Moderne Zeiten
Die grassierende Einsamkeit muss furchtbar sein. Vielleicht war sie früher ähnlich furchtbar, doch gewiss weniger sichtbar. Vor aller Augen. Man sieht erwachsenen Männern zu, die beim Einfahren des Zuges nach ihrem Handy greifen und wissen wollen, ob Mutti oder die Gattin (oder beide) bereits am Bahnsteig stehen. Nachdem sie vorher schon fünf Mal gesimst haben, um ja sicher zu sein. Jeder Schaffner sollte den Herren vor Reiseantritt einen Lolli zustecken. Damit wir sie sogleich erkennen und ihnen ein Taschentuch reichen. Für die vielen Tränen, wenn möglicherweise gerade kein Familienanschluss funktioniert, folglich der 45-Jährige – nur auf sich gestellt – einen deutschen Bahnhof betreten muss. Am helllichten Tag. Mutterseelenallein. Das nackte Grauen.
Sie erinnern an Schoßhündchen, denen man früher einen winzigen Beutel mit zwanzig Pfennig umhängte. Damit man den Besitzer anrufen konnte, wenn der Vierbeiner sich verlaufen hatte.
Hier reisen keine Männer, hier fordern Dreijährige Begleitschutz. Die Infantilisierung unserer Gesellschaft hat viele Gesichter. Eines davon: nicht mehr für sich sein können, dafür ununterbrochen behütet werden, ununterbrochen connected, immer online sein müssen. Das scheint mir so schauerlich wie für immer vereinsamen.
Noch überraschender: Ich flaniere durch eine Stadt und jedes Internet-Café ist brechend voll. Nicht von Einheimischen, nein, von Ausländern. Und emsig hämmern sie in die Tasten. Um die Daheimgebliebenen zu informieren. Aber wie soll das gehen? Über was »Bescheid« geben, wenn man stundenlang hämmert und chattet? Unheimlich, wie intensiv sie kommunizieren. Nur eben nicht mit den Fremden, den vielen draußen vor der Tür. Wie auch vom fernen Land und fernen Leuten erfahren, wenn man keine Zeit investiert, um ihnen nahezukommen? Wie denn etwas Herzbewegendes (Hirnbewegendes) berichten, wenn man sein Herz und sein Hirn nicht anrühren lässt? Wie Leben erfahren, wenn man die Welt links (und rechts) liegen lässt? Wie sich einlassen auf die Gegenwart, wenn man so oft nach Hause »flieht«, in die Vergangenheit, eben immer Kontakt sucht mit denen, die man schon kennt, immer die Sprache spricht, die keine Mühe macht, immer nur jene Gefühle wahrnimmt, die nicht überraschen?
Ich würde gern erfahren, warum jeder von jedem wissen will, wo er sich gerade aufhält. Will keiner mehr ein Geheimnis haben? Geheimnisvoll sein? Muss einer grundsätzlich mit seiner Großfamilie, den Abertausenden »friends«, unterwegs sein? Darf man sie nicht ab und zu zum Teufel jagen? Weiß keiner mehr, dass alles von sich sagen unheimlich anödet? Vor Jahren fand ich einen Graffito auf einer Hauswand, er klang ziemlich weise: »Denk nicht immer an mich, ich will auch mal allein sein!«
Oder sitzen hier, in den Netcafés, die Angeber, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als die Abwesenden über ihr »Hiersein« zu informieren? Obwohl sie über ihre Anwesenheit nicht viel mehr zu verlautbaren haben, als dass sie hier sind. Ja, so manche fordern die Welt auf, ihrem »Abenteuerblog« zu folgen. Auf dem sie uns vom netten Herbergsvater Antonio oder der herrlichen Spargelsuppe beim superlieben Monsieur Fabrice erzählen. Dazu Bilder liefern, die unseren Helden in Abenteuerstellung zeigen. Von vorne, von hinten, von nah, von fern, von früh bis spät. Lauter Nachrichten und Fotos, bei denen nicht recht einleuchtet, wen sie interessieren könnten. Am modernsten sind jene Zeitgenossen, bei denen man »Daumen rauf« anklicken kann. Man wird den Verdacht nicht los, dass die meisten der Opfer – die heimgesuchten Mailempfänger – positiv antworten. Um lästige Fragen zu vermeiden.
