Der Ranzen
Er soll gefüllt sein wie ein Magen nach dem Essen: eben nicht vollgestopft, sondern so, dass durchaus noch etwas Platz hätte. Denn man sieht gleich, dass der Ranzen auf dem Buckel und der Ranzen vorne am Bauch etwas gemeinsam haben: Je schlanker sie aussehen, desto unbeschwerter trägt man sie, desto eleganter sieht einer aus. Denn wer sich hinknien muss, um alles in seinen Tornister zu zwängen, hat die erste Regel des Reisens, die goldenste, schon überhört: Leichtigkeit. Jedes Kilo wiegt nach zehn Kilometern das Doppelte! Und nach hundert das Dreifache! Immerhin wird dem Reisenden bei jedem Schritt klar, dass die Gier eine beschwerliche Untugend ist. Kolossal belastend.
Ich beichte: Immer wieder begegne ich einem, der bescheidener aufgeladen hat als ich. Und nichts als mein Neid bricht aus. Wie bei jedem, der mit weniger Anstrengung daherkommt. Immer will ich einem solchen nacheifern.
Packen als Kontemplation. Bei jedem Teil sich beinhart fragen: »Brauche ich das?« Nicht in dem Sinne, ob es lebensnotwendig ist, sondern: Brauche, sprich, gebrauche ich es? Natürlich benötigt eine Frau keinen Nagellack, um in Australien anzukommen. Aber wenn lackierte Fingernägel ihr Freude bereiten, dann her damit. Denn alles, was den Voyageur hochstimmt, ihm in beschwerlichen Situationen beim Ertragen der Mühseligkeiten hilft, ist von Nutzen und muss unbedingt mit. Besänftigt den einen ein Charlie-Brown-Maskottchen, den anderen das Amulett eines Indianerhäuptlings, den dritten ein daumenkleiner Buddha aus Jade: dann sollen sie mit auf die Reise. Sie alle funktionieren als eine Art Friedensstifter.
Fußnote: Imelda Marcos war nie mit dem Rucksack unterwegs, denn wohin mit ihren sechstausend Paar Schuhen? Trotzdem, ein Reservepaar sollte man einpacken. Denn es kommen Augenblicke, in denen man nicht wie ein Wandervogel auftreten möchte, sondern mit einem Hauch von Stil. Ich hatte eine Freundin, die nahm zum Trekking ihre Stöckelschuhe mit. Sie wollte gerüstet sein. Ich habe sie nie belächelt. Denn immer kam ein letzter Abend, irgendwo in einem Hotel. Und jetzt passten sie. Sie wollte eben beides, wandern und stöckeln.
Frischwäsche wäre nicht schlecht. Wenig, aber frisch. Dazu ein paar Utensilien, um den Körper sauber zu halten. Ich bewundere Zeitgenossen, die nach zehn Wüstentagen mit sauberen Händen in die Zivilisation zurückkehren. Und ohne Mundgeruch. Hygiene, so heißt es im Zen-Buddhismus, hat etwas mit Achtung vor sich selbst zu tun. Und vor anderen, auch klar. Grindige Fingernägel sind eine Zumutung. Ich bin meist so frei, den Schmutzfink auf seinen Zustand aufmerksam zu machen. Ist das zartfühlend? Sicher nicht. Aber mir seine schmuddeligen Pfoten entgegenzustrecken ist es noch weniger. Deshalb: Wer nicht sehen will, muss hören.
Dabei sollte gerade ich meine Zunge hüten. Als ich von Paris nach Berlin wanderte, kam ich bei Kilometer 1070 in Potsdam an. Und näherte mich einem Einwohner, um ihn nach dem Weg zum Obdachlosenasyl zu fragen. Der gute Mann fuhr entsetzt zurück, rief noch entsetzter: »Halten Sie Abstand, Sie verpesten ja die Gegend!« Ich war offensichtlich zu einem Penner verwildert, der sich selbst nicht mehr roch. Freilich war ich seit 33 Tagen unterwegs, vierzig Kilometer täglich, zu Fuß und ohne Geld. Lange schon ohne einen müden Euro für Seife und Deo. O. k., das soll als Ausnahme gelten. Ansonsten mag ich mich und alle anderen lieber, wenn wir geruchlos (oder mit diskreter Duftnote) daherkommen.
