Afrika an diesem warmen Februartag.

Eine Gebrauchsanweisung, um mit Gefahr, mit Angst und Gewalt umzugehen? Schwierig, denn jede Situation erfordert eine andere Antwort. Einmal hilft ein klares Wort, einmal saftiges Lügen und Lachen, einmal nur frecher Charme, einmal nichts anderes als Preschen und Stieben, bisweilen List und Hirnschmalz, oft nur ein Glücksstern, manchmal nichts. Ganz sicher hilft nie: eine hochheilige Jungfrau um Beistand bitten, sich Richtung Mekka niederwerfen oder die Stirn an einer Klagemauer wundreiben. Denn Brecht hat es längst unmissverständlich formuliert: »Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.« Wo immer wir uns herumtreiben.

So, Reisender, schreibe dir noch den Satz von Mario Vargas Llosa ins Stammbuch: »Solange ich Illusionen und Neugier habe, werde ich nicht aufhören zu leben.« Natürlich gibt es Reisen, die erfüllen, ohne dass man um seine Gesundheit fürchten muss. Und ohne dass Illusionen und Neugier mit Herzversagen bezahlt werden müssen. Jedem seinen Gefahrenquotienten. Der eine verträgt fast nichts, der andere fast alles. Und viele viel mehr, als sie glauben, sich zutrauen zu können. Wie dem auch sei: Keiner darf mit einem 15-Watt-Herz durch die Welt glimmen. Es muss strahlen, muss gleißen, soll wie eine Leuchtspur für andere sichtbar sein. Und was erinnert uns dringlicher daran, dass wir eins haben, dass es heftig schlägt, dass es – jede Sekunde – existiert? Die Welt, was sonst. Wär sie nicht da, gäb’s nur ein Loch im Himmel.