Ganz forsch: Ich propagiere das Aushalten dieses anstrengenden Gefühls: der Einsamkeit. Nicht immer, aber immer wieder. Weil so der Reisende »gezwungen« wird, sich mit seiner Umgebung – fern, fremd, unbekannt – zu konfrontieren, sich auf sie einzulassen. Isolierung und Unruhe können ungemein kreativ sein. Unter der Bedingung, dass man nicht sofort die nächstbeste Beruhigungspille – Telefonieren, Fernsehen, Surfen – schluckt. Hat jemand ein bisschen Mut mitgebracht, dann wird er sich an das Nagelneue rantasten, sich trauen, selbst das Risiko eingehen, noch einsamer zu werden. Aber ohne das, verdammt, geht es nicht. »Loneliness makes things happen«, hat mir ein amerikanischer Reporter erzählt. Mit weniger Wörtern kann man es nicht sagen.
Ich will als Schreiber – auch – ein bisschen peitschen. Den Leser, o.k., auch die Leserin. Damit er/sie den Schweinehund – er wildert in jedem von uns – erledigt und loszieht. Denn Reisen – wie das Leben, oder? – lernt jeder nur, indem er es »tut«: mit allen Fehlern, mit allen Irrungen und Trugschlüssen. Und immer, bitte, ohne Nabelschnur, ohne Hotline zu Mutti und Vati, ja, ohne eine einzige Windel.
Ich frage mich, woher diese Sehnsucht kommt, nicht »da« sein zu wollen, sondern woanders. Konkret: schon wieder daheim. Klar, die Einsamkeit. Aber dieser Grund reicht nicht. Dazu kommt, vermute ich, die Lust auf permanente Zerstreuung. Die moderne Gesellschaft mit ihren gigantischen Ablenkungskräften lässt sich keine Gelegenheit entgehen, uns wegzuziehen. Vom innigen Leben. Und hin zum Seichten zu schubsen. Damit wir immer weiter nach Ablenkung hungern. Weil ja das Seichte nichts anrührt in uns, nicht in unser Herz dringt, nichts »kostet« an Widerstand und Eigenverantwortung.
Jeder spürt das, jeden überkommt – immer wieder – das Gefühl, wie unsäglich platt das Leben geworden ist. Fast alle ertappen sich bei solchen Überlegungen. Die Frage ist nur, ob einer die Kraft hat, gegenzusteuern. Um der Flachköpfigkeit zu entkommen.
Nein, ich bin kein Maschinenstürmer, bin eher fasziniert von den Wundern der Technik. Ich benutze sie ja selbst. Nein, ich will nicht auf Bäumen leben und per Rauchzeichen Nachricht von mir geben. Ja, ich will modern sein, teilnehmen am »Zeitgeist«, will nicht von Freund und Feind verlassen und als mümmelnder Giftzwerg vergessen werden. Ja, ich will dabei sein.
Aber zur selben Zeit will ich Weltzugewandtheit üben, will »sinnlich« sein, will meine Sinne spüren, will ausschließlich sein, will mich nicht hinrichten lassen von Nichtigkeiten (»Lagerfeld lüftet Zopf-Geheimnis!« Stopp! »Prinzessin Victoria zeigt ihre Babykugel!« Stopp! »Spielerfrau ist sauer auf Schweini!« Stopp!), will mich retten vor den Abgründen des Geschwätzes, das die – armselige – Welt der Bimbos und Bimbas (die gibt’s in allen Hautfarben) in Atem hält. Immer wenn ich jemanden sehe, der – gelangweilt und lauernd – vor seinem Handy sitzt, würde ich ihn gern fragen: »Wann ist dir zum letzten Mal etwas passiert, das so mitreißend und ergreifend war, dass du NICHT unterbrochen werden wolltest?«
Eben ein Ereignis, das sein Leben reicher machte. Etwas Umwerfendes, das ihn erschütterte. Es muss sich um keine Sensation handeln, um kein Bungee-Jumping vom Montblanc, keinen Ringkampf mit einem Muskelprotz, keinen nächtlichen Dauerlauf durch den Amazonas-Urwald. Es kann der Blick auf eine Landschaft sein, eine Seite in einem Buch, ja eine Zeile, ein Satz, eine heftige Freude. Etwas, das ihn so einzigartig gefangen hielt, dass er jedes Klingeln seines Mobiltelefons überhört hätte, jedes Piepen einer SMS, ja dass er nichts, absolut nichts anderes in diesem Moment erleben wollte als das, was er gerade lebte.