Wie im richtigen Leben, so zählt auch im Leben eines Reisenden die Art, wie er sich der Welt präsentiert. Sie kann einiges erleichtern. Diese Einsicht ist ein harter Schlag für den Gutmenschen, der blindwütig nur auf die »inneren« Werte schaut. Wir anderen sind nicht so gut und schauen auch auf die äußeren. Wer diese kleine Weisheit begriffen hat, reist intelligenter. Denn er/sie weiß um die Spielregeln der Welt. Und spielt mit ihnen.
Ich denke nicht daran, jetzt eine Liste der Siebensachen zu veröffentlichen, die jeder einpacken soll. Welche Pickelcreme, welches Durchfallmittel, welche Zahnspange, welche Sockenfarbe (wenn Socken denn sein müssen), ob Angorawäsche oder Armani-Unterhosen, ob Sombrero oder Schiebermütze. Jeder muss selbst herausfinden, was zu ihm passt und was nicht.
Aber ich will etwas über den intimsten Feind des Reisenden sagen. Ich rede jetzt zu dem, der allein reist, ohne Begleitschutz, ohne Freundin, ohne Freund, ohne den Leithammel einer Gruppe. Behaupte ich doch, dass die Erfahrungen eines Einzeltäters (meist) intensiver sind, bisweilen delikater, auch aufreibender. Fest steht: Alle, die sich unbewacht auf den Weg machen, werden von erster Stund an von einem Gespenst beschattet, das sich als hartnäckiger Gegner erweist: der Einsamkeit. Gegen sie heißt es sich wappnen.
Zu Hause kann man Einsamkeit kompensieren, sie besänftigen, sie zerstreuen. Man kann Freunde anrufen, ins Kino rennen, in die nächste Pizzeria, die Glotze aufdrehen, Pornoseiten anschauen, sich volltanken. Die Einsamkeit geht dann nicht weg, aber sie nagt weniger stechend. Alles das kann der Reisende oft nicht. Ist er einsam, liegen die Freunde längst im Bett. Am anderen Ende der Erdkugel. Kein Cinema weit und breit. Keine Ablenkung, nirgends ein Schluck Schnaps.
Hier nun das absolut notwendige Rüstzeug, um es mit ihr aufzunehmen. Erstens: Ein MP3-Player muss in den Ranzen. Mit den Liedern, die das Herz befeuern. Zweitens: ein Weltempfänger-Radio, um Nachrichten von überall zu hören, BBC, Deutsche Welle, Radio France Internationale, Radio exterior de España, was auch immer. Drittens: ein Buch mit Gedanken, um die Unruhe zu beschwichtigen. Viertens: ein Tagebuch und ein Bleistift, die grandiosesten Waffen, um die Einsamkeit mit Sätzen in den Griff zu bekommen, die wie Heilwasser die geschürfte Seele spülen.
Fazit: Fünf kleine Teile (der Stift soll auch zählen), die leichter sind – ich habe sie einmal vor einer Reise abgewogen – als eineinhalb Heineken-Bierdosen. Nur siebenhundertachtzig Gramm für dieses Erste-Hilfe-Paket.
Dabei sollte niemand vergessen, dass Zeiten kommen, in denen sich das Alleinsein wie eine Spritztour auf dem Glücksrad anfühlt, die man wie ein vor Seligkeit trunkenes Rumpelstilzchen genießt: dass niemand uns umzingelt, keiner dazwischenredet, keiner Rücksicht verlangt, ja, man sofort stehen bleiben und bewundern oder sofort unbeeindruckt weitergehen darf. Und dass man keiner Frau und keinem Mann Rechenschaft schuldet, nicht lügen und nicht notlügen muss. Und dass nie die wild drängende Sehnsucht aufkommt, mutterseelenallein sein zu wollen, irgendwo mitten in der Welt, wunderlich verführt von ihrem Glanz und ihren Geheimnissen. Und dass man – hat man nur Witz und Glück – einer Fremden (einem Fremden) begegnen könnte, die über die Tage und Nächte tröstet, in denen man die Nähe eines anderen bitter nötig hat.
Das Umwerfende an den fünf – meist gut aussehenden – Dingen besteht darin, dass man sie bei Bedarf mit jemandem teilen kann: das Radio, die Musik, das Buch, das Tagebuch, den Griffel. Man glaubt nicht, wie Noten und Buchstaben zueinander führen. Auf einer langen Fahrt im Blue Train von Pretoria nach Kapstadt habe ich einmal einer Amerikanerin die englische Version der Liebesgedichte von Bert Brecht vorgelesen, unter vielen das himmlische Als ich nachher von dir ging: »Since we passed that evening hour/You know the one I mean/My legs are nimbler by far/My mouth is more serene …« (Und seit jener Abendstund/Weißt schon, die ich meine/Hab ich einen schönern Mund/Und geschicktere Beine.) Rein zufällig hatte ich den Band am Tag vor der Abfahrt gekauft. »His poems are so beautiful«, sagte die Fotografin irgendwann und folgte mir vom Speisewagen in Compartment 64, das mir ganz allein gehörte. Dort las ich weiter. Gerechterweise muss noch angemerkt werden, dass nicht ich Rita entzückte, sondern der Dichter. Aber der stand ja nicht mehr zur Verfügung. So sprang ich notgedrungen ein.
Phantastisch, was ein schmales Buch alles kann. Seine vielen Nebenwirkungen klingen bemerkenswert. Es kann den Einsamen ruhigstellen und es kann zwei Einsame dazu bringen, sich nahezukommen. Nicht viel anderes – noch dazu so formvollendet – kann da mithalten. Zuweilen funktionieren ein paar bedruckte Seiten wie eine Zauberpille: Man schluckt sie gemeinsam und wacht benommen wieder auf. Schön teuflisch, schön unberechenbar. Was könnten zwei Reisende einander an Innigerem schenken, als sich mit Sprache zu verwöhnen und anschließend in einem blauen Zug auf einen Sternenhimmel zu blicken, der verschwenderisch auf ein afrikanisches Land leuchtet?
Zurück zum Rucksack. Noch ein Teil muss rein. Es ist verdammt praktisch und unromantisch. Aber Reisen ist ja auch kein Aufbruch in die Flitterwochen, sondern oft, sehr oft, ein Kampf mit den Unwirtlichkeiten einer anstrengenden Welt. Seitdem ich das weiß, ziehe ich nicht mehr ohne ein Messer, mein Messer, los. Das Schlüsselerlebnis hatte ich als 13-jähriger Pfadfinder, der nach einem Gerät suchte, um eine geklaute Birnenkompott-Dose zu öffnen. Zwei Stunden war ich – linkisch und handwerklich auffallend unbegabt – damit beschäftigt, den Deckel zu entfernen. Hätte ich damals schon ein Schweizer Armeemesser (offiziell: Wenger Schweizer Offiziersmesser) besessen, ich wäre ohne Schürfwunden und blutig gerissenen Fingernagel an das Obst herangekommen.