Was muss über uns kommen, um uns zu fesseln? Die Todesangst? Ist der Mensch dann vorhanden, endlich? Muss tatsächlich der Tod her, um uns an das Leben, das ja nur ein Mal stattfindet, zu erinnern?
Ich beobachte gern Leute, die reisen. Mich interessiert, wie sie sich bewegen. Und immer fasziniert mich die eine oder der andere, die ich nachahmen will. Weil sie nicht »käuflich« sind, von keiner Zerstreuung. Sie sind mitten in der Welt und vollkommen auf Empfang gestellt. Auf das, was sie aus unmittelbarer Umgebung empfangen. Wie Tiere, die wittern. Das sieht gut aus. Ihre Nähe beruhigt mich, ich beneide sie.
Zur Klärung: Ich habe mich monatelang in einem japanischen Zenkloster herumgetrieben, nur um eines zu lernen: das Hier und Jetzt. Klingt kindlich einfach und ist mit das Schwerste, was man sich vornehmen kann. Den Kopf so zu trainieren, dass er stets gemeinsam mit dem Körper auftritt, zur genau selben Zeit. Das ist eine fulminante Herausforderung. Und wer mit dem Training nie aufhört, wird auf wunderliche Weise belohnt. Mit etwas ganz Unspektakulärem, das in jeder Sekunde seine Wahrnehmung intensiviert: Er wird mit Welternst und Leichtigkeit sein Leben angehen.
Albert Einstein – schon wieder er, aber der Alte ist einfach siebengescheit – wurde einmal gefragt, was ihn denn anfeuere, und der 74-Jährige antwortete ohne Zaudern: »Das unwiderstehliche Bedürfnis, dem täglichen Leben zu entrinnen, seiner schmerzhaften Oberflächlichkeit, seiner trostlosen Monotonie.«
Nochmals zum Stichwort Todesangst. Als am 26. Dezember 2004 der Tsunami über Südostasien hereinbrach, war ich in Thailand. Kaum hatte ich von dem Desaster erfahren, fuhr ich zur Küste an der Westseite. Wo das Unheil gewütet hatte. Freunde vermuteten dort einen gemeinsamen Bekannten, der sich nicht gemeldet hatte. Ich machte mich auf die Suche. Ich ging an Küstenstreifen entlang, auf denen scheußlich aufgedunsene Leichen lagen, und ich ging in (überfüllte) Krankenhäuser und klopfte an. An einem Dutzend Türen. Wer noch reden konnte, der erzählte mir vom Glück des Davongekommenen. Ob Engländer, ob Deutsche, ob Thai, ob Russen oder Inder, Mann oder Frau. Wie von einer fremden Stimme getrieben, schworen sie sich – sie hatten gerade den Verlust ihrer Nächsten und den haarscharf vereitelten Verlust des eigenen Lebens erfahren –, ja, schworen sich: Alles muss anders werden! Sie meinten damit eine radikale Umkehr, ein Versprechen, dass sie wagemutiger sein wollten, ausschließlicher, weniger verfügbar für den billigen Budenzauber. Sie hätten plötzlich erkannt, so beichteten sie mir, dem Wildfremden, dass sie sich mit so vielen Dingen beschäftigt hatten, die keinem anderen Zweck dienten, als die Zeit, ihre Zeit, totzumachen. Wie wunderbar einsichtige Kinder redeten sie. In Sekunden war ihnen – via zwanzig Meter hoher Ozeanwellen – bewusst geworden, wie nachlässig sie mit dem Kostbarsten geschludert hatten, das sie je besaßen, je besitzen würden.
Sie alle verband etwas Gemeinsames: Sie waren als Reisende unterwegs. So schließt sich der Kreis, denn was bietet mehr Chancen für – bisweilen haarsträubende – Intensität, als die Welt zu durchstreifen, die endlose Schatztruhe? Trägt nicht das Unterwegssein ein heimliches Versprechen in sich? Auf dass wir »Dinge« finden, die wir vorher nicht einmal ahnten? Weil wir ihnen nirgendwo anders begegnen als in der (fernen) Wirklichkeit. Die riecht. Die anmacht. Die Angst macht. Die begeistert. Die eben immer wieder, trotz alledem, diese Wogen der Sehnsucht auslöst.