Inzwischen, nach vielen Jahren, habe ich den Film »127 Stunden« gesehen: So viel Zeit verbrachte der amerikanische Bergsteiger Aron Ralston in einem Canyon im Bundesstaat Colorado. Die fünf Tage und Nächte brauchte er, um seinen von einem Felsbrocken eingeklemmten (rechten) Arm zu befreien. Sofort fiel mir das Birnenkompott ein, denn auch Aron – dargestellt von dem großartigen James Franco – verfügte über kein rotes berühmtes Taschenmesser. Er hatte es zu Hause nicht gefunden und war deshalb mit einer untauglichen Klinge – made in China – losgezogen.
Der Unterschied zwischen dem Schicksal des 28-Jährigen und meinem als Knaben war gigantisch. Ich hätte im Notfall auf ein Kilo Nachtisch verzichten müssen, Aron aber, der leidenschaftliche Naturfreak, wohl auf sein Leben. Denn Hilfe von außen war nicht zu erwarten, zu versteckt lag die enge Schlucht. Bis er das Unmögliche dachte und sich entschloss, den Arm abzutrennen. Was zunächst scheiterte, denn kein Schweizer Stahl war zur Hand, sondern nur chinesisches Blech, völlig untauglich für das Durchschneiden kräftiger Männerknochen. Bis Aron, getrieben von letzter Todesangst, da nun ohne Nahrung und Wasser, zum nächsten Schritt bereit war: sich willentlich Elle und Speiche zu brechen und – noch jenseitiger aller Vorstellungskraft – die Nerven zu kappen. Ich war wenigstens tapfer genug, nicht wegzuschauen, als es (im Film) so weit war.
Gute Story, rühmenswerter Mister Ralston. Jeder, der das Kino verließ, hatte verstanden: »Don’t leave home without your Swiss army knife!« Denn die 75 Gramm passen noch in jeden Rucksack. Wie die Liebesgedichte von Brecht. Bedenkt man, was die zwei – Eisen und Papier – alles bewerkstelligen können, dann verbietet sich jede Diskussion.
Bitte Nachsicht, Leser, denn zuletzt soll noch etwas obenauf liegen: ein Kissen, groß genug für einen (Normal-)Hintern. Aus Plastik, aufblasbar, praktisch gewichtslos. Dieses Polster kann jeder Mensch weltweit zwischen sein Gesäß und den Boden legen, auf dem er sich gerade befindet. Und sich daraufsetzen, den Rücken strecken, die Augen schließen, den Mund halten und – meditieren. Sich somit ein Zubehör aneignen, das den Reisenden wie die Mutter aller Fertigkeiten begleiten sollte: Achtsamkeit. Wer sie meistert, ist der Zweiäugige unter den Blinden und der Hellhörige unter den Tauben. Den Unachtsamen eben. Er ist ein Meister, Tag für Tag.
Vielleicht doch ein Nachwort zum Ranzen: Vom fernen Himalaja-Königreich Bhutan kam vor Jahren die Kunde, dass alle im Land dafür Sorge tragen sollten, das »Bruttoinlandsglück« zu mehren. Weise Männer und Frauen hatten die Idee, dass Glück möglicherweise mit etwas anderem zu tun hat, als sein dickes Auto vor der Tür des Nachbarn zu parken. 55 Glücksforscher haben sich nun auf den Weg gemacht, die Einwohner nach dem Stand des Frohsinns zu befragen. Mithilfe eines »Bruttoinlandsglück-Erfassungsfragebogens«, 44 Seiten und 249 Fragen schwer. Die zauberhafteste darunter, so vermute ich: »Was sind für Sie die wichtigsten sieben Dinge, um ein glückliches Leben zu führen?« Die Antworten der Bhutaner sind noch nicht ausgewertet, aber wir, wir Weltreisende aus dem fernen Westen, könnten doch sagen: O.k., die ersten fünf haben wir schon abgehakt. Und die letzten zwei? Ach, wie simpel: ein Foto mit den Augen der Liebsten (des Liebsten). Und siebtens? Himmel, das liegt doch auf der Hand: eine Ritter Sport-Schokolade, Nougat. Wer an ihr knabbert, beißt mitten hinein ins Glück.